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05. März 2009, 15:27 Uhr

Neuer Schulabschluss

"Das bringt den Sonderschülern nichts"


Die Bundesländer grenzen behinderte Kinder aus, schieben sie in Sonderschulen ab, sagt der
Direktor des Deutschen Ins tuts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt. Im Interview mit
SPIEGEL ONLINE verrät der Experte, was sich ändern muss und wieso die Kultusminister nur
Kosme k betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bielefeldt, die Kultusminister wollen eigene Abschlüsse für Sonderschüler
einführen. Was bedeutet das?

Heiner Bielefeldt: Das hört sich erst mal gut an. Ich halte es aber für ein problema sches Signal,
das genau in die falsche Richtung weist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

DDP
Förderunterricht an einer Sonderschule in Mecklenburg-Vorpommern:
"Behinderte Kinder werden aus dem allgemeinen Bildungssystem
ausgeschlossen."

Bielefeldt: Für Deutschland wird die Uno-Konven on für die Rechte von Menschen mit
Behinderungen völkerrechtlich Ende diesen Monats verbindlich. Diese Konven on setzt das
System der Förderschulen unter einen neuen - und wie ich finde, heilsamen -
Rech er gungsdruck. Denn in der Konven on steht, dass behinderte Kinder ein Recht auf
inklusive Bildung haben. Wenn in Deutschland 400.000 Kinder und Jugendliche, also acht von
zehn Kindern mit Behinderungen, keinen Platz im allgemeinen Schulsystem finden, obwohl viele
von ihnen und ihren Eltern dies wollen, steht dies offensichtlich in Spannung mit den Vorgaben
der Behindertenrechtskonven on.

SPIEGEL ONLINE: Was beabsich gen die Kultusminister denn mit den neuen Schulabschlüssen
für Sonderschüler?

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Bielefeldt: Das schönt natürlich die Sta s k, nützt den betroffenen Förderschülerinnen und
Schülern vermutlich aber überhaupt nicht. Eine formale Aufwertung ihres Abschlusses wird, so
fürchte ich, den Sonderschülern am Arbeitsmarkt nichts bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wem nützen die neuen Abschlüsse dann?

Bielefeldt: Den Kultusministern! Sie bewerten die Sonderschulabschlüsse neu - und reduzieren
auf diese Weise auf einen Schlag ganz massiv ihre Sta s k der Schüler ohne Abschluss. Die
Kultusminister wollen, so schreiben sie selbst, Förderschüler ja nicht mehr als Abbrecher
werten.

SPIEGEL ONLINE: Verstoßen die Kultusminister gegen das Völkerrecht?

Bielefeldt: Mit der Schaffung eines neuen Abschlusses unterhalb des Hauptschulabschlusses
stabilisieren die Kultusminister das bestehende Förderschulwesen. Die Konven on aber verlangt
im Gegenteil, es kri sch auf den Prüfstand zu stellen. Aus der Perspek ve der
Behindertenrechtskonven on sind die neuen Abschlüsse also das falsche Signal.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesländer besitzen die grundgesetzliche Kompetenz für Bildung. Sie
wollen sich keine Vorschri en machen lassen - und müssen es auch nicht.

Bielefeldt: Rich g ist, dass die Uno-Konven on keine organisatorischen Vorgaben macht, wie
das Bildungssystem konkret auszusehen hat; hier hat der Staat weite Gestaltungskompetenzen.
Aber die völkerrechtliche Verpflichtung, die Deutschland eingegangen ist, bindet
selbstverständlich auch die Bundesländer. Die Konven on verscha Menschen mit
Behinderungen ein Recht darauf, ein Leben ohne Barrieren zu führen. Für Bildung bedeutet das
einen Anspruch auf inklusive Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet inklusiv? In Deutschland spricht man doch immer von
integra ven Schulen.

Bielefeldt: Inklusiv meint, dass diese Kinder von Anfang an dazugehören sollen. Die allgemeine
Schule ist eben auch ihre Schule. Sie müssen nicht etwa anklopfen wie Bi steller, die darauf
hoffen, dass man ihnen vielleicht die Türe aufmacht. Sie müssen sich nicht integrieren und
anpassen. Nein, sie haben einen Anspruch darauf, als Mitglieder der Gesellscha im
allgemeinen Schulsystem Aufnahme zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen fragen sich, ob es überhaupt möglich ist, behinderte Kinder
zusammen mit anderen Kindern in eine Schule zu schicken. Selbst unter den betroffenen
Familien finden sich starke Befürworter für den Schonraum, den eine Sonderschule bietet.

Bielefeldt: Niemand wird diese Menschen zwingen, ihr Recht auf Regelschule wahrzunehmen.
Aber das kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass die Rechte für die anderen dadurch
eingeschränkt werden dürfen. Es ist erwiesenermaßen möglich, dass alle Kinder gemeinsam
lernen. Man kann sicher nicht über Nacht überall inklusive Schulen einrichten. Klar ist auch,
dass wir die sonderpädagogische Kompetenz in den Schulen brauchen, welche die Menschen
mit Behinderungen aufnehmen. Da muss sich einiges ändern. Wir als Ins tut für

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Menschenrechte würden aber gerne konkrete Schri e in diese Richtung sehen. Au rag der
Konven on ist es, die Autonomie der Betroffenen anzuerkennen. Sie sollen entscheiden, wo sie
lernen wollen, nicht der Staat.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man das Ihrer Ansicht nach tun?

Bielefeldt: Seitens der Behindertenverbände ist Idee eines Na onalen Ak onsplans ins
Gespräch gebracht worden, der dazu dienen soll, den Handlungsbedarf im Einzelnen genau zu
iden fizieren und konkrete Schri e festzulegen. Ich halte dies für eine sinnvolle Idee. Wir
brauchen jedenfalls poli sche Selbstverpflichtungen und vielfäl ge Fortbildungen.

SPIEGEL ONLINE: Eltern behinderter Kinder führen o einen zermürbenden Kampf mit
Schulräten, um nicht in Sonderschulen zu landen. Was raten Sie denen?

Bielefeldt: Ihre Rechte wahrzunehmen. Es kann im Einzelfall ein langer Weg für Eltern sein, vor
einem deutschen Gericht und später vor dem neuen Uno-Beschwerdeausschuss in Genf, das
Recht auf inklusives Lernen durchzusetzen. Aber die Konven on verteilt die Karten völlig neu:
Die Länder und ihre Schulbehörden müssen nun argumen eren, warum ein behindertes Kind
nicht aufgenommen werden kann; sie können sich nicht mehr pauschal auf organisatorische
und finanzielle Gesichtspunkte berufen. In der Konven on steckt daher ein großes poli sches
Poten al. Auch wenn das noch nicht alle sehen.

Das Interview führte Chris an Füller

URL:

h p://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/neuer-schulabschluss-das-bringt-den-
sonderschuelern-nichts-a-611490.html

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