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«Kunst kommt von Kunst» – aber wo


fängt das Plagiat an?
Wenn es eine Konstante in der Kunstgeschichte gibt, dann die
sogenannte Aneignung: Seit der Antike kupfern Künstler bei anderen
Künstlern ab – zu ganz unterschiedlichen Zwecken. Für Juristen ist
diese Praxis nicht immer einfach, wie die Juristische Fakultät der Uni
Basel an einer Tagung aufzeigte.

Dominique Spirgi / 17.06.2016, 23:02 Uhr /

Frappante Ähnlichkeit: Links der Sündenfall von Tizian (um 1550), rechts der von Rubens (1628/29).

Wenn es eine Konstante in der Kunstgeschichte gibt, dann die sogenannte


Aneignung: Seit der Antike kupfern Künstler bei anderen Künstlern ab – zu
ganz unterschiedlichen Zwecken. Für Juristen ist diese Praxis nicht immer
einfach, wie die Juristische Fakultät der Uni Basel an einer Tagung aufzeigte.

Dieser Tizian hat es als Vorbild und Vorlage in sich: Auf den grossen Meister
der italienischen Renaissance griffen gleich zwei der drei Referenten zurück,
die sich an der Tagung «Kunst und Recht» der Juristischen Fakultät der Uni
Basel mit dem Prinzip der künstlerischen Aneignung und den möglichen

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rechtlichen Folgen auseinandersetzten.

Der Heidelberger Kunstrechtsspezialist Erik Jayme verwies auf Gerhard


Richters Gemäldeserie «Verkündigung nach Tizian», die im Titel bereits
besagt, dass sich der Altstar der Gegenwartskunstszene Motiv, Komposition
und Farbgebung des Originals von Tizian aneignete. Und doch sind die
verfremdeten Gemälde deutlich als typische Richter-Werke erkennbar.

Kunsthistoriker Andreas Beyer präsentierte Rubens‘ «Sündenfall» mit Adam


und Eva von 1628/29 als Beispiel. Das Gemälde ist als typischer Rubens
erkennbar, bis man ihm den knapp 80 Jahre früher entstandenen
«Sündenfall» von Tizian (um 1550) gegenüberstellt. Rubens hat ganz klar bei
Tizian abgekupfert, auch wenn er die Körperstellung des Adam abgeändert
hat.

Zitieren erlaubt

Als Aneignung bezeichnet: Gerhard Richters «Verkündigung nach Tizian» (1973) – eines der vier
Variationen, die vom Kunstmuseum Basel erworben werden konnten. (Bild: Kunstmuseum Basel –
©Gerhard Richter)

Es sind zwei besonders augenfällige und durch die Popularität ihrer Schöpfer
auch spektakuläre Beispiele für künstlerische Aneignungen von Motiven oder

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ganzen Werken anderer Künstler – ein Prinzip, das sich durch die gesamte
Kunstgeschichte durchzieht. Seit der Postmoderne spricht man von
Appropriation Art. Anders als beim Plagiat oder der Fälschung verfolgt hier
die Kopie das Ziel, ein eigenständiges neues Kunstwerk zu schaffen.
Rechtsprofessor Jayme sprach in seinem Referat von «Zweitkunst».

Die Original-Verkündigung von Tizian (1542/43).

Bei der «Zweitkunst» gerät man schnell mal ins «Zwielicht des Rechts», wie
Jayme sich ausdrückte. Wann ist eine Kopie eine Fälschung oder ein
urheberrechtlich zu beanstandendes Plagiat, wann ein eigenständiges Werk,
das sich auf die künstlerische Freiheit oder Meinungsfreiheit berufen kann?

Aura des Originals

Und hier wird es komplex, wie Jayme ausführte. Denn während sich der
Erstkünstler auf sein Urheberrecht berufen kann, steht dem Zweitkünstler die
Kunstfreiheit zu. Zumindest dann, wenn er die Erstkunst parodiert, sie in
eine Karikatur umwandelt oder sie in einer Pastiche, also im Stil anderer
Maler, zitiert. In diesen Fällen wird die Erstkunst aufgegriffen, um einen
anderen Zweck zu erreichen.

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Appropriation Art erfordert, dass eine eigene


Aussage ersichtlich ist.
Jayme plädierte dafür, dass das Recht die Entwicklung der Kunst nicht
behindern solle. Der Münchner Urheberrechtsspezialist Gernot Schulz
schränkte ein: Nur weil das Kopieren technisch einfach sei, etwa durch
digitale Reproduktionsmethoden, sei das effektive Machen noch lange nicht
erlaubt. Wie Jayme wies Schulz darauf hin, dass bei der Appropriation Art
immer eine eigene Aussage ersichtlich sein müsse. Alleine die Idee, den
Originalbegriff infrage zu stellen, reiche nicht aus.

Die juristische Bewertung, ob es sich bei künstlerischen Aneignungen um


erlaubte Zitate oder urheberrechtlich zu beanstandende Kopien handelt, ist
nicht einfach – in der bildenden Kunst ist das offenbar noch schwieriger zu
beurteilen als in der Musik, wo Plagiatsfälle fast schon zum Gerichtsalltag
gehören. Darauf deuteten die zeitgenössischen Beispiele hin, die in den
Referaten vorgebracht wurden. Anders als bei Tizian und Rubens handelte es
sich um wenig spektakuläre Beispiele von nicht sonderlich bekannten
Künstlern. Dabei hätte es zum Beispiel mit Jeff Koons oder Luc Tuymans
durchaus auch populärere Beispiele gegeben, die bereits vor Gericht
behandelt wurden.

Bei den vorgebrachten grossen Namen Tizian und Rubens gab es noch kein
Urheberrecht. Auch die vielzitierte «Aura des Originals» aus Walter
Benjamins berühmten Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner
technischen Reproduzierbarkeit» spielte noch keine wesentliche Rolle.
Rubens hatte also, als er bei Tizian abkupferte, so oder so keine
Beanstandung wegen Urheberrechtsverletzung zu befürchten. Und auch
Gerhard Richter hätte Tizian ungestraft auch Pinselstrich für Pinselstrich
nachmalen können, denn der Urheberrechtsschutz erlischt 70 Jahre nach dem
Tod des Erstkünstlers.

Der erste Urheberrechts-Prozess

Das gilt natürlich auch für auch den Altmeister Albrecht Dürer (1471–1528),
den Kunsthistoriker Andreas Beyer mit mehreren Beispielen vorbrachte. Der
bereits zu Lebzeiten sehr populäre und deshalb oft kopierte Künstler wandte

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sich direkt an potenzielle Nachahmer. Seinem Stich «Marienleben» fügte er


eine Nachschrift mit einer harschen Warnung an Kopierer bei:

«Wehe dir, Betrüger und Dieb vor fremder


Arbeitsleistung und Einfällen, lass es dir
nicht einfallen, deine dreisten Hände an
diese Werke anzulegen»,
heisst es da mit dem Hinweis auf das Privileg des Kopierschutzes, das ihm
vom Kaiser des Heiligen Römischen Reichs verliehen worden sei.

Weil sich dieser Schutz vor Raubkopien aber auf das Reichsgebiet
beschränkte, konnte Marcantonio Raimondi in Venedig ungestraft Kopien
von Dürers Holzstichen anfertigen. So zumindest sieht es Beyer, andere
Kunsthistoriker berufen sich auf Quellen, die besagen, es sei tatsächlich zu
einem – dem ersten – Urheberrechts-Prozess gekommen.

Urteil von Sachverständigen

Wer entscheidet nun, wann von rechtlich zulässiger Aneignung, also von
Appropriation Art, die Rede ist oder von einer Kopie, die das Urheberrecht
verletzt? Hier wird ein Grundprinzip der Kunstgeschichte tangiert, nämlich
dass Kunst von Kunst komme, wie Beyer sich ausdrückte. Jedes neue
Kunstwerk baut letztlich auf vorhandenen Vor-Bildern auf. Ein Gericht stösst
hier an seine Grenzen und ist entsprechend auf Sachverständige angewiesen.

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