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Psychiater Ruhs: "Träume haben etwas mit


Wünschen zu tun"
August Ruhs ist einer der bekanntesten Psychiater Österreichs. Wir besuchten ihn in seiner
Wiener Praxis und sprachen über Träume und Verdrängung

Interview
Michael Hausenblas

12. November 2020, 16:55

Der Aufzug stoppt im obersten Stockwerk eines Gründerzeithauses im 1. Wiener Bezirk. Die
Tür zur Praxis von August Ruhs steht offen, das Wartezimmer ist verwaist. Keine Spur vom
Psychiater. Nachdem man ein, zwei Minuten auf- und abgeht, beschließt man, an einer
geschlossenen Tür zu klopfen. Einige Augenblicke später gewährt der Professor Einlass in
sein Arbeitszimmer und bittet, Platz zu nehmen. Nein, nicht auf der Couch, die an der Wand
steht. Eigentlich schade. Das Gespräch kann beginnen.

STANDARD: Ich träumte einmal, dass eine Essiggurke aus meinem Daumen wächst, die
operativ entfernt wurde, aber immer wieder nachwuchs. Wie würden Sie das als Analytiker
deuten?

Ruhs: Auf die Schnelle gar nicht. In der psychoanalytischen Traumdeutung stelle ich keine
Symboldeutungen an. Ich warte auf Assoziationen, die mit dem Traum verbunden sind und
die vonseiten des Träumers kommen müssen. Ich bräuchte mehr Zusammenhänge.

STANDARD: Gut, ich frage Sie später noch einmal. Es gibt eine Website namens
www.deutung.com. Gibt man einen Begriff in ein Suchfeld ein, spuckt die Seite eine Deutung
aus. Ich habe es mit "weißer Katze" versucht, woraufhin zu lesen war, dass eine zarte Liebe
zu einem anderen Menschen aufkeimt. Da halten Sie also nichts davon?

Ruhs: Nein, solche Dinge sind durch die psychoanalytische Traumdeutung überwunden. Bis
zu den Lehren Sigmund Freuds hat man dazu geneigt, Symbole auf eine Bedeutung zu
fixieren. Aber auch bei dieser Methode war klar, dass ein Symbol für den einen etwas ganz
anderes bedeuten kann als für den anderen. Ein Traum ist immer in einen Kontext eingebaut,
der auch die Lebensgeschichte des Träumenden betrifft. Wichtig sind die Assoziationen.
Der Traum ist ein Geschehen, von dem ich den Eindruck habe, in ihm etwas zu erleben.
Collage: Hedi Lusser, Foto: Getty Images

STANDARD: Wie würden Sie Freuds Traumdeutung in der Psychoanalyse einem Laien in
wenigen Worten erklären?

Ruhs: Der Traum ist ein Geschehen, von dem ich den Eindruck habe, in ihm etwas zu
erleben. Das Ganze ist klar und deutlich vor mir. Trotzdem erlebe ich diese Wahrnehmung
nicht auf die gleiche Weise, wie ich sie tagsüber erleben würde. Die Wahrnehmung im Traum
ist meistens dadurch gekennzeichnet, dass sie vom Leben entfernt ist. Sie erscheint mir fremd,
unsinnig und widersprüchlich. Was hat der Traum also für einen Sinn? Das kann ich erfassen,
indem ich hinterfrage, was mir zu dem Traum einfällt.

STANDARD: Lapidar gefragt: Wo liegt der Ursprung von Träumen?

Ruhs: Träume haben etwas mit Wünschen zu tun. Darum heißt es auch Traumurlaub,
Traumfrau oder Traumauto etc. Wenn ich einen Traum in einen größeren Zusammenhang
bringe und mir Gedanken mache, dann zeigt sich, dass der Traum letzten Endes eine
Wunscherfüllung darstellt, die aber nicht sofort als solche erkannt wird.
STANDARD: Wieso nicht?

Ruhs: Es gibt Wünsche, die man eventuell nicht haben soll oder haben darf. Es kann auch
sein, dass man sie sich nicht gestattet. Das können böse oder aggressive Wünsche etc. sein. Im
Schlafbewusstsein ist die Gewissensfunktion etwas herabgesetzt, und der Wunsch hat es
leichter, sich zu äußern. Dabei passieren Auslassungen, Szenen, die umgestellt werden. Man
sieht zum Beispiel ein brennendes Haus, in Wirklichkeit geht es um eine Entzündung im
Körper etc. Solche Umstellungen führen dazu, dass der Wunsch, der im Traum steckt, nicht
sofort erkannt wird.

STANDARD: Und da helfen dann Menschen wie Sie?

Ruhs: Da helfen die Assoziationen. Entweder man ist trotz aller Verdrängungsmechanismen
selbst dazu bereit, sich diese anzuschauen, oder man begibt sich in eine Psychoanalyse.

STANDARD: Empfehlen Sie jedem, sich mit seinen Träumen auseinandersetzen, auch wenn
er sich nicht auf Ihre Couch legt?

Ruhs: Nun, es lohnt sich, Träume anzuschauen, wenn sie mit Unbehagen oder Angst besetzt
sind, um sich von etwas zu befreien, das mit Angst, Scham oder Schuld zu tun hat. Man kann
nur erstaunt sein, wie raffiniert man verdrängte Erregungen fernhalten kann. Wenn man sich
gern mit sich selbst beschäftigt, kann man mit ein bisschen Fantasie schon auf das eine oder
andere draufkommen. Wichtig dabei ist zu beachten, dass der Träumer im Traum auch durch
die anderen Beteiligten im Traum vertreten sein kann.

STANDARD: Es wird also noch komplizierter.

Ruhs: Es geht um verschiedene Instanzen, zum Beispiel das Es, das Ich und das Über-Ich.

STANDARD: Und was machen die drei den lieben langen Traum lang?

Ruhs: Sagen wir, das Es träumt davon, dass ich nackt auf der Straße herumspaziere. Das
Über-Ich sagt dann: "Das tut man nicht!". Das Ich versucht zu vermitteln, damit der Wunsch
des Es ins Traumbewusstsein gelangen kann, und das Über-Ich sagt: "Okay" – aber nur unter
der Bedingung, dass der Träumer das nicht für sich selbst erlebt.

STANDARD: Sondern?

Ruhs: Er träumt, dass jemand anderer nackt über die Straße geht. Das wäre ein Beispiel für
einen Abwehrvorgang im Traumgeschehen.

STANDARD: Es gibt Träume, die merkt man sich über Jahre, andere hat man schon nach
dem Aufwachen wieder vergessen. Woran liegt das?

Ruhs: Grundsätzlich besteht die Tendenz, Träume zu vergessen, weil sie Produkte der
Aufhebung einer Verdrängung sind. Im Traum wird diese zu einer Art entstellter Darstellung,
in der immer auch verpöntes Material vorhanden ist.

STANDARD: Was meinen Sie mit verpönt?


Ruhs: Lassen Sie es mich so erklären: Der Traum ist die Fortsetzung eines nur randständig
beachteten Gedankens während des Tages – etwas, das eher der Verdrängung anheimfällt und
im Traum eben in dieser entstellten Darstellung wiederkehrt; etwas, das aufgrund seines
unangenehmen Inhalts zur Seite geschoben wird. Man nennt das den Tagesrest.

STANDARD: Was könnte so ein Gedanke sein?

Ruhs: Sagen wir, Sie treffen einen Bekannten, der sich mit Ihnen zum Abendessen
verabreden will. Sie haben eigentlich keine Lust, sagen aber aus Höflichkeit trotzdem zu. Sie
tun dies also ungern, verdrängen dann aber diesen Gedanken.

STANDARD: Und wie kann der im Traum wiederkehren?

Ruhs: Sie könnten träumen, dass Sie im Zug sitzen und ein Schaffner sie fragt, wo sie
hinfahren möchten. Ihre Antwort lautet "Ungarn". An mehr können Sie sich am nächsten Tag
nicht erinnern. Bei der Analyse des Traumes könnte herauskommen, dass das Wort "ungern"
durch die Traumarbeit in "Ungarn" verwandelt wurde. Sie haben sich nicht getraut, dem
Bekannten zu sagen, dass Sie ungern kommen möchten. Da Ihnen das aber peinlich ist,
verdrängen Sie das und merken sich nur den Zug nach Ungarn.

STANDARD: Das heißt, was sich mit meinem Bewusstsein nicht gut verträgt, wird nach dem
Aufwachen eher verdrängt und vergessen.

Ruhs: Verkürzt gesagt: ja. Diese Träume zeigen mir etwas, von dem ich eigentlich nichts
wissen möchte. Man könnte weitergehen und sagen: Das Unbewusste ist etwas, von dem der
Mensch nichts wissen möchte, aber trotzdem interessiert daran ist. Weil es um Rätselhaftes
geht, Sinnliches und oft auch um Emotionales.

STANDARD: Nicht wenige Menschen erzählen immer wieder vom Traum, dass sie noch
einmal zur Mathematik-Matura antreten müssen.

Ruhs: Diese sogenannten Matura-Träume beziehen sich oft auf Prüfungssituationen, die man
meistens ohnehin gemeistert hat. Man wacht nach so einem Traum auf und denkt sich: "Oh
wow, ich hab’s ja Gott sei Dank eh geschafft."

STANDARD: Warum träumt man aber immer wieder einmal davon?

Ruhs: Da müsste man sich den Kontext anschauen. Es kann sein, dass man bei betreffender
Prüfung geschwindelt hat und immer noch ein Rest an schlechtem Gewissen da ist. Der Erfolg
war also nicht ganz verdient. Wenn also zum Beispiel irgendjemand an irgendeinem Tag
etwas tut, das nicht ganz in Ordnung ist – das muss nichts Schlimmes sein –, könnte es zu
einem solchen Matura-Traum kommen. Wir nennen so etwas Assoziationskomplex.

STANDARD: Und das bedeutet in diesem Fall?

Ruhs: Ich kann die Geschichte erstens in die Vergangenheit schieben. Und zweitens kann ich
mich durch die Gewissheit "Ich hab die Prüfung eh geschafft" von dem Vorfall befreien.

STANDARD: Stimmt es, dass Träume viel kürzer dauern, als wir sie empfinden?
Ruhs: Das stimmt. Die Zeitlichkeit des Traum- und Wachbewusstseins driftet auseinander.
Aber auch im wachen Zustand erleben wir Zeitdauer verschieden, sonst gäbe es nicht die
Aussage "Jetzt ist die Zeit aber schnell vergangen".

STANDARD: Oder den Eindruck, dass die Hinfahrt länger dauerte als die Rückfahrt, obwohl
man beide Wege in der gleichen Zeit zurückgelegt hat.

Ruhs: Exakt. Im Traum ist das aber noch viel stärker akzentuiert. Nehmen Sie folgenden
Traum: Sie spazieren durch eine schöne Landschaft, kommen an einer Kirche vorbei und
hören das Läuten der Kirche. Im selben Moment wachen Sie auf, weil der Wecker schrillt.
Das heißt, in der kurzen Zeit, in der der Wecker zu schrillen beginnt, träumen Sie eine ganze
Sequenz, die aber gleichzeitig nur einen Sekundenbruchteil dauert. Sie tun das auch, weil Sie
die Zeit verlängern wollen.

STANDARD: Weil ich länger schlafen will?

Ruhs: Im Prinzip, ja. Freud hat erkannt, dass es eine Aufgabe des Traumes ist, den Schlaf zu
hüten. Der Traum hilft mir, nicht aufwachen zu müssen. Das kann dienlich sein, aber auch
negative Folgen haben.

STANDARD: Zum Beispiel?

Ruhs: Ein bekanntes Beispiel ist, dass Sie träumen, ein körperliches Bedürfnis zu haben, also
zum Beispiel Harndrang verspüren. Im Traum gehen Sie auf eine Toilette. Im nächsten
Moment wachen Sie auf, aber es ist zu spät, das Bett ist nass. Das heißt, der Traum hat
versucht, die Angelegenheit für Sie zu erledigen, damit Sie weiterschlafen können.

STANDARD: Zu meinem Gurkentraum fällt Ihnen immer noch nichts ein?

Ruhs: Na ja! (lacht) Eine reflexartige Vermutung wäre ein Kastrationstraum. Aber das wäre
eine Symboldeutung, die nicht stimmen muss. Ich müsste einen verborgenen Sinn
herausfinden. Der kann einem guten genauso wie einem bösen Wunsch entsprechen.

STANDARD: Da bin ich aber beruhigt.

Ruhs: Ich weiß ja nicht, was Sie mit dem Begriff Gurke verbinden.

STANDARD: Ich kann Gurken nicht ausstehen. Wobei wir beim Thema Albträume landen.
Ab wann gilt ein Traum als Albtraum?

Ruhs: Albträume sind Träume, die mit derart starken negativen Gefühlen verbunden sind,
dass man durch sie erwacht und noch längere Zeit unter dem Eindruck dieses Affekts steht.
Das ist zum Beispiel darauf zurückzuführen, dass der Ursprung in einem traumatischen
Erlebnis steckt, das noch nicht als abgeschlossenes und akzeptiertes Ding im Seelenleben
integriert ist. Es bleibt wie ein Fremdkörper liegen und ploppt immer wieder auf. Dabei ist es
mit einem Gefühl von Aktualität verbunden.

STANDARD: Etwa bei Kriegsneurosen.

Ruhs: Genau. Diesbezüglich werden Menschen jahrzehntelang und oft bis zu ihrem Tod von
Erinnerungen und Träumen heimgesucht.
STANDARD: Wie bestimmt das Unbewusste die Zeitpunkte des Auftauchens solcher
Albträume?

Ruhs: Durch assoziative Elemente, die in irgendeiner Weise an diesen Komplex, der mit dem
Trauma verbunden ist, rühren.

STANDARD: Zum Beispiel?

Ruhs: Jemand geht auf der Straße und sieht an irgendeinem Passanten ein Kleidungsstück,
dessen Farbe ihn irritiert, zum Beispiel ein seltsames Rot, das ein unangenehmes Gefühl
aufkommen lässt. Aufgrund dieser Farbassoziation kann es dazu kommen, dass sich der
Betroffene an ein Unfallereignis erinnert, bei dem er Todesängste auszustehen hatte. Das führt
dann eventuell dazu, dass es im Traum zu einer "Wiederholung" kommt.

STANDARD: Es gibt Traumforscher, die empfehlen, Traumhandlungen aufzuschreiben und


diese umzuschreiben, um wiederkehrende Albträume loszuwerden. Was halten Sie davon?

Ruhs: Das ist durchaus empfehlenswert, genauso wie Tagebücher. Es heißt ja, "sich etwas
von der Seele schreiben". Dabei geht es um eine Umwandlung eines seelischen Inhalts in
kleinen Portionen in etwas Gutes. Es wird zum Beispiel ein negativ beladener Triebwunsch in
eine Handlung umgewandelt, die nicht mehr bedenklich ist oder vielleicht sogar etwas
Positives bringt. Mordimpulse könnten einen Menschen dazu bringen,
Kriminalromanschreiber zu werden. Es könnte sich auch um sadistische Impulse handeln, die
jemanden zu einem Chirurgen werden lassen. Oder kriminelle Impulse, die dazu führen, dass
jemand Justizminister wird. Wir brauchen diese Umwandlungsformen, damit wir das Leben
besser ertragen können. Dafür ist auch die Sprache zuständig, die versucht, etwas
Unverständliches verständlich zu machen.

STANDARD: Wovon träumten Sie zuletzt?

Ruhs: Dass ich mit dem Zug nach Ungarn gefahren bin. Nein, Scherz beiseite: Man möchte ja
nicht sein Innenleben in der Zeitung ausbreiten. Da wäre so ein Punkt, an dem sich die
Träume besser dem Bewusstsein entziehen. (Michael Hausenblas, RONDO Exklusiv,
13.11.2020)