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Wolfram Groddeck

Anamnesis Adorno
Im Jahr 1970, als die Studentenbewegung, die in der Schweiz sowieso eher
moderat verlief, schon wieder am Abklingen war, begann ich mit meinem
Studium der Germanistik und der Musikwissenschaft an der Universität
der alten Humanistenstadt Basel. Und bald las ich zum ersten Mal Adorno;
das war in einer Ausgabe der Philosophie der neuen Musik bei Ullstein und
dazu – wohl eine Empfehlung unseres Professors für Musikwissenschaft –
in dem Auswahlband Nervenpunkte der Neuen Musik bei Rowohlt. Diese
Ausgabe, die die schwierigen Texte Adornos in viel zu enger Schrift und
mit fast randlosem Layout präsentiert (so, als wollte man verhindern, dass
sie wirklich gelesen würden) habe ich 1971 gekauft und das Datum auf dem
Vorsatzblatt vermerkt. In den Folgesemestern habe ich weitere Bücher von
Adorno erstanden und bald auch die Ästhetische Theorie.
Das Buch in weinrotem Leinen, das nun seit bald fünf Jahrzehnten in
meiner Bibliothek steht, ist tatsächlich die Erstausgabe von 1970. Es er-
scheint mir heute, als ich es wieder zur Hand nehme, wie ein singuläres
Objekt, als gäbe es nur dieses eine individuelle Exemplar, in dem all die
Erinnerungen meiner frühen Zeit bewahrt wären. Und eigentlich ist es
auch so; denn es ist voller Anstreichungen, die ich als begeisterter Student
in das schöne Buch eingetragen habe. Später wechselte ich von der Musik-
wissenschaft zum Studium der Philosophie, und das hatte direkt mit mei-
nen exzessiven Adorno-Lektüren zu tun. Mit dem Studium der Ästhetischen
Theorie erreichte ich den Gipfelpunkt meiner Adorno-Begeisterung. Dieses
Studium hat meine anderen Studien völlig überblendet; denn eigentlich
lasen wir – mein Freund Rolf und ich – ausschließlich Adorno. Wir hörten
Tonbandaufnahmen von Anton Webern (Fünf Stücke für Orchester op. 10,
mit Bruno Maderna als Dirigent) und andere Neue Musik und fühlten uns
als kulturintellektuelle Elite. Wir benahmen uns auch so; unsere sporadi-
schen Besuche in Seminaren waren eher gefürchtet. Jedenfalls kam uns
das so vor.
Mein Exemplar der Ästhetischen Theorie enthält zahllose Unterstrei-
chungen, die während der gemeinsamen Lektüretreffen gemacht wurden.
Bei den langen Gesprächen über das Buch habe ich Sätze markiert, über
die wir beide, Rolf und ich, diskutiert haben und die mich auch nachhaltig
geprägt haben. Solche Sätze, die ich unterstrichen habe, sind zum Beispiel:
»Das vorgeblich geschichtslos Naturschöne hat seinen geschichtlichen
Kern; das legitimiert es ebenso, wie es seinen Begriff relativiert.« (ÄT, GS

http://doi.org/10.1515/9783110639049-010

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7, S. 102) Oder: »Die Anamnesis der Freiheit im Naturschönen führt irre,


weil sie Freiheit im älteren Unfreien sich erhofft.« (ÄT, GS 7, S. 104) Oder
auch: »Die Scham vorm Naturschönen rührt daher, daß man das noch
nicht Seiende verletze, indem man es im Seienden ergreift.« (ÄT, GS 7,
S. 115) Vor allem der Abschnitt zum »Naturschönen« muss uns damals
lange beschäftig haben, das entnehme ich der Dichte der Anstreichungen.
Es sind intensive Lesespuren, sie ergeben aber in ihrer Abfolge keinen re-
sümierbaren, zusammenhängenden oder systematischen Sinn. Es waren
vielmehr – für uns damals – kleinste Modelle dialektischen Denkens von
großer theoretischer Schönheit, Satz für Satz. Ich glaube, wir haben nicht
einmal bemerkt, dass die Ästhetische Theorie von den Herausgebern in grö-
ßere Sinnabschnitte eingeteilt worden war. Für uns war das Ganze ein un-
endlicher Text, ein Universum des Denkens. Vielleicht war es wirklich so,
dass wir, in den gemeinsamen Lektüren, bei Adorno lesen gelernt haben,
so wie wir in der Schule die lateinischen Klassiker-Texte hätten lesen sol-
len.
Jedenfalls sind es Markierungen, die mich meiner intellektuellen Ge-
schichte vergewissern. Beim Blättern durch das singuläre Exemplar tau-
chen Erinnerungen auf. Was ich da erinnere, was ich vor mir sehe, sind
keine Merksprüche, sondern Spuren eines Pathos’ des Erkennens, das
mich und meinen Freund Rolf damals getragen hat. Oder war es eher ein
Ethos, eine konsequente Haltung? Die bewies dann mein Freund Rolf, als
er nicht zu Ende studieren wollte und ein paar Semester später nach Italien
emigrierte. Wir verloren uns darauf allmählich aus den Augen.
Ein paar Semester später sagte mir ein akademischer Lehrer – ein As-
sistent, zu dem ich aufgeblickt habe, weil er zehn Jahre älter und der
klügste Linke am Deutschen Seminar war – dass – so wörtlich – »Adornos
Stern« am »Untergehen« sei. Ich wollte das nicht recht glauben, aber ich
war doch sehr betrübt. Tatsächlich traten neue Theoretiker in unsere intel-
lektuelle Welt, Michel Foucault zum Beispiel oder Roland Barthes. Die wur-
den dann auch wichtig, aber sie drangen nicht mehr so tief in meine geis-
tige Biographie ein wie die frühen Lese- und Erkenntniserlebnisse mit
Adorno.
Ein paar Jahre später plante ich, wahrscheinlich angeregt durch Ador-
nos Parataxis-Aufsatz, ein hochgestochenes Dissertationsprojekt zu den
späten Gedichten Hölderlins und entdeckte – ein Glücksfall, wie es nicht
viele in einem Philologenleben gibt – den Einleitungsband zur Frankfurter
Hölderlin-Ausgabe von D. E. Sattler, der 1975 im Verlag Roter Stern erschie-
nen war. Ich schrieb begeistert an den Verleger KD Wolff und noch im

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selben Jahr wurde ich Mitarbeiter der Ausgabe. Dass Hölderlins Dichtun-
gen in einem linksradikalen Verlag herausgegeben wurden; erschien mir
wie eine – mit Adorno zu reden – Versöhnung von Revolution und Kultur.
Durch die Freundschaft mit KD Wolff, die schon mit dem ersten Besuch in
Frankfurt begann, erfuhr ich auch, dass er Adorno gekannt und sogar ge-
legentlich mit ihm gefrühstückt hat… Und es wunderte mich auch nicht,
dass der Herausgeber, der Außenseiter D. E. Sattler, mir den Eindruck ei-
nes von Adorno geprägten Moralisten machte. Sattlers durch Adorno-Lek-
türen geschulte Kommentarsprache, seine strenge intellektuelle Konse-
quenz, die ihn befähigte, mit Hilfe des kleinen linken Verlags sein Projekt
einer neuen Hölderlin-Gesamtausgabe gegen die Widerstände der etablier-
ten Germanistik durchzusetzen, faszinierte mich und bestätigte mich zu-
gleich in meiner eigenen Herkunft von Adorno. Sattler propagierte seine
Hölderlin-Edition als eine Ausgabe für »mündige Leser«. So blieb Adorno
auch in den folgenden Jahren meiner editionswissenschaftlichen Tätigkeit
an der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe geistig präsent.
Obwohl mir irgendwann missbilligend auffiel, dass Adorno in seinem
berühmten Aufsatz Parataxis. Zur späten Lyrik Hölderlins den Dichter nach
der »kleinen Stuttgarter Ausgabe« zitiert, blieb mir seine Denkweise den-
noch unverändert nah. Ich bemerkte, dass Philosophen die Philologie und
insbesondere die Editionswissenschaft nicht recht in den Blick bekommen
wollten, selbst wenn sie, wie Adorno, mit so bedeutenden Philologen wie
Peter Szondi befreundet waren. Dieser Chorismos zwischen Philosophie
und Philologie besteht meines Wissens auch heute noch.
Mir schien Adornos Denken dennoch den Reflexionen auf Erfahrun-
gen, die ich als beginnender Editionswissenschaftler machte, wesensver-
wandt zu sein. Ein Aphorismus aus den Minima Moralia rechtfertigte mir
meine Hingabe an das editorische Tun, und ich habe ihn auch einmal als
Motto für eine editionswissenschaftliche Publikation verwendet. Später in
der Lehre habe ich ihn immer wieder einmal zitiert:

Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen
sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch er-
scheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen. (Adorno
1951, S. 105)

Die akribische Arbeit des Schriftstellers, des Dichters oder auch des Theo-
retikers bei der Erzeugung eines Textes, eines Gedankengangs – was im
Grunde das gleiche ist – spiegelt sich in der »selbstlosen«, pedantischen
Tätigkeit der Editoren. Dieses Tun ist rekonstruktiv, wenn es, wie bei der

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Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, auch die Entstehung in der Überlieferung


eines Textes, einer Dichtung zeigen will. Indem jede Variante, jeder noch
so kleine textgenetische Schritt editorisch nachvollzogen werden, erreicht
auch die Philologie »ein neues Niveau des Textes«. Aber wie sieht das mit
Adornos eigenen Schriften aus? Er wird seine kunstvollen Sätze, seine so
unverwechselbar komponierten Texte nicht spontan niedergeschrieben
haben. Aber davon wusste man damals kaum etwas…
Noch einmal zurück zu meinem singulären Exemplar der Ästhetischen
Theorie von 1970: Beim erneuten Eintauchen in dieses Buch wird mir wie-
der einmal, aber auf eine besonders intensive Weise, bewusst, was ein
Buch sein kann: Ein Gegenstand, der die Zeit überdauert und der sie auf
eine geheimnisvolle Weise in sich bewahrt – ein Gedächtnisort, ein Ort der
Anamnesis.
Mein Exemplar der Ästhetischen Theorie enthält nicht nur viele An-
streichungen und paar zaghafte Versuche, für die ganz wichtigen Stellen
ein Register zu erstellen, sondern auch Beilagen, die sich in diesem
Exemplar angesammelt haben – und die von mir vergessen wurden.

Eine solche Beilage ist ein Zeitungsausschnitt von 1978 aus der Zeit, den
mir jemand, der meine Interessen gut gekannt haben muss, zugeschickt
hat. Es ist ein kurzer, melancholischer Text von Herbert Marcuse zu
Adornos 75. Geburtstag.

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Als ich mir damals den Artikel aus der Zeit näher anschaute und die
Illustration auf der rechten Seite des Artikels bemerkte, habe ich gestaunt;
denn die Abbildung beweist, dass es offenbar handschriftlich durchkorri-
gierte Typoskripte zur Ästhetischen Theorie gegeben hat, die den Hölderlin-
Handschriften, mit denen ich mich damals befasste, an Komplexität kaum
nachstanden. Die Intensität der Überarbeitung auf dieser einen, im Zei-
tungsdruck nur in Ansätzen lesbaren Manuskriptseite verblüffte und irri-
tierte mich. Ich erinnere mich aber nicht, dass ich versucht hätte, das Blatt
dem edierten Text in der Buchausgabe der Ästhetischen Theorie zuzuord-
nen. Das habe ich erst jetzt versucht und festgestellt, dass es aus dem
Zusammenhang des Abschnitts über das »Naturschöne« stammt. Und die
Passage über Hegel und das Naturschöne, das auf dieser Seite in mehr-
schichtiger Überarbeitung von Adorno entwickelt wird, ist in meinem
Exemplar mit heftigen Anstreichungen und Unterstreichungen versehen:
Wir müssen damals auch über diese Stelle intensiver diskutiert haben. Wie
aber hätten wir gelesen, frage ich mich heute, wenn es uns möglich gewe-
sen wäre nachvollziehen, wie der Satz »Fortschreitende dialektische
Ästhetik wird notwendig auch zur Kritik an der Hegelschen« (ÄT, GS 7,
S. 119) im Gewirr der Einfügungen allmählich seinen syntaktisch gültigen
Ort gefunden hat? So aber lag der Zeitungsausschnitt lange Jahre unbe-
dacht in meinem Exemplar der Ästhetischen Theorie.
Fünfzehn Jahre später kam noch eine weitere Beilage in das Buch. Eine
Freundin, die um meine Verehrung für Adorno wusste, schickte mit einer
Karte, auf die sie vier Exemplare der Briefmarke, die zu Adornos hunderts-
ten Geburtstag am 11. September 2003 ausgegeben wurde, aufgeklebt und
mit der Bemerkung versehen hatte: »ich dachte, diese Briefmarken könn-
ten dir gefallen«. Ich sammle zwar keine Briefmarken, aber diese vier habe
ich in das Buch gelegt.
Ob der Manuskript-Ausschnitt, den der Graphiker unter die Fotografie
von Adorno gelegt hat, ebenfalls aus den Typoskripten zur Ästhetischen
Theorie stammt, konnte ich nicht eruieren, aber es scheint mir wahrschein-
lich. Jedenfalls gefielen mir die Briefmarken. Adorno war in jenen Jahren
aus meinen Beschäftigungen etwas weggerückt; ich hatte mich inzwischen
sehr eingehend mit der Edition von Nietzsches Nachlass befasst.
Und noch einmal zehn Jahre später ergab sich der Kontakt zu Martin
Endres und Axel Pichler, die – zusammen mit Claus Zittel – das Konzept
einer Manuskriptedition der Ästhetischen Theorie entwickelten. Ich lud die
beiden zu einem Vortrag an die Universität Zürich ein. Am 27. Mai 2013 prä-
sentierten sie ihr Editionskonzept vor einem staunenden Publikum. Im

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selben Jahr erschien in Editio der Aufsatz von Endres, Pichler und Zittel
(Endres/Pichler/Zittel 2013), in dem man nachlesen kann, worüber wir im
Zürcher Hörsaal staunten.

Und seitdem warte ich auf die angekündigte textkritische Edition,1 die in
meinem singulären Exemplar irgendwie schon angelegt ist.

Literaturverzeichnis
Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben.
Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Endres, Martin/Pichler, Axel/Zittel, Claus (2013): »›Noch offen‹. Prolegomena zu einer
Textkritischen Edition der Ästhetischen Theorie Adornos«. In: editio 27, S. 173–
204.
Endres, Martin (2019): »Von der Produktionsseite. Zur Revision der Ästhetischen Theo-
rie«. In: Zeitschrift für Ideengeschichte XIII/1 (Frühjahr 2019: Theodor W. Adorno),
S. 97–106.

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1 Inzwischen gibt es einige Aufsätze zu dem ambitionierten Editionsprojekt. Der neu-
este, der auch einen Überblick über die Forschung gibt, stammt von Martin Endres: End-
res 2019.

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