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Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop

Peter Rüttgers

Von Rock‘n‘Roll
bis Hip-Hop
Geschlecht und Sexualität
in Jugendkulturen
Peter Rüttgers
pro familia
Duisburg, Deutschland

ISBN 978-3-658-10845-8 ISBN 978-3-658-10846-5 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-10846-5

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

1 Jugend(kulturen), Geschlecht
und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.1 Jugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Jugendkulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.3 Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.4 Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

2 Die fünfziger Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31


2.1 Wiederaufbau und Restauration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.2 Schwarzwaldmädel und CapriÀscher:
Massenkultur in den 50ern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
2.3 Restauration im Geschlechterverhältnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern:
die alltägliche Verteidigung der Korrektheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus
und Teenager-Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.6 Die Halbstarken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
VI Inhaltsverzeichnis

3 Die sechziger Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73


3.1 Das Ende der Ära Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten . . 73
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3.3 Die „Sexy Sixties“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.4 Jugend im Aufbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
3.5 Vom Rock ’n’ Roll zum Beat und Progressive Rock . . . . . . . . . . . . . 100
3.6 Die Hippies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

4 Die siebziger Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117


4.1 Ölkrise und „deutscher Herbst“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
4.2 Gelockerte Bindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhältnis . . . 130
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise . . . . . . . . . . . . . 138
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
4.6 Punk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150

5 Die achtziger Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161


5.1 Die „geistig-moralische Wende“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
5.2 Kommerzfernsehen in der „Multioptionsgesellschaft“ . . . . . . . . . . . 168
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS . . . . . . . . . . . . . 174
5.4 Jugend in den 80er Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
5.5 Video killed the Radiostar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
5.6 Gothic . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196

6 Die neunziger Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205


6.1 Die deutsche Wiedervereinigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 212
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral . . . . . . . . . . . . 218
6.4 Jugend im vereinten Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
6.6 Techno . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240

7 Die zweitausender Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251


7.1 Hartz IV und Bankenkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
7.2 Deutsche Zustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
7.3 Sexualität in Zeiten des Internets . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends . . . . . . . . . . . . . . 281
7.6 Hip-Hop . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
Inhaltsverzeichnis VII

Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
Einleitung

Die vorliegende Studie nähert sich dem Thema Jugendkulturen, Geschlecht und
Sexualität aus einer historischen Perspektive. Sie geht der Frage nach, wie sich in
Zusammenhang mit den politischen und sozialen Entwicklungen, den Normvor-
stellungen und Auseinandersetzungen in Geschlechterverhältnis und Sexualität,
den Angeboten der Rock- und Popmusik jugendkulturelle Stile entwickelt haben.
Sowohl die Populärmusik als auch Jugendkulturen stehen in einem Kontext gesell-
schaftlicher Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und einer gesell-
schaftlich normierten Sexualität, wobei sie sowohl eine treibende Rolle hinsicht-
lich des Aufbrechens von sexuellen Tabus und der Rigidität von Geschlechterrollen
spielen können als auch starre – und manchmal überwunden geglaubte – konserva-
tive Einstellungen reaktivieren können.
Im Gegensatz zu Veröffentlichungen, die sich aus der Sicht eines Geschlechtes
(s. z. B. Rohmann 2007, Farin/Möller 2014) mit jeweils speziÀschen und aktuellen
Jugendkulturen befassen, verfolgt dieses Buch die Intention, aus einer längerfristi-
gen Perspektive die Entwicklung von Jugendkulturen darzustellen; es geht um eine
systematische Darstellung in sozialgeschichtlichem Kontext, wobei Aspekte von
Geschlecht und Sexualität im Mittelpunkt stehen.
Um die Darstellung anschaulich und authentisch zu gestalten, werden neben
wissenschaftlichen Texten und Zeitdiagnosen auch pädagogische Programme,
Medienberichte aus der jeweiligen Zeit, Zitate aus Romanen, Songtexte sowie
Aussagen von ZeitzeugInnen und Jugendlichen aus den jeweiligen Szenen als
Quellen herangezogen.
2 Einleitung

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und bezieht sich auf die Geschichte der
Bundesrepublik von den 50er Jahren bis zum ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtau-
sends; am Ende erfolgt eine kurze Schlussbetrachtung.
Im einleitenden Kapitel werden die zentralen Begriffe Jugend, Jugendkulturen,
Geschlecht und Sexualität erläutert und in Beziehung zueinander gesetzt.
Die anschließenden Kapitel (Kap. 2–7) behandeln jeweils eine Dekade und sind
nach dem gleichen Schema aufgebaut. Die jeweiligen Ausführungen erheben dabei
keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es sollen lediglich zentrale Tendenzen dar-
gestellt werden; am Ende folgt eine kurze Schlussbetrachtung.

1. Im ersten Kapitel wird kurz die ökonomische und politische Entwicklung be-
leuchtet. Es geht dabei sowohl um einschneidende politische Ereignisse in der
„ofÀziellen“ Politik als auch um politische Auseinandersetzungen „auf der
Straße“ wie Demonstrationen und Streiks sowie um den ökonomischen und
sozialen Hintergrund für das Heranwachsen von Mädchen und Jungen.
2. Das zweite Kapitel befasst sich mit den sozialen Entwicklungen des jeweili-
gen Jahrzehnts; hierbei stehen das Alltagsleben, die Mentalität, der Massen-
konsum und die Medien im Mittelpunkt sowie das Entstehen neuer Milieus und
deren Werthaltungen, die charakteristisch für die jeweilige Zeit waren.
3. Geschlechterverhältnis und Sexualität sind Gegenstand des dritten Kapitels;
hier geht es vor allem um vorherrschende Bilder im Bereich der Geschlechter
und der Sexualität, darum, was als Leitbild für Frauen wie Männer gegolten hat,
was sexuell als „normal“ galt, verpönt war oder verboten wurde und schließlich
darum, welche sozialen Auseinandersetzungen um Bilder von Männlichkeit
wie Weiblichkeit sowie um Erlaubnisse und Verbote im Bereich der Sexualität
geführt wurden.
4. Das vierte Kapitel handelt von der Entwicklung und den Bedingungen, unter
denen Mädchen wie Jungen in der entsprechenden Dekade aufgewachsen
sind, davon, welchen medialen EinÁüssen sie ausgesetzt waren, welche Perspek-
tiven ihnen geboten wurden, von den pädagogischen Vorstellungen und Praktiken
der Zeit und von dem, was Heranwachsenden über „richtige“ Mädchen wie Jun-
gen beigebracht wurde; zudem auch davon, welche Informationen und Normie-
rungen ihnen in Schule wie Elternhaus in Bezug auf Sexualität vermittelt wurden
und wie über Jugendliche in Wissenschaft und Medien gesprochen wurde.
5. Im fünften Kapitel geht es um die Entwicklung in der Rock- und Popmusik
als zentraler Bestandteil von Jugendkulturen: Im Mittelpunkt stehen die be-
stimmenden Musiktrends, die prominenten Bands und Stars, die wechselnden
Moden, das Aufkommen neuer Jugendkulturen, deren Vorstellungen und Prak-
tiken, vor allem in Bezug auf Geschlecht und Sexualität.
Einleitung 3

6. Das abschließende sechste Kapitel widmet sich einer speziellen Jugendkultur


mit ihrer jeweiligen Kleidung, der Musik, ihrem Tanzstil, den Geschlechter-
darstellungen von Mädchen wie Jungen sowie dem Umgang der jeweiligen Ju-
gendkultur mit Sexualität. Im Mittelpunkt steht hierbei die Frage, in welchem
Verhältnis der jeweilige Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität zu den
mehrheitlichen gesellschaftlichen Überzeugungen und Praktiken stand.
Jugend(kulturen), Geschlecht
und Sexualität 1

1.1 Jugend

Jugend als eine relativ eigenständige Lebensphase zwischen Kindheit und Erwach-
senenalter ist eine historische Erscheinung, die mit der Industrialisierung der Ge-
sellschaft einhergeht, was sich auch daran zeigt, dass es im ausgehenden Mittel-
alter und in der Neuzeit keine Begriffe für „Jugend“ oder „Jugendliche“ gab (s.
Ferchhoff 2011, S. 13f). Die vorindustrielle Gesellschaft war geprägt durch manu-
elle Tätigkeiten in Landwirtschaft und Handwerk, junge Menschen waren in diese
Arbeitsabläufe von klein auf einbezogen, sie wurden als „kleine Erwachsene“ (s.
Aries 1978) betrachtet und behandelt. Der Unterschied zwischen Menschen im
Erwachsenenalter, Kindern und Jugendlichen war bei Weitem nicht so gravierend
wie in der heutigen Gesellschaft:

„Weder die Arbeit noch die Ausbildung waren in der Weise eindeutig altersabhän-
gig, wie wir das erwarten würden; auch das ist zum Teil für den Mangel an Ein-
schnitten innerhalb der großen Altersspannen der vorindustriellen Jugendlichen
verantwortlich. Auch der Beginn körperlicher und sexueller Reife hätte doch nach
unserer Erwartung einen Einschnitt bezeichnen können; er tut es aber vor allem
deshalb nicht, weil Kinder sich schon sehr früh daran gewöhnten, die Geschlechter-
rollen der Erwachsenen zu übernehmen, und der Eintritt in die Pubertät war nicht
durch andere Kleidung oder durch sonstige äußere Zeichen der Reife gekennzeich-
net.“ (Gillis 1980, S. 24f)

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_1,


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6 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

Die „ErÀndung des Jugendlichen“ (Roth 1983) ist dabei mit der Etablierung eines
rechtlichen Status verbunden, der jugendlichen Menschen von staatlicher Seite be-
stimmte Schutzrechte garantiert. Die allgemeine SchulpÁicht, durch die für He-
ranwachsende eine Schonzeit jenseits der Arbeitswelt eingeführt wird, und die
Institution Jugendamt, die Kontrolle wie Schutz von Kindern und Jugendlichen ge-
währleisten soll, sind der rechtliche Rahmen, unter dem Kinder und Jugendliche in
einem Schonraum aufwachsen. So dienen diverse Gesetze des Jugendschutzes wie
Arbeitszeitregelungen, Verbot des Konsums hochprozentigen Alkohols oder Ta-
baks dem Schutz vor schädlichen Verhaltensweisen, die Erwachsenen erlaubt sind.
Neben diesen Verboten, die sich auf die Gefährdung der körperlichen Entwick-
lung und Gesundheit junger Menschen beziehen, werden Gefahren auch in einer
schädlichen psychischen Entwicklung gesehen: „Schutz- und Schundliteratur“,
deren Lektüre sich angeblich moralisch schädigend auswirkt, sexuell aufreizende
Filme, Schriften oder Bilder, Pornographie, brutale Kriegs- oder HorrorÀlme sind
Genres, deren Konsum Kindern und Jugendlichen untersagt ist.
Schutz und Kontrolle sind kennzeichnend für den staatlichen Umgang mit Ju-
gendlichen, der sie von verschiedenen Aktivitäten (z. B. Autofahren), Zeiten (z. B.
alleine nachts unterwegs sein) oder Orten (z. B. Spielhallen) per Gesetz ausschließt.
Ursprünglich wurde das Jugendalter als die Zeit vom Beginn der Pubertät bis
zur Eheschließung begriffen, doch durch die Verlängerung der Schul-, Ausbil-
dungs- und Studienzeiten und die Tatsache, dass die Ehe als Institution an Ver-
bindlichkeit eingebüßt hat, wird seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts von
einer „Entstrukturierung der Jugendphase“ gesprochen mit der Folge, dass auch
Menschen mit Mitte oder Ende ihrer 20er Lebensjahre ohne festen Beruf und fa-
miliäre Einbindung als Jugendliche bezeichnet werden. So können ein 13-jähriger
Schüler und eine 29-jährige Studentin noch unter den Begriff „jugendlich“ fallen,
obwohl ihre Lebenssituation, ihre Interessen und ihre sozialen Lagen vollkommen
unterschiedlich sind.
Mit dem Aufkommen von Jugend als eigenständiger Lebensphase haben sich
diverse wissenschaftliche Disziplinen wie Jugendpsychologie, Jugendsoziologie
oder pädagogische Jugendforschung entwickelt, die „Jugend“ zum Objekt ihrer
Forschungen machen. Von Beginn an standen dabei die angeblichen Gefahren im
Mittelpunkt, die vor allem im Verhalten des männlichen Jugendlichen der unte-
ren Schichten gesehen wurden; der männliche Heranwachsende galt als „der Ver-
wahrloste, Gottlose, Kriminelle, der Korrekturbedürftige.“ (Roth 1983, S. 137)
Unangepasstheit, mangelnder Wille zur Unterordnung, aufbegehrendes Verhalten
und Regelverletzungen aller Art wurden vor allem Jungen zugeschrieben und führten
zu dementsprechenden Konsequenzen von Seiten der Ordnungskräfte; vor allem männ-
liche Jugendliche wurden zum Objekt juristischer und pädagogischer Maßnahmen.
1.1 Jugend 7

So waren es auch junge Männer, die – zwischen Schulhof und Kasernentor – als
besonders gefährlich und gefährdet galten, weil sie weder der Schule als pädago-
gischer Instanz noch dem Militär als überwachender Institution unterstanden und
sich somit außerhalb der Kontrolle des Staates befanden.
Wissenschaftliche wie nicht-wissenschaftliche Urteile und Behauptungen über
„die Jugend“ werden dabei von erwachsenen Menschen getroffen, wobei die jewei-
ligen Deutungen und Urteile verschiedenen Interessen unterliegen:

„Der Begriff ‚Jugend‘ markiert ein soziales Deutungs- und Verständigungskons-


trukt, das als diskursives Feld der Selbstvergewisserung der Gesellschaft dient (
...) Aus dieser Perspektive ist Jugend nicht nur Untersuchungsgegenstand, sondern
immer auch als diskursives Konstrukt Schauplatz von politischen und ideologi-
schen Auseinandersetzungen ... Die soziale Konstruktion von Jugend sagt etwas
Allgemeineres aus über den jeweiligen Zustand der Gesellschaft, sie illustriert die
relevanten Wirklichkeitsmodelle.“ (Klein 2004, S. 54)

Ein Blick auf die Jugend, der deren – reale, übertriebene oder auch erfundene
– problematische Aspekte wie etwa Drogen- und Alkoholmissbrauch, Gewalt,
politischen oder religiösen Extremismus in den Mittelpunkt rückt, ist dabei auch
professionellen Interessen geschuldet: Fernsehsendungen oder Zeitschriftenarti-
kel, die über „normale“ oder „unproblematische“ Jugendliche informieren, ver-
sprechen weniger Einschaltquoten und AuÁagen als skandalisierende oder Besorg-
nis erregende Berichte.
Auch die helfenden Professionen wie Sozialarbeit und -pädagogik haben ein
beruÁiches Interesse daran, Jugendliche als gefährlich und gefährdet, deÀzitär und
der Hilfe bedürftig zu beschreiben, um ihre Dienste legitimieren zu können, wobei
die jeweiligen Sorgen und Befürchtungen sich historisch wandeln:

„Jugendverderben durch SelbstbeÁeckung; zu viele Lektüre; falsche Lektüre;


gar keine Lektüre; Haltungsschäden; enge Hosen; Rock `n` Roll; Comics; Kino;
Fernsehen; Reklame; Dienstboten; Wiegen; Daumenlutschen; Alkohol & Niko-
tin; Verhaltensstörungen; Schulangst; sexueller Mißbrauch; sexuelle Repression;
Rechtsradikalismus ... Die Liste ist endlos; jede Zeit, jede Saison hat ihre Lieblings-
katastrophen, mit denen die Pädagogen sich und andere auf Trab halten.“ (Rutsch-
ky 1985, S. 87)

Dieser „pädagogische Pessimismus“ der helfenden Professionen ist die Grundlage


für ihre eigene Legitimierung als Berufsgruppen, wobei er sich nicht auf Jugendli-
che als konstruierte Problemgruppe beschränkt, sondern tendenziell auf alle Teile
der Bevölkerung ausgedehnt wird (s. Rüttgers 2010).
8 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

Die Katastrophenstimmung, die durch die Berichterstattung über die Jugend er-
zeugt wird, ist nicht unbedingt eine Reaktion auf wirkliche Probleme, die Jugend-
liche bereiten, es werden dabei vielmehr bevorzugt jugendliche Verhaltensweisen
herangezogen und skandalisiert, die sich im Interesse der jeweiligen Profession
funktionalisieren lassen:

„Amtliche Untersuchungen, besorgte oder empörte Kommentare und Reportagen


sowie angeblich wertfreie Studien von Sozialwissenschaftlern greifen immer dann
zum Begriff ‚Jugend‘, wenn junge Leute dadurch auf sich aufmerksam machen, daß
sie über die Stränge schlagen. Dann führen sie bizarre Rituale auf, kleiden sich exo-
tisch, nehmen merkwürdige Posen ein, zerschlagen Konventionen, Flaschen, Fens-
ter und Schädel und provozieren die Rechtsordnung ... Dann werden sie verhaftet,
verfolgt, verwarnt, gemaßregelt, in Gewahrsam genommen, verleumdet, aber auch
beklatscht, nachgeahmt und angehört. Sozialarbeiter und andere Menschenfreunde
nehmen sie in Schutz, und Soziologen, Sozialpsychologen und Auguren jeder poli-
tischen Couleur bemühen sich, ihre Beweggründe aufzuhellen.“ (Hebdige 1986, S.
186)

Jugendliche werden zum Gegenstand der Besorgnis, Forschung und Berichterstat-


tung, wobei diverse Professionen sie in ihrem Sinne ausnutzen und ihnen die unter-
schiedlichsten Etiketten wie etwa „Skeptische Generation“, „Generation X“, „No-
future-Generation“, „Wendejugend“ oder „Generation Internet“ anheften.
Es handelt sich hierbei stets um Zuschreibungen von Erwachsenen: Jugendli-
che selbst haben keine Stellen an Hochschulen, wo sie Erwachsene in Kategorien
einsortieren oder über das Leben der Erwachsenen forschen und lehren; Jugend-
liche sind nicht als JournalistInnen tätig und schreiben Berichte oder drehen Fil-
me, in denen sie das Leben der Älteren problematisieren und skandalisieren oder
Empfehlungen über eine Besserung der Lebensführung Erwachsener verfassen.
Jugendliche sitzen auch nicht in Parlamenten, Kabinetten oder Vorstandsetagen
großer Unternehmen, wo bedeutende Entscheidungen getroffen werden. Sie sind
eine relativ machtlose gesellschaftliche Gruppe.
Zugleich besitzen Jugendliche etwas, über das erwachsene Menschen trotz ihrer
bedeutend größeren sozialen und ökonomischen Macht nicht (mehr) verfügen,
nämlich ihre Jugend: In der gegenwärtigen Gesellschaft ist „Jugendlichkeit“ ein
zentraler gesellschaftlicher Leitwert, an dem sich auch Erwachsene orientieren.
Trotz aller pessimistischen Darstellungen konkreter Jugendlicher gelten „Jugend“
und „Jugendlichkeit“ an sich als erstrebenswert, weil mit ihnen Offenheit, Dy-
namik, Vitalität, Unbekümmertheit und Modernität verbunden werden; Jugend
gilt als der Gegenpol zu den gesellschaftlich tabuisierten Themen Alter, Krank-
heit und Tod. Ganze Industriezweige leben von dem Bedürfnis Erwachsener nach
1.1 Jugend 9

einem jugendlich wirkenden Erscheinungsbild: Produkte wie Cremes gegen Fal-


ten, Mittel gegen das Ergrauen der Haare oder Maßnahmen zur Straffung der Haut
proÀtieren von dem Bedürfnis zahlreicher Frauen wie Männer, sich körperlich als
möglichst „jugendlich“ zu inszenieren.
Im Gegensatz zu erwachsenen Menschen gelten Jugendliche als psychisch und
weltanschaulich noch nicht gefestigt und von daher auch noch formbar. Diese Tat-
sache machen sich vor allem totalitäre Regime zu Nutze, die Heranwachsende in
Massenverbänden organisieren, sie auf das jeweilige politische Projekt einschwö-
ren, dadurch ihre Loyalität zum Staat erreichen wollen mit der Intention, dass die
politischen Interessen der Herrschenden von Jugendlichen übernommen und fort-
geführt werden; in diesem Kontext wird Jugend für politische Ziele missbraucht
und gilt dem jeweiligen Regime als Hoffnungsträger, als für die herrschenden In-
teressen manipulier- und instrumentalisierbar.
Sind diese Methoden der BeeinÁussung und Indoktrinierung von Jugendlichen
noch relativ leicht zu durchschauen, so geschieht dies in den meisten kapitalistischen
Ländern subtiler über den Konsum: „Jugend“ ist ein riesiger Markt, auf den speziell
für Jugendliche konzipierte und produzierte Güter geworfen werden. Dieser Markt
lebt von den Bedürfnissen Heranwachsender, sich von anderen Jugendlichen wie von
Erwachsenen abzusetzen, sich als „in“, „cool“, „exotisch“, „modern“, „alternativ“,
„hip“ oder auch rebellisch darzustellen. Jugendzeitschriften, ganze TV-Anstalten,
spezielle Kleidung, Filme, Musik oder auch Video- und Computerspiele wenden sich
an ein jugendliches Publikum und setzen jährlich Milliardenbeträge um.
Die ProduzentInnen, Werbe- und Marketingfachleute arbeiten mit einem ju-
gendlichen Image ihrer Produkte, womit sie bei den Jugendlichen auch ein ge-
wisses „Markenbewusstsein“ und eine „Markenbindung“ fördern wollen, was den
weiteren Absatz garantiert.
Bei aller Gleichheit eines Merkmals, des biologischen Alters, muss innerhalb
der Jugendlichen differenziert werden: Jugendliche unterscheiden sich beträcht-
lich, unter anderem hinsichtlich ihrer Herkunftsfamilien, des pädagogischen Um-
gangs mit ihnen in Elternhaus und Schule, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer ökono-
mischen Lagen, ihrer Bildungschancen und – nicht zuletzt – ihres Geschlechts. Sie
verfügen über höchst unterschiedliche Ressourcen an Geld, Bildung und sozialen
Kontakten, sodass Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Jugendliche sehr
ungleich verteilt sind.
Zudem unterliegen sie ökonomischen und politischen Bedingungen, dem, was
ihnen zugetraut, zugemutet und geboten wird. Hierzu zählen vor allem die Fragen,
ob es genügend Arbeit für sie gibt, ausreichend Ausbildungs- und Studienplätze,
die sie benötigen, um sich zu entwickeln, ökonomisch selbstständig und in diesem
Sinne „erwachsen“ zu werden.
10 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

1.2 Jugendkulturen

Als erste Jugendkultur – verstanden als von der Erwachsenenwelt unabhängige


und wenig kontrollierte, relativ homogene soziale Gemeinschaft von Gleichalt-
rigen – gelten im deutschsprachigen Raum die „Wandervögel“, die sich in ihrem
Selbstverständnis als ein Gegenentwurf zur Lebensweise des erwachsenen, bür-
gerlichen Menschen verstanden:

„Ihr Protest richtete sich gegen den Drill des bürgerlichen Lebens und der bürger-
lichen Erziehung und sie strebten eine Reform der städtischen Lebensformen durch
Gemeinschaft und Naturerleben an. Außerdem entwickelten sie erstmals einen
eigenständigen, jugendkulturellen Lebensstil, zu dem neben Kleidungsstücken wie
kurze Hosen, grüne Mützen, Rippelsamtanzüge, Leinenkleider als zentrale Aktivi-
täten das Wandern, Radfahren oder Paddeln gehörten.“ (Krüger 2010, S. 14)

1901 gründeten sich die Wandervögel als ein eingetragener Verein zur Organisa-
tion von Schülerfahrten. Ihrem Anspruch nach waren sie eine Bewegung, die sich
mit einem positiven Bezug zur Natur und selbst organisierten Aktivitäten von der
Welt der Erwachsenen abgrenzte. Ihrer sozialen Zusammensetzung nach waren
sie ein Zusammenschluss von männlichen Jugendlichen privilegierter Herkunft,
sodass in der Bewegung 1907 ein Bruch stattfand, der sich an dem Streit entzün-
dete, ob auch Mädchen und Heranwachsende, die die Volks- oder Mittelschule
besuchten, teilnehmen durften. Trotz dieser Differenzen innerhalb der Bewegung
formulierten die Wandervögel und die Freideutsche Jugend einen gemeinsamen
Anspruch von Heranwachsenden auf eine selbst gestaltete und von Gängelungen
der Erwachsenen unabhängige Freizeitgestaltung, wie es der Aktivist Gustav Wy-
neken bei einem Jugendtreffen – mit weiblicher wie männlicher Beteiligung – 1913
formulierte:

„Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung,
mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten“ (Zit. n. Breyvogel 2005a, S. 13f)

Am Beispiel der Freideutschen Jugend und der Wandervögel zeigen sich die Hoff-
nungen und Befürchtungen, die mit dem Blick auf die Jugend verbunden sind; hier
spannt sich „ein weiter Bogen von den enthusiastischen Hoffnungen, die junge Ge-
neration werde im 20. Jahrhundert frei und selbstbewusst von „innen“ heraus die
Weichen für eine humane Zukunftsgesellschaft stellen und auf diese Weise den
„neuen Menschen“ schaffen, bis hin zur massiven Einhegung aller jugendlichen Be-
wegungskräfte in einem diktatorischen Erziehungsstaat.“ (Reulecke 2006, S. 319f)
1.2 Jugendkulturen 11

In der Weimarer Republik entstand die sogenannte „Bündische Jugend“ als or-
ganisierte Jugendkultur, die allerdings hinsichtlich ihrer politischen Orientierung
alles andere als einheitlich war:

„Das Spektrum gliederte sich in ein links-liberales, national-liberales, nationalis-


tisch-konservatives und ein rechtsradikales Feld, Optionen, die sich in gewisser
Nähe zum Parteienspektrum der Weimarer Republik befanden.“ (Breyvogel 2005a,
S. 14)

Neben diesen organisierten Formen von Jugendkulturen entwickelten sich nun


auch informelle Gruppen meist männlicher Jugendlicher, die sich in lockeren Cli-
quen jenseits des Vereinslebens zusammenfanden:

„Spätestens aber ab der Weimarer Republik sind Rummel-, Wander-, Straßen-,


Park- und Tanz-Cliquen in fast allen Regionen des damaligen Deutschlands an-
zutreffen. Beschrieben und etikettiert werden sie als ‚proletarischer Hochstapler‘,
‚Industrieritter‘, ‚Rosenkavaliere‘, ‚Junge Industriefalter‘ oder ‚Halbstarker‘ (...).“
(Thole 2010, S. 176)

Die Nazi-Diktatur ließ so gut wie keinen Freiraum für dem System nicht geneh-
me – organisierte oder informelle – Jugendkulturen; hier wurde der totalitäre Er-
ziehungsstaat in Form des Bundes deutscher Mädel und der Hitlerjugend Wirk-
lichkeit. Kinder wie Jugendliche wurden durch Indoktrination, Unterordnung und
Drill auf die verbrecherischen Ziele des deutschen Faschismus eingeschworen und
zu folgsamen und treuen „Volksgenossen und -innen“ erzogen. Der unterdrücken-
de und stark kontrollierende Staat duldete keine abweichenden Jugendorganisa-
tionen oder selbst organisierte Jugendliche, wobei ihm die Unterdrückung bis auf
wenige Ausnahmen auch gelang.
Mit dem verstärkten Aufkommen von Massenmedien wie Film, Fernsehen
und Schallplatten haben die Jugendkulturen nach dem Ende des Zweiten Welt-
krieges mehr und mehr ihren nationalen Charakter verloren; sie verloren dabei
auch zunehmend ihren selbst organisierte Struktur, Jugendkulturen wurden Teil
einer „Kulturindustrie“. Jugendkulturelle Angebote entstanden von da ab weniger
in (Jugend-)Organisationen als vielmehr in den entsprechenden Abteilungen der
Musik-, Film- und Modeindustrie. Die Massenkultur, die mit dem Konsumkapi-
talismus in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts aufkam, wurde und wird
dahingehend kritisiert, dass es sich um eine triviale Form von Kultur handelt, die
keinerlei Tiefgang besitzt, stattdessen ständig neue Produkte ohne jeden inhalt-
lichen Anspruch und lediglich zur ProÀterzielung produziert. Auf Jugendkulturen
12 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

bezogen bedeutet dies, dass Jugendliche lediglich diejenige Musik, Kleidung oder
Magazine konsumieren, die ihnen von Seiten der Industrie mit den Mitteln der
Werbung „aufgedrängt“ werden.
Bei aller Berechtigung dieser Kritik kann das Phänomen der Jugendkulturen
nicht auf diesen Aspekt reduziert werden: Zum einen werden die kommerziellen
Angebote nicht unbedingt „eins zu eins“ von Jugendlichen umgesetzt, sondern –
wenn oft auch nur in Details – variiert. Zudem stellen Jugendkulturen vielmehr
ein großes Spektrum dar von einerseits vollkommen am „Reißbrett“ der Industrie
entworfenen kulturellen Stilen bis hin zu jugendkulturellen Formen, die unabhän-
gig von den kommerziellen Angeboten ihre eigene Musik machen, ihren eigenen
Tanzstil entwickeln, ihre eigene Kleidung tragen und auch ihre eigenen Medien
selbstbestimmt und in ihrem Sinne herstellen.
Doch auch Jugendkulturen mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung und Un-
abhängigkeit sind nicht vor Vereinnahmungen einer Branche gefeit, die ständig
auf der Suche nach Quellen des ProÀts durch neue modische und musikalische
Trends ist. So werden ursprünglich relativ unabhängige Jugendkulturen mit ihrem
jeweiligen Stil ausgebeutet und ihre musikalischen oder modischen Ausdrucks-
weisen münden in einen allgemeinen Modetrend für andere Jugendliche wie auch
Erwachsene:

„Trendforschung im Sinne einer permanenten Suche nach neuen Stilen in hippen


Jugendkulturen ist von daher nicht nur wichtig, um für die Durchschnitts-Jugendli-
chen attraktive Modeströmungen bereitzustellen, sondern auch, um die Konsumwelt
der Erwachsenen mit neuen Trends aufzufrischen. Auf diese Weise sind jugendliche
Subkulturen zu entscheidenden Trendsettern geworden, die der Konsumgüterindus-
trie ihren Rohstoff liefern.“ (Klein 2004, S. 57)

Dies muss nicht die Übernahme des kompletten Stils bedeuten, es kann sich dabei
auch um das Nachahmen einzelner Elemente der Kleidung oder der Musik han-
deln: Auch hier werden Jugendliche – oder zumindest Teile von ihnen – zu einer
Avantgarde; allerdings nicht zu VorreiterInnen einer besseren Zukunft, sondern zu
TrendsetterInnen, die weiteren Absatz und ProÀt versprechen.
Distinktion, die Abgrenzung sowohl zu anderen Jugendlichen als auch zu Er-
wachsenen, ist ein bedeutendes Merkmal von Jugendkulturen. Nach außen sind
und machen sich die Angehörigen einer Jugendkultur durch einen relativ einheit-
lichen Stil erkennbar. Dieser drückt sich in bestimmter Kleidung aus, wobei nicht
selten die „richtige“ Marke eine bedeutende Rolle spielt (s. Weis 2012), eventuell in
Körperverzierungen (Tattoos, Piercings), Frisuren, Musik, einem Tanzstil, in einer
szenetypischen Sprache und Begrüßungsritualen. Jugendkulturen bilden intern
1.2 Jugendkulturen 13

Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen aus, die meistens zwar nicht explizit
formuliert sind, von den Einzelnen aber bewusst oder unbewusst befolgt werden.
Jugendkulturen setzen durch ihren Stil auch Zeichen nach Außen, die sie als solche
erkennbar machen.
Die Übernahme des kompletten Stils oder einzelner Elemente durch Menschen,
die ursprünglich nicht zur Szene gehörten, lässt den Distinktionswert, die Exklusi-
vität einer Jugendkultur und ihrer Zeichen sinken: Wenn jede und jeder vergleich-
bare Musik hört, ähnliche Kleidung trägt, die gleiche Frisur hat und die gleiche
Sprache benutzt, wird sie zu einem Massenphänomen, das nicht mehr dazu taugt,
sich von anderen abzugrenzen.
In diesem Sinne gibt es auch innerhalb der Jugendkulturen den Unterschied
zwischen den ursprünglichen Vertreterinnen und Vertretern, die intern das höchs-
te Ansehen genießen, weil ihnen die Glaubwürdigkeit unterstellt wird, die die
NachzüglerInnen, NachmacherInnen und „Pseudos“ nicht haben. Gleiches gilt für
die Bands und MusikerInnen, die aus einer relativ überschaubaren Szene als „Ge-
heimtipp“ eines speziellen Musikstils den Schritt in den Mainstream gehen und
dann – mit massentauglicher Musik – in der Regel an Ansehen bei ihrer ursprüng-
lichen Anhängerschaft verlieren.
Jugendliche begreifen die Zeichen ihre jeweiligen Kultur in der Regel als zu
ihnen gehörig; Versuche von Erwachsenen, Kleidung oder Sprache zu imitieren,
werden dabei oft als Anbiederung empfunden, als der Versuch Erwachsener, sich
selbst als jugendlich zu inszenieren und so zu tun, als gehörten sie dazu, wie es
bei zum Teil peinlich wirkenden „Berufsjugendlichen“ im pädagogischen Bereich
vorkommt.
Ebenso groß wie das Spektrum von einerseits von der Industrie vorgegebenen
und vermarkteten und andererseits unabhängigen und selbstständigen Jugendstilen
ist die Bandbreite der politischen Orientierungen in Jugendkulturen. Sie können
sowohl in dem Sinne „links“ sein, als sie herkömmliche Verhaltensweisen, Macht-
strukturen und Hierarchien kritisch hinterfragen und politische Programme ver-
folgen, die sich in Richtung Gleichberechtigung bewegen, als auch in dem Sine
„rechts“, dass sie einen gesellschaftlich weitgehend durchgesetzten demokrati-
schen Standard – wie etwa die Frage nach Gleichheit der Geschlechter – in Frage
stellen oder sogar bekämpfen und undemokratische Ziele verfolgen. Schließlich
können sie in dem Sinne politisch sein, als sie sich vorgeblich nicht für Politik in-
teressieren und lediglich unkritisch und unreÁektiert die ihnen zugedachten Rollen
als KonsumentInnen erfüllen.
Tendenziell erweisen sich jugendkulturelle Angebote für Jugendliche einer ge-
sellschaftlichen Schicht als attraktiv. Dies bedeutet nicht, dass die Zusammenset-
zung jeweils vollkommen homogen nach der sozialen Herkunft wäre, doch haben
14 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

die verschiedenen jugendkulturellen Stile für Jugendliche eines bestimmten Milieus,


was die Bildung, die Umgangsformen und die Einstellungen im Elternhaus betrifft,
eine besondere Anziehungskraft; Jugendkulturen können sowohl an diese anknüp-
fen als auch – im Gegenteil – sich zum Protest und zur Rebellion dagegen eignen.
Schließlich bestehen große Unterschiede beim Grad des Zusammenhaltes: Im
extremsten Fall können Jugendkulturen sich von der restlichen Gesellschaft ab-
schotten, ihre eigenen sozialen Strukturen etablieren und eine „Gegengesellschaft“
aufbauen, es kann sich aber auch um lockere Zusammenschlüsse von Jugendlichen
handeln, die sich an Wochenenden treffen, um zu feiern, ansonsten aber einem
geregelten Leben nachgehen und nicht viel miteinander zu tun haben. Doch auch
Jugendkulturen, die eher individualistisch und auf Freizeit bezogen sind, bilden
intern Normen und Werte aus, die ohne formuliertes Regelwerk befolgt werden
und der Abgrenzung dienen.
Jugendkulturen Ànden an unterschiedlichen Orten statt, von gut sichtbar in der
Öffentlichkeit bis hin zu abgeschotteten Szenetreffs, Kneipen, Discotheken und
Wohngemeinschaften. Die Öffentlichkeit kann dabei bewusst gewählt werden,
weil hier die Sichtbarkeit jugendkultureller Praktiken garantiert ist, aber auch, weil
Jugendlichen keine anderen Räume zur Verfügung gestellt werden, was sie dazu
zwingt, sich „auf die Straße“ zu begeben. Räume können dabei die Bedeutung von
Territorien haben, die eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen für sich rekla-
miert und die sie gegenüber anderen verteidigt.
Jugendkulturen können völlig unterschiedliche Verhältnisse zueinander ausbil-
den: Sie können kaum Berührungspunkte miteinander haben oder sich absichtlich
ignorieren, sie können sich gegenseitig nahestehen und miteinander sympathisie-
ren sowie in Verachtung, Konkurrenz zueinander oder Abneigung und Feindschaft
stehen, die auch mit Gewalt ausgetragen werden kann. Die Abgrenzung der jeweils
anderen Jugendkultur hat dabei die Funktion, die eigene Gruppe aufzuwerten und
dadurch zu stabilisieren, während die andere abgewertet wird. Die Namen der je-
weiligen Jugendkultur können sowohl eigene Bezeichnungen sein als auch begriff-
liche Etiketten, die sie von anderen übergestülpt bekommen.
Bei der Abgrenzung von Jugendkulturen untereinander spielt der Bezug auf
verschiedene Bilder von Geschlecht eine zentrale Rolle, wie es Kurt Möller an-
hand von wechselseitig abwertenden Begriffen über Jungen und junge Männer be-
schreibt:
1.2 Jugendkulturen 15

„Man(n) distanziert sich mal von ‚Machos‘, mal von ‚Weicheiern‘, mal von ‚Frau-
enverachtern‘, mal von ‚Frauenverstehern‘, mal von ‚Proleten‘, mal von ‚Bonzen-
kindern‘, mal von ‚Angebern‘, mal von ‚Losern‘, mal von ‚hirnlosen Dummköp-
fen‘, mal von ‚intellektuellen Besserwissern‘, mal von ‚Kanakencliquen‘, mal von
‚Faschohorden‘, mal von ‚Schwulen‘, mal von ‚Sexisten‘ usw. Kurzum: Der jeweils
bevorzugte bzw. abgelehnte Stil dient dazu, sich im Angebot verschiedener alters-
entsprechender Männlichkeiten und Männlichkeitsmodule soziale Orientierung zu
verschaffen und die eigene Person unter Zuhilfenahme geschlechtlich konturierter
Referenzbezüge sozial zu platzieren.“ (Möller 2014, S. 346)

Wenn Jugendkulturen auf der einen Seite eine Art Avantgarde sind, die Trends
setzt, so gilt für sie allerdings auf der anderen Seite das Gleiche wie für Jugend-
liche insgesamt: Sie werden als Bedrohung gesellschaftlicher Normen betrachtet.
Es sind hierbei vor allem nach Außen orientierte Jugendkulturen, die öffentlich in
Innenstädten, an Bahnhöfen usw. sichtbar sind. Diese stoßen mit ihrer Kleidung,
ihren Frisuren, laut gespielter Musik und einem zum Teil aggressiven Auftreten
auf den Unmut der Bevölkerung. Die Folgen zeigen sich in sogenannten „Moral-
paniken“, in denen Angst erregende Schilderungen über die Gefahr kursieren, die
diese Jugendlichen verbreiten. Besorgte Bürgerinnen und Bürger können sich so
gegenseitig ihre vermeintliche moralische Überlegenheit und Anständigkeit be-
stätigen:

„Das, was an bestimmten Jugendgruppen und -szenen unabhängig von ihrer Zahl
und Größe provoziert, spiegelt Werte wider, die zum jeweiligen historischen Zeit-
punkt die Gesellschaft in ihrem Wesen deÀnieren. Das böse Kollektiv führt auf ne-
gative Weise den Zustand der Gesellschaft vor. Die Gesellschaft versichert sich
ihrerseits mit Hilfe des in der (Medien) Öffentlichkeit geführten kriminologischen
Diskurses der eigenen guten Identität. Das Bild böser, d.h. gefährlicher oder prob-
lematischer Jugend, wird verhandelt in einem Austauschprozeß von Politik, Berufs-
beunruhigten, Medien und Jugendszenen selbst.“ (Findeisen/Kersten 1999, S. 68)

Die Empörung lässt sich besonders gut kanalisieren, wenn die Gruppe, der die
Empörung gilt, durch ein relativ einheitliches Auftreten benannt und identiÀziert
werden kann: Laute Musik, Grenzen verletzendes Verhalten, Unordentlichkeit,
UngepÁegtheit oder ganz allgemein die wirkliche oder nur unterstellte Weigerung,
sich allgemein anerkannten und geforderten Verhaltensstandards unterzuordnen,
sind dabei die Auslöser. Je rigider die gesamtgesellschaftlichen Standards von
„Sauberkeit und Ordnung“ sind, je starrer die Vorstellungen von „anständigem“
Verhalten und einem „korrekten“ Lebenswandel, desto leichter haben es Jugend-
liche, durch ihr Auftreten Aufsehen zu erregen und zu provozieren, ob sie dies nun
beabsichtigen oder nicht.
16 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

BiograÀsch kann die Beteiligung an einer Jugendkultur völlig unterschiedliche


Bedeutung haben; sie kann von den späteren Erwachsenen belächelt und als „Ju-
gendsünde“ empfunden werden, sie kann peinlich verschwiegen oder als Anlass
zur Darstellung von heldenhaften Taten benutzt werden; sie kann auch als lebens-
lange Identität beibehalten werden, wie es zum Beispiel in dem Begriff des „Alt-
Hippies“ zum Ausdruck kommt.
Als die zentralen Motive, sich einer Jugendkultur anzuschließen, nennt Farin,
dass Jugendkulturen in einer immer unübersichtlicheren Gesellschaft Orientie-
rung geben, Heranwachsenden Sinn und Spaß bieten, wobei Musik eine bedeu-
tende Rolle spielt. Jugendkulturen tragen zum Entstehen von Freundschaften bei
und machen ihre Angehörigen öffentlich sichtbar, sie bieten Gemeinsamkeit. Farin
geht davon aus, dass jede und jeder Fünfte unter 21 Jahren zu Beginn des 21. Jahr-
hunderts einer oder sogar mehreren Jugendkulturen angehört (s. Farin 2008, S.
39f).
Kennzeichnend für die Entwicklung der Jugendkulturen seit den 50er Jahren ist
eine enorme Vervielfältigung und DiversiÀzierung der Stile, die dazu geführt ha-
ben, dass die unterschiedlichsten Zeichen der unterschiedlichsten Jugendkulturen
neu zusammengesetzt und kombiniert werden, sodass eine eindeutige Zuordnung
und Abgrenzung immer schwieriger werden:

„Gegenwärtig sind fast alle jugendkulturellen Stilbildungen, die Jugendliche in den


unterschiedlichen Epochen erfanden, anzutreffen. Neu entwickelte Stile lösen die
alten nicht mehr ab, sondern platzieren sich neben diesen und reaktivieren darüber
hinaus längst verschwundene jugendkulturelle Muster. Mehr und mehr ausgefeilter
denn je wird die Bricolage, die Bastelei, in jugendkulturellen Szenen als radikali-
sierte Praxis auf den Ebenen der symbolischen Handlungsformen, der Sprachspiele
und ästhetischen Codes ...“ (Thole 2010, S. 177f)

In der Geschichte der sozialwissenschaftlichen Forschung zur Jugendkultur lassen


sich mit Krüger (Krüger 2010) grob drei Ansätze und Phasen unterscheiden:

1. Bis in die 60er Jahre hinein dominierte der strukturfunktionalistische Ansatz


des US-amerikanischen Soziologen Talcott Parsons (s. Parsons 1973). Dieser
begriff Jugendkultur als eine einheitliche Teilkultur mit der Aufgabe, Her-
anwachsenden beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben die
sozial notwendigen und erwünschten Einstellungen und Verhaltensweisen zu
vermitteln. Jugendkultur – im Singular – steht hier nicht im Gegensatz oder als
Konfrontation zur Gesamtgesellschaft, sie ist vielmehr ein notwendiges Über-
gangsstadium für Jugendliche, um sich auf ihr späteres Leben in einer komple-
xen Gesellschaft vorzubereiten.
1.3 Geschlecht 17

2. Im Gegensatz dazu entwickelten ForscherInnen des Center for Contemporary


Cultural Studies (CCCS) in Birmingham ihren eigenen Forschungsansatz. Die-
se marxistisch orientierte Richtung stellt Klassen und Klassenunterschiede in
den Mittelpunkt der Analyse, leitet die Lebensbedingungen Heranwachsender
aus der Stellung im Produktionsprozess ab und interessiert sich vor allem für
die Frage, ob und wie in Jugendkulturen – beispielsweise Jugendliche in der
Arbeiterschule (s. Willis 1979) oder auch Rocker und Hippies (s. Willis 1981) –
alternative, kritische und oppositionelle Einstellungen und Handlungsweisen in
Bezug zur Mehrheitsgesellschaft vorhanden sind.
3. Schließlich, im Zuge der fortschreitenden Individualisierung in modernen Ge-
sellschaften, dominieren gegenwärtig Konzepte, die die Jugendkulturforschung
unter dem Aspekt „Leben in Szenen“ (s. Hitzler/Bucher/Niederbacher 2001)
betreiben: Jugendkulturen gelten ihnen als „posttraditionale Vergemeinschaf-
tungsformen mit je eigener Kultur. Sie sind dynamisch und Áuide und suchen
vor allem in Mega-Events ein totales Erlebnis, die von Organisationseliten ver-
anstaltet werden.“ (Krüger 2010, S. 14)

In dieser theoretischen Perspektive spielt nicht mehr die Vorbereitung auf das er-
wachsene Berufsleben die zentrale Rolle bei der Analyse, sind auch soziale Her-
kunft, Klassen-, Interessengegensätze und Widerstand nicht mehr bestimmend, an
ihre Stelle sind der Konsum und das Erlebnis getreten.

1.3 Geschlecht

Anhand von wahrgenommener Stimme, Frisur, Kleidung, Mimik, Gestik, Körper-


haltung etc. sind sich Menschen im Kontakt mit anderen Menschen in der Regel
sehr schnell sehr sicher, ob es sich bei ihrem Gegenüber um ein Mädchen/eine
Frau oder einen Mann/einen Jungen handelt. Nicht nur die Wahrnehmung des
Gegenübers, sondern auch die eigene Identität und das Selbstverständnis als Frau
oder Mann sind von der unhinterfragten Zugehörigkeit zum jeweiligen Geschlecht
geprägt. Geschlecht ist weit mehr als eine Eigenschaft unter mehreren, sondern die
zentrale Kategorie für die jeweilige Identität und die Wahrnehmung anderer Men-
schen, mit der zugleich auch unterschiedliche Zuschreibungen verbunden sind:
18 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

„Es ist trivial, darauf hinzuweisen, daß jene Spaltung und Unterscheidung, die die
fundamentalste ist und die fast alle Gesellschaften prägt – die zwischen Männern
und Frauen nämlich – auf kulturell bestimmten emotionalen Gegebenheiten beruht
(und durch sie reproduziert wird.) (Fn) Wer ein wahrhafter Mann sein will, muß
Mut, kühle Rationalität und disziplinierte Aggressivität zur Schau stellen. Feminität
dagegen verlangt nach Freundlichkeit, Mitgefühl und Heiterkeit.“ (Illouz 2007, S.
11)

Die Einteilung in zwei Geschlechter strukturiert die soziale Wahrnehmung und


sorgt dafür, dass nicht nur Menschen, sondern auch unterschiedliche Gegenstände
und Eigenschaften als weiblich oder männlich eingeordnet werden. So gelten z. B.
Schmuck, Hygiene, Blumen, PÁege oder Verzierungen eher als weiblich, ebenso
wie die Eigenschaften weich, fürsorglich, zurückhaltend, emotional, abhängig und
elegant. Als männliches Pendant können Gegenstände wie Werkzeuge, Waffen
und Maschinen, die Attribute hart, entschlossen, aggressiv, rational, dominant und
offensiv genannt werden.
Mit diesen den Menschen im Alltag natürlich und normal erscheinenden fun-
damentalen Einteilungen nach Geschlecht sind zugleich unterschiedliche Sphä-
ren und Zuständigkeiten verbunden; so wird den Mädchen und Frauen eher die
Häuslichkeit, das Emotionale und das Versorgen zugeordnet, während Jungen und
Männer die Außenorientierung, Technik und Rationalität zugesprochen bekom-
men. Innen und Außen markieren zentrale Gegensätze der Geschlechter: der Be-
zug auf das Haus, auf die eigene Innerlichkeit und die eigenen Gefühle im Gegen-
satz zu dem nach Außen Strebenden, Dominanten und Rationalen.
In den körperlichen Präsentationen und Bewegungen gelten als traditionelle
Merkmale Schönheit, Anmut, Eleganz, Zurückhaltung und Verspieltheit als weib-
lich, im Gegensatz zu männlichen Körpern, die sich als überlegen, stark, aggressiv
und zielgerichtet präsentieren.
Die Unterscheidung zwischen weiblich und männlich ist dabei nicht ohne Hie-
rarchie, dem Männlichen wird in der Regel ein Vorrang und eine Höherwertigkeit
gegenüber dem Weiblichen unterstellt: Das Rationale, Starke und Technische gel-
ten dem Emotionalen, Schwachen und Häuslichen als überlegen.
Wenn die Zurichtung und Unterdrückung der Frau über ihren Körper funktio-
niert (s. Bruder-Bezzel 1986), dann gilt dies in zweifacher Weise: in dem Sinn, dass
Mädchen zumeist von klein auf lernen, sich körperlich zurückzunehmen, keine
raumgreifenden Bewegungen zu vollziehen, ihre Körper und ihre Stimmen nicht
aggressiv und laut in Szene zu setzen, sondern eher zurückhaltend und auf sozia-
len Ausgleich bedacht; außerdem noch in dem Sinn, dass der weibliche Körper in
hohem Maße Schönheitsvorstellungen und damit Bewertungen unterliegt. Zahl-
lose Magazine, die einen „attraktiven“ weiblichen Körper propagieren, endlose
1.3 Geschlecht 19

Maßnahmen zur Diät, um die „TraumÀgur“ zu erreichen, Mode und Schminktipps


etc. vermitteln ein Bild, das Frauen vor allem auf ihre körperlichen Attribute re-
duziert. Frau-Sein bedeutet hier, körperlich attraktiv für Männer zu sein und das
eigene Selbstbewusstsein nicht aus sich selbst heraus, sondern von fremden Maß-
stäben abhängig zu machen. Die Anforderungen an Frauen bewegen sich zwischen
„Keuschheit“, Zurückhaltung auf der einen und einem „sexy“ Auftreten und Ele-
ganz auf der anderen Seite.
Doch bedeutet dies nicht, dass der männliche Körper frei von Anforderungen
und Normierungen wäre: Er unterliegt den „Imperativen der Männlichkeit“ (s.
Hollstein 1999, S. 39), die von ihm verlangen, robust und schmerzunempÀndlich
zu sein, die eigene körperliche wie psychische BeÀndlichkeit möglichst zu ignorie-
ren und sich als stark und überlegen zu präsentieren; der männliche Körper zeich-
net sich eher durch Panzerung als durch Offenheit aus. Die Außenorientierung und
das Streben nach Dominanz als männliches Prinzip zeigen sich nicht zuletzt darin,
dass Jungen und Männer deutlich häuÀger Gewalttaten begehen.
Die Höherbewertung des Männlichen muss dabei nicht direkt formuliert oder
behauptet werden, sie kann sich – wie in Teilen der Sozialwissenschaften – auch
darin zeigen, dass das Männliche unhinterfragt als der Maßstab gilt:

„Die meisten klassischen soziologischen Theorien gehen implizit vom Mann als
dem ‚Normalen‘ aus und der Frau als dem ‚Abweichenden‘, wobei sie sich in der
Regel nicht die Mühe machen, dieses ‚Abweichende‘ zu deÀnieren.“ (Baur/Luedtke
2008, S. 7)

In den sozialwissenschaftlichen Ansätzen dagegen, die Geschlecht in den Mittel-


punkt der Analyse stellen, wird zwischen dem natürlichen Geschlecht („Sex“) und
dem sozialen Geschlecht („Gender“) unterschieden, wodurch die Unterschiede
zwischen den Geschlechtern als sozial konstruiert analysiert werden. Vorausset-
zung hierfür ist ein Bruch mit den Alltagsvorstellungen, die „Geschlecht“ und da-
mit angeblich typisch männliches und weibliches Verhalten unhinterfragt, normal
und natürlich betrachten:

„Die Kategorie ‚Frau‘ wird nicht als soziale Gegebenheit, sondern als gesell-
schaftliche Konstruktion betrachtet; ‚Geschlecht‘ nicht mehr nur als eine Natur-
gegebenheit, sondern als kulturelles Zeichen und grundlegende gesellschaftliche
Strukturkategorie; geschlechtliche Identitäten nicht als feste und stabile, sondern
als durchaus variable Größe.“ (Mühlen-Achs 1998, S. 21f)
20 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit erfordert zu seiner Aufrecht-


erhaltung die Einsortierung aller Menschen in die Kategorien weiblich oder männ-
lich. Dieser Prozess beginnt bereits mit der Geburt eines Menschen und bestimmt
die Identität, das Verhalten und die Wahrnehmung anderer Menschen:

„Dieser Vorgang zielt darauf ab, in den zuvor biologisch als männlich klassiÀzier-
ten Individuen eine weitgehende IdentiÀkation mit den vorherrschenden Männlich-
keitsvorstellungen und in den biologisch als weiblich klassiÀzierten Individuen eine
weitgehende IdentiÀkation mit den kulturellen Weiblichkeitsaspekten herbeizufüh-
ren.“ (Mühlen-Achs 1998, S. 27)

In konstruktivistischer Perspektive ist „Geschlecht“ vor allem eine bipolare Zu-


schreibung und keine Eigenschaft, die einem Menschen zukommt oder innewohnt,
sondern eine „Vollzugswirklichkeit“ (Villa 2006, S. 90). Die Ausschließlichkeit
der bipolaren Ordnung, die nur entweder weiblich oder männlich kennt, zeigt sich
unter anderem daran, dass transsexuelle oder intersexuelle Menschen als „Stör-
fall“ angesehen und dementsprechend als behandlungsbedürftig deÀniert werden.
Die konkrete Vollzugswirklichkeit des jeweils eigenen Geschlechts geschieht
im „Doing Gender“, in dem Menschen ihre Geschlechtszugehörigkeit in der Regel
unmissverständlich präsentieren. Das Doing Gender ist dabei nicht als eine künst-
liche Rollenerfüllung zu verstehen, sondern wird von Frauen wie Männern in den
allermeisten Situationen unreÁektiert und in diesem Sinne „natürlich“ vollzogen.
Wie Paula-Irene Villa ausführt, ist diese unmissverständliche Darstellung des
eigenen Geschlechts von verschiedenen Anforderungen abhängig, um intersubjek-
tiv glaubwürdig zu sein (s. Villa 2006, S. 90); hierzu zählt die Darstellung und
Wahrnehmung des Geschlechtes als unhinterfragt, lebenslang, dichotom und bio-
logisch legitimiert:

• unhinterfragt: Die Zugehörigkeit zum jeweiligen Geschlecht wird nicht in


Zweifel gezogen
• lebenslang: Es wird davon ausgegangen, dass das Gegenüber schon immer
diesem Geschlecht angehört hat; so wäre es irritierend, wenn ein erwachsener
Mann von seiner Kindheit als Mädchen sprechen würde
• dichotom: Ein Mensch wird entweder als weiblich oder als männlich wahrge-
nommen, es gibt keinen Raum dazwischen
• biologisch legitimiert: Auch wenn sie meist verdeckt bleiben, geht man davon
aus, dass das Gegenüber über Geschlechtsteile verfügt, die seiner Geschlechts-
darstellung entsprechen
1.3 Geschlecht 21

Vor dem Hintergrund der Zweigeschlechtlichkeit ist jedes Individuum dafür ver-
antwortlich, sein eigenes Geschlecht eindeutig darzustellen, wofür ihm Ressour-
cen wie Mimik, Gestik, Kleidung, Tätigkeiten etc. zur Verfügung stehen.
Zugleich ist jedes Individuum in den meisten Fällen auch in der Lage, das Ge-
schlecht der Anderen zu identiÀzieren:

„Das heißt, jemand ist nicht nur für das eigene Geschlecht verantwortlich bzw.
zuständig, sondern auch immer für das der anderen an der Handlung beteiligten
Personen. Diese Zuständigkeit macht jedes Individuum zu einem Betrachter/in, der/
die mit den Darsteller/innen (meistens unbewusst) zusammenarbeitet. Es besteht
also eine soziale Beziehung zwischen Darsteller/in und Betrachter/in. Als Betrach-
ter/in weisen Personen einer anderen Person ein Geschlecht zu.“ (Villa 2006, S. 91f)

Die bipolare Einteilung in entweder weiblich oder männlich ist dabei weltweit mit einem
krassen Unterschied von Macht, Geld und Besitz zugunsten der Männer verbunden:

„Wäre die Menschheit ein Dorf mit 100 Menschen, sähe dies folgendermaßen aus:
52 Personen wären weiblich, 48 männlich. 57 wären asiatisch, 21 europäisch, 8
afrikanisch. 70 Menschen wären Nichtweiße, ebenfalls 70 wären Nichtchristen.
Ein einziger Mann würde 40 Prozent des Dorfvermögens besitzen. 80 Menschen
hingegen in ärmlichen, mangelhaften Behausungen, 50 wären unterernährt. Die
meisten wären also weiblich, arm und hätten nicht genug zu essen.“ (Zit. n. Scheub
2010, S. 66f)

Dieses weltweit bestehende Ungleichgewicht, die Privilegierung von Männern


gegenüber Frauen, bezeichnet Connell mit dem Begriff der „hegemonialen Männ-
lichkeit“. Hegemoniale Männlichkeit ist ein durchgängiges und zentrales Phäno-
men, das als Struktur und wesentliches Merkmal von Herrschaft auch die west-
lichen Gesellschaften kennzeichnet:

„In der derzeitigen westlichen Geschlechterordnung ist die wichtigste Achse der
Macht die allgegenwärtige Unterdrückung von Frauen und die Dominanz von Män-
nern – eine Struktur, welche die Frauenbewegung als ‚Patriarchat‘ bezeichnet hat.
Trotz zahlreicher Ausnahmen (...) besitzt diese Struktur Allgemeingültigkeit.“ (Con-
nell 2000, S. 94)

Obwohl es Frauen gibt, die im Vergleich zu konkreten Männern über mehr Ver-
mögen, Prestige und Macht verfügen, proÀtieren Männer als soziale Gruppe nach
Connell insgesamt von einer „patriarchalen Dividende“, die ihnen die männliche
Hegemonie sichert.
22 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

Männliche Hegemonie zeigt sich u. a. im durchschnittlich höheren Vermögen


und Verdienst von Männern und daran, dass Männer wesentlich häuÀger in Füh-
rungspositionen anzutreffen sind als Frauen. „Typische“ Berufe für Männer Ànden
sich in Arbeiten, die körperlichen Einsatz erfordern, sowie in technischen und lei-
tenden Berufen; weibliche Tätigkeiten sind meist durch Unterordnung, Bedienen
und Hilfsfunktionen (Arzthelferin, AnwaltsgehilÀn etc.) gekennzeichnet, zudem
in Professionen, die ein „gekauftes Herz“ (Hochschild 2006) erfordern wie bei
PÁege- oder Erziehungsberufen und ansozialisierte „weibliche“ Eigenschaften wie
Zurückhaltung, HöÁichkeit, „Charme“ und ein gepÁegtes Äußeres voraussetzen,
wie bei Verkäuferinnen, Stewardessen und Hostessen.
Gerade weil es sich um soziale Konstruktionen handelt, ist das Geschlechter-
verhältnis keine starre Relation, sondern ein Feld der Auseinandersetzungen: His-
torische Beispiele wie der Kampf um das Wahlrecht von Frauen, die Auseinander-
setzungen darum, ob Frauen vertragsfähig sind oder nicht, aktuelle Diskussionen
wie der Kampf um gleiche Löhne für Frauen, um Frauenquoten in politischen und
wirtschaftlichen Gremien sind immer auch Auseinandersetzungen darum, über
welche Rechte und Freiräume das jeweilige Geschlecht verfügen soll.
Ebenso historisch wandelbar sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, wie der
„richtige“ Mann oder die

„richtige Frau zu sein haben. So war in Deutschland bis zum 2. Weltkrieg das Ideal
des militärischen Mannes mit Eigenschaften wie Disziplin, Mut und Kampfbereit-
schaft dominant, das nach dem Zweiten Weltkrieg tendenziell durch die herrschen-
de Männlichkeit der Führungskraft und des Ingenieurs abgelöst wurde“ (Baur/
Luedtke 2008, S. 11).

Umgekehrt hat sich das Bild von Weiblichkeit von der treusorgenden Hausfrau
und Mutter hin zur karrierebewussten und attraktiven Powerfrau verschoben, die
nebenbei noch Kinder aufzieht.
Obwohl Geschlecht die zentrale gesamtgesellschaftliche Kategorie ist, variiert die
jeweilige Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit innerhalb einer Gesell-
schaft je nach sozialer Position erheblich. Vor allem Menschen aus unterprivi-
legierten sozialen Schichten neigen dazu, bei ihrer Geschlechterdarstellung auf
klassische und traditionelle Muster zurückzugreifen:
1.3 Geschlecht 23

„Die befragten Frauen aus den unteren Klassen identiÀzieren sich demgegenüber
viel stärker mit ihrem Aussehen und sind, sofern sie im Dienstleistungsbereich
arbeiten, auch beruÁich mehr gefordert, auf ihr Äußeres zu achten. Besonders junge
Frauen und Singles aus der unteren Klasse berichten, anders als Frauen der oberen
Klasse, ihre Figur im Rahmen von intensiven Fitnessprogrammen modellieren zu
wollen ...“ (Penz 2010, S. 186)

Als Pendant dazu verkörpern Männer aus unterprivilegierten sozialen Schichten eine
Geschlechterdarstellung, die sich am traditionellen Männlichkeitsbild orientiert:

„Solche Männer unterliegen am ehesten der Gefahr, auf der Suche nach Ergänzun-
gen und Kompensaten einer fragilen Männerrolle auf naturalistische Konzepte von
Maskulinität und auf die ‚männliche Dividende‘ zurückzugreifen, um ihre alltäg-
liche Handlungsfähigkeit zu erhalten (...)“ (Böhnisch 2006, S. 281).

In sozial unterprivilegierten Milieus dient Geschlecht als Ressource, weshalb –


mangels Ànanzieller Möglichkeiten und gesellschaftlicher Macht – eine traditio-
nelle, demonstrative und unmissverständliche Geschlechterdarstellung bei Frauen
wie Männern bevorzugt wird.
In ihrer Sozialisation werden Kinder von Geburt an einem Geschlecht zuge-
ordnet und sie wachsen in eine Gesellschaft hinein, in der die Unterscheidung von
männlich und weiblich überall vorzuÀnden ist: Von der Kinderleidung in Rosa
oder Blau über Sportveranstaltungen für Mädchen oder Jungen, das Rollenverhal-
ten in Elternhaus und pädagogischen Einrichtungen bis hin zu den Geschlechter-
bildern in den Medien erfahren sie alltäglich, was ein „richtiges“ Mädchen oder
einen „richtigen“ Jungen ausmacht. Doch auch hier variiert die Rigidität der Vor-
stellungen von und Anforderungen an Geschlecht, wodurch auch der Spielraum
und die Möglichkeiten an Kritik variieren.
Die jeweilige Geschlechtszugehörigkeit kann dabei mit einem subjektiven Lei-
den verbunden sein, mit der Angst, nicht als „richtiges Mädchen“ oder „richtiger
Junge“ anerkannt zu werden und an Ansehen zu verlieren.
Als relativ autonome Sphären verfügen Jugendkulturen potenziell über die
Möglichkeit, sich kritisch zu vorgegebenen Geschlechterrollen zu verhalten, Alter-
nativen zu gängigen Klischees zu entwickeln und zu praktizieren, mit Geschlech-
terrollen zu spielen, mit ihnen zu brechen und damit eventuell auch zu provozie-
ren. Tendenziell allerdings reproduzieren sich in ihnen – relativ unabhängig von
der jeweiligen politischen Orientierung – die gesamtgesellschaftliche männliche
Hegemonie und die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, dass das Männliche
das Normale ist. Klaus Farin stellt fest, dass
24 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

„fast alle Jugendkulturen eigentlich Jungenkulturen sind, in denen Frauen nur


einen marginalen Anteil stellen. Bei den Skinheads beträgt die Geschlechterrela-
tion ungefähr 5:1 zugunsten (oder ungunsten) der Männer, und das gilt sowohl für
die rechte Fraktion als auch für die anderen, nicht rechtsradikalen, ‚unpolitischen‘
oder sogar antirassistisch engagierten Skinheads. Bei den Neonazis herrscht das
gleiche Zahlenverhältnis vor (...). Bei der radikalen Linken – Antifa, Autonome,
Antideutsche usw. – sieht es nicht wesentlich besser aus. Die Hooligans bilden zu
100 Prozent eine frauenfreie Zone. Auch die großen Musikkulturen (...), die Sport-
szenen (...) und die Computer(spieler)szenen sind männlich dominiert.“ (Farin
2008, S. 37f)

Männliche Dominanz bezieht sich hierbei zunächst auf das rein quantitative Ver-
hältnis der Geschlechter zueinander innerhalb der jeweiligen Jugendkultur; so ist
es in verschiedenen Jugendszenen üblich, Mädchen und junge Frauen weniger als
eigenständige Personen zu betrachten und benennen, sie gelten eher als „Freundin
von“ und werden über ihre Beziehung(en) zu Jungen deÀniert.
Männliche Dominanz zeigt sich darüber hinaus auch in den Vorstellungen von
Weiblichkeit und Männlichkeit, und – damit verbunden – bei den jeweils domi-
nierenden Werten und das, was Jungen oder Mädchen sich jeweils „herausneh-
men“ dürfen, das heißt, wie starr die Vorstellungen von Geschlecht praktiziert
und gefordert werden, um Anerkennung zu erhalten. Ebenso wie jugendkulturelle
Stile politisch nicht per se „rechts“ oder „links“ sind, unterscheiden sie sich auch
hinsichtlich ihrer Geschlechtervorstellungen; sie können reaktionäre Vorstellun-
gen und Verhaltensweisen reaktivieren als auch Alternativen zum Bestehenden in
Richtung Gleichheit von Mädchen und Jungen praktizieren, sie können Geschlech-
terbilder lockern oder auch spielerisch mit ihnen umgehen und sie ironisieren. Für
Jungen haben dabei Jugendkulturen eine andere Funktion als für Mädchen: Mäd-
chen erleben in ihrer Sozialisation schon frühzeitig die Anwesenheit von erwach-
senen Frauen, der eigenen Mutter, dem überwiegend weiblichen Personal in Kin-
dereinrichtungen und Grundschule und können von daher schon früh Erfahrungen
in Kontakt mit erwachsenen Menschen ihres Geschlechts sammeln. Im Gegensatz
dazu bietet sich Jungen in der Kindheit selten Gelegenheit, Kontakt mit anderen
Männern zu erfahren:

„Die Clique ist dann die soziale Gesellungsform, in der man nun zum ersten Mal
richtig ‚unter Männern‘ sein kann, nachdem in Familie, Kindergarten und Schule
Frauen den Alltag dominiert haben und männliche Vorbilder rar waren.“ (Böh-
nisch 2014, S. 24)
1.4 Sexualität 25

Jugendkulturen als tendenzielle Jungenkulturen bieten Jungen zudem die Mög-


lichkeit, sich durch Mutproben, aggressives Auftreten, risikoreiches und riskantes
Verhalten als „echte Männer“ in Szene zu setzen, wobei ihnen dabei aus Erman-
gelung realer Männer mediale Bilder von Männern wie Sportler oder Filmhelden
als Vorbilder dienen.
Zentrale Bedeutung und Vorbildcharakter haben für Mädchen wie Jungen in
Jugendkulturen die angesagten Stars und Bands, die mit ihrem Auftreten – ob ge-
wollt oder nicht – Botschaften über Geschlecht und Sexualität vermitteln: Verkör-
pern sie in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung, ihren Bewegungen eher traditionelle
Geschlechterbilder oder geben sie Raum für eine Aufweichung rigider Muster, ent-
wickeln sie Alternativen oder stellen die Geschlechterordnung sogar auf den Kopf?
Thematisieren und problematisieren sie in ihren Texten „Geschlecht“ oder reprodu-
ziert ein machohaftes Auftreten von Musikern und „sexy“ Auftreten von Musike-
rinnen mit dementsprechenden Inhalten der Songs lediglich bestehende Klischees?

1.4 Sexualität

Der Sexualpädagoge Sielert sieht die Schwierigkeiten einer einheitlichen DeÀni-


tion von Sexualität in der „Widerborstigkeit“ des Gegenstandes:

„Sexualität zu deÀnieren, macht einige Mühe. Sexualität umfasst zu viel und zu


Widersprüchliches, ist weitgehend dem Irrationalen und Unbewussten verhaftet.
Kurz: Die Widerborstigkeit dessen, was menschliche Sexualität darstellt, sträubt
sich gegen jede rational einsichtige Benennung ...“ (Sielert 2005, S. 37)

Die Widerborstigkeit von Sexualität besteht vor allem darin, dass sich Sexuali-
tät nicht festlegen lässt, sondern zwischen extremen und widersprüchlichen Polen
empfunden und praktiziert werden kann: Sexualität kann mit Zärtlichkeit, Ge-
borgenheit und Liebe verbunden sein, ebenso mit Gewalt und Unterdrückung
und gegen den Willen einer oder eines anderen; sie kann Ausdruck von tiefer Zu-
neigung sein oder auch nur zum Zeitvertreib stattÀnden; sie kann auf ehrlichen
gegenseitigen Gefühlen beruhen oder gegen Geld ge- und verkauft werden; sie
kann als Technik oder als Liebeskunst aufgefasst und praktiziert werden, sie kann
als lustvoll und erfüllend oder unbefriedigend empfunden werden; sie kann voller
Scham- und Schuldgefühle sein als auch befreit ausgelebt werden; sie kann im
Mittelpunkt des Lebens stehen und süchtig machen oder als überÁüssig und lästig
empfunden werden, sie kann sowohl intim als auch öffentlich, befriedigend und
enttäuschend verlaufen und schließlich kann sie erlaubt sein und verboten werden.
26 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

Diese Komplexität und Widersprüchlichkeit macht es kaum möglich, einen ein-


heitlichen Kern von Sexualität festzulegen. Unstrittig ist allerdings, dass Sexualität
kulturell und historisch äußerst wandelbar ist. In diesem Sinne ist Sexualität auch
immer politisch, ein umkämpftes Feld, auf dem die unterschiedlichsten Gruppen
darum kämpfen, was zum einen unter Sexualität zu verstehen ist und was zum
anderen als sexuelle Praxis und Begehren gestattet sein soll:

„Dem Bereich der Sexualität wohnen eine eigene Politik, eigene Ungerechtigkei-
ten und eigene Formen der Unterdrückung inne. Wie andere Aspekte menschlichen
Verhaltens sind auch die konkreten institutionellen Formen der Sexualität zu jeder
gegebenen Zeit und an jedem gegebenen Ort Produkte menschlichen Handelns. Sie
sind von InteressenskonÁikten und politischen Manövern durchdrungen, sowohl
von bewußten als auch von zufälligen. In diesem Sinne ist Sex immer politisch.“
(Rubin 2003, S. 31)

Dass Sexualität ein Feld der politischen Auseinandersetzungen ist, zeigt sich vor
allem in Zeiten, in denen verschiedene Gruppen wie zum Beispiel Homosexuel-
le ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einfordern, in denen Änderungen im
Sexualstrafrecht diskutiert werden, in denen neue Medien mit sexuellen Inhalten
auf den Markt drängen oder sich die Praktiken und das Selbstverständnis bezüg-
lich des Sexuellen in Teilen der Bevölkerung geändert haben und der Status quo
gefährdet scheint.
In diesen politischen KonÁikten spielt das Bild einer angeblichen „natürlichen“
Sexualität eine zentrale Rolle; durch den Bezug auf eine unterstellte „Natürlich-
keit“ von Sexualität wird eine Trennlinie geschaffen, mit einer „natürlichen“,
dementsprechend „normalen“ Sexualität auf der einen und einer „abweichenden“,
„perversen“ oder auch „kranken“ Sexualität auf der anderen Seite. Der Bezug auf
eine – wie auch immer geartete – natürliche menschliche Sexualität ist somit auch
Ausdruck von Interessen unterschiedlichster Art:

„Wer von ‚natürlicher‘ Sexualität als biologisch vorausgegebener, gesunder, nor-


maler, richtiger, als nur gesellschaftlich überlagerter oder als der ungebrochenen,
ungehemmten des ‚einfachen‘ Menschen redet, leugnet die gattungsspeziÀsche Na-
türlichkeit des Menschen, die in seiner gesellschaftlichen Geschichtlichkeit besteht,
will menschenfeindliche medizinische Attacken rechtfertigen (Beispiel: Psychochi-
rurgie), will entschuldigen und vorm ZeigeÀnger bewahren (Beispiel Homosexuali-
tät), entwürdigt die Entwürdigten zusätzlich (Beispiel: sog. Arbeitersexualität), will
‚alternative‘ Lebensformen unter die Leute bringen (Beispiel: Psychosekten), kocht
sein eigenes Süppchen und hat Grund dazu.“ (Sigusch 1988, S. 187f)
1.4 Sexualität 27

Auf der konkreten politischen Ebene zeigen sich die Auseinandersetzungen um


Sexualität in zumeist höchst emotionalen KonÁikten: Von der Frage, ob Schwan-
gerschaftsabbrüche zulässig sein sollen, über die Legitimität von Homosexuali-
tät, der Erlaubnis des Konsums von Pornographie, den Diskussionen, ob und was
Kindern und Jugendlichen im Sexualkundeunterricht vermittelt werden soll bis
hin zum Umgang mit Sexualstraftaten handelt es sich um soziale Auseinanderset-
zungen, die von unterschiedlichsten Gruppen mit unterschiedlichsten Interessen
ausgefochten werden. Zentral sind hierbei die Fragen, was erlaubt sein soll, was
als normal und gesund zu gelten hat und welche Konsequenzen auf Abweichungen
erfolgen sollen. Diese Gesetze wiederum bestimmen den Freiheitsgrad der und
des Einzelnen, sie legen fest, was sexuell legal oder verboten ist und was dement-
sprechend bestraft oder therapiert werden soll.
Durch Normierungen und Tabus ist Sexualität ein Thema, das geeignet ist, Auf-
sehen zu erregen: Angebliche oder wirklich sexuelle Vorlieben oder Affären von
Prominenten, öffentliche Regelverstöße oder Sexualstraftaten tragen zur AuÁa-
gensteigerung von Zeitschriften und erhöhten Einschaltquoten bei.
Der Versuch, ihr rational zu begegnen, zeigt sich in den wissenschaftlichen
Disziplinen, die mit unterschiedlichen Fragestellungen und Methoden versuchen,
Sexualität zu erforschen.
Sexualität ist Gegenstand von Biologie und Medizin, die sich mit den körper-
lichen Grundlagen befassen und zudem Objekt einer streng empirischen Wissen-
schaft, die Daten über das menschliche Sexualverhalten sammelt, den Fragen
nachgeht, wann, wie und wie oft und mit wem Menschen Sexualität praktizieren,
wie es Alfred Kinsey tat:

„Zwischen 1938 und 1953 interviewte er zusammen mit seinen Mitarbeitern viele
tausend Männer und Frauen über ihr Sexualverhalten und publizierte dieses Mate-
rial in zwei dickleibigen Wälzern (...): streng wissenschaftlich, kühl und distanziert
geschrieben, voller komplizierter Zahlenkolonnen und Tabellen.“ (Schmidt 1988,
S. 13)

Im Rahmen der Forschung zur Sexualtherapie wurden vor allem die körperlichen
sexuellen Reaktionen von Frauen wie Männern gemessen. Virginia Johnson und
William Masters, Pioniere der Sexualtherapie aus den Vereinigten Staaten, „zer-
legten den Ablauf der „sexuellen Reaktionen“ in deÀnierte Abschnitte – Erre-
gungsphase, Plateauphase, Orgasmusphase, Rückbildungsphase – und zählten auf,
was bei einem „richtigen“ Orgasmus alles passiert – Atem- und Herzbeschleuni-
gung, Kontraktionen der Scheide, Farbveränderungen am Körper usw. Ihre Ergeb-
nisse geben sozusagen eine Checkliste des adäquaten Sexualverhaltens her: War
28 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

die Erregungsphase – so kann man sich und den Partner oder die Partnerin jetzt
fragen – zu lang, zu kurz, war sie gut koordiniert; war das Plateau auf gleichem
Niveau, der Orgasmus richtig, intensiv, multipel, gemeinsam; die Entspannung da-
nach tief, das Ganze spontan und echt?“ (Schmidt 1988, S. 16f)
Schließlich wird Sexualität auch im Rahmen der Sozialwissenschaften thema-
tisiert, wobei tendenziell zwischen progressiven und konservativen Richtungen
unterschieden werden kann:

„Während die Progressiven die Befreiung der Sexualität aus den gesellschaftlichen
Zwängen thematisierten (...), sprachen die Konservativen über ihre Angst vor dem
Triebhaften und dem Zerfall der Institutionen.“ (Görgens 1992, S. 287f)

Zentral bei dieser Auseinandersetzung ist die Frage des Verständnisses von Se-
xualität, das zu Grunde gelegt wird: Ist sie ein humanes und soziales menschliches
Bedürfnis, das durch gesellschaftliche Bedingungen und Unterdrückung an einer
ungefährlichen Entfaltung gehindert wird, oder ein gefährlicher Trieb, der durch
gesellschaftliche Normen und Gesetze gebändigt werden muss?
Die sexualwissenschaftlichen Fraktionen der Konservativen und der Progressi-
ven sind ideologisch auch in den sexualpolitischen Positionen vorzuÀnden: auf der
einen Seite konservative Vorstellungen, denen zufolge Sexualität als prinzipiell ge-
fährlich gilt. Sie muss deswegen auch in Bahnen gelenkt werden, um sie beherrsch-
bar zu machen und zu „entschärfen“. Ein konservatives Bild von Sexualität bezieht
sich auf konservative Bilder der Geschlechter, denen zufolge Männer eine nach
außen drängende, aggressive Sexualität haben, während Frauen zurückhaltend
sind. Insbesondere der männliche „Trieb“ bekommt hier eine Gefährlichkeit zu-
geschrieben, die unter Kontrolle gehalten werden muss. Frauen gelten demgegen-
über als weniger triebbestimmt, sie werden zum einen als durch Männer gefährdet
betrachtet und zum anderen als verführerisch und in diesem Sinne gefährlich, weil
sie die männliche Sexualität herausfordern. Als Maßnahmen, die Sexualität zu
beherrschen, gilt die Ehe zwischen Mann und Frau mit einer dementsprechenden
Zuordnung der Geschlechter, andere Formen von praktizierter Sexualität oder Be-
ziehungen gelten als suspekt oder sogar als zu bekämpfen.
Die Progressiven dagegen beziehen sich auf die Lustmöglichkeiten von Sexua-
lität; ihnen gelten Verbote und Tabus als tendenziell überÁüssige Einschränkun-
gen, hier steht die Selbstbestimmung der Menschen jenseits von Traditionen im
Mittelpunkt. Grundlegend hierfür ist die Annahme einer „natürlichen“ Sexualität,
die an ihrer Entfaltung durch Tabus und allzu strenge Moral gehindert wird; den
Menschen wird grundsätzlich das Recht auf ein selbstbestimmtes und lustvolles
Sexualleben zugestanden.
1.4 Sexualität 29

Die konservative und die progressive Grundhaltung spiegeln sich auch in den
Vorstellungen darüber wider, wie mit Kindern zum Thema Sexualität umgegangen
werden soll. Die traditionelle Richtung lässt sich mit Koch als „negative Sexual-
erziehung“ bezeichnen, die Kindern und Jugendlichen Angst vor allem Sexuellen
machen soll:

„Legion sind die Schadenssuggerierungen, die die Pädagogik für die Masturbation
bereithielt; Geschlechtskrankheiten wurden als methodisches Vehikel zur Abschre-
ckung eingesetzt. Vorehelicher Geschlechtsverkehr war gleichbedeutend mit dem
restlosen Scheitern der Erziehung. Der Homosexuelle wurde in dieser Pädagogik
sogleich in den Bereich des Kriminellen verwiesen.“ (Koch 1996, S. 19)

Als Gegenpol dazu kann die emanzipatorische Sexualerziehung gesehen werden,


die auf weitestgehende Selbstbestimmung und ReÁexion von Kindern und Jugend-
lichen setzt:

„Emanzipation in diesem Sinne ist die Befreiung von Vorurteilen; aber auch die
Erziehung zu Toleranz ... Emanzipatorische Sexualerziehung kann nicht nur über
den Kopf realisiert werden. Sie muß Möglichkeiten eröffnen, sich mit der eigenen
Sexualität auseinanderzusetzen, mit der eigenen sexuellen Sozialisation, mit den
eigenen Wünschen und Begierden, aber auch mit den berechtigten und unberechtig-
ten Einschränkungen dieser Strebungen.“ (Koch 1996, S. 22)

Wie Sexualität, SexualempÀnden und Sexualverhalten ist auch speziell Jugend-


sexualität ein Forschungsgegenstand: Das Alter bei der ersten Selbstbefriedigung,
beim ersten Brustpetting, dem ersten Genitalpetting, der ersten Verabredung, des
ersten Verliebtseins, beim ersten Kuss oder dem ersten Geschlechtsverkehr, die
Einstellungen von Jugendlichen zu Sexualität und die Rolle ihrer Eltern sowie der
Schule bei der Sexualaufklärung werden wissenschaftlich erhoben.
Jugendkulturen mit ihren jeweiligen Cliquen und Szenen bieten Jugendlichen
die Möglichkeit, sexuelle Beziehungen untereinander einzugehen, weil sie hier auf
Mädchen wie Jungen treffen, mit denen sie aufgrund ähnlicher Vorlieben in Bezug
auf Kleidung und Musik große Übereinstimmung haben.
Wenn es – bezogen auf Jugendliche allgemein sowie auf Jugendkulturen – eine
Klage über Verfall von Sitte und Anstand sowie Moralpaniken hinsichtlich des
Verhaltens von Heranwachsenden gibt, dann ist der Bereich der Sexualität Jugend-
licher besonders geeignet, Empörung und Entsetzen bei Erwachsenen hervorzu-
rufen: Gewollte oder ungewollte Schwangerschaften von Mädchen und jungen
Frauen, grassierende Geschlechtskrankheiten, Sexualität ohne tiefere emotionale
30 1 Jugend(kulturen), Geschlecht und Sexualität

Bindung und Liebe, ohne die erforderliche seelische wie körperliche „Reife“; die
Gefahr des „Erwachens“ der Sexualität durch die Geschlechtsreife bei Mädchen
wie Jungen, die Gefahr sexueller Enthemmung und moralischer Desorientie-
rung durch den Konsum verschiedenster Medien sind Gegenstand der Debatten,
die Erwachsene über die Sexualität Jugendlicher führen. Zentral ist hier die Be-
sorgnis über die Entwicklung von Heranwachsenden, die in diversen Schutz- und
Gefahrendiskussionen zum Ausdruck kommt, in denen darüber debattiert wird,
was Kindern und Jugendlichen zugemutet werden kann, wo die Gefahren für eine
„gesunde“ sexuelle Entwicklung für Jugendliche liegen, wobei diese selbst wie-
derum Gegenstand der verschiedenen Diskussionen sind. Die Möglichkeiten von
Jugendlichen, ihre sexuellen Bedürfnisse auszuleben, werden dabei von Erwach-
senen – Eltern, PädagogInnen und Gesetzen – bestimmt. Insofern sind die Bedin-
gungen, unter denen sie ihr Sexualleben entwickeln können, äußerst unterschied-
lich: Unterliegen sie strengen Verboten und Kontrollen oder werden sie mit ihren
sexuellen Bedürfnissen akzeptiert, werden sie aufgeklärt und in der Entwicklung
ihrer Sexualität respektiert oder müssen sie sich Freiräume gegen den Widerstand
von Erwachsenen erkämpfen: Freiräume als Räume, die die Möglichkeit bieten,
ohne Kontrolle und Einmischung von erwachsenen Menschen Sexualität leben zu
können.
Sexualität ist in der gegenwärtigen Gesellschaft allgegenwärtig: Zahllose An-
gebote im Internet, (halb) nackte Körper in der Werbung, erotische und sexuelle
Darstellungen in Filmen gehören in den westlichen Gesellschaften zum Alltag.
Sexualität wirkt hier als Kaufanreiz und Motor des Konsums. Dies gilt ebenfalls
für eine große Anzahl der Produkte der Kulturindustrie und natürlich auch für
die Produkte der Jugendkultur: Hier spielt der Umgang mit Sexualität und Kör-
perlichkeit eine zentrale Rolle, und hier besteht derselbe Zusammenhang wie bei
anderen Moralpaniken: Je tabuisierter Sexualität ist, je starrer die Vorstellungen
von „anständiger“ Sexualität in der Mehrheit der Gesellschaft sind, desto einfa-
cher ist es, Skandale und Erregung zu erzeugen. Anheizende Rhythmen, erotische
Bewegungen der MusikerInnen, „freizügige“ Kleidung und sexuelle Anspielungen
in Texten erregen dann Aufsehen und Empörung und sorgen nicht selten für eine
Umsatzsteigerung der jeweiligen Produkte. Die VertreterInnen der althergebrach-
ten Sexualordnung fühlen sich verpÁichtet und aufgefordert, vor moralischem Nie-
dergang und Sittenverfall zu warnen und ihre Vorstellungen von „anständiger“
Sexualität zu verteidigen.
Die fünfziger Jahre
2

2.1 Wiederaufbau und Restauration

Mit der Währungsreform 1948 in den besetzten Westzonen Deutschlands, der da-
mit verbundenen Einführung der D-Mark und der Wahl Konrad Adenauers zum
Kanzler der Bundesrepublik Deutschland begann die Geschichte der BRD und
wurde die Spaltung Deutschlands in DDR und BRD festgeschrieben. Adenauer,
der bis 1963 Kanzler blieb, wurde zur zentralen Figur der bundesdeutschen Politik
in der Nachkriegszeit.
Der Gründung der Bundesrepublik gingen 12 Jahre faschistischer Terrorherr-
schaft voraus, die vielen Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern das Leben
kostete und weitere Millionen von Toten in den Lagern der Nazis forderte.
Die brutale und rücksichtslose Durchsetzung eines faschistischen Menschen-
bildes, das Menschenleben in „wertes“ und „unwertes“ einteilte, die Entfesselung
des Zweiten Weltkrieges, die Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden in
den Konzentrationslagern sind von historisch einmaligem und erschreckendem
Ausmaß.
Der Jugend kam in den Plänen der Nazis eine besondere Rolle zu, galt sie doch
als „unverdorben“ und formbar; sie sollte durch permanenten Drill und lückenlose
Kontrolle in den Jugendorganisationen auf die Ziele des deutschen Faschismus
eingeschworen werden:

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_2,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
32 2 Die fünfziger Jahre

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes, als deutsch denken, deutsch handeln,
und wenn diese Knaben mit 10 Jahren in unsere Organisation hineinkommen und
dort oft zum ersten Male überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann
kommen sie 4 Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, dort behalten wir sie
wieder 4 Jahre und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer
alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die
Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK usw.“ (A. Hitler,
zit. n. Keim 1995, S. 18)

Deutlich wird, dass mit „dieser Jugend“ die männliche Jugend gemeint war, die
durch Zucht, Unterordnung, Kontrolle und eine harte Erziehung zu soldatischen
und kampfbereiten Jungen, „zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und Áink wie die
Windhunde“, abgerichtet werden sollte.
Die Mädchen hingegen sollten zu treuen und fürsorglichen Müttern erzogen
werden mit der Aufgabe, „Kinder für den Führer“ zu gebären. Als Massenorgani-
sation für sie hatten die Nazis den „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) gegründet mit
einer deutlichen Orientierung an einem konservativen Rollenverständnis:

„Wir wollen darum bewußt politische Mädel formen. Das bedeutet nicht: Frauen,
die später in Parlamenten debattieren oder diskutieren, sondern Mädel und Frau-
en, die um die Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes wissen und dement-
sprechend handeln.“ (Jutta Rüdiger, BDM Reichsreferentin, zit. n. Klönne 2003,
S. 87)

Die Pläne der Nazis, nicht zuletzt mit Hilfe einer auf ihre Ideologie eingeschwore-
nen Jugend der „arischen Rasse“ weltweit zur Vorherrschaft zu verhelfen, führten
zu einem Europa in Trümmern und unvorstellbarem menschlichem Leid, das „tau-
sendjährige Reich“ endete mit der totalen Katastrophe.
Wesentlichen Anteil am Aufstieg und an der Herrschaft des Faschismus in
Deutschland hatte dabei die Industrie: Reiche Geldgeber hatten die Nazis schon
vor der sogenannten „Machtergreifung“ 1933 Ànanziell unterstützt und konnten
sich von der Hitlerregierung lukrative Rüstungsaufträge, die Übernahme von jü-
dischen Firmen, billige Arbeitskräfte aus den eroberten Gebieten und eine Aus-
schaltung von oppositionellen Kräften wie Gewerkschaften, der kommunistischen
und sozialdemokratischen Partei und liberalen Kräften versprechen.
Deutlich wurde die Rolle, die das Kapital an der Nazi-Herrschaft hatte, bei den
Prozessen gegen die Kriegsverbrecher, bei denen neben führenden Nazi-Funktio-
nären und Militärs auch zahlreiche Industrielle und Manager auf der Anklagebank
saßen.
2.1 Wiederaufbau und Restauration 33

Der Zusammenhang von kapitalistischen Interessen und dem deutschen Fa-


schismus war in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch präsent. So forderte selbst
die CDU in ihrem Gründungsaufruf im Jahr 1945:

„Das unermeßliche Elend in unserem Volk zwingt uns, den Aufbau unseres Wirt-
schaftslebens ... ohne jede Rücksicht auf persönliche Interessen und wirtschaftliche
Theorien in straffer Planung durchzuführen ... Dabei ist es unerläßlich, schon um
für alle Zeiten die Staatsgewalt von illegitimen EinÁüssen wirtschaftlicher Macht-
zusammenballungen zu sichern, daß die Bodenschätze in Staatsbesitz übergehen.
Der Bergbau und andere monopolartige Schlüsselunternehmungen unseres Wirt-
schaftslebens müssen klar der Staatsgewalt unterworfen werden ...“ (Zit. n. Lilge
1978, S. 18)

Diese antikapitalistische Stimmung war allerdings nicht von Dauer, es wurden


nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges keine entscheidenden Änderungen der
grundlegenden Besitzverhältnisse durchgesetzt. Dies war auch nicht im Interesse
der Besitzenden in Deutschland, in dem der Bundesverband der deutschen Indus-
trie (BDI), der „zurecht als Nachfolgeorganisation des durch seine Rolle im Fa-
schismus berüchtigten „Reichsverbandes der Deutschen Industrie“ gelten kann.
Die Ziele des BDI bestanden in der sowohl ökonomischen als auch politischen
Westorientierung, der Entfaltung der „freien Marktwirtschaft“ und der Rehabi-
litierung der durch ihre faschistische Vergangenheit belasteten Industriellen.“
(Theissen 1983, S. 53)
Der Umgang in der neu gegründeten Bundesrepublik mit den zurückliegenden
zwölf Jahren faschistischen Terrors war eher durch Verdrängung und Verleugnung
als von einer wirklichen Auseinandersetzung geprägt:

„Ein überaus dunkles Kapitel der frühen 50er Jahre bildete die nahezu restlose
soziale Integration ehemaliger Nationalsozialisten in die Nachkriegsgesellschaft.“
(Schildt/Siegfried 2009, S. 132f)

Als Beispiel dafür, dass führende Nazis in der Bundesrepublik nicht nur von Ver-
folgung unbehelligt blieben, sondern auch weiterhin einÁussreiche Positionen be-
kleideten, können Hans Globke und Theodor Oberländer dienen: Globke war ab
1953 als Chef des Bundeskanzleramtes enger Mitarbeiter von Konrad Adenauer.
Er war in der Nazizeit Mitautor des Gesetzes „zum Schutz der Erbgesundheit des
deutschen Volkes“, also der rassistischen Gesetzgebung der Nationalsozialisten,
zudem Autor von Kommentaren und den Ausführungsanordnungen der antijüdi-
schen „Nürnberger Gesetze“, in denen festgelegt wurde, was als „Rassenschande“
zu gelten hat.
34 2 Die fünfziger Jahre

Oberländer, Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädig-


te von 1953 bis 1960, war seit 1933 Mitglied in der NSDAP, befehligte als „Ostex-
perte“ Einsätze für die „ethnische Säuberung“ in dem von den Nazis überfallenen
Polen, seiner Einheit wurden zudem Massenmorde an der polnischen Zivilbevöl-
kerung zur Last gelegt.
Auch die Angestellten des Volksgerichtshofes, einem faschistischen Sonder-
gericht, wurden für ihre Taten unter der Naziherrschaft nicht zur Verantwortung
gezogen. Durch den Volksgerichtshof wurden über 5.000 Regimegegner der Nazis
zum Tode verurteilt und fast alle diese Urteile wurden auch vollstreckt.
Weil ein großer Teil der Eliten des Nazi-Regimes in Wirtschaft, Politik, Justiz
und Wissenschaft ihre Karrieren in der Bundesrepublik fortsetzen konnte, kann nicht
wirklich von einem Bruch mit dem Nationalsozialismus und einer Aufarbeitung der
faschistischen Vergangenheit im Deutschland der 50er Jahre gesprochen werden:

„Nicht nur Mitläufer zogen wieder in die Verwaltung ein, sondern auch Gestapo-
Kommissare, hohe SS-Chargen des Sicherheitsamtes, Staatsanwälte an Sonderge-
richten, Ghetto-Verwalter usw.“ (Theissen 1983, S. 67f)

Statt einer konsequenten Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangen-


heit Deutschlands wurde nun der Kommunismus zum Staatsfeind erklärt:

„Im Klima des kalten Krieges fand die Integration ehemaliger Nationalsozialisten
ihr negatives Pendant im Ausschluss der Kommunisten aus dem politischen Leben.
1948 wurden ihre letzten Vertreter aus den Landesregierungen, Zeitungsredaktio-
nen und Rundfunkstationen entfernt, um 1950 begann die Illegalisierung des Um-
feldes der KPD.“ (Schild/Siegfried 2009, S. 140)

Dieser Antikommunismus gipfelte im Verbot der Kommunistischen Partei


Deutschlands 1956 durch das Bundesverfassungsgericht. Die KommunistInnen,
die zum größten Teil entschlossen gegen den Faschismus kämpften, von denen
viele in den Gefängnissen und Lagern der Nazis saßen und umgebracht wurden,
mussten 11 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur zum Teil wieder aufgrund
ihrer politischen Überzeugung in Haft.
Die relative Ignoranz gegenüber den ehemaligen Nazi-Eliten und der steigende
Antikommunismus im Westdeutschland der frühen Nachkriegszeit sind nur ver-
ständlich im Zusammenhang der weltpolitischen Entwicklung. Hatten die USA,
die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien noch gemeinsam im Zweiten
Weltkrieg gegen Hitler-Deutschland gekämpft, so zeichnete sich relativ schnell
nach Beendigung des Krieges die Konfrontation der beiden Machtblöcke unter
2.1 Wiederaufbau und Restauration 35

der jeweiligen Führung der USA und der UdSSR ab, wobei die Grenze zwischen
beiden innerhalb Deutschlands verlief.
Die antikommunistische Politik der Adenauer-Regierung, die 1953 mit dem
Slogan „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“ zur Wahl antrat, lief
eindeutig auf eine Integration in den – je nach Sichtweise freiheitlichen oder kapi-
talistischen – Machtblock hinaus: 1955 trat die Bundesrepublik der NATO bei und
im Jahr 1957 der EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer
der EU. Kritische Stimmen und eventueller Widerstand von Seiten der Kommu-
nistInnen wären hierbei hinderlich gewesen und die Integration der alten Nazis in
die Bundesrepublik wurde damit begründet, dass man für die Aufgaben in Justiz,
Verwaltung und Wissenschaft „Fachleute“ brauchte.
Die Einbindung in den westlichen Machtblock und die damit verbundene Ein-
führung der Bundeswehr erfolgte allerdings nicht ohne innenpolitischen Protest:
1950 entstand die „Ohne-mich-Bewegung“, die gegen die Wiederbewaffnung der
Bundesrepublik kämpfte:

„Im Jahre 1950 entstand spontan die ‚Ohne-uns-Bewegung‘, die zunächst nur in der
Ablehnung der Wiederbewaffnung durch einzelne Persönlichkeiten oder kleinere
Gruppen bestand … Ende 1950 verbreiterte sich diese Bewegung: überall im Stadt-
bild machte sie auf ihre Existenz aufmerksam. An Verkehrsschildern, Briefkästen,
Häuserwänden klebten Plakate in Taschenformat mit der Aufschrift: ‚Unterstützt
die Ohne-mich-Bewegung. Schließt euch in Gruppen zusammen!‘“ (Theissen 1983,
S. 62)

Auch die geplante Aufrüstung der Bundeswehr mit atomaren Waffen blieb nicht
ohne Widerstand: 1958 wendeten sich 18 namhafte Naturwissenschaftler gegen
diese Pläne, die auch von der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ heftig abgelehnt
wurden.
Wegen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung werden die 50er Jahre in der
Bundesrepublik auch als die Zeit des „Wirtschaftswunders“ bezeichnet. Deutsch-
land, das 1945 noch völlig in Trümmern lag, erholte sich erstaunlich schnell von
den materiellen Folgen des Krieges. Besonderen Anteil hatten dabei die Frauen;
zahlreiche Männer waren entweder im Krieg gestorben, befanden sich noch in
Gefangenschaft oder waren aufgrund von Kriegsverletzungen nicht in der Lage,
(körperliche) Arbeit zu leisten, sodass vor allem Frauen in den ersten Nachkriegs-
jahren die Last des Wiederaufbaus trugen.
Die Arbeitslosigkeit, die 1950 noch über 10 % betragen hatte, reduzierte sich
bis 1955 auf knapp über 5 %, am Ende der 50er Jahre herrschte in der Bundes-
republik mit unter 1 % Arbeitslosigkeit nahezu Vollbeschäftigung. Parallel hierzu
stieg der Wochenverdienst eines Industriearbeiters von 100 DM im Jahr 1950 auf
36 2 Die fünfziger Jahre

197 im Jahr 1960 (s. Lilge 1978, S. 268) und die Industrieproduktivität um 164 %
(s. Hermand 2006, S. 182).
Durch diese Entwicklung wurde die Bundesrepublik gegen Ende des Jahr-
zehnts auch international zu einer ökonomischen Größe:

„Das, was 1948 im Jahr der Währungsreform Utopie war, wurde zehn Jahre später
Wirklichkeit. Deutschland war Gläubigerland geworden, seine Banken traten als
Kreditgeber anderer Regierungen auf, unsere Währungsreserve rangierte hinter der
der USA und der Schweiz mit 25 Mrd. an dritter Stelle. Die Bundesrepublik rückte
an die zweite Stelle der Industrienationen vor.“ (Lilge 1978, S. 183)

Durch die Entbehrungen in Kriegs- und Nachkriegszeit herrschte in der deutschen


Bevölkerung ein großer Nachholbedarf an Konsumgütern, der durch die steigen-
den wirtschaftlichen Leistungen gedeckt werden konnte, wobei die ökonomische
Entwicklung es möglich machte, dass breitere Schichten der Bevölkerung an der
Entwicklung teilhaben konnten:

„Im Jahre 1955 gab es in der Bundesrepublik nur 350000 Pkw, die für Arbeit-
nehmer zugelassen waren. Die meisten dieser Arbeitnehmerautos standen in den
Garagen leitender Angestellter, höherer Beamter oder Direktoren, die statistisch ja
auch als Arbeitnehmer gelten. Ein Arbeiter mit einem Auto war eine Rarität. Fünf
Jahre später besaßen die deutschen Arbeitnehmer 6,6 Millionen Pkw.“ (Surminski
1983, S. 12)

Das Auto spielte in der Nachkriegszeit als Symbol des individuellen wie gesell-
schaftlichen Aufstiegs eine besondere Rolle. Aber auch mehr Wohnraum, automa-
tische Waschmaschinen, Urlaubreisen und Fernsehgeräte waren Konsumartikel,
die für die BundesbürgerInnen den wirtschaftlichen Aufstieg spürbar machten und
zugleich als Statussymbole dienten. Vor allem ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre
ergab sich in der Bundesrepublik ein neues Konsummodell, in dem die Werbung
eine immer größere Rolle spielte:

„Seit der Währungsreform entwickelte sich in Westdeutschland eine neue, ameri-


kanisch beeinÁußte Konsumwirklichkeit; Markenartikel lösten die vertrauten ‚Lose-
Ware-Produkte‘ auf breiter Front ab. Sie sollten die Bausteine einer im Aufbau be-
griffenen Anschaffungskultur in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre und zugleich
die Inbegriffe eines ‚leichteren‘ und ‚zukunftsgerichteteren‘ Lebens werden. Bald ist
der Markenartikel aus dem bundesdeutschen Alltag nicht mehr wegzudenken, und so
ist es auch nicht übertrieben, ihn als wesentlichen Bestandteil der sozialen Umwelt
und Kultur überhaupt zu bezeichnen.“ (Gries/Ilgen/Schindelbeck 1995, S. 91)
2.2 Schwarzwaldmädel und Caprifischer: Massenkultur in den 50ern 37

Ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre begann in der Bundesrepublik der Über-
gang von einer Mangel- zu einer Konsumgesellschaft, in der ständig neue Kon-
sumgüter entwickelt und mit Werbung an die Frau und den Mann gebracht werden
sollten, in der Konsum neben der Bedürfnisbefriedigung auch die Funktion von
Status erfüllte und Werbung und „Markenbewusstsein“ eine immer wichtigere
Rolle spielten.
Der deutliche wirtschaftliche Aufschwung führte bei einem großen Teil der
BundesbürgerInnen zugleich zu einer Mentalität, in der Arbeit, Konsum und ma-
terieller Fortschritt zu zentralen Leitwerten wurden und eine relativ unpolitische
Haltung begünstigte, die dazu beitrug, sich nicht mit dem Faschismus, dem Krieg
oder der Integration von alten Nazis in die BRD zu beschäftigen. Nicht umsonst
konnte die CDU mit Adenauer den Bundestagswahlkampf 1957 mit dem Slogan
„Keine Experimente“ führen und auch gewinnen; die wirtschaftliche Entwicklung
hatte einem gewissen Konservatismus in politischen Dingen zur Folge.
Auch wenn die ökonomische Entwicklung in der BRD zu einer Anhebung
des Wohlstandsniveaus und damit zu einer hohen Loyalität und IdentiÀkation
gegenüber dem Staat führte, darf nicht vergessen werden, dass nach wie vor gro-
ße Unterschiede in Einkommen und Vermögen herrschten. Vor allem durch die
Tatsache, dass die großen Vermögen trotz ihrer teilweisen Verstrickungen in die
Nazi-Verbrechen nicht angetastet wurden, gab es auch nach dem Krieg erhebliche
Klassenunterschiede.
Es ist von daher ein Mythos, wenn behauptet wird, nach der Währungsreform
hätten alle Deutschen die gleichen Chancen gehabt und mit 40 DM angefangen;
große Teile von Vermögen an Grund und Boden, Immobilien und Produktions-
mitteln blieben in den Händen derer, die sie auch vor und in der Nazizeit besaßen,
und wurden nicht angetastet.

2.2 Schwarzwaldmädel und Caprifischer:


Massenkultur in den 50ern

Auch wenn es eindeutige Verbesserungen in Bezug auf den Lebensstandard gab,


war es vor allem großen Teilen der arbeitenden Bevölkerung bewusst, dass die neu
gegründete Bundesrepublik eine Gesellschaft war, in der es eindeutig und nach
wie vor „Unten“ und „Oben“ gab:
38 2 Die fünfziger Jahre

„Fester Arbeitsplatz und gute Löhne sind aber nur die eine Seite dieser Erfahrung,
die nicht gleichgesetzt werden kann mit ‚Aufstieg‘ oder gar ‚Verbürgerlichung‘. Die
Lebensgeschichten der Arbeiter machen vielmehr deutlich, daß sie Arbeiter blie-
ben, die Subalternität und Ausbeutung als prägende Erfahrungen erlebten, die sich
über die Gewerkschaften höhere Löhne und bessere Sozialleistungen erkämpfen
mußten und die Gesellschaft als in ‚wir und die‘ dichotomisch gespalten erlebten.“
(Herbert 1985, S. 43)

Insbesondere die Tatsache, dass weder die Gewerkschaften noch die sozialdemo-
kratische oder die kommunistische Partei in der Lage waren, den Faschismus und
den Weltkrieg zu verhindern, sorgte für ein Gefühl der Niederlage und der Macht-
losigkeit.
Trotz der Klassenunterschiede, der Kontinuität führender Nazis in Teilen der
Eliten, des KPD-Verbotes und eines tendenziell konservativen Klimas kann die
Bundesrepublik auch in ihren Anfangsjahren nicht mit der Zeit des Faschismus
verglichen werden. Mit der BRD war ein Staat mit demokratischen Wahlen, Parla-
menten, politischen und bürgerlichen Rechten entstanden, in dem die Bürgerinnen
und Bürger – bei allen Einschränkungen – über politische und individuelle Rechte
verfügten.
In der Anfangszeit der BRD gehörten Trümmerlandschaften als Folge des
Krieges, Kriegsversehrte und unvollständige Familien noch zur Normalität. Die
Naziherrschaft hatte neben den sichtbaren Folgen des Krieges allerdings auch in
der Mentalität der Westdeutschen deutliche Spuren hinterlassen. Vor allem für die
Anfangsjahre der Bundesrepublik gilt, dass „starke monarchistische, autoritäre,
explizit demokratiefeindliche und faschistische Neigungen in weiten Teilen der
Bevölkerung in Rechnung zu stellen“ (Schildt/Siegfried 2009, S. 131) waren.
Zwölf Jahre Faschismus mit einer menschenverachtenden Propaganda, ein ver-
heerender Weltkrieg, Millionen von Toten in den Lagern der Nazis und ein „Füh-
rerprinzip“, das nur Befehl, Gehorsam und Unterordnung kannte, die Angst, seine
politische Meinung – soweit sie nicht der „ofÀziellen“ Line entsprach – zu äußern,
ein Klima der Unterdrückung und erzwungenen Anpassung wirkten nach dem
Krieg fort.
Die fünfziger Jahre waren tendenziell noch von diesem autoritären und star-
ren Geist geprägt. Ein deutlich spürbares Machtgefälle zwischen Reich und Arm,
Mann und Frau, Alt und Jung war in der Gesellschaft überall präsent. Autoritäre
Strukturen und konservative Umgangsformen schlugen sich deutlich im Alltag
nieder, wie sich Bommi Baumann rückblickend erinnert:
2.2 Schwarzwaldmädel und Caprifischer: Massenkultur in den 50ern 39

„Ferner Kleidung, Sitten und das allgemeine Benehmen. Den wenigsten ist heutzu-
tage klar, dass in den 50er-Jahren die Leute noch rumliefen wie in den 30ern. Das
heißt, Männer hatten einen Hut auf und Frauen meistens auch, soweit einer vorhan-
den war. Benimmregeln waren erzkonservativ, bürgerlich und autoritär geprägte
Verhaltensweisen, die sich schon darin manifestierten, dass jeder nach Möglichkeit
mit Titel angesprochen wurde – ein Herr Oberschulrat, ein Herr Doktor oder ein
Herr Professor wurden grundsätzlich vor den Namen gesetzt: ein ewiges Abheben
des Huts beim Grüßen und so weiter und so fort.“ (Baumann 2007, S. 9)

Ein Konservatismus beherrschte das alltägliche Leben, zudem ein hoher Grad an
Autorität mit relativ steifen Verhaltensformen, die sich eher an Sitten, Gebräuchen
und „Anständigkeit“ orientierten als an Individualität, die eher Konventionen voll-
zogen statt Emotionen nach außen zu kehren.
Das Leben im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik war noch stark von dem
Gegensatz von Alltag und Sonn- und Feiertag geprägt. An (kirchlichen) Feier-
tagen und Sonntagen war es üblich, gemeinsam die Kirche zu besuchen und „gute
Sachen“ zu tragen, der Kirchgang konnte zudem auch die eigene Frömmigkeit vor
anderen demonstrieren. Zudem gab es, um die Besonderheit des Tages zu betonen,
ein „Festtagsessen“, das besonders in den frühen 50er Jahren im Kontrast zum
sonst noch herrschenden Mangel stand.
Die Tatsache, dass in den fünfziger Jahren Benimmbücher große AuÁagenzah-
len erreichten, ist in diesem Kontext verständlich: Das „richtige“ Verhalten im
Beruf, in der Ehe, auf Festen usw. wurde hier vermittelt. Der Boom dieser Form
von Ratgeberliteratur spricht für eine relative Unsicherheit hinsichtlich des eigenen
„angemessenen“ Verhaltens; hier wird ein Bedürfnis nach Konformität deutlich,
um nicht aufzufallen, sich korrekt zu verhalten und sich Regeln unterzuordnen.
Dieses Bedürfnis nach einer heilen Welt, in der alles überschaubar und klar
geregelt ist, spiegelt sich auch in dem Genre des „HeimatÀlms“, der in den 50er
Jahren sehr beliebt war und in dem die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Bundes-
bürgerInnen zum Ausdruck kommen:

„Charakteristisch für HeimatÀlme der 1950er Jahre waren eine melodramatische


Handlung, die meistens eine Liebesgeschichte beinhaltete, sowie komische oder
tragische Verwechslungen. HäuÀg gab es Musikeinlagen. Die Handlung spielte in
abgelegenen, aber spektakulären und durch den Zweiten Weltkrieg unzerstörten
Landschaften wie dem Schwarzwald, den Alpen oder der Lüneburger Heide. Es
werden insbesondere konservative Werte wie Ehe und Familie betont. Frauen wer-
den meistens nur als Hausfrau und Mutter positiv dargestellt. Die Obrigkeit darf
nicht in Frage gestellt werden und Heiraten war nur innerhalb derselben sozialen
Gruppe möglich.“ (Deutscher Film 2013, S. 7)
40 2 Die fünfziger Jahre

In Filmen wie „Schwarzwaldmädel“, „Grün ist die Heide“ oder „Der Förster vom
Silberwald“ konnten die Sehnsüchte nach einer Welt ohne Kriegsschäden, mit kla-
ren Hierarchien und Geschlechterrollen und einem Happy End befriedigt werden.
Sie dienten der Entspannung und als eine Flucht und Ablenkung von einer Reali-
tät, in der die Kriegsfolgen – materiell wie psychisch und physisch – überall noch
sicht- und spürbar waren und in der ein harter Arbeitsalltag das Leben bestimmte.
Wie stark das Bedürfnis nach einer heilen und möglichst konÁiktfreien Welt
mit traditionellen Hierarchien und Geschlechterbildern war, zeigt sich an den Re-
aktionen, die der Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef auslöste. In diesem
Film von 1951 spielte Knef die Prostituierte Marina, die mit ihrem Freund, einem
Maler, zusammenlebt. Um ihm eine notwendige Operation zu Ànanzieren, geht
Marina wieder ihrem alten Gewerbe nach; die Operation erbringt keine Heilung
und Marina leistet ihrem Freund schließlich Sterbehilfe und begeht Selbstmord,
wobei noch hinzukommt, dass Hildegard Knef in einer – wenn auch nur kurzen
– Szene nackt zu sehen ist. Mit den Themen Prostitution, „wilde Ehe“, Sterbehilfe
und Selbstmord rüttelt die „Sünderin“ an vielen Tabus der Nachkriegszeit, was
auch von ofÀzieller Seite zu heftigen Reaktionen führte:

„Pfarrer predigten von den Kanzeln gegen die „Sünderin“; Kinos wurden von auf-
gebrachten Moralaposteln verbarrikadiert; der nordrhein-westfälische Landtags-
präsident erklärte fordernd: ‚Ich erwarte weitere Demonstrationen‘, Flugblätter
stellen die ‚Ehre unserer Frauen und Mädchen‘ und das gesunde Ehrbarkeitsgefühl
wieder her, das Hildegard Knef verhöhnt hatte.“ (Der Spiegel, zit. n. Glaser 1986,
S. 100)

In einem Flugblatt, zusammen von der katholischen und der evangelischen Kirche
verfasst, hieß es zur „Sünderin“:

„Wer sich dennoch entschließt, den Film zu besuchen, macht sich zum Wegbereiter
des Kultur-Bolschewismus. Er soll sich nicht beklagen, wenn morgen oder über-
morgen der militärische oder der politische Bolschewismus über uns hereinbricht!
Und die Frauenwelt, die sich den Film ansieht, soll nicht jammern, wenn sie später
entsprechend gewertet und behandelt wird.“ (Zit. n. Steinbacher 2011, S. 108)

Diese Reaktionen können als symptomatisch für die frühe Nachkriegszeit in der
BRD gelten: In einem Land, das unter einem verbrecherischen Regime einen mör-
derischen Weltkrieg geführt und in dessen Lagern Millionen jüdischer Menschen
und andere Gefangene gestorben sind, das zudem diese Vergangenheit kaum auf-
gearbeitet hat, empören sich Sittenwächter über einen Film, der die mühsam aufge-
2.2 Schwarzwaldmädel und Caprifischer: Massenkultur in den 50ern 41

baute Anständigkeit in Frage stellt. Statt die Verbrechen der Nazis anzuprangern,
wird zudem vor einem Bolschewismus – sei dieser nun kulturell, politisch oder
militärisch – gewarnt.
Vergleichbare Tendenzen zu einer heilen und klar geordneten Welt wie im Hei-
matÀlm gab es auch im Bereich der populären Musik. Vor allem in der ersten
Hälfte der 50er Jahre waren deutsche Schlager die am meisten verkaufte Musik.
Lieder wie „CapriÀscher“ und „Florentinische Nächte“ von Rudi Schuricke, „Pack
die Badehose ein“ von der kleinen Cornelia (so noch der ofÀzielle Name der spä-
teren Cornelia Froboess), „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ von Rene Carol
oder „Heimweh“ von Freddy belegten Spitzenplätze (s. Herwerth 1998, S. 33–38).
In all diesen Schlagern ging es nicht um Kritik oder Protest, sondern um Liebe,
Sehnsucht und diverse harmlose Dinge des Alltags, wobei die klassischen Rollen-
klischees nicht hinterfragt wurden,

„das Weltbild des Schlagers in den Fünfzigern war auch diesbezüglich noch be-
achtlich geschlossen. Der weiblichen Hälfte der Menschheit blieb nichts weiter als
Trauer und verzweifeltes Warten am Hafen.“ (Herwerth 1998, S. 21)

Neben den HeimatÀlmen als Form der populären Unterhaltung und den Schlagern
erfreuten sich in den 50ern Groschenromane und Comichefte immer größerer Be-
liebtheit, es

„überschwemmte eine Flut von Heftchenromanen und Comics den Markt mit seriel-
len Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen (...) An Frauen richteten sich etwa
die Sylvia-Romane, in denen es stets um die große Liebe ging ... Neue Kriminal-
serien wie G-man Jerry Cotton (seit 1945) bedienten vor allem ein jüngeres männ-
liches Publikum, ebenso wie die Westernformate Tom Prox oder Billie Jenkins, ...“
(Schildt/Siegfried 2009, S. 114)

Insbesondere von bildungsbürgerlicher Seite wurden diese Produkte naserümp-


fend als „Schundliteratur“ abgewertet, als triviale Massenprodukte, wobei die Ge-
fahr einer VerÁachung und Vulgarisierung der Kultur durch „Amerikanisierung“
heraufbeschworen wurde, was vor allem als verderblich für die Jugend galt. Als
besonders gefährlich wurden hierbei Comics erachtet, die ab den Fünfzigern in
erster Linie bei Jugendlichen immer größere Beliebtheit hatten. Vor allem der US-
Import „Micky Maus“ (ab 1951) und das deutsche „Fix und Foxi“ (ab 1953) erzielt
hohe AuÁagen. VertreterInnen des traditionellen Bildungsbegriffes, die sich an
klassischen Werken der Literatur orientierten, waren diese Produkte ein Dorn im
Auge, ihnen galten sie als Produkte einer Massenkultur und damit bestenfalls als
42 2 Die fünfziger Jahre

wertloser Schund oder sogar als moralisch desorientierend und verdummend. Sie
sahen sich und das von ihnen bevorzugte klassische deutsche Bildungsideal durch
die aufkommende, oft aus den USA importierte Massenkultur bedroht.
Im Bereich der Medien war das Radio noch wesentlich bedeutender als das
Fernsehen. Neben politischen Sendungen wurden im Radio beliebte Schlager ge-
spielt, wobei der Radiokonsum in der Regel auch nach geschlechtsspeziÀschen
Mustern verlief:

„Die Männer lasen während des Radiohörens am häuÀgsten Zeitung oder betrie-
ben ihre Liebhabereien, während die Frauen das Essen bereiteten oder andere
Hausarbeiten erledigten.“ (Schildt/Siegfried 2009, S. 107)

Als Massenmedium entwickelte sich das Fernsehen erst im Laufe der 50er Jahre:

„Das Programm der frühen Jahre orientierte sich zunächst an den alten Grundsät-
zen der Vorkriegszeit mit den Bestandteilen Information, Bildung und Unterhaltung
am Abend ab 20.00 Uhr in unterschiedlicher Abfolge, in der Regel bis 22 Uhr. Am
Abend gab es zwischen 16:30 und 18 Uhr Kinder-, Jugend- und Frauensendun-
gen, auch der Suchdienst nach Kriegsvermissten wurde am Nachmittag platziert.“
(Schäffner 2002, S. 96)

Im Lauf des Jahrzehnts gab es dann auch die ersten Stars im Fernsehen, Quiz-
master wie Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kuhlenkampff und Robert Lembke.
Zur Förderung und weiteren Popularisierung des Fernsehens als Massenme-
dium trugen vor allem Großereignisse wie die Krönung der englischen Königin
1953 und der Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in der
Schweiz 1954 bei. Insbesondere dieses Ereignis, der unerwartete Gewinn der
Weltmeisterschaft durch die deutsche Mannschaft, war für die Mentalität in der
westdeutschen Nachkriegsgesellschaft von enormer Bedeutung. War der Natio-
nalismus aufgrund der Katastrophe des deutschen Faschismus zumindest ofÀziell
verpönt, so brach er anlässlich des Gewinns der Weltmeisterschaft zum Teil unver-
hohlen aus, wie in einem Zeitungsbericht geschildert

„Frauen verloren ihre Schuhe, Kinder ihre Taschen, Männer ihre Stimme. Die Mas-
se brach in einen einzigen Schrei aus, der gellend durch die Straßen brauste. Nie
wurde ein König, ein Held, ein Diktator (!) stürmischer gefeiert als die Mannschaft,
die über sich hinausgewachsen war.“ ( MünchnerIllustrierte v. 17.7.1954, zit. n.
Gries/Ilgen/Schindelbeck 1995, S. 79)
2.2 Schwarzwaldmädel und Caprifischer: Massenkultur in den 50ern 43

Nationalistische Gefühle, mühsam unterdrückt, ein Gefühlstaumel und emotiona-


le Ausbrüche in einer Gesellschaft, die sonst eher durch „anständiges“ Verhalten
und kontrollierte Gefühle charakterisiert ist, kommen in diesen Situationen zum
Ausdruck. Viele Deutsche hatten das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs als deut-
sche Niederlage und nicht als Befreiung vom Faschismus empfunden, sodass nun
geÁügelte Worte wie „Wir haben es geschafft“ oder „Wir sind wieder wer“ das
lädierte Selbstbewusstsein aufpolieren konnten.
Das Bedürfnis nach unbelasteten Helden, das im sogenannten „Wunder von
Bern“ gestillt und befriedigt werden konnte, ging einher mit einer Welle nationa-
ler Euphorie, die aufgrund der deutschen Geschichte verpönt war oder zumindest
nicht offen gezeigt wurde.
Die sichtbarsten Erbschaften der Nazizeit, die Trümmerlandschaften, waren
gegen Ende des Jahrzehnts zwar nicht verschwunden, aber zum größten Teil be-
seitigt. Geblieben war allerdings eine stark autoritätshörige Mentalität, die den
Alltag durchzog und es nicht ermöglichte, sich mit der Schuld der Vergangenheit
auseinanderzusetzen. Doch zeigten sich vor allem gegen Ende des Jahrzehnts auch
andere, weltoffenere Tendenzen: Urlaubsreisen ins Ausland wurden sehr beliebt
und erweiterten den Horizont vieler Westdeutscher. Trotz eines geringen Jahres-
urlaubs und einer erschwerten Anreise in meist recht kleinen Autos zog es die
BundesbürgerInnen vor allem nach Italien, weil eine den ItalienerInnen unterstell-
te „lockere“ Lebensart, das „Dolce Vita“, und das bessere Wetter Abwechslung
vom mühseligen und starren deutschen Alltag versprachen.
Der Beginn einer Massenkultur führte zudem dazu, dass der deutsche Schla-
ger nicht mehr unangefochten die populärste Musik war, und schließlich kann
die „Nierenform“ als Symbol eines, wenn auch sehr zaghaften, Aufbruchs hin zu
mehr Modernität und Abwendung von dem MufÀgen und Spießigen interpretiert
werden. Die Nierenform war bei verschiedenen Konsumgegenständen sehr beliebt,
bekannt ist vor allem der Nierentisch als Möbel der fünfziger Jahre. Als Symbol
dieser Zeit weist er auf eine Abkehr von geraden, kantigen und zackigen Linien hin
und stellt diesen weichere, verspieltere Formen entgegen:

„Die neuen Formen erinnerten in nichts an die schreckliche jüngste Vergangenheit.


Sie waren einfach, und ihre beschwingten Linien strahlten einen gewissen Optimis-
mus aus. Die neu geformten Gegenstände waren leicht und handlich, und die neuen
Materialien, wie Plastik und Stahl, extrem pÁegeleicht. So kamen sie den besonde-
ren Bedürfnissen der Jahre des Wiederaufbaus entgegen.“ (Kriegkorte 1992, S. 38)
44 2 Die fünfziger Jahre

2.3 Restauration im Geschlechterverhältnis

Die Tendenz zu einer konservativen Politik in den frühen Jahren der Bundesre-
publik zeigte sich vor allem im Bereich des Geschlechterverhältnisses und der
Sexualität. Als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges hatte sich das quantitative Ver-
hältnis der Geschlechter gravierend verändert. Bedingt durch den Tod im Krieg
und die Gefangenschaft betrug das Verhältnis von Frauen zu Männern im Jahr
1948 1250:1000 (s. Herzog 2005, S. 87), was bedeutet, dass es für Frauen mit dem
Bedürfnis nach einer heterosexuellen Beziehung oder Ehe nicht einfach war, einen
Mann zu Ànden. Auch waren viele Frauen in den Nachkriegsjahren auf sich ge-
stellt und hatten großen Anteil am Wiederaufbau, was in vielen Fällen zu einem
erhöhten Selbstbewusstsein von Frauen durch die Erfahrung führte, dass Frau es
auch alleine schaffen kann.
In den unmittelbaren Jahren nach Kriegsende und in den frühen Jahren der
Bundesrepublik herrschte in Bezug auf Sexualität noch ein relativ offenes und
liberales Klima, was durch den Zusammenbruch des Nazi-Regimes mit einer äu-
ßerst repressiven Sexualgesetzgebung und -ordnung und die Erfahrungen zu er-
klären ist, die deutsche Frauen mit den Männern der Besatzungstruppen, in West-
deutschland vor allem mit US-amerikanischen Soldaten, machten:

„Das Gefühl, dass die traditionelle Sexualordnung sich praktisch über Nacht auf-
löste, wurde außerdem durch die verbreitete Fraternalisierung zwischen deutschen
Frauen und Soldaten der alliierten Besatzungsarmee genährt. Amerikanische Sol-
daten waren besonders beliebt. Anfängliche Bestrebungen, Fraternalisierungen zu
unterbinden, wurden schnell aufgegeben, weil sich die Verbote als nicht durchsetz-
bar erwiesen.“ (Herzog 2005, S. 87)

Doch wurden Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und den Soldaten


der Besatzungsarmeen nicht gerne gesehen, den Frauen wurde in der Regel Verrat
und Berechnung vorgeworfen. Zudem galten solche Beziehungen – ganz in der
rassistischen Tradition – als sogenannte Mischbeziehungen oder -ehen:

„Ging ein Kind aus der Beziehung hervor, handelte es sich nicht etwa um eine
alleinerziehende Mutter, sondern um ein ‚sitzengelassenes Ami-Flittchen‘. Gesell-
schaftlich war die deutsch-amerikanische Liebesbeziehung weitgehend geächtet
... Den deutschen Frauen wurde Berechnung unterstellt, weil ihr Freund aus dem
PPX-Laden schon mal ein paar Nylons mitbrachte. Auf die Idee, es könne sich um
aufrichtige Liebe handeln, kam kein Mensch.“ (Miersch u. a. 2010, S. 16)
2.3 Restauration im Geschlechterverhältnis 45

In der Nazi-Diktatur wurde Sexualität in Dienst genommen, Kinder der „arischen


Rasse“ für den „Führer“ zu gebären, es herrschte eine brutale Verfolgung homo-
sexueller Männer, Sexualität und FortpÁanzung waren nicht der persönlichen
Entscheidung überlassen, sondern wurden im Rahmen einer unmenschlichen Ras-
senideologie funktionalisiert, Ehen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Men-
schen galten als „Rassenschande“ und waren verboten.
Die ersten Jahre nach Kriegsende und die ersten Jahre der Bundesrepublik wa-
ren demgegenüber wesentlich liberaler, was die Sexualmoral betrifft. Die Einstel-
lung, dass eine unbefriedigte Sexualität nicht gesund sei, dass Sex zwischen unver-
heirateten Erwachsenen nicht unmoralisch sei und dass – für beide Geschlechter
– Sexualität vor der Ehe gut sei, damit Frau und Mann auch sexuell erfahren in die
Ehe gehen können, waren weit verbreitet (s. Herzog 2005, S. 87–90).
Auch was die Einmischung des Staates in die Sexualität betrifft, Ànden sich
tendenziell liberale Haltungen bei den BundesbürgerInnen. Eine Umfrage des Al-
lensbacher Institutes für Demoskopie im Jahr 1950 brachte das Ergebnis,

„dass über die Hälfte der Bundesbürger ein Gesetz gegen Schmutz und Schund ent-
weder dezidiert für überÁüssig hielten oder jedenfalls unentschieden waren, wie sie
darüber denken sollten. Insgesamt 32 % lehnten gesetzliche Eingriffe rundweg ab,
22 % wollten sich nicht genau festlegen.“ (Steinbacher 2011, S. 102f)

Dieser im Vergleich mit der Nazizeit fortschrittliche Umgang mit Sexualität wurde
Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre zugunsten einer traditionellen Sexualmo-
ral mit zunehmend verschärften Zensurvorschriften wieder rückgängig gemacht.
Hierdurch wurde eine historische Chance nicht genutzt, gesellschaftliche Än-
derungen hin zu einem eher gleichberechtigten Verhältnis der Geschlechter und
einem offeneren Umgang mit Sexualität durchzusetzen:

„Wie leicht wäre es gewesen, nach der Deklassierung der Frauen zu hirnlosen Ge-
bärerinnen in der Nazizeit neue Wertsysteme der Gleichberechtigung und Partner-
schaft zu setzen ... Statt dessen beherrschten bald wieder die alten Rollenklischees
die Szene. Die angeblich angeborenen typischen männlichen und typischen weib-
lichen Wesensmerkmale erschwerten besonders den Mädchen eine freie Persön-
lichkeitsentwicklung, untergruben ihr Selbstvertrauen.“ (Weber-Kellermann 1985,
S. 14)

Die Frauen, die einen großen Anteil am Wiederaufbau der Nachkriegsgesellschaft


hatten, sollten wieder zurück in die Familien gedrängt werden und für Kinder
und Küche zuständig sein. Dies erwies sich nicht immer als einfach, waren die
Frauen doch aufgrund ihrer Erfahrungen im Wiederaufbau zu Selbstbewusstsein
46 2 Die fünfziger Jahre

und größerer Unabhängigkeit gekommen, sodass sich durch die teilweise verspä-
tete Rückkehr der Männer aus Krieg und Gefangenschaft ein kompliziertes und
spannungsreiches Verhältnis zwischen den Geschlechtern ergab: Die Männer, oft
physisch wie psychisch durch die Kriegsteilnahme beschädigt, kämpften in den
Familien um ihre verloren gegangene traditionelle Autorität. Doch gelang es nach
und nach, die Frauen aus dem Berufsleben erneut zu verdrängen, was deren Posi-
tion schwächte und ein konservatives Klima begünstigte.
Forciert wurde diese Tendenz durch rückwärts gewandte, vor allem kirchliche
Kräfte, die die alte Ordnung im Geschlechterverhältnis und der Sexualität wieder
herstellen wollten:

„Nach den bemerkenswert freizügig-debattierfreudigen ersten Nachkriegsjahren


erfolgte in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre ein abrupter Schwenk hin zu kon-
servativen Auffassungen von Sexualität. Binnen kurzem waren all jene, die sexuelle
Fragen aufgeschlossen erörterten, in die Defensive geraten. Nun beherrschten kon-
servativ eingestellte Politiker, Kirchenvertreter, Journalisten, Juristen und Medizi-
ner die Diskussion ...“ (Herzog 2005, S. 127)

Zentraler Punkt dieses Rollbacks der frühen Jahre war das Frauenbild, das eine
„natürliche“ oder „christliche“ Bestimmung der Frau unterstellte; dem Mann
untergeordnet statt gleichberechtigt, Erfüllung und Aufgaben in der Kindererzie-
hung und im Haushalt zu Ànden statt in Selbstständigkeit und Beruf sowie sexuelle
Zurückhaltung zu üben statt eines selbstbewussten Umgangs mit den eigenen Be-
dürfnissen waren Bestandteil dieses Frauenbildes, wie es Franz-Josef Wuerme-
ling, Bundesminister für Familienfragen, in seinem Buch „Familie – Gabe und
Aufgabe“ formulierte:

„Mutterglück ist stets von Anfang an nicht nur mit großer Verantwortung, sondern
auch mit stetem Verzicht verbunden ... Diese Gabe und Aufgabe der Selbsthinga-
be und Selbstverleugnung um höherer Ziele willen ist es auch, die die Mutter zur
verständnisvollen Lebensbegleiterin des Mannes und Vaters und zum Herzen der
Familie werden läßt ... Da wird heute so viel von der Gleichberechtigung der Frau
geredet, aber so wenig von dem höchsten und schönsten Beruf der Frau und Mutter
in der Familie ...“ (Zit. n. Glaser 1986, S. 99f)

Das Pendant zur aufopferungsvollen und treusorgenden Ehefrau und Mutter war
der aktive oder auch ritterliche Mann, dem in Familie und Ehe eindeutig die füh-
rende und auch Frauen beschützende Aufgabe zukam. In den Benimmbüchern die-
ser Zeit wird ein Idealbild des Mannes entworfen, der eindeutig die Führungsrolle
hat, sich aber zugleich höÁich und rücksichtsvoll Frauen gegenüber verhält. Das
2.3 Restauration im Geschlechterverhältnis 47

zunehmend konservative Klima erhöhte den Druck auf die Frauen, sich den ein-
schränkenden traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit anzupassen. Frauen
sollten dem Ehemann nach einem harten Arbeitstag ein gemütliches Zuhause mit
einer angenehmen Atmosphäre verschaffen, sich in seine Bedürfnisse einfühlen
und ihre eigenen zurückstellen.
Die alte Trennung, in der der Mann für die Arbeit und damit den Außenbereich
zuständig ist und die Frau für den Haushalt und die Erziehung der Kinder, wurde
verstärkt propagiert. Auch in zahlreichen Werbespots dieser Zeit wird die Rolle
der Frau als fürsorgliche Mutter, Haus- und Ehefrau inszeniert: Ein schlechtes
Gewissen, weil das Hemd angeblich nicht sauber genug gewaschen ist, oder die
Freude, dass den Kindern und dem Mann das Essen gut schmeckt, präsentieren
deutlich ein Bild von Frauen, deren ganze Bestimmung in der Bedürfniserfüllung
von Familienmitgliedern steht, die sich ganz und gar darüber deÀnieren und kei-
ne eigenen Bedürfnisse haben oder artikulieren. Im Zuge des wachsenden Wohl-
standes und der vergrößerten Konsummöglichkeiten wurde dem Bild der treuen
und aufopferungsvollen Hausfrau und Mutter noch das Bild der modischen und
konsumierenden Frau hinzugefügt, neben die Aufgaben der Haushaltsführung und
Kindererziehung trat der Imperativ, sich mit Hilfe der Produkte der Mode- und
Kosmetikindustrie als attraktiv zu präsentieren.
Die Tendenz zur Forderung nach weiblicher Zurückhaltung spiegelt sich nicht
nur in den Benimmbüchern oder Werbespots der Zeit; auch in der Ratgeberlite-
ratur, die explizit Sexualität thematisiert, wurde im Zuge der Wiederherstellung
der konservativen Werte ein reaktionäres Frauenbild propagiert, das Frauen jede
Selbstbestimmung und Lust untersagte, so

„wurde die konservative Ratgeberliteratur bald marktbeherrschend.( ...) Auf diese


Weise wurde bei den Jugendlichen wie bei ihren Eltern und Lehrern eine Reihe von
Schlüsselbotschaften verankert: dass Mädchen von Natur aus weniger an Sexua-
lität interessiert seien als Jungen; dass voreheliche Enthaltsamkeit vor allem für
Mädchen verpÁichtend sei, wollten sie ihre Aussichten auf eine glückliche Ehe nicht
zunichte machen; dass Selbstbefriedigung – diese Botschaft galt mehr den Jungen
als den Mädchen – die psychische Gesundheit beeinträchtige und den Weg zu lang-
fristigem Glück verbaue.“ (Herzog 2005, S. 142)

Typisch für das Genre der Ratgeberliteratur zur Sexualität in den Fünfzigern ist
dabei der Bezug auf eine angeblich natürliche und unterschiedliche Sexualität von
Frauen wie von Männern; viele dieser Bücher waren schon in der Nazizeit veröf-
fentlicht worden und wurden in den fünfziger Jahren immer noch herausgegeben
und verkauft. Den Männern wird dabei ein kaum zu bändigender Sexualtrieb
unterstellt, während die Frauen sich vor diesem Trieb schützen müssen:
48 2 Die fünfziger Jahre

„Der Geschlechtstrieb des Mannes ... ist ... aktiv. Mit allen Listen des Jägers sucht
er sein Wild zu erlegen. Er ist hierbei in der Wahl seiner Mittel ziemlich skrupel-
los. Je näher er seinem Ziel kommt ... um so stärker wird sein Erregungszustand
und umso hemmungsloser und bedenkenloser sein Verhalten. Schließlich wird er
aggressiv und unter Umständen sogar brutal.“

„Da der Mann viele Geschlechtszellen zu vergeben hat und täglich neue, ist er in
seiner geschlechtlichen Wahl nicht allzu bedenklich ... Er ist polygam eingestellt
und liebt im erotischen Erleben den Wechsel. Dieses Bild des Mannes ist das nor-
male.“ (Zit. n. Schenk 1991, S. 226)

Beide Zitate stammen aus dem Buch „Unser Geschlechtsleben“ von Fritz Kahn,
das 1937 seine erste AuÁage hatte und – bezeichnenderweise – bis in die sechziger
Jahre hinein in diversen weiteren AuÁagen erschien.
Die Bedürfnisse nach Zärtlichkeit und Geborgenheit schien es nach diesem
Verständnis von Sexualität bei Männern nicht zu geben, sie galten vielmehr als
triebgesteuerte Wesen, die von ihrer eigenen Sexualität beherrscht werden und
letztlich – da biologisch determiniert – auch keine Verantwortung für ihr sexuelles
Verhalten übernehmen können oder müssen. Männliche Sexualität wurde als Ge-
fahr vor allem für Frauen dargestellt.
Auf der anderen Seite galten Frauen als „von Natur aus“ zurückhaltend in se-
xuellen Dingen und mussten sich vor den Trieben der Männer in Sicherheit brin-
gen.

„Um die Frau vor dem heftigen, aber asozialen Trieb des Mannes zu bewahren, hat
die Natur sie durch einen zweifachen Riegel geschützt: durch das Jungfernhäut-
chen vor ihrer Scheide und die Schamhaftigkeit ihrer Seele. Der Mann muß also
einen gewissen Widerstand überwinden, bevor er die Frau besitzen kann und an
der Stärke ihres Widerstandes fühlt er den Wert der Umworbenen.“ (Zit. n. Schenk
1991, S. 226)

Im Kontext dieses Bildes von gefährlicher und triebhafter männlicher Sexualität


und gefährdeter und zurückhaltender weiblicher Sexualität war es naheliegend,
dass Sexualität einzig legitim in der Ehe ausgelebt werden durfte, um vor allem die
Triebe der Männer zu kanalisieren. Sexualität wurde vornehmlich als von Män-
nern ausgehende Gefahr thematisiert, gleichberechtigte und auf gegenseitiger Be-
friedigung basierende Beziehungen kamen kaum vor.
In den Ratgebern zur ehelichen Sexualität zeigte sich zudem eindeutig die Ten-
denz, bei sexuellen Problemen den Frauen die „Schuld“ zuzuschreiben und ihnen
angebliches Fehlverhalten vorzuwerfen.
2.3 Restauration im Geschlechterverhältnis 49

„Gab es jedoch Probleme, waren immer die Frauen schuld. HäuÀg beschrieben sol-
che Schriften (wie die Aufklärungsbroschüren für die Jugend) verstörende Folgen
vorehelichen Geschlechtsverkehrs. Probleme von Frauen mit ihren Ehemännern
wurden regelmäßig auf ihre vorehelichen Erfahrungen zurückgeführt. Unter ande-
rem behaupteten die Autoren, Frauen würden von ihrer ersten sexuellen Begegnung
dauerhaft geprägt; Ànde die jedoch mit einem anderen Mann als dem künftigen
Ehemann statt, bleibe die Frau in einem seelischen KonÁikt befangen und sei nicht
in der Lage, sich ihrem Ehemann ganz hinzugeben (und Leidenschaft mit ihm zu
erleben).“ (Herzog 2005, S. 149)

Ratgeberliteratur, ob sie sich auf „korrektes“ Benehmen im Allgemeinen oder die


Sexualität im Besonderen bezieht, spiegelt natürlich nicht das wirkliche Verhalten
oder die Einstellungen unmittelbar ab. Doch sind der Kauf und das Lesen von
Ratgeberliteratur immer vor dem Hintergrund eines empfundenen Mangels an
Informationen und einer Unsicherheit im Verhalten zu sehen; Ratgeberliteratur
trägt entscheidend dazu bei, Orientierung zu geben und gesellschaftliche Stan-
dards und Normierungen zu setzen, weil ihren AutorInnen Kompetenz und Wissen
unterstellt werden. Die Ratgeberliteratur der fünfziger Jahre hatte insofern einen
entscheidenden Anteil daran, ein äußerst konservatives Bild der Geschlechter
(wieder) herzustellen und ein Bild von Sexualität zu vermitteln, das von triebge-
steuerten Männern und zurückhaltenden Frauen geprägt war.
Neben den konservativen Normen, die in der ersten Hälfte der Fünfziger wieder
eingeführt wurden und festlegten, was als „anständig“ und „schicklich“ zu gelten
hat, war Sexualität in den Anfangsjahren der Bundesrepublik zudem noch einer
äußerst einengenden Gesetzgebung unterworfen.
Die sogenannte „Himmlersche Polizeiverordnung“ war nach wie vor gültig,
nach der es verboten war, für Verhütungsmittel zu werben; der Kuppeleiparagraph
verbot es, unverheirateten Paaren ein Zimmer zu vermieten oder die eigene Woh-
nung zur Verfügung zu stellen; Schwangerschaftsabbrüche waren grundsätzlich
verboten und das Gleiche galt für das Praktizieren männlicher Homosexualität.
Als Folge dieser repressiven Gesetzgebung war Sexualität – wenn sie nicht in-
nerhalb einer Ehe stattfand – mit einer steten Angst vor dem Entdeckt- und Be-
straft-Werden verbunden.
Das Verbot, für Verhütungsmittel zu werben, führte in der Bevölkerung, die
sexuell zudem noch vollkommen ungenügend aufgeklärt war, zu großen Schwie-
rigkeiten, sich vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Es wurde in den
fünfziger Jahren noch heftig darüber diskutiert, ob es überhaupt vertretbar sei,
Kondomautomaten in der Öffentlichkeit zu platzieren, weil diese – so die Befürch-
tung – zum Geschlechtsverkehr animieren könnten, was vor allem als große Ge-
fahr für die Jugend angesehen wurde.
50 2 Die fünfziger Jahre

Der Kuppeleiparagraph machte es unverheirateten Paaren sehr schwer, gemein-


sam Sexualität zu leben. Selbst liberalere Eltern, Bekannte oder Verwandte liefen
Gefahr, von Dritten angezeigt zu werden, wenn sie sich nicht davon überzeugt hat-
ten, dass die jeweilige Frau und der Mann, die sich in ihrer Wohnung aufhielten,
verheiratet waren. Sexualität, auch zwischen unverheirateten Erwachsenen, galt
als „Unzucht“.
Dies hielt viele Frauen und Männer nicht davon ab, gemeinsam Sexualität
zu praktizieren. Als Folge der unzureichenden Aufklärung und der Schwierig-
keit, Verhütungsmittel zu bekommen, war in den fünfziger Jahren die Zahl der
Schwangerschaftsabbrüche hoch: Schätzungen sprechen hier von 500.000 bis zu
einer Million Abtreibungen im Jahr (s. Herzog 2005, S. 157). Diese fanden unter
illegalen Bedingungen statt und in einer Atmosphäre der Heimlichkeit und Angst.
Zudem gab es wegen des schlecht oder gar nicht ausgebildeten Personals und zum
Teil katastrophaler hygienischer Bedingungen zahlreiche Komplikationen und
auch Todesfälle.
Die Schwierigkeit, an Verhütungsmittel zu gelangen, und das Abtreibungsver-
bot sorgten für zahlreiche sogenannte „Muss-Ehen“ unter jungen Menschen, eine
unverheiratete junge Mutter oder ein uneheliches Kind waren sozial nicht akzep-
tiert. Die Möglichkeit, erst einmal das Zusammenleben auszuprobieren und nach
einer „Probephase“ eventuell zu heiraten, war de facto nicht gegeben.
Das Verbot der männlichen Homosexualität, im Paragraph 175 Strafgesetz-
buch geregelt, wurde aus der Nazizeit übernommen. Schwule Sexualität war da-
mit weiterhin von Strafe bedroht; männliche Homosexuelle, die zum großen Teil
unter der Nazi-Diktatur in Gefängnissen, Lagern und KZs saßen, mussten wei-
terhin befürchten, wegen ihrer sexuellen Orientierung bestraft und inhaftiert zu
werden. Der Paragraph 175 wurde erst 1969 abgeschafft, bis dahin wurden in der
Bundesrepublik rund 100.000 Männer wegen homosexueller Handlungen polizei-
lich erfasst und 1.500 bis 3.500 jährlich verurteilt (s. Herzog 2005, S. 117), wobei
in den fünfziger Jahren die Repression am stärksten war. Dies führte zum Teil
zu Situationen, in denen homosexuelle Männer von denselben Richtern verurteilt
wurden, denen sie schon in der Nazizeit ausgesetzt waren (s. Kraushaar 1997), ein
erschreckendes Beispiel für Kontinuität in der frühen Bundesrepublik.
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern 51

2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern:


die alltägliche Verteidigung der Korrektheit

Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche im ersten Jahrzehnt der
Bundesrepublik aufwuchsen, waren noch stark von den Kriegsfolgen bestimmt. Ma-
terieller Mangel und beengte Wohnverhältnisse, die kaum Raum für einen Rückzug
oder eine Intimsphäre ließen, prägten vor allem in den Anfangsjahren der Dekade
die Lebensumstände der meisten Heranwachsenden. Hinzu kam eine relativ hohe
Zahl an Geschwistern (s. Fend 1988, S. 114) und die Tatsache, dass viele Kinder
ohne ihren Vater aufwuchsen, was dazu führte, dass viele Kinder und Jugendliche
früh die Verantwortung für Haushalt und Geschwister übernehmen mussten.
Der überwiegende Teil der Schülerinnen und Schüler besuchte die Volksschule
(s. Schildt/Siegfried 2009), musste sich nach dem Schulabgang mit 14 oder 15
Jahren eine Ausbildungsstelle oder eine Beschäftigung suchen und machte somit
früh Bekanntschaft mit der Arbeitswelt und den damit verbundenen Anpassungs-
leistungen und Anstrengungen.
Die vorherrschende Mentalität der Nachkriegszeit, das Angepasst-Sein, das
Hierarchische, Konventionelle und Konservative, spiegelt sich in der typischen Er-
ziehung der 50er Jahre wider.
Die damalige Pädagogik war dabei noch recht stark von der Nazizeit geprägt,
es herrschte ein großes Autoritätsgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen, was
sich auch darin zeigte, dass Schläge in der Erziehung – in der Schule wie zu Hau-
se – alltäglich waren. Als Kind und Jugendlicher in den fünfziger Jahren in der
Bundesrepublik zu leben, bedeutete vor allem, sich mit beengenden und materiell
beschränkten Situationen abzuÀnden, sich übermächtigen Autoritäten unterzuord-
nen, möglichst nicht negativ aufzufallen und sich den Sitten und GepÁogenheiten
der Erwachsenen anzupassen:

„Von den Tischsitten und den Begrüßungsritualen über die Lernzeiten und Haar-
frisuren, von den Farben, Zuschnitten und Stoffen von Kinderhosen und -röcken
bis hin zu den Zu-Bett-Geh-Zeiten (Hände auf die Decke!) war die deutsche Nach-
kriegsfamilie (oder was von ihr übrig blieb) auf Konformismus, aufs Nicht-Auffal-
len und die Niederschlagung jeder abweichenden kindlichen Äußerung À xiert.“
(Preuss-Lausitz 1995a, S. 92)

Das Ziel der Kindererziehung bestand in erster Linie in Anpassung und Unterord-
nung, Sätze wie „Das tut man nicht“ oder „Das gehört sich nicht“ verwiesen dabei
auf allgemein geltende Verhaltensstandards. Abweichendes Verhalten wurde als
„ungezogen“, „ungehörig“ und „aufsässig“ verurteilt und sanktioniert. Meinungs-
52 2 Die fünfziger Jahre

äußerungen oder sogar Kritik von Kindern und Jugendlichen an den Sitten oder
dem Verhalten der Erwachsenen galten als Frechheiten, die Heranwachsenden
nicht zustanden.
In der Welt der Erwachsenen herrschten Konformität, Anpassung, starre Kon-
ventionen und nicht zuletzt Leistungsbereitschaft, in die die Kinder und Jugend-
lichen – oft auch mit Hilfe von Gewalt – eingepasst werden sollten.
Dies galt auch und in besonderer Weise am Sonntag, wenn die Kinder anderen
Erwachsenen als „anständig“ und „ordentlich“ präsentiert werden sollten.

„Am Sonntag trugen alle Kinder besondere Kleidung, nämlich die ‚guten‘ Sachen.
Für die Jungen gehörte dazu ein weißes Hemd mit Krawatte oder Fliege und für
die Mädchen weiße Strümpfe und Kragen und Lackschuhe.“ (Strobel 2002, S. 139)

Erklärbar wird dieser rigide und strenge Umgang mit den Heranwachsenden zum
einen durch einen relativen materiellen Mangel, beengte Wohnverhältnisse und
ein Leben, das durch harte Arbeit geprägt war und die Kinder auf einen frühen
Berufseintritt vorbereiten musste. Eine große Rolle spielte die Tatsache, dass die
Erwachsenen selbst zum größten Teil in der Nazizeit sozialisiert worden waren; sie
hatten den Krieg und den Mangel der Nachkriegszeit erlebt und das Gefühl, um
ihre eigene Kindheit und Jugend betrogen worden zu sein.
Vor allem aber hatten sie – in Schule, Militär oder den verschiedenen Jugend-
organisationen der Nazis – einen äußerst autoritären Umgang erlebt und erlitten. In
diesen Organisationen gab es nur „Oben“ und „Unten“, Befehl und Gehorsam und
keinerlei Raum für Kritik, Aushandeln oder Individualität, es galt ohne Einschrän-
kung das „Führerprinzip“, das strenge Anpassung und Unterordnung – oft bei ent-
würdigenden Strafen – rücksichtslos durchsetzte. So ist es nicht erstaunlich, dass
in Umfragen zu den Erziehungsbildern in der Bevölkerung die gesamten fünfziger
Jahre hindurch „Gehorsam und Unterordnung“ sowie „Ordnungsliebe und Fleiß“
an vorderer Stelle stehen (s. Fend 1988, S. 114).
Das Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern dieser Zeit ist als „alltägliche Ver-
teidigung der Korrektheit“ (Ziehe 1986) zu beschreiben, in der die ältere Genera-
tion der jüngeren ihre Moral- und Verhaltensvorstellungen aufdrückte:

„Die fast besessene Konzentration auf Ordnung, Anstand, Sauberkeit war ver-
meintlich gegen den ‚Irrtum‘ der jüngsten Vergangenheit gerichtet. In dieser Sicht-
weise war der Nationalsozialismus ein unkontrollierter Ausbruch gewesen. Um das
innere Tier im Zaum zu halten, das da losgelassen worden war, mußten die vorgebli-
che ‚alten` Tugenden wieder her, zumal diejenigen aus dem Reservoire preußischer
Werte. Gerade der Rigorismus im Detail sollte vor Fehlverhalten schützen.“ (Ziehe
1986, S. 254)
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern 53

Die Orientierung an Konformismus, Anpassung und Unterordnung mag dazu bei-


getragen haben, dass die ältere Generation der jüngeren mit Härte, Kontrolle und
Intoleranz begegnete. Es mag auch hinzukommen, dass es einfacher war, sich an
diesen Werten und Umgangsformen zu orientieren, da sie „bekannt“ und eingeübt
waren, sie also ein relativ risikoloses Verhaltensmuster repräsentierten. Hinzu kam
noch die Angst der Erwachsenen, bei einem liebevolleren oder liberaleren Verhal-
ten ihren Kindern gegenüber an Respekt und Autorität einzubüßen.
Zwar hatte es mit der Niederlage der Nazis und dem Ende des Zweiten Welt-
krieges einen Bruch in der Geschichte gegeben, doch waren die Folgen des autori-
tären Nazi-Regimes in der Erziehung noch in der frühen Bundesrepublik spürbar:
Unterordnung, Entsagung und Härte auch kleinen Kindern gegenüber galten als
Mittel, um das Kind gefügig zu machen:

„Frühkindliche nationalsozialistische Erziehung wirkte also noch lange nach 1945


fort. Das tat sie nicht nur durch Mütter, die nach dem sogenannten Zusammenbruch
keineswegs ihre vorher ‚bewährten‘ Praktiken aufgaben, sondern es geschah darü-
ber hinaus, indem das, was Kindern zuvor angetan worden war, weiterhin wirksam
blieb und bis heute zu spüren ist.“ (Chamberlain 2003, S. 9)

Die Kontinuität in Erziehungsvorstellungen und -praktiken zeigt sich unter ande-


rem darin, dass das Buch der Ärztin Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr
erstes Kind“, das im Faschismus geschrieben wurde und eine dementsprechende
Pädagogik des Drills und der Unterordnung des kleinen Kindes vertrat, auch noch
in den 1950er Jahren hohe AuÁagen erzielte und als Standard für den Umgang mit
Kleinkindern galt. Haarers Buch wurde nach 1945 in „Die Mutter und ihr erstes
Kind“ umbenannt, was politisch opportuner war; dies änderte aber nichts an der
unbarmherzigen und emotionslosen Art, die als der richtige Umgang mit Kindern
dargestellt wurde. Die letzte Ausgabe des Buches erschien 1995, es hatte eine Ge-
samtauÁage von 1,2 Millionen Exemplaren.
Die autoritäre Erziehung orientierte sich an einem traditionellen Bild von Ge-
schlechtern und Sexualität, das spätestens seit Mitte der Fünfziger in der BRD
Ton angebend war. Mädchen und Jungen wurden zum größten Teil getrennt von-
einander unterrichtet, die Erziehung war zudem stark geschlechtsspeziÀsch ge-
prägt. Hier war das Bild des „anständigen“ Mädchens und des „richtigen“ Jungen
weit verbreitet. Das Ideal in der Erziehung war das freundliche, zurückhaltende
und höÁiche Mädchen, während Jungen schon eher die als „männlich“ bewerteten
Aktivitäten wie sich schmutzig machen und kämpfen zugestanden oder auch ab-
verlangt wurden:
54 2 Die fünfziger Jahre

„Auch in den Lesebüchern der fünfziger Jahre wurden noch ganz selbstverständlich
die alten Tugendkataloge rekapituliert: die puppenspielende Tochter als Mutters
beste Haushaltshelferin, der geschickte sportliche Sohn als Vaters handwerklicher
Assistent, ein ‚richtiger Junge‘!“ (Kellerman 1985, S. 14)

Mädchen durften ihr Bedürfnis nach Wildheit und Aggressivität nicht ausleben,
während bei Jungen Weichheit und Ängstlichkeit verpönt waren, die Emotionen
und die Körper der Kinder und Jugendlichen wurden den gesellschaftlichen An-
forderungen untergeordnet. Kinder hatten zu schweigen, wenn Erwachsene rede-
ten, und durch Rituale – Mädchen mit einem „Knicks“ und Jungen mit einem
„Diener“ – die Hierarchie zwischen Erwachsenen und Kindern zu bestätigen.
Die Körper der Heranwachsenden wurden zu gepanzerten Körpern (Preuss-
Lausitz 1995) erzogen, die keine „unpassenden“ Emotionen nach außen dringen
lassen durften und starren Regeln unterworfen waren. Leistung und Anpassung
standen im Mittelpunkt, sodass für Lust, Sensibilität und Neugier auf den eigenen
Körper kein Platz war. Waren diese Bedürfnisse trotzdem vorhanden, mussten sie
zumeist heimlich ausgelebt werden, was in der Regel mit einem schlechten Ge-
wissen verbunden war.
Die Generation der Erziehenden war selbst in einem Klima aufgewachsen, in
dem körperliche Lust unterbunden wurde, sie waren unsicher in ihrer eigenen Se-
xualität und konnten diese kaum oder gar nicht bei ihren Kindern, Schülerinnen
oder Schülern zulassen.
So fand Sexualaufklärung in den meisten Familien nicht statt, ganz im Geist
der Zeit war Sexualität ein Tabuthema; es war innerhalb der Familien nicht üblich,
dass Eltern vor den Kindern Zärtlichkeiten austauschten oder sich nackt zeigten.
Die Sexualratgeber für Jugendliche dieser Zeit reproduzierten das gängige Kli-
schee, dem zufolge (männliche) Sexualität gefährlich sei und weibliche Sexualität
durch diese gefährdet. Zudem war noch die Auffassung verbreitet, dass das Reden
über Sexualität die Jugendlichen nur „auf dumme Gedanken“ bringen und zur
Sexualität animieren könne. Grundsätzlich war es für Jugendliche kaum möglich,
hilfreiche Unterstützung bei der Entwicklung einer eigenen und befriedigenden
Sexualität zu bekommen. Wenn sie überhaupt stattfand, informierte Sexualerzie-
hung höchstens über Aufbau und Funktion der Geschlechtsorgane und den Verlauf
von Schwangerschaft und Geburt. Gesellschaftliche Aspekte oder sexuelle Lust
waren keine Themen.
Das Ziel in der Sexualerziehung in Elternhäusern wie Schulen bestand darin,
Kinder und Jugendliche möglichst von sexuellen Aktivitäten mit sich selbst wie
mit anderen fernzuhalten:
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern 55

„Durch strenge und sittliche Führung und BeeinÁussung sollen die Jugendlichen
geschlechtlichen Aktivitäten entsagen, um die Ehefähigkeit nicht zu gefährden.“
(Aus dem Buch „Wie schützen wir unsere Jugend vor Schmutz und Schund?“ von
1956, zit. n. Kuhnert 1990, S. 17)

Dominant war eine negative Sexualerziehung, eine „Sexualpädagogik der Mu-


mien“ (Kuhnert 1990, S. 16), die den Kindern und Jugendlichen Angst machen
sollte, die Ehe als einzig legitimen Ort für Sexualität anerkannte und Sexualität
nicht als Lust und Freude an sich sah, sondern in erster Linie in die Aufgabe der
Zeugung von Nachwuchs stellte. Homosexualität wurde entweder nicht themati-
siert oder verteufelt.
Mädchen wurden nicht aufgeklärt und hörten stattdessen nur die Drohung:
„Komm mir nicht mit einem Kind nach Hause“, was zu noch stärkerer Verunsi-
cherung führte.
So ist in den Büchern für Jugendliche zum Thema Sexualität fast durchgängig
von Gefahren die Rede, die mit Sexualität verbunden sind. In dem Buch „Was Jun-
gen wissen wollen“ von Heinz Hunger, ErstauÁage 1959, heißt es:

„Der Geschlechtstrieb ist eine Kraft, die leicht wie ein Strom über sein Ufer treten
kann. Gegen seine Überschwemmung können wir Menschen uns meist schlechter
schützen als gegen Feuer. Gegen Feuer hilft oft Wasser. Aber gegen WasserÁuten
gibt es zumeist keine andere Hilfe als wegzulaufen. Das ist nicht feige, sondern
zeugt von Klugheit. Wer glaubt, in solch tobenden Wassermassen noch schwimmen
zu können, kommt darin um.“ (Zit. n. Müller 1992, S. 107)

Wenn hier von „wir Menschen“ die Rede ist, bezieht sich die Aussage allerdings –
wie der Titel des Buches schon verrät – lediglich auf Jungen; der Rat an sie besteht
darin, wegzulaufen, ihre Triebe zu unterdrücken oder sie zu ignorieren. Folglich
war für Jungen alles zu unterlassen, was in irgendeiner Weise dazu führen könnte,
sexuelle Erregung hervorzurufen, wobei zum Teil auch rassistische Klischees be-
müht wurden:

„Wer in den Schaufenstern pikante Bilder betrachtet, wer dementsprechende Zeit-


schriften studiert und Filme besucht, wer abends im Variete sitzt und sich schwüle
Negersongs zu Gemüte führt, der darf sich nicht beklagen, wenn ihm nachts sein
Trieb zu schaffen macht.“ (Zit. n. Müller 1992, S. 111)

Die Schriften, die sich an junge Menschen richteten und vor den Gefahren der
Sexualität warnten, bezogen sich meist auf eine männliche, triebgesteuerte Se-
56 2 Die fünfziger Jahre

xualität und deren angebliche Gefahren. Zentral war auch hier die Warnung vor
(männlicher) Onanie.
Selbstbefriedigung von Jungen wurde als Gefahr gebrandmarkt, ihr kam eine
dermaßen große Bedeutung zu, dass sie sogar unterschiedlich qualiÀziert und in
Kategorien eingeteilt wurde. So gab es die Kategorie der „Notonanie“, der „Puber-
tätsonanie“, der „Zufallsonanie“, der „Sehnsuchtsonanie“, der Racheonanie“, der
„Examensonanie“, und – in einer autoritär geprägten Gesellschaft besonders ver-
werÁich – der „Oppositionsonanie“ (s. Kuhnert 1990, S. 17).
Der Kampf gegen die Lust am eigenen Körper und eine damit verbundene
Selbstbestimmung über diesen Körper hatte einen besonderen Stellenwert, Kinder
und Jugendlichen sollten der sexuellen Lust völlig entsagen. Um den „Gefahren“
der Onanie vorzubeugen, wurde an klassische „männliche Tugenden“ appelliert:

„Härt ab. Eine vorzüglich abhärtende Wirkung haben kalte, mit einem großen,
viel Wasser fassenden Schwamm am Morgen vorgenommene Waschungen der Ge-
schlechtsorgane.“ (Zit. n. Müller 1992, S. 107)

Hier nimmt der Kampf gegen die Selbstbefriedigung soldatische Züge an, der Jun-
ge soll seinen Körper abhärten und nicht spüren, stark und tapfer sein und sich
keinesfalls seinen Gefühlen und Bedürfnissen hingeben.
Als Folge der strengen und lustfeindlichen Erziehung entwickelten Jugendliche
ein ängstliches und unsicheres Verhältnis zu ihren Körpern und erotischen Be-
dürfnissen:

„Die erste Nachkriegsgeneration masturbierte noch mit schlechtem Gewissen, weil


die Lufthoheit in Fragen der Sexualmoral bei klerikalen Tugendwächtern lag, die
heute nur noch als WitzÀguren durchgehen würden. Pfarrer, Religionslehrer und
sogar Ärzte machten Jugendlichen Angst vor der Hölle und Rückenmarkschwund.“
(Miersch u. a. 2010, S. 140)

In den Büchern zum Thema Sexualität kommen verschiedenste Momente der bun-
desdeutschen Nachkriegsgesellschaft zum Ausdruck: eine strenge, autoritäre und
äußerst lustfeindliche Grundhaltung, die auf der einen Seite Mädchen keinerlei
sexuelle Bedürfnisse oder Freiräume zugesteht, die auf der anderen Seite Jungen
vor ihren eigenen Gefühlen und den „Gefahren“ der Onanie warnt, die Sexualität
grundsätzlich als Gefahr thematisiert und mit Angst statt mit Aufklärung operiert.
Ein „richtiges“ Mädchen hatte sich zurückzuhalten und musste vor der gefähr-
lichen Sexualität der Jungen und Männer bewahrt werden, um „rein“ und „un-
2.4 Kindheit und Jugend in den 50ern 57

beÁeckt“ in die Ehe zu gehen; ein „richtiger“ Junge musste seine Triebe unterdrü-
cken und den heroischen Kampf gegen die Freude am eigenen Körper aufnehmen.
Im Sinne einer Auffassung, die Männern eine aktive und Frauen eine passive
Sexualität zuschreibt, stand in erster Linie die Selbstbefriedigung der Jungen im
Mittelpunkt der pädagogischen Schriften, weibliche Onanie wurde lediglich am
Rand thematisiert, wobei auch diese mit Gefahren verbunden war. In einer „Auf-
klärungsschrift“ werden Mädchen gewarnt:

„Wenn Masturbation ausschließlich an der Klitoris stattÀndet, entsteht der Klito-


rismus, ..., durch ihn sind Frauen unfähig, bei der ehelichen Beziehung die Lust in
der Scheide und an der Gebärmutter zu empÀnden, die allein die Fülle des Genus-
ses in sich bergen.“ (Zit. n. Kuhnert 1990, S. 17)

Im Mittelpunkt stand hier die Orientierung an der Ehe, sexuell unabhängige Mäd-
chen mit Lust am eigenen Körper stellten eine Gefahr für die konservative Sexual-
moral dar, ihre Ehefähigkeit stand auf dem Spiel. Ganz im Sinne des konservati-
ven Weltbildes unterlagen Mädchen bei sexuellen Kontakten zu Jungen strengeren
Kontrollen und Repressionen, vorehelicher sexueller Kontakt konnte für sie die
Unterbringung in einem Erziehungsheim zur Folge haben:

„Wurde das Mädchen einmal als sexuell verwahrlost eingestuft, – und dieser Aspekt
war laut Jugendwohlfahrtsgesetz bei jeglicher Form vorehelicher sexueller Kontak-
te und Beziehungen erfüllt – folgte in den meisten Fällen eine Heimunterbringung,
die zur Resozialisierung beitragen sollte (...).“ (Klein/Sager 2010, S. 101)

Eine Angst einÁößende Pädagogik, eine repressive Sexualmoral und -gesetzge-


bung führten dazu, dass sexuelle Lust oft mit einem schlechten Gewissen und
Schuldgefühlen verbunden waren; neben das eigene Gewissen traten dabei noch
die Angst, „erwischt“ zu werden oder eine ungewollte Schwangerschaft hervor-
zurufen.
Die Lage von homosexuell orientierten Mädchen und Jungen war auf Grund
der gesetzlichen Bestimmungen und der strengen Moralvorstellungen noch drama-
tischer; sie litten unter der Angst, nicht „normal“ oder sogar krank zu sein, litten
unter Bedingungen, die ein Ausleben ihrer sexuellen Orientierung verbot, waren
ganz auf sich alleine gestellt und hatten keinerlei Unterstützung oder Anerkennung
zu erwarten.
Beengte Wohnverhältnisse, strenge Erziehung und eine repressive Sexualmoral
waren die kennzeichnenden Merkmale der Nachkriegsjahre; für Heranwachsende
bedeuteten diese Bedingungen in Bezug auf ihre sexuellen Bedürfnisse immer
58 2 Die fünfziger Jahre

auch, sich Freiräume gegen die autoritäre Welt der Erwachsenen erkämpfen zu
müssen.

2.5 Skeptische Generation, Existentialismus


und Teenager-Kultur

In einer damals sehr populären Untersuchung hat der Soziologie Helmut Schelksy
auf der Grundlage empirischer Untersuchungen die Jugend in Westdeutschland als
„skeptische Generation“ bezeichnet. Schelsky verstand die Jugend der fünfziger
Jahre als eine Jugend der Übergangszeit zwischen dem vergangenen Nationalso-
zialismus und der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik. In seiner Untersu-
chung ging er den Fragen nach, wie sich die Jugend in Schule, Freizeit und Arbeit
verhält, welche Werte für sie Bedeutung haben und vor allem, wie sie sich nach der
Katastrophe des deutschen Faschismus und des Weltkrieges politisch orientiert.
Als Ergebnis diagnostizierte er eine skeptische Generation, die aufgrund der
Geschehnisse der deutschen Vergangenheit weniger an Politik, sondern eher an
individueller Lebensgestaltung, beruÁichem Fortkommen und der jeweiligen Zu-
kunftsplanung interessiert sei:

„Zugehörigkeit und Teilnahme an den Veranstaltungen einer Jugendvereinigung


oder -gruppe sind für sie nur eine sinn- und zweckvolle Ergänzung ihres priva-
ten Lebensraumes, dagegen keineswegs eine ‚soziale Heimat‘, ein totaler Lebens-
bereich echter Jugendlichkeit; sie wollen nicht in einer Gemeinschaft ‚aufgehen‘,
sondern ‚Anschluß Ànden‘, der bei aller geselligen Verbindung die Grenzen ihres
persönlichen Lebens respektiert. In diesem Sinne könnte man sagen, daß die gegen-
wärtige Jugendgeneration durchaus organisationsbereit, aber gemeinschaftsscheu
ist.“ (Schelsky 1958, S. 469)

Schelsky beschreibt die deutsche Nachkriegsjugend, und hierbei vor allem die
arbeitende Jugend zwischen 14 und 25 Jahren, als wohl politisch interessiert, aber
dies lediglich auf einzelne politische Fragen bezogen und – aufgrund der Erfahrun-
gen der Nazizeit – wenig interessiert an Utopien oder politischen Gegenentwürfen,
an Zugehörigkeit zur „Volksgemeinschaft“ oder totalitären Ideologien. Die Unter-
suchung erschien 1958, zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Jugendliche
hatten gute ökonomische Zukunftsperspektiven und konzentrierten sich eher auf
die Gestaltung des eigenen Lebens. Sie hatten somit ihre Konsequenzen aus der
deutschen Katastrophe gezogen und waren skeptisch gegenüber verschiedenen poli-
tischen „Heilslehren“, allerdings nicht rebellisch in ihrer politischen Grundhaltung,
sondern im Großen und Ganzen einverstanden mit den politischen Verhältnissen.
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus und Teenager-Kultur 59

Eine Ausnahme bildeten hierbei diejenigen jungen Menschen, die sich am


Existentialismus, und hierbei vor allem an den Schriften von Sartre und Camus
orientierten. Für sie erwies sich der Existentialismus als eine attraktive Alternative
zur Mentalität der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, in der die Schuld der
Nazizeit verdrängt wurde und der wachsende Konsum eine immer größere Rolle
spielte. Die Beschäftigung mit dem Existentialismus setzt eine gewisse ReÁek-
tionsfähigkeit und Bildung voraus, zudem ein Interesse, sich mit philosophischen
Fragen zu befassen, weshalb Existentialistinnen und Existentialisten vor allem den
gehobeneren Schichten entstammten; es handelte sich in erster Linie um Gymna-
sistInnen und Studierende, die sich so von dem Mainstream der deutschen Nach-
kriegsgesellschaft abgrenzten. Sie hatten dabei eine gewisse kritische Grundhal-
tung, es waren Jugendliche und junge Erwachsene,

„die gegen den Konsens des Schweigens über die politische Vergangenheit oppo-
nierten und gegen das Leistungs- und Konsumdenken auftraten – und sei es nur auf
dem Weg des Rückzugs in die Ghettos der Jazz-Keller, Eis-Cafes oder Kunsthoch-
schulen.“ (Krüger 1986a, S. 268)

Kennzeichnend für den Stil des Existentialismus in Deutschland waren – den fran-
zösischen Vorbildern folgend – schwarze Rollkragenpullover, schwarze Kleider
und Hosen, es wurde vor allem amerikanischer Jazz gehört und neben den franzö-
sischen Existentialisten stand die amerikanische Beatnik-Literatur bei ihnen hoch
im Kurs. Im Gegensatz zur Szene in den USA lehnten die ExistentialistInnen in
Deutschland allerdings mehrheitlich den Drogengebrauch ab, die Geschlechterfra-
ge wurde bei ihnen kaum reÁektiert, auch Àndet sie bei ihnen keine Orientierung
an den Konzepten oder Vorstellungen einer „freien Liebe“ (s. Krüger 2010, S. 16),
wie dies zum Teil in den USA der Fall war.
Der Bezug auf den Existentialismus bot Jugendlichen vor allem aus bürgerli-
chen Milieus eine Alternative zur gängigen Moral der Deutschen in der damaligen
Zeit und verschaffte ihnen in der Nachkriegsgesellschaft einen großen Distink-
tionswert sowohl gegenüber Erwachsenen als auch anderen Jugendlichen: Ex-
klusive Orte wie Jazzkneipen und Kunsthochschulen, ein intellektuelles Milieu,
eine Antihaltung der konformistischen Nachkriegsgesellschaft gegenüber und ein
meist eher ernsthaftes und nachdenkliches Auftreten, das im Gegensatz zur auf-
kommenden Unterhaltungsindustrie stand, dazu die schwarze Kleidung, all dies
verschaffte ihrer Szene ein gewisses Flair:
60 2 Die fünfziger Jahre

„Zu Idolen wurden Sartre und de Beauvoir, das nicht verheiratete, kinderlose, frei
liebende Paar, Inbegriff der Unmoral für deutsche Spießer, oder die geheimnisvolle
Juliette Greco im langen schwarzen Kleid, mit langem schwarzen Haar.“ (Heider
2014, S. 27)

Neben den intellektuellen und elitären Jugendlichen, die dem Existentialismus


anhingen, entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 50er Jahre in der Bun-
desrepublik die Teenager-Kultur. Im Gegensatz zu vorherigen Jugendkulturen,
wie der bündischen Jugend oder dem Wandervogel, war sie ein Produkt aus
den USA und damit die erste importierte und kommerzielle Jugendkultur in
Deutschland:

„Das ging einher mit der multimedialen Präsentation eines Teenager-Stils, der von
Jeans bis Petticoat über eine Ästhetik des Flotten und Schicken bis zur Lebensein-
stellung reichte, daß jung sein Spaß machte. Teenagersongs und -Àlme bildeten den
Überbau dieser Jugendwelt ...“ (Maase 1992, S. 102f)

Nicht Eltern, Kirche oder Parteiorganisationen, sondern Marketingexperten be-


stimmten diesen neuen, umfassenden Stil, in dem es darum ging, „Áott“ und
„schick“ zu sein statt korrekt und brav. Voraussetzung dafür war das enorme öko-
nomische Wachstum in Deutschland und die damit verbundene Tatsache, dass Ju-
gendliche über immer mehr eigenes Geld verfügten und dadurch für die Industrie
zu interessanten Konsumentinnen und Konsumenten wurden.
In der Teenager-Kultur ging es vornehmlich darum, einen eigenen Stil, be-
stehend aus Musik, KinoÀlmen, Kleidung, der Vermarktung von Stars, und ein
damit verbundenes Lebensgefühl zu etablieren. Dieses Angebot kam den Jugend-
lichen entgegen bei ihren Bemühungen, sich von der Welt der Erwachsenen abzu-
grenzen. Die Schauspieler Marlon Brando und James Dean sowie der Rockmusi-
ker Elvis Presley waren dabei die zentralen Figuren. Sie fanden ihre Pendants in
Deutschland in Horst Buchholz, Peter Kraus und Cornelia Froboess.
Vor allem die Tatsache, dass die neue Jugendkultur zum größten Teil aus den
USA importiert wurde, sorgte in bildungsbürgerlichen Kreisen für Empörung; sie
befürchteten einen Verfall deutscher Kulturgüter durch eine Amerikanisierung:
Comics, Rock Ϋnά Roll, Jeans (damals noch Nietenhosen genannt) wurden als ame-
rikanische Massenkultur kritisiert und abgewertet, die neue Jugendkultur erschien
ihnen gefährlich für ihr eigenes Wertesystem, sie galt als trivial und vor allem rein
kommerziell orientiert.
Trotz des Flotten und Schicken, das als Ideal für Jugendliche präsentiert wur-
de, war die Teenager-Kultur keine rebellische Kultur, sie stellte weder Autoritäten
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus und Teenager-Kultur 61

noch die Gesellschafts- oder Geschlechterordnung grundsätzlich in Frage, rekla-


mierte lediglich den Anspruch der Jugend auf Freude, Spaß und Konsum:

„Am Beispiel ‚Teenager‘ als kommerzieller Modelljugendlicher tritt uns zum er-
stenmal die Transformation eines rebellischen Stils in eine geglättete Modevariante
vor Augen: Jugendkultur als Markt liefert die ‚brave‘ Ausgabe, die ‚nette‘ Version,
das ‚saubere‘ Surrogat der jugendlichen Subkultur.“ (Lindner 1986, S. 283)

Wenn Lindner hier von einer Transformation eines rebellischen Stils spricht, so
bezieht er sich auf den Rock Ϋnά Roll, der zwar in der Teenager-Kultur eine ge-
wisse Rolle spielt, aber in der Teenager-Variante wesentlich weniger rebellisch
auftritt als im Ursprungsland USA; Rock Ϋnά Roll war eher die Musik der „Halb-
starken“.
Der „Teenager“ dagegen, ob weiblich oder männlich, war im Gegensatz zum
„Halbstarken“ eine marktkonforme, konsumfreudige, freundliche und brave Aus-
gabe der neuen Jugendkultur, obwohl auch Teenager in ihren Familien oft das
Recht auf ihre Musik, ihre Filme und ihre Kleidung erkämpfen mussten.
Die Grundhaltung dieser Jugendlichen spiegelt sich auch in ihrem Sprachge-
brauch wider, der sich stark von einer militärischen oder bürokratischen Sprache
abgrenzt, stattdessen „locker“, originell und witzig wirken soll. In dem Buch „Stei-
ler Zahn und Zickendraht“ (1960) wird versucht, eine Art Lexikon dieser Jugend-
sprache zu verfassen. Hier wird der Gegensatz zur Sprache der Erwachsenen als
der Gegensatz von Gesetztheit und Zurückhaltung auf der einen und Freude und
Unbekümmertheit auf der anderen Seite beschrieben.
Jung-Sein wurde zum gesellschaftlichen Leitbild, es galt als modern und offen
und in Deutschland zudem noch als politisch unbelastet. Der Teenager, der die-
se neue Auffassung von Jugendlichkeit verkörperte, wurde präsentiert auf extra
organisierten Teenager-Parties, Teenager-Messen und Modenschauen für Jugend-
lichen, die der Werbung für verschiedene Produkte dienten.
In der BRD wurde die Figur des Teenagers und die dazugehörige Kultur vor
allem durch die Zeitschrift Bravo popularisiert. Bravo, 1956 zum ersten Mal er-
schienen, damals noch mit dem Untertitel „Zeitschrift für Film und Fernsehen“,
ab 1957 „Zeitschrift mit dem jungen Herzen. Film-Fernsehen-Schlager“ und an-
schließend, ab 1958, speziell für die Jugend, nur noch „Für die jungen Herzen“,
war von Beginn an ein großer kommerzieller Erfolg. Die Zeitschrift hatte mit den
ersten Heften eine AuÁage von 30.000, die sich gegen Ende des Jahrzehnts auf
500.000 pro Ausgabe steigerte (s. Maase 2005a, S. 13).
Bravo verkaufte Stars, machte damit Werbung für Schallplatten und diverse
Merchandising-Produkte, gab (für Mädchen) Schmink-, Schönheits- und Diät-
62 2 Die fünfziger Jahre

tipps, trug so zu einer Verfestigung von Rollenbildern bei und propagierte durch
Inserate und Vorbilder eine konsumorientierte Jugendkultur.
Die Rollenbilder in der Zeitschrift entsprachen zwar dem allgemeinen Ver-
ständnis der Zeit, doch zeigten sich hier schon AuÁockerungen, was ein stark
konservatives Bild – vor allem von Weiblichkeit – betrifft. So präsentierte Bravo
Frauen, „die einerseits zu neuen Ufern aufbrechen, indem sie selbstbewusst ihrer
Arbeit nachgehen, andererseits aber noch sehr dem traditionellen Rollenbild ent-
sprechen.“ (Nieland 2006, S. 82)
Das Spektrum von Weiblichkeitsbildern, das Bravo in den Fünfzigern präsen-
tierte, war zwar in Ansätzen schon fortschrittlich, doch war es noch eingebettet in
eine klare Einteilung von starken Männern und schwachen, aber verführerischen
Frauen, wobei Sexualität noch nicht direkt angesprochen oder thematisiert wurde:

„Wenn Mitte der 50er Jahre Außerirdische den Versuch unternommen hätten, sich
anhand der Fotos und Schlagzeilen in den ersten BRAVO-Jahrgängen ein Bild von
den auf der Erde vorkommenden zwei Geschlechtern zu machen, dann wäre ihr
erster Eindruck gewesen: Frauen räkeln sich auf Schaukeln, winden sich um Seile
und schürzen ihre Röcke, Männer schlagen sich, erobern Weltreiche, wissen zu viel
und werden erstochen. Das Thema Sexualität war in dieser Zeit etwas, was weder
sachlich noch genussvoll medial erarbeitet wurde ... Im Allgemeinen mussten die
Menschen jedoch, was Details sexueller Handlungen anbelangte, noch ihre eigene
Fantasie bemühen.“ (Freund 2005, S. 69)

Ein tendenziell konservatives Bild der Geschlechter und ein Schweigen über se-
xuelle Details lagen dabei durchaus im Trend der Zeit, was sich auch an der Ru-
brik „Rat in Liebesdingen“ der ersten Jahre in Bravo zeigt. Die Aufklärung zur
Sexualität kam erst – auch dem Zeitgeist folgend – in den 60er Jahren, beginnend
mit dem „Knigge für Verliebte“. Die eher brave Richtung der Teenager-Kultur, die
durch Bravo in den 50ern verbreitet wurde, zeigt sich auch in den Stars der Zeit-
schrift. So waren noch 1959 bei den Frauen Ruth Leuwerik, Romy Schneider und
Sabine Sinjen äußerst populär, bei den Männern O. W. Fischer, Peter Kraus und
Hardy Krüger (s. Hoersch 2006, S. 53).
An Bravo zeigt sich die Ambivalenz jugendkultureller Produkte: Zum einen
propagierte Bravo ein relativ konservatives Verständnis von Geschlechterrollen
und trug zur Verbreitung einer konsumorientierten Jugendkultur bei.
Zum anderen enthält Bravo durchaus emanzipatorische Elemente. Hier ist vor
allem der Umgang der Zeitschrift mit Militarismus und Konservatismus, der in
den Fünfzigern noch weit verbreitet war, zu nennen, wozu eindeutig Stellung be-
zogen wurde:
2.5 Skeptische Generation, Existentialismus und Teenager-Kultur 63

„Von der ersten Ausgabe bis etwa Mitte 1958 fand sich durchschnittlich in jedem
dritten oder vierten Heft ein Kommentar mit antimilitärischer oder antimilitaris-
tischer Tendenz. Gegenstand von Kritik oder Spott waren Waffen(käufe), ‚Komiss-
köppe‘, ‚Schießer‘, OfÀziere, Uniformen, ‚der Spieß‘, Verteidigungsminister Strauß,
Atombomben(versuche), KriegsÀlme.“ (Maase 2005a, S. 18)

Auch die Ratgeberrubrik in Liebesdingen war für die damalige Zeit, in der Ju-
gendliche kaum Gelegenheit hatten, ihre Fragen, Sorgen und Nöte mit anderen
Erwachsenen zu besprechen, ein Fortschritt. Hier gab es zumindest eine Anlauf-
stelle, deren Existenz signalisierte, dass man Probleme und Fragen der Liebe the-
matisieren kann und darf.
Bravo ist somit das Magazin für die neu aufkommende Teenager-Kultur:
freundlich und modern, ohne zu rebellisch zu sein, und vor allem konsumfreudig,
wie es dem neuen Jugendtyp entspricht. Dieser muss sich allerdings gegen die
Welt der Erwachsenen behaupten, um „jugendgemäße“ Musik, Filme, Kleidung
konsumieren zu können.
Der Teenager, jung, lebensfroh und hedonistisch, ist ein anderes Leitbild als der
asketische, Áeißige und gepanzerte Mensch, dem es kaum erlaubt war, Freude und
Spaß auszudrücken; der Teenager verkörpert im Gegensatz dazu Jugendlichkeit,
Dynamik und Offenheit.
Der zentrale Gegensatz zwischen der neu aufkommenden Jugendkultur der
50er Jahre und dem gesellschaftlich vorherrschenden Bild, insbesondere von
Männlichkeit, kann mit Maase als das Gegensatzpaar von „lässig“ und „zackig“
beschrieben werden (s. Maase 1999); beide Begriffe bezeichnen dabei sowohl eine
grundsätzliche Haltung als auch eine unmittelbar wahrnehmbare Körperhaltung.
Als „lässig“ galten Eigenschaften wie locker, rund, geschmeidig, dazu ein
schlendernder und schlurfender Gang. Diesem gegenüber stand „zackig“, was
durch stramm, eckig, hart und einem marschierenden Gang charakterisiert war.
Der männliche Habitus des „Lässigen“ verkörperte dabei Individualität, einen
nicht geformten und eher genießenden und lockeren Körper, der lustvoll tanzt statt
zu marschieren, der eher Áirtet statt beÀehlt, in Kontrast zum zackigen, harten,
gedrillten und gepanzerten Körper, der Befehle empfängt und ausführt, wie es für
das Militär typisch ist. Es handelte sich um eine (männliche) Körperpraxis, die
eine Tendenz hin zu einem eher zivilisierten Umgang signalisierte. Für diejenigen
deutschen Männer, deren Körper vor allem im Militär, aber auch in der Berufswelt
geformt wurde, musste dieser lässige Habitus als Provokation erscheinen: zum
einen als „verweiblicht“, weil nicht hart und „schneidig“, und zum anderen als
rebellisch, weil er durch seine Haltung eine Weigerung zur Unterordnung signali-
sierte und Spaß an Stelle von Befehl und Gehorsam setzte.
64 2 Die fünfziger Jahre

Als Pendant dazu die Mädchen, die nicht mehr nur brav oder zurückhaltend,
sondern eher Áott, mit Petticoat und Pferdeschwanz auftraten. Im Rahmen der
Teenager-Kultur war es ihnen erlaubt, Lebensfreude auszustrahlen und zumindest
in Ansätzen eine Jugend jenseits der traditionellen Vorschriften zu leben, die es
ihnen ermöglichte, den ansonsten streng kontrollierten weiblichen Körper zu ge-
nießen und Kontakte zum anderen Geschlecht aufzubauen.
Auch wenn Lindner (s. Lindner 1986, S. 282) schreibt, dass die Teenager-Kultur
für die Mädchen neben den drei traditionellen K (Kinder, Küche, Kirche) noch das
vierte K, nämlich den Konsum, gebracht habe, können hier doch auch Ansätze zu
einer Modernisierung von Weiblichkeit gesehen werden.
Das typische Teenager-Mädchen legte zu Hause Platten auf und schwärmte von
seinem Star, blieb also weiterhin verhaftet in der abhängigen, wartenden und an-
himmelnden Rolle. Doch zeigen sich auch im Bild der Teenager-Mädchen Tenden-
zen, die klassischen Rollenvorschriften aufzuweichen. Bei den Idolen in Bravo ist
ein Aufbruch zu erkennen hin zu einer Weiblichkeit, die nicht nur untergeordnet
und angepasst ist, sondern auch modern und relativ selbstbewusst, eine „Áottere“
Variante von Weiblichkeit, die die Mädchen in den Fünfzigern gegenüber ihren in
der Regel sehr konservativen Eltern durchsetzen mussten. Bei aller berechtigten
Kritik an Konsum und Angepasstheit hat die Teenager-Kultur dazu beigetragen,
dass die klassischen Bilder des „zackigen“ Jungen und des „braven“ Mädchens als
vorherrschende Rollenmuster an Bedeutung verloren haben.

2.6 Die Halbstarken

Im Gegensatz zur Teenager-Kultur, die zumindest etwas Akzeptanz in großen Tei-


len der Bevölkerung erfuhr, stieß die Jugendkultur der Halbstarken meist auf hef-
tige ablehnende Reaktionen von Seiten der Erwachsenen und der Öffentlichkeit.
Das Wort „Halbstarker“ stammt aus dem 19. Jahrhundert und war eine Bezeich-
nung für vor allem männliche Jugendliche aus unteren sozialen Schichten, die, da
sie nicht mehr schulpÁichtig waren und auch keine Arbeit hatten, herumlungerten
und denen kriminelles Verhalten nachgesagt wurde.
Die Halbstarken waren die härtere und unangepasstere Version der Teenager-
Kultur, wobei es zwischen beiden mehr oder weniger feine Unterschiede gab:
2.6 Die Halbstarken 65

„...: für Halbstarke waren Bill Haley und Elvis Presley, für Teenager Conny Fro-
boess und Peter Krauss. Für Halbstarke war ‚Außer Rand und Band‘, für Teenager
‚Wenn die Conny mit dem Peter‘. Für Halbstarke waren Lederjacken (männlich)
und hautenger Pulli (weiblich), für Teenager Peter Krauss-Coll und der Conny-
Teen. Für Halbstarke waren Spielhalle und Rummelplatz; für Teenager Eisdiele
und Tanz-Cafe.“ (Lindner 1986, S. 283)

Beide Jugendkulturen teilten die Begeisterung für die aus den USA importierten
Angebote der Kulturindustrie: Im Zentrum der Halbstarkenkultur stand der Rock
Ϋnά Roll als Musik, Tanzstil und als allgemeines Lebensgefühl. Rock Ϋnά Roll, eine
Mischung aus Rythm and Blues und Country and Western, war ursprünglich die
Musik der unterdrückten schwarzen Bevölkerung in den USA, wurde allerdings
von dieser Tradition musikalisch und textlich zunehmend gereinigt und weich-
gespült, um – als massenkompatibles Produkt – schließlich ab Mitte der Fünfzi-
ger in den Vereinigten Staaten zu einem großen kommerziellen Erfolg zu werden.
Weichgespült bedeutet dabei, dass einige Texte umgeschrieben wurden, um ihre
teilweise unverhohlenen sexuellen Anspielungen abzuschwächen, oder dass z. B.
Elvis Presley in der Anfangszeit bei TV-Auftritten nur bis zur Hüfte gezeigt wer-
den durfte, weil sein Hüftschwung als sexuell zu anstößig empfunden wurde.
Im Mittelpunkt standen vor allem männliche und weiße Protagonisten wie Bill
Haley, Elvis Presley, Eddie Cochrane, Buddy Holly. Der Begriff Rock and Roll
– zu Deutsch Schaukeln und Wälzen – ist ein Slang-Ausdruck, der in übertrage-
nem Sinne den Geschlechtsverkehr meint. Im Kern beinhaltet Rock Ϋnά Roll durch
seinen Rhythmus und seinen Tanzstil immer auch sexuelle Anspielungen, wie der
Rockmusiker Eric Burdon betont:

„Sex ist Rock and Roll. Rock and Roll Musik ist eine sexuelle Ausdruckform –
Sexualität drückt sich musikalisch aus. Die sexuelle Begegnung setzt bestimmte
Grundelemente voraus – das Männliche, das Weibliche, die Liebe, den Hass oder
ein Drittes (...); auf übertragene Weise zeigen sich diese Grundelemente im Rock
and Roll.“ (Burdon 1979, S. 224)

Von konservativer Seite wurde dieser Zusammenhang genauso gesehen. Im Her-


kunftsland des Rock Ϋnά Roll, den USA, wurde vor allem in kirchlich-konservati-
ven Kreisen vor einer Gefahr der Sexualisierung der Jugend gewarnt:
66 2 Die fünfziger Jahre

„Der Rock Ϋnά Roll entÁammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die
Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständ-
nis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind An-
gelegenheit der Gerichte und der Polizei.“ (Zit. n. Compart 2013, S. 3)

Nicht nur die Sexualität der Jugend, sondern – damit verbunden – ganz allgemein
die Wertorientierungen von Heranwachsenden wurden durch die neue Musik als
gefährdet angesehen:

„Hinzu kamen die professionellen Bedenkenträger und Daueraufreger aus den


verschiedenen politischen Lagern, die den Anstieg der Jugendkriminalität, Früh-
Schwangerschaften und allgemeinen Werteverfall mit der Musikbegeisterung von
Teenagern – ( … ) – in Zusammenhang brachten. Senator McCarthy sah die ‚fünfte
Kolonne Moskaus‘ am Werk (…), wo wiederum die gleiche Musik als ‚kulturelle In-
vasion des amerikanischen Imperialismus‘ (…) verunglimpft wurde.“ (Wicke 2011,
S. 21)

In der Bundesrepublik der Fünfziger wirkte die neue Art der Musik ebenfalls
schockierend. Hier waren im Mainstream noch brave Schlager mit ebenso braven
Texten angesagt, und wenn getanzt wurde, dann im Paar von Frau und Mann und
das nach vorgegebenen Schritten und Bewegungen. Der Rock Ϋnά Roll hingegen
betonte wesentlich stärker den Rhythmus und den individuellen, sexuellen Körper,
was für den älteren Teil der Bevölkerung schockierend wirkte, weil es in ihren
Augen gegen Anstand und Sitte verstieß:

„Eltern und Erzieher, Lehrherren und ältere Kollegen reagierten ablehnend, ja


aggressiv auf die Begeisterung Jugendlicher für sogenannte „Urwaldmusik“ und
Langhaarfrisuren („Elvistolle“), für körperbetonte Tänze und Stars ...“ (Maase
2005b, S. 28)

Der Rock Ϋnά Roll und die Halbstarken wirkten auf die VertreterInnen der alten
Ordnung provokant, irritierend und gefährlich. Diese sahen sich in ihren Vor-
stellungen von Musik und Tanz, ihrer nationalen und kulturellen Identität durch
US-amerikanische Importe bedroht und befürchteten einen Verlust ihrer Autorität
und der Kontrolle über die Jugend. Weit über die Bezeichnung für einen Musikstil
hinaus wurde der Begriff „Rock Ϋnά Roll“ zu einem Synonym für eine wilde, unan-
gepasste und rebellische Lebensweise.
Die Wildheit des Rock Ϋnά Roll und die – nicht weniger schockierend – da-
mit verbundenen sexuellen Anspielungen wurden vor allem bei den Auftritten
von Elvis Presley deutlich, wenn „Elvis the Pelvis“ das Becken kreisen ließ und
2.6 Die Halbstarken 67

damit eindeutige Bewegungen vorführte, die dem Geschlechtsverkehr ähnelten;


mit Presley kam etwas auf, das es bis dahin nicht gegeben hatte: ein männlicher
sexualisierter Körper als Objekt der Begierde. Seine Tanzbewegungen ahmten die
Halbstarken nach, Rock Ϋnά Roll wurde von ihnen individuell und körperbetont
getanzt, ihr Körper war ein wilder, ungezähmter und individueller Körper, der sich
deutlich der geforderten Ordnung und Anständigkeit widersetzte.
Die Begeisterung für den neuen Musikstil führte zu teils heftigen Auseinander-
setzungen zwischen den Generationen, sie eignete sich von daher bestens dazu, die
ältere Generation zu provozieren, wobei allerdings –im Sinne der GepÁogenheiten
der 50er Jahre – mit massiven Reaktionen gerechnet werden musste:

„Das Àng halt schon zu Hause mit dem Theater an, wenn da Bill Haley im Radio
war ..., dann war ich aus dem Häuschen ... dann konnte ich nicht stille sitzen ... und
dann kriegte ich erst links und rechts ein paar um die Ohren, und dann wurde das
Radio ausgedreht ... Ja, und dann wurde ich ein bisschen unruhig, ich nehme an,
aus lauter Opposition meinem Vater gegenüber.“ (Zit. n. Maase 2005b, S. 27)

In den fünfziger Jahren wirkte ein männlicher Jugendlicher mit grinsendem Ge-
sicht und Zigarette im Mundwinkel, lässig an eine Mauer gelehnt, die Hände im
Bund der Jeanshose verhakt, auf Erwachsene subversiv und provokant.
Der Kleidungsstil der Halbstarken bestand bei den Mädchen und jungen Frau-
en aus Petticoats, weiten Röcken oder engen Hosen, die damals für „anständige“
Mädchen verpönt waren; die Frisur war zumeist ein Pferdeschwanz, zudem wur-
den Lidstrich und Lippenstift benutzt. Die Jungen und jungen Männer orientierten
sich an ihren Idolen, trugen Jeans, meist schwarz und eng, Lederjacken, farbige
Hemden oder Pullover mit auffallenden Mustern, spitze schwarze Schuhe, als Fri-
sur war die „Elvis-Tolle“ angesagt, bei der die Haare nach hinten gekämmt wur-
den. Schon die Aufmachung der Halbstarken signalisierte durch Petticoat oder
enge Hosen ein sexualisiertes Auftreten, das die Geschmeidigkeit des Ganges bei
Mädchen wie Jungen unterstrich. Insbesondere die bevorzugt getragenen Jeans
stellten einen Verstoß gegen die herrschende Vorstellung von ordentlicher Klei-
dung bei Mädchen wie Jungen dar, Jeans galten bis dahin lediglich als Hosen, die
geeignet waren, zu körperlicher Arbeit getragen zu werden.
Der Rock Ϋnά Roll drückte das Bedürfnis Jugendlicher aus, sich den beklem-
menden, korrekten und ordnungsliebenden 50er Jahren entgegenzustellen, dem
erdrückenden und autoritären Alttag zu entÁiehen, was in der ofÀziellen Politik
wie der Presse in West- und Ostdeutschland auf ablehnendes Entsetzen stieß. So
äußerte sich Walter Ulbricht, der Staatsratschef der DDR:
68 2 Die fünfziger Jahre

„Dieser Lärm ist nichts als Ausdruck der Hemmungslosigkeit; er spiegelt die an-
archistischen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft wider. Ein System, das
am Absterben, am Verfaulen ist, bringt solche Ausschreitungen hervor. Es kann sich
nicht darum handeln, diese Jugendlichen zu kritisieren, es geht vielmehr darum, die
Verantwortlichen zu verurteilen ...“ (Zit. n. Farin 2001, S. 50)

Der DDR-Verteidigungsminister Willy Stoph ergänzte:

„Der Rock Ϋnά Roll ist ein Verführungsmittel, um die Jugend reif zu machen für den
Nato-Atomkrieg.“ (Zit. n. Farin 2001, S. 50)

Die christliche Zeitung Rheinischer Merkur beklagte anlässlich eines Konzertes


von Bill Haley, dass der „Komet der Triebentfesselung“ ausgerechnet am Tag der
Papstwahl einen „Feldzug wider die letzten Reste von Anstand und Selbstachtung“
unternommen habe.“ (s. Farin 2001, S. 49)
Bei allen sonstigen Gegensätzen zwischen Vertretern der sozialistischen DDR
und der katholischen Kirche waren sich diese in gewissen Punkten einig: Hem-
mungslosigkeit und Triebentfesselung wirkten beängstigend und provozierend; der
Körper, die Lebensfreude und auch die Aggressivität, die sich in der Jugendkultur
der Halbstarken zeigte, war weder ein Körper, der sich in die Jugendorganisationen
der SED mit ihren organisierten Massenaufmärschen noch in die katholische Kir-
che mit ihren streng regulierten Ritualen eingliedern ließ, es war ein rebellischer,
lustbetonter, individueller und sexualisierter Körper.
Die Zitate der Politiker und des Journalisten beziehen sich dabei auf die so-
genannten Halbstarken-Krawalle, bei denen es Mitte bis Ende der Fünfziger, zu-
meist im Zusammenhang mit Rock Ϋnά Roll-Konzerten oder Filmvorführungen, zu
Ausschreitungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kam, wie anlässlich
des Films „Rock around the clock“ (der deutsche Titel: „Außer Rand und Band“):

„In Bremen rissen sich im November 1956 Jugendliche bei der Aufführung die Klei-
der von Leib und gerieten in einen Begeisterungstaumel, anschließend zogen ca.
500 Jugendliche durch die Stadt und lieferten sich mit der Polizei Straßenschlach-
ten. Im Dezember des gleichen Jahres setzte die Polizei in Kontext des Bill-Haley-
Films eine Woche lang in Dortmund Wasserwerfer gegen 3000 bis 4000 Jugend-
liche ein.“ (Hickethier 2003, S. 15)

Es war dabei keineswegs die Intention der Musiker, Jugendliche zu gewalttätigen


Ausschreitungen anzustiften, wie es Bill Ramsey bei einem Konzert von Bill Ha-
ley beobachtete:
2.6 Die Halbstarken 69

„... daß Bill Haley nichts damit zu tun hatte, kann ich als Eywitness, als Zeuge, sa-
gen. Er hatte nicht einmal anderthalb Titel gespielt, dann kamen die Leute auf die
Bühne. Die haben nur auf ihn gewartet und gesagt: Jetzt machen wir Remmidemmi.
Diese Leute haben die Baßgeige kaputtgemacht und einen Konzert-Steinway-Flügel
zerschlagen. Es war wirklich ganz schlimm.“ (Zit. n. Bloemeke 1999, S. 47)

Die Krawalle der Halbstarken waren nicht in dem Sinne politisch, dass konkrete
Forderungen erhoben wurden; sie waren auch nicht geplant, sondern entstanden
spontan, sie waren ein Ventil, mit dem sich Jugendliche gegen die von ihnen als
beengend empfundenen Verhältnisse auÁehnten, was auch für Ratlosigkeit sorgte:

„Für einen halbwegs vernünftigen Menschen ist der Krawall um diesen gehalt-
losen amerikanischen Musik-Rabatz ebenso unverständlich, wie den entfesselten
Halbwüchsigen selbst das Motiv ihrer blindwütigen Zerstörungswut und kindischen
Provokation unklar sein dürfte. ‚In London und Duisburg haben die es ja auch ge-
macht‘, war die Kurzschlusslogik von vier Burschen, die jemand nach dem Grund
ihres verstandlosen Tuns fragte.“ (WAZ vom 13.12.1956, zit. n. Krüger 1986b, S. 271)

Der Unterschied zwischen der Teenager-Kultur und der härteren Jugendkultur der
Halbstarken wird hier deutlich; erstere verzichtete auf Krawalle, Randale und all-
zu krasse Provokation, sie bevorzugte den braven Teenager als Leitbild. Die Halb-
starken hingegen waren die deutlich radikalere Variante, was Peter Kraus als Lieb-
ling der Teenager-Kultur dazu veranlasste, sich von den Krawallen zu distanzieren
und die gewalttätigen Auswüchse zu kritisieren:

„Aber von Rhythmus im Blut bis zu ekelhaften Balgereien, zertrümmerten Stühlen


und Polizei-Alarm ist ein weiter Weg. Ein Weg, den alle Rock Ϋnά Roll-Fans lieber
links liegen lassen sollten ... Weil wir Jungen eine andere Musik lieben als die äl-
tere Generation, werden wir von manchen Leuten scheel betrachtet. Das ist nicht
schlimm. Schlimm ist aber, wenn einige wenige uns alle in ein falsches Licht rücken.
Rock Ϋnά Roll ist Freude, aber nicht Krawall und Zerstörung. Vergeßt das nie!“ (Zit.
n. Lindner 1986, S. 283)

Neben der Rock-and-Roll-Musik besaßen für die Jugendkultur der Halbstarken


noch verschiedene Filme – überwiegend auch aus den USA stammend – eine be-
sondere Bedeutung. Die Filme der Musiker Bill Haley „Außer Rand und Band“
(1956), Elvis Presley „Rhythmus hinter Gittern“ (1957), aber auch Marlon Brandos
„Der Wilde“ (1952), James Dean mit „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1952)
und der Deutsche Horst Buchholz mit „Die Halbstarken“ (1956) demonstrierten
ein neues Bild junger und rebellischer Männlichkeit, das auf einen Teil der (männ-
70 2 Die fünfziger Jahre

lichen) Jugend große Faszination ausübte. Die Protagonisten – bezeichnenderwei-


se alle männlich und mit weißer Hautfarbe – demonstrierten hier entweder ihre
Begeisterung für Rockmusik oder spielten männliche Underdogs, die in KonÁikt
mit (männlichen) Autoritäten gerieten. Sie lieferten damit eine rebellische Vorlage
für die bundesdeutsche Jugend in den autoritären und lustfeindlichen 50er Jahren.
Die grundsätzliche oppositionelle und rebellische Haltung der Halbstarken
kommt in einer Filmszene in „The wild one“ mit Marlon Brando zum Ausdruck:
Brando spielt den Halbstarken Johnny, der in einer Gaststätte in lässiger Pose an
der Musikbox lehnt und von einem Mädchen gefragt wird:

„Johnny, wogegen rebellierst du eigentlich?“, worauf Johnny antwortet: „Was hast


du anzubieten?“

Das Phänomen der Halbstarken ist eng verbunden mit dem Geschlecht und der
sozialen Herkunft dieser Jugendkultur. So waren bei den verschiedenen gewalt-
samen Ausschreitungen, den „Halbstarkenkrawallen“, in erster Linie männliche
Jugendliche aus der Arbeiterklasse vertreten (s. Peters 2005, S. 35); Jugendliche
aus der Mittelschicht lehnten den Rock άn’ Roll eher ab:

„Mittelschichtsjugendliche übernahmen das Urteil ihrer Eltern und Lehrer, dass


dieser Rock Ϋnά Roll doch wohl eher wertloser Lärm sei. Bestenfalls wurde eine Be-
geisterung für Jazz zugelassen, der sich in seiner musikalischen Qualität und seiner
Virtuosität ja noch immer von dem Rock Ϋnά Roll-Klamauk abhebt.“ (Zimmermann
1995, S. 111)

Auch wenn die Texte der englischsprachigen Songs nur wenig verstanden wur-
den, war doch die Botschaft deutlich. Kurze und prägnante Songs mit eingängigen
Melodien und starker Betonung des Rhythmus sowie der körperbetonte Auftritt
der Interpreten machten klar, worum es ging; der Tanzstil konnte mühsam unter-
drückte Gefühle unmittelbar ausdrücken und musste zudem nicht im Tanzschulen,
die zugleich Benimmregeln vermittelten, eingeübt werden.
Hinzu kam, dass vor allem die arbeitenden Jugendlichen der 50er Jahre über
die Ànanziellen Mittel verfügten, sich die Konsumartikel der neuen Jugendkul-
tur zu leisten; neben den Platten und der Kleidung erlangten hierbei Mopeds und
Motorräder eine große Bedeutung. Auf diesen konnten die Halbstarken – teilwei-
se organisiert in Moped- und Motorradgangs – ihr Bedürfnis nach Freiheit und
Grenzüberschreitungen ausleben und die Erwachsenen durch riskante und hals-
brecherische Fahrmanöver provozieren. Sie konnten sich zudem in einer Grup-
pe Gleichgesinnter mächtig fühlen und die Erfahrungen ihrer zumeist eintönigen
2.6 Die Halbstarken 71

und anstrengenden Arbeit kompensieren. Diese Aktionen der Halbstarken waren


raumgreifend, sie ignorierten mit Absicht Regeln und Konventionen. Sie waren
– wie der männliche Teenager auch – lässig, aber ihre Art der Lässigkeit hatte
weniger etwas Freundliches, sie war provokant und aggressiv.
Die Kultur der Halbstarken war in erster Linie eine männliche Kultur, eine
Kombination aus dem männlichen Ethos der Arbeiterklasse mit den Angeboten
der Kulturindustrie. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Bezeichnungen für die
Mädchen und jungen Frauen innerhalb dieser Cliquen, die als „Moped-Bräute“,
„Stammzähne“ oder „Sozius-Miezen“ bezeichnet wurden. Mädchen galten als
schmückendes Beiwerk, als der Stolz ihrer männlichen Freunde und als Bewunde-
rinnen der männlichen Inszenierungen der Halbstarken. Für die Mädchen und jun-
gen Frauen in den Halbstarken-Cliquen ergaben sich dementsprechend erweiterte
Spielräume, ihr Bedürfnis nach Wildheit, Körperlichkeit, Spaß und auch Sexuali-
tät auszuleben. Allerdings geschah dies vor dem Hintergrund eines konservativen
gesellschaftlichen Bildes von Weiblichkeit, das Mädchen diese Freiheiten nicht
zugestand. Insofern liefen sie immer auch Gefahr, als „leichtes Mädchen“ abge-
stempelt zu werden, das für ein kleines Abenteuer zu haben ist. Die männliche
Dominanz bei den Halbstarken führte dazu, dass Sexualität auf kurze männliche
Triebbefriedigung reduziert wurde, Bedürfnisse von Frauen und Mädchen wurden
kaum berücksichtigt, wie sich ein Zeitzeuge erinnert:

„..., da haben wir uns immer draufgeschwungen und einen abgerattert, in den un-
möglichsten Lagen; aber, das richtig mit Gefühl, die Frau zu stimulieren, das war
nicht drin. Vögeln und danach άrunterfallen wie άn Toter. Das war alles.“ (Zit. n.
Kuhnert 1990, S. 27)

Frauen und Mädchen waren vor allem zum Vergnügen da, letztendlich dominierte
also bei den männlichen Halbstarken ein traditionelles Frauenbild, das zwischen
einer Frau für sexuelle Abenteuer und einer Frau zum Heiraten unterschied:

„Das Mädchen, das ein Halbstarker mal zu heiraten beabsichtigte, sollte ein bra-
ves Mädchen sein, eine freundliche und sanfte Jungfrau, die ihm erlauben würde,
die heroische Rolle des Familienoberhauptes zu spielen, ein Mädchen, das männli-
chen Schutzes bedurfte und als ‚Baby‘ gehalten werden konnte.“ (Fischer-Kowalski
1995, S. 65)

Anknüpfen konnte diese Jugendkultur neben der männlichen Dominanz an die


in ihrer sozialen Herkunft herrschenden Vorstellungen von Solidarität und Hie-
rarchie: Die Banden der Halbstarken zeichneten sich durch Solidarität innerhalb
72 2 Die fünfziger Jahre

der Gruppe aus, die auf einer relativ starren, wenn auch informellen Hierarchie
beruhte, wie es ein Halbstarker in der Rückschau beschreibt:

„Schriftlich festgelegte Satzungen hatten wir nicht. Aber natürlich war da άne Ord-
nung. Da war zuerst der Bandenführer, der Häuptling, der hatte immer recht. Da-
nach kam gar nichts und dann kam der Stellvertreter.“ (Zit. n. Krüger 1986b, S. 272)

Hier zeigen sich typische Elemente traditioneller Männlichkeit: Eine kritiklose


Ein- und Unterordnung in Hierarchien nach innen bei gleichzeitigen kollekti-
ven Regelverstößen, aggressivem Auftreten und raumgreifendem Verhalten nach
außen.
Obwohl sich der geringste Teil der Jugend in den 50er Jahren als „Halbstarke“
bezeichnen lässt, sorgten diese durch ihren Musikkonsum, Tanzstil, ihr provokan-
tes Auftreten und nicht zuletzt durch Krawalle für beträchtliches Aufsehen. Inso-
fern waren die Halbstarken durchaus eine rebellische Kultur, vor allem, was ihren
offenen Umgang mit Sexualität und Körperlichkeit betrifft. Es war allerdings eher
eine Rebellion des Alltags und des Körpers, die weder politische Forderungen er-
hob noch eine umfassende „Gegenkultur“ anstrebte.
Ihre Kultur war eine Konsumkultur, zu der man Schallplatten, Mopeds und Le-
derjacken benötigte, um anerkannt zu werden. Durch die Akzeptanz der internen
Hierarchien und ihr Bild von Frauen und Mädchen waren sie in vielen Punkten
konservativ. Es ging bei ihnen vor allem um das Recht auf Spaß, sich auszule-
ben und „die Hörner abzustoßen“ bei einer nicht hinterfragten und unangetasteten
männlichen Dominanz.
Mit ihrer betont männlichen und aggressiven Inszenierung in schwarzen Leder-
jacken, ihrer Begeisterung für Mopeds und Motorräder und ihren musikalischen
Vorlieben sind die Halbstarken ein Vorläufer der späteren Rocker.
Die sechziger Jahre
3

3.1 Das Ende der Ära Adenauer und der Aufstand


der Bildungseliten

Ökonomisch ist mit Beginn der 60er Jahre in der Bundesrepublik die Nachkriegs-
zeit weitestgehend abgeschlossen. Auch dieses Jahrzehnt zeichnete sich – bis auf
eine kleinere Wirtschaftskrise 1966/67 – durch ein stetiges Wirtschaftswachstum
und steigenden Wohlstand der Bevölkerung aus.
Nach den schweren Jahren der unmittelbaren Nachkriegszeit setzte sich zuneh-
mend ein Konsummuster durch, in dem nicht nur das Notwendige, sondern auch
Luxusgüter gekauft wurden:

„Überall war mit der Verbesserung der materiellen Lebensumstände eine Aufhel-
lung der düsteren, ängstlichen Atmosphäre der frühen 50er Jahre zu spüren. Die
nun angebrochenen ‚fetten Jahre‘ mit steigendem Einkommen, ‚Vollbeschäftigung‘
und kürzerer Arbeitszeit schufen die Basis für ein neues Konsummodell und zugehö-
rige, sich rasch verbreitende moderne Lebensstile.“ (Schildt/Siegfried 2009, S. 179)

Der Konsum erleichterte das alltägliche Leben und hatte zudem noch den Effekt,
sich durch die Präsentation des eigenen Lebensstils – wie etwa der Besitz eines
Kühlschranks – als erfolgreich, wohlhabend und modern darzustellen:

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_3,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
74 3 Die sechziger Jahre

„Vor allem sparte man auf einen Kühlschrank, der in den Anschaffungswünschen
noch vor der Waschmaschine rangierte und neben dem Nutzwert auch eine hohe
symbolische Bedeutung hatte. Er stand für Luxus, Modernität und sozialen Status.“
(Angster 2012, S. 23)

Die enorme wirtschaftliche Dynamik der Bundesrepublik in den 60er Jahren ver-
deutlicht die Tatsache, dass der Index der Industrieproduktion 1960 noch 90,7
betrug und am Ende des Jahrzehnts, 1969, auf 147,7 anstieg; der Außenhandel
erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 42 auf 97 Milliarden DM, von 1962 bis
1970 stieg die Zahl der zugelassenen PKW von 5,9 Millionen auf 12,9 Millionen
(s. Deuerlein 1972, S. 208f).
Militärisch und politisch war die Bundesrepublik mit der Mitgliedschaft in
NATO und EWG fest in den Westen integriert, durch den Bau der Berliner Mauer
1961 war zudem die Teilung Deutschlands festgeschrieben.
Zu Beginn der sechziger Jahre, 1963, endete die Ära Adenauer. Konrad Ade-
nauer, seit 1949 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und die zentrale Fi-
gur der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, trat nach 14 Jahren Kanzlerschaft
zurück, sein Nachfolger wurde Ludwig Erhard, der bis 1966 Kanzler blieb. Mit
der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger (1966–1969) war erstmals die
Sozialdemokratie an einer Bundesregierung beteiligt, bis schließlich am Ende
des Jahrzehnts, 1969, die erste sozialliberale Koalition mit Bundeskanzler Willy
Brandt die Regierung stellte.
Im Vergleich zur Kontinuität in den 50er Jahren waren die 60er, vor allem ab
Mitte des Jahrzehnts, von einer Atmosphäre des politischen Aufbruchs bestimmt.
Dieser Aufbruch kam insbesondere in der Person des ersten sozialdemokratischen
Bundeskanzlers Willy Brandt zum Ausdruck. Brandt, der ursprünglich Herbert
Frahm hieß, wurde 1913 als uneheliches Kind geboren, emigrierte aus politischen
Gründen während der Zeit des deutschen Faschismus nach Norwegen, war aktiv
im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und überzeugter Sozialist. Allein
diese Merkmale seiner Biographie, die mit einigen Tabus der Nachkriegszeit bre-
chen, machen den Wechsel in der politischen Landschaft im Westdeutschland der
60er Jahre deutlich.
Sein Kniefall vor dem Ehrenmal der Helden des Warschauer Ghettos war ein
symbolischer Akt, der einen anderen Umgang mit der deutschen Vergangenheit
demonstrierte, vor allem vor dem Hintergrund, dass zahlreiche Alt-Nazis weiter-
hin in politischen Ämtern saßen. Diese Geste, die Respekt und Demut vor den
Opfern des Faschismus ausdrückte, stieß bei Teilen der Presse und der Politik auf
scharfe Kritik, was ein bezeichnendes Bild auf das politische Klima auch noch
Ende der sechziger Jahre in der Bundesrepublik wirft:
3.1 Das Ende der Ära Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten 75

„Dem Kanzler wurde der Vorwurf der nationalen Unzuverlässigkeit, des Verrats
an deutschen Interessen gemacht, von den öffentlichen Schmähungen und Mord-
drohungen gegen Willy Brandt als Person ganz zu schweigen.“ (Angster 2012, S. 56)

In der politischen Aufbruchstimmung ab Mitte der 60er Jahre konnte Brandt als
Kanzlerkandidat der SPD die Stimmen zahlreicher Linker, Intellektueller und vor
allem jüngerer Menschen auf sich ziehen, die nach Adenauer und der CDU-Herr-
schaft einen politischen Wechsel herbeisehnten. Es war sein Wahlslogan „Mehr
Demokratie wagen“, der die Hoffnung weckte, an die Stelle der autoritären und von
oben verordneten Entscheidungen mehr Beteiligung von Bürgerinnen und Bür-
gern zu ermöglichen und mehr Gestaltungsspielraum in verschiedenen politischen
Feldern zu erhalten. Hinzu kam seine Entspannungspolitik, die an die Stelle der
Konfrontation mit den sozialistischen Staaten Aussöhnung und Dialog setzte und
Anfang der 70er Jahre in die Ostverträge mündeten. Sein politisches Programm
stand für demokratische statt autoritäre Strukturen und Transparenz der politi-
schen Entscheidungen, wie er es in seiner Regierungserklärung 1969 formulierte:

„Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und
dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwir-
ken, daß durch Anhörungen im Bundestag, durch ständige Fühlungnahme mit den
repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung
über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von
Staat und Gesellschaft mitzuwirken ...“ (Zit. n. Angster 2012, S. 50)

Aufgrund seiner Biographie und seiner politischen Haltung sah sich Brandt zahl-
reichen Diffamierungen von konservativen und reaktionären Kräften ausgesetzt:
sei es als „Vaterlandsverräter“, weil er im Zweiten Weltkrieg nicht für die deutsche
Wehrmacht kämpfte, als „Verzichtspolitiker“, weil er die Ergebnisse des Zweiten
Weltkrieges mit ihrer territorialen Neuaufteilung nicht in Frage stellte oder auf
Grund der Tatsache, dass er unehelich geboren wurde und ohne Vater aufwuchs;
auch Ende der sechziger Jahre gab es in der Bundesrepublik noch starke konser-
vative Kräfte, die sich nicht mit dem Ende der CDU-Herrschaft abÀnden wollten.
Neben der Entwicklung in der ofÀziellen Politik, die durch Wahlen, Parlamente
und Regierungen bestimmt wird und sich in Westdeutschland hinsichtlich einer
demokratischen Öffnung entwickelte, war in den 60er Jahren die Politik „auf der
Straße“, außerhalb der Parlamente und Ministerien, die sich in Demonstrationen,
Streiks und anderen Formen der politischen Aktion äußerte, von mindestens ge-
nauso großer Bedeutung. Bereits zu Beginn der 60er Jahre sorgte die „Subversive
Aktion“ um Dieter Kunzelmann in München für Aufsehen, es
76 3 Die sechziger Jahre

„... mehrten sich um 1960 die Anzeichen, dass sich in der jüngeren Generation ein
Protestpotenzial angesammelt hatte. Schon gegen Ende der fünfziger Jahre hatte es
‚Halbstarkenkrawalle‘ in der Arbeiterjugend gegeben. Nun sprang der Funke auf
die Gymnasiasten und Studenten über. 1962 kam es in München zu Unruhen. Die
von Dieter Kunzelmann und seiner ‚Subversiven Aktion‘ organisierten ‚Schwabin-
ger Krawalle‘ hatten keine konkrete Utopie, sondern waren als Provokation ge-
dacht, als inszeniertes ästhetisch-politisches „Happening“.“ (Angster 2012, S. 62)

Die Subversive Aktion beabsichtigte, durch demonstrative Verletzung von Normen


Irritation zu erzeugen und Verwirrung zu stiften; auf diese Weise sollten Herr-
schaftsstrukturen und Normvorstellungen der autoritär geprägten Bundesrepublik
der 60er Jahre ins Lächerliche gezogen werden. Es war in erster Linie die Protest-
bewegung junger Menschen, und hier vor allem der Studierenden, die sich hier
artikulierte. Dabei handelte es sich nicht um eine (west)deutsche Spezialität, die
Proteste waren Bestandteil einer fast weltweiten Bewegung, die ihren Ursprung in
den USA hatte:

„Dort nämlich, im Herzland des modernen Kapitalismus, brach sich jener Typus
radikaler Systemkritik, der nicht aus der Parteinahme für den real existierenden
Kommunismus schöpfte, am frühesten und in besonders eindrucksvoller Weise
Bahn: im Eintreten für ungeteilte Bürgerrechte, für umfassende politische Parti-
zipation und für die konkrete Utopie einer neuen Gesellschaft.“ (Frei 2008, S. 31)

Die Bewegung für die unterdrückte schwarze Bevölkerung der USA, für das Recht
auf freie Meinungsäußerung und gegen das militärische Eingreifen von US-Trup-
pen in Vietnam waren Anlass und Auslöser dieser Protestbewegungen, die maß-
geblichen Organisationen das Civil Rights Movement, die Students for a democra-
tic society (SDS) und die Black Power-Bewegung, die teils mit friedlichen und teils
mit gewalttätigen Mitteln ihren Protest gegen die Verletzung der Menschenrechte,
die Diskriminierung von Schwarzen und die Bombardierung Vietnams artikulier-
ten.
Auch in anderen Ländern, unter anderem den Niederlanden, Japan, Großbri-
tannien und Frankreich, gab es zum Teil gewalttätig verlaufende politische Aus-
einandersetzungen, wobei der Protest gegen den Krieg der USA in Vietnam der
„große Katalysator“ war:
3.1 Das Ende der Ära Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten 77

„Die vietnamesische Revolution zersetzte in den kapitalistischen Metropolen alle


überkommenen Politik- und Moralverständnisse, streute Dynamit in überliefert Ge-
nerationskonÁikte, sprengte Reste von Staatsloyalität auf, zwang Zehntausende zur
Suche nach einer neuen politischen und persönlichen Identität, lieferte das gesamte
Arsenal der Legitimationsideologien des ‚freien Westens‘ dem historischen Müll-
eimer aus.“ (Siepmann 1984, S. 125)

Es ging – neben der berechtigten Empörung und Kritik an dem Krieg der USA in
Vietnam – insgesamt auch um eine Kritik an einschränkenden Lebensbedingun-
gen, überkommenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen, einer Kritik
am „Establishment“ und an Autoritäten insgesamt, formuliert von einer emanzipa-
torischen Strömung, die in erster Linie von der Jugend getragen wurde.
Neben den Bewegungen von kritischen Schülerinnen und Schülern an einer
Schule, die nicht das kritische Denken förderte, sondern Unterordnung forderte
und keinen Widerspruch zuließ, und den Lehrlingen, die sich nicht weiter auf ihre
untergeordnete Rolle festlegen lassen wollten, waren es in erster Linie Studentin-
nen und Studenten, die in Deutschland gegen die Verhältnisse aufbegehrten und
in der Außerparlamentarischen Opposition (APO) politischen Widerstand organi-
sierten. Die bedeutendste Rolle spielte dabei der Sozialistische Deutsche Studen-
tenbund (SDS) mit Rudi Dutschke als zentraler Figur. Inhaltlich waren im SDS
– wie in Teilen der kritischen Studierenden auch – Positionen vertreten, die sich an
einer sozialistischen Programmatik orientierten, sowie antiautoritäre Strömungen,
wobei es zwischen beiden Lagern Überschneidungen gab; der SDS war seinem
Selbstverständnis nach Teil der „Neuen Linken“.
Die Kritik der Studierenden bezog sich zunächst vor allem auf die Studienbe-
dingungen an den deutschen Universitäten: Mit dem Slogan „Unter den Talaren
der Muff von 1000 Jahren“ wurde ein Universitätssystem kritisiert, in dem An-
passung statt Diskussionen und Austausch praktiziert wurde, Lehrende aus der
Nazizeit noch aktiv waren, ein unkritisches Wissenschaftsverständnis ohne Be-
zug zur gesellschaftlichen Praxis vermittelt wurde und autoritäre Bedingungen
herrschten, wobei die Proteste, oft in den originellen Formen von Sit-Ins, Teach-
Ins, Go-Ins, Happenings oder Streiks, in aller Regel mit harschen Sanktionen ge-
ahndet wurden:

„Die Universitätsleitungen reagierten fast ausnahmslos repressiv auf die Protes-


te: mit Disziplinarverfahren, Exmatrikulationen, Haus- und Raumverboten für die
Studentenvertreter.“ (Farin 2006, S. 60)
78 3 Die sechziger Jahre

Die Utopie eines herrschaftsfreien Umgangs miteinander, eines demokratischen


Alltags und einer frei ausgelebten Sexualität sollten in der Kommune 1 (K1) ver-
wirklicht werden. Die K1 sorgte bundesweit für Aufsehen und Empörung, sie
verstand es zudem, ihren betont antibürgerlichen, freien Lebensstil medial zu in-
szenieren, der unkonventionelle Umgang mit Ordnung und Sexualität der Kommu-
nemitglieder war eine Steilvorlage für eine skandalisierende Berichterstattung, die
bei Bürgerinnen und Bürgern für Entsetzen und Empörung sorgte:

„Die Bild-Zeitung berichtete regelmäßig, die Nation war schockiert. Die ‚Insti-
tution Familie‘ stand unter Beschuss. In dieser Frühform der später alltäglichen
Wohngemeinschaften wurden die Klotüren ausgehängt, sexuelle Liberalisierung
eingeübt und neue Herrschaftsstrukturen entwickelt. Man lebte gegen die deutschen
Tugenden Ordnung, Sauberkeit und Fleiß an, Putzpläne standen noch nicht auf dem
Programm.“ (Angster 2012, S. 62)

Bei sogenannten Polit-Happenings sorgten Mitglieder der Kommune 1 durch be-


wusst inszenierte Regelverstöße für Skandale und medienwirksame Irritationen:

„Phantasievolle Verkleidungen mit der Vertauschung der Geschlechterrollen, Um-


funktionieren deutschen Liedgutes, eine AuÁösung der Trennung von Privatsphäre
und Öffentlichkeit sowie der Versuch, die Polizei der Lächerlichkeit preiszugeben,
kennzeichneten die Polit-Happenings der Kommune 1.“ ( Reichhardt 2014, S. 112)

Große Teile der Öffentlichkeit sahen durch ein paar Kommunemitglieder Anstand
und Sitte gefährdet. Die Auseinandersetzungen zwischen kritischen Studierenden,
Staatsgewalt und alarmierten Bürgerinnen und Bürgern verschärften sich in den
folgenden Jahren zunehmend.
Im Juni 1967 war der Schah von Persien mit seiner Frau Dibah, in der Regen-
bogenpresse der BRD als Traumpaar hochgejubelt, zu einem Staatsbesuch in der
BRD. Gegen den Besuch des Schahs, der sein Land brutal mit Unterdrückung und
Folter regierte, regte sich Protest. Im Verlaufe dieser Protestkundgebungen kam
es zu brutalen Übergriffen von sogenannten „Jubelpersern“ gegen die Demons-
trierenden, wobei die deutsche Polizei die friedlichen DemonstrantInnen nicht
schützte:

„Eine kleine Gruppe kaisertreuer ‚Jubel-Perser‘ schlug mit Stahlruten und Holz-
latten auf die Demonstranten ein. Es gab mehrere Verletzte. Daneben, ungerührt,
eine Einsatzgruppe der West-Berliner Polizei, die erst nach einigen Minuten Anlaß
zum Eingreifen sah.“ (Cohn-Bendit/Mohr 1988, S. 83)
3.1 Das Ende der Ära Adenauer und der Aufstand der Bildungseliten 79

Im Zusammenhang mit der Demonstration gegen den Besuch des Schahs wur-
de schließlich der unbewaffnete Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten
erschossen. Die Studierenden, die lediglich von ihrem Recht auf eine friedliche
Demonstration Gebrauch gemacht hatten, waren schockiert. Die Reaktion von „an-
ständigen“ Bürgerinnen und Bürgern auf die Geschehnisse rund um den Schah-
Besuch verrieten dabei, dass es in der Bevölkerung nach wie vor stark autoritäre
und faschistische Gesinnungen gab: Drohbriefe bedauerten, dass nur ein Student
getötet wurde, man wünschte sich das „rote Studentenpack“ vergast, der Innenmi-
nister der Nazis, Göring, wurde wieder herbeigesehnt, man wollte das „rote Pack“
durch den Schornstein jagen (s. Cohn-Bendit/Mohr 1988, S. 92f).
Als Folge des brutalen Eingreifens der Polizei verhärteten sich die Fronten von
Demonstrierenden und der Staatsmacht. Auf ihrem Höhepunkt, im Jahr 1968, lag
weltweit eine Aufbruchstimmung in der Luft, die Protestierenden sahen sich nahe
an einem – weltweiten – Sieg, wie es Rudi Dutschke auf dem Vietnam-Kongress
1968 formulierte:

„Genossen, Antiautoritäre, Menschen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam
werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine
Phrase. ... Wir haben eine historisch offene Möglichkeit. Es hängt primär von unse-
rem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird.“ (Zit. n. Cohn-Bendit/
Mohr 1988, S. 112)

Die Hoffnung auf einen revolutionären Umsturz lag in einem gemeinsamen inter-
nationalen Kampf der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, der Anti-Kriegs-
Bewegung und den antiautoritären Kräften in den westlichen Ländern, hier vor
allem der Studierenden.
Rudi Dutschke, die LeitÀgur des Protestes in Deutschland, Àel 1968 einem At-
tentat zum Opfer, der Täter schoss ihm in den Kopf. Dutschke überlebte den An-
schlag nur knapp und litt seitdem an Epilepsie, an deren Folgen er schließlich 1979
starb.
Die Studierenden machten weniger den Täter, Josef Bachmann, zum Verant-
wortlichen für das Attentat als vielmehr diejenigen, die den KonÁikt angeheizt,
den Hass auf die Protestierenden geschürt hatten und dabei das politische Klima
vergifteten, wobei sie vor allem die Springer-Presse als hauptsächlich verantwort-
lich sahen, wie es in der Anti-Springer-Kampagne formuliert wurde:
80 3 Die sechziger Jahre

„Die Springerpresse stellt die permanente Zustimmung der Massen zu einem Herr-
schaftssystem her, dem diese demokratisch nicht zustimmen können, weil sie an der
Bildung der politischen und ökonomischen Zielvorstellungen nicht beteiligt sind.
Sie verhindert die Entstehung eigener gesellschaftlicher Perspektiven bei den Mas-
sen und macht sie dadurch bereit, autoritäre Zielvorstellungen zu akzeptieren. Die
Springerpresse praktiziert den autoritären Staat schon vor seiner institutionellen
Verwirklichung.“ (Rede zum Beginn der Springerkampagne, S. 141)

Als Konsequenz aus der manipulativen, verleumderischen und aggressiven „Be-


richterstattung“ aus dem Verlagshaus Springer versuchten Teile der Protestieren-
den, die Auslieferung von Zeitungen des Verlags zu verhindern, gingen Springer-
Verlagshäuser in Flammen auf und wurde die Forderung erhoben, Axel Springer
zu enteignen.
Die Anti-Springer-Kampagne ereignete sich im Jahr 1968, das inzwischen zum
Mythos und zum Symbol für den Protest geworden ist, weil sich in diesem Jahr die
Unruhen auf ihrem Höhepunkt befanden.
Der SDS löste sich schließlich 1970 selber auf, die Proteste der Studierenden
Áauten ab, haben allerdings über die unmittelbaren Jahre der Revolte hinaus tief-
greifende Veränderungen in Politik und Alltag bewirkt.
Betrachtet man die Ereignisse vor allem der späten 60er Jahre, so hat sich eine
enorme Entwicklung im Vergleich zu den biederen 50ern ergeben. Vor allem die
Proteste junger Menschen prägten das Ende des Jahrzehnts. Im Vergleich zu den
Halbstarken war ihr Protest in der Regel mit konkreten politischen Forderungen
und Utopien verbunden. Es war ein „Aufstand der Bildungseliten“ (Farin 2006,
S. 55), und auch wenn er gelegentlich gewaltsam verlief, ein intellektueller Protest,
der die Solidarität mit den leidenden Völkern der Dritten Welt verkörperte, der
Herrschaftsstrukturen und soziale Ungleichheit in Frage stellte und Selbstbestim-
mung und Kritik an die Stelle von Anpassung und Gehorsam in einer weiterhin
noch stark autoritär geprägten Gesellschaft setzte.
Zugleich war es allerdings auch eine Protestbewegung, die von männlichen Fi-
guren maßgeblich gestaltet wurde: Auf den Plakaten und Transparenten der Stu-
dierenden sieht man mit den Bildern von Ho Chi Min, Che Guevara, Karl Marx,
Lenin und Mao Tse-tung ausschließlich männliche Theoretiker und Praktiker der
Revolution. Gleiches gilt für die Handelnden im SDS: Auf einem Bild, das dem
Abendmahl von Leonardo da Vinci entlehnt ist, sieht man neben den „Gästen“ Che
Guevara und Mao ausschließlich Männer, die die Geschicke des SDS bestimmten
wie Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Bernd Rabehl und Daniel Cohn-Bendit; es
war eine männlich dominierte Revolte. Männliches Leitbild war dabei nicht mehr
der korrekte und arbeitsame Mann mit diszipliniertem Verhalten und Körper, nicht
der tapfere Soldat, der in Reih und Glied marschiert, sondern der heroische Kämp-
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft 81

fer auf den Barrikaden in Jeans und Lederjacke, der kritische Intellektuelle und
der „Studentenführer“.

3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft

Im Vergleich zu den Fünfzigern waren die sechziger Jahre, vor allem wegen der
Proteste der jungen Generation, ein politisch bewegtes Jahrzehnt. Der Politikbe-
griff der Protestierenden bezog sich dabei nicht nur auf tages- oder parteipolitische
Fragen, sondern beinhaltete durch die prinzipielle Kritik an Autoritäten einen wei-
terreichenden, grundsätzlich kritischen Ansatz. Durch die Ereignisse um das Jahr
1968 wurden die Westdeutschen zwangsläuÀg mit Fragen der Politik konfrontiert,
wodurch ihr Interesse an politischen Fragen insgesamt stieg. Das Jahrbuch der
öffentlichen Meinung stellte fest, dass zwischen 1960 und 1969 die Zahl der Bun-
desbürgerInnen, die sich für Politik interessieren, von 27 auf 44 % gestiegen ist
(s. Noelle/Neumann 1973, S. 213).
Das Interesse an politischen Fragestellungen sagt freilich nichts über die jewei-
lige politische Orientierung aus. Die teils heftigen Briefe an verschiedene Zeitun-
gen, die hasserfüllte Ablehnung der kritischen Studierenden, voller Rache- und
Vernichtungsfantasien, lassen erkennen, dass in der Bundesrepublik der 60er Jahre
weiterhin stark autoritäre und faschistische Einstellungen existierten. In diesem
Kontext sind auch die Wahlerfolge der rechtsextremen NPD in den 60ern zu sehen.
Zwischen 1967und 1968 zog die Partei in sieben Landtage ein und konnte 1968 in
Baden-Württemberg sogar knapp 10 % der Landtagsmandate erringen.
Ein Grund für das starke Abschneiden der NPD ist die Wirtschaftskrise in der
BRD 1966/67, die allerdings nicht lange währte. In Zeiten ökonomischer Unsi-
cherheit kann es zu radikalisierten politischen Überzeugungen kommen, in denen
Schuldige und Sündenböcke für die wirtschaftliche Misere gesucht werden. Der
Erfolg der Rechtsextremen zeigt aber vor allem die Verunsicherung, die die kul-
turellen Wandlungen der 60er Jahre mit sich brachten. Die Kritik an Autoritäten,
das antibürgerliche Auftreten vieler Protestierender und die damit verbundenen
Turbulenzen weckten das Bedürfnis nach Tradition und „Ruhe und Ordnung“,

„… die ‚Verwestlichung‘ mit Rockmusik, langhaarigen Jugendlichen und der Zer-


störung von Autorität, die dem Normenverständnis vieler Bundesbürger entgegen-
lief, wurde von der NPD als Verfallserscheinung gedeutet und bekämpft.“ (Schildt/
Siegfried 2009, S. 286)
82 3 Die sechziger Jahre

Bezeichnend dabei ist, dass das Gros der Wähler der NPD Männer von 45 bis
60 Jahren waren (s. Schildt/Siegfried 2009, S. 286). Sie hatten die Nazizeit und
Krieg zum großen Teil miterlebt, wurden in den verschiedenen faschistischen Or-
ganisationen und durch den Krieg sozialisiert und hingen einem hierarchischen
Ordnungs- und Männlichkeitsbild an, das sie durch die verschiedensten Protest-
aktionen bedroht sahen.
Doch handelt es sich bei den traditionell Orientierten in den 60ern eher um
Randgruppen, die Mentalität des Jahrzehnts war eindeutig durch einen Aufbruch
hin zu Demokratie und Kritik an Autoritäten geprägt.
Ein Kennzeichen für die stärkere kritische Grundstimmung ist die wachsende
Auseinandersetzung mit den Verbrechen des deutschen Faschismus, sodass zu-
mindest in Ansätzen Diskussionen hierüber stattÀnden konnten. Das Selbstver-
ständnis und die Selbstdarstellung der Bundesrepublik als demokratischer Staat
waren im Grunde nicht vereinbar mit der Tatsache, dass zahlreiche ehemalige Na-
zis nach wie vor nicht verfolgt wurden, sondern – im Gegenteil – sich nach wie vor
in hohen Positionen befanden.

„Weil sich die Institutionen der Bundesrepublik immer wieder ofÀziell in Distanz
zur NS-Zeit deÀnierten, war in der Öffentlichkeit immer weniger plausibel dar-
zustellen, daß zahlreiche ehemalige Parteifunktionäre der NSDAP, ranghohe SS-
Größen und andere Funktionsträger des NS-Staates in der Bundesrepublik wieder
wichtige Funktionen ausüben konnten.“ (Hickethier 2003, S. 12)

Großes Aufsehen erregte Beate Klarsfeld, die auf einem CDU-Parteitag 1968 den
damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger wegen dessen Tätigkeit im na-
tionalsozialistischen Außenministerium ohrfeigte und ihn öffentlich „Faschist“
nannte.
In der Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazizeit zeigt sich der poli-
tische Umbruch; die Generation der Älteren hatte durch Mitwisser- und Täter-
schaft an den Verbrechen des deutschen Faschismus an Autorität eingebüßt und
war durch ihre Unfähigkeit, sich mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen, für große
Teile der Jugend unglaubwürdig geworden, was einen Aufbruch zu demokrati-
scheren Verhältnissen noch forcierte:

„Dazu trug auch die Überzeugung der Studenten bei, die nationalsozialistische
Vergangenheit sei nicht bewältigt, ja es seien gar die Verantwortlichen von damals
noch immer an der Macht. Man forderte eine Aufarbeitung des Nationalsozialis-
mus und warf der Elterngeneration sogar vor, ihr nachzutrauern: ‚Mein Papi will
wieder Blockwart werden‘, hieß es.“ (Angster 2012, S. 63)
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft 83

Der politische Aufbruch der Sechziger ging einher mit Veränderungen in der So-
zialstruktur der Gesellschaft in Westdeutschland. Die Arbeitswelt änderte sich mit
der Folge, dass körperliche Arbeit in Landwirtschaft, Handwerk und Industrie ab-
nahmen und an ihre Stelle Berufe im Dienstleistungssektor und in der Verwaltung
traten. Hinzu kamen eine geringere Wochen- und Jahresarbeitszeit mit den ent-
sprechenden erweiterten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Vor allem aber hatten sich in Folge der Unruhen der Studierenden erste Anfän-
ge eines alternativen Milieus entwickelt. Insbesondere in den Wohngemeinschaf-
ten von Universitätsstädten, im damaligen Sprachgebrauch „Kommunen“ genannt,
herrschte der Anspruch, Alternativen zur bürgerlichen Kleinfamilie zu praktizie-
ren. Die Kleinfamilie galt – getreu dem Motto „Das Private ist das Politische“ –
als autoritäre Zwangsgemeinschaft, die durch repressive Erziehungsmethoden die
freie Entwicklung des und der Einzelnen nicht zulasse und von daher abzulehnen
und zu überwinden sei.
Als politische und private Alternative wurde in diesen neuen Wohnformen ver-
sucht, einen möglichst demokratischen und hierarchiefreien Umgang miteinander
zu praktizieren; hier sollten Diskussionen und Aushandlungsprozesse an die Stelle
von Autoritäten treten, Individualität an die Stelle von Konformität und Sexualität
ohne Repressionen und Tabus gelebt werden. Harmonie galt als altmodisch und
überkommen, es wurde Kritik untereinander geübt und alternative Lebensformen
wurden ausprobiert.
Dies strahlte auch auf den Umgang im Alltag aus, der in der Tendenz immer
weniger von starren Ritualen und Gebräuchen, dafür mehr von informellen Um-
gangsformen beherrscht war. Nicht nur in linken und alternativen Kreisen, auch
in anderen Teilen der Bevölkerung verloren Rituale an Bedeutung, an ihre Stelle
traten zunehmend die persönliche Entscheidung und das individuelle Verhalten.
Indiz für eine Abkehr von traditionellen Verhaltensmustern ist unter anderem
das Verhältnis der Westdeutschen zur Kirche. Beide christlichen Konfessionen
hatten im Laufe der 60er Jahre weitaus mehr Austritte als Neuaufnahmen zu ver-
zeichnen, und auch die Beteiligung an christlichen Ritualen ging stark zurück
(s. Ringshausen 2003). Diese Tendenz hin zu einer Säkularisierung zeugt zum
einen von einer kritischen Grundhaltung gegenüber geistlichen Autoritäten und
zum anderen von dem Bedürfnis nach einer individuelleren Lebensgestaltung,
nach Weltdeutungen und moralischen Orientierungen, die sich nicht an der her-
gebrachten Moral orientierten.
In die gleiche Richtung entwickelten sich die Scheidungsraten, die sich gegen
Ende der 60er Jahre stark erhöhten und 16 % aller Eheschließungen erreichten
(s. Baader 2008b, S. 155). Das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie galt nicht
mehr uneingeschränkt und unhinterfragt als das Ideal. Mehr und mehr Frauen wie
84 3 Die sechziger Jahre

Männer entschieden sich, statt des „Bundes für das Leben“ andere, individuelle
Wege zu gehen.
Die Sechziger waren im Alltag mit einer rasanten technischen Entwicklung
verbunden: Elektrische Haushaltsgeräte zogen immer mehr in die Wohnungen ein,
Autos bestimmten zunehmend das Straßenbild und das Fernsehen verdrängte ab
Mitte der Sechziger die Bedeutung des Radios als Massenmedium. Zum ersten
Programm kamen ab 1963 das ZDF und verschiedene dritte Programme hinzu, ab
1967 wurden einzelne Sendungen bereits in Farbe ausgestrahlt. Den meisten Zu-
spruch hatten Unterhaltungssendungen wie „Der goldene Schuß“, „Was bin ich?“,
Krimis wie „Tom Frazer“ oder „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, unterschied-
liche Serien sowie diverse Sportsendungen, wobei der Großteil der ausgestrahlten
Sendungen, sich relativ unpolitisch und konservativ gab:

„Nicht also darf man das Fernsehen der sechziger Jahre etwa als kulturelles Forum
einschätzen, auf dem eine Debatte über Normen und Werte stattfand, auf dem Kon-
Áikte thematisiert und gelöst wurden, auf dem Lebensstile überzeugend präsentiert
und tolerant akzeptiert wurden.“ (Baar 2003, S. 237)

Neben die herkömmliche Kultur traten linke und sich als alternativ verstehende
Konzepte von Kunst und Kultur. Nicht mehr die althergebrachte Hochkultur, die
klassischen Werke aus Malerei, Dichtung und Musik waren hier bestimmend, son-
dern eine Kultur, die sich als kritisch und zum Teil auch avantgardistisch verstand,
wobei sich auch die Form der Kultur wandelte; nicht die Bühne des Stadttheaters,
das Museum oder der Konzertsaal waren Schauplatz dieses Kulturverständnisses,
sondern alternative Spielstätten oder das Happening, das im Grunde überall aufge-
führt werden konnte. Ziel war eine Politisierung und Demokratisierung der Kultur,
die nicht mehr nur für die Gebildeten in exklusiven Räumen, sondern gerade für
die breite Masse gedacht war.
Eine eindeutig kritische Stoßrichtung hatten hierbei Liedermacher wie Franz
Josef Degenhardt und Hannes Wader, die Kölner Band Floh de Cologne oder auch
das Berliner Grips-Theater, die die Missstände des Kapitalismus und Unterdrü-
ckungszusammenhänge anprangerten, Machtverhältnisse in Frage stellten und so
zur Politisierung beitrugen. Das gesamte Spektrum der bundesdeutschen Kultur
hatte sich in Folge der unterschiedlichen linken Bewegungen enorm erweitert,
es entstanden Lieder und Theaterstücke, die sich kritisch mit den herrschenden
Machtstrukturen auseinandersetzten.
Wesentlich krassere Formen gab es bei Teilen der Happening-Künstler, wie
zum Beispiel Otto Mühl, der beabsichtigte, durch demonstrativen Tabubruch in
öffentlichen Vorstellungen das Publikum von angeblichen Zwängen zu heilen:
3.2 Entfaltung der Konsumgesellschaft 85

„Neben einem Weihnachtsbaum wurde ein Gedicht vorgetragen und Weihnachtslie-


der wurden vom Tonband gespielt. Ein Schwein wurde geschlachtet. Blut, Eingewei-
de, Därme des Schweins und Milch, Mehl und rohe Eier wurden auf einer nackten
Frau bearbeitet. Dann pinkelte Mühl auf die Nackte und entleerte seinen Darm auf
einem Schweinekadaver.“ (Faulstich 2003a, S. 70)

Diese Vorstellungen der selbsternannten Avantgardisten waren allerdings nicht


von Dauer, sie hatten auch keinerlei aufklärerische Wirkung, dienten in erster Li-
nie der Inszenierung des Happening-Künstlers als Bürgerschreck, wobei die Tabu-
brüche auf die Dauer auch inÁationär waren:

„Irgendwann erschöpften sich auch die Provokationen, nicht zuletzt bei den Künst-
lern selbst. Und irgendwann war auch das letzte Schwein geschlachtet.“ (Faulstich
2003a, S. 70)

Die kulturellen Veränderungen der 60er Jahre vollzogen sich vor dem Hintergrund
des enormen ökonomischen Wachstums. War es in der unmittelbaren Nachkriegs-
zeit und zu Beginn der Fünfziger noch notwendig, bescheiden zu sein, zu sparen
und sich im Konsum zurückzuhalten, so befand sich die Bundesrepublik nun in
einer Phase, in der Konsumartikel in riesigen Mengen zu Verfügung standen und
es im Interesse der Wirtschaft darum ging, KäuferInnen für ihre Produkte zu Àn-
den:

„Der Geist des Kapitalismus hatte sich verändert. Nicht mehr sparen, sondern
Konsum und direkte Befriedigung waren die neuen Elemente, die auf einmal ganze
Lebensbereiche deutlich umwälzten. Der Wandel war aber nicht mehr auf Geld,
Autos und Luxusgüter begrenzt, sondern erfaßte auch das gesellschaftliche Angebot
an Sinndeutungen und die psychische Realität (...), kurz, der Wandel schaffte bzw.
erforderte neue Bewusstseinsformen.“ (Zimmermann 1985, S. 119)

Diese neuen Bewusstseinsformen standen den alten Tugenden von Selbstbeherr-


schung, Sparen, sich Zurücknehmen vollkommen entgegen, das Überangebot von
Waren benötigte einen Menschentyp, der offen war für neue Produkte, der nicht
sparte, sondern konsumierte, für den Genuss zum zentralen Lebensmotiv wurde,
der zu seinen Bedürfnissen im Hier und Jetzt stand und sie mittels Konsum befrie-
digte; forciert wurde die neue Mentalität dabei von einer – bis auf die Ausnahme
von 1966/67 – rasant boomenden Wirtschaft, die weiteres Wachstum und damit
weitere Konsummöglichkeiten versprach.
86 3 Die sechziger Jahre

Deutlich wird dieser Mentalitätswandel „von der PÁicht zur PÁicht zum Ge-
nuss“ (Bourdieu 1988, S. 573) auch an den Motiven der Werbung in den sechziger
Jahren. Hier stand immer weniger der konkrete Gebrauchswert des Produkts im
Mittelpunkt, seine Qualität oder seine Haltbarkeit, sondern mehr und mehr das
Image, wobei dieses mit Jugendlichkeit in Verbindung gebracht wurde:

„Nicht mehr reife Herren warben um Vertrauen, sondern junge Leute beiderlei
Geschlechts demonstrierten Spontaneität und Experimentierfreudigkeit.“ (Schildt/
Siegfried 2009, S. 257)

Jugendlichkeit und eine damit unterstellte Offenheit und Dynamik wurden zu


zentralen gesellschaftlichen Leitwerten, der autoritäre und knauserige Spießer mit
seinen traditionellen Werten wurde in einer Gesellschaft, die auf ständig wach-
senden Konsum angewiesen war, überÁüssig. Der gepanzerte, verschlossene und
reglementierte Körper wurde tendenziell durch den genussfreudigen, offenen und
individuellen Körper ersetzt.
Modisch kommt die Tendenz einer Modernisierung im Aufkommen des Mini-
rocks zum Ausdruck; dieser zeigt zum einen einen „lockeren“ Umgang mit dem
weiblichen Körper und trägt andererseits zu dessen Sexualisierung bei. In der Ver-
wendung von bunten Farben in der Kleidung, die das vorher dominierende eintöni-
ge Braun und Beige ersetzten, war allerdings auch eine Aufweichung der starren,
geschlechtsspeziÀschen Kleidung modern:

„Nicht nur eigneten sich die Frauen im Zeichen der Emanzipation traditionell
Männern vorbehaltene Kleidungsgegenstände an, im Gegenzug stylten sich Män-
ner weiblicher. Diese Tendenz zum Androgynen wurde in der Modewelt seit etwa
1966 unter dem Stichwort ‚Unisex‘ verhandelt und die Zeitschrift Twen sah darin
sogar in erster Linie – ‚Jürgen will wie Uschi sein‘ – eine Aufweichung männlicher
Rollenstereotype.“ (Schildt/Siegfried 2009, S. 265)

Doch dürfen diese Ansätze des Wandels in der Mode nicht darüber hinwegtäu-
schen, dass in den 60er Jahren nach wie vor das Bild des starken Mannes als Er-
nährer und Oberhaupt der Familie fortbestand, ebenso wie das Bild der Frau als
Hausfrau und Mutter.
Die Bundesrepublik erlebte in den 60er Jahren insgesamt einen enormen poli-
tischen, sozialen und kulturellen Modernisierungsschub. Angefangen bei der
Auseinandersetzung mit der Nazizeit über die zunehmende grundsätzliche In-
fragestellung von Autoritäten, eine stärkere Orientierung an einer individuellen
Lebensführung bis zum Aufkommen alternativer Lebensweisen und kritischer
3.3 Die „Sexy Sixties“ 87

Kultur ist sie nicht mehr mit den Fünfzigern zu vergleichen. Ende der 60er Jahre
ist die bundesrepublikanische Gesellschaft wesentlich vielfältiger, bunter und li-
beraler, wobei allerdings bei allgemein größerem Wohlstand die grundsätzlichen
Besitzverhältnisse weiterhin bestehen.

3.3 Die „Sexy Sixties“

Der Aufbruch und der soziale Wandel der sechziger Jahre zeigten sich auch im
Bereich der Sexualität. Zu Beginn dieses Jahrzehnts kam die Anti-Baby-Pille auf
den Markt, die es ermöglichte, ohne Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft
heterosexuellen Geschlechtsverkehr zu praktizieren. Die „Pille“ sorgte für hefti-
ge Diskussion, schroffe Ablehnung und Ängste in kirchlichen und konservativen
Kreisen, es

„war vom Untergang der Moral die Rede, vom Verfall der abendländischen Sitten,
und düstere Bilder allgemeiner Promiskuität wurden heraufbeschworen.“ (Deut-
sches Hygiene-Museum 1995, Umschlagtext)

Insbesondere die Frage, welchen Frauen das Recht zugestanden werden sollte, die
Pille zu nehmen, war Gegenstand der Diskussionen:

„Ärzte, Kirchenleute, Soziologen, Politiker treten vor als sorgende Experten ge-
sellschaftlich wünschenswerter Familienplanung: Die Pille wird befürwortet für
Frauen, die mehr Kinder haben, als sie ernähren können, für Frauen, die zu krank
und zu schwach sind für weitere Geburten, für Frauen, die körperlich oder sozial
unfähig sind, die Kinder zu erhalten.“ (Theweleit 1995, S. 27)

Deutlich tritt hier noch die konservative Auffassung hervor, dass Sexualität in der
Ehe stattzuÀnden hat und dass es vor allem Männer waren, die sich das Recht her-
ausnahmen, Frauen sexuelle Freiräume zuzugestehen oder zu verwehren.
Insgesamt waren die 60er Jahre, oft auch als „Sexy Sixties“ tituliert, durch eine
deutliche Tendenz zur Liberalisierung sowie Kommerzialisierung der Sexualität
gekennzeichnet.
1962 eröffnete Beate Uhse in Flensburg ihren ersten Sexshop, in dem es Se-
xualratgeber, Kondome und Reizwäsche zu kaufen gab, „Fachgeschäft für Ehehy-
giene“ genannt, ihm folgten in kurzer Zeit zahlreiche neu eröffnete Läden. Schon
der Name verweist darauf, dass es Uhse nicht um eine Kritik oder Alternativen zur
Ehe ging, sie verstand ihr Angebot als eine Unterstützung von Ehepaaren bei der
88 3 Die sechziger Jahre

Gestaltung ihres Sexuallebens und begriff eine befriedigende Sexualität von Frau
und Mann als notwendig für eine funktionierende Ehe.
Das verklemmte Schweigen zu sexuellen Dingen begann Anfang bis Mitte des
Jahrzehnts, sich aufzulösen, Sexualität wurde immer stärker öffentlich themati-
siert und gezeigt.

„Ein manisches Interesse wandte sich Themen wie Zeugung, Geburt, Abtreibung,
Prostitution, Eheschließung, Ehebruch, Impotenz, Eifersucht, Ehescheidung zu;
Ausziehen wurde zur großen Mode.“ (Glaser 1986, S. 102)

Im Laufe der 60er Jahre wurde die Umwelt in einem starken Ausmaß sexualisiert,
das vorher undenkbar erschienen war. Ob bei den Illustrierten am Kiosk, an Pla-
katwänden oder in Fernseh- und KinoÀlmen, Sexualität wurde Teil der normalen
Alltagswelt. Vor allem junge und weibliche Körper wurden werbewirksam benutzt,
was heterosexuelle Männer als Kunden anlocken sollte und eine stark normierende
Wirkung hinsichtlich der Vorstellungen von attraktiven weiblichen Körpern hatte.
Die Zensur spielte in Folge dieser Entwicklung eine immer unbedeutendere
Rolle:

„Spätestens 1966 war unübersehbar geworden, dass die Zensurbestimmung hin-


sichtlich Nacktheit und sexueller Themen schlicht nicht mehr ernst genommen
wurde. Bilder spärlich bekleideter junger Menschen, entblößte Bauchnabel und
nackte Busen (mit lediglich bedeckten Brustwarzen) zierten Plakatwände und Zeit-
schriftencover; in der Werbung griffen erotisch anspielungsreiche Slogans um sich,
mit denen alles, vom Auto bis zur Schokolade, angepriesen wurde.“ (Herzog 2005,
S. 174)

Eine zentrale Rolle bei der sexuellen Liberalisierung spielte Oswalt Kolle. Er hat-
te es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema zu enttabuisieren, durch Aufklärung
Fragen zur Sexualität zu beantworten und Hemmungen und Ängste abzubauen.
Mit seinen Filmen „Das Wunder der Liebe – Sexualität in der Ehe“ (1968), „Deine
Frau – das unbekannte Wesen“ und „Dein Mann – das unbekannte Wesen“ (beide
1969) erreichte er Millionen von ZuschauerInnen in den Kinos, was belegt, wie
groß der Bedarf der Bevölkerung an Informationen zur Sexualität war.

„Die Millionen Zuschauer, die die Kinos stürmten, an den überfüllten Kassen an-
standen, die uns in Briefen Dank und Zustimmung signalisierten, die uns aufforder-
ten, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen – daneben verblasste alles andere.“
(Kolle 2008, S. 234)
3.3 Die „Sexy Sixties“ 89

Kolle hatte einen großen Anteil an der Thematisierung von Sexualität und an der
Befreiung von den alten Ansichten, die die menschliche Sexualität als schmutzig
und gefährlich betrachteten. Noch am Ende des Jahrzehnts gab es konservative
Kräfte, die bemüht waren, die Aufführungen seiner Filme zu verhindern und Kolle
zu diffamieren, wie es an den Reaktionen auf den Film „Das Wunder der Liebe“
deutlich wird:

„Auch die katholische Kirche blieb nicht untätig. An Kirchen, Gemeindezentren


und Litfasssäulen hingen große Plakate, die die Gläubigen dringend davor warn-
ten, sich diesen ‚gottlosen‘ und ‚sündigen‘ Film anzusehen. Pfarrer wetterten von
der Kanzel herab gegen das ‚teuÁische‘ Machwerk, dessen einziges Ziel es sei, ‚ge-
schlechtliche Lust‘ zu propagieren.“ (Kolle 2008, S. 235)

Doch waren diejenigen, die gegen die Aufführung von Kolles Filmen und die se-
xuelle Liberalisierung antraten, von keiner großen gesellschaftlichen Bedeutung
mehr, ihre Versuche, diese Prozesse zu verhindern und wieder rückgängig zu ma-
chen, waren zum Scheitern verurteilt.
Der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt sieht diese Tendenz in engem Zu-
sammenhang mit der ökonomischen Entwicklung, dem Übergang von einer Man-
gel- zu einer Konsumgesellschaft, wie er sich auch in der verstärkten Werbung
ausdrückt:

„Es ist also zu einem Wegfall von Sexualverboten gekommen – und zwar von solchen
Verboten, die in der ÜberÁußgesellschaft ohnehin keine gesellschaftliche Funktion
mehr haben. Der Zwang zu verzichten, auch auf sexuelle Wünsche, geht einher mit
wirtschaftlichen Mangelsituationen, in denen alle Kräfte für das Überleben oder
den Aufbau der Wirtschaft mobilisiert werden müssen, also dann, wenn viel mehr
Bedürfnisse vorhanden sind, als befriedigt werden können.“ (Schmidt 1988, S. 49)

Die sechziger Jahre gingen für große Teile der Westdeutschen einher mit einer
Befreiung von überkommenen Sexualtabus, einer Befreiung von Ängsten und Un-
wissenheit und damit verbundenen größeren Möglichkeiten zu einem erfüllten
Sexualleben. Hierbei stand – von Beate Uhse über die stärker sexualisierte Öf-
fentlichkeit bis hin zu Oswalt Kolle –die Heterosexualität innerhalb der Ehe im
Mittelpunkt und männliche Homosexualität war bis Ende des Jahrzehnts verboten;
schwule Sexualität war kein Thema der öffentlichen Auseinandersetzung:
90 3 Die sechziger Jahre

„Die Homophilen oder Homosexuellen, die in den fünfziger und sechziger Jahren
für die Verbesserung der Situation von schwulen Männern warben, taten dies über-
wiegend im öffentlich Verborgenen; laut werden durften Interessenvertreter von
Homosexuellen nicht, sie wären sonst als Schwule, als ‚warme Brüder‘ oder als
‚Hundertfünfundsiebziger‘ stigmatisiert worden und hätten damit jede Anschluss-
fähigkeit an die bürgerliche, öffentlich strikt heterosexuelle Welt eingebüßt.“ (Fed-
dersen 2013, S. 3)

Sexualität, seit Mitte der 60er Jahre stärker in der Alltagswelt der Bürgerinnen und
Bürger präsent, spielte auch eine zentrale Rolle in der Studierendenbewegung, die
sich vor allem auf die Schriften von Herbert Marcuse und Wilhelm Reich bezog.
Sexualität war in diesem Kontext nicht lediglich eine individuelle Angelegenheit,
eine Möglichkeit der Befriedigung eines natürlichen und legitimen Bedürfnisses,
sondern wurde darüber hinaus zu einer politischen Frage und als solche in Macht-
zusammenhängen betrachtet.
Herbert Marcuse bezeichnete die sexuelle Liberalisierung als „repressive Ent-
sublimierung“, womit zwar eingeräumt wurde, dass Sexualität nicht mehr den vor-
herigen strengen Tabus und Verboten unterlag, aber andererseits die Freigabe von
Sexualität nichts an den unterdrückenden Mechanismen geändert hatte, sondern
Sexualität in dieser Form sogar noch Teil der Unterdrückung im Kapitalismus
war. Vor allem die Normierung von Sexualität, der Leistungscharakter und die
Kommerzialisierung wurden kritisiert:

„Sex als Ware erhöht also auch den Wert der Ware Arbeitskraft. Und die sexuali-
sierte Warenwelt selbst schafft neue sexuelle Bedürfnisse, denen dann durch Kon-
sum scheinbar Befriedigung zuteil wird. Es ist eben nicht mehr der lustfeindliche,
sparsame Kaltduscher, sondern der bewegliche, genussfreudige Konsument, den
die Industrie braucht und produziert.“ (Zit. n. Holl/Glunz 2008, S. 199)

Die Liberalisierung von Sexualität wurde lediglich als Modernisierung begriffen,


die nichts an grundsätzlichen Machtverhältnissen änderte, sondern auch die se-
xuellen Bedürfnisse kommerziellen Interessen auslieferte.
Die andere Quelle der Sexualitätsdiskussion in der Bewegung der kritischen
Studierenden war Wilhelm Reich. Reich, Psychoanalytiker und Mitglied der
kommunistischen Partei, veröffentlichte in den 20er und 30er Jahren des letzten
Jahrhunderts zahlreiche Schriften, in denen er sich mit dem Zusammenhang von
individueller und gesellschaftlicher Unterdrückung befasste. Als zentralen Mecha-
nismus sah er hierbei eine sexual- und körperfeindliche Erziehung, die schon im
frühen Alter Kindern die Lust am eigenen Körper verbietet und sie damit später
anfällig für kritiklose Unterordnung und Disziplin macht:
3.3 Die „Sexy Sixties“ 91

„Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes, deren


letzte Etappe die schwere Beeinträchtigung der genitalen Sexualität des Kleinkin-
des ist, macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam, im autoritären Sinne
‚brav‘ und ‚erziehbar‘; sie lähmt, weil nunmehr jede lebendig-freiheitliche Regung
mit schwerer Angst besetzt ist, die auÁehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch
das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfähigkeit;
kurz, ihr Ziel ist die Herstellung des an die autoritäre Ordnung angepaßten, trotz
Not und Erniedrigung sie duldenden Untertans.“ (Reich 1972, S. 55)

Die Schriften Reichs fanden als Raubkopien in Kreisen der Studierenden großen
Anklang und wurden intensiv diskutiert. Hier konnte eine Erklärung für den
Untertanengeist des deutschen Faschismus gefunden werden, wobei der Schlüs-
sel zur Erklärung in der repressiven (Sexual-)Erziehung und der daraus resultie-
renden Bereitschaft zu Gehorsam, Unterordnung und der Furcht vor Autoritäten
lag, wie es der Sexualpädagoge Kentler, ganz im Sinne von Wilhelm Reich, aus-
drückt:

„Die Sexualunterdrückung gehört zu den wichtigsten EinÁussfaktoren, die den


Körper entsexualisieren und zu einem Arbeitswerkzeug umformen, die eine Ver-
zichts- und Opferethik einüben, die an Selbstdisziplin, Gewissengehorsam, Leis-
tungsfähigkeit gewöhnen. Wer gelernt hat, seine eigenen sexuellen Bedürfnisse zu
unterdrücken, der unterwirft sich auch fremdbestimmter Arbeit und politischer
Macht. Kaisertreue und Hitlerfanatismus, die Blutbäder zweier Weltkriege und die
technisierte Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen in den KZ wären ohne die
Herrschaft einer sexualfeindlichen und damit lebensfeindlichen und menschenun-
würdigen Moral nicht möglich gewesen.“ (Kentler 1981, S. 56)

Sexualunterdrückung galt als zentrales Instrument der gesellschaftlichen Unter-


drückung, woraus in Teilen der Studierendenbewegung der Schluss gezogen wur-
de, alles, was (sexuell) als repressiv galt, zu kritisieren und möglichst abzuschaf-
fen. In Folge der Beschäftigung mit Reich und seiner These der gesellschaftlichen
Folgen von Sexualunterdrückung wurden in Teilen der Bewegung der Studieren-
den feste Beziehungen und das Leben in Kleinfamilien abgelehnt, Sexualität mit
wechselnden PartnerInnen galt als nicht repressive, revolutionäre Praxis, als Bei-
trag zur sexuellen und politischen Emanzipation, die nach dieser Auffassung nicht
voneinander zu trennen waren. Der Spruch „Wer zweimal mit derselben pennt, ge-
hört schon zum Establishment“ bringt diese Haltung auf den Punkt, wobei er aus
heterosexueller männlicher Perspektive formuliert ist, trotz aller revolutionären
Ambitionen wurde Homosexualität kaum thematisiert.
Besonders sensibel war – ganz im Sinne Reichs – die Sexualerziehung von Kin-
dern, die keinerlei Verboten oder Repressionen unterworfen sein sollte, wie ein
92 3 Die sechziger Jahre

Beispiel aus der Kommune 2 zeigt, hierbei geht es um die Begegnung eines er-
wachsenen Mannes mit einem Mädchen unter drei Jahren:

„Ich liege auf dem Rücken. Grischa streichelt meinen Bauch, woraus sie meinen
herausstehenden Rippen als Brüste versteht. Ich erkläre ihr, daß das Rippen sind,
ich nur eine Áache Brust und Brustwarzen habe. Sie streichelt meine und zeigt mir
ihre Brustwarzen. Wir unterhalten uns über die Brust von Mädchen, wenn sie älter
sind ... als ich mich wieder umdrehe, um sie ... zu streicheln, konzentriert sich ihr
Interesse sofort auf ‚Penis‘. Sie streichelt ihn und will ihn ‚zumachen‘ (Vorhaut über
die Eichel ziehen), bis ich ganz erregt bin und mein Pimmel steif wird. Sie strahlt
und streichelt ein paar Minuten lang mit Kommentaren wie ‚Streicheln. Guck ma,
Penis groß‘“ (zit. n. Kentler 1984, S. 118).

Dieses Beispiel zeigt die Bemühungen um eine Sexualerziehung, die möglichst


ohne Verbote und Tabus auskommen möchte, die Kindern Fragen zur Sexualität
beantworten will, ohne Ängste aufzubauen, mit der Intention, mit Sexualität frei,
natürlich und offen umzugehen, um dadurch Menschen zu erziehen, die zu ihren
körperlichen Bedürfnissen stehen können und nicht zu autoritätshörigen Unter-
tanen werden. Im Gegensatz zu dem Bild von Sexualität, das die 50er Jahre be-
herrschte und vor einem von Männern ausgehenden gefährlichen Trieb warnte,
bezogen sich Teile der Studierenden auf ein Bild, das Sexualität – ob weiblich oder
männlich – prinzipiell als sozial und lustvoll auffasste und die deswegen nicht
unterdrückt werden durfte; eine möglichst frei gelebte, von Tabus und Verboten
nicht eingeschränkte Sexualität sollte letztendlich zu einer freien Gesellschaft
ohne Unterdrückung führen.
Die Fronten verliefen lange Zeit zwischen den Protestierenden auf der einen
und den Herrschenden, dem sogenannten Establishment, auf der anderen, zwi-
schen den Antiautoritären einerseits und den Autoritären, den „Spießern“, ande-
rerseits. Innerhalb der Bewegung gab es Diskussionen über die Prioritäten, die im
Kampf um eine andere Gesellschaft gesetzt werden sollten. Im Mittelpunkt stand
dabei das Verhältnis von ökonomischer Macht und männlicher Vorherrschaft.
Diese Diskussionen wurden als Auseinandersetzung zwischen dem „Haupt-“ und
dem „Nebenwiderspruch“ geführt, wobei die zentrale Frage war, ob zunächst der
Kapitalismus abgeschafft werden sollte, wodurch sich eine Gleichstellung der Ge-
schlechter ergäbe, oder ob die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern als Erstes
zu ändern sei.
Trotz aller revolutionären Ambitionen und aller kritischen Grundhaltungen gab
es ein deutliches Machtgefälle zwischen Männern und Frauen innerhalb der Bewe-
gung, das sich darin äußerte, dass sich die Männer als Theoretiker und Praktiker
der Revolution betätigten, auf Podien diskutierten und in Diskussionen dominant
3.3 Die „Sexy Sixties“ 93

auftraten, während für die Frauen die klassischen Aufgaben der Kindererziehung,
der Haushaltsführung und helfende Tätigkeiten übrig blieben. Auf der Delegier-
tenkonferenz des SDS 1968 kritisierte die Aktivistin Helke Sander die männliche
Dominanz innerhalb der Bewegung:

„Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch
mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritärer ist, anhört um
dann zur Tagesordnung überzugehen ... Diese Tabuisierung hat zur Folge, daß das
speziÀsche Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird,
wodurch gewährleistet wird, daß die Männer ihre alte, durch das Patriarchat ge-
wonnene Identität noch nicht aufgeben müssen ...“ (Zit. n. Angster 2012, S. 67f).

Als Reaktion auf die männlich geprägten Strukturen gründete sich der Weiber-
rat im SDS, die Frauen des Weiberrates bewarfen führende Männer des SDS mit
Tomaten und formulierten einen Flugblatttext gegen deren männliches Dominanz-
verhalten, in dem es unter anderem heißt:

„... wir werden gelobt, dann dürfen wir an den stammtisch, dann sind wir identisch;
dann tippen wir, verteilen Áugblätter, malen wandzeitungen, lecken briefmarken:
wir werden theoretisch angeturnt.
… kotzen wir es aus: wir sind penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, ase-
xuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational ...
wir überkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch ...
BEFREIT DIE SOZIALISTISCHEN EMINENZEN VON IHREN BÜRGERLICHEN
SCHWÄNZEN!“
(Zit. n. Flügge 1984, S. 174)

Auf dem gezeichneten Flugblatt war eine nackte Frau mit Beil, über ihr sind die
verschiedenen abgeschnittenen Penisse führender SDS-Männer als Trophäen ab-
gebildet.
Das Aufbegehren der Frauen wirkte für die Männer des SDS wie ein Schock,
waren sie doch der festen Überzeugung, als kritische Theoretiker und Demonst-
rierende für eine Gesellschaft der Gleichberechtigung einzutreten. Nun wurden sie
mit ihren eigenen chauvinistischen Verhaltensweisen konfrontiert.
Die Rebellion der Frauen im SDS gegen dominantes und in diesem Sinne
klassisches männliches Verhalten gilt als Beginn der zweiten Frauenbewegung in
Deutschland mit der Folge, dass die „Geschlechterfrage“ von da an zur zentralen
Frage in den Diskussionen über Sexualität wurde.
94 3 Die sechziger Jahre

3.4 Jugend im Aufbruch

Insbesondere zu Beginn der 60er Jahre war das Leben von Kindern und Jugend-
lichen in den Elternhäusern wie auch der Schule noch von dem autoritären Geist
der 50er Jahre geprägt:

„Autoritäre, ja prügelnde Eltern und Lehrer, Leistungs- und Notendruck, militaris-


tischer Sportunterricht, offene Indoktrination in Religion, Deutsch und Geschich-
te, Aufstehen vor dem Lehrer, Tadel, Schulverweise, Strafen wegen überzogenem
Ausgang, langer Haare, Anti-Baby-Pille. Schmuddelklamotte. Verhöre für Kriegs-
dienstverweigerer, Terror und Entmündigung ohne Ende – zumal die Volljährigkeit
erst mit 21 Jahren eintritt.“ (Holl/Glunz 2008, S. 157)

Die Entwicklung des Jahrzehnts, das Aufbegehren der Jugend und die wachsende
Kritik an einer autoritären, lustfeindlichen und von Erwachsenen und deren Vor-
stellungen dominierten Gesellschaft erreichte im Laufe der Sechziger neben den
Studierenden auch die Schülerinnen und Schüler, wie es in einer Ausgabe von
Konkret beschrieben wurde:

„Deutschlands Schüler spielen verrückt. Von Flensburg bis zum Bodensee. Auf-
stand gegen die falsche Autorität. Revolution. Mao-Sprüche an der Schulmauer.
Zeugnisverbrennungen. Flugblätter. Die Pille für alle. Boykott des Religionsunter-
richtes. Die Lehrer schießen zurück. Mit unzugänglicher Munition: Nachsitzen,
Strafarbeiten, schlechte Zensuren, blaue Briefe. Sitzenbleiben. Durchs-Abitur-Fal-
len-lassen. Die Schüler wollen sich nicht mehr mit Selbstverwaltungs-Mätzchen
und etwas Sexual-Kunde abspeisen lassen. Sie wollen das Schulsystem nicht än-
dern, sondern reparieren. Schule kaputt.“ (Konkret 1968, S. 11)

Als Pendant zum SDS, der Organisation der Studierenden, wurde das Aktionszen-
trum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS) gegründet, das sich gegen
Bürokratie in der Schule, gegen traditionelle Unterrichtsmethoden und -inhalte
zur Wehr setzte, zur Kriegsdienstverweigerung aufrief und für einen Sexualkun-
deunterricht eintrat, der Jugendliche aufklärt und ihnen Spaß an der Sexualität
vermittelt.
In die gleiche Richtung und zur gleichen Zeit – Ende der 60er Jahre – began-
nen die Aktivitäten der Lehrlingsbewegung. Die Auszubildenden forderten Aus-
bildung statt Ausbeutung, prangerten Verstöße gegen das Jugendarbeitsgesetz an,
kritisierten, dass ihre Ausbildung zum Verrichten ausbildungsfremder Tätigkeiten
wie Putzen und Botengänge missbraucht wurde, und wehrten sich gegen autoritäre
Lehrmethoden und unzureichende Mitbestimmung. Jugend galt – und verstand
3.4 Jugend im Aufbruch 95

sich selbst – als Gegenpart zur Welt der Erwachsenen; nicht umsonst gab es zu der
Zeit den Slogan „Trau keinem über Dreißig“. Jugend verkörperte den gesellschaft-
lichen Aufbruch:

„Die Erfahrungen der Erwachsenen galten nicht mehr, das eigene Handeln sollte
vielmehr selbstbestimmt werden. Jugend galt nicht mehr als bloße Schinderei – die-
se Entdeckung vermittelte ein Gefühl von Befreiung. ‚Befreiung‘ – dieses Zauber-
wort der 60er Jahre ist wohl das wesentliche Merkmal des Lebensgefühls einer
Generation ...“ (Zimmermann 1995, S. 119)

Der Aufbruch der Jugend war vor allem eine Revolte gegen männliche Autori-
täten, denen der Respekt aufgrund ihrer – tatsächlichen oder unterstellten – Mit-
täterschaft in der Nazizeit und ihres verklemmten und repressiven Umgangs mit
Sexualität verweigert wurde:

„Die, die ihre Söhne militärischer Disziplin unterwarfen, die Unschuld der Töchter
hüteten, kleine, beim Onanieren erwischte Kinder züchtigten, aber über Sexualität
nicht sprechen konnten. Die, denen der Anblick nackter Fauenbrüste in Filmen und
Zeitschriften unerträglich war. Die, die sich mit jener stickigen Aura von Doppel-
moral, Heuchelei, von Verschweigen und Vertuschen umgaben. Eine Mörderbande
waren sie einst gewesen, nichts anderes als ein Haufen Schwerverbrecher.“ (Heider
2014, S. 51)

Zu berücksichtigen ist bei all den Protesten, dass sie unter den Bedingungen von
ökonomischer Sicherheit stattfanden; es gab so gut wie keine Arbeitslosigkeit und
so mussten sich SchülerInnen, Auszubildende wie Studierende keine Sorgen um
einen späteren Arbeitsplatz machen. Im Gegenteil: Noch zu Beginn der 60er Jahre
versprachen Firmen den zukünftigen Auszubildenden Ferienreisen, Mopeds oder
ein Sparbuch als Prämie, falls sie eine Ausbildung beginnen würden; es herrschte
ein Mangel an Arbeitskräften, was die Position der jungen Menschen stärkte, weil
sie gebraucht wurden.
Auch wenn sich längst nicht alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen an den
verschiedenen Bewegungen beteiligten oder mit ihnen sympathisierten, so kann
man doch von einem KonÁikt der Generationen sprechen mit den Gegensätzen
von autoritär und kritisch, hierarchisch und demokratisch, fremdbestimmt und
selbstbestimmt. Die Ideen und Ambitionen der kritischen Studierenden fanden vor
allem bei den Heranwachsenden mit höherer Bildung zahlreiche AnhängerInnen
und Sympathien:
96 3 Die sechziger Jahre

„So ergab eine Mitte 1969 veröffentlichte Anfrage unter Schülern, Abiturienten und
Studenten, dass rund 30 Prozent der Befragten mit marxistischen oder kommunis-
tischen Ideen sympathisierten, während 20 Prozent bereit waren, eine links von der
SPD stehende Partei zu wählen.“ (Reichhardt 2014, S. 43)

Der Gegensatz zwischen Alt und Jung zeigte sich im Alltag als der Gegensatz von
Schlager und Popmusik, einem steifen und korrekten sowie einem lockeren und
genießenden Umgang mit dem Körper, in Befehlen auf der einen und Diskussionen
auf der anderen Seite. In den Vorstellungen von den Geschlechterrollen kam er im
Gegensatz von Rock und Hose bei Mädchen sowie kurzen und langen Haaren bei
Jungen zum Ausdruck, was in zahlreichen Familien zu heftigen Generationskon-
Áikten führte, weil es als Rebellion gegen traditionelle Geschlechterrollen emp-
funden wurde, nach denen Mädchen hübsch und anmutig und Jungen korrekt und
zackig zu sein hatten.
Im Bereich der schulischen Bildung gab es allerdings auch Veränderungen, die
nicht in Zusammenhang mit den Protesten der SchülerInnen und Studierenden
zu sehen sind: Die Bildungsexpansion, die in der Bundesrepublik der 60er Jahre
begann. 1964 schrieb Georg Picht das zur damaligen Zeit viel gelesene und disku-
tierte Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ (Picht 1964), in dem er darlegte,
dass in der Bundesrepublik – im Vergleich zu anderen Industrienationen – weniger
Jugendliche einen höheren Bildungsabschluss erzielten. Neben der erhöhten poli-
tischen Beteiligung, die sich von besser gebildeten Menschen versprochen wurde,
ging es vor allem um ein Ausschöpfen der Begabungsreserven, die ungenutzt wa-
ren. Als hoch entwickelte Industrienation – so die Argumentation und Befürchtung
– sei Deutschland mit weiterhin relativ niedrigen Bildungsabschlüssen nicht in der
Lage, konkurrenzfähig zu anderen Nationen zu bleiben. Eine komplexe und hoch
entwickelte Industriestruktur verlange nach gut ausgebildeten jungen Menschen,
um den Anforderungen in Produktion, Verwaltung und Wissenschaft gerecht zu
werden. Es war also notwendig, in den Bereich von Bildung und Ausbildung junger
Menschen zu investieren. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang das Bild des
„katholischen Arbeitermädchens vom Lande“, das alle Merkmale, die statistisch
eine niedrige Bildungskarriere wahrscheinlich machen, auf sich vereinigt: die
Konfession der Eltern, deren regionale Herkunft, die soziale Schicht und vor allem
das Geschlecht, denn in nicht wenigen Familien herrschte noch die Einstellung,
dass Mädchen keine Ausbildung und schon gar kein Studium bräuchten, weil sie ja
sowieso mal heirateten und Kinder bekommen würden.
Die Bildungsexpansion setzte in Westdeutschland Mitte der 60er Jahre ein und
führte dazu, dass mehr Kinder und Jugendliche einen höheren Schulabschluss
anstrebten: Im Verlauf des Jahrzehnts sank der Anteil der HauptschülerInnen in
3.4 Jugend im Aufbruch 97

einem Jahrgang von 87 auf 78 %, die Quote der Realschülerinnen stieg von 2 auf
über 6 %, die der GymnasiastInnen von 8 auf 12 % (Bildungsexpansion und Schul-
reform 2013, S. 2).
Eine längere Verweildauer in der Schule ist zum einen verbunden mit mehr
Freizeit im Vergleich zu arbeitenden Jugendlichen, zugleich erhalten Jugendliche
durch eine bessere Ausbildung potenziell die Möglichkeit, sich mit nicht unbe-
dingt für das Berufsleben notwendigen Sachverhalten auseinanderzusetzen und
ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln.
Im Rahmen der Studierendenbewegung spielten Fragen nach dem Verhältnis
und dem richtigen Umgang von Erwachsenen und Kindern eine zentrale Rolle.
Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus warf dabei die Frage auf,
welche Rolle die Erziehung bei der Errichtung der Nazi-Diktatur, den Massenmor-
den und dem Zweiten Weltkrieg gespielt hatte. Neben einer repressiven Sexual-
erziehung wurden autoritäre Verhältnisse zwischen den Generationen insgesamt
für die faschistische Vergangenheit verantwortlich gemacht. Als Konsequenz aus
diesen Erkenntnissen wurde eine Pädagogik gefordert und praktiziert, die ohne
Repressionen, Drohungen und Strafen auskommen sollte und die Bedürfnisse und
Interessen der Kinder in den Mittelpunkt stellte. In „Kinderläden“ sollten diese
Praktiken im Umgang mit Kindern umgesetzt werden. Grob lassen sich dabei zwei
Richtungen unterscheiden, eine eher individuelle und eine sozialistische bzw. pro-
letarische.
Die individuelle wurde in Kinderläden praktiziert, die sich bemühten, den Kin-
dern keinerlei Zwang aufzuerlegen, sie möglichst ohne Reglementierungen und
Anweisungen aufwachsen zu lassen. Kinder sollten selber bestimmen, was, mit
wem und wo sie spielten, wann und was sie aßen und wie sie die jeweiligen Kinder-
läden gestalten wollten; ein Eingriff von Seiten der Erwachsenen wurde dabei als
tendenziell autoritär, unzulässig und schädlich erachtet.
Die sozialistische bzw. proletarische Richtung bezog sich auf die marxistische
Theorie des Klassenkampfes und beabsichtigte, Kinder und Jugendliche aus unter-
privilegierten Familien über ihre Lage aufzuklären und sie zu einem revolutionä-
ren Verhalten und Bewusstsein zu erziehen:

„Die pädagogische Intelligenz sieht sich heute aber angesichts der Entwicklung der
Arbeiterjugendbewegung vor die Aufgabe gestellt, sowohl eine Theorie der Lage
und des Kampfes der Jugend im Spätkapitalismus als auch eine Theorie zur Er-
ziehung zum Klassenkampf unter den heutigen Kampfbedingungen der Arbeiter-
jugendbewegung zu entwickeln. Die kritisch pädagogische Intelligenz fragt nach
Möglichkeiten, dieser Aufgabe nachzukommen.“ (v. Werder 1972, S. 7)
98 3 Die sechziger Jahre

Bei allen Unterschieden dieser beiden Richtungen – es gab in Theorie und Praxis
auch Überschneidungen und Annäherungen – hatten beide Ansätze doch gemein-
sam, dass Studierende die herrschenden Erziehungspraktiken in der westdeutschen
Gesellschaft ablehnten und versuchten, ihnen Alternativen entgegenzusetzen, wo-
durch das Thema der Erziehung zu einem politischen Thema wurde. Diese Vor-
stellungen von Erziehung grenzten sich eindeutig von den bis dahin herrschenden
autoritären Erziehungspraktiken ab.
Doch nicht nur im Milieu der kritischen Studierenden wurde ein anderer Um-
gang mit Kindern und Jugendlichen praktiziert; auch gesamtgesellschaftlich hat
sich im Laufe der 60er Jahre die Einstellung in Bezug auf Ziele und Methoden der
Erziehung geändert. Die Orientierung an „Gehorsam und Unterordnung“ erhielt
im Jahr 1964 noch 25 % Zuspruch als zentrales Ziel der Erziehung, im Jahr 1969
sank der Wert auf 19 %; im Gegensatz dazu erhöhte sich im gleichen Zeitraum die
Bedeutung von „Selbständigkeit und freier Wille“ von 31 auf 46 % (s. Fend 1988,
S. 114). In die gleiche Richtung geht der Einstellungswandel zu den Erziehungs-
methoden: Der Aussage „Es ist grundsätzlich verkehrt, dass man ein Kind schlägt,
man kann jedes Kind auch ohne Schläge erziehen“ stimmten im September 1965
16 % zu, im September 1970 waren es 28 %. Die Zustimmung zur Aussage „Schlä-
ge gehören auch zur Erziehung, das hat noch keinem Kind geschadet“ Àel von
36 % im September 1965 auf 29 % im September 1970 (s. Noelle/Neumann 1973,
Band 4, S. 52, S. 74).
Hinter diesen empirisch ermittelten Zahlen verbirgt sich – zumindest in Ansät-
zen – eine geänderte Einstellung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen: Der
Trend geht eindeutig dahin, Heranwachsende mit ihren Bedürfnissen und Ansprü-
chen ernst zu nehmen, sie als Individuen mit eigenem Willen anzuerkennen und
an die Stelle von Verboten und Anordnungen Diskussionen und Aushandlungen
zu setzen.
Es ist unwahrscheinlich, dass dies die direkten Folgen der antiautoritären oder
sozialistischen Erziehungsvorstellungen sind, wie sie in Kinderläden und Kommu-
nen praktiziert wurden. Diese wurden medial eher als negatives Beispiel für Er-
ziehung dargestellt, das auf die BundesbürgerInnen abschreckend wirken musste:

„Die Kommunekinder waren von Anfang an Objekt tiefsten Bedauerns in der bür-
gerlichen Öffentlichkeit. Sie galten als verwahrlost, verführt, sie lebten überhaupt
am falschen Ort.“ (Hartung 1984, S. 106)

Kinder, die nackt herumliefen und sich in Wohnungen aufhielten, die keineswegs
den Ordnungsvorstellungen der meisten Erwachsenen entsprachen, galten in den
meisten Familien nicht als erstrebenswert. Doch auch bei vielen Jugendlichen galt
3.4 Jugend im Aufbruch 99

das Leben in Kommunen nicht als attraktiv, wie das Zitat eines Jungen zeigt, der
zu seinen Vorstellungen vom Leben in Kommunen befragt wurde:

„Zusammenleben von Hippies in einem Raum. Keiner arbeitet. Meistens linke Stu-
denten mit Bart und so. Die Mädchen schlafen mit jedem und Mao-Bilder an der
Wand. Alle sind sehr unsauber und gehen nicht in die Kirche. Leute aus Kommunen
kommen oft vor Gericht. Das ist richtig, denn sie tun ja auch nichts.“ (Zit. n. Si-
gusch/Schmidt 1973, S. 55)

Die geänderten Vorstellungen und Praktiken im Umgang mit Heranwachsenden


sind eher dadurch zu erklären, dass durch das Aufbegehren von Teilen der Jugend
diese auf ihre eigenen Bedürfnisse aufmerksam gemacht haben. Jugendliche in
den 60ern waren nicht mehr nur Befehlsempfänger, die zur Anpassung erzogen
werden konnten; sie erlebten sich mehr und mehr als GestalterInnen der Bedingun-
gen, unter denen sie aufwuchsen. Sie stellten ihren Eigensinn und ihre Kritikfähig-
keit unter Beweis. Aufgrund dieser Entwicklungen sind Fragen der Erziehung, des
Umgangs mit Kindern und Jugendlichen überhaupt erst diskutiert und reÁektiert
worden.
Die gewandelte Sexualmoral zeigt sich schließlich auch im Bereich der Jugend-
sexualität, die in diesem Zeitraum ebenfalls von einer rasanten Entwicklung ge-
kennzeichnet war, wie Volkmar Sigusch und Gunter Schmidt in einer empirischen
Untersuchung festgestellt haben:

„1970 hatten sehr viel mehr Jungen und Mädchen als vor einer Dekade im Alter
von 15 und 16 Jahren soziosexuelle Erfahrungen. Das gilt für Dating, Kissing und
verschiedene Formen des Pettings wie Bruststimulation unter der Kleidung, aktive
und passive Stimulation der Genitalien.“ (Sigusch/Schmidt 1973, S. 72)

Sowohl in ihren Einstellungen als auch in ihrem Verhalten lösten sich Jugendliche
im Laufe der 60er Jahre tendenziell von traditionellen Vorstellungen im Bereich
der Sexualität. Zusammenfassend bestanden diese Trends darin, dass das Alter der
sexuellen Aktivitäten deutlich vorverlegt war, Sexualität bei beiden Geschlechtern
weniger mit Angst, Schuldgefühlen und KonÁikten erlebt wurde, Virginalität kei-
ne Wertvorstellung mehr war und von Seiten der Erwachsenen Jugendlichen eher
eine eigene Sexualität zugebilligt wurde (s. Sigusch/Schmidt 1973, S. 74–76).
Diese Entwicklungen weisen auf einen deutlich selbstbewussteren, selbstver-
ständlicheren und lustvolleren Umgang von Jugendlichen mit ihren sexuellen Be-
dürfnissen hin; vor allem die Tatsache, dass Virginalität kaum noch eine Bedeu-
tung hatte, spricht dafür, dass sich Mädchen in diesem Jahrzehnt von einem Bild
100 3 Die sechziger Jahre

der weiblichen Sexualität gelöst hatten, das den Wert einer Frau über ihre sexuelle
Enthaltsamkeit deÀniert.

3.5 Vom Rock ’n’ Roll zum Beat und Progressive Rock

Bereits zu Beginn der sechziger Jahre kam es in Zusammenhang mit Jugendlichen


und deren Musik zu den sogenannten „Twist-Krawallen“ in München; ausgelöst
durch ein paar Jugendliche, die Gitarre spielten, begannen junge Leute, auf der
Straße zu tanzen, was empörte Bürgerinnen und Bürger auf den Plan rief. Die
daraufhin alarmierte Polizei lieferte sich mit den Jugendlichen tagelange hand-
greiÁiche Auseinandersetzungen, Knüppel und Wasserwerfer wurden eingesetzt,
es gab zahlreiche Festnahmen. Der Ablauf der Twist-Krawalle folgte dem Schema,
das bereits bei den Halbstarken-Unruhen zu erkennen war, mit der Ausnahme,
dass von den Tanzenden bei den Twist-Krawallen keine Gewalt ausging und die
Musik nicht professionell, sondern privat aufgeführt wurde. Die Musik und der
dazu praktizierte Tanz, der Twist, war eine Mode aus den USA, der Tanz wurde
durch betonte Hüftbewegungen als anstößig empfunden; es genügte auch Anfang
der Sechziger schon, auf den Straßen zu tanzen, um Entrüstung und Empörung
auszulösen und die „Anständigen“ zu provozieren.
Musik war ein zentrales, wenn nicht sogar das zentrale Feld der Auseinander-
setzungen zwischen den Generationen; den Gegensatz zwischen der älteren und
der jüngeren Generation brachte die britische Band „The Who“ mit ihrem Song
„My Generation“ auf den Punkt:

„People try to put us down/Just because we get around/Things they do look awful
cold/Hope I dy before I get old“ – Die Erwachsenen leben in einer kalten, emotions-
losen Welt, und es ist besser zu sterben, als selber erwachsen zu werden.

Der Ausdruck von Lebensfreude und Spaß am Körper, das körperliche Über-
schreiten von Grenzen und damit auch Emotionen wirkten für viele Erwachsene
befremdlich und alarmierend. Vergleichbar mit der Empörung, die die Halbstar-
ken durch ihre Musik und ihren Tanzstil ausgelöst hatten, ging es auch hier um die
Frage, welche Grenzen dem körperlichen Ausdruck gesetzt sind, was als zulässig,
„anständig“ und akzeptabel gilt. Die populäre Musik war Ausdruck eines ande-
ren, modernisierten Umgangs mit dem Körper und den Emotionen, wobei dieses
KonÁiktfeld die Auseinandersetzungen zwischen den Generationen das geamte
Jahrzehnt bestimmte.
3.5 Vom Rock ’n’ Roll zum Beat und Progressive Rock 101

„Dieser Zusammenstoß einer ekstatischen musikdominierten Jugendkultur und


einer hartnäckig auf Ordnung erpichten Gesellschaft hielt sich als ein Grundmus-
ter der ganzen sechziger Jahre hindurch. Entscheidend war, dass sich ein Protest-
verhalten nicht primär mit den politischen Inhalten der Songtexte verband, sondern
mit einem neuen Körpergefühl, einem rauschenden Erleben, das ganz auf das Indi-
viduum ausgerichtet war.“ (Hickethier 2003, S. 15f)

Im Bereich der kommerziellen Rock- und Popmusik büßten in diesem Zeitraum


die US-amerikanischen Sänger und Bands ihre Vormachtstellung ein, es begann
die Zeit der „British Invasion“. Im Gegensatz zu der Musik der 50er Jahre, die
einzelne Stars wie Elvis Presley oder Bill Haley in den Mittelpunk stellten, trat
nun die Band als Kollektiv auf. Zahlreiche Bands aus England, deren Mitglieder
ausschließlich männlichen Geschlechts waren, wie Hermanάs Hermits, die Kinks,
die Animals, die Searchers oder The Who. Die Who, deren Mitglieder dafür be-
rüchtigt waren, ihre Instrumente oder Hotelzimmer machomäßig zu demolieren,
waren dabei eine wichtige Gruppe für die aus England stammende Jugendkultur
der „Mods“. Mods waren männliche Jugendliche der unteren Mittelschicht oder
der Unterschicht, die sich in ihrem Auftreten von ihrer sozialen Herkunft distan-
zierten. Das zeigte sich im Tragen maßgeschneiderter Kleidung und italienischer
Mode; über diese teure Kleidung trugen Mods einen Parka, sie fuhren Lambret-
tas, italienische Motorroller mit auffallend vielen Rückspiegeln. Sonst bestand ihr
Lebensstil in exzessivem Tanzen und dem Konsum von aufputschenden Medika-
menten und Drogen. Bevorzugte Musik der Mods waren „schwarze“ Musikstile
wie Rythm and Blues, Soul und Ska, als Bands die Who, die Kinks und die Small
Faces. Obwohl sie vergleichbarer sozialer Herkunft waren, gab es vor allem zwi-
schen den Mods und den Rockern heftige körperliche Auseinandersetzungen. Hier
prallten zwei Vorstellungen von gelebter Männlichkeit aufeinander: auf der einen
Seite der modebewusste und elegant gekleidete Mod, der seine Herkunft verleug-
nete, und auf der anderen Seite der bodenständige, männlich-aggressive Rocker,
der sich stark an den klassischen proletarischen Werten orientierte, wie sich Pete
Townshend, Songschreiber und Gitarrist von The Who in seiner AutobiograÀe er-
innert:

„Die Mods interessierten sich für Mode, R&B, Motorroller und die neuesten Tanz-
schritte, während die Rocker eher zum Machismo neigten, nach dem Vorbild von
Marlon Brando als Anführer seiner Motorrad-Gang in Der Wilde.“ (Townshend
2014, S. 59)
102 3 Die sechziger Jahre

Vor allem aber dominierten die Rolling Stones und die Beatles die internationale
Musikszene, was zu KonÁikten zwischen den Generationen führte:

„Vier junge Männer aus Großbritannien, bei deren aggressiven Rhythmen die El-
tern erschreckt zusammenzuckten und fassungslos den Untergang der abendländi-
schen Kultur nahe wähnten, stahlen den bis dato unangefochtenen Publikumslieb-
lingen die Show: Die BEATLES, eine Band, deren Musikstil und deren Auftreten
sich deutlich von Freddy, Rex Gildo und allen anderen bisherigen Idolen unter-
schied ...“ (Herrwerth 1998, S. 51)

Die Beatles prägten im Wesentlichen den neuen populären Musikstil, den Beat,
eine Mischung aus US-amerikanischem Rock άn’ Roll und Pop mit britischem
Folk und SkifÁe, der Musik der englischen Arbeiterklasse. Neben dem Rhythmus,
der ihre Songs bestimmte, waren es vor allem ihre Frisuren, die für Empörung
sorgten. Die Beatles hatten sogenannte „Pilzköpfe“, bei denen die Haare über die
Ohren getragen wurden und nicht in das Bild eines „richtigen“ Jungen oder Man-
nes passten. Neben den traditionellen, als männlich angesehenen Eigenschaften
wie mutig, tapfer etc. galten kurze Haare, wie sie beim Militär getragen wurden,
gescheitelt und mit freien Ohren, als die passende Frisur für Jungen, wodurch An-
ständigkeit, Korrektheit und Zackigkeit demonstriert werden sollten und mussten.
Lange Haare bei Jungen und Männern hingegen galten zum einen als ungepÁegt
und zum anderen als weiblich, waren also bestens geeignet, gegen herrschende
Männlichkeitsvorstellungen aufzubegehren. Wenn es in den Familien zu Ausei-
nandersetzungen über die Frisuren der Jungen zwischen den Eltern und den Ju-
gendlichen kam, wenn über jeden Zentimeter Haarlänge gestritten, verhandelt und
gefeilscht wurde, dann ging es neben der Frisur auch um etwas Symbolisches,
nämlich darum, welcher Typ von Männlichkeit statthaft war und gelebt werden
durfte, das Konzept der traditionellen Männlichkeit und die AuÁehnung dagegen
waren verbunden mit ein paar Zentimeter Haarlänge.
Abgesehen von ihren Pilzköpfen und ihrer rhythmusbetonten Musik waren die
Beatles bis Mitte der 60er Jahre keine revolutionäre Band. Songs wie „Love me
do“, „All my loving“, „Please please me“ und „I want to hold your hand“ waren im
Grunde noch sehr brave Stücke, Beat- bzw. Popmusik mit eingängigen Melodien,
die – hierbei durchaus vergleichbar mit den bis dahin dominierenden deutschen
Schlagern – von den üblichen Themen Liebe, Verliebtsein und Zweisamkeit han-
delten. Auch war die Kleidung der Beatles in ihrer Anfangszeit noch konventio-
nell, sie trugen bei ihren Auftritten und den Bildern auf Postern und Plattencovern
Anzüge, Hemden und Schlipse. Ihr Verhalten auf der Bühne war keineswegs voller
sexueller Anspielungen, wie es bei Elvis Presley der Fall war, sie wippten mit den
3.5 Vom Rock ’n’ Roll zum Beat und Progressive Rock 103

Füßen oder den Gitarren und schüttelten gelegentlich ihre Pilzköpfe, verzichteten
dabei aber auf sexuelle oder aggressive Gesten.
Doch reichten diese Auftritte aus, um bei konservativen Kräften Panik über
den moralischen Zustand der Jugend auszulösen, wie bei einem Kommentar in der
britischen Zeitung New Statesman:

„Wenn die Beatles und ihresgleichen tatsächlich das sind, was die britische Jugend
will, dann müsste man zutiefst verzweifeln. Ich weigere mich, dies zu glauben Die-
jenigen, die die Beatles umschwärmen und deren leere Gesichter über die Fernseh-
schirme Áimmern, sind der bedauernswerte Teil ihrer Generation: die Abgestumpf-
ten, Faulen, die Versager.“ (Zit. n. Wicke 2011, S. 24)

Doch konnten alle Befürchtungen es nicht verhindern, dass die sogenannte „Beat-
lemania“ ausgelöst wurde, eine fast weltweite Begeisterung für die Band, die über
die Plattenverkäufe und Konzerteinnahmen hinaus systematisch kommerziell aus-
gebeutet wurde:

„Mehr als 100 Firmen stellen derzeit 150 verschiedene Massenartikel her, auf
denen die Konterfeis oder die Namen der vier Beatles prangen: Damenstrümpfe,
Luftballons, Pullover, Slips und Hemden, Schuhe, Hüte, Hosen, Jacken, Keksverpa-
ckungen, Limonadengläser und Schals, Eierbecher, Puppen, Kaugummipäckchen,
Broschen und Ringe – und natürlich die ‚Original-Beatles-Perücken‘.“ (Zit. n. Fa-
rin 2001, S. 56)

Neben dem enormen kommerziellen Erfolg, den die Beatles durch Plattenverkäufe,
Konzerteinnahmen und Merchandising-Produkte für sich verbuchen konnten, äu-
ßerte sich die Beatlemania vor allem in den Reaktionen bei ihren Konzerten oder
ihrer Ankunft auf einem Flughafen. Tausende von Fans Àelen bei dem Anblick
ihrer männlichen Idole in Ekstase und vor allem weibliche Fans erlitten Wein-
krämpfe, nervöse Zusammenbrüche und hysterische Anfälle.
Das Aufkommen der neuen Form der Popmusik, des Beat, löste in Deutschland
eine Welle von Bandgründungen aus. Es waren fast ausschließlich Jungen und jun-
ge Männer, die den Bands der Beat-Welle nacheiferten. In Deutschland erreichten
die Lords mit ihrem Sänger Ulli Günther und die Rattles mit Achim Reichel Be-
rühmtheit, wobei keine dieser Gruppen allerdings auch nur annähernd den Erfolg
der Beatles verzeichnen konnte.
Im Gegensatz zum Rock άn’ Roll in den 1950ern, der bei Jugendlichen aus der
Arbeiterklasse Begeisterung auslöste, erreichte der Beat die Jugend klassen- und
schichtübergreifend, auch GymnasiastInnen und StudentInnen gehörten zu den
104 3 Die sechziger Jahre

Fans des neuen Musikstils. Sie fanden in diesem Angebot der Kulturindustrie eine
Möglichkeit, ihr Bedürfnis nach Lebensfreude, Körperlichkeit und Sexualität aus-
leben zu können:

„Das durch Twist und Beat angestachelte Bewegungsbedürfnis löste ein neues Kör-
pergefühl, eine Erotisierung auch im Alltag aus. Noch bevor der Mini-Rock von
Mary Quant zum Siegeszug ansetzte, trugen die 13- bis 17-jährigen Mädchen eng
anliegende Kleider, Stöckelschuhe und hochtoupierte Frisuren. Wenn auch noch
zumeist in Grau- und Schwarz-Weiß-Tönen gehalten, so war die sexuelle Note doch
unübersehbar. Die älteren Generationen reagierten darauf mit einer Mischung aus
Neid, Wut, Verachtung und Verboten.“ (Kraushaar 1986, S. 220)

Der Siegeszug des Beat war zugleich eine Rebellion gegen die konservativen Re-
geln des Geschlechter- und Sexualverhältnisses, die sich in einer anderen Mode
ausdrückte:

„Hinzu kamen Samtanzüge und bunte Hemden für männliche, sowie der Minirock
und toupierte Frisuren oder Kurzhaarschnitte für weibliche Jugendliche, die nicht
nur traditionelle Geschlechterrollenbilder in Frage stellten, sondern auch Aus-
druck eines lustbetonten Lebensgefühls waren (...)“ (Krüger 2010, S. 20)

Die andere Band aus Großbritannien, die neben den Beatles international für Fu-
rore sorgte, waren die Rolling Stones. Waren die Beatles, trotz des neuen Sounds
und ihrer Frisuren, doch noch recht brav und konnten bei etwas Toleranz als
„gute Schwiegersöhne“ durchgehen, so gaben sich die Rolling Stones von An-
fang an ein rebellisches Image, was sich in den Texten, der Bühnenpräsenz und
den Fotos der Band ausdrückte. Die Texte der Stones waren zum Teil wesentlich
gesellschaftskritischer als die der Beatles bis Mitte der Sechziger Jahre. So be-
sangen sie in „Mothers little helper“ die Tablettenabhängigkeit frustrierter Haus-
frauen, „Street Àghting man“ handelt von den politischen Auseinandersetzungen
der 60er, wobei hier ein Mann als rebellischer Akteur besungen wird, „Letάs
spend the night together“ fordert unverblümt zum Sex auf. Dieser Song durfte
deswegen in den USA nur in zensierter und verharmloster Form, der Version
„Letάs spend some time together“, im Radio gespielt werden. Ihr berühmtestes
Stück „Satisfaction“ beschreibt die Unfähigkeit, angesichts einer konsumorien-
tierten Welt wirkliche Befriedigung zu Ànden. Als „Bad boys“ und „härteste
Band der Welt“ gaben sich die Rolling Stones provokativ, rebellisch, laut und
sexuell offensiv. Insbesondere ihr Leadsänger Mick Jagger verstand es, sich an-
drogyn zu inszenieren und durch eindeutige sexuelle Gesten während der Büh-
nenshows Aufsehen zu erregen. Die Empörung und Verwirrung, die die Stones
3.5 Vom Rock ’n’ Roll zum Beat und Progressive Rock 105

durch ihre Auftritte auslösten, trafen von konservativer Seite auf Entsetzen und
Ablehnung:

„Einige Träger platzenger Hosen sah ich geschüttelt wie von verschluckten Press-
luftbohrern, Schulmädchenkörper zuckten in einer Weise, die den Chronisten ratlos
machen und den Pornographen inspirieren musste. Die elektrischen Gitarren teil-
ten Schläge eines rhythmisch-musikalischen Flagellantismus aus, der unmöglich
nur die Ohren treffen konnte (...) Mick Jagger, stöhnender Chef der Lotter-Idole,
sang ‚I canάt get no satisfaction‘ (...), zuckte von den Zehen bis zu den Spitzen seines
weibischen Schopfes und wiederholte mit obszöner Stimmvibration sein glaubhaftes
Geständnis ...“ (Zit. n. Compart 2013, S. 5)

Das aggressive Auftreten der Stones führte 1965 zu gewalttätigen Auseinander-


setzungen bei ihrem Auftritt auf der Frankfurter Waldbühne, die an die Auseinan-
dersetzungen zwischen den Halbstarken und der Polizei in den 50ern erinnerten.
Beteiligt waren auch hier vor allem männliche Jugendliche, wie sich ein Zeitzeuge
erinnert:

„Die Stones trugen zur Eskalation bei. Sie zickten herum verweigerten Zugaben
und mussten schließlich mit einem britischen Militärhubschrauber evakuiert wer-
den. Die inzwischen alarmierten Bullen konnten die Zerlegung der Waldbühne
nicht verhindern; auch danach gingάs zur Sache, und der eine oder andere S-Bahn-
wagen musste dran glauben.“ (Zit. n. Grabowski 2005, S. 45)

Die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den Beatles- und den Rol-


ling Stones-Fans, die bis Mitte der 60er Jahre zwischen Jugendlichen stattfanden,
waren auch Kämpfe zwischen unterschiedlichen Typen von Männlichkeit, dem
braven, netten, romantischen Typ der Beatles und der provokanten, rebellischen,
aggressiven und sexuell offensiven Variante der Rolling Stones.
Die „British Invasion“ war erst der Anfang eines Jahrzehnts, in dem die Pop- und
Rockmusik eine immer stärkere Rolle spielte und sich in vielfältige Formen aus-
differenzierte. So gab es mit Joan Baez, Donovan und Bob Dylan eine Richtung, die
sich an der amerikanischen Folk-Tradition orientierte, ihre VertreterInnen begriffen
sich als kritisch-politische KünstlerInnen. Insbesondere Bob Dylan erweiterte durch
seine Texte die Ausdrucksmöglichkeiten der Popmusik. Wenn Bruce Springsteen
sagt: „Elvis hat den Körper befreit – Bob Dylan den Geist“ (zit. n. Theweleit 2011,
Umschlagseite), dann drückt er damit aus, dass nach den als obszön empfundenen
Hüftschwüngen von Presley mit den Songs Dylans eine neue, bis dahin unbekannte
Art der Textschreibung Teil der populären Musik wurde, die weit über das bis dahin
Gewohnte, nämlich Liebe, Liebeskummer und heiße Küsse, hinausging:
106 3 Die sechziger Jahre

„Musikalisch blieb Dylan dem Folk und Blues verhaftet, textlich jedoch wagte er
Experimente, die das Psychedelic-Prinzip auf den Bereich der Sprache übertrugen.
Je ambitionierter Dylan wurde – und all das fand zwischen 1964 und 1966 statt
–, desto mehr entfernte er sich auch vom eindeutigen Protestsong.“ (Büsser 2004,
S. 33)

Neben dem Beat entstand in den 60er Jahren der „Progressive Rock“, der im
Gegensatz zum Beat vor allem aus den USA stammte, die Grenzen des bisher in
der Popmusik Bekannten sprengte und musikalisch wie textlich wesentlich ambi-
tionierter war:

„Was mit dem Rock ‘n’ Roll einmal auf dem Tanzboden begonnen hatte, artikulierte
sich nun mit einem Kunstanspruch, der in nie zuvor gehörte KlanggeÀlde führte.“
(Wicke 2011, S. 44)

Es entstanden neue, experimentelle Stile wie auf dem „Pet Sounds“-Album der
Beach Boys oder der LP „Revolver“ von den Beatles. Statt der üblichen Hits, die
sie bis dahin veröffentlicht hatten, verwendeten sie hier neben ihren Instrumenten
auch Tonbandschleifen und Alltagsgeräusche, die mit den üblichen Hörgewohn-
heiten brachen, mit „Tommy“ von The Who entstand 1969 eine weitere Erneue-
rung, die erste Rockoper.
Bands und Musiker wie Jefferson Airplane, Grateful Dead, Pink Floyd, Jimi
Hendrix und Frank Zappa erweiterten die musikalischen Ausdrucksformen, es
entstanden sehr komplexe Songs, die nicht in das herkömmliche 3-Minuten-Sche-
ma passten und deshalb nicht für die Hitparaden geeignet waren. Die populäre
Musik war nun auch in der Lage, die Bedürfnisse eines eher intellektuellen Pub-
likums zu bedienen.
Neben dem größeren musikalischen Spektrum gab es zudem eine Durchdrin-
gung von Popmusik und anderen Kunstformen:

„Die Malerei ließ sich von der Popkultur beeinÁussen, die Popmusiker schließlich
von der bildenden Kunst – man denke nur an ‚Yellow Submarine‘, den Pop-Art-
ComicÀlm der Beatles. Bob Dylan orientierte sich an den Dichtern der Beat Ge-
neration, und Allen Ginsberg, einer ihrer Hauptvertreter, trat in Bob Dylans Video
(...) zu ‚Subterranean Homesick Blues‘ auf. Die Experimente der Neuen Musik – vor
allem, was den Einsatz von Collagetechnik und Elektronik anging – färbten auf die
Produktion von Popalben ab ...“ (Büsser 2004, S. 16)
3.5 Vom Rock ’n’ Roll zum Beat und Progressive Rock 107

Musik war das Medium einer aufbegehrenden Generation, die ihren Protest, ihre
Aggressionen, ihr Bedürfnis nach neuen Ausdrucksformen und ihre sexuelle Lust
artikulierte:

„Kein anderes Ausdrucksmittel war für das Zusammenspiel von sexueller Entfesse-
lung und jugendlichem Neubeginn so gut geeignet ... Wenn The Who am Ende ihrer
Auftritte die Gitarren zertrümmerten und Jimi Hendrix seine Gitarre, nachdem er
sie liebkost, abgeleckt und wie einen Penis gerieben hatte, auf der Bühne in Flam-
men aufgehen ließ, war darin – wenn auch sehr männlich dominiert – mehr von
Aufbruch, Zerstörungswut und Neuanfang spürbar, als eine Karl- Marx -Lektüre
hätte liefern können.“ (Büsser 2004, S. 18f)

Bedeutend harmloser ging es dagegen bei dem Chicagoer „Motown“-Label zu,


das in den 60er Jahren über 100 Top-Ten-Erfolge verbuchen konnte; es war vor al-
lem das Komponisten-Trio Brian Holland, Herbert Dozier und Eddie Holland, das
Hits wie am Fließband schrieb. Musikalisch waren es Popsongs mit dem üblichen
Muster, ohne Experimente, die sich um die herkömmlichen Themen des Genres
wie Liebe und Liebeskummer drehten. Erfolgreich waren hier vor allem Marvin
Gay, die Temptations und die reinen Frauengruppen Marvelettes und die Supremes
mit der späteren „Disco-Queen“ Donna Summer. In all diesen Bands vertraten die
Musikerinnen ein der Zeit entsprechendes konventionelles Weiblichkeitsbild mit
toupierten Haaren und Kleidern.
Popmusik wurde zu einem festen Bestandteil des Alltags. Die Songs der Beat-
les, der Stones und anderer Bands waren im Radio zu hören, die Gruppen traten in
verschiedenen Fernsehshows auf, in der Mainstream-tauglichen Variante wurden
Rock und Pop zu einem Teil der Unterhaltungsbranche. Zeichen dieser Verallge-
meinerung und Kommerzialisierung ist die Tatsache, dass in den für die Musik-
industrie interessantesten Ländern – den USA, England, Australien und Deutsch-
land – fast die gleichen Titel die Hitparaden dominierten.
Gegen Ende des Jahrzehnts wurde die Kommerzialisierung durch zahlreiche
Festivals weiter vorangetrieben, so durch das Monterey Pop Festival (1967), das
Altamont Free Concert (1969), den Open-Air-Auftritt der Rolling Stones im Hy-
de-Park (1969) mit jeweils mehreren zehntausend BesucherInnen und schließlich
das wohl bekannteste Festival, Woodstock im Jahr 1969, das als Höhepunkt der
Hippiekultur gilt.
108 3 Die sechziger Jahre

3.6 Die Hippies

Neben den nach wie vor existenten Halbstarken, aus denen zum Teil die „Rocker“
wurden, und den Beat-Fans entwickelte sich in den 60er Jahren in den Vereinigten
Staaten die Jugendkultur der Hippies. Vorläufer waren in Deutschland und ande-
ren westeuropäischen Ländern die „Gammler“, die seit Mitte des Jahrzehnts auf
sich aufmerksam machten.

„Introvertierter und weniger hübsch anzusehen waren die sogenannten Gamm-


ler, die nun in vielen europäischen Metropolen auftauchten, ebenfalls langhaari-
ge, aber heruntergekommene und ungewaschene junge Leute, die nichts taten. Sie
arbeiteten nichts, sie lernten nichts und sie planten nichts, sie waren ‚ungeraten‘
und verwahrlost. Sie weigerten sich schlicht, ein ‚anständiges‘ bürgerliches Leben
zu führen.“ (Angster 2012, S. 61)

In einer Gesellschaft, die sich durch Arbeit, Leistung, Disziplin und Konsum de-
Ànierte, war die Weigerung, sich daran zu beteiligen, eine offene Provokation.
Gammler weigerten sich, ihr Leben den Anforderungen der Arbeitswelt anzu-
passen, lebten stattdessen in den Tag hinein und bestritten ihren Lebensunterhalt
durch Betteln und Musizieren in den Innenstädten.
Das Auftreten der Gammler veranlasste Freddy Quinn zu dem Lied „Wir“, in
dem er den Gegensatz zwischen den „anständigen“ BürgerInnen auf der einen und
den Gammlern auf der anderen Seite betonte:

„Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR/Wer sorgt sich um Frieden
auf Erden? WIR/Ihr lungert herum in Parks und in Gassen/wer kann eure sinnlose
Faulheit nicht fassen/WIR! WIR! WIR!“ (zit. n. Siegfried 2005, S. 57)

Schlaffe Körper, die scheinbar ohne Sinn und Ziel einfach rumhingen, die sich
nicht den Anforderungen, Anstrengungen und Zeitstrukturen der Arbeitswelt
unterordnen wollten und zudem nicht den Vorstellungen ordentlicher Kleidung
und Frisuren genügten, wirkten auf die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung
abstoßend und provokant.
Die zweite Strömung, auf die sich die Hippiebewegung nach den Gammlern
bezog, waren die Beatniks mit den US-amerikanischen Schriftstellern Jack Kerou-
ac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs als Hauptvertretern. Die Beatniks
zeichneten sich durch einen unkonventionellen Lebensstil aus, experimentierten
mit Drogen, verachteten das bürgerliche Leben, wandten sich gegen die herkömm-
lichen sexuellen Tabus und wollten ein Leben außerhalb der Gesellschaft führen:
3.6 Die Hippies 109

„Sie besaßen nicht viel, machten sich aber wenig daraus. Dem Elternhaus hatten
sie sowieso schon ade gesagt, Karriere wollten sie keine machen – sämtliche bür-
gerliche Zukunftsvorstellungen waren ihnen fremd geworden. Sie verabscheuten die
Gesellschaft und zogen sich angeekelt von ihr zurück.“ (Brake 1981, S. 107)

Die Ablehnung eines bürgerlichen Lebens, das durch Arbeit, Anstrengung, „an-
ständiges“ Benehmen, ordentliche Kleidung und Frisuren gekennzeichnet war, das
Experimentieren mit Drogen und die Orientierung an einer freien Sexualität waren
auch Bestandteile der Hippiekultur, wobei der Begriff „Hippie“ von dem engli-
schen „hip“ stammt, was soviel bedeutet wie „in“ zu sein. Ausgangspunkt und
Zentrum der Hippiekultur war die US-amerikanische Westküste:

„Zum Mekka der neuen Daseinsform wurde San Francisco. Dort, in den etwas her-
untergekommenen, idyllisch bemalten Holzhäusern von Haight-Ashbury, dem euro-
päischsten Teil der Stadt, entwickelte sich die bunteste Blüte jener Flower Power,
deren Anhänger als Hippies Àrmierten.“ (Frei 2008, S. 57)

Im Gegensatz zur Halbstarken-Kultur, die sich aus Jugendlichen der Arbeiter-


schaft zusammensetzte, waren die Hippies ihrer sozialen Herkunft nach aus eher
gehobenen Schichten, es waren weiße junge Frauen wie Männer aus privilegierten
Verhältnissen, die keineswegs den Durchschnitt der US-amerikanischen Bevölke-
rung abbildeten:

„In New Yorks East Village kamen 12 Prozent der Hippies aus der Oberschicht,
87 Prozent aus der Mittelschicht und 1 Prozent aus den Unterschichten. In San
Francisco gehörten 8 Prozent der Oberschicht, 84 Prozent der Mittelschicht und 8
Prozent den Unterschichten an.“ (Holstein 1969, S. 68)

Die Philosophie der Hippies lässt sich in dem Slogan „Turn in, tune in and drop
out“ auf den Punkt bringen: Erweitere dein Bewusstsein, wozu durchaus auch der
Drogengebrauch und der Bezug auf fernöstliche Religionen und Philosophien ge-
hörten; stimme dich ein auf ein anderes Leben der Selbstverwirklichung und der
Gemeinschaft; lass das bisherige, bürgerliche Leben hinter dir.
Hintergrund für diese Aufforderungen war die grundlegende Annahme, dass
die westlichen, kapitalistischen Gesellschaften lediglich die materielle Seite des
Lebens, Industrie und Konsum, weiterentwickelt hätten, wobei die spirituellen
und emotionalen Bedürfnisse auf der Strecke geblieben seien. Die Menschen im
Kapitalismus galten als seelenlose „Plastik People“, manipuliert durch die Mas-
senmedien, deren zentrale Werte wie Karriere, Konsum, Konformismus, Prestige
110 3 Die sechziger Jahre

und Arbeit an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen vorbeigingen. Dem


gegenüber setzten die Hippies Werte wie Individualität, Natürlichkeit, Ehrlich-
keit und Freiheit. Maßgeblichen Anteil an der Ideologie der Hippies hatte Timo-
thy Leary, Dozent für Psychologie in Berkeley. Leary experimentierte mit „be-
wusstseinserweiternden“ Substanzen wie Mescalin und LSD, befürwortete eine
liberalere Drogenpolitik und lieferte einen theoretischen Hintergrund für diese
Jugendkultur.
Drogen, fernöstliche Philosophien und die damit erhoffte Bewusstseinserwei-
terung waren bedeutsam für den Lebensstil und die Intention der Hippies; es war
zudem eine Jugendkultur, für die Diskussionen und zwischenmenschlicher Aus-
tausch von großer Bedeutung waren, wie es das Beispiel einer Hippie-Kommune
in Duisburg illustriert:

„Nächtelang saßen wir auf Matratzen und probierten kalifornische Drobs, die sa-
hen aus wie Brause und schmeckten auch so. Plötzlich war man 24 Stunden auf
einer LSD-Reise. Ein anderes Lebensgefühl, eine intensivere Wahrnehmung ent-
stand. Leblose Dinge wie Möbel oder Geschirr pulsierten im Atemrhythmus ...
Aber es gab auch endlose Gespräche über die Vietnampolitik der Amerikaner, M.
L. King, über Selbstanalyse, die Provos in Amsterdam, Dreiecksverhältnisse, an-
erzogene Komplexe, Unverständnis bei den Eltern, beim Bürger. Rollen- und Part-
nertausch, Enthaltsamkeit, Abtreibung, Frigidität und Homosexualität wurden zum
Problem.“ (Groth 1993, S. 81)

In seiner Untersuchung „Profane Culture“ beschreibt der britische Soziologe Paul


Willis den Gegensatz zwischen den Werten und Zielen der herrschenden Gesell-
schaft und denen der Hippies als Gegensatz zwischen „Straight“ und „Head“
(s. Willis 1981, S. 113f). „Straight“ bedeutet dabei eine Lebenshaltung, die sich an
den herkömmlichen Werten orientiert: eine Ausbildung oder ein Studium zu absol-
vieren, einen Beruf zu ergreifen, eine Familie zu gründen und seinen Erfolg durch
Konsum nach außen darzustellen. „Head“ dagegen bezeichnet eine Haltung, in der
sich das Leben vor allem im Inneren des Menschen, im Kopf, abspielt. Damit ist
nicht eine rationale oder wissenschaftliche Weltsicht gemeint, sondern der Bezug
auf die eigenen Phantasien, das eigentliche Ich, die eigentliche Identität, die durch
Meditation oder Drogengebrauch zum Vorschein kommen sollte. Hippies lehnten
eine wissenschaftliche Weltsicht und Gesellschaftsanalyse ab, sie besannen sich
auf das Individuum und betonten eher Innerlichkeit und Emotionen:

„Nicht Analyse, nicht Marx oder Marcuse waren interessant, sondern Intuition,
Spontaneität, unvermittelte Theorie und Praxis, direkte Erfahrung, Kreativität, Ge-
meinschaft und Freunde bestimmten die Hippies, ...“ (Jaenicke 1980, S. 61)
3.6 Die Hippies 111

In dieses Weltbild, das vor allem Jugendliche aus höheren Kreisen mit dement-
sprechend intellektuellen Ansprüchen ansprach, passte auch die bevorzugte Musik
der Hippies: Greatful Dead, Jefferson Airplane, Pink Floyd, Frank Zappa, Janis
Joplin und Jimi Hendrix waren die beliebtesten InterpretInnen und Bands der Be-
wegung. Kurze 3-Minuten-Songs waren weniger angesagt, die Musik sollte eher
dazu dienen, sich zu versenken, zu meditieren, sich ausgiebig den Gefühlen und
Inspirationen hinzugeben:

„Dies erfordert eine Zuhörerschaft, die sich nicht viel bewegt, still dasitzt, sich
nicht mit anderen Dingen beschäftigt und bereit ist, beträchtliche Zeit allein der
kritischen Rezeption von Musik zu widmen.“ (Willis 1981, S. 98)

Auf der anderen Seite war es üblich, bei Festivals und Konzerten ekstatisch zu
tanzen, um seinen Körper zu spüren und sich individuell auszudrücken. Die Hip-
pies waren ihrem Selbstverständnis nach nicht nur eine Jugendkultur, die sich ge-
legentlich zu Parties oder Konzerten traf. Sie verstanden sich vielmehr als eine
„Counter Culture“, eine umfassende Gegenkultur und grundsätzliche Alternative
zum herrschenden System. Praktiziert wurde diese Utopie in Ansätzen in einer
organisierten Gegengesellschaft:

„Zu den Hervorbringungen ihres alternativen Kultur- und Lebensstils gehörten


‚Digger‘, die kostenlose Mahlzeiten verteilten, aber auch Straßenverkäufer, die ‚Lo-
veburger‘ und ‚Lovedogs‘ anboten, natürlich Musikbühnen, Mode – ‚Boutiquen‘,
eine eigene Zeitung mit dem schönen Titel ‚Oracle‘ und ein Psychedelic-Shop, in
dem die Zutaten für sehr bunte Nachmittage erhältlich waren.“ (Frei 2008, S. 58)

Erreicht werden sollte eine andere Gesellschaft, allerdings nicht durch Revolutio-
nen und Kämpfe auf den Barrikaden oder einen gewaltsamen Sturz der Regierung.
Im Gegenteil, Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit waren zentrale Bestandteile der
Hippiekultur, was sich auch daran zeigte, das sie sich entschieden gegen den Viet-
nam-Krieg wendete. Der Schlüssel zum gesellschaftlichen Wandel wurde in einer
Änderung bzw. Erweiterung des Bewusstseins gesehen.
Freiheit und Liebe waren die wesentlichen Schlagworte der Hippies: Freiheit
von den Zwängen und Normen des bürgerlichen Lebens, von entmündigender, ein-
töniger und fremdbestimmter Arbeit, Freiheit von manipulierten Bedürfnissen,
überÁüssigem Konsum, gesellschaftlichen Konventionen – und sexuelle Freiheit.
Durch den Bezug auf Liebe sollte die grundsätzliche lebensbejahende Einstellung
zum Ausdruck bringen, wobei es weit über ein Verständnis von sexueller Liebe
hinausging. Liebe bedeutete für sie
112 3 Die sechziger Jahre

„Gewaltlosigkeit, Anerkennung aller Menschen unabhängig von Hautfarbe, Natio-


nalität, Religion, Erziehung. Liebe hieß Bindung: die Integrität der Persönlichkeit
des anderen respektieren.“ (Faulstich 2003, S. 299)

Die berühmt gewordene Formel „Make Love not War“ kennzeichnet die grund-
sätzliche Haltung der Hippiekultur: Dem Krieg der USA in Vietnam wie auch
anderen gewaltsamen und kriegerischen Auseinandersetzungen wurde das „Lie-
be machen“ entgegengesetzt, von einem individuellen Bewusstseinswandel hin zu
einer friedfertigen Haltung versprach man sich die Lösung aller KonÁikte; die
„Flower Power“, die Kraft der Blume als Symbol ihrer grundsätzlichen Haltung
der Toleranz, der Liebe und des friedlichen Umgangs miteinander sollte an die
Stelle der realen zwischenmenschlichen Gewalt treten.
Diese Einstellung und Utopie der Hippiebewegung kommt in der „Hymne“ der
Hippies, dem Song „San Francisco“ von Scott Mc Kenzie zum Ausdruck:

„If youάre going to San Francisco/Be sure to wear some Áowers in your hair/If youάre
going to San Francisco/Youάre gonna meet some gentle people there … Thereάs a
whole generation with a new explanation/People in motion, people in motion…”

Die Hippies, auch „Blumenkinder“ genannt, demonstrierten ihre Einstellung in


ihrer Kleidung und ihrem Verhalten. Ihre Kleidung war demonstrativ anti-bür-
gerlich: meist weite, wallende Kleider bei den Frauen, weite Hosen und Hemden
bei den Männern und in der Regel – als Kontrast zu sonst üblichen grauen und
schwarzen Anzügen und Kostümen – sehr farbenfroh. Beide Geschlechter trugen
die Haare lang, die Männer zumeist noch Bärte. Blumen im Haar und Blumenket-
ten um den Hals sowie verschiedene Armbänder und Ketten. Die Geschlechter nä-
herten sich modisch an, was an den Angeboten der Szene-Läden zu erkennen war:

„Als Ressourcen für die Gestaltung dieses subkulturellen Stils wurden ‚fremde‘
Kulturen, vor allem fernöstliche herangezogen. Indien-Läden versorgten Szene-
Kundinnen und -Kunden mit bunter, locker hängender, nach westlichen Maßstäben
‚weiblicher‘ Bekleidung, aber auch mit exotischer und über diesen Umweg auch für
Männer akzeptablen Kosmetik, insbesondere Henna, Kajal.“ (Ellwanger/Hülsen-
beck 1997, S. 165)

Tendenziell war es ein androgynes Erscheinungsbild; Frauen verzichteten im


Gegensatz zu den Anhängerinnen der Beat-Kultur auf die „klassischen“ weibli-
chen Accessoires wie Stöckelschuhe und BHs, sie waren das Gegenteil einer „ele-
ganten Dame“.
3.6 Die Hippies 113

Der männliche Hippie war als Gegner des Vietnam-Krieges auch in seiner
körperlichen Erscheinung das krasse Gegenteil des Soldaten: Im Gegensatz zu
den geschorenen Haaren des Soldaten, seiner Aggressivität, dem Marschieren im
Gleichschritt und unter dem Befehl von Vorgesetzten strahlte der Hippie Freund-
lichkeit und Gelassenheit aus, bewegte sich eher weich, lehnte Hierarchien ab und
trug die Haare lang.
All das sollte Natürlichkeit ausdrücken, was auch für das Verhältnis zum
Körper und zur Sexualität gilt. Gemäß ihrer grundlegenden Weltanschauung, in
der „Natur“ gegen Zivilisation gesetzt wurde und Natur tendenziell als human
und sozial galt, betrachteten Hippies Sexualität grundsätzlich als eine positive
und lebensbejahende Kraft. Dementsprechend wurde ein natürlicher und un-
verkrampfter Umgang mit dem Körper und sexuellen Bedürfnissen praktiziert,
Homosexualität war akzeptiert. Nacktheit und das Ausleben von Zärtlichkeiten
und Sexualität waren keine Tabus, sondern galten als Akt der Befreiung von
einer einschränkenden bürgerlichen, körper- und lustfeindlichen Moral. Liebe
und Sexualität sollten spontan und ohne Besitzansprüche ausgelebt werden,
wobei der Sexualität im Zusammenhang mit der Orientierung an fernöstlichen
Weltanschauungen auch etwas Spirituelles anhaftete. Feste Bindungen galten als
überkommen und einengend beim Ausleben der eigenen Bedürfnisse und der
SelbstÀndung; insofern konnten sie an die Liberalisierung der Sexualität in den
60er Jahren anknüpfen.
Die Körperhaltung der Hippies beider Geschlechter war locker, geschmeidig
und weich: Mit Gleichgesinnten friedlich auf einer Wiese liegen, Musik hören,
nicht körperlich arbeiten, sondern genießen und vor allem entspannt sein war ihr
Ideal. Durch diese anti-bürgerliche Haltung lösten sie bei zahlreichen BürgerInnen
Empörung aus, wenn sie sich als „Ungewaschene und Langhaarige“ in Parks oder
Innenstädten versammelten. Das Provozierende der Hippies war nicht vergleichbar
mit dem der Halbstarken; diese hatten durch bewusste Regelverstöße und aggres-
sives Auftreten erregt; bei den Hippies waren die Regelverstöße eher nonkonfor-
mistisch, antibürgerlich, gewaltfrei und für alle sichtbar gegen die Arbeit und ein
geregeltes Leben gerichtet.
Passend zu ihrer Grundhaltung der Freundlichkeit und Offenheit ergab sich
bei den Hippies auch ein anderes Männerbild; da Hierarchien, Autoritäten und
vor allem Gewalt tabuisiert waren, entwickelte sich ein eher sensibler Männertyp,
Macho-Gehabe und männliches Dominanzverhalten waren verpönt, es wurde ein
sanftes und verspieltes männliches Verhalten bevorzugt, tendenziell herrschte eine
Gleichheit der Geschlechter innerhalb der Szene.
Typisch für die Hippiekultur ist auch ein anderes Umgehen mit Fahrzeugen:
Statt eines gepÁegten und polierten Autos – dem Statussymbol des „Spießers“
114 3 Die sechziger Jahre

– fuhren sie alte und verbeulte Autos, die sie bunt anstrichen und mit Blumen ver-
zierten, wobei VW-Busse sehr beliebt waren.
Die Blütezeit der Hippies war in den Jahren 1965–1970, das Woodstock-Festival
1969 gilt als Höhepunkt. Mit ca. 400.000 BesucherInnen kamen weit mehr Men-
schen als geplant, doch trotz dieses Andrangs und eines stark einsetzenden Regens
verlief alles friedlich, es war eine Demonstration der neuen Werte der Counter
Culture mit Auftritten unter anderem von Grateful Dead, Jimi Hendrix, Jeffer-
son Airplane, The Who, Joan Baez, Janis Joplin und Joe Cocker. Das dreitägige
Woodstock-Festival ist als Manifestation der Hippiebewegung in die Geschichte
eingegangen, als drei Tage voller Love and Peace, in denen junge Leute friedlich
zusammen das Leben, die Musik und die Liebe genießen konnten.

„Ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl hatte die Jugend Amerikas (und die Hälfte
aller Nationen der Erde) erfasst, eine avantgardistische Vision von orgiastischen
Freuden fern jeder Gewalt und selbst abseits der Unterschiede des Geschlechts.“
(N. Mailer, zit. n. Frei 2008, S. 60)

Freie Liebe und Gleichberechtigung aller Menschen waren im „Sommer of love“


allerdings in erster Linie – wie die Hippiekultur insgesamt, ein Privileg für junge
Menschen aus gehobeneren Schichten.

„Die meisten, die so rumprobierten, waren Bürgerkinder. Viele hatten sich nach
kurzer Zeit ausgetobt, nahmen die Blumen wieder aus dem Haar und tauschten
ihre Träume gegen eine ‚ordentliche‘ Karriere ein. Arbeiterkinder lernten solche
Spielwiesen kaum kennen: sie mußten gleich nach der Schule in die Lehre. Arbei-
terkinder, wenn sieά`s überhaupt schafften, konnten gerade noch als Beat-Musiker
oder Fußballer eine wirkliche Aufstiegschance sehen.“ (Lindenberg/Königstein
1984, S. 77)

Auch wenn sie dem Konsum in der westlichen Welt ablehnend gegenüberstanden, war
ein Elternhaus mit gutem Einkommen doch ein beruhigender Hintergrund für viele Hip-
pies. Ihre privilegierte Situation als SchülerInnen oder Studierende erlaubte ihnen zu-
mindest zeitweise einen Ausbruch aus der bürgerlichen Welt, eine Rückkehr in das „nor-
male“ Leben wurde durch eine wachsende Wirtschaft und Vollbeschäftigung erleichtert.
Ihrem Alter und ihrer sozialen Herkunft nach waren sie durchaus mit den kriti-
schen Studierenden vergleichbar, auch der Höhepunkt der Auseinandersetzungen
an den Universitäten und der Höhepunkt der Hippiekultur fanden zeitgleich statt.
Beide Bewegungen hatten außerdem die Utopie einer gerechteren und humaneren
Gesellschaft gemeinsam.
3.6 Die Hippies 115

Doch unterschieden sich das Verständnis, die Begriffe und die Praxis von Poli-
tik erheblich: Die Hippies verzichteten auf eine politische und ökonomische Ana-
lyse, sie kannten keine entgegengesetzten sozialen Interessen, sondern lediglich
Individuen und deren Bewusstsein; würde sich dieses bei möglichst vielen Men-
schen ändern, dann stand einer besseren Welt nichts mehr im Weg. Die Hippiekul-
tur war in dem Sinne politisch, als dass sie zentrale Werte der westlichen Welt in
Frage stellte. Doch waren ihr Individualität, Gefühl und Spontaneität zu wichtig,
um sich in der konkreten Tagespolitik zu engagieren. Parteien mit Wahlen, einer
festen Organisation, Parteiprogrammen usw. widersprachen ihrer ideologischen
Grundeinstellung, an Politik im herkömmlichen Sinne hatten sie wenig Interesse.
Die Haltung und der Lebensstil der Hippies werden in dem 1968 uraufgeführten
Musical „Hair“ dargestellt, das weltweit erfolgreich war; es erzählt die Geschichte
einer Gruppe von Hippies in New York, die sich gegen die Einberufung zum Viet-
nam-Krieg zur Wehr setzt. Gleich der erste Song des Musicals „Age of aquarius“ be-
singt das neue Zeitalter, das Zeitalter des Wassermannes, von dem sich ein spiritueller
Wandel hin zu mehr Harmonie und Akzeptanz unter den Menschen versprochen wird.
Die Utopie der Hippies, Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung durch eine
Änderung des Bewusstseins und die weitere Verbreitung ihrer Counter Culture ab-
zuschaffen, hat sich nicht verwirklichen lassen. Sie konnten auch nicht die Verein-
nahmung und kommerzielle Ausbeutung von Elementen ihrer Kultur verhindern,
wobei vor allem sexuelle Aspekte für die Werbung interessant waren:

„Findige Tanzhallen veranstalteten ‚love-ins‘, und Nachtklubbesitzer von San


Francisco bis London riefen ihre Gäste zu ‚Topless Hippie Sex Orgies‘; Blumen-
geschäfte in aller Welt adaptierten die Hippie-Strategie von der ‚Áower power‘ als
Slogan ihrer Geschäfte ... ‚Playboy‘ zeigte sich von der Malfreude der Hippies an-
getan und kredenzte fünf nackte Mädchen, um die ‚provozierende Kunst der Kör-
perbemalung‘ vorzuführen; ‚Mayfair‘ stand nicht zurück und offerierte ein Hippie-
Girl, das nur mit Blumen im Haar und Gebetsketten um den Hals bekleidet war ...“
(Hollstein 1980, S. 61)

Auch der Lebensstil der Hippies wurde vermarktet für Menschen, die das bürger-
liche Leben für einen vorübergehenden „Hippie-Trip“ verließen:

„Vor allem in den Schul- und Sommerferien verließen Zehntausende ihre Wohnorte,
um sich für beschränkte Zeit dem ‚Blumen-Lager‘ anzuschließen; diese dekorierten
Massen begriffen die Rebellion weithin als modisches Phänomen und entleerten sie
dergestalt jedweden Sinns.“ (Hollstein 1980, S. 62)
116 3 Die sechziger Jahre

Doch hatte die Hippie-Bewegung weit über eine Modewelle hinausreichende ge-
sellschaftliche Folgen: Spätere gegenkulturelle Bewegungen wie die Ökologie-
bewegung, die Frauenbewegung, die Alternativ- und Psychoszene sind ohne die
Hippies als Vorgängerkultur nicht denkbar, sie haben insofern eine kulturelle Vor-
reiterrolle und eine Wirkung über ihre unmittelbare Hochphase hinaus. Vor allem
aber haben sie durch ihren anderen Umgang mit dem Körper, der Sexualität und
dem Geschlechterverhältnis einen Beitrag zu einer stärkeren Akzeptanz sexueller
Bedürfnisse, Toleranz und Gleichheit der Geschlechter geleistet.
Die siebziger Jahre
4

4.1 Ölkrise und „deutscher Herbst“

Die Übernahme der Regierung durch die sozialliberale Koalition im Jahr 1969
löste in weiten Kreisen der Bevölkerung Euphorie aus; nach über 25 Jahren Regie-
rungszeit der CDU war mit dem Machtwechsel hin zu einer SPD/FDP-Regierung
die Hoffnung verbunden, die verkrusteten Strukturen der westdeutschen Gesell-
schaft aufzubrechen. Willy Brandt galt als Hoffnungsträger, der durch seinen An-
spruch „Mehr Demokratie zu wagen“ auch Teile der kritischen Jugendlichen für
sich gewinnen konnte.

„Reformeuphorie machte sich breit. Eine außerparlamentarische Opposition


scheint nun nicht mehr notwendig. Ein Großteil der Mitglieder des in AuÁösung
beÀndlichen SDS geht zu den Jungsozialisten der SPD. Der Staat wandelte sich
vom Repressionsinstrument zum Motor des Fortschritts. Die sozialliberale Koali-
tion steht für Entspannungspolitik, Bildungsreform, mehr soziale Gerechtigkeit und
demokratische Partizipation – das moderne Deutschland.“ (Farin 2006, S. 81)

Die Proteste der 60er Jahre schienen erfolgreich gewesen zu sein und die Hoff-
nungen auf eine demokratische gesellschaftliche Umgestaltung durch Reformen
realisierbar.

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_4,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
118 4 Die siebziger Jahre

Der große Rückhalt, den Brandt in der Bevölkerung genoss, ist daran zu er-
kennen, dass er angesichts eines drohenden Verlustes der Mehrheit im Bundestag
1972 die Vertrauensfrage im Parlament stellte und die SPD bei den anschließenden
Neuwahlen über 45 % als stärkste Partei erhielt.
Ein zentrales Anliegen der Regierung Brandt war die Entspannungspolitik, die
an Stelle der Konfrontation mit den sozialistischen Staaten eine friedliche Koexis-
tenz anstrebte. Die Entspannungspolitik respektierte die Neuordnung Europas als
Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und war dadurch der rechtliche Garant für eine
friedliche Koexistenz zwischen den Staaten in West und Ost. Allerdings brachte
diese Politik Brandt und seiner Regierung zum Teil polemische Kritik von konser-
vativen Kräften wie dem Bund der Vertriebenen, dem Bund der Mitteldeutschen
und der Deutschen Jugend des Ostens ein; diese und vergleichbare Organisationen
verfolgten eine revanchistische Politik, die sich mit der territorialen Neuordnung
Europas nicht abÀnden wollten und Brandt als „Vaterlandsverräter“ und „Ver-
zichtspolitiker“ diffamierten.
Trotz aller demokratischen Ansprüche und Reformvorhaben ist die Regierungs-
zeit Brandts überschattet von dem sogenannten „Radikalenerlass“. 1971 beschloss
die Regierung ein Gesetz, nach dem alle BewerberInnen für den öffentlichen
Dienst vom Verfassungsschutz auf verfassungsfeindliche Aktivitäten und ihre de-
mokratische Gesinnung hin überprüft werden mussten:

„Hunderttausende Bundesbürger wurden registriert, obwohl sie nur ihre verfas-


sungsmäßigen Rechte wahrnahmen. Wie zur Zeit der Inquisition wurden die Be-
troffenen Verhören unterzogen und ausgefragt, zum Beispiel über ihr politisches
Engagement während ihres Studiums, ihre Einstellung zum Marxismus, zu Eigen-
tum, zu Kommunisten.“ (Gingold 1997, S. 44)

Eine Regierung, die mit dem Anspruch nach mehr Partizipation und Demokra-
tie angetreten war, stellte durch dieses Gesetz BewerberInnen für eine beruÁi-
che Tätigkeit in staatlichen Einrichtungen unter Generalverdacht. Diese sahen
sich gezwungen, ihre politischen Einstellungen und ihr politisches Engagement
überprüfen zu lassen, sodass der „Radikalenerlass“ de facto ein Berufsverbot war.
Begründet wurde die Maßnahme mit einer angeblich drohenden Gefahr für die
freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik, wobei die Gefahr
ausschließlich auf der linken Seite des politischen Spektrums gesehen wurde. Oft
genügte schon die Teilnahme an einer Demonstration (trotz des Rechtes auf freie
Meinungsäußerung) oder die Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen, gesell-
schaftskritischen Organisation, um Zweifel an der „Verfassungstreue“ des Bewer-
bers oder der Bewerberin aufkommen zu lassen. Betroffen waren alle, die sich für
4.1 Ölkrise und „deutscher Herbst“ 119

eine Arbeit im öffentlichen Dienst bewarben, von der Juristin über den Gärtner bis
zur Lokomotivführerin oder dem Bademeister. Vor allem ehemalige Studentinnen
und Studenten, die sich im Laufe ihres Studiums an den Hochschulen mit marxis-
tischen oder anderen kapitalismuskritischen Theorien befasst oder einer dement-
sprechenden Organisation angehört hatten und nun eine Stelle als LehrerIn oder
in einer pädagogischen Einrichtung anstrebten, gerieten ins Visier der Behörden.
Die Regelanfrage wurde 1979 wieder abgeschafft, ihr Àelen in der Zwischenzeit
über tausend BewerberInnen zum Opfer, denen eine Anstellung im Staatsdienst
verwehrt wurde. Als Ergebnis führten die Berufsverbote zu einem Klima der
Angst, der Einschüchterung und Unsicherheit und zu einem erhöhten Anpassungs-
druck, wie Alfred Grosser in einer Rede betonte:

„Aber wenn jeder Anwärter auf eine Stellung im öffentlichen Dienst auf Herz und
Nieren geprüft werden soll, wenn er Fragebogen (ja, Fragebogen!) auszufüllen hat,
wenn dem Gymnasiasten schon klar wird, was er zu unterlassen und was er brav
zu sagen hat, um später keine Schwierigkeiten zu bekommen, so vermeidet man
weniger Gefahren für die Grundordnung, als wenn man junge Generationen zum
Konformismus und zu einem gefährlichen Mitläufertum verleitet.“ (Grosser 1976,
S. 388)

Willy Brandts Kanzlerschaft endete wegen der Affäre um den DDR-Spion Gün-
ter Guillaume 1974. Sein Nachfolger als Kanzler der sozialliberalen Regierung
wurde Helmut Schmidt, wobei der Wechsel von Brandt zu Schmidt nicht nur eine
personelle Änderung bedeutete, sondern auch eine inhaltlich andere Ausrichtung
der Regierungspolitik. Im Gegensatz zu Brandt sah sich Helmut Schmidt sich als
unideologischer „Macher“:

„Hatte Brandt für gesellschaftspolitische Visionen gestanden, für eine umfassende


gesellschaftliche und auch kulturelle Reform, so stand Schmidt für einen pragma-
tischen Rationalismus, der von der Philosophie Karl Poppers beeinÁusst war: ‚Wer
Visionen hat‘, so Schmidt, ‚sollte zum Arzt gehen‘.“ (Angster 2012, S. 83)

Pragmatik statt Visionen, Realpolitik statt Utopie und eine Politik der sogenannten
„Sachzwänge“, zu der es angeblich keinerlei Alternativen gab, bestimmten nun die
Richtung der sozialliberalen Regierung unter Helmut Schmidt, sodass sich viele
der Hoffnungen, die mit einer SPD-geführten Regierung verbunden waren, in Luft
auÁösten. An die Stelle des Aufbruchs und der Hoffnungen waren Ernüchterung
und Enttäuschung getreten.
Auch die ökonomische Situation in Deutschland verschlechterte sich im Laufe
der 70er Jahre. Die „goldenen Jahre“ des Kapitalismus, die Zeit nach dem Zweiten
120 4 Die siebziger Jahre

Weltkrieg bis Anfang der 70er waren – nicht nur in Deutschland, sondern auch
in den anderen kapitalistischen Ländern – vorüber. Etwa 30 Jahre lang erlebten
sie einen Boom: Ständiges Wirtschaftswachstum, hohe Beschäftigungszahlen mit
annähernder Vollbeschäftigung oder sogar einen Mangel an Arbeitskräften, stei-
gende Löhne, steigender Lebensstandard und ständig erweiterten Konsum kenn-
zeichneten diese Periode, die nun endete.
In Deutschland wie in anderen westeuropäischen Ländern wurde das Ende die-
ser Periode zunächst durch den sogenannten Ölschock ausgelöst. 1973 beschlossen
die arabischen Erdöl exportierenden Länder, den Preis für Rohöl in kürzester Zeit
drastisch zu erhöhen. In der Bundesrepublik, deren Ökonomie stark vom Rohstoff
Öl abhängig war, wurde das Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs daran deut-
lich, dass Tankstellen geschlossen wurden und die Regierung Sonntagsfahrverbote
für private PKW anordnete. Für die BundesbürgerInnen, gewöhnt an einen stei-
genden Lebensstandard und an einen immer stärker wachsenden Individualver-
kehr, war dies ein völlig ungewohnter Zustand.
Doch der Ölschock war lediglich der Auslöser einer wirtschaftlichen Krise, die
die gesamte westliche Welt erfasste; die Industriekapazitäten waren nicht mehr
ausgelastet, die Kaufkraft ging zurück und Arbeitslosigkeit wurde zu einem ge-
sellschaftlichen Problem in seit dem Krieg nicht gekanntem Ausmaß. Zwar gab es
in Westdeutschland bereits 1966/1967 eine Konjunkturkrise mit einem Anstieg der
Erwerbslosen, doch konnte sich die Wirtschaft davon relativ schnell erholen. Ab
1973 sah es dagegen ganz anders aus:

„Mit Beginn der wirtschaftlichen Rezession im Herbst 1973 ging die Vollbeschäfti-
gung zurück, und es entstand eine neue Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik. Die
Quote stieg von 0,6% (1970) der zivilen Erwerbspersonen auf 4,2% (1975), um dann
nur wenig zurückzugehen auf 3,4% (1979); in Zahlen: von 100000 Arbeitslosen
(1970) und 20000 (1971) über 300000 (1973) und 600000 (1974)bis auf 1,1 Million
(1975).“ (Faulstich 2004a, S. 11f)

Durch die Steigerung der Arbeitslosigkeit um das 10-Fache im Laufe der 70er
Jahre machten die Westdeutschen Erfahrungen, die es in dieser Form in der Bun-
desrepublik nicht gegeben hatte: Gefühle der Krise und der Verunsicherung ver-
drängten den vorher herrschenden Optimismus, es wurde offensichtlich, dass die
Phase des hohen Wirtschaftswachstums und des steigenden Konsums für alle an
ein Ende gekommen war.
Neben die wirtschaftliche Krise trat das Bewusstsein für die ökologischen Fol-
gen des wirtschaftlichen Wachstums: Der rasante Wachstum des Lebensstandards
breiter Bevölkerungsschichten war durch einen Raubbau an der Natur und gra-
4.1 Ölkrise und „deutscher Herbst“ 121

vierende Umweltschädigungen erkauft worden. Verschmutzte Flüsse, hohe Schad-


stoffkonzentration in der Luft und riesige Müllberge wurden zum Problem, „Fort-
schrittsskepsis machte sich breit, die in ihrer Extremform auch apokalyptische
Zukunftsängste freisetzte.“ (Angster 2012, S. 85f)
Der „Club of Rome“, ein Verbund von Industriellen, ÖkonomInnen und Wis-
senschaftlerInnen veröffentlichte Anfang der 70er Jahre unter dem Titel „Die
Grenzen des Wachstums“ eine viel gelesene und diskutierte Studie über die be-
denklichen ökologischen Zustände:

„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industriealisierung,


der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von
natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgren-
zen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ (Club of Rome, zit.
n. Angster 2012, S. 85)

Trotz aller politischen Auseinandersetzungen war die Zeit seit Gründung der Bun-
desrepublik größtenteils durch einen grundsätzlichen Optimismus geprägt, der im
Laufe der 70er allerdings angesichts der ökonomischen und ökologischen Krisen-
tendenzen einer zunehmenden Unsicherheit und Skepsis wich.
Die Bewegung der Studierenden zerÀel in dieser Zeit in verschiedene Strömun-
gen, wobei die kritische Grundhaltung zumindest zum Teil beibehalten wurde.
Ein Teil der AktivistInnen der 68er organisierte sich in den sogenannten K-
Gruppen wie dem Kommunistischen Bund (KB), dem kommunistischen Bund
Westdeutschlands (KBW) oder der Kommunistischen Partei Deutschlands/Auf-
bauorganisation (KP/AO). Sie hielten meist an der Überzeugung fest, dass eine
vom Proletariat durchgeführte Revolution zu einer sozialistischen Gesellschaft
führen sollte, und waren straff organisiert. Wegen verschiedener ideologischer
Differenzen waren sie allerdings untereinander oft zerstritten und verfeindet, ver-
fügten allerdings, vor allem zu Beginn dieses Jahrzehnts, über eine relative Stärke
innerhalb der Linken.

„In ihrer Blütezeit konnten die K-Gruppen bis zu 40000 Personen zu bundesweiten
Demonstrationen mobilisieren. (...) Für die siebziger Jahre sind rund 5000 örtliche
Gruppen, Untergruppen oder Sympathisantenorganisationen der diversen K-Grup-
pen erfaßt. Etwa 100 000 Personen sollen während der siebziger Jahre einmal zeit-
weise einer dieser Untergliederung angehört haben.“ (Staadt 1997, S. 76)

Eine weitere Folge der Politisierung vor allem der späten 60er Jahre war das Auf-
kommen der neuen sozialen Bewegungen. Hierunter fällt ein breites politisches
122 4 Die siebziger Jahre

Spektrum, das weniger die große soziale Umwälzung zum Ziel hatte, sondern ba-
sisbezogen vor Ort aktiv war. Hierzu zählen die seit Anfang der 70er entstandenen
Bürgerinitiativen, die sich gegen regionale oder kommunale Missstände gegründet
haben, Stadtteilinitiativen, Frauenläden oder auch das Engagement für selbst ver-
waltete Jugendzentren. Sie einte das demokratische Verständnis, Politik an der Ba-
sis zu betreiben und eine große Skepsis gegen „Politik von oben“. Die neuen sozia-
len Bewegungen trugen dadurch zur Entstehung einer alternativen Infrastruktur in
Westdeutschland bei und bildeten auch die soziale Basis für die in den Siebzigern
beginnenden Hausbesetzungen:

„So wurden die Hausbesetzungen der Jahre zwischen 1970 und 1974 in Frankfurt,
Berlin, München, Kassel und anderen bundesdeutschen (Universitäts-)Städten häu-
Àg zum Kristallisationspunkt einer vielfältigen Basisarbeit und selbst organisier-
ten alternativen Infrastruktur aus Schüler- und Frauenläden, Stadtteilinitiativen,
Freien Theatergruppen und selbst verwalteten Jugendzentren, Arbeitslosenselbst-
hilfen, Mieter- und Trebegängerberatungsstellen.“ (Farin 2006, S. 83)

Auch die westdeutsche Ökologiebewegung entstand als Folge der Ereignisse um


1968. Die Erkenntnis, dass die Grenzen des Wachstums erreicht oder schon über-
schritten seien, führte zu einer Orientierung an einer anderen, alternativen Lebens-
weise, die mehr Rücksicht auf die Umwelt nehmen wollte und einen Lebensstil
pÁegte, der mehr mit der Natur und der eigenen Gesundheit in Einklang stehen
sollte. Aus diesem sozialen Umfeld entstand auch die Bewegung gegen die Nut-
zung der Atomkraft. Mit Parolen wie „Atomkraft? Nein danke!“ und „Lieber heu-
te aktiv als morgen radioaktiv!“ mobilisierte sie zu Massendemonstrationen Mitte
bis Ende der Siebziger in Wyhl, Brokdorf, Kalkar und Gorleben, wo es zum Teil zu
heftigen Auseinandersetzungen zwischen DemonstrantInnen und Polizei kam, wie
bei einer Kundgebung gegen den „Schnellen Brüter“ in Kalkar:

„Innerhalb von 12 Stunden ‚überprüfte‘ die Polizei 125000 Personen. Schon an den
Abfahrtsorten wurden die Demonstranten stundenlang aufgehalten, von Polizisten
mit Maschinenpistolen im Anschlag gestellt, Autos und Busse durchsucht, Hals-
tücher und Transparente beschlagnahmt. Zehntausende konnten Kalkar nie errei-
chen. Einzelne Personen wurden auf ihrer Fahrstrecke bis zu zwölfmal angehalten
und durchsucht.“ (Kriener 1997, S. 153)

Als Ergebnis der politischen Unruhen der späten 60er Jahre ist auch der Terroris-
mus anzusehen. 1970 gründeten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler
und andere die Rote Armee Fraktion (RAF). Die RAF verstand sich als antiimpe-
4.2 Gelockerte Bindungen 123

rialistische Stadtguerilla und nahm den bewaffneten Kampf gegen führende Ver-
treter aus Politik und Wirtschaft auf. 1972 verübten ihre Mitglieder Anschläge auf
US-amerikanische Einrichtungen in der BRD. Im Mai 1972 wurden die führenden
Köpfe Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Holger Meins und Jan-
Carl Raspe verhaftet, Holger Meins verstarb 1974 in der Haft an den Folgen eines
Hungerstreiks. Den Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung zwischen dem
Staat und der RAF im sogenannten „Deutschen Herbst“ 1977: Der Bankier Jürgen
Ponto wurde von RAF-Mitgliedern erschossen, der Arbeitgeberpräsident Hanns-
Martin Schleyer entführt, wobei drei Sicherheitsbeamte getötet wurden. Mit der
Entführung einer Lufthansa-Maschine sollten die RAF-Mitglieder aus der Haft
freigepresst werden, was allerdings misslang. Schließlich wurden Baader, Ensslin
und Raspe tot in ihren Zellen im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim
aufgefunden.
Im Zusammenhang mit dem Terrorismus der RAF wurden Sicherheitsgesetze
in der BRD verschärft, die Rasterfahndung eingeführt, zahlreiche Polizeikontrol-
len durchgeführt, Fahndungsplakate mit den Bildern der RAF-Mitglieder hingen
öffentlich aus. Es ergab sich eine aggressive, zum Teil hysterische Atmosphäre, in
der vor allem konservative Kräfte linke politische Positionen und Personen per se
als „terroristisch“ diffamierten und damit zu einer Verschärfung und Polarisie-
rung des politischen Klimas beitrugen.

4.2 Gelockerte Bindungen

Trotz der Enttäuschungen über die sozialliberale Regierung in großen Teilen der
Linken, der AuÁösung des SDS, der Verdächtigung tendenziell aller linken Kräfte
als TerroristInnen und dem Niedergang der Hippiekultur haben die Sechziger in
der Mentalität und im Verhalten der meisten Westdeutschen Spuren hinterlassen.
Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist in diesem Jahrzehnt insgesamt demokrati-
scher geworden. Dies bezieht sich nicht in erster Linie auf die Ebene der ofÀziellen
Politik, sondern eher auf das alltägliche Leben der Menschen, die Wandlungen in
den Fragen der Lebensführung, der Kindererziehung und des Umgangs mit Se-
xualität.
Diesen Zusammenhang bezeichnet Koch als eine „neue Beweglichkeit“, die
sich gesellschaftlich etablierte:
124 4 Die siebziger Jahre

„Die Veränderungen im Alltag, die in den Jahren der Reformen um sich griffen,
sind jedenfalls viel schwerer rückgängig zu machen als die politischen Schritte ins
moderne Deutschland. Es endete eine Art Diktatur, in der die einen den anderen
vorschreiben durften, daß sie nach ihrer Familiennorm zu leben hatten. Es zerbrach
die ideologische Einheit der Gesellschaft, jene nur von Außenseitern gestörte Über-
einkunft, wie zu leben sei, was Erfolg, was Glück und was Vernunft ausmache. Ver-
loren ging die Gewißheit über die Moral der Arbeit und der freien Zeit. Neben der
hergebrachten Kultur entstand, zunächst in Großstädten, eine zweite Wirklichkeit,
ein zweites Wertesystem, ein zweites Wirtschaftsleben.“ (Koch 1997, S. 10)

Uwe Koch bezieht sich auf das Entstehen einer Alternativkultur, die es in den
60ern erst in Ansätzen gab. Vor allem in Universitätsstädten etablierten sich mehr
und mehr Lebenszusammenhänge, die sich bei ihrem Lebensstil, ihrer Kleidung
und Musik, ihren grundsätzlichen Einstellungen zu Sexualität, Geschlechterrollen
und Autorität grundlegend von konservativen Haltungen unterschieden. Es ent-
standen linke, alternative und ökologische Milieus mit ihren eigenen Geschäften,
Kneipen, Zeitungen und Wohnformen (s. Reichhardt 2014).
Im Vergleich zu den 60ern und vor allem zu den 50er Jahren zeichnete sich
die Gesellschaft der Bundesrepublik durch eine wesentlich größere Vielfalt und
Buntheit aus. Schon in der Kleidung der meisten Menschen wurde dies deutlich:
Schrille Farben und Muster auf Kleidern und Krawatten, weite Hosen mit Schlag
und Schuhe mit Plateausohlen bei beiden Geschlechtern waren en vogue; Frauen
konnten kurze und Männer lange Haare tragen; die Generation der Erwachsenen
hatte sich geändert.
Die SchülerInnen und Lehrlinge der aufbegehrenden Generation, die politi-
schen AktivistInnen der Revolten an den Universitäten und die AnhängerInnen
der Hippie-Bewegung wurden in den Siebzigern erwachsen, beendeten ihre Aus-
bildungen oder Studien und traten – falls es möglich und gewünscht war – in das
Berufsleben ein. Auch wenn sich viele aufgrund der Ergebnisse des Regierungs-
wechsels und der politischen Zustände enttäuscht zeigten, behielten sie doch, zu-
mindest in Ansätzen, ihre Einstellungen und Vorstellungen bei. Hierzu zählt eine
grundsätzliche Skepsis gegenüber Autoritäten, eine gestiegene Akzeptanz gegen-
über körperlichen und sexuellen Bedürfnissen und die Erkenntnis, dass es grund-
sätzliche Alternativen zum Leben in Kleinfamilien gibt, denen sie zum größten
Teil entstammten. In diesem Sinne können die siebziger Jahre durch den Begriff
der „gelösten Bindungen“ charakterisiert werden:
4.2 Gelockerte Bindungen 125

„Die siebziger Jahre sind das Jahrzehnt der gelösten Bindungen. Ehe- und Fami-
lienbande, textile Bande, die Fesseln der kleinstädtischen Kulturnorm, die Bindung
des Menschen an genau einen Lebensort, an einen Arbeitsplatz oder eine Wohnung
– all das lockerte sich in einer liberalen, individualistischen, beziehungsloseren
Gesellschaft.“ (Koch 1977, S. 16)

Diese Tendenz kann auch als Informalisierung bezeichnet werden: Informalisie-


rung bedeutet eine Lockerung von Verhaltensstandards, die sich alltäglich in der
Körperhaltung, dem Gebrauch der Sprache, der Kleidung, der Konversation und
den Begrüßungen niederschlägt. Grundsätzlich lässt sich hier auch der Gegensatz
von „lässig“ und „zackig“ erkennen, mit dem Maase (s. Maase 1999) den Habitus
der Halbstarken im Gegensatz zu den gesellschaftlich erwünschten Verhaltenswei-
sen beschreibt. Eine geschmeidige statt einer starren Körperhaltung, eine Sprache,
die Slangausdrücke statt „korrekter“ Begriffe benutzt, Gleichberechtigung statt
Hierarchie, Freizeitkleidung und Jeans statt Anzug und Kleid, Duzen statt Siezen
und „Hallo“ und „Tschüss“ sagen statt „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sind
Gegensatzpaare, die die geänderten Standards zum Ausdruck bringen. Locker-
heit und Lässigkeit stehen hier gegen Starrheit und Konvention, wobei „locker“
eher für Jugend und „starr“ für die Erwachsenen stand und ein gelockerter Ha-
bitus mehr und mehr zum gesamtgesellschaftlichen Standard wurde. Lockerung
bedeutete auch eine Lockerung im Individuum, eine Lockerung des Gewissens;
statt eines starren Gewissens, das durch verinnerlichte Normen und Gebote ein-
schränkend wirkte, entstand ein Menschentyp, der sich durch die Überzeugung
auszeichnete, dass seine Wünsche legitim sind.
Der Impuls zu gelockerten Verhaltensstandards und Bindungen hatte seinen Ur-
sprung ohne Zweifel in den politischen und gegenkulturellen Jugendbewegungen
der 60er Jahre. Dabei darf allerdings keinesfalls der Anteil der Werbung an der
Durchsetzung neuer Verhaltensnormen unterschätzt werden. Im krassen Gegen-
satz zu den ursprünglichen kritischen Intentionen beutete sie deren Symbole aus
und entledigte sie ihres Kontextes:

„Was in den Sechzigern als politische Auseinandersetzung einer alternativen Min-


derheit mit dem ‚Establishment‘ begonnen hatte, erlangte im Laufe der siebziger
Jahre eine breite Öffentlichkeit. Allerdings nicht als kollektive Bewußtseinsver-
änderung, sondern vermarktet in einer großen Modewelle. Lange Haare, Flower-
Power und Hippiekleidung, Happenings, ‚Demos‘ und die sogenannte ‚sexuelle Be-
freiung‘, alles wurde vereinnahmt von der Glitzerwelt des Konsums. Ständig auf der
Suche nach ‚zugkräftigen‘ Bildern, ohne ernsthaftes inhaltliches Interesse, füllte
die Werbung alles in ihre große Mühle, was einen Moment von Konsumentenauf-
merksamkeit oder auch nur einen Etat versprach.“ (Kriegskorte 1995, S. 188)
126 4 Die siebziger Jahre

Als Ergebnis dieses Wechselspiels von politischem Protest und Gegenkultur auf
der einen und ökonomischer Ausbeutung und inhaltlicher Entleerung auf der an-
deren Seite wurden die Distinktionsmerkmale der kritischen Bewegungen instru-
mentalisiert, banalisiert und hielten Einzug in das normale Leben:

„Als in den 70ern der Bankangestellte von nebenan auch lange Haare zu tragen
begann, ohne daß ihm gravierende Nachteile daraus erwuchsen, als der Geschäfts-
führer auch mal in Jeans ins Büro kam und als später jeder x-beliebige Turnschuhe
mit allem möglichen kombinierte, ohne damit seine Identität zu verändern, Àel das
kaum auf. Es war fast schon normal.“ (Bucher/Pohl 1986, S. 29)

Diesen gesellschaftlichen Wandel hat der Soziologe Ulrich Beck mit dem Wandel
von der Industriegesellschaft zur „Risikogesellschaft“ bezeichnet (s. Beck 1986).
Industriegesellschaften zeichnen sich durch hierarchische soziale Strukturen
mit relativ klaren Verhaltensstandards aus, die sich vor allem im Verhältnis von
Männern und Frauen und den Generationen zeigen. Was sich gehört, was „man“
darf, wie sich „richtige“ Frauen, Männer, Jungen und Mädchen zu verhalten haben,
ist zwar je nach sozialer Lage und Milieu unterschiedlich, doch herrschen diesbe-
züglich relativ einheitliche Vorstellungen und Normen vor.
Im Gegensatz dazu ist die Risikogesellschaft durch eine stärkere Individualisie-
rung, gelockerte soziale Bindungen und größere Wahlfreiheiten für die Individuen
gekennzeichnet. In den Scheidungszahlen, den Ein-Personen-Haushalten, der sin-
kenden Zahl von Kindern und der geringeren Bedeutung von Religion zeigten sich
diese Tendenzen in allen westlichen Staaten seit Mitte der 60er Jahre, wobei sich
dieser Prozess in den 70er Jahren beschleunigte. Individualisierte Lebensformen
bieten mehr Entscheidungsformen für den und die Einzelne, wobei sie allerdings
immer auch mit der Gefahr verbunden sind, angesichts der erweiterten Optionen
falsche Entscheidungen zu fällen und zu scheitern.
Individualisierung ist der zentrale soziale Trend, der die westdeutsche Gesell-
schaft im Laufe der 70er Jahre erfasste. In diesem Kontext sind auch die Refor-
men der Psychiatrie und des Strafvollzugs zu sehen; psychisch kranke Menschen
sollten weniger in abgeschlossenen und riesigen Kliniken ruhiggestellt, sondern
in kleinen, möglichst gemeindenahen Einrichtungen versorgt werden, was Pro-
zessen der Stigmatisierung entgegenwirken sollte. Zudem bekamen therapeutische
Angebote und die Absicht der Wiedereingliederung eine größere Bedeutung, die
Bedürfnisse der PatientInnen wurden ernster genommen. Im Strafvollzug wurde
Resozialisierung nach der Haft das Ziel, statt die Strafe in den Mittelpunkt zu
rücken, gewannen Prävention und Wiedereingliederung in die Gesellschaft an Be-
4.2 Gelockerte Bindungen 127

deutung. Beide Reformen trugen zu einer stärkeren Betonung individueller Rechte


und einer Beschränkung der Macht der Institutionen bei.
Gelöste Bindungen bedeuten auch eine tendenzielle Abnahme von Hierarchien,
vor allem zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Die Kritik an auto-
ritären Verhaltensweisen der erwachsenen Generation in Elternhaus, Schule, Be-
trieb und Universität, die Kritik der Frauenbewegung an dem autoritären Gehabe
auch sich als „links“ verstehender Männer führten dazu, dass das traditionelle
Machtgefälle zwischen Eltern, LehrerInnen und Kindern, Männern und Frauen
zunehmend unter Begründungszwang geriet.
Als Folge setzte sich an Stelle der bisher gültigen Moral eine Verhandlungs-
moral durch, in der die Individuen nicht geforderte Verhaltensstandards einfach
reproduzierten, sondern als VerhandlungspartnerInnen auftraten, die miteinander
und möglichst auf gleichberechtigter Basis ihre Angelegenheiten regeln müssen:

„Was Familie, Ehe, Elternschaft, Sexualität, Erotik, Liebe ist, meint, sein sollte oder
sein könnte, kann nicht mehr vorausgesetzt, abgefragt, verbindlich verkündet wer-
den, sondern variiert in Inhalten, Ausgrenzungen, Normen, Moral, Möglichkeiten
am Ende eventuell von Individuum zu Individuum, Beziehung zu Beziehung, muß
in allen Einzelheiten des Wie, Was, Warum, Warum-Nicht enträtselt, verhandelt,
abgesprochen, begründet werden, selbst wenn auf diese Weise die KonÁikte und
Teufel, die in allen Details schlummern und besänftigt werden sollen, aufgeweckt
und entfesselt werden. Die Individuen selbst, die zusammenleben wollen, sind oder
genauer: werden mehr und mehr die Gesetzgeber ihrer eigenen Lebensform, die
Richter ihrer Verfehlungen, die Priester, die ihre Schuld wegküssen, die Therapeu-
ten, die die Fesseln der Vergangenheit lockern und lösen.“ (Beck/Beck-Gernsheim
1990a, S. 13)

Die Gesellschaft der Siebziger ist demokratischer geworden in dem Sinne, dass es
eine Demokratisierung von unten gegeben hat, größere Freiheiten der Individuen,
ihr eigenes Leben zu gestalten. Diese neuen Werte wurden vor allem in linken,
alternativen und ökologischen Milieus bevorzugt und gelebt. Die sogenannten
„Spontis“, ihrem Selbstverständnis nach undogmatische und basisdemokratische
Linke mit Ursprung in Frankfurt am Main, etablierten

„innerhalb der Stadt Frankfurt ein nahezu geschlossenes Soziotop aus Wohnge-
meinschaften, kleinen alternativen Projekten und Initiativen. Ein Netz aus Drucke-
reien und Buchläden, Kinderläden und diversen Dienstleistungsbetrieben, Second-
hand- und Dritte-Welt-Läden schuf eine Alternativökonomie.“ (Reichhardt 2014,
S. 117)
128 4 Die siebziger Jahre

Hier wurde versucht, die Ideale der Gegenkultur in die Tat umzusetzen, sich gleich-
berechtigt und demokratisch zu verhalten, traditionelle, autoritäre Beziehungen durch
selbst gewählte und gleichberechtigte zu ersetzen und sich von den GepÁogenheiten
der Elterngeneration abzugrenzen, was in Kleidung, Frisur, Umgang der Geschlech-
ter und der Generationen und dem Umgang mit Ordnung zum Ausdruck kam:

„Der Bruch mit der bürgerlichen Welt der Ordnung, Sauberkeit und Anstand sollte
sinnfällig dokumentiert werden. Die ‚peinliche Beachtung von Regeln und Verhal-
tensnormen‘, die man aus den Herkunftsfamilien kannte, wollte man ebenso sym-
bolisch überwinden wie die ‚Sterilität und Hygiene‘ übertrieben auf Hochglanz ge-
putzter Wohnungen.“ (Reichhardt 2014, S. 452)

In diesen linken, alternativen und ökologischen Milieus entwickelte sich auch der
aufkommende Psychoboom der 70er Jahre.
Trotz aller Erfolge, die die 68er und die Hippies erreicht hatten, machte sich
auf der politischen Ebene doch eine Ernüchterung breit, weil die zentralen Zie-
le und Utopien nicht verwirklicht werden konnten. Der SDS hatte sich aufgelöst,
Teile der AktivistInnen waren in verschiedenen Gruppen zersplittert oder in den
Untergrund gegangen; die Euphorie, die mit der Kanzlerschaft Brandts verbunden
war, war enttäuscht worden und auch die Hippies hatten nach ihrem Höhepunkt
in Woodstock nichts Vergleichbares mehr erlebt und mussten zusehen, wie ihre
Kultur und Ideale kommerzialisiert wurden.
Als Folge der empfundenen Niederlagen und der Frustration über die anschei-
nende Ausweglosigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu ändern,
begann ein Teil des linken, ökologischen und alternativen Milieus, sich mit seinem
Inneren, seiner eigenen EmpÀndlichkeit, zu befassen, weil hier Hoffnung auf eine
wenigstens individuelle Änderung bestand. Hier, im alternativen Milieu vor allem
der Universitätsstädte, hatte der Psychoboom seinen Ursprung; als Ergebnis ist eine
explosionsartige Ausweitung psychologischer Therapieformen entstanden, die sich
teils auf etablierte Methoden bezog, aber auch verschiedene Ansätze kombinierte
und zum Teil völlig neue, aus anderen Kulturen stammende Therapien anpries und
anwendete, wie an den Anzeigen in Stadtmagazinen der 70er zu sehen ist:

„Buddhistische Therapie durch Diplompsychologen/Befreiung des transzendenta-


len Selbst/Körper und Trommeln/Selbsterfahrung durch elementare Rhythmen (…)
Tanztherapie und Body-Language/Praktische Anwendung ursprünglicher Weisheit
gemäß dem vierten Weg (…) Individuelle Einzelkurse in psychischer Massage, (…)
Bodyreading, Reinkarnation (…) Heilkräuter-Meditations-Seminar (…) Indiani-
sche Pfeifenzeremonie…“ (zit. n. Müller, C.W. 1992, S. 176).
4.2 Gelockerte Bindungen 129

Im Mittelpunkt all diese Angebote stehen das Individuum, seine BeÀndlichkei-


ten und sein Körper. Der Körper wird hier nicht instrumental und in Hierarchien
eingeordnet aufgefasst, sondern als ein Körper, den es zu befragen und zu be-
freien gilt, ein Körper, der nicht als Instrument und Zweck, sondern als Zeichen
für psychisches WohlbeÀnden oder Unwohlsein gesehen wird. Der Theorielastig-
keit der traditionellen Linken wird emotionale BeÀndlichkeit statt gesellschaft-
licher Analyse entgegengesetzt, Individualität statt gesellschaftlicher Veränderung
und Unmittelbarkeit statt intellektueller Auseinandersetzung. Körper und Seele
als Gegenstück zu Rationalität und Verstand wurden in großen Teilen der (ehe-
mals) Linken zu zentralen Bezugspunkten und betonten das Individuum stärker
im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, wie es die kritische Gesell-
schaftsanalyse tut. Mit diesem Verständnis von Individualität, Emotionalität und
Körperlichkeit sowie der Faszination für fernöstliche Philosophien und Lehren
konnte der Psychoboom sich auf die Hippiekultur beziehen, in der Spontaneität,
Ganzheitlichkeit und Emotionalität bereits die zentrale Rolle spielten. In einem
speziÀschen Sprachgebrauch mit Ausdrücken wie „Auf sein Bauchgefühl hören“,
„Keinen Bock haben“, „Sich einbringen“, „Blockiert sein“, „Authentisch sein“ oder
„Schwingungen spüren“ äußerte sich diese Haltung.
Gemäß dem Anspruch, Hierarchien tendenziell zu beseitigen, wurde hier in
selbst organisierten Gruppen ohne Machtgefälle zwischen ExpertInnen und Laien
das Seelenleben der Teilnehmenden bearbeitet, von denen genügend Problembe-
wusstsein, Offenheit und Gesprächsbereitschaft erwartet wurde.
Wie die Kultur der Hippies, so stammen auch die meisten der im Psychoboom
angewendeten Methoden und Ansätze aus den USA, obwohl es sich um ein Sam-
melsurium aus diversen Heilverfahren verschiedener Kulturen handelt, was an Be-
griffen wie „Encounter Group“, „Sensitivity Training“ oder „Awareness Fitting“
deutlich wird. Insbesondere Verfahren aus der sogenannten „Humanistischen Py-
chologie“ wie Gestalt- und Urschreitherapie oder Sensitivity-Training erfreuten
sich großer Beliebtheit, weil sich diese auf ein Menschenbild beziehen, das Kreati-
vität und individuelles psychisches Wachstum in den Mittelpunkt stellt.
Mit dem Interesse und der Orientierung an Psychologie und psychotherapeu-
tischen Verfahren war der Psychoboom in der linken und alternativen Szene ein
Vorreiter für psychologische Denkmuster, die sich in den 70ern gesamtgesell-
schaftlich verbreiteten. Sozialer Hintergrund hierfür sind die gelösten Bindungen
als zentrale Tendenz. Es entstand ein erhöhter Entscheidungs- und ReÁexionsbe-
darf, der das Bedürfnis nach professioneller Hilfe hervorrief:
130 4 Die siebziger Jahre

„An die Stelle herkömmlicher Gemeinschaftsbindungen trat nun der Expertenrat-


schlag für die Kunst des Lebens. Der Erosion der Hilfeleistungen durch traditionel-
le Ressourcen – seien es Pfarrer oder Verwandte – standen nun die neuen psycho-
therapeutischen Heilslehren gegenüber.“ (Reichhardt 2014, S. 792)

4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechter-


verhältnis

Erst die Liberalisierung der Sexualgesetzgebung ermöglichte es erwachsenen


Menschen in den 70er Jahren, ihre Sexualität weitestgehend selbstbestimmt zu
leben. Im Rahmen der Strafrechtsreform von 1969 wurde der Ehebruch als Straf-
rechtsbestand aufgehoben und der Kuppeleiparagraf gestrichen. Auch wenn er zu-
letzt noch selten angewendet wurde, so gab es nun eine gesetzliche Grundlage,
Heterosexualität auch außerhalb der Ehe legal zu leben. Schließlich wurde Para-
graph 175, der sexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellte, ab-
geschwächt, bis er 1994 vollkommen gestrichen wurde. Homosexuelle Männer,
die während des Faschismus brutal verfolgt wurden, mussten bis Ende der 60er
Jahre warten, um eine Anerkennung ihrer sexuellen Orientierung zu erfahren,
auch wenn sie heterosexuellen Menschen noch nicht völlig gleichgestellt wurden.
Um ihre Forderungen nach Akzeptanz und Freiheit vor Diskriminierung durch-
zusetzen, entwickelte sich in Westdeutschland in den 70er Jahren die Schwulen-
bewegung. Der Begriff „schwul“ wurde bewusst gewählt, homosexuelle Männer
übernahmen den ursprünglich diskriminierend gebrauchten Ausdruck und gingen
in die Offensive, indem sie ein ursprünglich stigmatisierend gebrauchtes Wort zum
eigenen Kampfbegriff umdeuteten.
Ausgang der internationalen Bewegung für das Recht auf (männliche) Homo-
sexualität war der sogenannte Stonewall-Aufstand in New York am 28. Juni 1969:
In der Szenebar „Stonewall Inn“ auf der Christopher Street wehrten sich Homo-
sexuelle gegen die Schikanierungen von Ordnungskräften und lieferten sich Stra-
ßenschlachten mit der Polizei, was der Anlass war, den „Christopher Street Day“
als jährlichen Tag zur Demonstration für die Rechte homosexueller Menschen zu
begehen.
In Deutschland gab der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die
Situation, in der er lebt“, 1970 von Rosa von Praunheim gedreht, den Anstoß für
die Bewegung homosexueller Männer, sich als Schwule sichtbar zu machen und
für ihre Gleichberechtigung einzutreten; eine homosexuelle Bewegung und Kultur
mit psychosozialen und kommerziellen Angeboten entstand.
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhältnis 131

„Seit der Reform des § 175 hat sich die kommerzielle Subkultur (...) besonders in
den Großstädten ständig emanzipiert und bietet mit ihren Kneipen, Discos, Saunen,
Cafés, Restaurants usw. mittlerweile auch ein sozial differenziertes Angebot von
Treffpunkten. Mit der Entstehung einer schwulen Bürgerrechtsbewegung Anfang
der 70er Jahre hat sich zugleich eine neue Form der homosexuellen Sub entwickelt.
Vor allem die Organisierung der sozialen und kulturellen Bedürfnisse sowie Selbst-
hilfe stehen dabei im Vordergrund. So haben sich in fast allen Großstädten, aber
mittlerweile auch in vielen Klein- und Mittelstädten schwule Gruppen gebildet, die
hauptsächlich in den Bereichen Beratung, Information und Hilfe, sowie in der Or-
ganisation von Freizeitangeboten tätig sind.“ (Stümke 1992, S. 108)

Neben der Strafrechtsreform von 1969 änderte die 1975 in Kraft getretene Neu-
fassung des Strafgesetzbuches die Grundlage des Sexualstrafrechtes: Galten vor-
her noch „Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit“ als Bezugspunkt für
Strafen, also ein relativ abstrakter Begriff, so bezog sich das Recht nun auf „Straf-
taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“, womit auch rechtlich die individuelle
Selbstbestimmung anerkannt wurde.

„Der affektiv aufgeladene und rechtlich unbestimmte ‚Unzuchts‘-Begriff wurde


durch den sachlicheren Begriff der ‚sexuellen Handlung‘ ersetzt. Als vor Beschä-
digung zu schützende Rechtsgüter wurden nun ausdrücklich nicht mehr Sitte und
Moral, sondern lediglich noch ‚sexuelle Freiheit‘ und sexuelle Entwicklung deÀ-
niert. Dieses ‚Rechtsgüterschutz-Prinzip‘ steht und fällt freilich mit der tatsächli-
chen oder tatsachenwissenschaftlichen Ermittelbarkeit manifester oder potentieller
Schadenswirkungen.“ (Böllinger 1992, S. 279)

Schließlich wurde im Eherechtsreformgesetz von 1976 die immer noch geltende,


rechtlich privilegierte Stellung des Mannes innerhalb der Ehe aufgehoben. Bis da-
hin war noch Paragraph 1354 in Kraft, der unter anderem besagte: „Dem Manne
steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffen-
den Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“ (Zit.
n. Beck-Gernsheim 1990, S. 118)
Alle Gesetzesänderungen in den Jahren 1969 bis 1976, die die Sexualität und
das Geschlechterverhältnis betreffen, weisen in die gleiche Richtung: Es geht um
eine Legalisierung von sexuellen Präferenzen wie der Homosexualität, eine An-
erkennung von Sexualität auch außerhalb der Ehe und ein rechtliches Gleichge-
wicht von Frauen und Männern innerhalb der Ehe. In der Folge hielt sich der Staat
weitestgehend aus dem Sexualleben der Bürgerinnen und Bürger heraus, sie hat-
ten rechtlich erheblich größere Möglichkeiten, ohne juristische Vorschriften und
Angst vor Bestrafung ihr Sexualleben zu gestalten.
132 4 Die siebziger Jahre

Auch die Gesetzgebung zur Pornographie wurde geändert: Paragraph 184, in


dem es ursprünglich um „unzüchtige Schriften“ ging, wurde in „pornographische
Schriften“ geändert, was signalisierte, dass „Unzucht“ kein Bezugspunkt für die
Rechtsprechung mehr war und somit mehr Freiheiten hinsichtlich des Konsums
von Pornographie ermöglichte. Von konservativen Kreisen wurde die liberalisier-
te Sexualgesetzgebung heftig kritisiert, wenn beispielsweise die Rede davon war,
dass „Genosse Porno regiert“ (zit. n. Koch 1986, S. 180).
Es wurden die traditionellen Befürchtungen geäußert, dass durch größere se-
xuelle Freiheiten und Möglichkeiten der Selbstbestimmung des und der Einzelnen
die „gesellschaftlichen Fundamente“ wie Sitte, Anstand, Ordnung, Familie usw. in
Gefahr gerieten; das „Deutschland-Magazin“ formulierte es so:

„Entscheidende Kräfte in der SPD tragen die Hauptverantwortung für die zuneh-
mende sittliche Anarchie, welche die Grundlagen unseres Staatswesens bedroht.“
(Zit. n. Koch 1983, S. 180)

Doch befanden sich diese reaktionären Kräfte gesellschaftlich auf dem Rückzug,
ihre Hoffnungen, zur Sexualmoral der 50er Jahre zurückzukehren, erwiesen sich
als aussichtslos angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen die Menschen
ihr Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität immer selbstbewusster und selbst-
verständlicher einforderten und umsetzten.
Die Kommerzialisierung der Sexualität wurde im Laufe der 70er Jahre fortge-
setzt: Die sogenannte „St. Pauli-Presse“ vervielfältigte ihre AuÁagen, weitere Sex-
und Erotikgeschäfte wurden eröffnet und Porno- bzw. SexÀlme erzielten hohen
Absatz. Neben Filmen wie „Beim Jodeln juckt die Lederhose“, „Die Praxis zum
geilen Doktor“ oder „Drei Schwedinnen in Oberbayern“, in denen es ganz unver-
hohlen um die Darstellung von Heterosexualität ging, sind hier vor allem Filme zu
nennen, die unter dem Deckmantel von Aufklärung sexuelle Szenen präsentierten;
neben dem „Verführerinnen-Report“, der über die List und Tücken weiblicher Ver-
führung „aufklärte“, „berichtete“ der „Hausfrauen-Report“ (Untertitel: „Unglaub-
lich aber wahr“) in sechs Teilen über das angebliche Sexualleben von Hausfrauen.
Noch erfolgreicher war der „Schulmädchen-Report“, der in 13 Folgen erschien.
Mit Untertiteln wie „Was Eltern nicht für möglich halten“ oder „Was Eltern den
Schlaf raubt“ gaben sie sich aus als AufklärungsÀlme über das Sexualleben von
jungen Mädchen, dienten aber dazu, angeblich besorgten Eltern, LehrerInnen
und ErzieherInnen in erster Linie heterosexuelle Sexszenen vor allem mit jungen
Mädchen vorzuführen. Die Sex- bzw. PornoÀlme, die auf den Markt drängten und
dort ihr Publikum fanden, führten zu einer Verbreiterung und Verallgemeinerung
von dargestellter Sexualität. Galt es vorher in Teilen der Avantgarde als „schick“,
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhältnis 133

sich diese Filme anzusehen, so wurden neue Kreise für die entsprechenden Ki-
nos entdeckt und die Sex- und Pornoindustrie weiter professionalisiert, wobei vor
allem die Bedürfnisse heterosexueller Männer bedient wurden. Die Verbreitung
von Sex- und PornoÀlmen in den 70er Jahren war in erster Linie ein Erfolg der
Durchsetzung von kommerziellen Interessen. Inhaltlich wurden in dieser Art von
Filmen die herkömmlichen Bilder und Vorstellungen heterosexueller Praktiken
verfestigt: Die Körper der Männer, vor allem aber die der Frauen entsprachen dem
gängigen Körperklischee von jung und schlank, die gezeigte Sexualität entsprach
einem männlichen Blick und männlichen Bedürfnissen. Im Allgemeinen hat diese
Form der kommerzialisierten Sexualität wenig bis nichts mit einer Befreiung von
sexuellen Stereotypen zu tun, zumal Homosexualität allenfalls als lesbische Lie-
be vorkam, der heterosexuelle Geschlechtsverkehr im Mittelpunkt stand und als
Krönung von Sexualität angesehen wurde; ältere, behinderte oder von der Norm
abweichende Körper kamen so gut wie gar nicht vor. Insofern besaßen diese Filme
eine afÀrmative und stabilisierende Wirkung, was die Vorstellungen von „richti-
ger“ und „guter“ Sexualität betrifft, die den Mainstream bestimmte.
In eine völlig andere, kritische Richtung gingen – nicht nur beim Thema Sexua-
lität– die Aktivitäten der Neuen Frauenbewegungen, die sich in den 70ern entwi-
ckelten. Als Auftakt dieser Strömung gilt der „Weiberrat“ im SDS, der sich gegen
das dominante Verhalten der männlichen Genossen zur Wehr setzte. Als Folge
dieser Aktion gab es eine Reihe von Themenfeldern, die von Frauen besetzt und
zunehmend kritisch hinterfragt wurden: Angefangen bei der Lohnungleichheit
über die Belastung vieler Frauen mit der Kindererziehung und im Haushalt, die
männlich geprägte Sexualität bis hin zur männlichen Gewalt gegenüber Frauen
in- und außerhalb von Partnerschaften griffen engagierte Frauen viele Themen auf
und wollten sich mit ihrer unterprivilegierten Stellung nicht mehr abÀnden.

„Ab 1970 bildeten sich Kerne von Frauennetzwerken und -gruppen heraus. Sie hat-
ten eine gleichheitliche, horizontale Struktur und Vorgehensweise: Alle Mitglieder
waren verantwortlich und sie erkannten sich wechselseitig als wichtig und kompe-
tent an, als ‚Expertinnen ihrer Lebenssituation‘. So gewannen sie auch individuel-
les Selbstbewusstsein und organisatorische und politische Kompetenz. Die Träger-
schichten hatten sich seit 1970 ebenfalls differenziert und ausgeweitet: Berufstätige
Frauen (auch aus dem Medien- oder Bildungssektor), Hausfrauen, Mütter und Stu-
dentinnen trafen sich in den neuen Zentren und tauschten sich aus.“ (Lenz 2009,
S. 12)

Bereits im Jahr 1971 veröffentlichte die Illustrierte Stern eine Titelgeschichte, bei
der sich 374 prominente und nicht prominente Frauen des eigenen Schwanger-
schaftsabbruchs „bezichtigten“; diese Kampagne war von den in die Öffentlichkeit
134 4 Die siebziger Jahre

tretenden Frauen mutig, weil der Schwangerschaftsabbruch illegal war und sozial
weitgehend nicht akzeptiert wurde. Gerade in der Frage des Schwangerschaftsab-
bruchs sahen die engagierten Frauen einen zentralen gemeinsamen Bezugspunkt
ihres Kampfes, weil dieses Thema eng mit der weiblichen Sexualität und der
Selbstbestimmung über den weiblichen Körper zusammenhängt:

„Nicht zufällig hat der feministische Aufbruch aus diesem Anlaß eingesetzt. Denn
der am Beginn der 70er Jahre mit der Selbstbezichtigungskampagne ‚Ich habe ab-
getrieben‘ veröffentlichte Protest gründete sich auf den immer deutlicheren Wider-
spruch zwischen der Zusicherung von mehr Gleichberechtigung und der Kontrolle
und der Bevormundung der Frauen an diesem, ihr Leben entscheidenden Punkt:
der Kontrolle weiblicher Sexualität und ihrer Fähigkeit, Menschen zu gebären.“
(Gerhard-Teuscher 1996, S. 104)

In der Folge gab es diverse Demonstrationen, auf denen Frauen die vollständige
Streichung des Paragraphen 218, die Finanzierung der Abbrüche durch Kranken-
kassen, eine Finanzierung empfängnisverhütender Mittel und eine umfassende Se-
xualaufklärung in den Schulen forderten. Die SPD-geführte Regierung entschied
sich 1971 für die sogenannte Fristenregelung bei Schwangerschaftsabbrüchen,
nach der die Abtreibung in den ersten drei Monaten ohne Begründung straffrei
war. Gegen diese Regelung legten Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion Klage beim
Bundesverfassungsgericht ein, das daraufhin die Fristenlösung für verfassungs-
widrig erklärte. Ab 1976 galt dann die Indikationsregelung, der zufolge eine Frau
einen Schwangerschaftsabbruch nur dann durchführen lassen darf, wenn sie eine
medizinische, eugenische, kriminologische Indikation vorweisen kann, was sie
von ÄrztInnen abhängig macht, die allein das Recht haben, eine Indikation zu
schreiben. Die geplante Liberalisierung des Gesetzes zum Schwangerschaftsab-
bruch führte von konservativer Seite zu heftigen Attacken, bei denen nicht selten
eine Parallele zum Holocaust gezogen wurde. So äußerte sich der CSU-Abgeord-
nete Holzgartner:

„Die Nationalsozialisten haben die Juden getötet, und die internationalen Sozia-
listen töten ungeborenes Leben. Das, was in unserem Volk geschieht, ist der exakte
Weg zurück nach Auschwitz.“ (Zit. n. Koch 1983, S. 185)

Trotz dieser und anderer Hetze gegen ihre Selbstbestimmung haben engagierte
Frauen ein größeres Stück Selbstbestimmung über die eigene Fruchtbarkeit und
den eigenen Körper erkämpft und es wurden zahlreiche Frauen ermutigt, weiterhin
für ihre Rechte einzutreten; eine feministisch orientierte Szene entstand:
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhältnis 135

„Die Überzeugung einer gemeinsamen Mission und die Erfahrungen mit dem
Kampf gegen Paragraf 218 führten zu zahlreichen anderen Frauenprojekten, von
Frauenbuchläden und Frauencafes bis zu Frauenhäusern, Frauenzeitschriften und
Frauenverlagen. Im Laufe der siebziger Jahre entstand in großen wie in kleinen
Städten eine weiblich geprägte Gegenöffentlichkeit.“ (Herzog 2005, S. 276)

1972 gab es in Frankfurt am Main die erste Lesbengruppe, 1973 wurde in Berlin
das erste Frauenzentrum gegründet, ab 1974 begannen die Initiativen für die Grün-
dung von Frauenhäusern, in denen vor Gewalt bedrohte und geschlagene Frauen
ZuÁucht Ànden sollten; 1975 wurde mit „Frauenoffensive“ der erste feministische
Verlag gegründet, das erste Frauenjahrbuch und der erste Frauenkalender erschie-
nen; 1976 wurde die Frauenzeitschrift „Courage“ gegründet, die Demokratische
Fraueninitiative konstituierte sich, woraus 1982 die Zeitschrift „Wir Frauen“ ent-
stand. Das erste Haus für geschlagene Frauen in Berlin wurde eröffnet; schließlich
erschien ab 1977 die Zeitschrift „Emma“ der Feministin Alice Schwarzer und im
Januar 1978 wurde in München der erste Notruf für vergewaltigte Frauen ein-
gerichtet.
Auch wenn sich inhaltlich unterschiedliche Positionen innerhalb der Frauen-
bewegungen differenzieren lassen – Lenz unterscheidet zwischen dem sozialisti-
schen Feminismus, dem radikalen Gleichheitsfeminismus, dem radikalen Diffe-
renzfeminismus und dem lesbischen separatistischen Feminismus – (s. Lenz 2009,
S. 12), so lässt sich doch ein gemeinsames Ziel im Kampf für ein selbstbestimmtes
und gleichberechtigtes Leben erkennen, wobei der Kampf für die Selbstbestim-
mung über den eigenen Körper und die eigene Sexualität eine zentrale Rolle spiel-
te. Grundlage hierfür war die Erkenntnis, dass das Politische das Private bestimmt
und sich die männliche Dominanz auf gesamtgesellschaftlicher Ebene auch in den
vermeintlich privaten Beziehungen der Geschlechter zeigt.
Die Frauen, vor allem in der autonomen Frauenszene, entwickelten einen eige-
nen Stil, der sich von dem in den Mainstream-Frauenzeitungen deutlich unter-
schied. Sie wollten nicht „sexy“ auftreten und somit nicht den von vielen Männern
gewünschten und der Mode propagierten Bildern entsprechen:

„Als deutliches Zeichen für die Zugehörigkeit zu dieser Szene entwickelte sich ein
speziÀscher Kleidungsstil mit weiten, die weiblichen Formen verhüllenden Klei-
dungsstücken und der programmatischen Bevorzugung von Lila, der traditionellen
Farbe der Frauenbewegung.“ (Strobel 2004, S. 267)

Es ging den engagierten Frauen um Autonomie: Autonomie von männlicher Be-


wertung und Dominanz, von einer in der Regel männlich dominierten Sexualität.
136 4 Die siebziger Jahre

Dagegen setzten sie den Kampf um eigene Räume, eigene Lebenszusammenhänge


und den eigenen Körper, die eigenen – auch erotischen und sexuellen – Erfahrun-
gen ohne Männer. Vor allem ging es um eine damit eng verbundene Anprangerung
männlicher (sexueller) Gewalt, in der männliche Dominanzansprüche am unmit-
telbarsten und brutalsten zum Ausdruck kamen. Das Engagement für Frauen, die
sich in autonomen Frauenhäusern vor männlicher Gewalt in Sicherheit bringen
konnten, und der Einsatz für vergewaltigte Frauen, die ermutigt werden sollten,
ihre Gewalterfahrungen zur Anzeige zu bringen und den Täter nicht ungestraft da-
vonkommen zu lassen, berief sich auf die Erkenntnis, dass Frauen insbesondere im
sozialen Nahbereich, in der eigenen Beziehung oder Ehe, Gefahr liefen, zu Opfern
von (sexualisierter) Gewalt zu werden. Dem ofÀziellen Bild eines partnerschaftli-
chen Umgangs der Geschlechter miteinander wurde somit die erschreckende Rea-
lität von gewalttätigen Beziehungen, schlagenden und vergewaltigenden Freunden
und Ehemännern entgegengehalten.
Aber auch weniger eindeutige Machtausübungen wie die subtile Verbreitung
eines sexistischen Frauenbildes in der Werbung wurden von feministisch orientier-
ten Frauen einer Kritik unterzogen: Frauen, reduziert auf ihren sexuell attraktiven
Körper, der im Sinne der Schönheitsnormen zugerichtet und mit den Konsum-
gütern für Männer attraktiv gemacht werden soll, Sexismus als „heimlicher Lehr-
plan“, Frauen als ständig für Männer sexuell verfügbare Geschöpfe, als unselb-
ständig und von Männern abhängige Hausfrauen und Mütter, bestimmten einen
großen Teil der professionellen Werbung und übten eine Wirkung auf das Frauen-
bild von Frauen wie Männern aus.
Das Engagement zahlreicher Frauen führte zu einem größeren Selbstbewusst-
sein von Frauen und zu einer gestiegenen Sensibilität gegenüber männlicher Do-
minanz. Männer sahen sich tendenziell zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, nicht
in der Lage zu sein, mit Frauen partnerschaftlich umzugehen, ein für beide Ge-
schlechter befriedigendes Sexualleben (mit) zu gestalten und Frauen als gleich-
berechtigt anzuerkennen, sie gerieten angesichts der Vorwürfe in die Defensive
und reagierten oft hilÁos und verunsichert. Im Gegensatz zur Frauenbewegung mit
ihrer gesellschaftlichen Wirkung gab es keine vergleichbare Bewegung von Män-
nern. Allenfalls in kleinen Kreisen, vor allem in Universitätsstädten mit einem
dementsprechenden Publikum, entstanden kleinere Zirkel organisierter Männer,
die in Gruppen ihre Schwierigkeiten mit der männlichen Rolle thematisierten.
Gerade in diesen Milieus, in denen sich Männer aufgrund des Engagements von
Frauen am heftigsten mit deren Kritik auseinandersetzen mussten, entstand ein
neuer Typ von Männlichkeit, den Cora Stephan ironisch beschreibt:
4.3 Liberalisierung und Verschiebungen im Geschlechterverhältnis 137

„Seiner Mutter tat er mit dem überschulterlangen Haar und dem weniger männlich
denn natürlich sprießenden Vollbart manch Leid an, aber ansonsten war er der
Frauen bester Freund. Ein Kind der siebziger Jahre, in denen die Errungenschaften
von ά68 bereits geerntet, eingefahren und verarbeitet waren: unaggressiv, androgyn,
selbstkritisch. Er zog handgestrickte Ringelpullover den Hemden und Manschetten
vor und bot das gute Gespräch an, bevor er sich im Bett, auf Schmusen, Streicheln
und Penetrationsverzicht eingestellt, als gelehriger Schüler der Frauenbewegung
erwies. Er ging stets mit zum Frauenarzt, bewährte sich beim Temperaturmessen,
kannte sich mit den Funktionen des weiblichen Körpers besser aus als mit den eige-
nen.“ (Stephan 1983, S. 350)

Diese ironisierende Sichtweise auf eine neue Form von Männlichkeit, wie sie vor
allem im alternativen Milieu an Bedeutung gewann, reproduziert – wenn auch gut
und originell formuliert – die Vorurteile, die auch gesamtgesellschaftlich gegen-
über Männern in diesem Milieu herrschten; sie bezieht sich im Kern darauf, dass
diese Männer nicht das traditionelle Bild von Männlichkeit repräsentieren und
unterstellt eine weibliche Dominanz bei männlicher Unterordnung. Was allerdings
übersehen wird, ist, dass durch die berechtigte Kritik von Frauen an männlicher
Dominanz in den verschiedenen Bereichen die Männer gezwungen waren, sich mit
den eigenen männlichen Einstellungen und Verhaltensweisen auseinanderzuset-
zen und damit die Vorstellungen von Männlichkeit erweiterten. Wie auch Frauen
distanzierten sich Männer im alternativen Milieu tendenziell von traditionellen
Geschlechterbildern und konnten vor dem Hintergrund eines gelockerten Männ-
lichkeitsbildes alternative Vorstellungen und Praktiken entwickeln. Diese Männer
waren nicht mehr auf Macho-Posen oder eine ständige Demonstration ihrer Über-
legenheit angewiesen – das wäre in ihrem Milieu auch verpönt gewesen – und
konnten dadurch eine reÁektierte und sensiblere Form von Männlichkeit erproben.
Gelöste Bindungen führten zu Möglichkeiten, Männlichkeit neu zu deÀnieren und
zu leben und die Belastungen der „Imperative der Männlichkeit“ hinter sich zu
lassen. Weichheit und Offenheit statt Härte und Panzerung, partnerschaftliche Be-
ziehungen statt Überlegenheit waren die Folgen einer kritischen Sicht auf Männ-
lichkeit.
Für die Männer im alternativ-linken Milieu ergab sich dadurch allerdings die
Schwierigkeit, an die Stelle des alten eine neues, positiv besetztes Bild von Männ-
lichkeit zu setzen.
138 4 Die siebziger Jahre

„Im Laufe der siebziger Jahre wurde deutlich, dass viele Männer der linksalter-
nativen Szene mit der DeÀnition ihrer Männlichkeit Probleme hatten. Die her-
kömmlichen Vorstellungen vom Mann als erfolgreichem Geschäftsmann, souve-
rän-patriarchalem Familienernährer oder elegantem Verführer kamen für sie nicht
infrage. Die Suche nach neuen Rollenbildern gestaltete sich jedoch schwierig.“
(Reichhardt 2014, S. 699)

4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise

Die gelösten Bindungen der siebziger Jahre machten sich auch in den Bedingungen
bemerkbar, unter denen Kinder und Jugendliche heranwuchsen. Durch die Herab-
setzung des Alters der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre ergab sich ein frühe-
res Eintreten ins Erwachsenenalter. Nun konnten bereits 18-jährige junge Frauen
wie Männer selber bestimmen, wie sie ihre Freizeit verbringen, wie, wo und mit
wem sie sexuelle Beziehungen eingingen, sie konnten Verträge abschließen, über
ihre Schul- und Berufslaufbahn selber entscheiden, den Führerschein machen und
wählen. Damit verbunden war allerdings auch, dass sie dem allgemeinen Straf-
recht unterlagen und somit für ihre Handlungen juristisch verantwortlich waren.
Junge Menschen mit 18 Jahren unterstanden nicht mehr der Kontrolle ihrer Eltern,
sondern hatten nun die vollen Rechte erwachsener Menschen.
Im Bereich der familiären Erziehung entwickelte sich eine Tendenz von einem
„Befehlshaushalt“ mit elterlicher Autorität – die zumeist die väterliche war – hin
zu einem „Verhandlungshaushalt“ mit dem Trend eines abnehmenden Machtgefäl-
les zwischen Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern. Das Aushandeln,
Diskutieren und Argumentieren gewann in Relation zum Anordnen, Befehlen und
Gehorchen an Bedeutung:

„Insgesamt hat ein Wandel von autoritärer, auf Anpassung gerichteter Erziehung
zu einer Erziehung in Richtung partnerschaftlicher Umgangsformen stattgefunden.
Elterliche Strafpraktiken, vor allem die Prügelstrafe, haben zugunsten mündlicher
Ermahnungen und vernunftbetonter Kommunikationsformen an Bedeutung einge-
büßt. (...) Es genügt heute nicht mehr, Forderungen an das Kind zu stellen und diese
durchzusetzen, sondern Erziehung verlangt ein differenziertes Austarieren von For-
derung und Gewährenlassen, von Unterstützung und Ermunterung zu Eigenaktivi-
tät, von Schutz und Risiko‘ (...).“ (Peuckert 1999, S. 139)

Die Heranwachsenden der 70er Jahre sahen sich einer anderen Generation Er-
wachsener gegenüber; zwar gab es noch Eltern sowie ErzieherInnen und Leh-
rerInnen, die sich an einem autoritären Umgang mit Kindern und Jugendlichen
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise 139

orientierten, doch wurde vor allem durch die Bewegung der Studierenden und die
verschiedenen gegenkulturellen Strömungen Autorität nicht mehr unhinterfragt
akzeptiert, sondern geriet unter Kritik.
Auch die Erwachsenen dieses Jahrzehnts waren nicht mehr vergleichbar mit
denen der 50er oder 60er Jahre in der Bundesrepublik; immer weniger hatten eige-
ne Kriegserfahrungen gemacht, stattdessen waren einige selbst aktiv in der Be-
wegung der Studierenden, hatten selber Kritik an autoritären Verhältnissen geübt,
sodass sie in der überwiegenden Zahl ein anderes, gleichberechtigteres Verständ-
nis vom Umgang mit Heranwachsenden praktizierten. Auch in der Hochschulpäd-
agogik war diese Tendenz deutlich zu erkennen:

„Unter Leitbegriffen wie ‚Mündigkeit‘ und ‚Emanzipation‘ sollte Lehren einerseits


ein Lernen des Widerstandes, der Kritik an instrumenteller Vernunft, an Fortbeste-
hen von Klassengesellschaft, an bloßer Anpassung an Lebensverhältnisse ermög-
lichen, und andererseits symmetrische, nicht asymmetrische Verständigung von
Lehrern und Schülern sein.“ (Uhle 2004, S. 56)

In Kindergärten, Schulen und Universitäten galt immer weniger das Prinzip von
Befehl und Gehorsam; Kindern und Jugendlichen wurden erweiterte Möglichkei-
ten der Kritik und der Mitgestaltung in pädagogischen Institutionen eingeräumt,
an den Universitäten hatten marxistische und gesellschaftskritische Theorien gro-
ßen EinÁuss, die nicht nur das Generationenverhältnis, sondern gesellschaftliche
Machtverhältnisse insgesamt kritisch hinterfragten und nach Alternativen suchten.
Emanzipation war das zentrale Schlagwort der herrschenden Pädagogik: Be-
freiung von nicht gerechtfertigten Machtansprüchen und Unterdrückungsver-
hältnissen, Befreiung von einengenden Rollenerwartungen, von Ungleichheit,
Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Prinzipiell alles galt als hinterfrag- und
kritisierbar und sah sich tendenziell dem Zwang zur Legitimierung ausgesetzt.
Einige LehrerInnen ließen sich in der Schule von den Kindern und Jugendli-
chen duzen, um das Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Heranwachsen-
den aufzuweichen. Statt sturem Auswendiglernen sollten die SchülerInnen lernen,
Kritik zu üben, der Frontalunterricht wurde zum Teil durch Gruppen- und Pro-
jektarbeit ersetzt. Besonders deutlich wird der geänderte Umgang mit Kindern
und Jugendlichen am Beispiel der Sexualerziehung, in der die emanzipatorische
Richtung eine bedeutende Rolle spielte:
140 4 Die siebziger Jahre

„Sexualität ist nicht nur Reproduktion, sondern Körpererfahrung, Kommunikation,


Körpersprache. Sexualität ist mehr als Geschlechtsverkehr. Emanzipatorische Se-
xualerziehung kennt auch keine Rangfolge von der ‚unreifen‘ zur ‚reifen‘ Sexualität.
Masturbation, Necking, Petting sind keine Ersatzbefriedigungen. Homosexualität
wird als gleichrangige Sexualform neben der Heterosexualität gesehen.“ (Koch
1996, S. 21)

Die Sexualerziehung, die bis in die 60er Jahre hinein noch in erster Linie Kinder
und Jugendliche durch Angst und Ablenkung von ihrer Sexualität abhalten wollte
und in erster Linie eine „Drohpädagogik“ war, die Körper- und Lustfeindlichkeit
propagierte, hatte sich überlebt.
Kindern wie Jugendlichen sollte nun ein positives Bild von Sexualität vermittelt
werden, das Sexualität in ihrer ganzen Bandbreite und Vielfältigkeit akzeptierte,
sie zu Neugier auf den eigenen Körper und den damit verbundenen Lustmöglich-
keiten ermutigte. Die Körper von Kindern und Jugendlichen sollten nicht mehr zu
dressiert und abgehärtet werden, sondern wurden in dieser Pädagogik als Körper
aufgefasst, die Lust empÀnden können und auch ein Recht dazu haben.
Nicht nur auf der akademischen Ebene waren emanzipatorische Konzepte do-
minierend, es gab auch zunehmend Aufklärungsbücher, die sich direkt an die Ju-
gend wendeten wie das zu dieser Zeit sehr populäre Buch „Sexfront“ von Günter
Amendt, das 1970 in erster AuÁage erschien. Amendt wendet sich deutlich gegen
eine sexualunterdrückende Pädagogik in Elternhaus und Schule und betont das
Recht von Kindern und Jugendlichen auf eine lustvolle und selbstbestimmte Se-
xualität:

„Jungen sind in diesem Alter besonderer Verfolgung ausgesetzt, weil ihre lustvolle
Betätigung sichtbarer und zielgerichteter ist als die der Mädchen. Immer deutlicher
wird den Kindern, daß man ihnen hier etwas verbieten will, was ihnen großen Spaß
macht und wovon sie auch nicht ablassen wollen, weilάs so schön ist.“ (Amendt
1989, S. 9)

Dieselbe emanzipatorische Intention, bezogen auf Mädchen, Àndet sich exempla-


risch im Buch „Mädchen. Sexualaufklärung emanzipatorisch“ von Antje Kunst-
mann. Hier wird eine Pädagogik vertreten, die sich an den Forderungen und Posi-
tionen der Frauenbewegung orientiert:
4.4 Jugend zwischen Emanzipation, Konsum und Krise 141

„Sexualität bestimmt dein ganzes Leben. In der Schule, im Beruf, in der Öffent-
lichkeit: überall wirkt sich die Tatsache, daß du eine Frau bist, wertmindernd aus,
werden dir die für Männer und Jungens selbstverständlichen Freiheiten verwehrt,
gilt eine andere, strengere Moral für dich als für den Mann. Das Buch ist deshalb
nicht nur Aufklärung über sexuelle Vorgänge. Wort und Bild informieren dich viel-
mehr über alles, was mit deiner Stellung als Frau zusammenhängt und geben dir
Wege an, wie du dich aus den Benachteiligungen lösen kannst.“ (Kunstmann 1976;
Text auf der Buchrückseite)

In diesen Büchern wird mit einer direkten Sprache, Zeichnungen und Fotos über
die menschliche Sexualität aufgeklärt. Doch bedeutete der emanzipatorische An-
spruch hier weitaus mehr als eine Wissensvermittlung über Körper, Schwanger-
schaft und Verhütungsmittel. Im Sinne einer kritischen Sicht auf gesellschaftliche
Verhältnisse wurde Sexualität im Kontext von einschränkenden, ungleichen Le-
bensbedingungen, Vermögens- und Machtunterschieden, der Unterprivilegierung
von Mädchen und Frauen, der Kritik an herrschenden Schönheits- und Körper-
idealen und der Reproduktion von Geschlechterstereotypen in der Werbung the-
matisiert. Gleiche Intentionen verfolgte auch die parteiliche oder feministische
Mädchenarbeit, die sich seit Beginn der 70er Jahre entwickelte (s. Klees/Marbur-
ger/Schumacher 1989); hier wurden Konzepte entwickelt, die Mädchen dazu ver-
helfen sollte, sich vom traditionellen Bild der Frau und des Mädchens zu lösen, ihre
unterprivilegierte Situation zu erkennen und sich hin zu einem selbst bestimmten
Leben und einer selbst bestimmten Sexualität ohne die Abhängigkeit von Jungen
und Männern zu entwickeln.
Die liberalere gesellschaftliche Sexualmoral und -erziehung wirkte sich auf das
Sexualverhalten Heranwachsender aus. Das Alter, in dem junge Menschen erste
sexuelle Erfahrungen mit anderen machten, sank weiter. Bei einer Untersuchung
über das Sexualleben von Studierenden stellten die AutorInnen fest, dass vor allem
junge Frauen selbstbewusster und selbstbestimmter mit ihrer Sexualität umgingen,
wodurch sich die Geschlechtsunterschiede umkehrten, „d. h. seit den 70er Jahren
fangen Mädchen früher mit dem Geschlechtsverkehr an, sind Studentinnen (ge-
messen am Koitusvorkommen) heterosexuell aktiver als Studenten und sie haben
auch mehr Sexualpartner als ihre Kommilitonen Sexualpartnerinnen.“ (Schmidt/
Klusmann/Matthiesen/Dekker 1998, S. 122) Die traditionell geforderte sexuel-
le Zurückhaltung von Frauen spielte im studentischen Milieu keine große Rolle
mehr, Studentinnen der 70er Jahre pÁegten einen eher offensiven und selbstbe-
wussten Umgang mit ihren sexuellen Bedürfnissen.
Die kritische Bewegung Ende der 60er Jahre führte bei einem Teil der Jugend-
lichen auch zu einem kritischeren politischen Bewusstsein; in der Jugendzent-
rumsbewegung der 70er engagierten sich zahlreiche Heranwachsende für selbst
142 4 Die siebziger Jahre

verwaltete Jugendzentren; sie wollten sich Freiräume erkämpfen, um ohne von Er-
wachsenen erdachte pädagogische Konzepte, ohne Konsumzwang und ohne Maß-
regelungen von Autoritäten ihre Vorstellung von Jugendarbeit umzusetzen: Hier
sollten Konzerte, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen von Jugendlichen für
Jugendliche selbstbestimmt organisiert werden.
Auch die Bewegungen gegen die Atompolitik, die beginnenden Hausbesetzun-
gen, Initiativen, die sich für die Menschen in der Dritten Welt einsetzten und – am
Ende des Jahrzehnts – die Mobilisierung gegen Franz Josef Strauß, den konser-
vativen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, wurde zum großen Teil von kritischen
Heranwachsenden getragen. In Folge der 68er Bewegung hatte ein nicht geringer
Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein politisches Bewusstsein erlangt
und engagierte sich in verschiedenen politischen Zusammenhängen.
In diesen Kreisen herrschte ein eher gleichberechtigtes Verhältnis zwischen
den Geschlechtern. Auch in der Kleidung und dem Auftreten nivellierten sich die
Unterschiede: Lange Haare bei beiden Geschlechtern, Jeans und Parka oder Arbei-
terhemden und Latzhosen, dazu Palästinenser-Tücher und Sticker mit politischen
Slogans wie „Atomkraft? Nein danke!“ waren angesagt, es wurde weitestgehend
auf eine äußerlich eindeutige Geschlechtsdarstellung wie auch ein „elegantes“
Auftreten im herkömmlichen Sinne verzichtet.
In dieser Zeit verstärkte sich zugleich die Kommerzialisierung des Kindes- und
Jugendalters: Die Werbung und die Produkte für Artikel, die speziell für Heran-
wachsende hergestellt wurden, professionalisierte sich und die Angebote an Spiel-
zeug, Puppen, Figuren, Fernsehserien, Süßigkeiten und diversen anderen Artikeln
nahm ständig zu, sodass Kinder und Jugendliche ein eigenes, von der Wirtschaft
umworbenes Marktsegment bildeten, das sich von der (Konsum-)Welt der Erwach-
senen zunehmend unterschied. Es entwickelte sich eine eigene Konsumkultur für
Kinder, die durch kommerzielle Angebote eine „sanfte Anpassung“ (Lenzen 1978)
von Kindern und Jugendlichen bewirken sollte.
Für die Heranwachsenden insgesamt lassen sich rein kommerzielle Angebote
unterscheiden von Angeboten, die politisch engagiert waren, wie etwa im Bereich
des Kinder- und Jugendtheaters:

„Die Dualität zwischen anspruchsvoller, authentischer, aber öffentlich wenig be-


achteter und genutzter Kinderkultur auf der einen Seite und dem sensationshei-
schenden, von einer Hype zur anderen hastenden, eng verÁochtenen und zuneh-
mend auch international operierenden, kommerziellen Kindermedienmarkt bildete
sich hierzulande in den siebziger Jahren heraus und hat sich seitdem unaufhaltsam
gefestigt und mächtig entfaltet.“ (Kübler 2004, S. 78)
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco 143

Verdeutlicht werden kann der Unterschied zwischen kommerziellen und enga-


gierten Angeboten für Kinder und Jugendliche anhand des Umgangs mit Körper,
Geschlechterrollen und Sexualität bei den Figuren „Barbie und Ken“ und den Stü-
cken des Kinder- und Jugendtheaters „Rote Grütze“.
Barbie und Ken sind Figuren des Spielzeugherstellers Mattel, sie können mit
zahlreichen Accessoires ausgerüstet werden, wodurch sich erweiterte Absatzmög-
lichkeiten ergeben. Beide entsprechen den herkömmlichen Geschlechterstereoty-
pen: Barbie ist schlank und blond, elegant gekleidet, Barbies Welt sind das Zuhau-
se oder die Geschäfte, in denen sie einkauft. Ken hingegen ist größer und kräftiger,
er geht hinaus in die Natur, er campt und angelt. Sexualität, Körper und Geschlecht
werden hier nur indirekt, über den Vorbildcharakter der Puppen, thematisiert, al-
lerdings nicht explizit, denn beide Puppen haben keine Geschlechtsteile.
Im Gegensatz dazu werden in den Stücken „Darüber spricht man nicht“ (1973)
und „Was heißt hier Liebe“ (1976) des Berliner Theaters Rote Grütze Fragen von
Kindern und Jugendlichen behandelt, angefangen von Informationen zur Körper-
aufklärung und Verhütungsmitteln bis hin zu Themen wie Liebeskummer, Bezie-
hungsprobleme und Homosexualität.
Neben vergrößerten Freiräumen, unter denen Jugendliche in den 70ern auf-
wuchsen, und einer verstärkten Kommerzialisierung ihrer Lebenswelt bestimmte
das Gefühl der Krise das Leben von Heranwachsenden. Keine Generation in der
Bundesrepublik war vorher mit solch massiven Krisenphänomenen konfrontiert
wie diese. Die ökonomische Krise sorgte für Unsicherheit hinsichtlich der eigenen
beruÁichen Zukunft, vor allem bei Jugendlichen mit unterprivilegierter sozialer
Herkunft: Keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen wurde zu einer
realen Bedrohung. Auch diejenigen, die sich einen Aufstieg durch Bildung ver-
sprachen, waren verunsichert. Für viele Fächer galt ein Numerus Clausus, der die
Studienmöglichkeiten beschränkte, die Universitäten waren überfüllt und neben
der Angst vor einer drohenden Arbeitslosigkeit nach dem Studium gab es bei enga-
gierten Studierenden noch die Angst, durch ein Berufsverbot nicht für den Staats-
dienst zugelassen zu werden. Schließlich wurden die Gefühle der Unsicherheit,
der Bedrohung und der Perspektivlosigkeit noch durch die Ängste vor einer öko-
logischen Katastrophe weiter verfestigt.

4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco

Ende der 60er, Anfang der siebziger Jahre gab es im Bereich der Rock- und Pop-
musik einige einschneidende Ereignisse: 1969 gaben die Beatles ihre AuÁösung
als Band bekannt; 1970 starb Janis Joplin an Heroin, im selben Jahr Jimi Hendrix,
144 4 Die siebziger Jahre

ofÀziell durch eine Kombination von Alkohol und Tabletten; 1971 starb Jim Mor-
rison, Sänger und Frontmann der US-amerikanischen Band „The Doors“, eben-
falls an Heroin.
Insbesondere Joplin und Hendrix waren zentrale Figuren der Counterculture,
waren in Woodstock aufgetreten und hatten wesentlich zur Legende des Festivals
beigetragen. Janis Joplin widersprach vollkommen dem Bild einer „anständigen“
Frau in der damaligen Zeit: Ihre Shows waren wild und provozierend, ihre Stimme
rau, sie prostete bei ihren Auftritten dem Publikum mit Whiskey zu und pÁegte
einen – bei ihren männlichen Kollegen weit verbreiteten – Lebensstil mit Alkohol,
Drogen und wechselnden Liebhabern. Mit Paul ButterÀeld nahm sie den Song
„One Night Stand“ auf, ein Loblied auf Promiskuität und sexuelle Freiheit. Jimi
Hendrix trat in schrillen und bunten OutÀts auf, revolutionierte das Spiel mit der
E-Gitarre, die er auch mit den Zähnen und hinter dem Rücken spielte und am
Ende seiner Shows in Flammen aufgehen ließ. In Woodstock spielte er eine völlig
verzerrte Version der US-Nationalhymne, wobei im Hintergrund Geräusche von
Bomben und Gewehren zu hören waren, eine eindeutige Kritik am Krieg der USA
in Vietnam.
Die populäre Musik entwickelte sich im Laufe der siebziger Jahre weiter, dif-
ferenzierte sich aus, wurde kommerzieller und war zu einem riesigem Angebot
geworden, das sich in ester Linie an Jugendliche und junge Erwachsene richtete.

„Auf der einen Seite stehen neue Crossover-Ansätze, Ausdifferenzierung und stilis-
tische Vielfalt; ein enormer Reichtum an Kreativität in den unterschiedlichsten For-
men; ein Nebeneinander hochkomplexer Concept Alben, ausgefeilter Kunstwerke
auch mit zehn oder fünfzehn Minuten Länge und musikalisch roh-primitiver 2-Mi-
nuten-Singles; eine beeindruckende ideologische Bandbreite von kämpferischem
Protest und apokalyptischem Weltentwurf über religiöse Predigt, bedingungslose
Anpassung und glamouröse Theatralik bis zur analytisch-bissigen Gesellschafts-
satire.“ (Faulstich 2004b, S. 145)

Im Bereich der Rockmusik waren dabei vor allem zwei Stilrichtungen prägend:
die Weiterentwicklung zum Progressive Rock und Hard Rock. Der Progressive
Rock erweiterte die stilistischen Mittel der Rockmusik durch die Übernahme von
Elementen aus Klassik und Jazz; hier wurden weniger kurze, hitverdächtige Songs
produziert als ausgedehnte Stücke mit komplexerer Struktur und höherem künstle-
rischen Anspruch. Prominenteste Bands dieser Richtung waren Genesis, Emerson,
Lake & Palmer und Yes, alles britische Gruppen mit ausschließlich männlichen
Musikern. Auch die prominentesten Vertreter des Hard Rock waren männlichen
Geschlechts und englischer Herkunft: Deep Purple, Led Zeppelin und Black Sab-
bath spielten eine härtere Variante der Rockmusik, auch ihre Songs sprengten zum
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco 145

Teil das Hitparaden-Schema, wobei vor allem ausgedehnte Gitarren-Soli für die-
sen Stil markant waren. Im Hard Rock dominierte eine klassische Inszenierung
von Männlichkeit durch ernste Mimik und aggressive Posen, die durch den Musik-
stil noch unterstrichen wurde.
Zum Habitus einiger (männlicher) Rockstars der 1970er gehörte es, Hotelzim-
mer zu verwüsten, bei Liveauftritten Instrumente zu zerstören, Sexabenteuer mit
zahlreichen Groupies zu haben und exzessiv Drogen zu konsumieren, was ihren
rebellischen, exotischen und männlichen Images förderlich war.

„Die Zerstörungsmanie in der Popkultur, ob als Kollateralschaden des Rock‘n’Roll-


Lifestyles oder als bewusst gesetzte subversive Geste wider eine als oppressiv emp-
fundene gesellschaftliche Normalität, wurde spätestens in den siebziger Jahren zum
Standardprogramm. Von Rock-Göttern wie Led Zeppelin, Aerosmith oder Black
Sabbath erwartete man geradezu, dass die sich nach den Maßstäben der bürger-
lichen Etikette danebenbenahmen.“ (Mießgang 2013, S. 127)

Ausnahmen zu diesen männlich dominierten Bands im Bereich des Rock bildeten


die US-Amerikanerin Suzie Quattro und die „Runaways“. Suzie Quattro hatte mit
Songs wie „Can the can“ und „48 Crash“ Erfolg in den Hitparaden und übernahm
in Kleidung und Verhalten den Habitus männlicher Rockstars:

„Eine ekstatische, die Gitarre wirbelnde, in schwarzen Ledersuit gekleidete und


schreiend über die Bühne rockende Erscheinung, die den ZuschauerInnen den Atem
raubte. Mit ihrem ‚tough chick‘ sollte sie als Instrumentalistin Rolemodel für viele
Rockmusikerinnen werden,…“ (Kiessling 2007, S. 18)

Die Runaways waren eine Hardrock- und Punk-Frauenband, die offensiv und
selbstbewusst in Leder und Reizwäsche auftrat und in ihren Songs Erfahrungen
mit Sex und Alkohol besang; die Sängerin und Gitarristin Joan Jet startete nach
AuÁösung der Runaways im Jahr 1979 eine erfolgreiche Solokarriere.
Im Bereich des deutschen Schlagers ging es wesentlich gesitteter zu. In der pro-
minentesten deutschen Schlagersendung, der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas
Heck, feierten Titel wie „Ein Lied zieht hinaus in die Welt“ von Jürgen Marcus,
„Aber am Abend, da spielt der Zigeuner“ von dem Duo Cindy und Bert oder Jür-
gen Drews mit „Ein Bett im Kornfeld“ Erfolge.
In der nach wie vor beliebtesten und am meisten gelesenen Jugendzeitschrift
„Bravo“ Àndet sich in den Siebzigern eine Mischung aus deutschen und auslän-
dischen Stars und Bands. Als GewinnerInnen des Ottos in der Sparte Musik sind
neben den Beatles, Roy Black, Tina Charles und Bonnie Tyler auch die Bay City
146 4 Die siebziger Jahre

Rollers, Smokie, Daliah Lavi und die Bay City Rollers zu Ànden, wobei sich das
Gewicht gegen Ende des Jahrzehnts eindeutig auf die Stars aus England und den
USA verlagert; einen Hit nach dem anderen lieferte zudem die schwedische Pop-
band ABBA, die aus zwei Frauen und zwei Männern bestand.
Deutsche Gruppen wie Guru Guru, Kraan, Birth Control und Can spielten zwar
jeweils unterschiedliche Stilrichtungen, wurden aber unter dem Begriff „Kraut-
rock“ etikettiert, in diese Jahrzehnt wurde zudem der Reggae populärer.
In der ZDF-Musiksendung „Disco“, moderiert von Ilja Richter, traten sowohl
deutsche SchlagersängerInnen als auch internationale Stars auf, der „Rockpalast“
des WDR begann 1977 die „Rocknacht“ mit international renommierten Bands
wie Little Feat, Mothers Finest und der Patti Smith Group.
Im Rahmen des erweiterten Spektrums der populären Musik gab es in den Sieb-
zigern auch engagierte, sich selbst als links und emanzipatorisch positionierende
Bands im deutschen Sprachraum, wie etwa die Schmetterlinge, Floh de Cologne
und Ton Steine Scherben. Die österreichischen „Schmetterlinge“, eine gemischt-
geschlechtliche Formation, veröffentlichten 1977 die „Proletenpassion“, eine Ge-
schichte des Leidens der unterdrückten Klassen; in „Herbstreise“ schilderten sie
das bedrückende politische Klima des „Deutschen Herbstes“ Ende der 70er Jahre.
Floh de Cologne, eine bereits in den 60er Jahren gegründete Polit-Rockband aus
Köln, verstanden ihre Musik und ihre Auftritte als „Agitations-Revuen“, kritisier-
ten die ungerechten ökonomischen und sozialen Verhältnisse in der Bundesrepub-
lik, unter anderem mit ihrer Rockoper „ProÀtgeier“ von 1971. Ton Steine Scherben
erreichten in der linken und autonomen Szene der 70er Jahre Kultstatus. Mit Songs
wie „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, „Ich will nicht werden, was mein Alter
ist“ und „Keine Macht für Niemand“ wollten sie mit aggressiver Musik und Tex-
ten vor allem proletarische und unterprivilegierte Jugendliche erreichen und zum
Kampf gegen die Verhältnisse bewegen. Der Sänger von Ton Steine Scherben, Rio
Reiser, stand offen zu seiner Homosexualität und trat aktiv für die Rechte von
Lesben und Schwulen ein. Mit der schwulen Theatergruppe „Brühwarm“ veröf-
fentlichte er die Alben „Mannstoll“ (1977) und Entartet (1979)
Irritierend auf die herrschenden Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht
wirkte der „Glam Rock“ Anfang der siebziger Jahre. „Glam“ stand hierbei für
„Glamour“ und bezog sich auf das extravagante Auftreten der Musiker. Waren
Plateauschuhe auch bei Vertretern anderer Bands zu dieser Zeit normal, traten sie
zudem noch geschminkt, mit Federboa, Glitzer- oder Fantasieanzügen und ondu-
lierten Frisuren auf.
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco 147

„Vor diesem Hintergrund lässt sich die Glam-Rock-Bewegung als eine frühe queere
Subkultur betrachten, in der Sexualität im Hinblick auf die Rolle heterosexueller
Männlichkeit innerhalb der Tradition von Rock- und Popmusik einerseits und im
gesamtgesellschaftlichen Kontext andererseits verhandelt wurde. Das von Künst-
lern wie David Bowie, Roxy Music und Gary Glitter ganz offensichtlich zur Dis-
position gestellte ‚neue‘ Bild heterosexueller Männlichkeit spielte sowohl mit den
Repräsentationscodes von Weiblichkeit als auch der homosexuellen und transvesti-
schen Subkultur.“ (Schubarth 2007, S. 209)

Zur Glam-Rock-Szene können zudem noch Marc Bolan von T. Rex und die Band
The Sweet gezählt werden. Glam Rock war eine Domäne weißer britischer Män-
ner, es war ein spielerischer Verstoß gegen eine eindeutige männliche Selbstdar-
stellung, vor allem durch die Übernahme von als weiblich geltenden Accessoires.
Ob kommerziell inszeniert oder als Subversion gedacht: Glam Rock spielte mit
den Klischees der Geschlechter und verweigerte durch öffentlich inszeniertes
Cross-Dressing eine eindeutige geschlechtliche und sexuelle Zuordnung. Andro-
gynität und eine uneindeutige sexuelle Orientierung gab es zwar schon vorher in
der Rock- und Popmusik, doch ging die Selbstdarstellung der Glam-Rocker weit
über das bisher Gekannte hinaus.

„Auch wenn einige dieser Musiker, wie beispielsweise Mick Jagger, mit Androgynie
und Bisexualität kokettierten, so war dies stets gepaart mit einem Macho-Setting,
welches Männlichkeit zu einer Idealwelt für Sex stilisierte, die frei war von physi-
schen und emotionalen Schwierigkeiten und in der männliche Schwäche nur in ihrer
Abwesenheit existierte. Stattdessen prägten Anfang der Siebzigerjahre Androgynie,
Camp und Cross-Dressing das Bild der Popkultur und heterosexuelle Männlichkeit
wurde, unter anderem auch vor dem Hintergrund der fortschreitenden Frauenbe-
wegung, zunehmend problematisiert.“ (Schubarth 2007, S. 209f)

Neben dem Effekt, dass Glam Rock durch das Spiel mit Geschlechterdarstellun-
gen und sexueller Orientierung die herrschenden Vorstellungen irritieren konnte,
war er auch geeignet, sich gegen die Ideologie der Hippiekultur zu wenden. Die
Glam-Rocker verkörperten KunstÀguren ohne Anspruch auf Echtheit, was vor al-
lem für die Hippies mit ihren Werten wie Authentizität und Natürlichkeit eine Pro-
vokation war; es waren keine Künstler, die eine Botschaft verkündeten, sondern
von der Musikindustrie inszenierte Figuren. Zwar gab es in der Hippiekultur auch
eine Annährung der Geschlechter und eine relativ offene Haltung gegenüber Se-
xualität, doch eine demonstrativ in Szene gesetzte und uneindeutige Geschlechter-
darstellung und Sexualität standen in krassem Gegensatz zu ihren Vorstellungen
von Natürlichkeit und Schlichtheit. Glitzerfarben statt Blumenmuster, künstliche
Frisuren statt lediglich langer Haare und uneindeutige Identitäten statt Authen-
148 4 Die siebziger Jahre

tizität waren dabei die zentralen Gegensätze, wobei – trotz aller Subversion von
Geschlecht und Sexualität – Glam Rock eine eindeutig weiße und männlich domi-
nierte Stilrichtung war.
Gegen Ende des Jahrzehnts wurde die kommerzielle Musik durch die neu auf-
kommende „Disco-Welle“ bestimmt. Unmittelbarer Anlass war der US-ameri-
kanische Film „Saturday Night Fever“ von 1977, der ein Jahr später unter dem
Titel „Nur Samstag Nacht“ in die deutschen Kinos kam. John Travolta spielt Tony
Manero, einen jungen Mann aus New York mit italienischer Herkunft. Manero
arbeitet in Brooklyn in einem Farbladen als Angestellter. Um seinem eintönigen
und frustrierenden Alltag zu entÁiehen, besucht er am Wochenende eine Disco in
seinem Stadtteil. Dort erhält er aufgrund seines Tanzetalentes die Anerkennung
der anderen BesucherInnen, wird von Frauen umschwärmt und von den Jungen
aus seiner Clique bewundert. Manero trainiert mit seiner Partnerin für einen Tanz-
wettbewerb, den sie schließlich auch gewinnen. Der Film und das dazu produzierte
Album der Bee Gees wurden ein riesiger Verkaufsschlager.
Tony Manero, der Hauptakteur des Films, ist ständig pleite und zieht mit seiner
Gang durch die Stadt. In der Discothek ist er mit Hemd und Jackett elegant geklei-
det. Er ist schlank und beweglich, seine Tanzbewegungen sind elegant, ausgefeilt,
Áießend und voller erotischer Anspielungen. Manero erreicht das, wovon zahl-
reiche Jugendliche träumen, nämlich einen öden und unbefriedigenden Alltag zu-
mindest für Stunden hinter sich zu lassen und wenigstens hier zu der Anerkennung
und Bewunderung zu kommen, die ihnen sonst verwehrt wird.
Die Disco-Welle, die mit dem Film und dem dazugehörigen Soundtrack aus-
gelöst wurde, führte zu einigen Disco-Stars wie Donna Summer, Barry White,
Carl Douglas und Boney M., wobei die Karrieren zum Teil auf ein bis zwei Hits
beschränkt blieben. Hier standen die singenden und tanzenden Stars im Mittel-
punkt, die InstrumentalistInnen blieben meist unbekannt oder hielten sich im Hin-
tergrund. Entscheidend für diese Musik sind das Arrangement und der Rhythmus,
der zum Tanzen geeignet sein muss, Texte spielen bei diesen Stücken eine unter-
geordnete Rolle.
Die Disco-Welle wurde von vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen be-
geistert aufgenommen und führte dazu, dass zahlreiche Discotheken eröffnet wur-
den. Das Betreiben einer Disco wurde zu einer kommerziell lukrativen Angelegen-
heit und professionalisierte sich:
4.5 Protestsongs, Glam Rock und Disco 149

„Als Reaktion auf die Tanzbegeisterung entstehen zahlreiche neue Discotheken,


die sich gegenseitig durch ihre leistungsstarken Musikanlagen und spektakulären
Lichtorgeln übertrumpfen. Auch die Tanzschulen haben sich schnell auf die Disco-
welle eingestellt und bieten speziellen Tanzunterricht im ‚John-Travolta-Stil‘ an.
Die Euphorie für die ‚Glam- und Glitter‘ Welt der Disco hat auch in der Mode für
Jugendliche Spuren hinterlassen. Grelle und schrille Farben, glänzende Stoffe, die
das Laserlicht reÁektieren und hautenge Schnitte sind besonders beliebt.“ (Jugend-
jahre 2001, S. 104)

Eine Ausnahme im Bereich der Disco-Welle spielten die Village People aus den
USA; benannt nach Greenwich Village, einem New Yorker Stadtteil mit einer blü-
henden homosexuellen (Sub-)Kultur, verkörperten sie bei ihren Auftritten durch
Verkleidungen so unterschiedliche männliche Typen wie einen Polizisten, einen
Bauarbeiter, einen Cowboy oder einen Rocker. Die Musiker der Gruppe bekannten
sich nicht zu ihrer Homosexualität, doch weisen zahlreiche Anspielungen in ihren
Songs „YMCA“, „In the navy“ darauf hin, wobei die Musik auch bewusst für ein
schwules Publikum produziert wurde.
Discotheken waren bis zum Ausbruch der Disco-Welle eher exklusive Räume,
die entweder einem betuchten Publikum vorenthalten waren oder der afro-ame-
rikanischen und homosexuellen Subkultur in den USA. Die Disco-Welle sorgte
somit für eine – je nach Sichtweise – Demokratisierung oder Vermassung der Di-
scotheken als Räume der Freizeitgestaltung, wobei allerdings ein Dress-Code ein-
zuhalten war, mit löchrigen Jeans und Turnschuhen wäre ein Besuch kaum mög-
lich gewesen. Das Publikum in den Discotheken war gestylt, Glam und Glitter
waren angesagt, wobei in der Regel allerdings kein Spiel mit den Dresscodes der
Geschlechter stattfand wie beim Glam Rock. In der Discothek ging es eher darum,
sich individuell über seine Kleidung, seinen Körper und seinen Tanzstil zu präsen-
tieren, Kontakte zu knüpfen und eventuell sexuelle Abenteuer oder Beziehungen
anzubahnen. Die Musik wurde in aller Regel nicht live gespielt, die angesagten
Hits kamen von der Schallplatte.
Disco ist somit ein Beispiel für eine vollkommen angepasste und von der Kul-
turindustrie künstlich geschaffene Jugendkultur: Die frustrierenden alltäglichen
Erlebnisse in der Arbeit wurden nicht kritisiert oder geändert, sondern anderwei-
tig kompensiert. Auch Autoritäten, gesellschaftliche Machtverhältnisse oder tra-
ditionelle Geschlechterrollen wurden keineswegs in Frage gestellt, das Leben am
Wochenende sollte für ein unerfülltes Leben unter der Woche entschädigen. Die
Discothek war ein Raum, um sich zu präsentieren, nicht ein Ort, an dem soziale
Verhältnisse problematisiert wurden. Konsum spielte dabei eine zentrale Rolle:
Die richtige Kleidung, die teuren Getränke und der Eintritt mussten Ànanziert
werden, und auch wenn Discos durch die weitere Verbreitung an Exklusivität ein-
150 4 Die siebziger Jahre

gebüßt hatten, blieben sie doch – von Türstehern kontrolliert – Orte, an denen
Gleichgesinnte sicher sein konnten, unter sich zu bleiben.
Vor allem von männlichen Rockfans wurde Disco als Musikrichtung schroff
abgelehnt. Unter der – wohl nicht ganz so ernst zu nehmenden – Formel „Folter
für Travolta“ wendeten sie sich gegen das kommerzielle Spektakel; es waren zum
einen eine Kritik an der völlig von der Kulturindustrie gesteuerten Modewelle und
zum anderen die weichen, geschmeidigen Bewegungen Travoltas, die vor allem
auf Verteter des harten Rock provokant wirkten, weil sie ihren Vorstellungen von
inszenierter Männlichkeit diametral widersprachen.
Seit den 70er Jahren können Pop und Rock immer weniger mit Protest und
Gegenkultur gleichgesetzt werden, engagierte und kritische Songs und Bands wur-
den eher zur Ausnahme. Popmusik kreierte statt einer Systemkritik oder Alterna-
tiven zum Bestehenden immer neue Moden und Trends und wurde schließlich zu
einer Gewinn versprechenden Sparte der Unterhaltungsindustrie, die immer mehr
nur noch der kritiklosen Freizeitgestaltung und dem Vergnügen diente.

4.6 Punk

Die bedeutendste und radikalste Jugendkultur der 70er Jahre war ohne Zweifel
Punk. Punk bedeutete in seinem Ursprung einen Bruch mit den herrschenden
ästhetischen Normen, den ProÀt orientierten Angeboten der Kulturindustrie, mit
den politischen Überzeugungen der Linken und schließlich auch einen Bruch mit
der Ideologie der Hippies. Punk als Begriff bezeichnet in abfälliger Weise die
Verlierer und Außenseiter der Gesellschaft, er bedeutet wörtlich „Schmutz“ und
„Dreck“, wie die Punks sich selbst stigmatisierend bezeichneten, um ihre Außen-
seiterstellung und grundsätzlich oppositionelle Haltung zum Ausdruck zu bringen.
Als Ursprung des Punk gilt das New York zu Beginn der 70er Jahre mit den
New York Dolls, den Ramones, Iggy Pop und Patti Smith. In Europa waren die bri-
tischen Bands Sex Pistols, The Clash, The Damned und The Stranglers Vertreter
der ersten Generation, in Deutschland Malaria, Palais Schaumburg, die Tödliche
Doris, Slime und die über Jahrzehnte erfolgreichen Ärzte und Toten Hosen, wobei
sich vor allem Hamburg, Berlin und Düsseldorf als kreative Zentren der Punk-
kultur herausbildeten.
Mit der Gründung der britischen Band „Sex Pistols“ 1976 wurde Punk einer
größeren Öffentlichkeit bekannt, wobei der Ursprung in intellektuellen und künst-
lerischen Kreisen lag:
4.6 Punk 151

„Protagonisten der Punk-Idee waren zunächst Intellektuelle und Kunsthochschul-


dozenten wie Bernhard Rhodes oder Malcolm McLaren,( ...), die sich als Situa-
tionisten verstanden, denen es ähnlich wie den Punks um eine Infragestellung etab-
lierter Spielregeln und eine Ästhetik der Langeweile ging (...).“ (Krüger 2010, S. 21f)

Provokation und Tabubruch waren das Elementare des neuen Stils. Hierfür eignete
sich das Tragen von Kleidung, die normalerweise nicht alltäglich und nicht öffent-
lich getragen wurde, besonders gut: Fetischkleidung, die in Sex-Shops gehandelt
wird. Malcolm McLaren, der spätere Manager der Sex Pistols, gründete in London
einen Laden mit dem Namen „Sex“, in dem Fetischkleidung verkauft wurde:

„..., ich entschloß mich, an all diese kleinen Fabriken zu schreiben, die Sex-Klamot-
ten herstellten.( ...). Und ich dachte mir: Wie wärά das wohl, wenn ich all diese selt-
samen Fetischklamotten in die Mitte der Kings Road stelle und als Mode verkaufe.
Und ich verkaufte sie mit Musik dazu und einer Juke-Box. Und so gründete ich den
Laden ‚Sex‘ ... Und dann suchten sie nach einer Identität in Form von Musik und
ein Forum und einen Ort, und einige von ihnen wollten in einer Gruppe spielen, und
ich nannte sie ‚Sex Pistols‘.“ (Zit. n. Sonnenschein 1999, S. 159)

Insbesondere Malcom McLaren verstand es, Punk und die Sex Pistols als häss-
lichen und brutalen Bürgerschreck medial zu inszenieren und ihnen Aufmerksam-
keit zu verschaffen.

„Die britische Öffentlichkeit reagierte panisch. Spätestens nach Ausstrahlung des


‚Sex Pistols‘-Fernsehinterviews des BBC-Moderators Billy Grundy im Dezember
1976, in dem die Band den Moderator vor laufender Kamera beschimpfte, wurde
die Punkbewegung zur Bedrohung der inneren Sicherheit Großbritanniens stilisiert.
(...) Die Boulevardzeitungen übertrafen sich gegenseitig mit Horrormeldungen über
die entstehende Subkultur. Die Single ‚God Save The Queen‘ wurde von der BBC
und etlichen Ladenketten boykottiert, die ‚Sex Pistols‘ und andere Bands von fast
allen Veranstaltern mit Auftrittsverboten belegt.“ (Grimm 1998, S. 55)

Die mediale Inszenierung ist die eine Seite der Punkbewegung; neben den intel-
lektuellen und avantgardistischen Ansprüchen, den kommerziellen Interessen und
den kalkulierten Tabubrüchen, vor allem der Sex Pistols, artikulierte Punk als
Jugendkultur allerdings auch Bedürfnisse und BeÀndlichkeiten der Jugendlichen
in den 70ern, die mit massiven Problemen wie Arbeitslosigkeit und ökologischen
Gefahren konfrontiert waren und in einem sozial angepassten Leben keinen Sinn
und keine Zukunft mehr sahen. Punk war vor allem für die abgehängten und aus-
gegrenzten Jugendlichen mit schlechtem oder keinem Schulabschluss und ohne
Aussicht auf eine feste Anstellung Ausdruck ihrer verzweifelten sozialen und öko-
152 4 Die siebziger Jahre

nomischen Situation. Dem Ursprung nach war Punk sowohl ästhetisches Experi-
ment als auch soziales Aufbegehren, das sich in Deutschland in zwei unterschied-
lichen Varianten äußerte:

„Dabei kristallisierten sich auch in den westdeutschen Metropolen wie z.B. Berlin,
Hamburg oder Düsseldorf vor allem zwei Szenen heraus: zum einen eine engagierte
Kunst- und Musikszene, für die Punk erst einmal ein neues und avantgardistisches
Ausdrucksmittel war, das sich auch in provozierenden Bandnamen wie Deutsch-
Amerikanische Freundschaft, Einstürzende Neubauten oder Blitzkrieg dokumen-
tierte; zum anderen eine alltagsorientierte Punkszene, zu der auch arbeitslose
Jugendliche mit negativen Bildungskarrieren gehörten und für die Punk zu einem
zentralen Lebensstil wurde (...).“ (Krüger 2010, S. 22f)

Ob durch die Verhältnisse erzwungen oder frei als neuer Stil gewählt, Punk war
eine Absage an alle Bestrebungen, sich gesellschaftlich zu integrieren und an-
zupassen. Im Gegenteil, es war die Absicht, die Gesellschaft mit denen, die sie
produzierte, mit den Ausgeschlossenen und Ausgegrenzten zu konfrontieren und
dadurch zu provozieren. Punk bedeutete Verweigerung und Provokation. Punk be-
deutete auch eine Absage an Utopien: Schwebte den Studierenden Ende der 60er
Jahre noch eine gerechte und sozialistische Gesellschaft vor, träumten die Hippies
noch von der Befreiung des Menschen durch einen Bewusstseinswandel, so gab es
bei Punk angesichts ökonomischer und drohender ökologischer Katastrophen nur
noch Hoffnungslosigkeit, wie es die Hamburger Punkband Slime in ihrem Song
„Albtraum“ beschreibt:

„Wir leben in einem Albtraum/Das Erwachen wird der Selbstmord sein/Nur der Tod
reibt sich die Hände/Denn nur er alleine wird der Sieger sein.“ (Slime, Albtraum)

Trotz dieser grundsätzlich düsteren Weltsicht kann nicht behauptet werden, dass
Punk eine Jugendkultur ohne Lebensfreude und Spaß gewesen wäre; im Gegenteil
hatten Punks bei Konzerten und Parties viel Spaß an Musik und Alkoholkonsum,
Rumhängen und Feiern. Punk war eine sehr lebendige und im Rahmen der Szene
auch lebenslustige Kultur. Punk zu sein bedeutete auch Spaß an der Provokation;
es war keine intellektuelle Bewegung mit gesellschaftskritischer Analyse, sondern
der spontane Ausdruck eines Unbehagens an der Gesellschaft und eine Freude
an der Provokation, der Spaß am Regelverstoß im Hier und Jetzt stand im Mittel-
punkt. In der Fußgängerzone oder auf Bahnhofsplätzen rumzulungern, zusammen
Bier zu trinken, zu feiern und dabei die BürgerInnen zu ärgern waren feste Be-
standteile des gemeinsamen Vergnügens.
4.6 Punk 153

Im krassen Gegensatz zur Disco-Kultur, die sich reibungslos in die kapitalisti-


sche Gesellschaft einfügte und den gesellschaftlichen Verhältnissen letztendlich
unkritisch und bejahend gegenüber stand, war Punk kein Wochenendvergnügen,
sondern ein alles umfassender Lebensstil, der mit zentralen gesellschaftlichen
Vorstellungen und Normen brach:

„Punk zu sein ist eine Gesinnung und Haltung, die den Alltag erfasst und 24 Stun-
den andauert. Der Stil ist eine gelebte Gesellschaftskritik, vorgetragen mit der Un-
bedingtheit und Aggressivität der Jugend und mit der Verzweifelung darüber, dass
die Hoffnung auf eine große Veränderung angesichts zirkulärer Strukturen von Öf-
fentlichkeit und Politik kaum eine Basis haben kann. So waren die Punks auch eine
gelebte Kritik der 68er Generation und der scheinbaren Heroen ihrer kulturellen
Avantgarde.“ (Breyvogel 2005a, S. 51f)

Die Punkbewegung richtete sich nicht nur gegen die Mehrheitsgesellschaft, son-
dern auch gegen alle bisherigen gegenkulturellen Bewegungen wie die 68er und
die Hippies. Diese Frontstellung von Punk ist dabei völlig neu. Gegen das Esta-
blishment zu sein, gegen die verlogene Welt der Erwachsenen und des Konsums
ist spätestens seit den Zeiten von Woodstock und Flower Power nicht neu für eine
Jugendkultur; neu ist aber, dass auch die Alt-68er, die Hippies, zum Establishment
gezählt wurden und die Punks ihnen gegenüber Stellung bezogen. Gerade die, die
kulturelle Veränderungen durchgesetzt hatten, die den Werten des Kapitalismus
etwas entgegensetzen wollten, wurden nun zur Zielscheibe der Kritik dieser neuen
Jugendkultur. In dem Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave „Ver-
schwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel wird diese Haltung als „gegen die, die
dagegen sind“ (s. Teipel 2001, S. 13–24) beschrieben. Die langhaarigen, linken,
kapitalismuskritischen und alternativen 68er und Hippies, die sich selbst als der
Jugend gegenüber als offen, wohlwollend und solidarisch wähnten, wurden nun
von genau diesen Jugendlichen als „linke Spießer“ kritisiert, wie es „Slime“ in
ihrem gleichnamigen Stück beschreiben:

„Ihr seid Lehrer und Beamte/Seid Gelehrte sogenannte/Ihr schreibt Bücher, seid im
Fernsehen/Und ihr glaubt, daß wir euch gern sehen/Immer kritisch und politisch/
Marx und Lenin auf dem Nachttisch/Doch ihr habt was gegen Rabatz/Und macht
den Bullen gerne Platz.

Sozialarbeiter und Student/Ihr seid so frei und unverklemmt/Ihr seid sozial auch
sehr gut drauf/Doch habt ihr eure Seele dem System verkauft..... Ihr seid nichts als
linke Spießer....“ (Slime, Linke Spießer)
154 4 Die siebziger Jahre

Für die linken VertreterInnen der Gesellschaftskritik und der emanzipatorischen


Pädagogik musste das ein Schlag ins Gesicht sein. Trotz der Frontstellung gegen-
über den Hippies – zu denen die Punks alle politischen linken und gegenkultu-
rellen Bewegungen seit Ende der 60er Jahre zählten – kann Punk nicht als kon-
servative Jugendkultur bezeichnet werden. Die prinzipielle Skepsis gegenüber
Hierarchien, die demonstrative Ablehnung von „Recht und Ordnung“ und die
Tatsache, dass zahlreiche Punks und ihre Bands in besetzten Häusern und selbst
verwalteten Jugendzentren auftraten, machen deutlich, dass es sich tendenziell um
eine emanzipatorische Jugendbewegung handelte; sie wollten sich allerdings nicht
von Alt-Linken bevormunden lassen.
Die AktivistInnen der Studierendenbewegung und die Hippies waren inzwi-
schen zumeist etabliert, hatten ihre Ausbildungen und Studien abgeschlossen und
waren nun vor allem in pädagogischen Berufen, als SozialarbeiterInnen oder Leh-
rerInnen tätig. Genau das wird ihnen nun zum Vorwurf gemacht: Vom System ein-
gekauft zu sein und nun auf der Seite der Herrschenden zu stehen. Der Lebensstil
der Alt-Linken war für die Punks völlig unattraktiv, Punk wollte der kopf- und
theorielastigen Diskussionskultur der kritischen und linken Intellektuellen etwas
Eigenes, Direktes und Handfestes entgegensetzen. Punk verstand sich dabei als
fundamentale Opposition, die sich außerhalb der Gesellschaft stellte, wie ein Ju-
gendlicher berichtet, der sich der Bewegung anschloss:

„Punks waren gegen alles, und eigentlich war ich auch gegen alles. Ergo musste
ich Punk sein. Da ich grade Zoff mit meinem Hippielehrer hatte, griff ich eines
Nachmittgas zur Schere, schnitt ich mir eine punkige Frisur und stellte meine Haare
mittels Rasierschaum in alle Himmelsrichtungen.“ (Zit. n. Farin 2006, S. 105)

Neben dem Lebensstil waren Punks auch gegen die Musik der 68er und Hippies:
Sie war in ihren Augen nicht mehr authentisch, sondern zum Geschäft verkom-
men. Detailliert geplante Konzerte ohne jede Spontaneität, die gewinnbringend in
riesigen Hallen und Stadien professionell durchgeführt wurden von Stars, die kei-
nerlei Bezug oder Kontakt zu ihrem Publikum hatten, sondern Großverdiener mit
einem Luxusleben waren, hatten nichts Authentisches oder Glaubwürdiges mehr,
sondern waren – trotz ihres teilweise revolutionären Gehabes – selber Teil des
Business und des Establishments geworden.
IhreHaltung der gelebten Gesellschaftskritik und Ablehnung herkömmlicher
Konventionen demonstrierten Punks schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild:
Schief geschnittene Haare, möglichst ungekämmt und grell gefärbt, Irokesen-
schnitte, Sicherheitsnadeln auf der Kleidung oder durch den Körper, ein Hunde-
halsband um den Hals, Springerstiefel, zerschlissene Hosen und bei den Mädchen
4.6 Punk 155

zerrissene Strumpfhosen, abgewetzte Lederjacken, als Schmuck Badewannen-


stöpsel oder Sektkorken, zudem noch SS-Runen oder das Hitlerkreuz, das weniger
die eigene politische Einstellung bezeugen sollte, sondern in der Regel als Pro-
vokation, vor allem gegenüber den „Hippies“, gedacht war. Typisch für Punk ist
zudem eine Absage an Romantik und Naturschwärmerei, wie sie von den Hippies
praktiziert wurde. Dem romantischen Bild von Natur wurde ein „Zurück zum Be-
ton“ entgegengesetzt:

„Zurück zum Beton. Zurück zur U-Bahn, zurück zum Beton. Da ist der Mensch
noch Mensch. Ekel, Ekel, Natur, Natur, ich liebe Beton pur.“ (S.Y.P.H.: Zurück zum
Beton)

Dementsprechend sind auch die bevorzugten Orte: Es ist nicht die schicke Disco
oder Felder und Wiesen, sondern – neben der Innenstadt und den eigenen Sze-
nekneipen – stillgelegte Industrieanlagen oder heruntergekommene Gebäude, die
den Verfall und das Morbide symbolisieren.
Der Stil des Punk ist eine Anti-Ästhetik, die bewusst Kleidungsstücke durchlö-
chert, zerfetzt und abwetzt, damit dem herrschenden Schönheitsideal widerspricht
und den Eindruck von Ärmlichkeit erweckt. Zugleich ist er auch eine Collage,
eine Zusammenstellung unterschiedlichster Gegenstände, die aus ihrem ursprüng-
lichen Kontext gerissen und als Schmuck verwendet werden.
Das gleiche Schema Àndet sich in der Musik des Punk: In krassem Gegensatz
zum glatt geschliffenen Disco-Sound der 70er und den immer perfekter werden-
den, durcharrangierten Songs der Rockmusik legte Punk Wert auf Dilletantismus
und Unvollkommenheit:

„Der Rhythmus im Punk war relativ monoton, die Melodien hart und dissonant
(...). Die Musik sollte leicht zu spielen sein, komplizierte technische Arrangements
waren verpönt, auch wenn einige Musiker sicher in der Lage gewesen wären, sie zu
spielen.“ (Grimm 1988, S. 89)

Verachtet wurde alles ArtiÀzielle und Virtuose, wie in den langatmigen Stücken
vor allem der Prog-Rocker; Punk-Songs waren in der Regel sehr kurz, das Instru-
mentarium auf Schlagzeug, Gitarre und Bass reduziert. Auch bezüglich der Texte
brach Punk mit den bisherigen GepÁogenheiten des Rock und Pop: Die zentralen
Themen des Genres, Liebe, Beziehungen und Sexualität, kommen so gut wie gar
nicht vor, es geht vielmehr um die Beschreibung der eigenen Lebensumstände,
Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, Frust und Hass auf die Gesellschaft
und die Verherrlichung des Herumhängens und des Alkoholkonsums.
156 4 Die siebziger Jahre

Der dazu passende Tanz, der Pogo, drückte ebenfalls Dilettantismus und Roh-
heit aus: ein wildes, aggressives und chaotisches Durcheinander- und Aufeinander-
springen, wobei in aller Regel darauf geachtet wurde, dass niemand zu Schaden
kam.
Das Prinzip des Punk war das „Do It Yourself“ (DIY), es war insofern eine
demokratische Jugendkultur, als dass man sich nicht auf Strategien von Medien-
konzernen mit ihren gemachten Trends und Stars bezog, sondern selber aktiv wer-
den wollte.

„Punk-Rock sollte jeder machen können. Die Devise hieß nun: small ist beautifull.
Man bevorzugte kleine Schallplatten-Labels, verzichtete auf Studioaufnahmen und
spielte in Gaststätten und Hinterhöfen, wo Publikum und Band einander näher wa-
ren. Punk wurde zur ersten Bohemekultur, die ihre Ausdrucksmittel aus der Arbei-
terklasse nahm, ohne dass die Punker zu ihr gehören müssen. Kunststudenten, Hip-
pies, Aussteiger, heute auch Arbeitslose, Trebegänger: die Punk Szene provoziert die
bürgerliche Ästhetik aus der Warte derer, die von Berufskarrieren und bürgerlichen
Standards ausgeschlossen sind.“ (Baacke 1986, S. 83)

Die demokratische Praxis der Punkbewegung zeigte sich auch in einer unüber-
schaubaren Anzahl von Fanzines. Statt sich die Hochglanzzeitschriften des Pop-
und Rockbusiness zu kaufen gaben Punks – nach dem Motto „Von der Szene für
die Szene“ – selber eigene kleinere Zeitschriften heraus, in denen über Neuigkeiten
aus der Szene, Konzerte, Bands usw. selber berichtet wurde.
Das Prinzip der Verweigerung, an den kommerzialisierten Angeboten der
Konsumindustrie teilzunehmen, zeigte sich auch im Umgang der Punks mit ihren
Körpern. Ob weiblich oder männlich, ihre Körper waren nicht elegant, nicht
durchtrainiert oder sportlich, auch widersprachen sie oft den vorherrschenden
Vorstellungen von KörperpÁege und -hygiene. Vielmehr strahlten die Körper der
Punks Verletzlichkeit, Provokation und Aggressivität aus, kombiniert mit Sicher-
heitsnadeln, die durch diverse Körperteile gestoßen wurden, und einer Art von
Autoaggressivität, die gegen die gesellschaftlichen Imperative der Fitness und der
KörperpÁege verstieß:

„Die gespielten und gelebten anarchoafÀnen Punknormen provozierten, faszinier-


ten, karikierten und die Dampf ablassenden Fans suhlten sich zuweilen im sub-
kulturellen Schmuddel atmosphärisch, mit warmen Flaschenbier, mit viel Schund,
Müll- und Plastikaccessoires eines Wegwerf-Marktes.“ (Ferchhoff 2011, S. 157f)

In diesem sozialen Kontext kam es zu einer anderen Betrachtung und einem an-
deren Umgang mit dem weiblichen Körper, der sich ebenfalls nicht den gängigen
4.6 Punk 157

Forderungen nach Schönheit und Attraktivität anpasste und auch nicht dem natür-
lichen Körperideal der Hippies entsprach. So sahen sich die Mädchen und jungen
Frauen der Punkszene tendenziell befreit von den Forderungen nach Anmut, Ele-
ganz und einem gestylten weiblichen Körper:

„Die Inszenierung des Häßlichen und Tabuisierten im Punk ermöglichte es Frauen,


sich von einem einengenden Körperideal und konventionellen Vorstellungen von
Schönheit freizumachen. (...) Diese alternativen Repräsentationen von Weiblich-
keit zogen auch eine Neuverhandlung von Männlichkeit nach sich.“ (Grimm 1988,
S. 118)

Die Punkszene eröffnete Mädchen und jungen Frauen einen Raum, in dem sie sich
den Anforderungen nach weiblicher sexueller Zurückhaltung entziehen und ihre
sexuellen Bedürfnisse offen artikulieren und ausleben konnten. Punk ermöglichte
es ihnen, traditionelle weibliche Rollenanforderungen zu ignorieren, sich in der
Clique hemmungslos zu betrinken, wild zu pogen und Aggressivität zu zeigen.
Hier wurde nicht auf intellektueller Ebene über patriarchale Machtverhältnisse
diskutiert, sondern – auch in sexueller Hinsicht – ein relativ gleichberechtigtes
Verhältnis praktiziert:

„Auch beanspruchten sie für sich, ebenso ‚geil‘ zu sein wie die Männer – ‚alle
sind sie geile Tiere, alle, alle‘. Sie spielten mit den sexuellen Bedürfnissen, schrien
sie heraus, grell und aufreizend, auf der Bühne und in unzähligen Liedtexten (...).“
(Bruder-Bezzel 1986, S. 142)

Umgekehrt brachte die Zugehörigkeit zur Szene für Jungen und junge Männer eine
Entlastung von den Imperativen traditioneller Männlichkeit:

„Punk eröffnete insofern einen Ausweg aus konventionellen ‚gender‘ Konstruktio-


nen, als daß er festgeschriebene Repräsentationsmuster von Geschlechtlichkeit und
Sexualität in Frage stellte oder gar negierte. Für die Konstruktion von Männlichkeit
bedeutet das konkret, daß Schwäche und Fragilität thematisiert werden, Stärke als
männliches Attribut dagegen kaum vorkam.“ (Grimm 1988, S. 121)

Punk als jugendkulturelle Provokation stellte sich demonstrativ gegen gesell-


schaftliche Normen, wobei ein Aufbegehren gegenüber den Geschlechterrollen
nicht im Mittelpunkt stand, Punk wurde vielmehr
158 4 Die siebziger Jahre

„… als asexueller Raum wahrgenommen (...). Diese Situation sorgte dafür, dass
Frauen die Rolle als „One of the Boys“ oder als „geschlechtslos“ zukam, was eine
konfrontative Erkundung widerständiger Weiblichkeiten oder Sexualitäten inner-
halb von Punk verhinderte.“ (Downes 2011, S. 37)

Die Namen einiger Punkbands mit eindeutig sexuellen Anspielungen wie „Pene-
tration“, „Raped“, „The Slits“ oder „Buzzocks“ waren eher als Provokation für
die Öffentlichkeit gedacht; tendenziell war Punk eher eine Jugendkultur, in der
Sexismus sowie Homophobie unüblich waren und gleichberechtigte Verhältnisse
herrschten. Zugleich war es allerdings eine männlich orientierte Jugendkultur, der
überwiegende Teil der Bands und des Publikums waren Jungen und junge Männer.
Der Lebensstil der Punks orientierte sich an traditionell als männlich bewerteten
Verhaltensweisen wie Provozieren, exzessiv Alkohol konsumieren, Regeln verlet-
zen und Aggressionen und Verachtung der Gesellschaft gegenüber ausdrücken.
Auch das Auftreten in dicken Lederjacken und Stiefeln vermittelte eher einen mar-
tialischen Eindruck traditioneller Männlichkeit, zudem kam es auch zu Vanda-
lismus oder handgreiÁichen Auseinandersetzungen zwischen Punks und anderen
Jugendlichen.
Die Hochzeit des Punk waren die späten 70er Jahre, wobei Punk als Jugend-
kultur, Musikstil, ästhetische und weltanschauliche Haltung weit darüber hinaus
Bedeutung hatte.
Alle radikale Praxis und Rhetorik konnte allerdings nicht verhindern, dass
Punk als Stil in abgeschwächter Form kommerzialisiert und ansatzweise in den
Mainstream integriert wurde. So warb der Kaufhof mit dem Slogan „Der Kauf-
hof macht den Punk zum Prunk“ (s. Naumann/Pentth 1986, S. 127), Elemente der
Frisuren und des OutÀts waren zunehmend in durchschnittlichen Geschäfte außer-
halb der urprünglichen Szene zu kaufen und selbst in der High Society wurde
Punk in völliger Umkehrung der ursprünglichen Intention als Modegag entdeckt,
wie der Spiegel 1978 zu berichten wusste:

„Die süddeutsche Mode-Dame Maja Schultze-Lackner (...) hat 20 Punk-Modelle


importiert und selber neulich bei Heidi Brühls Personality-Show im ‚Bayerischen
Hof‘ in einer Punk-Robe ‚irren Anklang‘ gefunden. Baronin Renate von Holz-
schuher-Unruh, berüchtigte Jet-Setterin, ließ sich gleich ein Modell reservieren.
Von Majas teurer Klientel ist vor allem der Adel für Punk aufgeschlossen.“ (Zit. n.
Farin 2006, S. 114)

Doch auch innerhalb der Szene machten sich relativ schnell Ernüchterung und
Skepsis breit, ob Punk wirklich die Gesellschaft grundlegend verändern kann oder
4.6 Punk 159

ob er von der Kulturindustrie als Geschäfte belebendes Modewelle vereinnahmt


wird, wie es der Manager der Stranglers bereits Ende der 70er Jahre ausdrückte:

„Punk ist nur noch ein Witz, es hat nichts mehr mit dem zu tun, was es mal war.
Punk hat so gut wie nichts von dem erreicht, was er einmal wollte,.... Er hat sich in
einen kommerziellen Karneval verwandelt, und zwar so schnell, daß die Leute, die
damit angefangen haben, die Kontrolle verloren haben...... Übrig blieb nur Geld.
Punk wurde eine Ware wie jede andere auch.“ (Zit. n. Sonnenschein 1999, S. 161)
Die achtziger Jahre
5

5.1 Die „geistig-moralische Wende“

Auf die seit 1969 regierenden sozialliberalen Regierungen folgte Anfang der 80er
Jahre eine CDU/CSU/FDP-Koalition. Die FDP, lange Jahre Partnerin der SPD
auf Bundesebene, kündigte das Regierungsbündnis und wurde durch einen Ko-
alitionswechsel und ein konstruktives Misstrauensvotum Koalitionspartnerin der
christdemokratischen Parteien. Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Kohl zum
Bundeskanzler gewählt, bei den Bundestagswahlen im März 1983 gingen CDU/
CSU und FDP als stärkste Kräfte hervor und bildeten die Regierung. Kohl ver-
sprach bei seinem Machtantritt eine „geistig-moralische Wende“ bzw. eine „geis-
tig-moralische Erneuerung“.
Der Machtwechsel in der Bundesrepublik fügt sich ein in eine konservative
Tendenz anderer westlicher Länder: In Großbritannien wurde Margret Thatcher
1979 zur Premierministerin gewählt, in den USA übernahm der Ex-Schauspieler
Ronald Reagan 1982 das Amt des Präsidenten. Die Gemeinsamkeit dieses konser-
vativen Umschwungs Ende der 70er, Anfang der 80er bestand vor allem in einem
rückwärts gewandten Gegenschlag, dem Versuch, die kulturellen, sozialen und
ökonomischen Entwicklungen in den westlichen Ländern seit dem Aufbruch um
1968 wieder rückgängig zu machen. Zudem betrieben sowohl Reagan als auch
Thatcher eine aggressive Außenpolitik; Reagan bezeichnete die Sowjetunion als
das „Reich des Bösen“, ging auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion und zu den
mit ihr verbündeten Staaten und appellierte an konservative Tugenden wie Patrio-
tismus und christliche Gläubigkeit. Margret Thatcher führte einen Krieg auf den

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_5,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
162 5 Die achtziger Jahre

südamerikanischen Falkland Inseln, der über 1000 Menschen das Leben kostete,
und setzte ideologisch auf einen ungebremsten Individualismus und Egoismus.
In ihrer Weltsicht gab es keine Gesellschaft mehr, keine Klassengegensätze und
unterschiedliche Interessen, nur noch Individuen, die selbst für sich verantwortlich
sind und keine oder kaum Ansprüche an die Gesellschaft zu stellen haben:

„... so etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt einzelne Männer und Frauen,
und es gibt Familien (...)Es ist unsere PÁicht, für uns selbst zu sorgen und danach
auch für unseren Nachbarn zu sorgen. Die Menschen denken zu viel an ihre An-
sprüche, ohne auch an ihre PÁichten zu denken.“ (M. Thatcher, zit. n. Bröckling
2007, S. 53)

Helmut Kohl reihte sich in den konservativen Rückschlag ein, wobei er sich be-
mühte, Werte wie Vaterlandsliebe, Familiensinn und PÁichtbewusstsein wieder zu
beleben. Inhaltlich wurden dabei ein Zurück zu traditionellen statt alternativen Le-
bensformen, Unterordnung statt Kritik an Autoritäten und Leistungsbereitschaft
statt Betonung von Ansprüchen angestrebt.
Der Versuch, den liberaleren Umgang mit Sexualität als ein Ergebnis der Be-
wegung der 68er wieder rückgängig zu machen, zeigte sich in der Bundesrepublik
anhand des Umgangs mit den noch unter der sozialliberalen Koalition entwickel-
ten Materialien „Betrifft: Sexualität“, einem umfangeichen Medienpaket für die
Sexualaufklärung. Hier wurde von Regierungsseite aus versucht, eine konservati-
ve Trendwende in der Sexualerziehung herbeizuführen, indem diese Medien nicht
veröffentlicht werden sollten.

„Im Bereich der Sexualerziehung wirkte sich die ‚Wende‘ durch ein Auslieferungs-
verbot von ‚Betrifft: Sexualität‘ aus. Der verantwortliche Minister Heiner Geißler
(CDU) verfügte das Einstampfen der Materialien und die Rückgabe der Filme aus
den Landesbildstellen zur Vernichtung. Die Proteste von führenden Erziehungs-
wissenschaftlern, Soziologen und Vertretern aus der praktischen Erziehungsarbeit
blieben ungehört.“ (Koch 1986, S. 191)

Die Begründung für diese Maßnahme bezog sich auf konservative Vorstellungen
von Sexualität, nämlich darauf, dass die Materialien angeblich sittliche Normen
abwerteten, Sexualität ohne tiefere emotionale Bindung darstellten und die Orien-
tierung an Ehe und Familie in Frage gestellt würde. Dieser Rückschlag hin zu
einem Umgang mit Sexualität, der sich an den 50er Jahren in Deutschland orien-
tierte, erwies sich als immun gegenüber Argumenten aus der Wissenschaft und der
Praxis, er hatte eine eindeutige ideologische Ausrichtung:
5.1 Die „geistig-moralische Wende“ 163

„Mit der pauschalen AbqualiÀzierung als sittenlos, unmoralisch, libertinistisch


und illegal wurden nicht nur die Verfasser getroffen oder die Gutachter aus den
verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, sondern auch zahllose Pädagoginnen und
Pädagogen, die das Medium innerhalb und außerhalb der Schule eingesetzt hat-
ten.“ (Koch 1986, S. 192)

In der Ökonomie bedeutete die „geistig-moralische Wende“ eine deutliche Kräfte-


verschiebung zugunsten der Besitzenden. Die Rechte von Arbeitslosen und Sozial-
hilfeempfängerInnen wurden als „Anspruchsmentalität“ diffamiert, die angeblich
die Sozialkassen über Gebühr strapazierten und zudem noch dazu führten, dass
der Staat die Faulheit der BürgerInnen alimentiere. Gemäß dieser Ideologie sollte
sich der Staat möglichst aus der Versorgung der Bevölkerung zurückziehen und sie
ihrem Schicksal selber überlassen. Hierin befand sich die Regierung Kohl in völ-
liger Übereinstimmung mit Reagan in den USA und Thatcher in Großbritannien:
Die sozialstaatlichen Errungenschaften sollten zurückgedrängt, Mitbestimmungs-
und Kündigungsregelungen möglichst abgeschafft und öffentliches Eigentum pri-
vatisiert werden; die entsprechenden Maßnahmen wurden als „Deregulierung“
verkauft, die die Entwicklung der Wirtschaft belebe und damit der Schaffung von
Arbeitsplätzen diene, in der Konsequenz allerdings eine stärkere Spaltung der
Gesellschaft in Reich und Arm bewirkte. Die „Kräfte des Marktes“ sollten ohne
staatliche Einmischung regieren und würden zum Nutzen aller wirken. Es ging im
Kern um einen Funktionswandel des Staates, der immer weniger die Verantwor-
tung für die soziale Sicherung übernehmen sollte, was mit den Schlagworten der
„Selbstverantwortung“ und „Eigeninitiative“ ideologisch legitimiert wurde. Auf
der anderen Seite wurden Steuerentlastungen für „die Wirtschaft“ durchgesetzt,
die angeblich dazu führten, dass das Investitionsklima sich verbessere und neue
Arbeitsplätze geschaffen würden; hinter der „Wende“ verbarg sich ein Programm,
das sich eindeutig an den Interessen der Besitzenden orientierte.
Gemessen an dem Anspruch einer geistigen und moralischen Wende – die als
Begriff schon die Unmoral der vorherigen Regierung und Bevölkerung unterstellt
– verliefen vor allem die ersten Jahre unter dem neuen Kanzler Helmut Kohl voller
Pannen und Skandale, die berechtigte Zweifel an der Moral der Regierenden auf-
kommen ließen.
Bereits 1984 wurden dem General Günter Kießling vom CDU-Verteidigungs-
minister Manfred Wörner homosexuelle Neigungen „unterstellt“. Als angeblich
schwuler General galt Kießling als Sicherheitsrisiko:
164 5 Die achtziger Jahre

„Schneller als übelwollende Kritiker vermuten konnten, geriet die Regierung Kohl/
Genscher mit ihren hohen moralischen Ansprüchen ins Stolpern. Die Parole von
der geistig-moralischen Erneuerung war noch in aller Ohr, die Forderung nach
einer Neuorientierung an den wahren Werten noch nicht verstummt, als sich ein
Denunziationsskandal anbahnte, der in der Geschichte der Bundesrepublik ohne
Beispiel ist.“ (Koch 1986, S. 193)

Unabhängig von der wirklichen sexuellen Orientierung Kießlings ist dies bereits
zu Beginn der Regierungszeit ein Beispiel für die Diffamierung homosexueller
Männer und eine äußerst intolerante Haltung zur Sexualität, mit der der Integrität
eines Menschen Schaden durch Rückgriff auf eine reaktionäre Sexualmoral zu-
gefügt werden sollte.
Ein anderer Skandal der Anfangszeit der Kanzlerschaft Kohls war die soge-
nannte „Flick-Affäre“: Der Flick-Konzern hatte in den 70er Jahren Aktien von
Daimler-Benz für 1,9 Milliarden DM an die Deutsche Bank verkauft. Um die da-
für fälligen Steuern zu sparen, musste dieser Deal als „volkswirtschaftliche förde-
rungswürdige Reinvestition“ eingestuft werden, was durch die beiden FDP-Wirt-
schaftsminister Fridrichs und Lambsdorff geschah. Im Laufe der Ermittlungen
zu den Vorgängen um die Steuerbefreiung des Flick-Konzerns stellte sich heraus,
dass der Konzern durch seine Manager jahrelang CDU/CSU/FDP und SPD mit
Parteispenden bedacht hatte, wobei insbesondere CDU, CSU und FDP von den
Zuwendungen proÀtierten. Diese Parteispenden galten der „PÁege der politischen
Landschaft“, wie sich der Flick-Manager von Brauchitsch ausdrückte, sie waren
nichts anderes als EinÁussnahme eines Großkonzerns auf politische Entscheidun-
gen, Bestechung, die deutlich machte, über welchen EinÁuss die wirtschaftlich
Mächtigen in Deutschland verfügten, weshalb in diesem Zusammenhang von einer
„gekauften Republik“ die Rede war. 1987 wurden von Brauchitsch, Friderichs und
Lambsdorff wegen Steuerhinterziehung bzw. Beihilfe zur Steuerhinterziehung
verurteilt. Bundeskanzler Kohl, der im Untersuchungsausschuss aussagen muss-
te und sich dort eine Anklage wegen einer Falschaussage einhandelte, hatte dort
erstaunliche Gedächtnislücken, die später mit einem „Blackout“ des Kanzlers er-
klärt wurden.
Auch ökonomisch konnte die Kohl-Regierung trotz der durchgeführten De-
regulierungsmaßnahmen die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. Die ge-
samten achtziger Jahre waren von einer relativ hohen Arbeitslosenquote geprägt,
wobei ungelernte Arbeitskräfte und Menschen mit Migrationshintergrund beson-
ders stark von Erwerbslosigkeit betroffen waren. Ein kleiner wirtschaftlicher Auf-
schwung zu Beginn der 80er führte für viele dieser Menschen nicht dazu, dass sie
sich in ihrer ökonomischen Lebenssituation verbessern konnten.
5.1 Die „geistig-moralische Wende“ 165

„Man sprach deshalb auch von der ‚Zwei-Drittel-Gesellschaft‘, das heißt der Auf-
schwung ging an den ungelernten, wenig qualiÀzierten Arbeitern, den Sozialhilfe-
Beziehern, den Arbeitslosen, den kinderreichen Familien, vielen Ausländern und
sonstigen Personen mit Einkommen unter dem Existenzminimum (Wohnungslose,
Drogenabhängige, Heiminsassen u.a.) vorbei.“ (Faulstich 2005a, S. 10)

In den 80ern änderte sich auch die bisherige Parteienlandschaft aus CDU/CSU,
SPD und FDP. Mit den „Grünen“ gründete sich 1980 eine Partei, die ihrem Selbst-
verständnis nach die verschiedenen außerparlamentarischen Bewegungen – die
Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung, die Frauenbewegung, die Neuen Sozialen
Bewegungen und die Neuen Linken – in sich vereinte und deren Anliegen in die
Parlamente tragen wollte.
Trotz – oder wegen – der Intention einer moralischen Wende und dem Zurück
zu alten Tugenden waren die 80er ein Jahrzehnt heftiger innenpolitischer Ausein-
andersetzungen: Bereits 1981 – noch vor Antritt der konservativ-liberalen Regie-
rung – titelte der Spiegel „Staatsgewalt – Jugendgewalt“ (Der Spiegel 13/1981) und
berichtete über politische Proteste von Jugendlichen, die sich für die Besetzung
von zumeist aus Spekulationsgründen leer stehenden Häusern und die Einrichtung
selbst verwalteter Jugendzentren einsetzten. Vor allem PolitikerInnen der CDU
und CSU forderten ein Vorgehen mit aller Härte gegen diese engagierten Jugend-
lichen und bezeichneten selbst verwaltete Jugendeinrichtungen als „Horte der Kri-
minalität und der Pornographie“ und „Brutstätten des politischen Extremismus
und des Terrorismus“ (Der Spiegel 13/1981).
Während sich die Proteste der Studierenden vor allem in den Metropolen ab-
spielten, erreichten diese Aktionen der Jugendlichen auch die Provinz. Zudem
unterschieden sie sich von den 68ern dadurch, dass sie keine konkreten Vorstel-
lungen von einer besseren Gesellschaft hatten, sondern teils auf lokale Missstände
reagierten und teils eine eher diffuse Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen
Verhältnissen artikulierten:

„Die Jugendrevolte der 80er Jahre, so militant und aktionistisch sie auch auf den
Straßen tobt, ist im Grunde defensiv, abwehrend: Sie kennt keine Programme, keine
Anführer und will nichts mehr von der Gesellschaft wissen.“ (Der Spiegel 13/1981)

Neben diesen lokalen Unruhen gab es im Laufe des Jahrzehnts diverse Groß-
demonstrationen, an denen sich in erster Linie junge Menschen beteiligten und die
sich um die Themen Umwelt und Frieden drehten.
1981 demonstrierten über 50.000 Menschen gegen das Kernkraftwerk Brok-
dorf in Schleswig-Holstein, das dennoch 1986 in Betrieb genommen wurde. 1982
166 5 Die achtziger Jahre

gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und DemonstrantInnen


bei den Aktionen gegen die Startbahn West in Frankfurt. Die Protestierenden wen-
deten sich gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens, der mit der Abrodung
tausender Bäume und der Vernichtung eines Waldes verbunden war; die Startbahn
West wurde trotz aller Proteste 1984 gebaut. Gegen die Wiederaufbereitungsan-
lage im oberpfälzischen Wackersdorf wandten sich 1986 über 30.000 Demons-
trierende, 1986 fand in der Nähe der geplanten Wiederaufbereitungsanlage das
Rockkonzert „Anti-WAAhnsinn“ mit Beteiligung unter anderem von Herbert
Grönemeyer und BAP statt, die Veranstaltung hatte 100.000 BesucherInnen; das
Projekt der Wiederaufbereitungsanlage wurde 1989 ofÀziell für beendet erklärt.
Die zahlenmäßig größte Demonstration in der bundesdeutschen Geschichte mit
über 400.000 Menschen fand 1984 im Bonner Hofgarten statt. Anlass war der
Protest der Friedensbewegung gegen die Stationierung von US-amerikanischen
Atomraketen, Pershing-2-Flugkörpern und Cruise Missiles in Westeuropa. Der
Beschluss, diese Raketen in Deutschland zu stationieren, Àel noch unter Bundes-
kanzler Schmidt und wurde als „Nachrüstungsbeschluss“ bezeichnet, weil er die
angebliche sowjetische Übermacht bei atomar bestückten Flugkörpern ausglei-
chen sollte. KritikerInnen befürchteten, die geplante Stationierung der Raketen
könnte dazu führen, dass die USA dadurch in die Lage versetzt würden, einen auf
Europa begrenzten Atomkrieg zu führen.

„Der ‚Nachrüstungs‘-Beschluß der NATO vom 12. Dezember 1979, der den USA
das Recht zugesteht, die ihrer neuen Atomkriegsstrategie entsprechenden Nuklear-
raketen in Mitteleuropa zu stationieren, beschwört daher für uns alle, ohne politi-
sche oder soziale Unterschiede zu machen, eine tödliche Gefahr herauf. Ohne jede
Übertreibung ist festzustellen: Es geht ums Überleben.“ (Bredthauer/Mannhardt
1981, S. 9)

Zudem fand die sogenannte Nachrüstung in einer Situation statt, in der die NATO
und der Warschauer Pakt über atomare Arsenale verfügten, die in der Lage gewe-
sen wären, die gesamte Welt mehrfach zu vernichten.
Der „Krefelder Appell“, der sich gegen die Aufrüstung Deutschlands mit US-
amerikanischen Atomwaffen wandte, wurde von vier Millionen Menschen in
Deutschland unterzeichnet. Die Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre
war eine Bewegung, die sich vornehmlich auf einen Punkt einigen konnte: die
Verhinderung der Stationierung der US-Raketen in Deutschland und Westeuropa,
um damit eine neue Spirale des Wettrüstens zu verhindern und dem Wahnsinn des
atomaren Rüstungswettlaufes ein Ende zu setzen. Hierfür traten Gewerkschafte-
rInnen, engagierte ChristInnen, Linke und zum Teil auch Konservative ein. Trotz
5.1 Die „geistig-moralische Wende“ 167

dieses massenhaften Widerstandes beschloss der Bundestag die Stationierung der


Raketen, die schließlich auch durchgeführt wurde.
1987 gab es von diversen Organisationen und Verbänden Proteste gegen die ge-
plante Volkszählung; kritische BürgerInnen befürchteten, dass durch die Áächen-
deckende Befragung der Bevölkerung der Staat Zugriff auf ihre Daten bekommen,
sich Einblick in ihre Privatsphäre verschaffen und Daten missbrauchen könnte.
In Kombination mit der Computertechnik, die sich in den achtziger Jahren rasant
entwickelte, wurde Ende der 70er Jahre das Entstehen eines Überwachungsstaates
wie in Orwells „1984“ befürchtet.
Die achtziger Jahre waren auch ein Jahrzehnt des zunehmenden ökologischen
Bewusstseins und einer wachsenden Besorgnis über die Belastung der Natur
durch die technische und industrielle Entwicklung. Neben der Bedrohung durch
die Atomwaffen der Großmächte gab es Befürchtungen über die Auswirkungen
des sauren Regens, das Waldsterben, die Belastung von Flüssen und Luft durch
Giftstoffe und die Verunreinigung von Lebensmitteln. Verstärkt wurden diese Un-
sicherheiten durch reale Katastrophen, die sich im Verlaufe der 80er Jahre ereig-
neten.
1986 wurden bei einer Explosion in einem Chemiewerk im indischen Bhopal
mehrere Tonnen giftiger Substanzen freigesetzt, das Ergebnis waren Tausende von
Toten und eine vollkommen vergiftete Umwelt. Im ukrainischen Tschernobyl gab
es 1986 bei einer Reaktorkatastrophe in einem Atomkraftwerk zahlreiche Tote,
die Umwelt wurde zum Teil erheblich kontaminiert. Ebenfalls 1986 Áoss nach
einem Brand in einem Schweizer Chemiewerk hochgiftiges Löschwasser in den
Rhein, auf einer Strecke von 400 Kilometern wurde der Bestand an Aalen kom-
plett ausgelöscht. 1989 lief der Tanker „Exxon Valdez“ vor Alaska auf Grund und
verseuchte das Meer und die Umwelt mit fast 40.000 Tonnen Öl.
Insgesamt lässt sich sagen, dass von einem Optimismus hinsichtlich der Zu-
kunft aufgrund der ökonomischen und ökologischen Entwicklungen bei großen
Teilen der Bevölkerung in den 80er Jahren nicht mehr viel zu spüren war:

„Aus all diesen politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen, ökologischen und


wehrstrategischen Veränderungen entstand schließlich eine weitverbreitete Furcht
vor verschlechterten ökonomischen Bedingungen, steigender Arbeitslosigkeit, poli-
tischen Verdächtigungen, fortschreitender Verschmutzung der Natur, kriegerischen
Auseinandersetzungen zwischen den beiden Supermächten, ja atomarer Vernich-
tung der ganzen Welt, was die Zukunftserwartungen vieler Menschen erheblich
dämpfte.“ (Hermand 1988, S. 614)
168 5 Die achtziger Jahre

Schließlich waren die 80er das letzte Jahrzehnt der alten Bundesrepublik; durch
den Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung von BRD und DDR wurde
die Teilung Deutschlands in West und Ost Geschichte.

5.2 Kommerzfernsehen in der „Multioptionsgesellschaft“

Trotz der Bemühungen einer Reaktivierung konservativer Tugenden und Moral,


von denen bei den Regierenden selbst nicht allzu viel zu erkennen war, setzten
sich im Laufe der 80er Jahre diejenigen gesellschaftlichen Trends durch, die be-
reits in den 60ern und in den 70ern begannen: Die Zahl der Ehescheidungen ging
nach oben, die der Single-Haushalte ebenfalls, die Tendenz zu individualisierten
Lebensformen war ungebrochen. Auch die Bindung an die christlichen Kirchen
lockerte sich, was daran zu erkennen ist, dass die Zahl derjenigen, die sich selbst
als religiös einstuften, zwischen den Altersgruppen erheblich differierte: Nur noch
36 % bei den 18- bis 24-Jährigen und 39 % bei den 25- bis 34-Jährigen bezeich-
neten sich selbst als religiös, während es bei den 55- bis 64-Jährigen 69 % und bei
den 65- bis 74-Jährigen sogar 74 % waren (s. Ringshausen 2005). Deutlich wird
die hier Tendenz jüngerer Menschen, sich immer weniger auf einen vorgegebenen
Glauben, auf Hierarchien und Rituale einzulassen und stattdessen verstärkt indivi-
duell nach Antworten auf Lebensfragen zu suchen.
Auch die Arbeitsstrukturen änderten sich im Laufe der 80er in die gleiche
Richtung wie bereits in den Jahrzehnten davor, sodass immer weniger Beschäftig-
te in der Landwirtschaft und der Produktion arbeiteten, wobei sich gleichzeitig die
Beschäftigtenzahlen in den verschiedenen Sektoren des Dienstleistungsbereiches
stiegen, was zu einer stärker differenzierten und vielfältigeren Gesellschaft führte:

„In den achtziger Jahren wurde es jedoch zunehmend schwerer, die bedeutenden
Elemente des Zeitgeistes zu identiÀzieren, da sich die sogenannte Multioptions-
gesellschaft durch eine Vielzahl von Lebensentwürfen und Orientierungsmustern
kennzeichnen läßt, die eine DiversiÀkation der Konsumbedürfnisse zur Folge hatte
(...). In dieser Dekade vollzog sich der vollständige Übergang in eine neue Dienst-
leistungsgesellschaft, was auch eine deutliche Veränderung der Konsumententypo-
logien nach sich zog (...). Jeder zweite Bundesbürger war inzwischen im Dienstleis-
tungssektor beschäftigt (..).“ (Knop 2004, S. 209)

Der Begriff der „Multioptionsgesellschaft“ wurde von dem Soziologen Peter


Gross eingeführt, womit er die sich immer weiter erhöhten Wahlmöglichkeiten
von Lebensformen und Konsumprodukten zum Ausdruck bringt:
5.2 Kommerzfernsehen in der „Multioptionsgesellschaft“ 169

„Die Steigerung der Erlebens-, Handlungs- und Lebensmöglichkeiten, die Optio-


nensteigerung, ist der augenscheinlichste Vorgang der Modernisierung. Darum der
Begriff der Multioptionsgesellschaft (....) Die Zahl der variablen Möglichkeiten ist
weitaus größer, als je in einem noch so dicken Buch unterzubringen ist.“ (Gross
1994, S. 14f)

Allerdings muss gesagt werden, dass die Möglichkeiten der Inanspruchnahme von
Optionen sowohl der individuellen Lebensführung als auch im Bereich des Kon-
sums abhängig sind von den Ressourcen, über die ein Mensch verfügt. Vor allem
im Bereich des Erwerbs von Konsumgütern waren für einen Teil der Bundesbürg-
erInnen die Möglichkeiten angesichts einer Zwei-Drittel-Gesellschaft, einer relativ
hohen Arbeitslosigkeit und der Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, sehr ein-
geschränkt.
Das Fernsehen des Jahrzehnts war geprägt von Serien und Shows mit hohen
Einschaltquoten: US-Importe wie „Dallas“, „Denver Clan“ und „Miami Vice“ er-
freuten sich großer Beliebtheit, ebenso wie die deutschen Serien „Schwarzwald
Klinik“, „Kir Royal“, „Das Erbe der Guldenburgs“ und die Show „Wetten dass“.
Zudem war die Zulassung und Einführung privater Fernsehsender für die
Veränderung der Fernsehlandschaft in der Bundesrepublik von einschneidender
Wirkung. Neben die öffentlich-rechtlichen Programme trat nun die Konkurrenz
verschiedener kommerziell orientierter und ausschließlich durch Werbung Ànan-
zierter Sender, angefangen mit RTL im Jahr 1984 und SAT.1 1985, denen in den
darauf folgenden Jahren zahlreiche weitere folgten. Unter der Regierung Kohl
wurde eine Áächendeckende Breitbandverkabelung in der Bundesrepublik betrie-
ben, die die technischen Voraussetzungen für die Ausstrahlung der kommerziellen
Programme schuf. Dies führte nicht nur zu einer Ausweitung der bisherigen Pro-
gramme, sondern auch dazu, dass es keinen Sendeschluss mehr gab und ab Beginn
der 80er Jahre rund um die Uhr ferngesehen werden konnte. Zudem kam es zu
einer verschärften Konkurrenz um die Gunst der ZuschauerInnen, die letztlich
zu einem durch Kommerzialisierung bedingten Niveauverlust führte. Der Auftrag
des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, auch zur politischen Bildung beizutragen,
kritischen Stimmen Gehör zu verschaffen, hinter die Kulissen der ofÀziellen Poli-
tik zu schauen und zu recherchieren, gilt für die privaten Sender nicht. Ihnen geht
es darum, möglichst viele Menschen vor den Fernseher zu locken, um sie mittels
der auch innerhalb der Sendungen und Filme ausgestrahlten Werbespots Tag und
Nacht zum Konsum zu animieren.
170 5 Die achtziger Jahre

„Der Blick auf den Bildschirm wird nun zunehmend vom wirtschaftlichen Kalkül ge-
lenkt – auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Der teure Kampf um die Übertra-
gung von Sportereignissen, der An- und Abkauf von TV-Stars und der Griff ins Zeitbud-
get der Zuschauer markieren Wendepunkte im Verständnis vom Fernsehen: Bald wird
es keinen fernsehfreien Augenblick mehr geben, die letzten Lücken im Tagesprogramm
werden geschlossen, mit Fernbedienung und Videorecorder lotst sich der Zuschauer
in ein neues Verhältnis zum Medium: Videotext, Kabelfernsehen, Satellitenfernsehen.
EINS PLUS, 3sat, SAT.1, RTL plus, Pay TV. High DeÀnition, Television/HDTV. Der
Sponsor und die Schleichwerbung, Product Placement.“ (Kubitz 1997, S. 122)

In den ersten Jahren strahlten die kommerziellen Sender zahlreiche SexÀlme der
frühen 70er Jahre aus, was sich nur schwer mit der Familienideologie und Sexual-
moral der „geistig-moralischen Wende“ in Einklang bringen ließ.
Die Erweiterung des Fernsehangebotes durch die kommerziellen Sender kann
als Illustration dafür dienen, was Multioptionsgesellschaft auch meinen kann: eine
Ausweitung der Fernsehsender und die Möglichkeit, rund um die Uhr fernzusehen
wurde inhaltlich dadurch beschränkt, dass die jeweiligen Programme unter dem
Diktat der wirtschaftlichen Berechnung stehen.
Neben der Einführung der kommerziellen Sender veränderte in den 80er Jahren
die massenhafte Verbreitung des Videorecorders die Sehgewohnheiten der Deutschen.
Der Videorecorder ermöglicht es, sich völlig unabhängig vom gesendeten Programm
zu machen, Art des Films und die Zeit des Konsums selber zu bestimmen. Außer-
dem können die gekauften, überspielten oder geliehenen Filme betrachtet werden wie
gewünscht: Langweilige Szenen können bei Bedarf überspult und interessante Se-
quenzen mehrmals angesehen werden. Als Genres hatten Western-, Abenteuer- und
ActionÀlme, Krieg, Horror und Thriller, Komödie, Liebe und Erotik großen Absatz
(s. Stockmann 2005, S. 127); auf dem Höhepunkt des Verleihs von Videokassetten,
im Jahr 1987, gab es in Deutschland 7800 Videotheken, das heißt, dass die meisten
Menschen in unmittelbarer Reichweite eine Videothek besuchen konnten.
Die rasante Entwicklung der Technik wurde an der enormen Verbreitung von
Computern deutlich:

„Ab Mitte des Jahrzehnts fand der PC immer mehr Verbreitung in privaten Haus-
halten und avancierte damit, vor allem mit seinen Textverarbeitungsprogrammen,
zum Alltagsgerät für jedermann. Zugleich führte seine Multifunktionalität zu einer
kontinuierlichen Durchdringung einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche (Kin-
der- und Jugendkultur, Büro, industrielle Produktion, Wirtschaft und Verkehr,
Kommunikation und Alltag usw.). Damit veränderte der Computer insbesondere
die soziale Wirklichkeit in dem Sinne, daß für eine Vielzahl von Menschen ganz
neue Ausdrucks- Gestaltungs- und Kommunikationswege zur Verfügung gestellt
wurden.“ (Faulstich 2005c, S. 241)
5.2 Kommerzfernsehen in der „Multioptionsgesellschaft“ 171

Die Verbreitung von Computern und deren Eindringen in die Alltagswelt ist durch-
aus zwiespältig zu beurteilen: Zum einen ergaben sich hierdurch Erleichterungen,
wie etwa bei der Textverarbeitung, oder neue Unterhaltungsangebote durch Com-
puterspiele, doch bedeutete das Voranschreiten dieser Technologie zum anderen
auch die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes durch Rationalisierung und –
vor allem beim kritischen Teil der Bevölkerung – Angst davor, dass der Staat diese
Technik einsetzen könnte, um seine BürgerInnen besser überwachen zu können.
Der propagierte Rückzug des Staates aus seiner sozialen Verantwortung, die
Beschwörung der „Kräfte des Marktes“, die Konsumorientierung und die Appelle
an Leistungsbereitschaft zielten letztlich auf einen Individualismus ab, der mehr
und mehr zum gesamtgesellschaftlichen Trend wurde:

„Im Laufe der 80er und 90er Jahre wurde der Hedonismus – ursprünglich ein Kon-
zept zur Überwindung der Normen von Arbeit, PÁicht und Leistung – extrem kom-
merzialisiert. Und, was folgenreicher war, die Vorstellung der Selbstverwirklichung,
die bei der inneren Motivation ansetzte, wurde, angetrieben von neokonservativen
und neoliberalen Strömungen, zum weithin propagierten Ideal einer Gesellschaft,
die das sich selbst mobilisierende Individuum zur grundlegenden SozialÀgur eines
deregulierten Gemeinwesens mit vermindertem Staatsanteil machte.“ (Schildt/
Siegfried 2009, S. 337)

Die Slogans und Parolen der christlich-liberalen Parteien im Deutschland der sieb-
ziger und achtziger Jahre wie „Freiheit statt Sozialismus“ und „Leistung muss sich
wieder lohnen“ bringen diesen Mentalitätswandel zum Ausdruck: Es ging immer
weniger um Solidarität und Gemeinschaft, der Staat und (sozial-)rechtliche Rege-
lungen galten als Hindernisse für eine freie Entfaltung der Wirtschaft.
Sinnbild dieses Mentalitätswandels waren die sogenannten „Yuppies“, die für
einen Teil der Gesellschaft in den 80ern als Leitbild galten. Yuppie steht für „Young
Urban Professionell“ und bezeichnete junge Erwachsene, die in Metropolen wohn-
ten, karriereorientiert waren und auf gut dotierten Stellen wie in der Werbebranche
oder an der Börse arbeiteten. Sie zeichneten sich durch einen konsum- und luxus-
orientierten Lebensstil aus: Teure Kleidung, exklusive Wohnungseinrichtungen,
Luxusautos und ein demonstrativer Hedonismus gehörten in ihr Leben wie eine
selbstverständliche Akzeptanz von gesellschaftlichen Hierarchien. Yuppies hatten
junge, sportliche und schlanke Körper, die Leistungsbereitschaft und Fitness sig-
nalisierten und nach der jeweils aktuellen und exklusiven Mode gekleidet waren.
Passend dazu auch die bevorzugte Droge, Kokain, die den Körper ständig unter
Anspannung und Leistungsbereitschaft hält. Yuppies wollten nicht die Welt ver-
ändern, sondern innerhalb der Hierarchien weit aufsteigen, was ihnen noch mehr
Konsummöglichkeiten und Prestige versprach.
172 5 Die achtziger Jahre

Individualismus und Karriereorientierung waren zum Leitbild des Jahrzehnts


geworden, es ging darum, sein eigenes Leben ökonomisch erfolgreich zu gestalten
und diesen Erfolg demonstrativ zu präsentieren.
Weit weniger exklusiv als der Lebensstil der Yuppies war „Aerobic“, eine Mo-
dewelle der achtziger Jahre. Aerobic ist Gymnastik, die zu Popmusik betrieben
wird und maßgeblich durch die US-Schauspielerin Jane Fonda in breiten Schichten
populär wurde. Ganz im Sinne des Zeitgeistes sollte sie dazu beitragen, die Teil-
nehmerInnen Àt zu halten und zu schlanken, sportlichen Körpern zu verhelfen,
was kommerziell ausgebeutet wurde: Neben Aerobic-Kursen wurde noch die dazu
angeblich notwendige Kleidung, Schallplatten, Bücher und Videokassetten ver-
marktet, zudem gab es Aerobic-Sendungen im Fernsehen. Diese Angebote wurden
in erster Linie von Frauen wahrgenommen, die mit der Teilnahme die Hoffnung
verbanden, dem propagierten weiblichen Schönheitsideal zu entsprechen.
Auch in der Welt des professionellen Sports machte sich in den 80ern ein enor-
mer Schub hin zu einer Kommerzialisierung bemerkbar. Die Konkurrenz der
öffentlich-rechtlichen und der Kommerzsender trieb die Gelder für die Übertra-
gungsrechte von Großereignissen in die Höhe:

„Die Sportkultur der achtziger Jahre stand ganz im Zeichen der Kommerzialisie-
rung und Medialisierung. Die ökonomische Vermarktung und die publizistische
Verwertung des Spitzensports stieß in ungeahnte Dimensionen vor.“ (Schaffrath
2005, S. 206)

Neben den Großereignissen wie Olympische Spiele und Fußball wurde im Zuge
der Erfolge der Stars StefÀ Graf und Boris Becker Tennis zu einer weit beachteten
Sportart mit hohen Einschaltquoten.
Vordergründig im Gegensatz zu den Tendenzen der gesellschaftlichen Entwick-
lung – dem Fortschritt der Technik, der zunehmenden Individualisierung und Kom-
merzialisierung – steht der Boom der Volksmusik in diesem Jahrzehnt. Anfang der
80er startete der Musikantenstadl mit Karl Moik, der ab 1983 bundesweit ausgestrahlt
wurde und ab 1986 den besten Sendeplatz, samstags um 20.15 Uhr, erhielt. Ebenfalls
ab 1986 gab es den „Grand Prix der Volksmusik“, der in der Schweiz, Österreich und
Deutschland gesendet wurde, 1990 gab es 86 Sendungen mit volkstümlicher Musik
im deutschen Fernsehen (s. Schormann 2005, S. 176). Obwohl sich der Boom der
Volksmusik unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen entfaltete, lässt er
sich in seiner sozialen und psychologischen Funktion durchaus mit den HeimatÀl-
men der 50er Jahre vergleichen. Ging es in der Nachkriegszeit darum, die Kriegs-
erfahrungen mit ihren seelischen und materiellen Folgen durch die Darstellung einer
„heilen Welt“ zu kompensieren, so waren es in den 80ern die rasante technische
5.2 Kommerzfernsehen in der „Multioptionsgesellschaft“ 173

Entwicklung, die (drohende) Arbeitslosigkeit und das Bewusstsein einer durch die
industrielle Entwicklung stark gefährdeten Umwelt sowie die Angst vor einem alles
vernichtenden Atomkrieg. In den Volksmusik-Sendungen wurde eine ländliche Um-
gebung vorgegaukelt, die Musik war nicht aggressiv und die Texte problematisierten
und provozierten nicht. Das Ganze wurde zudem inszeniert in einer konservativen
Umwelt, in der die Beziehungen der Menschen und der Geschlechter noch „stimm-
ten“, es wenige KonÁikte gab und eine harmonische Atmosphäre herrschte.
Stars des Genres und ihre Lieder waren unter anderem Marianne und Mi-
chael („Das alte Försterhaus“, „Ich lieb die Heimat, meine Berge“), die Zillertaler
Schürzenjäger („Ein kleiner Blumenstrauß“, Nimm Dir Zeit für Fröhlichkeit“) und
Maria Hellwig („Der Kaiser von Tirol“, „Lieder, die von Herzen kommen“).
Mit ihrer biederen und konservativen Grundhaltung konnten die verschiedenen
Volksmusik-Sendungen und SängerInnen bei Teilen der Bevölkerung an die „geis-
tig-moralische Wende“ anknüpfen und das Bedürfnis nach einer konservativen
und angeblich heilen Welt bedienen.
In eine vollkommen andere Richtung ging die „New Age“-Bewegung der 80er
Jahre, die vor allem in den Mittelschichten des linken und alternativen Spektrums
AnhängerInnen fand. Unter Bezugnahme auf eine Kritik an westlichem Rationa-
lismus vereinte diese Strömung unterschiedlichste Elemente verschiedener Kul-
turen, wobei sie mit dieser Ideologie sowohl an den Psychoboom als auch an die
Hippiekultur anknüpfen konnte:

„Erwartet oder vernommen wurde ein ‚Neues Zeitalter‘ des Wassermanns, welches
das Ende von Materialismus und analytischem Denken geprägten Zeitalters des
Fisches einläuten sollte. Umweltverschmutzung oder der Rüstungswettlauf wurden
als Zeichen eines durch Katastrophen ausgelösten Umbruchs gedeutet. Mit der Be-
tonung von Einheit von Körper, Geist und Seele sowie der Ablösung von Rationali-
tät, analytischem Denken und Argumentation durch Gefühl, ‚synthetisches Denken‘
und Intuition sollte die ursprüngliche kosmische Harmonie wiederhergestellt wer-
den. Mystische und magische Vorstellungen von ‚Schwingungen‘, ‚Energiefeldern‘,
‚Wellen‘, ‚Strahlen‘ oder ‚Kräften‘ würden eine ganzheitliche Verbindung des Indi-
viduums mit dem Universum konstruieren.“ (Reichhardt 2014, S. 810)

Themen wie ganzheitliche Gesundheit, paranormale Erscheinungen, esoterische


Lebenshilfen, Schamanismus, Astrologie, spirituelle Sitzungen und diverse The-
rapieformen standen im Mittelpunkt und wurden durch Bücher, Workshops und
Schallplatten zum Teil durchaus erfolgreich vermarktet. Die New-Age-Szene war
sehr individualistisch, bezog sich nicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse,
sondern sah die Lösung der sozialen wie individuellen Probleme in einem spiri-
tuellen Wandel:
174 5 Die achtziger Jahre

„Die den Psychoboom vor allem seit den achtziger Jahren bedienenden und för-
dernden Bewußtseinserweiterungsprogramme greifen synkretisch alles auf, was
zwischen Erdstrahlen und Astralwelt, Körpersprache und Magnetismus, Telepathie
und Astrologie, Karma und Reinkarnation eine ganzheitliche Welt zu suggerieren
vermag. Die esoterischen Exerzitien, die sich zu antimodernen (bzw. postmodernen)
Kulturformen ausweiten, gipfeln in der Vision vom Aufbruch in ein neues Zeitalter
(New Age).“ (Glaser 1989, S. 132)

Obwohl es sich bei den Erfolgen der Volksmusik und der New-Age-Bewegung um
Trends der Achtziger handelt, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Basis und ihres
Inhalt nach vollkommen unterscheiden, haben sie doch eines gemeinsam: Beide
Strömungen beziehen sich nicht auf ein kritisches Bild oder eine Analyse von Ge-
sellschaft, beide entÁiehen eher den Unsicherheiten der Zeit mit Hilfe kommerziell
organisierter Angebote, entweder durch ein Herbeisehnen und Verklären einer
vermeintlich „guten alten Zeit“ oder die Hoffnung auf Erlösung oder zumindest
Weltverbesserung durch den Beginn eines neuen Zeitalters.

5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS

Die „geistig-moralische“ Wende war mit dem Versuch verbunden, zu alten Rollen-
bildern zurückzukehren. Nicht zuletzt wegen der hohen Arbeitslosigkeit in den
80er Jahren wurde von der „sanften Macht der Familie“ gesprochen, es sollte das
alte Leitbild der Frau als Hausfrau und Mutter wiederbelebt werden. Doch waren
das Selbstbewusstsein vieler Frauen und die Selbstverständlichkeit, als Frau be-
rufstätig zu sein, im Laufe der Jahre stark gestiegen, die Quote der erwerbstätigen
Frauen stieg und mehr Frauen als zuvor verfügten über eine Berufsausbildung oder
einen Studienabschluss. Zudem bot die Orientierung an einer Beziehung oder Ehe
immer wenig Sicherheit in Zeiten, in denen die Scheidungszahlen wuchsen.
Die Frauenbewegung trat in den 80ern in eine Phase der Institutionalisierung:
Das Bundesministerium für Jugend, Gesundheit und Familie wurde 1986 um das
Ressort Frauen erweitert. Auch auf anderen Ebenen wurden die Belange von Frau-
en zunehmend als ofÀzielle politische Frage anerkannt:

„Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte wurden in den Städten und Gemeinden, sowie


in staatlichen Ministerien und großen Behörden eingerichtet. Oft wurde ihre Stelle als
Querschnittsaufgabe mit Zugang zur Verwaltungsspitze und umfassenden Informations-
rechten eingerichtet. Ihre Leistungen hingen einerseits von dem politischen Rückhalt bei
der Führung und der Verwaltung insgesamt, aber auch von ihren Verbindungen zu lokal
engagierten Frauengruppen und von ihren Netzwerken ab. Sie haben sich in Bundes- und
Landesarbeitsgemeinschaften (BAG, LAG) zusammengeschlossen.“ (Lenz 2009, S. 233)
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS 175

Alltagsweltlich wurde eine Verschiebung des Geschlechterverhältnisses zu Guns-


ten der Frauen sichtbar an der Tatsache, dass ab Beginn der 80er Jahre in der Wer-
bung verstärkt Männer als Objekte in der Werbung eingesetzt wurden:

„Zum Generalangriff auf deren Unterhosen blies schließlich Michael Schirmer


für CARE. Der 1980 unter dem Slogan ‚Man geht nicht mehr ohne‘ angeleitete
Anzeigenkampagne folgte massive TV-Werbung. Zunächst nur bis zum Nabel oder
im ProÀl abgebildet, trugen zwischen Macho und Softie angesiedelte Typen von
Jahr zu Jahr mehr ihre teure Haut zu Markte. Schließlich barfuß bis zum Hals,
verschränkten sie schließlich noch die Arme hinter dem Kopf und ließen ihre Männ-
lichkeit aus der Feigenblatt-Zone lugen.“ (Kreutzer 1999, S. 12)

Männer in offen erotischen Positionen als Blickfang und Kaufanreiz waren ein
neues Phänomen, was dazu führte, der Zwang von Männern, sich selbst als attrak-
tiv und erotisch darzustellen, stieg. Männer wurden – wie vorher schon Frauen –
als Zielgruppe für die Schönheitsindustrie entdeckt, die einen gepÁegten und mo-
dern gekleideten Mann als Leitbild propagierte, um ihre Produkte zu vermarkten.

„Die engelsgleichen Jungs aus der Parfumwerbung haben ein Schönheitsideal


geschaffen, das Männern allmählich jenes wettbewerbsorientierte Körperdenken
lehrt, das Frauen von jeher kennen.“ (Kreutzer 1999, S. 11)

Allerdings hat die Ausbeutung der Erotik des männlichen Körpers als Kaufanreiz
zu keiner Zeit auch nur annähernd die Ausmaße angenommen, wie es bei der Aus-
beutung des weiblichen Körpers schon lange der Fall war und ist.
Auch innerhalb der heterosexuellen Zweierbeziehungen hat die weibliche
Emanzipation deutliche Spuren hinterlassen. Die Sozialwissenschaftlerin Herrad
Schenk zieht 1990 eine ernüchternde Bilanz der Entwicklung in heterosexuellen
Beziehungen seit Ende der 60er Jahre:

„Heute, nach zwei Jahrzehnten sexueller Befreiung haben sich die Zeichen männ-
licher Unsicherheit gemehrt. In der zeitgenössischen belletristischen Literatur von
Männern herrscht der Typ des narzißtischen, autistischen männlichen Helden vor,
der kaum oder nur zögernd Kontakt zu Frauen sucht und ihnen, von kurzen sexuel-
len Begegnungen einmal abgesehen, lieber aus dem Weg geht. Empirische Unter-
suchungen zeigen, daß viele Männer, weit davon entfernt, die sexuelle Freiheit zu
bejubeln, ihre Geschlechtsbeziehungen als anstrengend und unbefriedigend emp-
Ànden.“ (Schenk 1990, S. 231)

Das traditionelle Arrangement der Geschlechter beruhte darauf, dass sich Männer
sexuell aktiv und offensiv präsentieren konnten; als Pendant dazu verhielten sich
176 5 Die achtziger Jahre

Frauen zurückhaltend und scheu und demonstrierten somit – ihrer traditionellen


Rolle entsprechend – ein sexuell zurückhaltendes und unsicheres Verhalten. Die
anerzogene und sozial erwünschte weibliche Zurückhaltung sicherte den Männern
ihre sexuell fordernde Position, sie konnten sich als potente Eroberer und Drauf-
gänger inszenieren. Durch das gewachsene Selbstbewusstsein der Frauen, die ver-
stärkt ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche in der Sexualität äußerten und
einforderten, war dieses Arrangement ins Wanken geraten, worauf viele Männer
mit Verunsicherung, Rückzug und sexuellen Problemen wie Erektionsschwierig-
keiten reagierten.

„Steht nicht hinter dem starken Wunsch nach Kontrolle die Sorge um ein zartes
PÁänzchen, das ganz besondere Bedingungen braucht, um sich zu entfalten? Haben
die Männer nicht jahrelang als Stärke vor sich hergetragen, was in Wirklichkeit
Angst vor der Schwäche war?“ (Schenk 1990, S. 231)

Neben diesen Spannungen, Enttäuschungen, Irritationen und Unzufriedenheiten in


heterosexuellen Beziehungen wurde das Geschlechterverhältnis in den 80er Jah-
ren durch zwei weitere Diskussionen bestimmt, in denen das Thema der Gewalt
die zentrale Rolle spielte: Die Debatte um PornograÀe und den sexuellen Miss-
brauch an Kindern.
Durch die massenhafte Verbreitung des Videorecorders in den 80ern verzeich-
nete die PornograÀe-Branche einen enormen Boom. Von jetzt an reichte ein kur-
zer Besuch in der Videothek, um sich anschließend zu Hause dementsprechende
Filme anzusehen. Was auf der einen Seite als Schub in Richtung einer sexuellen
Liberalisierung und Freiheit gesehen wurde, stieß vor allem bei Frauen auf harsche
Kritik und Ablehnung: Der Mainstream der PornograÀe zeige lediglich eine Form
von Sexualität, die der traditionellen männlichen Vorstellung entspräche. Sexuali-
tät als Leistungssport mit heterosexuellem Geschlechtsverkehr im Zentrum und
ständig willigen und bereiten Frauen wie Männern ohne jede andere zwischen-
menschliche Beziehung galt bestenfalls als langweilig, unerotisch, fantasielos und
stereotyp.
Noch weiter in der Kritik an und der Ablehnung von PornograÀe gingen die-
jenigen Frauen, die unter dem Slogan „PornograÀe ist die Theorie, Vergewaltigung
ist die Praxis“ für ein Verbot eintraten. Grundlegend für die daraus folgende „Por-
No“-Kampagne war das Buch „Pornographie – Männer beherrschen Frauen“ der
US-amerikanischen Autorin Andrea Dworkin. Dworkin zeichnet ein Bild des Ge-
schlechterverhältnisses, das ausschließlich durch Macht und Gewalt gekennzeich-
net ist, wobei sie insbesondere die unmittelbare Herrschaft von Männern über die
Körper von Frauen analysiert und kritisiert:
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS 177

„Er nennt das Weib nicht nur schwach, er verstümmelt den weiblichen Körper, fes-
selt ihn, so daß er sich nicht frei bewegen kann, benützt ihn als Spielzeug oder
Schmuckstück, sperrt ihn ein und stutzt ihn zurecht, weil er das Weib schwach ge-
nannt hat. Er sagt, dass das Weib vergewaltigt werden möchte, und er vergewaltigt.
Sie widersetzt sich der Vergewaltigung, und er muß sie schlagen, ihr mit Mord dro-
hen, sie mit Gewalt verschleppen, sie nachts überfallen, Messer oder Fäuste benüt-
zen (...) Feindseligkeit und Gewalt nennt er, in den verschiedensten Verbindungen:
‚Sex‘. Er schlägt sie und nennt das abwechselnd ‚Liebesbeweis‘ (wenn sie Ehefrau
ist) oder ‚Erotik‘ (wenn sie Geliebte ist). Wenn sie ihn sexuell begehrt, nennt er
sie Schlampe. Wenn sie nicht will, vergewaltigt er sie und sagt sie will.“ (Dworkin
1988, S. 27)

Alice Schwarzer gab als maßgebliche Aktivistin der PorNo-Kampagne das Buch
von Dworkin in ihrem Verlag heraus und schrieb das Vorwort. Darin diagnosti-
zierte sie einen durch das neue Medium Video hervorgerufenen allgemeinen Trend
zur PornograÀsierung der Gesellschaft und des Alltags mit der Folge der brutalen
Abwertung von Frauen:

„Wir haben es mit einer durchdringenden Pornographisierung der gesamten Se-


xualität und des ganzen Alltags zu tun. Dazu gehört zwangsläuÀg der Versuch einer
Verhurung aller Frauen.“ (Schwarzer 1988a, S. 11)

Als Ursache für den steigenden PornograÀekonsum sieht sie die Unfähigkeit von
Männern, gleichberechtigte (sexuelle) Beziehungen zu Frauen einzugehen. Das
gestiegene Selbstbewusstsein von Frauen führe bei Männern zu Unsicherheiten
und Ängsten, die sie in der Àktiven Welt der PornograÀe zu besiegen versuchen.
Es geht folglich weniger um die männliche sexuelle Lust als vielmehr darum, die
männliche Vorherrschaft, die Macht über Frauen, durch kommerzielle Angebote
des Sexmarktes (wieder) herzustellen.

„Die Frauen von heute machen, zumindest einige, Karriere. Die Frauen von heute
ziehen, zumindest einige, ins Parlament. Die Frauen von heute teilen sich, zumin-
dest einige, die Kinderarbeit mit den Vätern. Die Frauen von heute fordern, und
das sind viele!, Menschenrechte auch für Frauen. Direkt widerspricht da niemand.
Indirekt aber antwortet die Pornographie. Der rapide qualitative und quantitative
Anstieg der Pornographie ist die Antwort: die Antwort des Patriarchats auf die
neue Frauenbewegung und alles, was sie ausgelöst hat. Pornographie propagiert
Frauenhaß!“ (Schwarzer 1988a, S. 10)

PornograÀekonsum und -produktion wird von den GegnerInnen sowohl als Folge
der Machtverschiebung zwischen den Geschlechtern interpretiert als auch als di-
178 5 Die achtziger Jahre

rekte Anleitung zur Unterdrückung und Misshandlung von Frauen, als Medium,
das zur Verrohung und Brutalisierung in heterosexuellen Beziehungen führt. Bei
den angeblich schädlichen Folgen von PornograÀe beriefen sich die KritikerInnen
unter anderem auf den „Meese-Report“, der, benannt nach dem konservativen US-
amerikanischen Justizminister, die Schädlichkeit von PornograÀe belegen wollte,
sodass es bei der Ablehnung von PornograÀe zu einem Bündnis von konservativ-
klerikalen Kräften und Feministinnen kam, zwei politischen Lagern, die sonst hin-
sichtlich ihrer Einstellungen zu Sexualität und zum Geschlechterverhältnis keine
Berührungspunkte hatten.
Das 1988 gegründete Frauenbündnis gegen PornograÀe brachte ein Gesetz zum
Verbot pornograÀscher Produkte im Bundestag ein, das allerdings nicht angenom-
men wurde; trotz dieses Scheiterns hat die Bewegung gegen PornograÀe einen
Beitrag dazu geleistet, die Sensibilität gegenüber Frauen verachtenden und ernied-
rigenden Filmen und Zeitschriften zu erhöhen und den meist heimlichen Konsum
von PornograÀe und dessen Folgen öffentlich zu machen.
In den 80er Jahren begann ebenfalls die Diskussion um den sexuellen Miss-
brauch von Kindern. Auch hier waren es in erster Linie engagierte Frauen, die das
Verschweigen dieses Verbrechens brachen und an die Öffentlichkeit traten.

„Der sexuelle Mißbrauch von Kindern durch Erwachsene ist eine Form von Ge-
walt, die erst jetzt zum Thema in der Öffentlichkeit wird. Bisher wurde allenfalls
ab und zu durch Schlagzeilen über ‚Fälle‘ berichtet, doch das tatsächliche Ausmaß
dieses Kindesmißbrauchs war ebenso unbekannt wie das Erleben und EmpÀnden
der Mädchen, für die sexuelle Bedrängnis und Bedrohung zum Alltag gehören. An
den physischen und psychischen Folgen für die betroffenen Kinder bestand kein In-
teresse, ja es wurde sogar behauptet, solche Folgen gäbe es überhaupt nicht, höchs-
tens ganz ausnahmsweise.“ (Kavemann/Lohstöter 2009, S. 220f)

Wie bereits bei der Diskussion um die PornograÀe ging es auch hier in erster Linie
um Männer, die sexuellen Missbrauch betrieben, und waren es vor allem Frauen,
die männliche Sexualpraktiken als brutal, gefährlich und schädlich anprangerten,
wobei die Opfer Frauen und Mädchen sind:

„Sexueller Mißbrauch ist eine ‚Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung‘. Von
diesem Verbrechen sind zu 90 % Mädchen und Frauen betroffen, wogegen die Täter
zu fast 100 % Männer sind.“ (Kavemann/Lohstöter 2009, S. 221)

Um dem sexuellen Missbrauch an Kindern vorzubeugen, wurden verschiedene päda-


gogische Einrichtungen gegründet und Konzepte entwickelt, mit deren Hilfe Kinder
und Jugendliche lernen sollten, sich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr zu setzen.
5.3 PorNo-Kampagne, sexueller Missbrauch und AIDS 179

Durch die verschiedensten Medien wurde der sexuelle Missbrauch von Kindern
als Problem in die Öffentlichkeit getragen, ab Mitte der 80er Jahre stiegen auch die
Publikationen zum Thema in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Büchern
sprunghaft an (s. Schetsche 1994, S. 32).
Wie Schetsche (1994, S. 40) ausführt, hat sich hierbei eine Änderung in der
Deutung von sexuellen Handlungen Erwachsener an Kindern vollzogen, ein Wan-
del vom Triebverbrechen zum Missbrauch. Die bis in die 60er Jahre vorherrschen-
de Deutung von sexuellen Handlungen Erwachsener an Kindern als Triebverbre-
chen ging davon aus, dass das Verbrechen von einem Täter begangen wurde, der
krank, abnorm und „pervers“ war. Zudem galt der Täter als ein Fremder, der sonst
keinen Kontakt zu dem Kind hatte und seinen Opfern an Orten wie Spielplätzen
oder Schulhöfen auÁauerte.
Bei einer Deutung von sexuellen Handlungen an Kindern als Missbrauch hin-
gegen gilt der normale Mann in einer männlich dominierten Gesellschaft als Täter:

„Vorstellungen vom psychisch abnormen Täter werden zurückgewiesen, weil die


Ursachen der Tat nicht im individuell erkennbaren Abweichen von der Norm, son-
dern im konsequenten und rücksichtslosen Ausleben der gesellschaftlich akzeptier-
ten Männerrolle liegen. Die sexuelle Gewalt gegen Mädchen ist als Ausdruck pat-
riarchaler Gewaltverhältnisse eine normale männliche Verhaltensweise, der Täter
infolgedessen gerade der normale Mann.“ (Schetsche 1994, S. 37)

Es geht also nicht darum, den Missbrauchern Pädophilie als sexuelle Vorliebe zu
unterstellen, sondern um die Behauptung, dass sich Männer bewusst Kinder – und
hier vor allem Mädchen – aussuchen, weil sie an diesen aufgrund ihrer körperli-
chen und geistigen Überlegenheit ihre Macht ausleben können.
In dieser Deutung ist es nicht der Fremde, der den Missbrauch begeht, son-
dern dieser Àndet im sozialen Nahbereich des Mädchens statt und wird vom Va-
ter, Stiefvater, Nachbarn, Großvater oder Bruder begangen. Erschwerend kommt
hinzu, dass gerade die Familie, die als Schutz- und Schonraum für Kinder und
Jugendliche gilt, die Stätte des Missbrauchs ist, was den betroffenen Kindern bzw.
Mädchen noch erschwert, den Verbrechen zu entgehen.
Bei beiden zentralen Diskussionen um die Sexualität in den 80er Jahren, der
Debatte um PornograÀe und dem Aufdecken des sexuellen Missbrauchs, lässt sich
die gleiche Struktur erkennen: Es sind auf der einen Seite überwiegend Männer,
die als Konsumenten von PornograÀe oder Missbraucher von Mädchen in ihren
Fantasien oder real sexualisierte Gewalt ausüben; diesen gegenüber stehen Frau-
en und Mädchen als Opfer. Es handelt sich in beiden Fällen nicht um Fragen der
Gefährlichkeit von männlicher Sexualität als solcher, sondern um die Tatsache,
180 5 Die achtziger Jahre

dass Männer die gesellschaftlich eingebüßte Vormachtstellung durch sexualisierte


Gewalt kompensieren wollen. Beide Diskussionen haben zu verschärften Span-
nungen im Geschlechterverhältnis beigetragen und vor allem bei vielen Frauen
Skepsis aufkommen lassen, ob gleichberechtigte, auf Vertrauen und Gegenseitig-
keit beruhende Beziehungen mit Männern überhaupt möglich sind.
Die Utopie einer freien Gesellschaft durch eine befreite und „natürliche“ Sexua-
lität – zentrale ideologische Bestandteile bei Teilen der 68er und Hippies – wich
tendenziell einem Bild von Sexualität, das durch Gefahr und Gewalt bestimmt
wurde, und einer gesellschaftlichen Entwicklung, die mehr als je zuvor von kom-
merzieller Sexualität geprägt war.
Weiter forciert wurde das Verständnis von Sexualität als Gefahr durch das Auf-
kommen der Immunschwächekrankheit AIDS in den 80er Jahren: Ende 1981 wur-
den die ersten Krankheitsfälle in den USA bekannt, ohne die Krankheit allerdings
zuordnen zu können. 1982 wurde der Begriff AIDS (Acquired Immune DeÀciency
Syndrome; erworbenes Immunschwächesyndrom) eingeführt, weil deutlich wur-
de, dass das Immunsystem der Betroffenen geschwächt war, was schließlich zu
deren Tod führte. 1983 wurde der Erreger HIV entdeckt, der die Krankheit auslöst.
In der Bundesrepublik gab es zwei Jahre später eine regelrechte AIDS-Hysterie:

„Aber schon Mitte der achtziger Jahre überschattete AIDS die Sexualität in einem
heute kaum mehr vorstellbaren Ausmaß. Doch AIDS war von Anfang an nicht nur
eine schwere Erkrankung, sondern zugleich ein Stigma. AIDS war von wuchernden
Bildern umstellt, die ausgrenzend wirkten. AIDS war eine Metapher für die Folgen
einer nicht normgerecht gelebten Sexualität. An AIDS erkrankten, abgesehen von
den Hämophilen, vor allem Außenseiter und Randständige, oder solche, die sich mit
diesen zu eng eingelassen hatten.“ (Dannecker 2012, S. 17)

Weil die Krankheit vor allem über Geschlechtsverkehr und den gemeinsamen Ge-
brauch von Nadeln bei Drogenabhängigen übertragen wird und damit gesellschaft-
lich tabuisierte Themen berührt, war sie für die Boulevardpresse und konservative
PolitikerInnen ein Anlass sowohl zur sensationsheischenden Berichterstattung als
auch zur Forderung nach restriktiven Maßnahmen. „Schüler, Hausfrauen, Sol-
daten, Priester – überall AIDS“ (zit. n. Verlag die Schulpraxis 1988) titelte die
Bild-Zeitung. Insbesondere aus der CSU wurden Forderungen laut, Zwangstests
und Reihenuntersuchungen bei sogenannten Problemgruppen durchzuführen,
HIV-InÀzierte und AIDS-Kranke in speziellen Einrichtungen zu isolieren und
zu überwachen. Unter Slogans wie AIDS sei ein „Fingerzeig Gottes“ oder eine
„Geißel Gottes“ wurde versucht, die Krankheit zu instrumentalisieren, um die re-
aktionäre Sexualmoral der 50er Jahre wieder herzustellen.
5.4 Jugend in den 80er Jahren 181

Insbesondere homosexuelle Männer als überproportional Betroffene von HIV


und AIDS sahen sich Verleumdungen und Vorurteilen ausgesetzt. Doch hatte die
Emanzipationsbewegung der homosexuellen Männer seit den 70er Jahren zu trag-
fähigen Strukturen geführt, die dazu beitrugen, solidarisch mit der Krankheit um-
zugehen:

„Ein dichtes Netz von AIDS-Hilfen und sonstigen Einrichtungen mit Tausenden von
Mitarbeitern steht beratend und betreuend bei Schwierigkeiten in so ziemlich allen
Lebenslagen bereit.(...) Präventionskampagnen, die von Schwulen selbst entwickelt
wurden, haben dafür gesorgt, daß die Neuinfektionsrate in Deutschland zu den
niedrigsten weltweit gehört. Damit wurden die Horrorszenarien, daß besinnungs-
und verantwortungslose Schwule die Krankheit in die ‚Normalbevölkerung‘ tragen,
Lügen gestraft. Und es waren Schwule, die eine staatliche AIDS-Politik der Aus-
grenzung und Repression verhindert haben.“ (Neumann 1997, S. 157)

Ob es sich nun um homo- oder heterosexuelle Orientierungen und Praktiken han-


delte: AIDS hatte Auswirkungen auf das Sexualverhalten in Deutschland. Die
Tatsache, dass die Erkrankung niemandem anzusehen ist und schon ein einzi-
ger sexueller Kontakt zu einer InÀzierung mit einer Krankheit mit wahrschein-
lich tödlichem Ausgang führen kann, schürte in der Bevölkerung Unsicherheiten.
Doch gelang es auch unter einer konservativen Regierung der Ministerin Süss-
muth, einen Umgang mit der Krankheit durchzusetzen, der an die Stelle von Aus-
grenzung und Diskriminierung der Betroffenen Aufklärung setzte. Kampagnen
klärten über die Übertragungswege auf, plädierten für den Gebrauch von Kondo-
men, stärkten dadurch die Eigenverantwortung der Menschen und trugen zu einem
rationalen Umgang bei.

5.4 Jugend in den 80er Jahren

Waren die 50er Jahre ein Jahrzehnt des ökonomischen Aufschwungs, die 60er eine
Dekade des erweiterten Konsums und der rebellischen Grundstimmung, so waren
die 70er bereits für viele Heranwachsende von wirtschaftlichen Krisen geprägt,
was sich in den 80er Jahren für viele Jugendliche fortsetzte.
In den 80er Jahren bestand für einen Großteil von ihnen wenig Anlass, optimis-
tisch in die Zukunft zu schauen, wie Farin es beschreibt:
182 5 Die achtziger Jahre

„In den Achtzigern ist jeder fünfte Arbeitslose in der Bundesrepublik ein Jugendli-
cher. 6.000 Jugendliche töten sich im Jahre 1980 selbst, weitere 18.000 Selbstmord-
versuche werden registriert. Unter den Studierenden ist die Selbstmordrate doppelt
so hoch wie bei den nicht studierenden Jugendlichen. Mit 600 Drogentoten wird
eine neue Rekordmarke erreicht, 1970 waren es noch 29 Tote.“ (Farin 2006, S. 145)

Betroffen von ökonomischer Perspektivlosigkeit waren vor allem Jugendliche aus


sozial schwachen Familien, darunter überproportional viele mit Migrationshinter-
grund. Sie bekamen hautnah zu spüren, dass sie für die Gesellschaft keinen Nutzen
hatten, fanden keine Ausbildungsplätze und sahen einer Zukunft entgegen, von der
sie nicht viel zu erwarten hatten.
Doch auch AkademikerInnen hatten nicht unbedingt bessere Aussichten, was
vor allem für die Studierenden im Lehramt und dem sozialen Bereich galt. Mit
emanzipatorischem und gesellschaftskritischem Bewusstsein hatten sie ihr Stu-
dium mit dem Ziel begonnen, ihre Vorstellungen in der beruÁichen Praxis umzu-
setzen, und mussten nun feststellen, dass ihre Berufswünsche realisierbar waren.
In ihrem viel gelesenen Roman mit dem bezeichnenden Titel „Von der Nutz-
losigkeit erwachsen zu werden“ von 1985 schildern Georg Heinzen und Uwe Koch
den Lebenslauf des Àktiven Protagonisten Matthias Grewe, der sich nach der Be-
endigung seines Studiums statt einer Anstellung als Lehrer mit Gelegenheitsjobs
durchschlagen muss und sich seiner Illusionen beraubt sieht.

„Erst dachte ich, meine hoffnungsvolle Vorgeschichte sei dieser Irrtum, weil ich vor
lauter Erwartungen an das Leben, das ich mir erträumte, untauglich wurde für das
Leben, wie es wirklich ist. Aber ich halte daran fest, daß die Vorgeschichte, die mich
dazu verleitet hat, etwas vom Leben zu verlangen, kein Irrtum ist. Die Umstände,
die meine Vorgeschichte so schrecklich nutzlos werden ließen, sind der Irrtum.“
(Heinzen/Koch 1985, S. 183)

Kindheit und Jugend wurden im Laufe des Jahrzehnts verstärkt durch die neuen
Technologien bestimmt. Computerspiele wie Pac-Man, Battlezone, Double Dra-
gon und Super Mario erfreuten sich großer Beliebtheit, wobei die Kombination
aus Technik, Abenteuer, Jump-and-run- und Kampfspielen vor allem von Jungen
konsumiert wurden. Zudem kam der Walkman auf, der es ermöglichte, unabhän-
gig von der Stereoanlage zu Hause permanent Musik zu hören. Dies war auch mit
dem Radiorecorder möglich, den auf der Straße vor allem Jungen nutzten, um mit
ihren „Ghettoblastern“ mit lauter Musik durch die Gegend zu ziehen.
Ein Teil der Jugend sehnte sich nach klaren Verhältnissen und orientierte sich in
den Jahren der „ geistig-moralischen Wende“ an konservativen Lebensentwürfen.
5.4 Jugend in den 80er Jahren 183

„Nicht zuletzt hatten die Tanzschulen in Deutschland plötzlich wieder erhöhten


Zulauf, auch Verlobungen und Hochzeiten nahmen rapide zu. Viele Jugendliche
richteten sich in den frühen Achtzigern nach den symbolischen Explosionen von
Punk und New Wave in den gesellschaftlichen Verhältnissen ein, suchten das kleine,
private Glück und machten ihren Frieden mit der Leistungsgesellschaft.“ (Kemper
1999a, S. 196)

Doch zeigte sich die Jugend in den 80ern insgesamt wesentlich differenzierter
und widersprüchlicher, was vor allem für die Jugendkulturen gilt; die Diagnose
einer „Multioptionsgesellschaft“ traf auch auf das Spektrum der jugendkulturellen
Angebote zu. Jugendkulturen erfuhren innerhalb der Dekade eine enorme Aus-
weitung und Differenzierung, ein schwer zu überschauendes Spektrum an unter-
schiedlichen Gruppierungen, Stylings und Weltanschauungen:

„Die Jugendkulturen haben sich seit den 80er Jahren sprunghaft entwickelt. In
einzelnen Jugendkulturen haben sich Unterabteilungen und Stämme (house, tri-
bes) (rück-)gebildet, deren Lebens-, Sprachen- und Artenvielfalt selbst Kenner oder
Trend-Scouts der Jugendszenen oder binnenperspektivisch ausgewiesene Journa-
listinnen und Jugendforscher, manchmal sogar Szenekenner selbst nicht mehr er-
schließen und überblicken, geschweige denn wissenschaftlich analytisch rekonstru-
ieren und überblicksartig zuordnen können.“ (Ferchoff 2011, S. 200f)

Die Eindeutigkeit und Erkennbarkeit von Jugendkulturen ging mehr und mehr ver-
loren und spätestens ab den 80er Jahren kann nicht mehr selbstverständlich davon
ausgegangen werden, dass Jugendkulturen an sich eine kritische Bewegung gegen
den Mainstream der Gesellschaft sind. War die Frontstellung der Halbstarken
gegen die spießige Erwachsenenwelt, die der Hippies gegen die Konsumgesell-
schaft und die des Punk gegen beide noch recht eindeutig, so ergaben sich im Lau-
fe der 80er Jahre jugendkulturelle Strömungen, die – gesprochen im klassischen
Schema von „rechts“ und „links“ – politisch das gesamte Spektrum repräsentier-
ten.
In den frühen Achtzigern entstand mit den „Poppern“ eine Jugendkultur, die
sich als geeignet für die von Kohl erwünschte konservative Wende präsentierte.
Popper distanzierten sich von den kritischen Alt-68ern ebenso wie von der Punk-
kultur. Sie pÁegten einen demonstrativ luxuriösen und exquisiten Lebensstil, wie
die Jugendzeitschrift Bravo zu berichten wusste:
184 5 Die achtziger Jahre

„Popper lieben das Exklusive, schicke Mode, glitzernde Discos. Mädchen wie Jun-
gen tragen Trenchcoats, Wildlederjacken oder Daunenwesten. Ungeheuer angesagt
sind Cowboystiefel aus Wildleder und Áache blaue Collegeschuhe. Der Popper hat
das Haar kurz, hinten in Stufen geschnitten, damit die Fönwelle vorn gut zur Gel-
tung kommt. Sie haben gute Manieren und möchten es mal weit bringen.“ (Zit. n.
Kolwitz 2005, S. 144)

Ob Mädchen oder Junge: Popper zu sein bedeutete eine Absage an eine kritische
Haltung zur Gesellschaft, eine Absage an alternative Lebensformen und Konsum-
kritik. Es beinhaltet vielmehr eine demonstrative und arrogante Abwertung all
derer, die sich den teuren Lebensstil nicht leisten konnten oder wollten, als stillose
„Prolos“. Die Popper waren in der Regel GymnasiastInnen, hatten einen privi-
legierten familiären Hintergrund mit Eltern, die über hohes ökonomisches und
kulturelles Kapital verfügten. Sie strebten eine Karriere und ökonomischen Auf-
stieg an, auf den sie sich bei ihrem sozialen Hintergrund auch berechtigte Hoff-
nung machen konnten, und passten insofern in eine Zeit, in der sich „Leistung
wieder lohnen“ musste; Popper können als die Teenager-Ausgabe der Yuppies be-
zeichnet werden und stießen mit ihrer Einstellung in konservativen Kreisen auf
große Zustimmung, die endlich wieder eine Jugend heranwachsen sahen, die sich
nicht durch Protest, Kritik und Widerstand, sondern durch Leistungsbereitschaft,
Anpassung und positives Denken hervortat. Aufgrund ihrer arroganten Haltung
und ihres demonstrativ-luxuriösen Lebensstils kam es häuÀg zu handgreiÁichen
Auseinandersetzungen mit anderen Jugendlichen, vor allem mit Punks.
In die vollkommen entgegengesetzte Richtung gingen die in den achtziger Jah-
ren aufkommenden Autonomen. Wie der Name schon sagt, sahen sich die Autono-
men als unabhängig von gesellschaftlichen Organisationen, wie Parteien, Gewerk-
schaften und Verbänden, was für sie auch bedeutete, eine eigene Szene außerhalb
der Gesellschaft zu etablieren, in der ein gemeinsames und solidarisches Leben
praktiziert werden sollte.

„Die Szene wird so zur befreiten Zone inmitten einer feindlichen Umwelt und für die
Angehörigen zum Mittelpunkt allen Seins. Politische Aktionseinheit und Lebensstil-
experiment in einem, man lebte, arbeitete und kämpfte gemeinsam“. (Farin 2006,
S. 152)

Außerhalb ihrer selbst geschaffenen sozialen Strukturen traten Autonome vor al-
lem bei Demonstrationen gegen Rekrutenvereidigungen der Bundeswehr, gegen
Atomprojekte, bei Häuserbesetzungen und Aktionen gegen die Aufrüstung in Er-
scheinung. Hierbei Àelen sie durch Vermummungen im sogenannten „Schwarzen
5.4 Jugend in den 80er Jahren 185

Block“ und Militanz, vor allem gegenüber der Polizei, auf. Obwohl es innerhalb
dieser Jugendkultur angesagt war, sich politisch korrekt zu verhalten, was die Dis-
kriminierung von Frauen oder Homosexuellen ausschließt, hat sich in Zusammen-
hang mit den militanten Aktionen doch ein Männlichkeitskult herausgebildet, der
den unerschrockenen und mutigen Kämpfer gegen die Staatsgewalt zum Leitbild
hatte und eine kämpferische und militante Männlichkeit inszenierte. Demonstra-
tionen und politische Aktionen wurden so zum Anlass,

„um sich körperlich-kämpferisch zu produzieren, Punkte zu machen, zum Mate-


rial von Kampf- und Heldenlegenden in der oral history des schwarzen Blocks ...“
(Findeisen/Kersten 1999, S. 136)

Das demonstrativ kriegerische Auftreten männlicher Autonomer machte zum Teil


großen Eindruck auf Mädchen und Frauen, wie es eine Teilnehmerin an einer
Demonstration gegen die „Nachrüstung“ schildert:

„Ganz gefährliche Jungs, faszinierend in ihrem martialischen Auftreten. Lederkla-


motten und Sturmhauben, aus deren Schlitzen die Augen hervorblitzten. Die würden
sich nichts gefallen lassen, die nicht, die würden jede Pershing II höchstpersönlich
aufhalten.“ (Ellerbrake 2013, S. 11)

Die achtziger Jahre sind auch der Beginn einer neuen Fußball-Fankultur, der Hoo-
ligans. Der professionelle Fußball hatte sich in einem bis dahin nicht gekannten
Ausmaß kommerzialisiert, die Preise für Übertragungsrechte schnellten in die
Höhe, das Merchandising wurde zum bestimmenden Faktor. Aus einem Teil der
sogenannten „Kuttenträger“, die mit Trikot, Schals und Emblemen im Stadion hin-
ter ihrem Team standen, entwickelte sich eine männlich geprägte Fankultur, die
sich von den herkömmlichen Fans distanzieren wollte.

„Anfang der Achtzigerjahre spaltete sich die Fangemeinde. Die ‚Hooligans‘ sepa-
rierten sich plötzlich von den Kutten, legten die sichtbaren IdentiÀkationssymbole
ab und bildeten eigene Gruppierungen derjenigen, die sich auf jeden Fall und un-
abhängig vom Spielverlauf in der ‚dritten Halbzeit‘ mit Gleichgesinnten des gegne-
rischen Vereins messen würden.“ (Farin 2006, S. 136)

Das Motiv, sich mit den Hooligans anderer Mannschaften zum Prügeln zu tref-
fen, besteht im „Kick“ und dem Adrenalinausstoß, wobei die Schlägereien zu-
meist nach Regeln ablaufen und einem Ehrenkodex unterliegen, der festlegt, ob
und welche Waffen benutzt werden, wie viele Gegner aufeinandertreffen und dass
186 5 Die achtziger Jahre

ein am Boden Liegender nicht mehr geschlagen wird. Der sozialen Herkunft nach
sind Hooligans äußerst heterogen, sie entsprechen nicht dem Klischee des Fußball-
anhängers der Arbeiterschicht, auch kann nicht behauptet werden, dass die Szene
als solche politisch rechts orientiert ist. Im Gegensatz zu den Autonomen streben
sie keine alternativen Lebensformen oder eine gesellschaftliche Veränderung an;
es geht eher darum, für eine Zeit dem sonst geregelten und normierten Alltag zu
entÁiehen. Die vollkommen männlich dominierte und geprägte Szene praktiziert
dabei eine Art archaischer Männlichkeit: Sie kämpfen unter dem Banner ihres
Vereins um Anerkennung, Ehre und Territorien.
Ebenfalls sehr männlich geprägt war die Jugendkultur der Skinheads, die ihren
Ursprung in England hatte:

„Ende der 60er tauchten im East End Londons plötzlich vermehrt Jugendliche mit
ganz kurzen Haaren auf. Die meisten von ihnen kamen aus dem Arbeitermilieu und
trugen ihre Haare so kurz, dass die Kopfhaut durchschimmerte. Diesem Umstand
ist ihr Name geschuldet.“ (El Nawab 2007, S. 57)

Skinheads verstanden sich als Vertreter der (im Untergang begriffenen) Arbeiter-
klasse, woraus sich ein Bild von Männlichkeit ergab, das durch martialisches Auf-
treten mit Bomberjacken und Springerstiefeln, exzessiven Bierkonsum und Hand-
greiÁichkeiten gekennzeichnet war; Frauen in der Szene, sogenannte „Renees“,
waren absolut in der Unterzahl. Skinheads liebten vor allem das Provozieren in
der Öffentlichkeit: In einer Gruppe durch die Straßen zu laufen, sich raumgreifend
und grenzverletzend zu verhalten, dabei Bier zu trinken, zu grölen und die „Nor-
malbevölkerung“ zu provozieren, war für diese Jugendkultur ein großer Spaß. In
den 80ern fanden Skinheads in Deutschland Verbreitung, wobei gesagt werden
muss, dass sie nicht mit Nazis zu verwechseln sind. Skinhead zu sein bedeutete
keineswegs, der rechten Szene anzugehören oder faschistisches Gedankengut zu
vertreten. Es gab zahlreiche Skinheads, die sich eindeutig gegen rassistische und
nazistische Haltungen positionierten, wobei die politische Orientierung innerhalb
der Szene ein breites Spektrum umfasste:

„Skins denken und äußern sich zu vielen Themen radikaler, zugespitzter, unter-
scheiden sich in ihren Einstellungen aber nicht grundsätzlich von der sonstigen Be-
völkerung. Nur eine Minderheit verknüpft ihr Skinhead-Dasein mit einer bestimm-
ten politischen Haltung.“ (Farin 2001, S. 118)
5.4 Jugend in den 80er Jahren 187

Unabhängig davon, ob und wie Skinheads politisch orientiert waren, war die von
ihnen verkörperte harte Form von Männlichkeit eine deutliche Abgrenzung gegen-
über den weicheren Formen, die seit den 70ern im alternativen Milieu entstanden.

„Der Skin mit seinem kahlrasierten Schädel, der deutlich alle Konturen des Schä-
dels hervorbringt, ist die extremste und radikalste Erwiderung auf den in vielerlei
verbreiteten Softie. Der Skin ist der Hardie, und es ist gleichgültig, mit welchem
Inhalt er diese Gebärde anfüllt.“ (Diederichsen/Hebdige/Marx 1983, S. 173)

Die Gleichsetzung von Skinheads mit rechtsradikalen Schlägern rührt daher, dass
die zu Beginn der 80er Jahre aufkommenden Neonazis sich in ihrem Auftreten
bei den Skinheads bedienten; sie traten ebenfalls mit Bomberjacken, Springer-
stiefeln und kurz geschorenen Haaren auf. Gruppierungen der Neonazis waren
vor allem für Jugendliche attraktiv, die von der ökonomischen Krise betroffen wa-
ren, keine beruÁiche Perspektive sahen und in ihrem Selbstbild – vor allem gilt
das für männliche Jugendliche – angekratzt waren. Hier wurde ihnen eine Identi-
tät als „echter Deutscher“ angeboten, sie konnten in einem faschistischen Welt-
bild und dem Wunsch nach „nationaler Identität“ ihren Selbstwert erhöhen. Als
Sündenbock für ihre soziale Misere und als Feinbild musste dann alles angeblich
„Nicht-Deutsche“ wie Menschen mit Migrationshintergrund, Jüdinnen und Juden,
Obdachlose und Linke herhalten, wobei es oft auch zu gewalttätigen Übergriffen
bis hin zum Mord ging. Das reaktionäre Weltbild dieser Gruppierungen ging ein-
her mit der Forderung nach weiblicher Unterordnung und einem aggressiven und
gewalttätigen Hass auf (männliche) Homosexuelle.
In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Frauen immer selbstbewusster
wurden, eigene Forderungen stellten und ihr Leben auch unabhängig von Männern
gestalteten, waren nazistische Gruppen und deren Ideologie ein Angebot, männ-
liche Vorherrschaft wieder zu erlangen, sich in einer Gruppe mit Gleichgesinnten
stark zu fühlen, wobei der klassische männliche Mechanismus, Unsicherheiten ag-
gressiv nach außen abzureagieren, eine bedeutende Rolle spielte.

„Alles Unbekannte macht ihnen Angst, die sofort – wahre Männer haben keine
Angst! – durch hyperaggressives Auftreten gebrochen wird. Souveränität nicht nur
im Umgang mit dem Fremden, ein gelassenes Selbstbewusstsein auch ohne die Cli-
que, individuelle Ich-Stärke sucht man bei der Mehrzahl der Angehörigen rechts-
extremer Cliquen und Kameradschaften vergebens.“ (Farin 2013, S. 17)

Allerdings muss gesagt werden, dass sich Rechtsextremismus als politisches


Orientierungsmuster bei Frauen wie Männern gleichermaßen verteilt wiederÀn-
188 5 Die achtziger Jahre

det; Unterschiede bestehen bei der Organisierung in organisierten Gruppen und


bei der Beteiligung an rechtsextrem orientierten Straftaten: Hier sind junge Män-
ner mit 90 % bis 99 % eindeutig in der Mehrzahl (s. Köttig 2007, S. 164).
Die hier äußerst knapp und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit dargestell-
ten Jugendkulturen, die sich im Laufe der 80er Jahre entwickelten, zeigen überwie-
gend eine männliche Dominanz und eine Orientierung an klassischen männlichen
Normen und Verhaltensweisen. PornograÀe – obwohl der Konsum ofÀziell für Ju-
gendliche verboten war – erreichte durch die technischen Erneuerungen im Laufe
des Jahrzehnts immer mehr Jugendliche und führte zu einer veränderten sexuellen
Sozialisation. Von der pädagogischen Zunft wurde diese Entwicklung mit Besorg-
nis beobachtet, wie eine Sexualpädagogin berichtet:

„In der sexualpädagogischen Arbeit konfrontieren uns Vierzehnjährige mit den Bil-
dern an Badewannenarmaturen gefesselter, vergewaltigter Frauen, die sie im Video
gesehen haben. Für Pädagogen, die in ihrer eigenen Kindheit Informationen über
Sexualität einem Flickwerk aus Lexika, Biologiebüchern, Regenbogenpresse und
‚Bravo‘ entnahmen, eine eigene Art von Generationsproblem. Während wir uns in
unserer Kindheit von ‚G‘ wie Genitalien zu ‚S‘ wie Sexualität durch das Lexikon
vortasteten, werden Kinder und Jugendliche heute durch das direkte schonungs-
lose Medium, das gleichzeitig Seh- und Hörsinn anspricht, mit der Aktion selber
konfrontiert.“ (Zattler 1990, S. 185)

Trotz aller betont männlichen Inszenierungen innerhalb einiger Jugendkulturen


und der zunehmenden Verbreitung pornograÀscher Materialien konnte die em-
pirische Forschung zur Jugendsexualität keine Tendenzen hinsichtlich einer ge-
stiegenen männlichen Vorherrschaft oder zunehmenden Brutalisierung feststellen.
Im Gegenteil: Der gesamtgesellschaftliche Trend eines verstärkten Selbstbewusst-
seins von Frauen schlug sich auch in der Jugendsexualität nieder. In einer Studie
zum Wandel in Bereich der Jugendsexualität zwischen 1970 und 1990 erkannten
WissenschaftlerInnen eine Annäherung der Jungen an die Mädchen. Jungen orien-
tierten sich verstärkt an den traditionellen weiblichen Einstellungen wie der, dass
Sexualität mit Liebe verbunden sein sollte, und erlebten ihre eigene Sexualität als
weniger triebhaft. Mädchen hingegen erlebten Sexualität mit Jungen als weniger
lustvoll und übernahmen häuÀger die Initiative und die Kontrolle in sexuellen Be-
ziehungen zu Jungen (s. Schmidt u. a. 1992).
Als Grund für diesen Wandel im Bereich der heterosexuellen Beziehungen von
Jugendlichen wird dabei nicht – wie vermutet werden könnte – die Angst vor einer
InÀzierung mit HIV gesehen. Vielmehr spielten die gesellschaftlichen Diskussio-
nen über die Gefährlichkeit von PornograÀe, die zum Teil gewalttätige Sexualität
von Männern und der sexuelle Missbrauch von Männern an Kindern, vor allem
5.5 Video killed the Radiostar 189

Mädchen, die entscheidende Rolle. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die
Jugend in den 80ern nicht mehr vom Geist der sexuellen Befreiung bestimmt war,
sondern viel eher von einer Konfrontation der Geschlechter, wobei es sich um
Trends handelte, die unabhängig von der Schulbildung ermittelt wurden:

„Jungen verarbeiten diese Konfrontation mit der Geschlechterfrage offenbar häu-


Àg reaktiv oder defensiv, indem sie sich sexuell als weniger triebhaft und gefährlich
erleben oder darstellen und ihre Sexualität durch Liebe und Partnerorientierung
‚bändigen‘ (....) Mädchen verarbeiten die Konfrontation mit der Geschlechterfrage
zum einen offensiv, indem sie mehr Kontrolle und Autonomie in Sexualität und Be-
ziehungen anstreben, und zum anderen kontraeuphorisch mit geminderter sexueller
Lust und Befriedigung, mit einem gehörigen Anteil an Skepsis gegenüber dem, was
von Sexualität, vor allem von der Sexualität mit Männern zu erwarten ist, mit einem
geschärften Blick für die Risiken sexueller Beziehungen mit Männern.“ (Schmidt
u. a. 1996, S. 215f)

5.5 Video killed the Radiostar

Zu Beginn der Achtziger hatten diverse deutschsprachige SängerInnen und Bands


große Erfolge, die unter dem Namen „Neue Deutsche Welle“ vermarktet wurden.
Nena „99 Luftballons“, Hubert Kah „Sternenhimmel“, Fräulein Menke „Hohe
Berge“ und Markus „Ich will Spaß“, Geier SturzÁug „Bruttosozialprodukt“, Trio
„DaDaDA“, Ideal „Blaue Augen“, Extrabreit „Hurrah hurrah, die Schule brennt“
und die Spider Murphy Gang „Skandal im Sperrbezirk“ sorgten mit zum Teil
witzigen und originellen Texten und Musik für frischen Wind in der deutschen
Musiklandschaft. Ob Fräulein Menke die Volksmusik ironisierte („Wo ist Hei-
di?“, „Denk ich an Trencker, werde ich aktiv ...“), Trio sich mit „DaDaDa“ bei den
Dadaisten und ihren Nonsense-Texten bediente, die Spider Murphy Gang sich über
die Gesetzgebung zur Prostitution lustig machte („... und draußen vor der großen
Stadt stehen die Nutten sich die Füße platt, Skandal im Sperrbezirk!“) oder Geier
SturzÁug Arbeitswut und sinnlosen Konsum („... und am Ende kommt die Müll-
abfuhr und holt den ganzen Plunder“) auf originelle Art und Weise behandelten:
Die Neue Deutsche Welle

„verströmte die Unbekümmertheit und Fröhlichkeit von ComicÀguren. Computer-


beats, ein wenig elektronisches Casio-Geklicker, Punktempo und zickige Arrange-
ments reichten schon, um einen neuen Schlagertypus zu positionieren. Dabei ging
es – und das faszinierte Radioredakteure wie Musikritiker – frech und ironisch zu.“
(Rumpf 1996, S. 150)
190 5 Die achtziger Jahre

Der spielerische Umgang mit Text, Musik und Auftreten war relativ neu im Main-
stream der deutschen Musik, Vergleichbares gab es bis dahin weder im traditionel-
len deutschen Schlager noch bei den eher ernsthaften LiedermacherInnen.
Einige der MusikerInnen verschwanden nach ein bis zwei Hits wieder, andere
hatten Erfolg über die Blütezeit der Neuen Deutschen Welle hinaus. Der Begriff
der Neuen Deutschen Welle war eher eine ErÀndung der Plattenindustrie, mit dem
auch Bands wie Fehlfarben, Der Plan und Deutsch-Amerikanische Freundschaft
(DAF) vermarktet werden sollten, deren Musik und Botschaften überhaupt nicht
dem Image der übrigen VertreterInnen entsprach. Schließlich währte die Neue
Deutsche Welle auch nur bis ca. 1984, das Konzept hatte sich am Ende selbst über-
lebt, es wurde zu einer eher verkrampften Suche nach Originalität, wie sich Kai
Hawaii von der Gruppe Extrabreit erinnert:

„Es war ja nur noch albern hinterher, es war ja nur noch Klamauk. Die Industrie,
jeder hatte Angst, was zu verpassen, jeder wollte mitmachen. Das isά NDW, wird
schon laufen, sagten die Leute. Das kann man natürlich nicht lange machen. Vor al-
lem, wenn die Qualität nachlässt, wenn die Substanz fehlt. Ja gut, eines Tages wach-
te die Nation auf mit ´nem riesigen NDW-Kater.“ (Zit. n. Kemper 1999a, S. 188f)

Etwa zur gleichen Zeit wie die Neue Deutsche Welle kam – in Verbindung mit dem
verstärkten Auftreten der Neonazis – der deutsche Rechtsrock auf. Vorbild dieser
rechten Formationen war die britische Band Skrewdriver mit ihrem Sänger und
Gitarristen Ian Stewart Donaldson. Ursprünglich als Punkband gegründet, orien-
tierte sich die Gruppe immer stärker an nationalistischen und fremdenfeindlichen
Positionen, Donaldson engagierte sich bei der rechtsradikalen National Front, bei
Rock against Communism und ab Mitte der 80er bei dem rechtsradikalen Netz-
werk „Blood and honour“.
Nachahmer und Vorreiter einer politisch rechts orientierten Rockmusik in der
BRD waren in dieser Dekade die Böhsen Onkelz (Türken raus, 1981), Endstufe
(Gruß an Deutschland, 1984), Kraft durch Froide (Hundert Mann und ein Befehl,
1986) und Störkraft (Dreckig, kahl und hundsgemein, 1989). Einige der Bands
kamen aus dem Punk und hatten einen radikalen Schwenk in die neofaschistische
Richtung gemacht. Inhalt ihrer Songs waren zumeist eine Verherrlichung des deut-
schen Faschismus, eine Orientierung an einem angeblich homogenen deutschen
Volk und dessen unterstellte Überlegenheit über andere Völker, die GloriÀzierung
der deutschen Armee im Zweiten Weltkrieg, der Hass auf AusländerInnen, Linke,
Menschen mit alternativen Lebensformen, Homosexuelle und Menschen jüdischen
Glaubens. Die Mitglieder der genannten Gruppen waren ausschließlich männli-
chen Geschlechts, bei ihren Konzerten spielten sie harte, schnelle Rockmusik, die
5.5 Video killed the Radiostar 191

auf das Publikum aufpeitschend wirkte, wobei sie sich als Tabubrecher und Re-
bellen inszenierten:

„Offen formulierte Vernichtungsfantasien, eindeutige Bekenntnisse zum National-


sozialismus und die bewusste Mißachtung gesetzlicher Bestimmungen sind zudem
förderlich für den Status und das Ansehen der einzelnen Bands in der RechtsRock-
Szene.“ (Dornbusch/Raabe 2005, S. 108)

Auf internationaler Bühne erregte 1985 das größte Rockkonzert aller Zeiten gro-
ßes Aufsehen: Live Aid. Um den Opfern einer Hungerkatastrophe in Äthiopien
zu helfen, initiierte Bob Geldof von den Boomtown Rats zu gleicher Zeit zwei
riesige Konzerte, parallel in London und Philadelphia. Dabei traten die interna-
tionalen Stars der Pop- und Rockmusik auf, unter anderem Dire Straits, Santana,
The Who und U2 sowie Elton John, Tina Turner, Madonna, David Bowie und Bob
Dylan. Mit den Einnahmen aus diesem bis dahin einmaligen Ereignis sollten den
vom Hungertod bedrohten ÄthiopierInnen geholfen werden. Das Massenspektakel
wurde weltweit von etwa 1,5 Milliarden Menschen an Radios und Fernsehern ver-
folgt.
Großen kommerziellen Erfolg hatte der 1983 in den USA gedrehte Film „Flash-
dance“. Hier wurde das selbe Muster wie schon bei „Saturdy Night Fever“ prak-
tiziert, passend zu dem Film erschien ein Soundtrack, wobei sowohl der Film als
auch die Platte viel Geld einspielten. Jennifer Beals spielte in dem TanzÀlm die
Hauptrolle, ließ sich in diversen Tanzszenen allerdings doubeln, die Kritik zeigte
sich weitaus weniger angetan:

„Ein eineinhalbstündiger WerbeÀlm, der für sich selbst Reklame macht und für
sonst nichts, allenfalls für die LP mit dem Rockmusik-Soundtrack – auch die Platte
ist das absolute Nichts und wäre ohne den Film unverkäuÁich. Daß für den Film
und die Schallplatte fast in der ganzen Welt von Teenagern heftig gelöhnt wird, ist
ein Triumph der Werbebranche über das Kino.“ (Der Spiegel, 36/1983)

Wie bereits in den 1970er Jahren, so hielt auch im Laufe der 1980er der Trend zu
einer Ausweitung und Differenzierung innerhalb der Pop- und Rockmusik an; auf
der einen Seite gab es einen Schub zu einer weiteren Kommerzialisierung, auf der
anderen Seite entstanden zahlreiche neue Genres und Bands, die sich nicht oder
kaum vermarkten ließen und dies zum Teil auch nicht wollten.
192 5 Die achtziger Jahre

„Die achtziger Jahre waren das Jahrzehnt der Kontraste. Im Gegensatz zu den aus-
gehenden Siebzigern, wo Punker, Popper, Discogänger und Ökos in ideologische
Scharmützel verwickelt waren, verliefen die Achtziger eher im Sinne einer Ausdif-
ferenzierung. Während MTV Superstars wie Madonna oder Michael Jackson groß
herausbrachte, blühte jenseits des Mainstreams eine Independent Szene auf, die
allerdings in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fand. Eine so breite Kluft zwischen
Top-Ten-Radio und dem sogenannten Underground war neu.“ (Büsser 2004, S. 161)

Bands, die für die 80er dem Independent-Bereich zuzuordnen sind, sind die Sonic
Youth, Arcade Fire, The Stones Roses, Siouxsie and the Banshees oder auch die
Pixies. Independent meinte nicht einen speziellen Musikstil, sondern eher die Inten-
tion, sich von großen PlattenÀrmen unabhängig zu machen, und damit die Verwei-
gerung, sich dem Massengeschmack und den Strategien der Indutrie anzupassen.
Im gleichen Jahrzehnt erlebte der sogenannte „Heavy Metal“ den Aufstieg zu
einem erfolgreichen Genre der Rockmusik, in dessen Folge sich eine Jugendkultur
um Musik, Motorräder und Leder entwickelte:

„Dress Codes wie die Biker-Kluft in Leder oder Denim und die spikes- und nieten-
besetzten Armbänder, Bewegungs-Codes wie Headbanging, das heftige Schütteln
des Kopfes im Rhythmus der Musik, oder das Air-Guitar-Playing, der imitierende
Mitvollzug der Bewegungen der Gitarristen, die IkonograÀe einer überdimensio-
nierten Maskulinität, Freizeitbeschäftigungen wie der Motorradkult oder die ex-
zessiven Trinkrituale und eine im Heroenkult dunkel-mystischer Fantasiewelt ver-
ankerte Ideologie der Selbsterhebung vernetzen sich zu einer für Außenstehende
kaum dechiffrierbaren kulturellen Matrix.“ (Wicke 2011, S. 53)

Die Musik dieser Richtung zeichnet sich durch schnelle, harte Rhythmen und den
intensiven Gebrauch elektrischer Gitarren aus. Bands wie Anthrax, Megadeath,
Exodus, Metallica, Motörhead, Iron Maiden, Manowar und Aerosmith – alle mit
ausschließlich männlicher Besetzung – hatten im Laufe der 80er große Erfolge zu
verzeichnen, weiblich besetzte Gruppen wie die US-amerikanischen Vixen oder
die britischen Girlschool waren im Genre des Heavy Metal eine Ausnahme.
Heavy Metal differenzierte sich in zahlreiche Richtungen wie Blackmetal,
Speed- und Thrashmetal aus, die Musik und die Inszenierung des Heavy Metal
insgesamt orientierte sich an einer archaischen Form von Männlichkeit: Die Musi-
ker, auch die wenigen Musikerinnen, waren in Schwarz, meist in Leder gekleidet,
mit klobigem Metallschmuck verziert und agierten mit aggressiver Mimik, Kör-
perhaltung und Gesten. Auf den Covern dieser Gruppen wurden Symbole aus dem
Satanismus, Bilder von HorrorÀguren und Ungeheuern, Totenköpfe, Kriegs- und
Folterszenen verwendet und auf untergegangene Religionen und Kulte, meist nor-
dischen Ursprungs, Bezug genommen.
5.5 Video killed the Radiostar 193

Im Gegensatz zur Hippiekultur, die sich auch auf Symboliken vergangener Kul-
turen bezog, hierbei allerdings das Spirituelle und Friedfertige in den Mittelpunkt
stellte, war für die Heavy-Metal-Szene vor allem das Kriegerische, Aggressive
und Archaisch-Männliche von Interesse. Es ging darum, männliche „Mythen
der Kraft“ (Brinkmann 1999, S. 164) zu inszenieren, die mit den utopischen und
emanzipatorischen Ambitionen der Hippies nichts gemeinsam hatten. Insgesamt
lässt sich Heavy Metal, nicht zuletzt in Bezug auf das Geschlechterverhältnis, als
reaktionär bezeichnen:

„Es scheint vor allem so zu sein, daß Jugendkulturen hauptsächlich das utopisch-
visionäre und kulturrevolutionäre Potential verloren haben. Demgegenüber stehen
allerdings durchaus aufstörende und Tabus verletzende Haltungen anderer Jugend-
kulturen, die mit ‚schweren Zeichen‘ operieren: nationalsozialistische Embleme,
Symbole der Allmacht, der Stärke und des Todes, des Grauens und des Bösen. Diese
Jugendkulturen gewinnen ihr aufstörendes und provokatives Potential allerdings
nicht aus der innovierenden Durchbrechung erstarrter und verkrusteter kultureller
Formen, die sie ‚zum Tanzen‘ bringen, sondern gerade aus der gegen kulturelle
Rationalisierungen gewendeten Reaktivierung archaisch-regressiver Symboliken:
etwa gegen die Wandlungen und Vermischungen der Geschlechterbilder die Insze-
nierung martialischer Männlichkeit.“ (Helsper 1997, S. 117)

Die Vielgestaltigkeit der Rock- und Popmusik der 1980er wird deutlich bei einem
Blick auf die Kategorien und Schubladen des Jahrzehnts: Post-Punk, Indie-Rock,
New Wave, Dark Wave, Alternative Rock und Crossover, Synthie-Pop, Italo-Pop,
Disco und als aufstrebende Stilrichtung Hip Hop, zu dieser Zeit noch Rap genannt,
sind nur einige dieser Begriffe, wobei die genaue jeweilige Zuordnung zum Teil
äußerst schwierig und die Grenzen zwischen einigen Genres Áießend sind.
Trotz aller Unüberschaubarkeit kristallisierte sich ein Mainstream heraus, wenn
die Verkaufszahlen, die Platzierungen in den Hitparaden und die verkauften Kon-
zerttickets als Kriterium herangezogen werden. Die Hits der Neuen Deutschen
Welle, die Anfang des Jahrzehnts für Absatzahlen sorgten, waren dabei eine deut-
sche Spezialität. Die Achtziger wurden ansonsten in den USA, in England wie
in Deutschland von den unterschiedlichsten InterpretInnen und Bands geprägt.
Gruppen wie Queen, Depeche Mode, Talking Heads, Modern Talking, die Frau-
enband Bananarama, Blondie, a-ha, U2 und Police waren in den Charts ebenso
erfolgreich wie Lionel Richie, Billy Idol und Kim Wilde oder die Stars des Produ-
zententrios Stock/Aitken/Waterman, die unter anderem Rick Astley, Kylie Mino-
gue und Samantha Fox erfolgreich herausbrachten.
194 5 Die achtziger Jahre

Ein bemerkenswerter Trend der 80er bestand darin, dass es einige MusikerIn-
nen gab, die sich deutlich von der herkömmlichen heterosexuellen Norm und der
traditionellen Geschlechterdarstellung abgrenzten:

„Etwas unterschied das Auftreten dieser Künstler auffällig von dem der Rockmu-
siker in den Siebzigern: Herkömmliches, geschlechtsspeziÀsches Rollenverhalten
wurde aufgebrochen – Annie Lennox spielte den männlichen Part bei den Euryth-
mics, trug ihre Haare kürzer als ihr männlicher Kollege, Anzüge oder lange, dunkle
Mäntel, während Bands wie Soft Cell, Bronski Beat und Culture Club eine offen
schwule Ästhetik auf die Bühne brachten. Das Spektrum reichte vom weichen, ge-
schminkten Mann, der ‚Do You Really Want To Hurt Me‘ sang, bis zum harten S/M-
Look.“ (Büsser 2004, S. 139)

Bronski Beat, eine britische Synthie-Pop-Band, deren Mitglieder offen zu ihrem


Schwulsein standen, veröffentlichte mit „Small Town Boy“ einen Song und das
dazu passende Video, das die Schwierigkeiten eines homosexuellen jungen Man-
nes in der Provinz beschreibt. Auch Boy George von der englischen Formation
Culture Club war offen homosexuell, spielte in Videos und bei Auftritten mit der
herkömmlichen Geschlechterdarstellung und verkörperte eher einen sanften und
sensiblen Typ. Die Musiker der britischen Pet Shop Boys lebten offen schwul,
ebenso wie die Liverpooler Band Frankie Goes To Hollywood, deren Hit „Relax“
wegen sexueller Andeutungen unter ein Sendeverbot bei allen BBC-Sendern Àel,
was das Interesse und die Verkaufszahlen stark erhöhte. Dieser öffentliche Um-
gang mit Homosexualität im Bereich der populären Musik war ein deutliches Zei-
chen für die größere Liberalität der westlichen Gesellschaften in den 80er Jahren,
vor allem deshalb, weil alle genannten Künstler nicht nur in der homosexuellen
Subkultur, sondern im Mainstream der Popkultur angekommen waren.
Die sogenannten Superstars der 80er Jahre kamen allerdings aus den USA:
Madonna startete ihre Weltkarriere und wurde zur erfolgreichsten Popsängerin
des Jahrzehnts. Sie verstand es, sich ein erotisches, selbstbewusstes und sexuell of-
fensives Image zu geben, trat mit bauchfreien Tops auf, veröffentlichte Nacktauf-
nahmen, spielte mit ihrem Image und Geschlechterstereotypen und zeigte sich in
ihrem Video zu „Express yourself“ im Männeranzug, in Strapsen oder nackt mit
Eisenketten gefesselt im Bett – gut kalkulierte Tabubrüche und Inszenierungen,
die sowohl die SittenwächterInnen auf den Plan riefen als auch die Verkaufszahlen
förderten.
Michael Jackson, der „King of Pop“, veröffentlichte mit „Thriller“ das bis heute
am meisten verkaufte Album und gilt als erfolgreichster Entertainer aller Zeiten.
Jacksons Erfolg hatte seinen Grund sowohl in der Musik des Künstlers als auch in
seinem Tanzstil. Sein Körper war nicht muskelbepackt, Aggressionen ausstrahlend
5.5 Video killed the Radiostar 195

oder gestählt, sondern eher weich und zart, seine Bewegungen Áießend, künstle-
risch, weich und elegant.
Im Gegensatz dazu präsentierte sich der Rockmusiker Bruce Springsteen als
Vertreter einer traditionellen Männlichkeit. In Jeans, Lederjacke und Stiefeln,
hemdsärmelig und bodenständig absolvierte er mit seiner E-Street-Band schweiß-
treibende Liveauftritte, die selten unter drei Stunden dauerten. Springsteen war bis
in die 80er Jahre eher ein Geheimtipp unter Rockfans. Durch das 1984 erschienene
Album „Born in the USA“ erlangte er weltweite Berühmtheit. Der Song wurde
von Ronald Reagan in seinem Wahlkampf als patriotische Hymne benutzt, war
aber alles andere als ein Loblied auf die Vereinigten Staaten. Springsteen bezog
sich hier kritisch auf den Vietnamkrieg der USA und besang dessen traumatische
Folgen. Seine Songs thematisieren vor allem die Nöte und Probleme der einfachen
Menschen, zentral dabei war deren Scheitern am „amerikanischen Traum“.
Die entscheidende Veränderung im Bereich der populären Musik in den 80er
Jahren war das Aufkommen der Musikvideos. Bereits 1981 sendete der US-ame-
rikanische Kanal MTV (Music Television) rund um die Uhr Videoclips; ab 1983
wurden Musikvideos in Deutschland in der Sendung „Formel 1“ ausgestrahlt, zu-
nächst nur in den dritten Programmen, anschließend auch in der ARD; 1987 ging
MTV Europe auf Sendung und 1993 kam mit VIVA ein deutscher Musiksender
hinzu. Durch die massenhafte Verbreitung der Videos ergaben sich neue Möglich-
keiten der Musikvermarktung:

„Der Videoclip war nicht bloß die Visualisierung der Schallplatte, sondern eine
neue Formel erfolgreicher Massenkommunikation: Integration von populärer Ly-
rik, Musik, Medium, Lifestyle und Werbung, Kommunikation und Vermarktung im
globalen und supramedialen Produktverbund (...). Was ursprünglich Ersatz und
Statthalter des Live-Auftritts gewesen war, hatte sich über seine Funktion als kom-
merzielles Werbeinstrument zum gesamtkulturellen Phänomen entwickelt. Der Vi-
deoclip indiziert für die achtziger Jahre nichts anderes als eine strukturelle Trans-
formation der westlichen Kultur.“ (Faulstich 2005b, S. 181)

Der Song „Video killed the radio star“ von den „Buggles“ brachte die Veränderun-
gen in der kommerziellen Musik auf den Punkt: Durch das neue Medium waren
neue Wege gefunden, die Musik an die (junge) Kundschaft zu bringen.
Die Videos dienten der Popularisierung der KünstlerInnen, es war nun nicht
mehr möglich, hohe Schallplattenverkäufe ohne die Produktion eines Videos zu
erzielen. Da aber eine solche Produktion für die meisten Bands und MusikerInnen
nicht bezahlbar war, stieg durch das Erscheinen der Videoclips der EinÁuss der
marktbeherrschenden Konzerne. Zugleich wurde – entweder indirekt in den Clips
oder direkt in den Werbespots zwischendurch – eine ganze Kultur, ein jugendli-
196 5 Die achtziger Jahre

cher Habitus von Getränken über Kleidung, Frisuren usw. in Szene gesetzt und als
Kaufanreiz an den jungen Mann und die junge Frau gebracht.
In den 80er Jahren waren über 80 % der KäuferInnen von Tonträgern in der
Bundesrepublik Heranwachsende von 12 bis 24 Jahren, zugleich hatten die zehn
größten Firmen des Musikgeschäftes einen Marktanteil von über 90 % (s. Faul-
stich 2005b, S. 187). Diese monopolartige Marktbeherrschung macht deutlich,
dass es jenseits der musikalischen Vielfalt einige Konzerne waren, die die popu-
läre Musik im Wesentlichen bestimmten. Ständig auf der Jagd nach neuen Trends
und den damit verbundenen Absatzmöglichkeiten war für sie nur von Interesse,
was auch ProÀt versprach, künstlerische oder textliche Qualität spielten allenfalls
eine untergeordnete Rolle; mit dem neuen Medium des Musikvideos war nun eine
umfassende Möglichkeit der Vermarktung und des ProÀts gefunden.

5.6 Gothic

Im Zuge der Ausdifferenzierung jugendkultureller Stile in den achtziger Jahren


des letzten Jahrhunderts entwickelte sich mit den „Gothics“ eine neue Variante.
Ursprünglich stammt „Gothic“ aus Großbritannien, wobei der Begriff zwar
wörtlich als „Goten“ oder „gotisch“ zu übersetzen ist, allerdings weder das Volk
der Goten noch gotisch als Kunstepoche meint. Die Namensgebung bezieht sich
vielmehr auf die „Gothic Novels“, eine Literaturgattung des ausgehenden 19. Jahr-
hunderts, die sich durch Schauer- und Gruselromane auszeichnete. In diesem Sinne
ist „Gothic“ als „düster“ oder „schaurig“ zu verstehen, womit zentrale Eigenschaf-
ten der Szene beschrieben sind; synonym für Gothic können auch die Begriffe
„Gruftie“ (mit Anspielung auf die Gruft als Ort der Toten) oder die „Schwarze
Szene“ verwendet werden, wobei sich intern unterschiedliche Richtungen wie
„Batcaver“, „Endzeitromantiker“ und „Schwarzromantiker“ herausgebildet haben.

„Der große gemeinsame Nenner ist die Farbe schwarz. Auch wenn sich weiß, rot
und dunkles blau, violett oder grün dazwischenmogeln und Akzente setzen, so ist
der Eindruck, den man an einem schwarzen Clubabend hat, nur einer: Alles ist
schwarz.“ (El-Nawab 2007, S. 200)

Neben New Wave mit Bands wie den Talking Heads und Duran Duran war Gothic
eine Post-Punk-Stilrichtung, die sich zum Teil auf Punk bezog, sich in zentralen
Punkten wie Kleidung, Weltanschauung und Musik jedoch deutlich von Punk als
jugendkulturellem Stil unterschied:
5.6 Gothic 197

„Die Gothic-Szene entstand in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts im
Zuge der Punk-, New Wave und New Romantic-Bewegung. Die radikalen Punks wa-
ren den Gothics viel zu aggressiv und in ihren Ausdrucks- und Lebensformen schie-
nen sie ihnen zu ungepÁegt und hässlich. Koma-Saufen und das auf der Straße mit
den schwarzen Hunden rumlungern schien nicht ihrem nach innen gerichteten und
Weltschmerz verkörpernden Lebensgefühl zu entsprechen.“ (Ferchhoff 2011, S. 261)

Im Gegensatz zu Punk war Gothic eine Jugendkultur, die das Nachdenkliche und
Melancholische betonte: „Gothic-Sein heißt, sich auf Sinnsuche zu begeben, über
die schwarzen Seiten des Lebens nachzudenken, über Themen wie Tod und Ver-
gänglichkeit, Trauer und Melancholie ...“ (Krüger 2010, S. 27), wobei es sich bei
dieser grundsätzlichen Haltung eher um eine kontinentale bzw. deutsche Speziali-
tät handelte:

„War Gothic in England (...) in erster Linie eine Party und ein kurzlebiger Aus-
druck eines momentanen Lebensgefühls, so gingen die ‚Gothic‘-Jünger auf dem
Kontinent, speziell in Deutschland natürlich, wesentlich gründlicher vor (...). Recht
schnell entwickelte sich ‚Gothic‘ von einem Lebensgefühl zu einem Lebensstil, der
sich mit den vorformulierten Thematiken weitaus intensiver und ernsthafter befass-
te, als dies selbst von den früheren Protagonisten beabsichtigt war.“ (Stieg 2000,
S. 17)

Musikalisch stilbildend war die englische Band „The Cure“ und deren Sänger und
Frontmann Robert Smith.

„Die Gruppe ‚The Cure‘ schuf die klangliche Folie, auf welche die Grufties ihre
pessimistischen Aussagen von Welt und ihr melancholisches Lebensgefühl projizie-
ren konnten. Schwermütige düstere Melodien, oftmals akzentuiert durch sehr hohe
Frauen- oder tiefe Männerstimmen alternieren mit aggressiv klingenden Synthesi-
zer- oder Gitarrenmotiven.“ (Schmidt/Janalik 2000, S. 39)

Melancholie und Schwermut statt Fröhlichkeit oder aggressiver Machoposen, die


sonst in der Musikbranche dominierten, waren kennzeichnend für den Stil von The
Cure. In ihrem Hit „Boys donάt cry“ setzten sie sich kritisch und ironisch mit dem
herrschenden Männlichkeitsbild auseinander, beschrieben einen Jungen, der die
Schmerzen des Liebeskummers nicht nach außen trägt, sondern – ganz Mann – sie
hinter einer lächelnden Fassade verbirgt:

„I try to laugh about it/Hiding the tears in my eyes/So I try to laugh about it/Cover
it all up with lies/Because boys donάt cry“
198 5 Die achtziger Jahre

Neben The Cure waren Siouxsie and the Banshees und Joy Division prägende
Formationen in der Anfangszeit des Gothic. Siouxsie and the Banshees mit der
Sängerin Siouxsie Sioux, bei denen zwischenzeitlich Robert Smith die Gitarre
spielte, brachten 1981 mit „Ju Ju“ ein für Gothic wegweisendes Album heraus.
Joy Division lassen sich eher der Dark-Wave-Richtung zuordnen, die Songs hatten
in der Regel eine sehr melancholische und traurige Atmosphäre. Ihr Sänger, Ian
Curtis, verübte 1980 Selbstmord, die Band formierte sich als „New Order“ neu.
Grundsätzlich lässt sich bei den musikalischen Vorlieben innerhalb der Schwar-
zen Szene zwischen den Richtungen Gothic, Dark Wave, EBM (Electronic Body
Music), Gothic Metal und mittelalterlicher Musik unterscheiden, bedeutende Bands
waren Dead Can Dance, Bauhaus, Christian Death und The Sisters of Mercy.
Wie bereits an der Namensgebung einiger Gruppen zu erkennen ist, spielte die
Auseinandersetzung mit dem Tod in der Schwarzen Szene eine elementare Rolle,
was für eine Jugendkultur äußerst untypisch ist, gelten Jugendliche doch als die-
jenigen, die ihr Leben noch vor sich haben und es unbeschwert genießen können.
Gerade diese Orientierung, die Faszination für das Vergängliche und den Tod, zog
sich wie ein roter Faden durch die Gothic-Kultur und -Weltanschauung. Im Gegen-
satz zum gesellschaftlichen Umgang, der den Tod tabuisiert, ihn in Institutionen
und hinter Mauern von Krankenhäusern und Altenheimen verbannt, gingen Got-
hics offen mit dem Thema um. Kennzeichnend für ihre Haltung war dabei – wie
Farin schreibt – weniger eine Todessehnsucht, sondern eher eine Todesakzeptanz
(s. Farin 2001, S. 162), die die Unausweichlichkeit des Lebensendes hinnahm; es
ging also weniger darum, dem Leben den Sinn zu nehmen oder sich selbst das Le-
ben zu nehmen, als vielmehr darum, sich einem weitestgehend aus dem normalen
Leben verdrängten Thema zu stellen. Anders als beispielsweise im Heavy Metal,
wo es in martialischen Darstellungen auch um den Tod ging, dieser allerdings sehr
brutal dargestellt wurde, hatte die Beschäftigung mit dem Tod bei den Gothics
nichts Brutales oder Kriegerisches, er wurde nicht sensationell und dramatisch
dargestellt, sondern führte eher zu einer melancholischen und friedlichen Grund-
haltung.
In dieser Hinsicht war die Gothic-Kultur gesellschaftskritisch, weil sie sich mit
einem der letzten Tabus der Gesellschaft befasste und es in den Mittelpunkt rückte
statt zu verdrängen. Im Gegensatz zum gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität,
der im Laufe der Jahre stark liberalisiert wurde, ist der Tod nach wie vor ein Tabu-
thema in modernen Gesellschaften. Die Beschäftigung mit dem Ende des Lebens
stand hierbei nicht – wie bei weiten Teilen der Gesellschaft in den 80ern – in
Zusammenhang mit der Angst vor konkret drohenden Katastrophen wie einem
atomaren Krieg oder der fortschreitenden Umweltzerstörung, sondern als unver-
meidliches Lebensende, das alle Menschen betrifft.
5.6 Gothic 199

In diesem Kontext erschien das soziale Leben als falsch, verlogen und unfähig,
sich den wahren Fragen des Lebens – und des Todes – zuzuwenden. Die Gruppe
„Relatives Menschsein“, die der Neuen Deutschen Todeskunst, einer Musikströmung
aus dem Gothic- und Dark-Wave-Umfeld zu Beginn der 90er Jahre zuzurechnen ist,
beschrieb in ihrem Stück „Masken“ dieses Gefühl der Isolation und HilÁosigkeit:

„Das Grauen des Morgens/Hinaus in die Welt/Nur ein Teil dieser Masse/Dein
Selbst – das nicht zählt ... Um dich nur Trug/Freundlich lächelnd geschminkt/Be-
trug ist gleich Tugend/Wahrheit kommt um!“ („Masken“, Relatives Menschsein)

Melancholie, Desillusionierung, Trauer und Einsamkeit in einer Gesellschaft, von


der nichts erwartet werden konnte, sind typische Merkmale der Texte und spie-
gelten das elementare BeÀnden dieser Jugendkultur wider. Gothics stammten vor
allem aus gebildeteren Familien der Mittelschicht, es war eine Jugendkultur, in
der Literatur eine große Rolle spielte. Bevorzugt wurden Grusel- und Horrorli-
teratur, Nietzsche, existenzialistische Literatur von Sartre und Camus, außerdem
Hermann Hesse, Edgar Allan Poe, Bram Stoker, H. P. Lovecraft und Baudelaire.
Typisch für Gothics war auch, dass sie selber Literatur produzierten und bemüht
waren, sich sprachlich anspruchsvoll auszudrücken.

„Eine merwürdig geschwollene, pathetische und romantische Art zu schreiben,


manchmal sogar zu sprechen, ist z.T. typisch für die schwarze Szene. Ob Konzertbe-
richt, Liedtext oder Gedicht, neben zeitgenössischem Jargon steht hier oft ein etwas
gekünstelter Duktus, der konträr zu dem eher schnoddrigen, betont vulgären Jargon
in Punk- oder Skin-Fanzines ist.“ (El Nawab 2007, S. 217)

Gemäß ihrer eher von der Gesellschaft abgewandten Haltung und ihrer melan-
cholischen Grundstimmung waren die bevorzugten Orte der Gothic-Kultur nicht
die Konsumtempel der Warenwelt oder die Innenstadt. Wenn sich Gruppen von
Gothics in Innenstädten, Fußgängerzonen oder an Bahnhöfen trafen, dann waren
sie in der Regel wesentlich weniger aggressiv und provokativ als die Halbstarken
oder die Punks. Gothics bevorzugten Orte, an denen die Einsamkeit erlebt werden
konnte, an denen es eher gruselig und schaurig zuging wie mittelalterliche Schlös-
ser und Ruinen, Kirchen und Friedhöfe.
Spezielle Discos für Gothics waren relativ selten, es gab aber in manchen Dis-
cos und Clubs Angebote für sogenannte „schwarze Abende“, in denen ein der Sze-
ne entsprechendes Ambiente inszeniert wurde, beliebt waren auch Räumlichkei-
ten, die den Verfall und das Morbide sichtbar machten wie alte Fabrikhallen und
Kellergewölbe:
200 5 Die achtziger Jahre

„Die Atmosphäre ist dann – dem Schwarzen Stil entsprechend – mystisch-roman-


tisch aufgeladen, die Buntheit der Farben verbannt. Mit Hilfe von Kerzenlicht und
künstlich erzeugten Nebelschwaden wird die gewünschte ‚gruftige‘ Stimmung er-
zeugt.“ (Schmidt/Janalik 2000, S. 22)

Die Auseinandersetzung mit dem Tod und seine Akzeptanz zeigten sich deutlich in
dem Stil der Gothics, die schwarze Szene steht unter dem „Charisma des Grabes“
(Rutkowski 2004), was ihr zu einer besonderen Stellung verhalf. Das geht so weit,
dass sich Gothics selber als „lebende Tote“ inszenierten: Die Art, sich zu schmin-
ken – in Insiderkreisen bezeichnenderweise „sich tot malen“ genannt – widersprach
dem gängigen Schönheitsideal der braunen Haut, die Vitalität signalisieren soll,
vollkommen. Grufties schminkten sich blass und um die Augen herum mit schwar-
zem Kajal. Zum Teil wurde die morbide Erscheinung durch gemalte Spinnennetze
auf dem Gesicht oder aufgemalte Fledermäuse um die Augenbrauen unterstrichen:

„Die Grufties sind eine der hervorstechendsten Subkulturen, weil sie mit ihren lei-
chenblassen Gesichtern in einer Zeit, in der Sonnenstudiobräune den Inbegriff von
Gesundheit darstellt, gegen die Verdrängung von Alter und Tod arbeiten. Sie wer-
den zum Schrecken einer trostlosen Produkt- und Konsumkultur, die Sterben und
körperlichen Verfall ghettoisiert, um das Leitbild der ewigen Jugend proklamieren
zu können. Den Tod in den Mittelpunkt ihres Stils zu stellen, wird zur Provokation,
die eine Gesellschaft einer subkulturellen Gruppe von Jugendlichen nicht verzeihen
kann. Die Jugend hat frisch und knackig auszusehen und nicht ‚tot‘ herumzulau-
fen.“ (Richard 1997, S. 139)

Zumindest für den „harten Kern“ der Szene war Gothic keine Jugendkultur, die
sich lediglich an Wochenenden oder auf Parties abspielte; es war vielmehr ein
zusammenhängender Stil, der von der Weltanschauung über die individuelle Prä-
sentation, die Musik, die Wohnungseinrichtung und die Art zu tanzen reichte. Ins-
gesamt kennzeichnete weniger Aggressivität oder Lebensfreunde als vielmehr ein
„Rückzug ins innere Exil“ (Richard 1997, S. 97) die Grundhaltung von Gothic.
Der gesamte Stil war geprägt von Symbolen des Todes: Totenköpfe als Ac-
cessoires, die Begeisterung für Vampire als Halb- bzw. Untote, Friedhofs- und
Grabschmuck als Gegenstände der Wohnungseinrichtung ebenso wie Skelette,
Knochen und Urnen unterstrichen die Auseinandersetzung mit und Faszination
für den Tod. Auch die bevorzugt dargestellten Tiere symbolisieren nicht eine klas-
sische männliche Stärke wie Adler, Stiere oder Löwen, auch nicht Niedlichkeit
wie Kaninchen, Hasen oder Mäuse. Es wurden stattdessen Tiere bevorzugt, die
gesellschaftlich als gruselig, unheimlich, Unglück bringend oder ekelig gelten:
Fledermäuse, Spinnen, Raben und Krähen.
5.6 Gothic 201

Diese exklusive Außendarstellung der Szene sorgte für Verunsicherung und


Neugier und liefert Munition für Gruselgeschichten, die über die Gothics verbrei-
tet wurden:

„Grufties. Sie schlafen in Särgen, treiben es auf Gräbern, häuten lebende Katzen
und Hunde, schlitzen Puppen auf, trinken (als Ekel-Training) Blut, verzehren ihren
eigenen Kot ... Schon 12jährige huldigen dem Satan, ...“ (Zit. n. Rutkowski 2004,
S. 141)

Auch reißerische Schlagzeilen über die Gothic-Szene wie „Sterben ist schön“,
„Tod im Namen des Satans“ oder „Satanismus ist Pop“ (zit. n. Rutkowski 2004,
S. 120/131) verbreiteten in der Öffentlichkeit ein Bild, das dem Leben in dieser
Jugendkultur nicht gerecht wird. Sie waren eher dem Bedürfnis nach Gruselge-
schichten, Sensationen und einer Besorgnis über den Verfall der Jugend geschul-
det. In ihrer überwiegenden Mehrzahl handelte es sich bei den AnhängerInnen
der schwarzen Szene um friedliche Jugendliche, zudem herrschte innerhalb der
Szene keine einheitliche religiöse Orientierung, sondern vielmehr um einen Mix
von Symbolen aus verschiedenen religiösen und nichtreligiösen Zusammenhängen
wie Runen, symbolhafte Zahlen und umgedrehte Kreuze. Gleiches galt für die
Unterstellung, es handele sich um eine Jugendkultur, die aufgrund ihres Bezugs
auf vergangene Epochen, Rituale und Symbole rechtsradikal orientiert sei; weder
Satanismus noch eine Orientierung an faschistischem Gedankengut waren bei der
überwiegenden Mehrzahl der Gothics festzustellen:

„Quantitativ haben diese Ideologien in der Gothic-Szene bisher keine relevante


Größenordnung erreicht, und es ist auch für die Zukunft nicht zu erwarten: die
Ästhetik und Szene-Historie, der soziale (bildungsbürgerliche) und kulturelle Back-
round der Schwarzen sichert ihnen offenbar eine größere Immunität gegen autori-
täre und anti-individualistische Ideologien als den Angehörigen der meisten ande-
ren ‚weißen‘ Kulturen.“ (Farin 2001, S. 228, Fn 87)

Trotz – oder vielleicht auch wegen – ihrer Exotik und der relativen Außenseiter-
position hat sich Gothic seit Beginn der 80er Jahre zu einer Szene mit zahlrei-
chen AnhängerInnen entwickelt. Sich als Gruftie zu deÀnieren und zu präsentieren
bedeutet, mit gesellschaftlichen Tabus zu brechen, und garantiert außerhalb der
eigenen Szene in der Regel eine gewisse Aufmerksamkeit. Die Verbreitung der
Szene zeigt sich heute an regelmäßigen Festivals wie den World-Gothic-Treffen
in Leipzig oder dem Mera Luna Festival in Hildesheim mit jeweils Tausenden
von BesucherInnen. Auch die Zeitschriften der Szene wie Zillo, Orkus und Sonic
202 5 Die achtziger Jahre

Seducer sind keine kleinen Fanzines, sondern werden professionell hergestellt und
vertrieben. Insbesondere seit der massenhaften Verbreitung des Internets sind spe-
zielle Angebote an Accessoires und Kleidung leicht zugänglich, mit XtraX, Dark
Fashion Shop, Hot Topic und anderen gibt es diverse spezielle Modelabels.
Nicht nur hinsichtlich ihrer äußeren Erscheinung und ihrer Weltanschauung
hatten Gothics im Vergleich zu anderen Jugendkulturen eine Ausnahmestellung,
sondern auch in Bezug auf das Geschlechterverhältnis:

„Die schwarze Szene ist eine der wenigen jugendlichen Subkulturen, die nicht von
Männern dominiert wird. Während sonst die Mädchen und Frauen in der Unterzahl
sind und zudem ein mehr oder weniger ausgeprägter Männlichkeitskult zelebriert
wird, Ànden sich in der schwarzen Szene sehr viele Frauen und Mädchen, vielleicht
sogar mehr Frauen als Männer.“ (El-Nawab 2007, S. 223)

Nicht nur rein quantitativ konnte von einem zumindest gleichberechtigten Verhält-
nis der Geschlechter gesprochen werden. Auch die grundsätzliche Haltung und
Weltanschauung entsprach Eigenschaften, die eher als weiblich gelten: Introver-
tiertheit, Melancholie, Traurigkeit lassen sich kaum mit dem Bild des aggressiven,
aktiven, überlegenen und starken Jungen oder Mannes vereinbaren. Neben der Ex-
travaganz der Gothics konnte dies auch ein Motiv für Jungen wie für Mädchen
sein, sich für diese Jugendkultur zu entscheiden. Tendenziell waren Mädchen hier
entlastet von aufdringlichem Macho-Gehabe und Jungen von der Anstrengung,
sich als stark darstellen zu müssen, hier war es gerade für Jungen und junge Män-
ner eher möglich, sich auch unsicher und schwach zu zeigen.

„Das Sprechen über Gefühle, Probleme usw. ist nicht nur für viele Frauen, son-
dern auch für viele Männer ein ausschlaggebender Grund, weshalb sie sich in der
schwarzen Szene wohlfühlen.“ (El-Nawab 2007, S. 223)

Auch war ein offener und liberaler Umgang mit weiblicher wie männlicher Homo-
sexualität weit verbreitet, wie die Diskussionsbeiträge in den verschiedenen Foren
wie „WeltÀnsternis“, „World of Gothic“ oder „Dunkles Leben“ zeigten; hier gab es
auch Inserate für sexuell gleichgeschlechtlich Orientierte.
Das Gleiche galt auch für die Kleidung; Jungen und Männer in der Szene konn-
ten gegen kulturelle Forderungen an Männlichkeit verstoßen, ohne mit Ablehnung
rechnen zu müssen:
5.6 Gothic 203

„Hier dürfen Männer Röcke tragen, sich schminken, die Lippen schwarz und rot
malen, und werden dafür nicht verachtet oder verspottet, sondern entsprechen
einem internen Schönheitsideal.“ (El-Nawab 2007, S. 229)

Das Tragen von Röcken und Auftragen von Schminke bei den männlichen Gothics
kann dabei auch als Beweis für den Mut des Trägers interpretiert werden, wie es
ein Mitglied der Szene formuliert:

„Männliche Gothic-Mode ist schließlich etwas, dessen Tragen mehr ‚Eier‘ erfordert
als weibliche Gothic-Mode, meiner bescheidenen Meinung nach. Wahrscheinlich
wegen ihrer Sexualitäts-überschreitenden Androgynität.“ (Zit. n. Brill 2007, S. 61)

Die Ergebnisse der Sexualforschung, die bei Mädchen mehr Selbstbewusstsein


und bei Jungen eine stärkere Zurückhaltung im Verlauf der 80er feststellten, schie-
nen sich in der schwarzen Szene zu realisieren. Auch im Umgang mit Körper-
lichkeit erlaubte die Gothic-Kultur eine gewisse Entlastung von gesellschaftlichen
Normen. Innerhalb der Szene

„... ist der Körper nicht das entscheidende Fundament in der schwarzen Kultur.
Daher ist die Szene dafür bekannt, dass auch Körper, welche nicht den Idealma-
ßen entsprechen, ohne Diskriminierung partizipieren können. Hier zählt nicht der
individuelle Körper, sondern seine virtuose, manchmal allerdings auch hyper-arro-
gant präsentierte Verpackung und Inszenierung. Der Körper ist das Trägermaterial
für die Individualisierung der schwarzen OberÁäche.“ (Richard/Grünwald 2010,
S. 131)

Es kam weniger darauf an, seinen weiblichen oder männlichen Körper als den
gängigen Schönheitsnormen entsprechend zu präsentieren, sondern sich gekleidet,
geschmückt und geschminkt darzustellen, wozu Gothics viel Zeit, Mühe und Fan-
tasie aufwendeten. Die Frisuren variierten vom Irokesenschnitt, der aus dem Punk
übernommen wurde, über den „Mozart-Zopf“, vor allem bei männlichen Gothics,
hochtoupierte Haare oder – bei Frauen – strubbelige Haare, wobei schwarz gefärb-
te Haare eindeutig dominierten.
Waren zu Beginn der Gothic-Kultur in den 80er Jahren noch lange Mäntel, Kut-
ten und Talare weit verbreitet, Kleidungsstücke, die den Körper verhüllen, so hat
sich im Laufe der 90er Jahre mehr und mehr vor allem bei den weiblichen Gothics
ein offen erotischer Stil etabliert. Lack, Leder und Latex, die an die Fetisch- und
SM-Szene erinnern, kamen in der Szene mehr und mehr in Mode:
204 5 Die achtziger Jahre

„So stellen viele Mädchen und Frauen in der Szene eine Mischung aus wandelnder
Männerphantasie und extremem körperlichen Selbstbewusstsein dar.“ (El-Nawab
2007, S. 224)

Dieser offene und selbstbewusste Umgang mit Körperlichkeit gerade der Frauen
und Mädchen führte allerdings auch dazu, dass Events der Szene von Männern
besucht wurden, die mit der Gothic-Kultur nichts zu tun hatten, wie Gunar Eysel
von der Gothic-Band Love Like Blood betont:

„Lauter geile, wichsende Schwanzträger, die Musik einen Scheißdreck interessiert,


aber wenn nackte Titten und Auspeitschen auf der Bühne sind, dann ist es allemal
interessant.“ (Zit. n. Farin 2001, S. 169)

Befürchtet wurde ein Ausverkauf der Szene, eine Reduzierung auf spektakulär
inszenierte Sexualität, die letztlich dazu führen könnte, dass sich Gothic-Veran-
staltungen nicht mehr von kommerziell orientierten Events der Sexindustrie unter-
scheiden.
Durch ihr extravagantes Auftreten trafen Gothics nicht selten auf Ablehnung,
Beleidigungen, Drohungen und auch manifeste Gewalt. Rutkowski hat festgestellt
(s. Rutkowski 2004), dass immerhin 9 % der von ihm befragten Szenemitglieder
darunter zu leiden hatten. Beleidigungen wie „LeichenÀcker“, „Satanistenschwein“
oder „Gruftieschlampe“ gehörten dabei zum Repertoire der Abwertungen. Ins-
besondere Jungen und Männer der schwarzen Szene liefen Gefahr, von anderen
jungen Männern tätlich angegriffen zu werden. Vor allem Jungen aus traditionell
stark männlich geprägten Milieus und Jugendkulturen fühlen sich durch deren an-
drogynes oder „unmännliches“ Auftreten provoziert; sie werden mit eigenen, nicht
zugelassenen weiblichen Anteilen konfrontiert, was zu Verunsicherung führt, die
– klassisch männlich – nach außen, aggressiv und gewalttätig ausagiert werden.
Die neunziger Jahre
6

6.1 Die deutsche Wiedervereinigung

Das Ende der 1980er und der Beginn der 1990er Jahre markieren einen Wandel
von historischem Ausmaß: Das Ende und der Zerfall der Sowjetunion und der
mit ihr verbündeten staatssozialistischen Länder bedeutete die Beendigung der
Blockkonfrontation und des kalten Krieges, die die Geschichte seit dem Ende des
Zweiten Weltkrieges bestimmt hatten. Die Systemkonkurrenz zwischen Ost und
West war von nun an Geschichte mit der Folge, dass der Kapitalismus sich welt-
weit ausbreiten und als alternativlos darstellen konnte.
Für Deutschland, das seit 1949 in BRD und DDR geteilt war, erwies sich diese
politische Entwicklung als besonders gravierend, weil die deutsche Teilung durch
den Zusammenschluss der beiden Länder überwunden wurde.
Vorausgegangen waren dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten Pro-
testaktionen von BürgerInnen der DDR. Diese waren unzufrieden mit ihrer Le-
benssituation, der Bevormundung durch Partei und Staat, der Unterdrückung der
Meinungsfreiheit, der Bespitzelung durch den Staatssicherheitsdienst und der
Einschränkung der Reisefreiheit. Bereits im Sommer 1989 Áüchteten Zehntau-
sende BürgerInnen in die Ständigen Vertretungen der BRD in Ost-Berlin, Buda-
pest, Warschau und Prag. Innerhalb der DDR waren es vor allem die Montags-
demonstrationen in Leipzig, die diese Unzufriedenheit zum Ausdruck brachten.
Teilgenommen hatten an den ersten Veranstaltungen einige Tausend Menschen,
bis schließlich im Oktober 1989 300.000 DemonstrantInnen auf die Straße gingen
und mit Parolen wie „Wir wollen raus“ und „Wir sind das Volk“ ein Ende der SED-

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_6,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
206 6 Die neunziger Jahre

Herrschaft forderten. Bei dieser Größenordnung war es der Führung von Partei
und Staat nicht mehr möglich, diese Menschen, wie zuvor noch, als „asoziale Ele-
mente“ zu diffamieren und ausschließlich repressiv zu reagieren, zumal sich auch
zahlreiche unzufriedene SED-Mitglieder an den Protesten beteiligten, sodass die
Furcht vor Repressalien immer mehr abnahm.

„Die Kulturrevolution in der DDR wurde möglich, als von den Menschen die Angst
wich. Zensur und Unterdrückung freier Meinungsäußerung durch die SED waren
nicht mehr der Ausdruck missionarischer Überzeugung, sondern von Unsicherheit
und Ratlosigkeit. Die alte Führungselite war zunehmend vergreist – unfähig, die
sich wandelnde Welt und damit auch die Veränderung im eigenen Land zu ver-
stehen, zumal das politische Hofgesinde rückgratlos die Staatsspitze mit genehmen
Informationen versorgte.“ (Glaser 1997, S. 426)

Die SED-Führung hatte zu ihrem Volk jeden Kontakt verloren und war durch
das Ausmaß der Protestkundgebungen überrascht und hilÁos. Erich Honecker, der
zuvor noch behauptet hatte: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs
noch Esel auf“, trat als Staats- und Regierungschef zurück. Am 9. November 1989
wurden die Grenzen geöffnet und die BürgerInnen der DDR erhielten Reisefrei-
heit. Doch auch diese Maßnahme reichte nicht aus, um den Protest verstummen zu
lassen, er hatte seine eigene Dynamik entwickelt:

„Von Beginn an bestimmten die Menschen das Tempo der Entwicklung. Sie dräng-
ten immer stürmerischer auf Veränderungen. Gleichzeitig verließen seit dem Tau-
sende von Menschen die DDR.“ (Teltschik 2002, S. 23)

Es war nicht unbedingt das Ziel aller DemonstrantInnen, die DDR abzuschaf-
fen und sich der BRD anzuschließen; es gab auch zahlreiche Stimmen, die für
einen sozialistischen deutschen Staat eintraten, einen menschlichen Sozialismus
und damit einen dritten Weg jenseits des DDR-Systems und der kapitalistischen
BRD. Diese Positionen wurden im Verlaufe der Proteste allerdings zu einer Min-
derheit, aus der Parole „Wir sind das Volk“, die das Recht auf Selbstbestimmung
betonte, wurde „Wir sind ein Volk“, womit der Wunsch nach einem gemeinsamen
Deutschland gemeint war. Die Vereinigung von DDR und BRD vollzog sich in
einem atemberaubenden Tempo: Im Juli 1990 wurde die D-Mark als gemeinsame
Währung eingeführt, am 3. Oktober 1990 die Einheit beider Staaten besiegelt und
im Dezember gab es die ersten gesamtdeutschen Wahlen, aus denen die CDU mit
Helmut Kohl als Sieger hervorging. Kohl, der sich als „Kanzler der Einheit“ feiern
ließ, versprach den BürgerInnen der DDR wachsenden Wohlstand, eine Anglei-
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung 207

chung des Lebensstandards an den der Bundesrepublik und stellte die Einheit als
alternativlos dar:

„Nur die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion bietet die Chance und die Ge-
währ dafür, dass sich die Lebensbedingungen rasch und durchgreifend bessern.
Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vor-
pommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald
wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu
arbeiten lohnt.“ ( Bulletin der Bundesregierung 1990, S. 1)

Die DDR-BürgerInnen, die nun die Reisefreiheit genießen konnten, wurden kurz
nach der Öffnung der Mauer bei Besuchen in der BRD mit 100 DM Begrüßungs-
geld ausgestattet und machten so die Bekanntschaft mit der westlichen Warenwelt.

„Zum Bersten gefüllte Züge, ‚Trabi-Staus‘ in einer Gesamtlänge von über ein-
tausend Kilometern: Nach dem 9. November 1989 waren die Bürger der DDR un-
versehens in den Stand versetzt, das andere Deutschland zu besuchen und dessen
Waren und Produkte käuÁich zu erwerben. Millionen Ostdeutsche machten an den
folgenden Wochenenden ihre ersten Erfahrungen als Besucher und als Käufer im
Westen.“ (Gries/Ilgen/Schindelbeck 1995, S. 195)

Die ökonomische Dimension der deutschen Einheit versprach den westdeutschen


Unternehmern wirtschaftliche Gewinne: Nun gab es 16 Millionen potenzielle Ab-
nehmerInnen mehr für ihre Produkte, zudem versprachen die Privatisierungen der
ehemaligen volkseigenen Betriebe eine kapitalistische Expansion. „Abwickeln“
wurde der Prozess genannt, in dem die Gewinn versprechenden Betriebe oft weit
unter Wert verkauft wurden und die nicht proÀtablen ihrem Schicksal, oft der
Arbeitslosigkeit der Angestellten und ArbeiterInnen, überlassen wurden.
Vor allem die ersten Jahre nach der deutschen Einheit waren von nationalis-
tischen und rassistischen Ausschreitungen überschattet. Im sächsischen Hoyers-
werda griffen Neonazis ein Heim von Vertragsarbeitern und eine Unterkunft für
Flüchtlinge an; die wehrlosen Menschen wurden zum Teil tätlich angegriffen und
mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen. Im Rostocker Stadtteil Lichtenha-
gen gab es tagelange Ausschreitungen vor einem Wohnheim für VietnamesInnen
und einem Aufnahmeheim für Flüchtlinge. Auch hier wurden die BewohnerInnen
mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen und mussten um ihr Leben fürchten.
Täter waren vor allem junge Männer, die – und das war das Erschreckende – bei
der Bevölkerung, die diese Taten mit ansah, auf Unterstützung stießen. Mit Paro-
len wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ und zum Teil mit Hitler-
208 6 Die neunziger Jahre

Gruß, zusätzlich noch in ihrem Nationalismus beÁügelt durch den Gewinn der
Fußballweltmeisterschaft der deutschen Nationalmannschaft, sahen sie nicht nur
zu, sondern heizten die Stimmung noch an und stachelten zu weiteren Übergriffen
auf. Obwohl sich auch westdeutsche Nazis unter die pöbelnden und aggressiven
Massen mischten, um die Stimmung eskalieren zu lassen und Propaganda für ihre
Ideen und Organisationen zu betreiben, waren es in der Überzahl Bürgerinnen und
Bürger der ehemaligen DDR, die sich an den brutalen Ausschreitungen beteiligten.
Dabei hatte gerade die DDR ein ausgeprägtes Selbstverständnis als antifaschisti-
scher Staat, dies auch mit einer gewissen Berechtigung, hatten doch zahlreiche
Mitglieder des Polit-Büros und der politischen Elite aktiv gegen das Nazi-Regime
gekämpft und dafür unter dem deutschen Faschismus in Haft gesessen. Die deut-
sche Wiedervereinigung führte bei einem Teil der ehemaligen DDR-Bevölkerung
zu einem ideologischen Vakuum, das durch nationalistische und rassistische Ideo-
logien gefüllt wurde und sich in erschreckender Weise in brutalen Übergriffen auf
Menschen anderer Herkunft entlud.
Doch nicht nur in den neuen Bundesländern gab es rassistische Ausschreitun-
gen, auch im westdeutschen Teil waren bereits seit Mitte der 80er Jahre gehäuft ge-
walttätige Ausschreitungen und Übergriffe gegenüber Menschen nicht-deutscher
Herkunft zu beobachten. Diese erreichten zu Beginn der 90er Jahre einen Höhe-
punkt: In Mölln, Solingen und Hünxe verübten Nazis Brandanschläge auf Häuser,
in denen Menschen vor allem türkischer Herkunft lebten, wobei es zahlreiche Tote
und Verletzte gab.
Die Feindlichkeit gegenüber Menschen ausländischer Herkunft, insbesondere
gegenüber Flüchtlingen, konnte sich dabei auf eine Grundstimmung beziehen, die
durch die ofÀzielle Politik und die Presse geschürt wurde. Zwar wurde nicht di-
rekt zu Gewalt aufgerufen, doch trugen Berichterstattung und politischer Umgang
mit dem Thema zu einem angespannten Verhältnis und Ressentiments gegenüber
Flüchtlingen bei und heizten dadurch die Ängste in der Bevölkerung weiter an:
„Ansturm der Armen. Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten“ titelte der Spiegel 1991
(Der Spiegel 37/1991), wobei das Titelbild ein Boot zeigte, das aus allen Nähten zu
platzen drohte. Die Metapher des vollen Bootes benutzte auch die ofÀzielle Poli-
tik, hier wurden teilweise Asylsuchende, die aus Not, Krieg und Unterdrückung
in ihrer Heimat geÁohen waren, als „WirtschaftsÁüchtlinge“, „Asylbetrüger“ und
„Scheinasylanten“ diffamiert.
In dieser aufgeheizten politischen Stimmung wurde im gerade wieder vereinten
Deutschland das Recht auf Asyl faktisch abgeschafft. Mit der als „Asylkompro-
miss“ verkauften Grundgesetzänderung wurde – mit Stimmen von CDU, CSU,
FDP und der SPD, die sich in der Opposition befand – festgelegt, dass nur noch
Menschen, die nicht aus sogenannten „sicheren Drittstaaten“ – und als solche gal-
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung 209

ten alle Anrainerstaaten – in die BRD einreisten, Asyl erhalten können, was be-
deutet, dass das Recht auf Asyl nur noch bei einer Einreise mit dem Flugzeug oder
einem Schiff geltend gemacht werden kann.
Gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit gab es allerdings auch Proteste,
wie beispielsweise bei den Lichterketten gegen Ausländerhass oder dem Konzert
„Arsch huh, Zäng ussenander“ 1992 in Köln mit über 100.000 BesucherInnen.
Nicht nur hinsichtlich der verstärkten nationalistischen und rassistischen Ten-
denzen zu Beginn der 90er Jahre erwiesen sich viele Hoffnungen, die mit dem
vereinten Deutschland verbunden waren, als illusionär. Auch die wirtschaftliche
Entwicklung verlief nicht so, wie sich das viele ehemalige DDR-BürgerInnen vor-
gestellt hatten. Neben den Zielen der Reise- und Meinungsfreiheit war die Ver-
einigung von BRD und DDR für viele mit dem Bedürfnis verbunden, am kapita-
listischen Konsum teilhaben zu können, was nicht zuletzt von den kommerziellen
Fernsehsendern befördert wurde.

„Auch war es kein Zufall, dass in den neuen Bundesländern die Fernsehzuschau-
er deutlich mehr Kommerzfernsehen sahen als öffentlich-rechtliche Programme,
schien sich doch in ihm das Versprechen auf eine neue paradiesische Welt am mar-
kantesten zu manifestieren, waren hier die angebotenen Waren in ihren oft markt-
schreierischen Darstellungen doch deutlich illusionärer als die der öffentlich-recht-
lichen Sender. Es war auch die Durchsetzung nicht nur der Demokratie, sondern
des Kapitalismus als Weltanschauung, der Marktwirtschaft und des Konsumismus,
die sich nun ganz ungebrochen in den kommerziellen TV-Angeboten manifestierte.“
(Hickethier 2010, S. 256)

Doch die Euphorie und die Hoffnungen auf einen höheren Lebensstandard wichen
relativ schnell den realen Erfahrungen, die viele mit dem westdeutschen System
machten. Auch wenn die Ausstattung mit Konsumgütern in der DDR weit unter
dem westlichen Niveau lag, so wurden doch immerhin Mieten und Grundnah-
rungsmittel subventioniert, zudem gab es keine Angst vor Arbeitslosigkeit, sodass
zumindest ein gewisser Lebensstandard gesichert war. Nach 1990 machten viele
ehemalige DDR-BürgerInnen bittere Erfahrungen mit der kapitalistischen Reali-
tät: Statt der von Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ breitete sich die
Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern aus, ganze Regionen erlebten einen
ökonomischen Niedergang und sahen sich konfrontiert mit fehlenden Perspekti-
ven, was sich unter anderem in einem drastischen Rückgang der Geburten be-
merkbar machte. Es wurde immer deutlicher, dass hinter der glitzernden Fassade
des Konsums auch die Gefahr lauerte, ein Leben ohne Perspektiven zu haben, das
Menschen von diesem Konsum zum größten Teil ausschließt. Die Skepsis gegen-
über den Errungenschaften der Wiedervereinigung wuchs stark an:
210 6 Die neunziger Jahre

„Im Osten jedoch brach die sogenannte freie Marktwirtschaft ziemlich rücksichts-
los auf die Bevölkerung herein: diese hatten zwar noch 1990 zu 77 Prozent das
Wirtschaftssystem der Bundesrepublik positiv eingeschätzt; nach Jahren persön-
licher Erfahrungen mit dem neuen Staats- und Gesellschaftssystem waren es 1995
nur noch 34 Prozent.“ (Glaser 1997, S. 436)

Der Begriff der „Wiedervereinigung“ ist im Sinne einer Vereinigung zweier gleich
starker und gleichberechtigter Staaten nicht zutreffend. Was sich in den Jahren
nach 1989 in Deutschland vollzog, war in politischer, sozialer und vor allem öko-
nomischer Hinsicht vielmehr ein Anschluss der DDR an die BRD, der von der
Mehrzahl der BürgerInnen gewünscht war.
Die 90er Jahre waren ein Jahrzehnt der verschärften sozialen Widersprüche
und Gegensätze, in denen die Schere zwischen Arm und Reich in der neuen Bun-
desrepublik weiter auseinander ging. Zwar war die Wahrscheinlichkeit, von Armut
betroffen zu sein, in den neuen Bundesländern größer, doch auch in der alten BRD
erhöhte sich der Anteil der Menschen, die über wenig Geld und Einkommen ver-
fügten.

„Im gesamten Deutschland ist die Anzahl der Sozialhilfeempfänger bis 1996 auf
2,4 Millionen Menschen gestiegen, davon waren ein Drittel Kinder. Große Teile der
Bevölkerung lebten unterhalb der Armutsschwelle (50 % des Durchschnittseinkom-
mens). Stellt man in Rechnung, dass mehr als die Hälfte der Sozialhilfeberechtigten
gar keine Ansprüche gelten machten (‚verdeckte Armut‘), kommt man auf mehr als
6 Millionen bzw. rund 7 % der Bevölkerung…“. (Faulstich 2010a, S. 14)

Neben den „blühenden Landschaften“ stellte Kanzler Kohl für das Gesamt-
Deutschland in Aussicht, dass es niemandem schlechter, aber vielen besser gehen
werde, was angesichts der realen Zahlen und Entwicklungen wie Hohn klang.
Nach 16 Jahren endete 1998 die Kanzlerschaft Helmut Kohls und es kam zu
einer rot-grünen Koalition mit Kanzler Schröder und Vizekanzler Fischer. Über-
schattet wurde die Regierungszeit Kohls gegen Ende des Jahrzehnts durch den
CDU-Parteispendenskandal. Es kam heraus, dass die Partei insgeheim schwarze
Konten führte, auf denen Parteispenden aus der Industrie illegal verbucht wurden.
Neben Helmut Kohl waren weitere Größen der CDU wie Roland Koch, Wolfgang
Schäuble und Walther Leisler Kiep in diverse Finanzskandale verwickelt. Kohl
behauptete zwar, dass diese Ànanziellen Zuwendungen keinen EinÁuss auf seine
Politik gehabt hätten, doch zeigt sich beispielsweise im sogenannten „Leuna-Skan-
dal“, in dem die CDU für den Verkauf der Leuna-Werke an Elf Aquitane Spenden
erhielt, dass das Geld an die CDU mit konkreten Interessen von Seiten der Wirt-
6.1 Die deutsche Wiedervereinigung 211

schaft verbunden war. Nachdem es offensichtlich wurde, dass nicht deklarierte


Spenden geÁossen waren, weigerte sich Helmut Kohl, die Namen der Spender zu
nennen, mit der Begründung, er habe ihnen sein „Ehrenwort“ gegeben. Kohl ver-
wendete die Spenden weniger zur eigenen Bereicherung als vielmehr dazu, ein
„System Kohl“ zu installieren und auszubauen, das ihm innerhalb der Partei seine
Macht sicherte.

„Hier 100000 Mark für einen treuen Kreisverband, da neue Computer für eine Ge-
schäftsstelle, einmal sogar 700000 Mark für eine Briefaktion an alle Parteimitglie-
der (...) Bedingungslose Loyalität zum Parteichef belohnte dieser mit Protektion,
Karriere und Nähe zur Macht.“ (Ramge 2003, S. 250)

Als Folge dieser Enthüllungen trat Helmut Kohl schließlich als Ehrenvorsitzender
der CDU zurück.
Neben den ökonomischen und politischen Folgen hatte der Zusammenbruch der
staatssozialistischen Länder auch ideologische Folgen; nun galten staatliche Insti-
tutionen und Betriebe per se als zu bürokratisch und ineffektiv, was wiederum die
ideologische Rechtfertigung für die Privatisierung zahlreicher staatlicher Unter-
nehmen (Post, Bahn, Energie- und Wasserversorger) der alten Bundesrepublik lie-
ferte. Sowohl diese Übernahmen als auch die Privatisierung zahlreicher vormals
volkseigener Betriebe wurden zu proÀtträchtigen Geschäften. Weltanschaulich
waren die „Evangelisten des Marktes“ (Dixon 2000) Ton angebend, deren Credo
darin bestand, dass die „Kräfte des Marktes“ ohne staatlichen Eingriff reibungs-
loser und effektiver funktionierten.
Vor diesem ideologischen und politischen Hintergrund und in Kombination mit
der rasanten Entwicklung der Computertechnologie entstand gegen Ende der 90er
Jahre die sogenannte New Economy. Gemeint war damit eine Ökonomie, die sich
statt auf den Handel mit Waren auf eine „Informationsökonomie“ bezog, wobei
vor allem mit innovativen Ideen und digitalen Gütern wie Software, Musik und
Videos gehandelt wurde. Die Folge war eine Art Goldgräberstimmung mit einem
Boom von Unternehmensgründungen in diesen sogenannten Zukunftsbranchen.
In Erwartung hoher Gewinne wurde in großem Umfang am sogenannten „Neuen
Markt“ investiert. Doch erwiesen sich dieser Hoffnungen zum größten Teil als
leere Versprechungen, denn schon bald nach der Gründung stürzten die Kurse
zahlreicher dieser Unternehmen ab, die zuvor aufgeblähte „Dotcom-Blase“ Àel in
sich zusammen.
212 6 Die neunziger Jahre

„Im Frühjahr 2000 war die Party zu Ende und die zuvor gefeierten Papiere stürzten
ins Nichts. Der Nasdaq-Index verlor in den zwei Jahren 78 Prozent, der Neue Markt
fast alles. Nachdem im September 2002 von den 233 Milliarden Euro, für welche die
Aktien der deutschen New Economy auf dem Gipfel des Booms gehandelt worden
waren, noch ganze 22 Milliarden Euro übrig waren, wurde der Neue Markt schließ-
lich im Juni 2003 geschlossen.“ (Wagenknecht 2008, S. 75)

6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft

Für die ehemaligen BürgerInnen der DDR führte die Wiedervereinigung zu tief grei-
fenden Umstellungen in Ökonomie, Politik und Kultur. Nicht nur die große Politik,
auch der Alltag nach 1990 war für sie bestimmt von einem umfassenden Wandel,
wie ihn Jana Hensel, Jahrgang 1972, in ihrem Buch „Wir Zonenkinder“ beschreibt:

„Die Kaufhalle hieß jetzt Supermarkt, Jugendherbergen wurden zu Schulland-


heimen, Nickis zu T-Shirts und Lehrlinge Azubis. In der Straßenbahn musste man
nicht mehr den Schnipsel entlochen, sondern den Fahrschein entwerten. Aus Pop-
Gymnastik wurde Aerobic, und auf der frisch gestrichenen Poliklinik stand eines
Morgens plötzlich ‚Ärztehaus‘. Die Speckitonne verschwand und wurde durch den
grünen Punkt ersetzt. Mondos hießen jetzt Kondome, aber das ging uns noch nichts
an.“ (Hensel 2002, S. 21)

In der Umstellung im Alltag wird die Dominanz Westdeutschlands deutlich, die


Hegemonie einer kapitalistischen Gesellschaft, die auf Seiten der ehemaligen
DDR-Bürgerinnen und -Bürger neben der Euphorie auch zu Ernüchterung und
Überforderung führte. Von Seiten des Westens gab es Vorbehalte und Unmut we-
gen der Solidaritätsabgaben für den „Aufbau Ost“ sowie Unsicherheiten und Ver-
dächtigungen darüber, wer ofÀziell oder inofÀziell beim Staatssicherheitsdienst
aktiv war. Von Seiten der neuen Bundesländer wurden zum Teil schlechte Er-
fahrungen mit dem kapitalistischen System gemacht; hinzu kam das Gefühl, von
„Besserwessis“ bevormundet und belehrt zu werden. Viele ehemalige BürgerInnen
der DDR wurden von der rasanten Entwicklung überrollt, waren durch die schnel-
le Umstellung ihrer Gesellschaft überfordert, fühlten sich mit ihrer Erfahrung und
ihrem Wissen entwertet und in ihrer Identität bedroht.
Nicht nur wegen der Vereinigung hielt die Tendenz zu einer differenzierteren
Gesellschaft auch in den 90er Jahren an; noch auf die alte Bundesrepublik be-
zogen bezeichnet der Soziologe Gerhard Schulze diese als „Erlebnisgesellschaft“,
die durch den Zwang zur Entscheidung gekennzeichnet sei, wie es schon für die
Multioptionsgesellschaft beschrieben wurde:
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft 213

„Angebotsexplosion, Ausweitung der Konsumpotentiale, Wegfall von Zugangsbar-


rieren, Umwandlung von vorgegebener in gestaltbare Wirklichkeit: die Erweiterung
der Möglichkeiten führt zu einem Wandel der Lebensauffassungen. Man beÀndet
sich in einer Situation, die besser als Entscheidungssog denn als Entscheidungs-
druck zu bezeichnen ist.“ (Schulze 2000, S. 58)

Vor diesem Hintergrund kommt er zu einer differenzierten Darstellung verschie-


dener Milieus (Niveau-, Harmonie-, Integrations-, Selbstverwirklichungs- und
Unterhaltungsmilieu), die in sich jeweils einer bestimmten und relativ einheitli-
chen Logik folgen, was die kulturellen Vorlieben, Konsumgewohnheiten, Welt-
deutungen und Freizeitgestaltung betrifft.
Die vielfältigen neuen kulturellen Ausdrucksformen stellten Sozial- und Kul-
turwissenschaftlerInnen vor das Problem, einen einheitlichen Trend für die 90er
Jahre zu bestimmen.

„In den 1990er Jahren wurde es nämlich zunehmend schwerer, die bedeutenden
Elemente des Zeitgeistes zu identiÀzieren, da sich die sogenannte Multioptions-
gesellschaft durch eine Vielzahl von Lebensentwürfen und Orientierungsmustern
kennzeichnen ließ, die eine DiversiÀkation der Konsumbedürfnisse bewirkte (...).“
(Knop 2010, S. 215)

Die deutsche Gesellschaft der 90er Jahre ist oft als „Spaßgesellschaft“ tituliert worden;
demonstrativer Konsum und Hedonismus entsprachen dem Zeitgeist, was zudem durch
eine Flut von „Comedy-Sendungen“ befördert wurde. Von konservativer Seite wurden
diese Trends als VerÁachung und Infantilisierung kritisiert, von links als Sieg einer
vereinheitlichenden Kulturindustrie ohne jeden inhaltlichen oder kritischen Anspruch.
Deutschland wurde in den 90ern zunehmend zu einem Land, das stärker in
Arm und Reich gespalten war, wobei sich das Reichtumsgefälle nicht (nur) auf
den Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern bezog. Diese
Entwicklung war kein deutscher Sonderweg, sie war vielmehr das Ergebnis eines
Kapitalismus, der sich nach dem Untergang der staatssozialistischen Staaten hem-
mungsloser als zuvor durchsetzte und dabei die Besitzenden privilegierte:

„Sehr unterschiedliche und keineswegs nur in Deutschland wirksame Phänomene


der Steuersenkung für Unternehmer, Deregulierung und Privatisierung öffentlicher
Infrastruktur (...) um beinahe jeden Preis auf der einen sowie eine international
rigide überwachte Einhaltung von Schuldengrenzen in staatlichen Haushalten und
dem Abbau sozialer Ausgaben auf der anderen Seite schienen in den 90er Jahren
eine neue soziale Welt zu schaffen.“ (Schildt/Siegfried 2009, S. 511)
214 6 Die neunziger Jahre

Diese „neue soziale Welt“ schlug sich in den Sozialstatistiken in der Form nie-
der, dass die Lebensverhältnisse von krassen Gegensätzen bei den Gehalts- und
Vermögensverhältnissen geprägt waren. Auf der einen Seite stieg die Anzahl der
Millionäre auf über eine Million, konzentrierten sich 75 % des gesamten Geldver-
mögens auf das obere Drittel der BesitzerInnen, wobei 5 % der reichsten Haushalte
einen Anteil des Geldvermögens von 31 % besaßen (s. Faulstich 2010a, S. 13).
Auf der anderen Seite gab es, bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit und Kürzungen
bei den sozialen Sicherungsleistungen, eine immer größere Anzahl von Menschen,
die knapp an oder unterhalb der Armutsgrenze lebten und die kaum oder gar nicht
in der Lage waren, an dem wachsenden Angebot an Konsumgütern teilzunehmen.
Die gestiegene Armut in Deutschland hatte auch Auswirkungen auf die herr-
schende Mentalität der Bevölkerung, die Angst vor Arbeitslosigkeit, sozialem Ab-
stieg und Armut wurde für große Teile der Bevölkerung zu einem bestimmenden
Element. Ideologisch setzte sich dabei eine Mentalität durch, die den und die Ein-
zelne unabhängig von den sozialen Voraussetzungen verantwortlich für die jewei-
lige soziale Situation machte.
Gesellschaftlich erwünscht und sozial gefragt wurde der „Áexible Mensch“
(Sennet 2006), der sich den Marktbedingungen unterordnete.
Kennzeichnend für diesen Prozess, der den Wettbewerb betonte und das Kon-
kurrenzdenken in den Mittelpunkt rückte, sind die sogenannten „Rankings“, die
im Laufe der 90er Jahre immer populärer wurden. Sie beurteilten die jeweiligen
Gegenstände oder Personen – von Unternehmensstandorten, SportlerInnen bis
hin zu Hochschulen, ProfessorInnen oder Städten – nach Kriterien der EfÀzienz,
Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit und verglichen sie in Hitparaden mit-
einander. Es machte sich verstärkt ein Bewusstsein breit, das sich an Ökonomie
und Nützlichkeit orientierte, sodass auch Menschen danach beurteilt wurden, was
sie leisteten oder nicht. Gefragt waren Individualismus und Egoismus, eine Markt-
orientierung, ein „unternehmerisches Selbst“ (Bröckling 2007).
Auch die Kommerzsender trieben den gesellschaftlichen Trend zur Ökonomi-
sierung und die damit einhergehende Tendenz, die Gesellschaft in GewinnerInnen
und VerliererInnen einzuteilen, voran.
So gab es ab Mitte der 90er Jahre H.O.T., den ersten Teleshopping-Sender, der
ohne Unterbrechung Tag und Nacht Werbesendungen ausstrahlte. In den soge-
nannten „Daily Talkshows“ wurden Menschen vor Studio- wie Fernsehpublikum
zunehmend lächerlich gemacht.

„Hier wurden – angeheizt durch die Moderatoren und Moderatorinnen und einem
Saalpublikum – die ‚Gäste‘ oft gedemütigt und letztlich auch denunziert.“ (Hicket-
hier 2010, S. 258)
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft 215

Die wachsende gesellschaftliche Ökonomisierung zeigte sich in solchen Sendun-


gen daran, dass die „VerliererInnen“ vorgeführt wurden, diejenigen, die es nicht
geschafft hatten, sich in der stärker deregulierten Gesellschaft zurechtzuÀnden.
Deren – reale oder lediglich erfundenen – problematischen Lebenssituationen
wurden dabei als individuelles Versagen dargestellt, was beim Publikum tenden-
ziell das Gefühl zurückließ, es trotz einer eventuell eigenen unbefriedigenden Le-
benslage doch noch recht gut geschafft zu haben. Es ging weniger um Empathie
oder Mitleid, um Lösungen oder Solidarität als vielmehr darum, den Menschen
ihre missliche Situation vorzuwerfen und sie zu verhöhnen; es ging um Vorurteile,
Vorwürfe und Appelle an die Einzelnen, sich den gesellschaftlichen Gegebenhei-
ten anzupassen, um nicht auf die Verliererseite zu geraten.
Diese Grundhaltung spiegelte sich auch in psychologischen Veranstaltungen
wider: Begriffe und Ziele wie Selbsterkenntnis und Kreativität – zentrale Werte
der Hippiekultur und des alternativen Milieus – wurden in eine marktkonforme
Logik eingepasst, die nicht das Wohl des oder der Einzelnen, sondern deren Ver-
wertbarkeit zum Ziel hatten. In seiner Untersuchung kommt Ulrich Bröckling zu
dem Schluss, dass die unterschiedlichsten Bildungsmaßnamen – sei es für Lang-
zeitarbeitslose, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, Fortbildungen für Führungs-
kräfte oder Persönlichkeitsseminare – sich letztendlich inhaltlich nicht wesentlich
unterschieden. Sie alle hatten zum Ziel, ihre jeweilige Klientel an den Markt anzu-
passen und sie allein für ihre Situation verantwortlich zu machen, aus der sie sich
wieder herausarbeiten sollten:

„Hier wie dort Àndet man die gleiche Beschwörung von Selbstverantwortung, Krea-
tivität, Eigeninitiative, Durchsetzungsvermögen und Teamfähigkeit, die gleiche Ak-
tivierungsrhetorik, das gleiche Gebot kontinuierlicher Verbesserung und den glei-
chen nahezu unbeschränkten Glauben an die Macht des Glaubens an sich selbst.
Hier wie dort schließlich fungiert der Markt als oberster Richter.“ (Bröckling 2007,
S. 75)

Die Tendenz hin zu einer Individualisierung von Lebenslagen und –läufen be-
gann in der Bundesrepublik der 60er Jahre und hat seitdem ständig zugenommen.
Individualisierung bedeutete allerdings nicht nur, das jeweilige Leben selbst zu
bestimmen zu können, sondern auch den Zwang, sich angesichts unsicherer öko-
nomischer Aussichten und reduzierter sozialstaatlicher Leistungen auf dem Markt
zu behaupten zu müssen.
Wesentlich krasser traf diese Situation die früheren DDR-BürgerInnen; sie wa-
ren in einem Land sozialisiert worden, in dem der Staat das Leben stark reglemen-
tierte, in dem Individualismus tendenziell als Abweichlertum und Subversion galt
216 6 Die neunziger Jahre

und sanktioniert wurde. Der Zwang für die Menschen in der DDR bestand darin,
sich den Vorgaben der SED und der verschiedenen Massenorganisationen unter-
zuordnen. Eine individualistische Selbstdarstellung in einer vor allem an ProÀt
orientierten Gesellschaft war ihnen völlig neu.
Die 90er Jahre waren auch das Jahrzehnt eines intensiven Kultes um den Kör-
per: Auffällig war die steigende Zahl von Tätowierungen bei beiden Geschlechtern
vor allem bei jüngeren Menschen. Tätowierungen hatten zuvor den Ruf, bei sozia-
len Gruppen wie Strafgefangenen, Rockern oder bei schwer arbeitenden Männern
wie Seeleuten verbreitet zu sein. Hinzu kamen als verbreiteter Körperschmuck
Piercings an den Lippen, der Nase, der Zunge, dem Bauchnabel oder im Intimbe-
reich bei beiden Geschlechtern. In Mode kamen ebenfalls chirurgische Eingriffe
am Körper: Brustvergrößerungen und -straffungen bei Frauen, Fettabsaugen am
Bauch und an den Oberschenkeln, Nasenkorrekturen, Aufspritzen der Lippen und
Lifting gegen Falten im Gesicht und Straffung der Augenlider waren Maßnah-
men, denen sich in erster Linie Frauen unterzogen. Zugleich kamen immer mehr
„Nahrungsergänzungspräparate“ auf den Markt, die entweder zum Muskelauf-
bau und zur körperlichen wie psychischen Stärkung verhelfen sollten wie „Super
Power Drinks“ oder zur Gewichtsreduzierung durch „Fatburner“. Ganz im Sinne
des Zeitgeistes bemühten sich viele Menschen, die Imperative der Flexibilität, der
Leistungsbereitschaft und der Individualität mit ihrer körperlichen Erscheinung
auszudrücken, wobei die Models aus dem Modezeitschriften, die Stars und Stern-
chen aus der Glitzerwelt und Prominente aus dem Sport und dem Showbusiness
TrendsetterInnen waren. Nicht diesem Idealbild entsprechende Menschen wurden
verachtet oder zur Zielscheibe von Spott; sie galten als undiszipliniert.

„Dicke Menschen waren hässlich, man sagte ihnen einen Mangel an Selbstkont-
rolle nach, sie ‚ließen sich gehen‘, und noch immer werden sie von ihrer Umwelt
abgewertet und an den Rand geschoben....“(Faulstich 2010b, S. 247)

Bezeichnend für einen Umgang mit dem Körper ist die seit 1994 erscheinende
Zeitschrift „Fit for fun“, in der Ernährungstipps, Anregungen für sportliche Be-
tätigungen und für die KörperpÁege in hoher AuÁage verbreitet wurden.
Traditionell standen eher Frauen unter dem Druck, ihren Körper den Idealen
von Schlankheit und Schönheit anzupassen, um den (heterosexuellen) Männern zu
gefallen und sich als attraktiv darzustellen.
Seit Beginn der 80er Jahre galt dieses Gebot zunehmend auch für Männer und
verstärkte sich im Laufe der 90er Jahre. In einer Gesellschaft, die sich durch Er-
folg, Besitz und attraktive Körper deÀnierte und die durch Konkurrenz bestimmt
6.2 Soziale Unsicherheit in der Erlebnisgesellschaft 217

war, wuchs bei Männern die Unsicherheit hinsichtlich ihrer (körperlichen) Attrak-
tivität.

„Sie waren nicht nur mit ihrem Körper unzufrieden, sondern auch mit ihrer Seele
und ihrer Persönlichkeit. Im Fitnessstudio behandelten sie nicht nur ihren Körper,
sondern auch ihre Angst – vor Schwächlichkeit, Unmännlichkeit, fehlender sexuel-
ler Attraktivität, fehlender Persönlichkeitsbestätigung, fehlendem Erfolg, fehlen-
dem Selbstwertgefühl.“ (Faulstich 2010b, S. 243)

Eindeutiges Anzeichen dafür, dass dieser Druck auch für Männer stieg, ist das Er-
scheinen der US-Zeitschrift „Menάs Health“ in Deutschland im Jahr 1996. Diese
Zeitschrift erschien bereits seit 1987 in den Vereinigten Staaten und propagiert ein
Männerbild, das den Imperativen des Marktes entspricht. Menάs Health gibt Tipps,
den Körper schlank und kräftig zu formen, Sextipps und Hinweise, wie Mann mit
Frauen zu Áirten hat; es wird ein Lebensstil propagiert, der sich durch teure An-
zügen, „stilvolle“ Wohnungseinrichtungen und Luxusautos auszeichnet. Leitbild
ist der „Manager“: selbstbewusst, entscheidungsfreudig, psychisch und physisch
kräftig, hoch in der Hierarchie stehend und stets informiert, was die jeweils an-
gesagten Modetrends betrifft. Vor allem bei Männern erfreuten sich sogenannte
„Trendsportarten“ wie Bergsteigen, DrachenÁiegen oder Snowboardfahren grö-
ßerer Beliebtheit, mit denen Individualität, Sportlichkeit und Mut unter Beweis
gestellt sollen. In diesem Zusammenhang ist das Bild des „Metrosexuellen“ zu
nennen: Als Prototyp dieser Spezies galt der britische Fußballspieler David Beck-
ham. Der Metrosexuelle lebt in den teuren Gegenden der Metropolen der Welt
und zeichnet sich dadurch aus, dass er großen Wert auf sein Äußeres legt, sich
sorgsam pÁegt, teure Anzüge trägt und sich auch schminkt. Dieses neue Leitbild
von Männlichkeit ist aber vermutlich in erster Linie ein Produkt der Schönheits-
industrie, die ihre Produkte verstärkt an den Mann bringen wollte.
Die Tendenz zu einem gesunden und gestylten Lebenswandel, der im Laufe der
90er Jahre zum Ideal avancierte, zeigt sich ebenfalls in der größeren Verbreitung
und Vermarktung von sogenannten „Light“-Produkten, die eine geringere Kalo-
rienzufuhr bei der gleichen Konsummenge versprachen.
Schließlich fügt sich in den Umgang mit dem Körper und dem Zwang zu Fit-
ness, Schlankheit und Gesundheit noch das Rauchen ein, das in den 90er Jahren
verstärkt stigmatisiert wurde.
218 6 Die neunziger Jahre

„Es waren die 90er Jahre, in denen auch das Rauchen in der Öffentlichkeit, speziell
am Arbeitsplatz und in Kneipen und Restaurants, seine generelle Akzeptanz verlor,
bis Raucher heute wie selbstverständlich nur noch verschämt in kleinen Pausen vor
die Tür treten, sich separieren von der Gemeinschaft und zunehmend einsam ihrer
ungesunden Sucht frönen.“ (Faulstich 2010c, S. 245)

6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral

Die deutsche Vereinigung hatte gravierende Auswirkungen auf das Geschlechter-


verhältnis, vor allem die Frauen der ehemaligen DDR waren negativ betroffen. Zu
DDR-Zeiten war die Versorgung von Kindern durch Krippen fast lückenlos ge-
währleistet gewesen, was den Frauen eine beruÁiche Tätigkeit ermöglichte. Zwar
verrichteten Frauen in der DDR zumeist schlechter bezahlte Arbeiten als Männer
und die Aufgaben der Haushaltsführung und der Kindererziehung wurden in ers-
ter Linie von ihnen erledigt (s. Bussiek 2010, S. 49), doch war die Vereinbarkeit
von Berufsarbeit und Familie die Regel. Nun sahen sie sich mit dem Problem der
Arbeitslosigkeit konfrontiert:

„Schon bald nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1990
wies ein Blick in die Statistik die Frauen im Osten als Hauptverlierer der deutschen
Einheit aus. In der Konkurrenz um knapp gewordene Ausbildungs- und Arbeits-
plätze waren sie ins Hintertreffen geraten. 1992 waren 22 Prozent der Frauen,
aber ‚nur‘ 11,5 Prozent der Männer in den so genannten neuen Bundesländern von
Arbeitslosigkeit betroffen; der Anteil der Frauen an allen ostdeutschen Arbeitslosen
lag bei 65 Prozent, an den Langzeitarbeitslosen sogar bei 75 Prozent.“ (Bussiek
2010, S. 50)

Eindeutiges Indiz für die mangelhafte ökonomische Situation vieler Frauen in den
neuen Bundesländern und die damit verbundene unsichere Zukunftsperspektive
ist die dort seit 1990 stark abnehmende Geburtenrate.
Weit entfernt von der sozialen Realität vieler Frauen – in Ost wie West – war
das Bild, das medial von Frauen gezeichnet wurde. Hier wurde die „perfekte Frau“
als Vorbild verkauft, doch war dieses Vorbild für viele Frauen aufgrund ihrer so-
zialen und ökonomischen Situation unerreichbar.
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral 219

„Zum Klischee der perfekten Frau der 90er Jahre gehörten neben Kindern und
Karriere auch ein erfülltes Sexualleben, ein gepÁegtes Äußeres und kontinuierlich
gute Laune. Im Zeitalter von Körperkult, Slow-Food-Bewegung, After-Work-Parties
und ausuferndem Individualismus schien sich die angespannte, mitunter auch ver-
krampfte Debatte um ‚Frauenfragen‘ in befreiendem Gelächter zu lösen. Feministi-
sche Kritikerinnen haben jedoch darauf hingewiesen, dass durch das unrealistische
Bild der ‚Superweiber‘ die Messlatten für weibliche Lebensentwürfe absurd hoch
gehängt würden.“ (Bussiek 2010, S. 60)

Dieses Bild der erfolgreichen, attraktiven und wohlhabenden Frau hat viel gemein-
sam mit dem männlichen Pendant des Metrosexuellen; beide Klischees waren für
einen Großteil der Frauen wie Männer aufgrund ihrer ökonomischen Situation
nicht erreichbar.
Im Zuge der gesellschaftlichen Individualisierung differenzierte sich ein breites
Spektrum von Männlichkeit heraus, hier hinterließ die weibliche Emanzipation
deutliche Spuren. Walter Hollstein skizziert die unterschiedlichen Umgangswei-
sen von Männern mit den selbstbewussteren Frauen und kommt zu verschiedenen
Typisierungen (s. Holstein 1999, S. 102–104): Diese Männlichkeitstypen reichen
vom „Depressiven“, der sich von den Veränderungen im Verhältnis der Geschlech-
ter überfordert fühlt, über den „Macho“, der sich auf das alte männliche Rollen-
bild zurückzieht, den „Opportunisten“, der sich lediglich oberÁächlich zur Frauen-
emanzipation bekennt, den „Softie“, der sich defensiv den Forderungen von Frauen
unterordnet, bis zum „Veränderer“, der an der Umgestaltung des Geschlechterver-
hältnisses mitwirken will.
Nicht nur in Deutschland waren die Auseinandersetzungen zwischen den Ge-
schlechtern ein bedeutendes Thema. Bereits 1991 veröffentlichte die US-Ame-
rikanerin Susan Faludi ihr Buch „Backlash“ mit dem Untertitel „Die Männer
schlagen zurück“, das 1993 auf Deutsch erschien. Zentrales Thema des Buches ist
die Beobachtung, dass die durch die Frauenbewegung erreichten Fortschritte hin-
sichtlich einer Gleichberechtigung der Geschlechter durch einen Rückschlag der
Männer gefährdet seien. Insbesondere die konservative Vorherrschaft in den 80er
Jahren habe zu einer Reaktivierung althergebrachter Rollenverständnisse geführt
und zahlreiche Männer ermutigt, die Fortschritte und das gewachsene weibliche
Selbstverständnis zurückzudrängen, um eine (drohende) Geschlechtergerechtig-
keit zu verhindern.

„Der antifeministische Gegenschlag wurde nicht durch den Kampf der Frauen um
volle Gleichberechtigung ausgelöst, sondern durch die Tatsache, daß ihre Chancen
gestiegen waren, diesen Kampf zu gewinnen. Es handelt sich um einen Präventiv-
schlag, der die Frauen weit vor der Ziellinie stoppt.“ (Faludi 1993, S.23)
220 6 Die neunziger Jahre

Faludi sieht Anzeichen für den männlichen Gegenschlag sowohl in den propagier-
ten Frauenbildern diverser Hollywood-Filme, im Fernsehen, in der Mode und vor
allem in den ideologischen Standpunkten der Neokonservativen und der Neuen
Rechten.
In die gleiche Richtung argumentiert Möller (1999), wenn er von einem antife-
ministischen Diskurs in den Medien schreibt. Er bezieht sich hierbei vor allem auf
die medialen Behauptungen, dass der Feminismus zu einer herrschenden Ideologie
geworden sei. In Zeiten der ökonomischen Krise und des sozialstaatlichen Abbaus
wurde er von männlicher Seite als Gefahr dargestellt, die es zu bekämpfen gelte.

„Dabei werden in der „neuen“ BRD der 1990er Jahre insbesondere auch institu-
tionelle und institutionalisierte Machtzuwächse von Frauen (als sozialer Gruppe)
wieder stärker bekämpft und Frauen u. a. aus Gründen vermeintlicher ökonomi-
scher ‚Opportunität‘ in traditionelle Rollenschemata zurückgedrängt.“ (Möller
1999, S. 17)

Der Widerstand engagierter Frauen gegen sexualisierte Übergriffe – von beleidi-


genden Kommentaren über sexuelle Belästigung bis zu Vergewaltigung – wurde
als übertrieben, hysterisch und lustfeindlich dargestellt. In diesen Klischeebildern
galt der Feminismus als verstaubt, unattraktiv, langweilig und letztendlich über-
Áüssig, weil Frauen ja alles geschafft hätten. Doch zeigt ein Blick auf die realen
Lebenssituationen, dass Frauen in beiden Teilen des vereinten Deutschlands in
Relation zu Männern eindeutig unterprivilegiert waren.
Die seit Mitte der 60er Jahre stark gelockerte Sexualmoral und das gewachsene
Selbstbewusstsein von Frauen führten dazu, dass sich in den 90er Jahren tenden-
ziell eine „Verhandlungsmoral“ durchsetzte.
Die alte essentialistische Moral zeichnete sich dadurch aus, dass sexuelle Hand-
lungen als solche Gegenstand moralischer Urteile waren; dieser Auffassung nach
sollte Sexualität heterosexuell sein, innerhalb der Ehe stattÀnden und der Zeugung
von Nachwuchs dienen. Vorherrschend war eine „Moral von oben“, die den Men-
schen „richtiges“, „anständiges“ oder „normales“ Verhalten im sexuellen Bereich
vorschrieb, wobei insbesondere die christlichen Kirchen und konservative Akteu-
rInnen eine bedeutende Rolle spielten.
Abgelöst wurde diese traditionelle Moral von einer „Moral von unten“ (Schmidt
2004, S. 9), in der die Menschen ihr Sexualleben selbst gestalten und aushandeln
konnten. Diese Verhandlungsmoral beurteilte sexuelle Handlungen nicht danach,
welche Art von Sexualität praktiziert wurde, sondern danach, wie der sexuelle
Kontakt zustande gekommen war: Als akzeptabel galten sexuelle Handlungen
zwischen Personen, wenn sie nicht auf Zwang, Druck oder Gewalt basierten, son-
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral 221

dern ausgehandelt wurden und auf Freiwilligkeit beruhten. Folge dieses Wandels
in der Sexualmoral war eine gestiegene Sensibilität gegenüber jeder Form ge-
waltförmiger Sexualität wie sexueller Belästigung, sexuellem Kindesmissbrauch
und Vergewaltigung, weil sie nicht zwischen gleichberechtigten PartnerInnen
und deren ausgehandelten Interessen und Bedürfnissen stattfanden. Die Durch-
setzung der Verhandlungsmoral zeigte sich juristisch darin, dass 1997 im Bundes-
tag beschlossen wurde, Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand zu werten.
Dadurch traten auch innerhalb der Ehe individuelle VerhandlungpartnerInnen in
sexuellen Kontakt und Grenzverletzungen sowie sexuelle Gewalttaten konnten ge-
ahndet werden.
Die Verhandlungsmoral führte dazu, dass die Möglichkeiten, Sexualität jen-
seits der Ehe zu leben, ohne gesetzlich belangt oder moralisch verurteilt zu wer-
den, enorm stiegen. Einziges Kriterium zur Beurteilung war die Freiwilligkeit der
beteiligten Menschen:

„Die Konsequenz ist ebenso radikal wie bemerkenswert: Freuds polymorph perver-
se Welt wird ‚polymorph unpervers‘. ‚Normale‘ Sexualität, Heterosexualität, wird
zu einem von vielen Lebensstilen, zu einer von vielen Arten, sexuell zu sein. Die
sexuellen Perversionen verschwinden und etablieren sich als ebensolche Lebens-
stile, medial schonungslos präsentiert und bekannt gemacht, allseits stolz geoutet.“
(Schmidt 1996, S. 12)

Eindeutiges Anzeichen war das gestiegene Selbstbewusstsein und die größere


Sichtbarkeit von Menschen mit homosexueller Orientierung in der Öffentlichkeit.
Erst im Jahr 1992 strich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Einstufung
der Homosexualität als Krankheit, was Homosexualität von einem ofÀziellen Stig-
ma und der Gefahr der Verfolgung befreite.
Die Parade der Schwulen und Lesben zum Christopher Street Day entwickelte
sich im Laufe der 90er von Aktionen, die – wenn überhaupt – am Rande wahr-
genommen wurden, zu Massenveranstaltungen, die von Zehntausenden Menschen
gestaltet und besucht wurden. Obwohl und gerade weil Menschen mit homosexu-
eller Orientierung nach wie vor unter Diskriminierung und auch Gewalt zu leiden
hatten und haben, war dies ein Schritt, sich offen und selbstbewusst in der Öffent-
lichkeit zu zeigen und zur jeweiligen sexuellen Orientierung zu stehen. Zumindest
an diesen Tagen fand die homosexuelle Kultur nicht mehr abgeschieden, sondern
in der Öffentlichkeit statt. Vor allem schwule Männer avancierten zu Trendsettern.
Die Mode-, Schönheits- und Kosmetikindustrie hatte bereits in den 80ern die
Männer verstärkt als Konsumentengruppe erreicht, wobei homosexuelle Männer
eine Vorreiterrolle spielten:
222 6 Die neunziger Jahre

„Viele heterosexuelle Männer haben ein neues Körpergefühl. Endlich ist heute
nicht nur von schwulen, sondern auch von heterosexuellen Männern die Rede. De-
ren Avantgarde sind sogenannte Metrosexuelle wie zum Beispiel der Fußballstar
David Beckham. Diese Neo-Männer kümmern sich wie einst nur Schwule darum,
wie sie riechen, wie sie frisiert sind, was sie anhaben, wie viel sie wiegen, überhaupt
wie es bei ihnen um Beauty, Styling, Fitness bestellt ist.“ (Sigusch 2011, S. 106)

Der Fall der Mauer beseitigte auch eine Barriere für die Pornoindustrie, die nach
1989 einen Boom erlebte und ihre Produkte nun auch Richtung Osten absetzen
konnte. Auch jenseits der Porno- und Sexindustrie wurden sexuelle Themen in
den 90ern verstärkt dargestellt und verhandelt. In verschiedenen Sendungen, vor
allem den Talkshows der kommerziellen Sender, wurde am Nachmittag über The-
men wie „Mein Busen ist mein Kapital“, „Mein kleiner Freund – wie groß muss er
sein?“, „Wie werde ich ein Porno-Star“, „Heimliche Voyeure am Strand“ und „Sex
mit 70“ diskutiert. Das Kalkül der Sender, mit sexuellen Themen ZuschauerInnen
zu locken, ging dabei in der Regel auf, Sexualität wurde in Talkshows und anderen
Sendeformaten medial vermarket:

„Talkshows und Features im Fernsehen liefern uns täglich sexuelle und geschlecht-
liche Exoten und Besonderheiten ins Haus – mal einen Zwitter, mal einen Trans-
vestiten, mal einen Stricher; mal eine postpartal Frigide, mal einen Freier und ge-
legentlich sogar einen Sexualforscher – und enthüllen, daß man von Sexualität nur
im Plural sprechen kann: von Sexualitäten.“ (Schmidt 1996, S. 12)

Hinzu kamen sogenannte TV-Movies mit Titeln wie „Natalie – Endstation Baby-
strich“, „Gnadenlos – zur Prostitution gezwungen“ und Sendungen, die sich aus-
schließlich mit dem Thema Sexualität befassten wie „Wa(h)re Liebe“, „Liebe Sün-
de“ oder „Eine Chance für die Liebe“, in der die Moderatorin Erika Berger Hilfe
bei Problemen im Liebes- und Sexualleben versprach.
Unter gesellschaftlichen Bedingungen einer Verhandlungsmoral und einer
weitgehenden Enttabuisierung von Sexualität, einer sexuellen Multioptionsgesell-
schaft, bestanden andere Voraussetzungen, Sexualität relativ ungezwungen und
lustvoll auszuleben. Doch belegen empirische Studien der Sexualwissenschaft für
die 90er Jahre das genaue Gegenteil, zumindest im Bereich der Heterosexualität:

„Die vielen, methodisch zum Teil anspruchsvollen Studien über das Sexualverhalten
von Männern und Frauen in den westlichen Industriegesellschaften zeigen verblüffend
einheitlich ein eher karges Sexualleben zwischen Männern und Frauen – und zwar
von Helsinki bis San Francisco, von Marseille bis Inverness.“ (Schmidt 1996a, S. 17)
6.3 Sexuelle Selbstbestimmung und Verhandlungsmoral 223

Die Gründe für das zurückgehende heterosexuelle Verlangen können vielfältig


sein: Der Reiz des Verbotenen ist durch den Abbau von Tabus entfallen; die stän-
dige Präsenz von Sexualität in Werbung und Medien führt eher zu einer Abstump-
fung und schließlich werden durch die Präsentation von Körpern und Sexual-
praktiken, die dem gesellschaftlichen Schönheitsideal und Standard entsprechen,
Maßstäbe gesetzt, denen viele Menschen nicht zu entsprechen fürchten.
Bedeutenden EinÁuss auf die praktizierte Sexualität seit den späten 90er Jahren
hatte die Entwicklung von Viagra. Ursprünglich wurde an einem Medikament für
Herzbeschwerden geforscht, wobei es auffällig war, dass zahlreiche Probanden
Erektionen aufwiesen; Auslöser dafür war der Stoff SildenaÀl, der die Erektion
beim Mann verlängert. 1998 wurde aufgrund dieser Forschungsergebnisse Viagra
in den USA und kurz darauf in Europa als Medikament zugelassen. Das enor-
me Echo in den Medien und die Tatsache, dass Viagra zu einem steilen Kurs-
anstieg des Herstellers PÀzer führte, machten deutlich, dass Erektionsprobleme
ein weit verbreitetes Phänomen waren; andere Pharmaunternehmen entwickelten
ebenso Präparate gegen Erektionsprobleme, weil hier ein enormer Markt und Pro-
Àtchancen bestanden. Die ErÀndung und Entwicklung von Viagra und weiteren
Potenzmitteln kann widersprüchlich beurteilt werden: Sie helfen Männern mit
Erektionsproblemen dabei, Schamgefühle oder Versagensängste zu überwinden
und zu einem befriedigenderen Sexualleben zu gelangen. Andererseits kann kriti-
siert werden, dass hier Hilfe geleistet wird, eine Art Sexualität zu praktizieren, die
Leistung in den Mittelpunkt stellt und so abkoppelt von anderen zwischenmensch-
lichen Beziehungen, wie es Volkmar Sigusch aus sexualwissenschaftlicher Sicht
betrachtet:

„Aber welche prosexuellen Substanzen auch immer in den nächsten Jahrzehnten


auf den Markt kommen sollten, eine wesentliche Tatsache ist ohne Zweifel: Keine
Pille kann fehlende Anziehung oder Nähe, kann unbewusste und tiefer reichende
KonÁikte aus der Welt schaffen. Es wäre ja zu schön, um wahr zu sein, wenn wir
über Pharmaka oder Rauschdrogen verfügten, die gestörte Sexualbeziehungen re-
parieren und fehlende Liebesbeziehungen ersetzen könnten.“ (Sigusch 2011, S. 159)

Die in den 90er Jahren entstandene Queer-Theorie brachte eine neue Sichtwei-
se auf Sexualität und das Geschlechterverhältnis. Der englische Begriff „Queer“
lässt sich mit schräg, verquer, sonderbar oder fragwürdig übersetzen und stellt in
Wissenschaft wie Praxis die Gegensätze von weiblich und männlich, hetero- und
homosexuell grundlegend in Frage:
224 6 Die neunziger Jahre

„Queer Theorie und ihre Anwendung in den Queer Studies zielen, (…), auf die De-
naturalisierung normativer Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit, die Ent-
koppelung der Kategorien des Geschlechts und der Sexualität, die Destabilisierung
des Binarismus von Hetero- und Homosexualität sowie der Anerkennung eines se-
xuellen Pluralismus, der neben schwuler und lesbischer Sexualität auch Bisexuali-
tät, Transsexualität und Sadomasochismus einbezieht.“ (Kraß 2003, S. 18)

Die US-Amerikanerin Judith Butler lieferte die theoretische Grundlage für


„Queer“ als Theorie wie Praxis, indem sie den Ansatz des Konstruktivismus radi-
kalisierte. Die Frauenbewegung hatte unter dem Motto „Man wird nicht als Frau
geboren, sondern dazu gemacht“ geschlechtsbezogene Benachteiligungen von
Mädchen wie Frauen als sozial erzeugt analysiert. Diese waren folglich weder von
„Gott“ gewollt oder gemacht und auch nicht natürlich bedingt, sondern Ausdruck
patriarchaler Verhältnisse und als solche kritisier- und veränderbar. Vorausgesetzt
wurde allerdings immer noch, dass es natürliche (anatomische) Unterschiede zwi-
schen den Geschlechtern gibt. Diese Annahme, dass Geschlechtsunterschiede
weitestgehend sozial konstruiert sind, war die Grundlage feministischer Theorien.
Butler entwickelte den konstruktivistischen Ansatz dahingehend weiter, dass
auch der (angeblich) biologische Unterschied der Geschlechter nicht natürlich ist,
sondern Produkt sozialer Konstruktionen:

„Dementsprechend lautet die Frage künftig nicht mehr, wie das soziale Geschlecht
als eine und durch eine bestimmte Interpretation des biologischen Geschlechts
konstruiert wird (...), sondern vielmehr: Durch welche regulierenden Normen wird
das biologische Geschlecht selbst materialisiert? Und wie erklärt sich, daß die Be-
handlung der Materialität des biologischen Geschlechts als eines Gegebenen die
normativen Bedingungen für dessen Auftreten voraussetzt und konsolidiert?“ (But-
ler 1997, S. 32)

Durch die Radikalisierung eines konstruktivistischen Ansatzes erübrigt sich die


Kontroverse um das biologische Geschlecht (Sex) und das soziale Geschlecht
(Gender), weil diesem Standpunkt zufolge allem „Natürlichen“ immer schon eine
sozial strukturierte Kategorisierung und Wahrnehmung vorausgeht. Zentraler Kri-
tikpunt von „Queer“ ist die Heteronormativität, also die Annahme, dass Liebe
und Sexualität zwischen zwei Geschlechtern stattzuÀnden hat und als „normal“
angesehen wird:
6.4 Jugend im vereinten Deutschland 225

„Mit dem Begriff der Heteronormativität sucht Queer Theorie nun genau diese
Übereinkunft zu brechen und Heterosexualität als Norm, Institution und Matrix
sichtbar zu machen. In den Blick gerückt werden die Reproduktionsmechanismen,
Vernetzungen und institutionellen Zwänge, die dafür sorgen, dass die Institution
Heterosexualität als zeitlos, unveränderbar und ohne Geschichte erscheint.“ (Hark
2005, S. 294)

Geschlechtliche Identität und Heterosexualität werden als gesellschaftliche


„Zwangsjacken“ betrachtet, die keinen Platz lassen jenseits dieser sozialen Nor-
men. In der Theorie bedeutet Queer eine Perspektive, die sich damit befasst, wie
Menschen gesellschaftlich in zwei Geschlechter eingeteilt werden, wie diese Iden-
titäten angenommen werden und wie die Liebe zwischen diesen beiden Geschlech-
tern zur sexuellen Norm wird, was wiederum andere Formen von Identität und
Sexualität ausschließt. Der Bezug auf „Queer“ führt zu einem Engagement für
die AuÁösung traditioneller Normen, letztlich zu einem Engagement für Eman-
zipation, für erweiterte Freiräume und Selbstbestimmung im Bereich Geschlecht
und Sexualität. Als praktisches Projekt kann Queer dazu beitragen, durch Regel-
verstöße – z. B. bei Kleidung, Mimik, Handlungen – gegen die sozialen Selbstver-
ständlichkeiten der Heteronormativität zu agieren, dadurch Irritationen hervorzu-
rufen und „Normalität“ in Frage zu stellen. Wegen des radikalen Ansatzes und
der Machtkritik erfreute und erfreut sich „Queer“ in erster Linie im linken aka-
demischen Milieu großer Beliebtheit. Der Bezug zur Queer-Theorie ist auch die
Grundlage für diverse LGBT-(Lesbian-, Gay-, Bisexual-, Transgender-)Initiativen,
die neben der Gleichberechtigung homosexueller Menschen auch die Akzeptanz
unterschiedlicher sexueller Identitäten fordern.

6.4 Jugend im vereinten Deutschland

Für Heranwachsende, die in der DDR sozialisiert wurden, war die Wiederver-
einigung mit großen Veränderungen verbunden. Sie waren in einem Land auf-
gewachsen, in dem der Staat großen EinÁuss auf sie hatte: In der Schule und in
den verschiedenen Massenorganisationen wie den Jungen Pionieren und der Freien
Deutschen Jugend (FDJ) sollten sie zu Loyalität gegenüber dem sozialistischen
Staat, der Partei und der Gesellschaft erzogen werden. Kindheit und Jugend unter-
lagen in weiten Teilen der staatlichen Kontrolle, Kritik und Abweichungen wurden
nicht gern gesehen und in der Regel geahndet.
Trotz oder gerade wegen dieser Bevormundung hatten Produkte aus dem Wes-
ten bei Jugendlichen eine enorme Anziehungskraft: Jeans, Coca Cola und Schall-
226 6 Die neunziger Jahre

platten westlicher Rockstars und -bands wurden oft illegal eingeführt und waren
äußerst begehrt.
Trotz starker Reglementierungen und Kontrollen kamen Informationen über
den Stil der unterschiedlichen westlichen Jugendkulturen bei den Jugendlichen
in der DDR an. Dies wurde von der Obrigkeit mit Argwohn gesehen, denn sie be-
fürchtete, die Kontrolle über die Jugend zu verlieren.
Schon Elvis Presley sorgte in den 50ern für eine diffamierende Berichterstat-
tung in der DDR-Presse, wie es sie auch im Westen gab. So schrieb die „Junge
Welt“ 1957 über Presley:

„Sein ‚Gesang‘ glich seinem Gesicht: dümmlich, stumpfsinnig und brutal. Der Bur-
sche war völlig unmusikalisch, krächzte wie eine an Keuchhusten leidende Krähe
und suchte solch stimmliche Nachteile durch wildes Hüftschwingen à la Marilyn
Monroe wettzumachen (...). Er sprang herum wie ein hochgradig Irrer, schüttelte
seinen Unterleib, als habe man ihm unverdünnte Salzsäure zu trinken gegeben, und
röhrte dabei wie ein angeschossender Hirsch, nur nicht so melodisch“ (Zit. n. Rau-
hut 2002, S. 7)

Hier zeigen sich die gleichen Vorbehalte, wie in der Bundesrepublik gegenüber
dem aufkommenden Rock άn’ Roll. Der individuelle und Sexualität ausstrahlende
Körper eines Mannes passte nicht in das Bild von Jugend, das sich die Machtha-
ber in der DDR wünschten. Die Körper der Jugendlichen – der Mädchen wie der
Jungen – sollten sich bei öffentlichen Auftritten nicht individuell und extatisch
darstellen, sondern sich kontrolliert in Massen und im Gleichschritt bewegen, wo-
bei sie staatstragende Parolen und Porträts demonstrativ zu zeigen hatten, um ihre
Loyalität mit der DDR zum Ausdruck zu bringen. Die Unsicherheit, die der Rock
άnά Roll bei den Herrschenden in der DDR auslöste, zeigte sich in der ErÀndung
des „Lipsi“, einem Modetanz, um die von der westlichen Musik begeisterten Ju-
gendlichen durch einen eigenen Tanzstil wieder auf Linie zu bringen. Um diesen
zu propagieren, sang Helga Bauer den Song „Heute tanzen alle jungen Leute“. Die
Begeisterung der jungen Leute in der DDR hielt sich allerdings in Grenzen.
Auftritte für aus dem Westen stammende Rock- und Popstars waren schwierig
in der DDR. Wenn sie stattfanden, dann im Rahmen von ofÀziellen Veranstal-
tungen wie „Rock für den Frieden“. Das Beispiel der Kölner Rockband BAP, die
ihre Tournee durch die DDR absagte, weil ihr trotz der Zusage verboten wurde,
ihre Songs für die Konzerte selber auszusuchen, zeigt den großen EinÁuss und die
Kontrolle, die von ofÀzieller Seite ausgeübt wurden.
Grundsätzlich galten westliche Musik und die damit verbundenen Jugendkultu-
ren als tendenziell suspekt, subversiv und gefährlich für Staat und Partei. Demzu-
folge sahen sich die AnhängerInnen verschiedener Jugendkulturen Beobachtung,
6.4 Jugend im vereinten Deutschland 227

Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt. In einem „Erkennungsschlüssel“, der


die typischen Merkmle der verschiedenen Jugendkulturen erstaunlich klar charak-
terisiert, wurden MitarbeiterInnen der Staatssicherheit über Aussehen, Geschlech-
terverhältnis, politische Einstellung und soziale Herkunft der verschiedenen Ju-
gendkulturen informiert (s. Rauhut 2002, S. 116): Punks wurde ein verdrecktes,
mit Farbe beschmiertes Auftreten bescheinigt, der Szene insgesamt eine Mischung
von weiblichen und männlichen Jugendlichen, ein anarchistisches Gedankengut
sowie ein gewalttätiges Auftreten und eine kriminelle und asoziale Lebensweise;
Skinheads als eine Szene mit ausschließlich männlicher Beteiligung und nied-
rigem Bildungsniveau, neofaschistischen Tendenzen und einer Macho-Kult-Ideo-
logie, zudem rowdyhafte Aktivitäten im Zusammenhang mit Fußballspielen; die
schwarze Szene, als „New Romantics“ bezeichnet, wurde durch schwarze oder
graue Kleidung, eine gemischt-geschlechtliche Population, paziÀstische Tenden-
zen, die Ablehnung von Gewalt und die Tatsache charakterisiert, dass sich unter
ihnen auch Homosexuelle befanden; Popper schließlich galten als extrem modern
gekleidet, aus Elternhäusern der Intelligenz stammend, politisch desinteressiert,
gewaltlos, aber in Auseinandersetzungen mit Punks und Heavys, womit die Metal-
Szene gemeint war, involviert.
Diese unterschiedlichen Orientierungen von Jugendlichen in der DDR jenseits
des staatlich Erwünschten und die Zugehörigkeit zu verschiedenen Jugendkul-
turen drückten sich schon unmittelbar nach dem Mauerfall in teils gewaltsamen
Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen aus:

„Die Massendemonstrationen der Wendezeit waren gerade abgeebbt, das Ende der
DDR und die deutsche Vereinigung nur noch eine Frage der Zeit, als im Frühjahr
und Sommer 1990 eine Welle von Jugendprotesten, Hausbesetzungen und gewalt-
tätigen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Jugendcliquen die Aufmerk-
samkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. Jugendliche in Ostdeutschland, die jahr-
zehntelang als angepasst und autoritätshörig beschrieben wurden, begehrten gegen
die staatliche Macht auf; sie stritten in der nachrevolutionären Übergangssituation
in der Noch-DDR bzw. dem frischvereinten Deutschland für eigene Freiräume.“
(Rink 2000, S. 119)

Das erschreckende Ausmaß der fremdenfeindlichen Gewalt zu Beginn der 90er


Jahre war der Auftakt für eine jugendkulturelle Szene, die sich am Nazismus
orientierte. Faschistisches und rassistisches Gedankengut, in der DDR ofÀziell
verpönt, hatte für viele Jugendliche der neuen Bundesländer eine große Faszina-
tion. Die Verbreitung des Neonazismus, vor allem kurz nach der Wiedervereini-
gung, ging soweit, dass ganze Landstriche als „national befreite Zone“ deklariert
wurden mit der Folge, dass sowohl anders orientierte Jugendliche wie Erwachsene
228 6 Die neunziger Jahre

als auch Menschen ausländischer Herkunft mit Gewalt bedroht wurden oder sogar
Überfällen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt waren.
Die Attraktivität neonazistischer Szenen für zahlreiche Jugendliche der ehema-
ligen DDR erklärt sich zum Teil aus Problemen, sich in der neuen Gesellschaft zu
orientieren; das Leben in der DDR bot zum einen eine gewisse soziale Sicherheit,
die auf der anderen Seite aber mit einem hohen Grad an Reglementierung und
Kontrolle verbunden war. Eine klare Weltanschauung und soziale Zugehörigkeit
zu einer Gruppe Gleichgesinnter versprach, durch ein einheitliches Weltbild eine
weltanschauliche und soziale Ordnung zu stiften und zugleich eine Erklärung für
die unbefriedigenden Lebensumstände zu liefern.

„In dieses Vakuum sozialer Einbindung können nun rechte Gemeinschaftsideolo-


gien einbrechen. Denn wenn Selbstverständlichkeiten der sozialen Zugehörigkeit
und Einbindungsgefühle wegbrechen, können Kategorien an Bedeutung gewinnen,
die Zugehörigkeit auf der Basis quasi natürlicher Merkmale verteilen und genau
deshalb auch eine ‚soziale Heimat‘ und entsprechende Identität anbieten können.
Dies sind Zugehörigkeit, die über Begriffe wie Natur, Kultur, Geschlecht, Hautfar-
be, Rasse u. ä. aufgebaut werden.“ (Möller 1993, S. 43)

Neben der rassistischen Überzeugung, dass Menschen mit weißer Hautfarbe


anderen überlegen seien, und dem Glauben an eine angeblich einheitliche und
überlegene deutsche Kultur spielte hierbei der Bezug auf traditionelle Bilder der
Geschlechter eine zentrale Rolle. Hier konnten sich männliche Jugendliche auf
eine Geschlechterhierarchie beziehen, die ihnen im Rahmen ihrer Ideologie eine
Vormachtstellung gegenüber Mädchen und Frauen verhalf: Der männliche Nazi
hat die Aufgabe zu kämpfen, das „Deutsche“ gegen angebliche Gefahren zu ver-
teidigen, während tendenziell für die weiblichen Mitglieder der Szene nach innen
gerichtete Aufgaben wie Haushaltsführung und Kindererziehung verbindlich sind.
Der Glaube an die Überlegenheit der eigenen „Rasse“, Kultur und Nation, die Ab-
wertung alles Fremden wie Menschen anderer Herkunftsländer oder (männlicher)
Homosexueller trug und trägt dazu bei, das angeschlagene Selbstwertgefühl zu
kompensieren und individuelle wie soziale Sicherheit zu erhalten. Ein starker, nach
außen aggressiver und kampfbereiter Körper soll gegen Verunsicherung und man-
gelndes Selbstwertgefühl schützen.
Im Zusammenhang mit dem Aufkommen rechtsorientierter Ideologien – nicht
nur in den neuen Bundesländern – erweiterte und radikalisierte sich auch die
Rechtsrock-Szene. Sie rief offen zu Gewalt gegen Menschen aus anderen Ländern
auf, der Holocaust wurde geleugnet und Hass verbreitet; neben den bisher be-
kannten Gruppen kamen Formationen mit Namen wie „Nordmacht“, „Freikorps“,
„Macht und Ehre“ oder „Stahlgewitter“ hinzu. Die Namen der Bands sprechen für
6.4 Jugend im vereinten Deutschland 229

sich, es handelte sich dabei um Gruppen mit ausschließlich männlicher Besetzung.


In einem Stück der Gruppe „Stahlgewitter“ von 1998 wird die deutsche Mutter als
Opfer des Zweiten Weltkrieges besungen:

„Die wilden Horden aus den Steppen wüteten in deutschen Städten/Die Bestie, die
aus dem Osten kam, und uns unsere Mutter nahm/Ja, sie ist nun endlich frei, und sie
starb am 8. Mai/Hier ruht eine deutsche Mutter, an ihren Taten ist sie unvergessen.“
(Stahlgewitter, „Deutsche Mutter“)

In vollkommener Verkehrung der historischen Tatsachen werden die Deutschen


als Opfer des Weltkrieges dargestellt.
Rechtsrock war keineswegs ein deutsches Phänomen: Die englische „Blood and
Honour“-Bewegung und die US-amerikanischen „Hammerskins“ orientierten sich
in ihrem Auftreten ebenfalls an faschistischem Gedankengut, ein internationales
Netzwerk der Szene entstand.
Begünstigt wurde die rechtsradikale Orientierung zahlreicher Heranwachsen-
der in den neuen Bundesländern durch eine ökonomische Unsicherheit, die sie bis
dahin nicht kannten. Wie viele andere BürgerInnen der ehemaligen DDR waren sie
desillusioniert von dem, was die kapitalistische Gesellschaft ihnen zu bieten hatte.
Statt des erhofften Lebens in Wohlstand und Sicherheit gab es für viele die bittere
Realität von Arbeitslosigkeit und Armut.
Allerdings waren auch in anderen, westlichen, Gesellschaften Heranwachsende
von diesen Problemen zunehmend betroffen. In seinem Episodenroman „Genera-
tion X“ von 1991 schildert der Kanadier Douglas Coupland die Lebenssituation
von Heranwachsenden, die sich – trotz guter Ausbildung und QualiÀkation – mit
schlecht bezahlten und unsicheren Tätigkeiten in „Mc Jobs“ durchschlagen müs-
sen und keinerlei Aussicht auf Besserung haben.
Diese Jugendgeneration der 90er hatte erheblich schlechtere Bedingungen als
noch ihre Eltern, die in Zeiten von ökonomischer Sicherheit und stetigem Wirt-
schaftswachstum aufgewachsen waren.
Die Shell-Studie von 1997 sah die Fragen nach Zukunft und Arbeit als die-
jenigen, die das Leben von Heranwachsenden am deutlichsten bestimmten. Unter
der Überschrift „Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht“ fassten die
Autoren zusammen:
230 6 Die neunziger Jahre

„Die Krisen im Erwerbssektor, Arbeitslosigkeit, Globalisierung, Rationalisierung


und Abbau oder Verlagerung von Beschäftigung sind nicht mehr ‚bloß‘ eine Rand-
bedingung des Aufwachsens. Sie sind nicht mehr ‚bloß‘ Belastungen des Erwach-
senenlebens, von denen Jugendliche in einem Schonraum entlastet ihr Jugendleben
führen können. Sie haben vielmehr das Zentrum der Jugendphase erreicht, indem
sie ihren Sinn in Frage stellen.“ (Fischer/Münchmeier 1997, S. 13)

Waren einerseits die Angebote an Ausbildung und befriedigenden Arbeitsmöglich-


keiten für viele Heranwachsende knapp, so vervielfältigten sich andererseits die
Angebote an jugendkulturellen Ausdrucksmöglichkeiten. Jugendliche hatten hier
die Qual der Wahl und es kam immer mehr in Mode, mit den Zeichen der verschie-
denen Jugendkulturen zu spielen, sie zu kombinieren oder von einer in die nächste
Szene zu wechseln. Gegenkulturelle und ganzheitliche Ansätze, eine umfassende
politische Alternative im Sinne einer Counter Culture waren kaum zu Ànden.

„Jugendkulturelle Stile verlieren zunehmend ihre Bedeutung als subkulturelle Vi-


sionen und Formen einer ‚besseren‘ und jugendgemäßeren Gesellschaft. Sie sind
nicht mehr ‚ganzheitlich‘ im Sinne einer konkreten Form jugendlichen Lebens (...)
Die Inhalte dieser Jugendkulturen sind ebenso eklektizistisch, schnelllebig und dif-
fus wie die modernen Gesellschaften selbst. Nichtsdestoweniger bleiben es Abgren-
zungsversuche gegenüber den bestehenden Möglichkeiten der vorhandenen Mehr-
heitskultur, die für die jungen Menschen überwiegend die Kultur der Erwachsenen
bedeutet.“ (Fischer/Münchmeier 1997, S. 20)

Bei männlichen Jugendlichen kamen in den 90ern verschiedene Formen des Stra-
ßensports in Mode. Hier ging es nicht darum, wie bei den Jungen vorheriger Ge-
nerationen, Fußball auf Hinterhöfen zu spielen, sondern auf belebten Straßen und
in Fußgängerzonen Basketball zu spielen oder Skateboard zu fahren. Unabhängig
von der Mitgliedschaft in einem Verein, festen Trainings- und Spielterminen bot
dies Jungen die Möglichkeit, öffentlich ihre sportlichen Fähigkeiten, Akrobatik
und Körperbeherrschung zu demonstrieren. Sie konnten ohne ein geregeltes Ver-
einsleben ihre sportlichen Aktivitäten selber organisieren und durch außerge-
wöhnliche Leistungen die Anerkennung innerhalb ihrer Gruppe erlangen.

„Bei besonders spektakulären Korblegern, Finten oder sogar Dunks (das kraftvolle
Stopfen des Balles in den Korb) ist einem der respect der Mitspieler, aber auch der
Gegner sicher. In der Skating-Szene funktioniert dies ähnlich, indem man Figuren
mit dem Board neu kreiert oder Teile der städtischen Infrastruktur (Treppen, Ge-
länder, Mülleimer oder auch Verkehrsinseln etc.) geschickt befährt und dabei der
eigenen Kreativität freien Lauf läßt.“ (Wenzel 1997, S. 184)
6.4 Jugend im vereinten Deutschland 231

Große Sportkleidungshersteller förderten diesen Trend, indem sie einen neu-


en Männlichkeitstyp schufen und sogenannte „Streetwear“ vermarkteten. Diese
unterschied sich deutlich von der herkömmlichen Sportkleidung wie Trikots oder
Turnanzügen. Durch sogenannte „Baggy-Pants“, übergroße Jeans, dazu Snowbo-
ardjacken, Basketballkappen und Sweat-Shirts mit großem Markenaufdruck, wur-
de eine kommerzielle Mode für Jungen kreiert, die vor allem lässig wirken und
nicht an den traditionellen Vereinssport erinnern sollte.
Weniger als selbst betriebene Sportart, dafür aber als Medienereignis wurde in den
90ern „Wrestling“ vermarktet, eine Art Catchen, bei dem sich martialische und kräftige
Männer Schaukämpfe lieferten; diese Sportart fand in erster Linie bei Jungen Anhänger.
In den 90er Jahren begann sich auch die Pädagogik mehr für Jungen und ihre
Probleme zu interessieren. Ein wesentlicher Auslöser war das Buch „Kleine Hel-
den in Not“ von Dieter Schnack und Rainer Neutzling (Schnack/Neutzling 1990),
in dem darauf hingewiesen wurde, dass Jungen nicht nur die Nutznießer einer
männlich geprägten Gesellschaft sind, sondern auch unter den starren Vorstellun-
gen von Männlichkeit leiden, wie sich an der Häufung verschiedener physischer
wie psychischer Krankheiten bei Jungen zeigt.
In der Popmusik griff die Kulturindustrie mit den sogenannten „Girlies“ die
vorangeschrittene weibliche Emanzipation auf. Girlie bezeichnete einen selbstbe-
wussten Typ von Mädchen oder jungen Frauen, die offensiv mit ihrem Körper und
ihren sexuellen Bedürfnissen umgehen. Als Vorreiterinnen galten Madonna, die
sich erotisch und sexuell offensiv präsentierte, ebenso wie die US-amerikanische
Frauengruppe Bangles und die englische Band Bananarama, die bereits in den
80ern Erfolge zu verbuchen hatten. In den 90ern wurden vor allem die britischen
Spice Girls in diesem Genre bekannt. Die Inszenierung dieser jungen weiblichen
Popstars ist nicht gleichzusetzen mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Eman-
zipation. Es handelte sich vielmehr um einen propagierten Mädchentyp, der die
gesellschaftlichen Imperative der 90er – Durchsetzungsvermögen, Erfolgsstreben
und Egoismus – verinnerlicht hatte und praktizierte; so hat das „Spice Girl“ Geri
Halliwell in einem Interview Margret Thatcher, die in England eine Politik im
Sinne der Besitzenden brutal durchsetzte, zu einer Ikone erhoben:

„(Margret) Thatcher war das erste Spice Girl, eine Vorreiterin unserer Haltung –
Girl Power.“ (Zit. n. Crampton/Rees 2003, S. 517)

Als Deutsche Varianten wurden in den 90ern Lucylectric und Tic Tac Toe be-
kannt. Lucylectric hatte vor allem mit ihrem Song „Weil ich ein Mädchen bin“
großen Erfolg. Der Text des Liedes beschreibt, wie die Protagonistin einen jungen
Mann kennenlernt:
232 6 Die neunziger Jahre

„Wasάn das fürάn wundervoller Hintern, der daneben an άnem Tresen steht/Und der
Typ der da am Hintern noch mit dran ist hat sich gerade zu mir umgedreht/Und ich
lach ihm zu oh prima den nehm ich nach Hause mit/Und dann lehn ich mich zurück
und lass dem Mann den ersten Schritt/Ich bin so froh, dass ich ein Mädchen bin ….
Keine Widerrede Mann, weil ich ja sowieso gewinn, weil ich ein Mädchen bin …“

Die klassische Rollenverteilung wird hier auf den Kopf gestellt: Die junge Frau be-
urteilt den Mann nach seinen körperlichen Reizen, ergreift die Initiative und empÀn-
det so das Mädchen-Sein nicht als Zumutung oder Bürde – wie es in der Debatte um
Sexismus der Fall ist –, sondern als Vorteil, den sie in ihrem Sinne zu nutzen weiß.
In die gleiche Richtung gehen die Songs des Dortmunder Frauentrios Tic Tac
Toe. In Titeln wie „Verpiss Dich“, „Ich Ànd Dich Scheiße“, „Leck mich am A, B,
Zeh“ verkörpern sie einen Typ Mädchen und junge Frau, der sehr selbstbewusst
männlichen Machismo anprangert und sich, wie im Lied „Mr. Wichtig“, nicht zum
Geschlechtsverkehr ohne Kondom bereit erklärt:

„Ich zieh nen Gummi aus der Tasche, weil ich ohne nicht mehr nasche/Ich hör nur
„was sollάn das? Pack das Ding weg, weil ichάs hass/Hey Baby ist doch uncool, ohne
machts doch viel mehr Spaß“/Jetzt hör mal zu, ich bin nicht so blöd wie Du/Denn
zieht sich jetzt dein Pillermann nicht sofort einen Gummi an/Sag ich dir klipp und
klar, dann bin ich nicht mehr da.“

Girlies waren vor allem ein Produkt der Popindustrie, neben den Tonträgern und
Konzertkarten ließen sich als modische Accessoires Kopftücher, T-Shirts und an-
dere Kleidungsstücke, vor allem in den Farben Rosa und Hellblau, verkaufen. Hier
wurde medial ein neues Mädchenbild kreiert, das gesellschaftliche Trends im Ge-
schlechterverhältnis widerspiegelte:

„Es schien sich für die Mädchen, sprich – von den Medien und geschwätzigen
Trendforschern so konstruiert – Girlies oder Babes wieder zu lohnen, ohne ver-
bissenen Männerhass – (…) – geschlechtsspeziÀsche Differenzen im Sinne einer
Aufwertung des postpubertären Weiblichen zu betonen.“ (Ferchhoff 2011, S. 267)

Mit den Girlies betrat ein Typ von jungen Frauen als Leitbild für viele Mädchen
die Popbühne, der einerseits selbstbewusst war, eine lustvolle Sexualität bejahte
und sich andererseits von der weiblichen Emanzipation der Elterngeneration dis-
tanzierte, die ihnen altmodisch und verstaubt erschien; mit ihren schlanken Kör-
pern und ihrer Kleidung entsprachen sie vollkommen dem herrschenden Schön-
heitsideal.
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls 233

Dieses weibliche Leitbild verkörperte einen Trend, der schon seit den 70ern bei
Jugendlichen zu beobachten war: ein zunehmendes Selbstbewusstsein von Mäd-
chen, eine stärkere Gestaltungsmacht in (heterosexuellen) Situationen und eine er-
höhte Sensibilität gegenüber männlicher Vorherrschaft.

6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls

In den 90ern begann für die Musikbranche das Zeitalter der CD, die sich gegen-
über der Schallplatte durchsetzte. Neue Musik wurde nun auf CDs veröffentlicht
und viele Musikfans kauften die Platten, die sie bereits hatten, zusätzlich auf CD,
was der Branche große Umsätze bescherte.
In Deutschland verkaufte sich volkstümliche Musik gut, zusätzlich erlebte der
deutsche Schlager eine Renaissance, die auf sogenannten „Schlager-Moves“ Zehn-
tausende von Menschen begeisterte. Ikone dieser Welle war Gildo Horn, der mit
seiner Band „Die orthopädischen Strümpfe“ Deutschland mit dem Titel „Gildo hat
Euch lieb“, eine offensichtliche Parodie auf herkömmliche Schlager, beim Euro-
pean Song Contest vertrat.
Mit deutschsprachiger Musik im Genre Rock und Pop konnten in den 90ern
Marius Müller Westernhagen und Herbert Grönemeyer enorme Plattenerfolge er-
zielen. Westernhagen mit „Affentheater“ von 1994 und „Radio Maria“ von 1998
sowie Grönemeyer mit „Chaos“ (1996) und „Bleibt alles anders“ aus dem Jahr
1998 waren wochenlang auf Platz 1 der meistverkauften CDs.
Im internationalen Musikgeschäft waren es in erster Linie die bereits bekannten
Stars wie die Rolling Stones, Madonna und Michael Jackson, die mit aufwändi-
gen Tourneen kommerziell erfolgreich waren; hinzu kamen US-Stars wie Maria
Carey, Whitney Houston und Britney Spears mit großen internationalen Erfolgen.
Als Erfolg erwiesen sich in den 90ern sogenannte „Unplugged-Konzerte“, bei
denen die MusikerInnen und Bands ohne elektrische Verstärkung in kleineren Hal-
len mit intimer Atmosphäre auftraten. Den Anfang machte 1991 Paul McCartney,
es folgten andere Größen wie Eric Clapton, The Cure, R.E.M., Neil Young und
Bruce Springsteen. Außerdem kam mit „Crossover“ ein Trend auf, verschiedene
Musikrichtungen miteinander zu kombinieren und so die Grenzen des jeweiligen
Genres zu überschreiten.
Vor allem in Deutschland, und hierbei in erster Linie bei jungen Mädchen, war
die „Kelly Family“ äußerst populär, ein aus den USA stammender Familienclan,
der ab Mitte der 90er Jahre den kommerziellen Durchbruch hatte. Sie traten mit
langen Haaren und in hippieähnlichen Gewändern auf, spielten eine Mischung aus
Folk und Pop und dominierten 1996 mit „Almost heaven“ und 1997 mit „Growing
234 6 Die neunziger Jahre

up“ wochenlang die Hitparaden der bestverkauften CDs. Angelo und Paddy wa-
ren die Lieblinge der jungen weiblichen Fans. Als die Kelly Family 1998 Schloss
Gymnich kaufte, harrten zahlreiche junge Mädchen Tag und Nacht vor dem An-
wesen aus. Als eine große Familie, die zumindest nach außen eine heile Welt dar-
stellte, hing ihr Erfolg mit der Sehnsucht der (weiblichen) Teenager nach intakten
Familienverhältnissen und Harmonie zusammen.
Eine ebenfalls überwiegend weibliche Anhängerschaft hatten die sogenann-
ten „Boygroups“, eine Kreation der Kulturindustrie. Es handelte sich hierbei um
professionell zusammengestellte Gruppen von Jungen bzw. jungen Männern. Die
Zusammenstellung erfolgte so, dass jedes der Gruppenmitglieder einen Charakter
darstellte, wie den Draufgänger, den Schüchternen, den Lustigen oder den Ver-
träumten, die systematisch gecastet wurden. Die Musik dieser Gruppen waren
recht seichte Popsongs, bei ihren Auftritten wurde die Musik von einer Begleit-
band gespielt oder kam aus der Konserve, die Bandmitglieder sangen und tanzten
dazu nach ausgefeilten Arrangements. Aggression und sexuelle Anspielungen wa-
ren bei diesen Gruppen nicht zu Ànden, die Texte handelten von Liebe, Liebeskum-
mer und romantischen Gefühlen. Als Boygroups bekannt wurden unter anderem
New Kids on the Block, Take That, Boyzone und die Backstreet Boys, wobei das
Schema immer das gleiche war. Zielgruppe waren Mädchen zwischen 11 und 15
Jahren, die zu den Konzerten strömten, die CDs und die Devotionalien ihrer Hel-
den kauften und bei deren Auftritten – wie Jahrzehnte zuvor bei den Beatles – in
hysterische Zustände verÀelen.

„Die meisten Fans sind junge Mädchen zwischen zehn und sechzehn Jahren, die
mit unglaublicher Geduld und Ausdauer lange vor Konzertbeginn vor der Halle
ausharren, um später dann einen Platz ganz vorn bei der Bühne zu ergattern. (…)
Die Fans der Boygroups sind Teenies, aber keine Girlies. Im Gegenteil, es sind eher
unscheinbare Mädchen, die vor Aufregung entweder ganz blass oder ziemlich rot
im Gesicht sind...“ (Messner 1997, S. 237)

Die Mitglieder der verschiedenen Boygroups vertraten– zumindest ofÀziell –


keineswegs den Lebenswandel von Sex, Drugs und Rock άn’ Roll; ihr jeweiliges
Management legte vielmehr Wert darauf, sie als „nette Jungs von nebenan“ zu
verkaufen.
Ob sogenannte Girlie-Bands oder Boygroups: Bei beiden war die Anhänger-
schaft überwiegend weiblich, wobei bei den einen das betont selbstbewusste Auf-
treten der jungen Frauen und bei den anderen das brave Image und die gekonnten
Tanzbewegungen der jungen Männer der Verkaufserfolg waren. Auch verfügten
die weiblichen wie männlichen Stars über junge, schlanke Körper und modisch
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls 235

aktuelle Kleidung, sie eigneten sich als ideale Konsummuster für den Schönheits-
und Modemarkt. Der Musik- und Unterhaltungsindustrie gelang es, die speziÀ-
schen Bedürfnisse von Jungen und Mädchen nach Rollenvorbildern und Idolen
zum Schwärmen systematisch zu inszenieren.

„Doch nie zuvor wurden die Bedürfnisse von Jugendlichen so planvoll und um-
fassend ihrer gezielten Verwertung zugeführt. Auf die erotischen Schwärmereien
von Teenager-Mädchen reagiert die Industrie mit Boy-Bands aus der Retorte. Und
der durchschlagende, systematisch ausgewertete Erfolg dieser Pop-Produkte führt
dann auch zur Lancierung von Girl Groups. Unter dem Label Spice Girls verkau-
fen sich heute Fotoapparate ebenso wie Fertigsuppen, ihr sexy Image wird totge-
schürft.“ (Walder 1998, S. 105)

Wesentlich authentischer – vor allem in der Anfangszeit – war zu Beginn der


90er Jahre „Grunge“. Geburtsort dieses Genres war Seattle im US-Bundesstaat
Washington, der bis dahin keine besondere Rolle in der Rockmusik spielte. Grunge
– auf deutsch etwa mit Dreck zu übersetzen – erinnert mit dieser Bezeichnung an
den Punk, der sich selbst auch als „Dreck“ oder „Abschaum“ bezeichnete und
das Außenseiter- und Rebellenimage betonte. Parallelen Ànden sich – 20 Jahre
nach dem Beginn von Punk –in dem Do-it-yourself-Prinzip von Grunge. Bands
wie Soundgarden, Alice in Chains, Mudhoney oder Nirvana spielten den für diese
Richtung typischen „Seattle-Sound“, einen harten, stark gitarrenbetonten Rock,
der auch als Post-Punk bezeichnet wurde. Es wurde ein neuer, harter Musikstil
kreiert, er sprach zugleich zahlreiche Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer
mentalen Verfassung an, Grunge wurde zu einem Stil und einer „Bewegung, die
der Musik der rastlosen Generation X in der ersten Hälfte des Jahrzehnts neues
Leben einhauchte“ (Crampton/Reese 2003, S. 441). In seiner Musik und der Ästhe-
tik des Einfachen setzte sich Grunge deutlich von der glatten, durchkalkulierten
Welt des Showbusiness ab und schuf eine wesentlich authentischere Musik und
MusikerInnen als der Mainstream.

„Grunge gab uns Kids eine geistige und gefühlsmäßige Ehrlichkeit, die vorher noch
keine Musik ihren Fans gab ... zugleich zeigte Grunge, wie hohl der amerikanische
Traum für viele von uns war ...“ (Durst, zit. n. Crampton/Rees 2003, S. 438)

Der recht raue und ehrliche Sound der Bands, dazu die Tatsache, dass die Songs
selbst geschrieben wurden, die Kleidung der Musiker in zerrissenen Jeans und
karierten Hemden – all dies vermittelte eher den Eindruck von Garagen- und Ju-
gendheimgruppen als von Superstars. Grunge artikulierte Wut und Hass auf die
Gesellschaft, ohne über eine Utopie oder Vorstellungen einer besseren Gesell-
236 6 Die neunziger Jahre

schaft zu verfügen. Es war der Ausdruck einer Unzufriedenheit, eines Unbehagens


an gesellschaftlichen wie individuellen Lebensumständen. Grunge als Genre war
eine rein männlich bestimmte Stilrichtung. Die Stars traten nicht mit dem Habitus
des coolen und selbstbewussten Rockstars auf, vielmehr standen Selbstzweifel,
Unsicherheit, Pessimismus und Larmoyanz im Mittelpunkt, die Wut und die Ver-
zweiÁung über eine Gesellschaft, die von Kommerz, Konsum und ProÀt bestimmt
wurde. Diese Haltung wurde von der Plattenindustrie aufgegriffen, um gerade die
Anti-Stars proÀtträchtig zu vermarkten, genauso wie das OutÀt von Grunge: Jeans
mit Rissen sowie die karierten Holzfällerhemden wurden in Kaufhäusern zu über-
höhten Preisen angeboten.
Es war vor allem die Band Nirvana mit ihrem Album „Nevermind“ von 1991,
und hierbei der Sänger und Frontmann Kurt Cobain, die innerhalb des Grunge
Kultstatus erreichten. Cobain und die Band wussten um die Mechanismen des
Rockgeschäftes und versuchten, sich den Vermarktungsstrategien der Industrie zu
entziehen, wobei bewusst mit traditionellen Geschlechterrollen gebrochen wurde.

„Nirvana versuchten alles, sich vor falschen Vereinnahmungen zu schützen. Wenn


Cobain die Bühne in Frauenkleidern betrat und seine Mitstreiter küsste, war dies
auch ein Versuch, das ‚falsche‘ Publikum vor den Kopf zu stoßen. Doch einmal mit
dem Image des Anti-Stars versehen, konnten Nirvana machen, was sie wollten: ihre
Gesten wurden nicht mehr als Ausdruck einer subkulturellen Haltung erkannt, die
sich gegen Leistungsdenken und Mackertum richteten, sondern verkamen immitten
der bunten MTV-Wüste zu einem Style unter vielen.“ (Büsser 2004, S. 183)

Die Hochzeit des Grunge währte nicht allzu lange. Nicht nur wegen des Selbst-
mordes von Kurt Cobain, der der Bewegung einen schweren Schlag versetzte,
sondern auch wegen interner Streitigkeiten und musikalischer Differenzen in ver-
schiedenen Bands war die Blütezeit des Genres gegen Mitte der 90er Jahre vorü-
ber.
Kurz nach dem Aufkommen von Grunge, ebenfalls zu Beginn der 90er Jahre,
entwickelte sich auf der anderen Seite des Atlantiks, in England, der sogenannte
Brit Pop. Brit Pop lässt sich als Antwort auf die Erfolge der US-amerikanischen
Grunge-Bands verstehen, es handelte sich hierbei um einen Musikstil ohne ge-
sellschaftlich kritische Haltung und ohne die Aggressivität des Grunge. Das spezi-
Àsch Britische dabei war die Orientierung an den englischen Bands der 60er Jahre
wie den Beatles, den Rolling Stones und die Kinks. Zudem gab der Bezug auf
die etwa zeitgleich aufkommende Kunstrichtung der „Brit Art“ der Richtung eine
speziÀsch englische Note. Paul Weller, der vorher schon bei The Jam und Style
Council spielte, gilt mit seinen Soloalben „Paul Weller“ (1991) und „Wild Wood“
(1993) als der Begründer des Brit Pop, namhafte und erfolgreiche Bands waren
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls 237

zudem Travis, Radiohead, Kean und vor allem Blur und Oasis. Wie bei Grunge
bestanden auch im Brit Pop die Gruppen ausschließlich aus männlichen Musikern.
Insbesondere Blur und Oasis lieferten sich – von der Presse angeheizt – Wett-
kämpfe um die besseren Verkaufszahlen und die Vorherrschaft im Brit Pop, wobei
Blur mit „The Great Escape“ (1995) und „Be Here Now“ (1997), Oasis mit „DeÀni-
tively Maybe“ (1994) und „(Whats the story) Morning Glory“ die britischen Charts
dominierten. Insbesondere die Brüder Noel und Liam Gallagher von Oasis liebten
es, sich als Machos zu inszenieren, die rüpelhaften Stars zu spielen, sich als die
beste Band aller Zeiten zu stilisieren und Alkoholexzesse zu veranstalten. Gegen
Ende der 90er Jahre verebbte die Welle des Brit Pop wieder.
Ende der 80er Jahre entstand in Olympia, einer kleinen Stadt an der Westküste
der USA, die Riot-Grrrl-Bewegung. Riot Grrls – „Aufruhr-Mädchen“ – wird be-
wusst mit drei „r“ geschrieben, das rollende „r“ soll ein Gefühl zum Ausdruck zu
bringen, das Mädchen und Frauen traditionell nicht zugestanden wird: Wut.
Wütend auf eine patriarchale Gesellschaft und wütend darauf, dass auch in sub-
kulturellen Szenen wie Punk und Hardrock Machoverhalten und männlich do-
minierte Strukturen verbreitet waren, schufen Mädchen und junge Frauen eigene
Strukturen, eigene Musik, Magazine und Kunst, mit denen sie ihre Unzufrieden-
heit ausdrücken konnten. Sie waren allerdings nicht in dem Sinne feministisch, wie
es ihre Elterngeneration war, die die kulturellen Umbrüche der 60er Jahre erlebten,
sondern wollten einen neuen feministischen Weg gehen.

„Riot Grrl war der Startschuss der sogenannten Dritten Welle, eines neuen Femi-
nismus, der die Zweite Welle einer notwendigen Verjüngungskur unterzog und die
feministischen Debatten der Mütter auf einmal wieder für die Töchter interessanter
machte.“ (Peglow/Engelmann 2011a, S. 12)

In diesem Zusammenhang entstanden zahlreiche originelle Kunst- und Aktions-


formen, wobei deutlich wurde, dass Riot Grrrl keine bestimmte Stilrichtung war,
sondern eine Haltung ausdrückte, die sich konsequent am Prinzip des Do it your-
self orientierte:

„Musikerinnen produzierten Fanzines, Faninnen organisierten Festivals, Musike-


rinnen betrieben eigene Plattenlabel, oder der Vertrieb von Platten und Musikkas-
setten wurde – in Ablehnung der großen Major-Labels – über alternative Kanäle
wie Fanzines, eigene Radiosender und Festivals selber organisiert. Die sich formie-
rende Riot Grrrl-Bewegung speiste ihre Kraft und Wirkung vor allem aus ihrer Ver-
wurzelung in einer großen Community, und Mädchen und junge Frauen inspirierten
und motivierten sich gegenseitig produktiv zu werden.“ (Kiessling 2007, S. 26)
238 6 Die neunziger Jahre

Ausgangspunkt für das Entstehen dieser feministisch orientierten Szene waren


die individuellen Erfahrungen der Diskriminierungen und Benachteiligungen auf-
grund des Geschlechts. Wie bereits in den Frauengruppen zu Beginn der 70er
Jahre wurden diese gemeinsam besprochen und diskutiert:

„Wir setzten uns individuell mit unseren Erfahrungen der Unterdrückung aufgrund
unseres Geschlechts auseinander, tauschten uns aus. Wir kritisierten sowohl die
Populärkultur, aber auch die Undergroundkultur, in der wir uns bewegten... Die
Mädchen begannen, Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Erfahrungen zu
erkennen: Scham darüber, zu dick zu sein; Verbitterung, sich so sehr um das Aus-
sehen zu sorgen; heimliches Konkurrenzdenken unter Mädchen gepaart mit Selbst-
hass darüber, eifersüchtig zu sein (....) Queere Mädchen und solche, die auf der
Suche nach ihrer sexuellen Identität waren, sprachen über soziale Isolation und
darüber, wie ihre Mütter in Tränen ausbrachen, wenn sie hörten, dass ihre Töchter
homosexuell sind. Mädchen, die Musik spielen wollten, sprachen darüber, dass
sie keine Gitarre spielen konnten, weil sie im Gegensatz zu den Jungen nie eine zu
Weihnachten geschenkt bekommen hatten.“ (Zit. n. Downes 2011, S. 29f)

Die Riot Grrrls wagten einen kompletten Bruch mit der Geschlechterhierarchie
in Gesellschaft, Musikgeschäft und der damaligen Gegenkultur; es entstand eine
äußerst lebendige und vielfältige Szene mit zahlreichen Fanzines, Projekten und
Bands wie Bikini Kill, Babes in Toyland, Tribe 8, Le Tigre und Bratmobile.
Die gesellschaftlich reÁektierte Haltung und das (geschlechter)politische Pro-
gramm der Riot Grrls wurden 1991 im Riot-Grrrl-Manifest formuliert. Dort heißt
es unter anderem:

„• Weil wir Mädchen uns nach Platten, Büchern und Fanzines sehnen, die UNS an-
sprechen, in denen WIR uns mit eingeschlossen und verstanden fühlen.
• Weil wir Wege Ànden wollen, wie wir antihierarchisch sein und Musik machen,
Freundschaften und Szenen entwickeln können, die auf Kommunikation und Ver-
ständnis basieren und nicht auf Konkurrenz und Kategorisierungen von gut und
böse.

• Weil wir Kapitalismus in all seinen Formen hassen und weil es unser zentrales
Ziel ist, Informationen zu teilen und wir nicht den herrschenden Standards ent-
sprechend nur Geld machen oder cool sein wollen.
• Weil wir wütend sind auf eine Gesellschaft, die uns sagt, Mädchen = blöd, Mäd-
chen = böse, Mädchen = schwach.“ (Zit. n. Peglow / Engelmann 2011, S. 14f)

In der Praxis kam diese Grundhaltung unter anderem darin zum Ausdruck, dass
die Frauen in den Bands die selben harten Gitarrenriffs benutzten wie ihre männ-
6.5 Grunge, Brit Pop und Riot Grrrls 239

lichen Kollegen oder dass die Themen Sexualität und Unterdrückung bei Konzer-
ten in direkter Weise aufgegriffen wurden: Tribe 8 betraten die Bühne mit nack-
tem Oberkörper (bei männlichen Rockstars nicht unüblich), zersägten bei einem
Stück über Vergewaltigung einen Gummipenis; die Sängerin Breedlove trug bei
Auftritten einen Dildo und forderte das Publikum auf, ihn zu benutzen. Babes in
Toyland trugen bei Auftritten ironischerweise Puppenkleider, Bikini Kill riefen
bei Liveperformances dazu auf, über Frauenunterdrückung zu diskutieren, und die
Sängerin von L7 entfernte sich – genervt vom Publikum – ihren Tampon und warf
ihn ins Publikum.
Nur äußerst oberÁächlich – nämlich darin, dass es sich um Frauen handelt, die
Musik machen – lässt sich die Bewegung der Riot Grrrls mit den Girlie-Bands wie
den Spice Girls vergleichen. Die Bewegung aus Olympia stellte das Do It Your-
self konsequent in den Mittelpunkt ihres Schaffens und wurden selbst aktiv; sie
kritisierte die strukturelle Unterordnung von Frauen und Mädchen, den damit ver-
bundenen Schönheitsterror und die sexuelle Ausbeutung von Mädchen wie Frau-
en; sie stand Hierarchien und dem kapitalistischen System kritisch und ablehnend
gegenüber und war bemüht, solidarische Gemeinschaften auszubauen; Riot Grrrls
waren keine „Material Girls“, sondern ein „Angriff auf die heterosexuelle Matrix“
(Groß 2007).
Die Girlie-Bands hingegen wurden von Àndigen Leuten der Musikbranche ge-
schaffen und waren dazu geeignet, den Protest der Riot Grrrls zu entschärfen und
marktkonform auszubeuten. Sie repräsentierten weibliche Körper, die vollkom-
men den Schönheitsidealen entsprechen und sind, wie es die professionelle Ver-
marktung und das Merchandising zeigen, alles andere als antikapitalistisch. Sie
sind ein Produkt der Kulturindustrie, das keine grundlegende Kritik äußert. Es
sind junge, modische Frauen, an der eigenen Karriere interessiert, dabei ein wenig
frech aufgepeppt. Bezogen auf ihre Körper und ihr Styling sind sie, was weibliche
Emanzipation betrifft – eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung, wie
zwei Anhängerinnen der Riot-Grrrl-Bewegung enttäuscht feststellen mussten:

„Keine Rede mehr von Magersucht und männlicher DeÀnitionsmacht, von sexuel-
lem Missbrauch und kreativer Selbstbestimmung. Stattdessen folgte dem Trend eine
Mode, in die ein Mädchen nur hineinpasste, wenn sie sich auf Kleidergröße 30 oder
34 herunterhungerte.“ (Grether/Grether 2013, S. 99)

Riot Grrl war eine US-amerikanische Bewegung, deutsche Bands in dieser Rich-
tung waren die Lassie Singers, die vor allem ironische Texte zum Thema Ge-
schlechterbeziehungen („Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht“, „Liebe wird
überbewertet“) machten und Parole Trixi, einer Hamburger Band, die sich kritisch
240 6 Die neunziger Jahre

mit den herrschenden Männer-, Frauenbildern und Machtverhältnissen auseinan-


dersetzte:

„Ich gehe durch die Straße, weil ich die neue Ausgabe von einem Magazin für die
‚Frauen von heute‘ haben will. Denn da gibt`s dieser Tage wieder wirklich sagen-
hafte Tipps zur Anpassung bei Anwendung: Für immer stumm! Ich stehe auf der
Straße lieber als in der neuen Ausgabe eines dieser Musikmagazine mit Wissen-
schaft und Männerspleene. Denn da geht es dieser Tage unbeherzt nur um die Fra-
ge, wie sich privilegierte Typen weiter ihre Plätzchen sichern!“ (Parole Trixi, Seid
gegrüßt!)

Auch wenn sie in den USA nur eine marginale Rolle spielten und in Deutschland
nur in InsiderInnenkreisen zur Kenntnis genommen wurden, hatte die Riot-Grrrl-
Bewegung doch eine weiterreichende Wirkung. So sind die seit der Jahrtausend-
wende in verschiedenen Städten stattÀndenden Lady-Feste eine konsequente Um-
setzung der Intentionen der Riot-Grrrl-Bewegung.

„Die meist mehrtägigen Ladyfeste, die in alternativen und autonomen (Jugend-)


Kulturzentren stattÀnden, widmen sich ebenfalls Themen wie Geschlechternormie-
rungen, Sexismus und Gewalt, Sexualitätsnormen, alternative und antikapitalisti-
sche Kultur, Ausbeutungsverhältnissen oder Weißsein und Rassismus-Themen, die
vom bürgerlich-konservativen Spektrum kaum oder nicht wahrgenommen werden.“
(Groß 2007, S. 72)

Mit ihrem konsequenten Einsatz gegen Sexismus und Männerherrschaft waren die
Riot Grrrls Vorbild für die Pussy-Riot-Bewegung in Russland, die sich in spekta-
kulären Aktionen gegen die Bevormundung durch Kirche und Staat wendet. Auch
die sogenannten „Slut Walks“, Aktionen, bei denen sich Frauen wie Prostituierte
kleiden, damit offensiv mit dem Begriff „Hure“ umgehen und das Recht einklagen,
sexuell nicht belästigt zu werden, haben ihre Vorläufer in der Riot-Grrrl-Bewe-
gung: Provokation, ein offensiver und selbstbewusster Umgang mit dem eigenen
Körper und den eigenen sexuellen Bedürfnissen werden dem alltäglichen Sexis-
mus und der Verfügbarkeit von Frauen entgegengesetzt.

6.6 Techno

Bei aller Vielfalt jugendkultureller Szenen hat sich „Techno“ (manchmal auch
„Tekkno geschrieben), bezogen auf die Anhängerschaft, die Sichtbarkeit und die
Größe der Veranstaltungen, zur eindeutig dominierenden Jugendkultur der 90er
6.6 Techno 241

Jahre entwickelt. Der Begriff Techno bezeichnete zunächst einen speziellen Mu-
sikstil:

„Als weitgehend atonale, auf repetitiven Rhythmen basierende Tanzmusik wird


Techno vollständig mit Computern hergestellt und verabschiedet sich damit von
konventionellen Liedstrukturen. In der Technomusik heißen die einzelnen Stücke
Tracks und nicht länger Songs: Melodien, Harmonien und (Sprech-)Gesang sind in
ihnen bis zur Unkenntlichkeit reduziert oder vollständig abgeschafft. Stattdessen
sind Rhythmus und Sound die zentralen Elemente von Techno, die meist im periodi-
schen Viervierteltakt vielfältig übereinander geschichtet werden.“ (Meueler 1997,
S. 243)

Schon der Rock άn’ Roll konnte in den 50er Jahren durch die verstärkte Beto-
nung des Rhythmus im Verhältnis zur Melodie die Halbstarken begeistern, die
Erwachsenen schockieren und beunruhigen; es war das Treibende, die Sinne Auf-
peitschende und damit auf Sexualität Anspielende und zu wildem Tanzen Ani-
mierende, was insbesondere die ältere Generation als bedrohlich und „unsittsam“
empfand. Im Techno wird dieses Prinzip noch weitergetrieben, indem der Ryh-
thmus zum vorherrschenden Merkmal des Musikstils wird, der als zentrales Kri-
terium zudem noch in BPM (Beats per Minute) angegeben wird.
Aufgrund der damit verbundenen Unterordnung des Gesangs und der Texte
eignete sich Techno nicht, um Geschichten zu erzählen oder Protest zu formulie-
ren, die Texte waren eher immer wiederkehrende und aneinandergereihte Slogans.
Anders als bei der herkömmlichen populären Musik standen folglich bei Techno
nicht die Band oder die MusikerInnen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die
Djane oder der DJ, deren Aufgabe es war, die passende Musik für das jeweilige
Event zusammenzustellen, Spannungsbögen aufzubauen und für die passende At-
mosphäre zu sorgen.

„… hier vollzog sich der Bruch mit der bisherigen Geschichte der Popmusik, indem
der traditionelle Verbund von Musikproduzenten, Konsumenten und Kritikern auf-
gelöst und die Musik vor Ort, im Club selbst, produziert wurde. Auch hier gab es
wieder Aktionen und Darbietungen, multimediale Performances aus Klang, Spra-
che und Bild, die nun „Live-Acts“ hießen.“ (Klein 2004, S. 140)

Bei diesen Live Acts wurde die Wirkung der rhythmischen Musik noch unterstützt
durch Lichteffekte und künstlichen Nebel; Techno führte zudem im Zeitalter der
CD zu einer Renaissance der Schallplatte, da die DJs die verschiedenen Songs auf
Schallplatte mit der Hand manipulieren und den jeweils gewünschten Effekt her-
stellen konnten.
242 6 Die neunziger Jahre

„Techno“ als Oberbegriff für elektronische Musik stammt von dem Frankfur-
ter Musikliebhaber und Genre-Pionier Andres Tomalla mit dem Künstlernamen
„Talla 2XCL“, der in seinem Plattenladen im Frankfurter Hauptbahnhof Schall-
platten mit elektronischer Musik in eine eigene Kategorie einordnete, die er Tech-
no nannte. Intern ist das Genre heute weiter differenziert in Richtungen wie EBM
(Electronic Body Music; repetitive Soundsequenzen), House (nach der Chicagoer
Discothek Warehouse; ausgedehnte aneinander gereihte Rhythmus-Passagen), In-
dustrial (maschinenlärmähnliche Kompositionen) und Acid House (eine harte und
minimalistische Variante des House); Acid ist neben einer Stilrichtung auch das
umgangssprachliche Synonym für die Droge LSD.
Als Vorläufer für Techno als Musikstil gelten Karlheinz Stockhausen, Can,
Tangerine Dream, Jean Michel Jarre und Depeche Mode, vor allem aber die deut-
sche Gruppe Kraftwerk mit ihren Alben „Autobahn“ (1974), „Mensch-Maschine“
(1978) und „Computerwelt“ (1981).
Die AfÀnität zum Künstlichen und Technischen war zentrales Merkmal der
Musik. Der Ursprung liegt in den 80er Jahren in den USA, wo in verschiedenen
Clubs Techno zuerst als Tanzmusik in unterschiedlichen sozialen Kontexten ge-
spielt wurde:

„In Manhattans Nachtclubszene, wo die subkulturellen Milieus von Homosexuel-


len, Afroamerikanern und Puertoricanern, die Nobel-Arenen der Schickeria zum
Sehen und Gesehenwerden und die zahllosen Amüsiertempel für jedermann in
einem permanenten Austausch stehen, fusionierten die Körperkulte in den Schwu-
lendiskos und der Glamour des Euro-Disco zu einer Massenbewegung, die nur ein
einziges Credo kannte: ‚Dance, Dance, Dance!‘“ (Wicke 2011, S. 101)

Vor allem aber spielte Detroit bei der Entstehung von Techno eine bedeutende
Rolle, wobei es nicht nur um einen neuen Sound, sondern um die soziale und poli-
tische Situation in der Stadt ging, die durch Werkschließungen von hoher Arbeits-
losigkeit und gravierenden sozialen Problemen betroffen war. Hier verstand sich
der neue Musikstil durchaus als politisch und rebellisch:

„Die message war kämpferisch. Es ging um Detroit, unsere Stadt, die mit Mas-
senarbeitslosigkeit, mit der Crack-Epidemie, den schließenden Autofabriken, den
Sorgen der alleinerziehenden Eltern, zu kämpfen hatte. Es ging aber auch um die
Hoffnung, sich all dem zu widersetzen und sich zu behaupten. Aber auch gegen die
Musikindustrie, gegen die Corporate-Welt, die einem die Seele rauben will.“ (Zit. n.
Freitag/Mahlich 2014, S. 247)
6.6 Techno 243

Ende der 80er Jahre kam Techno weniger als Ausdruck von Widerstand, sondern
als Musik- und Partystil in Europa an: In England gab es 1988 den ersten „Summer
of Love“, der bewusst auf die Hippiekultur anspielte und als ein erster Höhepunkt
der Techno-Kultur in Europa gilt und in der Öffentlichkeit für Aufregung sorgte.

„Aber nicht die Kids, die Smiley T-Shirts mit der Frage ‚Whereάs the Acid Party‘
trugen und die gelben Smiley-Köpfe mit dem breiten Grinsen durch die Stadt spazie-
renführten, Áippten aus, sondern die Medien und Politiker. Der strahlende Smiley,
das Hippie-Symbol für Liebe und Glück, wurde auf T-Shirts zum Verkaufsrenner.
Trotzdem stoppten einige englische Kaufhäuser ihren Verkauf, als die Verbindung
des Smileys zu Acid-Hose-Parties und Drogenkonsum bekannt wurde. Die Polizei
appellierte an die ‚anständigen Bürger‘, die Polizei sofort zu informieren, sobald
sie was von einer Party in einer leerstehenden Lagerhalle hörten.“ (Böpple/KnüÁer
1996, S. 27)

Diese Aufgeregtheit erinnert an verschiedene Paniken, die diverse Jugendkulturen


bei ihrem Auftreten auslösten; im Mittelpunkt der Aufregung stand Ecstasy, eine
szenetypische synthetische Droge, die sich fördernd auf die Fähigkeit der Empa-
thie, der Kontaktaufnahme und der Wahrnehmung der eigenen Gefühlswelt aus-
wirkt.
Der Beginn von Techno vollzog sich in England wie in Deutschland in einer
abgeschotteten Szene, die sich vor allem über Flyer über die Möglichkeiten infor-
mierte, wo und wann die nächsten Parties, die Raves (von to rave: rasen, toben) be-
sucht werden konnten. Angesagt waren nicht die normalen Diskotheken, sondern
stillgelegte Lagerhallen, Bunker, Kasernen und Fabrikgebäude, in denen die selbst
organisierten Events für InsiderInnen stattfanden, das Prinzip des Do It Yourself
war weit verbreitet.

„Es gab weder Stars noch VIPs, weder Unter- noch Überordnung. Die Namen der
DJάs waren auf den schlecht kopierten Schwarz-weiß-Flyern nicht vermerkt, viele
Platten waren Weißmuster ohne jeglichen Hinweis auf ihre Herkunft, weil es nicht
um credibility oder um Geld ging, sondern nur um eine große Menge Spaß und
Freude an innovativer Musik und den dazugehörigen Parties (...) Die Szene war
klein und überschaubar und genau aus diesem Grund fühlte man sich verbunden.
Man hielt zusammen gegenüber der großen bösen Popwelt.“ (Zit. n. Farin 1998,
S. 27)

Als große Clubs, die in Deutschland Raves durchführten, wurden das Berghain,
der Bunker und der Tresor in Berlin sowie das Dorian Gray und das Omen in
Frankfurt am Main bekannt.
244 6 Die neunziger Jahre

Der Aufstieg von einer relativ exklusiven und selbst organisierten Partysze-
ne zu einer Jugendkultur, die Millionen junger Menschen erreichte, vollzog sich
in den 90er Jahren und zeigt sich an der Geschichte der Love-Parade: Die erste
Love-Parade wurde von Doktor Motte (bürgerlich Matthias Roeingh)1989 in Ber-
lin veranstaltet, es konnten 150 BesucherInnen gezählt werden. Zehn Jahre später,
1999, waren es bereits 1,5 Millionen Menschen (nach Angaben der VeranstalterIn-
nen), die an der Love-Parade teilnahmen, womit die Zeiten, in denen Techno noch
eine Jugendkultur für InsiderInnen war, endgültig der Vergangenheit angehörten.
Im neuen Jahrtausend fand die Love-Parade – mit Unterbrechungen – bis 2006
in Berlin statt, bevor sie in verschiedenen Städten im Ruhrgebiet durchgeführt
wurde, laut Angaben der Veranstaltungsleitungen mit jeweils über einer Million
BesucherInnen. Die Love-Parade in Duisburg, bei der es aufgrund mangelnder
Sicherheitsvorkehrungen in einem Tunnel, der auf das Festivalgelände führte, zu
einer Katastrophe mit 20 Toten und über 500 Verletzten kam, war die letzte.
Verbunden mit dieser enormen Ausweitung ist auch eine Kommerzialisierung
der Veranstaltung: Die Gebühren für die Soundmobile, die sogenannten Floates,
stiegen in die Höhe, professionelle Agenturen übernahmen die Gestaltung des Er-
scheinungsbildes, Sponsoren mieteten WerbeÁächen für ihre Produkte, auf den
einzelnen Floates waren mehr professionelle Go-go-Girls als RaverInnen zu se-
hen. Die Love-Parade wurde zu einem Massenspektakel, das an einen Karnevals-
umzug erinnerte, zumal auch die Zahl der Schaulustigen in die Höhe schnellte
und verschiedene Love-Parades im Fernsehen übertragen wurden, was mit einer
Szene, die ursprünglich ihre Events halb legal selbst organisierte, nichts mehr zu
tun hatte:

„Im Technobeat tanzen, schreien und kreischen exhibitionistische Jugendliche (vie-


lerlei Alters), ekstatische Raver, enthusiasmierte Neo-Hippies, extrovertierte Party-
People und exzentrische Mit-Läufer – umstanden und (nicht selten kopfschüttelnd)
bestaunt von Eltern mit Kinderwägen, senioralen Schaulustigen und hippeligen
Kids. Eingefangen und zu einem Gesamt-Image der `Nackten, Süchtigen und Be-
scheuerten‘ verdichtet wird das Spektakel noch von den Kameras journalistisch
fragwürdiger Sparten-Sender.“ (Hitzler 2010, S. 143)

Der Ausverkauf von Techno, und insbesondere der Love-Parade, blieb bei der poli-
tisch reÁektierten Szene nicht ohne Widerspruch. So Àndet seit 1997 als Protest
gegen die Kommerzialisierung und den unpolitischen Charakter der Veranstaltung
die „Fuck Parade“ statt, die allerdings bei Weitem nicht so viele TeilnehmerInnen
hat.
Die Love-Parade in Deutschland war das deutlichste Zeichen der Verbreitung
von Techno- und Rave-Veranstaltungen, doch auch zahlreiche andere Clubs und
6.6 Techno 245

Discos, die bis dahin nichts mit der Techno-Kultur zu tun hatten, witterten gute
Geschäfte, wodurch Techno in den 90er Jahren insgesamt zu einem proÀtablen
Massengeschäft wurde. Techno war von einer exklusiven Szene zu einer Veran-
staltung für Millionen junger Menschen geworden und hatte seinen Distinktions-
wert eingebüßt, wie ein Techno-Anhänger aus der Anfangszeit resigniert feststel-
len musste:

„Nie zuvor gab es dermaßen viel Raves, die an Niveaulosigkeit schwerlich zu unter-
bieten sein werden (…) Man nehme ein Bierzelt auf der Wiesn, stelle einen der Berli-
ner Superkasper in die Mitte, brülle dreimal kräftig ‚Love, Peace, Unity‘ und schon
ziehen tausende ‚Techno ist cool‘ grölene Raveschlümpfe durch den Saal.“ (Zit. n.
Farin 1998, S. 30)

Techno wurde der bedeutendste und Gewinn versprechende Zweig der populären
Musik in den 90er Jahren; Werbeclips wurden mit Techno-Rhythmus untermalt,
viele bekannte Songs – inklusive dem Lied der Schlümpfe – wurden in einer Tech-
no-Version produziert und verkauft, kaum eine Discothek kam mehr ohne Techno
aus, es wurden „Snow“-, „Air“- und „Beach-Raves“ angeboten, die Veranstaltun-
gen und die Musik wurden zur Massenware.
Als jugendkulturelles Phänomen griff auch die Zeitschrift Bravo Techno auf:

„In Berlin, London und Frankfurt/M. geht das volle ‚Brett‘ ab( ...) In undurch-
dringlichem Kunstnebel und sinnenverwirrendem Strobolicht. Ferner fahren Tech-
no-Fans auf die totale Tanz-Orgie ab ...“ (Bravo 2/1992)

Zudem gab es eine Rubrik „Tekkno von a–z“, in der wichtige Begriffe von „Acid“
über „House-Sound“ bis „Zoff“ erläutert wurden. Die Stars der Szene in Bravo –
und damit auch im Mainstream – waren Scooter, Westbam, Sven Väth, Marusha
und „Blümchen“, die 1996 und 1997 die Wahl zum Otto als beste Sängerin ge-
wann.
Der sogenannte „Eurodance“ der 90er Jahre machte mit seinem Sound Anlei-
hen bei Techno und brachte unter anderem Stars wie DJ Bobo, Culture Beat und
Dr. Alban hervor.
Als jugendkulturelle Bewegung war Techno sowohl innerhalb der Szene als
auch der Außendarstellung nach betont friedfertig; schon die diversen Mottos,
unter denen die Love-Parade stattfand, wie „Peace on earth“ (1995), „We are one
family“ (1996) oder „Love is everywhere“ (2007) signalisierten einen Zusammen-
halt und einen friedlichen Umgang miteinander. Diese friedliche Intention der
RaverInnen war auch bei verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen spürbar. Im
246 6 Die neunziger Jahre

Gegensatz zum aggressiven, provokanten und teilweise auch gewalttätigen öffent-


lichen Auftreten etwa der Halbstarken oder der Punks verbreiteten die bunten und
tanzenden Menschen auf Techno-Massenveranstaltungen viel eher Spaß, Fröhlich-
keit und Lebensfreude, als dass sie bedrohlich wirkten. Dr. Motte formulierte die
Grundhaltung von Techno als Hauptredner bei der Love-Parade 1997:

„Fühlt die Sonne in euren Herzen. Wir sind eine große Familie. Unser Wunsch ist,
daß Friede auf der Erde ist. Also schaffen wir die Grundlage für eine friedliche,
sonnige und glückliche Zukunft. Für unsere Freunde, unsere Familien und alle, die
wir lieb haben, und die wir nicht liebhaben. Denn die wir nicht lieb haben, haben
wir einfach lieb.“ (Zit. n. Klein 2004, S. 36f)

Auffällig ist, dass Techno keine soziale Gegnerschaft oder Feinde formulierte –
wie etwa andere Jugendkulturen, die „Spießer“, die Mächtigen, die Welt der Er-
wachsenen –, sondern Harmonie und Friedlichkeit statt Auseinandersetzung in
den Mittelpunkt der Botschaft stellte.
In Zeiten zunehmender Vereinzelung boten solche Botschaften Jugendlichen zu-
mindest für die Dauer der jeweiligen Veranstaltung die Illusion, sich in einer Ge-
meinschaft Gleichgesinnter aufgehoben, geliebt und geborgen zu fühlen. Mit dem
Bezug auf Liebe und friedlichen Umgang miteinander erinnert die Techno-Kultur
auf den ersten Blick an die Hippie-Bewegung der 60er Jahre mit ihren Slogans
wie „Make love not war“, wie es auch Jürgen Laarmann, erfolgreicher Techno-Ver-
anstalter, propagierte, der durch Techno eine neue Gesellschaft heraufziehen sah:

„Wir sehen in der Zukunft die ravende Gesellschaft, die Gesellschaft, die begreift,
was wir heute sagen. Die gesellschaftlichen Folgen sind unabsehbar und werden
mindestens so groß sein wie der gesellschaftliche Impact der Hippies auf die späten
sechziger und siebziger Jahre (…) Die ravende Gesellschaft mit lauter glücklichen
Leuten, die mir ihrer Identität und Funktion zufrieden sind, genügend Spaß, gute
Laune, Sex, gesundes Urteilsvermögen, hohes Selbstbewusstsein etc. haben, ist
unser Ideal, dem wir näherkommen.“ (Zit. n. Wicke 2011, S. 112f)

Doch während sich die Hippies konkret gegen den Krieg in Vietnam wendeten,
enthielten die Slogans von Techno keinerlei konkrete Forderungen, wie etwa nach
dem Ende der Auslandseinsätze der Bundeswehr oder das Verbot von Rüstungsex-
porten; es sind Aussagen, die in dieser beliebigen Form von jeder und jedem unter-
schrieben werden können und von daher politisch nicht anecken. Im Unterschied
zur Hippie-Bewegung ist Techno keine Gegenkultur, die sich kritisch mit dem
Konsum in kapitalistischen Gesellschaften auseinandersetzt und eine grundsätz-
lich andere Gesellschaft anstrebt; am Wochenende auf Techno-Parties zu feiern,
6.6 Techno 247

Raves zu besuchen und zu konsumieren steht nicht im Widerspruch zu einem sonst


geordneten und geregelten Leben als Bankangestellte, Auszubildender, Studentin
oder Sachbearbeiter.
Es war keine problematisierende oder kritisierende Jugendkultur, die in Oppo-
sition zur Gesellschaft stand, sondern in erster Linie eine Kultur des unmittelbaren
körperlichen Erlebens, wobei der friedliche Anspruch auf den Raves auch umge-
setzt wurde. Gewalttätige Auseinandersetzungen fanden dort so gut wie gar nicht
statt, was auch daran zu erkennen war, dass bei der Love-Parade die Verletzten
in aller Regel wegen Drogengebrauch behandelt werden mussten und die über-
wiegende Anzahl der Festnahmen wegen illegalem Drogenverkauf und Produkt-
fälschungen durchgeführt wurden.
Doch trotz der Friedfertigkeit und der harmlosen Botschaften waren die Re-
aktionen auf Techno als Massenbewegung zum Teil panisch und voller Unver-
ständnis, im Mittelpunkt standen hier die Art des Tanzens und die Präsentation der
Körper, die selbst in den sexualisierten 90ern noch für Aufsehen sorgen konnten.
So berichtete die „Zeit“ 1996 über die Love-Parade:

„Die Wahrheit muß auf den Tisch: Wir sehen hunderdtausend Halbnackte, die la-
chend ihre Körper zu epileptisch anmutenden Bewegungen nötigen (‚tanzen‘). Ha-
ben wir es mit einem Haufen Kranker zu tun, die sich in der Hauptstadt zu einer
Demonstration glücklichen Irrsinns treffen? Die Antwort lautet kurz und schmerz-
los: ja.“ (Zit. n. Klein 2006, S. 14)

Die Beschreibung erinnert an das erste Entsetzen nach dem Aufkommen des Rock
άn’ Roll: Jugendliche, die sich dem Rhythmus hingeben, ihre erotischen Reize zur
Schau stellen werden als ein „Haufen Kranker“ bezeichnet, die nicht in der Lage
sind, ihre Körper zu kontrollieren und sich „anständig“ zu benehmen.
Als unmittelbar auf das körperliche Erleben orientierte Jugendkultur steht bei
Techno-Veranstaltungen das Tanzen, das direkte EmpÀnden und Bewegen des
Körpers im Mittelpunkt. Unter dem EinÁuss von Ecstasy oder anderer, sogenann-
ter Party-, Designer- und Erlebnisdrogen, mit dem aufpeitschenden Rhythmus,
diversen Lichteffekten und künstlichem Nebel konnte das Tanzen auf den Massen-
veranstaltungen schon mal 48 Stunden dauern, was den Körpern alles abverlangte.
RaverInnen tanzten zum einen individuell und auf sich selbst bezogen, anderer-
seits wurde das Tanzen auf den Raves auch als Gemeinschaftserlebnis empfunden,
bei dem gelegentlich auch der DJ oder die DJane zu gemeinsamen Bewegungen
(Move, move! Clap your hands!) aufriefen.
Neben der Unmittelbarkeit, mit der der eigene Körper bei Raves gespürt wird,
spielte auch die Präsentation des Körpers eine zentrale Rolle: Sichtbar waren hier
248 6 Die neunziger Jahre

in allererster Linie weibliche wie männliche Körper, die dem herrschenden Ideal
von Schlankheit entsprachen, Vitalität und Sportlichkeit nach außen demonstrier-
ten. Präsentiert wurden diese Körper in szenetypischen OutÀts, die dem Wandel
unterlagen: Clubwear, die sich an Sportkleidung orientierte, Militär- und Tarn-
kleidung, Arbeitsanzüge von der Müllabfuhr, eng sitzende Leder- und Lackhosen,
schwere und hohe Schuhe, als Accessoires Trillerpfeifen oder Schnuller, Feder-
boas, Gasmasken und Teesiebe als Sonnenbrillen, waren vor allem in der Anfangs-
zeit angesagt. Im Laufe der Zeit hat sich die Kleidung der Frauen wie der Männer
in der Szene zunehmend sexualisiert, die

„Dekolletes der Raverinnen wurden tiefer, die Miniröcke kürzer und enger, die Stof-
fe durchsichtiger, das OutÀt bis auf Dessous reduziert. Ihre männlichen Gegenüber
favorisierten Radlerhosen und enge Bodies, Netzhemden oder freie Oberkörper und
ließen auf diese Weise ebenfalls relativ wenig Geheimnis übrig. Darüber hinaus
Ànden Lack und Leder à la Madonna und S/M-Accessoires Eingang in die Club-
Szene.“ (Klein 2006, S. 160)

Das stark sexualisierte Auftreten spricht für eine relative Gleichberechtigung der
Geschlechter innerhalb einer Szene, in der sich neben den Frauen auch Männer be-
mühen, ihre erotischen Reize zur Geltung zu bringen. Doch ist dieses Spiel mit der
Erotik nicht gleichzusetzen mit praktizierter Sexualität, zumindest, wenn darunter
Geschlechtsverkehr verstanden wird. Im Gegenteil: Patrick Walder, der das Ver-
halten von Raverinnen und Ravern untersucht hat, kommt zu dem Schluss, dass es
sich eher um ein Spiel mit sexuellen und erotischen Reizen handelt:

„Sexualität auf Raves war die Partie aller mit allen: Sex wurde gefeiert und in-
szeniert – die Versprechungen aber wurden selten eingelöst. Lust und Triebe lösten
sich auf in dem Gewühl der Tanzenden, sie richteten sich auf Musik, Licht, Tanz und
Drogen. Anschließend erholten sich erschöpfte Raverinnen und Raver im Chillout,
schwatzten, lagen beieinander und kuschelten wie kleine Katzen in einem Korb.“
(Walder 1998, S. 109)

Die erotische Präsentation weiblicher wie männlicher Körper – in aller Regel den
standardisierten und von der Schlankheits- und Modeindustrie propagierten Nor-
men entsprechend – durchbricht das klassische Rollenverhalten, nach dem Frauen
mit ihrer körperlichen Attraktivität Männer auf sich aufmerksam machen wollen;
in diesem Sinne kann für die Techno-Szene durchaus von weiblichen Verhaltens-
mustern gesprochen werden, denen sich die Männer angleichen.
6.6 Techno 249

„Raves (…) sind sinnliche Erlebniswelten der ‚Geschlechterverwirrung‘. Raves


können als soziales Experimentierfeld für neue Formen sexueller Identität und so-
zialen Umgangs gelten (...)“ (Walder 1998, S. 107f)

Verbunden damit war ein erweiterter Freiraum für Jungen und junge Männer, sich in
ihrer Präsentation an als typisch weiblich geltendem Auftreten orientieren zu können:

„In den Hochzeiten von Techno gab es mithin interessante Möglichkeiten für Jun-
gen, durch eine damals noch innovative androgyne Körperinszenierung, durch Ver-
kleidung jenseits der Heteronormativität, generell durch das Schminken, Stylen,
In-Szene-Setzen des männlichen Körpers die Gender-Grenzen neu zu markieren.“
(Stauber 2012, S. 65)

Kennzeichnend für einen eher gleichberechtigten und – trotz aller aufreizenden


Kleidung – nicht sexistischen Umgang der Geschlechter miteinander und typisch
für die Techno-Szene war auch die Tatsache, dass das in vielen anderen Jugend-
kulturen übliche sexistische Verhalten der Männer kaum vorkam:

„Die meisten Frauen betonen, daß sie die nichtsexuelle Atmosphäre genießen, daß
das Anbaggern wegfällt. Die Männer auf der Technoszene werden nicht als so ma-
chomäßig empfunden wie in der Rockszene, wo Frauen weit mehr als Sexobjekt
betrachtet werden.“ (Böpple/Knüfer 1998, S. 163f)

Weitgehende Abwesenheit von sexueller Anmache und praktizierter Sexualität bei


gleichzeitig stark erotischer Selbstdarstellung beider Geschlechter waren typisch für
die Techno-Kultur. Auch hier kam die friedliche Grundhaltung der Szene zum Aus-
druck: Angesagt war eine Form von Männlichkeit, die nichts mehr mit der klassi-
schen aggressiven Inszenierung zu tun hatte, nicht zuletzt auch deshalb, weil statt Al-
kohol vornehmlich Ecstasy konsumiert wurde, das eine besänftigende Wirkung hat.

„Wir beobachten gegenwärtig, wie Jungs aus der Arbeiterklasse ihre Aggressivität
ablegen und sich in ‚neue Männer‘ verwandeln. Die Ironie besteht darin, dass die
Entwicklung dem Gebrauch von Ecstasy mehr zu verdanken hat als der feministi-
schen Kritik. Sie verlassen ihr Dasein als Einzelgänger und gehen zum Weichen,
Geschmeidigen und Geselligen über.“ (Mc Robbie 1997, S. 199)

Die Aufweichung der Geschlechterstereotype, die vor allem aus einer verstärkten
Orientierung von Männern an klassisch weiblichen Verhaltensweisen bestand, führ-
te auch zu einer Akzeptanz homosexueller Orientierungen beider Geschlechter:
250 6 Die neunziger Jahre

„In dem Maße, wie Schwulsein partyöffentlich als selbstverständlich akzeptiert


wird, können sich Frauen freier bewegen, da sie nicht jeden Mann als potentiel-
len Aufreißer fürchten müssen; die Diskriminierung lesbischer Frauen und von Bi-
sexuellen entfällt, während heterosexuelle Männer sich von den Frauen weiterhin
angezogen fühlen, gleichzeitig aber für schwule Männer attraktiv sind.“ (Meueler
1997, S. 248)

Doch trotz aller Tendenzen einer Angleichung der Geschlechter und Liberalisie-
rung war auch Techno eine Jugendkultur, die eindeutig im Bereich der professio-
nellen Durchführung und der Organisation unter männlicher Hegemonie stand:

„DJs, Produzent_innen und Partyveranstalter_innen sind überwiegend männlich.


Szenen werden somit von Männern inhaltlich geprägt und die in die OberÁäche ein-
geschriebenen, sozialisierten Geschlechteridentitäten reproduziert. Solche männ-
lich dominierten (homosozialen) Gemeinschaften grenzen sich nicht selten gegen-
über Frauen wie gegenüber anderen Männern und phasenweise gegenüber allem,
was weiblich konnotiert ist, ab.“ (Freitag/Mahlich 2014, S. 246)

Den Frauen blieben bei nicht wenigen Techno- und Clubveranstaltungen nur die
(klassische) Rolle der Bewunderin von Männern und der Dienst an der Kleider-
abgabe oder der Theke.
Als dominierende Jugendkultur der 90er war Techno keine Gegen- oder Alter-
nativkultur, die der Gesellschaft ablehnend oder feindlich gegenüber stand oder
eine umfassende Alternative zum Bestehenden anzubieten hatte. Im Gegenteil, in
zentralen Punkten kommen in Techno gesamtgesellschaftliche Entwicklungen des
Jahrzehnts zum Ausdruck: Das demonstrative Feiern und gute Laune nach außen
kehren waren angesagt in der sogenannten „Spaßgesellschaft“ der 90er Jahre; die
Körper der Raver und Raverinnen orientierten sich an den Leitwerten Schlank-
heit und Fitness, wobei auch männliche Körper unter den Zwang gerieten, sich als
attraktiv zu präsentieren; der Anblick (halb) nackter Körper war seit der Einfüh-
rung des Kommerzfernsehens nichts Ungewöhnliches mehr, sie konnten kaum noch
schockieren und lockten Schaulustige an; der offene Umgang mit homosexuellen
Menschen in der Techno-Szene entsprach einem gesamtgesellschaftlichen Trend;
und schließlich die Kommerzialisierung, die in den 90ern in immer mehr gesell-
schaftliche Bereiche vordrang. Sie war in der Techno-Kultur nicht eine nachträg-
liche Ausbeutung ihrer Zeichen, Musik und Mode, sondern bei den Massenevents
fester Bestandteil.
Die zweitausender Jahre
7

7.1 Hartz IV und Bankenkrise

Das prägendste Ereignis des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend ereignete


sich am 11. September 2001 in den USA: Radikale islamische Terroristen ent-
führten VerkehrsÁugzeuge und steuerten sie in das World Trade Center und das
Pentagon, ein weiteres Flugzeug erreichte das geplante Ziel nicht, nachdem die
Entführer von Passagieren überwältigt wurden. Bei diesen terroristischen An-
schlägen fanden über 3.000 Menschen den Tod, als Folge der Attentate verschärfte
sich die Konfrontation des Westens mit der muslimischen Welt, die an die Stelle
der Konfrontation mit den ehemals sozialistischen Staaten trat. Ideologisch wurde
diese Konfrontation noch durch den US-amerikanischen Politologen Samuel Hun-
tington untermauert, der einen Kampf der Kulturen, einen „Clash of civilisations“
(Huntington 2002) prognostizierte mit der Unterstellung, dass die Lebensweise
und Mentalität der Menschen in islamischen Ländern nicht mit der des Westens
vereinbar sei.
Der Glaube daran, dass nach der Beendigung der Blockkonfrontation die Welt
friedlicher werden würde, erwies sich als Illusion. Bereits 1991, im sogenannten
ersten Golfkrieg, griff ein Militärbündnis unter Führung der Vereinigten Staaten
militärisch in Kuwait ein, das in Teilen von irakischen Truppen besetzt war. Seit
2001 wurde in Afghanistan Krieg geführt, auch mit Beteiligung von Truppen der
Bundeswehr. 2003 folgte der Krieg gegen den Irak, den die USA auf die Liste der
„Schurkenstaaten“ setzte und der „Achse des Bösen“ zurechnete; eine „Koalition
der Willigen“ unter Führung der USA bombardierte Bagdad und andere Städte,

P. Rüttgers, Von Rock‘n‘Roll bis Hip-Hop, DOI 10.1007/978-3-658-10846-5_7,


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252 7 Die zweitausender Jahre

was damit begründet wurde, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen ver-
füge oder im Begriff sei, diese herzustellen, was sich später als Propagandabe-
hauptung herausstellte.
In Deutschland war nach 16 Jahren die Kanzlerschaft Kohls beendet, nach der
Bundestagswahl 1998 regierte auf Bundesebene eine rot-grüne Koalition mit Bun-
deskanzler Gerhard Schröder und Vizekanzler Joschka Fischer. Ab 2005 folgte
dieser eine große Koalition aus CDU und SPD unter der ersten Kanzlerin der BRD,
Angela Merkel; diese wiederum wurde 2009 unter der Kanzlerschaft Merkels von
einer CDU-FDP-Regierung abgelöst; ab 2001 wurde in der Bundesrepublik der
Euro als Zahlungsmittel eingeführt, wodurch Deutschland noch enger in die EU
und deren gemeinsamen Wirtschaftsraum eingebunden wurde.
Bereits ein Jahr nach ihrer Wahl, im Jahr 1999, gab es unter der rot-grünen
Bundesregierung den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr in der Nachkriegsge-
schichte. Im Kosovo-Krieg beteiligte sich die Bundeswehr an Luftangriffen gegen
die Bundesrepublik Jugoslawien, wobei dieser militärische Einsatz ohne völker-
rechtliches Mandat durchgeführt wurde. Begründet wurde der Einsatz mit huma-
nitären Zielen, es ginge darum, die Vertreibung von Albanern und Albanerinnen
zu stoppen und eine menschliche Katastrophe zu verhindern.
Im linken und alternativen Spektrum waren mit einer rot-grünen Regierung
nach 16 Jahren konservativer Regierung große Hoffnungen verbunden, die sich,
vor allem im Bereich der Sozialpolitik, allerdings bald als illusionär herausstell-
ten. Erklärtes Ziel der rot-grünen Regierung war eine Modernisierung der Ge-
sellschaft, die durch Reformen herbeigeführt werden sollte, doch hatten diese
Reformabsichten nicht viel mit dem gemein, was unter Willy Brandt darunter
verstanden wurde, nämlich eine Demokratisierung der Gesellschaft mit größe-
ren Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger.
Die Reformbestrebungen von Rot-Grün stützten sich dagegen auf das Credo des
Marktes und als Analyse der gesellschaftlichen DeÀzite wurden die altbekannten
Statements wiederholt: Die Deutschen lebten angeblich über ihre Verhältnisse,
der Sozialstaat sei in seiner aktuellen Form nicht mehr Ànanzierbar, die Bürokra-
tie ersticke die individuelle Initiative, die Löhne seien zu hoch, die Lebens- und
Wochenarbeitszeit zu niedrig, die Arbeitszeit müsse Áexibler geregelt werden,
die Unternehmen müssten höhere Gewinne machen, um zu investieren, und der
Standort Deutschland sei gefährdet.
Es ist offensichtlich, dass diejenigen, die „den Gürtel enger schnallen“ und
Verzicht üben sollten, diejenigen waren, die einer lohnabhängigen Beschäftigung
nachgingen, arbeitslos oder RentnerInnen waren. Die Diagnose und die Ziele von
Rot-Grün in der Sozial- und Wirtschaftspolitik lassen sich daher auch als Bestand-
teil einer „Revolution von oben“, als Parteinahme für die Besitzenden bezeichnen:
7.1 Hartz IV und Bankenkrise 253

„Zum Teil bekennen die Eliten offen, dass sie gegen die Mehrheit agieren ( ...) Die-
se Revolution von oben ist begleitet von massiven Ànanziellen Interessen. Sie wird
zum einen möglich, weil große Teile unserer Meinungsführer in Fragen der Ökono-
mie Denkfehlern und Vorurteilen erliegen (...) Sie wird zum anderen auch deshalb
möglich, weil eine kritische Öffentlichkeit, die diesen Namen verdient, kaum noch
existiert und einer in Teilen systematischen MeinungsbeeinÁussung unterliegt. Be-
sonders dramatisch ist diese Revolution, da sie das Wichtigste, was sie verspricht,
nicht hält: nämlich für wirtschaftliche Gesundung zu sorgen.“ (Müller 2005, S. 26)

Im Zentrum der Sozialpolitik stand das dem Angloamerikanischen entlehnte


„Workfare“, was mit der deutschen Formel „Fördern und Fordern“ übersetzt wur-
de. Grundlage dafür ist die Annahme oder Unterstellung, dass diejenigen, die ohne
Arbeit sind, es im Sozialstaat zu einfach haben; die Unterstützungsleistungen seien
zu hoch, sodass kein Interesse an der Annahme eines Arbeitsplatzes bestehe und
es sich die Menschen in der „sozialen Hängematte“ – Ànanziell bestens abgesichert
– gemütlich machen würden.
Insbesondere in der Hartz-Gesetzgebung, benannt nach dem ehemaligen Mana-
ger Peter Hartz, dem Vorsitzenden der „Kommission für moderne Dienstleistun-
gen am Arbeitsmarkt“, kommen die Grundsätze des Forderns und Förderns deut-
lich zum Ausdruck, wobei die Begriffsschöpfung „Ich-AG“ die marktorientierte
Politik von Rot-Grün sprachlich auf den Punkt bringt: Der und die Einzelne sollte
sich als „Arbeitskraftunternehmer“ verstehen und die jeweiligen Fähigkeiten auf
dem Markt anbieten. Hierdurch sollten Kreativität, Engagement und Initiative der
Menschen gefördert werden, was allerdings in den allermeisten Fällen zum Schei-
tern verurteilt war:

„Mit der Ich-AG erhob man die (Schein-)Selbständigkeit von Hilfebedürftigen zum
Programm, war jedoch darauf bedacht, diese möglichst bald wieder aus dem Leis-
tungsbezug zu entlassen. Abgesehen davon, dass sich viele Arbeitslose, die den Weg
in die Selbständigkeit beschritten, mit dem nach der Höhe ihres früheren Verdiens-
tes bemessenen Überbrückungsgeld besser standen, fristeten sie häuÀg nur unter-
nehmerische Kümmerexistenzen, die mit Auslaufen der Förderung überwiegend im
Bankrott endeten.“ (Butterwegge 2005, S. 191)

Hartz IV bedeutete für die betroffenen Langzeitarbeitslosen eine zeitliche Begren-


zung des Arbeitslosengeldes und den Zwang, für eine „Minimalaufwandsentschä-
digung“ von ein oder zwei Euro pro Stunde im öffentlichen Interesse liegende
Tätigkeiten auszuüben. Bei Weigerung, diese Arbeiten auszuführen, drohte eine
Kürzung von 30 % der ohnehin geringen Unterstützungsleistungen.
Zusammengefasst in der „Agenda 2010“, betrieb die Bundesregierung unter
sozialdemokratischer und grüner Führung eine Politik, die sich nicht an den In-
254 7 Die zweitausender Jahre

teressen der Mehrheit der Bevölkerung orientierte, sondern dazu beitrug, soziale
Unsicherheit und Ungleichheit zu verstärken, „Hartz IV“ wurde zum Synonym für
die Lage von Menschen mit äußerst geringen Ànanziellen Mitteln am Rande der
Gesellschaft. Unter dem Motto „Hartz IV – Armut per Gesetz“ gab es zahlreiche
Proteste gegen die Einführung der neuen Gesetze, die allerdings in ihren zentra-
len Bestandteilen nicht zurückgenommen wurden. Von Seiten der katholischen
Soziallehre kritisierte Friedrich Hengsbach die grundlegende Orientierung in der
Sozialpolitik unter Rot-Grün:

„Die Agenda beruht auf der Fehldiagnose, den Sozialstaat ausschließlich als Kos-
tenfaktor und Wachstumsbremse, nicht jedoch als wichtigen Produktivitätsfaktor
zu erkennen, der die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gewährleistet sowie
zur wirtschaftlichen Stabilität und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt.“
(Hengsbach 2004, S. 19)

Begleitet und legitimiert wurden die sozialpolitischen Maßnahmen von einem


„Sound des Sachzwangs“ (Blätter f. deutsche und int. Politik 2006), der suggerier-
te, zu den politischen Entscheidungen gäbe es keine Alternative und sie entsprä-
chen dem ökonomischen Sachverstand. Damit einher ging eine Diffamierung von
Menschen, die ohne Erwerbsarbeit waren; die öffentlichen Diskussionen drehten
sich immer mehr um Begriffe und Vorwürfe wie „Anspruchsmentalität“, „Besitz-
standswahrer“; Menschen wurden zunehmend unter dem Aspekt ihrer ökonomi-
schen Leistungen beurteilt:

„Es begann damit, daß aus dem sozialen Netz die soziale Hängematte wurde und
statt von Massenarbeitslosigkeit vom kollektiven Freizeitpark die Rede war; mittler-
weile wird die Kürzung von Arbeitgeberbeiträgen zur Rentenversicherung als ‚Bei-
trag zur Generationengerechtigkeit‘ verkauft und eine allgemeine Lohnsenkung als
Rezept zur Gesundung des Landes ausgegeben.“ (Prantl 2005, S. 91)

Die Politik zugunsten der Besitzenden, die sich auch in der steuerlichen Entlastung
von gut Verdienenden und Wohlhabenden zeigt, wurde von der sozialdemokra-
tisch-grünen Bundesregierung keineswegs aufgehoben, sondern noch verschärft,
woran sich auch unter den folgenden Regierungen nichts Wesentliches änderte. As
grundlegendes Argumentationsmuster galt dabei die Behauptung, es sei kein Geld
vorhanden, um weitere „soziale Wohltaten“ Ànanzieren zu können. Doch ist eher
das Gegenteil der Fall: Deutschland war auch in den Jahren nach der Jahrtausend-
wende ein sehr reiches Land, in dem jedoch die Vermögen immer mehr in weni-
gen Händen konzentriert waren, während große Teile der Bevölkerung zunehmend
7.1 Hartz IV und Bankenkrise 255

verarmten oder Angst vor Verarmung haben musste; die Spaltung der Gesellschaft
in Arm und Reich nahm im Laufe der Jahre immer extremere Formen an:

„Während auf der einen Seite die Zahl der Millionäre und Multimillionäre zu-
nimmt, wächst auf der anderen Seite die Zahl der Menschen, die nicht genug haben,
um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Etwa jeder sechste Haushalt
in Deutschland lebt in Armut. Überdurchschnittlich oft sind Alleinerziehende und
kinderreiche Familien davon betroffen; so leben in Deutschland etwa 2,5 Millionen
Kinder in Haushalten, denen weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens
zur Verfügung steht.“ (Wagenknecht 2007, S. 7)

Gegen Ende des Jahrzehnts bestimmte die sogenannte Finanzkrise die Politik.
Begonnen hatte diese 2007 in den USA, wo zu Spekulationszwecken immer un-
durchsichtigere „innovative Finanzprodukte“ auf den Markt geworfen wurden. Als
offensichtlich wurde, dass diese oft im Grunde wertlos waren, war es kaum noch
möglich, sie zu veräußern, ihre Kurse sanken ins Bodenlose. Als Folge dieser Spe-
kulationskrise machten diverse US-amerikanische Großbanken wie die Lehman
Brothers pleite. Anfangs wurde in Deutschland noch behauptet, dass sich die Kri-
se nicht auf Europa und Deutschland auswirken würde, doch aufgrund der inter-
nationalen VerÁechtungen waren auch die europäischen Länder davon betroffen.
Die Folge waren in Deutschland zahlreiche Firmenpleiten und die Angst vor einer
weltweiten Wirtschaftskrise. Es war der Staat, der mit „Rettungsschirmen“ und
zinsgünstigen Darlehen versuchte, die privatwirtschaftlich verursachte Krise ab-
zuwenden, und sich dadurch noch stärker verschuldete.

„Die zusätzlichen Schulden wurden in einer Art Nebenhaushalt versteckt, der ‚Son-
dervermögen‘ genannt wird. Die Fonds bedeuten, dass der Staat einer Kapitalfrak-
tion die Verluste erstattet, indem er sie als staatliche Schulden sozialisiert. Indem
der Staat Steuern und Abgaben dazu verwendet, die Verluste zu decken, verteilt er
die Gelder innerhalb seines Haushaltes im großen Stil um – zuungunsten sozialer,
gesundheitlicher, ökologischer und kultureller Leistungen und mit der Folge, dass
die Einkommen der Lohnabhängigen weiter schrumpfen.“ (Ditfurth 2009, S. 29f)

Die öffentliche Hand wurde herangezogen, um die von BankerInnen verursachte


Krise auszugleichen.
Der Glaube an die Kräfte des Marktes, Deregulierungen und freier Kapitalver-
kehr waren die politischen und ökonomischen Schlagwörter seit den 80er Jahren,
mit deren Hilfe wirtschaftliche Gesundung und Wohlstand erreicht werden sollte.
Als genau diese Politik dazu beitrug, eine Wirtschafts- und Finanzkrise herauf-
zubeschwören, wurden die VerursacherInnen, die sogenannten Eliten, mit staatli-
chen Mitteln unterstützt. Während auf der einen Seite jeder Euro für Hartz-IV-Be-
256 7 Die zweitausender Jahre

zieherInnen als unzumutbare Belastung für den Staatshaushalt dargestellt wurde,


konnten über Nacht gigantische Summen für die Rettung von Banken staatlich
bereitgestellt werden. Die Banken galten als „systemrelevant“ und mussten mit
dem Argument teuer gerettet werden, dass sonst die gesamte Wirtschaft in Mit-
leidenschaft gezogen würde.
Grundlage für die Bankenkrise schufen die weitgehend abgeschafften Kont-
rollen im Bereich des Finanzwesens, die als notwendige „Flexibilisierungen“ und
„Deregulierungen“ bezeichnet wurden:

„Die Dirigenten des internationalen Geldmarktes haben viel dafür getan, daß es so
kommt. Sie haben erfolgreich versucht, die Politik demokratisch gewählter Regie-
rungen ihrer Disziplin zu unterwerfen. Sie haben Regierungen genötigt, sie haben
den Abbau von Kontrollen erzwungen – und sind gleichwohl mit eigens gegründeten
Zweckgesellschaften in die Nischen der Welt geÁohen, in denen sie ihre riskanten
Geschäfte noch besser verstecken konnten.“ (Prantl 2010, S. 298)

Die ökonomische Sichtweise, ein Denken in Begriffen von Konkurrenz und Wett-
bewerb, Gewinnen und Verlieren, wurde zur zentralen Kategorie und bestimmte
zunehmend auch die Mentalität der Menschen: Ratingagenturen, die Hitparaden
der Unternehmen erstellen, AnalystInnen, die die jeweiligen Börsenkurse ermit-
teln, der „Shareholder Value“, der Börsenwert der Unternehmen, sind die zentralen
Begriffe einer Gesellschaft, die sich immer mehr an ökonomischem Nutzen und
ProÀt orientierte und Menschen in „Leistungsträger“ und „ÜberÁüssige“ einteilt.
Deutlich wird die soziale Unsicherheit in einer Gesellschaft, die von kurz-
fristigen Verwertungsinteressen bestimmt wird, an dem Vorgehen sogenannter
„Finanzheuschrecken“, die Unternehmen kaufen, sie ohne jede Rücksicht auf die
Belegschaft in Einzelteile zerlegen, diese kurzfristig gewinnträchtig an die Börse
bringen und nach Einstreichen des ProÀts weiterziehen, ohne irgendeine soziale
Verantwortung zu übernehmen.
Im Gegensatz zu den sich verschärfenden realen ökonomischen Ungleichheiten
kam es auf der juristischen Ebene zu einer stärkeren Gleichstellung: Das „Allge-
meine Gleichbehandlungsgesetz“ trat in Kraft, das sicherstellen sollte, dass Men-
schen nicht aufgrund ihrer Rasse oder ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts,
ihrer sexuellen Orientierung oder Identität, ihrer Weltanschauung oder Religion,
ihres Alters oder einer etwaigen Behinderung benachteiligt werden dürfen; ein-
deutige Diskriminierung aufgrund eines dieser Merkmale räumte den Betroffenen
das Recht auf Klage gegen ArbeitgeberInnen oder Privatpersonen ein.
Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhundert ist eine bunte und heterogene Ge-
sellschaft. Zum einen bildeten sich immer mehr und unterschiedliche Milieus he-
7.1 Hartz IV und Bankenkrise 257

raus und die Vielfalt der Lebensformen nahm zu. Zum anderen war Deutschland
– jenseits der politischen Diskussionen – de facto zu einem Einwanderungsland
geworden. Bereits in den 60er Jahren wurden Arbeitskräfte, vor allem aus Italien,
Spanien, Griechenland und dem damaligen Jugoslawien, angeworben, seit den
70er Jahren kamen verstärkt Menschen aus der Türkei dazu. Im Jahr 2010 lebten
in der Bundesrepublik insgesamt 81,7 Millionen Menschen, davon 65,5 Millionen
ohne und 15,7 Millionen mit einem Migrationshintergrund (s. Statistisches Bun-
desamt 2010), was bedeutet, dass jeder sechste in Deutschland lebende Mensch
einen Migrationshintergrund hatte. Als Mensch mit Migrationshintergrund zähl-
ten statistisch diejenigen Personen, „die eine ausländische Staatsangehörigkeit ha-
ben oder seit 1950 über die Bundesgrenzen zugewandert sind oder in Deutschland
als Deutsche geboren sind und ein Elternteil haben, das zugewandert ist oder eine
ausländische Staatszugehörigkeit hat.“ (Seifert 2010, S. 113) Folglich können sich
hinter dem Begriff „Migrationshintergrund“ völlig unterschiedliche Lebensläufe
verbergen. Jenseits dieser Vielfältigkeit sind Menschen nicht deutscher Herkunft
insgesamt statistisch in ihrer ökonomischen Situation in Relation zur deutschen
Bevölkerung benachteiligt: Menschen mit Migrationshintergrund sind öfter von
Arbeitslosigkeit betroffen und verfügen im Durchschnitt über ein geringeres Ein-
kommen im Verhältnis zu Deutschen (s. Seifert 2011, S. 115–117).
Dies bedeutet keineswegs, dass sie hinsichtlich ihrer Wertorientierungen, Le-
benseinstellung und Konsumgewohnheiten einheitlich sind. Zum einen deshalb,
weil sie aus unterschiedlichen Herkunftsländern (Russland, Türkei, Italien) stam-
men und zum anderen, weil sich auch innerhalb der gleichen ethnischen Abstam-
mung große Unterschiede zeigen, sodass es „die Ausländerin“ oder „den Auslän-
der“ nicht gibt.
Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zu subjektiven Einstellungen, In-
teressen, Lebenszielen und Geschmackspräferenzen kommt, bezogen auf die in
Deutschland lebenden MigrantInnen, zu dem Ergebnis, dass diese in sich sehr
heterogen sind. Innerhalb der Population von Menschen mit Migrationsgeschich-
te kristallisieren sich völlig unterschiedliche soziale Milieus hinaus (s. BZgA
2010a): Ein religiös verwurzeltes Milieu, das sich stark an Traditionen und der
Religion des Herkunftslandes orientiert; ein traditionelles Arbeitermilieu mit
klassisch proletarischen Werten wie Solidarität, Direktheit und Bescheidenheit;
ein entwurzeltes Milieu, das zwischen den Traditionen der Herkunftskultur und
der westlichen Gesellschaft steht; ein adaptives Milieu mit einer starken Orien-
tierung an der Kernfamilie; ein statusorientiertes Milieu, das sich stark an west-
lichem Lebensstil und Bildung orientiert; ein multikulturelles Performermilieu,
gekennzeichnet durch Orientierung an Leistungsbereitschaft; ein hedonistisch-
subkulturelles Milieu im Spannungsfeld von Tradition und Moderne und schließ-
258 7 Die zweitausender Jahre

lich ein intellektuell-kosmopolitisches Milieu, mit Betonung von Individualität


und Weltoffenheit.
Deutschland ist im Zuge der Einwanderung von Menschen unterschiedlicher
ethnischer Herkunft eine „multikulturelle Gesellschaft“ geworden, wobei die Men-
schen mit Zuwanderungsgeschichte – ebenso wie die Deutschen – keine homogene
Gruppe bilden, sondern innerhalb große Unterschiede festzustellen sind:

„Menschen des gleichen Milieus verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer
Landsleute aus anderen Milieus. Somit kann man weder von der Herkunftskultur
auf das Milieu schließen noch kann man vom Milieu auf die Herkunftskultur schlie-
ßen.“ (Merkle 2011, S. 88f)

7.2 Deutsche Zustände

Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch einen enormen
technischen Wandel, der sowohl in der Berufswelt als auch im Alltag tiefe Spuren
hinterließ. Mobiltelefone, anfangs noch ein eher seltenes Statussymbol, wurden im
Laufe des Jahrzehnts zu einem alltäglichen Kommunikationsmittel, Internetan-
schlüsse für große Teile der Bevölkerung sorgten für eine enorme Beschleunigung
der Informationsübertragung und des sozialen Lebens. In der vernetzten Gesell-
schaft war Frau und Mann ständig erreichbar, hinzu kamen sogenannte soziale
Netzwerke wie Facebook, Myspace oder Twitter, die vor allem von jungen Men-
schen genutzt wurden und zu neuen Formen der Kommunikation und des sozialen
Austauschs führten. Als Bücher wie im Kino erfreuten sich Fantasy-Produkte wie
„Harry Potter“, „Herr der Ringe“, die „Chroniken von Narnia“ und „Twilight“
sowie Hulk, Superman und Spiderman großer Beliebtheit.
Im Fernsehen hatten neben Quiz-Sendungen, Doku-Soaps und Kochshows Sen-
dungen wie „Big Brother“ und diverse Casting-Shows hohe Einschaltquoten zu
verzeichnen. Bei „Big Brother“ wurden die voyeuristischen Bedürfnisse des Pu-
blikums befriedigt: Verschiedene KandidatInnen wurden in einen Container ge-
sperrt, in dem sie versuchen mussten, miteinander auszukommen, wobei die Zahl
der BewohnerInnen durch die Wahl des Publikums immer geringer wurde, bis
zum Schluss ein Sieger oder eine Siegerin übrig blieb.
Bei Casting-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ ging es darum, dass
sich die KandidatInnen mit ihren Fähigkeiten als Showstar in Szene setzten, in-
dividuell darstellen und „performen“ mussten, was durch eine Jury bewertet und
zum Teil durch beleidigende und grobe Bemerkungen kommentiert wurde.
7.2 Deutsche Zustände 259

Bei „Germanyάs next Topmodel“ versuchten junge Frauen, sich den Diktaten
des weiblichen Schönheitsideals zu unterwerfen und auf diesem Weg zu Bekannt-
heit und Geld zu gelangen; in den Werbepausen wurden Spots der Schönheits-
industrie gesendet; vor allem diese Form des dargestellten Wettbewerbs hatte stark
normierende Wirkung auf den weiblichen Körper. Ziel war es, sich möglichst „at-
traktiv“ zu präsentieren, die teilnehmenden jungen Frauen wurden auf ihre körper-
lichen Attribute reduziert und traten in Konkurrenz zueinander an.
Vor allem diese Formate der Fernsehunterhaltung spiegelten zentrale gesell-
schaftliche Trends wider: Die Konkurrenz untereinander, die individuelle Präsen-
tation, das „Performen“, die Bewertungen von außen und die Einteilung in Gewin-
nerInnen, die medial gefeiert wurden, und VerliererInnen, denen mit Arroganz
und Zynismus begegnet wurde, waren kennzeichnend für eine Gesellschaft, in der
Individualismus, Karriere- und Geldorientierung zentrale gesellschaftliche Werte
waren.
Im „Dschungelcamp“ traten verschiedene Prominente, deren Bekanntheitsgrad
nicht mehr allzu hoch war, gegeneinander an und mussten diverse, oft über die
Geschmacksgrenzen hinausgehende Aufgaben erfüllen. Alle diese Shows wurden
in einem Zusammenspiel von Kommerzfernsehen und Boulevardpresse als bedeu-
tende Ereignisse aufgeblasen und gefeiert, es wurden neue Stars kreiert, die aller-
dings oft genauso schnell wieder verschwanden. Ziel waren in erster Linie hohe
Einschaltquoten für die Werbewirtschaft, was durch die Eitelkeit der KandidatIn-
nen, deren Bedürfnis nach medialer Anerkennung und Popularität und schließlich
die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums ermöglicht wurde.
Hohe Einschaltquoten und große Resonanz beim Publikum fanden ebenfalls di-
verse Comedians wie Mario Barth, der in Programmen wie „Männer sind Schwei-
ne – Frauen aber auch“ oder „Männer sind primitiv aber glücklich“ simpelste Kli-
schees über die angeblichen Eigenschaften der Geschlechter zum Besten gab.
Ein herausragendes Ereignis im Deutschland der 2000er Jahre war die Ausrich-
tung der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2006, in der es gelang, Deutsch-
land als weltoffenes und fröhliches Land zu präsentieren. Im Zuge der Fußball-
begeisterung fanden sich fast überall im Land schwarz-rot-goldene Fähnchen und
Accessoires, wobei die Begeisterung für das deutsche Team in aller Regel nichts
mit aggressivem Nationalbewusstsein oder Nazismus zu tun hatte.
In einer Langzeitstudie über zehn Jahre mit dem Titel „Deutsche Zustände“
hat der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit einem Forschungsteam die
sozialen Einstellungen der Deutschen in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts
untersucht. Im Mittelpunkt dieser groß angelegten Untersuchung steht das Kon-
zept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, die Frage danach, wie die
Einstellung in verschiedenen Teilen der Bevölkerung zu Menschen unterschied-
260 7 Die zweitausender Jahre

licher ethnischer Herkunft, homosexueller Orientierung, zu Menschen mit Behin-


derung, Obdachlosen und Arbeitslosen ist. Damit sind nicht individuelle Ableh-
nungen oder Feindschaften zwischen konkreten Menschen gemeint, sondern die
Zustimmung oder Ablehnung von Menschen gegenüber Menschen mit anderen
Merkmalen. Bezogen auf Mitmenschlichkeit, Solidarität und den gesellschaft-
lichen Zusammenhalt fallen die Resultate äußerst ernüchternd aus. Die Studie
kommt zu dem Ergebnis,

„daß das zurückliegende Jahrzehnt von Entsicherung und Richtungslosigkeit im


Sinne einer fehlenden sozialen Vision markiert ist, in dem auch die schwachen so-
zialen Gruppen sowie solche mit speziÀschen Lebensstilen eine Ideologie der Un-
gleichheit sowie psychische und physische Verletzungen erfahren haben. In diesen
Bereichen sind also keine durchgreifenden Verbesserungen eingetreten.“ (Heitmey-
er 2012, S. 19)

Der Hintergrund für die zunehmende Ablehnung oder sogar Feindschaft gegen-
über Menschen anderer Herkunft oder mit Behinderung und Arbeitslosen ist die
ökonomische Unsicherheit, die weite Teile der Bevölkerung, vor allem seit der
Verabschiedung der Hartz-IV-Gesetze, erreicht hatte; im Laufe des Jahrzehnts
waren Millionen von Menschen und deren Familienangehörige EmpfängerInnen
von Hartz IV. Durch die stark eingeschränkte Sozialgesetzgebung und die hohe
Arbeitslosigkeit waren auch Menschen aus Bevölkerungsgruppen von Armut be-
troffen oder hatten berechtigte Angst vor Verarmung, die sich zuvor in relativ ge-
sicherten beruÁichen und Ànanziellen Verhältnissen bewegt hatten; viele schütz-
te auch eine Berufsausbildung oder ein Studium nicht vor dem Absturz in die
Arbeitslosigkeit. Hinzu kamen die sogenannten „working poor“, Menschen, die
trotz Arbeit kaum genug Geld hatten um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, zwar
Anspruch auf Unterstützungsleistungen hatten, diese jedoch entweder aus Un-
kenntnis oder aus Scham oft nicht wahrnahmen.
Die Angst vor sozialem Abstieg äußerte sich zum einen in dem Bedürfnis, sich
durch die Feindschaft gegenüber anderen Gruppen von Menschen aufzuwerten,
und zum anderen darin, Schuldzuweisungen an diese Gruppen zu erteilen, um die
eigene Unsicherheit erklären und verarbeiten zu können. Durchzogen war diese
ablehnende Haltung von einer auf Ökonomie reduzierten Denk- und Handlungs-
weise, die Menschen vor allem nach ihrer Nützlichkeit und ökonomischen Leis-
tungen beurteilte. Die Ökonomisierung, die als zentrale Sichtweise spätestens seit
den 90ern die Gesellschaft ergriffen hatte, zeigte sich hier in der Beurteilung von
Menschen nach wirtschaftlichen Kriterien:
7.2 Deutsche Zustände 261

„Insgesamt ist eine ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse empirisch


belegbar. Es wird deutlich, daß der autoritäre Kapitalismus, dessen Zähmung in
den ersten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik noch zu gelingen schien, inzwi-
schen außer Kontrolle geraten ist. Die speziÀsche Form der Gewalt, die mit diesem
in den höheren Stockwerken der Wirtschaft und Politik verbreiteten Desinteresse
an sozialer Integration, das längst tief in die Poren einer sich aufspaltenden Ge-
sellschaft eingedrungen ist, einhergeht, wird zum Motor einer fortgesetzten sozialen
Polarisierung.“ (Heitmeyer 2012, S. 27)

Die Autorität dieses Kapitalismus besteht darin, dass die Menschen sich den Zwän-
gen der Ökonomie unterordnen müssen: Immer mehr schlecht bezahlte und befristete
Arbeitsverhältnisse ohne soziale Sicherheit, der Druck, der durch die hohen Arbeits-
losenzahlen auf die (noch) regulär Beschäftigten wirkt, sodass sie weniger Mut haben,
sich gegen Anordnungen „von oben“ zur Wehr zu setzen; die größeren Zumutungen,
die Arbeitslose bei einer neuen Beschäftigung akzeptieren müssen, weil ihnen sonst
die Unterstützung gestrichen wird, und die Angst, das eigene Ersparte erst aufbrau-
chen zu müssen, bevor „Hartz IV“ in Kraft tritt, waren gefürchtete oder auch reale
Bedingungen, unter denen die Menschen in diesem Jahrzehnt lebten.
In den ersten 10 Jahren des 21. Jahrhunderts äußerten sich durchgängig über
10 % der Menschen mit Arbeit zustimmend zu der Frage, ob sie große Angst vor
Arbeitslosigkeit haben; um die 20 % war die Zustimmung derjenigen Erwerbstäti-
gen, die mal mehr, mal weniger Angst hatten, ohne Arbeit zu sein; fast ein Drittel
der erwerbstätigen Bevölkerung lebte somit trotz eines Arbeitsplatzes in Furcht,
diesen zu verlieren (s. Mansel/ Heitmeyer/Christ/Heitmeyer 2012, S. 114).
Die individuellen wie sozialen Verunsicherungen verstärkten die Ablehnung
der sich etabliert Wähnenden gegenüber Menschen mit anderen Merkmalen. So
stieg im Laufe der Dekade beispielsweise die Zustimmung zu Äußerungen wie
„Die Obdachlosen in den Städten sind unangenehm“ und „Die meisten Obdach-
losen sind arbeitsscheu“ (s. Heitmeyer 2012, S. 39). Auch Statements wie „Die
meisten Arbeitslosen sind nicht wirklich interessiert, einen Job zu Ànden“ oder
„Ich Ànde es empörend, wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Ge-
sellschaft ein bequemes Leben machen“ fanden im Laufe des Jahrzehnts höhere
Zustimmung (s. Heitmeyer 2012, S. 39).
Diese allgemeine Diffamierung von Menschen ohne Erwerbsarbeit, denen ein
bequemes Leben auf Kosten der Allgemeinheit unterstellt wurde – in Zeiten von
Hartz IV eine absurde Aussage – führte dazu, dass diejenigen, die von Erwerbslo-
sigkeit betroffen und dadurch ohnehin vom sozialen Leben ausgeschlossen waren,
Scham- und Schuldgefühle aufgrund ihrer sozialen Stellung entwickelten. Neben
den materiellen Sorgen hat Arbeitslosigkeit für die Betroffenen auch psychische
Folgen:
262 7 Die zweitausender Jahre

„Ist es nun die übermächtige Arbeitslosenverwaltung, der Frust aufgrund vieler


erfolgloser Bewerbungen, das Gefühl von der Gesellschaft ungerecht behandelt zu
werden, die öffentliche Diffamierung, die Erfahrung von Armut und Stigmatisie-
rung, die HilÁosigkeit oder das Schuldgefühl, nicht mehr für sich sorgen zu können?
Es gibt vielerlei Gründe, warum sich erwerbslose Menschen als Bürger zweiter und
dritter Klasse herabgesetzt fühlen. Viele reagieren darauf mit Rückzug ins Private
und anderen Formen von Vereinzelung und Resignation, andere wiederum versu-
chen ihre Arbeitslosigkeit gegenüber ihrer Umwelt zu verheimlichen.“ (Jäger 2011,
S. 162)

Neben Rückzug und Isolation ist die Suche nach Schuldigen und „Sündenböcken“
eine weitere Form der Verarbeitung. In diesem Kontext ergab sich eine verstärkte
Betonung von Deutschen für die Rechte der Einheimischen, und – damit einher-
gehend – eine stärkere Ablehnung von Menschen mit Migrationshintergrund, die
sich in der Zustimmung zu Aussagen zeigten wie der, dass man Deutsche bei der
Vergabe von Arbeitsplätzen bevorzugen sollte oder dass zu viele AusländerInnen
in Deutschland leben (s. Heitmeyer 2012, S. 38). Die wachsende Abneigung gegen-
über Menschen anderer ethnischer Herkunft zeigte sich auch in der Gründung der
„Bürgerbewegung pro Deutschland“ im Jahr 2005. Diese Bewegung trat für eine
restriktive Politik gegenüber MigrantInnen ein, es gab personale Überschneidung
zu rechtsradikalen Kreisen. Obwohl sie bei Wahlen nicht allzu erfolgreich war,
sorgte sie doch für eine Verschiebung des politischen Spektrums nach rechts.
Die Verächtlichmachung von Hartz-IV-BezieherInnen geschah auch medial,
etwa wenn der Moderator Thomas Gottschalk Bierdosen als „Hartz-IV-Stelzen“
bezeichnete oder die Massenpresse über „Florida-Rolf“ und „Viagra-Kalle“ be-
richtete. Hier schwang immer latent der Vorwurf mit, die Erwerbslosen würden
sich mit ihren Transfereinkommen ein schönes Leben ohne Arbeit machen und
es sich in der „sozialen Hängematte“ bequem einrichten. In den Schilderungen
über das Leben von Menschen, die Hartz IV bezogen, vor allem in diversen
„Doku-Soaps“ im Kommerzfernsehen, wurde ein Bild von Langzeitarbeitslosen
gezeichnet, das diese als ungepÁegt, sich ungesund ernährend, ihre Körper ver-
nachlässigend, Nikotin und Alkohol missbrauchend und dick darstellte. Vor allem
der unterstellte nachlässige Umgang mit dem Körper wurde zum Aufhänger für
herablassende Kommentare, die Schuld an ihrer Lage wurde den Erwerbslosen
selbst gegeben.
Nicht nur in den Massenmedien wurde ein äußerst verzerrtes Bild von Men-
schen in Armut gezeichnet, auch in Wissenschaft und Publizistik gab es Diffamie-
rungen, die hier von Seiten der Etablierten kamen: Der FDP-Politiker Westerwelle
unterstellte Langzeitarbeitslosen, dass sie ein Leben in „spätrömischer Dekadenz“
führten; der Karlsruher Philosoph Sloterdijk sprach von einer „Staatskleptokra-
7.2 Deutsche Zustände 263

tie“, in der der Staat den gut Verdienenden über Steuern das Geld wegnimmt, um
es den Arbeitslosen zu geben:

„Lebten im ökonomischen Altertum die Reichen unmissverständlich und unmittel-


bar auf Kosten der Armen, so kann es in der ökonomischen Moderne dahin kom-
men, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosen der Produktiven leben – und dies
zudem auf missverständliche Weise, nämlich so, dass sie gesagt bekommen und
glauben, man tue ihnen Unrecht und man schulde ihnen mehr.“ (Sloterdijk, FAZ
v.13.6. 2009)

Großes Aufsehen erregte im Jahr 2010 das Buch „Deutschland schafft sich ab“
von Thilo Sarrazin. Dieses Buch mit dem Untertitel „Wie wir unser Land aufs
Spiel setzen“ erreichte die beachtliche AuÁage von 1,5 Millionen Exemplaren.
Sarrazin, zur damaligen Zeit Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, griff
hier neben EmpfängerInnen von Transfereinkommen insbesondere Menschen mit
Migrationshintergrund und hier vor allem MuslimInnen an, denen er unterstellte,
sich nicht produktiv am Wirtschaftsleben zu beteiligen und stattdessen ihren Le-
bensunterhalt auf Kosten der Allgemeinheit zu bestreiten:

„Wirtschaftlich brauchen wir die muslimische Migration in Europa nicht. In jedem


Land kosten die muslimischen Migranten aufgrund ihrer niedrigen Erwerbsbeteili-
gung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse mehr, als
sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen.“ (Sarrazin 2010, S. 267)

Auch hier wird die Stoßrichtung deutlich: Angeblich an Arbeit uninteressierte und
zur Integration unwillige Menschen mit Migrationshintergrund werden diffamiert
und in Gegensatz zur einheimischen Mehrheitsbevölkerung gesetzt.
Daraus resultiert bei Sarrazin die Furcht vor einem wachsenden islamischen
EinÁuss:

„Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben
können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und
Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und
arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus
vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.“ (Sarrazin 2010, S. 308)

Ob Westerwelle, Sloterdijk oder Sarrazin: Es handelt sich jeweils um einen „An-


griff der Leistungsträger“ (Rehmann/Wagner 2010), um Diffamierungen aus den
Reihen der Ànanziell gut gesicherten und wohlhabenden „Eliten“, die diejenigen,
264 7 Die zweitausender Jahre

die unter den wirtschaftlichen Umständen am meisten zu leiden haben, nämlich


Hartz-IV-EmpfängerInnen und MigrantInnen, als unproduktive „Sozialschmarot-
zer“ darstellen. Insbesondere die Thesen Sarrazins trugen dazu bei, Vorurteile
gegenüber Menschen anderer ethnischer Herkunft zu stärken und die Kluft sowie
die Vorbehalte von Deutschen gegenüber MigrantInnen (und umgekehrt) zu ver-
tiefen.
Mangelnde wirtschaftliche Perspektive und die Angst vor Armut und sozialer
Ausgrenzung führten auf der anderen Seite zu verstärkten Prozessen der Selbst-
ethnisierung. So führten das Gefühl, in Deutschland nicht erwünscht zu sein,
Erfahrungen mit Diskriminierung und dem alltäglichen Rassismus bei einigen
Jugendlichen türkischer Herkunft dazu, den Begriff „Türke“ nicht mehr als eine
Beleidigung, sondern – im Gegenteil – die Türkei und damit Türkinnen und Tür-
ken als anderen Menschen überlegen zu sehen. Dieser Prozess der Selbstethnisie-
rung dient dazu, Kränkungen und Abwertungen der eigenen Herkunft zu kompen-
sieren. Der Sozialwissenschaftler Kemal Bozay hat beobachtet, „dass unter den
Migranten und hier insbesondere Jugendlichen mit Migrationshintergrund eth-
nisch-nationalistische IdentiÀkations- und Organisationsmuster immer stärker
in den Mittelpunkt rücken.“ (Bozay 2005, S. 9) Ideologien, die die eigene Ethnie
gegenüber anderen aufwerten, erweisen sich für männliche Jugendliche als ver-
führerisch, wie Bozay bei seinen Forschungen herausgefunden hat:

„Begleitet werden alle diese JungenbiograÀen, die von türkischen (rechts) nationa-
listischen Vereinigungen mobilisiert werden, von Ausgrenzungserfahrungen, Pers-
pektivlosigkeit, BildungsdeÀziten und Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt
und Ausbildungsmarkt. Erfahrungen zeigen, dass Chancenungleichheit und Diskri-
minierungserfahrungen bei Migrationsjugendlichen häuÀger dazu führen, dass sie
sich mehr denn je aus der Mehrheitsgesellschaft und von ihren Werten abgrenzen,
zurückziehen und ihre ‚eigene Welt‘ suchen.“(Bozay 2010, S. 179)

Im Zeichen der wirtschaftlichen Krise und der für große Teile der Bevölkerung
unsicheren und prekären Lebensverhältnisse ist Deutschland im ersten Jahrzehnt
des neuen Jahrtausends ein Land, das durch tiefe soziale und ökonomische Gegen-
sätze gekennzeichnet ist: Auf der einen Seite eine immer reicher werdende Schicht
von „Eliten“, der auf der anderen Seite immer mehr Menschen in Armut gegen-
über stehen, wodurch der soziale Zusammenhalt und die soziale Stabilität immer
stärker in Gefahr geriet: Menschen in Arbeit gegenüber erwerbslosen Menschen,
Menschen deutscher Herkunft gegen Menschen anderer Nationalitäten sind letzt-
lich Ausdruck ökonomischer Unsicherheit und von Versuchen, das eigene Ich und
die eigene Gruppe in einer unsicheren und immer unübersichtlicheren Welt zu ret-
ten. In dieser Gesellschaft, in der sich die Menschen immer stärker über Reichtum
7.3 Sexualität in Zeiten des Internets 265

und Besitz deÀnieren, in der die „Prominenten“ und die, die „es geschafft“ haben
medial gefeiert werden und in der zugleich denjenigen, die in oder am Rande der
Armut leben noch mit Verachtung und Spott begegnet wird, hat sich das soziale
Klima verschärft.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als gesellschaftliche Tendenz bedeu-
tet, dass sich statt eines solidarischen Vorgehens Menschen gegeneinander posi-
tionieren und an die Stelle von Solidarität und Respekt zunehmend Konkurrenz,
Abwertung und Feindschaft treten.
Zu den sozialen (Abstiegs-)Ängsten kam in den 2000er Jahren noch eine ver-
stärkte Angst vor der wachsenden Umweltzerstörung hinzu: Neben den Ängsten
wegen der fortschreitenden Umweltvergiftung, der Besorgnis um die Abholzung
der Wälder oder die Gefahren der Chemie- und Atomindustrie gab es vor allem
seit der zweiten Hälfte des Jahrzehnts beunruhigende Unwetter- und ÜberÁu-
tungskatastrophen. Berichte über den Klimawandel, das Schmelzen der Pole und
das Ansteigen des Meeresspiegels sorgten für eine zusätzliche ökologische Ver-
unsicherung.

7.3 Sexualität in Zeiten des Internets

Die Ausbreitung des Internets im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hatte
gravierende Auswirkungen auf die Sexualität. Gab es im Verlauf der 80er Jahre
durch den Videorecorder schon einen Schub hin zur Verbreitung professioneller
SexÀlme, so war dazu doch noch der Gang in eine Videothek erforderlich, der
mit Aufwand und eventuell auch Schamgefühlen verbunden war. Der Internetan-
schluss ermöglicht dagegen, ständig und ohne Barrieren an Material mit sexuellem
Inhalt zu gelangen. Als „das größte Warenhaus der Sexualität, das je auf der Welt
existierte“ (Dannecker 2009, S. 31), erlaubt das Internet einen Zugriff auf eine
ungeheure Menge von Webseiten mit erotischen, sexuellen und pornograÀschen
Inhalten. Ende des Jahrzehnts ergibt der Suchbegriff „Sex“ bei Google ca. 45 Mil-
lionen Seiten. Hier ist für fast jede sexuelle Vorliebe etwas Passendes zu Ànden:
Von „Amateur Babes“, „Anal Sex“, „Anspritzen“ und „Asiatin“ über „BDSM“,
„Bisex“, „Große Schwänze“ und „Blowjobs“ bis hin zu „Fickmaschinen“, „Gang
Bang“, „Hardcore“, „Homo“ und „Nylons“. Eine vollständige Aufzählung der
unterschiedlichen Kategorien würde ganze Seiten füllen, selbst eine gut ausgestat-
tete Videothek könnte lediglich einen Bruchteil dieses Angebotes in den Regalen
lagern. Dies sind nur die legalen Seiten für Erwachsene, darüber hinaus existiert
ein Markt mit unerlaubter PornograÀe wie beispielsweise Sexualität mit Kindern,
Tieren oder Gewalthandlungen.
266 7 Die zweitausender Jahre

Somit trägt das Internet zu einer weiteren Sexualisierung durch die ständige
Verfügbarkeit von Materialien mit sexuellem Inhalt bei und zugleich zu einer Ver-
vielfältigung der zu betrachtenden sexuellen Praktiken und Vorlieben. Vollkom-
men zu Recht wird von feministischer Seite kritisiert, dass der Mainstream der im
Internet dargestellten Praktiken eine Sexualität darstellt, die in erster Linie hetero-
sexuelle Stereotypen wiederholt und auf die Spitze treibt:

„Die vom Spätkapitalismus geprägten formalen Regeln der PornograÀe sind der
Dreh- und Angelpunkt der modernen sexuellen Gefühllosigkeit: eine endlose Para-
de von rumpÁosen Schwänzen, die in irgendwelche Löcher eindringen, eine freudlo-
se, industrialisierte Sexualität mit Áießbandmäßig pumpenden Kolben, die ständig
darum bemüht ist, neu gesteckte Grenzen des „Hardcore“ in Geld zu verwandeln,
mehr Wichse zu melken, Analmuskeln weiter zu dehnen und Körperöffnungen zur
doppelten, dreifachen, vierfachen Menge an gesichtslosem GenitalÁeisch zu öff-
nen.“ (Penny 2012, S. 28)

Die Einführung des Internets hat der Sexindustrie ein riesiges Geschäftsfeld mit
Milliarden schwerem Umsatz eröffnet, kostenlos ist dabei oft nur ein kleiner Teil
der Filme oder Bilder, der die Neugierde und das Interesse wecken soll, der über-
wiegende Teil muss per Kreditkarte bezahlt werden: Der Umsatz, der mit porno-
graÀschen Seiten im Netz erzielt wird, beträgt nach Schätzungen ca. 30 Milliarden
Euro im Jahr (s. Möller 2008, S. 467).
Durch die Verbreitung von Webcams entfällt im Internet tendenziell die Tren-
nung in ProduzentInnen und KonsumentInnen, dann nämlich, wenn in „Home-
Studios“ unabhängig von den kommerziellen Studios Pornos produziert und auf
verschiedenen Portalen ins Netz gestellt werden, sodass prinzipiell jede und jeder
zur Darstellerin oder zum Darsteller in pornograÀschen Produkten werden kann.
In diesem Sinne kann davon gesprochen werden, dass die ständig verfügbare
Sexualität im Internet zu einer verstärkten Sexualisierung der Gesellschaft bei-
trägt und dadurch eine Abstumpfung und auch eine Absenkung der Schamgrenzen
zur Folge hat.

„Verglichen mit der Sexualität in der realen Welt ist die Sexualität im Internet
schamlos, was schon an den ins Netz gestellten Fotos abzulesen ist, die deshalb als
pornograÀsch zu bezeichnen sind, weil ihr Zweck nur darin liegt, den Betrachter
zu sexualisieren. Noch prägnanter wird die im Netz vorhandene Schamlosigkeit in
den Webcam-Portalen, denn dort zeigen sich reale Personen, häuÀg auch mit ihren
Gesichtern, bei den unterschiedlichsten sexuellen Praktiken, wobei allerdings zu-
meist ‚nur‘ masturbiert wird. Aber es gibt durchaus auch hetero- und homosexuelle
Paare, die einen Geschlechtsverkehr aufführen, um sich bei diesem beobachten zu
lassen.“ (Dannecker 2009, S. 41)
7.3 Sexualität in Zeiten des Internets 267

Der Konsum von PornograÀe im Internet ist je nach Geschlecht unterschiedlich


verteilt, es sind vor allem Männer, die diese Angebote in Anspruch nehmen.

„Ein erheblicher Teil der Bevölkerung nutzt die sexuellen Angebote im Internet in-
zwischen so regelmäßig, dass die internetgestützte Sexualität zum festen Bestandteil
ihres sexuellen Repertoires, oder, mit anderen Worten, zu einem habitualisierten se-
xuellen Verhalten geworden ist. Im Hinblick auf die erwachsene Bevölkerung lässt
sich wohl sagen, dass für Männer die Internetsexualität im Begriff ist, zu einer
neuen Sexualform im Sinne eines habitualisierten sexuellen Verhaltens geworden
ist.“ (Dannecker 2009, S. 33)

Die deutliche Überrepräsentanz der Männer bezieht sich sowohl auf das Betrach-
ten von Bildern und Filmen mit sexuellem Inhalt als auch auf das Wahrnehmen
von sexuellen Dienstleistungen, die im Internet angeboten werden.
Der Konsum von Internetsexualität kann innerhalb der jeweiligen Beziehung zu
Spannungen führen. „Wenn er virtuell fremd geht“ (Brandenburg 2009), kann dies
bei Entdecken durch die Partnerin oder den Partner zu Problemen führen, weil er
oder sie unsicher werden könnte über die eigene erotische Attraktivität oder die
sexuelle Zufriedenheit des Partners innerhalb der Beziehung.
Auch die Chatrooms, Portale, in denen sich über Sexualität ausgetauscht wer-
den kann, werden in erster Linie von homo- und heterosexuellen Männern be-
sucht. Chatrooms bieten den Vorteil, dass Menschen mit speziellen erotischen
und sexuellen Vorlieben sich austauschen und Treffen vereinbaren können, sodass
besondere sexuelle Praktiken von Gleichgesinnten gemeinsam ausgelebt werden
können.
Im Chatroom agieren die UserInnen mit einem Nickname, der die jeweils wirk-
liche Identität nicht zu erkennen gibt. Daher ist es auch möglich, sich als völlig an-
derer Mensch zu präsentieren und zu phantasieren, hier können sich Menschen als
attraktiv und begehrenswert darstellen, eventuelle eigene Unsicherheiten überspie-
len und einem sexuell unbefriedigenden Leben entÁiehen, da das „Risiko“ einer
realen zwischenmenschlichen Begegnung nicht eingegangen werden muss. Eigene
Unsicherheiten und Ängste können in Chat Rooms überspielt und bei unerwünsch-
ten vorgeschlagenen Handlungen oder Personen können diese einfach weggeklickt
werden. Es besteht die Gefahr einer Vermischung von Fantasie und Realität, wie
ein Sexualtherapeut berichtet, so

„verschwimmen bei einer Reihe von UserInnen, zumal bei jenen, die als KlientInnen
kommen, sehr häuÀg die Grenzen zwischen virtuell und real. Denn die Gefühle, die
sexuelle Erregung, die Neugierde, das Gefühl von Vertrautheit im anonymen Chat
sind im subjektiven Erleben sehr real.“ (Munding 2009, S. 28)
268 7 Die zweitausender Jahre

Daneben bietet das Internet die Möglichkeit des Cybersex, bei dem sich zwei Per-
sonen – zumeist mit ähnlichen oder vergleichbaren Neigungen – gegenseitig vor
ihren jeweiligen Computern stimulieren, ohne körperlichen Kontakt aufzunehmen.
Schließlich existieren auch Möglichkeiten, mittels Teledildonik, also mit Sen-
soren und Stimulatoren ausgestatteten Apparaten, körperliche Lusterfahrung mit
anderen Menschen ohne deren direkte Anwesenheit zu machen.
Das technische Potenzial des Internets mit seinen zahllosen Pornoseiten, Part-
nerbörsen, Verabredungen zum Sex in Chatrooms und Cybersex hat die Sexualität
im beginnenden neuen Jahrtausend verändert; gezeigte Sexualität in allen – ver-
botenen wie erlaubten – Varianten ist durch die Verbreitung des weltweiten Netzes
fast überall konsumierbar. Hinzu kommt eine veränderte Sexualmoral, was den
Spielraum für gesellschaftlich anerkannte Sexualpraktiken erweitert.
Hierzu passt auch die Tatsache, dass homosexuelle Orientierungen in den 00er
Jahren öffentlich sichtbarer waren als je zuvor: Vor allem schwule Männer wie
Guido Westerwelle, Klaus Wowereit, Hape Kerkeling oder Dirk Bach standen of-
fen zu ihrer Homosexualität.
Bestandteil des offeneren Umgangs mit Sexualität in ihren verschiedensten Va-
rianten ist die Tatsache, dass Sexualität immer weniger verborgen oder verschämt
besprochen und praktiziert wurde, sondern – im Gegenteil – zum Bestandteil eines
„Lifestyles“ aufstieg: Zu seiner Sexualität zu stehen, sich möglichst offen und „un-
verkrampft“ zu präsentieren und dabei nach Möglichkeit den Anschein von Prüde-
rie oder „Spießigkeit“ zu vermeiden, wurde zu Merkmalen einer „modernen“ Le-
bensführung, wie es die Darstellerinnen der US-Serie „Sex and the city“ vorleben,

„ein bisschen bi, ein bisschen SM, ein bisschen voyeuristisch, exhibitionistisch, ein
paar Fetischparties, mal in den Swingerclub. Es geht um Möglichkeiten der Er-
regung und des Vergnügens, die zu nutzen wir medial geradezu angehalten wer-
den. Man probiert alles Mögliche aus, legt sich nicht fest, besetzt nichts wirklich,
sondern schreitet relativ mühelos zum Nächsten, sobald etwas an Reiz verliert.“
(Düring 2009, S. 60)

In ihrer Untersuchung mit dem Titel „Oversexed and underfucked“ beschäftigt


sich Iris Osswald-Rinner mit dem kulturellen Wandel der Sexualität seit den 50er
Jahren. Als Grundlage dient ihr die Ratgeberliteratur der jeweiligen Zeit, die die
zentralen Vorstellungen über „richtige“ und „gelungene“ Sexualität widerspiegeln.
Auf dieser Grundlage analysiert sie verschiedene sexuelle Skripts,
7.3 Sexualität in Zeiten des Internets 269

„eine Ansammlung bestimmter Handlungsoptionen, deren Einhaltung in einer auf-


einander abgestimmten Reihenfolge bedeutsam ist. Vordergründig ist hierbei, dass
den Beteiligten das Thema der Situation klar ist. Nur dann gibt es einen reibungs-
losen Ablauf. Der Skriptbegriff macht es somit möglich, nach Regieanweisungen für
sexuelles Verhalten zu suchen und Bilder unserer Kultur und implizite Normen aus-
Àndig zu machen. Gleichzeitig können Stabilitäten und Wandlungen ausgemacht
werden.“ (Osswald-Rinner 2011, S. 37)

Die 50er Jahre wurden beherrscht vom „Dornröschen-Skript“; Sexualität sollte


heterosexuell sein und innerhalb der Ehe stattÀnden, wobei der Mann die Aufgabe
hatte, die Frau in die Sexualität einzuführen. Ab Mitte der 70er Jahre setzte sich
das „Barbie & Ken-Skript“ durch: Die Ehe war nicht mehr der alleinige Ort für
Sexualität, Gleichberechtigung und gegenseitige Befriedigung wurden bedeutsam,
es wurde dazu geraten, Produkte der Sexindustrie zu konsumieren. Ab Mitte der
80er, in den Zeiten von AIDS, gewann das „Adam & Eva-Skript“ an Bedeutung:

„Als erste drastische Maßnahme wird ihnen die Methode schnell wechselnder Part-
nerschaften zur Vermeidung von Eintönigkeit und Langeweile mit Hinweis auf zahl-
reiche Risiken und Nebenwirkungen von der inneren Leere bis hin zur InÀzierung
mit dem todbringenden Virus untersagt.“ (Osswald-Rinner 2011, S. 175)

Hier steht nicht mehr der (heterosexuelle) Geschlechtsverkehr im Mittelpunkt,


sondern der ganze Körper soll in eine kommunizierte, ausgehandelte und auf
gegenseitiger Befriedigung beruhende Sexualität einbezogen werden.
Ab dem neuen Jahrtausend schließlich ist das „Ich & Ich-Skript“ dominierend
in der Ratgeberliteratur, das auf den einfachen Nenner gebracht werden kann:

„Ein Paar ist, wer gerade Sex miteinander hat“. (Osswald-Rinner 2011, S. 215)

Im Ich & Ich-Skript kommen die sozialen Bedingungen, unter denen Sexualität
seit dieser Zeit gelebt wird, zum Ausdruck: die zunehmende Individualisierung
von Lebensläufen, das Verschwinden der Sexualmoral „von oben“ und die – durch
das Internet beschleunigten – erweiterten Möglichkeiten, Sexualität zu leben, wo-
bei das individuelle Glück und die individuelle sexuelle Zufriedenheit im Mittel-
punkt stehen:
270 7 Die zweitausender Jahre

„Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ICH und ICH der Selbstliebe ver-
pÁichtet sind und dass jede Form der sexuellen Betätigung auf das eigene Glück
zielt. Zwei ICHs haben Sex miteinander, weil sie Sex lieben und weil sie ein sexuell
aufregendes und möglichst einmaliges Erlebnis haben wollen. Wiederholungen sind
nicht gewünscht.“ (Osswald-Rinner 2011, S. 223)

Volkmar Sigusch bezeichnet den Wandel im sozialen Umgang mit Sexualität seit
den 80er Jahren als dritte oder „neosexuelle“ Revolution. Während der ersten se-
xuellen Revolution am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts standen der
Kampf gegen die Rechtlosigkeit der Frau und für eine Sexual- und Lebensreform
im Mittelpunkt. Die zweite Revolution – um 1968 – kämpfte für eine Befreiung
der Sexualität und das Recht auf Sexualaufklärung. In den 80er Jahren beginnt
schließlich die dritte, neosexuelle Revolution:

„In diese Zeit fällt die Debatte um Sex und Gender, der Einbruch der Krankheit
AIDS, ein neuer Missbrauchsdiskurs sowie die digitale Revolution samt Aufkom-
men emergenter Internet-Sexualitäten.“ (Sigusch 2013, S. 227)

In diesem Kontext wird der Sexualität nicht mehr das revolutionäre Potenzial
unterstellt, wie es bei einigen TheoretikerInnen der Studierendenbewegung noch
der Fall war.

„Das, was die Generation der zweiten sexuellen Revolution als Rausch, Ekstase,
und Transgression ersehnten, wurde am Beginn der dritten sexuellen Revolution
unter dem Aspekt der Geschlechterdifferenz, der sexuellen ÜbergrifÀgkeit, der
Missbrauchserfahrung, der Gewaltanwendung und der Infektionsgefahr problema-
tisiert (....) Seither wird Sexualität ganz offensichtlich nicht mehr als die große Me-
tapher des Rausches, der Lust, des Höhepunktes, der Revolution, des Fortschritts
und des Glücks überschätzt und positiv mystiÀziert. Je unablässiger und aufdring-
licher Erotisches und Sexuelles in den letzten Jahrzehnten öffentlich inseriert und
kommerzialisiert wurde, desto mehr verlor es an Sprengkraft, desto banaler wurde
es. Heute ist die Sexualität eher eine banal-allgemeine Selbstverständlichkeit...“
(Sigusch 2013, S. 229)

Doch trotz der Tendenzen hin zu einer Sexualität der Vielfalt und des Egoismus
jenseits von festen Zweierbeziehungen ist Sexualität, die sich innerhalb einer
dauerhaften Partnerschaft abspielt, ein weit verbreitetes Ideal. Sexualität steht
im Spannungsfeld einer ständig und in (fast) allen Formen vorgelebten Praxis im
Internet, der Lust auf den „Kick“, dem Ausprobieren ohne weitere VerpÁichtung
auf der einen und dem Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit, Harmonie, Beständigkeit
7.3 Sexualität in Zeiten des Internets 271

und Vertrauen auf der anderen Seite, wie der Sexualwissenschaftler Kurt Starke
für die Jahre nach dem Jahrtausendwechsel feststellt:

„Die subjektive Bedeutung der Sexualität ist freilich hoch. Untersuchungen der
letzten Jahre zeigen allerdings eine starke Relativierung der Sexualität: wichtig,
aber nicht sehr wichtig. Das kann als Bedeutungsverlust von Sexualität im moder-
nen Heute interpretiert werden, doch mehr noch kommt in den häuÀgen Relativie-
rungen eine Distanz zur Präsentation des Sexuellen in der Öffentlichkeit zum Aus-
druck, ein Sich-Wehren gegen die Hypertrophierung des Sexuellen und gegen den
sexuellen Leistungsdruck, eine Grenzziehung zum Allerweltssex, zur Beliebigkeit,
Dürftigkeit, OberÁächlichkeit.“ (Starke 2008, S. 400)

So stellt Starke fest, dass Frauen wie Männer als Wichtigstes in der Sexualität
nennen, „der geliebten Person nahe sein“, die zwischenmenschlichen Beziehungen
sind von großer Bedeutung für die jeweilige sexuelle Zufriedenheit:

„Nicht allein die Existenz einer Beziehung (und deren Dauer), sondern vor allem
die emotionale Qualität der Beziehung proÀlieren die sexuelle Aktivität im Erwach-
senenalter. (...) Wenn die gegenseitige Liebe gleichermaßen stark ist und auch das
Verlangen noch übereinstimmt, dann ist der Effekt am größten. Reziprozität der
Gefühle ist noch immer die günstigste Voraussetzung für eine sexuelle Interaktion.“
(Starke 2008, S. 405)

Eine feste Beziehung hat nach wie vor einen hohen Stellenwert bei Frauen wie
Männern in den 2000er Jahren, das Bedürfnis nach Zweisamkeit spielt eine große
Rolle, der Wunsch nach Halt in einer auf Dauer angelegten Verbindung in Zeiten,
die ökonomisch und sozial unsicher sind.
Zu berücksichtigen bei einem Blick auf die (heterosexuellen) Beziehungen und
Sexualität im neuen Jahrtausend ist ein gewandeltes Geschlechterverhältnis: Frau-
en sind besser ausgebildet und dadurch unabhängiger. Sie sind durch den feminis-
tischen Protest sensibilisiert gegenüber (sexuellen) männlichen Übergriffen und
schließlich ist auch das gesellschaftliche Leitbild nicht mehr das Bild der Frau in
der Küche und mit Kindern; an deren Stelle ist das Bild einer beruÁich erfolgrei-
chen, selbstbewussten Frau getreten.
Gegenüber dieser stärkeren Stellung von Frauen formierte sich eine „Männer-
bewegung“ mit dem Ziel, die Erfolge des Feminismus zurückzudrängen. Diesen
Männern – meist mit einem akademischen Hintergrund – wurde der Feminis-
mus als solcher zu einem Feindbild. In Organisationen wie „Familiennetzwerk
Deutschland“, „MANNdat“ oder „AGENS/Befreiungsbewegung für Männer“
sollte suggeriert werden, dass der Mann ein Opfer des Feminismus geworden sei,
272 7 Die zweitausender Jahre

Frauen über mehr Rechte verfügten und letztlich ein traditionelles Familienbild
wieder hergestellt werden sollte, zu dem auch die teils aggressive Ablehnung von
Homosexualität gehört.
Ein Biologismus, der eine „Natur“ der Geschlechter und der Sexualität behaup-
tet, der Mythos, dass Männer Opfer von Frauen seien, die Ablehnung von staat-
licher Geschlechterpolitik wie Frauenquoten oder Gender Mainstreaming bilden
das theoretische Fundament dieser Gruppen.
Doch zeigt schon ein Blick auf die empirischen Daten, dass die ökonomische
und politische Macht in Deutschland – trotz einer Kanzlerin Merkel – auch im
neuen Jahrtausend klar zu Gunsten der Männer verteilt war, woran auch die Ende
des Jahrzehnts aufkommende Diskussion um die sogenannten „Alpha-Mädchen“
(s. Haaf/Klinger/Streidl 2008) nichts änderte: Im Jahr 2012 waren 98 % der Chef-
redakteurInnen männlich, 81 % der ProfessorInnen, 96 % der Vorstände der bör-
sennotierten AGs, 92 % der ChefärztInnen, 67 % der RichterInnen und 85 % der
AufsichtsrätInnen; demgegenüber betrug die Quote der alleinerziehenden Männer
10 % (s. TAZ 17./18.11.2012).

7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft

Die 16. Shell Jugendstudie kam 2010 zu dem Ergebnis, dass eine pragmatische
Grundhaltung kennzeichnend für die Haltung der meisten Jugendlichen im neuen
Jahrtausend ist. Pragmatismus bedeutet einen Verzicht auf gegengesellschaftliche
oder gegenkulturelle Entwürfe, es ist die Grundhaltung, sich innerhalb gegebener
sozialer Strukturen zu bewähren und nicht aus der Gesellschaft „auszusteigen“.

„Kennzeichnend ist auch weiterhin die auffällig pragmatische Umgangsweise mit


den Herausforderungen in Alltag, Beruf und Gesellschaft. Leistungsorientierung
und das Suchen nach individuellen Aufstiegsmöglichkeiten im Verbund mit einem
ausgeprägten Sinn für persönliche Beziehungen im persönlichen Nahbereich prä-
gen diese Generation. Eine pragmatische Generation behauptet sich.“ (16. Shell
Jugendstudie 2010, S. 15)

Eine relativ hohe Zufriedenheit gab es bei der Mehrheit der Heranwachsenden
gegenüber dem Erziehungsverhalten der eigenen Eltern; fast drei Viertel der Ju-
gendlichen hatten die Absicht, die eigenen Kinder später genauso oder ungefähr so
zu erziehen, wie sie selbst erzogen wurden (s. 16. Shell Jugendstudie 2010, S. 15).
Für die überwiegende Zahl der Jugendlichen zu Beginn des neuen Jahrtausends
spielte „Familie“ eine große Rolle. Familie bedeutete für sie nicht mehr eine über-
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft 273

kommene Zwangsgemeinschaft mit autoritären Strukturen, Unterordnung und


Strafen, sondern – im Gegenteil – eine notwendige Unterstützung für die jeweilige
Lebensgestaltung in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit. Innerhalb
der Familie

„Àndet eine große Mehrheit der Jugendlichen den notwendigen Rückhalt und die
positive emotionale Unterstützung auf dem Weg ins Erwachsenenleben. So haben
mehr als 90 % der Jugendlichen ein gutes Verhältnis zu ihren eigenen Eltern, 35 %
kommen bestens miteinander aus, und weitere 56 % kommen klar, auch wenn es
gelegentlich Meinungsverschiedenheiten gibt.“ (16. Shell Jugendstudie 2010, S. 17f)

In Bezug auf ihre politische Einstellung ordneten sich Heranwachsende „auch wei-
terhin etwas links von der Mitte“ (16. Shell Jugendstudie 2010, S. 20) ein, aller-
dings bei einer relativ hohen Zufriedenheit mit den sozialen Verhältnissen.
Bei diesen empirischen Befunden über „die Jugend“ in Deutschland, die durch-
schnittliche Werte ermittelt, darf aber keineswegs übersehen werden, dass es nach
wie vor eine nicht unbeträchtliche rechte Szene mit ausländerfeindlichen, antise-
mitischen und stark autoritären Ideologien gab, die nicht davor zurückschreckte,
ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Auf der anderen Seite entwickelte sich – vor
allem in linken Milieus an Hochschulen – eine „Generation ATTAC“ (Stay 2006),
die sich kritisch mit den Folgen einer Politik auseinandersetzte, die ausschließlich
den Wohlhabenden diente und zu einer gravierenden Spaltung der Gesellschaft in
Reich und Arm geführt hat.
Die Diskussion über die Jugend in Deutschland zu Beginn der Dekade wurde
stark von den Ergebnissen der PISA-Studie bestimmt. PISA, die Abkürzung für
Programme for International Student Assesment (Programm zur internationalen
SchülerInnenbewertung) war eine internationale Schulleistungsuntersuchung, die
zum Ziel hatte, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse von 15-Jährigen zu unter-
suchen, wobei die deutschen Schülerinnen und Schüler in Relation zu den Gleich-
altrigen anderer Länder relativ schlecht abschnitten, was den Spiegel zu dem Titel
„PISA – sind deutsche Schüler doof?“ (Spiegel 50/01) veranlasste. Die Reaktionen
auf die Studienergebnisse waren durchaus vergleichbar mit denen, die auf die von
Picht diagnostizierte Bildungskatastrophe in den 60er Jahren erfolgten: Es war
in erster Linie die Befürchtung, Deutschland könne, was die Leistungen und Fä-
higkeiten der Heranwachsenden betrifft, den Anschluss an die Wettbewerbsfähig-
keit verlieren und würde ökonomisch abgehängt, sodass dem „Wirtschaftsstand-
ort Deutschland“ Nachteile im internationalen Wettbewerb entstehen (s. Baumert
2003).
274 7 Die zweitausender Jahre

Vor allem aber zeigten die Ergebnisse der PISA-Studie, dass der Zusammen-
hang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in keinem vergleichba-
ren Land so stark ist wie in Deutschland: Bildung und Bildungstitel werden in
Deutschland „vererbt“, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen oder
Junge mit einem akademisch ausgebildeten Elternteil später einmal Abitur macht
und ein Studium beginnt, deutlich höher ist als bei einem Kind oder Jugendlichen
aus einer nicht-akademische Herkunftsfamilie. Bei Kindern, die in Familien auf-
wachsen, deren Eltern über keinen Schul- oder Berufsabschluss verfügen, ist die
Wahrscheinlichkeit einer akademischen Laufbahn äußerst gering, wobei dieser
Zusammenhang auch noch am Ende des Jahrzehnts besteht, wie die 16. Shell Ju-
gendstudie feststellte:

„Eine bildungsferne Herkunft führt immer noch mit einer scheinbar unausweich-
lichen Dynamik dazu, sich auch selber keine hinreichenden Bildungsvoraussetzun-
gen für eine sichere Perspektive aneignen zu können.“ (16. Shell Jugendstudie 2010,
S. 15)

Ein weiteres Ergebnis der PISA-Studie war, dass Mädchen in Relation zu Jungen
bedeutend bessere schulische Leistungen aufweisen, was wiederum den Spiegel zu
dem Titel „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen“ veranlasste (Der Spiegel 21/2004).
Ähnlich panisch wie die Reaktionen auf die Ergebnisse der PISA-Studie waren
gegen Ende des Jahrzehnts die Diskussionen um eine angebliche sexuelle Verwahr-
losung der Jugend, wie sie die Niederländerin Myrthe Hilkens in dem Buch „McSex.
Die PornoÀzierung unserer Gesellschaft“ (Hilkens 2010), vor allem aber Bernd Sig-
gelkoff und Wolfgang Büscher mit „Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder
nicht mehr lernen, was Liebe ist“ (Büscher/Siggelkoff 2010) heraufbeschworen.
Dieses Buch brachte den Autoren den Besuch in zahlreichen Talkshows ein und
wurde zum SPIEGEL-Bestseller. Auf der Rückseite des Buches heißt es:

„Deutschlands Kinder und Jugendliche haben immer früher Sex, wissen aber oft
nicht, was Liebe ist (...) Nicht nur haben sie immer früher Sex, sondern auch immer
häuÀger, mit ständig wechselnden Partnern, mit völlig Fremden und ohne Scham
auch öffentlich. Sex als Ware, als Droge, als Ersatz für fehlende Liebe, Geborgen-
heit und Wärme.“ (Büscher/Siggelkoff 2010. Text auf der Umschlagseite).

Das Buch ist mit zahlreichen Fallbeispielen versehen, in denen einzelne Mädchen
wie Jungen Opfer einer Pornowelle werden, Sex nur noch als Leistung ohne innere
Bindung betrachten und der Gefahr der unontrollierten sexuellen Enthemmung
unterliegen.
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft 275

Unstrittig ist, dass Jugendliche seit der massenhaften Verbreitung des Inter-
nets einfach an die diversesten Materialien mit sexuellem Inhalt kommen können.
Allerdings sind die Thesen der Autoren nicht empirisch fundiert, es handelt sich
lediglich um einzelne Beschreibungen Jugendlicher, wobei Skandalberichterstat-
tungen und Horrormeldungen zum Thema Jugend und Sexualität in der Regel auf
ein großes öffentliches Interesse stoßen.
Die sexualwissenschaftliche Forschung kommt zu vollkommen anderen Ergeb-
nissen. Angesichts der Verbreitung von PornograÀe und der Befürchtung, diese
werde als real genommen und von den Jugendlichen als Anleitung für ihre eigene
Sexualität aufgefasst und auch so umgesetzt, fragt der Sexualpädagoge Sielert:

„Das heißt aber noch nicht, dass Katastrophen drohen oder schon eingetreten sind.
Kinder und Jugendliche haben, aufgewachsen inmitten von BilderÁut und totaler
sexueller Information, andere Verarbeitungsmodi als die Älteren. (...) Warum unter-
stellen wir nicht, dass, gerade auch im Hinblick auf sexuelles Verhalten, den Ju-
gendlichen die Unterscheidung zwischen Realem und Fiktion auch gelingen kann?“
(Sielert 2005, S. 128)

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommt in ihrer empirischen


Untersuchung zur Jugendsexualität am Ende des Jahrzehnts zu dem Ergebnis, dass
sich die Tendenzen hinsichtlich einer erhöhten Akzeptanz von Eltern der Sexuali-
tät ihrer Kinder gegenüber, mehr Gleichheit der Geschlechter und eines verbes-
serten Verhütungsverhaltens durchgesetzt haben (s. BZgA 2010). Auch geschieht
der erste heterosexuelle Geschlechtsverkehr in der Regel nicht ohne Planung der
Jugendlichen:

„Ein geringer Anteil völlig Ahnungsloser ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem
entsprechend großen Anteil von Jugendlichen, die ganz gezielt ihr erstes Mal an-
gehen.“ (BZgA 2010, S. 123)

Bei aller Annäherung der Geschlechter bleiben allerdings geschlechtsspeziÀsche


Unterschiede in der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper. Wesentlich mehr Jun-
gen als Mädchen stimmten der Aussage „Ich fühle mich wohl in meinem Körper“
zu (s. BZgA 2010, S. 92–98), was zweifellos auf den nach wie vor höheren Druck
auf Mädchen wie Frauen zurückzuführen ist, ihre Körper als attraktiv zu präsen-
tieren und davon ihre subjektive Zufriedenheit abhängig zu machen. Dies ist mit
psychischen Belastungen für weibliche Heranwachsende verbunden:
276 7 Die zweitausender Jahre

„Ritzen, endlose Diäten, die ängstliche Überwachung des Körpergewichts, Anfäl-


ligkeit für ein geringes Selbstwertgefühl, Magersucht: Dies alles sind heute gesunde
Zeichen ungesunder Weiblichkeit, …“ (McRobbie 2010, S. 133)

Die große Popularität von Model- und Castingshows trug erheblich dazu bei, in-
dem das „Model“ für einen Teil der weiblichen Jugend zum Leitbild wurde.
Volkmar Sigusch bezeichnet die historische Entwicklung in der Jugendsexuali-
tät als einen Wandel von der Wollust zur Wohllust:

„Ging es früher um den Trieb des Mannes und den Orgasmus der Frau, geht es
heute darum, wie junge Frauen und Männer am besten miteinander zurechtkom-
men. Wichtiger als der sexuelle Akt ist eine feste Beziehung, in der sich die Partner
angenommen und aufgehoben fühlen. Pointiert gesagt ist das der historische Weg
von der Wollust zur Wohllust. Beschritten werden konnte er nur, weil Tabus und
Geschlechterdifferenzen abgebaut worden sind und sich Jungen allmählich trauen,
Gefühle zu zeigen und darüber mit ihrer Freundin zu sprechen, obgleich sie immer
noch eher als Mädchen dazu erzogen werden, stark und hart zu sein.“ (Sigusch
2013, S. 444)

Trotz aller Liberalisierung und größerer Präsenz schwuler Männer und lesbischer
Frauen in der Öffentlichkeit hatten junge Menschen mit bi- und homosexueller
Orientierung auch nach der Jahrtausendwende zum Teil noch große Schwierigkei-
ten, wenn sie zu ihrer sexuellen Vorliebe offen standen. Diskriminierung, der Ab-
bruch von Freundschaftsbeziehungen, große Probleme mit den eigenen Eltern und
der sozialen Umwelt erschwerten diesen Jugendlichen das Leben mit der Folge,
dass die Selbstmordrate bei ihnen signiÀkant höher war als bei den heterosexuel-
len Gleichaltrigen (s. Schwules Netzwerk NRW 2006).
Im Bereich der Jugendkulturen setzte sich die Tendenz zu einer Unüberschau-
barkeit und Vervielfältigung noch beschleunigt fort,

„so dass in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts eine kaum mehr überschaubare
Pluralität und Zersplitterung von unterschiedlichen jugendlichen Verhaltensweisen,
Orientierungen, Haltungen, Lebensstilen sowie inhomogenen jugendkulturellen Ein-
stellungen, Ausfächerungen und Stilisierungen vagabundiert.“ (Ferchhoff 2011, S. 193)

Klaus Farin beruft sich auf Marketingstudien, die bereits zu Beginn des Jahrzehnts
über 4.000 Jugendkulturen ausmachen (s. Farin 2001, S. 72); diese haben in der
Regel keinen umfassenden Anspruch hinsichtlich einer anderen Gesellschaft oder
einer Utopie, sie werden von den Jugendlichen zumeist auch eher von Fall zu Fall
gewählt, miteinander kombiniert und gewechselt, so
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft 277

„daß Jugendliche heute zwischen dem 11. und 19. Lebensjahr (...) im Schnitt sechs
bis acht dieser Kulturen durchlaufen und häuÀg sogar zwei oder drei Jugendkultu-
ren und -szenen parallel angehören“ (Farin 2001, S. 206).

In diesem Kontext bezeichnet er die Jugendlichen des beginnenden 21. Jahrhun-


derts auch als „Sampling-Genies“ (Farin 2001, S. 207).
Aufzuwachsen im Deutschland des neuen Jahrhunderts bedeutet für viele He-
ranwachsende auch ein Aufwachsen unter äußerst beschränkten materiellen Be-
dingungen; die Schere zwischen Arm und Reich, die immer größere Zahl von
Menschen, die ein Leben am Rand der Gesellschaft fristen müssen, betrifft auch
zahlreiche Kinder und Jugendliche. Studien aus dem Jahr 2008 kommen zu dem
Ergebnis, dass je nach Berechnungsgrundlage 12 %, 17 % oder sogar 26 % der Kin-
der und Jugendlichen als in Armut lebend bezeichnet werden können (s. Müller
2010, S. 211f); selbst wenn der geringste Prozentsatz angenommen wird, muss da-
von ausgegangen werden, dass mindestens jedes neunte Kind oder Jugendliche
unter stark eingeschränkten ökonomischen Bedingungen in der Bundesrepublik
aufwächst.
In einer Gesellschaft, in der der Wert und das Ansehen der Menschen in erster
Line über Konsum deÀniert werden, ist für diese Kinder ihre ökonomische Situ-
ation sehr stark mit Scham behaftet; sie leben in unterprivilegierten Lebenssitua-
tionen, in einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlter Arbeit
der Eltern, mangelnder Bildung und daraus resultierenden negativen individuellen
Aussichten. So stellt auch die 16. Shell Jugendstudie fest, dass der grundsätzliche
Optimismus und die Zufriedenheit der Heranwachsenden ein Durchschnittswert
ist, der nicht auf die Kinder und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft zutrifft:

„RückläuÀg ist die Zuversicht allerdings bei Jugendlichen aus der sozial schwächs-
ten Schicht. In 2010 sind es gerade noch ein Drittel (33 %), die sich optimistisch
äußern.“ (16. Shell Jugendstudie 2010, S. 16)

Insbesondere in sozialen Milieus, die über geringe ökonomische Möglicheiten ver-


fügten, war es zum Teil angesagt, sich gegenseitig zu „dissen“, das Gegenüber
zu beleidigen und herabzuwürdigen. Im Grunde setzten diese Jugendlichen mit
gegenseitigen Abwertungen wie „Du Opfer“ das fort, was ihnen ein Teil der Me-
dien als Umgangsform vormachte.
278 7 Die zweitausender Jahre

Doch auch diejenigen, die ein Studium absolviert haben, konnten nicht unbe-
dingt auf eine befriedigende Beschäftigung und dementsprechende Bezahlung
hoffen. Viele AbsolventInnen gehörten zur „Generation Praktikum“ und mussten
nach ihrem Studium in schlecht oder überhaupt nicht bezahlten Praktikumsstellen
arbeiten, ohne die Aussicht auf eine feste Anstellung.
Arm zu sein bedeutet nicht nur, von materiellem Konsum ausgeschlossen zu
werden, es hat auch immer eine Einschränkung der Lebensgestaltung jenseits
des Konsums zur Folge. Eine Untersuchung von pro familia hat ergeben, dass die
Wahrscheinlichkeit eines starken Machtgefälles in Beziehungen und die Gefahr
einer ungewollten Schwangerschaft im Jugendalter stark mit den ökonomischen
Ressourcen und dem Bildungsstand korrelieren: Je höher die Bildung und je bes-
ser die ökonomischen Perspektiven für Jugendliche sind, desto geringer wird die
Wahrscheinlichkeit einer ungewollten Schwangerschaft im Jugendalter und der
Gewalt in Beziehungen (s. Thoß/Weiser 2006).
Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind dabei wesentlich häuÀger
von Armut betroffen als Kinder deutscher Eltern (s. Butterwegge 2011, S. 142). Ein
nicht unbeträchtlicher Teil dieser Kinder stammt aus Familien, die sich zum islami-
schen Glauben bekennen; im Gegensatz zu den eher säkular orientierten deutschen
Familien spielt der Bezug auf die Religion in diesen Familien eine größere Rolle:

„Die Mehrheit der Muslime ist gläubig. Insgesamt 36 Prozent schätzen sich selbst
als stark gläubig ein. Weitere 50 Prozent geben an, eher gläubig zu sein.“ (Sen 2007,
S. 14)

Bei den Heranwachsenden muslimischen Glaubens zwischen 18 und 29 Jah-


ren deÀniert sich ein Fünftel als sehr religiös, die Mehrheit von 60 % als religiös
(s. Sen 2007, S. 19). Unter den Menschen muslimischen Glaubens sind dabei die
Türkischstämmigen die am häuÀgsten vertretene Nation (s. Sen 2007, S. 17).
Bei den in Deutschland lebenden Jugendlichen lässt sich insgesamt eine „Re-
ligion light“ in den alten Bundesländern, ein „ungläubiger Osten“ in den neuen
Bundesländern und eine „echte“ Religion in den islamischen Milieus feststellen
(s. 16. Shell Jugendstudie 2010).
Inhaltlich weist der in Deutschland praktizierte Islam eine enorme Bandbreite
auf, es gibt unterschiedliche Konfessionen, fundamentalistische, orthodoxe und
liberalere Grundauffassungen. Ebenso vielfältig wie die Bindung an die Religion
sind die Angebote islamisch orientierter Jugendkultur. Es hat sich eine breite Pa-
lette von sogenannten „Pop-Muslimen“, islamischer Streetwear, Angeboten für
die Suche nach islamischen PartnerInnen, islamisch orientierten Internetforen,
Jugendorganisationen und Musikstilen herausgebildet.
7.4 Jugend in der interkulturellen Gesellschaft 279

„Hunderttausende junger Muslime leben in Deutschland. In den vergangenen


Jahren haben sich unter ihnen vielfältige Jugendkulturen entwickelt, die sich ganz
bewusst auf den Islam beziehen. Es ist ein bunter, kleiner Kosmos – voller Wider-
sprüche.“ (Schule ohne Rassismus 2008, S.7)

Allerdings Ànden sich unter ihnen auch extremistische und radiale Strömungen,
die nicht mit demokratichen Grundwertn zu vereinbaren sind:

„Sie lehnen die Demokratie und individuelle Freiheitsrechte ab und befürworten


Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele.“ (Schule ohne Rassismus 2008,
S. 7)

Bei aller Unterschiedlichkeit innerhalb der Jugendlichen muslimischen Glaubens


ist insgesamt die Tendenz festzustellen, dass es kulturelle Unterschiede zwischen
dem eher „westlichen“ Lebensstil der deutschen Heranwachsenden – mit zentralen
Werten wie individueller Freiheit, Selbstverwirklichung, Konsum und Hedonis-
mus – und den Leitwerten von jugendlichen MuslimInnen gibt; hier spielen die
Orientierung an Familie, Tradition und Religion eine bedeutend größere Rolle:

„Strukturelle Basis für diese Unterschiede sind vor allem zwei Dimensionen: Ers-
tens die Kontinuität traditioneller Familienstrukturen und zweitens das Fortwirken
der normativen Bindungskraft religiös begründeter Normen und Werte für eine is-
lamisch orientierte Lebensführung.“ (Wensierski 2007, S. 61f)

Die Unterschiede in den Wertorientierungen in islamisch geprägten Familien


selbst zeigen sich in erster Linie im Autoritätsgefälle, dem Umgang mit Sexualität
und den Geschlechterrollen.
So kommt Ahment Toprak in einer Studie zu dem Ergebnis, dass der „religiös-
autoritäre“, der „autoritäre“ und der „konservativ-spartanische“ Erziehungsstil in
türkisch-stämmigen Familien öfter angewendet werden als der „verständnisvoll-
nachsichtige“ oder ein „permissiver Stil“ (s. Toprak 2004, S. 4).
Aushandlungsprozesse zwischen den Generationen oder Diskussionen sind
eher selten, denn:

„Den Eltern zu widersprechen gilt in traditionellen türkischen und islamischen Fa-


milien als ein höchst aufsässiges Verhalten und wird keineswegs mit Autonomie-
bestrebungen verbunden.“ (Uslucan 2011, S. 253)
280 7 Die zweitausender Jahre

In dieses eher autoritäre Erziehungskonzept fügt sich auch der Umgang mit Se-
xualität ein: Sie ist in den meisten muslimischen Familien kein Thema, über das
geredet wird, bei der Sexualerziehung innerhalb der Familien kann zwischen einer
repressiven und einer ausweichenden Variante unterschieden werden (s. Cagliyan
2006, S. 50–72). Dieser Umgang mit Sexualität führt zu einem konservativen und
rigiden Verständnis von Sexualität:

„Tabuisierung von Sexualität innerhalb der Familie, keine familiäre Sexualauf-


klärung, Tabuisierung und Verbot vor- und außerehelicher Sexualität, weitreichen-
des Virginalitätsgebot für junge Frauen, keine legitimen Experimentierräume für
sexuelle und geschlechtliche Erfahrungen (zumindest für Mädchen) und weitrei-
chende Sexualisierung des weiblichen Körpers. Sexualität erscheint hier nicht als
zentraler Wert der eigenen Identitätsbildung, sondern als eine religiös deÀnierte
Funktion der islamischen Familie und ihrer patriarchalen Sozialordnung.“ (Wen-
sierski 2007, S. 63)

Dieser strenge Umgang vor allem mit der weiblichen Sexualität führt dazu, dass
Mädchen und Frauen in den Möglichkeiten, ihre Körperlichkeit positiv zu erfahren
und sexuell selbstbestimmt zu leben, stark unterdrückt werden. In vielen Familien
werden die Mädchen kontrolliert, da die Jungfernschaft unter allen Umständen bis
zur Hochzeit erhalten bleiben muss. Vor allem in streng an Glauben und Tradition
orientierten Familien stehen sie unter der Kontrolle, ihren Körper nicht als „aufrei-
zend“ für andere Jungen und Männer zu präsentieren und sich auch bezüglich des
eigenen LustempÀndens zurückzuhalten; ihre Körper sollen verhüllt, „schamhaft“
sein, mit Zurückhaltung und Kontrolle sollen sie ihre untergeordnete Stellung zum
Ausdruck bringen. Mädchen mit muslimischem Hintergrund verfügen über erheb-
lich weniger sexuelle Erfahrungen im Vergleich zu deutschen Mädchen (s. BZgA
2010).
In ihren Grundzügen erinnern die in vielen türkisch-stämmigen Familien prak-
tizierten Umgangsformen und GepÁogenheiten stark an das Deutschland der 50er
und 60er Jahre: Ein starkes Machtgefälle zwischen den Generationen bei männ-
licher Vorherrschaft, Tabuisierung von Sexualität und eine geforderte Zurückhal-
tung von Mädchen und Frauen waren in den Jahrzehnten nach Kriegsende gesell-
schaftliche deutsche Normalität.
Diese Tendenzen sind innerhalb der Familien mit türkischem bzw. islamischem
Hintergrund sehr unterschiedlich ausgeprägt und Ànden ihre strengste Umsetzung
im religiös verwurzelten Milieu; auch ist die Rigidität, mit der die Regeln und Ge-
bote im Alltag umgesetzt werden, stark abhängig von den Ressourcen, über die die
jeweilige Familie verfügt, wobei höhere Bildung und ein höherer sozialer Status
tendenziell zu einem Abbau der Machtunterschiede beitragen:
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends 281

„Erhöhte Bildungsressourcen beider PartnerInnen, eine Erwerbstätigkeit der Ehe-


frau sowie gute Deutschkenntnisse gehen mit verstärkten autonomen Handlungen
und Verantwortlichkeiten der Ehefrau einher. Eine hohe Kinderzahl, hohes Alter,
starke religiöse Bindungen und vermehrte Bindungen an das Herkunftsland ver-
weisen eher auf eine Handlungs- und Kompetenzautonomie des Ehemannes.“ (Ka-
rakasoglu 2010, S. 21)

Auch sind Heranwachsende mit muslimischem Hintergrund benachteiligt, was


ihre Bildungsmöglichkeiten betrifft, sie sind stärker von Arbeitslosigkeit betroffen
als die deutschen Gleichaltrigen, zudem erleben sie im Alltag nicht selten Diskri-
minierungen aufgrund ihrer Herkunft. In dieser Situation der ökonomischen und
sozialen Unsicherheit bietet der Bezug auf Traditionen und Religion Sicherheit
und Orientierung (s. Rüttgers 2012), er erlaubt eine Abgrenzung von der als un-
moralisch verurteilten westlichen Gesellschaft. Für die männlichen Jugendlichen
kommt hinzu, dass mangelndes Selbstbewusstsein aufgrund der ökonomisch un-
befriedigenden Lage durch den Bezug auf eine Kultur kompensiert werden kann,
die ihnen die Vormachtstellung über Mädchen und Frauen sichert.

7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends

Die beschleunigte technische Entwicklung des Jahrzehnts, und hier insbesondere


die Verbreitung des Internets, hatte gravierende Folgen für die Lebenswelt und
die Gewohnheiten der Jugendlichen, wobei Jungen diese Möglichkeiten intensiver
nutzten als Mädchen: Im Durchschnitt waren Jungen am Ende des Jahrzehnts 15
Stunden wöchentlich online, Mädchen hingegen 10,7 Stunden (s. 16. Shell Jugend-
studie 2010, S. 83).
Die rasante technische Entwicklung hatte auch Auswirkungen auf die Verbrei-
tung und den Konsum von Musik. Die Einführung von MP3 als Medium zur Spei-
cherung und Übertragung von Musik ermöglichte es, große Mengen an Songs aus
dem Internet herunterzuladen und in kürzester Zeit auf Smartphones und MP3-
Player zu übertragen, was in der Musikbranche zu Sorgen über die Absatzzahlen
ihrer Produkte führte. Musik war nicht mehr an einen Träger wie Tonkassette,
Schallplatte oder CD gebunden, sie musste nicht mehr im Geschäft erworben oder
im Katalog bestellt werden, sondern stand mit der entsprechenden technischen
Ausstattung immer und überall zur Verfügung, was zu einer InÁation durch eine
Flut von Musik führte. Eine technische Ausrüstung mit den neuesten Produkten
wurde für viele Jugendliche zu einem Statussymbol, Technik zu einem zentralen
Bestandteil der jugendlichen Lebenswelt:
282 7 Die zweitausender Jahre

„PopKultur ist ein riesiger Industriezweig geworden, dessen Produkte sich neben
diversen Lifestyleartikeln, Fashion, Games, DVDs und anderer Unterhaltungselek-
tronik fast ausschließlich an den jungen Erwachsenen richten.“ (Hoersch 2006,
S. 658)

Die Zielgruppen für die Produkte der Popkultur wurden immer jünger, längst
waren es nicht mehr nur die „Teenager“, die als Interessierte gewonnen werden
konnten, auch schon Kinder im Grundschulalter zählten zu den potenziellen Ab-
nehmerInnen sowohl der technischen Ausrüstungen als auch der Mode in einem
hochprofessionellen und durchkalkulierten Markt.
Auf der internationalen Bühne feierten – wie schon zuvor – die „Megastars“
des Rock und Pop wie die Rolling Stones, Paul McCartney, Madonna oder U2 mit
gigantischem technischen Aufwand, riesigen Konzerten und Tourneen große Er-
folge; hinzu kamen in einer immer differenzierteren Branche aus unterschiedlichs-
ten Musikstilen diverse neue Stars, hier waren vor allem junge Frauen erfolgreich.
Millionen Platten konnten in diesem Jahrzehnt Jennifer Lopez mit den Alben
„J.Lo“ (2001) und „Rebirth“ (2005), die Kolumbianerin Shakira, die aus kom-
merziellen Gründen ab 2002 ihre Songs auf Englisch sang, und Christina Agui-
lera, eine US-Amerikanerin lateinamerikanischer Herkunft mit „Back to Basics“
von 2006, verkaufen. All diesen Frauen war gemeinsam, dass sie jung waren, ihre
Körper dem herrschenden Schlankheitsideal entsprachen und sie sich bei ihren
Auftritten und Videos erotisch aufreizend kleideten und tanzten und ihre südliche
Herkunft ihnen ein gewisses „sexy“ Image gab.
Die US-Amerikanerin Britney Spears, auch als „Princess of Pop“ tituliert, ver-
kaufte in der ersten Hälfte des Jahrzehnts mehr Tonträger als alle anderen Inter-
pretInnen. Die 1981 geborene Spears hatte bereits 1999 mit „Baby one more time“
einen Riesenhit, es folgten „Oops – I Did It Again“ (2000) und „Britney“ von
2001. Britney Spears wurde systematisch als weiblicher Superstar aufgebaut und
verkauft.
Diese erfolgreichen weiblichen Popstars verkauften sich als „sexy“, verkörper-
ten eine erotische, offene und selbstbewusste Weiblichkeit, traten mit einstudier-
ten Tanzbewegungen auf und wurden von der Plattenindustrie inszeniert und ver-
marktet; ihre Fangemeinde bestand sowohl aus weiblichen Teenagern, die sie als
Idole betrachteten, als auch aus männlichen Heranwachsenden, deren erotische
Fantasien beÁügelt wurden.
Die jeweiligen Texte bewegten sich im Rahmen des üblichen Pop, es ging um
Liebe, Einsamkeit und um Erotik und Sex.
Mit den No Angels wurde versucht, an den Erfolg der Spice Girls anzuknüpfen.
Diese deutsche Girlband ging aus der RTL-II-Sendung „Popstars“ hervor, wurde
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends 283

professionell in Szene gesetzt und gemanagt, wobei ihr 3 Nr. 1-Hits, allerdings nur
in Deutschland, gelangen. Es handelte sich um eine gecastete Band von jungen
und attraktiven Frauen, die durch ein Zusammenspiel von Kommerzfernsehen und
Boulevardpresse schon bekannt waren, ohne vorher überhaupt musikalisch in Er-
scheinung getreten zu sein.
Etwas aus diesem Rahmen Àel Lady Gaga. Mit bürgerlichem Namen Stefani
Germanotta, schaffte die Tochter italienisch-stämmiger Eltern mit „The fame“
(2008) den internationalen Durchbruch; Lady Gaga schreibt einen Großteil ihrer
Songs selber, markant an ihr sind die diversen Fantasiekostüme, die sie nicht nur
auf der Bühne trägt, ihre offene bisexuelle Orientierung und das Spielen mit ge-
schlechtlichen und sexuellen Eindeutigkeiten.
Nicht in die Schublade der sexy jungen Frau mit mehr oder weniger seichten
Popsongs passt die britische Sängerin und Songwriterin Amy Winehouse. Die 2011
verstorbene Künstlerin spielte eine Mischung aus Soul und Jazz, hatte 2001 mit
„Back to Black“ ein Album, das in England, Deutschland und Australien auf Platz
1 war, und orientierte sich mit ihrem OutÀt und ihrer Frisur am Stil der 60er Jahre.
Der kommerzielle Erfolg der Boygroups der 90er Jahre sollte durch die Retor-
tenband US 5 wiederholt werden, die von der Musikbranche als Sensation ange-
kündigt wurde und vermarktet werden sollte. Um den KäuferInnen der wichtigsten
Länder IdentiÀkation zu ermöglichen, wurden für die Gruppe zwei US-Amerika-
ner, zwei Deutsche und ein Engländer ausgewählt. Das Strickmuster war dasselbe
wie bei den zuvor erfolgreichen Boygroups: junge, schlanke Männer, deren Songs
in professionellen Videos präsentiert wurden, wobei die Bandmitglieder ausgefeil-
te Tanz-ChoreograÀen aufführten.
Als Mädchenschwarm entwickelte sich der kanadische Pop und R&B-Sänger
Justin Bieber, der mit seinem jungenhaften Aussehen vor allem bei weiblichen
Teenagern ankam; Bieber startete mit seinem Album „My World 2.0“, das 2010,
Bieber war 16 Jahre alt, in den USA Platz 1 belegte, eine Weltkarriere.
Der erfolgreichste Popsänger dieser Zeit war jedoch Robbie Williams. Der Bri-
te, ehemaliges Mitglied von „Take That“, landete mit diversen Alben wie „Swing
when youάre winning“ (2001) oder „Intensive Care“ (2005) in den Charts der be-
deutendsten Länder auf Platz 1 und hatte in erster Linie weibliche Fans, die zum
überwiegenden Teil das Teenager-Alter schon hinter sich gelassen hatten.
Bedeutend härter war dagegen der Musikstil der deutschen Band Rammstein,
die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ihre bis dahin größten Erfolge
hatte. Die Band, 1994 in Berlin gegründet und mit ausschließlich männlicher Be-
setzung, Àel durch einen harten Rock auf, den sie selber als „Tanzmetal“ bezeich-
net. In ihren Texten behandelt die Band tabuisierte Themen wie Inzest („Tier“
oder „Spiel mit mir“), Kannibalismus („Mein Teil“, „Eifersucht“) oder Nekrophi-
284 7 Die zweitausender Jahre

lie („Heirate mich“). Es ist nicht klar zu erkennen, ob es sich in den Songs um eine
moralische Anklage, eine nüchterne Darstellung oder um Verherrlichung handelt.
Der relativ harte Sound, die an Tabus kratzenden Texte und die Tatsache, dass der
Sänger der Band, Till Lindemann, mit tiefer Stimme sang und das „R“ stark roll-
te, was an die Sprechweise der Nazi-Propaganda erinnert, verschaffte Rammstein
ein zwielichtiges Image. Große Erfolge hatten ihre Alben „Mutter (2001), „Reise,
Reise“ (2004), „Rosarot“ (2005) und „Liebe ist für alle da“ (2009), sie erreichten
in Deutschland und in Österreich alle Platz 1. Außerhalb des deutschen Sprach-
raumes, vor allem in den USA, gaben sie Konzerte in großen Hallen und Stadien;
der Bekanntheitsgrad von Rammstein in den USA hatte damit zu tun, dass die
Gruppe aufgrund der Sprache und des martialischen Auftretens als besonders
„deutsch“ angesehen wurde. Hinzu kamen Liveshows, bei denen in großem Maße
Pyrotechnik eingesetzt wurde, was den kriegerischen Charakter noch unterstrich.
Die Sprache, die Texte, die Musik und die Bühnenauftritte voller Feuer und Rauch
führten dazu, dass einige KritikerInnen die Gruppe als rechtsradikal oder zumin-
dest mit Rechtsradikalismus sympathisierend einstuften, doch distanzierten sich
die Musiker in verschiedenen Interviews immer wieder sowohl von faschistischem
Gedankengut als auch von Gewalt verherrlichenden Positionen, wie auch ihr Song
„Links 2-3-4“ von 2001 zeigt.
Eindeutig rechtsradikal war dagegen die CD, die die NPD im Bundestagswahl-
kampf 2005 unter dem Namen „Schulhof-CD“ kostenlos an Jugendliche verteilte.

„Die ‚Schulhof-CD‘ der NPD besteht aus vierzehn Liedern, bei denen es sich teils
um Rockmusik, teils um Balladen handelt, sowie der deutschen Nationalhymne in
allen drei Strophen. Die Texte sind gut verständlich und transportieren die extrem
rechten Botschaften der Partei. Mit der Musik, einer direkten Bezugnahme bzw. An-
sprache, rebellischem Gestus und sozialer Demagogie, versuchen die Partei und die
Musiker an die Lebenswelt Jugendlicher anzuknüpfen und sich als deren Stimme
und als die Interessenvertretung des ‚kleinen Mannes‘ darzustellen.“ (Schule ohne
Rassismus 2010, S. 39)

Rechtsrock war auch im neuen Jahrzehnt die eigentliche Musik rechtsorientierter


Jugendlicher. Mit der „Schulhof-CD“ wurde der Versuch unternommen, den Rah-
men zu erweitern und mit Hilfe von anderen Musikstilen weitere Heranwachsende
für die Menschen verachtende und Gewalt verherrlichende Ideologie der Nazis zu
gewinnen.
Jenseits von Rammstein und rechtslastiger Musik und auch jenseits des deut-
schen Schlager-Mainstreams wie etwa „Anton aus Tirol“ oder „Ein Stern, der dei-
nen Namen trägt“ – beides große Erfolge von DJ Ötzi –, entwickelte sich in den
2000er Jahren eine lebendige deutschsprachige Rock- und Popszene.
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends 285

Die Band Juli landete mit den Stück „Perfekte Welle“ 2004 einen Riesenhit,
ihre Alben „Es ist Juli“ von 2004, „Ein neuer Tag“ von 2006 und „In love“ (2010)
eroberten Spitzenplätze. Silbermond hatte mit den Alben „Verschwende deine
Zeit“ von 2004, „Laut gedacht“ (2006) und dem 2009er Album „Nichts passiert“
ebenfalls große Erfolge im deutschsprachigen Raum. Mit Eva Briegel bei Juli und
Stephanie Kloß von Silbermond hatten beide Bands Frauen als Sängerinnen, eben-
so wie Wir sind Helden mit der Sängerin und Frontfrau Judith Holofernes.
Die Gruppe, 2000 gründet, galt als Vorreiterin des auch „Neue neue deutsche
Welle“ genannten Trends, Rock- und Popmusik mit deutschen Texten zu veröf-
fentlichen. Mit „Die Reklamation“ (2003), „Von hier an blind“ (2005) und dem
2007 erschienenen Album „Soundso“ landeten sie in Deutschland und Österreich
auf den vorderen Plätzen und erhielten verschiedene Gold- und Platinauszeich-
nungen für hohe Verkaufszahlen. Die Gruppe spielte auf Demonstrationen gegen
Atomkraft und engagierte sich bei Projekten gegen die Politikverdrossenheit der
Bevölkerung. In ihren Texten vertritt sie eine durchaus kritische Grundhaltung.
So kritisiert der Song „Guten Tag“ eine an Konsum und Kommerz orientierte
Gesellschaft, „Ist das so?“ rigide Konventionen, der Song „Zuhälter“ die GepÁo-
genheiten der Musikindustrie oder „Zieh dir was an“ die Vermarktung weiblicher
Körper:

„Wenn du mit zwanzig deinen Hintern entdeckst/Du ihn fortan in jede Kamera
steckst/Dann passt dein tolles neues Selbstgefühl/Perfekt in jedes Marketingkal-
kül“.

Großen kommerziellen Erfolg hatte auch der R&B-Sänger Xavier Naidoo. Nai-
doo hat südafrikanische, indische, irische und deutsche Wurzeln und wuchs in
Mannheim in einem katholisch geprägten Umfeld auf, was sich in seinen christ-
lich inspirierten Texten widerspiegelt. Mit seinen Alben „Zwischenspiel – Alles
für den Herrn“ von 2002, „Telegramm für X“ (2005) und dem 2009 erschienenen
„Alles kann besser werden“ erreichte er jeweils den ersten Platz der deutschen
Albumcharts. Charakteristisch für Naidoo ist sein eher zurückhaltendes, sensibles
Auftreten, zudem, dass er großen Wert auf ein elegantes Escheinungsbild legt,
was ihm den Titel des „Bestgekleideten Mannes“ der Zeitschrift Menάs Health
einbrachte. Die starke christliche Überzeugung von Xavier Naidoo kommt unter
anderem in dem Song „Alles für den Herrn“ zum Ausdruck:

„Ich sing Lobeslieder/Auf den Herrn/Und ich schreib sie nieder/Für nah und fern
... Ich tu alles für den Herrn/Nur das tu ich gern/Alles für den Herrn/Der Rest liegt
mir fern ...“
286 7 Die zweitausender Jahre

Ebenfalls stark religiös geprägt, allerdings mit einem Bezug zum Islam, ist der
(türkische) Islam-Pop, der vor allem bei Jugendlichen mit islamischem Hinter-
grund beliebt war:

„Lange Haare, Basketballschuhe und Röhrenjeans – sie sehen aus wie Rockstars
aus dem Bilderbuch. Doch hier zählen weniger Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll als
Koran, Islam und das Preisen Gottes: Die Rede ist vom Islam-Pop (...) Auch in
Deutschland erfreut er sich großer Beliebtheit, denn längst ist eine Welle in den
entsprechenden Internet-Foren angekommen. Viele türkisch-deutsche Musikläden
haben ihren Bestand mit bekannten Popstars wie Tarkan und Athena um die Islam-
Popper aufgestockt.“ (Schule ohne Rassismus 2008, S. 24)

Eindeutig erfolgreichste deutsche Band ab Mitte der 2000er Jahre war die Magde-
burger Gruppe Tokio Hotel, die ihren Erfolg in erster Linie der Jugendzeitschrift
Bravo zu verdanken hat:

„Sie sind die Gewinner der Saison 2005/2006. Endlich mal wieder eine Band
zum Träumen und Schwärmen. Endlich mal wieder erfrischend junge Kerle, die
zu Stars taugen. Endlich mal wieder Power-Pop, Glam-Rock, der kracht und lärmt
und trotzdem ins Ohr geht. Als BRAVO die Band entdeckt, fehlt es allenthalben
an Stars, die junge Mädchen unruhig machen und die Jungs cool Ànden können.
Die Boy-Bands haben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – abgewirtschaftet.“
(Hoersch 2006, S. 680)

Mit einer eher rockigen Musik erreichten die Alben „Schrei“, „Zimmer 483“ und
„Humanoid“, das auf Deutsch und Englisch veröffentlicht wurde, jeweils vordere
Plätze in den deutschsprachigen Charts und hatten über den deutschsprachigen
Raum hinaus auch Erfolge in den USA, Kanada und Frankreich.
Stilistisch orientiert sich die Band um die Brüder Bill (Gesang) und Tom Kau-
litz (Gitarre) am „Visual Kei“, einer aus Japan stammenden Jugendkultur. Musi-
kalisch steht hier japanische Pop- und Rockmusik (sog. J-Pop oder J-Rock), eine
Mischung verschiedener westlicher Stilrichtungen wie Glam, Rock, Pop oder auch
Punk, im Mittelpunkt. Visual Kei lässt sich mit „optisches System“ übersetzen, die
optische Erscheinung der MusikerInnen spielt eine zentrale Rolle.

„Die ästhetische Erscheinung der Bands, vor allem der einzelnen Musiker, die
teilweise zu Superstars und Models wurden wie Mana, Gackt, Hyde oder Miyavi,
ist der entscheidende stilprägende Faktor der Visual-Kei-Szene. Die überwiegend
männlichen Bandmitglieder betonen sehr radikal ihre feminine Seite und sprechen
so – das gilt sowohl für Japan als auch für Deutschland – die bei den überwiegend
weiblichen Szenemitgliedern verbreitete Vorliebe für androgyn erscheinende Män-
ner an…“ (Höhn 2007, S. 47)
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends 287

In Deutschland verbreitete sich Visual Kei in erster Linie über das Internet. Visual
Kei spielt mit dem „Costume Play“ (Cosplay), der Nachahmung von Manga- und
Anime-Figuren, wobei vor allem männliche Szenemitglieder beim Cosplay die
herkömmliche männliche Darstellung in Kleidung und Verhalten in Frage stellen
können.

„Somit eröffnen sich für männliche Cosplayer Chancen, das eigene Verhaltens-
repertoire bei der Darstellung der Geschlechtszugehörigkeit als etwas zu erfahren,
das keineswegs festgelegt ist, sondern für unterschiedliche Geschlechtsentwürfe ge-
nutzt werden kann. Distanzierungen zu stereotyp verfestigten Männlichkeitsbildern
werden möglich. Geschlechtsbezogene Darstellungen können im Cosplay aufgebro-
chen werden.“ (Eulenbach/Wagner 2014, S. 291)

Cosplay ist in Japan ein Synonym für erotische Rollenspiele und das Spielen mit
sexuellen Identitäten. Die Visual-Kei-Szene in Deutschland ist vor allem bei weib-
lichen Heranwachsenden beliebt, es handelt sich um eine relativ exklusive und sich
von anderen Jugendkulturen distanzierende Szene, die aufgrund ihres Spielens mit
Geschlechterdarstellungen bei diesen in der Regel unbeliebt ist.

„In ihrem Alltag erfahren deutsche Visus allerdings auch große Ablehnung, manch-
mal hin bis zu Bedrohungen, gerade von männlich dominierten Szenen wie der
HipHop-Rap-Szene oder der Metal-Szene. Diese bezeichnen Visual kei häuÀg als
‚Mädchenkram‘ oder ‚Kinderkram‘ und beschimpfen die wenigen männlichen Visus
wegen ihres androgynen Erscheinungsbildes als ‚schwul‘. Andererseits legen die
Visus auch sehr großen Wert auf eine Abgrenzung von anderen Szenen.“ (Höhn
2007, S. 52)

Ebenso wie die in den 2000er Jahren aufkommenden „Emos“ (s. Rüttgers 2014) ist
Visual Kei eine Ausnahme im Bereich der Jugendkulturen; für beide Szenen ist ein
an Vorstellungen von Weiblichkeit orientierter Stil kennzeichnend.
288 7 Die zweitausender Jahre

7.6 Hip-Hop

Hip-Hop war die eindeutig dominierende Jugendkultur der 2000er Jahre, eine Ju-
gendkultur, die

„mit vielen (freilich nicht mit allen wichtugen) szenespeziÀschen Zeichensystemen,


Moden, Mimiken, Gesten, Haltungen, Körper- und Bewegungssprachen, Sprech-
weisen und Begrüßungsszenarien nachhaltig und universalisierend, freilich nicht
homogenisierend in die generelle Alltagskultur von Jugendlichen insbesondere
auch jenseits des Hip Hop eingewandert ist (..)“ (Ferchhoff 2011, S. 233f)

Als jugendkultureller Stil umfasst Hip-Hop mit der „Dreifaltigkeit von Rap,
Breakdance und GrafÀti“ (ElÁein 2007, S. 15) sowohl musikalische als auch ma-
lerische und tänzerische Ausdrucksmöglichkeiten.
Rap als Musik des Hip-Hops lässt sich als „Klopfen“ oder „Pochen“ übersetzen
und ist ein Sprechgesang, der oft erst in dem Moment entsteht, in dem er aufge-
führt wird. Aufgrund der besonderen Bedeutung des Textes eignet sich Rap gut
dazu, Geschichten zu erzählen, Kritik zu formulieren oder sich selbst zu präsentie-
ren, weil hier das sonst übliche Schema von Strophe-Refrain-Strophe wegfällt, das
die Ausdrucksmöglichkeiten von Pop- oder Rocksongs begrenzt. In der US-ame-
rikanischen Szene hat Rap zudem die Bedeutung und den Zweck, die Begriffe der
Herrschenden, der „Weißen“, verfremdend zu benutzen, um dadurch Herrschafts-
mechanismen aufzuzeigen und zu verändern. Rap Àndet dabei oft auch als Wett-
bewerb statt, in dem es darauf ankommt, die Mitstreitenden zu „dissen“, sie beim
Rappen zu überbieten oder sie als Person zu blamieren. Als eigener Musikstil hat
Rap in fast allen Teilen der Welt vor allem männliche Anhänger gefunden, die das
Medium nutzen, um ihre jeweiligen Botschaften zu verbreiten.
Breakdance ist ein Tanz, der zumeist einzeln aufgeführt wird, sehr akrobatisch
ist und eine hohe Körperbeherrschung erfordert, es wird dabei auch auf Bewegun-
gen aus dem Kampfsport zurückgegriffen. Breakdance wird vor allem von Jungen,
den sogenannten „B-Boys“, aufgeführt, und hat über Breakdance-Wettbewerbe,
wie sie unter anderem von Bravo veranstaltet wurden, Popularität erlangt.
GrafÀti sind Bilder, die meist mit Spraydosen oder wasserfesten Stiften an öf-
fentliche Gebäude gemalt werden; in der Regel werden „Tags“ gemalt oder ge-
sprayt, Erkennungszeichen der Sprayenden und/oder ihrer Gang. Bei den Tags
kommt es darauf an, dass sie einen guten Stil und Wiedererkennungswert haben,
sie enthalten das Pseudonym des „Writers“ und er oder sie bekommt besonders
hohes Ansehen, wenn sie sich an schwer zugänglichen Orten wie z. B. Brücken be-
Ànden oder Tags auf Züge gesprüht werden. Zugleich dienen Tags als Markierung
7.6 Hip-Hop 289

des Territoriums einer Gang, wodurch diese Jugendkultur öffentlich sichtbar wird.
Die Szene ist eindeutig männlich dominiert, hier können junge Männer unter dem
weitestgehenden Ausschluss von Frauen ihren Mut, ihr Geschick und ihre Furcht-
losigkeit vor der Polizei öffentlich präsentieren:

„Sprüherinnen werden indirekt aus der Szene ausgeschlossen, da ihnen Durchset-


zungsvermögen und Mut angesichts der Gefahren abgesprochen werden, während
sie männlichen Sprühern scheinbar grundsätzlich eigen sind.“ (Jung/Schmidt 2014,
S. 62)

Weit über die eigentliche Szene hinaus hatten Elemente der Hip-Hop-Kultur Aus-
strahlung auf die Alltagskultur und die Lebenswelt der 2000er Jahre:

„Linguistische Besonderheiten sind in die Alltagssprache übergegangen, der rhyth-


mische Sprechgesang wird in der Werbung ebenso eingesetzt wie die als Zeichen der
Vitalität genutzten Powermoves der B-Boys, deren speziÀsche Tanzstile auch dem
modernen Tanz neue Impulse gegeben haben, so wie die Buchstabenästhetik des
GrafÀti nicht nur Häuserwände, Lärmschutzmauern und Unterführungen „ziert“,
sondern auch EinÁuss auf Design, Malerei und (legale) städtische Flächengestal-
tung genommen hat.“ (Kimmich 2010, S. 83f)

Die einzelnen Elemente der Hip-Hop-Kultur erfordern jeweils speziÀsche Fähig-


keiten des- oder derjenigen innerhalb der Szene: Zum Rappen sind ein gekonnter
Umgang mit Sprache, dazu noch Spontaneität und Originalität notwendig; Break-
dance erfordert Körperbeherrschung und akrobatisches Geschick; um GrafÀtis zu
malen, sind künstlerische Fähigkeiten, und – falls es an extremen Orten geschieht
– Mut erforderlich; all den verschiedenen Elementen von Hip-Hop ist der Wett-
bewerbscharakter gemeinsam.
Hip-Hop kann als eine schwarze Kultur bezechnet werden, weil der Ursprung in
den vor allem von Schwarzen bewohnten Vierteln in den USA mit einer unterpri-
vilegierten Bevölkerung liegt, deren Lebensumstände sich mit der Präsidentschaft
Reagans noch verschlechterte, wie im New York Ende der 70er Jahre. Hier wur-
den durch verschiedene städtebauliche Maßnahmen traditionelle und gewachsene
Stadtteile zerstört, zudem herrschten dort hohe Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum,
Prostitution und rivalisierende, gewalttätige Jugendgangs. Hip-Hop war in diesen
Vierteln der Versuch, sich „die Stadt zurückzuholen“ und jenseits des professio-
nalisierten und kommerzialisierten Amüsierbetriebs das Do-It-Yourself-Prinzip,
selbst organisiert die eigene Musik zu machen und Parties zu feiern:
290 7 Die zweitausender Jahre

„DJs veranstalteten spontane Straßenfeste. Notdürftig zusammengebastelte Plat-


tenspieler und Lautsprecher wurden an die Stromquellen der öffentlichen Straßen-
beleuchtung angeschlossen. Die zentralen Durchfahrtsstraßen wurden zu Open
Air-Gemeindezentren in Vierteln, in denen es sonst keine gab. Rapper griffen zu
Mikrophonen, als besäßen Verstärker eine lebensrettende Kraft. HipHop wurde in
einer Phase grundlegender Umwälzung zum Ausdruck der Spannungen und Wi-
dersprüche der öffentlichen Stadtlandschaft New Yorks. HipHop versucht, sich des
wankenden städtischen Geländes zu bemächtigen. Ein Versuch, die Stadt im Namen
der Enteigneten wieder zum Funktionieren zu bringen.“ (Rose 1997, S. 143f)

Im Mittelpunkt der Parties standen der DJ, der für die Musik zuständig war, und
der Master of Ceremony, der „MC“. Der DJ kombinierte mit zwei Plattenspielern
die entsprechenden Songs, wobei bestimmte Sequenzen durch „Scratchen“, das
Hin- und Herbewegen der Platte, noch besonders betont wurden. Daneben trat der
MC, der durch Sprüche und Scherze das Publikum in Stimmung brachte und zum
Tanzen animierte.
Musikalisch hat sich das Genre im Laufe der Jahre ausgeweitet, es Ànden sich
in diversen Stücken auch Elemente aus Soul, Funk, R&B oder Rock. Das Tanzen
der Hip-HopperInnen, die keinen Breakdance betreiben, ist nicht extrovertiert, es
ist eher ein lässiges Mitgehen mit der Musik.
Ziel der Veranstaltungen war es – neben dem Spaß an den Parties – auch, Ju-
gendliche mit einzubinden. Hier hatten sie die Möglichkeit, die sonst brutal zwi-
schen rivalisierenden Gangs – im Szenejargon „Posse“ genannt – ausgetragenen
Feindschaften friedlich auszutragen; der Battle-Charakter von Hip-Hop hat ein
friedliches Ziel, nämlich an die Stelle brutaler Gewalt andere Wege des Wett-
kampfes zu setzen.

„Im Rap, bis Anfang der 80er Jahre eigentlich nur eine alternative Partyform ju-
gendlicher Ghetto-Kids, preiswert selbstorganisiert und fernab vom langweiligen
Rock- und Disco-Mainstream, sahen sie das Potential zur Veränderung. Statt sich
gegenseitig umzubringen, motivierten sie die Gangs, ihre Rivalitäten in sprachge-
waltigen Verbal Contests und DJ-Battles auszutragen, sprühten ihre erfahrungs-
gesättigten Warnungen vor der selbstzerstörerischen Wirkung von Drogen an die
Wände, verkehrten das verächtliche „Nigger“-Dasein im Rap zum selbstbewussten
„Black&Proud.“ (Farin 2001, S. 134).

Die zentralen Elemente der Hip-Hop-Kultur orientierten sich stark an männlich


deÀnierten Eigenschaften: Im Mittelpunkt steht der traditionelle männliche Ehr-
begriff, die Verteidigung der eigenen Ehre oder die der Familie, des Viertels oder
der eigenen Gang. Es geht darum, Anerkennung als Rapper, Breakdancer oder
Sprayer für seine Fähigkeiten und seinen Mut zu erhalten; und es geht schließlich
7.6 Hip-Hop 291

um das (eher männliche) Prinzip des Wettbewerbs, sich zu beweisen, zu bestehen


und dafür Respekt von anderen zu erhalten.
Doch beinhaltete Hip-Hop in dieser Anfangsphase jenseits der Demonstration
traditioneller Männlichkeit ein enormes emanzipatorisches Potenzial: Die neue Ju-
gendkultur ermöglichte, unabhängig von den Vorgaben der Kulturindustrie einen
Stil zu kreieren, bei dem die Jugendlichen selbst kreativ tätig werden konnten, und
Rap als Musikstil, der die Texte in den Mittelpunkt rückt, bot die Möglichkeit,
sich kritisch mit der eigenen unterprivilegierten Situation auseinanderzusetzen,
gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen (männlichen) verfeindeten Banden
zu vermeiden und Kritik am Rassismus zu üben. Hierzu bezeichneten sich Rapper
zum Teil selber als „Nigger“, sie übernahmen den rassistischen und abwertenden
Begriff der Herrschenden und veränderten dadurch seine beleidigende und ab-
wertende Bedeutung.
In diesem Sinne kann für die Anfangszeit von Hip-Hop durchaus von einer
Subkultur gesprochen werden, die dem Mainstream von Gesellschaft und Pop-
industrie eigene kulturelle Formen des Widerstandes entgegensetzte, der in den
Texten der Rapper zum Ausdruck kam:

„Text ist dabei ReÁexion – eine ursprünglich von den Ausgeschlossenen stammen-
de kritische ReÁexion über die psychischen, sozialen und ökologischen Mißstän-
de in einer sich nun global durchsetzenden Welt- und Gesellschaftsordnung, ge-
kennzeichnet durch Phänomene wie gnadenloser Sozialabbau, Zwangsmigration
und aggressiven Wettbewerb. Musik, Tanz (darstellende Kunst) und GrafÀti-Kunst
(bildende Kunst), die am Rand der Gesellschaft entstehen, sind Ausdrucksweisen
eines Untergrundprotestes gegen das grundlegende Unrecht der Ausgrenzung. Der
Versuch, diese Ausgrenzung zu durchbrechen, ist zugleich der Versuch, sich Heimat
und Sinn zu verschaffen.“ (Weinfeld 2000, S. 253)

Diese Intention wird vor allem bei den New Yorker Rappern der frühen 80er Jahre
deutlich. Grandmaster Flash mit seiner Gruppe The Furious Five formulierte auf sei-
nen Alben sozialkritische Texte über die Realität des Lebens im Ghetto. Public Ene-
my, vor allem mit ihrem Platin-gekrönten Album „It takes a nation“, nahmen in ag-
gressiver und provokanter Weise Stellung zu der Situation in den Armenvierteln und
forderten selbstbewusst gleiche Rechte für den schwarzen Teil der Bevölkerung ein.
Den Sprung vom Underground in den kommerziellen Bereich der Popmusik
schaffte allerdings eine Band, die nicht aus den unterprivilegierten Teilen einer
US-amerikanischen Großstadt kam, sondern künstlich zusammengestellt wurde:
Die Sugarhill Gang verkaufte von ihrem Song „Rappers Delight“ im Jahr 1979
über zwei Millionen, der Startschuss für den Hip-Hop in die Mainstream-Pop-
kultur.
292 7 Die zweitausender Jahre

Ein weiterer Schritt hin zur jugendlichen Massenkultur erfolgte, als MTV 1988
mit „Yo! MTV Raps“ eine tägliche Hip-Hop-Sendung startete, die von Anfang an
enorme Einschaltquoten hatte und zahllose Jugendliche begeisterte. Hip-Hop als
umfassender Lifestyle hatte endgültig das Ghetto verlassen und war zum gewinn-
trächtigen Teil der Kulturindustrie geworden.

„Konnte Rap zuvor nur live vorgetragen oder auf zumeist miserablen Tape-Mit-
schnitten erlebt werden, so drang der Sound nun überall in den USA aus den Radio-
boxen – und damit in die Ohren von Jugendlichen, die nie in ihrem Leben einen Fuß
in die realen Ghettos gesetzt hatten. Filme wie ‚Wild Style‘ (...), ‚Beat Street‘ (...)
oder ‚Breakin‘ (...) trugen die bunten Identitätssymbole New Yorker GrafÀti-Spray-
er und die Fitneßkunst jugendlicher B-Boys (Breakdancer) auch in bundesdeutsche
Jugendclubs, wo die selbstbewußte Bilder- und Körpersprache der afroamerikani-
schen Straßenikds vor allem bei hierzulande ebenfalls sprachlos belassenen Ein-
wandererjugendlichen ein euphorisches Echo auslöste.“ (Farin 2001, S. 141)

Mit der Verbreitung und Kommerzialisierung des Stils änderten sich auch die In-
halte; es war vor allem der Gegensatz zwischen der „Old School“ des Hip-Hop
an der Ostküste mit New York als Zentrum und Ausgangsort und dem an der
Westküste mit dem Zentrum Los Angeles entstehenden Gangsta-Rap. Gangsta-
Rap bezog sich in seinen Texten ebenfalls auf das Leben im Ghetto, das durch
Arbeitslosigkeit, Drogen, Bandenkriege, Verbrechen und Prostitution geprägt war.
Im Gegensatz zu den Intentionen der „Old School“, die mit Hilfe der verschiede-
nen Elemente des Hip-Hops zu Gewaltlosigkeit und Drogenabstinenz beitragen
wollte, schilderte Gangsta-Rap das Leben der Unterprivilegierten in den USA ent-
weder nüchtern und schonungslos oder es wurde verklärt und verherrlicht, was mit
einem äußerst reaktionären Geschlechterbild einherging:

„Zu den im Gangsta-Rap vermittelten männlichen (und allesamt radikal patriar-


chalen) Rollenmustern gehören der ‚Player‘, der seinen Erfolg an der Anzahl der
Frauen bemisst, die er kriegt, der ‚Pimp‘, ein autoritätsbesessener Zuhälter, für den
Frauen eine Ware sind, die ihm Geld bringen, der ‚Gangsta‘, ein harter Kerl, der
sich mit Waffengewalt Geld verschafft und Macht sichert, für den Frauen schmü-
ckendes Beiwerk sind und ohne eigenen Willen, und schließlich der ‚Hustler‘, ein
Áeißiger Macher, der einerseits spießig seine Familie versorgt und andererseits Sex
mit ‚bitches‘ hat, die er im Grunde verachtet.“ (Weller 2010, S. 214)

Die martialische Selbstdarstellung der Gangsta-Rapper zeigte sich auf den Coverfotos
ihrer CDs und in ihren Videos: Eine Überlegenheit und Aggressivität ausstrahlende Mi-
mik und Körperhaltung, dazu nicht selten auch Waffen als Zeichen der Kampfbereitschaft,
teuer wirkender Schmuck und teure Autos als Zeichen ihres Erfolges und Reichtums.
7.6 Hip-Hop 293

Männliche Dominanz und Gewalt, das Verachten und Benutzen von Frauen
waren Bestandteile des Männlichkeitsbildes im Gangsta-Rap. Frauen wurden in
„Heilige“ und „Huren“ unterteilt: Der Körper der „Heiligen“, der Frauen aus der
eigenen Familie und hierbei in erster Linie der Mutter, war frei von Sexualität zu
halten, ihre „Ehre“ war mit allen Mitteln gegenüber dem zu verteidigen, was als
Beleidigung aufgefasst werden konnte. Die „Hure“ hingegen hatte nicht das Recht,
über den eigenen Körper zu bestimmen, ihr Körper gehörte dem bestimmenden
Mann, der sie benutzen oder als Prostituierte verkaufen durfte. Damit verbunden
war eine heftige Ablehnung (männlicher) Homosexualität und die Präsentation als
potenter heterosexueller Mann.
Zum Genre des Gangsta-Raps zählten unter anderem Ice-T, 50 Cent und Nig-
gaz With Attitude, die ihre Tonträger millionenfach verkauften. Insbesondere die
Gangsta-Rapper machten mit CDs auf sich aufmerksam, die unter die Zensur Àe-
len, was das Image des harten Typen beförderte und den Umsatz ankurbelte.

„Denn Zensur wirkt selten so, wie die Zensoren sich das vorstellen. Vor allem dann
nicht, wenn sie auf eine Szene trifft, die es geradezu darauf anlegt, das Establish-
ment zu reizen. Da wird ein Verbot schnell zur Auszeichnung, zum Qualitätsmerk-
mal ... So wurden die verbotenen oder boykottierten Songs zu Kult- und Sammel-
objekten, Index-Platten schossen ohne jegliche Radio- und TV-Unterstützung in die
Charts, Rapper erreichten durch krasseste Provokationen einen hohen Bekannt-
heitsgrad.“ (Farin 2001, S. 147)

Entscheidend für das Image und den kommerziellen Erfolg war die Glaubwürdig-
keit des Rappers, seine „Credibility“, die Frage, ob er wirklich aus armen und
durch Gewalt geprägten Verhältnissen stammte oder sich glaubhaft so verkaufen
konnte. Dass es sich nicht ausschließlich um ein künstlich aufgebautes Image han-
delte, sondern auch einen realen Hintergrund hatte, zeigte die Tatsache, dass di-
verse US-Rapper wegen Gewalt- und Drogendelikten mit dem Gesetz in KonÁikt
kamen (s. Farin 2001, S. 150f).
Auch wenn der erfolgreichste Musiker des beginnenden 21. Jahrhunderts, Emi-
nem (auch bekannt als Slim Shady), ein weißer Hip-Hopper war, so war die Stil-
richtung in den Vereinigten Staaten eindeutig von schwarzen Männern dominiert,
Frauen wie etwa Foxy Brown, Lil‚ Kim oder Latifah spielten in dem Genre, ge-
messen an den Umsätzen und dem Bekanntheitsgrad, eine untergeordnete Rolle.
Wie in anderen Jugendkulturen auch wurde im Hip-Hop ein umfassender
Lifestyle vermarktet, zu dem eine besondere Kleidung gehörte: Zur sogenannten
„Streetfashion“ oder „Urban wear“ zählten weite, hängende Hosen (Baggy Pants),
vornehmlich helle Kleidung in Übergröße, Turnschuhe, Kapuzenpullis (Hoodies)
und Baseballmützen, bevorzugt mit dem Schirm nach hinten getragen, die beim
294 7 Die zweitausender Jahre

modebewussten Hip-Hopper von bestimmten Marken stammen mussten und nicht


selten vom entsprechenden Star auf den Markt gebracht wurden; der Kleidungsstil
betonte die Sportlichkeit und die Beweglichkeit des Körpers.
Hip-Hop stieß in Deutschland zuerst bei männlichen Jugendlichen mit Migra-
tionshintergrund auf Interesse, sie konnten sich mit dem Männlichkeitsbild und
der Situation der Schwarzen in den USA identiÀzieren, waren sie doch selbst von
Rassismus und Armut betroffen und lebten zum Teil in Stadtvierteln mit hoher
Kriminalitätsrate. Da Crime Posse, eine Hip-Hop-Formation mit türkisch-stäm-
migen Jungen, knüpfte mit ihren Texten bereits in den 80er Jahren an den ur-
sprünglichen Gedanken von Rap an, Jugendliche dazu zu bewegen, sich nicht ihr
Leben von Drogen und Gewalt zerstören zu lassen.

„Wir sind sowas wie kopfgeldjäger, wir jagen die kids auf den straßen, wir angeln
sie, wir zerren sie aus dunst und nebel, und wir müssen ihnen mit der harten sprache
kommen, weil sie tag und nacht umlagert sind von menschlichem müll, wir müssen
sie anbrüllen, daß sie diese gottverschissenen spritzen und das elende banditenge-
gockele sausen lassen, wir müssen ihnen klare parolen bieten, wir müssen zuhälter
und dealer und autoknacker und kiffer und drücker und glücksspieler und die ge-
waltbereiten überschreien. (...) Wir ködern die kids mit ner rüden etikette, und wenn
die zu uns überlaufen, geben die von selbst ihre grundfalsche haltung auf und blei-
ben sauber und scheißen auf Gewalt.“ (Zit. n. Zaimoglu 1995, S. 29f)

In eine ähnliche Richtung gingen die Texte von Sons of Gastarbeita, einer 1994
gegründeten Formation aus dem Ruhrgebiet, die sich mit Ausländerfeindlichkeit
und Rassismus auseinandersetzten.
Einem breiteren Publikum wurde Hip-Hop in Deutschland in den 90er Jahren
durch Gruppen wie Deichkind, Fettes Brot und die Fantastischen Vier bekannt; sie
alle hatten nicht den „Ghetto-Hintergrund“, sondern benutzten den Rap vornehm-
lich als Stilmittel, um ihren zum Teil sozialkritischen Texten eine musikalische
Form zu geben.

„Ein Großteil der deutschen Hip-Hop-Szene (…) wurde seit Mitte der 90er und in
den späten 90er Jahre(n) zum erfolgreichen, eher aufgeklärten, spaßorientierten
bürgerlichen Mittelstandsprojekt und somit im Medium der (...) Poesie der Sprache
zum jugendkulturellen Massenphänomen – ...“ (Ferchhof 2011, S. 236)

Das Image des Hip-Hops in Deutschland wurde in den 2000er Jahren allerdings
maßgeblich durch den deutschen Gangsta-Rap geprägt, dessen Zentrum in Berlin
lag:
7.6 Hip-Hop 295

„Die Avantgarde der deutschen Hip-Hop-Szene kam in der zweiten Hälfte der ers-
ten Dekade im 21. Jahrhundert aus Berlin. Es war eine Avantgarde der inszenierten
vulgären Härte, die die Grenzen des guten Geschmacks mit gezielten antibürger-
lichen Ressentiments, die weit über den Punk hinausgingen, antestete.“ (Ferchhoff
2011, S. 235f)

Hier entwickelte sich um die Straßengang Berlin Crime das Label „Bass Boxxx“
mit Sängern wie Boss Aro, Frauenarzt, King Orgasmus One oder MC Bastard. Die
Veröffentlichungen von „Bass Boxxx“ wurden auch als Porno-Rap bezeichnet, die
Texte verherrlichten das Leben im „Ghetto“, männliche Dominanz, Drogen und
Gewalt. Frauen kamen nur als Gebrauchsgegenstände zur Befriedigung der männ-
lichen Sexualität und zur Bewunderung ihrer sexuellen Fähigkeiten vor, hatten an-
sonsten keine weitere Persönlichkeit oder Meinung und schon gar nicht das Recht,
dem Star zu widersprechen oder ihm die Bewunderung zu verweigern.
Das bekannteste Label des Genres war „Aggro Berlin“, das von 2001 bis 2009
Musik veröffentlichte, seitdem sendet es unter dem Namen „Aggro.TV“ Hip-Hop-
Videos. Bereits wenige Jahre nach der Gründung stieg Aggro Berlin zum kommer-
ziell erfolgreichsten Independent-Label Deutschlands auf.
Bekannt wurden unter anderem die Rapper B-Tight, Fler, Tony D., Sido, Bushi-
do und – als weibliche Ausnahme – Kitty Kat.
Sido, Akronym für „Super-intelligentes Drogenopfer“, bürgerlich Paul Hart-
mut Würdig, hatte seinen ersten Erfolg mit dem Song „Mein Block“, in dem er die
soziale Realität in einer Berliner Plattenbausiedlung beschreibt:

„Ich will dir was zeigen/Der Platz an dem sich meine Leute rumtreiben/Hohe Häu-
ser – dicke Luft – ein paar Bäume – Menschen auf Drogen/Hier platzen Träume“.

Aufsehen erregte er mit dem „ArschÀck-Song“, in dem er Analverkehr mit einer


jungen Frau gegen ihren Willen – eine Vergewaltigung – beschreibt, wobei dieser
Tabubruch ihm die gewollte Aufmerksamkeit bescherte.
Bushido, mit ofÀziellem Namen Youssef Ferchichis, Sohn einer deutschen
Mutter und eines tunesischen Vaters, wurde Nähe zur organisierten Kriminalität
nachgesagt, außerdem erhielt er Anklagen unter anderem wegen Volksverhetzung,
Beleidigung und Körperverletzung. Bushido trennte sich 2004 von Aggro Berlin
und machte sein eigenes Label auf. Er vertritt in seinen Texten frauenverachtende
und homosexuellenfeindliche Positionen und bevorzugt eine direkte, sexualisierte
Sprache, wie z. B. in seinem Stück „Gangbang“:
296 7 Die zweitausender Jahre

Einen Schwanz in den Arsch!/Ein Schwanz in den Mund/Ein Schwanz in die Fotze/
Jetzt wird richtig gebumst“.

Obwohl er sich das Image eines „enfant terrible“ redlich verdient hätte, war Bushi-
do von seinem Status und seiner Anerkennung ein arrivierter Künstler: Zahlreiche
goldene und Platinschallplatten, der Bambi-Preis für Integration und diverse Aus-
zeichnungen wie die als „bester Künstler National“ belegen, dass Bushido – trotz
gelegentlicher Kritik – gesellschaftlich akzeptiert ist. Einige Stücke von Sido und
Bushido wurden als Jugend gefährdend eingestuft und zensiert, was sowohl deren
Image als auch den Verkaufszahlen zu Gute kam.
Als weibliches Pendant – und Ausnahme – im Bereich des Gangsta- oder Por-
no-Raps ist Lady Bitch Ray zu nennen, die sich selbst als „die deutsche Bushido“
bezeichnet. Bürgerlich Reyhan Sahin, gründete die promovierte Sprachwissen-
schaftlerin und ehemalige Radiomoderatorin ihr eigenes Label „Vagina Style Re-
cords“ und veröffentlichte Songs, deren Texte mit ihrer provoanten und sexuell
offensiven Art durchaus mit denen ihrer männlichen Kollegen mithalten können:

„Ich bin ne Bitch! Du meinst dass du mich disst, nennst du Ficker mich Bitch? Junge
die Wahrheit ist – Ich bin ne Bitch! Bitch ist für mich ein Kompliment, Junge du bist
verklemmt! ... Wenn ich dich reite, solange bis ich komm; Schwänze zu lutschen wie
Sahnebonbons!“

Lady Bitch Ray dreht die abwertende Bezeichnung „Bitch“, den Slang-Ausdruck
für Prostituierte, offensiv und positiv um, verweigert sich somit der männlichen
Vorherrschaft innerhalb des Genres, indem sie ähnlich sexistisch über männliche
Körper spricht wie in den Songs „Deutsche Schwänze“ oder „Hengzt, Arzt, Orgi“,
in denen sie sich auf deutsche Porno-Rapper bezieht.
Bei aller Vielfältigkeit der Hip-Hop-Kultur spielte Gangsta-Rap nicht die zent-
rale Rolle, doch bestimmte er aufgrund der provozierenden Inhalte und des Habitus
der Vertreter (und der wenigen Vertreterinnen) das Image des Genres in der Öffent-
lichkeit. Von der ursprünglichen Intention von Hip-Hop, über soziale Verhältnisse
aufzuklären und zu deren Besserung beizutragen, ist heute nichts mehr übrig.
Wie bereits anderen Jugendkulturen zuvor gelingt es Gangsta-Rap durch einen
Bruch mit größtenteils akzeptierten gesellschaftlichen Normen, Tabus zu verlet-
zen, Skandale zu erzeugen und dadurch Aufmerksamkeit zu erhalten. Im Mittel-
punkt der Aufregung standen der Umgang und die Einstellung zur Sexualität.
Reichte bei den Hippies die Forderung nach freier Liebe und einem natürlichen
Umgang mit Sexualität noch aus, um für Entrüstung zu sorgen, so mussten in den
2000er Jahren – in Zeiten von Internetsexualität, der weitgehend durchgesetzten
7.5 Rock und Pop am Beginn des neuen Jahrtausends 297

Verhandlungsmoral, der größeren Gleichheit zwischen den Geschlechtern und der


zunehmenden Akzeptanz von homosexuellen Menschen – andere Tabubrüche her,
um die Gemüter zu erregen. In diesem Sinne gelang dem Gangsta-Rap das, was
auch schon anderen Jugendkulturen gelungen ist: die Provokation durch Sexuali-
tät, diesmal allerdings mit umgekehrten Vorzeichen.
Ob aus Überzeugung, als (gelungene) Provokation oder als Marketingstrategie:
Im Gegensatz zu den 60ern, in denen das sexualfeindliche Klima kritisiert wurde,
wurden im Gangsta-Rap reaktionäre Vorstellungen von Sexualität verbreitet, die
gesellschaftlich größtenteils nicht auf Zustimmung stoßen, woraus sich die Ent-
rüstung erklärt. Auch wenn die Texte zum Teil angeblich ironisch gemeint ist, so
ist doch zweifelhaft, ob dies von den KonsumentInnen so verstanden wird. Das re-
aktionäre Sexualitäts- und Geschlechterverständnis im Gangsta- bzw. Porno-Rap
kam in erster Linie bei männlichen Jugendlichen an, die von ihrer sozialen Lage
her unterprivilegiert waren und im Umgang mit Sexualität eine Möglichkeit sahen,
die relative gesellschaftliche Ohnmacht zu kompensieren.

„Die sexistischen Potenz- und Allmachtsphantasien in den konkreten Produkten


des Pornorap – so unsäglich sie z. T. auch sind – mögen vor allem für in ihrer Männ-
lichkeit verunsicherte, sexuell unerfahrene und ressourcenarme unterprivilegierte
Jungen ein Faszinosum sein. Diese pornographisch inszenierte Frauenbeleidigung
ist eine drastische Fortsetzung und Verstärkung des bekannten Modus, dass Jungen
für sie unerreichbare und abweisende Mädchen verbal attackieren und anmachen
...“ (Weller 2010, S. 221)

Das Sexualitätsverständnis des Genres schützt vor Nähe, vor Enttäuschungen und
Verletzungen, der Gangsta-Rapper fantasiert sich in die Rolle des potenten, herr-
schenden und mächtigen Mannes, der den Frauen überlegen ist und sich aus dieser
Position heraus auf keine Beziehung einlassen muss.
Die Faszination des Genres stammt auch daher, dass vor allem Jungen das Ge-
fühl haben, hier sei „einer von ihnen“ zum Star geworden, einer, der es geschafft
hat, berühmt und reich zu werden und das „Ghetto“ hinter sich zu lassen. Dies
wird durch die Texte und die Inszenierungen ihrer Stars noch unterstrichen: Mit
Goldketten behangen und teuren Autos stellen sie ihren Reichtum zur Schau. In
diesem Punkt befand sich das Genre – wenn auch in einer übertriebenen Art – in
Übereinstimmung mit zentralen Werten der Bundesrepublik in den 2000er Jah-
ren: Die Siegerinnen und Sieger, die in den Boulevardmedien gefeiert wurden,
diejenigen, die sich in der harten gesellschaftlichen Realität durchgesetzt hatten,
demonstrierten ihren Besitz als Zeichen des Erfolgs. In einer Gesellschaft, in der
Angst vor Armut, Egoismus, Wettkampf und Konkurrenz bestimmend war, konnte
sich der erfolgreiche Gangsta-Rapper als Gewinner inszenieren.
Schlussbetrachtung

Ziel dieser Studie war es, in einer „Zeitreise“ die Entwicklung von Jugendkul-
turen und ihrem Umgang mit Geschlechterverhältnissen und Sexualität im so-
zialgeschichtlichen Kontext der Bundesrepublik chronologisch und systematisch
darzustellen. Es ging darum, die Jahrzehnte anhand verschiedener Quellen zu
charakterisieren und in ein Verhältnis zu den verschiedenen jugendkulturellen Sti-
len zu setzen. Diese längerfristige Perspektive ermöglicht es, den fundamentalen
Wandel zu verdeutlichen, der sich im Alltag der Menschen, deren Selbstverständ-
lichkeiten und Überzeugungen in einem Zeitraum von 60 Jahren vollzogen hat.
Gerade im Alltäglichen, in den Auseinandersetzungen wie in den Selbstverständ-
lichkeiten zeigt sich, dass in der Bundesrepublik im Verlaufe der letzten 60 Jahre
rasante Entwicklungen stattgefunden haben.
Zentral ist zum einen die enorme technische Entwicklung, die sowohl die Be-
rufswelt als auch das Alltagsleben aller Menschen grundlegend verändert hat. Sie
zeigt sich von der damals vorherrschenden körperlichen Arbeit in Landwirtschaft
und Industrie hin zu einer Gesellschaft, die durch Dienstleistungen und dem all-
gegenwärtigen Computer bestimmt wird, von kaum erschwinglichen Schallplat-
ten bis zur Musik aus dem Internet, von nur einem Fernsehprogramm zu einer
unüberschaubaren Anzahl an Sendern, von vereinzelt vorhandenen Telefonen bis
zur ständigen Erreichbarkeit mit dem Handy. Zudem kam es in dem betreffenden
Zeitraum zu einer Vervielfältigung des Warenangebotes in allen Bereichen, wobei
sich die Möglichkeiten des Konsums in einer sich immer mehr polarisierenden Ge-
sellschaft stark unterscheiden. Die Entwicklung der Konsumgesellschaft geht ein-
her mit einer zunehmenden Ökonomisierung des gesamten Lebens. Dieser Trend

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300 Schlussbetrachtung

spiegelt sich auch in den Jugendkulturen wider: Immer mehr Angebote für Ju-
gendliche sind nicht das Ergebnis der Kreativität von Jugendlichen selber, sondern
entstehen in den dementsprechenden Abteilungen der Mode- und Musikindustrie,
wo diverse Stile und Images für spezielle jugendliche Marktsegmente entwickelt
werden wie etwa Boygroups oder Girlie-Bands. Diese Verwertungslogik zeigt sich
auch bei der kommerziellen Ausbeutung ursprünglich authentischer Jugendkultu-
ren, wie es – nicht nur – die Beispiele der Hippies und des Punks belegen, sodass
die Geschichte der Jugendkulturen auch immer eine Geschichte des Konsums ist.
Eine weitere zentrale gesellschaftliche Veränderung besteht in einer deutlichen
Verringerung des Autoritätsgefälles zwischen den Geschlechtern und den Gene-
rationen, wo an die Stelle von Befehl und Unterordnung Aushandlungsprozesse
getreten sind. Betrachtet man die Geschlechterbilder von Frauen und Männern,
die von den 50ern bis weit in die 60er Jahre hinein gesellschaftlich vorherrschend
waren, so erscheinen sie den meisten Menschen aus heutiger Sicht als absurd, er-
heiternd oder empörend. Gleiches gilt für den Bereich der Sexualität, der bis in die
60er Jahre strengen moralischen sowie gesetzlichen Normierungen und Regelun-
gen unterworfen war, während in krassem Gegensatz dazu gegenwärtig eine von
großen Teilen der Bevölkerung geteilte Verhandlungsmoral herrscht, in der auch
nicht-heterosexuelle Formen entkriminalisiert sind und auf größere Akzeptanz
stoßen. Zugleich ist im Laufe der Jahre auch Sexualität in einem ungeheuren Aus-
maß kommerzialisiert worden.
Die deutliche Tendenz hin zu einem verringerten Machtgefälle und damit einer
Lockerung im zwischenmenschlichen Umgang zwischen den Generationen zeigt
sich auch bei den geänderten Erziehungsvorstellungen in der professionellen wie
der familiären Erziehung, die sich eindeutig zu Gunsten der Heranwachsenden
verändert haben: Das Beispiel der Sexualerziehung in Schule und Familie, gekenn-
zeichnet von einem Wandel von Verbot, Strafandrohung und Tabuisierung hin zu
Dialog, Unterstützung und Akzeptanz von Kindern und Jugendlichen, belegt, dass
Heranwachsende – nicht nur hinsichtlich ihrer Sexualität – heute als Menschen
mit eigenen berechtigten Bedürfnissen, Fragen und Interessen wahrgenommen
und behandelt werden. Im Bereich der Jugendkulturen und der Popmusik wird der
geänderte Umgang mit Sexualität daran deutlich, dass in den 50er Jahren schon
das Hüftwackeln von Elvis Presley bei manchen Erwachsenen Panik auslöste, weil
es erotische Gefühle wecken konnte. In einem solchen sexual- und lustfeindlichen
Klima wären die öffentlichen Umzüge der Love-Parade mit ihren Rhythmen und
dem stark sexualisierten Auftreten der ProtagonistInnen wie der ZuschauerInnen
völlig undenkbar gewesen.
Neben der technischen Entwicklung und dem eher gleichberechtigen Um-
gang miteinander lässt sich eine Tendenz zur Individualisierung von Lebensläu-
Schlussbetrachtung 301

fen feststellen: Bedingt durch die geringere Bedeutung von Traditionen, die An-
forderungen eines Áexibilisierten Arbeitsmarktes und das Bedürfnis nach einem
selbstbestimmten Leben haben sich vielfältige Lebensformen herausgebildet, die
nebeneinander bestehen und nicht selten innerhalb einer BiograÀe zu wechselnden
Stationen führen, was je nach Standpunkt als bedauerlicher Verlust an Traditionen
und Bindungen oder als Erweiterung von Freiheits- und Gestaltungsmöglichkeiten
betrachtet werden kann. Auch die Jugendkulturen haben sich – sei es wegen des
Bedürfnisses nach individueller Darstellung oder der Vermarktungsstrategien der
Industrie – stark ausdifferenziert und pluralisiert, sodass immer weniger Jugend-
liche sich nur einer dieser Kulturen zugehörig fühlen, sondern diese wechseln oder
sogar zeitgleich mehreren von ihnen angehören.
Provokationen, Tabubrüche und die Abgrenzung von Erwachsenen sind zent-
rale Aspekte von Jugendkulturen und für nicht wenige Jugendliche auch das Mo-
tiv, sich ihnen anzuschließen. In der gegenwärtigen bunteren und liberaleren Ge-
sellschaft, in der zahlreiche (sexuelle) Tabus entfallen sind, bieten sich nur noch
wenige Möglichkeiten, das Bedürfnis nach Rebellion auszuleben: Jugendkulturen
haben immer weniger den Charakter einer Gegenkultur als Alternative zu den
bestehenden Verhältnissen, Jugendliche im 21. Jahrhundert sehen sich nicht mehr
einer Generation von „spießigen“ Erwachsenen gegenüber, die ihnen mit Verboten
und Kontrolle begegnet. Es ist bezeichnend, dass der Gangsta-Rap nicht – wie
andere Jugendkulturen zuvor – mit Forderungen nach einer selbstbestimmten und
befreiten Sexualität Skandale erzeugen kann, sondern mit einem äußerst reaktio-
nären Bild von Geschlecht und Sexualität die zurzeit provokanteste Jugendkultur
darstellt.
Bei allen Unterschieden der diversen jugendkulturellen Stile lässt sich – in Be-
zug auf das Geschlechterverhältnis und den Umgang mit Sexualität – als Tendenz
festhalten, dass in Jugendkulturen, die sich bei unterprivilegierten Schichten und
Klassen großer Beliebtheit erfreuen, eine Orientierung an traditioneller männli-
cher Inszenierung, weiblicher Unterordnung und einer massiven Ablehnung von
(männlicher) Homosexualität vorherrschend ist; dies gilt für die Halbstarken über
die Rocker und Fußballfans bis hin zum Gangsta-Rap. Umgekehrt sind in den-
jenigen Szenen, die für Jugendliche aus privilegierten Milieus attraktiv sind, Lo-
ckerungen von starren und stereotypen Geschlechterrollen, ein erweiterter Raum
zum Experimentieren und eine größere Toleranz gegenüber nicht- heterosexuellen
Praktiken festzustellen, wie etwa bei den ExistentialistInnen, den Hippies, Gothic
oder den Emos.
Trotz aller eindeutigen Trends lassen sich keine Prognosen über die Zukunft
von Jugendkulturen und deren Umgang mit Geschlecht und Sexualität erstellen. Es
handelt sich bei ihrer weiteren Entwicklung um ein komplexes Wechselverhältnis,
302 Schlussbetrachtung

eine komplizierte Gemenge- und Interessenlage aus der ökonomischen und techni-
schen Entwicklung, den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Geschlecht
und Sexualität, den Vermarktungsstrategien von Mode-, Musik- und Medienindus-
trie und nicht zuletzt auch der Widerständigkeit und Kreativität, dem Bedürfnis
nach Provokation und dem Wunsch nach Abgrenzung und Selbstbestimmung von
Jugendlichen selber.
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