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Prof. Dr. phil.

KUTHAN KAHRAMANTÜRK - PHRASEOLOGISMEN IM DEUTSCHEN

Phraseologismen im Deutschen
(Almanca Deyim ve Atasözleri)

Prof. Dr. phil. Kuthan Kahramantürk

Unter dem Ausdruck ‚Phraseologismus‘ wird meist „stabile Wortverbindung“ verstanden, die
durch Idiomatizität, semantisch-syntaktische Stabilität, Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit
gekennzeichnet ist. Unter dem Terminus „Phraseologismus’ versteht man in der Regel folgende Typen
bzw. Subklassen: Sprichwörter (Parömien) und sprichwörtliche Redensarten (z.B. Wer den
Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert), Idiome (z.B. sich an die eigene Nase fassen),
geflügelte Worte (z.B. Große Seelen dulden still ‚Schiller‘), spezielle Klassen wie Zwillingsformeln,
z. B. Hab und Gut, Phrasenschablone (Modellbildung), z. B. Es ist zum … (“Es ist zum
Mäusemelken“; "Das ist zum Aus-der-Haut-Fahren!"). Darüber hinaus existieren
kommunikative Phraseologismen, die feste Fügungen sind, die in sich wiederholenden
Handlungen (Routinen) meist unbewusst verwendet werden: (Grußformel: Wir sprechen uns wieder!,
Begrüßungsformel: Grüß Gott, Anrede: Euer Exzellenz, Glückwunsch/Dank: mir fehlen die Worte; und
nicht situationsgebundene Routineformeln: Floskel: … sag ich mal …; Anweisung: Rück endlich
mit der Sprache raus!, Slogan: Lasst Blumen sprechen; Eidesform: Ich schwöre im Namen …;
liturgische Formel: Der Herr sei mit Euch!; magische Formel: Abrakadabra .

Die drei Hauptkriterien, die zur Beschreibung von Phraseologismen verwendet werden, sind
Polylexikalität, Festigkeit (Stabilität) und Idiomatizität. Weitere nennenswerte Eigenschaften eines
Phraseologismus sind Bildlichkeit, Bildhaftigkeit, Lexikalität, Vagheit und Expressivität.

Polylexikalität

Ein Phraseologismus muss aus mindestens zwei lexikalischen Einheiten bestehen. Eine Maximalgröße
existiert nicht (Gehen sie in ihrer Struktur allerdings über Satzlänge hinaus, gehören sie nicht mehr
zum phraseologischen Bestand). In der Forschung ist man sich uneinig darüber, ob Phraseologismen
Autosemantika (bedeutungstragende Wörter) beinhalten müssen, oder ob eine minimale feste
Wortverbindung auch aus zwei Synsemantika (bedeutungslose oder -schwache Wörter) bestehen
kann.

Festigkeit

Die Festigkeit (oder Stabilität) kommt als formale, lexikalische und semantische Festigkeit vor.

 Unter formaler Festigkeit versteht man die Eigenschaft eines Phraseologismus, syntaktisch
nicht umstellbar zu sein (z. B. „Hab und Gut“ versus „Gut und Hab“)
 Durch die lexikalische Festigkeit werden die einzelnen Komponenten als nicht austauschbar
markiert (z. B. „wie Katz und Maus“ versus „wie Katz und Ratte“)
 Die semantische Festigkeit besagt, dass der phraseologische Ausdruck als ganzer die
Bedeutung trägt, im Gegensatz zur freien Bedeutung, wo die einzelnen Komponenten
Bedeutungsträger sind.

Zusätzlich lassen sich weitere Arten der Festigkeit ausmachen, welche die genannten erweitern:

 Die psycholinguistische Festigkeit, welche besagt, dass Phraseologismen wie andere Lexeme
im mentalen Lexikon fest verfügbar sind und reproduziert werden können.
 Unter pragmatische Festigkeit versteht man die Eigenschaft von Phraseologismen, an
bestimmte Situationen (Routinen) gebunden zu sein.

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Die Festigkeit ist ein relatives Kriterium, d. h. dass Phraseologismen in unterschiedlichem Maß
modifiziert werden können. Dies geschieht vor allem in der mündlichen Alltagssprache, in
Medientexten (z. B. in der Werbesprache „Guter Urlaub will Daumen haben“ – „Gut Ding will Weile
haben“) und in literarischen Texten (einschließlich Liedtexten).

Idiomatizität

Unter der Idiomatizität versteht man die semantische Umdeutung einzelner Komponenten oder des
ganzen Phraseologismus. Die einzelnen Komponenten geben ihre freie Bedeutung zugunsten einer
neuen Bedeutung auf. Die Idiomatizität ist ebenfalls ein relatives Merkmal, denn sie ist einerseits
abhängig von Kontext und Vorwissen (vor allem wenn unikale Komponenten auftreten, also Wörter,
die in der heutigen Sprache keine freie Bedeutung mehr haben (z. B. „Maulaffen feilhalten“ ‚mit vor
Staunen offenem Mund herumstehen’, „jemanden ins Bockshorn jagen“ ‚jemanden in die Enge
treiben, einschüchtern’), andererseits ist sie graduell stufbar. So existieren

 Voll-Idiome (Ausdruck als ganzer ist umgedeutet, z. B. „jemandem reinen Wein einschenken“)
 Teil-Idiome (Nur einzelne Komponenten sind umgedeutet, andere bleiben in ihrer wörtlichen
Bedeutung, z. B. „blinder Passagier“)
 Nicht-Idiome oder Kollokationen (Die Komponenten werden nicht umgedeutet, z. B. „Zähne
putzen“) aber „Hausaufgaben machen“.

Idiom im Sinne von „idiomatische Redewendung“ ist eine feste Wortgruppe, deren Gesamtbedeutung
sich nicht oder nur teilweise aus der Bedeutung seiner Bestandteile ergibt. Als idiomatisch gelten im
Deutschen beispielsweise die Redewendungen „an die eigene Nase fassen“ (für „die Schuld bei sich
selbst suchen“), „ins Gras beißen“, „den Löffel abgeben“, „den Schirm zumachen“, „die Hufe
hochmachen“ (für „sterben“). Die Wendung „ins Gras beißen“ etwa zeigt, dass die Verbindung der
beiden Wörter „Gras“ und „beißen“ nur in der deutschen Sprache einen Sinn ergibt, mit dem diese für
sich allein genommen nichts zu tun haben.

Ein Sprichwort ist ein "allgemein bekannter, festgeprägter Satz, der eine Lebensregel oder Weisheit
in prägnanter, kurzer Form ausdrückt". Ein Sprichwort ist also ein kurzer Satz, der sich auf lange
Erfahrung gründet. In der Sprachwissenschaft wird die Kunde von den Sprichwörtern Parömiologie
genannt. Ein Sprichwort hat die Form eines abgeschlossenen Satzes in fester und unveränderlicher
Formulierung. Darin unterscheidet es sich von der Redewendung.

 Hunger ist der beste Koch.


 Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Oft wird die Form des Sprichworts durch Stabreim, End- oder Binnenreim noch besonders gefestigt:

 Glück und Glas - / wie leicht bricht das.


 Was ich nicht weiß, / macht mich nicht heiß.
 Trocken Brot / macht Wangen rot.
 Einem geschenkten Gaul / schaut man nicht ins Maul.
 Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Mit dem imperativischen Anspruch - 'Jeder kehre vor seiner eigenen Tür!', 'Man soll ...', 'Man muss ...'
oder 'Man darf ...' - hat das Sprichwort eine generalisierende Form angenommen. Es drückt in der
Regel einen allgemein gültigen Satz aus, der entweder eine

 Erfahrung des täglichen Lebens (Neue Besen kehren gut.),


 ein Urteil oder eine Meinung (Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.),
 eine Warnung (Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie!' - 'Es ist nicht alles Gold, was
glänzt.),
 eine Vorschrift oder Klugheitsregel enthält (Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.).

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INTERLINGUALE UND INTERKULTURELLE ASPEKTE DER DEUTSCHEN UND TÜRKISCHEN


PHRASEOLOGISMEN

dargestellt anhand von Somatismen und Zoosemismen

0. Einleitung

‘Das Salz in der Muttersprache’ stellt sich als ‘ein Dorn in der Fremdsprache’ heraus. Selbst das
wohl bekannte Lexem, die nationale Bezeichnung ‘Türke’, bereitet den Fremdsprachlern mit türkischer
Muttersprache Kopfschmerzen, wenn sie dem Ausdruck einen Türken bauen1 oder der verbalen
Wendung türken2 begegnet sind. Hier handelt es sich um bildhafte Ausdrücke, die auf Grund der
geschichtlichen Ereignisse und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Osmanen und
Europäern ihren Niederschlag in der deutschen Lexik gefunden haben. Vergegenwärtigt man sich die
Zeitspanne, in der die Komposita Türkenkrieg, Türkennot, Türkengefahr, Türkenfurcht, Türkensteuer,
Türkenalmosen, Türkenpredigt, Türkengebet, Türkenzug, Türkenfeuer3 im ehemaligen
deutschsprachigen Gebiet im Gebrauch waren, so braucht man sich nicht zu wundern, dass im
Deutschen die idiomatischen Wendungen, die das Lexem ‘Türke’ als Konstituente oder als verbale
Basis enthalten, ausschließlich in abwertenden Konnotationen auftauchen. Solche Bilder existieren
aber auch im Türkischen; z.B. die feste verbale Wendung almanlaşmak (wörtl. sich eindeutschen;
alman ‚deutsch‘ + -laş ‚Reflexiv-Suffix‘ + -mak ‚Infinitivendung‘), die meist für die in Deutschland
lebenden Türken gebraucht wird und in der gesprochenen Sprache vorkommt, hat überwiegend die
pejorative Bedeutung ‚ichbezogen/egoistisch werden, geizig werden, aber auch pedantisch oder
pünktlich sein‘ oder der neutrale Ausdruck Alman usulü ödemek (wörtl. Auf deutsche Weise zahlen;
sinngemäß: Getrennt zahlen, jeder zahlt für sich; bei Türken lädt jeweils einer jeden Genossen ein).
Inwieweit solchen stereotypischen Phraseologismen ein Wahrheitsgehalt zuzusprechen ist, sei hier
dahingestellt. Tatsache ist, dass in jeder natürlichen Sprache solch ein Subsystem waltet, das von
metaphorischen und bildhaften Ausdrücken durchdrungen ist. Wir meinen damit Phraseologie bzw.
Phraseologismen, die starke kulturhistorische und einzelsprachliche Züge aufweisen. Das
phraseologische System einer Sprache ist mit einem Negativfilm zu vergleichen. Ist das Bild einmal
aufgenommen, so scheint es fast unmöglich zu sein, dieses Bild wieder zu löschen oder auf den
aktuellen Stand zu bringen bzw. zu korrigieren. Nehmen wir als Beispiel Phraseologismen mit ‚Herz‘.
Es war Aristoteles, der die menschliche Anatomie studierte und glaubte, das Herz sei der Sitz der
Gefühle, weil es höher schlägt, wenn der Mensch aufgeregt ist. Heute klingt es lächerlich, denn wir
wissen, dass es chemische Substanzen sind, die im Gehirn freigesetzt werden und somit
Empfindungen hervorrufen. Trotzdem existiert im phraseologischen Bestand der jeweiligen Sprache
eine gewisse Anzahl von Phraseologismen mit ‚Herz‘ als Sitz der Gefühle; vgl. dt. jmdm. blutet das
Herz (jmdm. tut etwas sehr Leid, jmd. ist über etwas sehr traurig), tr. yüreği (kalbi) parçalanmak
(wörtl. jemandem bricht das Herz), dt. ein Herz aus Stein haben (hartherzig, ohne Mitgefühl sein), tr.
taş yürekli olmak (wörtl. ‚steinherzig‘ sein), dt. jmdm. rutscht das Herz in die Hose (jmd. bekommt
große Angst); tr. yüreği ağzına gelmek (wörtl. jmds. Herz kommt in den Mund) usw. Solche Bilder sind
konventionalisiert und die Bildhaftigkeit des Lexems ‚Herz‘ ist in beiden Sprachen sehr ausgeprägt. Die
Sprache ist aber voll von solchen bildhaften, metaphorischen Ausdrücken. „Schon Jean Paul hat
gesagt, Sprache ist ein Wörterbuch verblasster Metaphern. "Wenn wir sagen, dass wir etwas be-
greifen, be-sitzen, ver-werfen, um-gehen, dass wir er-schöpft, ver-zückt, ent-setzt sind, dann
verwenden wir verblasste Metaphern"‘(Friederich 1999, 55, zit. nach Eppler 1992: 101).
Wie dem auch sei, Phraseologismen sind für Muttersprachler Ausdrucksvarianten, mittels deren
sie ihren Äußerungen emotionale Ausdruckskraft, Expressivitätssteigerung und individuelle Wertungen

1 Laut Duden (1998: 741) ist die Herkunft dieser Wendung trotz aller Deutungsversuche nicht geklärt. Bei Röhrich (1973: 1096)

findet man folgende Erklärung: Einen Türken bauen: eine oft geprobte Übung als spontane Originalleistung vorführen, etwas
vorspiegeln, vortäuschen, einen rettenden Einfall haben, in der Not aus dem Stegreif etwas erfinden, etwas so stellen, als ob es
echt wäre, etwas dem Original gleich tun, um Eindruck zu machen, auch: Ehrenbezeigungen vollführen [...]. Ursprünglich
stammt die Wendung wohl aus dem militärischen Bereich. In der Soldatensprache ist ‚Türke‘ ein Fachausdruck für eine
eingedrillte Gefechtsübung gegen einen angenommenen Feind und für das parademäßige Vorexerzieren bei militärischen
Besichtigungen, aber auch für die taktische Erfindungsgabe der Kommandeure bei solchen Übungen gewesen". Darüber hinaus
existiert im Deutschen die Variante einen Türken stellen (jmdm. etwas vormachen) (vgl. dazu auch Küpper 1982-84: 2915ff.).
2
Im Sinne von ‚verfälschen, nachahmen, fingieren’ (vgl. dazu auch Kluge 1995: 841).
3
Zum Türkenbild in der deutschen Geschichte siehe Özyurt, Ş. (1972): Die Türkenlieder und das Türkenbild in der deutschen
Volksüberlieferung vom 16. bis zum 20. Jahrhundert und Hagemann, L.: 1998. Martin Luther und der Islam.

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verleihen. Sie kommen relativ häufig vor, insbesondere in der Umgangssprache, und gehören zum
gemeinsamen Kulturbesitz eines Volkes bzw. der jeweiligen Sprachgemeinschaft und somit zu den
sprachlichen Universalien. Ohne sie wäre jede natürliche Sprache einfach zu trocken, öde und
eintönig. Da sich bei den Phraseologismen in der Regel die Gesamtbedeutung nicht aus den
lexikalischen Einzelbedeutungen ableiten lässt, sind sie für Fremdsprachler ein Dorn im Auge; vgl. dt.
sich auf die Zunge beißen (im letzten Moment eine Äußerung unterdrücken), dt. mit dem Kopf durch
die Wand [rennen] wollen (sein Vorhaben trotz offensichtlich unüberwindbarer Hindernisse
[gewaltsam] durchsetzen wollen; tr. kanı kaynamak (wörtl. ‚jmds. Blut kocht’ im Sinne von ‚Schwung,
Temperament haben’), tr. kafayı çekmek (wörtl. ‚den Kopf ziehen‘ im Sinne von ‚sich voll laufen
lassen, sich betrinken‘). Wer als Fremder die jeweilige Fremdsprache beherrschen und seinen
Kommunikationserfolg gewährleisten will, muss sich mit Phraseologismen und mit deren Invarianten
vertraut machen, um in die (Umgangs)sprache geistig hineinzutauchen und gewissermaßen mit dieser
Sprache richtig lachen zu können. Hinzu kommt auch die Tatsache, dass Phraseologismen nicht selten
in modifizierter Form verwendet werden. Der Lernende muss daher auch Modifikationen des
jeweiligen Phraseologismus (er)kennen.

Die allgemein sehr verbreitete Meinung, dass Phraseologismen sich fast nie wörtlich auf eine
andere Sprache übertragen lassen, besonders wenn es um Sprachen wie Deutsch und Türkisch, zwei
genetisch und typologisch völlig verschiedene Sprachen geht, impliziert schon eine interlinguale
Kontrastierung. Wenn wir an die große Zahl (ca. 2, 5 Millionen) der türkischen Mitbürger in
Deutschland denken, die Türkisch als Muttersprache sprechen, so erweist sich die kontrastive
Untersuchung auch als ein pragmatischer Beitrag zur interkulturellen Verständigung. Ein sprachlicher
Vergleich, der die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im phraseologischen Bestand zweier Sprachen
thematisiert, schließt daher auch einen kulturellen Vergleich ein, der Konvergenzen und Divergenzen
zwischen unterschiedlichen Völkergemeinschaften untersucht, um Missverständnisse aufklären zu
helfen. Phraseologie als Subsystem der Sprache berührt sozusagen den Wesenskern einer Sprache,
den Geist der jeweiligen Sprache selbst, denn in ihr zeigen sich spezifische Weltansichten,
Interpretationsmodelle und Deutungssysteme, in denen alte Traditionen, Sitten und Bräuche,
geschichtliche Fakten, Erscheinungen des gesellschaftlichen und politischen Lebens sowie
sozioökonomische Verhältnisse, kulturelle Werte, soziokulturelle Normen und Gefühle gekennzeichnet
sind (vgl. Földes 1996, 86).

Deutsche und türkische Sprach- und Kulturgemeinschaften unterscheiden sich hauptsächlich


voneinander durch Sprache, Religion und Kulturgeschichte. Wie stark die beiden Kulturkreise sich
voneinander trennen, zeigt sich insbesondere in den Phraseologismen, die Bezug zu den eigenen
gesellschaftlichen und religiösen Traditionen haben; z.B. dt. prüfe, wer sich ewig bindet4 (der
türkische Volksmund nahm zu dieser Spezifik der Ehe keine phraseologische Stellung); dt. der Teufel
steckt im Detail (Der türkische Volksmund hat sich auch dazu noch nicht phraseologisch geäußert)
oder das Thema ‚Kürze’ kommt in türkischen Phraseologismen überhaupt nicht vor. Im
phraseologischen System des Deutschen begegnen hingegen mehrere idiomatische Wendungen, in
denen ‚klein’ und ‚kurz’ im Gegensatz zum Türkischen positiv bewertet wird; vgl. in der Kürze liegt die
Würze, kleine Nüsse haben gute (süße) Kerne, in kleinen Säcken ist das beste Gewürz, in kleinen
Nestern wohnen die besten Singvögel, in den kleinsten Flaschen ist der beste Likör, ein kleiner Mantel
verbirgt einen großen Verstand, aus kleinen Quellen entspringen oft große Flüsse; im Gegensatz dazu
macht sich eine kulturspezifische Charakteristik der Türken in den Phraseologismen bemerkbar wie
z.B. eti senin kemiği benim (wörtl. ‚Fleisch gehört dir, Knochen mir‘)5, bana dokunmayan yılan bin yıl
yaşasın (wörtl. ‚eine Schlange, die mich nicht anrührt, mag tausend Jahre leben’6), dayak cennetten
çıkmıştır (wörtl. ‚Prügel stammt aus dem Paradies’). Zwar kennt das deutsche Volk ein ähnliches
Sprichwort, Wer nicht hören will, muss fühlen, aber in diesem Fall entspricht dem deutschen
Sprichwort eine tradierte Wendung von Ziya Pascha, die im modernen Usus nicht geläufig ist, nush ile
uslanmayanı etmeli tekdir, tekdir ile uslanmayanın hakkı kötektir (wörtl. ‚Wer mit Rat nicht zur
Vernunft kommt, der soll zunächst getadelt werden, wer aber mit Tadel nicht vernünftig wird, der
verdient Prügel‘). Der religiöse Unterschied reflektiert sich auch im phraseologischen System, und die

4
Diese Wendung ist ein Zitat aus Schillers „Lied von der Glocke“.
5
Diesen ländlichen Spruch sagt ein türkischer Vater dem Lehrer, wenn er seinen Sohn in der Schule anmeldet und meint
damit, dass der Lehrer hinsichtlich der Erziehung des Kindes die volle Macht hat.
6
In breiteren Schichten der türkischen Gesellschaft hat dieses Sprichwort im Laufe der Demokratisierung seine Gültigkeit
verloren. Es ist mit dem deutschen Sprichwort „Das Feuer, das mich nicht brennt, lösche ich nicht’zu vergleichen.

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spezifischen Kulturkomponenten des Deutschen erscheinen nicht in türkischen Phraseologismen; vgl.


dt. Er ist päpstlicher als der Papst; tr. Kraldan fazla kıralcı (wörtl. Er ist königlicher als der König) oder
dt. Wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen (niemals), tr. balık kavağa çıkınca (Wenn der
Fisch auf die Pappe steigt).

1. Darstellung eines phraseologischen Problemfalls

Im Bereich der Phraseologie tauchen häufig Übersetzungsprobleme auf und so kommt dem Begriff
‚Äquivalenz‘ eine besondere Bedeutung zu. In dieser schwierigen Lage bieten wörtliche
Entsprechungen eine Hilfestellung und eine Erleichterung an, natürlich je nach Grad der sprachlichen
und kulturellen Nähe. Phraseologische Entsprechungen zeigen aber gewisse semantische
Abweichungen oder Konnotationen. Als ein markantes Beispiel sei hier die folgende Werbeanzeige
einer deutschen Firma mit dem Namen Bärmann Fraas auf einer türkischen Zeitung mit dem Titel ayı
gibi güçlü (stark wie ein Bär) angeführt, die ihr Ziel total verfehlt.

Zwar kennt das Türkische die Redensart stark


wie ein Bär, tr. ayı gibi güçlü, aber die im
deutschen Text assoziierte positive Bedeutung
geht im Türkischen verloren. Die türkische
Phraseologie verbindet mit Bär stärker als im
Deutschen symbolische Funktionen wie
„schlechten Charakter, Grobheit und
Plumpheit“. Ein Ausdruck ich bin stark wie ein
Bär ist im Türkischen unzulässig, denn fast
alle türkischen Redensarten, in denen das
Wort ‚Bär’ (tr. ayı) erscheint, sind negativ
konnotiert. So ist z.B. der deutsche Ausdruck
„Ich bin stark wie ein Bär’im Türkischen nicht
durch „ayı gibi kuvvetliyim’wiederzugeben. An
seiner Stelle wird Löwe als Symbol für Stärke
verwendet „aslan gibi kuvvetliyim“. Auch die
Äußerung eines türkischen Politikers im
Fernsehen onlar çöl kaplanları ise biz de Anadolu ayısıyız (wörtl. Wenn sie [hingewiesen auf
amerikanische Soldaten in Kuwait] Wüstentiger sind, dann sind wir auch anatolische Bären) wurde in
der türkischen Presse mit Verspottung aufgenommen, weil er sich mit diesem Ausdruck selbst
beleidigt hat. Bär wird im Türkischen stärker als im Deutschen mit Grobheit, ungehobelten Menschen
und unhöflichem Benehmen assoziiert. Das zeigt sich besonders in der türkischen Redewendung ayı
yavrusunu sevdi (wörtl. ‚Der Bär liebte sein Junges‘, Bären sollen ihre Jungen manchmal vor
Zärtlichkeit totdrücken, gesagt bei allzu grober Zärtlichkeit). ‚Bär’ erweist sich hier als unsensibel und
grob. Wie stark die bildliche Bedeutung des Wortes ‚Bär’ im Türkischen negativ konnotiert ist, zeigt
sich weiterhin in türkischen Phraseologismen köprüyü geçinceye kadar ayıya dayı denir (wörtl. Man
nennt den Bären einen Onkel, bis man die Brücke überschreitet)7 und armutun iyisini ayılar yer (wörtl.
Die besten Birnen fressen die Bären8). In beiden Phraseologismen dominiert als Symbolfunktion
‚schlechter Charakter’.

Hier handelt es sich also um einen Unterschied in der stilistischen Markiertheit bzw. um den
evaluativen Charakter der türkischen Phraseologismen mit ‚Bär’, die häufiger eine negative Wertung
zum Ausdruck bringen. Die kommunikative Wirkung (der perlokutionäre Effekt) tritt in dieser
Werbeanzeige nicht ein. Es erweist sich daher als nötig, dass im Wörterbuch neben der Entsprechung
und der Beschreibung der Bedeutung auch die Verwendungsbedingungen (mit semantischen
Einschränkungen), Konnotationen und usuellen Verwendungsweisen angegeben werden. Zu

7
Das deutsche Sprichwort „Wenn der Fuchs König ist, so bücke dich vor ihm’(Wander 1964: ‚Fuchs’ I:1252, 285) (schicke dich
in die Verhältnisse) könnte als sein Äquivalent betrachtet werden.
8
Die Wendung ist mit dem deutschen Phraseologismus die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln zu vergleichen.

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Verwendungsbedingungen der Phraseologismen bieten die deutsch-türkischen Wörterbücher den


Fremdsprachlern keine ausreichenden Informationen an. In der genauen Beschreibung der
Gebrauchsbedingungen der Phraseologismen müssen noch viele Probleme gelöst und Aufgaben
erledigt werden. Hinzu kommt auch das Fehlen eines deutsch-türkischen phraseologischen Lexikons9.
Die kontrastive Betrachtung kann in dieser Hinsicht auch als ein Beitrag zur Erstellung eines deutsch-
türkischen phraseologischen Lexikons betrachtet werden.

2. Interlinguale Aspekte und Äquivalenzbeziehungen

Im Bereich der kontrastiven Phraseologie befassen sich die meisten gängigen Arbeiten mit dem
Äquivalenzgrad der Phraseologismen. Der Begriff ‚Äquivalenz‘ stellt daher in der kontrastiven
Untersuchung der Phraseologismen das Kernstück des Vergleichs dar. Bei genetisch und typologisch
verschiedenen Sprachen wie dem Deutschen und dem Türksichen10 lassen sich grundsätzlich drei
Äquivalenztypologien unterscheiden: Phraseologische Entsprechung (Weitgehend totale Äquivalenz in
Semantik und Lexik, partielle Äquivalenz mit semantischer Entsprechung, aber unterschiedlicher
Komponente und funktionale Bedeutungsäquivalenz), Nicht-phraseologische (lexikalische)
Entsprechung und fehlende Äquivalenz (Nulläquivalenz) (vgl. Földes 1996, 117ff.). Für die spezielle
Zielsetzung unserer Arbeit ist es aber zweckmäßig, nur Phraseologismen bzw. phraseologische
Entsprechungen in beiden Sprachen zum Gegenstand der kontrastiven Untersuchung zu machen.

Zu den 982 somatischen Phraseologismen, die im Duden (1998) verzeichnet sind, haben wir
insgesamt 54 totale Äquivalente (5,4%) und 115 partielle Äquivalente (11,7%) im Türkischen
festgestellt, und zu den 210 zoosemischen Phraseologismen, die ebenso im Duden (1998) verzeichnet
sind, konnten nur 12 totale (5,7%) und 13 partielle (6,1%) Äquivalente im Türkischen ermittelt
werden. Totale Äquivalenz weist selbstverständlich auf die Gemeinsamkeiten im phraseologischen
System des Deutschen und des Türkischen hin. Die partielle Äquivalenz zeigt dabei die Ähnlichkeit der
Entitäten der deutschen und türkischen Phraseologismen, wohingegen die fehlende Äquivalenz als die
große sprachliche und soziokulturelle Distanz im phraseologischen Bereich der beiden
Sprachgesellschaften zu betrachten ist.
Abgesehen von einigen Internationalismen, die feste attributive Fügungen sind wie z.B. eiserner
Vorhang; tr. demir perde, kalter Krieg; tr. soğuk savaş kann kaum totale Äquivalenz auf allen
sprachlichen Ebenen (Semantik, Lexik und Syntax) festgestellt werden. Solche internationale
Entlehnungen, die zwar in Semantik, lexikalischer Besetzung und syntaktischer Struktur vollkommen
übereinstimmen, sind als Ausnahmefälle zu betrachten. Wenn es aber um komplexere Strukturen
geht, verschwindet die totale Äquivalenz mit der Morhosyntax; z.B. aus erster Hand, tr. ilk elden;
Auge um Auge, Zahn um Zahn, tr. göze göz, dişe diş; Brust an Brust, tr. göğüs göğüse; Schulter an
Schulter, tr. omuz omuza. Da die grammatischen bzw. morphosyntaktischen Beziehungen im
Türkischen anstatt Präpositionen mit Suffixen (Kasusendungen) oder Postpositionen ausgedrückt
werden, lassen wir hier strukturell bedingte syntaktische und morphosyntaktische Unterschiede
unberücksichtigt. Phraseologismen des Deutschen und des Türkischen sind in der Regel mehrgliedrig
und weisen ein Syntagma auf, das ein konjugierbares Verb enthält und zeigen eine komplexe
Satzstruktur. Daher betrachten wir hier solche Entsprechungen als weitgehend total Äquivalent, die
sich verbal und nominal decken. Die Semantik und die lexikalischen Komponenten der deutschen und
türkischen Phraseologismen stimmen also völlig überein; d.h. sie decken sich in semantischer und
lexikalischer Hinsicht vollständig. Der Unterschied liegt nur in der grammatischen Struktur der Bildung,
in der Morphosyntax bzw. im Numerus oder Kasus. Die höchste Anzahl von Äquivalenten bei den
somatischen Phraseologismen des Deutschen im Türkischen zeigen die Komponenten Auge (total 13,

9
Pons-Wörterbuch der idiomatischen Redensarten. dt.-türk., türk.-dt. von Alev Tekinay kann hier als einziges zweisprachiges
Lexikon erwähnt werden.

10
Die Unterschiede bestehen vor allem darin, dass Deutsch eine überwiegend flektierende Sprache, in der die grammatischen
Beziehungen analytisch durch Lexeme bzw. Morpheme ausdrückt werden, Türkisch hingegen eine agglutinierende Sprache ist,
in der die grammatischen Beziehungen vorwiegend durch Agglutination (Anhängung von Endungen) ausgedrückt werden. Das
Türkische ist daher viel stärker synthetischer strukturiert als das Deutsche. Von der Wortstellung her ist das Deutsche eine SVO-
und das Türkische eine SOV-Sprache. Das Türkische gebraucht keinen Artikel und kein grammatisches Geschlecht und hat die
Möglichkeit, ein Subjekt oder Prädikat wegzulassen.

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partiell 15), Hand (total 7, partiell 20), Kopf (total 5, partiell 13), Mund (total 5, partiell 4), Ohr (total
4, partiell 5), Herz (total 3, partiell 12), Gesicht (total 3, partiell 2), Nase (total 2, partiell 2).

Phraseologismen, die in beiden Sprachen lexikalisch und semantisch identisch sind, bereiten den
Fremdsprachlern keine besonderen Schwierigkeiten. In unserem untersuchten Korpus der somatischen
Phraseologismen beider Sprachen zeigt Auge (tr. göz) die höchste Äquivalentenzahl. Hier zeigt sich
vor allem, dass die Wahl des Denotats in beiden Sprachen nicht willkürlich ist. Als Beispiele seien
erwähnt: Dt. ein Auge/beide Augen zudrücken (etwas nachsichtig, wohl wollend übersehen), tr. göz
yummak; dt. die Augen schließen/zumachen/zutun (sterben), tr. gözlerini (hayata) yummak/kapamak;
dt. jmdm. gehen die Augen auf (jmd. durchschaut plötzlich alles), tr. gözü açılmak usw. Manche
weitgehend total äquivalente Phraseologismen des Deutschen und des Türkischen lassen sich auf die
Körpersprache, Gestik, Mimik, gleiche Lebenserfahrungen und Beobachtungen zurückführen; z.B. dt.
die Nase über jmdn./etwas rümpfen (jmdn./etwas gering schätzen, auf jmdn., auf etwas verächtlich
herabsehen), tr. burun kıvırmak. In beiden Sprachgemeinschaften wird durch das Krausziehen der
Nase Abscheu zum Ausdruck gebraucht; diese äußere Reaktion wird auf die innere Haltung der
Ablehnung übertragen; dt. die Zähne zusammenbeißen (Schmerzen, schwere Zeiten, Unangenehmes
tapfer ertragen), tr. dişini sıkmak (aushalten, ertragen); dt. sich die Haare raufen (völlig verzweifelt
sein), tr. saçlarını yolmak.

Die deutschen und türkischen Phraseologismen stimmen in ihrer Gesamtbedeutung bzw. unter
semantischem Aspekt überein, unterscheiden sich aber durch Komponentenbestand. Sie sind partiell
äquivalent (partielle Äquivalenz). Als Beispiele seien hier angeführt: Dt. in aller Munde sein (sehr
bekannt, schnell verbreitet, im Gespräch sein), tr. herkesin dilinde olmak (auf jedermanns Zunge
sein); dt. von Mund zu Mund gehen (durch Weitererzählen [schnell] verbreitet werden), tr. dilden dile
dolaşmak (von Zunge zu Zunge spazieren gehen); dt. sich an die Brust schlagen (Reue empfinden,
sich seine Fehler vorhalten), tr. dizini dövmek (sich ans Knie schlagen). Manche partiellen
Entsprechungen zeigen in Komponenten gewisse Abweichungen bzw. lexikalische Differenzen oder
unterscheiden sich durch unterschiedliche verbale Prägung; vgl. dt. sein Herz (an jmdn.) verlieren
(sich in jmdn. verlieben), tr. birine gönül vermek (jmdm. Herz geben); dt. die Finger in etwas/im Spiel
haben (hinter etwas stecken), tr. bir işte parmağı olması (jmds. Finger in etwas sein).

Eine gewisse Anzahl von deutschen und türkischen Phraseologismen zeigt funktionale
Bedeutungsäquivalenz, d.h. die semantische Grundlage der deutschen und türkischen
Phraseologismen stimmt im Wesentlichen überein. Das sind sinngemäß ähnliche Phraseologismen, die
sich voneinander nur in ihren Bildern unterscheiden. Sie zeigen zwar unter lexikalischem Aspekt
unterschiedlichen Komponentenbestand, sind aber funktional äquivalent. Der Unterschied liegt in der
Verwendung von unterschiedlichen Sinnbildern bzw. andersartigen phraseologischen Komponenten;
vgl. dt. jmdm. läuft die Galle über (jmd. wird wütend), tr. kan başına (beynine) sıçramak (Blut ins
Kopf [Gehirn] springen); dt. wie ein begossener Pudel (kleinlaut, beschämt), tr. süt dökmüş kedi gibi
(wie eine Katze, die Milch verschüttet hat); Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen - bir taşla iki kuş
vurmak (zwei Vögel mit einem Stein schlagen).
Es kommt auch sehr häufig vor, dass man für einen deutschen Phraseologismus im Türkischen
überhaupt keine phraseologische Entsprechung findet. Im Bereich von Somatismen und Zoosemismen
ist für die überwiegende Zahl der deutschen Phraseologismen kein phraseologisches Äquivalent im
Türkischen vorhanden. Nicht-phraseologische Entsprechungen bilden daher den größten
Äquivalenzgrad in unserem untersuchten Korpus (84,7%). Es kommt auch vor, dass man für den
deutschen Phraseologismus überhaupt kein adäquates Äquivalent im Türkischen findet. In diesem Fall
spricht man von fehlender Äquivalenz (Nulläquivalenz). Die deutschen Wendungen ein weißer Rabe
(lat. corvus albus, eine Bezeichnung für einen Menschen, der unter seinesgleichen eine
Ausnahmestellung einnimmt und zu der allgemeinen Meinung abweichende Ansichten äußert) oder
das Auge des Gesetzes (scherzhaft: die Polizei) finden im Türkischen überhaupt gar keine
Entsprechungen. In diesem Fall sucht man Kompensationsmöglichkeiten durch Umschreibung, durch
eine wörtliche Wiedergabe. In all diesen Fällen ist jedoch zu erwarten, dass bei der Übersetzung die
pragmatische Wirkung verloren geht.
In unserem untersuchten Korpus finden sich auch Phraseologismen, die sich auf der lexikalischen
Ebene total decken, aber auf der semantischen Ebene verschieden sind. Diese spezielle Art der
Äquivalenz, die leicht zu Interferenzfehlern führt und daher für den Fremdsprachenunterricht von
besonderer Relevanz ist, nennt man falsche Freunde (lat. faux amis) oder scheinbare Äquivalenz; vgl.

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dt. ein Auge auf etwas werfen (Gefallen an etwas finden, etwas gern besitzen wollen), tr. bir şeye göz
atmak (sinngemäß: auf etwas einen Blick werfen); dt. jmdm. zu Füßen liegen (jmdn. sehr verehren),
tr. birinin ayağına/ayaklarına kapanmak (sinngemäß: jmdn. flehen); dt. jmdm. auf der Stirn
geschrieben stehen (an jmds. Gesichtsausdruck deutlich ablesbar sein), tr. birinin alnına yazılmış
olmak (sinngemäß: jmds. Schicksal sein).

3. Interkulturelle und kulturspezifische Aspekte

Obwohl sich die deutsche und die türkische Gesellschaft durch die große kulturelle Distanz
voneinander unterscheiden, lassen sich in ihren Phraseologismen interkulturelle Gemeinsamkeiten
oder Ähnlichkeiten feststellen, die auf gleiche kulturhistorische Bilder zurückzuführen sind; z.B. tr.
eline su dökemez (wörtl. jmdm. das Wasser nicht in die Hand gießen können), dt. jmdm. nicht das
Wasser reichen können (an jmds. Fähigkeiten, Leistungen o.Ä. nicht heranreichen). In beiden
Kulturkreisen wurde vor den Mahlzeiten Wasser zur Reinigung der Hände herumgereicht. Beide
Wendungen gehen darauf zurück, dass jemand es nicht einmal wert sei, diese niedrige Tätigkeit
auszuüben; dt. sich für jmdn./etwas die Hand abhacken/abschlagen lassen (für jmdn./etwas bürgen),
tr. biri için kolunu vermek/kesmek. Das Abschlagen der Hand gehörte zu dem früheren Strafenkatalog
beider Kulturkreise.
Einige somatische Phraseologismen des Deutschen und des Türkischen basieren auf gleichem
Volksglauben oder „Aberglauben“; z.B. dt. mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden sein (schlecht
gelaunt sein), tr. sol tarafından kalkmak (wörtl. von linker Seite aufstehen). Die abergläubische
Auffassung, dass die linke Seite die Unglückseite ist (wer mit dem linken, dem falschen Bein aufsteht,
dem geht alles schief, dem droht Unheil), existiert in beiden Kulturgemeinschaften; jmdm. klingen die
Ohren (jmd. spürt, dass in seiner Abwesenheit über ihn gesprochen wird), tr. kulakları çınlamak
(wörtl. jmds. Ohren klingen). Der leise, hohe Ton, den man gelegentlich in den Ohren hat, wird im
deutschen und türkischen Volksglauben damit in Verbindung gebracht, dass ein anderer über einen
redet. Diese beiden Wendungen finden jedoch in der türkischen Sprachgesellschaft häufigere
Verwendung.
Als interkulturelle Gemeinsamkeit lässt sich weiterhin feststellen, dass im phraseologischen
System beider Sprachen Kopf als der Sitz des Verstandes, Herz als der Sitz der Empfindungen und
Leber als der Sitz des Gemüts gelten; vgl. dt. Was man nicht im Kopf hat, [das] muss man in den
Beinen/Füßen haben (wenn man bei Besorgungen o.Ä. etwas vergisst, muss man den Weg mehrmals
machen), tr. akılsız başın cezasını ayaklar çeker (wörtl. die Strafe des unklugen Kopfes büßen die
Beine); dt. es muss herunter von der Leber (es kann nicht mehr länger verschwiegen werden);
frei/frisch von der Leber weg reden/sprechen (ohne Umschweife, ungehemmt sagen, was man
denkt); tr. ciğeri yanmak (wörtl. jmds. Leber brennt im Sinne von ‚Kummer, Bedauern, Mitleid
empfinden‘).
Interkulturelle Gemeinsamkeitn lassen sich auch in den Phraseologismen feststellen, die sich auf
gleiche kollektive Beobachtungen und Erfahrungen stützen; z.B. dt. immer [wieder] auf die
Füße/Beine fallen (aus allen Schwierigkeiten ohne Schaden hervorgehen), tr. kedi gibi hep dört ayak
üzerine düşmek (wörtl. wie eine Katze immer auf vier Beine fallen). Die Wendung bezieht sich auch
auf die Fähigkeit einer Katze, immer mit den Füßen zuerst auf den Boden zu kommen, selbst wenn sie
herumgewirbelt und in die Luft geschleudert wird. Um eine kaltblütige, ungerührte Verhaltensweise
eines Menschen auszudrücken, benutzen beide Sprachen dieselbe somatische Ausdrucksweise; vgl.
ohne mit der Wimper zu zucken, tr. gözünü kırpmadan.
Es liegt auf der Hand, dass die Phraseologismen der jeweiligen Sprache auch starke
kulturspezifische Aspekte enthalten. Aus der Sicht des Türkischen tragen folgende Redensarten des
Deutschen kulturspezifische Züge: Die idiomatischen Wendungen, deren Bildhaftigkeit auf die
ritterliche Nationalkultur zurückgeht; z.B. jmdm. unter die Arme greifen (jmdm. in einer Notlage
helfen), jmdm. auf die Beine helfen (jmdn. wieder aufrichten, ihm helfen, eine Schwäche zu
überwinden). „In ihren schweren Rüstungen waren die Ritter damals ziemlich unbeweglich. Wenn es
gelungen war, einen aus dem Sattel zu heben, und er am Boden lag, musste eine Knappe ihm unter
die Arme greifen und ihm auf die Beine helfen – heute tun das eher manche Väter bei ihren
studierenden Söhnen’(Friederich 1999, 57); [sich] kein Blatt vor den Mund nehmen (offen seine
Meinung sagen). „Die Redensart spiegelt eine alte Theatersitte wider. Die Schauspieler machten sich
unkenntlich, indem sie Blätter vor ihr Gesicht hielten. Sie konnten dann manches vorbringen, ohne
später dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden’(Röhrich 1973, 133); die deutsche Wendung das
sagt mir mein kleiner Finger (ich habe eine untrügliche Ahnung) basiert auf dem alten Volksglauben,

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dass die Finger der Hand zum Menschen sozusagen sprechen, ihm mitteilen, was sie erahnen und
wissen. Die deutschen Wendungen wie ein alter Zopf (eine völlig veraltete Einrichtung, Idee, Sache)
und einen alten Zopf/alte Zöpfe abschneiden (eine veraltete Einrichtung, Idee aufgeben) tragen
wiederum kulturspezifische Züge. In der türkischen Kulturgeschichte spielte der Zopf keine
bedeutende Rolle. Solche kulturspezifischen Phraseologismen finden im Türkischen keine direkten
Äquivalente.
Aus der Sicht des Deutschen hingegen zeigen folgende somatische Wendungen des Türkischen
kulturspezifische Züge; z.B. bıyık burmak (wörtl. ‚Schnauzbart zwirbeln‘ im Sinne von „Kraftmeierei
treiben, sich aufplustern), bıyık altından gülmek (wörtl. ‚unter dem Schnauzbart hervor lachen’ im
Sinne von „sich heimlich lustig machen/nicht ganz: sich ins Fäustchen lachen). Der Schnauzbart
spielte in der Kultur der früheren Türken als Zeichen großer Männlichkeit, Stärke und Couragiertheit
eine wichtige Rolle. Die türkische Wendung mit Kopf (baş) başı bağlı olmak (in Bezug auf Frau ‚nicht
mehr zu haben sein, verlobt oder verheiratet sein‘, wörtl. ‚jmds. Kopf gebunden sein’) basiert auf
Kopftuch-Tradition der „früheren’Türken. Das Kopftuch wird als Zeichen dafür verwendet, dass die
Frau vergeben ist. Die türkischen Wendungen el ense etmek (wörtl. ‚Hand-Genick machen‘ im Sinne
von ‚Handgemein werden, tätlich werden‘) und sırtı yere gelmemek (wörtl. ‚jmds. Rücken geht nicht
zum Boden‘ im Sinne von ‚unüberwindlich sein‘) gehen auf den Ringkampf, den traditionellen Sport
der Türken zurück. Manche somatischen Wendungen des Türkischen fußen auf Volks- und
Aberglaube; z.B. göze gelmek [göz değmek] (wörtl. ‚ins Auge kommen’ im Sinne von ‚vom bösen Blick
getroffen sein‘); gözü açık gitmek (wörtl. ‚mit offenem Auge gehen‘ im Sinne von ‚sterben, ehe ein
Wunsch erfüllt ist’).
Interkulturelle Kongruenz ist auch in der Symbolfunktion und -bedeutung von Tieren in den
deutschen und türkischen Phraseologismen festzustellen. Die Symbolbedeutungen in den
Zoosemismen beider Sprachen lassen sich auf Beobachtung des Tierverhaltens in der Natur
zurückführen. ‚Hund’ (tr. köpek) ist z.B. in den Phraseologismen beider Sprachen symbolisch am
häufigsten mit ‚Minderwertigkeit, Verachtung, Misshandlung‘ verbunden; vgl. dt. jmdn. wie ein Hund
behandeln, tr. birine köpek gibi davranmak; dt. leben wie ein Hund (in erbärmlichen Umständen
leben), ein Hundeleben führen (elendes Dasein), tr. köpek gibi yaşamak. Die Phraseologismen mit
‚Wolf’ (tr. kurt), die in beiden Sprachen stark mit der Symbolbedeutung ‚Hunger, Gier‘ verbunden ist,
stimmen in ihren negativen symbolischen Bedeutungen in beiden Sprachen überein; vgl. dt. wie ein
hungriger Wolf / hungrig wie ein Wolf , tr. aç kurt gibi / kurt gibi aç. Die Symbolbedeutung ‚Gefahr
und Schlechtigkeit’ ist auch in Phraseologismen beider Sprachen belegt. In diesem Fall findet der
deutsche Phraseologismus ein Wolf im Schafspelz sein direktes Äquivalent im Türkischen kuzu postuna
bürünmüş kurt. In Phraseologismen beider Sprachen gilt ‚Fuchs’ (tr. tilki) als Sinnbild der Schlauheit
und List und symbolisiert menschliche Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften. Die deutschen
Phraseologismen finden in diesen Fällen ihre direkten Äquivalente im Türkischen; vgl. dt. ein schlauer
Fuchs, tr. kurnaz tilki; dt. schlau/listig wie ein Fuchs, tr. tilki gibi kurnaz; dt. ein alter Fuchs, tr. eski
kurt. Die deutschen Phraseologismen mit ‚Fuchs’ finden ihre funktionalen Bedeutungsäquivalente
Türkischen, die jedoch andere Tiere als Komponentenbestand haben; dt. Auch der schlaueste Fuchs
geht einmal in die Falle, tr. Çekirge bir sıçrar, iki sıçrar, üçüncüsünde ele geçer (wörtl. Die
Heuschrecke hüpft einmal, zweimal, beim dritten Mal kommt in die Hand); dt. dem Fuchs hängen die
Trauben zu hoch/sind die Trauben zu sauer (jmd. tut so, als wolle er etwas nicht haben, das er in
Wirklichkeit doch möchte, aber nicht erreichen kann). Das Türkische verwendet an Stelle ‚Fuchs’ hier
‚Katze’. Die türkische Version lautet: Kedi uzanamadığı ciğere mırdar/murdar dermiş (wörtl. die Katze
nennt Leber und Lunge, welche sie nicht erreichen kann, Rückenmark). In beiden Wendungen
symbolisiert ‚Fuchs’ bzw. ‚Katze’ Schlauheit und Verstellungskunst, indem er/sie sein/ihr eigenes
Unvermögen mit einer List verschleiert. ‚Hase’ (tr. tavşan) symbolisiert in den Phraseologismen beider
Sprachen in erster Linie Ängstlichkeit und Feigheit. Die festen Vergleiche zeigen interlinguale und
interkulturelle Äquivalenz; dt. ängstlich wie ein Hase, tr. tavşan gibi korkak (ängstlich wie ein Hase)
oder tr. tavşan yürekli (wörtl. „hasenherzig“). ‚Schlange’ (tr. yılan) erfüllt in der deutschen und
türkischen Wendung eine Schlange/Natter am Busen nähren, tr. koynunda yılan beslemek die
Symbolfunktion ‚Falschheit, Bosheit’. In Phraseologismen beider Sprachen wird ‚Esel’ (tr. eşek) mit der
symbolischen Bedeutung ‚starrköpfig, trotzig‘ verbunden; vgl. störrisch wie ein Esel sein, tr. eşek gibi
inat. Im Weltbild der ländlichen Bevölkerung der Türkei hat Esel aber darüber hinaus einen
besonderen Stellenwert als Lasttier. In der Phraseologie des Deutschen wird das Pferd, in der des
Türkischen der Esel als sehr kräftiges, ausdauerndes und leistungsfähiges Tier dargestellt, das der
schweren Belastung ausgesetzt wird. An die Stelle des Pferds im deutschen festen Vergleich arbeiten

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wie ein Pferd (sehr hart und unermüdlich arbeiten) tritt im Türkischen ‚Esel’; vgl. eşek gibi çalışmak
(wie ein Esel arbeiten).

4. Schlussfolgerung

Zwischen den deutschen und türkischen Völkern bestand historisch gesehen kein massiver
Sprach- und Kulturkontakt. Erst seit Mitte der Siebzigerjahre, als die Türken als Gastarbeiter nach
Deutschland kamen, kam es im Laufe der Zeit zum Sprach- und Kulturkontakt. Die kontrastive
Untersuchung hat aber gezeigt, dass die körper- und tierbezogenen Phraseologismen in beiden
Sprachen trotz der großen sprachlichen und kulturellen Distanz eine gewisse Anzahl von
Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten auf der semantischen und lexikalischen Ebene aufweisen und
dass die Beziehung der deutschen als auch der türkischen Sprachgesellschaft zu Körperteilen und
Tieren sich nicht viel voneinander unterscheiden. Im Bereich von Somatismen zeigen die
phraseologischen Einheiten, die Auge, Hand, Kopf und Herz als Konstituente haben, den höchsten
Äquivalenzgrad. Diese Somatismen spielen im phraseologischen System beider Sprachen eine größere
Rolle als die anderen Körperteilbezeichnungen. Manche Körperteilbezeichnungen sind an der
Phraseologie im Türkischen nicht beteiligt; z.B. Daumen, Wirbel, Zehe, Zopf, Fingerspitze, Buckel
zeigen keine phrasembildende Fähigkeit im Türkischen. Im Gegensatz dazu kommt die Komponente
Kinn (tr. çene) in deutschen Phraseologismen nicht vor, während er an mehreren Phraseologismen
des Türkischen beteiligt ist; vgl. çene çalmak (wörtl. ‚Kinn schlagen‘ im Sinne von ‚viel schwätzen‘),
çene yormak (wörtl. ‚das Kinn ermüden‘ im Sinne von ‚schwätzen, um jemanden zu überzeugen‘).
Aus der kontrastiven Untersuchung lässt sich auch darauf schliessen, dass die Verwendung von
Tieren als phraseologische Komponente und Symbolbedeutung in beiden Sprachen nicht sehr
unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Hinblick auf die vorkommenden Bedeutungsfunktionen weisen die
tierbezogenen Phraseologismen des Deutschen und des Türkischen weitgehende Gemeinsamkeiten
und Ähnlichkeiten auf, die durch gleiche kollektive Lebenserfahrungen der beiden
Sprachgemeinschaften gekennzeichnet sind. Ein markantes Beispiel für religiöse Kulturdifferenz bilden
aber die Phraseologismen mit der Komponente ‚Schwein‘ bzw. ‚Sau‘, die in deutschen
Phraseologismen reichlich vertreten sind. Da das Schwein aus religiösen Gründen in der Türkei nicht
zur Viehzucht gehört, spielt sein Bild in türkischen Phraseologismen fast keine Rolle. Darüber hinaus
zeigen Tierbezeichnungen wie ‚Kuckuck’ und ‚Eule’ keine phrasembildende Charakteristik im
Türkischen. Die kontrastive Untersuchung zeigt übrigens, dass die Wahl des bildlichen
Begriffs/Denotats in beiden Sprachen nicht willkürlich ist und dass die beiden Sprachgesellschaften
den Tieren gleiche oder ähnliche Symbolbedeutungen zugeschrieben haben. Andererseits hat unsere
Untersuchung ergeben, dass den Somatismen und Zoosemismen in beiden Sprachen eine größere
Rolle zukommt als den übrigen phraseologischen Subklassen, und in beiden Sprachen erfüllen
Phraseologismen dieselbe Funktion, nämlich Expressivität bzw. Ausdrucksstärke. Von den insgesamt
1192 Phraseologismen des Deutschen finden nur 5,5% totale und 9,8% partielle Äquivalente im
Türkischen. Die Unterschiede im phraseologischen System beider Sprachen weisen nicht nur auf die
großen sprachlichen und kulturellen Unterschiede hin, sondern auch darauf, dass die beiden
Kulturgemeinschaften die phraseologische Welt ihrer Sprache aus eigener Perspektive gestaltet haben
und weiterhin gestalten. Beide Sprachen bilden daher aus der Sicht der Bildhaftigkeit überwiegend
eine eigene phraseologische Welt.

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Kontrastive Analyse der Symbolfunktion und -bedeutung von Tieren in


deutschen und türkischen Phraseologismen

Die Phraseologie als Subsystem der Sprache erweist sich oft als ein üppiges Feld für
interlinguale und interkulturelle Vergleiche, mittels derer Äquivalente bzw. kulturbedingte
Gemeinsamkeiten und Unterschiede ermittelt werden können. Phraseologismen11 sind in der Sprache
sehr stark mit kulturellen und religiösen Traditionen des jeweiligen Volkes verbunden. In diesem
Subsystem der Sprache nimmt die Tierwelt in beiden Sprachen einen besonderen Platz ein, auf den
wir zur Erforschung der Interkulturalität unser Augenmerk richten. In den Phraseologismen des
Deutschen und des Türkischen kommen häufig Tiere als Symbole vor, die sich überwiegend auf ihr
Verhalten und ihre äußere Erscheinungen beziehen. Die Verwendung der symbolischen Funktionen
weist aber auch kulturspezifischen Charakter auf, der zum Teil auf der jeweiligen Sprachkultur beruht.
Somit nehmen Zoosemismen eine besondere Stelle im Hinblick auf Interkulturalität ein. Beim
Fremdsprachenunterricht ist es auch von Vorteil, dass Tiere in Zoosemismen der typologisch nicht
verwandten und kulturhistorisch unterschiedlichen Sprachen mit gleicher Symbolfunktion belegt sind.
Die Symbolbedeutungen von Tieren in den Zoosemismen des Deutschen und des Türkischen lassen
sich einerseits auf Beobachtung des Tierverhaltens in der Natur andererseits auf die kulturelle
Darstellungen zurückführen. Die auffallenden Eigenschaften verschiedener Tiere wurden schon immer
von Menschen beobachtet und im Vergleich zur Charakterisierung eines Menschen herangezogen. So
betrachtet ist interkulturelle Kongruenz in der Symbolfunktion und -bedeutung von Tieren in den
deutschen und türkischen Zoosemismen zu erwarten.
Gegenstand des vorliegenden Beitrags sind daher phraseologische Ausdrücke des Deutschen
und des Türkischen, wobei das Hauptgewicht auf die Betrachtung von tierbezogenen Phraseologismen
gelegt werden soll. Unterschiede in der Phraseologie des Deutschen und des Türkischen ergeben sich
in erster Linie daraus, dass beide Sprachen nicht demselben Kulturkreis angehören. Gemeinsame
kulturhistorische Erfahrungen und Schlussfolgerungen sind die einzige Quelle, die Übereinstimmungen
und Ähnlichkeiten zwischen deutscher und türkischer Phraseologie hervorgebracht hat. Es kann
sicherlich auch von Entlehnung gesprochen werden, d.h. Phraseologismen des Deutschen wurden ins
Türkische übernommen oder umgekehrt, wie z.B. die Hunde bellen, die Karawane ziehen weiter. Das
Hauptinteresse meiner Untersuchung richtet sich jedoch auf die Frage, welche Gemeinsamkeit und
Ähnlichkeit im Hinblick auf die Symbolfunktion von Tieren in den Phraseologismen des Deutschen und
des Türkischen zu finden sind. Wir gehen aber auch zum Teil der Frage nach, ob solche
Zoosemismen aufgrund eines ähnlichen Denkens der Menschen unabhängig voneinander entstanden
sind bzw. ob ähnliche Phraseologismen auf kognitiver Erkenntnis der Menschen, auf
Lehnübersetzungen oder auf gemeinsamen kulturhistorischen Begebenheiten beruhen. In der
kontrastiven Untersuchung werden jedoch solche Phraseologismen mit Tiersymbolik unter die Lupe
genommen, deren Vorkommen in der gesprochenen und geschriebenen Sprache des Deutschen
häufig zu beobachten sind. Zur kontrastiven Untersuchung nehmen wir daher die Phraseologismen
des Deutschen und des Türkischen unter die Lupe, in denen die Tiernamen Wolf, Schlange, Esel,
Hase, Fuchs, Eule, Bär, Hund, Schwein/Sau, Taube/Kuckuck, Fliege, Biene, Pfau, Schnecke, Bock,
Fisch vorkommen.
Die Phraseologismen mit ‚Wolf’ (tr. kurt), die in beiden Sprachen stark mit der
Symbolbedeutung ‚Hunger, Gier‘ verbunden ist, stimmen in ihren negativen symbolischen

11
Unter dem Ausdruck ‚Phraseologismus‘ wird meist „stabile Wortverbindung“ verstanden, die durch
Idiomatizität, semantisch-syntaktische Stabilität, Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit gekennzeichnet ist.
Unter dem Terminus „Phraseologismus’ versteht man in der Regel folgende Typen bzw. Subklassen:
Sprichwörter (Parömien) und sprichwörtliche Redensarten (z.B. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers
nicht wert), Idiome (z.B. sich an die eigene Nase fassen), geflügelte Worte (z.B. Große Seelen dulden still
‚Schiller‘), spezielle Klassen wie Zwillingsformeln, z. B. Hab und Gut, Phrasenschablone (Modellbildung),
z.B. Es ist zum … (“Es ist zum Mäusemelken“; "Das ist zum Aus-der-Haut-Fahren!"). Darüber hinaus existieren
kommunikative Phraseologismen, die feste Fügungen sind, die in sich wiederholenden Handlungen (Routinen)
meist unbewusst verwendet werden: (Grußformel: Wir sprechen uns wieder!, Begrüßungsformel: Grüß Gott,
Anrede: Euer Exzellenz, Glückwunsch/Dank: mir fehlen die Worte; und nicht situationsgebundene
Routineformeln: Floskel: … sag ich mal …; Anweisung: Rück endlich mit der Sprache raus!, Slogan: Lasst
Blumen sprechen; Eidesform: Ich schwöre im Namen …; liturgische Formel: Der Herr sei mit Euch!; magische
Formel: Abrakadabra (vgl. Metzler Lexikon Sprache, 2000; Bußmann, 2002; Lewandowski, 1990).

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Bedeutungen in beiden Sprachen überein; vgl. dt. wie ein hungriger Wolf / hungrig wie ein Wolf , tr.
aç kurt gibi / kurt gibi aç. Die Symbolbedeutung ‚Gefahr und Schlechtigkeit’ ist auch in
Phraseologismen beider Sprachen belegt. In diesem Fall findet der deutsche Phraseologismus ein Wolf
im Schafspelz sein direktes Äquivalent im Türkischen kuzu postuna bürünmüş kurt. Die deutsche
Wendung mit den Wölfen heulen findet jedoch im Türkischen keine direkte Entsprechung, kann aber
mit den Wendungen dümen suyunda(n) gitmek (in js. Kielwasser fahren) oder köprüyü
geçene/geçinceye kadar ayıya dayı demek (beim Überqueren der Brücke zum Bären Onkel sagen)
wiedergegeben werden.

‚Schlange’ (tr. yılan) erfüllt in der deutschen und türkischen Wendung eine Schlange am Busen
nähren12, tr. koynunda yılan beslemek die Symbolfunktion ‚Falschheit, Bosheit’. Im türkischen
Sprichwort Bana dokunmayan yılan bin yaşasın (wörtlich: Die Schlange, die mich nicht beißt, soll
tausend Jahre leben; sinngemäß: Das Feuer, das mich nicht brennt, lösch ich nicht) ist diese
Symbolfunktion deutlicher zu erkennen. In machen Wendungen symbolisiert Schlange ‚Hinterlist und
Unehrlichkeit’; dt. falsch wie eine Schlange sein, eine falsche Schlange, tr. yılan gibi sokmak (‚in
heimtückischer Weise’ Böses antun, Schaden zufügen). Schlange begegnet in den
Phraseologismen beider Sprachen als Sinnbild des Bösen; dt. tr. yılanın başını küçükken ezmek
(etwas im Keim ersticken). Eine interkulturelle Gemeinsamkeit besteht daher darin, dass die Schlange
wegen ihrer Verführerrolle beim Sündenfall mit dem Bösen und dem Teufel in beiden religiösen
Kulturen gleichgesetzt wurde.
In Phraseologismen beider Sprachen wird ‚Esel’ (tr. eşek) mit der symbolischen Bedeutung
‚starrköpfig, trotzig‘ verbunden; vgl. dt. störrisch wie ein Esel sein, tr. eşek gibi inat. Im Weltbild der
ländlichen Bevölkerung der Türkei hat Esel aber darüber hinaus einen besonderen Stellenwert als
Lasttier. In der Phraseologie des Deutschen wird das Pferd, in der des Türkischen der Esel als sehr
kräftiges, ausdauerndes und leistungsfähiges Tier dargestellt, das der schweren Belastung ausgesetzt
wird. An die Stelle des Pferds im deutschen festen Vergleich arbeiten wie ein Pferd (sehr hart und
unermüdlich arbeiten) tritt im Türkischen ‚Esel’; vgl. eşek gibi çalışmak (wie ein Esel arbeiten). In
dieser Hinsicht unterscheidet sich die deutsche Wendung von dem semantischen Äquivalent im
Türkischen durch den Komponentenbestand.
Die Zoosemismen unterscheiden sich von anderen Phraseologismen dadurch, dass sie auf
objektive Beobachtung von Tieren bezogen sind und dadurch motiviert erscheinen. ‚Hase’ (tr. tavşan)
symbolisiert z.B. in den Phraseologismen beider Sprachen in erster Linie Ängstlichkeit und Feigheit.
Der Vergleich beruht auf einer vermeintlichen Ähnlichkeitsrelation zwischen menschlichem Verhalten
und Tieren. Die festen Vergleiche zeigen interlinguale und interkulturelle Äquivalenz; dt. ängstlich wie
ein Hase, tr. tavşan gibi korkak (ängstlich wie ein Hase) oder tr. tavşan yürekli (wörtl. „hasenherzig“).
Die wichtigsten symbolischen Bedeutungen von ‚Fuchs’ (tr. tilki) in beiden Sprachen sind
Schlauheit und List, die in Wendungen als menschliche Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften
dargestellt werden. Die deutschen Phraseologismen finden in diesen Fällen ihre direkten Äquivalente
im Türkischen; vgl. dt. ein schlauer Fuchs, tr. kurnaz tilki; dt. schlau/listig wie ein Fuchs, tr. tilki gibi
kurnaz. An die Stelle des Fuchses in der deutschen Wendung ein alter Fuchs tritt im
Türkischen ‚Wolf’; vgl. eski kurt (wörtl. alter Wolf). Die weiteren deutschen Phraseologismen
mit ‚Fuchs’ finden ihre funktionalen Bedeutungsäquivalente im Türkischen, die jedoch andere Tiere als
Komponentenbestand haben.; dt. Auch der schlaueste Fuchs geht einmal in die Falle, tr. Çekirge bir
sıçrar, iki sıçrar, üçüncüsünde ele geçer (wörtl. Die Heuschrecke hüpft einmal, zweimal, beim dritten
Mal kommt in die Hand); dt. dem Fuchs hängen die Trauben zu hoch/sind die Trauben zu sauer (jmd.
tut so, als wolle er etwas nicht haben, das er in Wirklichkeit doch möchte, aber nicht erreichen kann).
Das Türkische verwendet an Stelle ‚Fuchs’ hier ‚Katze’. Die türkische Entsprechung lautet: Kedi
uzanamadığı ciğere mırdar/murdar dermiş (wörtl. die Katze nennt Leber und Lunge, welche sie nicht
erreichen kann, Rückenmark). In beiden Wendungen symbolisiert ‚Fuchs’ bzw. ‚Katze’ Schlauheit und
Verstellungskunst, indem er/sie sein/ihr eigenes Unvermögen mit einer List verschleiert. (vgl.
Kahramantürk, 2001: 68-69). In dieser Hinsicht unterscheiden sich die deutschen
Zoosemismen mit ‚Fuchs’ von dem semantischen Äquivalent im Türkischen durch den
Komponentenbestand.

12
„Die Redensart war bereits im Altertum bekannt und bezieht sich auf Äsops Fabel 97: ‚Der Bauer und
Schlange’, wo es im Text heißt: „Er nahm die Schlange und legte sie unter den Bausch seines Gewandes“ ...
Außer der Fabel müssen noch andere Vorstellungen auf die Redensart eingewirkt haben. So war der
Schlangenbiss eine beliebte Selbstmordart, die bereits Kleopatra wählte“ (Röhrich, 2006: 1357).

12
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Darüber hinaus gibt es deutsche Zoosemismen, die im phraseologischen System des


Türkischen keine große Verwendung finden. In der deutschen Phraseologie ist Eule als Symbol
reichlich vertreten; z.B. Eulen nach Athen tragen, klug wie die Eulen, ein Gesicht machen wie eine
Eule am Mittag (sehr verschlafen aussehen), aussehen wie eine Eule (verschlafen, hässlich und
ungepflegt wirken/aussehen), so voll wie eine Eule sein (stark berauscht sein) (vgl. Röhrich, 2006:
406). Aus der Sicht des Türkischen zeigen deutsche Zoosemismen mit ‚Eule’ kulturspezifische Züge.
Eule (tr. baykuş) kommt als Symbol im Türkischen nur in der Redensart baykuş gibi (wörtl. wie Eule,
sinngemäß: wer Unglück bringt) vor und trägt die symbolische Bedeutung für ‚Unglück’. Im
niederdeutschen Dialekt wird Eule mit dem Schlechten assoziiert; was dem einen sin Uhl,
ist dem anderen sin Nachtigal. (vgl. Földes, 1996: 172). Die sprichwörtliche Redewendung, die
in vielen westlichen Sprachen ähnlich lautet, Eulen nach Athen tragen13 existiert im Türkischen nicht,
findet aber auf der funktionalen Bedeutungsebene die Entsprechung tereciye tere satmak (wörtl. dem
Kressenhändler Kresse verkaufen) oder denize su götürmek (Wasser zum Meer tragen, etwas dorthin
bringen, wo es schon im Überfluss vorhanden ist) und unterscheidet sich nur im Bild, stimmt aber in
den übrigen Merkmalen ‚Vergeblichkeit, etwas Überflüssiges‘ überein.
Im Deutschen symbolisiert ‚Bär’ Hunger; dt. hungrig wie ein Bär. Diese symbolische
Bedeutung ist in der türkischen Phraseologie nicht belegt. In Phraseologismen beider Sprachen
symbolisiert Bär jedoch „Plumpheit“; z.B. dt. ein ungeleckter Bär (jmd. der äußerlich plump wirkt, aber
herzensgut ist), tr. ayı gibi olmak (jmd. ist ein echer/ungehobelter Bär; ayı gibi (plump, täppisch,
grob); ayı şakası (grober, handgreiflicher Scherz). Bär steht aber in beiden Sprachen für „Stärke,
Kraft“; z.B. stark wie ein Bär, tr. ayı gibi güçlü. Die türkische Phraseologie verbindet jedoch mit Bär
stärker als im Deutschen symbolische Funktionen wie „schlechten Charakter, Grobheit und Plumpheit“.
Ein Ausdruck ich bin stark wie ein Bär ist im Türkischen unzulässig, denn fast alle türkischen
Redensarten, in denen das Wort ‚Bär’ (tr. ayı) erscheint, sind negativ konnotiert. An seiner Stelle wird
Löwe als Symbol für Stärke verwendet „aslan gibi kuvvetliyim“ (vgl. Kahramantürk, 2001: 61-62).
Manche deutsche und türkische Phraseologismen stimmen in ihrer Gesamtbedeutung bzw.
unter semantischem Aspekt überein, unterscheiden sich aber durch Komponentenbestand. Ein
markantes Beispiel dafür ist das Tier ‚Schnecke’, die im Deutschen das Symbol ‚Langsamkeit’ darstellt
wie z.B. langsam wie eine Schnecke. Die gleiche Symbolfunktion wird jedoch im Türkischen durch
Schildkröte (tr. kaplumbağa) wahrgenommen wie z.B. kaplumbağa gibi (sinngemäß: schneckengleich,
im Schneckentempo). ‚Schwein’ (tr. domuz) gilt auch in beiden Sprachen als Symbol des
Minderwertigen, als schmutziges Tier und steht für eine gemeine Person. Die Symbolfunktion ‚Glück’,
die im deutschen Phraseologismus Schwein haben (Glück haben) vertreten ist, zeigt ein
kulturspezifisches Merkmal. Die Wendung geht wahrscheinlich auf die mittelalterliche Sitte zurück, bei
Wettkämpfen dem Schlechtesten als Trostpreis ein Schwein zu schenken. Wer das Schwein bekam,
erhielt etwas, ohne sie eigentlich verdient zu haben (vgl. Duden 1998: 647).
In Phraseologismen beider Sprachen wird Pfau (tr. tavus kuşu) mit der symbolischen
Bedeutung ‚eitel, selbstgefällig ‘ verbunden; vgl. eitel wie ein Pfau, tr. tavus kuşu gibi. ‚Biene’ (tr. arı)
symbolisiert in den Phraseologismen beider Sprachen in erster Linie Fleiß, Eifrigkeit, Produktivität. Die
festen Vergleiche zeigen interlinguale und interkulturelle Äquivalenz; dt. fleißig wie eine Biene, tr. arı
gibi çalışkan. Während Fisch (tr. balık) in der deutschen Phraseologie ‚Stummheit, Kälte’ symbolisiert
(stumm wie ein Fisch, kalt wie ein Fisch sein), zeigt sich in der Phraseologie des Türkischen die
Symbolfunktion ‚Vergesslichkeit’ (balık hafızalı olmak; wörtlich: Fischgedächtnis haben).
Die Phraseologismen mit ‚Hund’ (tr. köpek) sind in beiden Sprachen negativ konnotiert und
symbolisch am häufigsten mit ‚Minderwertigkeit, Verachtung, Misshandlung‘ verbunden; vgl. dt. jmdn.
wie ein Hund behandeln, tr. birine köpek gibi davranmak; dt. leben wie ein Hund (in erbärmlichen
Umständen leben), ein Hundeleben führen (elendes Dasein), tr. köpek gibi yaşamak. Auch die
deutschen Phraseologismen mit Kuckuck (tr. guguk) wie Hol dich der Kuckuck! (tr. Cehennem ol!;
wörtl. ‚Fahr zur Hölle’), Das weiß der Kuckuck! (tr. Ne bileyim!; wörtl. ‚Was weiß ich!’), zum Kuckuck!
(tr. Hay Allah belasını versin!; wörtl. ‚Gott soll es verdammen’) sind charakteristisch für das Deutsche.
Von der Symbolik des Tieres in der deutschen Kultur ist in der türkischen Phraseologie nichts zu
finden. ‚Kuckuck’ begegnet uns in türkischen Phraseologismen nicht.

13
Eule dient hier als Vergleichsmotiv für Weisheit und hier symbolisch mit Athen verbunden. „Die Wendung ist
kulturhistorisch auf die Eulen Athens, Sinnbild der Weisheit, zurückzuführen (nach Aristophanes Komödie „Die
Vögel“)“ (Dobrovol'skij/Piirainen 1996: 170).

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Die Phraseologismen mit ‚Fliege’ (tr. sinek) sind in beiden Sprachen negativ konnotiert und
symbolisch am häufigsten mit ‚Kleinigkeit, Minderwertigkeit‘ verbunden; vgl. dt. Adler fangen keine
Fliegen, tr. kartallar sivrisinek/sinek avlamaz; tr. sineğin yağını hesap eder oder sinekten yağ
çıkarmaya çalışır (wörtlich: aus der Fliege Fett herausholen; aus allem Gewinn schlagen wollen; sehr
habgierig sein; Er schindet die Laus des Balges wegen). Daneben sind in der deutschen Sprache oft
Tiersymbole in Komposita zu begegnen, wie z.B. Elefantenhochzeit ‚Fusion von zwei mächtigen
Konzernen’, Löwenanteil, Angsthase (Hase ‚feige, ängstliche Person’). Solche Wortgruppen sind auch
oft in türkischer Sprache zu treffen wie z.B. balık istifi gibi (dicht gepresst wie die Heringe), sinek
kaydı tıraş [rasiert sein, dass eine Fliege ausrutscht] sehr sorgfältig rasiert sein (sinngemäß:
glattrasiert wie ein Kinderpopo sein). ‚Bock’ (tr. erkek keçi, koç) erfüllt in der deutschen und
türkischen Phraseologismen die Symbolfunktion‚Sturheit’; vgl. dt. ein sturer Bock, tr. keçi gibi
inatçı (wörtl. stur wie ein Bock, sinngemäß: er ist bockig).
Es liegt auf der Hand, dass manche Zoosemismen der jeweiligen Sprache auch starke
kulturspezifische Aspekte enthalten. Aus der Sicht des Türkischen trägt z.B. die deutschen Wendungen
mit ‚Schwein’ kulturspezifische Züge und finden im Türkischen keine direkten Äquivalente: Schwein
haben (‚unverdientes’ Glück haben), das falsche Schwein geschlachtet haben (einen unverzeihlichen
Fehler begangen haben), voll (besoffen) wie ein Schwein, schwitzen wie ein Schwein, bluten wie ein
Schwein. Die symbolische Bedeutung von Schwein für „schlechten Charakter“ ist jedoch in beiden
Sprachen vertreten. Die deutschen und türkischen Wendungen mit Schwein (jmd. ist Schwein, tr.
domuz) stimmen in ihrer Gesamtbedeutung bzw. unter semantischem Aspekt überein.
Deutsche und türkische Sprachgesellschaften unterscheiden sich voneinander durch die große
kulturelle Distanz. Trotzdem lassen sich in ihren Zoosemismen interlinguale und interkulturelle
Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten feststellen, die auf gleiche Beobachtungen des Tierverhaltens
zurückzuführen sind. Durch die kontrastive Analyse stellte sich heraus, dass in der Symbolfunktion und
-bedeutung von Tieren in den deutschen und türkischen Phraseologismen interkulturelle Kongruenz
vorhanden ist. Die Symbolbedeutungen in den Zoosemismen beider Sprachen lassen sich überwiegend
auf Beobachtung des Tierverhaltens in der Natur zurückführen. Ein markantes Beispiel für religiöse
Kulturdifferenz bilden aber die Phraseologismen mit der Komponente ‚Schwein‘ bzw. ‚Sau‘, die in
deutschen Phraseologismen reichlich vertreten sind.
Bei der Erforschung zweier voneinander so verschiedenen Sprachen wie des Deutschen und
des Türkischen konnte man davon ausgehen, dass in der Phraseologie dieser Sprachen
Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten sehr selten sind. Zwischen den typologisch nicht verwandten
Sprachen wie das Deutsche und Türkische ist kein massiver Sprach- und Kulturkontakt im Laufe der
Geschichte zu verzeichnen. Erst seit Mitte der Siebzigerjahre, als die Türken als Gastarbeiter nach
Deutschland kamen, kam es im Laufe der Zeit zum Sprach- und Kulturkontakt. Durch die kontrastive
Analyse stellte sich jedoch heraus, dass die tierbezogenen Phraseologismen in beiden Sprachen trotz
der großen sprachlichen und kulturellen Distanz eine große Anzahl von Gemeinsamkeiten und
Ähnlichkeiten auf der semantischen und lexikalischen Ebene aufweisen und dass die subjektive
Beobachtung der deutschen als auch der türkischen Sprachgesellschaft von Tierverhalten sich nicht
viel voneinander unterscheiden. Als interkulturelle Gemeinsamkeit lässt sich feststellen, dass im
phraseologischen System beider Sprachen ‚Hase’ (tr. tavşan) als „ängstlich, feige“, Biene (tr. arı) als
„fleißig, eifrig“, Hund (tr. köpek) als „minderwertig“, Wolf (tr. kurt) „hungrig, gierig, böse“, Fuchs (tr.
tilki) als „schlau“, Schlange (tr. yılan) als „hinterlistig, böse“, Esel (tr. eşek) als „‚starrköpfig, trotzig“,
Pfau (tr. tavus kuşu) als „eitel, selbstgefällig“, Fliege’ (tr. sinek) als „klein, minderwertig“, Bär (tr. ayı)
als „plump“ gelten.
Aus der kontrastiven Untersuchung lässt sich auch darauf schließen, dass die Verwendung von
Tieren als phraseologische Komponente und Symbolbedeutung in beiden Sprachen nicht sehr
unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Hinblick auf die vorkommenden Bedeutungsfunktionen weisen die
tierbezogenen Phraseologismen des Deutschen und des Türkischen weitgehende Gemeinsamkeiten
und Ähnlichkeiten auf, die auf gleiche kollektive Lebenserfahrungen der beiden Sprachgemeinschaften
zurückzuführen sind. Tatsächlich finden wir Zoosemismen, die im Deutschen und im Türkischen
partiell oder vollständig gleich sind; dt. schlau/listig wie ein Fuchs, tr. tilki gibi kurnaz; dt. ein alter
Fuchs, tr. eski kurt. In beiden Sprachen gilt der Fuchs als Sinnbild der Schlauheit und List. Wolf
begegnet in den Phraseologismen beider Sprachen als Sinnbild des Bösen, der Aggressivität; dt. unter
die Wölfe geraten (rücksichtslos behandelt, übervorteilt, ausgebeutet werden), tr. kurtlar sofrasına
oturmak. Interlinguale und interkulturelle Gemeinsamkeiten lassen sich auch in den Zoosemismen
feststellen, die sich auf gleiche kollektive Beobachtungen des Tierverhaltens und Erfahrungen stützen;
z.B. dt. immer [wieder] auf die Füße/Beine fallen (aus allen Schwierigkeiten ohne Schaden

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hervorgehen), tr. kedi gibi hep dört ayak üzerine düşmek (wörtl. wie eine Katze immer auf vier Beine
fallen). An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass „Taube“ in beiden Sprachgemeinschaften mit der
zentralen symbolischen Funktion von Frieden belegt ist.
Ein markantes Beispiel für religiöse Kulturdifferenz bilden aber die Phraseologismen mit der
Komponente ‚Schwein‘ bzw. ‚Sau‘, die in deutschen Phraseologismen reichlich vertreten sind. Da das
Schwein aus religiösen Gründen in der Türkei nicht zur Viehzucht gehört, spielt sein Bild in türkischen
Phraseologismen fast keine Rolle. Darüber hinaus zeigen Tierbezeichnungen wie ‚Kuckuck’ und ‚Eule’
keine phrasembildende Charakteristik im Türkischen. Die kontrastive Untersuchung zeigt übrigens,
dass die Wahl des bildlichen Denotats in beiden Sprachen nicht willkürlich ist und dass die beiden
Sprachgesellschaften den Tieren gleiche oder ähnliche Symbolbedeutungen zugeschrieben haben. In
den tierbezogenen Phraseologismen des Deutschen ist auch Tiersymbole zu verzeichnen, die
widersprüchliche Bandbreite von menschlichen Eigenschaften abdecken wie z.B. „Schlange“, sie dient
zwar in beiden Sprachen als Symbolbild für das Böse, Falschheit, List und Tücke, im Deutschen steht
sie aber auch als Symbol für Klugheit wie z.B. klug wie eine Schlange sein und zeigt kulturspezifischen
Aspekt14. Andererseits hat unsere Untersuchung ergeben, dass Zoosemismen in beiden Sprachen eine
größere Rolle zukommt als den übrigen phraseologischen Subklassen, und in beiden Sprachen erfüllen
Phraseologismen mit Tiersymbolik dieselbe Funktion, nämlich Expressivität und Ausdrucksstärke.

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Die Redensart “klug wie eine Schlange sein” geht auf Bibel zurück. Bei Matth. 10,16 rät Jesus seinen Jüngern:
“Seid klug wie die Schlangen” (vgl. Röhrich, 2006: 1358).

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Allgemein bekannte deutsche Sprichwörter

Ohne Fleiß kein Preis.

Aller Anfang ist schwer.

Übung macht den Meister.

Müßiggang ist aller Laster Anfang.

Andere Länder, andere Sitten.

Der Klügere gibt nach.

Irren ist menschlich.

Lügen haben kurze Beine.

In der Kürze liegt die Würze.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

Erst die Arbeit dann das Vergnügen.

Gelegenheit macht Diebe.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Über den Geschmack lässt sich nicht streiten.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.

Geld allein macht nicht glücklich.

Kleider machen Leute.

Man ist so alt, wie man sich fühlt.

Morgenstunde hat Gold im Munde.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Probieren geht über Studieren.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Was Hänschen nicht lernte, lernt Hans nimmermehr.

Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.

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Doppelt genäht hält besser.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Wer rastet, der rostet.

Wer A sagt, muss auch B sagen.

Wer nicht hören will, muss fühlen.

Wie gewonnen, so zerronnen.

Ausnahmen bestätigen die Regel.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Eigenlob stinkt.

Gut Ding will Weile haben.

Eile mit Weile.

Die Katze lässt das Mausen nicht.

Unkraut vergeht nicht (auf der Straße).

Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.

Jeder ist seines Glückes Schmied.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Hunde, die bellen, beißen nicht.

Scherben bringen Glück.

Viele Köche verderben den Brei.

Was sich liebt, das neckt sich.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Wie man sich bettet, so liegt / schläft man.

Sich regen bringt Segen.

Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte.

Glück und Glas, wie leicht bricht das.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Hunger ist der beste Koch.

Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

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Trau, schau, wem.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Das Leben ist kein Wunschkonzert.

Vorfreude ist die schönste Freude.

Lachen ist die beste Medizin.

Undank ist der Welt(en) Lohn.

In der Ruhe liegt die Kraft.

Nach dem Essen sollst du ruhen oder auch tausend Schritte tun.

Not macht erfinderisch.

Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!

Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Außen hui und innen pfui.

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Den Letzten beißen die Hunde.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Die Zeit heilt alle Wunden.

Eine Hand wäscht die andere.

Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul.

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.

Einmal ist keinmal.

Ein Unglück kommt selten allein.

Ende gut, alles gut.

Kommt Zeit kommt Rat.

Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Von nichts kommt nichts.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Stille Wasser sind tief.

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Wer wagt, gewinnt.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Wie du mir, so ich dir.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder heraus.

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

Alter schützt vor Torheit nicht.

Auf Regen folgt Sonnenschein.

Der Krug geht so lange zu Wasser (zum Brunnen), bis er bricht.

Der Ton macht die Musik.

Durch Schaden wird man klug.

Ehrlich währt am längsten.

Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn.

Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Frisch gewagt ist halb gewonnen.

Früh übt sich, was ein Meister werden will.

Gegensätze ziehen sich an.

Für jeden Topf gibt es einen passenden Deckel.

Eigener Herd ist Goldes wert.

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.

Ein Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.

Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Neue Besen kehren gut.

Jeder ist sich selbst der Nächste.

Man muss keine Katz im Sacke kaufen.

Durch Schaden wird man klug.

Wer sich auf andere verlässt, der ist verlassen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Der Schuster hat (oder trägt) die schlechtesten Schuhe.

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Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Liebe geht durch den Magen.

Keine Rose ohne Dornen.

Borgen bringt Sorgen.

Alte Liebe rostet nicht.

Aus dem Stein der Weisen macht ein Dummer Schotter.

Unter den Blinden ist der Einäugige König!

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Der Fisch stinkt vom Kopfe her.

Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.

Schlaf ist die beste Medizin.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Aus Schaden wird man klug.

Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, was Du bist.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Reisende soll man nicht aufhalten.

Nach den Flitterwochen kommen die Zitterwochen.

Kindermund tut Wahrheit kund.

Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.

Harte Schale und weicher Kern.

Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

Gegensätze ziehen sich an.

Gleich und gleich gesellt sich gern.

Geiz ist die größte Armut.

Voller Bauch studiert nicht gern.

Guter Rat ist teuer.

Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben.

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Gebräuchliche Redensarten des Deutschen

 Das A und O — Das Wesentliche, Wichtigste, bleibend Gültige. Das griechische Alphabet
beginnt mit Alpha (= A) und endet mit Omega (= O). Siehe auch: Alpha und Omega.
Sprichwörtlich geworden durch den Bibelvers „Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende,
spricht Gott der Herr …“
 Sicher wie in Abrahams Schoß — Sich fühlen wie im Paradies. Nach dem Gleichnis vom
reichen Mann und dem armen Lazarus in der Bibel
 Abwarten und Tee trinken! - Warten wir es ab! Es wird bestimmt nicht so schlimm! nur
Geduld!
 Mit Ach und Krach — Gerade eben noch. Verkürzung von „mit Ächzen und Krächzen“.
 Sich vom Acker machen — Sich davonstehlen. Im Soldatenjargon wurde das Übungsgelände
auch Acker genannt. Wer sich vom Acker machte, der drückte sich und war nicht selten
fahnenflüchtig.

 Jemanden zur Ader lassen — Ihn finanziell „erleichtern“, ausbeuten. Bader beherrschten die
Kunst des Aderlasses und des Schröpfens, die sie sich gut honorieren ließen.
 Den Affen für jemanden spielen — Du kannst nicht alles mit mir machen. Auf Jahrmärkten
traten früher häufig Gaukler mit Tieren wie Affen auf, die alle möglichen Kunststücke
vorführen mussten, für die sie teilweise schikanös dressiert worden waren.
 Den Affen loslassen — lustig sein, sich einen vergnügten Tag machen
 Ein Affentheater aufführen — ein übertriebenes Gebaren zeigen
 Einen Affenzirkus veranstalten — viel Getue
 Sich einen Affen holen — sich betrinken
 Ich denke, mich laust der Affe. — Ausdruck des Erstaunens bzw. hochgradiger
unangenehmer Überraschung.
 Sich zum Affen machen — sich lächerlich machen
 Drei Affen — „nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“
 Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche — darauf kannst Du Gift nehmen! Mit Amen (frei
übersetzt aus dem hebräischen: so soll es sein) enden liturgische Gebete, also mit Sicherheit
kommt dieses Wort in jedem Gottesdienst einige Male vor
 Der Amtsschimmel (wiehert) — übertrieben genaue Handhabung der Dienstvorschriften;
Bürokratismus
 vor Anker gehen - einkehren; sich niederlassen
 Äpfel mit Birnen vergleichen: — Unvergleichbares miteinander vergleichen.
 In den sauren Apfel beißen: — Etwas Unangenehmes notgedrungen tun.
 Jmdn. auf den Arm nehmen – jmdn. veralbern, sich über jmdn. lustig machen.
 Sich etwas aus dem Ärmel schütteln — Etwas erfinden, sich etwas schnell ausdenken, um
sich aus einer schwierigen Situation zu befreien.
 Noch ein Ass im Ärmel haben — Etwas Großes/ein überzeugendes Argument zurückhalten
um es im richtigen Moment zur Überraschung (anderer) einzubringen.
 Man sollte ihn mit Argusaugen bewachen — Man sollte ihn dauernd gut beobachten. Argos,
in der griechischen Mythologie von Hera beauftragt, Io zu überwachen, damit es nicht zu
einem Schäferstündchen mit ihrem Gatten Zeus kommt, hatte 100 Augen, von denen immer
welche wach blieben, während die anderen schliefen, wurde deshalb durch Hermes getötet.
 Sich den Arsch aufreißen — Vulgär für „sich sehr anstrengen, sich sehr große Mühe geben“
 am Arsch sein - erschöpft / verausgabt / müde sein; in großen Schwierigkeiten sein
 Asche auf dein Haupt! — Schäme Dich! meist eher ironisch verwendet. Oft auch in der
Version, sich Asche aufs Haupt streuen.
 Das Auge des Gesetzes — die Polizei. Die Wendung das Auge des Gesetzes wacht findet sich
in Schillers Lied von der Glocke.
 ins Auge gehen - misslingen / missglücken / Schaden nehmen; schlimme Folgen haben
 Ein Auge auf jemanden werfen — Gefallen an jemandem oder etwas finden.
 Etwas ausbaden müssen — Für etwas ungerechtfertigt bestraft werden.
 Den Bach runtergehen – untergehen, niedergehen, Pleite gehen –„Damit euer Geld nicht den
Bach runtergeht“.

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 baden gehen - Pech haben; leer ausgehen; Misserfolg haben; hereinfallen

 Nur Bahnhof verstehen — Nichts verstehen oder verstehen wollen. Aus der
Soldatensprache, wo die Soldaten nach Jahren des Krieges nur noch das Wort „Bahnhof“ =
Heimfahrt hören wollten.
 Es wurde auf die lange Bank geschoben. - Die Bearbeitung/Erledigung wurde stark verzögert.
Vermutlich aus der Gerichtssprache, wo Prozesse häufig sehr lange dauer(te)n. Bank ist hier
wohl gleichzusetzen mit dem später für die Verwahrung von Prozessakten üblichen
Aktenschrank.
 Mit harten Bandagen kämpfen - Unerbittlich und hart kämpfen. Vor der Zeit der
Boxhandschuhe bzw. der Queensberry-Regeln kämpften die Boxer mit Bandagen um die
Fäuste. Der Schutz war nur sekundär. Je fester die Bandagen gewickelt waren, desto härter
traf der Fausthieb.[4]
 Ich bin doch nicht die Bank von England — Ich kann nicht alle Wünsche erfüllen. Die Bank of
England war lange Zeit der Inbegriff unermesslicher Reserven, als Großbritannien noch
Weltmacht war.
 Schmetterlinge im Bauch haben - glücklich / aufgeregt sein; sich leicht fühlen; verliebt sein.
 etwas aus dem Bauch heraus tun / entscheiden - etwas aus dem eigenen Gefühl heraus tun /
entscheiden.
 nicht auf den Bäumen wachsen - selten sein; nicht von selbst entstehen.
 Jmdm. einen Bären aufbinden — Ihn anlügen oder ihm etwas vormachen. Vom altdeutschen
Wort bar, was so viel wie Last oder Abgabe bedeutete.
 Jmdm. einen Bärendienst erweisen — Eine schlechte Hilfe erweisen, die häufig das
Gegenteil des Angestrebten bewirkt. Vermutlich nach einer Tierfabel des französischen Autors
Jean de La Fontaine, in der ein gezähmter Bär seinen Herrn erschlug, weil er ihm die lästigen
Fliegen abwehren wollte.
 Ich bin bedient — genug haben von etwas; überdrüssig sein.
 Über dem Berg sein — die schlimmste Phase von etwas (wie Krankheit) überwunden haben.
Vom Umstand abgeleitet, dass die Besteigung eines Hügels bis zum Erreichen des Gipfels
schwieriger ist, als der Abstieg.
 Gut beschlagen in etwas sein — Kenntnisreich sein in einer Sache. Pferde erhalten vom
Hufschmied ihr Hufeisen angepasst, sie werden beschlagen
 Da fress ich einen Besen (oft ergänzt: samt der Putzfrau) — es ist absurd, äußerst
unwahrscheinlich, dass es so ist oder eintreten wird
 In die Binsen gehen - schief gehen; missglücken; misslingen; nicht zu Stande kommen;
kaputt gehen; verloren gehen; scheitern.
 Das ist eine Binsenweisheit (auch Binsenwahrheit) — Das versteht sogar der Dümmste. Die
römischen Komödiendichter Terenz und Plautus sprachen von „Knoten in den Binsen suchen“,
also nach Schwierigkeiten, die gar nicht vorhanden sind.
 Er nahm kein Blatt vor den Mund — Er wurde sehr deutlich in seinen Worten, las jemandem
die Leviten. Aus der Theatersprache, wo in der Antike in den Zeiten vor der Theatermaske ein
Feigenblatt das Gesicht des Schauspielers verbarg, so dass dieser für seine Worte nicht zur
Rechenschaft gezogen werden konnte.
 blaumachen — Schwänzen, ohne triftigen Grund nicht zur Arbeit/Schule erscheinen.
Wahrscheinlich abzuleiten aus Blauer Montag, der ursprünglich liturgisch begründeten
Bezeichnung für die arbeitsfreien Fastenmontage der Handwerker.[9]
 blau sein — betrunken sein.

 Etwas durch die Blume sagen — Etwas nur andeutungsweise, indirekt oder kryptisch
kundtun.
 Blut und Wasser schwitzen — sehr große Angst haben.
 keinen (null) Bock (auf etwas) haben - Jugendspr. keine Lust (auf etwas) haben.
 Den Bock zum Gärtner machen — Den Ungeeignetsten für eine Position auswählen.
Ziegenböcke sind nicht gerade zimperlich, die schönsten Pflanzen zu fressen.
 Das sind böhmische Dörfer für mich — Das ist mir ganz und gar unbekannt oder das
verstehe ich nicht. Als Böhmen noch zur Donaumonarchie gehörte, verstanden viele
Landeskinder das dort gesprochene Tschechisch bzw. deren (tschechischen) Ortsnamen nicht

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 Er erhielt Brandbriefe von allen Seiten — Er wurde von vielen Seiten um dringende Hilfe
gebeten. Brandbriefe wurden bis ins 19. Jahrhundert von Behörden an Menschen
ausgehändigt, die beispielsweise durch Brand ihre Habe verloren hatten. Der Brandbrief war
somit die amtliche Erlaubnis, Dritte um Spenden bzw. Baumaterial anzugehen. In einigen
Gegenden war er jedoch das Synonym für Erpresserbriefe, in denen für den Fall der
Nichtbeachtung materielle Schäden angedroht wurden. Heute meist benutzt, um die
Dringlichkeit einer Bitte herauszustellen
 um den heißen Brei herumreden - eine Sache nicht klar benennen; sich nicht trauen, über
eine Sache offen zu reden – ("Jetzt red' nicht um den heißen Brei herum und sage mir,
worum es eigentlich geht!")
 In die Bresche springen — Helfend eingreifen, um jemanden zu schützen. Bei Sturmangriffen
auf eine belagerte Stadt galt es, Breschen – Lücken – in die Stadtmauern zu schießen, um
eindringen zu können. Nur mit größter Gefahr für das eigene Leben konnten solche Breschen
wieder geschlossen werden.
 Ein Brett vor dem Kopf haben — Etwas Offensichtliches nicht verstehen; auch: begriffsstutzig
sein. Kommt aus dem Mittelalter, wo die Menschen den als dumm geltenden Ochsen Bretter
vor die Köpfe gehängt haben, damit sie nicht erschrecken oder abgelenkt werden.
 Er muss jetzt kleine(re) Brötchen backen — Er hat gegenüber bisher eine erheblich
schlechtere Position.
 In die Brüche gehen — Zu Ende gehen, in Schwierigkeiten geraten. Heute meist im
Zusammenhang mit Ehe und Freundschaft benutzt.
 Jemandem goldene Brücken bauen — Ihm die Möglichkeit bieten, unbeschadet aus einer
misslichen Situation zu entkommen.
 Alle Brücken hinter sich abbrechen — Alle Verbindungen dauerhaft brechen, indem man sich
den Rückweg bewusst selbst verbaut.
 Er redet wie ein Buch — Er redet ununterbrochen. Es ist, als ob er aus einem Buche vorliest.
 Wie es im Buche steht — Mustergültig, vorbildlich. Mit „Buch“ ist die Bibel gemeint, in der
viele Weisheiten versammelt sind.
 Rutsch mir doch den Buckel runter! — Hör auf mich zu nerven! / Lass mich in Ruhe!
 Alles in Butter — alles in Ordnung. Wohl herrührend von der im Gegensatz zur Butter als
pejorativ bewerteten Margarine. Wertvolle Güter, wie zum Beispiel Porzellan, wurden früher in
Kisten mit flüssiger Butter eingegossen. Nach dem Erstarren der Butter waren diese beim
Transport vor dem Zerbrechen geschützt.
 Er lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen — Er ist selbstbewusst, lässt sich nicht beirren
oder übervorteilen.

 Er hat einen Dachschaden — er ist geistig nicht ganz normal.


 Unter Dach und Fach bringen — Das Wesentliche fertigstellen. Dach und Fach waren
ursprünglich die wesentlichen Teile eines (Fachwerk)-Hauses.
 Etwas erweist sich als ein Dauerbrenner — etwas erweist sich als ein Dauererfolg. Der
Begriff leitet sich von Öfen mit lang brennendem Heizmaterial wie Briketts her.
 Jemandem die Daumenschrauben anziehen oder ansetzen — ihm kräftig zusetzen. Bis in
die Neuzeit war es üblich, im hochnotpeinlichen Verhör durch das Quetschen von Fingern die
Wahrheit zu erpressen. Erst die Aufklärung machte diesen Verhörmethoden in zivilisierten
Staaten ein Ende.

 Unter einer Decke stecken — Im Geheimen mit jemandem zusammenarbeiten. Aus dem
germanischen Eherecht, wonach die Ehe als geschlossen galt, wenn sich die Neuvermählten in
Gegenwart von Zeugen unter eine gemeinsame Decke begaben
 Einen Denkzettel verpassen — Jemanden eine Lektion erteilen.
 Wenn es dick kommt — Wenn es schlimm wird
 Auf Draht sein — fit sein, aufmerksam, wachsam sein.
 Er war der Drahtzieher in der ganzen Geschichte — Er steuerte im Verborgenen die ganze
Sache. Der Drahtzieher ist hier eine Person, die - selbst unsichtbar - eine Marionette an Fäden
oder Drähten bewegt.
 auf den letzten Drücker - in der Eile des letzten Augenblicks

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 Jemanden in die Ecke stellen — ihn beschämen, bestrafen. Didaktisches Mittel bis in die Mitte
des 20. Jahrhunderts, Schüler für Unbotmäßigkeit oder Zuspätkommen vor der gesamten
Klasse zu blamieren, indem er mit dem Rücken zur Klasse einige Zeit in der Ecke stehen
musste.

 Ei des Kolumbus — einfache Lösung für ein verzwickt erscheinendes Problem. Nachdem es
niemand gelungen war, ein Ei auf die Spitze zu stellen, gelang dies Kolumbus, indem er es
leicht anklopfte.
 Der Teufel ist ein Eichhörnchen - Das Übel kommt oft in unscheinbaren Formen und bringt
trotzdem großes Unheil mit sich; Probleme treten oft dort auf, wo man sie nicht vermutet
hatte, und deshalb sollte man vorsichtig sein.
 Alle Eier in einen Korb legen - das Risiko nicht streuen. Wie: Alles auf eine Karte setzen. Aus
dem Amerikanischen stammendes Sprichwort.
 Ach du dickes Ei! Ausdruck von Erstaunen / Verwunderung / Überraschung.
 Es ist im Eimer — kaputt, schief gegangen, verkorkst. Es ist (auch im übertragenen Sinn) im
Abfalleimer gelandet.
 Es geht ans Eingemachte – Es werden die letzten Reserven aufgebraucht. Es geht bis zum
Äußersten.
 Etwas liegt auf Eis - etwas ist aufgeschoben / noch nicht entschieden.
 Das gehört zum alten Eisen – veraltet.
 Sich wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen — rücksichtslos, unklug oder taktlos
auftreten.
 Er ist ein Entenklemmer — er ist sehr geizig. Er ist bereit, Enten das Hinterteil zu pressen,
damit das Ei schneller gelegt wird.
 Sich eine Eselsbrücke bauen — komplexe Vorgänge oder Themen werden durch gedankliche
Umwege leichter eingeprägt. Speziell für störrische Esel wurden Brücken an den schmalsten
Stellen eines Wasserlaufs eingerichtet.

 Er ist voll wie eine Eule — er ist stockbetrunken. Eule ist hier die Verballhornung von „Aule“ =
Steinkrug
 Eulen nach Athen tragen — Etwas Unsinniges, Überflüssiges tun. Die Münzen des antiken
Athen trugen auf der Rückseite das Abbild einer Eule und wurden daher auch „Eulen“
genannt. Da die Stadt Athen als sehr reich galt, erschien es unsinnig und überflüssig, noch
Geld dahin zu bringen. Im Süddeutschen gibt es die sinnverwandte Redewendung „Das
Wasser in den Bach tragen.“

 Den Faden verlieren — (in der Rede) nicht mehr weiter wissen.
 Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte — das Ganze hängt miteinander
zusammen, ist miteinander verwoben.
 Es hängt an einem seidenen Faden — die Situation ist bedrohlich oder nicht einschätzbar.
 Sein Fähnlein nach dem Winde drehen. — sich opportunistisch verhalten. Aus der
Windmüllersprache, wo das Windrad immer in den Wind gestellt wurde, um die größtmögliche
Wirkung zu erzielen.
 Farbe bekennen — ehrlich seine Meinung sagen.
 Das passt wie die Faust aufs Auge. — In der ursprünglichen Bedeutung wurden damit zwei
Dinge bezeichnet, die absolut nicht zusammenpassen (eine Faust hinterlässt ein blaues,
geschwollenes Auge). Im weiteren Sprachgebrauch verwendete man den Ausdruck
zunehmend ironisch, sodass sich mit der Zeit sogar eine Umkehr der Bedeutung entwickelte.
Heute versteht man darunter hauptsächlich besonders gut zueinander passende Dinge,
seltener gilt auch noch die ursprüngliche Bedeutung.
 Das ist doch nur ein Feigenblatt — das ist eine Verschleierung der Tatsachen. Nach der Bibel
bestand die erste notdürftige Bekleidung von Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem
Paradies aus einem Feigenblatt
 Jemandem das Fell über die Ohren ziehen — einen Anderen betrügen oder übervorteilen. Ein
vom Tier auf den Menschen übertragenes Bild: Ich nehme bei dem Handel jemandem,
eigentlich einem Pelztier, seinen (teuren) Pelz und er/es kommt dabei um. Rund belassen
„über die Ohren“, von hinten beginnend zum Kopf, werden wertvolle Felle abgezogen, um sie
beim Abziehen nicht zu beschädigen.

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 Ihm schwimmen die Felle weg — er wird der Sache nicht mehr Herr. Vom Kürschner
entlehnt, der seine zugerichteten (gegerbten) Felle in fließenden Gewässern ausspülte.
 Weg vom Fenster sein — nicht dabei sein.
 Ins Fettnäpfchen treten — es mit jemandem durch eine Ungeschicklichkeit verderben bzw.
jemanden kränken oder verstimmen. In Bauernstuben stand früher zwischen Tür und Ofen ein
Fettnapf, mit dem nasse Stiefel wieder eingefettet wurden. Man sollte nicht aus Versehen
hineintreten.
 Die Feuertaufe erhalten — das erste Mal ins Gefecht ziehen. Aufgrund der fehlenden
Erfahrung war das oft auch das letzte Gefecht.
 Da ist der Film gerissen — von diesem Zeitpunkt an kann ich mich an nichts mehr erinnern.
(Geschieht meist unter Alkohol- oder anderem Drogeneinfluss.) Wenn im Kino der Film riss,
spielte sich für einige Zeit nichts mehr ab.
 Ich bin wohl im falschen Film? — in eine völlig unerwartete Situation geraten sein, unter
Anspielung auf das Kinoprogramm
 Der Fisch stinkt (immer) vom Kopfe her — die Verantwortlichkeit infolge von Problemen liegt
(immer) bei den Entscheidungsträgern.
 Er ist eine Flasche — jemand ist unfähig.
 Fix und fertig sein — völlig geschafft, entkräftet sein.
 Jemanden in flagranti erwischen — auf frischer Tat ertappen. Verkürzt aus dem lateinischen
„in flagranti crimine“, wörtlich „in flammendem Verbrechen“.
 Er hat Flausen im Kopf — er hat eher nicht zu verwirklichende/irrealistische Pläne im Kopf.
 Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – einen doppelten Zweck auf einmal erreichen.
 Ich mache besser die Fliege — ich möchte jetzt gehen. Fliegen wechseln häufig ihren Platz,
um nicht erschlagen zu werden.
 Die Flitterwochen verbringen — die (auch übertragen) ersten Wochen nach einer Hochzeit
beisammen sein. „vlittern“ bedeutete im Mittelhochdeutschen kichern, flüstern, liebkosen.
 Die Flinte ins Korn werfen — aufgeben, resignieren. Wenn sich Soldaten ihres Gewehrs
entledigen, haben sie keine Lust mehr zu kämpfen.
 jemandem einen Floh ins Ohr setzen - jemanden auf einen Gedanken bringen, von dem er
nicht mehr loskommt; jemanden auf eine fixe Idee bringen, an die er immerzu denken muss;
bei jemandem einen unerfüllbaren Wunsch wecken.
 Nicht flüssig sein – kein Geld haben.
 Mit dem muss man mal Fraktur reden — man muss ihm unmissverständlich die für ihn
unangenehme Meinung sagen. Fraktur ist eine kantige und für manchen schwer lesbare
Schriftart
 Fremdgehen — außerehelichen Verkehr haben, den Partner sexuell betrügen.
 Lass doch mal fünf gerade sein! — nimm es bitte nicht so genau!
 Das kann man mit Fug und Recht behaupten — das kann man mit vollem Recht sagen. Eine
bereits im Mittelalter bekannte Zwillingsformel, die das Wort „Recht“ noch verstärken soll.
 kalte Füße kriegen/bekommen - kurz vor wichtigen Terminen oder Entscheidungen Angst
bekommen, unsicher werden. “Am Tag vor der Hochzeit bekam er kalte Füße“.
 auf großem Fuß/Fuße leben - gut / luxuriös / teuer / aufwändig leben; viel Geld
ausgeben. "Hendriks lebt auf großem Fuß: Haus in Orthmarschen, teurer Wagen,
anspruchsvolle Frau".
 Er ist wahrscheinlich mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden — er ist schlecht gelaunt oder
nicht konzentriert. Einen schlechten Tag haben.
 In jemandes Fußstapfen treten — jemandem (im Amt oder Beruf) nachfolgen, und dabei
seine Konzepte übernehmen/kopieren.
 Fünf vor zwölf — Höchste Zeit; es verbleibt wenig Zeit, eine Sache in Ordnung zu bringen.

 Ihm läuft die Galle über — er gerät in Zorn, ist wütend. Bei Erregung erhöht die Leber ihre
Galleproduktion.
 Aufs Ganze gehen – alles wagen, riskieren.
 Jmdm. den Garaus machen — jemanden umbringen, töten
 Gassi gehen - den Hund ausführen
 Jmdm. reißt der Geduldsfaden — jemand verliert die Geduld
 eine Sache ist gegessen - eine Sache ist erledigt / vorbei / abgeschlossen / kein Thema mehr

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 Er geht mir auf den Geist — Er nervt mich bzw. ich ärgere mich über ihn/ reagiere allergisch
auf ihn.
 Darauf kannst Du Gift nehmen – Das ist ganz sicher! Darauf kannst du dich verlassen!
 Etwas an die große Glocke hängen — laut kund machen, dass alle es hören können
 Das hat ihm den Gnadenstoß gegeben — Er hat komplett die Fassung verloren.
Hinrichtungen waren einstmals bewusst brutal schmerzvoll (Kreuzigung, Rädern). Durch einen
gezielten Stoß ins Herz konnte dem Leiden ein vorzeitiges Ende gesetzt werden. Auch wurden
häufig nach Schlachten die im Wundfieber liegenden feindlichen und eigenen Soldaten gezielt
getötet, um ihr Leiden abzukürzen.
 Etwas auf die Goldwaage legen — sehr empfindlich reagieren. Die Goldwaage war eines der
genauesten Messgeräte, das schon bei kleinsten Mengen anschlug.
 Ins Gras beißen. — sterben, untergehen. Aus der Soldatensprache. Schwer Verwundete
bissen vor Schmerzen buchstäblich ins Gras
 Er hört das Gras wachsen — er hat (meist nicht nachvollziehbare) Vorahnungen
 Die Gretchenfrage stellen — ursprünglich in Goethes Faust die Frage an Heinrich: „Wie hast
Du’s mit der Religion“? Heute dagegen eher die Frage nach dem Wesentlichen.
 etwas / jemand ist jenseits von Gut und Böse - 1. etwas ist extrem (z.B. hoch oder viel) 2.
jemand ist nicht mehr zu retten; jemandem ist nicht mehr zu helfen; etwas ist ein
hoffnungsloser / schwieriger Fall; jemand ist weltfremd 3. Dinge oder Sachverhalte, die mit
den Kategorien "gut" und "böse" nicht ausreichend beschrieben werden.
 Das geht unter die Gürtellinie/das ist unter der Gürtellinie — das ist unfair oder unsittlich.

 Das Haar in der Suppe suchen / finden — etwas Missfälliges suchen oder bemerken; nur das
Schlechte oder Negative sehen; etwas auszusetzen haben; eine pessimistische
Grundeinstellung haben
 jemandem stehen die Haare zu Berge - jemand bekommt Angst / einen Schreck; jemand ist
entsetzt.
 Er ist Hahn im Korb — der einzige Mann in einer Gruppe von Frauen sein. Bei einer Gruppe
von Hühnern gibt es immer nur einen Hahn, da mehrere Hähne sonst um die
Fortpflanzungspartner konkurrieren würden.

 Jetzt mal halblang! — nicht so voreilig/stürmisch, besinne Dich erst.


 Er kriegt den Hals nicht voll — er ist unersättlich, will stets noch mehr.
 Ich wünsche Ihnen Hals- und Beinbruch — jemandem Glück / gutes Gelingen wünschen.
"Hals- und Beinbruch!" ("Viel Erfolg!"). Aus dem Jiddischen „hatslokhe un brokhe“, was
„Glück und Segen“ bedeutet.
 Etwas Hals über Kopf tun — etwas ohne Nachzudenken, hastig, überstürzt tun.
 Eine Hand wäscht die andere — es wird eine angemessene Gegenleistung erwartet.
 Sich die Hände in Unschuld waschen. — sich für unschuldig erklären.
 Für jemanden die Hand ins Feuer legen — voll vertrauen.
 (klar) auf der Hand liegen - offensichtlich / offenkundig / nahe liegend sein.
 Das hat weder Hand noch Fuß — das ist untauglich, unausgegoren.
 Das Handtuch werfen — aufgeben. Aus dem Boxen entlehnt.
 Im Handumdrehen — Aufgabe in kürzester Zeit erledigen (Gaukler und Zauberer verblüffen
immer wieder durch flinke, kaum wahrnehmbare Handbewegungen.)
 Jemandem das Handwerk legen — ihm die Ausübung einer Tätigkeit verwehren/untersagen.
Nur Zunftmitgliedern waren bestimmte Arbeiten zugestanden, aber auch ihnen konnte bei
Verfehlungen die weitere Ausübung untersagt werden.
 Mein Name ist Hase - ich weiß von nichts!
 Unter die Haube kommen — heiraten (Kennzeichen der verheirateten Frauen war früher eine
Haube)
 Aufs Haus gehen – vom Gastwirt / Gastgeber bezahlt werden. „Das geht aufs Haus“.
 Aus dem Häuschen sein - aufgeregt sein; freudig erregt sein.
 Auf der faulen Haut liegen — ausspannen, sich entspannen, faulenzen, die Arbeit ruhen
lassen.
 Aus der Haut fahren - sich aufregen; zornig / wütend werden; ausrasten; die
Beherrschung verlieren.

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 Jmdm. etwas heimzahlen - jmdm. etwas vergelten, jmdn. für etwas büßen lassen; das
werde ich ihm heimzahlen!
 Am längeren Hebel sitzen – mehr Macht haben, einen Vorteil haben.

 Das letzte Hemd hat keine Taschen — Du büßt mit deinem Tod alle materiellen Güter ein,
kannst nichts ins Grab mitnehmen.
 Jmdn. / etwas ins Herz schließen - jemanden / etwas lieb gewinnen - "Sie hatte viele
arabische Länder bereist und die arabische Welt in ihr Herz geschlossen".
 jemandem (sehr) am Herzen liegen - jemandes innerstes Anliegen sein; jemandem sehr
wichtig sein.
 Ihm ist das Herz in die Hose gerutscht — er hat arge Angst bekommen (und von seinem
Vorhaben abgelassen).
 Er will am liebsten auf zwei Hochzeiten tanzen — er versucht, zwei sich gegenseitig
ausschließende Dinge gleichzeitig tun.
 Er macht ihr den Hof — er umwirbt sie. Übernommen aus dem französischen „faire la cour“
aus Zeiten der Minnesänger.
 Auf dem Holzweg sein — Falsch liegen, im Irrtum sein. Abgeschlagene Holzstämme schlagen
tiefe Furchen in den Waldboden. Diese Holzwege, die unvermittelt im Wald enden, führen
Wanderer in die Irre.

 Dem Ehemann Hörner aufsetzen — einen Seitensprung machen, also den Ehemann
betrügen. Redewendung, die im Prinzip schon die Griechen kannten. Merkt er den Betrug
nicht, ist der dumm wie ein gehörnter Ochs.
 Sie hat die Hosen an — Sie hat in der Ehe oder der Familie das Sagen, ihr Mann hat dort
nichts zu sagen.
 Das geht (meistens) in die Hose — das geht (in aller Regel) schief und führt nicht zum
beabsichtigten Ziel. missglücken; scheitern; fehlschlagen.
 Den Letzten beißen die Hunde - der letzte muss die Zeche zahlen, der letzte muss für alle
einstehen.
 Auf den Hund kommen — scheitern, verarmen. Dazu gibt es viele Erklärungsversuche, alle
könnten stimmen.
 Da liegt oder hier ist der Hund begraben - Das ist die Ursache oder das ist das Wichtige an
der Sache. „Hunde“ bedeutete im Mittelhochdeutschen Beute oder Schatz. Die Assoziation mit
dem Haushund ist fehl am Platz.
 Das ist ein dicker Hund — eine Unverschämtheit, ein böser Regelverstoß, ein starkes Stück
 Mit allen Hunden gehetzt — gleichbedeutend: mit allen Wassern gewaschen, also gewieft
oder schlau. Wild, das über entsprechende Erfahrung verfügt, entkommt mit der erworbenen
List vielen weiteren Gefahren.
 Sie sind wie Hund und Katze — sie vertragen sich nicht, sie streiten sich dauernd. Katzen und
Hunde missdeuten meist die (Körper)sprache des jeweils Anderen.
 Vor die Hunde gehen — verkommen, verludern. Kranke oder schwache Tiere werden schnell
zur Beute von Jagdhunden.
 Heute hü und morgen hott - mal so und mal so; ziellos; planlos.
 Das ist doch Jägerlatein (auch: Anglerlatein) — das ist erfunden oder aufgebauscht.
Mancher Jäger brüstete sich mit Dingen, die unwahr oder stark übertrieben waren.
 Das ist der wahre Jakob — das ist der richtige Mann oder das richtige Mittel.
 Über den Jordan gehen — sterben. biblisch: Das Volk Israel nimmt Einzug nach dem
Wüstenweg in das verheißene Land über den Fluss Jordan, christlich als Eintritt in das
Himmelreich gedeutet.

 Das ist kalter Kaffee — Überflüssiger Disput, bei dem kein Ergebnis herauskommt.
Abgestandener Kaffee hat kein Aroma mehr.
 Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr — Unmögliches Unterfangen.
 Wo kämen wir da hin, wenn … — Ablehnung ungewohnter bzw. neuer Ideen und Methoden.
 Alles über einen Kamm scheren — Nach einem einheitlichen Verfahren vorgehen, ohne auf
Unterschiede Rücksicht zu nehmen.
 Jmdn. an die Kandare nehmen – jmdn. disziplinieren / streng behandeln / unter Kontrolle
bringen.

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 Unter aller Kanone — Miserables Ergebnis.


 Mit Kanonen auf Spatzen schießen — Vollkommen überreagieren, die Verhältnismäßigkeit
nicht wahren.
 Etwas auf die hohe Kante legen — Etwas sparen, zurücklegen für schlechtere Zeiten. Hohe
Kante bezeichnet einen Platz im Baldachin eines Bettes, an dem früher wohlhabende
Menschen ihr Erspartes versteckten. Häufig befand sich in einem Balken des Baldachins ein
besonderes Geheimfach zu diesem Zweck.
 Eine scharfe Kante zeigen — Klare, geradlinige Meinung vertreten, zu erwartende Dispute
darüber nicht scheuen. Möglicherweise in Anlehnung an die Schärfeneinstellung beim
Fotografieren entstandene Redewendung, die gerne von Politikern benutzt wird, die sich
damit gegen ihre Gegner profilieren wollen.
 Sich die Kante / Kanne geben – sich heftig betrinken. „Er fährt zum Oktoberfest und gibt
sich die Kante“; „Heute geb‘ ich mir die Kante“.
 Etwas auf die eigene Kappe nehmen – Die Verantwortung/Rechnung übernehmen - Ich
nehme das auf meine Kappe — Ich übernehme dafür die Verantwortung, stehe dafür gerade.
 Heute ist dein Karottentag - Heute ist dein Glückstag.
 Jmdm. in die Karten sehen — Die geheimen Absichten des Anderen mit unlauteren Mitteln zu
ergründen versuchen. Vom Kartenspiel, wo das Wissen über die Karten des Gegners große
Vorteile mit sich bringt, aber nur durch Scharfsinn oder illegal zu erlangen ist.
 Mit offenen Karten spielen — Nichts verheimlichen.
 Die Karten werden (jetzt) neu gemischt — Es beginnt ein neues Spiel, es besteht jetzt wieder
Chancengleichheit, mit der Aussicht, vorherige Verluste wettzumachen.
 Er spielt mit gezinkten Karten — Er betrügt, treibt ein falsches Spiel. Unter Zinken versteht
man das unauffällige Kennzeichnen von Karten, deren Rückseite ja ansonsten absolut
einheitlich gestaltet ist. Anhand von kleinsten Kerben erkennt der Betrüger dann, welche Karte
sich dahinter verbirgt.
 Er setzt alles auf eine Karte — Er spielt volles Risiko, alles zu verlieren oder zu gewinnen
(„hopp oder topp“).
 Es fiel zusammen wie ein Kartenhaus — Die (Lügen-)Geschichte/die Illusion wurde auf einen
Schlag entlarvt. Eine kleine Unachtsamkeit oder ein Windstoß kann ein mühsam aufgebautes
Kartenhaus in Sekunden zum Einsturz bringen.
 Ab nach Kassel! — Verschwinde oder scher dich! Der Kurfürst von Hessen verkaufte
Landeskinder an die britische Krone, die als Söldner im amerikanischen Freiheitskrieg
eingesetzt wurden. Sammelstation war Kassel. Nach einer anderen Version oder vielleicht
auch bewusst herbeigeführten zusätzlichen Deutung bezieht sich der Spruch auf den
französischen Kaiser Napoléon III., der nach der Gefangennahme bei Sédan 1870 einige Zeit
in Kassel arrestiert war.
 Die Kastanien aus dem Feuer holen — Einem anderen die unangenehmen Dinge abnehmen.
 Am Katzentisch sitzen — abseitsstehen, nicht beteiligt werden (Katzentische werden denen
zugewiesen, die man nicht für gleichberechtigt hält. Der Katzentisch war ein abseits stehender
Tisch für die Kinder oder verspätete Gäste.)
 Die Katze aus dem Sack lassen — offenbaren, welche (häufig auch bösen) Absichten man
hatte, ehe man das Geheimnis lüftete (Wer die Katze aus dem Sack lässt, kann niemandem
mehr einreden, dass ein Hase im Sack ist.)
 Die Katze im Sack kaufen — unüberlegt oder ungeprüft ein Risiko eingehen. Diese Redensart
geht auf eine Fabel zurück, in der dem Teufel in der Neujahrsnacht eine Katze im Sack als
dreibeiniger Hase verkauft wurde.
 Alles für die Katz! / für die Katz sein. — Vergeblich sein.
 Katzenjammer haben — sich elend fühlen, meist nach einer übel durchzechten Nacht mit
anschließendem „Kater“.
 Mit jemand Katz und Maus spielen — ihm seine Ohnmacht durch Schaffung immer neuer
Situationen vor Augen führen.
 Wie Hund und Katze sein — sich nicht vertragen.
 Einen Kater haben — Unwohlsein beim Ausnüchtern nach Alkoholkonsum.
 Etwas in Kauf nehmen — Unangenehmes akzeptieren, weil gleichzeitig auch Vorteile
entstehen, oder weil man seine Grundsätze nicht preisgeben will.
 Jmdm. auf den Keks gehen – jmdm. auf die Nerven gehen. „Das geht mir auf den Keks“.

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 Das Kind mit dem Bade ausschütten. — etwas übereilt tun, ohne die möglichen negativen
Konsequenzen oder Vorteile genügend zu bedenken
 Wir werden das Kind schon schaukeln — Wir werden das schwierige Problem lösen.
 Mit Kind und Kegel — mit großer Begleitung. „Kegel“ wurden die unehelichen Kinder
genannt.
 Er ist ein großer Kindskopf — er hat, obwohl erwachsen, noch die mentalen Eigenheiten
oder Vorlieben eines Jugendlichen an sich.
 Arm wie eine Kirchenmaus sein. - sehr arm (da es in der Kirche keine Nahrung für Mäuse
gibt)
 Halt die Klappe! — Sei still!
 Jemanden über den grünen Klee loben — Jemanden über alle Maßen hervorheben. Während
heutige Gärtner den Klee im Beet tunlichst vermeiden, galt im Mittelalter den Minnesängern
die Kleeblume als außerordentlich edle Blüte und wurde dementsprechend von Wolfram von
Eschenbach oder Walther von der Vogelweide gelobt. Ursprünglich bedeutete es im
eigentlichen Wortsinn nur, dass dem Gelobten eine größere Lebenskraft zugeschrieben wurde.
 etwas auf den Kopf stellen - 1. etwas durcheinander bringen / stark verändern / verdrehen
/ ins Gegenteil verkehren 2. etwas genau durchsuchen.
 Es geht um Kopf und Kragen (1) bzw. Er redet sich um Kopf und Kragen (2) — Es geht um
Leben und Tod. Es geht ums Ganze (1) bzw. er verliert mit seiner Aussage alle Chancen auf
ein mildes Urteil (2). Kragen bedeutet hier so viel wie Hals.
 Man darf nicht den Kopf in den Sand stecken.
 Seinen Kopf durchsetzen — Seinen Willen durchsetzen, auf seiner Meinung beharren, stur
sein.
 jemanden vor den Kopf stoßen - jemanden kränken / verletzen; jemanden unhöflich
behandeln; etwas Unverständliches tun
 auf die Knochen gehen - eine schwere Arbeit / körperliche Belastung sein.
 tief in der Kreide sitzen - stark verschuldet sein.
 Vor jemandem zu Kreuze kriechen — Um Abbitte nachsuchen oder unterwürfig um
Vergebung bitten.
 Krokodilstränen weinen — Unechte Tränen der Rührung, des Schmerzes oder der Trauer
vergießen.
 Der Kuckuck soll dich holen! (auch: „Zum Kuckuck (nochmal)!“, „Zum Kuckuck damit!“) —
Scher dich zum Teufel! Böser Fluch. Kuckuck war nämlich einst ein Synonym für Teufel.
 Das geht auf keine Kuhhaut — Übertreibender Ausdruck der Empörung, der besagen will,
dass über eine bestimmte Sache oder Person so viel Empörendes zu berichten wäre, dass zur
Niederschrift nicht einmal eine Kuhhaut ausreichen würde.
 Den Kürzeren ziehen — Verlieren, unterliegen. Schon bei den Griechen übliche Form des
Losentscheids, wonach das Ziehen des kürzeren Halmes bedeutete, dass man leer ausging.

 Durch die Lappen gehen — entwischen, verschwinden.


 Da bin ich mit meinem Latein am Ende. — hier weiß ich nicht mehr weiter bzw. das kenne
ich zu wenig.
 Die Latte liegt zu hoch - der Anspruch ist zu groß; das Verlangte ist nicht erfüllbar.
 Jemandem den Laufpass geben — jemanden entlassen oder mit ihm brechen. Soldaten
erhielten im 18. Jahrhundert bei ihrer Entlassung einen Laufpass, d. h. ein Papier, das ihnen
bei Bewerbungen um Arbeit helfen sollte.
 Sich wie ein Lauffeuer ausbreiten - sehr schnell
 schief laufen - misslingen; missglücken.
 Er spielt die gekränkte/beleidigte Leberwurst — Er tut, als ob er gekränkt wäre. Die „Wurst“
wurde spöttisch der ursprünglich solitären „Leber“, die als Sitz von Gefühl und Temperament
galt, hinzugefügt.
 Er spielt immer die alte Leier — er kommt immer wieder auf dasselbe Thema zu sprechen.
 Leichen / eine Leiche im Keller haben - eine Belastung aus der Vergangenheit / etwas auf
dem Gewissen haben; ein Geheimnis hüten; eine Schuld auf sich geladen haben.
 Jemandem auf den Leim gehen — von ihm hereingelegt/betrogen werden. Vogelfänger
arbeiteten mit Leimruten, an denen die Vögel hängen blieben.
 aus dem Leim gehen – kaputtgehen; dick werden [Menschen]

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 Er musste Leine ziehen — er musste das Feld räumen, verschwinden. Zieh Leine! -
Verschwinde! Hau ab!
 jemanden an der Leine haben - jemanden in der Gewalt / unter Kontrolle haben.
 jemanden an der kurzen Leine führen - jemandes Freiheiten einschränken; jemandem nur
wenig Freiraum lassen.
 Jemandem die Leviten lesen — ihn heftig tadeln. Aus der Kirchensprache, wo die Geistlichen
der Diözese Metz einst durch ihren Bischof angewiesen wurden, sich zur Besserung ihres
Benehmens täglich Teile aus dem Levitikus und andere Lektionen anzuhören.
 Sein Licht unter den Scheffel stellen — sich unter Wert verkaufen.
 Das liegt bei Ihnen! - Das müssen Sie entscheiden!
 Daran liegt mir viel / wenig / nichts - Daran habe ich großes / wenig / kein Interesse; Das ist
mir wichtig / weniger wichtig / egal.
 Etwas / alles liegt im grünen Bereich - etwas liegt im Toleranzbereich / im tolerierbaren
Bereich; etwas ist (noch) akzeptabel; etwas / alles ist unter Kontrolle / in Ordnung.
 im Auge des Betrachters liegen - subjektiv sein; vom individuellen Geschmack abhängig sein;
an den persönlichen Vorlieben des Betrachters liegen "Das Bild gefällt dir nicht? Ich finde es
wundervoll! Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters".
 Den Löffel abgeben — sterben. Als Essbesteck noch wertvolles Erbstück war, übernahm der
Jüngste den Löffel vom Verstorbenen.
 Im Lot sein — richtig bzw. in Ordnung sein. Aus der Maurersprache, wo das Bleilot anzeigt,
ob die Mauer wirklich senkrecht steht
 Jemanden an die (frische) Luft setzen — ihn entlassen oder des Hauses verweisen.
 jemandem auf den Magen schlagen - zu Magenbeschwerden / Übelkeit / Unwohlsein führen.
“Der Anblick schlug selbst einem hartgesottenen Ermittler auf den Magen"
 Vor jemandem Manschetten haben — Angst oder Respekt haben. Im 18. Jahrhundert
trugen die edleren Herren Spitzenmanschetten, aber Manschetten wurden auch Handschellen
im Strafvollzug genannt.
 Den Mantel des Schweigens über etwas legen — nichts verraten, etwas verheimlichen.
Sinnbildlich etwas unsichtbar machen
 Da hat er eine Marotte — da ist er eigenartig, komisch. Marotte, frz., war ein vom Wort
Maria abgeleitetes Heiligenbild oder eine Handpuppe, später ein Narrenszepter mit
Puppenkopf, das u. a. der Hofnarr trug
 Er steht bei mir auf der Matte — vor der Tür stehen; am verabredeten Ort erscheinen; bereit
sein.
 Er steht wieder auf der Matte — er ist wieder gesund, tut (nach längerer Abwesenheit)
wieder seinen Dienst. Aus der Ringersprache.
 Etwas ist zum Mäuse melken / Mäusemelken - etwas ist sehr ärgerlich / zum Verzweifeln
/ mühselig / ohne Ergebnis. ("Jetzt habe ich schon wieder den Zug verpasst! Es ist zum
Mäusemelken!")
 Sie ist ein Mauerblümchen (umgs.) — als Mauerblümchen wird ein Mädchen bezeichnet,
welches von Männern kaum beachtet wird und kaum zum Tanz bei einer Disco aufgefordert;
analog zu einer Blume, welche unauffällig an einer Mauer wächst.
 Auf Messers Schneide stehen – sich in einer bedrohlichen/gefährlichen Lage befinden,
gefährdet sein.
 Hinter dem Mond leben — wirklichkeitsfremd sein.
 Er macht gerne aus einer Mücke einen Elefanten — eine unbedeutende Sache ungemein
aufbauschen/ maßlos übertreiben
 Etwas für bare Münze nehmen — etwas ernst nehmen, obwohl nur im Scherz gesprochen.
 Sich den Mund verbrennen - das Falsche sagen, unbequeme bzw. peinliche Dinge offen
aussprechen
 …, dann gute Nacht! - das wäre schlimm.
 Er ist eine (alte) Nachteule — Er ist besonders nachts aktiv und kommt dann spät heim.
Eulen sind Nachtvögel und lassen sich bei Tag kaum blicken.
 Die Nadel im Heuhaufen suchen — etwas Unmögliches versuchen müssen. Es ist praktisch
ausgeschlossen, dass die Suche erfolgreich sein wird.
 Den Nagel auf den Kopf treffen — Genau das Richtige sagen oder erraten. Aus der
Schützensprache, wo mit Nagel der Mittelpunkt der zu treffenden Scheibe gemeint war.

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 Etwas an den Nagel hängen (wie den Beruf) — mit etwas aufhören. Schneider hängten den
noch nicht fertiggestellten Anzug bis zur Weiterarbeit an den Nagel.
 Sich etwas unter den Nagel reißen. — sich etwas (auch widerrechtlich) aneignen. Raubtiere
pflegen ihre Beute unter ihre Krallen zu nehmen, daher auch „sich etwas krallen“.
 Die Nagelprobe bestehen — eine entscheidende Prüfung bestehen.
 Aus dem Nähkästchen plaudern - persönliche Erfahrungen mitteilen; intime / private /
geheime Dinge preisgeben. (Er hat mal wieder aus dem Nähkästchen geplaudert — er hat
etwas geäußert, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist).
 Sich an die eigene Nase fassen — in Österreich und Schweiz auch: sich selber an der Nase
nehmen. Auch: sich an die eigene Kappe fassen (Allgäu). Einen Fehler bei sich selbst statt bei
anderen suchen. Geht möglicherweise zurück auf einen Rechtsbrauch, sich beim öffentlichen
Widerruf einer Beleidigung an die Nase zu fassen.
 Die Nase voll haben – „er hat die Nase voll davon“ - er hat genug davon, ist seiner
überdrüssig, will damit nichts mehr zu tun haben.
 Jmdm. etwas unter die Nase reiben - jmdm. tadelnd auf etwas hinweisen; jmdm. etwas
Unangenehmes sagen: „Ich weiß, dass ich zugenommen habe, aber das musst du mir ja nicht
ständig unter die Nase reiben!“
 Null-acht-fünfzehn — 08/15 (ausgesprochen: Null-acht-fünfzehn) — Mittelmäßig, einfach,
gewöhnlich, standardisiert. Teilweise wird diese Redewendung auch für „veraltetes Material“
verwendet. Der Begriff heißt auch kurz übersetzt: Standard. Er ist auch in der Schweiz,
Österreich und Südtirol gebräuchlich. Es gibt drei Erklärungsansätze zur Entstehung der
Redewendung. Alle stehen im Zusammenhang mit dem Maschinengewehr mit der
Typenbezeichnung MG 08/15, das im Ersten Weltkrieg erstmals zum Einsatz kam.

 Wie ein Ochs vor dem Scheunentor stehen (alternativ: wie ein Ochs vor der Apotheke bzw.
vorm Berg stehen) — dumm oder unwissend, wie es weiter gehen soll.
 Eine Odyssee mitmachen — eine aufregende Geschichte erleben. Odysseus, der Held von
Troja, kehrte erst nach vielen Jahren und nach Überstehen vieler Gefahren wieder in seine
Heimat zurück.
 Sie ist nicht ohne — sie ist pfiffig / intelligent (positiv), sie ist zickig bzw. unberechenbar
(negativ).
 Sich etwas hinter die Ohren schreiben. — sich etwas gut merken. Zu wichtigen Ereignissen
zogen unsere Vorfahren ihre Kinder als Zeugen bei und gaben ihnen einen Klaps hinter die
Ohren, damit sie sich an den Vorgang besser erinnern und das Wissen an spätere
Generationen weitergeben könnten.
 Viel um die Ohren haben – sehr viel zu tun haben (Stör mich bitte nicht die ganze Zeit,
ich habe echt viel um die Ohren.)
 Es faustdick hinter den Ohren haben — durchtrieben oder raffiniert sein.
 Öl ins Feuer gießen — anstacheln, ein Übel noch vermehren.
 auf dem Olymp sitzen — sich über alle Anderen erhaben fühlen, überheblich sein. Der Olymp
war nach der griechischen Sage Sitz der Götter.

 Das sind zwei Paar Stiefel — das verhält sich ganz anders, das sind zwei unterschiedliche
Dinge.
 Das bringt mich auf die Palme — da werde ich wütend, da gehe ich in die Luft.
 Er steht unter dem Pantoffel — er steht unter dem Regiment seiner Frau, er hat nichts oder
nicht wirklich etwas zu sagen. Er ist, anders ausgedrückt, ein Pantoffelheld. Hausschuhe
galten lange als Sinnbild für ein weibliches Kleidungsstück. Holzpantinen oder das Nudelholz
konnten so manchen Ehemann schmerzlich zur Raison bringen
 Er ist stur wie ein Panzer — er ist uneinsichtig, lässt sich auch durch gute Argumente nicht
von seiner Überzeugung abbringen. Der Panzer (ein Bekleidungsstück der Ritter) schützte
diesen vor mancherlei Gefahren, stärkte ihn aber auch in der Überzeugung, nicht nachgeben
zu müssen/dürfen
 Ich kenne meine Pappenheimer — ich weiß diese Leute (und ihre Schwächen)
einzuschätzen.
 Jmdm./einer Sache Paroli bieten – entschlossen entgegentreten – „Nissan will BMW und
Audi Paroli bieten.“

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 Jmdm. auf die Pelle rücken – jmdn. bedrängen. „Einige Schritte trat ich zurück, um ihr nicht
zu sehr auf die Perle zu rücken.“
 Perlen vor die Säue werfen — sinnlos vergeuden.
 Jmdn. in die Pfanne hauen - besiegen, schlagen, vernichten;
 Du kannst da hingehen, wo der Pfeffer wächst — Geh weg und komm nicht wieder!
 Den Pegasus besteigen (zu dichten beginnen)
 Mit ihm kann man Pferde stehlen - mit ihm kann man manches wagen, unternehmen, er
lässt einen nicht im Stich

 Vom Pferd erzählen – (jemandem Unsinn erzählen, nicht die Wahrheit sagen, lügen)
 Er erhebt sich wie Phönix aus der Asche — Ein schon als verloren Abgeschriebener erscheint
in neuem Glanze. Nach der griechischen Mythologie war der Vogel Phönix im Stande, zu
verbrennen und aus seiner Asche wieder neu zu erstehen
 Sie schießen wie Pilze aus dem Boden — sie vermehren sich schlagartig, nehmen überhand.
Vor allem negativ empfundene Dinge werden so charakterisiert, Hotelanlagen in
schützenswerten Regionen.
 Die Platte machen — auf der Straße leben, obdachlos sein.
 Pleite machen — bankrott gehen. Pleite kommt vom hebräischen Wort „Peletah“ =Flucht.
Der Geier im Pleitegeier kommt vom jiddischen Wort für Geher, also ist ein Pleitegeier eine
Person, die in die Flucht geht.
 Dann ist Polen offen - eine außer Kontrolle geratene Situation. Aus der Zeit der Polnischen
Teilung stammend.
 Viel Porzellan zerschlagen — sehr unangenehm auffallen. Zerschlagenes Porzellan lässt sich
meist nicht mehr reparieren.
 des Pudels Kern - der wahre / eigentliche Sachverhalt; des Rätsels Lösung - "Genau da liegt
des Pudels Kern".
 An den Pranger gestellt werden / angeprangert werden — in aller Öffentlichkeit gedemütigt
werden. Leichtere Vergehen wurden noch bis in die Neuzeit damit bestraft, dass man längere
Zeit am Pranger stehen musste, verspottet, beschimpft und beworfen von den Mitbürgern.
 Als Prügelknabe herhalten — für einen Dritten bestraft werden. An Edelleuten durfte, so
sehr sie es auch verdient hatten, die Prügelstrafe nicht vollzogen werden. Stattdessen standen
Kinder zur Verfügung, die dann in Anwesenheit des eigentlich zu Bestrafenden die
schmerzhafte Prozedur über sich ergehen lassen mussten.
 Der springende Punkt — das Wesentliche, die Hauptsache.
 Er redet ohne Punkt und Komma — er redet ununterbrochen, ohne jemand Anderen zu Wort
kommen zu lassen.
 Die Quadratur des Kreises suchen — eine Aufgabe lösen wollen, die eigentlich unlösbar ist.
 Die Qual der Wahl haben — Eine schwere Entscheidung treffen müssen
 An der Quelle sitzen — problemlosen Zugang zu Dingen haben, die andere auch gerne
hätten
 Eine gute Quelle haben — wissen, wo man etwas erhalten kann
 Etwas aus sicherer Quelle wissen — Kenntnis von einem guten Gewährsmann haben
 Mit jemandem quitt sein — mit jemandem alle ungeklärten Angelegenheiten bereinigt haben
 Die Quittung erhalten — die Folgen für ein bestimmtes Verhalten tragen müssen
 Er kann die Radieschen von unten betrachten — er ist gestorben.
 Das fünfte Rad am Wagen sein - überflüssig / nutzlos / unerwünscht sein; vernachlässigt
werden
 Die Rechnung ohne den Wirt machen. — Sich täuschen, nicht die Folgen bedenken. Die
Rechnung des Wirts fällt häufig höher aus als erwartet.
 Vom Regen in die Traufe kommen — eine noch schlimmere Situation gewärtigen. In der
Traufe sammelt sich der Regen vom ganzen Dach
 Jmdn. im Regen stehen lassen — jemanden mit seinen Problemen und Sorgen allein lassen,
nachdem man mit ihm in besseren Zeiten zusammengearbeitet hatte
 Alle Register ziehen — alle Möglichkeiten nutzen/alle Hebel in Bewegung setzen. Orgelspieler
nutzen Register, um bestimmte Klangfarben zu erzielen. Viele Register bedeuten mehr
Volumen/Lautstärke
 mit jemandem/etwas ins Reine kommen – einig werden, einen Streit beilegen.

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 Reisende soll man nicht aufhalten! - Wer gehen will, soll das tun; Wer auf seinem
Standpunkt oder Willen beharrt, den sollte man nicht hindern, das zu tun, was er für richtig
hält.
 ins Rennen gehen - kandidieren; an einem Wettbewerb teilnehmen
 in die Röhre gucken/schauen — leer ausgehen, nichts abbekommen.
 In die Röhre gucken — leer ausgehen, benachteiligt werden; (abwertend) fernsehen, vor der
Glotze sitzen
 Ruck Zuck — schnell (Etymologisch kommt der Ausdruck von rucken im Sinne von etwas
verrücken und zucken im Sinne von heftig ziehen.)
 Er steht mit dem Rücken zur Wand — Er ist in Bedrängnis, kann sich nur noch mühsam
verteidigen.
 aus dem Ruder laufen - nicht mehr beherrschbar / kontrollierbar sein; chaotisch werden.

 In China ist ein Sack Reis umgefallen - Ausdruck des eigenen Desinteresses.
 Nichts zu sagen haben - keine Befehlsgewalt haben; bedeutungslos sein - "Der
Bundespräsident hat fast nichts zu sagen. Die politische Macht liegt beim Bundeskanzler".
 Da haben wir den Salat. - Jetzt ist das Unheil/Missgeschick passiert. Salat hier wohl als
Sinnbild von Durcheinander.
 Man hat ihm Sand in die Augen gestreut. Man hat ihn getäuscht oder irregeführt. Schon in
der Antike benutzte Redewendung, vermutlich aus der Fechtersprache, wonach der Gegner
durch das Werfen von Sand ins Gesicht quasi wehrlos wurde
 Etwas in den Sand setzen - mit/an einer Aufgabe/einem Projekt scheitern.
 Die Sau raus lassen — ein lang gehütetes Geheimnis preisgeben, aber auch durch Derbheit
oder Unanständigkeit auffallen.
 So wurde aus einem Saulus ein Paulus — er hat seine Einstellung um 180° (zum Positiven)
geändert. Nach der Bibel (1 Kor 15,9 EU) war Saulus ein vehementer Christenverfolger, ehe er
nach dem Damaskuserlebnis ein eifriger Jünger Jesu wurde und den Namen Paulus annahm.
Gelegentlich wird auch aus einem Paulus ein Saulus.
 Etwas in Schach halten — etwas unter Kontrolle haben, festhalten oder bedrängen. Kommt
aus dem Schachspiel, da man eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten hat, wenn der König in
Schach gehalten wird.
 Seine Schafe bzw. Schäfchen im Trockenen haben — gesichert, sicher sein. Schäfchen hat
nichts mit den Tieren, sondern den „Schepken“, also den Schiffen, zu tun.
 Er ist das Schwarze Schaf in der Familie — er fällt in seiner Familie mit negativen
Sonderheiten/Eskapaden aus der Rolle und ist daher dort schlecht gelitten.
 Das stellt alles Bisherige in den Schatten — das ist ein neuer Rekord (auch negativ). Dinge,
die im Schatten stehen, gelten gegenüber denen in der Sonne als zweitrangig.
 etwas nur zum Schein tun - eine Handlung nur vortäuschen; nur vorgeben, etwas zu tun.
 Nach Schema F verfahren — nach einer festgeschriebenen Struktur etwas abarbeiten.
 Etwas im Schilde führen — schlechte Absichten haben.
 Man ist mit ihm Schlitten gefahren. - Man hat ihn rücksichtslos behandelt bzw.
zurechtgewiesen. Herkunft dieser Redewendung ist nicht gesichert. Angenommen wird von
Küpper, dass der Beifahrer auf einem Schlitten dem Willen des Piloten unterworfen ist.
 Einen Schlussstrich (unter etwas) ziehen – eine Sache beenden, zum Abschluss bringen
 Schmiere stehen — bei einer verwerflichen Tat den Übeltäter durch rechtzeitige Warnung
unterstützen. Aus dem hebräischen Wort „schemirah“ = Bewachung.
 Die Schnauze voll haben — vulgärer Ausdruck für „keine Lust mehr auf etwas haben“ oder
„von etwas genervt sein“.
 Auf die Schnauze fallen — derb für: Misserfolg haben/scheitern. (Selbsterklärend)
 Auf Schnäppchenjagd gehen - nach günstigen Einkaufsgelegenheiten suchen
 Er ist aus dem Schneider — Schlimmeres in Bezug auf die eigene Person abgewendet
haben.

 Er hat eine Schraube locker — er spinnt, ist verrückt. Von der Tatsache, dass eine Maschine,
bei der eine Schraube locker ist oder fehlt, nicht richtig funktioniert.
 Für die Schublade — ein Werk schaffen, das nicht veröffentlicht werden kann.
 Das sind zwei Paar Schuhe — das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.

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 Jemandem etwas in die Schuhe schieben — ihn vorsätzlich für etwas beschuldigen, was er
nicht getan hat.
 Niemand außer mir weiß, wo mich der Schuh drückt — Nur wir selbst wissen über die
Ursache unseres Leidens.
 Etwas auf die leichte Schulter nehmen – etwas unterschätzen, nicht sehr ernst nehmen.
 Jmdm. die kalte Schulter zeigen - abweisend sein; jemanden / etwas zurückweisen /
ablehnen; jemanden abblitzen lassen
 Ins Schwabenalter kommen — 40 Jahre alt werden. Im Schwäbischen gibt es das
Sprichwort: „Ein Schwabe wird mit vierzig gescheit, die Andern nicht in Ewigkeit“

 Der Schwanz wedelt mit dem Hund — Verdrehung, bzw. Vertauschung von bewährten oder
erwarteten Gegebenheiten.
 Er hat ins Schwarze getroffen — er lag absolut richtig mit seiner Vermutung. Aus der
Schützensprache, wo das Zentrum der Zielscheibe ein schwarzer Kreis ist, den es zu treffen
gilt.
 Schwarz sehen - pessimistisch sein; das Schlimmste befürchten.
 Schwarz fahren – ohne Ticket/Fahrschein fahren.
 Schwarz-Weiß-Denken - nur einen Sachverhalt und dessen Gegenteil kennen; nicht
differenzieren; nicht unterscheiden; nur gut und böse / gut und schlecht kennen; keine
Zwischentöne zulassen.
 schwarz auf weiß - (auf Papier) gedruckt; der Wahrheit entsprechend.
 Da kannst du warten, bis du schwarz wirst - das dauert lange oder tritt nie ein. Früher ließ
man die Gehenkten manchmal zur Abschreckung am Galgen in den Bäumen hängen, bis sie
schwarz wurden.
 Jemandem (nicht einmal) das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen — nichts gönnen
bzw. alles neidisch sein. Selbsterklärend.
 Jemandem den Schwarzen Peter zuschieben. — jemandem etwas Böses antun. Vom
Kartenspiel, wo derjenige verliert, der als letzter die Spielkarte „Schwarzer Peter“ in der Hand
hält
 Das falsche Schwein geschlachtet haben. — einen unverzeihlichen Fehler begangen haben.
(Die Wendung soll von Winston Churchill im Hinblick auf die Sowjetunion geprägt worden
sein.)
 Den inneren Schweinehund überwinden — innere Widerstände überwinden.
 Schwein haben — Glück ohne eigenes Zutun oder wider Erwarten
 Da muss ich noch meinen Senf dazu geben — da muss ich (meist ungefragt) meinen (nicht
unbedingt willkommenen) Kommentar dazu geben.
 Bei mir ist jetzt Sense — ich steige aus, mache Schluss. Die Sense bedeutet den Tod vieler
Pflanzen. Auch eine Allegorie auf den „Sensenmann“, die bildliche Darstellung des Todes
 der siebte Sinn - die Fähigkeit zu spüren, dass etwas passiert, bevor es wirklich eintritt;
Vorahnung; Intuition
 Das ist eine Sisyphusarbeit — trotz großer Anstrengungen nicht zu einem Ende kommen.
Nach der griechischen Sage musste König Sisyphos zur Strafe für seine Schuld einen
schweren Stein den Berg hinaufrollen, der stets kurz vor Erreichen des Gipfels wieder zu Tal
stürzte.
 Ein Schlitzohr sein - durchtriebener, schlauer Kerl; Betrüger.
 In Schwulitäten geraten - in Schwierigkeit geraten.
 Etwas nicht auf sich sitzen lassen – sich etwas nicht gefallen lassen, sich wehren. „Diese
Unverschämtheit lasse ich nicht auf mir sitzen“.
 Sich auf die Socken machen. — schnell verschwinden/verduften. Socken waren einst leichte
Schuhe, die auf die Schnelle ausreichten.
 Ich bin von den Socken. — ich bin überrascht. Es ist, als wären einem plötzlich die Schuhe
ausgezogen worden.
 Das kommt mir Spanisch vor. — Das ist seltsam. Manche unter Kaiser Karl V. aus Spanien
nach Deutschland eingeführte Sitten sorgten hier für Aufsehen und Verwirrung.
 Dann sind ja alle Spatzen gefangen — dann sind alle Fragen geklärt bzw. alle
Voraussetzungen geschaffen.

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 Drehen wir mal den Spieß um! — Vertauschen wir doch einmal die Rollen! Wer seinem
Gegner den Tod bringenden Spieß entreißen konnte, schlüpfte unversehens aus der Rolle des
Angegriffenen in die des Angreifers über.
 Es gilt, die Spreu vom Weizen zu trennen — Wichtiges von Unwichtigem trennen oder
unterscheiden. Mit Gebläse wurde die wesentlich leichtere Spreu weiter weg geblasen als das
von ihm zuvor umgebene Korn.
 Jemandem auf die Sprünge helfen — jemandem entscheidende Hilfestellung/Tipps geben
 Den Stab über jemanden brechen — jemanden verurteilen oder hart über ihn reden. Bis in
die Neuzeit wurde über dem zum Tode Verurteilten ein Stab zerbrochen, was symbolisierte,
dass er sein Leben verwirkt hatte.
 Sich aus dem Staube machen - sich heimlich entfernen, schnell davonschleichen, entfliehen
 Aus dem Stegreif — spontan, ohne Vorbereitung. Königskuriere verlasen die Botschaften
ihres Herrn, ohne vom Pferd zu steigen, sondern, um noch größere Aufmerksamkeit zu
erzielen, erhoben sie sich aus dem Sattel, sie standen in den Stegreifen
 Jmdn. im Stich lassen — ihn in Gefahr verlassen, ihm nicht helfen. Möglicherweise aus der
Rittersprache, wo ein verwundeter Kämpfer ohne Hilfe blieb, aber auch denkbar in Anlehnung
an eine Biene, die durch ihren Stich ihr Leben verliert
 Jemanden zur Strecke bringen — jemanden besiegen, vernichten, töten. Aus der
Jägersprache, wo erlegtes Wild in Reih und Glied ausgestreckt abgelegt wird. Dieser Platz wird
die Strecke genannt.
 Jemandem einen Strich durch die Rechnung machen — den Plan vereiteln, seine Absicht
durchkreuzen. Vermutlich vom Lehrer, der die Rechenlösung des Schülers als falsch
durchstreicht
 Es geht mir gegen den Strich — Ich bin damit grundsätzlich nicht einverstanden. Katzen
reagieren gereizt, wenn sie gegen die Richtung der Haare gestreichelt werden
 Sie geht auf den Strich — sie geht (als Dirne) auf Männerfang. Aus der Jägersprache,
wonach die männliche Waldschnepfe während der Balzzeit in Baumhöhe den Wald durchstreift
(Schnepfenstrich)
 die Strippen ziehen – (im Hintergrund / Geheimen) alles überschauen und lenken; Macht
besitzen.
 Ach du heiliger Strohsack! - Ausruf der Verwunderung / Überraschung / Verärgerung.
 an die Substanz gehen - mühsam / sehr schwierig / anstrengend / kräftezehrend sein; mit
Verlusten verbunden sein
 Den Sündenbock spielen. — für Verfehlungen Dritter bestraft werden. An Jom Kippur wurde
ein Sündenbock in die Wüste gejagt, nachdem ihm der Hohepriester die Sünden des Volkes
auferlegt hatte.
 Die Suppe auslöffeln, die ein anderer eingebrockt hat. — für die Taten eines Dritten
(mit)bestraft werden.

 Etwas aufs Tapet bringen — etwas ansprechen, in die Diskussion einbringen. Aus dem
Französischen entnommen, wo mit „tapis“ die Tischdecke auf dem Konferenztisch gemeint
war.
 jemandem auf der Tasche liegen - auf Kosten von jemandem leben - "Weil ich meinen Eltern
nicht ständig auf der Tasche liegen will, werde ich mir dann auch einen Job suchen".
 Er hat nicht alle Tassen im Schrank — er ist geistig nicht normal / er ist nicht ernst zu
nehmen. Tasse ist eine Verballhornung des jiddischen Wortes „toschia“ (=Verstand).
 Den Teufel mit dem Beelzebub vertreiben. — Ein Übel durch noch ein größeres ersetzen.
 Mal den Teufel nicht an die Wand! — erschrecke uns nicht mit deinen schlimmen
Vorahnungen. Man ging davon aus, dass der Teufel kommt, wenn man seinen Namen
ausspricht oder ein Bild von ihm malt.
 Bis auf Teufel komm raus — mit aller Gewalt, bis aufs Äußerste.
 Du bist ein ungläubiger Thomas — Du glaubst wohl nicht?
 Jedem Tierchen sein Pläsierchen! <umg.> man muss jedem sein Vergnügen lassen, jedem
seinen eigenen Weg zugestehen.
 Jemanden über den Tisch ziehen — ihn (eher trickreich) besiegen, ausspielen.
 Nicht auf den Trichter kommen — die Lösung des Problems nicht finden / eine Sache nicht
begreifen. Die Redensart geht wohl auf den „Nürnberger Trichter“ zurück, der fehlender
Intelligenz nachhelfen sollte.

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 auf Tuchfühlung gehen - (körperlichen) Kontakt aufnehmen / haben.


 ins Tuch gehen - teuer werden.
 Trick 17 — eine sofort wirkende Lösungsmöglichkeit für ein ungewöhnliches Problem.
Abgeleitet von einem englischen Kartenspiel, bei dem 17 die höchste Punktzahl war.
 Gerne im Trüben fischen — unlauter sein / unfaire Tricks einsetzen, aus einer unklaren Lage
Vorteil ziehen.
 Etwas in trockenen Tüchern haben - etwas gesichert / erledigt haben.
 mit der Tür ins Haus fallen – auf ungeschickte Weise sofort zur Sache kommen.
 Einen Türken bauen / etwas türken — etwas vormachen, hinters Licht führen. Bei der
Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals 1895 fand in Kiel eine Parade von Kriegsschiffen vieler
Nationen statt. Jedes wurde mit seiner Nationalhymne begrüßt. Leider hatte der Kapellmeister
keine Partitur für die osmanische Hymne und intonierte stattdessen „Guter Mond du gehst so
stille“. Möglicherweise bezieht sich die Redewendung auch auf den „Türken“, den von
Wolfgang von Kempelen gebauten Automaten in Gestalt eines schachspielenden Türken mit
Turban, der angeblich wirklich spielen konnte (stattdessen war ein Schachspieler im
Automaten versteckt)
 Das kommt mir nicht in die Tüte — das dulde oder akzeptiere ich nicht. Vermutlich
Händlersprache, wo der Kunde bestimmte Waren ablehnt.
 Nichts für ungut — abschwächend gemeint: eine vorherige, eventuell zu harte Aussage
teilweise zurücknehmend.
 Die Uhr ist abgelaufen — jemand wird bald sterben oder ist gerade gestorben (Die Wendung
bezieht sich auf eine Sanduhr und stammt aus Goethes Briefroman Die Leiden des jungen
Werthers: „Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es.“)

 Verflucht und zugenäht! — Steigerung von verflucht noch mal. Üblich sind auch die weniger
harten Versionen wie „Verflixt/verdammt und zugenäht“
 Jemandem etwas vermasseln — jemandem etwas kaputt machen. Das jiddische Wort Masel
bedeutet Glück
 In jemanden verschossen sein — in jemanden verliebt/verknallt sein. In der
Studentensprache wurde damit auf die Pfeile des Liebesgottes Amor abgehoben
 Vetternwirtschaft: hier herrscht üble Vetternwirtschaft oder Schluss mit der
Vetternwirtschaft — illegal Spezis oder Verwandte begünstigen. Eine seit Urzeiten beklagte
Untugend, Verwandte und Freunde zu bevorzugen.
 Vitamin B – gute Beziehungen, die einem Vorteile verschaffen. “Den Job hat er nur mit
Vitamin B gekriegt”.
 Einen Vogel haben – verrückt sein.
 den Vogel abschießen - 1. für Begeisterung sorgen; erfolgreich sein; eine gute Leistung
zeigen 2. etwas Peinliches / Unpassendes tun; erfolglos sein; einen Fehler machen; Anstoß
erregen.
 Etwas auf Vordermann bringen — etwas verbessern, in Ordnung bringen. „Ich habe die
Wohnung wieder auf Vordermann gebracht“.

 Das ist die Wahl zwischen Pest und Cholera — egal wie man sich entscheidet, geht es
schlecht aus.
 Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen — sich verheddern oder sich verzetteln, sich vom
Wesentlichen durch viele Nebensächlichkeiten ablenken lassen.
 Jemanden an die Wand stellen — Jemanden hinrichten. Bei einer Erschießung steht der
Verurteilte vor einer Wand. Die Redewendung wird selten verwendet. Meist in der Form „Der
gehört doch an die Wand gestellt!“ Damit ist gemeint, dass ein bestimmtes Verhalten eine
Strafe nach sich ziehen muss.
 Hausen wie die Wandalen — sinnlos zerstören, große Unordnung hinterlassen. Der
germanische Stamm der Wandalen eroberte und plünderte 455 n.Ch. die Stadt Rom. Es gibt
berechtigte Zweifel, dass er dabei grausamer vorging als andere Heere.
 Zieh dich warm an! — mach dich auf etwas Unangenehmes gefasst! (Drohworte, aber auch
scherzhaft verwendet)
 Stille Wasser sind tief. — Wie man sich bei jemand täuschen kann! Vormals in Schlesien soll
es „Stilles Wasser, tiefer Loch“ geheißen haben.

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 Das Wasser steht ihm bis zum Hals (seit dem 17. Jahrhundert). — Er ist in einer sehr
misslichen Situation.
 Blut und Wasser schwitzen — Sehr große Angst haben
 Das Wasser läuft ihm im Munde zusammen. — Er hat großen Appetit; er freut sich sehr.
 ins Wasser fallen - ausfallen; nicht stattfinden; misslingen. "Die Strandparty fiel ins Wasser,
denn es regnete in Strömen".
 Das war ein Schuss ins Wasser. — Das ist fehlgeschlagen.
 Das ist Wasser auf seine Mühle. — Das kommt ihm sehr gelegen. Häufig unfreiwillige Hilfe
an Dritte. Aus der Müllersprache, wo Mühlräder auf Wasser angewiesen waren.
 Ich muss Dir Wasser in den Wein gießen. — Ich muss Deine Begeisterung dämpfen (die
Freude verderben), die Wirklichkeit ist eher ernüchternd.
 Er ist mit allen Wassern gewaschen. — Er ist durchtrieben, schlau, unerschrocken. Wohl aus
der Seemannssprache, wonach einer, der schon auf allen Weltmeeren gekreuzt hat, über sehr
viel Mut, Kaltblütigkeit und Erfahrung verfügt.
 Der Krug geht solange zu Wasser bis er bricht. — Irgendwann ist alles zu Ende; irgendwann
kommt alles heraus.
 Er wurde ins kalte Wasser geworfen. — Er wurde ohne ausreichende Vorbereitung vor eine
schwierige Aufgabe gestellt.
 Da fließt noch viel Wasser den Rhein runter. — Das wird noch sehr lange dauern.
 Wasser fließt halt immer bergunter. — So ist der Lauf der Dinge.
 Alle Wasser laufen ins Meer. — Es kommt alles irgendwann zusammen.
 Er lebt von Brot und Wasser. — Er hat nur das Allernötigste zum Leben.
 Er kann ihm das Wasser nicht reichen (seit dem 16. Jahrhundert).[87]— Er ist ihm weit
unterlegen, kann nicht mit ihm verglichen werden. Im Mittelalter, als noch mit den Fingern
gegessen wurde, reichten Diener nach dem Essen tief verneigt den Gästen Wasser zum
Händewaschen. War dies schon erniedrigend, wie tief stand erst einer im Ansehen, der nicht
einmal mehr diese Aufgabe übernehmen durfte.
 Er predigt Wasser und trinkt Wein. — Er sagt wie man sich zu einer bestimmten Sache zu
verhalten hat, hält sich aber selber nicht dran.
 Diese beiden sind wie Feuer und Wasser. — Diese beiden verstehen sich überhaupt nicht.
 Das ist Wasser in den Bach getragen. — Das ist überflüssig, unsinnig, vgl. „Eulen nach Athen
tragen“
 Er hat sein Waterloo erlebt — Er hat eine vernichtende Niederlage erlitten. 1815 erlitt der
französische Kaiser Napoléon Bonaparte bei dem belgischen Ort Waterloo eine entscheidende
Niederlage, nach der er endgültig abdanken musste und auf die Insel St. Helena in
Verbannung geschickt wurde
 Jmdm. reinen Wein einschenken - jemandem die (unangenehme) Wahrheit sagen.
 Er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen — er dünkt sich gescheit, ist aber im Grunde ein
Dummkopf. Weisheit lässt sich eben nicht per Nahrung zuführen
 Mit dem ist es nicht weit her — der oder das taugt nicht viel. Bodenständiges war
anscheinend auch früher nicht sehr geschätzt
 Das ist weit hergeholt — das ist unpassend, abwegig, unlogisch, unbegründet.
 In ein Wespennest greifen/stechen — eine gefährliche Sache aufgreifen, die noch für
ziemlich viel Aufruhr sorgen wird. Selbsterklärend für Leute, die mal ein Wespennest zerstören
wollten
 Er hat Wind von der Sache bekommen — er hat gewisse Kenntnis von einer Sache erlangt,
die ihm bewusst verschwiegen wurde
 Er kämpft da gegen Windmühlen — sein Kampf ist aussichtslos, eigentlich aber, er kämpft
gegen bloß eingebildete Gegner. Miguel de Cervantes lässt seinen Helden Don Quijote, auch
„Ritter von der traurigen Gestalt“ genannt, in einer Windmühle einen vermeintlichen Riesen
erkennen, gegen den er trotz Warnung seines Schildknappen ein Gefecht beginnt, das nicht
gut für ihn ausgeht.
 Er ist ein Wolf im Schafspelz — er hegt böse Absichten, zeigt sich aber nach außen als
gutherzig.
 Mit den Wölfen heulen. — des Vorteils wegen oder um Nachteile zu vermeiden etwas eher
Verwerfliches tun. Schon bei den Römern bekannte Redewendung

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 Er schwebt auf Wolke Sieben — Er ist verliebt, in Hochstimmung, freudig entrückt, aber
auch naiv. Vermutlich in Anlehnung an den Siebten Himmel in der islamischen Legende
entstanden, wo Mohammed auf Abraham traf.
 Er lebt in einem Wolkenkuckucksheim — Er hat völlig falsche Vorstellungen von der
Realität. Der griechische Dichter Aristophanes hatte in seiner Komödie „Die Vögel“ einen
Vogelstaat oberhalb der Wolken geschildert, für den der deutsche Übersetzer Ludwig Seeger
dieses Wort schuf.
 Die Würfel sind gefallen — die Entscheidung ist gefallen und unumkehrbar.
 Jmdn./etwas in die Wüste schicken - jemanden/etwas von sich weisen / wegschicken /
vertreiben / verlassen / entlassen; eine Beziehung beenden. "Die Bauindustrie wird boomen,
weil die hiesigen Baulöwen massenweise Arbeiter aus den neuen Ländern einstellen werden
und die teuren 'Westarbeiter' in die Wüste schicken".

 Jmdm. auf den Zahn fühlen — Schnell und gründlich dessen Wissen und Können überprüfen.
 Den Zahn haben wir ihm gezogen — von dieser (komischen) Idee haben wir ihn abgebracht
oder ihn von seinen Sorgen befreit. Früher wurden Zähne gezogen, wenn sie zu stark
schmerzten.
 Jmdm. auf die Zehen treten - 1. jemanden kränken / ärgern / benachteiligen
2. jemanden antreiben.
 Ach du liebe Zeit! Ausruf des Erschreckens / der Überraschung / Missbilligung.

 Sich (mächtig) ins Zeug legen — sich mächtig anstrengen, um ein Ziel zu erreichen. Unter
Zeug ist hier das Geschirr der Zugtiere zu verstehen
 Er hat das Zeug dazu / zu Höherem — Er hat die Voraussetzungen oder Fähigkeiten zu einem
Beruf / Posten
 Das ist doch ein alter Zopf — das ist nicht mehr zeitgemäß/längst überholt. Mehrere
Erklärungen werden dafür gegeben, darunter die, dass die preußische Armee lange an einer
Haartracht festhielt, obwohl diese für den Dienstbetrieb eher hinderlich war

 Er steckt in der Zwickmühle. — er ist in einer schwierigen bis ausweglosen Situation.


Abgeleitet vom Mühlespiel, wo ein Spieler bei jedem seiner Züge eine Mühle schließen kann,
was den Gegner stets einen Stein kostet.

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LITERATUR

 Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 3 Bände, Herder,
Freiburg im Breisgau 7. A. 2006, ISBN 978-3-451-05400-6
 Duden: 1998. Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Duden Band 11.
Bearbeitet von Günther Drosdowski und Werner Scholze-Stubenrecht. Dudenverlag.
 Kahramantürk, Kuthan: “Kontrastive Analyse der Symbolfunktion und -bedeutung von
Tieren in deutschen und türkischen Phraseologismen“. In: Festschrift für Selçuk Ünlü
zum 70. Geburtstag. Beiträge zur interkulturellen Germanistik, Hrsg. von Kuthan
Kahramantürk, Palet Yayınları - KONYA, 2013. S. 145-158.
 Kahramantürk, Kuthan: „Interlinguale und interkulturelle Aspekte der deutschen und
türkischen Phraseologismen; dargestellt anhand von Somatismen und Zoosemismen“,
Alman Dili ve Edebiyatı Dergisi (Studien zur deutschen Sprache und Literatur), 13, 57-
71 (2001).
 Schulz, Dora; Griesbach, Heinz: 1983. Almanca Deyimler ve Kullanışları. Mit
Erklärungen und Anwendungsbeispielen. Eğitim Yayınevi.
 Tekinay, Alev: 1984. Pons-Wörterbuch der idiomatischen Redensarten: deutsch-
türkisch, türkisch-deutsch. Stuttgart: Klett.
 Yurtbaşı, Metin:
- Alman Atasözleri ve Türkçe Karşılıkları. 1993. Arion Yayınevi.
- Türkische Sprichwörter. 1999. Arion Yayınevi.

WEITERE LITERATUR

AKSOY, Ömer Asım: 1988. Atasözleri ve deyimler sözlüğü. İnkılâp Kitabevi. Ankara.
ATSIZ, Bedriye; KIßLING, Hans Joachim: 1974. Sammlung türkischer Redensarten. Otto
Harrassowitz. Wiesbaden.
BURGER, Harald: 1982. Handbuch der Phraseologie. Von Harald Burger, Annelies Buhofer
und Ambros Sialm. Berlin : New York : de Gruyter.
BUßMANN, Hadumod (2002). Lexikon der Sprachwissenschaft. 3. Auflage. Stuttgart:
Kröner.
DOĞAN, Ahmet: 1992. Deyimler Sözlüğü. Açıklamaları ve Örnekleriyle. Akçağ Yayınlar.
Ankara.
DOBROVOL'SKIJ, Dmitrij / PIIRAINEN, Elisabeth: 1996. Symbole in Sprache und Kultur.
Studien zur Phraseologie aus kultursemiotischer Perspektive. Bochum: Brockmeyer.
FLEİSCHER, Wolfgang: 1997. Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig:
Bibl. Inst.
FÖLDES, Csaba: 1996. Deutsche Phraseologie kontrastiv. Intra- und interlinguale Zugänge.
(= Deutsch im Kontrast; 15) Heidelberg: Groos.
GLÄSER, Rosemarie: 1985. “Idiomatik und Sprachvergleich”. In: Sprache und Literatur in
Wissenschaft und Unterricht. 67-73.
GRÉCIANO, Gertrud: 1998. ”Europaphraseologie im Vergleich”. In Eismann (Hrsg.):
Europäische Phraseologie im Vergleich: Gemeinsames Erbe und kulturelle Vielfalt. Bochum,
Brochmeyer. 247-262. Kluge, Friedrich: 1995. Etymologisches Wörterbuch der deutschen
Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. – 23., erw. Aufl.–Berlin ; New York : de Gruyter.
KÜPPER, Heinz: 1982-84. Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache in 8
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KÖSTER, Rudolf: 2007. DUDEN Redensarten. Herkunft und Bedeutung, Bibliographisches
Institut, Mannheim 2. überarbeitete und ergänzte Auflage.
LEWANDOWSKİ, Theodor (1990). Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg; Wiesbaden:
Quelle u. Meyer.
METZLER LEXİKON SPRACHE (2000). Hrsg. Helmut Glück. Digitale Bibliothek
Band 34, J.B. Metzler Verlag, Directmedia, Berlin.
MÜLLER, Klaus (Hrsg.): 2005. Lexikon der Redensarten. Herkunft und Bedeutung
deutscher

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Redewendungen, Bassermann, München.


RÖHRİCH, Lutz: 2006. Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 3 Bände,
Herder, Freiburg im Breisgau 7. A.
SABBAN, Annette / WIRRER, Jan (Hrsg.): 1991. Sprichwörter und Redensarten im
interkulturellen Vergleich. Opladen: Westdeutscher Verlag.
TÜRK DİL KURUMU: 1996. Bölge Ağızlarında Atasözleri ve Deyimler. Türk Dil Kurumu
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WANDER, Karl Friedrich Wilhelm: 1964. Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz
für das deutsche Volk. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt.

Webseiten

http://www.redensarten-index.de/suche.php
http://www.sprichwoerter.net/
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Redewendungen (Liste deutscher
Redewendungen)
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/A (Liste geflügelter Worte)
http://de.wikiquote.org/wiki/Deutsche_Sprichw%C3%B6rter
http://de.wikiquote.org/wiki/Wahrheit (Zitate – nach dem Stichwort)
http://www.phraseo.de/ (Phraseologismen – nach dem Stichwort)

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