Sie sind auf Seite 1von 6

Forschung intensiv

Johanniskraut –
von Inhaltsstoffen und
anderen Unwägbarkeiten


1 Hypericum perforatum L. (Johanniskraut) wird bereits seit dem Altertum zur Behandlung von Depressio-
nen verwendet. Schon Paracelsus (1493 –1541) bezeichnete Johanniskraut als »Arnica der Nerven«, aber
erst im letzten Jahrhundert wurde die antidepressive Wirkung wissenschaftlich untersucht.

Von Mario Wurglics D i e D e p r e s s i o n g e h ö r t z u d e n h ä u f i g s t e n Vo l k s k r a n k h e i t e n . D e r z e i t s i n d


und Manfred rund vier Millionen Deutsche an einer behandlungsbedürftigen Depression
Schubert-Zsilavecz erkrankt. Die Erkrankung verläuft typischerweise in Form von Episoden,
d i e Wo c h e n b i s M o n a t e , m a n c h m a l a u c h J a h r e a n h a l t e n k ö n n e n . We n n d i e
Erkrankung unbehandelt bleibt, kann sie wiederkehren und einen chroni-
s c h e n Ve r l a u f n e h m e n . R u n d 7 5 P r o z e n t d e r B e t r o f f e n e n e r l e i d e n n a c h e i -
ner Ersterkrankung innerhalb von fünf Jahren mindestens eine neue de-
pressive Phase. Zudem werden mit steigender Episodenzahl die episoden-
f r e i e n Z w i s c h e n z e i t e n i m m e r k ü r z e r. E s g i l t h e u t e a l s u n s t r i t t i g , d a s s m e h r
als die Hälfte aller Depressionen nicht diagnostiziert und allenfalls ein
Fünftel adäquat behandelt werden. Das verursacht nicht nur enorme Ko-
s t e n f ü r d i e Vo l k s w i r t s c h a f t , s o n d e r n i s t f ü r d i e B e t r o f f e n e n a u c h m i t e r -
heblichem Leid und Lebensgefahr verbunden.

22 Forschung Frankfurt 3–4/2004


Pflanzliche Arzneimittel

W ■
eenngleich zahlreiche Details der Krankheits- 2 Volkskrankheit
Krankheitsentstehung und Verlauf
entstehung und ihres Verlaufs ■ 2 noch unklar Depression. Die
sind, so gilt als gesichert, dass während einer Erkrankung ver- Psychische Beschwerden im
läuft typischerwei- Zusammenhang mit Depressionen
Depression das Gleichgewicht von Serotonin und/oder
se in Form von Antriebsmangel bei innerer Unruhe
Noradrenalin – diese so genannten Neurotransmitter Episoden. Diese Krankhafte Schuldgefühle
sind an der Signalübertragung zwischen Nervenzellen sind durch eine Stimmungsschwankungen
im Gehirn beteiligt – aus der Balance geraten ist. Entwe- Reihe psychischer, Aktivitätstiefpunkt am Morgen
der sind sie in zu geringer Konzentration vorhanden, aber auch körper- Unfähigkeit, Freude zu empfinden
oder die Übertragung zwischen Nervenzellen ist gestört. licher Beschwer- Hoffnungslosigkeit und innere Leere
den gekennzeich- Angstgefühle
Viele antidepressive Medikamente wirken an dieser Selbstmordgedanken
net.
Stelle: Sie korrigieren das gestörte Gleichgewicht der
Botenstoffe im Gehirn. Körperliche Beschwerden
Schlafstörungen
Appetitmangel
Therapie der Depression Sexuelle Unlust

Die Therapie der Depression wird je nach Beschwerden,


Art der Depression und eventueller Begleiterkrankun- eines Arzneimittels, das heißt der einheitlichen Zusam-
gen individuell angepasst. Zu den möglichen Maßnah- mensetzung einer Fertigarznei von Charge zu Charge,
men gehören die Pharmakotherapie mit synthetischen dient dabei primär der Sicherung von Wirksamkeit und
oder pflanzlichen Antidepressiva, die psychotherapeuti- Unbedenklichkeit.
sche Behandlung, aber auch spezielle Behandlungsver-
fahren unter bestimmten Bedingungen, wie zum Bei- Wirkstoffe in pflanzlichen Arzneimitteln
spiel die Lichttherapie bei der zumeist im Winter auftre-
tenden saisonalen Depression. In Phytopharmaka ist der pflanzliche Extrakt der Wirk-
Führender Therapieansatz ist heute die medikamen- stoff. Dabei handelt es sich um ein sehr komplexes Sub-
töse Behandlung. Neben den synthetischen Antidepres- stanzgemisch, dessen Zusammensetzung von verschie-
siva werden vor allem auch Johanniskraut-Trockenex- denen Faktoren abhängt, wie zum Beispiel der natürli-
trakt-Präparate zur Behandlung von leichten bis mittel- chen Variabilität des Pflanzenmaterials, dem Anbau, der
schweren Depressionen eingesetzt. Da dieser Indikati- Erntezeit, der Trocknung und Lagerung sowie dem Ex-
onsbereich weit über die traditionelle naturheilkundli- traktionsprozess inklusive der Art des Auszugsmittels.
che Medizin hinausgeht, ist die Forderung berechtigt, Um eine gleichbleibende Qualität der Extrakte und
dass die Verwendung von Johanniskraut-Trockenex- somit der Präparate zu gewährleisten, sollten der Arz-
trakt-Präparaten den Kriterien einer rationalen Arznei- neipflanzen-Anbau sowie die Extraktions- und Herstel-
mitteltherapie entsprechen muss. lungsverfahren möglichst unter standardisierten Bedin-
Für pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) gelten gungen erfolgen.
in Deutschland die rechtlichen Bestimmungen des Arz- Nach Monographie-Entwürfen für das Europäische
neimittelgesetzes. Damit muss ein pflanzliches Arznei- Arzneibuch können Pflanzenextrakte und Tinkturen in ■3 Verschiedene

mittel grundsätzlich die gleichen Anforderungen für die drei Kategorien eingeteilt werden: Inhaltsstoffe tra-
gen über unter-
Zulassung erfüllen wie ein Arzneimittel mit chemisch- – Typ A (Standardised extracts) schließt pflanzliche Arz-
schiedliche Me-
definierten Arzneistoffen. Hauptkriterien für die Zulas- neimittel ein, für die wirksamkeitsbestimmende In- chanismen zur
sung sind neben der Wirksamkeit und Unbedenklich- haltsstoffe bekannt sind. antidepressiven
keit vor allem die pharmazeutische Qualität des Arznei- – Typ B1 (Quantified extracts) sind Pflanzenextrakte, Wirkung von
mittels. Das Qualitätskriterium der Chargenkonformität bei denen das wirksamkeitsgebende Prinzip nicht voll- Johanniskraut bei.

Struktur der pharmazeutisch relevanten Inhaltsstoffe

Phloroglucin Naphthodianthrone Flavonoide


Pseudohypericin

Rutin

Isoquercitrin

Hyperforin

Quercitrin
Hyperosid

lipophil hydrophil

Forschung Frankfurt 3–4/2004 23


Forschung intensiv

Apothekenpflichtige Johanniskraut-Trockenextrakt-Präparate aller wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe noch aus.


Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wirkt
Produkt Arzneiform DEV* Auszugsmittel Präparatename
Johanniskraut nicht nur aufgrund eines einzelnen In-
Extraktgehalt 250 mg
haltsstoffs der Arzneipflanze beziehungsweise des Tro-
P1 Filmtabletten ? ? Remotiv ckenextrakts. Vielmehr scheinen verschiedene Inhalts-
Extraktgehalt 300 mg stoffe über unterschiedliche Mechanismen mehr oder
P2 Dragees 4 –7:1 Methanol 80 % Jarsin® 300 weniger stark zur antidepressiven Wirkung von Johan-
P3 Filmtabletten 2,5 – 5 : 1 Ethanol 60 % Neuroplant® 300 niskraut beizutragen ■ 3 . Dazu zählen Hyperforin, Hype-
P4 Filmtabletten 7 –7:1 Methanol 80 % Texx® 300 ricin und Pseudohypericin. Einzig für das Hyperforin
Extraktgehalt 425 mg konnte bisher eine Beteiligung an der antidepressiven
P5 Kapseln 3,5 – 6 : 1 Ethanol 60 % Felis® 425 Gesamtwirkung zweifelsfrei bestätigt werden.
P6 Kapseln 3,5 – 6 : 1 Ethanol 60 % Futuran® Hypericin und Pseudohypericin erwiesen sich in in
P7 Kapseln 3,5 – 6 : 1 Ethanol 60 % Helarium® 425 vitro-Versuchen als unwirksam, jedoch deuten einige in
Extraktgehalt 600 mg bis 750 mg vivo-Experimente auch auf eine Beteiligung von Hyperi-
P8 Filmtabletten 2,5 – 5 : 1 Ethanol 60 % Neuroplant® 1 x 1 (600mg)
cin und Pseudohypericin hin. In einem Test, in dem Hy-
P9 Filmtabletten 5 – 8 : 1 Ethanol 50 % Laif® 600 (612 mg) pericum-Extrakt antidepressive Wirkung zeigte, waren
P10 Filmtabletten 3,5 – 6 : 1 Ethanol 60 % Felis® 650 die beiden Substanzen zwar unwirksam, in Gegenwart
P11 Filmtabletten 4 – 7 : 1 Methanol 80 % Jarsin® 750 lösungsvermittelnder Procyanidine – einer Substanz-
* Droge-Extrakt-Verhältnis klasse, die natürlicherweise in Johanniskraut vorkommt –

4 Von weit mehr als 50 in Deutschland auf dem Markt befindlichen Johanniskraut- zeigten sie jedoch Wirksamkeit durch Verbesserung der
Trockenextrakt-Präparaten wurden elf für diese Untersuchungen ausgewählt. Bioverfügbarkeit. Nach neuesten Untersuchungen trägt
auch Rutin, ein weiterer Inhaltsstoff aus der Substanz-
ständig geklärt ist, wirksamkeitsmitbestimmende Sub- klasse der Flavonoide, zur antidepressiven Wirkung von
stanzen (= pharmazeutisch relevante Inhaltsstoffe) Johanniskraut-Trockenextrakten bei, ohne allerdings
aber bekannt sind. Hierzu werden Johanniskraut- selbst aktiv zu sein. Der molekularpharmakologische
Trockenextrakte gezählt. Wirkmechanismus konnte allerdings bisher nicht aufge-
– Typ B2 werden jene pflanzlichen Arzneimittel zuge- klärt werden. Darüber hinaus gibt es wahrscheinlich
ordnet, bei denen die Wirkung noch keinem Inhalts- auch noch andere Inhaltsstoffe aus der Gruppe der Fla-
stoff zugeordnet werden kann (Extr. Valerianae, Extr. vonoide, die an der antidepressiven Wirkung von Jo-
Echinaceae). hanniskraut beteiligt sind. Zur Beurteilung seiner Wirk-
samkeit wird daher vor allem der Hyperforingehalt,
Pharmazeutische Qualität von Johannis- aber auch der Gehalt an anderen Inhaltsstoffen be-
kraut-Trockenextrakt-Präparaten stimmt.
Zurzeit sind mehr als fünfzig apothekenpflichtige Jo-
Auch beim Johanniskraut (Hypericum perforatum L.), hanniskraut-Trockenextrakt-Präparate auf dem deut-
eine der am besten untersuchten Arzneipflanzen der schen Markt erhältlich. In einer Studie untersuchten
vergangenen Jahre, steht eine vollständige Aufklärung wir elf davon ■ 4 auf ihren Gehalt an wirksamen Inhalts-
stoffen (Hyperforin, Hypericine, Flavonoide und Bifla-
Chargenabhängiger durchschnittlicher Hyperforingehalt im Extrakt vonoide). Um festzustellen, ob die Zusammensetzung
der Präparate von Charge zu Charge identisch ist, prüf-
% Hyperforingehalt Charge 1 ten wir jeweils fünf verschiedene Chargen pro Arznei-
5,0 Charge 2
mittel.
Charge 3
4,5 Charge 4
Charge 5 Apothekenpflichtige Präparate
4,0
Wie unsere Untersuchungen ergaben, unterscheiden
sich die einzelnen Produkte deutlich im Inhaltsstoff-
3,5
spektrum, vor allem in ihrem Gehalt an Hyperforin –
obwohl alle apothekenpflichtigen Johanniskrauttro-
3,0
ckenextrakt-Präparate vergleichbare Deklarationen auf-
weisen ■5 . Besonders auffällig ist das Präparat Remotiv®,
2,5
das nahezu hyperforinfrei ist. Dies deutet auf einen
2,0
nicht näher definierten Spezialextrakt hin. Die Mehr-
zahl der Präparate zeigte einen durchschnittlichen Ge-
1,5 halt von zwei bis drei Prozent Hyperforin im Trockenex-

1,0
■5 Die Ergebnisse zeigen, dass die Forderung nach einer kon-
stanten Extraktzusammensetzung trotz der natürlichen
0,5
Schwankungsbreite von Inhaltsstoffen pflanzlicher Extrakte
von einigen, nicht jedoch von allen Präparaten erfüllt wird. Die
0 Schwankungen des Hyperforingehaltes von Charge zu Charge
Re

Ja

Ne

Te

Fe

Fu

He

Ne

La

Fe

Ja

können entweder auf den Einsatz von Extrakten mit unter-


rs

rs
x

if

lis
tu
m

ur

la

ur

®
is
x
®

®
in

in
ot

ra

riu
op

op
®

®
60

schiedlichen Hyperforingehalten oder aber auf eine mangelnde


30
iv

n
42

65
®
®

la

la
30

75
®

0
nt

nt
0

0
®

Stabilität des Hyperforins im Fertigarzneimittel zurückgeführt


0

0
42
30

1x
5

werden.
1
0

24 Forschung Frankfurt 3–4/2004


Pflanzliche Arzneimittel

■6 Die Gleichförmigkeit des Gehalts von Charge zu Charge ist


Chargenabhängiger durchschnittlicher Gesamthypericingehalt im Extrakt
ein wichtiges Qualitätskriterium, besonders bei pflanzlichen
Arzneimitteln. Hier kann es aufgrund der natürlichen Variabili- % Hypericin im Extrakt Charge 1
tät des Pflanzenmaterials, der Erntezeit, Trocknung und Lage- 5,0 Charge 2
rung zu Schwankungen im Gehalt an Wirkstoffen kommen. Charge 3
Charge 4
4,5
Charge 5
trakt auf. Den prozentual höchsten Hyperforingehalt
(> drei Prozent) haben die Produkte Neuroplant® 300, 4,0
Neuroplant® 1 x 1 und Jarsin® 750. Damit entsprechen
nur diese drei Produkte den Anforderungen der im Ja- 3,5
nuar 2003 in Kraft getretenen Monografie der USP
(United States Pharmacopeia), dem amerikanischen 3,0
Arzneibuch. Der Hypericingehalt der untersuchten Fer-
tigarzneimittel liegt bei nahezu allen Präparaten über 2,5
dem von der USP geforderten Mindestgehalt von 0,2
Prozent. 2,0
Darüber hinaus wiesen einige Präparate große Un-
terschiede beim Hyperforingehalt in verschiedenen
1,5
Chargen auf. Da es sich bei diesen Präparaten um Arz-
neimittel biologischen Ursprungs handelt, sind Schwan-
1,0
kungen von 15 bis 20 Prozent durchaus tolerabel.
Durch Poolen verschiedener Extraktchargen lassen sich
aber deutlich geringere Schwankungsbreiten erreichen, 0,5

wie es der Hersteller der beiden Neuroplant-Präparate


demonstriert. 0
Re

Ja

Ne

Te

Fe

Fu

He

Ne

La

Fe

Ja
Die schlechte Chargenkonformität einzelner Präpara-
rs

rs
x

lis

if

lis
tu
m

ur

la

ur

®
x
®

®
in

in
ot

ra

riu
op

op
®

®
te ist entweder auf den Einsatz von Extrakten mit un-

60
30
iv

n
42

65
®
®

la

la
30

75
®

0
nt

nt
0

0
®

®
0

0
terschiedlichen Hyperforingehalten oder aber auf man-

42
30

1x
5

1
0
gelnde Stabilität des Hyperforins zurückzuführen.

Anzeige

Anzeige
Krewel Meuselbach

186 x 128 mm

Forschung Frankfurt 3–4/2004 25


Forschung intensiv

Beim Gesamthypericingehalt schnitt das Produkt He- Freisetzung der wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstof-
larium® 425 mit einer Standardabweichung von knapp fe aus der Darreichungsform nachgewiesen werden.
30 Prozent am schlechtesten ab ■6 . Alle übrigen Präpa- Für Präparate, deren wirksamkeitsbestimmende Sub-
rate wiesen eine deutlich bessere Chargenkonformität stanzen nur zum Teil bekannt sind (Typ B1), ist eine
auf (< 20 Prozent). Untersuchung der Auflösegeschwindigkeit von Inhalts-
stoffen (noch) nicht zwingend vorgeschrieben, während
Freisetzung des Wirkstoffs bei Extrakt-Präparaten vom Typ B2 die Charakterisie-
rung des in vitro-Freisetzungsverhaltens einer einzelnen
Neben der Gleichförmigkeit des Gehalts an Wirk- Leitsubstanz nur wenig Sinn macht, da hier nicht klar
stoff(en) hat auch die reproduzierbare Freisetzung der ist, welche Substanz bei diesen Extrakten einen thera-
Wirksubstanz(en) aus der Arzneiform einen entschei- peutischen Effekt besitzt.
denden Einfluss auf die Wirksamkeit des Präparats, da Nach unserer Meinung ist die Untersuchung des
erst mit der Freisetzung die Voraussetzung für die Bio- Freisetzungsverhaltens von wirksamkeitsmitbestim-
verfügbarkeit des Wirkstoffs geschaffen wird. Die Frei- menden Inhaltsstoffen von Extrakten der Kategorie B1
setzung aus festen, einzeldosierten Darreichungsformen sinnvoll, da damit Aussagen über die pharmazeutisch-
zur oralen Applikation kann durch so genannte in vitro- galenische Qualität der einzelnen Präparate möglich
Dissolutiontests bestimmt werden. sind. Diese Untersuchungen sind allerdings nur dann
Für Fertigarzneimittel mit chemisch definierten Arz- zweckmäßig, wenn die untersuchten Präparate über
neistoffen gibt es genau definierte Spezifikationen zur eine ausreichend gute Chargenkonformität verfügen.
Freisetzung des Wirkstoffs aus unterschiedlichen Darrei- Unsere Untersuchungen ergaben, dass es eine erheb-
chungsformen. So sollte in der Klasse der »schnellfrei- liche Rolle spielt, welche Freisetzungsmedien für die
setzenden Arzneiformen« gewährleistet sein, dass der Qualitätskontrollen verwendet werden. Werden wie
enthaltene Wirkstoff innerhalb von 20 bis 30 Minuten üblich zum Beispiel Salzsäure (pH 1,2) oder Phosphat-
bis zu 80 Prozent freigesetzt wird. puffer (pH 6,8) eingesetzt, kann besonders die Freiset-
Für pflanzliche Arzneimittel, die normierte Extrakte zung von lipophilen (fettliebenden) Wirkstoffen erheb-
enthalten (Typ A), muss im Rahmen der Zulassung die liche Probleme bereiten. Dies gilt auch für den pharma-
kologisch relevanten Johanniskraut-Inhaltsstoff Hyper-
forin, der aufgrund seiner Lipophilie in wässrigen Lö-
Freisetzungscharakteristik von Hyperforin in FESSIF sungsmitteln und in SGFsp (Simulated Gastric Fluid sine
pepsin) nahezu unlöslich ist.
Freisetzung (%) Auch im biorelevanten Medium FaSSIF (Fasted State
100 Texx 300 Simulated Intestinal Fluid), das die Flüssigkeit im proxi-
Jarsin 300
90 Neuroplant 300 malen Dünndarm in nüchternem Zustand im Hinblick
Laif 600 auf pH-Wert, Osmolalität und Konzentration der Gallen-
80 Felis 425
70

60

50

7 Neben der Gleichförmigkeit des Gehaltes an Wirkstoffen ist
40 die reproduzierbare Freisetzung der Wirkstoffe aus der Arznei-
form der zweite Qualitätsparameter. Das biorelevante Medium
30
FeSSIF (Fed state simulated intestinal fluid) simuliert die Be-
20 dingungen im Dünndarm nach einer Mahlzeit. Lipophile Wirk-
stoffe werden unter diesen Bedingungen aufgrund der erhöh-
10
ten Konzentration an Gallensalzen, die als Lösungsvermittler
0 auftreten, freigesetzt. Dargestellt in die Freisetzungscharakte-
0 50 100 150 200 250 ristik von Hyperforin am Beispiel von fünf ausgewählten Präpa-
Zeit (min) raten

Literatur
/1/ Singer A., Won- /2/ Kasper S. /5/ Schulte-Löbbert /6/ Schulte-Löbbert Eckert G.P., Tawab /8/ Galia E., Nicolai-
producibility of St.
nemann M., Müller (2001); Hypericum John’s wort prepa- S., Westerhoff K., S., Holoubek G., M.A., Blume H.H., des E., Hörter D.,
W.E. (1999); Hy- perforatum - a re- rations. Pharmacol- Wilke A., Schubert- Müller W.E., Schu- Dingermann T., Löbenberg R., Rep-
perforin, a major view of clinical stu- psychiat 34, (Suppl. Zsilavecz M., bert-Zsilavecz M., Schubert-Zsilavecz pas C., Dressman
antidepressant con- dies. Pharmacopsy- I), 152 – 256. Wurglics M. Wurglics M. M. (2003); Deter- J.B. (1998); Eva-
stituent of St. chiat 34 (Suppl. I), (2003); Develop- (2004); Compari- mination of hyper- luation of Various
John’s wort, inhi- 51 – 55. /4/ Westerhoff K., ment of a high- son of the Synapto- forin in mouse Dissolution Media
bits serotonin upta- Kaunzinger A., performance- somal Uptake Inhi- brain by high-per- for Prediciting In
ke by elevating free /3/ Wurglics M., Wurglics M., liquid-chromato- bition of Serotonin formance liquid Vivo Performance
intracellular Na+. J. Westerhoff K., Dressman J. B., graphic method for of St. John´s Wort chromatography/ta of Class I and II
Pharmacol. Exp. Kaunzinger A., Schubert-Zsilavecz the determination Products. J. Pharm. ndem mass spec- Drugs. Pharm. Res.
Ther. 290, 1363 – Wilke A., Baumeis- M. (2002); Biorele- of biapigenin in Pharmacol. 56, 6, trometry. Anal. 15, 5, 698 – 705.
1368. ter A., Dressman vant Dissolution biorelevant media. 813–818. Chem. 15, 75(22),
J.B., Schubert-Zsi- Testing of St. John’s J. Pharm. Biomed. 6084 – 6088.
/7/ Keller J.H., Ka-
lavecz M. (2001); Wort Products. J. Anal. 33, 53 – 60.
Batch-to-Batch Re- Pharm. Pharmacol. ras M., Müller
54, 1615 – 1621. W.E., Volmer D.A.,

26 Forschung Frankfurt 3–4/2004


Pflanzliche Arzneimittel

komponenten simuliert, kommt es nur zu einer gering- Nachweis von Hyperforin


fügigen Freisetzung von Hyperforin. Das Medium FeS-
SIF (Fed State Simulated Intestinal Fluid) simuliert die
Eigenschaften der proximalen Dünndarmflüssigkeit im HO O
383,1
postprandialen Zustand (nach einer Mahlzeit) hinsicht-
O
lich pH-Wert, Osmolalität und Konzentration der Gal- O 313,3

lenbestandteile. Dabei zeigt sich, dass Hyperforin erst 315,1


durch eine erhöhte Konzentration an Gallenbestandtei- Johanniskraut-
len verstärkt freigesetzt wird ■
7. Extrakt
271,1 397,3

Was die Geschwindigkeit und den Umfang der Frei- 243,1


466,4
177,3 451,3
setzung von Hyperforin in FeSSIF anbelangt, so zeigten Resektion 535,5

die Präparate durchwegs eine unterschiedliche Charak- nach 2 h


teristik. Während ein Präparat die Anforderungen, die
an schnellfreisetzende Arzneiformen gestellt werden,
erfüllt, waren bei anderen Fertigarzneimitteln noch Intensity (%)
100
3,12

nach vier Stunden Untersuchungsdauer weniger als 50 Hyperforin


Prozent des im Extrakt enthaltenen Hyperforins in Lö-
sung gegangen. 50

Adhyperforin
Wirkstoff und Wirkort 0
3,68
0,00 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 6,0
Time (min)
NMRI (m)
In den bisher vorgestellten Untersuchungen haben wir 3 – 4 Monate alt HPLC-Massenspektrometrie
die Unterschiede in der pharmazeutischen Qualität ver- p.o., mittels Schlucksonde Zellaufschluss Multiple Reaction Monitoring
schiedener Johanniskraut-Trockenextrakt-Präparate be-
leuchtet. Ein ausreichender Wirkstoffgehalt sowie des-
■8 Die Mäuse erhalten das Johanniskraut-Trockenextrakt per
sen Freisetzung aus der Arzneiform sind die Vorrausset- Schlucksonde. Die Entnahme des Gehirns erfolgt zwei Stun-
zung, aber noch keine Gewähr für die Wirksamkeit, den nach der Fütterung. Hyperforin wird nach dem Zellauf-
denn es muss darüber hinaus sichergestellt werden, dass schluss durch Flüssig-flüssig-Extraktion aus dem Gewebe iso-
der Wirkstoff in pharmakologisch relevanten Konzen- liert und anschließend quantifiziert.
trationen am Wirkort ankommt und verfügbar ist. Dazu
wurden Ende der 1990er Jahre die Plasmaspiegel der
relevanten Johanniskraut-Inhaltsstoffe nach oraler
Gabe von Trockenextrakten oder Fertigarzneimitteln
bestimmt. Dabei konnten zumindest für Hyperforin kli-
nisch relevante Plasmaspiegel nachgewiesen werden. Die Autoren
Die Frage, ob Hyperforin in der Lage ist, die Blut-Hirn-
Schranke zu überwinden, konnte jedoch erst vor kur-
zem geklärt werden. Unsere Arbeitsgruppe hat in Zu-
sammenarbeit mit dem Pharmakologischen Institut für
Naturwissenschaftler der Universität Frankfurt und
einer kanadischen Arbeitsgruppe tierexperimentell mit
Hilfe einer besonders sensitiven Massenspektrometrie-
Methode den Nachweis erbracht, dass sich Hyperforin
nach oraler Gabe eines Johanniskraut-Extrakts in kli-
nisch relevanten Konzentrationen im Gehirn von Mäu-
sen anreichert ■8 . Somit ist sichergestellt, dass der Wirk-

stoff Hyperforin im Gehirn das gestörte Gleichgewicht


wieder in Balance bringen kann. Dr. Mario Wurglics (rechts), 34, studierte Pharmazie an der
Universität Graz und promovierte dort 1999. Seit 1997 ist er
Assistent am Institut für Pharmazeutische Chemie der Johann
Fazit Wolfgang Goethe-Universität. Arbeitsschwerpunkte: Entwick-
lung und Anwendung analytischer Verfahren für die Phyto-
Die Wirksamkeit von Johanniskrautextrakt-Präparaten pharmaka-Analytik (Bestimmung von wirksamkeitsbestim-
bei leichten bis mittelschweren Formen der Depression menden Stoffen und Leitsubstanzen in komplexen Matrices).
gilt heute als gesichert. Qualitativ hochwertige Extrakte
und deren ausreichende Dosierung stellen die Voraus- Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, 43, studierte Phar-
mazie an der Universität Graz und promovierte dort 1989.
setzung für eine sichere Therapie dar. Die Untersuchun-
Als Erwin Schrödinger-Stipendiat war er 1992 an der Uni-
gen zur Chargenkonformität und zur in vitro-Freiset- versität Ulm tätig, bevor er sich 1993 in Graz habilitierte.
zung zeigen jedoch, dass sich die untersuchten Präpara- 1997 erhielt er den Ruf auf eine C3-Professur für Pharma-
te sowohl in ihrem Gehalt an wirksamkeitsbestimmen- zeutische Chemie an die Johann Wolfgang Goethe-Universi-
den Inhaltsstoffen als auch in ihrem in vitro-Freiset- tät. Arbeitsschwerpunkte: Synthese von neuen PPAR (Pero-
zungsverhalten deutlich unterscheiden und somit als xisome proliferator-activated receptor)-Liganden; Entwick-
nicht äquivalent gelten können. Daraus leitet sich ab, lung, Validierung und Anwendung analytischer Verfahren für
die Pharmazeutische Analytik. Im Jahr 2003 wurde er mit
dass die einzelnen Präparate wegen fehlender Vergleich-
dem 1822-Universitätspreis für Exzellente Lehre ausge-
barkeit nicht ohne weiteres untereinander ausgetauscht zeichnet.
werden können. ◆

Forschung Frankfurt 3–4/2004 27