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Der Unnahbare Reiner Schürmann – Ein Phantasmatischer Philosoph

Film-Essay Exposé

Procul recedant somnia, et noctium phantasmata – Das Gebet des Mönches vor
dem Schlaf

1. Schürmanns Fugues

Reiner Schürmann ist jene geheimnisvolle enigmatische Figur zu der uns Zufall und
Schicksal dem Anschein nach hingeführt haben.
Im Herbstsemester 2013-2014 unterrichtete ich an der Boğaziçi Universität Istanbul.
Meinem Seminar gab ich den Namen „Broken Subjects“ in Anspielung auf
Schürmanns posthum veröffentlichtem magnum opus Broken Hegemonies, seiner
weitgreifenden Studie der ‚Tragödie des Singularen’. Dann ganz unverhofft, auf dem
Neujahrsfest für den Lehrkörper hoch über dem Bosporus, in Boğaziçis Kennedy
Lodge, ergab sich der Glücksfall, daß ich die Bekanntschaft von Schürmanns
ehemaligem Kollegen an der New School for Social Research in New York, Johannes
Fritsche und seiner Frau Joicy Koothur (die Schürmann aus der Teilnahme an seinen
Vorlesungen kannte) machte. Als Einzige haben sie sofort die versteckte Hommage
in meinem Titel erkannt. Das war der Anfang unseres Wunsches das Rätsel von
Schürmann auszuleuchten – seiner ‚mystischen Persönlichkeit’ nachzuspüren – ein
Deutscher, der in Holland im Jahre 1941, im Augenblick des Nazi Triumphes
geboren wurde, der obsessiv bemüht war, zeitlebens seinem Deutschtum, auf
geographische, sprachliche, geistige/spirituelle Weise und Wegen, zu entkommen –
aber dessen unausrottbarer Kern haftete an seinen ‚Ursprüngen’ vor allem in der
Gestalt von Heidegger und dessen Philosophie. Oder wie Schürmann selbst schrieb:
„No one is more solidly fixated on the figure of the father, the male, or of principles,
than he who claims to have freed himself from it.“1

1 Reiner Schürmann, Broken Hegemonies, Bloomington: Indiana University Press, 2003, p. 514
Der Unnahbare Reiner Schürmann

Sein Hauptwerk Broken Hegemonies ist mit Begriffen und Bemerkungen übersät,
die die tragische Vergeblichkeit sich seiner ursprünglichen kollektiven
Zugehörigkeit/Identität entledigen zu wollen eindringlich zur Sprache bringen – wie
zum Beispiel „the denial of the tragic“ („die Verleugnung des Tragischen“).
Schürmann erfuhr seine deutsche Identität als ‚die Macht des Kollektivs’, die es ihm
nie zu überschreiten gelang – weil sie in ihm hauste.

Jenes scheinverfolgende dennoch unentrinnbare Kollektiv nannte er ‚die Ursprünge’,


es war nicht bloß eine gleichgültige anomische Masse (das Man) – es ist der ominöse
Hort der übergeschichtlichen Blut-Ursprünge, die von einer fast stammesmäßigen
totemistischen Natur beseelten, ähnlich dem was der früh islamische Modernist Ibn
Khaldun im positiven Sinn – assabiyah – nennt, der Geist der Sippe oder die
Blutlinie.

Unser Reiner Schürmann Film-Essay ist demnach auch eine immanente Kritik an
der auffälligen Verdrängung des ‚Singulars’, an der Übermacht des Blut-Kollektivs, in
der zeitgenössischen Kunst, dem sogenannten Kunst-Aktivismus und in der
verwandten Disziplin der ‚künstlerischen Forschung’.

Schürmann ist kein Scharlatan, Fälscher, Hochstapler, falscher Messias oder jemand
der in mauvaise foi handelte – sondern eher ein ‚unzuverlässiger Ich-Erzähler’, der
eine Fabel schuf, ein Phantasma/Trugbild seines Selbsts als die Wahrheit. Und
dann erfand er eine Philosophie, die vom Brechen jener hegemonialen Phantasmata
handelt. Das Brechen der hegemonialen Phantasmata entmachtet auch die
Katechon-artige philosophische ‚Klasse/Kaste’, die ihr Weiterbestehen sichert – jene,
welche Schürmann, Husserl zitierend, als die „civil servants of humanity“ oder „the
bureaucratized version of the philosopher-king“ beschreibt.2

Obgleich er eine Autobiographie auf Französisch mit dem Titel Les origines schrieb,
umfaßt die Erzählung nur einen Bruchteil seines Lebens – wesentliche Perioden wie
jene als er dominikanischer Priester wurde und später als er das Priesteramt wieder

2 ibid., p. 8

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

niederlegte verschweigt er. Statt dessen beschreibt er im Detail seinen mißglückten


Versuch Mitglied eines israelischen Kibbuz zu werden und seine Erfahrungen als
Freiwilliger in Israel – wahrscheinlich fanden sie vor seinen theologischen Studien
statt. Man könnte fast vermuten, daß die Ablehnung von Schürmanns Antrag auf
Mitgliedschaft durch den Vorstand des Kibbuz, direkt zu seiner Entscheidung
Priester zu werden führte. Er tauschte die eine enge klaustrophobische
Gemeinschaft für eine andere um.

Als Priester durfte Schürmann den Titel ‚Vater’ benutzen, dadurch seinen
verleugneten biologischen Erzeuger mit sich selbst als ‚Vater des Vaters’ symbolisch
ersetzen. Als diese ‚Verkleidung’ seinen Reiz verlor, verließ er diesen zweiten Vater,
seine priesterliche Inkarnation. Seine inneren Beweggründe werden kaum in seiner
Autobiographie angerührt, dennoch ihr schemenhafter Umriß blitzt immer wieder in
seinem philosophischen Werk über „die tragische Kondition des Seins“ auf – was
Broken Hegemonies die verbotene Ausstrahlung eines doppelbödigen Bekenntnisses
verleiht: „I strike down my paternal relative, bearer of a proper noun, when, out of
an excess of signification, I start living in the name of the father...“3

Seine Autobiographie endet mit seiner ersten Auswanderung nach den Vereinigten
Staaten, wo er die Demütigungen einer alptraumhaften akademischen ‚Job-Messe’
durchmacht. Ganz verblüfft von amerikanischer neo-liberaler Kaltschnäuzigkeit
dem akademischen ‚menschlichen Kapital’ gegenüber – beschreibt Schürmann sein
Herumirren zwischen den Stellenangeboten, sein Gefühl der Verlassenheit im Irrsal
von verkappten Ablehnungen – im Stil von Kafkas Amerika insbesondere Karl
Roßmanns Versuch sich bei dem ‚Naturtheater von Oklahoma’ zu bewerben.

Er wird aber nicht wie Roßmann ein ‚Verschollener’ in Amerika bleiben – Hannah
Arendt kürte ihn zu ihrem Protegé – er verließ die Priesterschaft und schloß sich der
Fakultät der New School for Social Research in New York an. Er war dort Professor
bis zu seinem Tod durch Aids in 1993. Seine endgültige Station verdankte er einer
letzten ‚Verkleidung’ oder Verkehrung – jener eines deutschen Emigré-Philosophen

3 ibid., p. 12

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

an der ‚Universität im Exil’, eine Abteilung der New School for Social Research, die
ursprünglich für deutsch-jüdische Akademiker gegründet wurde, die aus Nazi-
Deutschland geflohen waren.

Schürmann ließ sich auch in den Vereinigten Staaten einbürgern. Dennoch, in einer
Fußnote von Broken Hegemonies versteckt, entrichtet er seiner neuen ‚Heimat’ ein
merkwürdiges Tribut – „There is no doubt that I would have not undertaken to
write this book if I had not lived as a stranger, in the midst of the most ideologically
brutal of Western people at the century’s end – of a people who equally brutally
deny not only singularities but even their own ideological fantasms and
maximizations.“4

In einer ‚in memoriam’ Ausgabe des Graduate Faculty Philosophy Journal, Organ
des Fachbereichs Philosophie an der New School for Social Research, die dem
Andenken an Reiner Schürmann gewidmet war – beschreibt Vittorio Hösle
Schürmann als eine Art ‚Lord Jim’ Figur; jemand, der ‚etwas zu verbergen’ habe,
dennoch ‚einer von uns’ geblieben sei. Seine Analogie mit einem viktorianischen
‚imperialen’ Charaktertyp ist vielsagend. Schürmann als der ‚flawed hero’ (der
beschädigte mangelhafte Held) seines Lebens – ist eher ein englischer als ein
deutscher Typ. Das deutsche historische Milieu schafft Figuren die alles oder nichts
– entweder/ oder – gut oder schlecht, entweder durch ihre menschliche Vernunft
oder ihre dämonischen Kräfte getrieben sind. Der ambivalente doppeldeutige
deutsche Charakter ist sehr selten. Die Pseudo-Ambivalenz von einem Heidegger
oder einem Ernst Jünger bestätigt nur die Regel.

Sogar für Nietzsche stellte sich die Domäne des „jenseits von Gut und Böse“ wie eine
Offenbarung dar. Das ‚Jenseits’ meint nicht notwendigerweise irgendwo weit
entfernt – ‚Jenseits’ liegt auch in der entrückten Nähe des Unheimlichen, des
Unbekannten oder des Tabus. Es ist das nahe Jenseits der Ambivalenz. Nicht
unweit von der Ebene, die Sokrates in Lysis als das ‚was weder Gut noch Böse’ sei,
benennt. Auf einem solchen ‚neutralen’ Feld läßt sich sehr schwer erkennen, ob

4 ibid., p. 638

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

jemand Held oder Schuft – von schwachem oder starkem Willen – ein Verführer
oder ein Verführter – sei. Ambivalenz impliziert nicht gleich jemand ohne
Willenskraft. Es gibt Wege schwach in der Stärke, oder stark in der Schwäche zu
sein. Die Widersprüchlichkeit oder der Widerstreit von Prinzipien oder Positionen –
zu ertragen – bedarf eines besonders starken Willens. Schürmann würde vielleicht
diesen vielgestaltigen Antagonismus als ‚differend’ bezeichnen.

Hösle weist auch auf Schürmanns Ambivalenz hin – beschränkt sich aber auf deren
banalen Sinn – als eine psychoanalytische Ambivalenz oder „an ambivalent relation
to his German identity“. 5 Es war aber vielmehr als das – nicht eine Ambivalenz die
möglicherweise therapeutisch gelöst werden könnte oder sollte – sondern die
Voraussetzung für Schürmanns philosophische Aufgabe von Prinzipien – sein
Abweisen von ‚arche’ als ein Denk-Fetisch. Ohne Prinzipen neigt die Ambivalenz
ohnehin dazu von alleine zu verschwinden. Ein Prinzip der Prinzipienlosigkeit fädelt
sich durch sein Werk Broken Hegemonies hindurch – der vom englischen
Anthropologen Gregory Bateson geliehene Begriff des ‚double bind’.

Vielleicht eher als mit ‚Lord Jim’ könnte Schürmann besser mit dem reellen sich
selbst mythologisierenden englischen Charakter verglichen werden – mit T.E.
Lawrence oder ‚Lawrence of Arabia’, der sich auch seinen Ursprüngen scheinbar
entledigen wollte. Lawrence aber ist in der ihm fremden arabischen Kultur aus
taktischer List untergetaucht – ein quasi-normaler Vorgang für einen
freischwebenden britischen Agenten. Die arabische Revolte gegen das osmanische
Reich, die er schürte, leitete, und mit britischem Gold finanzierte, hat sich von ihm
abgelöst – nicht ohne dabei für Lawrence traumatische Spuren zu hinterlassen. Ein
solcher Lebenslauf ist für den spät viktorianischen Charakter zur Zeit der britischen
Reichs-Dämmerung nicht untypisch – man trat ins Reichsgeschäft ein um England
zu entkommen.

5Vittorio Hösle, „The Intellectual Background of Reiner Schürmann’s Heidegger Interpretation“ in


Graduate Faculty Philosophy Journal, Vol. 19 No 2-Vol 20 No 1 1997, pp. 263-287 (Many thanks to
Johannes Fritsche for lending me his copy of the journal.)

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

Der unerschütterliche britische Armee Kapitän Scott in dem Film North West
Frontier (1959) versucht dem treuen indischen Lokomotivführer Gupta während
einer Pause auf ihrer Flucht durch die indische Wüste vor den muslimischen
Rebellen, jene Bastion des englischen Lebens, die Henley Regatta zu erklären: die
„most sahib of sahibs“ setzen komische Hüte auf und rudern den Fluß rauf und
runter. Als Gupta fragt – „Why do they do that?“ – antwortet der Kapitän – „I’m not
sure – it’s one of the things I left England to get away from (...)“

Oft bot das Reich für britische Abenteurer auch eine Aussicht auf das Ausleben von
unkonventionellen sexuellen Begierden an – vergleichbar mit dem heutigen Massen-
Sextourismus. In jenen Tagen war es noch ein Privileg der Oberschicht im Reich –
so wie Lawrences Vorläufer in der Kunst der orientalischen Verkleidung – Sir
Richard Burton. Als Geheimagent in der Armee der East India Company in Indien
wurde er anrüchig für seine übermäßig enthusiastischen Dienstberichte, die seine
verdeckten Ermittlungen in den Männerbordellen von Karachi schilderten.

In Schürmanns Welt gab es keinen imperialen Fluchtpunkt - statt dessen lenkte er


seinen Orientalismus nach Israel-Palästina ab – nach dem Kibbuz – Ziel seiner
deutschen Buße, die von ihren gemeinten Destinatären jedoch abgelehnt wurde. Als
dominikanischer Priester, ahmte seine mönchische Ordenstracht die von Lawrences
oder Burtons Verkleidung als beduinischer Scheich oder arabischer Prinz nach, so
wie das Kloster, selbst ein Mikrokosmos des heiligen Landes, von Natur aus
Orientalisch ist. Sogar nachdem er die Priesterschaft abgelegt hatte, sah sich
Schürmann immer noch als ein ‚herumvagabundierender Mönch’ so wie der
mittelalterliche Dominikanische Mystiker Meister Eckhart.

2. Schürmanns homoerotische Doppelgänger

Erst kürzlich machten wir in der Tate Modern London die Bekanntschaft mit dem
Filmemacher Robert Beavers, nach der Vorstellung von einigen Filmen seines
verstorbenen Lebensgefährten Gregory Markopoulos. Jenes zufällige Treffen,

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

währenddessen wir mit Beavers über unser Schürmann Film-Essay Projekt


sprachen, schien für uns die Tür zu gewissen verbotenen verschwiegenen Zonen in
Schürmanns Leben und Werk aufzuschließen. Markopoulos’ Filme, unser Gespräch
mit seinem ‚eromenos’ Beavers und die erhellenden Film-Schriften Markopoulos’
haben sich unerwartet wie Wahlverwandtschaften mit unserem eigenen Denken über
den verstorbenen deutsch-französisch-amerikanischen Heideggerianer Reiner
Schürmann fusioniert.

Markopoulos selbst – und seine ungewöhnliche künstlerisch-erotische Symbiose mit


Beavers – scheint eine ideelle Surrogat-Figur für Schürmann zu sein - um die Natur
Schürmanns Homosexualität zu beleuchten – mangels entsprechender eigener
Dokumente. Gregory Markopoulos gilt als einer der originellsten Filmemacher und
Theoretiker des ‚New American Cinema’ der fünfziger und sechziger Jahre – obgleich
seine griechische Herkunft bei ihm künstlerisch und lebensgeschichtlich schwerer
wog. Er verließ die US – brannte mit seinem Partner Robert Beavers mehr oder
weniger durch – der zu jener Zeit noch eine Schulknabe gewesen war – und
verbrachte den Rest seines Lebens mit Beavers als Nomade in Europa. Markopoulos
zog seine Filme aus der US Öffentlichkeit und den Archiven zurück – mit Beavers
zusammenarbeitend, schuf er seinen kulminierenden Filmzyklus von insgesamt 80
Stunden total stummer Film-Sequenzen, den er Eniaios nannte.
Für die Vorführung jenes Werks haben sie eine Art ‚Bayreuth’ gegründet – Temenos
(der Tempel) fand jeden Sommer nah bei seiner väterlichen Geburtsstadt auf der
Peloponnes statt. Die Filme – vorgeführt unter dem griechischen Sternenhimmel –
sollten den Pilger-Zuschauer wie die Träume im Tempel des Asclepius von seinen
seelischen und körperlichen Leiden heilen.
Homosexualität in Markopoulos’ und Beavers’ Werk nimmt fast einen religiös
überirdischen erlösenden Charakter an. Fast alle ihre Filme – einschließlich des
Temenos Projekts selbst – scheinen von einer ästhetischen Wiederbelebung einer
antiken numinosen Päderastie beseelt zu sein, was Markopoulos „Athenianism“
nennt.

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

Wie Schürmann sind auch sie ins freiwillige Exil gegangen, allerdings in
gegensätzliche Richtung. Schürmann amerikanisiert sich, bleibt dort aber ein
Fremder - er verbrachte seine Sommer gemeinsam mit seinem Partner in einem
Haus auf einer griechischen Insel, eine Gewohnheit die er bis zum Ende seines
Lebens beibehielt.6 Er verließ das enthaltsame Zölibat der Priesterschaft – übertrug
aber seine Spiritualität in sein offenes homosexuelles Leben. Die zwei dadurch
scheinbar auseinandergerissenen Teile seiner Lebensgeschichte werden von seinem
hauptsächlich durch Heidegger geprägten philosophischen Werk
zusammengehalten.

All dies – nährt bei uns die ‚Zwangsvorstellung’– Markopoulos und Beavers seien
Doppelgänger von Schürmann und seinem Geliebten, ihr Spiegelpaar und
umgekehrt.
Markopoulos starb nur ein Jahr früher als Schürmann – in 1992.

Markopoulos betrachtet Film als die Fortsetzung der Philosophie mit anderen
Mitteln. Das Verhältnis von Film zur Philosophie läßt sich mit Clausewitzens
Auffassung von jenem zwischen Krieg und Politik vergleichen. Philosophie stellt die
Sphäre der sprachlichen diskursiven Verhandlung dar - ähnlich wie die Politik. Film
dagegen ist die Aktion – die Sphäre in der Macht demonstriert wird – wie Krieg.
Obgleich der Zuschauer nicht der Feind ist – in einem gewissen Sinn, sollte Film
seine Fähigkeit Film selbst zu widerstehen unterminieren.

Was Markopoulos als ‚Film als Film’ (Film as Film) programmatisch bezeichnet,
verhält sich symbiotisch vor allem zum platonischen Dialog. Plato inspirierte sogar
seine Techniken des Einblendens und Ausblendens – dem Rhythmus des
sokratischen Dialogs folgend, dessen abwechselnden Stimmen, schnitt er seine
Filme. Zwei Filme aus einer frühen Trilogie basieren direkt auf den Charmides und
Lysis von Platon. Der dritte Film der Trilogie Psyche ist eine freie Interpretation
einer unfertigen Novelle der lesbischen Liebe. Im Stil der amerikanischen

6 Vielen Dank an Johannes Fritsche für dieses biographische Detail.

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

Avantgarde jener Zeit war Markopoulos’ Psyche ein ‚Trance-Film’ – die Diegese
ablehnend, baut der Film eine elliptische visuelle Logik von Träumen auf.

Obgleich seine Filme wortkarg oder später stumm und ohne Ton sind – begreift
Markopoulos sie als eine „mimesis of the human mind“ (P. Adams Sitney).7 Diese
Absicht ist schon im Namen seines ersten vollständigeren Films Psyche angedeutet.
Die phantasmagorische Art seiner Filme, die das narrative Element ganz in den
Hintergrund verdrängt oder auflöst – bietet sich als ein mögliches filmisches
Ebenbild von Schürmanns phantasmatischer Philosophie an.
Eine solche Affinität könnte den Zuschauer in die labyrinthische ‚Psyche’ des
Philosophen einweihen.

Twice a Man ist Markopoulos’ filmische Bearbeitung des Mythos von Hippolytus,
den er in ein zeitloses mythisches New York verlegte. Hippolytus wird vom Tod
durch einen älteren ‚Künstler-Arzt’ geheilt, er kehrt ins Leben zurück – wie der Film
suggeriert, auf der öffentlichen New York Staten Island Ferry. Ähnlich wie im
japanischen Noh-Theater – in Markopoulos’ Film-Kosmographie – befinden sich die
Eingänge und Ausgänge zur anderen Welt fest in dieser Welt integriert – jede
Landschaft oder Intérieur ist ein potenzieller Korridor in die gespenstische
Dimension hinein. Vor allem Gewässer aller Art sind das bevorzugte Element der
metaphysischen Übergänge - oder wie Schürmann vielleicht sagen würde – die
Gewässer der ‚mortality’ und ‚natality’.

Twice a Man anschauend, mein erster Eindruck beim Betrachten der Anfangsszene
auf der New York Fähre – alles hätte ebenso in Istanbul stattfinden können. Ein
einzelner Passagier, der neben der Reling sitzt, ist ein Bote zwischen den Welten. Im
Hintergrund zeichnet sich das entfernte verblichene unwirkliche Traumbild der
Stadt Silhouette ab. Die Istanbul Fähren, die ständig zwischen Europa und Asien
den Bosphorus überqueren, sind gleich starke reelle Symbole der Porosität der
Welten, der übernatürliche Verkehr zwischen den Welten.

7 P. Adams Sitney, Visionary Film the American Avant-Garde 1943-2000, Oxford 2002, p. 126

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Noch ein anderes Modell für unser Film-Essay ist Borges’ Geschichte einer quasi
literarischen Fälschung; eine mystisch gefärbte allegorische Detektivgeschichte: The
Approach to Al-Mu’tasim. Die Suche selbst ersetzt allmählich das gesuchte Objekt
was als eine Art mystische ‚Überseele’ immer weiter entrückt. Es ist nie sicher ob Al-
Mu’tasim eine Allegorie oder eine wirkliche Person ist – er bleibt ungesehen und
ungehört – nur durch Zeichen, Hörensagen, und andere zweifelhafte Beweise
bekannt – im Schimmer oder in der Spur seiner Anwesenheit in irgend einer
anderen Person, in Gesten, Örtlichkeiten oder Umständen, die man vermeintlich
knapp wahrnimmt. Schürmann spielt in unserem Film (die Rolle des) Al-Mu’tasim.

3. „Der Filmemacher als Arzt“ (The Filmmaker as Physician – Markopoulos)

Philosophie selbst ist ein mythologisches Universum – von verschiedenen


rivalisierenden Philosophen-Dynastien beherrscht. Die Verhältnisse zwischen
Philosophen ähneln denen zwischen Göttern oder zwischen Göttern und tragischen
Helden und Heldinnen. Manche Philosophen streben wissentlich danach ihre
Vorgänger auszulöschen. Andere Philosophen führen sie ins Leben zurück. Der
Kult der Philosophen aber ist unvergänglich – insbesondere in Deutschland.
Philosophen sind auch – wie Markopoulos an Filmemachern bemerkte, (auf ihre
Weise) Demiurgen. Ihre Verwandtschaft scheint ihm nicht fremd anzumuten – wie
ein versteckter Hinweis in seinem Text Hues Point auf einen Satz aus Heideggers
Einführung in die Metaphysik bestätigt: „A great German philosopher has said that
greatness begins with greatness. So film begins with film in black and white and
culminates in colour. Film as film.“8 Im selben Text sehnt er sich nach dem
unbekannten „Philosopher of Film as Film who will seek the Temenos Archive. That
Philosopher of Film as Film who will set foot in the Amor, that Philosopher of Film
as Film who will be delightfully ignorant of film, and, of film literature, but who
will seek the spark, Nevertheless!“9

8 Gregory Markopoulos, „Hues Point“ in Film as Film, London, 2014, p. 438


9 ibid., p. 439

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Wie aber sollte Philosophie (im Film) nicht nur sprachlich mitgeteilt werden – etwa
durch ein „Denkbild“ oder „Denkphantasma“? Das Bild könnte man als das
Ungesagte/Ungedachte des Denkens betrachten – im Film – Gedanke und Image
und Ton (aber auch Affekt) sind im Kino-Frame zusammengefügt – und in den
Poren dieses scheinbar nicht auseinanderzureißenden Gestell/Gefüge lauert ‚die
Macht des Truges’. Das Phantasmatische wäre jene Entität, jenes Stilmittel, jene
Figur was Ausdruck aber keine Substanz hätte. So wie das Reale jene Entität, jenes
Stilmittel, jene Figur wäre was Substanz aber keinen Ausdruck hätte. Film bildet das
phantasmatische Gehäuse wo das Reale (das Ausdrucklose) und die Schimäre (der
Ausdruck) (oder wie Bazin sagt – das Halluzinatorische) beide miteinander wirklich
werden.

Unser Film ‚über’ den phantasmatischen Philosophen Reiner Schürmann wird zu


zeigen versuchen, wie Film (als Philosophie) sich besonders für das Phantasmatische
in der Philosophie als Simulacrum/Scheinbild eignet.
Film korrespondiert mit dem Phantasmatischen in der Philosophie in seiner Art
einzelne Bilder oder Bilder-Sequenzen oder simultan wirkende Images und Ton als
Ersatz für Gedanke und Sprache anzuwenden. Unsere implizite Frage wäre –
könnte Schürmann dann jener Philosoph des ‚Film als Film’ in den
phantasmatischen Kosmos unseres Essay-Films werden - in Erfüllung des Begehrens
des ‚Filmemacher als Arzt’?

Schürmanns Verhältnis zu Markopoulos in unserem Film ist ein Doppeltes: als der
unbekannte Philosoph des ‚Film als Film’, der eines Tages durch ein Wunder in
‚Amor’ erscheint - ist er Markopoulos’ Mit-Demiurg. Aber Schürmann ist auch
‚Patient’ des ‚Filmemachers als Arzt’ – er ist Hippolytus im Tempel des Asclepius, der
auf die homoerotische (Athenische) ‚Wiederauferstehung’ harrt.

In manchen Zügen scheint Schürmanns Schicksal dem des Hippolytus Charakters


von Twice a Man zu ähneln: Schürmann führte ein karg entsagendes Leben als
Priester – wie Hippolytus, der ein keuscher Anhänger von Artemis gewesen war.
Aphrodite aber fühlte sich beleidigt und durch Schürmanns/Hippolytus’

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priesterliche Keuschheit vernachlässigt – aus Rache ließ sie Phaedra/Arendt (seine


Mentorin, Wohltäterin) sich in ihn verlieben. Während Phaedra/Arendt den nackten
Schürmann/Hippolytus bei seinen Olympischen Übungen heimlich beobachtete,
kaute sie an Blättern, von Aphrodite geweihtem Myrtenstrauch. Seine Mentorin
Phaedra/Arendt liebte auch in Schürmann/Hippolytus dessen geistigen ‚Vater’ -
Heidegger/Theseus. Aus entflammter Liebe verführt sie ihn der Priesterschaft zu
entsagen, so daß er als stutzerhafter ordentlicher Professor verwandelt, in engen
purpurnen Lederhosen, direkt in die Arme von Eros paidikos gelockt war. Er
verkommt dort an dessen Stich – statt von Poseidons losgeschickten Seeungeheuern
ins Verderben getrieben zu werden, stirbt er an Aids. Phaedra/Arendt starb im 1975,
im selben Jahr als Schürmann/Hippolytus an The New School for Social Research
zu lehren anfing.10

Arendt spielt in Schürmanns Intim-Theater eine zweifache Rolle - die der alten
Mutter Hippolytus’ und die der lustvollen jungen Konkubine Heideggers/Theseus.
(in ihren studentischen Tagen hat Arendt von Heidegger als von einem ‚verborgenen
König’ geschwärmt) Als zeugendes Begriffs-Paar tauchen Heidegger und Arendt in
der Gestalt zwei entgegengesetzter extremen Vater-und-Mutter Prinzipien in Broken
Hegemonies auf – was Schürmann ‚ultimates’ nennt, das eine ist ‚mortality’ (das
Vater-Prinzip, Heideggers Sein-zum-Tode) und das andere von Arendt, der Mutter –
ist ‚natality’ (Geburtigkeit oder Sein zum Anfang, das Prinzip des Anfangens, Sein
zur Geburt). Schürmann zieht die Bindung der zwei Extremen noch enger um sich in
dem er das Vater-Mutter Paar ‚mortality-natality’ auch noch zur Gattung des ‚double
bind’ zählt. “Indeed, in the universalizing attraction of the fantasmable we have
recognized the work of being-for-birth and, in the singularizing withdrawal of the
ostensible, that of being-for-death.”11

10 Seltsamerweise, Schürmanns Doppelgänger oder Echo-Figuren – Markopoulos und Beavers –


wurden während eines Griechenland Aufenthalts von einem Bus angefahren. Beavers wurde am Bein
und am Auge schwer verletzt. Er verlor fast sein Augenlicht. In seiner Film-Serie Sotiros (Erlösung),
die er im Lauf seiner langen Konvaleszenz drehte, zeigt er wie er zum Gefäß apollonischen Leidens
und apollonischer Wunderheilung wurde.
11 Reiner Schürmann, Broken Hegemonies, ibid., p. 36

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

In Markopoulos’ Film Twice a Man bringt der Künstler/Filmemacher, der die Rolle
Asclepius übernimmt, Hippolytus aus dem Land des Todes ins Leben zurück. Jene
mythische und filmische Wiedergeburt hat bei uns den Wunsch genährt – dem
Beispiel von Markopoulos folgend – in unserem Reiner Schürmann Film als der
‚filmmaker as physician’ zu agieren – und den Geist des phantasmatischen
Philosophen wieder ins Leben zurück zu rufen.

4. Zwei Dreiecke

Unsere Vorgehensweise wird sich anfangs auf eine dreiseitige Struktur gründen –
eine Trinität von Dialog-Charakteren. Angesichts Schürmanns eigener starker
Teilnahme an einer geistlichen Lebensweise liegt es nah jene Trinität im Sinne der
heiligen Dreieinigkeit oder einer trinitarischen Grammatik zu begreifen. Die drei
Dialog-Charaktere sind: Johannes Fritsche (der Sohn) – Schürmanns Freund und
ehemaliger Kollegen an The New School for Social Research, der Schürmanns Geist
am stärksten verbunden ist; Pater Simon Francis Gaine (der Vater), Regent des
Blackfriars in Oxford, als Vertreter der Dominikaner, Schürmanns ehemaliger
Orden, der uns in Fragen des Ordenslebens und dessen potenzieller Krisen
unterrichten kann; und die dritte Figur – der Filmemacher-Arzt (der Heilige Geist),
die außer ihrem geweihtem Amt – auch das enge Verhältnis zwischen Kino, Mythos
und Philosophie insbesondere am Beispiel des homoerotischen sakralen Werkes von
Markopoulos und Beavers (erastês - eromenos), ihrer Film Theologie, darlegen wird.

Die drei synkopischen Gespräche sollten den Zuschauer in Schürmanns Weltbild der
Tragik (dem ‚dialektischen Bild’ Benjamins in gewisser Weise ähnlich) hineinführen.
Mit fast filmischer Schärfe bemerkt Schürmann: “Tragedy always maps out
something like the sweep of the eyes.”12 Der Augenblick aber des Sehens ist
gleichzeitig einer des Nicht-Sehens, die Blindheit der tragischen Verleugnung.
Tragödie ist eine Art des Sehens so wie die tragische Verleugnung eine des Nicht-
Sehens ist.

12 ibid., p. 27

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

Der Traum oder das Phantasma von Welt schafft die Tragik des Singulars und
zerschmettert sie zugleich.

Oder in den Wörter des Haikus Shushikis, daß dem Werk Broken Hegemonies als
einleitendes Epigramm voran gestellt sind:

„Dead my old fine hopes


And dry my dreaming
But still –
Iris, blue each spring.“

Jenseits dieses ‚universalen’ externen Dreiecks – aber ihm innewohnend - besteht


ein anderes agonistisches phantasmatisch-philosophisches Dreieck – das Ensemble
der Verhältnisse zwischen Heidegger, Schürmann und Fritsche. Man könnte dies
auch das goldene Dreieck der Ambivalenz oder in der Terminologie Schürmanns –
eine Topologie des ‚double bind’ bezeichnen. Heidegger war für Schürmann eine Art
‚ultimate’ (das extreme Absolute) in sich selbst – sein Denken war ganz in dessen
Bann verhaftet. Schürmann hatte ein metaphysisches und ein nicht-metaphysisches
Verhältnis zu Heidegger gehabt – beide waren positiv.
Als ein sehr junger Dominikanischer Novize besuchte er Heidegger in Todtnauberg.
Trotz eines Minimums an Kritik, hörte Schürmann nie auf Heidegger den
Philosophen zu verteidigen. Dagegen, Johannes Fritsche ist ein scharfer Kritiker von
Heideggers Philosophie; laut seiner Auffassung sind sowohl die heideggersche
Philosophie als auch die Person Heidegger im Nationalsozialismus tief verstrickt.

Das innere philosophische Dreieck des Films könnte deshalb schematisch als eine
Matrix von drei sich ausschließende Beziehungen dargestellt werden: Schürmann-
Heidegger + (positiv); Fritsche-Heidegger – (negativ); Schürmann-Fritsche +—
(positiv, negativ).

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

5. Der phantasmatische Raum des Philosophen

5a. Aufnahmeorte und Trance-Forschung

In Schürmanns Schilderung der hegemonischen Phantasmata weist er nur auf drei


Epochen hin – die griechische oder Zeitalter des Eins, die römische oder das der
Natura und die moderne Epoche des selbstbewußten Ichs. Er läßt wenigstens ein
machtvolles Phantasma aus, - das Orientale Phantasma, das man vielleicht als das
Phantasma des Weges oder des Nomadischen bezeichnen könnte. Keins der drei
‚offiziellen’ Phantasmata ist weder räumlich noch territorial – das Eins ist das
unsichtbare transzendente ‚Zusammenhalten’, die Natura ist das Gesetz was keinem
Gesetz untersteht und das Selbstbewußtsein ist das Eins wie es in dem individuellen
cogito zusammengehalten oder einverleibt ist. Das Orientale Phantasma dagegen
nimmt im Raum den Anlaß zur Bewegung oder Eroberung – der Weg ist ein
perpetuum mobile (wie in der Musik, eine in sich selbst begründete Bewegung).

So wie Schürmann die Züge seiner drei hegemonischen Phantasmata aus


verschiedenen Hauptquellen und Denkern schöpft – Parmenides’ Poem, Plotinus,
Cicero, Augustine, Meister Eckhart, Kant, Luther, Heidegger etc - der Meister
Denker des Weges ist Lao Tse, noch ursprünglicher als die anderen. Auf
merkwürdige Weise ein Überbleibsel des Nomadischen in der Form der Reise eines
mythischen Reisenden ist als unreifes, urtümliches Element in Parmenides’ Poem
noch enthalten – sein jüngeres Selbst. Die nomadischen Episoden sind dem kouros
(Jüngling) zugewiesen – die Narrative ohne Ende oder telos – eine nomadische Zeit,
die nur aus Anfängen besteht, eine Zeit des Vagabundierens, der Landstreicherei, die
als mangelhaft angesehen wird.13 Sollte dadurch vielleicht impliziert werden, daß
das ‚Orientale Phantasma’ des Weges zur Vorgeschichte des ‚hens’ oder das Eins
gehöre? Das Nomadische bilde ein nicht ausgewiesenes Relikt, einen anonymen
Rest einer Kultur, die jetzt durch den Einbruch des Westens gänzlich vertilgt oder
überflügelt sei? In Schürmanns Geschichte der Phantasmata - die nomadische Zeit

13„Vagabond minds advance by upsurges of unequal speed, with hasty moments and delays. We
cannot ask them where they are, since they are already elsewhere.”, Reiner Schürmann, Broken
Hegemonies, ibid., p. 126

15
Der Unnahbare Reiner Schürmann

reift allmählich in der ‚Zeit der Äonen’ heran - oder eine Zeit, die in und durch das
Eins vereinheitlicht wird.
Dennoch gibt er zu, daß in Parmenides’ Fragmente unterschiedliche Stimmen um
unsere Aufmerksamkeit werben: “A spherical unmoving system, setting out
universal law—or a narrative of a voyage in the first person singular, praising the
ephemeral … to which one are we to listen?”14
Das fehlende ‚Orientale Phantasma’ leuchtet jedoch durch die anderen
phantasmatischen Bauten hindurch – als eine Nostalgie der Bewegung – die
Pilgerfahrt, das Hajj, die Kreuzzüge, die Heimkehr – und auch in das Phantasma des
heiligen Gebiets, oft Ziel der Reise – die Stadt Gottes, Mecca, das heilige Land, der
geweihte Hain, der heilige Berg, Stonehenge, die ‚Puma-förmige Stadt’ der Inkas15
oder sogar das rituelle Filmvorführungsgelände Temenos, welche Markopoulos und
Beavers als den heiligen Ort ihres eigenen ‚Film as Film’ gegründet haben.

Istanbul spezifischer - der Weg ist auch die Bedeutung von tariqa oder die vier
Stationen des mystischen Pfads der Selbst-Transformation, ein Grundpfeiler der
islamischen Sufi Theologie. Tarikatci bedeutet auch Derwisch, das Mitglied des
tariqas. Tariqa oder der Weg fängt in dem alltäglich begangenen ‚gut ausgetretenen
Pfad zum Wasserloch’ (Sharia) oder der nach außen gerichteten exoterischen
islamischen Religion an, setzt sich bis in den unsichtbaren Kern des haqiqa oder der
nach innen gerichteten esoterischen Religion fort. Das entlegene Gebiet des haqiqa
entspricht des unio mystica der westlichen Mystik.
In der Nachahmung der zirkulären Bewegung der himmlischen Körper saugen die
mevlevi, die ‚tanzende Derwische’ den ganzen Raum in ihren eigenen Körper auf –
sie drehen sich unaufhörlich um die eigene Achse als seien sie selbst der ganze
Kosmos.

So wie die römische natura das Gesetz der Natur sei, das selbst keinem Gesetz folge
– der Weg hat keinen Weg. Er ist ein Phantasma der Lage ohne jegliche Lage außer

14Broken Hegemonies, ibid., p. 54


15Siehe Reiner Schürmann, Heidegger on Being and Acting: From Principles to Anarchy,
Bloomington: Indiana University Press, 1986

16
Der Unnahbare Reiner Schürmann

derjenigen des Dazwischenliegenden - das was zwischen allen Lagen liegt. Als
solches hat der Weg an sich etwas von der Unendlichkeit.
Jene Schimäre des Wegs ist Thema des zweiten Paradoxon Zenos, das von den
endlosen Abschnitten einer geraden Linie zwischen A und B handelt, auch sonst als
das ‚Wettrennen zwischen Achilles und der Schildkröte’ bekannt. Man kann nie sein
Reiseziel erreichen; ehe man den halben Weg geht, muß man die Hälfte des Halben
Wegs begehen, und noch davor die Hälfte der Hälfte des halben Wegs ad infinitum.
Nicht nur ist der Weg ein Phantasma der Lage – aber auch der Fortbewegung – man
kann eine Entfernung nie überschreiten, nie an einem Zielort ankommen.16 Jeder
Punkt bleibt unnahbar.

Schürmann ist nicht nur ins Exil gegangen, er hat seinem Leben die Form einer
fortdauernden Flucht verliehen. Er beschreibt jene ‚Expertise’ deutlich in seiner
Autobiographie: „Fuir. Je fuis. Je passe mon temps à m’éclipser. Je feins d’être
intéressé, en fait je prépare une dérobade. Avec les années, je suis devenu expert
pour organiser mes fuites. J’aime qu’elles s’enchaînent sans perte de temps.“17
Dennoch Schürmann, der Mann der Flucht, des Selbst-Exils (homo, fuge) verdrängt
das Orientale Phantasma des Weges – womöglich sprengt es um so mehr seine
Aufstellung der gebrochenen Hegemonien.

Der Weg ist das Phantasma, den Schürmann übersehen mußte, weil er sich stets
darauf befand – „der vagabundierende Mönch“.

Auf der Suche nach dem ausweichenden nomadischen Philosophen der westlichen
gebrochenen Hegemonien können wir zu seinen eigenen verdüsterten Ursprüngen
nicht zurückkehren. Statt dessen, im Stil von The Approach to Al-Mu’tasim, werden
wir Schürmanns Schein im Orient, Ort des Kollidierens von welt-historischen
mythologischen Ursprüngen, nachzuspüren versuchen.

16Vergleich Borges, „Avatars of the Tortoise“ in Labyrinths, London, 2000, pp. 237-244
17Schürmann, Les origines, Paris, Fayard, 1976, p. 14 zitiert in V. Hösle, „Schürmann’s Intellectual
Background“, ibid., p. 278

17
Der Unnahbare Reiner Schürmann

Stanley Cavell, in dem er das Offensichtlichste aussprach, sagte: „a movie comes


from other movies“18 – so wie Text von anderen Texten.
Unser Film hat auch seine Vorbilder, unter anderen Markers La Jetée, Bressons
Journal d’un curé de campagne, Viscontis Tod in Venedig vor allem die Traum
ähnliche Ankunft des Helden auf dem Dampfschiff19 - aber auch der ‚Trance-Film’
von dem Markopoulos’ Hippolytus Auslegung Twice a Man ein klassisches Beispiel
darstellt oder Gides Anwendung des ‚mise en abyme’ in seinen Roman Les Faux-
Monnayeurs (The Counterfeiters), Pirandello’s Sei personaggi in cerca d’autore (Six
Characters in Search of an Author) oder Cees Nooteboom’s Het volgende Verhaal
(The Following Story).

Jedes dieser Werke erkundet die futuristische Beschaffenheit von Ursprüngen – so


wie Schürmann eine nach rückwärts gewandte Lektüre von Sein und Zeit empfahl –
eine Lektüre aus der Zukunft eines Textes, die den Leser zu den Ursprüngen zurück
befördert. Heidegger selbst in seinem Dialog On the Way to Language mit einem
japanischen Literatur Professor bestätigt unseren Zugang zu dem Rätsel Schürmann:
„And ways of thinking hold within them that mysterious quality that we can walk
them forward and backward, and that indeed only the way back will lead us
forward. (…) But origin always comes to meet us from the future.“20

Twice a Man, zum Beispiel, ist ein Film der von der Rückkehr Hippolytus aus dem
Reich des Todes handelt. Die Zukunft ist sein Tod aus dem er in das Haus seiner
Mutter zurückkehrt. Der Held befindet sich in der Zukunft aus der der Künstler-Arzt
seine Vergangenheit ins Leben zurück ruft. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart –
so wie jede eigene Vergangenheit ein Land der Toten ähnlich ist. Die Wahrheit ist
keine Reihenfolge von Sätzen so wenig wie eine Narrative immer nach vorne los
stürzt. Die ‚Wahrheit’ und die ‚Geschichte’ könnten beide in einem einzelnen micro-
frame aufgehoben sein.

18 Stanley Cavell, The World Viewed, Cambridge/London, p. 7


19 Venedig ist in gewisser Weise ein Zwillings-Rivale von Istanbul gewesen.
20 Martin Heidegger, Dialogue on Language between a Japanese and an Inquirer oder The Way to
Language, PDF, pp. 10, 12

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

In den Schriften Schürmanns liegt versteckt und verschlüsselt das Drehbuch zu


unserem Film.
Oft lesen zeitgenössische Philosophen Literatur, als sei sie in sich Philosophie – wir
schlagen vor Philosophie zu lesen, als sei sie in sich Literatur/Fiktion. Literatur und
deren Autoren müssen drei unverzichtbare Merkmale zu eigen sein – eine
Mythologie der eigenen Geburt, eine erotische Philosophie (wenigstens eine
Philosophie der Anziehung oder der Verführung) und eine Dämonologie. Die
Dämonologie ist die dunkle Seite des Kosmos – ohne Dämonologie, gibt es auch kein
Eros. Schürmann erfüllt die Bedingungen einer literarischen Figur – in dreierlei
Hinsicht. Seine Geburt war für ihn eine fortdauernde Quelle von Mythos, seine
erotische Philosophie ist in sein Geflecht von philosophischen double binds
verwickelt – was auch den Ursprung seiner Dämonologie verkörpert.

Aus den posthum veröffentlichten Broken Hegemonies werden wir die Elemente
eines ‚Drehbuchs’ von Schürmanns ‚zersplittertem Sein’ herauslösen, (durch seine
Autobiographie Les Origines und seine Heidegger Monographie Heidegger on Being
and Acting: From Principles to Anarchy ergänzt) – und das Skript von seiner
Dialektik des Verleugnens und des Offenbarens/Entbergens – (Schürmanns eigene
Confessions of a Mask) - in unsere ‚gefundene’ Lage Istanbul verlegen – die selbst
ein Wirbel von altertümlichen Spiritualitäten ist – wo sich die Funken von
Schürmanns Nachleben entzündeten und seine Strähnen zusammenschmolzen.
Unser Film-Essay wird die Form eines Journals oder Tagebuches der Herstellung
des Films selbst annehmen.

In dem Film ziehen wir als spirituelle Touristen durch Istanbul –wie der wandernde
Priester, der Waki Charakter im Japanischen Noh Theater – die idealen
Aufnahmeorte für unsere Trance-Forschung auskundschaftend – für die ‚Trance-
Dialoge’ mit Johannes Fritsche und mit anderen Figuren aus der Zukunft, die jeden
möglichen Aspekt von Schürmanns Ursprüngen beleuchten könnten.

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

Szenen/Sequenzen unseres pikaresken Mäanders durch Istanbul werden mit den


Dialogen und Dialoge über Dialoge und anderen flüchtigeren Zeugnissen oder
metaphysischen Vorzeichen filmisch vermengt.

5b. Zwei potenzielle Aufnahmeorte für Trance-Forschung, die wir während unseres
vorigen Aufenthalts in Istanbul entdeckten:

Das Gelbe Haus der Mortality und Natality (Tempel des Asclepius)

Während unserer früheren Aufenthalte in Istanbul wohnten wir eine Weile in


Cihangir am untersten Ende einer sehr steilen Straße gegenüber dem italienischen
Krankenhaus. Es schien ein ruhiger Nachbar zu sein – wir haben sogar vermutet,
daß die Rufe des Muezzins von der sehr naheliegenden Moschee aus Rücksicht auf
die Krankenhaus Patienten ein wenig gedämpfter gewesen wären. Das gelbe
Krankenhaus bietet einen seltenen makellosen Anblick in jener Nachbarschaft an –
wo sonst die Mehrheit der Gebäude am Rand der totalen Hinfälligkeit und
Verrottung dämmern. Einige ‚griechische’ mehrstöckige Wohnhäuser, die
wahrscheinlich seit Jahrzehnten leer stehen, sind gänzlich von Wein und Efeu
verschluckt worden. Dennoch, sahen wir wie grimmige fuchtige junge Männer in
diesen in sich brüchigen prekären Wracks mit ihren eingestürzten, ausgehöhlten
Treppenhäuser ein und ausgingen. Ein fragiles altes mehrstöckiges osmanisches
Holzgebäude auf einer der hinteren Straßen stürzte eines Tages einfach zusammen –
seine Überreste - dunkle fleckige verrottete Bretter und Trümmerhaufen von Mörtel
– blieben eine ganze Weile dort an Ort und Stelle liegen. Im sonnigen Kontrast zu
jenem dunklen Morast von herrenlosen Ruinen – der frisch gestrichene gelbe
Komplex des italienischen Krankenhauses glänzte im Palladianischen Stil hinter
seinen hohen Mauern, - eine immergrüne Kletterpflanze mit immerwährenden
kelchförmigen Blüten von einer tief orangenen Farbe milderte die strengen
Mauernlinien, die schwarz lackierten gußeisernen geschwungenen Tore standen
immer halb offen, der Innenhof mit seiner zirkulären Einfahrt führte um eine runde
blumige Insel, sein auffallendes rotes Schindeldach funkelte aus der Entfernung. Mit
einem breiten stattlichen Balkon im zweiten Stock war das Krankenhaus eine

20
Der Unnahbare Reiner Schürmann

palastartige Erscheinung, mehr wie ein sizilianisches Sanatorium denn ein


großstädtisches Front-Krankenhaus. Die eleganten altmodischen hölzernen
Fensterläden von einem oberen Fenster in einem Seitenflügel waren immer zum
Lüften geöffnet. Das Krankenhaus und seine Umgebung strahlten eine tiefe Ruhe
aus.
Nach einer Weile merkten wir, daß es zu ruhig war. Es ging niemand weder ein noch
aus. Manchmal stand eine Ambulanz in der zirkulären Einfahrt aber danach für eine
lange Zeit nichts. Allmählich verstanden wir – es war ein Geisterkrankenhaus. Es
pflegte sich selbst. Kein einziger Hausmeister trat in Erscheinung – ins Blickfeld.
Das italienische Krankenhaus war keine Ruine – ganz im Gegenteil – aber es war
‚un-tot’ – auf eine andere Weise leblos – es ist ein Zombie Ort, ähnlich den
abgestorbenen nur noch im zwielichtigen spektralen Wirtschaftsraum bestehenden
Firmen, die dennoch weiter ökonomisch herumgeistern – so wie Zombie-Banken.
Das Krankenhausgeschäft schien im Stillstand, in eine Art Biostase eingefroren zu
sein – aber während jener Zustand anhielt, standen auch die Zeit und die Verrottung
still. Das Geschäft könnte zu jeder Zeit wieder aufgenommen werden, aber derweil
fiel alles drumherum auseinander.

In der japanischen Kultur sind solche verlassenen Orte die natürliche Bleibe der
Yokai, die Welt der unsichtbaren Dämonen. Die Yokai treten nur nachts auf. Wenn
eine Person – zum Beispiel ein wandernder Mönch oder ein Samurai dort
übernachtet – wird er ihrer ganzen Pracht und ihrem Schrecken ausgesetzt.

Wegen solcher jenseitigen Porosität – ist das verlassene italienische Krankenhaus


und sein Gelände eine empfängliche Station für unsere ‚Trance-Dialoge’ mit
Johannes Fritsche, Schürmanns dämonologischer Andere, sein Medium und
philosophischer Widersacher.

Ein Krankenhaus an sich ist ein musterhaftes Beispiel für die Stelle wo Schürmanns
zwei ‚ultimates’ – mortality und natality – sich ständig berühren. In dem
verlassenen Zombie Krankenhaus läßt sich der phantasmatische Zyklus von in
double bind verschlungenen ultimates inszenieren.

21
Der Unnahbare Reiner Schürmann

Das Rote Haus des Archivs

Das rote Haus hat sich sehr langsam in unser Bewußtsein eingeschlichen. Wir
wohnten in Kurucesme an der Küstenstraße. Auf den Weg nach Arnavutköy und
Bebek den Bosphorus entlang, hatten wir oft Gelegenheit am roten Haus
vorbeizulaufen. Das rote Haus ist eine alte vielgeschossige osmanische Villa, ein
yali, dessen rote Farbe auf seiner ganzen Fläche so sehr abgeblättert ist, daß die
Fassade wie mit Federn verklebt aussieht - als wäre es ein entfernter Verwandter
von Baba Yagas Hütte, die im Wald auf Hühnerbeinen steht.
Die Geländer der Balkone im zweiten Stock sind verrostet, die gesamte Balkon-
Konstruktion sieht baufällig aus. Der Innenhof wird von wuchernden Sträuchern
und den Blättern eines großen krummen Baums überschattet. Kaum sichtbar mitten
im Hof-Dschungel war ein antikes Auto geparkt. Alles sah so aus als wäre es seit
vielen Jahren in diesem Zustand gelassen und vergessen worden. Aber im Lauf der
Zeit, fingen wir an in jenem Haus, das wir als verlassen und unheimlich dachten,
Lebenszeichen zu bemerken - ein schwaches Licht im hinteren unteren Fenster
neben dem Innenhof, die Tür zum Balkon offen gelassen, ein oberes Fenster halb
geöffnet - bis uns in einer Nacht als wir auf der anderen Straßenseite, auf dem Quai
standen, das Haus anstarrend, jemand ansprach. Ohne daß wir ihn gefragt hätten,
erzählte er uns, daß das rote Haus früher und bis vor kurzem der berühmten
Archäologin Halet Cambel gehört hätte, die neulich gestorben sei und das Haus an
die Boğaziçi Universität vererbt hätte. Das Haus war demnach immer noch eine
melancholische Ruine aus einer unwiederbringlichen osmanischen Epoche. Die
Archäologin ist verstorben – jetzt aber haben die ‚Kräfte des Archivs’ das rote Haus
übernommen.
Bei näherer Untersuchung - durch die Erdgeschoß Fenster in den düsteren
Innenraum schauend, konnten wir schwere hüfthohe Pappkartons in der großen
Diele aufgetürmt sehen. Wahrscheinlich waren es die Schätze der Archäologin, die
dort für den Transport zu einem anderen sicheren Ort bereitstanden. In einer
extrem entgegengesetzten Metamorphose zur jener des italienischen Krankenhauses
– das rote Haus, das so sehr einen heruntergekommenen und tristen Eindruck
machte, war der Gegenstand eines offiziellen Stöberns und einer

22
Der Unnahbare Reiner Schürmann

Aufbewahrungsgeschäftigkeit. Dennoch – das Haus war noch nicht ganz bezähmt


worden – es gab auch anderes Leben, außer jenem der offiziellen Inventur Macher.
Ich hatte eine Reihe reizender zierlicher Stoff Schuhe direkt unter der Fensterbank
neben dem Eingang bemerkt. Schuhe für kleine Füße – als wäre die Archäologin
eine Tänzerin oder Ballerina gewesen. Einige der Schuhe verschwanden. Als ich
durch das Fenster schauend dies feststellte – bin ich gewahr geworden, daß jemand
weiter weg hinter der Reihe von Schuhen im Zwielicht der großen Eingangshalle
stand und mich beobachtete. War es ein Einbrecher? Eine Art Grabschänder? Die
Person machte die Tür auf, so wie ein rechtsmäßiger Bewohner es tun würde. Wie
ich dann erfuhr, das Haus war gar nicht im wahren Sinn des Wortes verlassen – die
Familie, die sich um die Archäologin bis zu ihrem Tod gekümmert hatte, wohnte
noch im Haus. Sie bewohnten die unterste Ecke des Hauses neben dem Hof – mit
eingeschwärzten verhängten Fenstern und schwachem Licht lebten sie wie unter
Kriegsbedingungen oder klandestin im Untergrund. Als ob sie das Haus nicht mehr
verlassen dürften – ihrer Gebieterin über den Tod hinaus - ‚outre tombe’ - treu
bleiben müßten.

Er war der Sohn – seine Mutter war die Krankenschwester-Betreuerin der


Archäologin gewesen. Als ich ihm von dem schwachen Licht erzählte, – sagte er –
das ist mein Licht gewesen, das Licht kommt aus meinem Zimmer. Die Schuhe
sagte er – gehörten seiner Schwester. Sein Vater war der Hausmeister gewesen.

Halet Cambels Geburtsort war Berlin, wo sie 1916 in eine Familie hineingeboren war,
die auf vielfache Weise zur türkischen Elite gehörte.
Ihr Großvater mütterlicherseits war der osmanische Botschafter in Berlin gewesen,
ihr Vater war der Militärattaché und enge Verbündete von Atatürk. Sie war keine
Tänzerin aber eine Fechterin, die an der Sommerolympiade von Berlin 1936
teilnahm – die offizielle Einladung sich mit Hitler zu treffen lehnte sie allerdings ab.
Das vierstöckige rote Haus wo sie so viele Jahre lebte und auch tot aufgefunden
wurde, war ihr Heim, Büro und Lagerhalle ihrer vielen archäologischen Fundstücke
von ihren zahllosen Ausgrabungen.

23
Der Unnahbare Reiner Schürmann

Obgleich das ‚Rätsel’ des roten Hauses gelöst zu sein schien – fing ich an in einem
oberen mittleren Fenster des Hauses gegenüber der Bus Haltestelle ein Gesicht zu
sehen. Es war ein glänzendes Gesicht zum Bosphorus hingewandt – aber es war
unmöglich festzustellen, ob es männlich oder weiblich war. Am Anfang dachte ich
das Gesicht sei ein vergoldetes Porträt von jemandem – vielleicht aus der Grabstätte
eines Königs. Aber das Gesicht schien zu nah ans Fensterglas gepreßt zu sein.
Nachdem ich es einmal bemerkt hatte, jedesmal wenn ich vorbei ging, war das
leuchtende Gesicht da im Fenster – als ob es auf mich wartete.

Das rote Haus – und seine Geheimnisse – als Haus/Symbol der ‚Ursprünge’ und der
historischen hegemonischen Phantasmata – ob Osmanisch-Türkisch oder
Wilhelminisch-Nazi – scheint ein suggestiver Ort für einen ‚Trance-Dialog’ zu sein,
worin Fragen aufgegriffen werden könnten, von Schürmanns impliziter Verbindung
(double bind) an einem phantomhaften Nazi elitären Exzeptionalismus von dem er
sich gleichzeitig gezwungen fühlte abtrünnig zu werden.

5c. Andere Geographien, Oxford, New York City

Außer in Istanbul – werden wir weitere dramatische Untersuchungen in die zeitlose


Welt der dominikanischen Blackfriars von Oxford verlegen. Schürmanns Zeit als
Dominikaner bleibt bislang durch seinen Austritt aus dem Orden am meisten
verschüttet. In unseren Dialog mit Father Simon Francis Gaine OP, Blackfriars
Regent of Studies, werden wir versuchen Schürmanns Leben im Kontext der
Dominikaner zu beleuchten – sein Doppelleben als Mönch und Intellektueller. Wir
haben schon an einem früheren Projekt mit Father Simon Gaine kollaboriert – in
dem Triptychon The Accident Colony, ein Kunstprojekt, das von der Philosophie
Wittgensteins und deren Nachwirkungen (Wittgenstein ‚victims’) angeregt wurde.
Das Projekt wurde von dem Austrian Cultural Forum London unterstützt und dort in
2008 aufgeführt.

Unsere Trance-Forschung wird sich auch nach New York City verlängern – um Orte
zu filmen und mit Individuen zu sprechen, die Schürmanns New Yorker Kosmos

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Der Unnahbare Reiner Schürmann

bestimmt haben könnten: zum Beispiel ehemalige Schüler und Fakultätsmitglieder


der New School for Social Research – oder, der mythischen von Markopoulos
vorgezeichneten Route folgend, Personen oder Mitglieder der Schwulengemeinde –
revenants aus Twice a Man. In beiden Istanbul und New York City werden wir nach
Resten/Fragmenten einer mythischen Kartographie suchen, - die die zwei Städte zu
einer einzigen maritimen Unterwelt kinematographisch verschmelzt (Fähren,
Fährhafen, Tanzsäle, Hafenbehörden, Schläfer, Inseln usw.).

Professor Ali Tekcan, Provost der Boğaziçi Universität, hat uns auch
freundlicherweise die Benutzung von Campus Gebäuden und das
Universitätsgelände als zusätzliche Aufnahmeorte in Istanbul angeboten.

In unserem eigenen ‚Orientalen Phantasma’ verhaftet, dem Sirenenruf de Nervals


‚vers l’Orient!’ gehorchend, durch den glücklichen Zufall unseres Treffens mit
Johannes Fritsche und Joicy Koothur aus der Bahn ausscherend, haben wir mit
ihnen zusammen ein Partikel von Schürmanns nomadischem Nachleben erzeugt.
Unser Film soll das phantasmatische Habitat werden, wo ‚le Juif errant’ der hinter
seinem Leben verborgen lag – verweilen könnte.21

© Shannee Marks & Peer Wolfram


Ulysses Productions
Kylemore July 2015

21 Schürmanns erste Buch Veröffentlichung heißt Meister Eckhart ou la joie errante, was sich leicht
in le Juif errant konvertieren ließe.

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