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Interview mit Dr.-Ing.

Rolf Hichert, zum Thema: Sprache der Controller

Sprache der Controller


Interview mit Dr.-Ing. Rolf Hichert, Prof. a. D.

von Alfred Biel

Die Informationsfunktion ist eine Kernfunktion Hichert: Nun, bei unverständlichen Berichten gen“, „die Lagerbestände sind erheblich niedri-
des Controllings. Darstellen und Vermitteln gibt es selten Unmut oder Verdruss – man ger“ oder „die Kosten sind wieder unter Kont-
steuerungs- und führungsrelevanter Informati- muss ja nicht alles lesen, was man vorgelegt rolle“.
onen ist ein wesentlicher Bestandteil des Ta- bekommt. Aber bei Präsentationen – ich meine
gesgeschäfts der Controllerinnen und Control- hier weniger interaktive Diskussionsrunden, Biel: Was hat er / sie gesagt, ist ja oft nicht nur
ler. Angesichts der Bedeutung von Information sondern Vorträge beispielsweise im Rahmen akustisch gemeint. Vielmehr fehlt es stellenwei-
und Kommunikation in der Controllerarbeit liegt von Tagungen und Kongressen – bin ich oft un- se an klaren und verständlichen Aussagen, wie
es nahe, die „Sprache der Controller“ zu hinter- zufrieden. Sie feststellen. Auffallend ist, dass unsere
fragen, und Fragen nach möglichen Schwach- Sprache viele Redewendungen kennt, die meist
stellen bzw. Verbesserungspotenzialen aufzu- Biel: Nun bin ich gespannt … eine bildliche Bedeutung haben. Beispielsweise
werfen. Der nachfolgende Dialog widmet sich heißt es „die Sprache bleibt weg“ oder „nicht
diesem Thema sowohl in grundsätzlicher Hin- Hichert: Und zwar gefallen mir keine Vorträ- mit der Sprache herausrücken“. Sind dies eher
sicht als auch auf sehr praktischer Weise. ge ohne klare Botschaft, also Vorträge, bei alltägliche Erfahrungen oder gibt es doch einen
denen ich mir am Ende selbst überlegen muss, näheren Bezug zur Unternehmenspraxis?
Biel: Bei der Vorbereitung auf unseren Dialog was die Referierenden eigentlich sagen wollten.
habe ich u.a. gelesen, Sie betrieben Ihre Arbeit Interessante Botschaften sind beispielsweise Hichert: Nun, solche Redewendungen spiegeln
aus Begeisterung und Überzeugung, aber auch Empfehlungen, Ratschläge oder Warnun- alltägliche Erfahrungen wider. Ich habe zwar
aus Ärger. Begeisterung und Überzeugung gen – aber auch Erklärungen zu für mich un- schon in vielen Unternehmen zugeschaut und
spürt man, wenn man sich mit Ihrer Tätigkeit klaren Zusammenhängen schätze ich. Leider zugehört – aber das sind natürlich lediglich
und auch mit Ihren Veröffentlichungen näher bestehen viele PowerPoint-Präsentationen le- persönliche Eindrücke, die keinen Anspruch auf
befasst. Aber haben Sie auch Unmut und Ver- diglich aus schlichten und wenig präzisen Fest- Allgemeingültigkeit haben können. Dennoch
4 druss? stellungen wie „unser Export ist deutlich gestie- möchte ich behaupten, dass im Controlling-All-
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tag ein gewisses Defizit besteht – und zwar nun tatsächlich stattgefunden hat oder lediglich Biel: Was meinen Sie damit? Können Sie die-
klar formulierte Botschaften der Controller geplant ist – oder gar den Wettbewerb betrifft. sen Aspekt etwas vertiefen?
an ihre Kunden bzw. Berichtsempfänger. Besser wären Formulierungen wie „wir haben
zwar seit Januar um 4% gesunkene Logistik- Hichert: Ein Bericht wird von den meisten
Biel: Haben Controllerinnen und Controller kosten im Inland, allerdings ...“ oder: „Der für Empfängern als ansprechend oder gar schön
denn eine eigene Sprache? Vielleicht eine un- 2015 geplante Anstieg des Nettoumsatzes in angesehen, wenn die Regeln einer guten vi-
präzise Ausdrucksweise, wie Sie andeuten. Ge- der Schweiz ist dann realistisch, wenn ...“ suellen Gestaltung in Bezug auf Layout,
legentlich heißt es z. B. „der kommt der Spra- Schriftbild und Farbgestaltung eingehalten
che nach aus Bayern“. Sagen wir, sagen die Biel: Und die zweite Sprachschwäche? werden. Eine gute Gestaltung ist zurückhal-
Menschen in den Unternehmungen auch „der tend, sie dient der Vermittlung der Inhalte –
Sprache nach ist das ein Controller“? Oder Hichert: Ja, mit Sprachschwäche 2 meine sie hat keinen Selbstzweck, man sieht sie
auch „den erkennt man an seiner Sprache“. Er- ich Füllwörter statt Fakten. Wenn ich einen nicht. Also bitte keine übergroßen Logos, Far-
kennt man Controller an ihrer Sprache, an ihren Bericht lese, so will ich selbst beurteilen, ob et- ben, Schatten und Bilder, die lediglich dem Cor-
Berichten? was relevant, signifikant, deutlich oder erheb- porate Design geschuldet sind, selbst aber kei-
lich ist: Das ist meine Aufgabe als Berichts- ne Bedeutung für die Vermittlung der Botschaft
Hichert: Ich meine nicht, dass Controller we- empfänger. Meine Controller sollten auf diese haben.
sentlich anders kommunizieren als Mitarbeiten- Worthülsen verzichten und mich stattdessen
de in anderen Fachabteilungen. Ich meine aber, mit den berichteten Fakten in die Lage verset- Biel: Dies führt uns zur Frage: Wie bewerten
ganz generell zu beobachten, dass die Spra- zen, derartige Wertungen vorzunehmen: „Un- Sie bei der Informationsversorgung das Verhält-
che in den Unternehmungen nicht so klar ser kumuliertes Ergebnisziel für diesen Monat nis zwischen Inhalt bzw. Botschaft und „Deko-
ist, wie sie sein sollte. Anstatt „unser Export waren 34 Mio. Euro, wir konnten aber aufgrund ration“ bzw. Ausgestaltung: Gibt es hier eine
ist deutlich gestiegen“ sollte es besser heißen: ... 43 Mio. Euro erzielen ...“ Damit kann ich Wechselbeziehung?
„Der von 20 Mio. EUR auf 29 Mio. EUR gestie- selbst beurteilen, ob dies deutlich oder erheb-
gene Export wurde mit Rabatten von durch- lich ist. Hichert: Ich möchte mit zwei Gegenfragen kom-
schnittlich 40 Prozent erzielt. Dadurch ist unser men: Macht sich ein Ingenieur, der beispielswei-
Ergebnis ... und wir sollten deshalb dringend ...“ Biel: Es heißt, Sprache sei ein „System von Zei- se ein neues Getriebe zeichnet, Gedanken über
chen und Regeln, das einer Sprachgemein- das „Corporate Design“ seiner Baugruppen- und
Biel: „Die Sprache in den Unternehmen ist schaft als Verständigungsmittel dient“. Dies Einzelteilzeichnungen, indem er die Firmenfar-
nicht so klar, wie sie sein sollte.“ Dies ist eine fordert die Frage heraus, welche „Zeichen und ben, Rasterkonzepte und Logos verwendet?
unmissverständliche Aussage, der wir nachge- Regeln“ dienen Controller und Unternehmen Machen sich Musiker Gedanken darüber, wie sie
hen müssen. Bitte lassen Sie uns daher zu- zur Verständigung. Da geht es z.B. um Kenn- mit Farben, Formen, Schatten und Hintergrün-
nächst den Sprachstil und die Ausdrucksweise zahlen, aber nicht nur. Technische Hilfsmittel den die Notenblätter ansprechender gestalten
der Controllerinnen und Controller diskutieren. wie PowerPoint, aber auch Regeln und Prinzipi- können? Natürlich nicht: In beiden Fällen gibt es
en wie Corporate Design sind ebenfalls Kompo- internationale Standards, bei denen es nur um
Hichert: Ich kann keine Aussagen über die nenten der Unternehmens- und Controllerspra- die zu vermittelnden Inhalte geht, also die Funk-
Ausdrucksweise der Controller allein machen – che und damit der unternehmensinternen Ver- tionsweise eines Schaltgetriebes oder den Wohl-
aber auch die Controllersprache hat häufig fol- ständigung. Gehen Botschaft und Darstellung klang einer Partitur. Es hängt wohl mit der ver-
gende zwei Schwächen. bzw. auch Selbstdarstellung eine Symbiose gleichsweise jungen Disziplin des Controllings
ein? bzw. des Vermittelns von betriebswirtschaftli-
Biel: Welche Schwächen haben Sie in Ihrer Ar- chen Inhalten in internen und externen Berichten
beit ausgemacht? Hichert: Die Sprachwissenschaftler beschäfti- zusammen, dass man sich überhaupt mit derar-
gen sich ja nicht nur mit den von Ihnen genann- tigen Fragen beschäftigt.
Hichert: Erstens fehlen oft die Verben und ten Grammatikbestandteilen, der Syntax, son-
zweitens werden oft statt Fakten lediglich dern auch mit deren Bedeutung, der Semantik. Biel: Controllerinnen und Controller treffen mit
Füllwörter genannt. Und zusätzlich – auch hier können wir von den ihren Berichten und Aussagen oft auch Wertun-
Linguisten lernen – der Pragmatik, also der erst gen. Denken wir beispielsweise an „Abwei-
Biel: Dies müssen Sie uns bitte erläutern. aus dem Zusammenhang erkennbaren inten- chungen“, Kritiker halten „Abweichung“ für das
dierten Botschaft. Und hier ist m. E. kein Platz Lieblingswort der Controller. Abweichung wird
Hichert: Zur Sprachschwäche 1: Fehlende für dekorative Elemente, alle bedeutungslo- oft als Differenz, Divergenz oder auch als Un-
Verben. PowerPoint-Schaubilder mit Über- sen Bestandteile sollten weggelassen wer- stimmigkeit „übersetzt“. Insofern sind schnell
schriften wie „Sinkende Kosten“ und „Steigen- den. In den meisten Fällen sind sie schädlich Emotionen im Spiel. Kann es sein, dass daher –
der Umsatz“ sind wenig hilfreich, denn ich weiß für schnelles und unmissverständliches Verste- bewusst oder unbewusst – auch manche Aus-
nicht, ob die Veränderung dieser Messgrößen hen der für die Empfänger wichtigen Inhalte. sagen etwas verschleiert oder geschönt wer- 5
Interview mit Dr.-Ing. Rolf Hichert, zum Thema: Sprache der Controller

den. Ein Ingenieur zeichnet ganz nüchtern z. B. Vergleiche von Zahlen zu ermöglichen. Wenn Hichert: Also, ich wünsche mir einen Control-
ein Bauteil. Ein Controller bewertet oft Sachver- dies aber verunmöglicht wird – beispielsweise ler, der mich mit seinen visuellen Analysen nicht
halte, hinter denen Menschen stehen. durch Diagramme mit abgeschnittenen Achsen täuschen will, sondern mich in die Lage ver-
oder mit ungeeigneten Visualisierungsobjekten, setzt, dadurch die Wirklichkeit schneller
Hichert: „Abweichungen“ an sich sind für so verlieren diese Diagramme ihre Berechti- und besser zu verstehen. Immerhin zahle ich
mich zunächst keine Wertungen, sondern gung. Dies gilt natürlich nur unter der Annah- sein Gehalt. Dass wir beide es damit vielleicht
hoffentlich Fakten – zudem könnten sie me, dass es uns darum geht, die Wahrheit zu nicht ganz so wichtig nehmen, wenn wir Dritte
auch positiver Art sein. Und wenn die Control- vermitteln bzw. dafür zu sorgen, dass unsere von unseren Vorhaben überzeugen wollen, ist
ler diese Abweichungen erklären können, soll- Zahlen wahrheitsgemäß visualisiert werden. eine andere Sache ...
te dies von den Berichtsempfängern geschätzt Hier möchte ich auf Willard C. Brinton hinwei-
werden – auch wenn es manchmal wehtut. sen, der in seinem Buch „Graphic methods for Biel: Bitte lassen Sie uns diesen Aspekt etwas
Wenn die Controller mir darüber hinaus Emp- presenting facts“ bereits 1914(!) klar und ver- vertiefen. Die Visualisierung von Geschäftszah-
fehlungen machen können, wie unerfreuliche ständlich die Darstellungssünden analysiert len ist unverkennbar eine bedeutende Aufgabe
Abweichungen wieder auszubügeln sind, so hat, die wir heute in jedem zweiten Geschäfts- der Controller und stellt hohe Anforderungen an
werden sich die meisten Berichtsempfänger bericht finden: unterschiedliche Skalierungen, ihr Können. Komplexe Geschäftszusammen-
darüber freuen. Und dass bei diesen Erklärun- manipulierte Skalierungen, ungeeignete visuel- hänge in verständliche Schaubilder umzuset-
gen und Empfehlungen Politik im Spiel sein le Darstellungen wie Kreisdiagramme, Spinnen- zen, kann fast eine Kunst sein. Wir sagen dazu
kann, ist wohl kaum zu vermeiden: Fast immer diagramme u.ä. „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Kritiker
geht es dabei ja um Dinge, die jemand tun halten dagegen „ein Bild lügt schneller als tau-
oder nicht tun soll. Biel: Aber wo verläuft die Grenze zwischen rei- send Zahlen“. Wo ziehen Sie die Trennlinie?
ner Sachinformation und bewusster Beeinflus-
Biel: Sie sind Experte für Geschäftsdiagram- sung, die die Leserin oder den Leser in eine be- Hichert: In der betrieblichen Praxis findet man
me. Wie wirken Veröffentlichungen auf Sie stimmte Richtung drängt? Absichtsvoll oder wenige Schaubilder, die „mehr als tausend
wie beispielsweise „Lügen mit Zahlen“ von auch unbeabsichtigt. Im journalistischen Studi- Worte sagen“ – viel schlimmer: Die meisten
Bosbach und Korff (vorgestellt im Literaturfo- um lernt man vielfach im Bereich „Recherche“ Schaubilder müssen sogar von ihren Erstellern
rum 1/2012). zum Umgang mit Zahlen u. a. die „statistische mit vielen Worten erläutert werden. Für mich
Lüge“ aufzudecken. Da ist beispielsweise von gilt: Es gibt keine guten oder schlechten Schau-
Hichert: Der Sinn des Erstellens und Präsen- „Scheinkorrelationen“ und anderen Fallstricken bilder, es gibt aber Schaubilder, die besser oder
tierens von Diagrammen besteht darin, visuelle die Rede. schlechter geeignet sind, die intendierten Bot-
schaften zu vermitteln. Und darum geht es:
Autoren Nicht die Schaubilder stehen im Mittel-
punkt, sondern die Feststellungen, Erklä-
Dr.-Ing. Rolf Hichert, Prof. a. D. rungen oder Empfehlungen der Berichts-
hatte nach dem Studium des Maschinenbaus in Stuttgart beim verfasser. Und hier können Schaubilder in vie-
Institut für Produktionstechnik (IPA) der Fraunhofer-Gesell- len Fällen helfen – und zwar nicht nur für die
schaft gearbeitet. Er war Berater bei McKinsey & Co., Inc. in schnelle Informationsvermittlung, sondern auch
Düsseldorf, danach Professor an der Fachhochschule Kons-
tanz. Seine nächsten Stationen: Mitgründer und Geschäfts- für die längerfristige Informationsspeiche-
führer der MIK GmbH in Konstanz, Professor für Controlling an rung: Ein schlechtes Schaubild ist nach weni-
der Fachhochschule Eberswalde, Geschäftsführer der MIS
gen Sekunden vergessen – ein gutes Schaubild
Schweiz AG in Zürich, Gründer und Geschäftsführer der
HICHERT+PARTNER AG. Rolf Hichert beschäftigt sich seit kann uns monatelang im Gedächtnis bleiben.
über zehn Jahren mit der inhaltlichen und visuellen Gestaltung von Berichten und Präsentatio-
nen. Mehr als 5000 TeilnehmerInnen haben seine Seminare und Konferenzen zum Thema
HICHERT®SUCCESS besucht. Seit 2013 ist er Präsident des Vereins „International Business
Biel: In diesem Zusammenhang tritt ein weite-
Communication Standards (IBCS)“. rer Aspekt in die Aufmerksamkeit: Lassen sich
www.hichert.com eine etwaige Interessengebundenheit oder
auch gezielte Absichten des Absenders bei der
Präsentation von Zahlenmaterial erkennen?
Fachjournalist (DFJS) Dipl.-BW Alfred Biel Und können andererseits Vorurteile und Wahr-
ist Autor, Interviewer und Rezensent für verschiedene Medien. nehmungsprobleme beim Empfänger die Auf-
Ihm wurde die Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Fachjourna- nahme der Informationen beeinflussen? Was
listen Verbands und des Internationalen Controller Vereins ver-
liehen. Er sieht auf eine langjährige verantwortliche Tätigkeit in sagen Ihre langjährigen Erfahrungen?
einem Großkonzern in den Bereichen Methoden, Systeme und
Projektmanagement zurück. Hichert: Informationen aufzunehmen be-
6 E-Mail: alfred.biel@gmx.de deutet immer, dass wir den Informanten
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vertrauen müssen. Ohne Vertrauen gibt es Sachverhalte gar nicht erfassen. Engen Berich-
keine Informationsaufnahme. Nur mit Vertrau- te, insbesondere Standardberichte ein? Verleiht
en in den Informanten können wir unser Wis- das Gerüst eines Berichts vielleicht eine falsche
sen über gewisse Tatbestände erweitern. Hier Sicherheit? Muss der Controller wissen, wann
kann ich nur von mir selbst sprechen: Wenn ich er das Gerüst eines Berichts verlassen muss?
unseriös aufgemachte Diagramme sehe, die
dazu noch auf den ersten Blick manipulierte Hichert: Natürlich kann man mit manipulierten
Achsen enthalten, so bin ich sehr misstrauisch: Kennzahlen – wie mit manipulierten Diagram-
Dann traue ich auch nicht den zugrunde lie- men – gewisse Tatsachen in einer Weise dar-
genden Daten. Zu einem guten Diagramm ge- stellen, die möglicherweise nicht der Wirklich-
hören deshalb auch ein klares Titelkonzept, keit entspricht: Dies erfolgt teilweise absicht-
vollständige Quellenangaben sowie eine ge- lich, vielfach aber auch unbewusst bzw. unab-
wisse Informationsdichte, die mir interessante sichtlich. Ich meine, dass derartige Fragen so
Einblicke vermitteln kann. Ein buntes Kreisdia- lange bestehen werden, wie sich die immer
gramm stellt für mich genau das Gegenteil da- noch junge Disziplin des Controllings keine ver-
von dar, dessen Erkenntniszugewinn ist fast bindlichen Berichtsstandards geschaffen hat.
immer gering. Und bis dahin – und natürlich auch noch da-
nach – ist das persönliche Gespräch die Lö-
Biel: Lassen Sie uns dies bitte noch aus einer sung der ersten Wahl.
anderen Perspektive betrachten. Öfter heißt es,
„wir müssen sprachfähig werden“ oder auch Biel: Heißt dies auch, dass Zahlen für sich ge-
„unsere Sprachfähigkeit ist gefordert“. Damit nommen wenig Aussagekraft haben? Vermittelt
wird in der Regel die notwendige, aber auch erst der jeweilige Gedanken- und Sinnzusam-
geeignete und wirksame Kommunikation zu be- menhang einen Sinn?
stimmten Sachverhalten angesprochen. Im ge-
sellschaftlichen und politischen Bereich oft ein Hichert: Wir alle können nur Informationen
großes Thema. Was macht die Sprachfähigkeit aufnehmen, wenn wir ein gewisses Vorwissen
der Controller aus? Es reicht wohl nicht, bei- zum betreffenden Thema haben. Ohne die-
spielsweise Excel als Kommunikationsmittel ses Vorwissen ist es uns nicht möglich, Zahlen
perfekt zu beherrschen. zu beurteilen. Wenn uns dieses Vorwissen aber
fehlt, muss es uns zunächst von unserem Infor-
Hichert: Sprache ist für mich zunächst einmal manten vermittelt werden – und gerade hier
das gesprochene oder geschriebene Wort. spielt das Vertrauen in die Informationsquelle
Kommunikation würde ich weiter fassen: Hierzu eine große Rolle. Wenn wir dann die Zusam-
gehören in unserem Zusammenhang vor allem menhänge verstehen, ist es für uns viel
auch Diagramme und Tabellen – sowie Bilder einfacher die richtigen Entscheidungen zu
wie Grafiken, Fotos und Zeichnungen. Dass das fällen.
Beherrschen von Werkzeugen wie Excel, Word
und PowerPoint bei der Kommunikation helfen Biel: Herr Prof. Dr. Hichert, Sie widmen sich
kann, ist wohl unbestritten – aber die Inhalte engagiert und mit Herzblut dem Berichtswesen
müssen schon noch von uns selbst kommen ... und Aspekten der Visualisierung von Ge-
schäftszahlen. Wenn Sie zu diesem Themenbe-
Biel: In der Diskussion zu Präsentationen und reich einen Wunsch an die Controllerinnen und
Berichten gibt es weitere warnende Hinweise, Controller frei hätten, wie würde dieser Wunsch
manchmal auch Vorwürfe. So gibt es beispiels- lauten?
weise die „Warnung vor dem Tunnelblick“ und
den Hinweis „Kennzahlen sind nicht alles“ (sie- Hichert: Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir
he z.B. Paul: Beteiligungscontrolling und Kon- nicht nur über die fachlich-inhaltlichen Stan-
zerncontrolling, S. 235 ff. im 201. Literaturfo- dards bei diesen Themen sprechen sollten –
rum, Juli 2014). Dabei geht es nicht nur darum, und hier ist in den letzten Jahren viel passiert –,
dass Kennzahlen „politisch gestaltet“ werden sondern auch über die gestalterisch-visuel-
bzw. werden können, sondern auch darum, len Standards. Und bei den letzteren meine
dass Kennzahlen und Berichte oft wichtige ich natürlich nicht Corporate-Design, sondern 7
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Abb. 1: Die SUCCESS-Regeln von Rolf Hichert gibt es vollständig in Poster-Format als Gratis-Download unter www.hichert.com

die von der Bedeutung, die von den Inhalten her bung und Zeichensetzung“ nach aktuellem Hichert: Wie gesagt: Schauen Sie bei uns vor-
erforderlichen visuellen Gestaltungsstandards. Stand. Wären nicht ebenso auch Regeln für die bei, es liegt schon eine Menge Material
Und hierzu haben wir den Verein „Internatio- Information und Kommunikation innerhalb und vor. Und es gibt bereits erste Software-Lösun-
nal Business Communication Standards zwischen den Unternehmen sinnvoll? Es gibt gen, die von uns in Zusammenarbeit mit BARC
(IBCS)“ gegründet – und hier sind die Control- Empfehlungen des „Rats für deutsche Recht- „zertifiziert“ wurden. Und es gibt bereits eine
ler eine unserer wichtigsten Zielgruppen: www. schreibung“. Sollte es nicht auch einen „Rat größere Zahl von Unternehmen, die sich mit
ibcs-a.org – machen Sie mit! für Geschäftskommunikation“ geben, der unseren Kommunikationsstandards be-
Empfehlungen herausgibt? Vielleicht greift der schäftigen.
Biel: Eine einheitliche Sprache für die Ge- Internationale Controller Verein ICV dieses
schäftskommunikation? Damit stoßen Sie ein Thema auf. Ihre Hinweise – unklare Aussagen, Biel: Es ist mir wichtig, für die weitere Diskus-
großes und wichtiges Thema an. Die Nieder- Sprachschwächen, zu starke „Dekoration“ in sion und Arbeit abschließend noch einmal eini-
schrift dieses Interviews beruht auf den „Amt- den Berichten usw. – zeigen, dass es durchaus ge Schlüsselwörter und Kernaussagen unseres
8 lichen Regeln für die deutsche Rechtschrei- Bedarf gibt, Standards zu schaffen. Interviews hervorzuheben:
CM September / Oktober 2014

··Klare Aussagen bzw. Botschaften vermitteln Herr Prof. Dr. Hichert, vielen Dank für diesen
··Sprachschwächen vermeiden (fehlende Ver- Dialog, für Ihre Hinweise und Vorschläge,
ben und Füllwörter statt Fakten) Darstellungen und Klarstellungen. Es wäre
··Fachliche Aussagen durch gute visuelle Ge- schön, wenn dieses Interview die einschlägi-
staltung unterstützen ge Diskussion in der Controller Community
··Gute Schaubilder zur schnellen Informations- beflügelte. Dies gilt vor allem für die Frage zu-
vermittlung und langfristigen Informations- künftiger Kommunikations- und Gestaltungs-
speicherung nutzen standards. 
··Zur Aufnahme von Informationen Vertrauen
schaffen
··Nicht nur fachlich-inhaltliche, sondern auch
gestalterisch-visuelle Kommunikationsstan-
dards anstreben 9