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28. Januar 2010, 14:07 Uhr

Lernen mit Behinderung

"Jedes Kind darf auf eine Regelschule"


Bisher wurden Kinder mit einer Behinderung auf Sonderschulen wegsor ert - auch gegen den
Willen der Eltern. Dies soll sich in den nächsten Jahren ändern. Völkerrechtsexperte Eibe
Riedel erklärt im Interview, wie sich Eltern schon jetzt für einen Platz an einer Regelschule
einsetzen können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Riedel, verletzt Deutschland das Völkerrecht, wenn Kinder auf
Sonder- oder Förderschulen geschickt werden?

Riedel: Die Uno-Behindertenrechtskonven on geht von einem inklusiven Bildungssystem aus,


das grundsätzlich niemanden ausschließt, sondern für alle Kinder offen ist, unabhängig von der
Form und dem Grad der Beeinträch gung. Die Kinder sind also grundsätzlich nicht auf Förder-
oder Sonderschulen zu unterrichten, sondern auf Regelschulen gemeinsam mit
nichtbehinderten Kindern. Deutschland ist der Konven on vor einem Jahr beigetreten und
dementsprechend verpflichtet, die Vorgaben innerstaatlich auch umzusetzen. Da die Fragen
größtenteils der Kulturhoheit der Länder unterliegen, sind die Bundesländer gefordert.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen die Bundesländer denn tun?

Riedel: Die Schulgesetze der Länder sind zu ändern oder neu auszulegen: Jedes Kind muss
zunächst einen automa schen Zugang zu einer Regelschule bekommen. Gegen den Willen der
Eltern dürfen Kinder nur noch zu einer Sonder- oder Förderschule geschickt werden, wenn es
anders nicht geht.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Bundesländer aber haben noch nicht viel unternommen. Was
können Eltern denn machen, solange die Gesetze nicht verändert sind - nur hoffen und warten?

Riedel: Nein, das ist die zentrale Erkenntnis meines Gutachtens: Auf der Grundlage der Uno-
Behindertenrechtskonven on gibt es schon jetzt einen Rechtsanspruch darauf, dass ein Kind
grundsätzlich eine Regelschule besuchen kann, wenn die Eltern dies wollen. Diesen Anspruch
gibt es seit dem Tag, an dem die Konven on in Deutschland in Kra getreten ist, also schon seit
dem letzten Frühjahr.

SPIEGEL ONLINE: Die Behindertenrechtskonven on ist aber doch nur ein völkerrechtlicher
Vertrag. Kann ich mich wirklich unmi elbar vor einem deutschen Gericht darauf berufen?

Riedel: Grundsätzlich bindet die Konven on als völkerrechtlicher Vertrag zunächst nur die
Bundesrepublik insgesamt. Allerdings müssen die Länder, die ja dem Vertrag eins mmig
zuges mmt haben, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallenden Umsetzungsschri e
unternehmen...

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SPIEGEL ONLINE: ...was aber bisher noch nicht geschehen ist. Worauf sollen sich behinderte
Schüler und ihre Eltern denn nun bereits stützen?

Riedel: Betroffene Schüler und Eltern können sich auf das Grundgesetz stützen mit seinem
Diskriminierungsverbot und dem Erziehungsrecht der Eltern. Das Grundgesetz ist
völkerrechtsfreundlich auszulegen, selbstverständlich auch von den Bundesländern. Und bei
wirtscha lichen, sozialen und kulturellen Rechten, wie denjenigen aus der
Behindertenrechtskonven on, gibt es mi lerweile eine Staatenpraxis, dass sie zumindest in
ihrem Kernbereich des Diskriminierungsschutzes vor na onalen Gerichten direkt geltend
gemacht werden können. Aus der Konven on ergibt sich ein sogar ausdrücklich garan ertes
Recht auf diskriminierungsfreien Zugang zu einem inklusiven Schulsystem. Jedes Kind hat
dementsprechend erst einmal einen Anspruch darauf, eine Regelschule zu besuchen.

SPIEGEL ONLINE: Solche völkerrechtlichen Versprechungen sind nach gängigem Verständnis


nicht sofort zu erfüllen, sondern nur schri weise umzusetzen. Die Behindertenrechtskonven on
gilt in Deutschland erst seit letztem Jahr. Wie kommen Sie darauf, dass Eltern schon jetzt klagen
können?

Riedel: Da muss man sehr genau unterscheiden. Die schri weise Umsetzung betri die
Makroebene, also das Schulsystem: Der Staat muss nicht sofort sein ganzes System ändern und
die Gesetze neu schreiben, sondern lediglich zügig und zielgerichtet handeln; mir erscheinen
etwa zwei bis vier Jahre als eine vernün ige Frist. Davon zu unterscheiden ist die Mikroebene,
also der Anspruch des Einzelnen. Im Rahmen des bestehenden Systems können die Eltern
verlangen, dass ihrem Kind der Besuch einer Regelschule ermöglicht wird. In
völkerrechtsfreundlicher Auslegung des Grundgesetzes müssen die Bundesländer folglich diesen
Anspruch im Prinzip schon jetzt anerkennen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau dürfen Eltern denn verlangen: nur den Zugang zur normalen
Schule oder zusätzlich auch besondere Unterstützung, die ihr Kind benö gt?

Riedel: Der Anspruch zielt nicht nur auf den Zugang zur Schule, sondern geht weiter. Der Staat
muss angemessene Vorkehrungen treffen, damit ein Kind an der Schule lernen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ein bisschen viel verlangt, wenn für jeden Behinderten an jeder
Schule eine gesonderte Lösung gefunden werden muss?

Riedel: Der Staat muss nicht mehr leisten, als er zu leisten imstande ist. Aber er kann keinesfalls
einfach darauf verweisen, dass ein Kind ein bisschen mehr Betreuung braucht, und dann
behaupten, dass es deshalb auf einer Sonder- oder Förderschule besser aufgehoben wäre.
Entgegen der Praxis, wie sie vielfach noch zu beobachten ist, hat also der Besuch einer
Regelschule den Vorrang. Nur wenn es unzumutbar ist, dass ein Kind eine solche Schule
besucht, müssen sich die Eltern auf eine andere Lösung einlassen.

SPIEGEL ONLINE: Gelten für körperlich Behinderte andere Maßstäbe als für geis g Behinderte?

Riedel: Nein, die Behindertenrechtskonven on unterscheidet grundsätzlich nicht zwischen

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verschiedenen Formen der Beeinträch gung. Sie bezieht alle Menschen ein, die langfris ge
körperliche, seelische, geis ge oder Sinnesbeeinträch gungen haben. Auch Menschen mit
Lernbehinderungen zählen dazu, sie dürfen nicht anders behandelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Bundesländer die Uno-Vorgaben ignorieren und sich
nicht zügig genug bewegen?

Riedel: Die Behindertenrechtskonven on sieht keine Sank onen auf völkerrechtlicher Ebene
vor, und es gibt auch keinen Weltmenschenrechtsgerichthof, vor dem Deutschland zur
Rechenscha gezogen werden könnte. Die Feststellung des Uno-Behindertenrechtsausschusses,
dass Deutschland seinen Vertragspflichten nicht nachkommt, hä e aber eine Prangerfunk on,
und kein Staat steht gern am Pranger der Staatengemeinscha . Andere Uno-
Vertragsausschüsse, wie etwa derjenige, dem ich angehöre, würden wohl ähnlich vorgehen und
im Staatenberichtsverfahren empfehlen, dass Deutschland die erforderlichen Schri e
unternimmt, um die Vertragsverletzung zu besei gen.

Das Interview führte Markus Verbeet

URL:

h p://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/lernen-mit-behinderung-jedes-kind-darf-auf-
eine-regelschule-a-674128.html

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