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H. Meller, Die Himmelsscheibe von Nebra. In: H. Meller (Hrsg.), Der


geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren.
Begleitband zur Sonderausstellung (Halle...

Chapter · January 2004

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1 author:

Harald Meller
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Geoarchaeological provenance studies on base and precious metals in prehistoric and ancient times View project

The mass grave of Lützen View project

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Der geschmiedete
Himmel
Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 jahren

Herausgegeben von Harald Meller


Fotos von Juraj Lipták

Landesamt für Denkmalpflege


und Archäologie Sachsen-Anhalt
landesmuseum für
vorgeschichte
Die Weite Welt

Begleitband zur Sonderausstellung BEGLEITBAND


Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle (Saale)
vom 15. Oktober 2004 bis 24. April 2005 Konzeption
Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen, Regine Maraszek, Gabriele Zipf
vom 1. Juli 2005 bis 22. Oktober 2005 Redaktion
Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, Hermann Genz, Regine Maraszek, Manuela Schwarz,
vom 4. März 2006 bis 9. Juli 2006 Gabriele Zipf
Endredaktion
Gabriele Zipf
Schrift
AUSSTELLUNG Joanna MT, BT News Gothic
Zeichnungen und Bildvorlagen
Gesamtleitung Swetlana Belizki, Cornelia Liebing, Brigitte P­ arsche,
Harald Meller Karol Schauer ­(Salzburg)
Projektleitung Kartengrundlagen
Regine Maraszek, Martin Porr Nora Seeländer
Wissenschaftlicher Beirat Gestaltung, Satz
François Bertemes (Halle [Saale]), Florian Innerhofer Karina Moschke, nalbach typografik, Stuttgart
(Dresden), Flemming Kaul (Kopenhagen), Christoph Gestaltung des Umschlags
Sommerfeld (Hannover), Bernd Zich (Schleswig) Nicolaus Ott und Bernard Stein (Berlin) unter
Wissenschaftliche Beratung Verwendung eines Fotos von Juraj Lipták (München)
Barbara Armbruster (Toulouse), Reinhard Jung (Wien), Druck und Bindung
Alexandra Krenn-Leeb (Wien), Ernst Pernicka (Freiberg), Gebr. Klingenberg Buchkunst (Leipzig)
Wolfhard Schlosser (Bochum), Ralf Schwarz, Christian-
Heinrich Wunderlich
Konzeption und Ausstellungstexte
Regine Maraszek
Wissenschaftliche Assistenz
Hermann Genz
Ausstellungssekretariat
Christine Arnhold, Sabine Hund
Öffentlichkeitsarbeit
Alfred Reichenberger, Michael Schefzik
Besucherbetreuung
Monika Bode Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Leihverkehr Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publi-
Urte Dally kation in der Deutschen Nationalbibliogafie; detail-
Gestaltung lierte bibliografische Daten sind im Internet über
Juraj Lipták (München), Karol Schauer (Salzburg) http://dnb.ddb.de abrufbar.
Leitung und Koordination des Ausstellungsbaus
Gerhard Lamm (Halle [Saale]), Martin Porr Copyright © 2004
Grafik Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sach-
Klaus Pockrandt (Halle [Saale]) sen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
Illustrationen Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart
Karol Schauer (Salzburg) Das Copyright bezieht sich auf das Gesamtwerk,
Karten die Rechte der einzelnen Texte zur Weiterverwendung
Klaus Pockrandt (Halle [Saale]), Nora Seeländer sowie der Fotos liegen ausschließlich beim
Skulpturen Herausgeber.
Schiff: Peter Mauracher (Puch)
Waage: Hartmut von Wieckowski (Nehlitz)
Film Alle Rechte vorbehalten
Thomas Claus (Berlin)
Restaurierung und Nachbildungen
Christian Bagge, Cora Bozan ­(Halle [Saale]), Heiko
Breuer, Karoline Finke (Halle [Saale]), Friederike ISBN
Her­­tel, Hans-Joachim ­Naumann, Ronald Simke (Ber- 3-8062-1907-9 (Buchhandelsausgabe)
lin), Christian-­Heinrich Wunderlich 3-910010-85-7 (Museumsausgabe)
Inhaltsverzeichnis

Wolfgang Böhmer 10 Grusswort

Harald Meller 11 Vorwort

Ralf Schwarz 12 Chronologietabelle Deutschland und Südskandinavien

Hermann Genz und Ralf Schwarz 14 Chronologietabelle europa und Mittelmeerraum

Regine Maraszek 16 
D er geschmiedete Himmel – Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren

DER GESCHMIEDETE HIMMEL


Harald Meller 22 Die Himmelsscheibe von Nebra

Alfred Reichenberger 32 
D ie Faszination der Himmelsscheibe

Ernst Pernicka 34 
D ie naturwissenschaftlichen Untersuchungen der Himmelsscheibe

Christian-Heinrich Wunderlich  3 8 
V om Bronzebarren zum Exponat – Technische Anmerkungen zu den Funden von Nebra

Wolfhard Schlosser 4 4 
D ie Himmelsscheibe von Nebra – Astronomische Untersuchungen

François Bertemes und Wolfhard Schlosser 


4 8 
D er Kreisgraben von Goseck und seine astronomischen Bezüge

MYTHEN UND RITEN


Flemming Kaul 54 Der Sonnenwagen von Trundholm

Flemming Kaul 58 Die Sonnenschiffe des Nordens

Preben Rønne 64 Guss und Verzierung der nordischen Krummschwerter

Flemming Kaul 
6 6 Das Felsbild von Lökeberg – Sonnenbilder und Sonnenkult in der Nordischen ­Bronzezeit

Flemming Kaul 
7 0 
Sc hiffe als »Tempel« der Bronzezeit – Die Figurenensembles von Fårdal und G
­ revensvænge

Gabriele Zipf 
7 4 Zwei mysteriöse Objekte – Die Becken aus Haschendorf und ­Balkåkra

Ralf Schwarz 78 Mit der Vogelbarke ins Totenreich – Das Beil aus Osternienburg

Regine Maraszek 80 Ein Schiffsbild Fern der See

Christoph Sommerfeld 82 Mythische Geschichten aus der Bronzezeit – Ein phantastischer Ausblick

HANDEL MIT DEN GÖTTERN


Christoph Sommerfeld 90 Handel mit den Göttern – Das Hortphänomen im nördlichen Mitteleuropa

Harald Meller 94 Der körper des Königs

Florian Innerhofer 98 Ring und Beil – Barrendepots der Frühbronzezeit

Arnold Muhl 100 Gesegnetes Land – Der GroSSraum Dieskau im frühbronzezeitlichen Fundmosaik

Heiko Breuer und Harald Meller 104 Tränen der Götter

Urte Dally 108 Heilige Waffen im Harz – Die Keule von Thale und der Zinken von Welbsleben

Heiko Heilmann und Torsten Schunke 110 Metall in Form – Neue Funde zur bronzezeitlichen Metallverarbeitung aus Mitteldeutschland

Christoph Sommerfeld 114 Ein Opferfund im Ringgraben – Das Depot von Kötzschen
Christoph Sommerfeld 118 Mondsymbol »Sichel« – Sicheln mit Marken
DIE ZEIT der Himmelsscheibe
Die Aunjetitzer Kultur in Mitteldeutschland 126 Bernd Zich

Die klassische Aunjetitzer Tasse 130 Bernd Zich

Vom Dolch zum Schwert 132 Bernd Zich

Die Anfänge der Metallurgie in MittelEuropa 134 Ernst Pernicka

Das Ende der Aunjetitzer Kultur 136 Bernd Zich

Mitteldeutschland zur Zeit der Himmelsscheibe 138 Florian Innerhofer

SCHMIED UND FÜRST


Frühe Metallurgen in der Spätkupfer- und Frühbronzezeit 144 François Bertemes

Zur Entstehung von Macht, Herrschaft und Prestige in Mitteleuropa 150 François Bertemes

Das Kind aus Apolda – Sprössling eines Häuptlings? 1 54 Gabriele Zipf

Die Fürstengräber von Leubingen und Helmsdorf 156 Bernd Zich

Stabdolche – Waffen und Statussymbole 160 Hermann Genz

­ rühbronzezeit 162 Hermann Genz und Ralf Schwarz


Von häuptlingen und anderen oberhäuptern – Reich ausgestattete Gräber in der F

DIE WEITE WELT


Blühende Landschaften – Mitteldeutschland in der frühen Bronzezeit 168 Hermann Genz

Die Einkehr der westlichen Welt: Prunkbeil und Goldkragen 172 Regine Maraszek

Prunkdolche aus Schottland 176 Trevor Cowie

Äxte aus dem hohen Norden – Zur Geschichte der Bronzeaxt aus Hermannshagen 178 Ralf Schwarz

Die Nackenkammaxt aus Naumburg 180 Ralf Schwarz


A lpine Dolche und Löffelbeile – Mitteldeutschland und seine Beziehungen nach ­Südwesten 182 Hermann Genz

Griechische Lanzenspitzen in Mitteldeutschland? 186 Hermann Genz

Von der Levante bis nach Frankreich? – Zum Phänomen der Schleifennadeln 188 Hermann Genz und Helge Jarecki

Mykene und der Norden: Transfer von Artefakten – Transfer von Religion? 190 Reinhard Jung

Der Aunjetitzer in der Fremde 194 Hermann Genz

Anhang
Weiterführende Literatur 198

Bildnachweis 204
der geschmiedete Himmel

Die Himmelsscheibe von Nebra


Harald Meller

ria suchten. Dabei entdeck­ten sie im dichten


Wald flach unter der Erde den oberen Rand der
Himmelsscheibe und entrissen sie mit einem
Die Himmelsscheibe von Nebra (Burgenland- Hammer dem Waldboden. Zunächst für einen
kreis) in Sachsen-Anhalt ist einer der bedeu- alten Eimerdeckel gehalten, schenkten sie der
tendsten und bereits zwei Jahre nach ihrem stark verschmutzten Scheibe wenig Beachtung.
Auftauchen auch schon berühmtesten archäo- Erst beim Weitergraben erregten die Schwer­­ter
logischen Funde. Wie so häufig, wurde dieses mit goldverziertem Griff ihre ­Aufmerksamkeit.
heraus­ragende Objekt nicht während einer Nachdem sie die Fundstelle komplett geplün-
­systema­t i­schen archäologischen Ausgrabung dert hatten, schütteten sie die Grube wieder
entdeckt, erfasst und dokumentiert, sondern il- zu. Nur wenige Tage später verkauften die Raub-
legal und völlig un­sach­gemäß geborgen. Nur gräber den Fund für 31 000 DM an einen Zwi­
dass es diesmal keine Waldarbeiter beim Bäume schen­händ­ler aus dem Rheinland.
roden, Baggerfahrer beim Leitungen verlegen Dieser reinigte die Scheibe mit Stahlwolle
oder Bauern beim Pflügen waren, die bei ihrer und zog dabei vor allem die Goldauflagen arg
täglichen Bodenarbeit auf archäologisches Kul- in Mitleidenschaft. Dann versuchte er, die Him-
turgut stießen. In diesem Fall handelte es sich melsscheibe mit ihrem nunmehr sichtbar ge-
um zwei Sondengänger, die an einem schönen wordenen prächtigen goldenen Bildprogramm
Sommertag 1999, mit einem Metallsuchgerät an zwei deutsche Museen zu verkaufen. Als dies
aus­gerüs­tet, das seit 1986 bekannte Bodendenk­ wegen des in Sachsen-Anhalt geltenden Schatz-
mal am Mittelberg abgingen und nach Milita- regales – das heißt des rechtmäßigen Eigen­
>

Die Zeichnung von Karol Schauer verdeutlicht,


wie sich die Entdeckung der Himmelscheibe
nach Aussagen der Finder abgespielt hat. Mit
­einem Hammer wurde die Scheibe der Erde ent-
rissen und achtlos beiseite gelegt. Erst die Ent­-
deckung der Schwerter lenkte die Aufmerksam-
keit auf die Himmelsscheibe.

>
Auf der Suche nach Militaria entdeckten 1999
zwei Sondengänger auf dem Mittelberg die Him-
melsscheibe. Durch die unsachgemäße Bergung
erlitt nicht nur die Scheibe selbst starke Beschä-
digungen, vielmehr wurden damit auch wertvolle
Informationen über den ursprünglichen Fund­
zusammenhang zerstört. Allerdings zeigt die
Analyse der Beschädigungsspuren, vor allem der
Hammerspuren am Rand, dass die Himmels-
scheibe einstmals senkrecht im Boden stand.
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>
tumanspruchs des Landes auf wertvolles ar- natur­wissenschaftlichen Untersuchungen lie- Bei uns hat sich das Bild der grünen Himmels-
scheibe eingeprägt. Ursprünglich hatte der bron-
chäologisches Kulturgut – nicht gelang, ver- ßen sich später die Echtheit, die Zusammen- zene Nachthimmel wahrscheinlich eine dunkel-
kaufte er die Scheibe über eine Vermittlerin für gehörigkeit der Fundstücke, der Fundort so- braune bis schwarze Färbung, von der sich die
goldenen Himmelskörper noch strahlender ab-
weit über 200 000 DM an einen Sammler. wie die Fundumstände und -zusam­menhänge
hoben. Das Bild zeigt eine Rekonstruktion dieser
All dies war mir unbekannt, als mir im Mai weitgehend aufklären – ­­Informatio­nen, die bei ursprünglichen Erscheinung mit beiden Hori-
2001 Herr Menghin, Direktor des Museums für Kauf von Sondenfunden durch Dri­tte in der zontbögen.

Vor- und Frühgeschichte Berlin, etwa ein Dut- Regel verloren gehen. Ohne Kenntnis des ge-
>

zend unscharfe Fotos zeigte und mitteilte, dass samten Fundkontextes reduziert sich die Be- Die mit der Himmelsscheibe gefundenen
Schwerter sind von außerordentlicher Qualität,
ihm damit dieser Fund 1999 für eine Million deutung solcher Funde zumeist auf einen bes­ Klingen und Griffe wurden mit feinen Kupferein-
DM an­ge­boten worden sei. Da der Fundkom- tenfalls kunst­geschichtlichen Wert. lagerungen verziert und zwischen Griff und
Knauf wurden Goldmanschetten aufgesteckt.
plex nach Aussagen der Anbieter aus Sachsen- Die erste und prinzipielle Frage nach der
Eine Besonderheit sind die Halbschalengriffe:
Anhalt stamm­te, beschlossen die zuständigen Echtheit der Himmelsscheibe und ihrer Bei- Die Schauseite (links) besteht aus Bronze, die
Behörden des Landes, den außerordentlichen fun­de wurde durch naturwissenschaftliche Rückseite war aus einem organischen Material
gefertigt. Es handelt sich um Prunkwaffen, die
Fund nach Sachsen-Anhalt zurückzuholen. Untersuchungen in kürzester Zeit positiv ge- nicht zum Kampf genutzt wurden.
In einem für die Archäologie nicht alltäg- klärt (siehe Seite 34). Gleiches galt für die Zu-
lichen polizeilichen Ermittlungsverfahren ge- sammen­gehörigkeit des Fundkomplexes auf-
lang es zwischen Mai 2001 und Februar 2002, grund der identischen Bodenanhaftungen. Da
die Vermittlerin und den damaligen Besitzer das Alter der Beifunde archäologisch gut zu be-
aus­fin­dig zu machen. Bei einem Treffen in Ba- stimmen ist, ergab sich somit für die N­ ie­derle-
sel, das der Echtheitsprüfung des Fundes ­die- ­gung der Himmelsscheibe ein Datum um
nen sollte, ­wur­den die Hehler dann von der 1600 v. Chr. (siehe Seite 94).
Schwei­zer ­Po­lizei fest­genommen. Durch die Der Anblick der Scheibe fasziniert nicht
kriminaltechnischen Er­mitt­lungen, die Aussa- nur die Archäologen auf den ersten Blick, da sie
gen der ­Täter sowie die archäologischen und ein in dieser frühen Zeit völlig unerwartetes
der geschmiedete Himmel
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der geschmiedete Himmel

<<
links: Die Rückseite der Himmelsscheibe von nüchternes und aufs Wesentliche reduziertes oder dem Vorderen Orient, sondern hier in Mit-
Nebra ist völlig unverziert. Deutlich sind die Bild des nächtlichen Himmels zeigt. Unerwar- tel­europa gefunden. Jedem Betrachter ist s­ ofort
Spuren des Aushämmerns nach dem Guss so-
wie die sich durchzeichnenden Bildelemente tet deshalb, weil wir bis zur Himmelsscheibe klar, dass sich hinter der scheinbar einfachen
der Vorderseite zu erkennen. Die etwa 32 Zenti- von Nebra trotz einer unüberschaubaren Zahl Darstellung komplizierte astronomische In-
meter große und 2,3 Kilogramm schwere Schei-
be ist mit 4,5 Milimeter Dicke in der Mitte und
archäo­logischer Funde kein einziges vergleich­ halte verbergen, die es zu enträtseln gilt. Dies
1,8 Milimeter Rand verhältnismäßig massiv. bares Abbild kannten. Das Erscheinungs­bild ist unter anderem deshalb aufregend, da man
rechts: Das faszinierende Bild der Himmels-
der Him­melsscheibe im ursprünglichen Zu- bislang die Bedeutung astronomischer Kennt-
scheibe von Nebra zeigt in modern anmutender
Nüchternheit die älteste konkrete Darstellung stand war nicht das heu­tige Grün, das durch nisse in diesen frühen Zeiten nur mittelbar
astronomischer Phänomene. Es verknüpft astro- Korrosion entstand, sondern ver­mutlich ein tie- nachweisen konnte. Zwar nahm man an, dass
nomische Kenntnisse mit dem mythischen Sym-
bol des Himmelschiffes. fes Dunkelbraun, ja fast Schwarz, auf dem sich die Menschen zumindest seit Einführung des
die goldenen Sterne eindrucksvoll wie auf dem Ackerbaus solches Wissen nutzten, doch selbst
>

Die Verzierungen auf der Klinge des Schwertes


Nachthimmel selbst abhoben. Es handelt sich eindrucksvolle Monumente wie Stonehenge,
von Zajta (Ungarn) stehen der Schiffsdarstel- so bei der Bronzescheibe um die nach unserer New Grange (Großbritannien) oder die zahl­
lung auf der Himmelsscheibe so nahe, dass in
Kenntnis bislang älteste konkrete Himmels- rei­­chen Kreisgra­­benanlagen Mitteleuropas ge-
ihnen eine stark abstrahierte Schiffsprozession
gesehen werden kann. Dies deutet an, dass die darstellung der M
­ ensch­heitsgeschichte. Über- ben uns nur einzelne Hinweise, aber keine de-
Bedeutung des religiösen Symbols in Mitteleu- raschenderweise wurde sie nicht in Ägypten taillierten Nachweise. Die Himmelsscheibe
ropa weiträumig bekannt war.
>

Schiffsdarstellungen sind sowohl im mediterra-


nen Bereich (oben, Darstellung auf einer töner-
nen Griffschale der Kykladen aus der Mitte des
3. Jahrtausends vor Christus) als auch in Süd-
skandinavien (darunter, Schiffsbild auf dem
­dänischen Schwert aus Rørby, siehe Seite 64)
meist durch eine randbegleitende Fiederung
charakterisiert, die Ruder oder Besatzung sym-
bolisiert. Das Schiff ist in der Bronzezeit des
Nordens seit etwa 1600 v. Chr. ein zentrales,
religiöses Symbol.

>
Beim Aufstieg zum Fundort der Himmels­
scheibe, den Gipfel des Mittelbergs, blickt man
auf das fruchtbare Unstruttal mit der ehemali-
gen Kaiserpfalz Memleben.
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>>
er­möglicht nun eine grund­­legende Neubewer­ achtbarkeit dieser entscheidenden Rahmenda- Bei sieben eng beieinander liegenden Gold­
punkten handelt es sich um das einzige auf der
tung der vorge­schicht­­lichen astronomischen ten des bäuerlichen Jahres waren wahrschein- Scheibe identifizierbare Sternbild, die Plejaden.
Kenntnisse und gewährt sogar Einblicke in ein lich seit dem Beginn der Jungsteinzeit, also fast Ihre letzte Sichtbarkeit am westlichen Abend­
himmel sowie ihr Wiedererscheinen am west-
frühbronzezeit­liches Weltbild. 4000 Jahre vor der Zeit der Himmelsscheibe
lichen Morgenhimmel fielen mit Aussaat und
Dank der astronomischen ­Untersuchungen bekannt. Allerdings wurde dieses Wissen bild- Ernte zusammen und waren deshalb von
Wolf­hard Schlossers verfügen wir bezüglich lich erstmals auf der Scheibe fixiert. Auf die ­zentraler Bedeutung für die Orientierung im
­bäuerlichen Jahr.
der dargestellten Himmelsphänomene über Daten der Sommer- und Wintersonnenwen-
eine einfache und plausible Arbeitshypothese. de, den 21.  Juni und 21.  Dezember, nehmen die >
Unter dem rechten Horizontstreifen zeichnen
Demnach wurde auf der Himmelsscheibe be- beiden Horizon­te Bezug. Sie standen für den sich die Tauschierrillen zweier überprägter Sterne
wusst auf die Darstellung von Sternbildern, mit Horizontdurchlauf der Sonne während des ab. Ihre Goldauflagen wurden vorher entfernt.
Ausnahme der Plejaden, verzichtet. Der stern- Jahres und bildeten bereits einen Richtwert der Es handelt sich also nicht um verborgene Sterne
hinter dem Horizont, sondern um Sterne einer
bildfreie Himmel betont das einzige auf der Architektur neolithischer Kreisgrabenanlagen ­älteren, ersten Phase der Scheibe.
Scheibe angebrachte Sternbild, das Siebenge- (siehe Seite 48). Die Enden der ­Horizontbögen
>

stirn der Plejaden, das zwischen ­Sichel und markierten die Wendepunkte der S­ onne. Da sie Das stark gebogene Schiff wird durch die Fiede-
Vollmond steht, umso stärker. Der Sternen- genau den Winkel von 82 Grad einnehmen, rung entlang der Ränder sowie durch die Binnen-
gliederung charakterisiert. Die Verwendung einer
haufen der Plejaden war schon im Vorderen den die Sonne auf der geografischen Breite
anderen Goldlegierung sowie die Kürzung der
Orient, aber auch in der Griechischen Antike Mitteldeutschlands überstreicht, ist davon aus- Fiederung bei dem das Schiff berührenden Stern
von außerordentlicher Bedeutung, wie wir zugehen, dass die Horizon­te auch in dieser Re- zeigen, dass das Schiff erst später als wesent­
liches mythisches Element auf die Scheibe kam.
­Homer und Hesiod, zwei der frühesten grie- gion angebracht wurden.
chischen Autoren, entnehmen. Die bei Hesiod Bei dem stärker gebogenen Goldstreifen
erwähnte Bedeutung der Plejaden für die Be- zwischen den Horizonten handelt es sich auf-
stimmung des Zeitpunkts von Aussaat und Ern- grund zahlreicher archäologischer Vergleiche
te stellt auch im Fall der Himmelsscheibe die um die schematische Darstellung eines Schif-
überzeugendste Interpretation dar. fes. Entscheidend sind hier nicht die Längs­
Sichelmond und Vollmond mit Plejaden rillen, bei denen es sich um Planken oder eine
stehen jeweils für zwei Daten der Plejaden­sicht- andere Binnengliederung des Rumpfes han-
bar­keit am westlichen Himmel, den 10. März deln könnte, sondern die Fiederung entlang
und den 17.  Oktober. Die astronomische B ­ eob- der Längsseiten des Bootes. Diese ist typisch
der geschmiedete Himmel

für bronzezeitliche Schiffsdarstellungen, in tig, sondern etwa 6 Grad nach oben versetzt
Griechenland wie auch der nordischen Welt. angeordnet wurden. Dies lässt eine Bestim-
Durch die Aussagen der Finder, vor allem mung der Himmelsrichtung zu – Norden
aber durch die Spuren des Hammers, mit dem befindet sich oben, gegen­über dem Schiff, das
der obere Scheibenrand zerschlagen wurde, sich im Süden befindet. Ost und West sind ent-
wissen wir, dass die Scheibe aufrecht vergraben gegen unseren heutigen geografischen Festle-
>

Bei der Himmelsscheibe könnte es sich um das


worden war: rechts und links die Horizonte, gungen verdreht, entsprechen aber der Anord-
zweidimensionale Bild eines dreidimensionalen das Schiff am unteren Rand. Diese Position nung auf modernen astronomischen Karten.
Weltmodells handeln, bei dem eine flache Welt
stützt nicht nur unsere Hypothese der »Hori- Dies zeigt, dass die Himmelsabbildung von un-
von Wassern umflossen und von einer Kuppel,
die Gestirne Sonne, Mond und Sterne trägt, zonte« und des »Schiffes«, sie bestätigt viel- ten gesehen gedacht war, so als würde man in
überspannt wird. Das alte Ägypten, Persien, das mehr auch eine weitere wesentliche Entde­ klarer Nacht auf dem Rü­cken liegend den Ster-
antike Griechenland und die Welt der Bibel
kannten ähnliche Vorstellungen. Für das vorge- ckung Wolfhard Schlossers (siehe Seite 44). nenhimmel betrachten. Dies lässt uns die nüch-
schichtliche Mitteleuropa wäre dies der erste Die Anbringung der Horizonte richtete sich terne grafische Darstellung des Nachthimmels
Nachweis eines Weltmodells, das in erweiterter
und komplexerer Form letztlich bis in die frühe
demzufolge nach exakten Himmelsbeobach- auf der Scheibe besser verstehen. Die Horizonte
Neuzeit Verwendung fand. tungen, so dass die Horizonte nicht genau mit- befinden sich also tatsächlich am Rand des
Him­mels, dort, wo er die Erde berührt. Ent-
lang dieser Zone pendelt dann folgerichtig das
Schiff zwischen Sonnenuntergang und ­Sonnen-
aufgang über den Himmels­ozean. Diese Sicht
auf die Himmelsscheibe legt nahe, dass es sich
bei ihr um die ­­zweidimen­­sio­na­le Darstellung
einer sphärischen Himmelsprojektion han­delt.
Die bronzezeitlichen Menschen Mittel­europas
hatten sich also bereits um 1600  v.  Chr. wie die
Ägypter, später die Griechen oder wie auch in
der Genesis der Bibel beschrieben, den ­Himmel
als Kuppel, die Erde überwölbend, gedacht.
Würde diese Annahme zutreffen, so hätten wir
zum ers­ten Mal Einblick in ein komplexes Welt-
modell der vorgeschicht­lichen mitteleuropäi-
schen ­Kultu­ren.
Die Beobachtung, dass die Scheibe selbst
einer Entwicklung von fünf Phasen unterliegt,
ist für ihr Verständnis außerordentlich wichtig.
In der ersten Phase umkreisen lediglich 25
Sterne und die Plejaden Voll- und Sichelmond.
Später wurden die aus einer anderen Goldlegie­
rung bestehenden Horizonte angebracht (Pha-
se II). Dass sie nicht zum ursprünglichen Kon-
zept ge­hö­ren, zeigen zwei Sternrillen unter
dem gol­de­­nen Horizont. Die Goldauflagen
dieser ­beiden Sterne wurden vor dem Über-
prägen entfernt. Ein Stern, der beim Anbrin-
gen des heute fehlenden Horizontes verscho-
ben werden ­musste, wurde versetzt. In seiner
d i e h i m m e l s s c h e i b e v o n n e b r a   28 | 29

I II III IV V

>
Goldzusammensetzung entspricht er dem er- genständig neu entwickelt, in Kontakt mit dem Die Himmelsscheibe wurde während ihrer
möglicherweise Jahrhunderte dauernden
haltenen Horizont, wurde also zeitgleich mit Norden entstanden und vermittelt oder gar Nutzung mehrfach verändert. Auf der ersten
diesem angebracht. Auch das Schiff gehörte durch Ägypten beeinflusst, wird eine zwar zen- Scheibe mit Vollmond, Sichelmond und
nicht zum ursprünglichen Bildprogramm der trale, aber schwer zu klärende Frage bleiben. 32 Sternen brachte man die Horizonte
(Phase II) an. Dabei wurden zwei Sterne
Himmelsscheibe. Es wurde offen­bar zwischen Hat die Scheibe der ersten Phase einen ­definitiv verdeckt und einer versetzt. Ob das Schiff
die Sterne gezwängt und kommt ihnen des- lunaren Bezug, so tritt zumindest in der z­ weiten noch vor diesen Horizonten auf die Scheibe
kam, lässt sich nicht sicher feststellen,
halb sehr nahe (Phase III). Ein Stern wird so- Phase mit den Horizonten ein solarer Bezug wahrscheinlich ist jedoch eine spätere
gar durch die an dieser Stelle verkürzte Fiede- hinzu. Auf diesem Hintergrund könnte der ­Anbringung (Phase III). In Phase IV wurde
die Scheibe randlich gelocht. Noch in der
rung berührt. Da man für das Schiff eine völlig Vollmond der ersten Phase nun auch als Son-
Antike entfernte man den linken Horizont-
andere Goldlegierung verwendete, ist davon ne gesehen worden sein. Die genaue Bedeu- bogen (Phase V).
auszugehen, dass es in einer späteren P­ hase tung des Schiffes wird sich kaum exakt fassen
und nicht zugleich mit den Horizonten ange- lassen. Dass es als Transportmittel der Sonne, als
bracht wurde. Meines Erachtens kam das Symbol der B ­ ewegung der Himmelselemente
Schiff erst nach den Horizont­­bö­gen auf die oder, weil den Süden durchmessend, vielleicht
Scheibe, da diese ebenso wie die Plejadendaten sogar als Symbol der Sonne selbst gesehen wur-
noch zutiefst in den Vorstellungen der älteren de, liegt im Rahmen der Interpretationsmög-
jungsteinzeitlichen Welt w ­ ur­zeln. Das Schiff lichkeiten. Auf alle F­ älle ist es das eindrucks-
dagegen ist das Symbol einer neuen bronze- volle Zeichen einer uns heute nicht mehr
zeitlichen Religion, das auf der Scheibe zum bekannten komplexen Mythologie. Die Anbrin-
ersten Mal in Mitteleuropa wie ein Schlaglicht ­gung des Schiffes belegt deshalb eine entschei­
erscheint. In der nordischen Welt finden wir dende Bedeutungserweiterung der Scheibe. In
das Schiffssymbol während der gesamten der nächsten, vierten Phase wurde die Scheibe
Bronzezeit. In Mitteleuropa gehört es hingegen schließlich relativ roh entlang des Randes ­ge-
über mehrere Jahrhunderte nach 1600 v. Chr. ­locht, vermutlich zur Befestigung auf Leder
nicht zum Bildrepertoire und findet erst wie- oder Holz. Die letzte antike Veränderung er-
der in der Spätbronzezeit, in Form der so ge- fuhr die Scheibe, als ein Horizontbogen abfiel
nannten Sonnenbarke, eine weite Verbrei­tung oder entfernt wurde. Vielleicht wurde dieses
(siehe Seite 78). Die Entstehung und Herkunft Element auch kurz vor der Deponierung ent-
dieses Symbols einer neuen Religion, ob ei- fernt, um die Scheibe als Kultgegenstand un-
der geschmiedete Himmel

>

Zahlreiche schwedische Felsbilder – wie brauchbar zu machen. Aufgrund des Gra­­ uns der Beginn des 2. Jahr­tausends, die Zeit der
diese aus der Gegend um Backa – zeigen
Sonnenscheiben, die auf Ständern aufge-
bungs­­befundes wissen wir, dass die S­ cheibe mitteldeutschen F­ ürstengrä­ber, plausibel. In
stellt wurden oder als Standarten getragen anschließend als Depot, als eine Gabe an die dieser Epoche waren erstmals technische und
werden konnten. Keine der wohl tatsächlich
Göt­ter, der Erde übergeben wurde. gesellschaftliche Voraussetzungen vorhanden,
verwendeten Scheiben blieb erhalten. Aller-
dings belegen die Bilder die Bedeutung der Die verschiedenen Scheibenphasen werfen die die Herstellung eines komplexen Werkes
Scheiben als Ritualgerät. In ähnlicher Weise die Frage nach der Nutzungsdauer der Him- wie der Himmelsscheibe möglich machten.
könnte auch die Scheibe von Nebra befes­
tigt und genutzt worden sein. melsscheibe auf. Unstrittig ist, dass sie zusam- Die maximale Nutzungsdauer hätte demnach
men mit den Beifunden um 1600  v.  Chr. depo- etwa 400  Jahre, die minimale etwa 100  Jahre
niert wurde. Die Bronze der Beifunde und der betragen.
Scheibe weist, wie Ernst Pernicka zeigen konn- Auch bei der Frage nach denjenigen, die
te, identisches Kupfer auf, das aus dem bron- die Scheibe herstellten oder herstellen und
zezeitlichen Bergbaurevier vom ­Mitterberg anschlie­ßend auch verändern ließen, ist auf die
im Salzburger Land stammt (siehe Seite 34). mitteldeutschen Fürstengräber zu verweisen.
Da für die Beifunde die Umlaufzeit auf etwa Die mäch­tigen Bestattungshügel und weit über
100 Jahre begrenzt ist, würde eine gleichzei­ der Norm liegende Grabbeigaben sind die
-tige Fertigung der Himmelsscheibe und der Zeugen enormer sozialer Unterschiede in den
Beifunde eine mehrfache Veränderung der frühbronzezeitlichen Gemeinschaften. Die so
Schei­be während eines vergleichsweise kurzen genannten Fürs­ten kontrollierten die Schätze
Zeit­raumes bedeuten. Dies ist zwar nicht aus- des reichen Landes – Salz, Erze und den Ertrag
geschlossen, wahrscheinlicher ist jedoch, dass der äußerst fruchtbaren Böden – und verfüg-
die Himmelsscheibe als Kultgegenstand über ten über weite Kontakte von Spanien bis Skan-
längere Zeit genutzt wurde und ihr Bildpro- dinavien und von Italien bis in das Karpaten-
gramm nur in größeren Abständen Änderun- becken. Dadurch gelangten sie neben fremden
gen erfuhr. Die Benutzung der gleichen Me­ Waren und Ideen auch zu neuen technischen
talle für Scheibe und Beifunde ist hier kein Kenntnissen wie der Tauschierung (siehe Sei-
Gegenargument, da Bronze vom Mitterberg te 38), die wohl aus dem Ostmittelmeerraum
offen­bar über Jahrhunderte vom Ostalpenraum stammt. Es ist wahrscheinlich, dass jemand aus
bis nach Mitteldeutschland und Dänemark diesem exquisiten Personenkreis in Mittel-
expor­tiert wurde (siehe Seite 34). Damit stellt deutschland die Scheibe herstellte oder her-
sich die Frage, wann die Scheibe hergestellt stellen ließ, dass Angehörige dieser Schicht die
wurde. Als ältestes mögliches Datum erscheint Scheibe generationenlang benutzten, verän-
d i e h i m m e l s s c h e i b e v o n n e b r a   30 | 31

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derten und schließlich deponierten. Gerade die Scheiben verfügen, zeigen, auch die Möglich- In der nordischen Felsbildkunst finden wir
Menschenfiguren, die um oder mit Sonnen-
mehrfachen Umgestaltungen legen den Bezug keit, dass die Scheibe vor ihrer Lochung hori- scheiben tanzen. Auch dies belegt den reli-
zu dieser Personengruppe nahe, da die damit zontal verwendet wurde. Eine vertikale Nut- giösen Kontext dieser Scheiben.

verbundene Umdeu­tung eines sakralen Gegen- zung spräche für die Präsentation der Scheibe

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standes sicher nur wenigen erlaubt war. Wis- als religiöses Symbol, auf der das astronomi- Auf den Schiffsdarstellungen des Nordens
sende, die solche Eingriffe vornahmen, muss­ sche und mythologische Wissen der Zeit ab- ist häufig – wie hier auf dem Felsbild von
Löckeberg – der Transport von Sonnenschei-
ten über die Deutungsmacht in Bezug auf das gebildet war. Die horizontale Verwendung ben zu sehen. Hier wurde wohl im Kultge-
religiöse Leben und s­ eine Inhalte verfügen. Spä- ­erlaubte darüber hinaus den Gebrauch der schehen die Reise der Sonne in Schiffen
dargestellt. Diese Vorstellung spielte in der
testens mit der Anbringung des Schiffes nah- Scheibe als Instrument, da vom Fundort aus frühbronzezeitlichen Mythologie des Nor-
men sie eine gravierende Veränderung vor und hinter dem höchsten Berg des Harzes, dem dens eine zentrale Rolle.

führten ein völlig neues, vielleicht fremdes Brocken, die Sonne zur Sommersonnenwende
Symbol ein. Dieses war vermutlich ein Element unterging. Mit einer Peilung über die Hori-
einer neuen M­ ythologie oder Religion, die in zontbögen konnte also täglich der Jahreslauf
die jahrhunder­telang fest gefügte, am Jahres- der Sonne sichtbar gemacht werden. Der Ge-
ablauf orientierte Welt eindrang. Alles deutet brauch der Scheibe fand nicht zufällig um
demnach auf machtvolle Persönlichkeiten, die 1600 v. Chr. ein Ende, in einer Zeit, in der die
sich archäologisch in den Fürstengräbern wi­ alte Welt der Frühbronzezeit unterging und die
derspiegeln. Wie diese Menschen die Scheibe neue Welt der Mittelbronzezeit begann.
nutzten, lässt sich möglicherweise aus ihrer
senkrechten Deponierung, der nachträglichen
Lochung sowie den bronzezeitlichen Felsbil-
dern Skandinaviens rekonstruieren. Diese zei-
gen Kult- oder Sonnenscheiben auf Stangen
und Standarten, die gelegentlich von Männern
getragen oder in Kultschiffen bewegt wurden
(siehe Seite 66). Für eine solche Verwendung
zur Präsentation der Scheibe spricht die nach-
trägliche Durchlochung. Allerdings besteht,
wie die beiden Kultgegenstände von Haschen-
dorf (Österreich) und Balkåkra (Schweden)
(siehe Seite 74), die ebenfalls über konkave

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