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Jakob Pastötter

Der David „Aufklärung“ gegen den Goliath


„Pornografie“
Interview mit Jakob Pastötter

Sie sprechen davon, dass Pornografie eine


Jakob Pastötter
Macht ausübt. Was für eine Macht ist das? Der Sexualwissenschaftler Prof.
Die Pornografie definiert auf entscheidende Dr. Jakob Pastötter ist Präsident
der Deutschen Gesellschaft für
Weise unsere Vorstellungen von menschlicher
Sozialwissenschaftliche Sexual-
Sexualität. Das geschieht auf zwei Arten: zum forschung (DGSS). Er lehrt an
einen dadurch, dass sie heute v. a. als Film- der American Academy of
medium auftritt, zum anderen dadurch, dass Clinical Sexologists, Florida, und
sie ein Quasi-Monopol in der Darstellung hat sich insbesondere mit Phänomenen der sexu-
ellen Sozialisation und der Pornografie auseinan-
menschlichen Sexualverhaltens besitzt.
dergesetzt.

Bilder sind stärker als Worte. Wir Menschen


sind Augenwesen. Selbst eine rhetorisch aus-
gefeilte Rede kommt gegen Bilder nicht an. gestellt werden. Da steht die sexuelle Aufklä-
Das einzige, was unsere Gesellschaft den por- rung, die Kinder und Jugendliche dazu anlei-
nografischen Bildern entgegensetzt, sind Bro- ten soll, selbstbestimmte Sexualität zu
schüren und Unterricht in der Schule, weil wir entwickeln, da wie ein wohlmeinender, aber
seit der Erfindung des wissenschaftlichen Se- doch ohnmächtiger David gegenüber einem
medialen Goliath. Ohne Medienanalyse ist
xualitätsbegriffs davon ausgehen, dass Sexua-
deshalb die Sexualkunde heute nicht mehr
lität sich sprachlich und intellektuell erfassen denkbar.
lässt. Bilder im Internet, insbesondere porno-
grafische, füllen die sinnliche Vorstellungs- Pornografische Filme seien Märchen für Er
Er -
lücke, die dadurch entsteht: Sie sind wesent- wachsene, sagen Sie. Was meinen Sie da-
da-
lich anschaulicher und wirkungsmächtiger als mit?
das bloße Reden oder Schreiben über Sexua-
Von ihrer Entwicklungsgeschichte her be-
lität. Erst wenn eigene (positive) Erfahrungen
trachtet ist die moderne Pornografie etwas
mit partnerschaftlicher Sexualität gemacht
Einmaliges: Sie hat Sexualität zu einem mas-
worden sind, kann es gelingen, die pornografi-
sentauglichen Unterhaltungs- und Konsumgut
schen Sexualitätsvorstellungen in ihrer Domi-
gemacht. Wenn man sich ihre Struktur näher
nanz einzuordnen.
ansieht, erkennt man, dass gerade deren
Gleichförmigkeit und Simplizität ganz wesent-
Was verstehen Sie unter einem „Quasi-
„Quasi-
lich zu ihrer Popularität beigetragen haben.
Monopol
Mono pol in der Darstellung
Darstellung menschlicher
Wie beim Märchen weiß man ganz genau, was
Sexuali
Se xualität“?
xuali tät“?
man bekommt. Man kann aber trotzdem nie
Pornografie übt bereits durch ihre schiere genug davon bekommen, weil etwas erzählt
Masse eine Definitionsmacht über Sexualität wird, was es in der realen Welt so nicht gibt.
aus: Es gehört schon einiges dazu, seine indi- Dargestellt wird ein sexuelles Schlaraffenland,
viduellen Erfahrungen mit Sexualität höher zu in dem alle Wünsche rund um die Uhr befrie-
bewerten als die 500.000 pornografischen digt werden und Leistung ausschließlich sexu-
Videoclips und Filme, die mittlerweile auf elle Leistung ist.
einer einzigen Internetplattform zur Verfügung

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Jakob Pastötter

Andererseits ist es ein urmenschlicher partnerschaftlichen Sexualität zu wiederholen.


Traum, im Schlaraffenland
Sch laraffenland zu leben. Wo Aber das funktioniert nicht.
steckt dabei das Problem?
Warum nicht?
Wer Pornografie konsumiert, der sucht ganz
gezielt den sexuellen Eskapismus, der ihn der Die fast labormäßige Konditionierung, die
Alltagsrealität enthebt und der ohne Vergan- durch das Betrachten von Pornografie bei
genheit und Zukunft und ohne eigene An- gleichzeitiger Masturbation stattfindet, bereitet
strengung auskommt. Das entlastet und be- nicht auf die komplexen, da von vielen Vari-
freit von den nicht immer angenehmen und ablen bestimmten, Situationen in der realen
bisweilen auch anstrengenden Gefühlen und Paarbeziehung vor. Selbstaussagen
Konflikten, die das Eingehen einer intimen von Jugendlichen und Erwachsenen, die häu-
Beziehung mit sich bringt. Mit einem Wort: fig Pornografie konsumieren, zeigen, dass die
Pornografie befreit von Verantwortung. Unsere sexuelle Frustrationstoleranz deutlich abge-
realen zwischenmenschlichen Beziehungen nommen hat. Wo Pornografie allgegenwärtig
zeichnen sich aber gerade durch das Über- ist, werden die an ihr erlernten sexuellen
nehmen von Verantwortung aus. Skripts zur wichtigen Messlatte für eine befrie-
digende und erfüllte Partnerschaft – nicht nur
Im Märchen steckt immer eine Moral. In der in sexueller Hinsicht.
Pornografie auch?
Beeinflusst der Konsum von Pornografie
Der entscheidende Unterschied zwischen Mär-
unser
un ser Sozialverhalten?
chen für Kinder und Pornografie als Märchen
für Erwachsene ist natürlich, dass Pornografie Pornografie suggeriert über die sexuelle Aktion
psychologisch völlig banal ist. Richtiger wäre hinaus, dass die Welt voll ist mit Menschen,
es deshalb wohl, von „pseudodokumentari- die eventuell die eigenen Neigungen und Inte-
schen Unterhaltungsfilmen zur individuellen ressen eher teilen als der reale Partner, und
sexuellen Luststeigerung“ zu sprechen. Das dass dafür keinerlei Sozialkompetenz nötig ist:
machen die Clips / Filme zuallererst, nämlich Es reicht einfach nur, nichts dagegen zu ha-
Sexualität zur audiovisuellen Konsumware zu ben. Auch das Akzeptieren von Grenzen
transformieren. kommt in „Pornotopia“ nicht vor, da es für
jede Idee – und sei sie noch so ausgefallen –
Inwiefern beeinflusst die Allgegenwart von jemanden gibt, der bereit ist, sie in die Tat
Pornografie die Paarbeziehung von jungen umzusetzen. Damit redet Pornografie letztlich
Menschen, aber auch von Erwachsenen? sozialer Isolierung das Wort.

Ob wir das den Medien zugestehen oder


Pornografie wendet sich in erster Linie an
nicht: Sie beeinflussen unsere Vorstellungen
erwachsene Männer. Welche Probleme
davon, was „normal“ ist. Dieser so genannte
ergeben sich, wenn junge Menschen Porno-
Porno -
Normalisierungseffekt ist umso stärker, je häu-
filme sehen?
figer bestimmte Verhaltensmuster rezipiert
werden. Für die Paarbeziehung funktioniert Menschen, die als Erwachsene mit dem Kon-
Pornografie wie eine Art mediale „Schwieger- sum von Pornografie beginnen, haben bereits
mutter“, die in die Sexualität mit hineinredet. eine eigene sexuelle Geschichte, zu der mehr-
Besonders problematisch ist, dass das Konsu- heitlich die partnerschaftliche Sexualität ge-
mieren von Pornografie in der Regel durch hört. Solche Erfahrungen können sie mit por-
positives sexuelles Erleben verstärkt wird, nografischen Bildern vergleichen. Junge Men-
sprich durch die angenehmen Lustgefühle und schen haben diese Möglichkeit aber noch
den Orgasmus. In der Folge wünscht sich der nicht. Hier sind es die Bilder, die später durch
Konsument, die dadurch wie beim „Paw- eigene sexuelle Erlebnisse korrigiert werden
low’schen Hund“ gelernten Skripte in der müssen. Das kann aber nicht völlig problemlos

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gelingen, da wir es eben nicht nur mit Bildern, und vor jeden pornografischen Videoclip die
sondern auch mit den diese in ihrer Wirkung Warnung gehört: „Das Ansehen dieses Films
verstärkenden Erlebnissen zu tun haben. Die bei gleichzeitiger Masturbation ist eine sexu-
Gehirnforschung geht davon aus, dass der elle Selbstkonditionierung, die Ihre sexuelle
Körper beim Konsum von Pornografie und Gesundheit und Ihre Partnerschaftsfähigkeit
dem begleitenden Orgasmus mit so stark wir- gefährdet.“ Es hat einen Grund, weshalb expli-
kenden Hormonen (u. a. Adrenalin, Testoste- zite Pornografie eigentlich erst ab 18 Jahren
ron, Endorphin und Dopamin) überflutet wird, zugänglich gemacht werden darf. Leider hat
dass sich die diesen „Rush“ auslösenden Bil- die technische Entwicklung die gesetzlichen
der besonders tief in die Erinnerung eingra- Vorgaben so gut wie obsolet werden lassen.
ben.

Kann das zu dauerhaften Veränderungen


führen?
füh ren?
In der Tat berichten Sexualtherapeuten welt-
weit, dass immer mehr schon ganz junge
Männer Probleme haben, beim Geschlechts-
verkehr mit einem Partner eine Erektion halten
zu können, schlicht weil dabei die sexuellen
Stimuli schwächer sind als die der Pornografie.
Häufig wird leider übersehen, dass Pornografie
nicht einfach Sexualität abbildet, sondern sie
zusätzlich mit verschiedenen audiovisuellen
Schockelementen auflädt, um beim Konsu-
menten ein höheres Maß an Erregung zu be-
wirken. Das in Verbindung mit Masturbati-
onstechniken und -zeiträumen, die wenig mit
den Erfahrungen beim Geschlechtsverkehr zu
tun haben, kann eine Form der sexuellen
Selbstkonditionierung bewirken, die erst wie-
der langwierig therapeutisch verändert werden
muss, um partnerschaftlichen Geschlechtsver-
kehr als lustvoll und befriedigend erleben zu
können.

Entstehen durch Pornografie emotionale


Defizite?
Defi zite?
Jüngere und ältere Frauen beklagen eine ein-
seitige Fixierung auf sexuelle Techniken und
das Erreichen des Orgasmus, den ihre Partner
bei ihnen erzwingen wollen. Gefühle der Zu-
sammengehörigkeit und des sich gegenseitig
Spürens kommen dabei zu kurz. Sexuelle Be-
friedigung wird durch emotionale und körper-
liche „Vereinigung“ erreicht, wie man das in
der schon fast vergessenen vorpornografi-
schen Zeit nannte, und nicht durch Beschrän-
kung auf ausgefeilte Technik. Ich habe deshalb
angeregt, dass auf jede pornografische DVD

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