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Ganzglasecken mit 3-fach-ISO

17.10.2011 um 14:46

Ganzglasecken und -stöße mit 3-fach-Isolierglas sind sehr komplex. Dabei sind vielfältige
Anforderungen hinsichtlich Konstruktion, Einhaltung baurechtlicher Vorgaben,
Energieeffizienz und vor allem auch bauphysikalischer Aspekte zu beachten. Wie man als
Verarbeiter damit umgeht, erläutert der folgende Beitrag.

Wie lassen sich heute ansprechende Anschlussfugen und Glasstöße bei Ganzglasfassaden
umsetzen? Dies ist nicht nur eine technische, sondern vor allem auch eine gestalterische
Frage. Architekten haben dabei meist eine ganz andere Vorstellung als Verarbeiter, die mit
der Umsetzung betraut sind und die die folgenden Rahmenbedingungen beachten müssen.

Grundlegende Anforderungen sind zunächst die Gebrauchtauglichkeit, die Standsicherheit


und die Dauerhaftigkeit der Konstrktion bzw. der Verbindung. Das gilt  wie für jedes andere
Verglasungssystem auch.

Dauerhaftigkeit
Damit ein Verglasungssystem dauerhaft funktioniert, müssen nicht nur bei Ganzglasecken
folgende Einflüsse vermieden werden:

 andauernde Feuchtigkeit auf den Randverbund,


 UV-Strahlung,
 unzulässige mechanische Spannungen,
 unverträgliche Materialien,

Die Randbedingungen an die Glasfalzausbildung sind die gleichen wie bei gerahmten
Konstruktionen auch. Die wesentlichen Anforderungen sind durch Regelwerke wie DIN
18545 – Glasabdichtung, Falzausbildung, TRL, TRAV, - künftig als DIN 18008 – nicht nur
beschrieben, sondern auch verbindlich.

Standsicherheit der Konstruktion


Mechanische Belastungen
Das Verglasungssystem muss zur Aufnahme der planbaren Lasten geeignet sein. Die
wesentlichen Lasten sind hierbei Klimalasten aus dem Scheibenzwischenraum, Eigengewicht,
Winddruck und Windsoglasten. Hierbei werden hohe Anforderungen an die Glasabdichtung
gestellt. Zudem hat die bei einer Ganzglaseckenkonstruktion freie Glaskante einen
entscheidenden Einfluss auf die Bemessung.

Die Verbindungsfuge ist hierbei grundsätzlich eine Abdichtungsfuge und nicht als statisch
tragende Verklebung zu sehen. Dies hat weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf die
Bemessung der Ganzglasecke. Die Scheiben sind als dreiseitig gelagert zu betrachten, was in
der Regel zu sehr hohen, zum Teil nicht mehr realisierbaren Glasdicken führt. Mit einer
statisch tragenden Verklebung lassen sich zwar Glasdicken reduzieren, erfordern allerdings
eine Zustimmung im Einzelfall (ZiE) oder Zulassung nach ETAG 002.

Auch an den Dicht-/Klebstoff werden hohe Anforderungen gestellt, z.B. hinsichtlich der
Aufnahme von Windruck und -soglasten sowie von Scherkräften. Bei Ausführung einer
derartigen Glasabdichtung ist die Verträglichkeit der eingesetzten Materialien von
entscheidender Bedeutung (siehe dazu ift-Richtlinien DI-01/1 und DI-02/01).

Wärmetechnische Anforderungen
Wärmeströme an Außenecken
Raumecken und somit auch Ganzglasecken bilden eine geometrische Wärmebrücke. Durch
den divergierenden Wärmestrom kommt es in der Ecke zu deutlich geringeren
Oberflächentemperaturen. Grundsätzlich ist eine Isolierglasecke bzw. Isolierglasstoßfuge eine
wärmetechnische Schwachstelle. Die Gefahr der Tauwasserbildung ist hierbei besonders
hoch. Wärmetechnisch verbesserte Isolierglasabstandhalter nach EN 10077 (Anhang E) sind
bei solchen Konstruktionen zu bevorzugen.

Die komplexen bauphysikalischen Eigenschaften von Ganzglasecken machen es darüber


hinaus erforderlich, die vielfältigen Ausführungsmöglichkeiten wärmetechnisch und
bauphysikalisch detailliert zu betrachten. So ist die aus der der DIN EN 10077 bekannte
Berechnungsformel für die Uw-Wert Berechnung von gerahmten Fenstern zur Uw-Wert-
Berechnung von Ganzglasecken und -stößen nicht ausreichend.

Der Uw-Wert nach DIN EN 10077:

Hier werden die Ug-Wwerte des Glases mit der Glasfläche, die Uf-Werte des Rahmens mit
der Rahmenfläche und dem längenbezogenen Wärmedurchgangskoeffizienten Ψg mit der
Gesamtfläche der Fensters ins Verhältnis gesetzt.

Bei den meisten Fensterkonstruktionen ist die Glas-Rahmen-Ausbildung bei allen Glaskanten
gleich. Bei einer Ganzglasecke bzw. einem Ganzglasstoß ist dies nicht der Fall. Hier sind ja
nur drei Glaskanten gerahmt. Dies macht eine zusätzliche Rechentechnische Betrachtung
notwendig.

Der Uw-Wert einer solchen Konstruktion lässt sich in Anlehnung an die DIN EN 10077 wie
folgt berechnen:

Der Uw-Wert einer Gnazglasecke in Anlehnung an die DIN EN 10077:

Die Einführung eines zusätzlichen längenbezogen Wärmedurchgangskoeffizienten für die


Glas-Glas-Anbindung Ψgg * lgg ist hier erforderlich. Dazu hat die Arbeitsgruppe
Wärmeschutz des Verbands Fenster und Fassade (VFF), Frankfurt, in Zusammenarbeit mit
dem ift-Rosenheim grundlegende Arbeiten geleistet. Das Ergebnis dieser Arbeit ist als VFF-
Merkblatt V07 „Glasstöße und Ganzglasecken in Fenstern und Fassaden“ erschienen

Betrachtung von Ψgg-Werten


Nachfolgend die Betrachtung von Ψgg- Werten („Psi – gg“ oder „Psi – ganz – glas“
ausgesprochen) und bauphysikalischen Aspekten einiger ausgewählten Konstruktionen. Für
die nachstehenden Berechnungsbeispiele wurden folgende Festlegungen getroffen:

Berechnungsbeispiel von Ψgg- Werten

Einfache Konstruktion einer Glaseck


Ausführung als einseitiges Stufenglas

Ausführung als einseitiges Stufenglas mit asymmetrische Ansicht: Der Dampfdruckausgleich


ist aufgrund der schwierigen Montage der Hinterfüllschnur nicht immer gewährleistet. Die
eehr niedrige Oberflächentemperatur in der Ecke birgt ein hohes Tauwasserrisiko. Ψgg = 0.15
W’/(mK).

Ganzglasstoß mit Fugenkompressionsprofil

Ganzglasstoß mit Fugenkompressionsprofil

Ein Dampfdruckausgleich ist bei einem Ganzglasstoß durch das Fugenkompressionsprofil


möglich und muss auch an den Kreuzungspunkten sauber ausgeführt werden. Hier besteht ein
erhöhtes Risiko der Kondensatbildung. Ψgg = 0.22 W’/(mK).

Ganzglasecke mit Dichtprofil und Verbindungsblech

Ganzglasecke mit Dichtprofil und Verbindungsblech


Auch bei dieser Konstruktion ist der Dampfdruckausgleich durch Fugenkompressionsprofil
möglich. Die Ansichtbreite der Ecke (> 40 mm) ist ehr hoch. Die Klebefugen zwischen Blech
und Glas müssen bezüglich Last und thermischer Dehnung (z. B. gemäß ETAG002 > 6 mm x
6 mm) bemessen werden.

Hohe thermische Belastungen an der Eckausbildung können die Verwendung von


Einscheibensicherheitsglas (ESG) erforderlich machen. Außerdem sind geschliffene
Glaskanten zur sauberen Montage empfehlenswert. Ein Verbindungsblech wirkt als
„Wärmefühler“ und erhöht die Oberflächentemperatur in der Ecke. Die Wärmeleitung in der
Ecke wird allerdings verbessert, so daß sich der Ψgg-Wert stark erhöht. Ψgg = 0.30 W’/(mK).

Visuelle Aspekte von Ganzglasstößen und -ecken


Für ein gleichmäßiges Erscheinungsbild ist eine Bearbeitung der hervorstehenden Kanten von
Stufenisoliergläsern empfehlenswert (feingeschliffen oder poliert). Im Allgemeinen muss der
Randverbund der verwendeten Isoliergläser vor UV-Strahlung geschützt werden.

Dies wird meist durch einen Siebdruckstreifen auf Position 2 des Isolierglases erreicht. Bei
VSG-Konstruktionen wird dies oftmals mit einer Silikonbeschichtung ausgeführt. Bei Einsatz
von VSG ist besonders die thermische Belastungssituation zu überprüfen, um die
Dauerhaftigkeit des Laminats sicherzustellen. Fertigungstechnische Merkmale können am
Randverbund sichtbar werden.

Energetische Aspekte
Energetische Aspekte spielen neben Gestaltungswünschen eine zunehmend wichtigere Rolle.
Ein großer Einflussfaktor auf die wärmetechnische Leistungsfähigkeit von Verglasungen ist
die Wärmeleitung im Randbereich. Bei modernen Fensterkonstruktionen wird der
Glasrandbereich durch gut dämmende Profilsysteme „eingebettet“. Dies entfällt bei
Ganzglasecken und -stößen. Besonders deutlich werden diese Eigenheiten, wenn man die
längenbezogenen Wärmedurchgangskoeffizienten verschiedener Systeme betrachtet.

Die Tabelle zeigt exemplarisch konventionelle Fenstersysteme:

Tabelle: Konventionelle Fenstersysteme (exemplarische Auflistung)


Die Ψgg -Werte von Glasecken und -stößen sind etwa eine Zehnerpotenz höher als bei
allseitig gerahmten Konstruktionen. Dies hat  sowohl massive Auswirkungen auf den U-Wert
dieser Verglasungen als auch auf den Ucw-Wert von Vorhangfassaden.
 
Fazit
Ganzglasstöße und -ecken sind fertigungstechnisch, montagetechnisch und bauphysikalisch
komplexe Konstruktionen, die eine sorgfältige, detaillierte Planung erfordern. Grundsätzlich
ist es empfehlenswert, den Isolierglashersteller so früh wie möglich in die Planung einer
derartigen Verglasung einzubeziehen.

Quellen:

 DIN EN 10077
 DIN EN 4108
 VFF Merkblatt V.07 „Glasstöße und Ganzglasecken in Fenster und Fassaden“
 Mit freundlicher Genehmigung und besonderem Dank an den VFF – Verband der
Fenster- und Fassadehersteller e.V.

Der Autor
Ralf Vornholt, Marketing Technik der Saint-Gobain Glass Deutschland GmbH.