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I-13 O 114/20

Landgericht Bochum

IM NAMEN DES VOLKES

Urteil

In dem einstweiligen Verfügungsverfahren ·

der UG (haftungsbeschränkt)
56068 Koblenz,
Verfügungsklägerin ,
Prozessbevoll mächtigte:
Koblenz,

gegen

Herrn 76139 Karlsruhe,


Verfügungsbeklagter,

hat die 13. Zivilkammer - Kammer für Handelssachen - des Landgerichts Bochum
auf die mündliche Verhandlung vom 07.10.2020
durch
die Vorsitzende Richterin am Landgericht
den Handelsrichter und
den Handelsrichter

für Recht erkannt:

Der Antrag der Verfügungsklägerin vom 08.09.2020 auf Erlass einer


einstweiligen Verfügung wird zurückgewiesen .

Die Verfügungsklägerin trägt die Kosten des Verfahrens .


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Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar.

Die Verfügungsklägerin kann die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung


in Höhe des zu vollstreckenden Betrages abwenden, wenn nicht der Ver-
fügungsbeklagte zuvor Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Tatbestand:

Die Verfügungsklägerin vertreibt als gewerbliche Verkäuferin u.a. Gesichtsschutzvi-


siere über die Verkaufsplattform eBay.

Der Verfügungsbeklagte bot auf der Internetplattform Amazon folgendes Produkt an:
„Schutzschild Gesichtsschutz Spritzschutz Visier". Unter der Rubrik „wichtige In-
formationen" enthält das Angebot folgenden Hinweis:
„Haftungsausschluss
Kein Medizinprodukt! Augenschutz gegen (Spritzer von) schwach-aggressiven haus-
haltsüblichen Reinigungsmitteln. ACHTUNG! Der Artikel kann keine Krankheiten oder
1nfektionen verhindern . .. . "

Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten wird auf den Ausdruck des Angebots in Anlage
AS2 (BI. 10 f. d.A.) verwiesen.

Die Verfügungsklägerin mahnte den Verfügungsbeklagten mit anwaltlichem Schrei-


ben vom 25.08.2020 und 06.09.2020 ab. Hinsichtlich der Einzelheiten wird auf die
Anlagen AS6 und ASS verwiesen. Der Verfügungsbeklagte wies die Abmahnungen
mit Schreiben vom 30.08.2020 und 06.09.2020 zurück. Hinsichtlich der Einzelheiten
wird auf die Anlagen AS? und AS9 verwiesen.

Die Verfügungsklägerin trägt vor:


Die Verfügungsklägerin könne von dem Beklagten nach §§ 3a, 8 UWG i.V.m. Arti-
kel 4, 1O Abs . 1, Artikel 19b Anhang 5 Verordnung (EU) 2016/425 Unterlassung des
in den Anträgen bezeichneten Verhaltens verlangen. Augenschutzgeräte wie
Schutzvisiere und Schutzbrillen würden als persönliche Schutzausrüstung (PSA) Ka-
tegorie II nach der EU-Verordnung 2016/425 (PSA-Verordnung) eingestuft. Hersteller
I lnverkehrbringer, die eine Schutzfunktion für diese Geräte deklarierten, müssen sich
eine notifizierte Stelle für die Durchführung einer Baumusterprüfung wenden. Auch
wenn Hersteller bzw. Importeur grundsätzlich die Risikobeurteilung nach Anhang II
Vorbemerkung Nr. 4 der Verordnung selbst vornehmen , seien nach Nr. 5 nicht nur
die bestimmungsgemäße, sondern auch die normalerweise vorhersehbaren Verwen-
dungen zu berücksichtigen. Schon die allgemeine Bewerbung des Amazon-Angebots
mit der Überschrift „Schutzschild Gesichtsschutz Spritzschutz Visier'' stelle eine Ver-
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wendungsbestimmung dar, welche die Gesichtsschutzvisiere zur persönl ichen


Schutzausrüstung nach Anhang II erhöben. Derzeit würden Gesichtsschutzvisiere
nahezu ausschl ießlich zu dem Zweck erworben , der Maskenpflicht der Länder ange-
sichts der derzeitigen Pandemielage zu genügen . Soweit der Verfügungsbeklagte
Gesichtsschutzvisiere ohne Baumusterprüfung in den Verkehr bringe, verstoße er
gegen Artikel 1O Abs. 1, Artikel 19b Anhang V Verordnung (EU 2016/425). Bei den
Vorschriften handele es sich um Marktverhaltensregelungen. Soweit der Verfü-
gungsbeklagte Gesichtsschutzvisiere vertre ibe , die mit einem CE-Kennzeichen ver-
sehen seien, erwecke er bei den angesprochenen Verkehrskreisen den unzutreffen-
den Eindruck, die Gesichtsschutzvisiere würden den Harmonisierungsvorschriften
der Verordnung (EU 2015/425) entsprechen , obwohl dies nicht der Fall sei . Damit
würden die angesprochenen Verkehrskreise über wesentliche Eigenschaften der
Gesichtsschutzmasken in die Irre geführt. Soweit der Verfügungsbeklagte im Einle-
ger der Warensendung den Verwendungszweck dahingehend angebe, dass das Au-
genschutzvisiere gegen Flüssig-Spritzer von schwach-aggressiven Reinigungsmitteln
schütze , könne dies die bestehende lrreführungsgefahr nicht beseitigen . Die Ge-
sichtsschutzvisiere seien - anders als Einmal-Masken - auf eine lange Verwendung
angelegt, so dass der erteilte Hinweis auf dem Einleger aus der Erinnerung des Käu-
fers schnell verschwunden sein werde . Werde die Maske zudem von Dritten genutzt,
die nicht Käufer seien , werde die Information bei diesen überhaupt nicht ankommen.
Der Verfügungsbeklagten lege der Warenlieferung zwar eine Anleitung bei , in dieser
fehle aber die Information über die Fundstelle der vorliegenden Verordnung . Die
Fundstelle teile der Verfügungsbeklagte zwar in der Konform itätserklärung mit. Dies
genüge aber nicht, da die Fundstelle in der Anleitung , welche der PSA beiliegen
muss , aufgeführt sein müsse . Zudem sei der vom Verfügungsbeklagten angegebene
Link aufgrund seiner Länge und Aneinanderreihung von Sonderzeichen und Buch-
staben nahezu nicht lesbar bzw. ausführbar. Dies genüge nicht der erforderlichen
verständlichen Information nach Artikel 8 Abs . 7 der Verordnung. Ebenso fehle die
Angabe zur Name, Anschrift und Kennnummer der notifizierten Stellen . Die Einord-
nung von Gesichtsschutzvisieren in Kategorie II gemäß Anhang 1 der PSA-Verord-
nung sei ohne Alternative. Dies ergebe sich auch eindeutig aus den Leitlinien der Eu-
ropäischen Kommission zu r Anwendung der PSA-Verordnung (Anlage AS11 ). In An-
hang 20 Ziffer 2 der Guidelines seien Augenschutzgeräte der Kategorie II zuzuord-
nen; Ausnahmen bestünden lediglich für Sonnenbrillen oder Schwimmbrillen . Diese
Anordnung werde auch für die notifizierten Stellen nach PSA-Verordnung vorge-
nommen. Diese Einordnung werde auch von den notifizierten Stellen nach PSA-Ver-
ordnung vorgenommen . Dem Verfügungsbeklagten , der die Gesichtsschutzvisiere
erst seit der Covid19- Pandemie auf Amazon anbiete, sei bewusst, dass diese so gut
wie ausschließlich gekauft würden , um der Maskenpflicht angesichts der Covid19
Pandemie zu genügen . Es sei im europäischen und insbesondere auch deutschen
Kulturkreis völlig unüblich, dass Gesichtsschutzschilde im privaten Bereich zum
Schutz vor schwach-aggressiven Reinigungsmitteln , etwa beim Geschirrabwasch,
verwendet würden . Es sei davon auszugehen , dass über 99 % der 'von Nutzern beim
Verfügungsbeklagten erworbenen Gesichtsschutzvisiere von den Nutzern nicht zum
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Schutz vor schwach-aggressiven Rein igungsmitteln verwendet würden , sondern für


andere Zwecke, die nicht Kategorie 1 zuzuordnen seien, insbesondere als Gesichts-
schutzvisiere, um der Maskenpflicht im Zusammenhang mit der Covid19 Pandemie
zu genügen . Wenn die subjektive Verwendungsbestimmung durch den Verfügungs-
beklagten genügen würde , um aus der Verpflichtung aus einer Baumusterprüfung
herauszuführen , würde dies dazu führen , dass ungeprüfte und in vielen Fällen unge-
eignete Gesichtsschutzschilder in den Verkehr kämen mit nicht absehbaren Folgen
für die Gesundheit der Verwender. Die erteilten Hinweise seien nicht ausreichend .
Der Hinweis im Angebot sei weit unten angebracht. Die Bestellung könne ausgelöst
werden , ohne dass der Hinweis zur Kenntnis genommen werde. Der Hinweis auf
dem Verpackungseinleger möge zwar zur Kenntnis genommen werden , diese gelte
jedoch nicht mehr, wenn die Visiere von anderen Bewohnern im Haushalt, etwa Fa-
milienangehörigen oder WG-Mitbewohnern mitverwendet würden.

Die Verfügungsklägerin beantragt:

Der Verfügungsbeklagte hat es bei Meidung eines vom Gericht für jeden
Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu
250.000,00 Euro, ersatzweise Ordnungshaft oder Ordnungshaft bis zu
sechs Monaten, zu unterlassen, im geschäftlichen Verkehr in der Bundes-
republik Deutschland Gesichtsschutzvisiere in den Verkehr zu bringen ,

1. ohne, dass für die Gesichtsschutzvisiere eine Baumusterprüfung ei-


ner notifizierten Stelle nach Verordnung (EU) 2016/425 vorliegt;

und/oder

2. die mit einem CE-Zeichen gekennzeichnet sind , ohne, dass eine


Baumusterprüfung durch eine notifizierte Stelle gemäß Verordnung
(EU ) 2016/425 durchgeführt worden ist;

wenn dies geschieht, wie aus Anlage AS 3 ersichtlich

3. ohne die folgenden Informationen klar, verständlich , deutlich und


lesbar in der Anleitung zur Verfügung zu stellen,

a. die Fundstelle der PSA-Verordnung (EU) 2016/425 ;

und/oder
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b. Name, Anschrift und Kennnummer der notifizierten


Stelle(n), die an der Konformitätsbewertung für die
PSA beteiligt war(en);

wenn dies geschieht, wie aus Anlage AS 4 ersichtlich

und beantragt ferner,

gegen den im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 07.10.2020 trotz


ordnungsgemäßer Ladung nicht erschienenen Verfügungsbeklagten ein
Versäumnisurteil zu erlassen.

Der im Termin zur mündlichen Verhandlung nicht erschienene Verfü gungsbeklagte


hat im Rahmen der Anhörung zu dem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfü-
gung mit Schreiben vom 17.09.2020 die fehlende Zuständigkeit des Landgerichts
Bochum gerügt und ausgeführt, er rüge den Mangel der Vollmacht. Die Dringlichkeit
werde angezweifelt. Die Anwendbarkeit des UWG für diesen Fall werde bezweifelt.
Die Kategorisierung durch die ZRS habe keine Bindungswirkung auf Hersteller, erst
Recht nicht für solche Hersteller wie ihn, die ihre Produkte nicht für den medizini-
schen Bereich während der Corona-Pandemie anböten. Für Gesichtsschutzvisiere
werde nicht zwingend eine Baumusterprüfung benötigt. Der Verfügungsbeklagte
selbst entscheide über den Verwendungszweck seiner Importe. Der Verwendungs-
zweck werde durch die Informationen bestimmt, die dem Kunden vorlägen, insbe-
sondere die Informationen „Kein Medizinprodukt! Augenschutz gegen (Spritzer von)
schwach-aggressiven Reinigungsmitteln . ACHTUNG ! Der Artikel kann keine Krank-
heiten oder 1 nfektionen verhindern .... " Aus der Überschrift lasse sich keine Risiko-
Kategorie herleiten.
Der Verfügungsbeklagte hat eine Schutzschrift eingereicht, in der er ausführt:
Den Herstellern, zu denen man als Einführer aus China auch zähle, müsse es freis-
tehen, die Einordnung in die Risiko-Kategorien für jedes einzelne Produkt vorzuneh-
men. Etwaige Empfehlungen von Dritten seien nicht bindend. Durch die Instruktio-
nen, die der Hersteller erteile, könne er auf den Benutzer einwirken, damit dieser
nicht von einem falschen Verwendungszweck ausgehe. Auch für Einmalhandschuhe
oder Sonnenbrillen, die sicher manchen Menschen einen Schutz für andere Ge-
fahren böten, sei keine EU-Baumusterprüfung und Einordnung in Kategorie III vorge-
schrieben. Die PSA-Verordnung schreibe nicht die Einbeziehung des „Warst Case"
vor. Es könnten nicht alle Produkte, die eine gewisse Barrierefunktion haben, plötz-
lich wegen Corona völlig neu bewertet und verboten werden . Das Verkaufen von
Produkten mit geringen Gefahren , die ganz klar beschrieben seien, müsse auch wei-
terhin auch trotz Corona ohne EU-Baumusterprüfung möglich sein. Die sich aus den
Anlagen B2 und B3 ergebene schlechte Finanzlage des Gesellschafters-Geschäfts-
führers der Verfügungsklägerin habe offenkundig den Anstoß zur Abmahnung gege-
ben und stelle ein Indiz für Rechtsmissbrauch wegen Gewinnerzielungsabsicht dar.
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Ein wirtschaftlich denkender Unternehmer der Größe der Verfügungsklägerin würde


diese Prozessrisiken vermeiden . Zudem sei naheliegend , dass die Abmahnung in
Behinderungsabsicht erfolgt, um den Verfügungsbeklagten als Konkurrenten vom
Markt zu verdrängen.

Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten wird auf die gewechselten Schriftsätze und die
Schutzschrift 13 AR 2/20 LG Bochum verwiesen.

Entscheidungsgründe:

Der Antrag der Verfügungsklägerin , im Wege des Versäumnisurteils eine einstweilige


Verfügung zu erlassen , ist gern. § 33 1 Abs . 2 ZPO durch unechtes Versäumnisurteil
abzuweisen . Die Anträge auf Erlass der einstweiligen Verfügung sind zwar zulässig,
jedoch nicht begründet, so dass es an der Schlüssigkeit fehlt.

Entgegen der vom Verfügungsbeklagten vertretenen Auffassung ist das Landgericht


Bochum gern. § 14 Abs. 2 Satz 1 UWG örtlich zuständig, da der Verfügungsbeklagte
seine Waren über das Internet anbietet und die Angebote bestimmungsgemäß auch
im Zuständigkeitsbereich des angerufenen Gerichts abrufbar sind.

Die vom Verfügungsbeklagten genannten Indizien, insbesondere die behauptete


schlechte Geschäftslage der Verfügungsklägerin sind nicht ausreichend , um hieraus
auf Rechtsmissbrauch (§ 8 Abs . 4 UWG) schließen zu können.

Nach Auffassung der Kammer hat die Verfügungsklägerin jedoch die Voraus-
setzungen für die im Wege der einstweiligen Verfügung geltend gemachten Unterlas-
sungsansprüche nicht schlüssig vorgetragen. Der Verfügungsklägerin stehen gegen
den Verfügungsbeklagten nach Auffassung des Gerichts keine Ansprüche aus §§ 3a,
8 UWG i. V.m. der Verordnung (EU) 2016/425 zu. Zwar geht das Gericht davon aus,
dass es sich bei der Verordnung (im Folgenden PSA-Verordnung) um Marktverhal-
tensregelungen handelt, deren Nichteinhaltung einen wettbewerbsrechtlichen Unter-
lassungsanspruch begründen kann . Doch sind nach Auffassung der Kammer die
Voraussetzungen der gerügten Verstöße gegen die PSA-Verordnung nicht dargelegt.

Soweit die Verfügungsklägerin mit dem Antrag zu 1) Unterlassung für das Inverkehr-
bringen von Gesichtsschutzvisieren ohne vorherige Baumusterprüfung einer notifi-
zierten Stelle verlangt, scheitert dies nach Auffassung des Gerichts daran, dass nach
der vom Verfügungsbeklagten vorgegebenen Verwendungszweck das von ihm an-
gebotene Produkt unter Kategorie 1 b fällt, da es nach der Bestimmung des Verfü-
gungsbeklagten lediglich gegen Kontakt mit schwach-aggressiven Reinigungsm itteln
oder längerem Kontakt mit Wasser schützen soll (Anhang 1 zur PSA). Nach Artikel 2
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Absatz 2 gilt die Verordnung nicht für PSA, die für die private Verwendung als Schutz
gegen Feuchtigkeit und Nässe bei der Geschirrreinigung entworfen worden sind.
Nach Anhang II Ziffer 4 hat der Hersteller eine Risikobeurteilung vorzunehmen, um
mit seiner PSA verbundene Risiken zu ermitteln. Auch wenn nach Ziffer 5 bei Entwurf
und Herstellung der PSA und bei Verfassung der Anleitung vom Hersteller nicht nur
die bestimmungsgemäße Verwendung , sondern auch die normalerweise vorherseh-
baren Verwendungen zu berücksichtigen sind , vermag die Kammer der Argumentati-
on der Verfügungsklägerin, während der herrschenden Corona-Pandemie sei davon
auszugehen, dass die überwiegende Anzahl der Nutzer die Schilde als Schutz gegen
die Ansteckung verwenden würden , nicht zu folgen . In der Produktbeschreibung ist in
der Überschrift lediglich genannt „Schutzschild Gesichtsschutz Spritzschutz Visier".
Im Fettdruck ist unter der Rubrik „Wichtige Informationen", die von jedem durch-
schnittlich aufmerksamen Kunden ohne Weiteres gelesen wird , ausdrücklich ausge-
führt, dass es sich um kein Medizinprodukt handelt und der Artikel keine Krankheiten
oder Infektionen verhindern könne , sondern einen Augenschutz gegen (Spritzer von)
schwach-aggressiven haushaltsüblichen Reinigungsmitteln darstelle. Dieser Hinweis
befindet sich auch auf der EU-Konformitätserklärung. Nach Auffassung der Kammer
kann es nicht angehen, dass wegen der Corona-Pandemie die zweckentfremden-
dende Verwendung von Gegenständen, die nach den Warnhinweisen des Herstellers
nicht als Schutz vor Ansteckung dienen können , in jedem Fall zu der Einordnung in
eine höhere Schutzklasse führen. Die autonome Entscheidung der Benutzer, ein
Produkt über den eigentlichen vorgesehenen Anwendungsbereich hinaus für andere
nicht zugelassene Zwecke zu benutzen, stellt ein bewusstes Hinwegsetzen über die
eigentliche Zweckbestimmung dar. Dies kann nicht dazu führen , dass den Herstellern
· weitgehende Verpflichtungen hinsichtlich Baumusterprüfung durch notifizierte Stellen
etc. aufgebürdet werden. Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem Argument
der Verfügungsklägerin, es sei zu befürchten, dass die Gesichtsschutzvisiere im
Rahmen einer Familie oder Wohngemeinschaft ohne nähere Informationen weiterge-
geben würden und nachfolgende Benutzer die Einschränkung des. Anwendungsbe-
reichs nicht erfahren würden. Sofern eine Weitergabe tatsächlich erfolgen sollte, ist
es Sache der Person, die das Produkt weitergibt, den nachfolgenden Benutzer hier-
über aufzuklären und kann nicht zu einer Ausweitung der Verpflichtung des Herstel-
lers führen .

Soweit die Verfügungsklägerin mit dem Antrag zu 2) Unterlassung des lnverkehrbrin-


gens von Gesichtsschutzvisieren mit einem CE-Kennzeichen ohne vorherige Bau-
musterprüfung durch eine notifizierte Stelle verlangt, ist der Antrag aus den bereits
dargelegten Gründen abzuweisen. Da es im vorliegenden Fall keine Baumusterprü-
fung durch eine notifizierte Stelle bedarf, ist nicht zu beanstanden, dass der Verfü-
gungsbeklagte das CE-Kennzeichen verwendet.

Soweit die Verfügungsklägerin mit dem Antrag zu 3a die Verfügungsstellung der


Fundstelle der PSA-Verordnung verlangt, ist der Verfügungsbeklagte dem bereits
durch die Verwendung des Einlegers, auf dem der abrufbare Link abgedruckt ist,
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nachgekommen. Der Anhang II zur PSA-Verordnung schreibt unter Ziffer 1.4 e ledig-
lich vor, dass der Hersteller in der Anleitung auch die Fundstelle der vorliegenden
Verordnung angeben muss. Dies hat der Verfügungsbeklagte getan. Die Verwen-
dung eines sprechenden Links ist nicht erforderlich. Der Argumentation der Verfü-
gungsklägerin, der Link sei zu lang, als dass die ordnungsgemäße Eingabe erwartet
werden könne, ist nicht überzeugend. Mehr als die korrekte Angabe des Links kann
von dem Verfügungsbeklagten nicht verlangt werden. Der Antrag zu 3b ist bereits
deshalb nicht begründet, weil aus den bereits dargelegten Gründen eine Konformi-
tätsbewertung durch eine notifizierte Stelle nicht erforderlich ist.

Die Kostenentscheidung beruht auf§ 91 ZPO, die Entscheidung zur vorläufigen Voll-
streckbarkeit auf§ 708 Nr. 6, 711 ZPO.

Beglaubtgt
Urkundsbeamter/in der Geschäftsstelle
Landgericht Bochum