Sie sind auf Seite 1von 16

Zur Geschichte von Rassismus

Arno Sonderegger,
Institut für Afrikawissenschaften
Ausgangspunkt:

Rassismus geht nicht in der Kategorie „Rasse“ auf und ist nicht an sie gebunden.

Es gibt verschiedene, unterschiedliche Rassismen. ( Robert Miles u.a.)

Es gibt „Rassismus ohne Rassen“. ( Étienne Balibar u.a.)

Konsequenz:

Die Geschichte des Rassismus (inklusive der Begriffsgeschichte des Rassismus) ist nicht gleichzusetzen mit
der Geschichte des Rasse-Begriffs bzw. des Rassendiskurses.

Dazu Lesestoff  Wulf D. Hund

Was ist „Rassismus“? Zwei verschiedene Geschichten mit zahlreichen Überschneidungen


und Schnittpunkten: Herrschaft und Ungleichheit, z.B. Kolonialismus
Was ist „Rasse“? ( Dazu Wulf D. Hund & Malina Emmerink: Rassismus und Kolonialismus)
Was ist Rassismus?

(Geschichte des Rassismus)


2018: Rassismus und Antirassismus 2007: Rassismus

Wulf D. Hund (*1946)


Analytisch unterscheidbare Ebenen:

[Hund] [Marx] [Westlicher Marxismus 1970er]

„Grundlagen“ – Mechanismen… [Basis/ Unterbau/ Infrastruktur]

„Methoden“ – Praxen… [Handeln]

„Formen“ – Binäre/ dichotome Denkfiguren [Überbau/ Superstruktur]

Zentral:

Analytische Begriffe sind allesamt eingebettet in spezifische historische Kontexte.

Sie sind Teil der Geschichte dessen, was sie analysieren.


Je präziser das reflektiert wird, desto größer wird die Reichweite ihrer Erklärungskraft.
2006: Negative
Vergesellschaftung:
Dimensionen der
Rassismusanalyse

Begriffliche Dimensionen:
Begriffe, Kategorien,
Gedanken, Vorstellungen …
Historische Dimensionen:
Modelle
Programme
Praktiken
Strukturelle Dimensionen
1999: Rassismus: Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit
Zur Geschichte des „Rasse“-Begriffs

Sogenannter „Wissenschaftlicher Rassismus“ (gekoppelt an die Kategorie „Rasse“):


[Zeittafel:]

Gelehrtendiskurs, 17., 18., 19. Jahrhundert ( Zusammenhang mit Kolonialsklaverei, vgl. Hund & Emmerink)

Popularisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts ( Zusammenhang mit Nationalismen in Europa, den USA und
Japan, sowie mit dem neu erstarkenden Imperialismus)
Nach Zweitem Weltkrieg
„Gelehrte“ Geschichte des Begriffs „Rasse“ (Wissenschaftlicher Rassismus moderner Prägung):

Georgius Hornius (Georg Horn)

1620–1670

Francois BERNIER

1620 – 1688
„Gelehrte“ Geschichte des Begriffs „Rasse“ (Wissenschaftlicher Rassismus moderner Prägung):
„Gelehrte“ Geschichte des Begriffs „Rasse“
(Wissenschaftlicher Rassismus moderner Prägung):

Anders RETZIUS

1796 – 1860

Gustave LE BON

1841 – 1931
Zeithistorischer Kontext:
= RASSIFIZIERUNG IN AKTION:
Kapitalistische Weltwirtschaft
Wertende Klassifizierung und Normierung (Fernhandel: Luxuskonsumwaren
und Menschenhandel),
Differenzierung und Inferiorisierung
Kolonialismus (Kolonialsklaverei),
Verkörperung und Stigmatisierung
Imperialismus (Kolonialreiche und
Biologisierung der Kultur imperiale Einflusssphären)
ZEITSPRUNG …

Nach Zweitem Weltkrieg:

1. Politische und gesellschaftliche Kritik am „Rassismus“…

Internationale Kritik am Rassismus im Rahmen der UNO, insbesondere UNESCO

Spezifische und sehr verschiedenartige nationale Geschichten (Debatten um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
in Ländern des Westens, in den „neuen“ Staaten, …)

2. …und zögerliche wissenschaftliche Infragestellung der Kategorie „Rasse“ (UNESCO)

1950er…
Delegitimierung des „Rasse“-Begriffs in geistes- und sozialwissenschaftlichen Kreisen (Franz Boas 1911, Melville Herskovits
und Edward Sapir in den 1920ern, Ashley Montagu 1941; Michel Leiris 1950, Claude Lévi-Strauss 1951, Alfred Métraux etc.)

1990er…
Delegitimierung des „Rasse“-Begriffs in naturwissenschaftlichen Kreisen (Richard Lewontin und Stephen Jay Gould seit den
1960ern, im Mainstream erst 1995 proklamiert unter Federführung von Luigi Luca Cavalli-Sforza und Horst Seidler)
Internationale (globale politische) Kritik am Rassismus

1945: “the great and terrible war which has now ended was a war made possible by the denial of the democratic principles of the dignity, equality and
mutual respect of men, and by the propagation, in their place, through ignorance and prejudice, of the doctrine of the inequality of men and races“.
The purpose of UNESCO “is to contribute to peace and security by promoting collaboration among the nations through education, science and culture in order
to further universal respect for justice, for the rule of law and for the human rights and fundamental freedoms which are affirmed for the peoples of the world,
without distinction of race, sex, language or religion, by the Charter of the United Nations“
(Preamble & Article I to the Constitution of UNESCO, adopted on 16 November 1945)

1978: Declaration on Race and Racial Prejudice, adopted and proclaimed by the General Conference of the United Nations Educational, Scientific and
Cultural Organization at its twentieth session, on 27 November 1978
Darin ist wiederkehrend die Rede von „peoples“ [sic], „nations“, „groups“, „racial or ethnic groups“ [sic]
Article 2: 2. Racism includes racist ideologies, prejudiced attitudes, discriminatory behaviour, structural arrangements and institutionalized practices resulting
in racial inequality as well as the fallacious notion that discriminatory relations between groups are morally and scientifically justifiable; it is reflected in
discriminatory provisions in legislation or regulations and discriminatory practices as well as in anti-social beliefs and acts; it hinders the development of its
victims, perverts those who practise it, divides nations internally, impedes international co-operation and gives rise to political tensions between peoples; it is
contrary to the fundamental principles of international law and, consequently, seriously disturbs international peace and security.
3. Racial prejudice, historically linked with inequalities in power, reinforced by economic and social differences between individuals and groups, and still
seeking today to justify such inequalities, is totally without justification.

2001: WORLD CONFERENCE AGAINST RACISM, Durban, South Africa, 31 August - 7 September 2001. Rede stellvertretend für den UN-Generalsekretär,
Pierre Sane (http://www.un.org/WCAR/statements/unescoE.htm 09.03.2006):
Darin wiederkehrend die Koppelung von „racism and xenophobia“ [sic], „racism and racial discrimination“ [sic], „contemporary forms of racism“
“Respect for others and acceptance of the right to be different should be built in the minds of human beings to replace hostile, discriminatory and
xenophobic attitudes. Combining legislative and political measures should make the principle of non-discrimination a daily reality in societies which are
becoming increasingly multi-racial, multi-ethnic and multi-cultural.“
Nach Zweitem Weltkrieg:

Vielzahl spezifischer und sehr verschiedenartiger „nationaler“ Geschichten und Entwicklungen:

- mit je eigenen Debatten um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „ihres“ Landes

- abhängig in ihren Ausformungen von den partikularen historischen Erfahrungen

In Bezug auf Gebrauch und Virulenz des „Rasse“-Begriffs bedeutet das:

- in manchen nationalstaatlichen Kontexten (etwa USA, Südafrika)


und in spezifischen Diskursuniversen (etwa Afrozentrismus, Panafrikanismus) Kontinuität und fortgesetzte Alltäglichkeit
des „Rasse“-Begriffs,

- in anderen nationalen Kontexten (etwa Deutschland, Österreich, Frankreich, China, Japan)


und in den Foren des internationalen Diskurses (UNO, „Weltöffentlichkeit“) hingegen zeigen sich deutliche Brüche
(Ersetzung des Terminus durch analog gebrauchte Termini: etwa „Ethnie“/ „Kultur“); allerdings gibt es auch hier
gegenhegemoniale Bemühungen, für eine Wiederkehr des „Rasse“-Worts im gesellschaftspolitischen Alltag zu sorgen.