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2004 12:40 Uhr Seite 1

Michael S. Cullen

Der Reichstag

be.bra verlag
berlin.brandenburg
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Michael S. Cullen

Der Reichstag
Im Spannungsfeld
deutscher Geschichte

be.bra verlag
berlin.brandenburg
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Bildnachweis:

Archiv des Autors (13), Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz (5),


Marcel Cardé (2), Jewgenij Chaldeij (1), Cosmos Verlag für Kunst und
Wissenschaft, Leipzig (1), Deutscher Bundestag (1), Uwe Friedrich (4),
Landesbildstelle Berlin (6), Märkisches Museum (2), Andreas Muhs
(Umschlagfoto), Plansammlung der Universitätsbibliothek der TU Berlin (1),
Wolfgang Volz Bilderberg (1)

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.ddb.de abrufbar.

2., vollst. überarbeitete Auflage


© be.bra verlag GmbH, Berlin-Brandenburg, 2004
KulturBrauerei Haus S
Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin
post@bebraverlag.de
Lektorat: Margarethe Syring, Berlin
Redaktion: Robert Zagolla, Berlin
Gesamtgestaltung: Friedrich, Berlin
Schrift: Stone Serif 10/13
Druck und Weiterverarbeitung: Bosch-Druck, Landshut
ISBN 3-89809-058-2

Alle Rechte vorbehalten.


Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer-
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Inhalt

7 Vorwort

9 Parlament und Parlamentarismus in Europa und Deutschland

11 Der Reichstag des Deutschen Reiches

19 Der Königsplatz als zukünftiger Standort des Reichstages

21 Erster Wettbewerb – Viel Lärm um nichts

23 Standortsuche – Alles beginnt noch einmal

27 Bescheidener aber erfolgreich – Der Wettbewerb 1882

30 Entwurfsbearbeitung und Grundsteinlegung

32 Das Kuppelproblem wird zum »ewigen« Streitpunkt

35 Die künstlerische Ausschmückung und die Grundsteinlegung

37 Der Streit geht weiter – Lob und Kritik

39 Arbeit und Verdienst am Bau

41 Die Ausschmückung des Reichstagsgebäudes mit Kunstwerken

44 »Dem Deutschen Volke« – Die Geschichte einer Inschrift

46 Der Reichstag als politisches Zentrum

49 Die Wettbewerbe zur Reichstagserweiterung

52 Reichstagsbrand und Drittes Reich

58 Reichstag und Kalter Krieg

66 Von 1989 bis zur »Berliner Republik«

80 Literaturhinweise
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Das Reichstags-
gebäude in einer
Aufnahme um 1900
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Vorwort

U
nser Gefühl für Zeit ist relativ. Fünf Minuten in einer über-
füllten U-Bahn erscheinen uns unendlich, fünf Minuten am
Strand werden dagegen kaum wahrgenommen. Genauso ist es
mit den fünfzehn Jahren seit dem Mauerfall. Für einige sind seitdem
»erst« fünfzehn Jahre vergangen, für manche »schon« fünfzehn. Und
fast unbemerkt kulminierte das letzte Jahr des letzten Jahrtausends in
besonderer Weise zu einem Gedenkjahr deutscher parlamentarischer
Demokratie: Fünfzig Jahre nach der Gründung der Bonner Republik
konstituierte sich im »Reichstag« die Berliner Republik.
Das Reichstagsgebäude, im Verlaufe seines 110-jährigen Be-
stehens in vielerlei Hinsicht ein – dazu noch höchst ambivalentes –
Symbol, erhielt mit der feierlichen Schlüsselübergabe des deutschen
Bundestages am 19. April 1999 eine neue Identität: wie in den Jahren
von 1895 bis 1932 ist es nun wieder Sitz eines frei gewählten gesamt-
deutschen Parlamentes.
Das ist nicht immer so gewesen. Kein anderes Parlamentsge-
bäude auf der Welt ist in der kurzen Zeit seines Bestehens derart histo-
risch »gebeutelt« worden. Als die Künstler Christo und Jeanne-Claude
die Idee hatten, ein Parlamentsgebäude zu verhüllen, wählten sie
weder das Capitol, noch das Palace of Westminster noch das Palais
Bourbon – in der universellen Geschichte der parlamentarischen De-
mokratie weitaus bedeutsamer –, sondern das Reichstagsgebäude, weil
hier neben der ästhetischen Wirkung auch eine ideelle Botschaft ver-
mittelt wurde, die – wenn auch von dem Künstlerehepaar primär
nicht beabsichtigt – doch so verstanden wurde.
Der Wallotbau war weder die erste Stätte des deutschen Par-
laments im 19. Jahrhundert bzw. des Reichstages, noch das erste
Haus auf dem Grundstück am »Platz der Republik«, der als »Exer-
zierplatz vor dem Brandenburger Tor« in die preußisch-deutsche
Geschichte einging; ab 1864 hieß er »Königsplatz«, ab 1926 »Platz
der Republik«, ab 1933 wieder »Königsplatz« und seit 1948 erneut
»Platz der Republik«. So kontinuierlich liest sich, nebenbei bemerkt,
deutsche Geschichte.
Der jetzige von Sir Norman Foster restaurierte Reichstag hat
nur noch bedingt Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Haus. Das von

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Paul Wallot zwischen 1884 und 1894 errichtete Gebäude präsentiert


sich heute so, daß ein Zeitgenosse seines Erbauers es nur schwerlich
wiedererkennen würde. Die mächtige glaseiserne Kuppel, von Frank
Wedekind einst spöttisch als »Bonbonnierendeckel« bezeichnet, ist in-
zwischen durch ein im Inneren begehbares »englisches Ei« ersetzt wor-
den. Die Ecktürme sind zum Teil »abrasiert«, die Fensterornamente
und -zwickel fehlen, die Fenster selbst sind neu gestaltet. Es fehlen die
»Germania« von Reinhold Begas am Westgiebel und die »Herolde«
von Rudolf Maison an der Ostseite. Der Reichstag präsentiert sich als
»stilbereinigtes«, umgebautes, verhülltes, enthülltes und im Inneren
völlig verändertes Haus, das seinem Zweck, ein modernes und allen
technischen Ansprüchen genügendes Plenargebäude für den Bundes-
tag zu sein, voll und ganz entspricht.
38 Jahre lang hat in dem Haus eine gewählte Volksvertretung
die Geschicke Deutschlands zu steuern versucht. Diese relativ kurze
Zeit von der ersten Sitzung am 5. Dezember 1894 bis zur letzten am
9. Dezember 1932 hat vor allem dazu beigetragen, das Reichstagsge-
bäude im Selbstverständis der Bürger stärker als Symbol für die Idee
einer parlamentarischen Demokratie zu empfinden als den realen Ort,
an dem diese Demokratie praktiziert wurde. Der Reichstagsbrand vom
27. Februar 1933 gilt als signifikantes Symbol der Machtübernahme
durch die Nazis. Das Hissen der Roten Fahne Ende April 1945 war
zugleich Zeichen der Befreiung von der Nazidiktatur als auch Symbol
für eine erneute Diktatur. Und über die Jahre der deutschen Spaltung
hinweg war das Reichstagsgebäude für viele Menschen im Ostteil
Deutschlands Symbol für ein demokratisches Gesellschaftssystem.
Der Höhepunkt der Inbesitznahme des Reichstagsgebäudes
als Plenargebäude des Deutschen Bundestages war die Wahl Johannes
Raus zum Bundespräsidenten am 23. Mai 1999. Seit der Wieder-
vereinigung 1989 war es eine Selbstverständlichkeit, daß die Wahl des
Bundespräsidenten im Reichstagsgebäude stattzufinden habe. Schon
1994 – lange vor der Restaurierung – war die Bundesversammlung
hier zusammengekommen, um Roman Herzog zu wählen, und im
Jahre 2004 fand hier auch die Wahl Horst Köhlers statt. Aber: nicht
am 23. Mai, sondern erst am 7. September 1999 – zum fünfzigsten
Jahrestag der Konstituierung des ersten Bundestags in Bonn, konnte
im Reichstagsgebäude die parlamentarische Arbeit aufgenommen
werden.
Dieses Buch ist eine kurzgefaßte und prägnante Baugeschichte
des Reichstagsgebäudes. Daß die Politik, die in diesem Gebäude statt-
gefunden hat (und in Zukunft stattfindet), gestreift wird, versteht sich
von selbst; eine politische Geschichte des Reichstags bleibt noch zu
schreiben.

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Parlament und Parlamentarismus


in Europa und Deutschland

D
er Parlamentarismus ist eine junge Errungenschaft. In vielen
Gesellschaften werden Gesetze von dem jeweiligen Herrscher
verkündet. Daß diese Gesetze zuerst besprochen werden –
Parlament bezeichnet das lateinische »parlamentum«, das Gespräch
der Mönche bei Tisch –, ist zwar schon in alten Zivilisationen üblich
gewesen, daß jedoch diejenigen, die die Gesetze durch Rede und
Gegenrede beschließen, vom Volk gewählt werden, ist relativ neu
und zugleich Merkmal einer Demokratie.
Fast all diese Merkmale eines modernen Parlamentarismus
fehlten jenen frühen Versammlungen, die in Deutschland um 1495
als »Reichstag« bezeichnet wurden. Der Reichstag des altdeutschen
Reiches tagte – an verschiedenen Orten – unregelmäßig und selten,
meist für die Dauer eines Monats. Das Recht auf Einberufung oblag
dem Kaiser, der auch die Agenda festsetzte und sie mit der Einladung
verschickte. Mitunter konkurrierten die Städte untereinander, um
einen Reichstag abzuhalten, da dies hohe Einnahmen versprach; ein
Monarch mit Hofstaat zählte leicht 6.000 Menschen und ebensoviele
Pferde. Es gab aber auch Städte, für die ein Reichstag schlichtweg zu
teuer war. Nur die wenigsten Reichstage tagten periodisch, manchmal
vergingen viele Jahre zwischen den Versammlungen. Die Sitzungen
waren nicht öffentlich; die Mitglieder wurden nicht gewählt, sondern
von ihren Ständen ernannt, wobei »Stand« nicht den Berufsstand,
sondern die gesellschaftliche Stellung – Bürger, Adliger, Klerus – be-
zeichnete. Die Befugnisse jener Versammlungen hielten sich in Gren-
zen. Die meisten Sitzungen fanden dabei nicht in Kathedralen, son-
dern in anderen Gebäuden statt, meist in Rathäusern oder Rats-
stuben; in den großen Kirchen wurde der Reichstag normalerweise
nur eröffnet und beendet.
1663 konnte der Reichstag, der gewöhnlich im Regensbur-
ger Rathaus tagte, wegen unerledigter Geschäfte formal nicht aus-
einandergehen. Daraus ging in der Folgezeit der »immerwährende«
Reichstag hervor. Da die meisten Fürsten nicht lange außerhalb
ihrer Territorien verweilen konnten, ohne die Basis ihrer Macht zu

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Sitzung im Reichstag
Leipziger Straße 4

gefährden, entstand in Regensburg ein »Gesandtenkongreß«. Dieser


sollte ohne Unterbrechung bis 1806 bestehen.
Was der Reichstag auf nationaler Ebene war, waren die Land-
tage, Landstände oder »Landschaften« auf regionaler Ebene. Sie ver-
sammelten sich in Schlössern und Rathäusern, jedenfalls bis 1806.
Eine »landständische« Architektur hat es dabei ebensowenig gegeben
wie eine »Parlamentsarchitektur«, wiewohl einzelne Beispiele solcher
Parlamente – in Hannover, in Dresden – durchaus ein eigenständiges
Gesicht hatten.
Nach den Befreiungskriegen ordnete der Wiener Kongreß von
1815 die europäische Welt neu. Unter den vielen Ergebnissen haben
zwei Bedeutung für die Entwicklung des Parlamentarismus. Zum
einen entstand der Deutsche Bund mit Sitz in Frankfurt am Main;
dort tagte, um die politischen Geschäfte zu führen, der Bundestag –
er sollte bewußt nicht »Reichstag« heißen – im Palais Thurn und
Taxis. Dieser Bundestag hatte mit unserem heutigen nur den Namen
gemein: er bestand, wie der Regensburger Reichstag, aus Gesandten,
ihre Sitzungen ähnelten eher Sitzungen von Großkonzernen als von
Staaten, und er bestand bis zum Jahr 1866. Zum anderen sollten nach
der Bundesakte in allen Bundesstaaten ebenfalls Parlamente entste-
hen. Die meisten Länder entsprachen diesem Gebot und bewirkten,
daß viele Deutsche bis 1871 mit gewählten Vertretern und dem
Parlament als legislativem Organ gute Erfahrungen machen durften.
An die Stelle des Bundestages trat dann der Reichstag des Nord-
deutschen Bundes, der in Berlin tagte und 1871 vom Reichstag des
Deutschen Reiches abgelöst wurde.

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Der Reichstag des Deutschen Reiches

A
m 21. März 1871 trat der neugewählte Reichstag des Deut-
schen Reiches zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen.
Eine Woche später fragte der nationalliberale Abgeordnete
Johannes (später: von) Miquel, ob denn »der Bau eines neuen Parla-
mentshauses beabsichtigt« und »in der gegenwärtigen Session des
Reichstags eine darauf bezügliche Vorlage zu erwarten« sei. Seine »klei-
ne Interpellation« stellte er im Sitzungslokal des Reichstags, zu dieser
Zeit der Plenarsaal des Preußischen Abgeordnetenhauses, Leipziger
Straße 75 in Berlin. Dieses Haus war alles andere als ein repräsentati-
ver Ort für die gewählten Abgeordneten des Deutschen Reiches.
Der 1849 entstandene Preußische Landtag bestand aus zwei
Kammern, einer Ersten Kammer, später Herrenhaus, und einer Zwei-
ten Kammer, später Abgeordnetenhaus genannt. Dem Herrenhaus –
das war die Kammer der nicht gewählten, sondern ernannten Adligen
– wies die preußische Regierung das Gebäude des Berliner Gouver-
neurs in der Oberwallstraße zu, unweit der Linden; dem Abgeord-
netenhaus das Stadtpalais des früheren Staatskanzlers Fürst August

Das preußische
Abgeordnetenhaus in
der Leipziger Straße 75,
früher 55

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von Hardenberg in der Leipziger Straße 55 (später Leipziger Straße


75). Dieses Gebäude war durch Preußens größten Baumeister Karl
Friedrich Schinkel mehrmals umgebaut und erweitert worden und
galt als »Fuchsbau«: verwinkelt, unzweckmäßig und unbequem.
Kaum eine Sitzung, in der das Übel nicht beklagt wurde: Luftzug,
Kälte, Hitze, Gestank, Lärm, Enge.
1851 Das Herrenhaus nutzte zunächst das nicht mehr benötigte
Das Gebäude des Gouverneurs in der Oberwallstraße. Als dies jedoch 1851
Herrenhaus ausbrannte, zog es in das viel bequemere Palais – mit einem schönen
bezieht das Garten – der Familie Mendelssohn Bartholdy nahe des Leipziger
ehemalige Platzes, Leipziger Straße 3. Der Vorteil, in unmittelbarer Nähe des
Palais Regierungsviertels entlang der Wilhelmstraße zu tagen, wurde nur
Mendelssohn durch den Umstand getrübt, daß sein unmittelbarer Nachbar in der
Bartholdy Leipziger Straße 4 die Königliche Porzellanmanufaktur (KPM) war, ein
Industriebetrieb auf großem Areal, dessen rußspeiende Schornsteine
und Dampfmaschinenlärm die Erhabenheit parlamentarischer Elo-
quenz zeitweise stark beeinträchtigten.
Der Abschnitt der Leipziger Straße zwischen Spittelmarkt und
Potsdamer Platz wurde unter dem »Soldatenkönig« Friedrich Wil-
helm I. forciert ausgebaut. Viele Bauten, auch in der Wilhelmstraße,
waren zwischen 1730 und 1740 zum größten Teil für Adlige und
Offiziere entstanden – eine städtische barocke Landschaft. Um 1850
aber gehörten die meisten dieser Palais nicht mehr dem Adel; vor
allem die Barockpalais der Wilhelmstraße waren fest in der Hand der
preußischen Ministerien.
Während das Abgeordnetenhaus ein würdigeres Gebäude
suchte, das es gemeinsam mit den Abgeordneten des Herrenhauses
nutzen wollte, entsprach dies keineswegs den Intentionen der hohen
Herren. Das Herrenhaus war nicht bereit, gemeinsam mit den Vertre-
tern des Abgeordnetenhauses ein neues Gebäude zu bauen.
Als 1862 die KPM das Gelände aufgab, sollte das Abgeord-
netenhaus auf dem freigewordenen Grundstück errichtet werden. Das
wurde im Oktober 1863 vom preußischen Staatsministerium abge-
lehnt. Politische Differenzen und der Krieg gegen Dänemark von
1864 drängten das Problem in den Hintergrund.
Das Projekt war dennoch nicht vom Tisch. Im Herbst 1867
reiste der preußische Baubeamte Heinrich Herrmann nach Brüssel
und Paris, um die dortigen Parlamentsgebäude in Augenschein zu
nehmen und eventuell als Vorbild für ein neu zu errichtendes Parla-
mentsgebäude zu kopieren. Nach seiner Rückkehr erhielt er erneut
den Auftrag, Pläne für ein Abgeordnetenhaus auf dem Grundstück
der KPM zu entwerfen. Dennoch geschah fast zwei Jahre lang wenig,
ehe am 9. Juni 1870 Bismarck darauf drängte, endlich die Baupläne

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Das Gebäude des


preußischen Herren-
hauses, Leipziger
Straße 3

für ein neues Abgeordnetenhaus zu realisieren. Denn im Gegensatz


zum Bundestag des Deutschen Bundes war durch Bismarcks integrati-
ve Politik ein neues Parlament, der Reichstag des Norddeutschen
Bundes, entstanden. Und ein Zollparlament. Für beide brauchte man
in Berlin Sitzungsstätten.
Bismarcks Parlament war, was man manchmal vergißt, weit-
aus demokratischer als seine Namensgeber aus vergangenen Zeiten.
Zum einen gab es gewählte Mandatsträger. Zum anderen machte das
Wahlrecht keinen Unterschied mehr zwischen Besitzenden und Be-
sitzlosen. Darüberhinaus gab es keine drei Klassen wie beim Wahl-
recht für das preußische Abgeordnetenhaus. Und schließlich waren
die Wahlen frei, geheim und direkt. Als Tagungsstätte wurde diesem
Reichstag des Norddeutschen Bundes das Herrenhaus in der Leipziger
Straße 3 zugewiesen. Dort versammelte sich das Parlament bis 1870.
Nach dem Sieg über Frankreich 1871 und der daraus resultie-
renden Gründung des Zweiten Deutschen Reiches war es notwendig
geworden, für den Reichstag ein größeres Gebäude zu akquirieren,
denn die Zahl der Abgeordneten hatte sich um jene aus den südli-
chen Staaten, vornehmlich aus den Königreichen Bayern und Würt-
temberg, vergrößert. Das Gebäude des Herrenhauses war dafür zu
klein. Die Regierung wies daher dem Reichstag das größere Abgeord-
netenhaus zu. Hier waren die Zustände allerdings, wie oben geschil-

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dert, unzumutbar. Das war der Stand der Dinge, als Miquel seinen
1871 Antrag am 28. März 1871 begründete.
Der Abgeordnete Die Debatten, die Miquels Antrag hervorrief, zeigten, daß die
Miquel bean- Raumprobleme des Parlaments der Regierung nicht fremd waren.
tragt, ein neues Bismarcks Staatsminister Rudolf (später: von) Delbrück lenkte daher
Reichstagsge- die Aufmerksamkeit der Parlamentarier auf die rückwärtigen Teile des
bäude zu bauen Kanzleramts in der Wilhelmstraße, die sogenannten Ministergärten,
speziell auf das Gartengrundstück hinter dem Reichskanzleramt mit
der Front zur Königgrätzer Straße – der heutigen Stresemannstraße.
Für jene Grundstücke hatte Delbrück bereits aus Versailles Herrmann
mit der Ausarbeitung eines neuen Planes beauftragt. Herrmanns
Bebauungsplan sah vor, ein neues Parlamentsgebäude mit Front zur
Königgrätzer Straße hinter dem Reichskanzlerpalais zu bauen und
beide mit einem schmalen Gang, einem »Universalgelenk«, zu ver-
binden. Einerseits fand der Reichstag den Gedanken, in unmittelba-
rer Umgebung des Kanzlers zu sitzen, verlockend, andererseits lehnte
er es ab, sich als »Anhängsel« behandeln zu lassen. So beschloß der
Reichstag, einen Neubau im »monumentalen Style« zu errichten, und
dafür eine Baukommission ins Leben zu rufen. Deren Aufgabe wurde
genau definiert: So schnell wie möglich ein zweckmäßigeres, beque-
meres Provisorium zu schaffen, den Platz für einen Neubau auszusu-
chen sowie Programm und Bedingungen für einen Wettbewerb zu
formulieren.
Man könnte meinen, daß die Stadt Berlin hierbei ein Wört-
chen mitzureden hatte, doch dem war mitnichten so; Berlin fiel
durch Schweigen auf. Um so mehr allerdings mischte sich der Ber-
liner Architekten-Verein in die Auseinandersetzung ein. Sein Organ,
die »Deutsche Bauzeitung«, erörterte in ihren Artikeln Fragen der
geeigneten Architektur, des geeigneten Bauplatzes und der geeigneten
Methode, zu einem befriedigenden Entwurf zu kommen. Diese Arti-
kel waren so klar, weitblickend und sachlich geschrieben, daß sie bei
der Entscheidungsfindung eine große Rolle spielten; alle befinden
sich in den noch vorhandenen Akten.
Dennoch war der Weg alles andere als geradlinig. Im Reichs-
tag und in der Presse wurden die Details erörtert, hin- und herge-
wendet, verteidigt, befehdet und bekämpft. Wieviel Abgeordnete und
wieviel Bundesratsmitglieder sollten in der Kommission sitzen, soll-
ten Kunsthistoriker und Künstler, sollten Architekten zur Kommis-
sion gehören und gar Stimmrecht besitzen? Die Wahl zu der vom
Reichstag einzusetzenden Kommission war von Parteiengerangel ge-
kennzeichnet und zog sich daher in die Länge. Dennoch kam ein
Gremium zustande, das sich wegen seines großen Sachverstandes
sehen lassen konnte. Vor allem gehörten ihm zwei wichtige Leute an:

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der Zentrumsabgeordnete August Reichensperger, Vertreter des Das Palais


Rheinlands, Richter und Kunsthistoriker sowie passionierter Neu- Raczynski am
gotiker einerseits; andererseits Hans Viktor von Unruh aus Magde- Königsplatz war
burg, Bauingenieur und Eisenbahn-Experte, ehedem Präsident der bereits seit 1860 als
preußischen Nationalversammlung in den historischen Tagen von Standort für ein
1848. Eine wichtige Rolle spielten auch der Buchhändler Franz Parlamentsgebäude
Duncker und der Berliner Polizeipräsident Lothar von Wurmb – eine im Gespräch
eigenständig agierende Baupolizei gab es damals noch nicht. Vor-
sitzender war der preußische Bundesratsbevollmächtigte Theodor
Weishaupt. Die Kommission tagte meist spät nachmittags in den
Räumen des Reichsamts des Innern, Wilhelmstraße 74.
In der Frage des dauerhaften Provisoriums konnte die Kom-
mission schnell Ergebnisse zeigen, da das Abgeordnetenhaus schon
ab 1860 mehrere Standorte ins Visier genommen hatte, unter ande-
rem das Grundstück der KPM in der dem Herrenhaus benachbarten
Leipziger Straße 4 und das des polnisch-preußischen Diplomaten und
Kunstsammlers Athanasius Graf Raczynski an der Ostseite des Königs-
platzes. 1871 brauchte man die Bemühungen um diese Lösung nur
auf den Reichstag zu übertragen, zumal diesem der Vorrang einge-
räumt wurde. Das Grundstück der KPM wurde für einen Umbau vor-
gesehen, das Abgeordnetenhaus hatte das Nachsehen.

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Dieser letztere Bau würde uns nicht weiter beschäftigen, wäre nicht
eine Folge des Umbaus für den Wallotbau von geradezu imminenter
Bedeutung geworden. Die Pläne für das Provisorium stammten von
den Berliner Architekten Martin Gropius, Heino Schmieden und
Friedrich Hitzig, die ihre Aufgabe innerhalb von zehn Wochen mit
Hilfe von Nachtarbeit bei elektrischem Licht – ein Novum in Berlin –
und trotz Streiks von Maurern und Zimmerleuten meisterten. Die
Pläne für den Plenarsaal selbst aber stammten von Herrmann, der
seine Ideen aus den Sälen in Brüssel und Paris bezogen hatte. Beim
2. Reichstagswettbewerb 1882 war eine der Auflagen, daß der Plenar-
saal die gleichen Dimensionen wie der Saal im provisorischen Reichs-
tagsgebäude haben müsse.
In Bismarks In diesem »Provisorissimum«, wie Bismarck es nannte, woll-
»Provisoris- te man sich für etwa fünf oder sechs Jahre einrichten – es wurden 23.
simum« tagte Dieses Reichstagsgebäude war der Tagungsort »im Zeitalter Bis-
der Reichstag marcks«; hier sagte Bismarck, er ginge nicht nach Canossa (18. Mai
23 Jahre 1872) und »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der
Welt« (16. Februar 1888). Hier begann der Kulturkampf, hier wurden
1878 die Gesetze gegen die Sozialisten verabschiedet und wieder auf-
gehoben. Und in diesem Haus nahm Bismarck im März 1890 seinen
Abschied.
Der wichtigste Raum des Parlaments, der Plenarsaal, maß
28,25 m x 22 m, hatte also eine Fläche von 621,5 m2. Sitzplätze gab
es für 400 Abgeordnete. Die »Deutsche Bauzeitung« beschrieb die
fertige Tagungsstätte so: »Die Breite eines Platzes, welcher mit einem
gepolsterten und mit Leder überzogenen Klappsitze und mit einem
verschliessbaren Pulte ausgerüstet ist, wurde dabei auf mindestens
0,63 m, die Tiefe auf 0,78 m bestimmt und das Prinzip durchge-
führt, dass neben einem zentralen Mittelgange so viele radiale
Quergänge angelegt wurden, dass ein Abgeordneter beim Verlassen
Otto von Bismarck seines Sitzes höchstens an einem Nachbar vorbei zu passiren hat.
(1. April 1815 – Diese Anordnung, durch welche die Gesammtzahl der Plätze in sie-
30. Juli 1898) ben keilförmige Hauptgruppen zerlegt worden ist, die in dem inne-
ren Halbkreise in einer Breite von zwei Plätzen auslaufen, macht
neben ihren sonstigen Vorzügen auch eine sehr bequeme und über-
sichtliche Vertheilung der einzelnen Fraktionen möglich, die auf
jenen Vorderplätzen voraussichtlich ihre streitfertigsten Kräfte pla-
ziren werden, während die schweigsameren Mitglieder des Hauses
die aufwärts gelegenen Sitze erhalten dürften. Dass es jedem ein-
zelnen Abgeordneten resp. Bundesrathsmitgliede möglich ist, das
ganze Haus zu übersehen und von allen Seiten gesehen zu werden,
und dass unter diesen Umständen das Sprechen vom Platze, dem ja
bekanntlich die Mehrzahl der Abgeordneten den Vorzug giebt,

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wesentlich erleichtert worden ist, darf wohl besonders hervorgeho- Der Sitzungssaal
ben werden.« des Reichstages,
Nachdem die Frage des Provisoriums bereits im Juli erledigt Leipziger Straße 4
worden war, konzentrierten sich die Kommissionsmitglieder auf die
Wahl eines passenden Grundstücks für den endgültigen Bau. Nach
nur kurzen Überlegungen und auf Anraten des Polizeipräsidenten
Lothar von Wurmb wurde der Platz, auf dem das Palais Raczynski
stand, ausgewählt. Man versicherte sich gegenseitig, daß der deutsche
Kaiser in seiner Eigenschaft als König von Preußen gegen eine Ent-
eignung, die er höchstpersönlich zu unterschreiben hatte, nichts ein-
zuwenden habe. Und dies, obwohl das Grundstück eine Art Geschenk
des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. an Raczynski war. Der
König hatte dem Diplomaten das Grundstück zum Nießbrauch über-
lassen, der so lange Gültigkeit behielt, wie dieser seine Kunstsamm-
lung dem Publikum zugänglich machte.
In diesem Punkt hatten sich die Herren gründlich geirrt und
sozusagen die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Raczynski prote-
stierte gegen die Enteignung seines Palais – er haßte den Parlamen-

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tarismus – und schrieb bittere Briefe an Kaiser Wilhelm. Im Sommer


1871 stellte er sogar einen Katalog seiner Sammlung zusammen, in
dem er kundtat, daß ihm kein Preis hoch genug wäre, um sich von
seinem Haus zu trennen. Die unerschrockenen Kommissionsmit-
glieder hielten dies für ein leicht zu lösendes Problem und beschlos-
sen, zunächst ein Bauprogramm und die Wettbewerbsbedingungen
ausarbeiten zu lassen. Zu diesem Behufe kooptierte die Kommission
zwei Berliner Architekten, Richard Lucae – Lucaes berühmtestes Bau-
werk ist die alte Oper in Frankfurt am Main – und Johann Heinrich
Strack – von ihm stammten das Palais Raczynski selbst, die alte
Nationalgalerie und die Siegessäule –, ein Bauprogramm für den
Reichstag auf diesem Grundstück zu entwerfen.
Auch wenn es auf deutschem Boden kaum ein Vorbild für
diese Aufgabe gab, mußten die Architekten nicht ganz im dunkeln
tappen. Zum einen gab es in Berlin bereits die beiden Kammern des
preußischen Landtags. Außerdem stand in der Spandauer Straße das
Landschaftsgebäude, Sitzungsstätte des alten Brandenburgischen
Landtags. Die Pläne von Brüssel und Paris waren ebenfalls bekannt,
wie auch die des neuen Parlamentsgebäudes in Bern. Schließlich
hatte der Berliner Architektenverein schon mehrere ideelle Wettbe-
werbe für ein Parlamentsgebäude veranstaltet, deren Ergebnisse in der
Vereinsbibliothek einzusehen waren.
Im November 1871 genehmigte Kaiser Wilhelm I. das Pro-
gramm, aber er gab zu bedenken, daß man mit dem vorgesehenen
Bauplatz wohl Schwierigkeiten haben werde. Der Reichstag verab-
schiedete dann ebenfalls im November das Bauprogramm und zu-
gleich die Teilnahmebedingungen für den Wettbewerb, die für ihre
Liberalität noch heute höchstes Lob verdienen. Denn obwohl die
Einlieferungsfrist nur vier Monate betrug, stand dieser Wettbewerb
Architekten aller Länder offen. Für ein Bauwerk betont nationalen
Charakters blieb solch ein offener Wettbewerb bis in unser Jahrhun-
dert eine ausgesprochene Seltenheit.

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Der Königsplatz als zukünftiger


Standort des Reichstages

A
uf dem Exerzierplatz im Tiergarten – im Berliner Volksmund
nannte man diese Ödnis »Sahara« – erteilte der preußische
König Friedrich Wilhelm IV. zwischen 1842 und 1847 die Bau-
genehmigung für zwei einander gegenüberliegende Bauten: auf der
Westseite ein Unterhaltungsetablissement für den Breslauer Gastwirt
Josef Kroll und auf der Ostseite ein Wohnpalais mit Kunstgalerie für
Athanasius Raczynski. Raczynski, der mit Karl Friedrich Schinkel be-
freundet war, hatte ganz dezidierte Vorstellungen über seinen Bau,
den er, während er Gesandter Preußens in Lissabon war, durch den Der Königsplatz mit
Schinkelschüler Johann Heinrich Strack errichten ließ. der Siegessäule und
1864 wurde der Platz vom Preußenkönig Wilhelm I. als dem Krollschen
Standort für das Denkmal des preußisch-österreichischen Sieges über Etablissement 1881

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die Dänen in den Düppeler Schanzen ausgewählt. Doch noch vor der
Vollendung dieses »Düppeldenkmals«, das als einfacher Obelisk eben-
falls von Strack entworfen worden war, siegte Preußen über Öster-
reich in Königgrätz am 3. Juli 1866. Nun sollte das Denkmal an beide
Schlachten erinnern und zu einem »Sieges-Denkmal« werden. Als die
Preußen dann am 2. September 1870 in Sedan den Sieg über die Fran-
zosen feierten, wurde daraus die »Siegessäule« für alle drei Siege und
sollte am »Sedantag« – er wurde zum deutschen Nationalfeiertag –,
dem 2. September 1873, eingeweiht werden. Der Königsplatz ist von
verschiedenen Gartenkünstlern mehrfach umgestaltet worden, blieb
aber bis zuletzt ein Platz unter der persönlichen Kuratel des Königs
von Preußen. Mit der Bezeichnung »Königsplatz« avancierte er ab
1864 zur feinsten Adresse, so daß 1868 die Standortwahl für das
preußische Parlament als auch 1871 für den deutschen Reichstag
naheliegend war.
Der 83jährige Athanasius Graf Raczynski erfuhr aus der »Ber-
liner Volkszeitung« vom 20. Juni 1871 von dem Schicksal, das sei-
nem Lebenswerk zugedacht war. Für einen alten und erfahrenen
Diplomaten gab es kaum Schlimmeres als solch einen Formfehler.
Umgehend gab er zu verstehen, daß ein Verkauf schon wegen des
Vertrages von 1847 unmöglich sei. Denn Raczynski wußte: Über eine
mögliche Enteignung konnte nur der preußische König entschei-
den. Und dieser König war der Bruder desjenigen Monarchen, der
Raczynski das Grundstück für treue Dienste überlassen hatte. Schon
aus Pietät würde ein preußischer König niemals die Unterschrift sei-
nes Bruders außer Kraft setzen.
Raczynskis Weigerung, sein Grundstück herzugeben, war na-
türlich auch der Reichstagsbaukommission bekannt geworden. Als
die Subkommission am 12. Juli 1871 zusammentrat, war sie in der
Frage des Bauplatzes offenbar sehr verunsichert. Polizeipräsident
Wurmb gab eine Erklärung ab, die dem Protokoll vorangestellt wur-
de: »Nach den Akten sind die Besitzverhältnisse des dem Grafen
Raczynski gehörigen Gebäudes auf dem Königsplatz hierselbst derar-
tig..., daß Seine Majestät ein Expropriationsverfahren wohl eintreten
lassen würde«. Offenbar kannte Wurmb den Vertrag von 1847, inter-
pretierte ihn jedoch falsch. Die Erklärung beruhigte allerdings die
Baukommission zunächst, denn sie beschloß, mit dem Entwurf des
Bauprogrammes fortzufahren.

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Erster Wettbewerb – Viel Lärm um nichts

D
er Wettbewerb zeichnete sich zunächst einmal durch die mit
bedeutenden Künstlern besetzte Jury aus: den Architekten
Gottfried Semper, Vinzenz Statz, Gottfried Neureuther,
Friedrich Schmidt, Friedrich Hitzig und Richard Lucae sowie dem
Bildhauer Friedrich Drake, Schöpfer der Viktoria auf der Siegessäule.
Heinrich Strack selbst lehnte einen Ruf in die Jury ab mit der Be-
gründung, daß er am Wettbewerb teilnehmen wolle, was er dann
auch tatsächlich tat. 1872
Am Wettbewerb beteiligten sich 103 Architekten oder Archi- Der Wettbewerb
tektengemeinschaften, unter ihnen fünfzehn aus England, sieben wird zu einem
aus Österreich und mehrere Kontingente aus Italien, Belgien, Hol- Treffen der
land, Frankreich und sogar den Vereinigten Staaten. Bismarcks Regie- internationalen
rung hatte besonders großen Wert auf die Teilnahme englischer und Architektur
österreichischer Architekten gelegt, unter deren Ägide bereits große
städtebauliche Ensembles entstanden waren. In den Wiener und
Londoner Zeitungen luden sogar ganzseitige Anzeigen zur Teil-
nahme ein. Nicht nur Architekten nahmen an dem Wettbewerb teil:
aus Paris waren der deutsch-schweizerische Kunsthistoriker Heinrich
Geymüller, aus Rom der Archäologe und Parlamentarier Rudolfo
Lanciani, aus Wien Maximilian Haas und aus London der Schrift-
steller und Gentleman-Architekt John Burley Waring vertreten.
Dennoch schnitten die Österreicher und Engländer relativ
schlecht ab; nur der Londoner George Gilbert Scott konnte einen
zweiten Preis für seinen neogotischen Entwurf erringen. Der erste
Preis ging an den in St. Petersburg geborenen und in Gotha tätigen
Architekten Ludwig Bohnstedt, de jure bayerischer Staatsbürger. In
der Öffentlichkeit fand sein Entwurf breite Zustimmung. Er zeigte
einen gewaltigen, die gesamte Fläche bedeckenden Bau mit Betonung
der Horizontalen; als Eingang diente ein dem römischen Triumphbo-
gen nachgebildeter Portikus mit einer Quadriga à la Brandenburger
Tor; rechts und links des Portikus schlossen sich monumentale Säu-
lenarkaden an. Wie andere, zeigte auch Bohnstedts Entwurf eine mo-
numentale Kuppel aus Glas und Eisen zur Betonung des Plenarsaals.
Bohnstedts Glück war leider kurzlebig; das Grundstück von
Raczynski war nicht zu bekommen. Hier ist der Platz, sich von der

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Der 1872 preisge- Mär zu verabschieden, Bismarck und/oder der Kaiser wollten das
krönte Entwurf von Reichstagsgebäude aus der Stadt verbannen, indem einer oder beide
Ludwig Bohnstedt dem Parlament dieses Grundstück untergeschoben hätten. Nichts
lag ihnen ferner. Zum einen: Der Königsplatz war nicht irgendein
Ort, sondern schon dem Namen und der Gestaltung nach der kom-
mende Platz der Hauptstadt. Zum zweiten: Der Ort lag nur wenige
Fußminuten von der wirklichen Machtzentrale, der Reichskanzlei,
entfernt. Bismarcks erstes Angebot an den Reichstag betraf sein Gar-
tengrundstück; er selbst hätte den Reichstag gern in nächster Nähe
gehabt. Zum dritten: Die Entscheidung für den Platz hatte allein die
Baukommission getroffen; sie wollte zwar der Reichskanzlei in der
Wilhelmstraße so nah wie möglich sein, aber nicht unbedingt in Bis-
marcks »Hinterhof« tagen müssen.
Daß Bismarck und Wilhelm I. vom Reichstag wenig hielten,
ist bekannt, mit dem Standortproblem hatte das aber nichts zu tun.
Auch die Standortwahl blieb letztlich davon unbeeindruckt. Bismarck
selbst hatte das zukünftige Reichstagsgebäude als Anbau des Kanzler-
amts in der Wilhelmstraße vorgeschlagen. Es war das Parlament, das
nicht in unmittelbarer Nähe des Kanzlers – gewissermaßen »unter sei-
ner Aufsicht« – agieren wollte. Und: welchen bedeutenderen Berliner
Platz – 200 Meter von der Wilhelmstraße entfernt – als den Königs-
platz mit seiner Siegessäule, mit dem neuen und modernen General-
stabsgebäude, hätte man wohl für den Reichstag wählen sollen?

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Standortsuche – Alles beginnt noch einmal

D
er Reichstag konnte das vorgesehene Grundstück nicht für
sich sichern. Raczynskis hartnäckige Weigerung, sein Grund-
stück zur Verfügung zu stellen, sowie des Kaisers Abneigung
gegen eine nicht leicht zu bewerkstelligende Enteignung zwangen die
Kommission, die Bauplatzfrage erneut zu erörtern. Nach langem
Tauziehen machte sie Anfang 1873 den Vorschlag, das Grundstück,
auf dem die Kroll-Oper stand, zu akzeptieren. Das Plenum des Reichs-
tags jedoch wollte von diesem Standort nichts wissen; zu weit schien
er von den Abgeordnetenwohnungen – meist in den Hotels Unter
den Linden – entfernt. Die satirische Zeitschrift »Kladderadatsch«
brachte in jenen Tagen eine Karikatur mit der Überschrift Fata
Morgana!: »In letzter Zeit sah man in klaren Nächten auf dem Königs-
platz häufig das neue Reichstagsgebäude, sowie aber der Reichstag
anbrach, verschwand der ganze Spuk.« Der Kommission blieb nichts
anderes übrig, als die Frage erneut zu erörtern. Sie untersuchte dabei Mit der
66 Bauplätze und kam 1874 zu dem Schluß, nochmals Kroll vor- Standortsuche
zuschlagen, im Zweifelsfall wieder das Raczynskische Grundstück. machte es sich
Wieder lehnte der Reichstag diesen Vorschlag ab, und das Problem die Baukommis-
eines Parlamentsgebäudes drohte in Vergessenheit zu geraten. sion nicht
Als am 21. August 1874 Raczynski hochbetagt starb, versuch- leicht: 66 Bau-
te Staatsminister Delbrück Verhandlungen mit dem Sohn aufzuneh- plätze wurden
men, doch dieser lehnte aus Pietät seinem Vater gegenüber sowie aus geprüft
dem Grund, daß das Gebäude zu einer kaum auflösbaren Familienstif-
tung gehöre, ab. Daraufhin wurde Wilhelm I. ungeduldig und, ob-
wohl er die Stelle des Palais Raczynski favorisierte, versuchte er 1875
die Standortfrage zugunsten des Krollschen Etablissements zu forcie-
ren. Er schrieb an Bismarck: »Es ist so viel über den zu wählenden
Bauplatz gesprochen, discutirt, geplant etc. worden, daß meiner An-
sicht nach nur der Krollsche Platz zu wählen übrig bleibt, dem doch
eigentlich nur der gefürchtete Schnupfen einiger kränklicher Dépu-
tirter entgegenstehet, den man sich auf dem Wege vom Branden-
burger Thor zum Parlaments Gebäude zuziehen könne, aber nicht
muß, und dem man durch eine Droschke oder guten Paletot sehr gut
begegnen kann, ganz abgesehen, daß jene Opponenten schwerlich
die Vollendung des Baus noch erleben werden, und deren Fürsorge

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für später zu Verschnupfende doch sehr weit ginge, wenn man auf
diese Fürsorge eingehen wollte! Ich ersuche Sie daher nun allen
Ernstes, die Angelegenheit schnell in die Hand zu nehmen, was auch
noch einen anderen Grund für sich hat, daß nämlich eine Menge
unbeschäftigter Arbeiter Berlins und auch auswärts den schweren
Winter leichter hinnehmen würden, wenn sie zum Frühjahr einer
großen dauernden Beschäftigung entgegensehen würden.«
Bismarck versuchte 1876, dem Willen des Kaisers zu entspre-
chen, allerdings ohne Erfolg: der Reichstag blockierte einen Vorstoß
Preußens im Bundesrat und wies das Krollsche Grundstück zurück. In
den Wandelgängen des Reichstags kam, in Abwandlung eines Heine-
Zitats, ein geflügeltes Wort auf: »Ich krolle nicht, und wenn das Herz
auch bricht«. Der nationalliberale Abgeordnete Ludwig Bamberger
hatte vor allem den Preis des Krollschen Grundstücks im Auge, als er
im Reichstag sagte, der Pächter von Kroll könnte mit dem Geld aus
dem überhöhten Kaufpreis mitten in der Innenstadt auf allerbestem
Baugrundstück ein neues, prächtigeres Lokal errichten, dessen Archi-
trav die Inschrift tragen würde: »Dem Deutschen Reichstag der dank-
bare Kroll«.
Mit den Jahren schien die Geduld aller am Ende zu sein. 1873
veröffentlichte der Architekt Hubert Stier einen Vorschlag, in dem er
eine Ost-West-Achse vom Brandenburger Tor bis zum »Knie« – dem
nachmaligen Ernst-Reuter-Platz – vorsah, mit dem Reichstagsgebäude
auf der Westseite des Tores. Und im Mai 1876 schrieb der Berliner
Architektenverein einen Wettbewerb für ein »Prachtforum« am Kö-
nigsplatz aus, den der Dresdener Architekt F. Oswald Kühn mit einem
Ensemble gewann, in dem das Reichstagsgebäude einem anderen,
gleich großen Parlamentsbau gegenüberstand. Aus all diesen Vor-
schlägen wurde nichts. Geschürt wurden allerdings die Zweifel am
1877 Vorgehen der Verantwortlichen.
Raczynskis Sohn Im Jahre 1877 kam überraschend die Wende. Raczynskis Sohn
erklärt sich zu wurde von einem Eisenbahnspekulanten bedrängt, sich vom Berliner
Verhandlungen Anwesen und Grundstück zu trennen. Da der Anbieter sich als Ver-
bereit trauensmann der Reichsregierung ausgab, erkundigte sich der miß-
trauisch gewordene Raczynski glücklicherweise beim Gesandten Preu-
ßens in Dresden, ob dies zutreffe. Nach Rücksprache mit der Regie-
rung in Berlin konnte der Gesandte berichten, Bismarck habe niemals
versucht, mit Hilfe einer List das Grundstück zu bekommen. Da der
Gesandte aber auch durchblicken ließ, daß der Sohn jetzt auf ein
seriöses Angebot eingehen würde, ließ Delbrück Verhandlungen auf-
nehmen. Nach diesen Verhandlungen, die mehr als ein Jahr dauer-
ten, wurde zwischen Raczynski und dem Reich ein vorläufiger Vertrag
über eine formelle Enteignung des Palais durch den preußischen

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Staat, verbunden mit einer Entschädigung von etwas über eine Mil- Standortplan für
lion Mark, geschlossen. das zukünftige
Plötzlich meldete sich die Berliner Architektenschaft zu Wort Reichstagsgebäude
– sie fand den Ort ungeeignet. Besonders August Orth und Stadt-
baurat Hermann Blankenstein votierten gegen den vorgesehenen
Platz. Im wesentlichen wurde argumentiert, daß das Grundstück eine
Architektur mit Front zum Königsplatz bedinge, daher das zu bauen-
de Reichstagsgebäude seinen Rücken zur Stadt habe und dadurch
unüberwindliche Probleme bei der Plazierung der Eingänge entstün-
den. Außerdem kamen Proteste von zwei Grundstückseigentümern,
dem Gesellschaftsarzt Professor Dr. Theodor Frerichs – sein Haus soll-
te später die Schweizerische Gesandtschaft werden – und vom mäch-
tigen Kaufhausbesitzer Rudolph Hertzog, dessen Haus in der Som-
merstraße durch die Baupläne dem Abriß zum Opfer fallen würde.
Vielleicht bewirkten diese Argumente, daß sich nun – 1879 – die
Stimmung im Reichstag deutlich wandelte; eine Abstimmung im
Haus brachte eine Mehrheit gegen Vertrag und Bauplatz. Der Regie-
rung wurde auferlegt, ein anderes Grundstück auf der Nordseite des
Königsplatzes, am Alsenplatz, zu erwerben und für das Parlament

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bereitzustellen. Im Reichstag waren sogar Stimmen laut geworden,


unter denen sich vor allem Reichensperger hervortat, die behaupte-
ten, Berlin brauche überhaupt kein Reichstagsgebäude: Die Verfas-
sung überlasse dem Kaiser die Wahl des Parlamentsortes – wie im
alten Deutschen Reich –, und er könne den Ort des Zusammentref-
fens von Fall zu Fall bestimmen. Dem entgegnete der nationallibera-
le Abgeordnete Franz von Stauffenberg, daß dies zum Bau eines trans-
portablen Reichstagsgebäudes führen müsse.
Aus demselben Grund, aus dem Wilhelm I. ursprünglich
eine Enteignung verweigert hatte, nämlich aus Pietät seinem ver-
storbenen Bruder gegenüber, mußte er nun den Alsenplatz dem
Reichstag verweigern. Friedrich Wilhelm IV. hatte diesen Platz ge-
weiht und dessen Bestimmung festgelegt, und Wilhelm wollte ihn
unter keinen Umständen auch einem so bedeutenden Verfassungs-
organ wie dem Reichstag zur Verfügung stellen. Daraufhin legte die
Reichsregierung im Dezember 1881 den alten Raczynskischen Ver-
trag erneut zur Annahme vor. Am 13. Dezember 1881 wurde seine
Annahme endlich im Reichstag befürwortet, und der Weg zu einem
neuen Wettbewerb war nach vielerlei Turbulenzen frei.
Die lange, über zehnjährige Grundstückssuche hatte den Vor-
teil, daß nun viele Probleme hinsichtlich Zweckmäßigkeit, Bequem-
lichkeit und Akustik bekannt geworden waren, die sich im Laufe der
Zeit in dem provisorischen Saal bemerkbar gemacht hatten. Mehrere
Saal-Experten hatten sich über das Jahrzehnt bereits zu Wort gemel-
det. Der Chefredakteur der »Deutschen Bauzeitung«, Karl Emil Otto
Fritsch, regte eine »nochmalige gründliche Untersuchung der Bedürf-
nissfrage« an, die er »am besten im Wege einer parlamentarischen
Enquete nach englischem Muster« durchführen wollte. Leider wurde
dieser Vorschlag nicht realisiert.
Zu guter Letzt hatte sich in diesen zehn Jahren das Stil-
empfinden zugunsten der italienischen Hochrenaissance verfestigt;
vor allem mehrere fertiggestellte Großbauten und die Prämierung
vieler Reichstags-Entwürfe von 1872 in der Großen Münchener
Kunstausstellung von 1876 waren für die Geschmacksbildung aus-
schlaggebend.

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Bescheidener aber erfolgreich


– Der Wettbewerb 1882

K
urz nach der Entscheidung vom Dezember 1881 erarbeitete
der Direktor des Reichstags, Oskar Knack, ein Verzeichnis der
Räume und zugleich Empfehlungen für die Programmkom-
mission. Immerhin kein so schlechter Ersatz für eine Enquete-
kommission. Die Fläche des provisorischen Plenarsaales – von Knack
ohne Begründung mit 594 m2 angegeben – betrug 621,5 m 2, als
erstrebenswert nannte er 740 m2: »Im allgemeinen dürfte das bishe-
rige Arrangement im Sitzungssaale auch für die Zukunft beizubehal-
ten sein. Die Einrichtung von je 2 Plätzen, wodurch das Ein- und
Austreten der Mitglieder in ungestörter Weise vor sich gehen könn-
te, dürfte zu erstreben, jedenfalls aber die Einrichtung von mehr als
4 Plätzen zu vermeiden sein.«

Wallots preisge-
krönter Entwurf von
1882. Grundriß

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Wallots preisgekrönter In den Sitzungen der Subkommission wurde der Raumbedarf auf
Entwurf vom Frühjahr »zwischen 600 und 640 m2« geändert, mehr würde die Akustik beein-
1882. Ansicht vom trächtigen. Zum bequemen »Ein- und Austreten der MdR« entschied
Brandenburger Tor die Subkommission: »In dem Sitzungssaal sind anzuordnen:
a) Amphitheatralisch angeordnete Sitze für 400 Abgeordnete. Das
Steigungs-Verhältnis des Saalbodens ist wie 1:10 anzunehmen. Die
Sitze müssen mit Rücklehnen und verschließbaren Schreibpulten ver-
sehen sowie bequem zugänglich sein. Zwischen je zwei radialen Gän-
gen dürfen sich nicht mehr als 4 Sitze in einer Reihe befinden. Für
jeden Sitzplatz mit Pult ist ein Raum von 1,10 m Tiefe und 0,55 bis
0,65 m Breite zu rechnen.« Es kam also darauf an, daß die Abgeord-
neten »in ungestörter Weise« ein- bzw. austreten konnten.
In der kurzen Zeit zwischen dem Reichstagsbeschluß und der
Wettbewerbsauslobung hatte sich in Architektenkreisen, aber auch in
sehr großen Teilen der politischen Presse, eine hitzige Diskussion dar-
über entfaltet, ob Bohnstedt, der im ersten Wettbewerb gewonnen
hatte, erneut und ohne Konkurrenz beauftragt werden sollte, seinen
Plan umzuarbeiten und zur Ausführung zu bringen, oder ob ein neuer
beschränkter oder offener Wettbewerb ausgeschrieben werden sollte.
Auf Betreiben des Berliner Architektenvereins wurde dann ein offener
Wettbewerb ausgeschrieben, allerdings nur für Architekten »deut-
scher Zunge« sowie derjenigen Architekten aus dem Ausland, die
beim Wettbewerb 1872 einen Preis gewonnen hatten. Da nur ein Aus-
länder, der inzwischen verstorbene Engländer Scott, einen Preis ge-
wonnen hatte, gab es keine ausländische Beteiligung.
Die Jury für diesen Wettbewerb stand der des ersten Wettbe-
werbs kaum nach. Freilich, einige große Architekten lebten nicht

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mehr; Lucae und Semper waren 1877 bzw. 1879 gestorben. Dennoch Entwurf von
geriet die Jury zu einem veritablen Who’s Who der damaligen Archi- Friedrich Thiersch.
tektenwelt; u. a. Friedrich Adler, Reinhold Persius, Friedrich Schmidt, Ansicht vom
Gottfried von Neureuther, Josef von Egle, Vinzenz Statz, Martin Königsplatz
Haller und der Maler Anton von Werner. Da Neureuther kurz vor Zu-
sammentreten der Jury erkrankte, wurde er durch den Münchener
Baurat Max Siebert vertreten.
An dieser Konkurrenz beteiligten sich nun 189 Architekten
und Architektengemeinschaften. Da alle Entwürfe unter Motto –
also anonym – eingeliefert werden mußten und bis dato keine voll-
ständige Aufschlüsselung der Namen zu finden war, ist es heute
nicht möglich, die Namen aller Teilnehmer zu ermitteln. Aus dem
Briefwechsel der beiden Sieger des Wettbewerbs wird die Schwie-
rigkeit ersichtlich, ein Gebäude, für das es in Deutschland kaum
Vorbilder gab und über dessen Funktionen und künftiges Funk-
tionieren nur vage Vorstellungen bestanden, zu entwerfen. Sie ar-
beiteten buchstäblich bis zur letzten Sekunde. Die Entwürfe des
Frankfurter Architekten Paul Wallot wurden »noch warm einge-
packt« zur Bahnspedition gebracht, so daß nicht einmal Zeit zum
Fotografieren der Pläne blieb.
Aus den Protokollen der Jury geht hervor, daß der Entwurf
von Wallot (»Für Staat und Stadt«) 19 von 21 Stimmen auf sich ver-
einigen konnte. Wallots Sieg wurde in Architektenkreisen als Ȇber-
schreitung der Mainlinie in der Baukunst« gefeiert. Der Entwurf
Thierschs, des zweiten, erhielt nur 11 Stimmen. Anfang Juli 1882 be-
kam Wallot den Auftrag, seinen Entwurf umzuarbeiten und erneut
gegen Ende des Jahres vorzulegen.

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Entwurfsbearbeitung und Grundsteinlegung

D
iese »Zeit großen Mühens« erbrachte einen Entwurf, der
wegen der Höhe des Sitzungssaales von »Allerhöchster Stelle«
kritisiert wurde, so daß Wallot ihn zurücknehmen mußte
und gegen Mitte des Jahres 1883 einen neuen Plan vorlegen sollte.
Nun passierte, was eine Zeitung »Kuckucksmanier« nannte,
nämlich das Legen eines Eies in ein fremdes Nest. Der junge, ehr-
geizige Berliner Architekt Heinrich Seeling warf Wallot Plagiat seiner
Ideen vor; er versuchte die Entscheidung der Preisrichter zu unter-
laufen und Wallot dazu zu bringen, seinen eigenen Grundriß in den
ursprünglichen Entwurf aufzunehmen Nach einer privaten Aus-
einandersetzung versprach Seeling Wallot, seine Pläne nicht weiter
zu verfolgen, brachte jedoch nur einige Tage später in einem selbst-
finanzierten Druck seinen Entwurf in die Buchhandlungen und auf
den Tisch des Bundesrats. In diesem Augenblick solidarisierte sich
die Berliner Architektenschaft mit Wallot, und Seeling sah sich
gewungen, seinen Entwurfsvorschlag zurückzunehmen und aus
dem Architektenverein auszutreten. Auch die Parlamentarier unter-
1883 stützten Wallot und schlossen, obwohl sein Ausführungsentwurf
Wallot verdient noch nicht angenommen worden war, mit ihm einen Vertrag mit
30.000 RM einem jährlichen Salär von 30.000 Mark und drei Prämien bei
im Jahr Einhaltung bestimmter Bauausführungsfristen. Wallot zog mit eini-
gen seiner Frankfurter Mitarbeiter Anfang Juli 1883 nach Berlin.
Sein neuer Entwurf wurde Anfang Dezember desselben Jahres von
der Akademie des Bauwesens, der Reichsregierung, dem Reichstag
und dem Kaiser genehmigt. Gleichzeitig stellte man ihm einen
erfahrenen Bautechniker, Wilhelm Haeger, zur Seite, der über die
Bauausführung und den geschäftlichen Verkehr wachen sollte.
Haeger war bis zu seinem frühen Tode (1901) Bauleiter des Reichs-
tags und des Reichstagspräsidentenpalais.
Bereits im Sommer 1883 hatte man die meisten Häuser, die
im Wege standen, abgerissen und danach mit Probebohrungen
begonnen. Für den Teil des Hauses, der die Kuppel tragen sollte,
mußten die Fundamente extra tief gerammt und mit Beton ver-
festigt werden. Ein Flügel des Raczynskischen Palais wurde als pro-
visorisches Baubüro so lange beibehalten, bis ein neues Fachwerk-

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deutsch_Inhalt_korr 08.09.2004 12:41 Uhr Seite 31

haus am südwestlichen Zipfel des Bauplatzes Ende 1884 bezogen Kaiser Wilhelm I.
werden konnte. bei der Grundstein-
Am 9. Juni 1884 wurde der Grundstein für das Reichstags- legung 1884
gebäude gelegt. Drei Generationen preußisch-deutscher Monarchen,
Wilhelm I., sein Sohn und späterer Kaiser Friedrich III. sowie sein
Enkel und nachmaliger Kaiser Wilhelm II. taten ihre Hammerschläge
an diesem vom Wetter nicht besonders begünstigten Tag. Es wurde
moniert, daß viel zuviel Militär und kaum Parlamentarier an dieser
Zeremonie teilgenommen hatten.

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Das Kuppelproblem wird


zum »ewigen« Streitpunkt

W
allot beabsichtigte, eine 85 m hohe Kuppel über dem Sit-
zungssaal zu errichten. Aus architektonischen Gründen
und weil die Akademie des Bauwesens und der Kaiser
wegen der Beleuchtung des Sitzungssaales Bedenken äußerten, war
Wallot gezwungen, diese Kuppel über die westliche Eingangshalle zu
verlegen; nach diesem Plan wurde dann gebaut. Je länger Wallot aber
über der Bauausführung wachte, desto fester reifte in ihm die Er-
kenntnis, daß die Kuppel verlegt werden müßte: Das Gebäude hätte
sonst »wie ein ausgebranntes Schloß« ausgesehen. Eine Kuppel über
der westlichen Eingangshalle sei unlogisch und architektonisch
falsch. Das Erscheinungsbild wäre empfindlich gestört worden.
Nachdem Wallot mehrmals bei dem alten Kaiser und später
seinen Nachfolgern interveniert hatte, wurde ihm die Verlegung der
Kuppel erlaubt, falls er den Nachweis erbrächte, daß die Ausführung
möglich sei. Das Hauptproblem bestand darin, daß der Bau zu diesem
Zeitpunkt schon weit fortgeschritten war, die Grundmauern für eine
Kuppel an anderer Stelle eventuell nicht stabil genug schienen. Es
galt, »mit möglichst geringen Kosten und ohne Störung des Baube-
Paul Wallot triebes einen allen auftretenden Kräften gewachsenen Unterbau
(26. Juni 1841 – nachträglich herzustellen.[...] Es lag die Schwierigkeit vor, daß die
10. August 1912) schon bis etwa zur Dachhöhe aufgeführten Umfassungsmauern die-
ses Saales nur eine Stärke besaßen, die wohl zum Tragen eines ge-
wöhnlichen, mäßig neigenden Satteldaches ausreichen, nicht aber
für die Aufnahme der Last einer weiteren bedeutenden Mauermasse
und einer hohen, weitgespannten Kuppel, in Verbindung mit dem
sehr erheblichen waagerechten Druck, den der Wind naturgemäß auf
einen solchen Bau ausübt. Daß der zu überdeckende Raum gerade der
Hauptsaal war, verschärfte die Schwierigkeiten doppelt.«
Daraufhin ließ Wallot Berechnungen anstellen. Im Frühjahr
1889 wurden diese dem berühmten Bauingenieur Johann Wilhelm
Schwedler zur Prüfung überlassen. Schwedler hatte um 1845 die
Statik für die Kuppel zur Schloßkapelle berechnet und galt als überaus
sachverständig. Sein Bericht war – um es milde auszudrücken – ver-

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nichtend: »Nach den Zeichnungen und Schriftstücken [zu urteilen] Bei der Kuppel
besteht die Absicht, den thurmartigen Aufbau über dem Vestibül, für schieden sich die
den der Unterbau bereits vollendet ist, fortzulassen, und dagegen Geister – die einen
einen decorativen Aufbau etwa in der Mitte der gesammten Baumasse fanden sie zu
des Gebäudes herzustellen, welcher über dem Sitzungssaale und eini- bombastisch, die
gen angrenzenden Corridoren zu liegen kommen würde.[...] Zur Be- anderen zu hoch
deckung des Raumes ist eine kuppelartige Dachfläche in Form eines
Klostergewölbes projectirt«. Schwedler schlußfolgerte, daß dies ein
»Zwischending zwischen einer Bogen- und Brücken-Construktion
[und] nicht mit hinreichender Sicherheit zu berechnen« sei, »da die
einzelnen Spannungen von dem Montiren abhängen, welches nicht
in der Hand des Projectirenden« liege. Er sei gegen die Ausführung
der Kuppel, weil es nicht zu erwarten sei, »daß der Entwurf so verbes-
sert werden kann, daß er den Anforderungen der Sicherheit und Wür-
de des Hauses entspricht.«

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deutsch_Inhalt_korr 08.09.2004 12:41 Uhr Seite 34

Wallot gab nicht auf. Er ließ seine Pläne noch einmal durch den
Eisenbahn-Ingenieur Hermann Zimmermann berechnen. Zimmer-
mann machte die vorgesehene Kuppel leichter, indem er Glas und
Stahl einsetzte und die Dimensionen – besonders die Höhe von
ursprünglich 85 m auf 74,16 m – verringerte. Das war der Ursprung
der »Zimmermann-Kuppel«, die als Stahlbau der »Schwedler-Kuppel«
folgte. Wenig später fand sein »Raumfachwerk« Anwendung im
Münchner Justizpalast von Friedrich von Thiersch und in der Ober-
lausitzer Ruhmeshalle in Görlitz.
Für den Kaiser Was ist von der hartnäckigen Behauptung zu halten, Wilhelm
ein Ärgernis: habe die Kuppel erst genehmigt, als man ihm nachweisen konnte,
Die Kuppel des daß sie niedriger ausfalle als die des Berliner Stadtschlosses? In den
Reichstags ist Akten findet sich hierfür keine ausdrückliche Bestätigung; dennoch
über sieben erlauben Indizien einen solchen Schluß. Zum einen ist die Kuppel
Meter höher als höher ausgefallen als die des Schlosses; bis zur Kuppelspitze des
die des Schlosses Reichstags sind es 74,16 m, bis zur Spitze der Schloßkuppel waren es
nur 67 m. Und Wilhelm hat ein halbes Jahr nach Einweihung der
Kuppel im April 1893 das Reichstagsgebäude in Berlin als »Gipfel der
Geschmacklosigkeit« verurteilt. Außerdem gibt es eine Marginalie
von ihm, in der die Höhe der Kuppel mit 69,5 m errechnet wird; die
Vorlage bezeichnete den untersten Punkt, also den Bezugspunkt für
die Höhenberechnung, als das Niveau des Hauptgeschosses, und die-
ser lag fast fünf Meter über Straßenniveau.
Wenn Julius Posener in seinem Hauptwerk »Berlin auf dem
Wege zu einer neuen Architektur. Das Zeitalter Wilhelms II.« behaup-
tet, daß die Kuppel das wilhelminischste am Reichstag gewesen sei,
irrt er. Wilhelm haßte nachweislich diese Kuppel wegen der Nüch-
ternheit ihrer Konstruktion, wahrscheinlich auch wegen der Höhe
und wegen des Symbolgehalts: Ein Parlament! Die Kuppel war nicht
bombastisch, sondern eher zurückhaltend im Charakter. Schlußend-
lich sollte die Kuppel Wallots Verbeugung vor der Kunst des Inge-
nieurs symbolisieren; bei seiner Ehrung in der Kroll-Oper am 7. De-
zember 1894 antwortete Wallot auf Anton von Werners Verherrlich-
ung der »drei Schwesterkünste« Malerei, Architektur und Bildhauerei
mit der Hinzufügung der »Ingenieurskunst: Eine Dampfmaschine ist
für mich insofern das höchste Kunsterzeugniß, als der Zweck und die
Mittel in einem richtigen Verhältniß zueinander stehen und wenn
ich ein Zusammenwirken aller Künste erstrebe, so schließe ich die
Ingenieurskunst mit ein. Ich trinke auf die Verschmelzung aller dieser
vier Künste, auf ihre Einheit!« Wenn Posener aber meint, die Kuppel
sei zeitgemäßer Ausdruck von Repräsentationsanspruch und Würde,
so hat er recht. Kuppeln waren dies aber seit ihrer technischen Mach-
barkeit zu aller Zeit.

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Die künstlerische Ausschmückung


und die Schlußsteinlegung

A
b etwa 1889 begann Wallot, sich konkret Gedanken über die
innere Ausschmückung und die künstlerischen Details zu
machen. Für die Innenausstattung der Neben- und Funk-
tionsräume wie z. B. Küche, Bücherspeicher, Postzentrale, Stenogra-
phen-Korrekturzimmer usw. konnte er sich die Mitarbeit des Archi-
tekten Paul Wittig sichern, der später Direktor der Berliner Hoch-
bahngesellschaft wurde. Wallot entwickelte ein Schmuckprogramm
für die Fassaden, das große Skulpturen an den Ecktürmen sowie
Reiterfiguren an der Ostfront und eine große Statue der Germania zu
Roß über dem Giebelfeld an der Westfront vorsah. Es kam ihm nicht
so sehr darauf an, ein geschlossenes ikonographisches Programm zu
entwickeln, sondern reichlich barocke Silhouetten für das Haus zu
schaffen. Um nicht nur Berliner Künstler zu beschäftigen und damit
eine künstlerische Hegemonie zu erzeugen, wurden auch die Kunst-
schulen anderer deutscher Städte mit einbezogen und Aufträge an
die namhaftesten Bildhauer aus Karlsruhe, München, Dresden und
Frankfurt vergeben. Gegen Wallots Willen bestimmte die Reichstags-
baukommission, daß der Berliner Bildhauer Fritz Schaper das Giebel-
relief über dem Westportikus ausführen sollte. 1891
Um 1891 konnte Wallot sich auch der Ausschmückung der Wallot kümmert
Innenräume widmen. Hierfür waren nicht nur Plastiken, sondern sich um die
auch Wand- und Deckenbilder erforderlich. Verschiedene deutsche Ausschückung
Bildhauerschulen sollten dabei vertreten sein. So hatte er für einige der Innenräume
Räume einen beschränkten Wettbewerb ausgeschrieben, an dem
Künstler wie Franz Stuck und Eugen Bracht teilnahmen. Er ver-
suchte auch, ein Skulpturenprogramm mit deutschen »Geistes-
größen« für die Nordeingangshalle in der Reichstagsbaukommission
durchzusetzen, was ihm aber wegen mangelnden konfessionellen
Proporzes nicht gelungen ist. Weil am Tage der Abstimmung zu-
viele Katholiken in dieser Kommission saßen, wurde sogar eine
Lutherskulptur aus dem Programm entfernt. Daraufhin sah der
Hugenottennachfahre Wallot keinen Sinn mehr in einer solchen
Reihe.

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Ab etwa 1892 änderte der junge Kaiser mit der »hemmungslosesten


Zunge Europas« seine anfangs positive Meinung über das
Reichstagsgebäude, sei es unter dem Einfluß von Reinhold Begas oder
aber weil ihm der Karlsruher Maler Ferdinand Keller Gerüchte über
Wallot zugeflüstert hatte, daß sich jener über das Kunstverständnis
des Kaisers lustig gemacht habe. Wilhelms öffentliche Worte vom
»Gipfel der Geschmacklosigkeit« wurden schließlich zum ebenso
öffentlichen Skandal. Die Künstler Deutschlands solidarisierten sich
mit Wallot, veranstalteten Demonstrationen und Fackelzüge und ant-
worteten dem »kaiserlichen Gassenbuben« mit Ehrenmitgliedschaf-
ten Wallots in den verschiedensten künstlerischen Vereinigungen
von Berlin über St. Petersburg bis Rom. Als 1894 Wilhelm dem Archi-
tekten eine Goldmedaille, die Wallot nach einstimmiger Entschei-
dung der Jury in der Großen Berliner Kunstausstellung zustand,
aberkannte und ihm gleichzeitig anläßlich der Schlußsteinlegung
den bekannten »Künstlerorden«, den Roten-Adler-Orden, verweiger-
te, hatte Wallot bereits den Entschluß gefaßt, Berlin den Rücken zu
kehren und eine Professur in Dresden anzunehmen.
Bei der Schlußsteinlegung des Reichstagsgebäudes am 5. De-
zember 1894 führte Wallot den Kaiser und die Kaiserin durch das
Gebäude, offenbar mit größter persönlicher Zurückhaltung gegen
den »Medaillenaberkenner«, wie er schrieb. Während Wilhelm nach
außen nur Lob für den Bau spendete, nannte er das Gebäude in einem
Brief an seinen Intimus Eulenburg »Reichsaffenhaus« und ließ das
Gerücht verbreiten, er habe während des Rundgangs Wallot mehr-
fach beleidigen können. Wieder war dieses Eröffnungsschauspiel ein
vorwiegend militärisches, und obwohl es von Wallot nicht inszeniert
worden war, erhielt die Schlußsteinlegung den Beinamen »Wallot-
steins Lager«.
Nach der Fertigstellung des Reichstagsgebäudes begann 1899
Kaiser Wilhelm II. legt der Bau des Reichstagspräsidentenpalais ebenfalls nach Wallots Ent-
1894 den Schlußstein wurf. 1897 war neben dem benachbarten Reichstagsheizwerk zu-
sätzlich eine »Elektrische Station«, d.h. ein eigenständiges Elektrizi-
tätswerk, errichtet worden. Die Bauleitung hatte zunächst Johannes
Hückels übernommen, später leitete bis zu seinem Tode Wilhelm
Haeger auch diesen Bau, danach vollendete Fritz Teubner bis 1904 das
Palais.

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Der Streit geht weiter – Lob und Kritik

S
chon während der Bauausführung gingen die Urteile der Fach-
welt über das neue Parlamentsgebäude stark auseinander. Nicht
nur Wilhelm II., auch der hochangesehene Wiener Kunsthi-
storiker und Journalist Karl von Lützow sah in dem Gebäude eine
»völlig verunglückte Schöpfung«. Gegen die Meinung des letzteren
schrieb der 33jährige Architekt Hermann Muthesius zu Wallots Ehre
eine Replik. Der Freund des Kaisers, Anton von Werner, Direktor der
Staatlichen Kunsthochschule, schwankte, denn er stand mit Wallot
auf gutem Fuß und war bereits seit Monaten mit ihm in einem Brief-
wechsel wegen der Herstellung von drei monumentalen Gemälden
zur deutschen Geschichte, die für den Plenarsaal gedacht waren. Sie
sind nicht zur Ausführung gelangt, vielleicht mußte von Werner auf Der Reichstag nach
den Kaiser Rücksicht nehmen. der Fertigstellung.
Wallots Intention beim Bau des Reichstagsgebäudes bestand Stich von 1895. An-
darin, einen neuen nationalen Baustil zu entwickeln, der Elemente sicht von Nordosten

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der italienischen Hochrenaissance und des Neobarock aufnehmen


und diese mit den Möglichkeiten, die eine Konstruktion mit Stahl
und Glas zu diesem Zeitpunkt bot, verbinden sollte. Man kann leider
nicht behaupten, daß ihm etwas anderes gelungen sei als das, was der
Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg einen »synthetischen Reichs-
stil« nennt. Die allgemeinen Bestrebungen in den damals jüngeren
Architektenkreisen, zu Prinzipien der gotischen Baukunst zurückzu-
kehren, indem durch Glas und Stahl die konstruktiven Elemente
nicht verkleidet, sondern in aller »Nacktheit« gezeigt wurden, fanden
in der großartigen Kuppel ihren gelungenen Ausdruck; sie paßte je-
doch nach der Meinung von Wahrern der alten Kunsttradition nicht
zu dem großen Hochrenaissance-Quaderbau.
Es war selten, daß einer das ganze Gebäude mochte: Ältere
Kritiker bevorzugten die Quader- und verabscheuten die Stahl-Glas-
Konstruktion, die gewöhnlich für Interims- oder provisorische Bauten
benutzt wurde. Die junge Generation fand an dieser Bauweise großes
Gefallen, wollte und konnte sich aber mit dem Neorenaissance-Bau
nicht anfreunden. In einem aber waren sich alle einig: Von Anfang an
war das Gebäude heftig umstritten.
Mit der Zeit fielen die Urteile drastischer aus, wobei nicht
sicher ist, ob die Kritik dem Zweck des Hauses – Parlament, Parlamen-
tarismus, Parlamentarier selbst – oder der äußeren Hülle galt. Der
Schriftsteller Otto Erich Hartleben fand, »daß das Reichstagsgebäude
ein klein wenig zu viereckig ist; sonst finde ich es gut«. Der Diplomat
und Kunstkenner Harry Graf Kessler nannte es eine »schlecht imi-
tierte Augsburger Truhe«, Berlins Stadtbaurat, der Architekt Ludwig
Hoffmann – von ihm stammt das Reichsgericht in Leipzig – einen
»Leichenwagen erster Klasse«. Reichsjustizminister Gustav Radbruch
bezeichnete es als das »Haus ohne Wetter«, und der Architektur-
schriftsteller Werner Hegemann, der es »nicht mehr erträglich« fand,
wollte es abgerissen wissen. Der Publizist Matheo Quinz urteilte:
»Trotz seiner Größe kommt im ganzen Hause nicht eine Spur von fei-
erlicher oder wichtiger Stimmung auf. Der repräsentativste Raum, die
große Wandelhalle, auch an grellen Sommertagen in schummerigem
Halbdunkel dösend, erinnert stark an ein riesenhaftes Hotelvestibül,
das ein waghalsiger Spekulant, die Konjunktur überschätzend, über-
groß erbaut hat, auf eine Besucherschaft rechnend, die Weltgeltung
und Weltgewandtheit hat; statt dessen wird die ganze Wallotpracht
von unscheinbaren Kleinstadthonoratioren bevölkert, denen die Di-
mensionen schreckhaft erscheinen; wie müde Zwerge verschwinden
sie in einem Riesenzirkus, der sich um das Denkmal Wilhelms I.
dreht«.

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Arbeit und Verdienst am Bau

D
er Bau des Reichstagsgebäudes war für die deutsche Wirt-
schaft und insbesondere für die Bauwirtschaft in und um
Berlin eine gewinnträchtige Aufgabe. Die Liste der Indu-
striellen, Fabrikanten und Handwerksmeister umfaßt mehr als 250
Namen, wobei namenlose einfache Arbeiter, Gesellen und Hand-
langer, die im Laufe der Bauzeit von zehn Jahren sicher 700 bis 800
ausmachten, nicht mitgerechnet sind.
Für den Bau waren mehr als zwanzig verschiedene Stein-
brüche unter Vertrag, denn kein einziger Bruch war in der Lage, die
geforderte Qualität in der kurzen Zeit in ausreichender Menge zu lie-
fern. Auch aus entfernteren Gegenden wurden Steine herbeigeschafft,
so z. B. aus dem Elsaß, aber auch aus dem österreichischen Tirol; sogar
aus Istrien an der Adria kamen Quader und Blöcke über lange See-,
Wasser- und Schienenwege nach Berlin.
Mußte ein Steinmetzunternehmen fünf Mark beim Bruch-
besitzer für einen Kubikmeter Stein zahlen, kassierte dieser für das-
selbe unbehauene Stück in Berlin zwischen 65 und 80 Mark. Kein
Wunder also, daß ein Steinbruchbesitzer in Berlin voller Stolz ein
Jahreseinkommen von über 160.000 Mark während der Bauzeit des
Reichstagsgebäudes versteuern konnte. Auf der anderen Seite erhiel-
ten die Arbeiter einen Tageslohn von maximal vier Mark – also im
Jahr, wenn es hoch kam, zwischen 1.200 und 1.400 Mark. Unter sol-
chen Umständen ist es nicht schwer zu verstehen, daß es häufig zu
Streiks und Arbeitsniederlegungen kam, die den Fortgang der Bau-
arbeiten am Reichstag nicht unwesentlich verzögerten. Ein besonde-
res Anliegen der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter waren just
die Gewinne der Zwischenhändler und Arbeitsvermittler. Dieses Pro-
blem nahm solche Ausmaße an, daß die Reichstagsbauverwaltung –
allerdings ziemlich spät – einen Versuch unternahm, die Aufträge für
Arbeiten in sogenannter »Regie« durchführen zu lassen, um dadurch
Mittelsmänner auszuschalten. Am energischsten protestierten dage-
gen die Steinmetzmeister und Bruchpächter, die mit der Einstellung
oder Verschleppung von Steinlieferungen drohten. »Regie«-Arbeit auf
der Reichstagsbaustelle konnte wegen dieses Widerstandes nicht
praktiziert werden.

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Arbeiten am
Nordwesteckturm

Übrigens ist kaum bekannt, daß sich unter den rund sechzig Archi-
tekten und Ingenieuren, die bei Wallot, Haeger und Wittig be-
schäftigt waren, eine kleine Zahl von Ausländern befand, die nicht
unwesentlich zur Internationalität des Bauwerks im Stil und Aus-
sehen beitrugen. Besonders erwähnenswert sind hier der Schweizer
Architekt Carl Zehnder, der hauptsächlich für die Gestaltung des
Westportals zuständig war, sowie der Schwede Alfred Grenander, der
für bedeutende konstruktive Elemente verantwortlich zeichnete.
Grenander ist später zu dem schon erwähnten Paul Wittig in der
Hochbahngesellschaft gestoßen und war dort über zwei Jahrzehnte
Chefarchitekt.

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Die Ausschmückung des Reichstags-


gebäudes mit Kunstwerken

D
a die künstlerische Ausschmückung des Hauses bei Schluß-
steinlegung gerade begonnen hatte, waren viele Gemälde
noch nicht zur Ausführung gelangt; somit war Wallots
Arbeit nicht beendet, obwohl er bereits eine Professur in Dresden
angenommen hatte. Bis 1899 pendelte der geplagte »Sindbad der
Eisenbahn« zwischen Dresden und Berlin, kämpfte für Maler und
Bildhauer; meist gewann er, oft aber mußte er kleinkarierten Denk-
weisen klein beigeben. Er fand die Ausschmückungskommission
»widerborstig« – »die Klugsch..., wären sie alle dort, wo der Pfeffer
wächst« – aber die Arbeit mit solchen Malerfreunden wie Gustav
Schönleber, Eugen Bracht, Ludwig Dill, »Chiemsee«-Raupp, Ludwig
Knaus und Franz Stuck hielt ihn einigermaßen bei Laune. Die von
Anton von Werner geplanten Darstellungen der Reichsgründung in
Versailles und der Grundstein- bzw. Schlußsteinlegung mußten zu-
rückgestellt werden, weil Bismarck auf zweien dieser Bilder deutlich
im Vordergrund gestanden hätte, und der alte Reichskanzler, seit
fünf Jahren in erzwungenem Ruhestand, unter Wilhelm II. zur Un-
person geworden war. Aber auch nach Bismarcks »Rehabilitierung« –
spätestens 1901, mit der Einweihung des Bismarckdenkmals vor dem
Reichstag – wurden sie nicht ausgeführt.
1895 wurde ein Vertrag zwischen der Reichstagsverwaltung
und Franz Stuck über die Herstellung zweier gigantischer Bilder von
jeweils 22 m Länge für die Foyers des Bundesrats- bzw. Präsidialtrakts
unterschrieben. Als diese Bilder dann im Jahr 1898 fertig waren,
führten sie zu einem Eklat innerhalb der Ausschmückungskom-
mission und ebenso Anfang 1899 im Reichstagsplenum. Sie wurden
dort am 1. und am 20. März 1899, zusammen mit zwei Wahlurnen
des Bildhauers Adolf Hildebrand, mit äußerst beleidigenden und ver-
letzenden Ausdrücken belegt, hauptsächlich vom Zentrumsführer
Dr. Ernst Maria Lieber. Die Verteidigung der beleidigten Künstler im
Reichstag war so lau, daß sich Wallot veranlaßt sah, am 21. März
1899 sein Amt als Leiter der Dekoration zum 31. März zur Dispo-
sition zu stellen.

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Erneut erhob sich ein öffentlicher Proteststurm, auf den Straßen


Münchens, Dresdens, Berlins und Wiens marschierten die Künstler.
Die Kluft zwischen dem, was Künstler beabsichtigten und ausführten,
und dem, was gewählte Vertreter des deutschen Volkes für Kunst hiel-
ten, war nie größer gewesen als zu diesem Zeitpunkt. In die Aus-
einandersetzungen spielten auch regionale und psychologische Pro-
bleme mit hinein: so eine unterschiedliche Kunstauffassung zwischen
südlichen und nördlichen »Sichten«, die auch unter den Künstlern
selbst noch differierten; oder die starke Einflußnahme seitens des
Kaisers bei Ausschreibungen und Preisverteilungen. Anläßlich der
deutschen Beteiligung an der Weltausstellung in St. Louis 1904 führ-
ten diese bereits im Jahre 1899 ausgebrochenen Konflikte zur Grün-
dung des Deutschen Künstlerbundes. Stucks Bilder wurden zunächst
auf dem Dachboden im Kuppelraum aufbewahrt. Der Kunsthistori-
ker Cornelius Gurlitt behauptete, daß sie 1903 nach St. Louis einge-
schifft wurden und auf der Weltausstellung zu sehen gewesen seien,
aber jeder weitere Hinweis darauf fehlt. Auch sollen sie bei einer
Kunstausstellung in Dresden 1912 ausgestellt worden sein, aber auch
1908 hier fehlt jeder weitere Hinweis.
Skandal um Die künstlerische Ausschmückung des Hauses löste 1908 mit
die Bilder des den Bildern des Münchener Sezessionisten Angelo Jank, die für den
Malers Plenarsaal gedacht waren, einen erneuten Skandal aus. Er hatte nach
Angelo Jank einem Wettbewerb den Auftrag erhalten, drei historische Bilder mit
Themen aus der alten Reichsgeschichte zu malen, wobei das Hauptbild
eine Darstellung des Sedansieges sein sollte. In einem Pamphlet des
MdR Maximilian Pfeiffer wurde u.a. bemängelt, daß dieses Bild keine
authentische Dokumentation wäre; es sei unmöglich, den Kaiser in
einem Wintermantel darzustellen, wenn der 2. September 1870 nach-
weislich ein warmer Sommertag mit blauem Himmel gewesen sei. Der
Fuß eines bayerischen Infanteristen sähe aus, als sei er in einen fo-
tografischen Entwickler getaucht. In der »National-Zeitung« vom
2. Januar 1909 fragte der junge, kaum bekannte Gustav Stresemann,
warum eigentlich der Reichstag Gemälde bestellt, die ein militärisches
und kein parlamentarisches Thema zum Inhalt haben.
Die Bilder wurden schließlich von ihrem Platz entfernt und in
den Saal des Haushaltsausschusses gehängt. Als der Reichstagshaus-
haltsausschuß dort am 4. August 1914 den Beschluß faßte, eine
Kriegsanleihe aufzunehmen, monierte der elsässische Abgeordnete
Emile Wetterlé, daß dieser Vorgang ausgerechnet in jenem Raum
Der Plenarsaal stattfinde, in dem das Sedanbild hing, auf dem der Kaiser die Triko-
wurde wegen der lore in den Staub ziehe. Im Saal des Haushaltsausschusses hingen sie
Akustik völlig mit noch 1933. Man sieht sie hinter der Richterbank im Reichstags-
Holz verkleidet > brandprozeß – dieser hatte im Wallotbau »Lokaltermine« angesetzt.

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»Dem Deutschen Volke« –


Die Geschichte einer Inschrift

W
ie oberflächlich – oder bewußt negierend – Kaiser und
Regierung mit ideellen Aspekten der Demokratie umgin-
gen, zeigt das Beispiel der Inschrift »Dem Deutschen
Volke«. Zwei Jahrzehnte dauerte es, bis die Widmung endlich ange-
bracht war. Dieser anscheinend von Paul Wallot recht spät erdachte
Weihespruch erfreute sich keineswegs der Unterstützung des Kaisers,
der die Anbringung auf verschiedenen, nichtamtlichen Wegen zu
verhindern wußte. Viele Vorschläge – ernste und komische – wurden
bei Feststellung ihres Fehlens in der Öffentlichkeit gemacht: »Dem
Deutschen Volke ist der Eintritt verboten« oder »Quatsch nicht,
Krause« oder der Vorschlag von Ernst von Wolzogen: »Festgefügt
steh ich aus Stein, nun schau Geist, wie Du kommst herein.« Zwan-
zig Jahre lang hatte es immer wieder Vorschläge auf Vorschläge gege-
ben, die jedoch alle abgelehnt worden waren.
1915 gab der Unterstaatssekretär im Reichskanzleramt,
Arnold Wahnschaffe, seiner Sorge in einem Brief an den Chef des
Zivilkabinetts, Valentini, Ausdruck, daß der Kaiser mit jedem weite-
ren Kriegstag die Unterstützung des Volkes verlöre und es be-
Anbringung der grüßenswert sei, wenn der Kaiser etwas gegen diesen Treueverlust
Inschrift unternehmen würde – z. B. durch die Anbringung der Inschrift.
»Dem Deutschen Wilhelm ließ antworten, daß er keineswegs eine ausdrückliche Ge-
Volke« nehmigung für die Inschrift erteilen werde, aber sollte die Reichs-
tagsausschmückungskommission beschließen, die Inschrift anzu-
bringen, würde er dagegen keine Bedenken erheben.
Einige Tage später konnte der Präsident des Reichstages,
Johannes Kaempf, bekanntgeben, daß die Inschrift beschlossene
Sache sei. Der bereits berühmte Architekt und Kunstgewerbler Peter
Behrens wurde vom Staatssekretär im Reichsamt des Innern,
Theodor Lewald, im Herbst 1915 mit der Gestaltung des Schriftzuges
beauftragt. Das Reichskanzleramt besorgte in Verbindung mit dem
Heer zwei erbeutete Geschützrohre aus den Freiheitskriegen von
1813 und ließ sie in der Gießerei von S. A. Loevy umgießen. Die
60 cm hohen Buchstaben wurden dann als »Weihnachtsgeschenk

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für das deutsche Volk« zwischen dem 20. und 24. Dezember 1916 am Bismarckdenkmal
Hauptportal angebracht. von Reinhold Begas
Bevor die Inschrift angebracht worden war, hatte bereits 1901
ein großes Bismarckdenkmal, von Wallots Gegner in Kunstsachen,
Reinhold Begas, modelliert, vor der Westfassade des Reichstags Auf-
stellung gefunden. Wallot störte dieses Denkmal sehr, aber dagegen
war er machtlos. Bleibt nachzutragen, daß viele Mitglieder der jüdi-
schen Familie Loevy das »Dritte Reich« nicht überlebten.

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Der Reichstag als politisches Zentrum

U
ngeachtet der Negierung des Reichstags durch Kaiser und
Kanzler entwickelte er sich zu einem nicht zu unterschät-
zenden Regulativ. Ein erstes Anzeichen dafür war – als Folge
der Daily-Telegraph-Affäre 1908 – der Sturz des Reichskanzlers von
Bülow. Damit hatte der Reichstag zum ersten Mal de facto, wenn
auch nicht de jure, ein Mitspracherecht bei der Besetzung des
Kanzleramtes erhalten. Sicherlich trug die Einführung von Diäten
1906 wesentlich zur Stärkung des Kompetenzgefühls des einzelnen
Reichstagsmitglieds bei und war nicht minder wichtig sowohl für
das steigende Ansehen als auch die gestiegene Zahl der Abgeord-
neten der Sozialdemokratie, die bereits 1912 stärkste Fraktion im
1912 Reichstag wurde.
Die SPD wird Die Einführung von Diäten bewirkte auch eine erhöhte Prä-
stärkste senz der Abgeordneten; selbst die »deutschnationalsten« trugen ihren
Fraktion im Namen fein säuberlich in lateinischen Buchstaben – öffentlich
Reichstag demonstrierten sie unter anderem für eine Einführung der »deut-
schen Schrift« – in die Anwesenheitslisten ein. Diese erhöhte Präsenz
erforderte den Ausbau einer großen Zahl von Arbeitsräumen für die
Parlamentarier.
Die Stärkung des Parlaments geschah auf Kosten des An-
sehens des kaiserlichen Hofes. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges
versammelten sich die Berliner nicht im Lustgarten vor dem Stadt-
schloß, sondern am Königsplatz vor dem Reichstagsgebäude, weil sie
das Gefühl hatten, daß das Schicksal des Vaterlandes in diesem Haus
entschieden werde. Während des Ersten Weltkrieges wurde in dem
Gebäude eine Presse- und Zensurstelle – nach dem Journalisten
Helmut Gerlach die »Lügenzentrale« – für die Kriegsberichterstattung
eingerichtet, von der alle Journalisten, die nicht an die Front gegan-
gen waren, die offiziellen Kriegsbulletins erhielten. Das Bismarck-
Denkmal vor dem Reichstag war Schauplatz der offiziellen Bismarck-
Feier am 1. April 1915. Nicht die Schloßfreiheit, nicht die Wilhelm-
straße, sondern der Königsplatz war zum Zentrum des Geschehens
avanciert. Offenbar spürte dies auch die Oberste Heeresleitung in den
letzten Kriegstagen, als sie nach Berlin telegrafierte, um für Waffen-
stillstandsverhandlungen einen parlamentarischen Auftrag zu be-

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deutsch_Inhalt_korr 08.09.2004 12:41 Uhr Seite 47

kommen. Die Bedeutung des Hauses hatte auch der SPD-Politiker Zeitgenössische
Philipp Scheidemann begriffen, als er am 9. November 1918 aus Postkarte mit
einem Fenster des Reichstagsgebäudes die Republik ausrief. Das führenden SPD-
Reichstagsgebäude verlieh seinen Worten Autorität. Und die entstan- Politikern
dene Autorität des Hauses trug auch zum Scheitern von Karl Lieb-
knechts Gegenzug am Stadtschloß bei; daß er dort fast gleichzeitig
mit Scheidemann eine Räterepublik ausrief, blieb angesichts des Ortes
ohne jegliche Wirkung.
Die ersten Tage und Wochen der Revolution sahen eine Be-
setzung des Reichstags durch die Arbeiter- und Soldatenräte. Sie hiel-
ten dort Sitzungen ab, beschlossen weitreichende Maßnahmen und
verteilten im Lesesaal Brot an die Besetzerkollegen. Der konservative
Graf von Westarp lief durch die Wandelgänge »wie ein Gebilde aus
Braunbier und Spucke«; einige der Besetzer ließen Möbel und Tep-
piche mitgehen.
Dennoch diente das Reichstagsgebäude der Nationalver-
sammlung nicht als Sitzungsort – die Volksvertreter hatten zu große
Angst vor den aufgebrachten Volksmassen und zogen es vor, in
Weimar zu tagen, während die Regierung in Berlin blieb; übrigens
wurde aus diesem Grunde die erste reguläre Luftpostverbindung in
Deutschland geschaffen. Zwar drängten die Regierungsmitglieder auf

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eine Rückkehr nach Berlin, doch mußte das Reichstagsgebäude für


1919 mindestens sechs Wochen geschlossen werden, um es zu entlausen.
Der Reichstag Erst Ende September 1919 konnte die Nationalversammlung ihre Ar-
muß entlaust beit im Reichstagsgebäude aufnehmen. 1920 wurde dann der neue
werden Reichstag gewählt.
Die zwanziger Jahre haben die Rolle des Reichstagsgebäudes
als Schauplatz der Demokratie unterstrichen, am Bau selbst ist außer
einigen Renovierungen und trotz zweier Wettbewerbe aber nichts
wesentliches geschehen. Das Gebäude wurde hauptsächlich zur
architektonischen Kulisse für Staatsakte genutzt: zur Trauerfeier für
Plenarsaal des den ermordeten Walter Rathenau 1922, für den verstorbenen Reichs-
Reichstags – präsidenten Friedrich Ebert 1925, für den verstorbenen Außenmi-
Dekoration für die nister Gustav Stresemann 1929 sowie zur Amtseinführung des
Verfassungsfeier Reichspräsidenten Hindenburg 1925. Alljährlich im August fand im
1928 Reichstagsplenum die Verfassungsfeier statt.

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deutsch_Inhalt_korr 08.09.2004 12:41 Uhr Seite 49

Die Wettbewerbe zur Reichstagserweiterung

B
ereits unmittelbar nach Gründung der Weimarer Republik war
der Raummangel zum Problem geworden. Es fehlte vor allem
an Arbeitsräumen. Thematisiert wurde dieses Problem in zahl-
reichen Reichstagsdebatten, so zwischen dem 25. Juni und 3. Dezem-
ber 1925 und am 25. März 1927. Abhilfe konnte nur ein Erweite-
rungsbau schaffen, für den nördlich des Reichstags – heute: östlicher
Teil des Paul-Löbe-Hauses – ein Grundstück von 2.270 m2 erworben
wurde. Wie kurzsichtig auch damals mit der Planung öffentlicher
Bauten umgegangen wurde, zeigt die Tatsache, daß das Grundstück
noch bis 1922 dem Reich gehört hatte. 1925
Der Erweiterungsbau sollte Platz für ein Büchermagazin von Der Reichstag
700 m2 Grundfläche, einen öffentlichen und einen Abgeordneten- ist zu klein
lesesaal sowie für Katalog-, Verwaltungs- und Abgeordnetenarbeits- geworden, um
räume schaffen. Außerdem mußten das Archiv, die Druckerei und die allen Abgeord-
Buchbinderei untergebracht werden. Der Wettbewerb wurde im Som- neten Arbeits-
mer 1927 ausgelobt, die Wettbewerbsausschreibung allerdings nicht räume zu bieten
wie 1872 und 1882 veröffentlicht.
Dieser Wettbewerb hatte viele Mängel. Zum einen sahen die
meisten Architekten die stadträumliche Situation in Reichstagsnähe
als ungelöst an und kritisierten, daß der Wettbewerb diese Mängel
nicht beheben würde. Schon vor Auslobung, im Juni 1927, veröf-
fentlichten die Architekten Hugo Häring und Hans Poelzig ihren
Vorschlag, das ganze Areal um den Reichstag repräsentativ auszu-
bauen. In Architektenkreisen war die Aufmerksamkeit groß, im
Reichstag gleich null. So schrieb das Organ des Bundes Deutscher
Architekten, »Die Baugilde«, am 10. Februar 1928: »Die Tragödie des
Berliner Opernhausumbaues nähert sich ihrem Ende, die des Reichs-
tagserweiterungsbaus beginnt. Wir schrieben in der Baugilde am 25.
September 1927 (Heft 18) bei Bekanntwerden des Wettbewerbsaus-
schreibens: ‘Das Reichstagsgebäude ist an sich schon seiner Lage
nach beiseite gestellt, ohne architektonische Bindung im Plan der
Stadt. Nun soll ein Erweiterungsbau geschaffen werden. Weil nun
zufällig dort ein Grundstück erworben werden konnte, rückt man
noch weiter ab und erweitert frisch-fröhlich in Richtung nach der
Spree. Von den Schwierigkeiten, die sich aus der verlangten Ver-

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Der Königsplatz – bindung eines Neubaues, der doch sicherlich ein moderner Bau wer-
noch mit der Sieges- den soll, mit dem Wallot-Haus durch eine Straßenüberbrückung
säule – um 1920 ergeben, sei einmal ganz abgesehen. Wäre es nicht an der Zeit, mit
dem Anstückeln aufzuhören und an derartige Bauaufgaben von
etwas weitschauenderen Gesichtspunkten als dem der einfachen
Bedarfsbefriedigung auf direktestem Wege heranzugehen? Man hätte
sich vor der Ausschreibung des Wettbewerbs zur Erweiterung des
Reichstagsgebäudes, den man nun seinen Lauf nehmen lassen muß,
und der an sich bei den Anforderungen der Aufgabe ein ganz inter-
essantes Rätselraten werden mag, zumindest mit den in der
Architektur-Ausstellung am Lehrter Bahnhof gezeigten Vorschlägen
auseinandersetzen müssen!‘«
Die Jury für den Wettbewerb bestand aus bedeutenden Archi-
tekten und Persönlichkeiten: unter anderem den Architekten Karl
Elkart, Hans Grässel, Ludwig Hoffmann, Fritz Schumacher und
Martin Wagner, Reichstagspräsident Paul Löbe, Reichskunstwart
Edwin Redslob, MdR Theodor Heuss. Sie trat am 14., 15. und 16. Ja-

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nuar 1928 zusammen und beurteilte 278 Arbeiten, alle unter Motto
eingereicht. Beteiligt hatten sich sehr bekannte Architekten, z. B. die
Wallot-Schüler Heinrich Straumer (Berliner Funkturm) und Emil
Fahrenkamp (Shell-Haus). Aber kein erster Preis, nur mehrere zweite
Preise wurden vergeben.
Ein Jahr später wurde ein beschränkter Wettbewerb ausgelobt,
diesmal mit den Preisträgern von 1928 zuzüglich einiger anderer
wichtiger Vertreter der Baukunst. Auch dieser Wettbewerb führte zu
skurrilen Ergebnissen. Aber ohne die Umgebung des Reichstags um-
zugestalten, erwies sich auch dieser Wettbewerb als unnütz. Peter
Behrens schlug vor, das »Verkehrshindernis« Brandenburger Tor zu
versetzen, auch andere, nicht weniger illusorische Vorschläge gab es.
Der Entwurf der ersten Preisträger Fahrenkamp & Heinrich de Fries
mußte aus finanziellen Rücksichten zurückgestellt werden, er blieb
nur ein Wunschtraum. 1923
Die Inflation von 1923 machte auch vor dem Reichstag nicht Durch die
halt. Der deutsch-nationale Abgeordnete Walther Lambach berichte- Inflation
te, daß die Abgeordneten viermal pro Woche wegen ihrer Diäten müssen die
anstehen mußten. Und obwohl das Haus von einem Sozialdemokra- Abgeordneten
ten – Paul Löbe – geleitet wurde, konnte Kurt Tucholsky – ein viermal in der
»Linker« – für sich und die »Weltbühne« keine Journalisten-Karte Woche wegen
bekommen, angeblich wegen, wie Löbe sagte, des zunehmenden ihrer Diäten
»Fremdenverkehrs« im Reichstag. Da der Reichstag zunehmend an anstehen
Popularität verlor, sank auch die Wertschätzung des Gebäudes bis zu
einem Punkt, da namhafte Kritiker seinen Abriß forderten.
Viele Jahre lang verhandelten die Regierungsvertreter über
eine Abfindung für den Kaiser und seine Familie. Nach der Übergabe
von Schlössern und Kunstwerken – eine Zeitschrift beschrieb den
abgedankten Monarchen als »König von Abfundien« – wurde be-
schlossen, eine der letzten Spuren der Hohenzollern aus dem
Stadtbild zu entfernen: Am 2. August 1926 wurde der »Königsplatz«
in »Platz der Republik« umbenannt. Kurz bevor der Vorhang der
Demokratie 1933 endgültig fiel, wurde auch schon eine Reichstags-
rede im Rundfunk ausgestrahlt.

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Reichstagsbrand und Drittes Reich

A
m 27. Februar 1933 brannte der Reichstag. Viel ist darüber
geschrieben worden, und vieles davon ist politisch intendiert.
Noch heute streiten Anhänger der einen wie der anderen
These verbissen um Hergang und Täter. Und nicht selten mußte und
muß der Brand als Argument herhalten – für oder gegen die Ver-
hüllung, für und wieder eine Namensänderung.
Als erwiesen gilt, daß Marinus van der Lubbe, ein arbeitsloser
Holländer, den Brand gelegt hat; ob er aber dazu von irgendeiner Seite
angestiftet wurde – in Frage kämen die Nazis und die Kommunisten
– oder ob er Helfer hatte, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt
werden. Und obwohl der Brand über sieben Jahrzehnte zurückliegt,
bleiben nach wie vor eine Reihe von Fragen offen. Der Autor hat seine
Meinung in mehreren Artikeln kundgetan: Marinus van der Lubbe
hat allein gehandelt; ihm wurde weder geholfen, noch hat man ihn
dazu angestiftet. Beweise, es seien die Nazis gewesen, gibt es nicht –
1933 nur reichlich Indizien.
Die Nazis Für Deutschland und die Welt war der Brand das Symbol für
nutzen den den Anfang der Diktatur in Deutschland. Er war wie eine Metapher
Reichstags- des kommenden Unheils, das Menetekel an der Wand. Zahlreiche
brand propa- Journalisten, Schauspieler und Intellektuelle verließen das Land dar-
gandistisch aus aufhin oder blieben im Ausland, wo sie sich gerade zufällig aufhiel-
und verfolgen ten. Bereits in der Brandnacht wurden Hunderte von Personen von
vor allem der SA festgenommen, verschleppt, interniert, mißhandelt und gefol-
Kommunisten tert. Der Brand war ein idealer Vorwand, die demokratische Presse
und Sozial- auszuschalten. Auch wenn die Nazis den Brand nicht initiiert hatten
demokraten – die Möglichkeit seiner propagandistischen Ausnutzung ergriffen sie
sofort.
Das Feuer hatte nicht alles zerstört; so blieben Bibliothek und
Archiv intakt. Doch der Plenarsaal und einige umliegende Räume
waren unbrauchbar geworden, so daß man die Sitzungen in der
gegenüberliegenden Kroll-Oper abhalten mußte, die dafür binnen
zehn Tagen notdürftig umgerüstet wurde. Der »Platz der Republik«
erhielt am 25. März wieder den Namen »Königsplatz«; freilich: die
Umbenennung wurde schon im Sommer 1932 eingeleitet, als im
Land Preußen die Rechten das Ruder in die Hand bekamen. Die Er-

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mittlungen über die Brandursache liefen von Anfang an nur in einer Der ausgebrannte
Richtung: Die Nazis versuchten, dem am Tatort verhafteten van der Plenarsaal im
Lubbe eine Beziehung zu den Kommunisten anzudichten, sie ver- Februar 1933
hafteten drei bulgarische Kommunisten, Georgi Dimitroff, Blagoi
Popoff und Vasil Taneff und den kommunistischen Abgeordneten
Ernst Torgler.
Die Nazis wollten den Prozeß zu einem Propagandaerfolg
machen und betrieben einen riesigen Medienaufwand. Im September
1933 wurden Anklage und Beweisaufnahme über Funk ausgestrahlt.
Als jedoch Dimitroff ein vehementes Plädoyer hielt, in dem er Göring
wortgewandt so in die Schranken wies, daß dieser die Nerven verlor
und ausfällig wurde – was die Welt mithören konnte –, stellten die
Propagandisten die Ausstrahlung ein, der gesamte Prozeß war für die
Nazis zum Bumerang ihrer eigenen Propaganda geworden.
Wenig bekannt ist, daß etwa die Hälfte der Prozeßtage nicht
im Leipziger Reichsgerichtshof, sondern im Reichstagsgebäude
stattfand. Dafür gab es mehrere Gründe: Es war notwendig, den Tat-
ort in Augenschein zu nehmen und mit den Brandsachverständigen

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den Brandverlauf zu rekapitulieren. Außerdem wollten weder


Göring noch Goebbels nach Leipzig kommen, nur um als Zeugen
auszusagen.
Der Ausgang des Prozesses war für die Nazis eine Blamage:
Torgler, Dimitroff und seine Freunde wurden freigesprochen; Marinus
van der Lubbe wurde zum Tode verurteilt und im Januar im Hof des
Leipziger Gefängnisses enthauptet. Genau ein Jahr nach dem Brand,
am 27. Februar 1934, trafen die drei Bulgaren mit einem Sonder-
flugzeug in Moskau ein; Stalin hatte sie zu sowjetischen Staatsbürgern
erklärt und auf ihre Freilassung – mit Erfolg – gepocht. 1993 mut-
maßte man, daß dieser Tausch auf einem geheimen Vertrag zwischen
Stalin und Hitler beruhte, aber auch dafür fehlen die Beweise. Auf
eine andere, weitreichende Folge des Prozesses muß hingewiesen wer-
den. Hitler war so erzürnt darüber, daß das Reichsgericht kein Urteil
in seinem Sinne fällte, daß er beschloß, »Volksgerichtshöfe« zu schaf-
fen, die Urteile nach seinem Rechtsempfinden fällten. Dimitroff
wurde wegen seiner Verteidigungsreden im Prozeß weltberühmt und
Generalsekretär der Kommunistischen Internationale (Komintern),
von 1945 bis zu seinem Tode in der Sowjetunion 1949 war er bulga-
1937 rischer Ministerpräsident.
Das Reichstags- Das Reichstagsgebäude selbst fristete für die restlichen elf
gebäude fristet Jahre des Tausendjährigen Reiches einen Dornröschenschlaf. Die
unter den Nazis Schäden wurden notdürftig beseitigt, das Gebäude von den Nazis
ein Schatten- weiterhin als Propaganda- und Touristenattraktion genutzt. Wäh-
dasein als rend der Olympischen Spiele 1936 durften Ausländer unter Füh-
Schauplatz pro- rung von »Kraft durch Freude« (KdF) das Haus besichtigen. Dem
pagandistischer Scheinparlament stand im alten Haus die Bibliothek und das
Ausstellungen Archiv sowie das Stenographenbüro zur Verfügung. Es fanden
Ausstellungen darin statt, wie z.B. »Der ewige Jude« oder »Bolsche-
wismus ohne Maske« (Eröffnung am 6. November 1937). Am 27.
Februar 1938, dem fünften Jahrestag des Reichstagsbrandes, eröff-
nete Reichskulturwalter Franz Karl Moraller im Reichstag die Aus-
stellung »Entartete Kunst«, die Ausstellung selbst fand im benach-
barten »Haus der Kunst«, ehemals Japanische Botschaft, ehemals
Palais Pourtalès, Königsplatz 4, statt.
Nach Hitlers Willen war das Gelände um den Reichstag als
nördliches Ende der Nord-Süd-Achse – die im Süden bis zum
Triumphbogen am Flughafen Tempelhof reichte – im gigantomanen
Umbau Berlins zur Welthauptstadt »Germania« vorgesehen. Bau-
licher Endpunkt sollte die »Große Halle des Volkes« von Albert Speer
mit einer Kuppelhöhe von 290 m werden, die dem Reichstagsgebäude
und dem Brandenburger Tor die relative Größe einer Außentoilette
zugewiesen hätte. 1938 begannen die Abrißarbeiten. Die meisten

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alten Bauten im Spreebogen wurden abgerissen und die Siegessäule 1945 liegt der Reichs-
und die Denkmäler von Bismarck, Moltke und Roon zum großen tag inmitten einer
Stern verlegt, wo sie am Vorabend von Hitlers 50. Geburtstag am 20. Kriegslandschaft
April 1939 eingeweiht wurden.
Hitlers Krieg bedeutete auch das Ende dieser Pläne. Die
Wehrmacht ließ zwei Ecktürme des Reichstagsgebäudes zu Flakstel-
lungen ausbauen sowie einen Bunker nördlich des Reichstags er-
richten. Hier fertigte die AEG Funkröhren, im Keller legte man die
Wehrmedizinische Zentralkartei an, später wurden ein Lazarett und
eine Entbindungsstation dort eingerichtet, wo zwischen August 1943
und Februar 1945 ca. 80 Menschen zur Welt kamen. 1939
Wegen Speers Plänen mußten Archiv und Bibliothek des Der Reichstag
Reichstags ausgelagert werden. Das Archiv kam in ein Haus in der wird als Flak-
Bellevuestraße gegenüber dem Volksgerichtshof von Roland Freisler, stellung, später
die ca. 400.000 Bücher in ein Depot in der Weinmeisterstraße. Doch als Lazarett
beide konnten nicht gerettet werden. Das Archiv in der Bellevue- genutzt
straße wurde am 3. Februar 1945 von einer Brandbombe getroffen
und gilt als vernichtet. Das Büchermagazin in der Weinmeisterstraße
überstand zwar das Bombardement Berlins, nicht aber den Waffen-
stillstand: Am 2. Mai 1945, als in Tempelhof General Hellmuth von
Weidling die Kapitulationsurkunde unterzeichnete, traf eine Brand-
bombe das Haus und, da die Feuerwehr abgezogen worden war, ver-
nichtete sie fast alle Bücher; nur 20.000 konnten gerettet werden.
Anfang der fünfziger Jahre wurden sie durch das Zentralantiquariat
der DDR in alle Welt verkauft.

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Das Reichstagsgebäude hatte inzwischen eine Symbolkraft erlangt,


die mit seiner Funktion nichts mehr zu tun hatte. Als der Krieg zu
Ende ging, sah die Sowjetunion – obwohl sich hier keine Regierungs-
zentrale befand – eine bedeutende Symbolwirkung in der Einnahme
des Hauses, auf das sich gegen Kriegsende noch einmal eine gewalti-
ge Feuerkraft konzentrierte. Nicht auf der Reichskanzlei, sondern hier
wurde das »Banner des Sieges« am letzten Apriltag 1945 gehißt.
Warum dieses Symbol? Vielleicht deswegen, weil andere Machtsym-
bole Deutschlands in der UdSSR unbekannt waren; das Parlaments-
gebäude war durch den Reichstagsbrandprozeß und die darauffol-
gende Heroisierung Dimitroffs in der sowjetischen Öffentlichkeit sehr
bekannt geworden, die neue Reichskanzlei – erst im Januar 1939 ein-
1945 geweiht – überhaupt nicht.
Die rote Fahne Legendenbildung in unserer Zeit braucht Bilder, koste es, was
auf dem es wolle. So ist das berühmte Foto der Ledernacken, wie sie die US-
Reichstag wird Flagge auf der Pazifikinsel Iwo Jima hissen, nachgestellt. Ähnliches
zum Symbol des läßt sich über das Foto, das US-Soldaten und Rotarmisten beim
Sieges über Handschlag auf der Torgauer Brücke zeigt, sagen. Und wiederum für
Hitlers das Foto, das einen Rotarmisten beim Hissen der Roten Fahne am
Deutschland Reichstag zeigt.
Galt es bis 1995 als sicher, welches Foto der Flaggenhissung
echt und welches unecht sei, gibt es zur Zeit mehrere Versionen. Eine
besagt: Um den Sieg über Deutschland zu demonstrieren, wollte
Stalin in der Prawda vom 1. Mai 1945 unbedingt ein Foto haben, das
die Rote Fahne auf dem Reichstagsgebäude zeigt. Die Fahne sei von
zwei Rotarmisten, dem Georgier Meliton Kantarija und dem Russen
Mikhail Jegorow, getragen und nach oben gebracht worden.
Fotografiert wurde die Szene aus einem gekaperten Flugzeug von
dem sowjetischen Fotografen Viktor Tyomin. Noch in der Nacht
zum 1. Mai sei das Foto nach Moskau geflogen und in der Ausgabe
der Prawda am 1. Mai 1945 abgedruckt worden; dieselbe Maschine,
die Fotograf und Foto nach Moskau flog, habe die frisch gedruckten
Zeitungen nach Berlin zurück gebracht. »Ein Geschenk für Josef
Stalin.« Doch das erste Foto erschien am 3. und nicht am 1. Mai. Es
zeigt einen Rotarmisten, der die Rote Fahne hält. Erst in jüngster Zeit
sind die Begleitumstände des Fotos bekannt geworden.
Mehrere Bücher zeigen Varianten des Fotos. In einer hält der
Soldat die Flagge, er blickt ostwärts, unter ihm, auf der Straße, sind
Menschen und Fahrzeuge zu sehen. Eine andere Variante zeigt den-
selben Soldaten, aber er blickt in Richtung Westen. Eine weitere
Variante zeigt ihn und einen anderen Soldaten, der ihn am Fuß hält.
Die Aufnahmen stammen von dem Russen Jewgenij Chaldeij. Im
Januar 1994 sagte der 1996 Verstorbene, daß er das Foto am 2. Mai

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1945: Auf dem


Reichstag weht die
Rote Fahne

geschossen habe. Die Soldaten seien andere gewesen als jene des
Tyomin-Fotos. Und die Fahne sei seine eigene gewesen, nicht die, die
sich mittlerweile im Militärmuseum Moskau befindet. Über die ver-
schiedenen Versionen seines Bildes sagt er nichts, aber es gibt Ge-
rüchte, wonach sich bis zu 20 Fotografen zur gleichen Zeit auf der
Kuppel des Reichstagsgebäudes befunden haben sollen. Außerdem ist
bekannt geworden, daß diejenigen, die die Fahne trugen, ganz anders
hießen. Ein weites Feld...

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Reichstag und Kalter Krieg

N
ach Kriegsende rückte das Reichstagsgebäude erneut in den
Vordergrund, paradoxerweise als Hintergrund für Demon-
strationen, denn das ganze Feld davor war bereits durch
Albert Speers Abrißaktionen groß genug geworden, um eine halbe
Million Menschen zu fassen. Am 17. Juni 1948 erhielt das »Feld« wie-
der den Namen »Platz der Republik«. Und am 9. September 1948 de-
monstrierten auf dem Platz vor dem Reichstag mehrere Hundert-
tausend Berliner gegen die Blockade der Stadt. Oberbürgermeister
Ernst Reuter sagte hier seine berühmt gewordenen Sätze: »Ihr Völker
1948 der Welt... schaut auf diese Stadt!«
Ernst Reuter Was aber sollte aus der Ruine werden? Sollte man das Reichs-
spricht die tagsgebäude wieder aufbauen, und wenn ja, zu welchem Zweck? Es
berühmt gewor- gab nicht wenige Stimmen, die einen Abriß des alten Parlaments-
denen Sätze: hauses energisch befürworteten, darunter führende Mitglieder des
»...schaut auf Deutschen Werkbundes, dessen Gründer Hermann Muthesius, Peter
diese Stadt!« Behrens, Wilhelm Kreis und Theodor Fischer zum Teil ihr Handwerk
bei Paul Wallot gelernt hatten. Einige Politiker – unter ihnen Eugen
Gerstenmaier, Jakob Kaiser, Willy Brandt und Herbert Wehner – setz-
ten sich jedoch für einen Wiederaufbau ein. Auch Berlins Regierender
Bürgermeister Ernst Reuter und der Beauftragte für den Wiederaufbau
Berlins, Hans Scharoun, waren dafür, obwohl keiner mit Bestimmt-
heit hätte sagen können, ob das Haus je wieder als Parlamentsge-
bäude verwendet werden würde – schließlich hatten die Alliierten
Auferstanden aus untersagt, daß Berlin Hauptstadt und damit Sitz von Parlament und
Ruinen... Regierung der Bundesrepublik Deutschland sein sollte. Während
diese Auseindersetzung noch anhielt, wurde jedoch bereits mit der
Enttrümmerung begonnen. Substanzuntersuchungen ergaben, daß
ein Wiederaufbau möglich war. Doch war dieses Gutachten nur rela-
tiv: Als 1952 in der Reichstagsruine der Film »Die Spur führt nach
Berlin« gedreht wurde, lösten sich Steine am Kuppelring; eine Unter-
suchung der Kuppelkonstruktion signalisierte Einsturzgefahr; 1954
wurde die Kuppel gesprengt. Ein Jahr später bewilligte man weitere
Mittel für den Wiederaufbau.
Inzwischen war der Kalte Krieg in seine heiße Phase getreten.
Die DDR hatte Ost-Berlin zur »Hauptstadt der DDR« erhoben. Wäh-

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rend im Westteil der Stadt 1957 ein Wettbewerb »Hauptstadt Berlin« Der Platz vor
ausgelobt wurde, dessen Schwerpunkt auf den Bezirken Mitte (Ost) dem Reichstag nach
und Tiergarten (West) lag, lobte die DDR-Staatsführung nur für ihren Kriegsende
Stadtteil den »Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des
Zentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin« aus. Während der »West«-
Wettbewerb keine umsetzbaren Ergebnisse zeitigte – dafür hätte es
auch realiter einer Gesamtstadt bedurft –, ging man im Osten forsch
ans Werk. Als Demonstration des politischen Willens des Westens, an
einem in »Freiheit wiedervereinigten Deutschland« festzuhalten,
schien das Reichstagsgebäude ein geeignetes Objekt – der Ausbau
bzw. Wiederaufbau wurde beschlossen.
1957 setzte die Bundesbauverwaltung (BBV) ein Stück der
Westfassade instand. Mit der Behauptung, für das ursprüngliche Ge-
bäude seien »Schnörkeleien« nicht vorgesehen gewesen, und der
Architekt habe sie auf »höchsten Wunsch« anbringen müssen, schlu-
gen die Arbeiter die Ornamente ab. Weder die Tatsachenverdrehung
noch der brutale Umgang wurden kritisiert; die meisten Kunstwerke
im Hause und an der Fassade verschwanden. Als 1964 das Buch »Die
gemordete Stadt« von Wolf Jobst Siedler, Elisabeth Niggemeyer und
Gina Angreß erschien, war der Bezug auch zum Reichstag unver-
kennbar.

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Im Februar 1960 lobte der Minister für wirtschaftlichen Besitz des


Bundes einen Wettbewerb unter zunächst zehn Architekten aus, u.a.
Rudolf Schwarz, Paul Baumgarten, Wassili Luckhardt und Dieter
Oesterle. Nicht etwa für das gesamte Haus und auch nicht nur für den
Plenarsaal wurde zur Teilnahme aufgefordert, sondern – vorsichtiger
gehts nimmer – zur »Erlangung von gutachterlichen Entwurfsvor-
schlägen für die Gestaltung der Haupteingangs- und Wandelhallen
sowie der Repräsentationssäle im Westflügel«. Das Gebäude sollte
»nach seiner Wiederherstellung parlamentarischen Zwecken dienen
und architektonisch dazu beitragen, die Idee des Gemeinsamen und
die Kraft der Demokratie zu fördern«, hieß es im Baumgarten-Katalog,
der Akademie der Künste von 1984.
»Nicht Gesellschaftsräume mit Monumentalcharakter, son-
dern eine Stätte der Begegnung war zu schaffen, in der sich die
Tradition des parlamentarischen Lebens und seiner gesellschaftlichen
Formen entwickeln kann«. Schon wieder ein Reichstagswettbewerb
mit Mängeln: »Die große Schwierigkeit für die Bearbeiter lag nun
darin, daß sie in den Westflügel des alten Wallotbaues gewissermaßen
‘Vorräume’ einbauen sollten, ohne zu wissen, was einmal in den übri-
gen Teilen des Baues geschehen wird.« Aus zehn wurden sechs, aus
sechs wurden drei, die »in aller Stille« zur Vorstellung ihrer Entwürfe
nach Bonn eingeladen wurden. Baumgarten berichtete von der Vor-
stellung in Bonn; Gerstenmaier, Scharoun, Edgar Wedepohl und
andere waren anwesend: »Vorträge – Schwarz, eine faszinierende
Rede, die Gerstenmaier derart begeisterte, daß er aufstand und sich
bei Schwarz bedankte. Auch Luckhardt und mir gefiel seine Rede und
1961 auch sein Entwurf. Die Lage schien geklärt.«
Unter Paul Doch Baumgarten gewann und nahm den Auftrag nur unter
Baumgarten der Bedingung an, »daß ich nicht nur die Repräsentationsräume
beginnt der baue, sondern auch den Plenarsaal und die Osthalle... Meine allseiti-
Wiederaufbau ge Anerkennung nutzte ich, es ging sogar soweit, daß ich nicht nur
des Reichstags den Entwurf änderte, sondern auch fertiggestellte Bauteile wieder
– als künftiger abreißen ließ.« Günther Kühne brachte das Problem auf den Punkt:
Parlamentssitz? »Der Entwurf Baumgarten zeigt zweifellos, daß der Innenausbau
nicht der Quasi-Wiederherstellung des Äußeren zu entsprechen
braucht. Aber zieht damit nicht die Gefahr herauf, daß eines Tages
ein gesamtdeutsches Parlament doch im ›polierten‹ Wallotbau tagen
wird? Soll denn wirklich unsere künftige Demokratie durch diesen
Bau repräsentiert werden?«
Für den Plenarsaal mußte Baumgarten die langgestreckte
Wandelhalle entfernen; der Saal geriet mehr als doppelt so groß als
der Wallotsche, dessen Fläche 640 m2 maß, die des Baumgartensaals
1.396 m2. Nur für 520 Abgeordnete – weniger als 1932 – sollte Platz

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sein. Stillschweigend ging man auch davon aus, daß im Plenarsaal die Der Wiederaufbau
Bundesversammlung tagte, wofür 1.040 Plätze benötigt würden. beginnt zunächst mit
Baumgarten hat es nicht leicht gehabt. Günther Kühne zitier- einem Abbau
te ihn: »Der Wiederaufbau begann damit, daß man zunächst abbau-
te. Nicht nur die Kuppel (zum Glück aus Sicherheitsgründen), son-
dern auch mit einer konsequent durchgeführten Bereinigung der Fas-
sade. (Die Bundesbaudirektion erklärte, daß Wallot nur widerwillig
die Ornamente angebracht hatte). So wurden die Figuren, die auf den
Ecktürmen standen, nicht wiederaufgestellt, obwohl sie im Kriege vor
dem Umbau des Reichstagsgebäudes zum Flakturm wohlbehalten
abgenommen und eingelagert worden waren. Beschädigte ornamen-

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tale und figürliche Teile der Fassade wurden nicht etwa ausgebessert,
sondern der Einfachheit halber einfach beseitigt und der Ordnung
halber auch gleich die unbeschädigten Teile. Das Beste des Reichs-
tages wurde gerupft.«
Natürlich kann Baumgartens Ausbau nicht an heutigen Maß-
stäben gemessen werden. Er gab sein Bestes und befriedigte offen-
sichtlich ein diffuses Gefühl unter Politikern und Publizisten, daß,
wenn bauliche Tatsachen geschaffen werden, sich alles zum besten
wende. Unter anderem wurde aber nicht einmal in Rechnung ge-
stellt, daß die gewünschte Wiederherstellung der Einheit Deutsch-
lands – damals hieß die Parole »Dreigeteilt – niemals!« – eine Er-
höhung der Abgeordnetenzahl zur Folge haben würde. Trat also das
ein, was man zu erreichen hoffte, mußte der Bau noch einmal umge-
baut werden. Doch zunächst geschah das Gegenteil: Ein gutes halbes
Jahr nach dem Siegesspruch vom Januar 1961 wurde mit dem Bau
der Berliner Mauer die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung in
1961 weite Ferne gerückt.
Der Bau der Wie vor ihm Wallot machte auch Baumgarten die Erfahrung,
Berliner Mauer daß nicht leicht zu bauen ist, wenn einem mehrere hundert Bau-
drängt das herren über die Schulter gucken. Allerdings waren Baumgartens Peini-
Reichstags- ger nicht so sehr die MdBs, sondern die Bundesbauverwaltung bzw.
gebäude ins -direktion. Sie setzte ihm derart zu, daß er sich veranlaßt sah, sich von
»Grenzgebiet« seiner Schöpfung zu distanzieren: »Zunächst: Ich habe den Reichstag
nicht wieder aufgebaut. So wie er heute [1982] dasteht, ist er das Werk
der Bundesbaudirektion. Einer seiner Präsidenten legte auch, wohl
ohne zu wissen, was er sich damit antut, immer größten Wert darauf,
bei Veröffentlichungen hinzuweisen: Gesamtleitung Bundesbaudirek-
tion. Diese Feststellung ist gar nicht nötig, man sieht es auch so... Es
ist nicht mehr mein Reichstag. Meine Ideen sind nicht mehr erkenn-
bar. Wenn ich meine Entwurfsgedanken schildere – etwa von der
großen Raumidee innerhalb der Ruine und wenn sich das dann einer
ansieht, stellt er dort fest: ›das ist doch gar nicht wahr‹. Ich muß also
gleichzeitig von Verunstaltung sprechen, und dann geht das Theater
wieder los.«
Obwohl Baumgarten für die Wiederherstellung der Kuppel
eintrat, konnte er gegen die »Räte« nichts ausrichten; ab September
1966 bestand sein Vorschlag nur noch darin, die alte Kuppelform als
Silhouette nachzuempfinden. Es scheint allerdings, daß die Inge-
nieure die Möglichkeit einer »Kuppeloption« nicht verbaut hatten:
»Jedoch wurden von der technischen Oberleitung in Verbindung mit
dem Statiker die technischen und konstruktiven Voraussetzungen
bereits bei der Gründung der Neubauteile geschaffen, um einen
eventuellen späteren Aufbau einer Kuppel ohne Eingriff in die Sub-

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stanz zu ermöglichen«, so der Ingenieur Heinz Raack. Wie auch Luftaufnahme der
immer – die »Kuppelfrage« scheint am 13. Februar 1967 von Hans Reichstagsbaustelle
Scharoun endgültig begraben worden zu sein. im Mai 1963
Weder der Innenausbau noch die Reihe von Inbetriebnah-
men ab 1963, noch die Sitzungen von Ausschüssen und dem Älte-
stenrat beendeten die Diskussion über eine Zweckbestimmung. Im
Gegenteil, die Fertigstellung brachte die politisch Verantwortlichen in
Verlegenheit, denn sie hatten noch immer keine zwingende Nutzung
für das Gebäude gefunden. So entstand unter der fachlichen Leitung
des Historikers Lothar Gall und aufgrund des künstlerischen Kon-
zeptes von Claus-Peter Gross zunächst die Ausstellung »Fragen an die
deutsche Geschichte«, die im Gedenken an den 100. Jahrestag der
ersten Reichstagssitzung am 21. März 1971 eröffnet wurde. Drei Jahre
später wurde sie zu einer Dauerausstellung erklärt, die bis zur
Schließung bzw. dem Umzug 1994 in den »Deutschen Dom« am
Gendarmenmarkt von über 10 Millionen Personen besucht wurde.
Aus politischen Gründen war es nicht möglich, Bundestags-
sitzungen, die Bundesversammlung oder Sitzungen des Bundesver-

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teidigungsausschusses im Reichstag abzuhalten. Im Haus wurden bis


zum Untergang der DDR nur Konferenzen, Sitzungen, Tagungen von
Gremien, Fraktionen, Kommissionen usw. abgehalten.
Die Geschichte des Hauses zwischen 1971 und 1989 war
durch Diskussionen und Handlungen zu zwei Themen gekennzeich-
net: Nutzung und Kuppel. Schon wenige Wochen nach Eröffnung der
Ausstellung 1971 flammte die Diskussion über eine sinnvolle Nut-
zung des Hauses wieder auf. Diese Diskussion fand hauptsächlich in
der Berliner Presse statt – und veranlaßte den Autor dieses Buches,
eine Postkarte an Christo zu schicken und ihm vorzuschlagen, das
Reichstagsgebäude zu verhüllen.
Dennoch blieb das Gebäude eine Herausforderung. Vorschlä-
ge zu seiner Nutzung – Sitz der Nationalstiftung, Sitz des Kammer-
gerichts, des Berliner Parlaments bis hin zu einem Spielcasino –
tauchten regelmäßig auf und wurden regelmäßig ad acta gelegt. Der
Bundestag durfte nicht im Plenum tagen, bestenfalls nur Ausschüsse,
und von diesen auf keinen Fall der Verteidigungsausschuß. Der Ver-
such, 1969 eine Bundesversammlung abzuhalten, wurde von sowje-
tischen Fliegern gründlich gestört.
Seit dem Ende der siebziger Jahre diskutierte man, ob es sinn-
voll bzw. wünschenswert sei, die alte Kuppel wieder zu installieren.
Anfang 1985 regten die Berliner Architekten Kohlmaier & Sartory an,
mit den noch vorhandenen originalen Kuppelplänen die Kuppel
wiederaufzubauen und anders zu nutzen. Ihnen wurde entgegenge-
halten, daß eine Kuppel heute keine Funktion mehr habe, im schein-
baren Gegensatz zur Zeit ihrer Entstehung. Kohlmaier & Sartory
argumentierten, daß die Kuppel von jeher nur eine Funktion gehabt

Die imposanteste
Wendeschleife Berlins
– der 69er Bus bringt
die Touristen bis
zum Hauptportal.
Aufnahme 1976

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hätte, nämlich eine städtebauliche, um das Gebäude in der Stadt- Der Plenarsaal im
silhouette besser zu markieren. Und obwohl sie ausrechneten, daß ersten Obergeschoß.
die reinen Kosten unter zehn Millionen DM liegen würden, igno- Aufnahme vom
rierte man ihre Idee. Dezember 1972
Dennoch hatten sie mit ihrem Vorschlag das Interesse des
Berliner Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz, damals
Dr. Volker Hassemer, geweckt, der es mit dem Bundestagspräsidenten
Philipp Jenninger erörterte. Zunächst tat und sagte Jenninger nichts.
Die Sache schien vergessen. Am 6. und 7. Oktober 1988 wurde je-
doch auf einer Tagung des International Council on Museums and
Sites (ICOMOS) an der Technischen Universität zu Berlin bekannt,
daß der Kölner Architekt Gottfried Böhm, der als Hauptredner zum
Thema »Das Baudenkmal in der Hand des Architekten« sprechen
würde, von Jenninger den Auftrag zum Entwurf einer Kuppel erhal-
ten hatte. Kurios, daß er darüber keine Auskunft zu geben bereit war.
Und noch kurioser, daß von Kosten über 250 Millionen DM die Rede
war, daß Jenninger nicht mit Kohlmaier & Sartory gesprochen hatte
und offenbar nichts an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Mit dem
Rücktritt Jenningers vier Wochen später war das Thema vom Tisch.
Das Thema Reichstagsgebäude verschwand von der Tagesordnung –
ein Jahr lang war es kein Thema. Bis am 9. November 1989 die Ber-
liner Mauer fiel.

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Von 1989 bis zur »Berliner Republik«

M
it dem Untergang der Deutschen Demokratischen Re-
publik änderte sich buchstäblich alles in der bisherigen
Geschichte. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bun-
desrepublik bei, und bereits am nächsten Tag fand im Reichstag die
erste ordentliche Sitzung des neuen gesamtdeutschen Parlamentes
statt. Diese Sternstunde – nicht nur der Einheit wegen – eines deut-
schen Parlamentes wurde genau das Gegenteil dessen, was man
erhofft hatte; der Tag verlief so chaotisch, daß sich viele Abge-
ordnete in ihrer Abneigung gegen Berlin bestärkt fühlten. Reise-
arrangements, Kommunikation, ja die Sitzung selbst waren so
schlecht organisiert, daß die Abgeordneten zunächst das Reichs-
tagsgebäude selbst, schließlich die Stadt Berlin dafür verantwortlich
machten.
Dabei war es die erste Sitzung eines gesamtdeutschen demo-
kratisch gewählten Parlaments seit dem 9. Dezember 1932. Für die
144 Abgeordneten der Volkskammer, die jetzt im Bundestag saßen,
mußten die Stühle zusammengerückt werden. Als Alterspräsident
fungierte Willy Brandt. Erster Lichtblick: Am 10. Oktober beschloß
der Haushaltsausschuß, die Regierung zu bitten, auch für die Unter-
bringung des Bundestages in Berlin Sorge zu tragen.
Gemessen an Anspruch und Selbstverständnis befand sich der
Bundestag mit einemmal in einer Zwickmühle, war doch einer seiner
Leitsätze: »Die leitenden Bundesorgane verlegen ihren Sitz in die
Hauptstadt Deutschlands, Berlin, sobald allgemeine, freie, gleiche,
geheime und direkte Wahlen in ganz Berlin und in der Sowjetischen
Besatzungszone durchgeführt sind.« Diese und ähnliche Bekennt-
nisse waren jahrelang gebetsmühlenartig wiederholt worden. Noch
im Frühjahr 1989 schrieb der Bonner Oberbürgermeister Hans
Daniels in seinem Geleitwort zum Katalog der großen Ausstellung
»Hauptstädte – Zentren, Residenzen, Metropolen in der deutschen
Geschichte«, daß Bonn nur ein Provisorium sei: »Die Hauptstadt
Bonn ist aber auch ein Zeichen dafür..., daß die Bundesrepublik
Deutschland sich selbst als nicht endgültig empfindet, daß unser Ziel
die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit mit
Berlin als Hauptstadt ist.«

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Zu dumm, daß dies nur wenige Monate vor dem »Ernstfall« vom 9.
November 1989 geschrieben worden war.
In Bonn herrschte von einem Tag zum anderen ein beklem-
mendes Gefühl: »Was wird aus uns, wenn Berlin Hauptstadt wird?«
Und so bugsierte die westdeutsche Verhandlungsdelegation den
Passus in den zwischen Wolfgang Schäuble und Günther Krause aus-
gehandelten Einigungsvertrag: »Die Hauptstadt Deutschlands ist
Berlin. Die Frage des Sitzes von Parlament und Regierung wird nach
der Herstellung der Einheit Deutschlands entschieden.« Es sollte wie
eine holländische bzw. südafrikanische bzw. australische Lösung aus-
sehen – nur in jenen Ländern sind Parlament und Regierung in zwei
verschiedenen Städten untergebracht. Und im übrigen sagte der Ver-
trag nicht, wer eigentlich diese Entscheidung treffen sollte.
Mit dem Vollzug der staatlichen Einheit brach das aus, was
man »Hauptstadtstreit« nennen sollte. Willy Brandt warnte vor »Eti-
kettenschwindel«. Doch ehe man sich für eine Hauptstadt endgültig
entschied, ging es erst einmal darum, Entscheidungen für die Zukunft
des Bundestages und des Reichstagsgebäudes zu treffen. Bereits am
6. September 1990 beschloß der Ältestenrat, die Bundestagspräsiden-
tin Rita Süßmuth zu bitten, »dafür Sorge zu tragen, daß die Voraus-
setzungen für die Arbeitsfähigkeit des Deutschen Bundestages in
Berlin verbessert und hergestellt werden«. Daraufhin bat die Bundes-
tagspräsidentin am 25. September das Bundesfinanzministerium
»vorsorglich verfügbare Bürogebäude und Grundstücke in der Nähe
des Reichstagsgebäudes vorrangig für den Deutschen Bundestag vor-
zumerken«. Dabei ging man von einer Raumstudie aus, die dem Bun-
destag 185.000 m2 für die vorläufige Unterbringung und 225.000 m2
für die volle Arbeitsfähigkeit in Berlin zubilligte.
Im März 1991 behandelte das eigens für einen eventuellen
Umzug gegründete »Informations- und Beratungsgremium« die im
Februar fertiggestellte Untersuchung »Unterbringung«. Gleichzeitig
beschloß der Berliner Senat, so schnell wie möglich verbindliche
Konzepte für die Hauptstadtwerdung zu bestellen. Grundlage waren
die Liegenschaften in Berlin, die dem Bund bereits gehörten. Zwei
Lösungen der »Unterbringung« wurden ins Gespräch gebracht: eine
bescheidene, in der das Reichstagsgebäude nicht umgebaut, aber ar-
beitsfähig gemacht werden sollte, würde 1,4 Milliarden Mark erfor-
dern; ein Umbau käme auf rund 2 Milliarden Mark; beide Varianten
würden acht Jahre dauern.
Noch in der heißen Phase der Hauptstadtauseinandersetzung
sammelte der Bundestag Erfahrungen mit dem Reichstagsgebäude. So
fanden am 14. Mai 1991 eine Sitzung des Bundestages und am
19. Juni ein KSZE-Gipfeltreffen statt. Dabei stellte sich heraus, daß die

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Probleme weniger das Gebäude als die Organisation betrafen. Ein-


hellig war man der Meinung, der Reichstag biete – bis auf die fehlen-
1991 den Fraktionssäle – genügend Platz.
Der Bundestag Am 20. Juni 1991 entschied der Bundestag über die Frage, wo
entscheidet sich Parlament und Regierung zuhause sein sollten. Der Antrag »Voll-
für Berlin als endung der Einheit Deutschlands« siegte knapp mit 338 zu 320 Stim-
Sitz von men, wofür letztlich das Argument, Berlin als Sitz von Parlament und
Parlament und Regierung werde dem Osten einen gewaltigen Schub hinsichtlich
Regierung Wirtschaft und Selbstwertgefühl vermitteln, den Ausschlag gegeben
haben mochte.
Zunächst wehrte sich Bonn gegen die Entwicklung. Gleich-
zeitig setzte sich jedoch eine gewaltige »Umzugsmaschinerie« in
Gang. Mehrere Kommissionen wurden gebildet, der Bundestag grün-
dete eine »Konzeptkommission«, die den Umzug koordinieren sollte;
eine »Föderalismuskommission« erörterte Fragen der Verteilung von
Ministerien und Behörden zwischen Bonn, Berlin und den neuen
Ländern; in der Abteilung »Berlin/Bonn« formulierte die Regierung
selbst die Probleme aus ihrer Sicht; hinzu kamen eine Bau-, eine
Sozial- und eine Personalkommission.
Freiwillig wollte sich Bonn von keinem Ministerium, keinem
Arbeitsplatz und keiner Behörde trennen. Seit dem Einigungsvertrag
fanden auf dem Bonner Marktplatz jeden Donnerstag Demonstra-
tionen gegen den Umzug nach Berlin statt. Und auf einmal entdeck-
ten die Bonner auch die magische Wirkung von Zahlen aufs deutsche
Gemüt – 80 Milliarden würde schließlich der Umzug kosten! Alles,
was besagte Gremien berieten, stand unter diesem Effekt von Kosten,
Dauer, Effektivität; die Frage Bonn oder Berlin beherrschte die
Atmosphäre aller Beratungen von 1991 bis zum bereits praktizierten
Umzug 1999. Tausende von Zeitungsartikeln und über ein halbes
Dutzend Bücher beschäftigten sich mit dem Problem. Das Fernsehen
erhob es gar zu einer Schicksalsfrage der Nation. Ältestenrat und
Baukommission berieten vorrangig, ob nun der Bundestag im Reichs-
tagsgebäude oder woanders tagen sollte, wobei sich bis auf Peter Con-
radi, MdB und früherer Architekt und Stadtbaurat in Stuttgart, alle
Mitglieder einig waren, den Reichstag als Plenargebäude auszubauen,
was sich auch in der Votierung vom 30. Oktober 1991 mit 15 zu 1
Stimmen für das Reichstagsgebäude zeigte.
Am 28. Oktober 1991 konstituierte sich unter ihrem Vorsit-
zenden Dr. Dietmar Kansy eine neue Baukommission von 17 Mit-
gliedern, die immerhin bis zum 2. September 1998 111 Sitzungen
bewältigte. Die Probleme waren allerdings auch immens. Sie reichten
Verhüllter Reichstag vom Hin und Her über die Definition von »Arbeitsfähigkeit« der
1995 > Bundestagsverwaltung bis zur Planung von Wohnräumen. Man be-

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handelte bzw. betreute Probleme und Bereiche wie den internatio-


nalen städtebaulichen Ideenwettbewerb Spreebogen, den Umbau des
Reichstags einschließlich der Einsetzung einer Behörde, der Bun-
desbaugesellschaft Berlin (BBB), Entscheidungen über Häuser und
Räume – so das Jakob-Kaiser-Haus, das Paul-Löbe-Haus, das Marie-
Elisabeth-Lüders-Haus –, eine Kindertagesstätte, die Sicherung von
Grundstücken, den Ausbau des ehemaligen Außenhandelsministeri-
ums, des ehemaligen Ministeriums für Volksbildung, der ehemaligen
Häuser I und III des Innenministeriums, des ehemaligen Justizmini-
steriums, der ehemaligen Akademie der Pädagogischen Wissen-
schaften, die Erarbeitung eines Verkehrskonzeptes, die Erarbeitung
eines Energiesparkonzeptes, die Bewerkstelligung von umzugsbe-
dingtem Wohnungsbau, Mitarbeit bei der Aufstellung des Bebau-
ungsplanes und des Planfeststellungsverfahrens und, und, und...
Das einzige, womit die Baukommission nicht beschäftigt war, betraf
1995 die Verhüllung.
Die Verhüllung Im Sommer 1995 fand die Verhüllung des Reichstagsge-
des Reichstags bäudes statt, womit die Künstler Christo und Jeanne-Claude ihren
wird zum fröh- großen Traum realisierten. 1971 hatte sie der Verfasser per Postkarte
lichen Volksfest dazu angeregt. Vorausgegangen waren 23 Jahre zähen Kampfes mit
Bundestagspräsidenten und -innen, verschiedenen Regierenden
Bürgermeistern von Berlin und Politikern aller Parteien und Cou-
leur. Die Entscheidung für das Projekt fiel im Bundestag in Bonn am
25. Feburar 1994 mit großer Mehrheit. Am 17. Juni 1995 begannen
Christos »Jünger« mit dem Abrollen der großen Stoffbahnen; voll-
endet war die Verhüllung am 27. Juni – und so blieb sie bis zum
7. Juli 1995. Das Kunstwerk wurde von mehr als fünf Millionen
Menschen gesehen und war einer Umfrage zufolge 96 % der erwach-
senen Deutschen bekannt.
Zur Klärung strittiger Fragen hielt der Bundestag am 14./15.
Februar 1992 im Reichstag ein Kolloquium ab, als dessen hauptsäch-
liches Ergebnis zwei Wettbewerbe ausgelobt wurden. Zunächst ein
»städtebaulicher Ideenwettbewerb« für die Gegend um Reichstag und
Spreebogen sowie ein Architekturwettbewerb »Umbau Reichstags-
gebäude zum Deutschen Bundestag«. Wenige Wochen später stellte
die Bundesbaudirektion das Bauprogramm vor. Die Auslobung fand
am 26. Juni 1992 im Reichstagsgebäude statt. Auch das ein Wett-
bewerb mit Mängeln.
Kritisiert wurde die widersprüchliche Auslobung: Ein Teil des
Ausschreibungstextes besagte, daß sich die Teilnehmer bei der Sitzan-
ordnung an dem neuen Bundestagsplenarsaal in Bonn orientieren
sollten; ein anderer, daß die Frage der Raumgestaltung frei zu lösen sei.
Ähnlich wurde die Frage der Kuppel behandelt. Dagegen enthielt die

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Auslobung seitenweise eine »Dienstvereinbarung über den Einsatz von


Informations- und Kommunikationstechniken«, in der selbst vom
Winkel eines PC-Monitors und seiner Blendung die Rede war – in die-
sem Stadium des Wettbewerbs für die Architektur geistige Makulatur.
Dagegen war die Jury hochkarätig: Neben Vertretern des
Bundestages – Rita Süßmuth, Peter Conradi, Dietmar Kansy – gehör-
ten ihr namhafte Architekten an, darunter der Brite Richard Rogers,
die Deutschen Karljosef Schattner, Gerhart Laage und Hans Kollhoff
sowie die Schweizer Katharina Steib und Dolf Schnebli. Auch der
Verfasser wirkte als sachverständiger Historiker mit. Zum Wettbewerb
eingeladen waren auch bekannte Architekten aus dem Ausland, unter
anderem Santiago Calatrava, Sir Norman Foster, Pi de Bruijn, Hans
Hollein, Jean Nouvel, I. M. Pei, Aldo Rossi. 1993
Ursprünglich sollte die Jury im Dezember 1992 ihre Ent- Der Wettbewerb
scheidung verkünden, wegen der Fülle der eingesandten Entwürfe für für den Umbau
den Spreebogenwettbewerb – viele Jurymitglieder waren in beiden ist endgültig
Jurys vertreten – beschloß man, die Arbeit auf Januar zu verlegen, und abgeschlossen
die Ergebnisse erst mit denen des Spreebogenwettbewerbs im Februar
1993 zu verkünden. Am 19. Februar 1993 wurden die Ergebnisse im
Reichstagsgebäude bekanntgegeben. Statt eines ersten Preises gab es
eine erste Preisgruppe aus den Entwürfen de Bruijns, Calatravas und
Fosters. Die markantesten Zeichen der Entwürfe: de Bruijns runder,
konkaver Plenarsaal – »Salatschüssel« – lag außerhalb des Gebäudes;
Calatrava hatte eine knospenförmige Kuppel gezeichnet; und in
Fosters Entwurf ragte ein großes Segmentdach – »Tankstelle« – über
das Reichtagsgebäude.
Um noch offene strittige Fragen zu klären, tagte am 12./13.
März 1993 ein zweites Kolloquium, das beschloß, die drei ersten
Preisträger zu einem beschränkten Wettbewerb aufzufordern. Die
neuen Pläne sollten bis zum 17. Juni vorliegen; de Bruijn sollte aller-
dings seinen Plenarsaal in den Reichstag verlegen; Foster wurde deut-
lich gemacht, daß sein »Tankstellendach« vor allem aus Kostengrün-
den unausführbar war. Am 17. Juni präsentierten alle drei Architekten
ihre neuen Entwürfe in Bonn. Lediglich Calatrava hatte den Haupt-
gedanken seines preisgekrönten Entwurfs beibehalten, die knospen-
förmige Kuppel; de Bruijn verlegte seinen Plenarsaal, veränderte aller-
dings die Eingangssituation und schuf eine Plattform Richtung
Brandenburger Tor; Foster hatte sein Dach geopfert und ein Element
daraus als flacheres Dach über den Plenarsaal gelegt, das Segment-
dach war verschwunden. Eine Kuppel zeigte er nicht.
Am 21. Juni beschloß die Kommission, Fosters Entwurf dem
Ältestenrat zu empfehlen. Die CDU/CSU-Fraktion diskutierte die
Empfehlung am 29. Juni. Der Empfehlung wurde zwar zugestimmt,

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Der 1999 fertigge- doch auf Betreiben des ehemaligen Bauministers Oscar Schneider mit
stellte Kuppelinnen- dem Zusatz, daß »noch einmal geprüft wird, ob man da eine Kuppel-
raum wirkt wie eine Lösung machen kann...« Der Ältestenrat nahm die Empfehlung am
Symphonie aus Licht 1. Juli an und teilte sie Foster mit.
Damit begann Fosters Dilemma. Von vornherein war er vehe-
ment gegen jede Kuppellösung gewesen, es fiel ihm sogar schwer,
eine Kuppel zu zeichnen. Dennoch war der Auftrag für Foster so wich-
tig und gewichtig, daß er die Forderung zähneknirschend akzeptierte.
Im Herbst 1993 legte er seinen überarbeiteten Plan vor. Für eine
Kuppellösung veranschlagte er Mehrkosten von 68 Millionen Mark
und zwei Jahre mehr Bauzeit. Vielleicht hoffte er insgeheim, daß sich
durch die Kassenebbe die erste Forderung, durch die Eile des Senats in
der Umzugsfrage auch die zweite von selbst erledigen würden.
Doch der Bundestag ließ nicht locker und forderte eine wei-
tere Kuppellösung, die Foster am 31. Januar 1994 vorlegte. Auch diese
konnte nicht überzeugen. Das Tauziehen ging hin und her, und beide
Seiten waren je nach Argumentationslage von Zeit zu Zeit überzeugt,
den Gegner »weichgeklopft« zu haben. Foster »testete« 27 verschie-
dene Kuppelformen und erntete manchen hämischen Kommentar –
so sprach »Die Zeit« sogar von einem »gestrickten Eierwärmer«. Am

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10. Februar 1995 stellte er die endgültige Kuppellösung vor: keine


Halbkugel, kein »Bienenkorb«, sondern eine Konstruktion in Gestalt
eines geköpften Eis, parabolisch, mit offenem Ende, einem abge-
schnittenen Kegel nicht unähnlich. Innen sollten sich für die Be-
sucher zwei spiralförmige Rampen bis auf eine Höhe von fast 50
Metern emporwinden. Den Mittelpunkt bildete in Form eines Trich-
ters ein »Lichtumlenkelement«, das mit 360 beweglichen Spiegeln
das Sonnenlicht ins Plenum lenken sollte. Das Echo auf den Entwurf
war geteilt, doch überwogen die positiven Reaktionen. Die endgültige
Entscheidung für die Kuppel fiel am 28. April – selbst Frau Süßmuth
war nun dafür. Ende Juni 1995 – der Reichstag war gerade durch die
spektakuläre Verhüllung in aller Munde – schufen die Baukommis-
sion, die Berliner Baugesellschaft und das Büro Foster Fakten: der
Architekt ließ detaillierte Pläne ausarbeiten, bestellte die Stützen für
die Kuppel und fixierte das Datum für deren Aufstellung.
Es gehört zu den Ironien der Baugeschichte, daß gerade jener
Bauteil, den der Architekt am vehementesten ablehnte, die Kuppel,
sowohl für den enormen Besucherandrang als auch für Fosters
Standeserhöhung – er wurde kurz nach der Einweihung zum Lord
ernannt – verantwortlich ist. Kein Zweifel – die Kuppel macht das
Reichstagsgebäude und den Deutschen Bundestag extrem populär.
Tag für Tag bilden sich lange Schlangen vor dem Westportal – die
Besucher wollen hoch hinauf und den Ausblick auf die wichtigsten
Neubauten der Hauptstadt genießen: das Bundeskanzleramt, den
Lehrter Bahnhof, das Paul-Löbe-Haus, das Jakob-Kaiser-Haus und
schließlich im Süden den Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor,
das Holocaust-Mahnmal und das Sony-Center. Auf spiral-förmigen
Rampen flaniert der Besucher an der Innenwand der gläsernen
Kuppel empor – gleichermaßen beeindruckt vom Ausblick wie von
der Raffinesse dieser Architektur.
Ein Problem am Bau, mit dem auch die BBB zu tun hatte, war
die Schwarzarbeit: Berlin war nach der Wende zum Tummelplatz für
Bauarbeiter aller Nationalitäten geworden: Ausländer sind billiger,
werden häufig nicht versichert, nicht einmal registriert. Nicht nur
einmal war die Gewerbepolizei auf der Reichstagsbaustelle, um zu
kontrollieren, wer da eigentlich am Hort der deutschen Demokratie
baute – und nicht nur einmal stießen sie dabei auf Schwarzarbeiter.
Im Laufe der Jahre wurden es zwar weniger, aber ganz unter Kontrolle
haben die Behörden das Problem nie bekommen.
Da das Reichstagsgebäude und die anderen Häuser auch
Kunst aufnehmen sollten, berief die Baukommission eine Kunst-
kommission. Sie entwickelte Konzepte für die einzelnen Neubauten
und bestellte die Künstler. Teil des Konzepts war, daß von jeder

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Eine Touristen-
attraktion – der
Reichstag vom Platz
der Republik aus
gesehen

Siegermacht des Zweiten Weltkriegs ein(e) Künstler(in) vertreten sein


würde. Aus den USA kam Jenny Holzer (mit einer »Wortsäule«), aus
Frankreich Christian Boltanski mit seinem »Archiv der Reichs-
tagsabgeordneten«. Als Vertreter Rußlands hatte der Beirat zunächst
Ilja Kabakov vorgesehen, aber da seine Vorschläge auf Widerstand
stießen, kam man auf den ebenfalls aus Rußland stammenden
Grischa Bruskin – sein großes Werk schmückt den kleinen Er-
frischungssaal im Südwesteckzimmer. Weil in Großbritannien kein
Konsens bestand, einigte man sich auf Norman Foster. Hinzuge-
kommen sind Sigmar Polke, Georg Baselitz und Christo. Unter den
deutschen Künstlern fallen die Berlinerin Gaby Gabriel und der
Leipziger Werner Heisig auf, der zu DDR-Zeiten nicht unbedingt ein
kritischer Geist war; bei der Entscheidung für seine Malerei brach
ein neuer Künstlerstreit in der Bundesrepublik aus...

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Im Jahr 2000 einigte sich der Beirat auf einen Vorschlag des in den
USA lebenden deutschen Künstler Hans Haacke – er wollte im
Nordhof des Reichstagsgebäudes einen langen Trog errichten, der mit
Erde und Flugsamen aus den Wahlkreisen der Abgeordneten gefüllt
werden sollte. Viele Abgeordnete lehnten den Mehrheitsbeschluß des
Beirats allerdings ab und sorgten dafür, daß über Haackes Vorschlag
im Plenum debattiert und abgestimmt wurde. Nach einer heftigen
Debatte beschloß der Bundestag am 5. April 2000 mit nur zwei
Stimmen Mehrheit, das Projekt zu verwirklichen.
Auch an technischen Problemen gab es beim Umbau keinen
Mangel: Welche Farbe sollten die Sitzmöbel haben? (Reichstagsblau).
Man stritt darüber, wie der Bundesadler – die »fette Henne« – beschaf-
fen sein sollte; erst am 17. Dezember 1998 wurde die endgültige
Version im Reichstagsgebäude aufgehängt. Kurz vor der Schlüssel-

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übergabe wußte man auch noch nicht, wohin mit den 100 Touris-
tenbussen pro Tag, die für das Gebäude erwartet wurden. Und last but
not least die Akustik – noch saß den Parlamentariern das Versagen der
Lautsprecheranlage im Bonner Bundeshaus vom Herbst 1992 in den
Gliedern – man hatte das Problem sozusagen »im Ohr«. Damals, als
die Anlage versagte, gab es viel Häme – jetzt wollte man vorbeugen.
Am 24. Februar 1999 wurden daher 1.100 Bundeswehrsoldaten ins
Gebäude beordert, um die elektroakustische Anlage zu testen; wie zu
erfahren war, gab es lediglich ein »Justierungsproblem« – im großen
und ganzen war man zufrieden; ausgerechnet auf der Regierungsbank
ließ die Akustik allerdings zu wünschen übrig.
Das Reichstagsgebäude ist nicht irgendein Haus – es ist der
Sitz des Verfassungsorgans Deutscher Bundestag. Ein Land – noch
dazu ein wiedererstandenes – braucht eine Identität, und um Iden-
tität zu stiften, muß man auf seine Geschichte zurückgreifen. Es war
daher von großer Bedeutung, daß bereits auf dem ersten Kolloquium
für das Reichstagsgebäude 1992 beschlossen wurde, soviel Geschichte
übrig zu lassen, wie überhaupt möglich war. Auch Architekt Foster
beherzigte diese Regel; sein Leitgedanke bei der Wiederherstellung
war: soviel Wallot wie möglich erhalten, aber alles Neue werde nicht
mehr wie Wallot, sondern wie Foster aussehen.
In diesem Kontext tauchte ein Problem auf: Nach dem Krieg
hatten Rotarmisten Inschriften an die Wände des Reichstagsgebäudes
gekritzelt – manche sehr deftig, manche skatologisch, manche zotig.
Über mehr als vierzig Jahre hatten viele dieser »Graffiti« die verschie-
denen Umbaumaßnahmen überlebt, und nun stand der Bundestag
vor dem Problem, wie man mit ihnen umgehen sollte. Das Präsidium
und der leitende Architekt beschlossen, sie im Großen und Ganzen zu
konservieren, abgesehen von jenen, deren Inhalt als gar zu anstößig
empfunden wurde. Die entsprechenden Stellen wurden fotografiert
und der Botschaft Rußlands in Berlin zur Übersetzung übergeben.
Einige wurden entfernt – entweder auf Wunsch der Botschaft, oder
weil sie der Bundestagspräsidentin zu beleidigend vorkamen.
Dennoch blieben die Inschriften auf der politschen Tagesordnung.
Noch immer meinten viele Abgeordnete, vor allem aus der CSU, daß
es eine Zumutung sei, noch so viel »Graffiti« sehen zu müssen. Ihr
Antrag auf restlose Entfernung aller Inschriften fand jedoch keine
Mehrheit.
Bis kurz vor dem Umzug im Jahr 1999 tobte ein weiterer Streit
– wie sollte man das Haus nennen: Reichstag oder Bundestag? Kurz
vor der Eröffnung des Reichstagsgebäudes schlug Bundestagsprä-
sident Wolfgang Thierse vor, das Haus in »Deutscher Bundestag«
umzubenennen – ihn störte die historisch belastete Bezeichnung

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»Reich«. Doch stieß Thierses Vorschlag auf wenig Gegenliebe: Marie-Elisabeth-


Immerhin tagt auch die französische Assemblée nationale noch Lüders-Haus,
immer im Palais Bourbon und das englische Parlament im Palace of Paul-Löbe-Haus
Westminster. Folglich schien es nicht unbillig, den Deutschen Bun-
destag im Reichstagsgebäude tagen zu lassen. Es kam schließlich
zu einem Kompromiß: Offiziell heißt es jetzt »Plenarbereich Reichs-
tagsgebäude«, womit die Silbe »Reich« nun allerdings sogar zweimal
vorkommt. Auch der Spott ließ nicht lange auf sich warten: »Be-
reichstag«, »Bereichsleiter«, »Bereichstagsgebäude«, ja auch, wie der
Tagesspiegel ironisch schrieb: »Redestelle des nicht mit dem Reichstag
identischen Deutschen Bundestags in Reichstagshülle vor Fraktions-
gebäuden des reichstagsunabhängigen Deutschen Bundestags«. Aber
ob Reichstag oder Bundestag – die Taxifahrer wissen jedenfalls, wohin
sie fahren müssen.
Erst am 7. September 1999 begannen die Plenarsitzungen des
Bundestags im Reichstagsgebäude, während die dazugehörigen Bau-
ten ringsum noch im Bau waren. Am 14. September 1999 fand bereits
die Schlüsselübergabe für das umgebaute Palais des Reichstagspräsi-
denten statt (Architekt: Thomas van den Valentyn): Hier zog die 1951
gegründete Deutsche Parlamentarische Gesellschaft ein, in der sich

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Der neue Plenarsaal Politiker aller Parteien zum geselligen Beisammensein und zum
im Jahr 2004 > Austausch über die Parteigrenzen hinweg treffen. Mittlerweile sind
auch die anderen Häuser vollendet und bezogen: im Juli 2001 das
Paul-Löbe-Haus (Architekt: Stefan Braunfels), benannt nach dem
SPD-Abgeordneten Paul Löbe (1875–1967), im Januar 2002 das Jakob-
Kaiser-Haus, benannt nach dem CDU-Abgeordneten Jakob Kaiser
(1888–1961), das in acht optisch voneinander getrennten Häusern
die Büros für die Abgeordneten aller Fraktionen beherbergt (Archi-
tekten: Busmann + Haberer, Cie, von Gerkan, Marg und Partner sowie
Thomas van den Valentyn). Zuletzt wurde im Frühjahr 2004 das Haus
der parlamentarischen Dienste bezogen, das nach der früheren FDP-
Abgeordneten Marie-Elisabeth Lüders (1878–1966) benannt ist und
in dem Bibliothek, Archiv und Dokumentation des Bundestages un-
tergebracht sind (Architekt: Stefan Braunfels). Eine schmale Brücke
über die Spree verbindet dieses Haus mit dem gegenüber liegenden
Paul-Löbe-Haus.
Herzstück des Reichstagsgebäudes ist heute der verglaste Ple-
narsaal, der im ersten Stock unterhalb der Kuppel liegt. Er hat eine
Fläche von 1.200 Quadratmetern und eine elliptische Anordnung.
Von der Tribüne des Zwischengeschosses aus können Besucher die
Debatten des Bundestages direkt verfolgen und gleichzeitig bis in die
Spitze der neuen Kuppel schauen. Im zweiten Stock des Reichs-
tagsgebäudes sind Büro- und Empfangsräume für den Bundesprä-
sidenten und den Ältestenrat untergebracht, während sich im dritten
Stock die Büroräume der Fraktionen und die zentrale Presselobby
befinden. Den Abschluss bildet eine Dachterrasse mit Restaurant für
die Abgeordneten und die Öffentlichkeit.
Wegen seiner Leistungen beim Reichstagsumbau wurde Sir
Norman Foster zum Pair, in den Stand eines Lords, erhoben – heute
lautet sein offizieller Name Lord Foster of Thames Bank: Er kann mit
seiner Schöpfung zufrieden sein. Sein Bau, vor allem die Kuppel, ist
die meist besuchte Touristenattraktion der alt-neuen Hauptstadt. Im
Sommer wie im Winter stehen täglich Hunderte vor dem Hause und
begehren Eintritt, um in die Kuppel zu gelangen, die in etwa 50 Meter
Höhe einen herrlichen Panoramablick bietet. Es scheint, als würde die
Kuppel – »rund, gläsern, hohl« – nicht mehr als »Symbol der Berliner
Republik« taugen, sondern eher, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb,
»Teil eines Denkmals [sein], das nicht nur für die Vergangenheit, son-
dern auch für die gegenwärtige Lage der Nation steht.« Und, so könn-
te man mit der Süddeutschen Zeitung schließen: »Ein besseres kann
man sich gar nicht vorstellen.«

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