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2.

Linearperspektiven

Einleitung

Die linearen Perspektiven wurden relativ spät


entdeckt, im ausgehenden Mittelalter und in der
Renaissance.

Anfänge der Fluchtpunktperspektive waren zwar


schon in der Antike bekannt, die Griechen Aga-
tharchos und Apollodoros sollen täuschend ähn-
lich mit dem Wissen um grundlegende Perspek-
tivregeln gemalt haben, Gemälde sind jedoch
nicht überliefert. In den Wandgemälden Pompeji
tauchen Ansätze von Perspektive auf, offensicht-
lich waren jedoch die zugrunde liegenden ma-
thematischen Gesetzmäßigkeiten unbekannt.

Im ausgehenden Mittelalter und in der begin-


nenden Renaissance wurden die Gesetze der Zen-
tralperspektive entdeckt. Die Gebrüder van Eyck
und Giotto nutzten Perspektiven in ihren Ge-
mälden. Das erste heute bekannte Lehrbuch der
Perspektive schrieb Piero della Francesca (1420
– 1472), im 15. Jahrhundert wurde die Zentral-
perspektive ausgiebig genutzt.

Die Entdeckung der Perspektivgesetze vollzog


sich nach der Verbreitung der Camera Obscura,
die seit dem 13. Jahrhundert von Astronomen zur
Sonnenbeobachtung genutzt wurde. Im Mittelal-
ter wurde auch das Schleifen von Linsen und das
Blasen und Schleifen von Hohlspiegeln entdeckt.
Diese Hilfsmittel, die Projektionen ermöglichten,
waren Voraussetzung zur Entdeckung der Per-
spektivgesetze, die Anfangs „geheimes Wissen“
der Maler waren.

Heute gehen wir davon aus, dass diese Art der


Darstellung „natürlich“ und die einzig Richtige
sei. Aber obwohl alle das Bauwerke mit fluchten-
den Linien dauernd vor Augen hatten, „sahen“
sie die optischen Gesetzmäßigkeiten nicht ohne
technische Hilfsmittel. Denn wie schon vorher im Antonello da Messina, „Der heilige Sebastian“
beschrieben ist eine fotografische Projektion oder
Aufnahme alles andere als „natürlich“ sondern Ein Beispiel für eine Zentralperspektive, das Bild
ein höchst abstrakter Spezialfall des „Sehens“. hängt in Dresden
Vorbetrachtungen:
Horizont und Fluchtpunkte

Um in das Thema Fluchtpunktperspektive einzu-


führen, hier ein paar Bilder und zu diesen Bildern
einige Bemerkungen. Die Bilder wurden an der
Ostsee aufgenommen. Diese Bilder werden ge-
nutzt, weil hier der Horizont als unverstellte und
unverbaute Linie sichtbar ist. Der Horizont ist für
uns jetzt nur die Grenzlinie zwischen Himmel und
Erde.

Der natürliche Horizont befindet sich auf Augen-


höhe des Betrachters. Alles, was sich in Augenhö-
he des Betrachters befindet, wird auf der Höhe
der natürlichen Horizontlinie abgebildet.

Die drei Personen im Hintergrund sind ungefähr


so groß wie der Betrachter/Fotograf, deshalb
befinden sich ihre Augen ungefähr auf der Ho-
rizontlinie.

Das Foto wurde mit einer leichten Neigung nach


unten gemacht. Deshalb ist der Horizont nicht
genau in der Mitte des Bildes. Einfach geradeaus
zu schauen ist nicht so leicht, Menschen beachten
und gewichten „unten“ stärker als oben.

Dieses Foto wurde „in der Hocke“ aufgenommen,


und zwar „geradeaus“. Das Gesichtsfeld ist na-
hezu kreisförmig, deshalb befindet sich der Hori-
zont beim „Geradeausschauen“ ungefähr in der
Bildmitte. Das Gesicht des Kindes liegt höher als
das des Betrachters (Fotografen). Deshalb befin-
det sich die Augenhöhe des Kindes oberhalb des
Horizonts. Der Horizont liegt auf Augenhöhe des
Betrachters, und dessen Augenhöhe liegt tiefer.

Hier wurde wieder geradeaus fotografiert. Da


die Grösse des Fotografen nur etwas größer ist
die der Frau, liegt ihre Augenhöhe nur wenig un-
ter seiner und damit fast auf der Höhe des Hori-
zonts.

Für das Kind und den Dackel gilt das nicht, ihre
Augenhöhen liegen unter der Horizontlinie.

Bitte beachten Sie auch, wie sich der Strand im


Hintergrund im Dunst auflöst, ein schönes Bei-
spiel für eine „Luftperspektive“.
Der natürliche Horizont liegt immer auf der Au-
genhöhe des Betrachters, egal ob man auf einen
Baum klettert oder in die Hocke geht. Der Hori-
zont wandert mit.

Hier in der Hocke fotografiert. Die Augenhöhe


des Betrachters/Fotografen liegt wieder auf der
Augenhöhe der Frau, deshalb liegt der Horizont
auf der Höhe ihrer Augen.

Die Augenhöhe des grösseren Kindes liegt über


der Augenhöhe des Betrachters/Fotografen, wäh-
rend die Augenhöhe des kleineren Kindes darun-
ter liegt. Deshalb liegt der Kopf der einen“über“
und der andere unter dem Horizont.

Diesmal etwas nach oben fotografiert, damit der


Mast aufs Bild kommt. Der Himmel nimmt damit
mehr als die Hälfte der Bildfläche ein. Trotzdem
bleiben die Augen der Frau in der Mitte ungefähr
auf Horizonthöhe, die der Kinder drunter bzw.
drüber.

Wenn Sie die drei Markierungsstreifen und die


Dachkante und die Längskanten der Kiste, auf
der die Kinder stehen verlängern würden, wür-
den Sie feststellen, daß sich diese Linien in einem
Punkt auf dem Horizont treffen. Dieses Bild ist
ein sehr gutes Beispiel für eine Zentralperspek-
tive.
Zentralperspektive

Einflucht-Perspektive

Anstelle einer Projektion mit Hilfe von Spiegeln


etc. nehmen wir die zeitgemäße Variante, ein
Foto. Beim Betrachten dieses Fotos fällt auf, daß
sich die Linien und Kanten, die in Natur parallel
sind, sich offensichtlich in einem Punkt treffen.

Ein Punkt, in dem Linien und Kanten, die in der


Realität parallel sind, zusammenlaufen, d.h.
auf den diese Linien also fluchten, heißt Flucht-
punkt.

Das gilt für alle parallelen Linien und Kanten. Ein


recht häufiger, auch in diesem Bild auftretender
Spezialfall sind Linien und Kanten, die waagrecht
sind, also in einer Ebenen liegen, die parallel zur
(waagerechten) Bodenfläche sind. Diese waage-
rechte Bodenfläche muß nicht vorhanden sein.
Bei diesem Foto stand der Fotograf auf einem
schrägen Hang, eine waagerechte „Bodenflä-
che“, auf der er stand existierte real also nicht.

Die Dachkanten sind jedoch waagerecht und par-


allel zu der gedachten Bodenfläche, auf der der
Fotograf stand.

Regel: Sind parallele Linien waagerecht, liegt der


Fluchtpunkt auf dem Horizont.

Auch hier sind parallele Linien auf dem Foto. Die-


se laufen jedoch direkt vom Betrachter weg, sie
sind nicht nur untereinander parallel und waag-
recht (diesmal sogar in der waagrechten Boden-
fläche selbst), sondern auch parallel zum Seh-
strahl des Betrachters.

Hier wurden diese Linien eingezeichnet. „Lini-


en“ können natürlich auch durch Punkte oder
kleinere Strecken gebildet werden, die auf einer
Geraden liegen, wie hier die Ober- und Unter-
kanten der Fenster.

Eine Perspektive, die durch direkt vom Betrach-


ter weglaufende Linien geprägt wird, die parallel
zum Sehstrahl des Betrachters laufen (und damit
auch in sich parallel sind), heißt Zentralperspek-
tive.
Zentralperspektive

Hauptpunkt

Dieses Bild ist nahezu eine Zentralperspektive,


aber nicht ganz. Die aufgepinselten Linien laufen
nicht ganz parallel zum Sehstrahl des Betrachters.
Täten Sie es, würden Sie sich im Mittelpunkt des
Bildes treffen. Die nächste Regel:

Der Fluchtpunkt einer Zentralperspektive liegt in


der Mitte des Bildes, er heißt Hauptpunkt.

Dieser Hauptpunkt ist der Punkt, an dem die


Sehachse die Bildebene duchdringt (siehe die
Grafiken unter Frosch/Vogelperspektive, das ein-
gezeichnete Viereck ist die Bildebene, doch dazu
noch später mehr).

In einer „echten“ Zentralperspektive werden die


Steigungen von Linien und Geraden, die sich in
einer Ebene „quer“ zum Betrachter befinden, mit
dem selben Winkel abgebildet, den sie auch in
Wirklichkeit haben. Insbesondere heißt das, daß
waagerechte Strecken auch im Bild waagerecht
sind und Senkrechte auch senkrecht abgebildet
werden.

Zum Foto: In der echten Zentralperspektive wä-


ren die Kanten der Seenotkisten waagrecht. Im
Bild sind die Kanten durch einen roten Strich
gekennzeichnet, der grüne ist eine Parallele zur
blauen Horizontlinie. Man sieht, die Strecken bil-
den einen Winkel, sie sind nicht parallel.

Ebene „quer zum Betrachter“ meint übrigens die


Ebene, die Bildebene.

Zusammenfassend lassen sich folgende Eigen-


schaften der Zentralperspektive finden:

* Alle in die Tiefe führenden Linien, die Fluchtli-


nien, die parallel zueinander sind, treffen sich
in einem Punkt, dem Fluchtpunkt.
* Alle Fluchtpunkte liegen auf der Horizontlinie.
* insbesondere werden Waagrechte in dieser
Ebene waagrecht und Senkrechte senkrecht
abgebildet.
Zentralperspektive

Fluchtpunkte

Anstelle einer Projektion mit Hilfe von Spiegeln


etc. nehmen wir die zeitgemäße Variante, ein
Foto. Beim Betrachten dieses Fotos fällt auf, daß
sich die Linien und Kanten, die in Natur parallel
sind, sich offensichtlich in einem Punkt treffen.

Ein Punkt, in dem Linien und Kanten, die in der


Realität parallel sind, zusammenlaufen, d.h. auf
den diese Linien also fluchten, heißt „Flucht-
punkt“.

Das gilt für alle parallelen Linien und Kanten. Ein


recht häufiger, auch in diesem Bild auftretender
Spezialfall sind Linien und Kanten, die waage-
recht sind, also in eine Ebenen liegen, die parallel
zur (waagerechten) Bodenfläche sind. Diese waa-
gerechte Bodenfläche muß nicht vorhanden sein.
Bei diesem Foto stand der Fotograf auf einem
schrägen Hang, eine waagerechte „Bodenflä-
che“, auf der er stand existierte real also nicht.

Die Dachkanten sind jedoch waagerecht und par-


allel zu der gedachten Bodenfläche, auf der der
Fotograf stand.

Regel: Sind parallele Linien waagerecht, liegt der


Fluchtpunkt auf dem Horizont.

Auch hier sind parallele Linien auf dem Foto. Di-


ese laufen jedoch direkt vom Betrachter weg, sie
sind nicht nur untereinander parallel und waa-
gerecht (diesmal sogar in der waagerechten Bo-
denfläche selbst), sondern auch parallel zum Seh-
strahl des Betrachters.

Hier wurden diese Linien eingezeichnet. „Lini-


en“ können natürlich auch durch Punkte oder
kleinere Strecken gebildet werden, die auf einer
Geraden liegen, wie hier die Ober- und Unter-
kanten der Fenster.

Eine Perspektive, die durch direkt vom Betrach-


ter weglaufende Linien geprägt wird, die parallel
zum Sehstrahl des Betrachters laufen (und damit
auch in sich parallel sind), heißt „Zentralperspek-
tive“.
Frosch- und Vogelperspek-
tive
Unter dem „Sehkegel“ verstehe ich den Bereich, Die Sehachse geht „nach oben“, der Horizont
in dem man (ohne die Augen zu bewegen) ein geht durch den unteren Teil der Bildfläche. Wür-
Objekt mit einem Blick erfassen kann. Das Ge- de ein Gegenstand über der Augenhöhe des
sichtsfeld des Menschen ist wesentlich größer, wir Betrachters schweben, würde der Betrachter
erkennen Bewegungen, die sich seitlich von uns die Unterseite des Gegenstands sehen. Läge ein
beinahe auf fast gleicher Höhe mit uns ereignen. Gegenstand unterhalb der Augenhöhe und be-
Allerdings nur Bewegungen, kein Bild. fände sich trotzdem noch im Bild, sähe der Be-
trachter trotz Froschperspektive noch auf den
Male in den Bildern den „Sehkegel“ gelb, die Ho- Gegenstand.
rizontlinie blau und die „Sehachse“ rot an.

Wenn wir einfach geradeaus sehen, also der Seh- Geht die Sehachse nach unten, spricht man von
strahl waagrecht läuft, sehen wir eine normale einer Vogelperspektive.
Perspektive. Die Sehachse liegt in der Horizont- Beachten Sie, auch wenn der Mann auf eine Lei-
ebene, in der sich auch immer die Augen des Be- ter steigt oder auf einen Berg klettert, geht der
trachters befinden. Horizont mit, da der Horizont immer auf Augen-
höhe des Betrachters liegt.

Die gelben Linien markieren den Sehkegel, die


rote die Sehachse oder den Sehstrahl, die/der sich
nach unten neigt. In den Kreis der Sehfläche ist
eine Bildfläche eingezeichnet. Der Horizont liegt
in der oberen Hälfte der Bildfläche (und auf Au-
genhöhe des Betrachters). Liegt ein Gegenstand
unter der Augenhöhe des Betrachters, sieht ein
Betrachter auf den Gegenstand, also auf die
Oberseite.

Das heißt aber nicht, daß in der Vogelperspektive


immer auf alle Gegenstände gesehen wird. Von
Gegenständen, die sich oberhalb der Augenhöhe
des Betrachters und sich trotz der Vogelperspek-
tive noch im Bild befinden, sieht der Betrachter
Geht die Sehachse nach oben, guckt der Betrach- auch in der Vogelperspektive die Unterseite.
ter also hoch, spricht man von einer Froschpers-
pektive.
Beachten Sie, auch wenn der Mann in die Ho- Aus der Grafik geht hervor, daß sowohl die Vo-
cke geht, geht der Horizont mit herunter, da der gel- als auch die Froschperspektiven so stark sein
Horizont immer auf Augenhöhe des Betrachters können, daß der Horizont gar nicht mehr im Bild
liegt. erscheint.
William Hogarth (1697–1764),
Falsche Perspektive,
1754
Kupferstich, 20,8 × 17,2 cm;
London, The British Museum, Großbritannien
Falsche Perspektive

Es wird viel erzählt in diesem Bild:

Im Hochformat ist eine idyllische Landschaft dar- schiedene Lehrbücher über Perspektive heraus.
gestellt, welche durch Menschen und Tiere belebt Als Kirby das mit Hogarths Titelbild versehene
wird und in welcher architektonische Motive eine Werk im Jahre 1754 herausbrachte, wurde es wie
wichtige Rolle spielen. Die kubischen Formen der folgt angekündigt: „Dr. Brook Taylors Methode
Häuser, der Bogenbrücke und der Kirche haben der Perspektive, leicht fasslich in Theorie und
eine raumschaffende Funktion im Bildaufbau, Praxis. In zwei Bänden. Es ist dies ein Versuch,
wozu auch die felsigen Strukturen im Vorder- die Kunst der Perspektive leicht und angenehm
grund links beitragen. Durch die klare Schichtung darzubieten, sie für die Zeichenkunst passend zu
in Vorder-, Mittel- und Hintergrund und durch die bearbeiten und sie zu einem unterhaltsamen Stu-
Licht- und Schattenzonen wird der Eindruck eines dium für jeden Gentleman zu machen, der sich
gewissen illusionistischen Tiefenraumes erweckt. einen so feinen Zeitvertreib aussucht. Ipswich
MDCCLIV.“
Aber wenn wir der Erzählung aufmerksam folgen,
merken wir bald, dass der Zeichner entweder von Johannes Lindenmaier in: Meisterwerke der
einer richtigen perspektivischen Raumdarstel- Kunst
lung nichts verstand oder aber, dass der sich ei-
nen Spaß leisten wollte, denn in seinem Bild geht
es merkwürdig zu: Die Häuser im Vordergrund
scheinen zu schwanken, weil die Tiefenlinien der
Dachkanten als ansteigende und fallende Linien
weder zum Horizont noch zu einem Fluchtpunkt
hin richtig verlaufen. Geradezu lächerlich falsch
ist die Balkenmontage des Wirtshausschildes und,
obwohl im Vordergrund befindlich, wird es von
einer Baumreihe des Mittelgrundes überschnit-
ten, bei der die entfernteren Bäume größer statt
kleiner gezeichnet sind. Absurd ist auch wie groß
der Vogel in die Zweige des letzten Baumes ge-
setzt wurde. Schließlich werden wir Zeugen eines
rätselhaften Vorgangs: Der Wanderer auf dem
Hügel im Hintergrund lässt sich seine Pfeife von
einer Frau anzünden, die sich aus dem Fenster
eines Hauses im Vordergrund herausbeugt.

Es sieht bei weiterer Betrachtung aus, als ob alle


perspektivischen Fehler, welche überhaupt mög-
lich sind, in diesem Bild vereint seien und als ob
ihre witzige Zusammenstellung auf kluger Be-
rechnung beruhe. Tatsächlich hat Hogarth das
Bild als Titelblatt für ein Lehrbuch der Perspekti-
ve entworfen. Es trägt als solches eine erklärende
Unterschrift, die allerdings bei unserer Abbildung
fehlt: „Who ever makes a Design without the
knowledge of perspective will be liable to such
Absurdities as are shown in this Frontispiece.“
(„Wer auch immer eine Zeichnung ohne Kennt-
nisse der Perspektive anfertigt, wird solchen Ab-
surditäten ausgesetzt sein, wie sie dieses Titelbild
zeigt.“).

Die Satire auf die falsche Perspektive wurde von


Hogarth auf die Bitte seines Freundes Joshua Kir-
by gezeichnet und von dem Stecher Luke Sullivan
für den Druck in Kupfer gestochen. Kirby war der
Zeichenlehrer des Prinzen von Wales, dem spä-
teren König Georg III. von England, und gab ver-