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Auditive Perspektiven 4/2010 - 1

Sabine Sanio

Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur


Ästhetische Praxis zwischen Kunst und Wissenschaft

In den letzten Jahren wurde viel über die Situation in Vorbemerkung:


den Geisteswissenschaften diskutiert, zur Debatte Die Impulse der Cultural Studies
stand ein Paradigmenwechsel – die Idee der Geistes-
wissenschaften sollte durch die der Kulturwissenschaf- Auch in den Musikwissenschaften hat man viele Im-
ten ersetzt werden. Das Bestreben, die aktuellen Le- pulse der Cultural Studies aufgenommen. Trotz aller
bensverhältnisse in ihren kulturellen, sozialen und ge- Unterschiede zwischen dem historischen Denken der
sellschaftlichen Erscheinungsformen zum Thema der Geisteswissenschaften mit ihrem hermeneutischen
Wissenschaft zu machen, hatte zunächst, so könnte Ansatz und den eher gegenwartsbezogenen Konzep-
man die Entwicklung im 20. Jahrhundert zusammen- ten und diskurstheoretischen Methoden der Cultural
fassen, die Neugründung von Wissenschaften zur Fol- Studies existieren beide Ansätze inzwischen weitge-
ge. Dazu gehören, mit unterschiedlichen Akzentuie- hend unabhängig voneinander, auch die Kooperation
rungen und Orientierungen, Politologie und Soziologie zwischen ihnen hat sich als unproblematisch erwie-
ebenso wie etwa auch die Anthropologie. Diese Ent- sen. Gerade die Systematische Musikwissenschaft,
wicklung setzte sich jedoch weiter fort. Die aktuelle vor allem aber Musiksoziologie und Musikethnologie,
Diskussion resultiert daraus, dass nun auch Bereiche haben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren die Impul-
erfasst sind, in denen traditionell ein anderes Wissen- se und Anregungen der Cultural Studies genutzt, um
schaftsverständnis herrscht, nämlich das der Geistes- die Erforschung der musikalischen und klanglichen All-
wissenschaften. tagskultur unterschiedlichster Gesellschaften und Epo-
Ausgangspunkt der zunächst in England etablierten chen weiterzuführen. Ähnliches gilt für die Popmusik
Idee der Cultural Studies war ein erweiterter Kulturbe- und das Verhältnis der Musik zu den Medien, zwei eng
griff, der sich nicht mehr an der Hochkultur des Bür- miteinander verbundene Themen, da die Popmusik
gertums und den großen Werken der Kunst, Musik heute mit moderner Audiotechnik produziert wird und
und Literatur orientiert, sondern zunächst Untersu- zugleich in den Massenmedien stark vertreten ist. So
chungen zur Arbeiterkultur initiierte und sich inzwi- sind, etwa am Institut für Popmusik an der Berliner
schen insgesamt mit der Alltagskultur und der Lebens- Humboldt-Universität, vielfältige Forschungsansätze
weise in einer Gesellschaft in ihren unterschiedlichen zur Popmusik aus der Perspektive der Cultural Studies
Ausprägungen befasst. Das Konzept der Cultural Stu- entstanden. Allerdings bedeutet die Konzentration auf
dies bewirkt neben der Relativierung der historischen, die Popmusik auch eine Beschränkung des Gegen-
also diachronen Betrachtungsweise zugunsten einer standbereichs, das gesamte Feld des Klanglichen in
synchronen Betrachtung insbesondere eine Erweite- der modernen Kultur kommt nicht in den Blick.
rung des Gegenstandsbereichs. Indem auch das all- Neben der Erweiterung des Gegenstandsbereichs
tägliche Leben zum Gegenstand wissenschaftlicher der Musikwissenschaften verdient die Frage besonde-
Betrachtung wird, kommt es nicht allein im Selbstver- re Aufmerksamkeit, wie das Hören, die alltäglichen
ständnis der Wissenschaft, sondern schließlich auch Formen des Kontakts mit Klängen, Geräuschen und
in der Vorstellung von diesem Leben zu weitreichen- Musik sowie das darin artikulierte Lebensgefühl in die
den Veränderungen. Debatten und Theorieansätze der Cultural Studies
Eingang finden könnte, um den in den Cultural Studies
dominierenden Ansätzen literaturwissenschaftlicher
und texttheoretischer Provenienz musikwissenschaftli-
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che Theoriekonzepte gegenüberzustellen und auf die- große Verbreitung und Akzeptanz gefunden hat. Es
se Weise die Beschäftigung mit der Alltagskultur um lohnt sich, den Parallelen und Gemeinsamkeiten zwi-
den zentralen Aspekt des Klanglichen und Auditiven schen beiden Konzepten nachzugehen. So geht es in
zu ergänzen. Dafür müssen die Besonderheiten des der visuellen Kultur neben einer Ausdehnung des Vi-
Auditiven, der hörenden Erfahrung und der Dimension suellen und Bildlichen auf Bereiche der Alltagskultur
der gestalteten akustischen Phänomene in unserer wie etwa Gebrauchskunst und Grafik insbesondere
Kultur herausgearbeitet und bewusst gemacht werden. um die Frage, auf welche Weise sich die visuelle Kul-
Ein wichtiger Schritt wäre dabei die Etablierung des tur einer bestimmten Epoche charakterisieren lässt
Begriffs einer auditiven Kultur. Im ersten Teil des Tex- und von welchen Impulsen – neben denen aus der bil-
tes sollen dafür einige grundlegende Argumente vor- denden Kunst – sie geprägt wird. Diese Fragen lassen
gestellt werden. sich ohne weiteres auf die Dimension des Klangs und
Wie die Erweiterung der Musikwissenschaften des Auditiven übertragen.
durch die Ideen und Impulse der Cultural Studies hat An den Kunsthochschulen gehört die Idee einer vi-
sich inzwischen auch die von ihnen bewirkte themati- suellen Kultur zu den Kernpunkten von Studiengängen
sche Neuorientierung als sehr produktiv erwiesen. Ins- wie Grafik/Design oder Kommunikations- und Produkt-
besondere die Wechselwirkungen mit technischen und design, die mit ihren hohen Studienzahlen auch den
medialen Entwicklungen findet vermehrte Aufmerk- bestehenden gesellschaftlichen Bedarf dokumentie-
samkeit, auch deshalb ist Kulturgeschichte keine reine ren. Angesichts der großen Tradition, die die visuelle
Geistesgeschichte mehr. Doch eine grundsätzliche Gestaltung unserer Alltagskultur besitzt, ist die Beach-
Auseinandersetzung mit den Künsten als eigenständi- tung, die diese Thematik im Klanglichen findet, er-
gen Positionen in der Gegenwartskultur wird bis heute staunlich gering. Noch heute orientiert sich das Studi-
nicht wirklich geführt. Der zweite Teil geht daher der enangebot an den Musikhochschulen weitgehend an
Frage nach dem aktuellen Verhältnis von Kunst und den Möglichkeiten zur Aufführung und Verbreitung
Wissenschaft nach. Den Ausgangspunkt dafür bilden klassischer Konzertmusik, Studiengänge für zentrale
die Veränderungen im Selbstverständnis der Künste, Arbeitsfelder in der auditiven Kultur sind rar gesät; in
die die Avantgardebewegungen am Beginn des 20. der Architektur begegnet man der Dimension des Au-
Jahrhunderts initiiert haben. Mit ihrer grundsätzlichen ditiven bis heute fast ausschließlich in den negativen
Kritik am bürgerlichen Kulturverständnis sowie dem Vorgaben der Lärmschutzbestimmungen, als Gestal-
nachdrücklichen Interesse für das alltägliche Leben tungsaufgabe für Architektur und Stadtplanung ist sie
haben sie viele Entwicklungen in den Sozialwissen- weitgehend unbekannt. Auch wenn inzwischen ver-
schaften wie in den Cultural Studies vorweggenom- schiedene Studienangebote existieren, die den neuen
men. technischen und medialen Entwicklungen sowie dem
wachsenden Bedarf an Audiodesignern in den Medien
Rechnung tragen, finden Audiotechniker noch immer
1. Cultural Studies und Musikwissen- häufig nur auf Umwegen zu ihrem späteren Beruf.
schaft

Visuelle und auditive Kultur Sound Studies – Erweiterung der Musik-


wissenschaft?
Um die Musikwissenschaften im Sinne der Cultural
Studies zu erweitern, sind neue Konzepte und Begriffe Zu den aktuellen Konzepten, die den neuen Heraus-
erforderlich, die über den vertrauten Bereich der musi- forderungen in der Gestaltung unserer auditiven All-
kalischen Kultur hinausreichen. In diesem Zusammen- tagskultur ebenso wie den neuen Entwicklungen in
hang spricht vieles für die Idee einer auditiven Kultur. Musik und Musikwissenschaft Rechnung zu tragen
Gemeint ist zunächst ein Pendant zur visuellen Kultur, versuchen, gehört der vor fünf Jahren neugegründete
die zwar ebenfalls noch relativ jung ist, aber bereits Masterstudiengang Sound Studies an der Berliner Uni-
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versität der Künste, der ein Bündnis zwischen den Mu- des Klanglichen, vom Lärm der Fabriken, Maschinen
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sikwissenschaften und den Cultural Studies anstrebt. und des Verkehrs bis hin zum Design von Audiosigna-
Versucht man neue Ansätze wie die Sound Studies in len in Werbung und Kommunikationsmedien. Dabei
ihrem Verhältnis zu den Musikwissenschaften zu be- erhält die Klanggestaltung moderner Massenprodukte
schreiben, dann kann man grundsätzlich dafür plädie- immer größere Bedeutung: Der Handy-Klingelton zählt
ren, in ihnen eine Erweiterung, ja, womöglich eine ebenso dazu wie der Klang von Auto- und Staubsau-
grundlegende Transformation der Musikwissenschaf- germotoren oder aber das Audiobranding von Marken-
ten zu sehen, die neuen Entwicklungen im Wissen- produkten und in der Werbung. Die Idee einer auditi-
schaftsverständnis Rechnung tragen. Zugleich setzen ven Kultur beschränkt sich jedoch nicht auf Fragen der
sie eine Entwicklung fort, die in den Musikwissen- Klanggestaltung. Sie kann wie die Kultur insgesamt
schaften seit längerem beobachtet werden kann – nicht allein als Gegenstand des Gestaltens und Her-
auch Systematische Musikwissenschaft und Musik- stellens betrachtet werden, auch wenn die alte Unter-
ethnologie gelten als Erweiterung der Historischen scheidung von Natur und Kultur dies nahelegt. Kultur,
Musikwissenschaft, diese findet mit dem Konzept der dies gehört zu den zentralen Einsichten der Cultural
Sound Studies ihre logische Fortsetzung. Umgekehrt Studies, ist nicht allein Ausdruck einer Lebensweise,
stellen die Sound Studies innerhalb der Musikwissen- sie ist selbst eine Lebensweise, ja, sie existiert allein
schaften nicht nur ein relativ junges Phänomen dar, als gelebte Kultur.
sie erscheinen im Verhältnis zu diesen auch als Spe- Im Bereich des Klanglichen wirft der Perspektiv-
zialisierung auf eine ungewöhnliche Fragestellung. wechsel von der Gestaltung zur Erfahrung des Klangli-
Studiengänge wie die Sound Studies sind typische chen eine Reihe grundsätzlicher Fragen auf. So er-
Erscheinungen an Kunst- und Musikhochschulen, die weist sich etwa die Beschreibung alltäglicher akusti-
sich die dort verbreitete spezielle Mischung aus theo- scher Phänomene bei genauerer Betrachtung als er-
retisch-wissenschaftlichen und künstlerisch-gestalteri- heblich schwieriger, als man auf den ersten Blick ver-
schen Annäherungsweisen an ihre Gegenstände zuei- muten würde. Um komplexe Phänomene wie eine
gen machen. Neben der Vermittlung von Kenntnissen Soundscape, also die „Tonspur“ einer Stadt, eins der
und Fähigkeiten in der Verwendung von Audiomedien typischen Themen in der auditiven Kultur, zu untersu-
und -techniken sowie neuen kompositorischen Kon- chen, benötigt man neben traditionellen Beschrei-
zepten wie Klangkunst und elektronische Komposition bungsansätzen aus Akustik, Psychoakustik und Wahr-
ist die Idee der auditiven Kultur in ihren verschiedenen nehmungspsychologie auch solche der Sozialwissen-
Facetten und Aspekten zentraler Gegenstand dieses schaften und Kulturgeschichte, der Architektur und der
Studiums. Zu den Angeboten an die Studierenden ge- Stadtplanung. Eine zentrale Besonderheit des Klangli-
hören neben „Auditiver Mediengestaltung“, „Auditiver chen ist sein flüchtiger Charakter. Doch Klänge besit-
Architektur“, „Theorie und Geschichte der auditiven zen nicht nur eine ausgeprägte zeitliche Charakteris-
Kultur“ und „Akustischer Konzeption“ mit „Experimen- tik, noch komplexer ist die räumliche – neben dem
teller Klanggestaltung“ auch neue Entwicklungen und Raum, in dem er erklingt, ist auch die Position des Hö-
Positionen in der Musik selbst. Der Studiengang rers im Raum für den Charakter eines Klangs relevant.
Sound Studies vereint unterschiedlichste Bereiche und Vielleicht nicht zuletzt infolge der Anstrengungen, die
Kontexte, in denen Erforschung und Gestaltung des erforderlich waren, um die quasi objektiven, physikali-
Akustischen und Auditiven eine Rolle spielen. Auf die- schen Voraussetzungen akustischer Phänomene zu
se Weise bietet dieser neue Studiengang die Chance, erfassen, ist das Hören, die Erfahrungen, die wir mit
die Idee der auditiven Kultur in ihrer ganzen Tragweite Klängen machen, lange Zeit eher unbeachtet geblie-
in den Blick zu bekommen. ben. Doch für die Idee einer auditiven Kultur kommt es
Die auditive Kultur umfasst neben den verschiede- entscheidend darauf an, gerade diese spezifische Er-
nen Erscheinungsweisen des Musikalischen wie fahrung, die das Hören bedeutet, in ihren vielfältigen
Kunstmusik, Gebrauchs-, Pop- oder Unterhaltungsmu- Erscheinungsformen zu reflektieren. So zeigt sich,
sik auch alle kulturell geprägten Erscheinungsweisen dass das Ohr unter den beiden Distanzsinnen als der
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Nahsinn bezeichnet werden kann. Viele Klänge und den akustischen Phänomenen. Die Cultural Studies
Geräusche können geradezu körperlich erlebt werden, haben diese Einsicht konsequent zuende gedacht: Ihr
nämlich nicht allein mit den Ohren, sondern über die Interesse gilt nicht einer angeblich objektiven Wirklich-
Haut und mit dem ganzen Körper. In der modernen keit, sondern der Wirklichkeit, so wie sie von denen,
Gesellschaft, der durch zunehmende Automatisierung die in ihr leben, erfahren wird. Die Idee der auditiven
körperliche Erfahrungen zusehends abhanden zu Kultur besitzt in der Übertragung dieser Einsicht auf
kommen drohen, bildet das Hören die vielleicht wich- das Feld des Klanglichen und des Hörens eines ihrer
tigste Form, die kulturelle Wirklichkeit unmittelbar kör- wichtigsten Fundamente.
perlich zu erleben. In diesem Zusammenhang ist auch das Verhältnis
der auditiven zur visuellen Kultur zu erwähnen. In ge-
wisser Weise kann man der Idee der visuellen Kultur
Zum Begriff der auditiven Kultur sowie den aus ihr hervorgegangenen Forschungsan-
sätzen geradezu Vorbildfunktion für die Entwicklung
Der Begriff der auditiven Kultur ist Ausdruck der Inten- einer Idee der auditiven Kultur zusprechen. In alltägli-
tion, die Welt der Klänge und Geräusche, des Hörens chen Situationen sind Wahrnehmungen, schon weil
und der musikalischen Erfahrung in ihrer ganzen Viel- sie stets Eindrücke mehrerer Sinnesorgane verarbei-
falt als eigene kulturelle Sphäre zu betrachten. Will ten, stets komplexer Natur. Auch die zunehmende Ver-
man diese Idee ernstnehmen, wird man zunächst klä- breitung audiovisueller Medien bestätigt die Bedeu-
ren müssen, was es bedeutet, sie mit ihren verschie- tung, die man den Sinnesverknüpfungen zusprechen
denen Aspekten und Facetten als eigenständigen muss – auch deshalb bildet das Verhältnis zur visuel-
Phänomenbereich zu begreifen. Allerdings sollte man len Kultur ein konstitutives Element der auditiven Kul-
den Begriff der auditiven Kultur auch nicht überstrapa- tur.
zieren – die Dimension des Auditiven lässt sich nur In der Betonung der Perspektive des Hörens liegt
schwer von anderen Bereichen und Dimensionen der eine entscheidende Anregung, die die Debatten der
Realität abgrenzen. Letztlich stellt er ein gedankliches Cultural Studies der musikwissenschaftlichen Theorie-
Konstrukt dar, um das Auditive als solches besser in bildung geben. Infolgedessen gehören neben klassi-
den Blick zu bekommen. schen Themen der Psychoakustik und Musikpsycholo-
Von zentraler Bedeutung für die Idee der auditiven gie auch spezifische Formationen auditiver Erfahrung,
Kultur ist ihr Status innerhalb der Gesamtkultur – auch wie sie sich in einer bestimmten Kultur zu einer be-
hier gilt zunächst, dass sich die Dimension des Auditi- stimmten Zeit ausbilden, zu den Themen einer von
ven nicht immer ohne weiteres von den übrigen Berei- den Cultural Studies inspirierten Musikwissenschaft.
chen der Kultur abgrenzen lässt. Umgekehrt muss Während die Musikpsychologie vor allem naturwissen-
aber auch von rein akustischen Prozessen abgesehen schaftlich begründete Forschungsansätze und empi-
werden: Relevant sind allein diejenigen akustischen risch ausgerichtete Methoden zum Nachweis von
Phänomene, die innerhalb des kulturellen Lebens Strukturen und Gesetzmäßigkeiten musikalischen Ver-
wahrgenommen und reflektiert werden. Während an haltens entwickelt hat, kommen mit den Impulsen der
dieser Stelle die mit dem Begriff der Kultur in den Cul- Cultural Studies verstärkt kultur-, medien- und sozial-
tural Studies verbundenen Schwierigkeiten ausgeblen- wissenschaftliche sowie diskurstheoretische Ansätze
det bleiben sollen, sei wenigstens auf eine Besonder- ins Spiel, um die fast schon klassischen Themen der
heit im Begriff des Auditiven hingewiesen. Dieser Be- Cultural Studies wie Subjektivität, Körper, Differenz
griff meint das zum Hören Gehörige, im Mittelpunkt und Gender aus der Perspektive einer Theorie der au-
steht also nicht das akustische Phänomen als solches, ditiven Kultur zu diskutieren.
sondern in seiner Erscheinungsform für den Hörer.
Pointiert formuliert meint dies: So wie die empirische
Realität uns in der sinnlichen Wahrnehmung zugäng-
lich wird, so eröffnet uns das Hören den Zugang zu
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2. Die Transformation der Künste Die Kritik an der bürgerlichen Kultur, die seit Herbert
Marcuses 1937 erstellter Diagnose vom „affirmativen
Hochkultur und Avantgarde- Charakter der Kultur“ auch unter Theoretikern disku-
bewegungen tiert wurde (und sogar noch in der Studentenrevolte
nachwirken sollte),4 prägt seit den 60er Jahren neo-
Die Kritik an den Geisteswissenschaften bildete in ver- avantgardistische Strömungen wie Happening, Fluxus
schiedener Hinsicht den Ausgangspunkt für grundle- und Performance, in denen das alltägliche Leben er-
gende, programmatisch-inhaltliche wie methodische neut das zentrale Thema der künstlerischen Aktivitä-
Überlegungen der Cultural Studies. Diese Kritik zielte ten bildet. Happening und Performance wirken im
besonders auf das Selbstverständnis der Geisteswis- Rückblick wie die Vorboten der Studentenrevolte mit
senschaften als genuines Moment bürgerlicher Kultur. ihren happeningartigen Aktionen, Demonstrationen
Wie diese begreifen auch die Geisteswissenschaften und Sit-ins.5 Doch für die Künstler rückten die ästheti-
die Distanz zur alltäglich gelebten Kultur als etwas völ- schen Implikationen der Avantgarde-Ideen stärker ins
lig Selbstverständliches und Unproblematisches. Zentrum ihres Interesses. Odo Marquard, in dessen
Kunstwerke gelten, im Anschluss an Hegels Ästhetik, Interpretation die Kritik am bürgerlichen Kulturver-
als spezifische Darstellung ihrer Epoche, ihre Interpre- ständnis keine Rolle spielt, sieht die entscheidende
tation und historische Einordnung gilt deshalb als Bei- Ursache für diese Entwicklung in der zunehmenden
trag zur allgemeinen Geschichtsschreibung. Die bür- Fiktionalisierung der modernen Wirklichkeit – Mar-
gerliche Kultur manifestiert sich in herausragenden quard zufolge ein Effekt der Säkularisierung, aber
Kunstwerken, die in Museen und Bibliotheken gesam- auch der neuen technischen und medialen Entwicklun-
melt oder in Konzertsälen, Theater- und Opernhäu- gen. Da daraufhin die Künste ihre alte Bedeutung als
sern zur Aufführung gebracht werden. Die direkte Aus- Ort des Scheins und der Fiktion zusehends verlieren,
einandersetzung mit der Kunstproduktion der Gegen- erklären die Künstler die Erforschung der Wirklichkeit
wart wird in den Geisteswissenschaften jedoch gerne zu ihrem neuen Programm.6
mit dem Hinweis abgelehnt, diese sei erst möglich, Unabhängig davon, welche Motive man für diese
wenn die Geschichte ihr Urteil über den Rang eines grundlegende Veränderung im Selbstverständnis der
Werkes gefällt und der Gegenwart einen Ort in der Künste im einzelnen verantwortlich machen möchte,
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Folge der Epochen zugewiesen habe. verändert sich damit auch das Verhältnis zur Wissen-
Die kritische Auseinandersetzung mit dem bürgerli- schaft. Indem sie die Erforschung der alltäglichen
chen Kulturverständnis setzt in den Künsten bereits Realität zum bevorzugten Gegenstand künstlerischer
am Beginn des 20. Jahrhunderts ein und nimmt viele Arbeit machten, gerieten die Künstler unversehens auf
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Argumente der Cultural Studies vorweg. Schon die das Feld, das heute von den Cultural Studies besetzt
italienischen Futuristen wollen die Museen abschaffen; wird. Im Rückblick drängt sich der Eindruck auf, als sei
nach dem ersten Weltkrieg erklären die Dadaisten und die Veränderung im Selbstverständnis der Künste be-
Surrealisten ihre Aktionen zu Anti-Kunst, um die affir- reits ein erster Anstoß für die Transformation in den
mative Tendenz der Künste zu unterlaufen; ihr Ab- Wissenschaften gewesen. Egal, wie man dies beurtei-
schied von der alten Vorstellung des für den Markt len mag, bleibt doch festzuhalten, dass damals in den
produzierenden Künstlers ist eine Attacke gegen den Künsten Impulse und Bestrebungen zum Zuge kamen,
bürgerlichen Kunstbetrieb. Klassische Kunstinstitutio- die heute in den Cultural Studies verhandelt werden.
nen wie Museum und Konzertsaal erschienen ihnen In den Cultural Studies, die ja die Geisteswissen-
als Orte ohne wirkliches Leben, ihr vitales Interesse schaften gerade wegen ihres fehlenden Interesses für
galt dem alltäglichen Leben. Ein Künstler wie der Sur- die aktuelle Kultur kritisierten, spielt die Beschäftigung
realist André Breton wollte den Alltag nicht einfach nur mit aktuellen Positionen der Künste bis heute jedoch
erkunden, er wollte ihn revolutionieren. Die Kunst ge- kaum eine Rolle. Das hängt zunächst damit zusam-
riet auf diese Weise in direkte Konkurrenz zu den Re- men, dass in den Cultural Studies mit der Abwendung
volutionsplänen der Kommunisten. von der Hochkultur die populären Kulturen ins Zen-
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trum ihres Interesses rückten. Die scharfe Kritik an der tur, für die wirtschaftlicher Erfolg das entscheidende
Kulturindustrie, wie man sie bei Adorno/Horkheimer in Kriterium darstellt, profitieren die Künste von der alten
der Dialektik der Aufklärung findet, wurde relativiert – Idee der Zweckfreiheit des Ästhetischen sowie von der
selbst wenn offen bleibt, ob die gegenwärtige populäre Fokussierung auf sinnlich konkrete Phänomene. Die
Kultur als industriell organisierter allgemeiner „Ver- Formen der Beschreibung und genauen Beobachtung,
blendungszusammenhang“ der modernen Massenge- die aus einer direkten Auseinandersetzung mit dem
sellschaft gelten muss, so gilt diese inzwischen als konkreten Gegenstand resultieren, gehören inzwi-
Ausdruck des modernen Lebensgefühls. Für die Cultu- schen zu einem Repertoire an Methoden, das sich in
ral Studies ist sie gerade wegen ihrer vielfältigen Kunst und Musik ebenso findet wie in Cultural und
Wechselwirkungen mit technischen und medialen Ent- Sound Studies und zur weiteren Annäherung zwischen
wicklungen von besonderem Interesse. In einer diffe- Wissenschaften und Künsten beiträgt.
renzierten Auseinandersetzung mit Adornos Kritik des Das eigentliche Potential der Künste ergibt sich aus
Jazz hat der österreichische Soziologen Heinz Steinert der Idee der Zweckfreiheit – die Entlastung von funk-
außerdem gezeigt, daß die Kulturindustrie, unabhän- tionalen und instrumentellen Zwängen eröffnen den
gig von der Kritik von Horkheimer und Adorno, als Ort Raum für die spielerische Erkundung von Objekten
und konkrete Möglichkeit künstlerischer Betätigung – und Prozessen egal welcher Art. Am Beispiel der Aus-
neben dem Jazz gilt dies Steinert zufolge ebenso für einandersetzung mit den modernen Medien und Tech-
Popmusik oder audiovisuelle Medien wie Film, Fernse- niken zeigt sich, dass sich daraus fast jedesmal eine
hen und Internet – anerkannt werden muss.7 weitreichende Reflexion der Erfahrungs- und Wahr-
Das neuerwachte Interesse an der populären Kultur nehmungsformen des Menschen ergibt. Auch für die
ging mit einer Relativierung des Interesses an künstle- populäre Kultur sind die Streifzüge der Künstler durch
rischen Positionen einher. Zudem werden diese, viel- die moderne Medienwelt, ihre spielerischen Experi-
leicht weil sie im Gestus dem elitären Selbstverständ- mente mit Audiotechniken immer wieder sehr produk-
nis der bürgerlichen Kultur ähneln, leicht als Provokati- tiv – viele ihrer Ideen, Themen und Einsichten haben
on erlebt und abgelehnt. Doch gerade in den von der inzwischen Eingang in die Pop- und Alltagskultur ge-
Avantgarde inspirierten Kunstströmungen existierte funden. Das Spiel mit den technischen Voraussetzun-
stets ein ausgeprägtes Interesse daran, den Bedürf- gen des Musikmachens ist dafür nur ein Beispiel unter
nissen und Sehnsüchten auf die Spur zu kommen, die vielen.
von der populären Kultur bedient werden. Allerdings Exemplarisch für die Entwicklung, die sich im 20.
ging es den Avantgardekünstlern stets weniger um un- Jahrhundert in den Künsten vollzogen haben, seien an
mittelbare Befriedigung, sondern um ein besseres Ver- dieser Stelle zwei Künstler erwähnt, die diesen Trans-
ständnis dieser Wünsche und Bedürfnisse – auch des- formationsprozess entscheidend vorangebracht ha-
halb hat diese Auseinandersetzung in der populären ben. Da ist einmal Marcel Duchamp, der bereits 1913
Kultur bisher kaum Resonanz gefunden. Umso wichti- die Malerei im klassischen Verständnis aufgegeben
ger wäre es, wenn in den Cultural Studies – und damit hat und seitdem mit Industrieprodukte und Alltagsfund-
auch in den Sound Studies – eine weiterreichende stücke arbeitete, die er als Readymades bezeichnet.
Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen stattfinden Für die Musik des 20. Jahrhunderts waren die Ideen
könnte. John Cages von ähnlicher Bedeutung. Sein musikali-
Gerade im Hinblick auf die verwendeten Methoden sches Konzept wäre ohne die Ideen Duchamps nicht
könnte es von besonderem Interesse sein, Gemein- denkbar – mit seinem Komponieren wollte er das mu-
samkeiten und Unterschiede in der Art und Weise her- sikalische Potenzial alltäglicher Objekte und Ereignis-
auszuarbeiten, wie in Wissenschaft und Künsten All- se freilegen. Zugleich erklärte er das Hören, die Art
tagsleben und Alltagskultur erkundet werden. Im Un- und Weise, wie wir uns akustischen Phänomenen und
terschied zu den Wissenschaften, die stets auf plausi- Prozessen nähern, zum eigentlichen Thema seiner
ble Argumente, Methoden und Ergebnisse angewie- Musik. Der Verzicht auf jede Beschränkung des musi-
sen sind, im Unterschied aber auch zur populären Kul- kalischen Materials, die Entdeckung der unbeabsich-
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tigten Klänge, der Entschluss, das Hören als Gegen- technischen Konkurrenten, der Fotografie, die hand-
stand für eine Komposition statt wie bisher die Kompo- werkliche Umsetzung ganz anders bewertet wurde,
sition als Gegenstand des Hörens zu begreifen, die stand den Komponisten diese Erfahrung damals noch
spielerische Verwandlung von Audiotechnik in Musikin- bevor. Vielleicht auch deshalb finden sich bei ihnen
strumente – mit diesen und ähnlichen Ideen rückte zunächst nur selten Bestrebungen, sich vom bürgerli-
Cage das Erkunden der Welt der Klänge und Ge- chen Kulturleben loszusagen.8
räusche ins Zentrum der Musik. Die Ideen von Cage Erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden mit der
wie Duchamp, lange Zeit vehement abgelehnt, zählen synthetischen Klanggenerierung und -übertragung
heute zu den wichtigsten Inspirationsquellen der Küns- neue Alternativen zum bürgerlichen Konzertbetrieb. In
te des 20. und 21. Jahrhunderts. dieser Zeit war es jedoch fast allein John Cage in New
York, der nach Wegen suchte, die Ideen der Dadaisten
und Surrealisten für die Musik produktiv zu machen.
3. Musikalische Forschung Doch auch Cages Ideen fanden in der Musik zunächst
kaum Resonanz, es waren zunächst hauptsächlich
Musik und Sound Studies spätere Fluxus-Künstler, die von seinen Ideen profitier-
ten.9 Erst erheblich später erfährt Cages Ästhetik auch
Man kann die Erforschung der Wirklichkeit auch nur in der Musik größere Anerkennung, durch ihn fanden
als Akzentverschiebung im Selbstverständnis der die Impulse der frühen Avantgardebewegungen
Künste verstehen – auch für die Produktion von Fiktio- schließlich auch in die Musik Eingang.
nen und von fiktiven Gebilden, die oft genug als ei- Lange Zeit galt die Erforschung und allmähliche Er-
gentliche Aufgabe der Künste gilt, müssen die zur Her- weiterung des Materials als der eigentliche Motor der
stellung dieser Gebilde benötigten Materialien und Me- Musikgeschichte, inzwischen hat sich diese For-
thoden gründlich erforscht werden. Wenn man die Ge- schungshaltung auf zahlreiche neue Themen und Be-
schichte der Künste auch als Geschichte der Erkun- reiche ausgedehnt. Infolgedessen entstanden in der
dung ihrer Voraussetzungen begreift, dann kommt es zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl mu-
fast zwangsläufig zur Erforschung der empirischen sikalischer Strömungen und Positionen, die unter-
Realität. schiedlichste Fragen, von der Audiotechnik als Ele-
Befragt man die Musik nach Konzepten einer Er- ment musikalischer Produktion bis zur Suche nach un-
kundung der Wirklichkeit, so wird man zunächst kon- gewöhnlichen Aufführungsorten, zum Gegenstand mu-
statieren, dass die Idee der Wirklichkeitserforschung sikalischer Forschung gemacht haben. Ohne An-
im Vergleich zur bildenden Kunst hier erst mit einiger spruch auf Vollständigkeit möchte ich zunächst einige
Verzögerung Resonanz gefunden hat. Tatsächlich wa- zentrale Faktoren hier kurz erläutern und auf diese
ren an den Avantgardebewegungen am Beginn des Weise wichtige Aspekte der Musik in der zweiten Hälf-
20. Jahrhunderts fast keine Komponisten beteiligt: Der te des 20. Jahrhunderts wenigstens benennen.
italienische Futurist Luigi Russolo wurde zwar für sei-
ne Geräuscherzeuger berühmt, war aber bildender • Die Erweiterung des musikalischen Materials
Künstler. In Paris stand allein Erik Satie mit den Avant- führt auch zu neuen Formen der Klangerzeu-
gardisten in zwar losem, doch kontinuierlichem Kon- gung – neben den klassischen Musikinstru-
takt. Den Wiener Komponisten um Schönberg hinge- menten finden heute entweder mitgeschnitte-
gen ging es, anders als etwa den Dadaisten und trotz ne oder synthetische generierte Klänge Ver-
vielfältiger Erfahrungen mit Skandalen bei der Auffüh- wendung.
rung ihrer Werke, nie um die Provokation als solche, • Eine weitere Quelle für neue musikalische
im Gegenteil: Sie gründeten einen Verein für musikali- Materialien und Formen ist die musikalische
sche Privataufführungen, um ihre Werke vor den An- Aneignung von Audiomedien und -techniken.
griffen des Publikums zu schützen. Während in der Das musikalische Interesse für die Alltagskul-
Malerei nach der Auseinandersetzung mit dem neuen tur artikuliert sich dabei besonders im spiele-
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rischen Erkunden von gängigen Musikgerä- Grundzügen skizzieren, welche Rolle die neuen Kon-
ten oder Audiotechnik. Dabei wird deren ge- zepte und Forschungsansätze, die sich aus den neuen
wöhnlicher Verwendungskontext variiert und musikalischen Positionen ergeben, innerhalb der
erweitert. Sound Studies spielen können.
• Mit der synthetischen Klanggenerierung und
-speicherung relativiert sich die Bedeutung
der Partitur, die bis dahin als Speichermedi- Veränderungen im musikalischen
um konkurrenzlos war: Neben ihrer Funktion Materialbegriff
als Speichermedium zeigen sich nun spezi-
fisch ästhetische Qualitäten der Partitur, etwa Die Erkundung des musikalischen Materials nimmt im
in der musikalischen Grafik. 20. Jahrhundert eine neue Wendung. Im traditionellen
• Improvisation, computergestützter Partitur- Verständnis westlicher Kunstmusik bildet das musikali-
synthese oder Verbalpartituren (musikalische sche Material ein in sich geschlossenes, systematisch
Konzeptkunst) liefern Alternativen zur traditio- konzipiertes Ganzes, das auf der Tonhöhe basiert: to-
nellen Form der in der Partitur fixierten Kom- nale, Zwölfton- oder auch serielle Musik operieren mit
position, was auch das Komponieren selbst einem Tonvorrat, dessen Elemente alle aufeinander
grundlegend verändert. bezogen sind und auf diese Weise die Konstruktion ei-
• Die Verwendung von Lautsprechern entste- nes in sich geschlossenen Ganzen ermöglichen. Er-
hen neue Möglichkeiten für die räumliche An- klärt man jedoch alltägliche akustische Phänomene
ordnung der Klangquellen, vor allem aber für zum Thema der Musik, dann verändert sich auch der
die Bewegung von Klängen im Raum. Als Materialbegriff: Bildet das akustische Phänomen als
musikalische Dimension wird damit der Raum solches den Gegenstand der ästhetischen Erfahrung,
gegenüber der Zeit nachhaltig aufgewertet. dann verliert die Beschränkung des musikalischen Ma-
• Aus dem Bestreben, Musik an Orten abseits terials ihren Sinn. Zugleich wird das Hören nachhaltig
der etablierten Konzertsäle zu präsentieren, aufgewertet. In der Instrumentalmusik ist Helmut La-
sind neue musikalische Aufführungsformen chenmanns musique concrète instrumentale dafür ein
wie etwa die Klangkunst hervorgegangen. gutes Beispiel: In dieser sehr geräuschhaltigen Musik,
• Im Unterschied zur sehr eingeschränkten In- bei der die Musikinstrumente entgegen ihrer üblichen
terpretation der Rolle des Interpreten bei der Verwendungsweise zum Klingen gebracht werden,
Aufführung einer Komposition erscheinen hört man zusammen mit dem „Missgriff“, auch wenn er
Stimme und Körper heute nicht mehr allein ausbleibt, immer auch den vertrauten Klang des In-
als Repertoire eines spezifisches musikali- struments, einfach, weil man ihn erwartet.
schen Materials, in ihnen zeigt sich eine mu- Doch die Erweiterung des musikalischen Materials
sikalische Disziplinierung des Körpers, wie hat noch in anderer Hinsicht weitreichende Konse-
sie für die Moderne charakteristisch ist. quenzen. Exemplarisch dafür sind die Kompositionen
des us-amerikanischen Komponisten Alvin Lucier, die
Ich möchte an dieser Stelle vier dieser Themen exem- sehr spezielle Eigenschaften der akustischen Phäno-
plarisch erläutern. Diese Themen sind das musikali- mene thematisieren und auf diese Weise noch eine
sche Material, das Spiel mit moderner Audiotechnik, andere Komplexität der Klänge erfahrbar machen: Mit
Aufführungsorte abseits des Konzertsaals sowie Stim- Hilfe einfacher technischer Geräte oder naturwissen-
me und Körper in der Musik. Es geht mir insbesondere schaftlicher Versuchsanordnungen des 19. Jahrhun-
um zwei Fragen: Zum einen möchte ich zeigen, wie derts macht Lucier Eigenschaften von Klängen wahr-
diese neuen Konzepte und Strategien das traditionelle nehmbar, die uns sonst nur als abstraktes Wissen zur
Musikverständnis verändert haben und neue Möglich- Verfügung stehen – man lernt, wie Klänge sich anhö-
keiten und Formen musikalischer Erfahrung hervor- ren, die sich im Raum bewegen, wie sie weitere Klän-
bringen. Zum anderen möchte ich wenigstens in ge hervorbringen, wenn zwei sich überlagern, oder wie
Sabine Sanio Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur kunsttexte.de 4/2010 - 9

sie sichtbar werden können. Für den Hörer ergeben den 70er Jahren realisierte der Fluxus-Künstler Max
sich daraus ganz neue Herausforderungen: Man kann Neuhaus solche Klanginstallationen im öffentlichen
Luciers Musik erst dann wirklich hören, wenn man ver- Raum. Inzwischen existiert eine ganze Reihe unter-
steht, was bei einer Aufführung konkret vor sich geht; schiedlicher Konzepte: Man kann im Alltag gefundene
zudem wird man erst nach einiger Zeit alles, worauf es Klänge musikalisch verarbeiten – dies geschieht in der
ankommt, auch hören. musique concrète ebenso wie, auf ganz andere Wei-
Die Musik von Lachenmann wie von Lucier steht für se, in der ursprünglich von Murray Schafer initiierten
Aspekte der akustischen Phänomene, die nicht allein Soundscape-Bewegung12 – oder alltägliche Orte mit
das Hören verändern, indem sie ungewöhnliche Phä- Klängen „bespielen“. Die beiden Klangkünstler Sam
nomene erfahrbar machen. Für die Sound Studies lie- Auinger und Bruce Odland modifizieren die urbane
fern solche musikalischen Konzepte wichtige Ansatz- Klangsituation, indem sie den Stadtlärm mit Hilfe einer
punkte, um Bedingungen und Möglichkeiten auditiver speziellen Filtertechnik eine harmonische Struktur ver-
Gestaltung konkret zu verhandeln. leihen.13 Andere Klangkünstler haben Konzepte ent-
worfen, um ohne Elektronik, sondern mit natürlichen
Formen der Klanggenerierung Klänge im öffentlichen
Neue Formen und Orte musikalischer Raum zu installieren.14
Aufführung Gerade im Hinblick auf den urbanen öffentlichen
Raum hat sich auf diese Weise in Musik und Klang-
Im traditionellen Verständnis gilt ein Konzert als festli- kunst inzwischen eine eigenständige Form der Ausein-
che Veranstaltung und der Konzertsaal als ein vom andersetzung entwickelt. Dies ist für die auditive Archi-
Alltag geschiedener, geschützter Ort, der die Konzen- tektur, die für Architektur und Stadtplanung Möglichkei-
tration auf die Musik erleichtert. Im Gegensatz dazu ten der auditiven Gestaltung entwickelt, von besonde-
begreifen neuere Musikkonzepte den Alltag als einen rem Interesse. In den Sound Studies bildet die auditive
für ungewöhnliche Erfahrungen geradezu prädestinier- Architektur deshalb einen eigenständigen Schwer-
ten Ort. Allerdings müssen dafür die den Alltag beherr- punkt. Soundscape-Arbeiten von Klangkünstlern ha-
schenden Automatismen ausgehebelt werden, die die ben der auditiven Architektur und ihren methodischen
Wahrnehmung auf das für die Orientierung notwendi- Überlegungen zur Beschreibung urbaner auditiver
ge Minimum reduzieren. Zugleich verändert auch das Umwelt wichtige Impulse gegeben.15
wahrgenommene Objekt seinen Charakter, sobald es
aus den funktionalen und instrumentellen Kontexten
gelöst wird, in die es im Alltag gestellt wird und sich Stimme und Körper in der Musik
„zweckfrei“, allein in seiner Eigenart zeigt. Auf diese
Weise zeigt sich im alltäglich Vertrauten, so der Im gängigen Musikverständnis unterscheidet sich der
Grundgedanke, das Unbekannte, dem man nie Beach- Sänger von anderen Interpreten nur durch sein Instru-
tung geschenkt hat. Diese Idee begründete bereits am ment – es ist seine Stimme. Die von Kurt Schwitters’
Beginn des 20. Jahrhunderts das Interesse der Avant- Ursonate begründete Tradition der Lautpoesie unter-
gardebewegungen am alltäglichen Leben: Man be- läuft die Unterscheidung von Musik und Literatur, der
gann, das Vertraute mit fremden Augen zu sehen und Vortrag eines bedeutungsfreien Textes wird zur musi-
mit anderen Ohren zu hören, man wollte es so erle- kalischen Performance, die in György Ligetis Grand
10
ben, als würde man ihm zum ersten Mal begegnen. Macabre und Dieter Schnebels Glossolalie eine musi-
John Cage interpretierte sein Komponieren als Ge- kalische Fortsetzung fand. Von der Expressivität der
legenheit zur musikalischen Erkundung seiner Umge- menschlichen Stimme jenseits sprachlicher Verständi-
bung – dafür dienten ihm etwa „Aufführungen“ von lan- gung – Gelächter, Schluchzen, Röcheln, Flüstern,
11
gen Versionen seines „stillen Stücks“ im Wald. Mit Schreien – ist es nur ein Schritt zur Stimme als ab-
der modernen Technik lassen sich beliebige Orte mit straktes, bedeutungsfreies musikalisches Material, das
minimalem Aufwand klanglich verändern – bereits in ganz ähnlich behandelt werden kann wie bis dahin nur
Sabine Sanio Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur kunsttexte.de 4/2010 - 10

Instrumentalklänge. Die moderne Audiotechnik bringt sichtbar, ohne die das Musizieren nicht denkbar wäre.
die Trennung von Ausdruck und Klang weiter voran: Sie gehört zu der Disziplinierung des Körpers in der
Karlheinz Stockhausens Tonbandkomposition Gesang Moderne.
der Jünglinge behandelt die Stimme bereits 1956 als Die spezifische Perspektive, die gerade die Musik
abstraktes musikalisches Material – nicht allein der auf den Themenkomplex Stimme, Körper und Gender
Satzzusammenhang, auch die Beziehung zu den Sän- eröffnet, sollte in den Sound Studies mit der in den
gern scheint sich aufzulösen. Cultural Studies geführten Debatte rückgekoppelt wer-
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird in den, die im Anschluss an Foucaults Untersuchungen
der Performance, also im Grenzbereich zwischen bil- zur Disziplinierung des Körpers in der Moderne vielfäl-
dender Kunst und Musik, auch der Körper als ein Re- tige neuere Forschungsansätze hervorgebracht hat.
pertoire spezifischer musikalischer Materialien zum Dazu gehören die Arbeiten von Judith Butler oder Eri-
Thema gemacht. Die Performance, die als eine der ka Fischer-Lichte zur Performativität ebenso wie Un-
neoavantgardistischen Strömungen der 60er Jahre die tersuchungen zum Embodiment in der Künstlichen-In-
Ideen der historischen Avantgardebewegungen des telligenzforschung.
frühen 20. Jahrhunderts wiederaufleben ließ und häu-
fig sehr einfache, ja, elementare Formen von Hand-
lung und Aktion demonstrierte, bildete in der Musik zu- Audiotechnik
sammen mit Kagels instrumentalem Theater eine der
wichtigsten Gegenpositionen zur hochgradigen Intel- Viele musikalische Positionen des 20. Jahrhunderts
16
lektualisierung der seriellen Musik auf der einen wie reflektieren Erfahrungen des Individuums mit Technik
zur traditionellen Oper mit ihrer starken Bindung ans und Medien und bringen diese so in die Theoriebil-
17
Libretto auf der anderen Seite. dung der Medienästhetik und -geschichte ein. So geht
Zu diesen einfachen Materialien gehört auch der es bei der künstlerischen Auseinandersetzung mit Au-
Körper – Happening, Performance und Fluxus spielen diomedien und -technik primär um die Frage, ob und
in den 60er Jahren ausgiebig mit unterschiedlichsten auf welche Weise neue technische und mediale Errun-
körperlichen Zuständen. In der Musik haben Kompo- genschaften in der Lage sind, neue auditive und äs-
nisten wie Dieter Schnebel und Vinko Globokar in thetische Erfahrungen hervorzubringen. Diese könnten
Stücken wie die Maulwerke (1968–74) oder Corporel auch der musikalischen Ästhetik neue Themen und
(1984) diese Auseinandersetzung aufgenommen und Perspektiven eröffnen.
konsequent weiterverfolgt. Während Dieter Schnebel Vom gewöhnlichen Gebrauch einer Technik unter-
in den Maulwerken geradezu systematisch den Ein- scheiden sich spielerische Formen durch das Fehlen
satz der Sprechwerkzeuge organisierte, fokussierte konkreter Ziele und Absichten. In der traditionellen Äs-
Globokar die musikalische Aufmerksamkeit auf den thetik existiert dafür der Begriff der Zweckfreiheit.18
Körper, der besonders in der seriellen Musik ohne Be- Jenseits jedes instrumentellen Funktionskontextes
deutung zu sein schien. Globokar hingegen befreit den rückt damit das Erkunden neuer Möglichkeiten in den
Musiker von den internalisierten Praktiken und Spiel- Mittelpunkt. Auch bei der Erkundung der musikali-
konventionen des klassischen Konzerts mit ihrer Re- schen Möglichkeiten der modernen Technik geht es
glementierung der Körper- und Fingerhaltung oder vorrangig um die Suche nach neuen oder unbekann-
auch der Atemtechnik – der Körper des Interpreten ten Verwendungsweisen und ihre möglichen klangli-
verwandelt sich in ein Ensemble von Möglichkeiten chen Effekte. Zudem schärft man das Bewusstsein da-
abweichenden Verhaltens. Mit dem ganzen Spektrum für, wie eine Technik funktioniert, häufig am besten da-
der Körperresonanzen, mit Atmung und Stimme des durch, dass man neue Möglichkeiten dieser Technik
Musikers werden die instrumentalen Ausdrucksmög- erprobt, die über diese ursprüngliche Funktion hinaus-
lichkeiten erweitert. Auf diese Weise machen Musik- gehen.
theater, Performance und instrumentales Theater Von besonderem Interesse für Komponisten sind
auch die musikalische Disziplinierung des Körpers gerade erst etablierte Techniken, deren ästhetisches
Sabine Sanio Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur kunsttexte.de 4/2010 - 11

Potential gewissermaßen noch auf Entdeckung wartet. 4. Musik in den Sound Studies?
Ein gutes Beispiel dafür ist die Erkundung der kompo-
sitorischen Möglichkeiten von Tonbandgeräten durch Auf dem Weg zu neuen Forschungs-
die amerikanischen Komponisten Terry Riley und Ste- ansätzen
ve Reich in den frühen 60er Jahren. Wer moderne Ab-
spielgeräte und Tonträger wie Musikinstrumente be- Die Einsichten der künstlerischen Praxis für den Stu-
handelt, der macht aus technischen musikalische diengang wie für die wissenschaftliche Disziplin insge-
Möglichkeiten und bringt uns dazu, dass wir uns selbst samt produktiv zu machen, gehört zu den zentralen
beim Hören beobachten. Doch die Loops und Delays, Vorhaben, die sich der neue Masterstudiengang
die diese Komponisten wenig später in ihren Komposi- Sound Studies der UdK Berlin vorgenommen hat. Be-
tionen virtuos einsetzten und die inzwischen bis in die fördert werden soll auf diese Weise nicht zuletzt der
Popmusik vorgedrungen sind, demonstrieren auch die interne Austausch, der in den Sound Studies zwischen
technifizierte Gewalt, mit der am Schneidetechnik des künstlerischer Praxis und Theorie erfolgt. Am Studien-
Technikers im elektronischen Studio sogar unsere gang Sound Studies wird die künstlerische Praxis im
Wahrnehmungen in sinnfremde Versatzstücke zerlegt Bereich Klangkunst von dem österreichischen Klang-
werden. künstler Sam Auinger vertreten, er leitet den Schwer-
Ein aktuelles Beispiel für die Sensibilisierung der punkt „Experimentelle Klanggestaltung“.
Wahrnehmung mit Hilfe der Audiotechnik liefert Peter Unabhängig von den methodischen und themati-
Ablinger, der in einigen Kompositionen Tonbandauf- schen Freiheiten, den die künstlerische Forschung ge-
zeichnungen von Alltagssituationen – Straßenge- genüber den etablierten Forschungsansätzen bean-
räusche, Gespräche – instrumental imitieren lässt.19 spruchen, sind doch die allermeisten Einsichten, die in
Eine spezielle Software erstellt aus dem ursprüngli- den Avantgardebewegungen wie in der Musik gewon-
chen Mitschnitt die Partitur für das Instrumentalensem- nenen werden, für die Sound Studies von großem In-
ble. In Stücken, in denen beide Versionen des ur- teresse. Zudem liefern sie, genauer betrachtet, einen
sprünglichen akustischen Geschehens gleichzeitig er- substanziellen Beitrag zur aktuellen Debatte um die
klingen, wird das Charakteristische der Instrumen- Erweiterung der Musikwissenschaften. Zwar ist unbe-
talabbildung hörbar als Differenz zur technischen Re- stritten, dass die Avantgardebewegungen im 20. Jahr-
produktion, die sie wie ein verzerrter Schatten beglei- hundert das gängige Bild der Musik nachhaltig verän-
tet. In Voices and Piano überlagern sich technische dert haben, doch erst heute beginnt man allmählich
Reproduktion und Instrumentalabbildung der gespro- die Impulse der Avantgardebewegungen im Bereich
chenen Sprache in einer Weise, dass nach einiger Zeit des Musikalischen und des Auditiven im Detail zu re-
die Klavierstimme zu sprechen scheint. Mit der Mög- kapitulieren. Ähnlich verhält es sich mit der umgekehr-
lichkeit, die technisch erzeugte von der musikalischen ten Frage nach der Rolle der Musik, von Musikern und
Abbildung zu unterscheiden, wird nicht allein die Idee Komponisten innerhalb der neoavantgardistischen
einer musikalischen Abbildfunktion plausibel, auch die Strömungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Wahrnehmung selbst verändert sich. Dafür genügt es, Auch hier steht eine umfassende, ja, systematische
dass die Idee einer musikalischen Abbildung ins Spiel Aufarbeitung noch aus. Doch nur dann wird man die
gebracht wird. Veränderungen, die im 20. Jahrhundert im Bereich des
Musikalischen beobachtet werden können, in ihrer
ganzen Tragweite erfassen können.
Sabine Sanio Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur kunsttexte.de 4/2010 - 12

Resümee wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu machen:


Dies gilt für die Erfahrung mit Stimme und Körper,
Mein Thema waren die vielfältigen Beziehungen zwi- aber auch für die Erkundung des Stadtraums auf der
schen den Künsten und den Wissenschaften, aber Suche nach ungewöhnlichen Aufführungsorten oder
auch zwischen unterschiedlichen Wissenschaftskon- die Auseinandersetzung mit Audiotechnik und Audio-
zepten, nämlich zwischen Cultural Studies, Musikwis- medien und für neue musikalische Materialien – aus
senschaften und Sound Studies, sowie zwischen bil- allen diesen Ideen, die ursprünglich in der musikali-
dender Kunst und Musik, visueller und auditiver Kultur. schen Avantgarde entstanden sind, lassen sich eigen-
Angesichts der neuen Ideen der Cultural Studies stand ständige wissenschaftliche Forschungsansätze entwi-
am Beginn die Frage, wie in den Musikwissenschaften ckeln.
auf diese neuen Entwicklungen reagiert wird. Ausge-
hend vom Konzept des neuen Masterstudiengangs
Sound Studies an der Berliner UdK habe ich die neu-
en Themen und Fragestellungen, die sich aus diesem
Ansatz ergeben, exemplarisch dargelegt. Das betrifft
besonders das Verhältnis der Musikwissenschaften zu
neuen Perspektiven und Forschungsansätzen, wie sie
in jüngster Zeit insbesondere in den Cultural Studies
entwickelt worden sind. Ich habe in diesem Zusam-
menhang die Idee der auditiven Kultur zur Diskussion
gestellt, die den verschiedenen Themen und Frage-
stellungen einer erweiterten Musikwissenschaft ein ge-
meinsames tragfähiges Fundament liefern könnte.
Der Begriff der auditiven Kultur dient einerseits
dazu, die Dimension des Musikalischen und Auditiven
innerhalb der Alltagskultur zu beschreiben, anderer-
seits ermöglicht er es, die wichtigsten Charakteristika
dieses kulturellen Bereichs zu benennen. Nicht allein
bei der Frage nach den Kriterien für Wahrnehmung
und Gestaltung des Auditiven innerhalb einer Kultur
spielt die aktuelle Entwicklung in der Musik eine wichti-
ge Rolle – fast noch wichtiger ist das Interesse für das
alltägliche Leben, das die Künste im 20. Jahrhundert
nachhaltig verändert hat.
Im zweiten Teil habe ich deshalb zunächst die aktu-
elle Situation in den Künsten insgesamt und anschlie-
ßend die in der Musik skizziert und versucht, ihre Aus-
wirkungen auf Cultural und Sound Studies herauszu-
arbeiten.
Am Beispiel von vier Themen habe ich schließlich
dargelegt, welche musikalischen Ideen und Konzepte
für die Sound Studies derzeit von besonderem Interes-
se sind. Im Gegenzug müsste eine der aktuellen Auf-
gaben der Sound Studies sein, die Erfahrungen mit
unserer Lebenswelt, wie sie sich in Musik und Klang-
kunst präsentieren, in all ihren Aspekten zum Thema
Sabine Sanio Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur kunsttexte.de 4/2010 - 13

Endnoten
von Gasflammen in den Singenden Flammen von Andreas
Oldörp.
15. Vgl. etwa Jean-François Augoyard, Henry Torgue (ed.), Sonic Ex-
perience. A Guide to Everday Sounds, Québec 2005.
1. Neben neuen Studiengängen und Instituten wie etwa der Master- 16. Mit der Konstruktion des Einzeltons aus verschiedenen musikali-
studiengang „Sound Studies“ an der UdK Berlin oder der Studien- schen Parametern erweist sich die Musik als ein mathema-
gang „Sound Studies“ an der Universität Bonn sind in den letzten tisch-rationales Gebilde, Konzert und Aufführung erscheinen
Jahren auch eine Reihe von Publikationen entstanden, die der demgegenüber als belanglose Ereignisse.
Frage nach der Rolle akustischer Phänomene in unserer Kultur, 17. In ihrer konsequenten Beschränkung auf einfache Mittel ähnelt
jenseits der eigentlichen Musik, nachgehen, erwähnt seien die die Performance der „Arte Povera“, einer Strömung in der bilden-
beiden Hefte der Zeitschrift Paragrana: Christoph Wulf (Hg.), Pa- den Kunst, die mit der konsequenten Beschränkung auf einfache
ragrana, Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Materialien gegen den in den Künsten verbreiteten Technik- und
Band 2, Heft 1/2: Das Ohr als Erkenntnisorgan und Holger Schul- Materialfetischismus Einspruch erhebt.
ze, Christoph Wulf (Hg.), Paragrana, Internationale Zeitschrift für 18. Neben der von Kant entfalteten Bedeutung der Zweckfreiheit für
Historische Anthropologie, Band 16, Heft 2: Klanganthropologie, die Ästhetik könnte man in diesem Zusammenhang auch an die
Performativität, Imagination, Narration, Berlin 2007, sowie Barry von Schiller entworfene Bedeutung des Spiels als Charakteristi-
Truax, Acoustic Communication. Second Edition, Ablex Publis- kum und besonderes Moment im Wesen des Menschen erinnern.
hing 2001, Jean-François Augoyard, Henry Torgue, Sonic Experi- 19. Seine Art der Verwendung akustischer Abbilder bezeichnet Ablin-
ence: A Guide to Everyday Sounds, McGill-Queen’s University ger als Phonorealismus.
Press 2005, Karin Bijsterveld, Mechanical Sound Technology,
Culture, and Public Problems of Noise in the Twentieth Century,
MIT Press 2008; Brandon LaBelle, Acoustic Territories: Sound
Culture and Everyday Life, New York 2010.
2. Den Zusammenhang zwischen Vorurteilen, Zeitenabstand und
Tradition entfaltet Gadamer in Wahrheit und Methode im Ab-
schnitt über die „Grundzüge einer Theorie der hermeneutischen
Erfahrung“: Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, 4.
Auflage, Tübingen 1975, S. 250–290. Für die Musikwissenschaft
hat Carl Dahlhaus diese Überlegungen aufgenommen: vgl. Carl
Dahlhaus, Über den Zerfall des musikalischen Werkbegriffs, in:
ders., Schönberg und andere, Mainz 1978, S. 279–290.
3. Zwar haben sich Künstler aller Epochen in Konflikt mit den herr-
schenden Verhältnissen, mit den Herrschenden sowie nicht sel-
ten auch mit dem gerne so unpolitischen Bürgertum befunden.
Doch erst die historischen Avantgardebewegungen machen dar-
aus einen programmatischen Konflikt, der über das Schicksal des
einzelnen Künstlers hinausweist.
4. Vgl. Herbert Marcuse, Über den affirmativen Charakter der Kul-
tur«, in: ders., Kultur und Gesellschaft, I, Frankfurt a.M. 1965,
S. 56–101, hier S. 63.
5. Vgl. Sabine Sanio 1968 und die Avantgarde, Sinzig 2008, darin
insbesondere die Kapitel 1 und 2.
6. Vgl. Odo Marquard: Kunst als Antifiktion – Versuch über den Weg
der Wirklichkeit ins Fiktive, in: ders., Aesthetica und Anaesthetica.
Philosophische Überlegungen, Paderborn 1989, S. 82–99.
7. Vgl. Heinz Steinert, Die Entdeckung der Kulturindustrie oder
Warum Professor Adorno Jazzmusik nicht ausstehen konnte,
Wien 1992.
8. Daran ändern die großen Skandale am Beginn des 20. Jahrhun-
derts nichts, die durchaus als Affront gegen das selbstzufriedene
und desinteressierte Bürgertum gemeint waren – neben Strawins-
kys Sacre du printemps (1913) mit seiner Vergegenwärtigung pri-
mitiver Opferrituale gehört dazu auch Schönbergs Gründung des
Vereins für musikalische Privataufführungen (1918), der die Zu-
hörer entmachtete – Applaus war verboten –, um statt dessen
eine intensive Beschäftigung mit dem Werk zu ermöglichen.
9. Eine ganze Reihe der späteren Fluxuskünstler, darunter George
Brecht, Allan Kaprow, Dick Higgins nahmen Ende der 50er Jahre
an Cages Kursen in der New Yorker School of Social Research
teil.
10. Diese Idee hat als erster der russische Formalist Viktor Šklovsky
entwickelt, der die Aufgabe der Kunst in der Desautomatisierung
der Wahrnehmung sieht. Diese Idee beherrscht jedoch nicht nur
die Avantgardebewegungen und ihre Begeisterung für die Entde-
ckung des Alltäglichen, sie findet sich auch in Brechts Konzept
des epischen Theaters als Verfremdungseffekt wieder.
11. Dieses Stück kennt keine komponierten Klänge, zu hören sind al-
lein die unbeabsichtigten, zufälligen Ereignisse während der Auf-
führung. Die erste Version des Stücks trägt den Titel 4’33’’ und
wurde 1952 von dem Pianisten David Tudor in einer dreisätzigen
Version uraufgeführt, indem er sich wie für eine Aufführung an
den Flügel setzte und für die Zeitdauer von 4 Minuten und 33 Se-
kunden nichts spielte. In den folgenden Jahren entstanden weite-
re Versionen. Cages Bemerkung über die langen Versionen, die
er am liebsten im Wald aufführt, findet sich in: Music Lovers’ Field
Companion, in: ders., Silence, Middletown Conn. 1961, S. 274–
276, hier S. 276.
12. Vgl. Raymond Murray Schafer, Klang und Krach. Eine Kulturge-
schichte des Hörens. Frankfurt am Main: Athenäum, 1988, sowie
ders., The Soundscape - Our Sonic Environment and the Tuning
of the World. Rochester, Vermont: Destiny Books, 1994
13. Für ihre Klanginstallationen, die der Österreicher Sam Auinger
und der US-Amerikaner Bruce Odland seit 1989 gemeinsam pro-
duzieren, verwenden sie ein Resonanzrohr, mit dessen Hilfe sie
den Stadtlärm filtern und harmonisieren. 2002/3 präsentierten sie
mit Box 30/70 eine erweiterte Version dieses Konzepts, die zu-
sammen mit der aktuellen Installation frühere Arbeiten in unter-
schiedlichsten Städten dokumentierte.
14. Dies gilt für solche Formen der Klangkunst, die sich mit der Mög-
lichkeit nicht-elektronischer Klangerzeugung befassen – dazu ge-
hört etwa die Verwendung von Wind in den auf dem Prinzip der
Äolsharfe beruhenden Klangskulpturen von Mario Bertoncini oder
Sabine Sanio Aspekte einer Theorie der auditiven Kultur kunsttexte.de 4/2010 - 14

Zusammenfassung Titel

Ausgehend vom Versuch, den neuen Studiengang Sabine Sanio, Aspekte einer Theorie der auditiven
„Sound Studies“ zwischen (Klang-)Kunst, Musik und Kultur. Ästhetische Praxis zwischen Kunst und Wis-
den Wissenschaften, zwischen den unterschiedlichen senschaft, in: kunsttexte.de, Auditive Perspektiven,
Wissenschaftskonzepten der Cultural Studies und der Nr. 1, 2010 (14 Seiten), www.kunsttexte.de.
Musikwissenschaften zu verorten, wird der Begriff der
auditiven Kultur zur Diskussion gestellt, der den ver-
schiedenen Themen und Fragestellungen einer erwei-
terten Musikwissenschaft ein gemeinsames tragfähi-
ges Fundament liefern könnte. Die Kriterien für Wahr-
nehmung und Gestaltung der auditiven Kultur orientie-
ren sich häufig an aktuellen Positionen in der Musik,
doch im 20. Jahrhundert entwickeln die Künste ihrer-
seits ein nachhaltiges Interesse für die Alltagskultur.
Die Ideen und Konzepte einer musikalischen Erkun-
dung der empirischen Wirklichkeit sind für die Sound
Studies von besonderem Interesse – einige dieser ur-
sprünglich von Vertretern der musikalischen Avantgar-
de entworfenen Konzepte können als eigenständige
wissenschaftliche Forschungsansätze behandelt wer-
den. Exemplarisch wird dies an den vier Themenfelder
musikalisches Material, Spiel mit moderner Audiotech-
nik, Aufführungsorte abseits des Konzertsaals sowie
Stimme und Körper dargelegt.

Autorin

Sabine Sanio, geb. 1958, studierte Germanistik und


Philosophie, Promotion, lebt in Berlin. Derzeit Gastpro-
fessorin für „Theorie und Geschichte der auditiven Kul-
tur“ am Studiengang Sound Studies der UdK Berlin;
zahlreiche Veröffentlichungen zu musikalischen Strö-
mungen in den Grenzbereichen zwischen Musik, bil-
dender Kunst und Literatur; zum Verhältnis von Kunst
und Medien sowie zur Ästhetik des 20. und 21. Jahr-
hunderts, in Buchform: Alternativen zur Werkästhetik
(Saarbrücken 1999) sowie: 1968 und die Avantgarde
(Sinzig 2008).