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Wirtschaft/Politik

Nachgefragt: Neoliberalismus

M1 Ein Schlagwort in den Medien dene Freiburger Schule mit dem Konzept des Ordolibera-
lismus (= „Verordnungswirtschaft“) und der Neoliberalis-
Stand: Juni 2007

„Neoliberalismus fü hrt ü berall dazu, dass es wenigen bes- mus amerikanischer Prä gung, dessen Vertreter generell der
ser und vielen schlechter geht. Selbst in Lä ndern, die vom ungleichen Verteilung von Marktmacht geringere Bedeu-
Weltexport profitieren, wä chst die Kluft zwischen Arm und tung beimessen.
Reich.“ Gemä ß dem Ordoliberalismus, der gemä ßigten Variante
Heiner Geißler, ehemaliger CDU-Generalsekretä r und Mitglied des Neoliberalismus und Grundlage der sozialen Markt-
der globalisierungskritischen Bewegung Attac wirtschaft, soll der Staat die Rahmenbedingungen fü r
einen freien Wettbewerb schaffen und jede Art monopo-
„Nicht nur in Wahlkampfzeiten dient der Begriff ,Neoli- listischer Machtentfaltung verhindern.
beralismus’ als Wortwaffe pro soziale Kä lte und muss in Der stark von Friedrich August von Hayek (1871–1928)
seichten Talk-Runden als Bedrohung fü r soziale Markt- beeinflusste Neoliberalismus amerikanischer Prä gung ver-
wirtschaft herhalten. Ganz allgemein begrü nden dort so traut weitgehend auf die Selbststeuerung der Marktwirt-
manche Experten ihre ö konomiefeindlichen Thesen immer schaft und sieht in der staatlichen Rahmensetzung eine
dann mit diesem Wort, wenn klare Argumente fehlen.“ unerwü nschte Einflussnahme. In der ö ffentlichen Diskus-
http://www.freie-publizistin.de, 01.06.2007 sion wird unter dem Begriff Neoliberalismus in der Regel
allein seine amerikanische Spielart bezeichnet.
„Meist wird der Begriff ‚Neoliberalismus’ nur als politisches nach: http://www.brockhaus.de, 04.06.2007
Schlagwort benutzt, ohne fü r die Zuhö rerInnen und Lese-
rInnen mit irgendwelchen Inhalten gefü llt zu werden. Von
der Wortbedeutung her bedeutet er nichts anderes als M3 Mehr Markt – weniger Staat
‚Neue freiheitliche Weltanschauung’. ‚Neo’ steht dabei

lizenziert für Bjoern Weselek am 03.11.2020


fü r Neu. ‚Liberal’ fü r freiheitlich. Und die Endung ‚Ismus’ Kaum ein Wirtschaftsprogramm hat die Ö konomien der
deutet – wie auch bei Katholizismus, Sozialismus etc. – auf Weltgesellschaft so durchfurcht wie jenes, das Experten
eine Weltanschauung hin.“ der Weltbank, des Internationalen Wä hrungsfonds (IWF)
http://www.studis-online.de/, 31.05.2007 und des US-Finanzministeriums Anfang der neunziger
Jahre entworfen hatten. Die Wirtschafts-Zauberformel,
„Neoliberalismus bedeutet Unterordnung weiter gesell- die als Washingtoner Konsens in die Geschichte eingehen
schaftlicher Bereiche unter die Dominanz des Marktes und sollte, war mä rchenhaft schlicht: Wenn alle Nationen dem
enge Begrenzung staatlicher Aufgaben. Der Staat hat sich Staat Zü gel anlegen und sich der unsichtbaren Hand des
den Marktkrä ften zu unterwerfen und lediglich deren Rah- Marktes anvertrauen; wenn sie Steuern senken, Haushalte
menbedingungen zu sichern.“ sanieren, Inflation bekä mpfen, ö ffentliche Gü ter privatisie-
http://www.attac.at/3559.html, 31.05.2007 ren und Kapitalinvestoren mit offenen Armen empfangen
– dann werden alle Menschen auf der Erde ihr trauriges
Los verbessern.
M2 Neoliberalismus im Lexikon http://www.zeit.de/2007/04/Neoliberalismus, 04.06.2007

Das im 20. Jahrhundert entwickelte Konzept des Neolibe-


ralismus hebt die liberale Grundeinstellung hervor: Indivi- M4 Neoliberalismus in der Kritik
duen soll auf der Basis des Privateigentums ein vom Staat
mö glichst wenig eingeschrä nkter Handlungsspielraum „Die ‚hauptsä chlichen Architekten’ des neoliberalen ‚Kon-
zugestanden werden. Auf wirtschaftspolitischer Ebene senses von Washington’ sind die Herren und Meister der
sind Monetarismus [wirtschaftspolitische Lehrmeinung, die Privatwirtschaft, in der Hauptsache riesige Konzerne, die
kurzfristige oder punktuelle Staatseingriffe zur Steuerung weite Bereiche der internationalen Wirtschaft kontrollieren
der Wirtschaft ablehnt] und angebotsorientierte Wirt- und ü ber Mittel zur Beherrschung der politischen Willens-
© 2007 Schroedel, Braunschweig

schaftspolitik wichtige Bestandteile des Neoliberalismus. bildung wie zur Beeinflussung der ö ffentlichen Meinung
Die meisten Wirtschaftsordnungen der westlichen Indus- verfü gen. Aus ersichtlichen Grü nden spielen die Vereini-
trienationen basieren heute auf grundlegenden Prinzipien gten Staaten in diesem System eine Sonderrolle.“
des Neoliberalismus. Noam Chomsky 1997
Hauptströ mungen sind die in den 1930er-Jahren entstan- http://www.chomsky.zmag.de, 04.06.2007

1. Besprechen Sie die Zitate in M1 und klä ren Sie offene Fragen. Ordnen Sie zu: Welches Zitat steht dem Neoli-
beralismus positiv, welches negativ gegenü ber? Welche Aussage bleibt ohne Wertung?
2. Erarbeiten Sie die Unterschiede zwischen beiden Hauptströ mungen des Neoliberalismus (M2).
3. Klä ren Sie mithilfe von M3, welche konkreten wirtschaftlichen Forderungen der Neoliberalismus erhebt. Wie
bewerten Sie diese Forderungen?
4. Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der Aussagen in M3 und M4, ob in Deutschland in den letzten Jahren
eine neoliberale Wirtschaftspolitik betrieben wurde.

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