Sie sind auf Seite 1von 6

Zum Problem des automatischen Beweisens

"Automatisches Beweisen" klingt für den klassisch ausgebildeten Philosophen


nach Widersinn. Beweisen als eine Tätigkeit, zu der Verstand nötig ist, steht für ihn
eine Stufe höher, als mechanische Abläufe. So verlangt es die Leitvorstellung des
Menschen als eines vernunftbegabten Wesens, das sich über die Natur erhebt und
dazu eigens entworfene Instrumente benutzt. Die Begriffszusammenstellung ""auto-
matisches Beweisen" beseitigt eine Differenz, auf der diese ganze Konzeption aufruht.
Offensichtlich trifft das Thema einen neuralgischen Punkt. Eine Bemerkung des
ausgebildeten Mathematikers Edmund Husserl aus einem Manuskript zur "`Logik der
Zeichen (Semiotik)" trifft schon 1890 das Wesentliche.
"Man nehme auch nur die alltäglichsten und einfachsten Algorithmen, die der
Zahl- und Rechenkunst, in den logischen Werken wird man vergeblich suchen nach
einer Belehrung darüber, was eigentlich dergleichen mechanische Operationen mit
bloßen Schrift- oder Wortzeichen dazu befähigt, unsere wirkliche Erkenntnis in
betreff der Zahlenbegriffe in großartigem Maßstab zu erweitern und uns Leistungen
zu ermöglichen, die den größten Denkern des Altertums unfaßbar gewesen wären."'
Wie eifersüchtig Philosophen über ihre Auszeichnung von Vernunfterkenntnis
wachen mögen, an Husserls Staunen kommen sie nicht vorbei.
Wir besitzen Vorrichtungen, die uns zu sehen gestatten, was mit freiem Auge
nicht wahrnehmbar ist; analog dazu stellt uns die Algebra (und in jüngerer Zeit die
elektronische Datenverarbeitung) Instrumente zur Verfügung, die anders nicht
erreichbare Erkenntnisgebiete erschließen. Sich über diesen Analogieschluß einfach
zugunsten eines Weltbildes hinwegzusetzen führt zu sonderbaren Verrenkungen. Ich
werde erstens Husserls Erklärung für das Phänomen skizzieren und zweitens zeigen,
woran sie krankt. Bei bewußt nachvollziehbaren Gedankenschritten und
Maschinenzuständen handelt es sich - streng genommen - um inkompatible Vorgän-
ge. Wenn jede Seite auf den eigenen Begriffsbildungen besteht, bleibt nur, das
wechselseitige Unverständnis festzustellen. Der Eindruck, daß hier wie dort von
"unserer wirklichen Erkenntnis in betreff der Zahlenbegriffe" die Rede sei, löst sich
dann als Produkt einer raffinierten Überblendung verschieden funktionierender
Paradigmata auf. Doch das ist nicht das letzte Wort. Es bedeutet auch etwas, wenn
Oberflächen-Konturen zusammenpassen.

' Husserliana ?QI, S.372


1

Husserls Erklärung dafür, "warum jener mechanische Prozeß richtige Ergebnis-se


erzeugen müsse"' ist ein Delegationsmodell. Als selbstverständlich setzt er voraus, daß
eigentliche Erkenntnis für urteilende Subjekte aus Einsicht in die Sache erwächst. In
Aussagen behaupten sie, daß ihre Vorstellungen den Zuständen entsprechen. Aber es
ist auch bekannt, daß die volle Aufmerksamkeit nicht in allen Fällen nötig ist.
Bestimmte, häufig wiederkehrende, Urteilsschemata prägen Gewohnheiten und
werden dann quasi besinnungslos durchlaufen. Wenn wir es nun einerseits so
einrichten, daß unseren Gedanken Worte 1:1 entsprechen, und andererseits nur
eindeutig determinierte Schlußfiguren betrachten, können wir die bereits in unserer
Erfahrung reglementierten Urteilsabläufe auf eine (virtuelle) Maschine übertragen.
Nach algebraischen Regeln durchgeführte Rechenoperation können dann
automatische Erkenntnisse liefern. Husserl rechtfertigt sie, weil "die Einrichtung des
Mechanismus aufgrund logischer Erwägungen zweckmäßig erfunden ist; die
Allgemeinheit desselben konzentriert sich in einer logischen Regel, welche für die
betreffende Klasse von Schlußformen lehrt, wie das eigentliche Schließen durch ein
äußeres Operieren mit den sprachlichen Zeichen zu ersetzen und auf diese Weise der
sprachliche Ausdruck des Schlußurteils von diesem selbst herzustellen ist.s3

Die kognitive Signifikanz von Computerprogrammen wird noch heute auf diese
Weise diskutiert. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist Robert Cummins' Hinweis, das
a.a.O.5.363" 3automatischer
z "Rechnen Rechenmaschinen hänge daran, daß eine Abbildung ihrer
Eingangs-
a.a.O. S.364 und Ausgangskonfigurationen auf für Benutzer erkennbar mathemati-
sche Strukturen gefunden wird. Die print-outs werden in der Regel an unserem
vgl. etwa ROBERT CUMMINS and GEORG SCHWARZ: Radical Connectionism in: TERENCE HORGAN
Verständnis dessen gemessen, was die Programme modellieren sollen, sonst müßte
and JOHN TIEN SON (Ed.): Connectionism and the Philosophy of Mind. Spindel Conference 1987. The
man Logik und Mathematik als experimentell verfahrende Wissenschaften betrach-
Southern Journal of Philosophy Volume XXVI, Supplement. S.48
ten. Ich komme auf diesen Punkt zurück, vorerst geht es um das Delegationsmodell.
Es erweitert die Reichweite geistiger Produktion durch das in der Körperwelt
gebräuchliche Schema der Maschine als eines Hilfsmittels. Doch dabei tritt eine
Komplikation auf. "Der Mensch" ist traditionell nicht als Muskelpaket oder Nerven-
bündel, wohl aber als geistbegabtes Wesen bestimmt worden. Das stört die Analogie-

2
bildung, denn wenn Verstand durch unverständige Vorkehrungen erweiterbar oder
sogar ersetzbar ist, geht das nach dieser Auffassung an die Substanz des Menschen.
Husserl selbst ist ein markantes Beispiel, wie Philosophen sich vor dieser Konsequenz
entschieden auf die Demonstration der unersetzbaren Qualität des verstandesgeleiteten
Bewußtseins zurückgezogen haben. Dorthin folge ich ihm nicht. Das Delegationsmodell
selber enthält eine Unstimmigkeit, der nachzugehen ist, bevor drastische
Konsequenzen für oder gegen künstliche Intelligenz gezogen werden.

Im Bild gesprochen tritt die Schwierigkeit dort auf, wo der Delegierende beurteilen
soll, daß die delegierte Aufgabe erfüllt ist. Wer oder was hat sie erfüllt? Wenn die
Verfahrensweise für die Maschinenbenutzer nicht durchschaubar ist, delegiert er
nicht nur Arbeit an der Lösung, sondern einen Teil der Lösung selbst. Er macht sich
von Resultaten des zu Hilfe gerufenen Mechanismus abhängig, ohne im Einzelnen
nachvollziehen zu können, wie es zu ihnen kommt. In Husserls Erklärung ist diese
Entwicklung nicht vorgesehen. Er spricht davon, daß im formalen Schließen "der
sprachliche Ausdruck des Schlußurteils von diesem (sc. Schließen) selbst herzustellen
ist." Sorgfältig hat er dabei ausgespart, daß dieser Ausdruck erst noch auf eine Sache
zu beziehen ist, bevor Erkenntnis statthat. Nur die Rückanwendung des formal
gewonnenen Produkts schließt den Delegationsvorgang erfolgreich ab. In ihr aber ist
der Verstand die Letztinstanz. "Nur dann, wenn das Verfahren selbst ein logisches ist,
wenn wir die logische Einsicht haben, daß es so ist, wie es ist und weil es so ist, zur
Wahrheit führen müsse, wird sein Resultat nicht bloß de facto eine Wahrheit, sondern
eine Wahrheitserkenntnis sein.i5
Daraus spricht die Zuversicht, wir könnten letztlich die delegierte Aufgabe bis ins
Detail auf ihre korrekte Durchführung hin prüfen. Die offenbare Überholtheit dieses
Ideals hat zu einschneidenden Revisionen im Subjektbegriff geführt. Meine
Bemerkungen halten sich diesseits dieser Entwicklung_ Die Schwierigkeit liegt
nämlich - vor jeder möglichen oder unmöglichen Korrelation - darin begründet, daß
"eigentliches Urteilen" und "symbolgeleitetes Urteilen" unter Ausblendung des
menschlichen Anteils per definitionem nicht ineinander überführbar.
Der Grund ist einfach. Die Termini bezeichnen Vorgänge von ganz verschiedener
innerer Struktur. Erkenntnistheoretisch gesehen verlangt Urteilen ein Subjekt, das
einer Welt gegenübersteht, von der es mittels sinnlicher Affektion und seines
Kategoriengebrauches Kenntnis hat. Nichts davon belastet die formale Konstruktion,
die darauf angelegt ist, Zeichenketten nach vorgegebenen Regeln in andere zu

5 a.a.O. S.368f

3
transformieren. Dabei kann - intern betrachtet - unmöglich etwas Wahres herauskom-
men. Dem Algorithmus ist diese Beschreibung völlig äußerlich. Gewisse Endzustände
werden als Wahrheiten in den Bereich zurückimportiert, in dem Subjekte und ihnen
gegenüberstehende Sachen eine Rolle spielen. In ihm übernimmt eine Urteilen-de auf
eigene Verantwortung die Interpretation eines Maschinenzustandes als Ausdruck einer
Wahrheit. Das heißt: sie hat die kognitiven Konsequenzen zu tragen, egal ob sie die
Entstehungsgeschichte des Ausdrucks überblickt oder nicht. Sobald sie eine unter
dem Vorzeichen des prüfenden Bewußtseins konzipierte Tätigkeit an ein
bewußtseinsloses Instrument delegiert, kann sie nicht erwarten, dessen Produkte
adäquat zurückzuübersetzen. Sie kann sie nur für sich in Anspruch nehmen, das liegt
daran, daß Bewußtsein in dieser Versuchsanordnung überhaupt keinen Halt in der
Maschine hat.
Die Probleme beginnen also nicht damit, daß bestimmte maschinelle Abläufe für
die Erkennenden opak sind, sondern mit der Erwartung, es wäre möglich, zuerst auf
bewußten Nachvollzug zu verzichten und dann ein Resultat in Händen zu halten,
dessen Zustandekommen dem Bewußtsein quasi von außen einen Anhalt dafür bietet,
es als Erfüllung einer gewissen Aufgabe zu betrachten. Diese Legitimation liegt zur
Gänze beim Verstand, sie kann er nicht delegieren. Aus Algorithmen lassen sich keine
Gründe dafür gewinnen, warum jemand ein Recht hat, ihre Resultate so oder so
einzusetzen. Dann sind sie auch keine symbolisch vermittelten Urteile, sondern
Vorkehrungen, die sich jemand um ihrer Ergebnisse willen gebaut hat. Der Rest ist
Pragmatik.
Zwei Gedankengänge stehen einander gegenüber, Husserls 1:1-Zuordnungen
und die Überlegung, daß die beiden betrachteten Bereiche überhaupt nicht von der
Art sind, daß sich Elemente aus ihnen so korrelieren ließen. Es ist derselbe Zwie-
spalt, der uns behaupten läßt "Diese Maschine fliegt nach London", obwohl das
Flugzeug weder von London noch vom Fliegen eine Ahnung hat. Die Situation ist
offenbar dadurch gekennzeichnet, daß wir tiefgehende Implikationen unserer
Sprachverwendung ausblenden können, um uns an veränderte Umstände zu adap-
tieren. Der ursprüngliche Sinn von "Beweis" oder "Fliegen" übersteigt das technische
Instrumentarium, das mittlerweile dazugehört. Diese Bemerkung deutet nicht auf
metaphysische Besonderheiten, sondern darauf, daß die Begriffe einmal anders
gedacht waren. Husserls Erklärungsversuch mißlingt, weil sich die Isomorphie
zwischen kognitiver Beweistätigkeit und maschinellen Abläufen nicht damit ver trägt,
was er über menschliche Erkenntnisvoraussetzungen sonst noch sagen will. Aber
warum sollte man sich nicht mit einer gelungenen Korrelation zufrieden-geben?
3
Dasist der Weg empirischer Kognitionsforschung. Verstandestätigkeit wird als ein
Untersuchungsgebiet definiert, das wir mit einem gewissen theoretischen Appa-

4
rat erschließen. So betrachtet können z.B. Turingmaschinen die prinzipielle Lei-
stungsfähigkeit des Denkens aufschlüsseln, wenn darunter nichts anderes verstan-
den wird, als eine Summe bestimmter Antwortmuster. Die Rede von speziellen
Qualitäten der menschlichen Erkenntnis hängt dabei gänzlich in der Luft. Die Frage ist
dann nicht mehr, wie delegierte Aufgaben erfolgreich ausgeführt werden können,
sondern was es überhaupt für einen Sinn hat, von Delegation zu sprechen. Worauf
es ankommt ist sowieso durch die Isomorphie gleichgeschaltet.
Das ist die Stelle, wo sich die Wege trennen. Auf der einen Seite geht es zu einer
Ausgestaltung des besonderen Sprachspiels der Untersuchung menschlicher Er-
kenntnis, auf der anderen zu Forschungsprogrammen, für die deren Faßbarkeit
durch algorithmischen Prozeduren ausschlaggebend ist. Nirgends ist vorgezeichnet,
daß diese beiden Tendenzen etwas gemeinsam haben. Wo sie zusammentreffen,
ziehen sich beide häufig auf ihre Arbeitsvoraussetzungen zurück und beschuldigen
einander der Metaphysik oder des Mechanismus. Ich möchte einen Vorschlag
machen, den Terminus "Verstand" so einzuführen, daß beide Seiten ihn zu einem
Gedankenaustausch benutzen können. Die dazu vorausgesetzten Ausgangspunkte
sind natürliche bzw. technische Abläufe jenseits unserer Kontrolle und das Ensemble
von Entscheidungen, welches das Leben von Personen ausmacht.
Dann kann man, statt sie als gegeben anzunehmen, Vernunfterkenntnis innerhalb
einer möglichen Schnittstelle zwischen praktischen Verhaltensweisen und mechanisch
faßbaren Prozessen einführen. Die Basis dafür ist auch hier Husserls Parallelismus,
nur anders herum gewendet. Die Möglichkeit von Einsicht in sachliche
Zusammenhänge entsteht, soferne es gelingt, über blinde Abläufe eine Struktur zu
legen, die uns erlaubt, sie durch Vernunft zu fassen. Sie sind von sich aus nirgend-
wohin unterwegs, aber zwischen Algorithmus und Gebrauch kann ein Platz geschaffen
werden, um beide auf gewisse wünschenswerte Kriterien hin zu testen. Der Sinn einer
so verstandenen Autonomie der Theorie liegt darin, Technik für eine Zeit nicht unter
dem Vorzeichen von Handlungsbedürfnissen, sondern mit Hilfe spezieller Konstrukte
(nämlich von Vernunftbegriffen) zu betrachten, die nach zwei Seiten hin ausfransen: zu
Eingriffen in die Technik selbst und zur Abschätzung praktischer Perspektiven.
Das Kennzeichnende von Schnittstellen besteht gerade darin, daß sie nicht
vorgeben, die Eigengesetzlichkeit dessen, was sie verbinden, restlos zu durchleuch-
ten. Sie sind dazu bestimmt, einander fremde Bereiche sinnvoll miteinander zu
verkoppeln, wie Übersetzungen sich zu guter Letzt in beiden involvierten Sprachen
verlieren. Dennoch sind sie in ihrer Vermittlungsfunktion unentbehrlich. Vernunft
ließe sich nach diesem Vorschlag als Versuch einer Zwischenschaltung zur besseren
Vernetzung bewußtloser Ereignisse mit Entscheidungen verstehen. Sie hätte nicht
die Kraft, die beiden Sphären unter ihrer Ägide zu vereinigen, aber immerhin die
Möglichkeit, punktuell ein überschaubares Zusammenspiel zwischen ihnen zu

5
etablieren. Husserls 1:1 Zuordnungen besäßen den Stellenwert eines Übersetzungs-
manuals, das einen fundierten Übergang in eine Fremdsprache gestattet, ohne ihr
auf den Grund zu kommen.
Was folgt aus diesen Überlegungen für automatisches Beweisen? Es läßt sich
nicht leugnen, daß Begriffe wie "Beweis", "Wahrheit" und "Gültigkeit", wie sie in
Erkenntnistheorie und formaler Semantik auftreten, nicht auf einen Nenner zu
bringen sind. Zu unterschiedlich ist ihr Bedeutungskontext und der Gebrauch, zu
dem sie eingesetzt werden. "Baum" als Bezeichnung eines Baumes im Wald und eines
Bonsai-Gewächses kann noch eine innere Verwandtschaft mitteilen. Für diese beiden
Bedeutungen und einen mathematischen Graphen läßt sich das kaum noch sagen.
Die Ähnlichkeiten sind bloß oberflächlich, doch das ist kein ausschließlich negatives
Resultat. Solange aus bestimmten superfiziellen Korrespondenzen keine tiefen
Gemeinsamkeiten abgeleitet werden, kann man - zu bestimmten Zwecken - mit ihnen
operieren. In diesem Rahmen funktioniert auch die Delegation. Zu Komplikationen
führen erst die ungeklärten Fragen bezüglich jener Qualitäten, die viele Menschen
nicht delegieren möchten. Sie müssen unanhängig von der Implementierung von
Korrespondenzen beschrieben werden. Eine natürliche Sprache ist nicht ihr
Wörterbuch plus grammatische Regeln.
Die Benutzeroberfläche zwischen Praxis und Maschine gibt nicht mehr her, als
ihre Konstruktion erlaubt: Entlastung durch Transmissionen, die auf expliziter
Zuordnung beruhen. Sie können anders angeordnet werden und unterliegen der
sozio-historischen Entwicklung. Vernunft wird immer wieder davon überrascht, was
ihr Automaten abnehmen können. Wer daraus den Schluß zieht, sie sei im Prinzip
ersetzbar, bestimmt sie aus der Oberfläche, während er Rechengeräten die Kapazität
zuspricht, statt digitaler Manipulationen Einsichten über die Welt hervor-zubringen.