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Hrachovec: Probleme mit Maschinen mit Problemen


Probleme mit Maschinen mit Problemen
Herbert Hrachovec
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Wie sieht ein von Frank Lloyd Wright exworfener Wohnraum aus? Um das herauszufinden kann man eines seiner Häuser
besichtigen oder sich durch ein Foto informieren. Mich interessiert eine andere Möglichkeit, mit denn Hilfe sich einige
Aspekte der Künstliche Intelligenzforschung erhellen lassen. Im Metropolitan Museum, New York. ist so ein Raum zu
sehen die Einrichtung aus einem abgerissenen Gebäude des Architekten übernommen. Handelt es sich um einen Raum
von F.LWright oder um seine Darstellung? Das klingt nach Denksportaufgabe unf führt vielleicht zum Vorschla& ihn als
das eine und/oder andere zu definieren. Was dies= isolierten Raum betrifft ist alles Original selbst F. L. Wright könnte (bei
geschlossenen Fenstern) meinen, er wäre vom Bauherrn zum Cocktail eingeladen. Aber dazu ist Abstraktion erforderlich,
die Betrachter wissen auch, daß sie sich in einem Exponat bewegen. Im Kontext betrachtet erhält das Original Züge
eines Abbildet - man ist versucht zu -gen seiner selbst. Wem das zu trickreich klingt wird ein einfacher funktionierende
Sprach
regelung suchen. Manchmal jedoch ist dieser Weg zu simpel, z.B. wem es darum geht darüber nachzudenken, was mit
Objekten und Installationen geschieht wenn sie au ihrer erst= Umgebung genommen und zur Besichtigung ausgestellt
werden. In meinem Beispiel dient die (täuschende Echtheit der Zusammenhänge dazu, die Spannung in der Fiktion des
unberührten Urzustandes zu verschärfe& Mm kann versuchen, sie abzuschwächen und das gan Haus neu aufzubauen.
Doch du Problem verschwindet nicht solange bloß weitem Kontexte zu Bestandteilen der Ausstellungssituation gemacht
werden. Die optimale Echtheit bestünde darin, das Haus am ursprünglichen Orte zu benutzen; dann aber hört sich das
Museum auf. Das problematische und doch aus unserem Umgang mit Kultur kaum wegzudenkende Verfahren der
Instrumentalisierung von Gegenständen zur Auslösung von Kunstgenuß ist nur revidierbar, wenn man der Tilgung des
Widerstreits zwischen Gebrauchsgegenstand und ästhetischem Objekt zustimmt
Mit einem ähnlichen Motiv beginnen die Überlegungen von Peter Krall im letzten Heft des Informatik Forumsl. Gesetzt,
den Alchemisten wäre es gelungen Gold zu synthetisieren, was hätten sie anderes aerreicht als die Aufhebung einen
Unterschieds, auf dem ihre Währungen (wie unser Museumssystem) beruhten. Und das auf künstliche Intelligenz
angewendet: Welchen Zweck hätte "die Ergänzung der zahlreichen vorhandenen menschlichen Gehirne durch ein
elektronisches mit den selben Eigenschaften Das Prickeln liegt darin, den Unterschied auf der Basis seines
Erhaltenbleibens versuchtweise wegzudenken so wie sich der Besucher des Museums im Wohnraum F. L. Wrights zu
Hause fühlen kann. Unbemerkt im Lebenszusammenhang sind weder Kunstwerke noch Elektronengehirne
problematisch, sobald sie
1 Pew Krall, AI und Alchemie INFORMA71K FORUM 2tZ Juli 1987 5.60 ff. Alle weiteren Zitate stammen am die~ Artikel
aber aufgrund bestimmter Interessen aus im herausgenommen, ihm gegenübergestellt und projektiv auf ihn
zurückbezogen werden, bilden sie ein Problem, das nur dann wieder verschwindet wenn man ihre Auszeichnung
zurücknimmt. Doch diese allgemeine Reflexion sagt nichts über den Nut= und Genuß, der sich mit künstlichen Produkten
verbinden kann, daher die These P.Kralls, daß Skepsis und Interesse gegenüber dem Stein der Weis= zu verbinden sind.
Ich knüpfe an seine Gedanken an und versuche, sie in einer Richtung weiterzuentwickeln, in einen anderen zu
überprüfen. Dabei gilt es, sich weder von den unwiderlegbar echten, noch von den ebenso unwiderlegbar künstlichen
Momenten der rekonstruierten Objekte oder Intelligenzleistungen blenden zu lassen. Die Sprache erlaubt uns, unter
gewissen Umständen sehr liberal mit Eigenschaftszuschreibungen zu verfahren. Meine Betrachtung ist nicht ganz so frei
wenn sie versucht Fabrikation und Natur nöglichst lange auseinanderzuhalten, ohne die Grenzüberschreitungen zu
ignorieren, die das Thema interessant machen.
1 Probleme
Von manchen Ausgangspunkten führt kein Weg ins Zentrum der Zweideutigkeit die ich bezeichnet habe. Wenn jemand
etwa nur damit beschäftigt ist bei jeder Gelegenheit so gut es geht technische Errungenschaften als menschliche
Fähigkeiten zu verkleiden, wird man mit ihm Wetten abschließen oder über die Risken des Unternehmens streiten, nicht
aber Einverständnis über die Rahmenbedingungen erzielen können, in denen sich derartige Versuche abspielen. Die
Fassung, die P.Krall der Ausgangsfrage gibt, scheint mir zu Ausgestaltung nach beiden Seiten hin offen »Intelligenz ist
oder beinhaltet zumindest die Fähigkeit Probleme zu lösen." Weder von Menschen sofern sie unwillkürlich oder
routinemäßig reagieren noch von Maschinen, sofern sie Abläufe ausführen kam gesagt werden, sie seien intelligent Was
heißt es aber, ein Problem zu haben und zu lösen? Wie irn die endgültige Antwort
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aussehen mag, die erge Reaktion wird meistem ähnlich aussehen, wie jene P.Kralls: Man muß sich einer
Schwierigkeit bewußt sein und sie beseitigen wollen. Bewußtsein ist ein wesentlicher Bestandteil der Beschreibung
von Intelligenz. Daraus folgen zweiBemerkungen,dienurzusammengenommen die Spannweite der Fragestellung
aufrechthalten. Erstens wird durch den Hinweis ad die genannte Fähigkeit klar daß Instrumente zur Lösung von
Problemen unmöglich intelligent sein können, weil sie per definitionem von jemandem. der ein Problem hat verwendet
werden. Hier zieht die Sprache, mit der wir eine solche Situation beschmiben, durch ihre Kategorien eine scharfe
Grenze. "Daher löst zunächst einmal nicht ein Programm ein Problem sondern der Benutzer als derjenige, der weg
daß er eine Antwort auf eine bestimmte Frage sucht, löst mithilfe eines Programmes ein Problem." Die zweite,
gleichgewichtige Bemerkung entzündet sich am "zunächst einmal".
So scharf die Grenze in der Sprache auch gezogen sein mag, das hindert nicht, ke
derartanzuwenden,daßsichdieTrentischärte, die wir aus ihr für unseren Umgang mit der Welt gewinnen wollen,
aufzulösen beginnt. Zugegeben, daß Instrumente die Problem, für die sie eingesetzt werden, nicht haben aber sind
Computer mit ihren Programmen solche Instrumente? Löst sich angesichts ihrer Leistungsfähigkeit nicht der Begriff
der Instrumentalität auf oder verschiebt sich zunundest, wodurch Computer dem Begriff des bewußten Probleinlösens
näherrücken, als dem besinnungsloser Instrumente? Die zwei Bemerkungen werden von P.Krall in eine Konfiguration
verbunden. Zunächst soll offen bleiben, ob sich Problembewußtsein auf menschliches Verhalten beschränkt, oder
auch von speziellen, hierarchisch strukturierten, Programmen ausgesagt werden kann, die das Metawissen des
Benutzers von Instrurnerilen einschließen. In beiden Fällen aber gilt daß bloßes "Abarbeiten von Daten" den
Intelligenzbegriff verfehlt. Die Implementierung von Lösungsstrategien alleine gibt keinen Anhaltspunkt in diesen
Abläufen das Problem herauszufinden, das zu lösen ist. P.Kriffl weist darauf hin, daß Maschinen (im gebräuchlichen
instrumentellen Sinn) darum von der ihnen vorliegenden Kodifizierung von Wissen nicht zu offenen Fragen übergehen
können. Wenn man berücksichtigt daß bewußtes Leben gerade durch den Zwiespalt zwischen diesen beiden
Kategorien gekennzeichnet in, drängt sich der Schluß auf, Denken sei eine Eigenschaft von Organhmen in der Welt
und nicht von datenverarbeitenden Maschinen, für die es keine zu erreichenden Ziele gibt. An dieser Stelle jedoch
beginnt P.Krall zu zögern. Einerseits will er
sich augenscheinlich nicht weit auf das Terrain der Untersuchung von Bewußtsein wegen, andererseits bezieht er
sich auf Ansätze zur formalen Konstruktion und Analyse von «Bedeutungen" in "möglichen Welten", die nahelegen
könnten, daß Maschinen doch soetwas wie Welt und in ihr ungelöste Aufgaben besitzen Ich werde gegen dieses
Zögern die bisherige Ausgewogenheit verlasein und dafür argumentieren, daß der Vorgang des Problemlösens
genauer betrachtet Charakteristika aufweist die mittels der formalen Semantik nicht erfaßbar sind.
Wenn die Unterscheidung von Mensch und Maschine darauf hinauslaufen soll, daß nur der eine Probleme haben
kann, muß erstens festgelegt werden, was ein Problem ist und zweitens, inwiefern Maschinen unter diesem Aspekt
nicht zu betrachten sind. Definitionen sind selten neutral so enthält auch die folgende den Keim des angewebeten
Ergebnis= bereits in sich. Dennoch ist sie nicht vergeblich, wenn sie tiefsitzende Verbindungen in unserem faktischen
(freilich umstümbaren) Sprachverständnis aufdecken kann. Unter Problemen vergehe ich Konzeptualisierungen eines
Mangels. Das erfordert zweierlei: etwas von der Art, daß es Mangel empfinden kann und kognitive Fähigkeiten, diese
Empfindung in Begriffe und Faragen umzusetzen. Ein (menschliches, elektronisches) Gehirn für sich hat keine
Probleme, sofern es nicht an einer Lebensweise teilhat, au der Komplikationen entstehen können. Es hilft nicht die
intellektiven Kapazitäten eines Systems in Gigantische zu steigern, solang es nicht an ein Wesen gebunden ist für
das die Welt Probleme aufwirft die es (hin und wieder) lösen kann. Probleinlösungen sind anerkannte Beziehungen
zwischen Problemen und Beseitigungen des Mangels, den sie darstellen Meine Definition von Problem ist schon
deutlich Ugen Nichtorganismen gewendet der Begriff der Anerkennung in der zweiten Definition verstärkt diesen
Effekt. Ich möchte an einem Beispiel die Intuitionen hinter diesen Festlegungen deutlich machen und zeigen, warum
man in der Definition des Problemlösens einen so inhaltsmichen Faktor benötigt.
Angenommen ein Problem, z.B., in einer bestimmten Situation ein Taxi zu finden. Es setzt einen äußerst komplexen
Lebenszusammenhang voraus Straßen Fahrzeuge, Geldwirtschaft, Berufsgruppen...) und die Identifikation eines in
ihm auftretenden Zustande als Mängel. Wer gerne lange Strecken zu Fuß Seht oder die Einrichtung "Taxi" nicht kennt
wird dieses Problem nicht haben. (Eine Parallele dazu ist die Einbezogenheit von
möglichen Kunstwerken in funktionierende Gebrauchszusammenhänge.) Mangelerscheinungen sind relativ auf
vorgegebene Bedürfnisse und libhängig von begrifflichen Ressourcen. Du ist aber erst eine Hälfte des Themas; die
Frage mch jeglicher Abhilfe ist nämlich mindestens so wichtig. Wenn Probleme begrifflich formulierte unbefriedigte
Bedürfnisse sind - wie ist der Übergang von vorgestellten Schwierigkeiten zu ihrer Auflösung zu denken? Die ruche
Antwort: durch ein entsprechendes Ereignis bzw. eine passende Handlung, also etwa das Finden eines Taxi&. Aber
worin begeht dies Passen? Du Ereignis, die Handlung, gibt es nicht zuerst für sich, auf daß sie dann in den
Gesichtskreis des nach Lösungen suchenden Wesens treten könnte Die Erfüllung ist nur aus dem Blickwinkel des
Bedürfnis= zu beschreiben Der Erwartungsgehalt ist unentbehrlicher Bestandteil der Erwartung und wenn cm Mangel
gestillt werden soll, muß ein Ereignis als seine Erfüllung zu ihm stimmen Abläufe in der Wirklichkeit sind meist=
vielgestaltiger und bieten Auswahlmöglichkeiten für die Erfüllung von Bedürfnium. An dieser Stelle kommt man nicht
darum herum die Anerkennung eines Vorgangs als Problemlösung in die Analyse einzubeziehen. Zufällig auf der
Suche nach einem Taxi einem %und im PKW begegnen oder irrtümlich verhaftet und anschließend von der Polizei
nach Hause gebracht zu werden, sind keine Lösungen des genannten Problems; es hat sich erübrigt. In diesem
Bereich ist durchaus nicht alles eindeutig geregelt, der gordische Knoten und das Ei des Kolumbus sind lebendige
Beispiele für Unschärfen im Sprachgebrauch. Aber auch ihre Pointe ist ohne die dargestellte Unterscheidung nicht zu
verstehen. Das unsichere Verhältnis zwischen der Lösung und der Beseitigung von Problemen ist Teil unseres
Verständnisses dieser Phänomene. Darum ist es zu kurz gegriffen, erreichte Zustände ohne Rückbezug auf den
Prozeß der Problematisierung, Erwartung und Erfüllung als Problemlösungen anzusprechen.
Das paßt zum weiter oben angeführten Argument dafür, Aufzeichnungen von Resultaten nicht als vollwertigen Ersatz
für die Behandllung von Proble zu nehmen. Die nächste Frage ist nun freilich, wie jenes eigenartige Passen von
Erwartung und Erfüllung, das aus begrifflichen Schwierigkeiten befriedigte Zustände macht verständlich gemacht
werden kann. Wir geraten in den Einzugsbereich der Theorie der Intentionalität und können Or hier nicht weiter
folgen, ganz skizzenhaft gesagt geht es um Folgendes. Wie schon im Beispiel mit der Installation eines Raums im
Museum haben wir es auch bei Problemen mit Konstruktionen zu tun, die aus dem ungestört ablaufenden Zusam
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menhang des Alltags herausgehoben wurden und seinen Verweisungen gegenüber gleichsam querstehen. In dieser
Position ziehen sie Aufmerksamkeit, Intelligenz, Ärger und Bewunderung auf sich, lösen sich aber nicht von selbst
Erwartung kann Erfüllungen entwerfen geht aber nicht naturhaft in de über. Es reicht, wie wir gesehen haben auch nicht
daß dieses Querstehen in irgendeiner Weise beseitigt wird. Problemlösungen verlangen die Anerkennung bestimmter
EreignissefHandlungen als einschlägige Antwort und das enthält nicht bloß das Wissen um eine Problemgeschichte,
sondern dazu weh ein Risiko, sich in der Zustimmung zu bestimmten Antworten über die Sache oder die eigenen
Bedürfnisse zu täuschen. Endgültige Lösungen auf Probleme sind Versteinerungen. Die Erfüllung intentionaler Akte trägt
untilgbar den Verweis auf jene Separierung in sich, die im geeigneten Zusammenhang zugunsten eines (wiederum
störbaren) Teilnehmens an der Welt zurückgenommen wird. Obwohl diese Überlegungen spekulativ erscheinen mögen
geben sie weitverbreitete Auffassungen über menschliche Handlungsweisen wieder. Das heißt nicht daß sie unbedingt
auf diese Weise zu verstehen sind. Als Beschreibungen eines (philosophischen) Themas stehen sie mannigfaltigen
Interpretationen offen. Mit Müh' und Not auch solchen, die sie auf künstlich gefertigte kognitive Systeme beziehen. Ich
sehe darin ein Beispiel des eben ausgeführten Umstands, daß die Anerkennung bestimmter Lösungen für eine Frage
(hier der Sachbezug intentionaler Zuschreibungen) das Risiko mit einschließt, später mit sich selbst und anderen in dieser
Angelegenheit in Widerspruch zu geraten. Aber was sind die Gründe für die Vermutung, formale Bedeutungen könnten
die Rolle der Problem übernehmen, welche die Welt aufwirft?
3 Zwischenstation
Die Frage führt an ja= Punkt zurück, an dem P.Krall zwischen der Behandlung von Bewußtsein als eines
Charakteristikum$ von Lebewesen und eines formalisierbaren, möglicherweise masc:hinell implementierba«6
Metawissens zögert. Er versucht den Begriff der sinnvollen offenen Frage mengenund bedeutungstheoretisch zu
Präzisieren. Dazu muß er einen »zeukwmllcn Zusammenhang zwischen, Daten, die offene Fragen ei= bestimmten Art
und solchen, die die entsprechen Antworten codieren annehmen. Also z.B. die formale Repräsentation des Mangelt an
Taxis und jene der Behebung des Mangelt. Ein Problemlösungsverfahren wäre dann ein Kalkül, der den Übergang von
der einen zur anderen Menge erlaubt, wobei P.Krall vorsichtig genug ist, nicht die resul
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tierende formale Repräsentation selber sondern das, wofür sie steht, ab Antwort auf die offene Frage zu bezeichnen.
Dennoch liegt das Gewicht darauf, ein algorithmisches Verfahren zu finden, das zwischen zwei zunächst unverbundenen
Datenmengen Ableitungen erlaubt, die sich in einem nächsten Schritt als Weg von einem Problem zu seiner Lösung
verstehen lassen Eine Mustmtion dazu sind Taschenrechner die da= gemacht sind, gewisse Eingaben so zu
transformieren, daß die Ausgabe sich als Lösung einer Rechenaufgabe verwenden läßt Bei leistungsfähigem Maschinen
kann soviel interne Flexibiltät eingeplant werden, daß de einen Reaktionsspielraum auf reale Daten erhalten oder
zumindest erfolgreich unter dieser Annahme betrachtet werden können. Ein maschinell arbeitendes System auf das
zumindestzweiBeschreibungsartenzutreffen, nämlich eine bedeutungsfreie
FunktionstabelleundeineInterpretationgewisserproduziater Zustände ab Prädikate Sätze, Fragen und Antworten wäre also
der Kandidat zur Simulation (und Produktion) dessen, was in den vorigen Beschreibungen vom menschlichen Bewußtsein
ausgemacht Wurm. "Nichts spricht gegen den Versuch, menschliche Denkmuster nachzubilden wem dies ein effizientes
Verfahren zu ergeben versprichL"Auf der gewählten Ebene - der Effektivität - ist dem Versuch tatsächlich nichts
entgegenzuhalten, am wenigsten metaphysisches Herumfuchteln. Aber im licht der Ausführungen über
Problembewußtsein zeigen sich Unstimmigkeiten im eben vorgeschlagenen Sprachgebrauch.
Die erste Schwierigkeit liegt schon im Begriff der Problemkodierung. P.Krall selbst hat darauf hingewiesen, daß sie sich
nicht in abgespeicherten "EigebnäsW erschöpfen kann ohne die eigentlich interessante Dimension zu verfehlen. Was
kann Programmen, die auf Computern laufen, mm Äquivalent eines Problems verhelfen? Rein syntaktische Kalküle
können - so wird zugestanden - die Ausrichtung bewußter Einstellungen bzw. kommunikativer Äußerungen auf Welt nicht
wiedergeben. Als Abhilfe werden für gewisse in ihnen auftretende Figuren "Bedeutungen" konstruiert die sie zu Zeichen
machen nämlich zu regelgemäß auf "etwae bezogenen Schriftausdrücken So werden Dinge Sachverhalte und sogar
mögliche Weiten ab durch Elemente einer Kalkülsprache Bezeichnetes eingeführt Zwischen die maschinelle Abarbeitung
von Daten und den unter um gebräuchlichen Vorgang der Lösung von Problemen schiebt sich die Zwischenposition der
Welt für vorgegebene Programme (Blockwelten, Restaurantwelten Expertenwelten), deren "Probleme streng formal zu
lösen sind um! gleichzeitig Problemen, den= Menschen begegnen, ziemlich ähnlich
sehen. Man kam die Vielfalt der Bedeutungen in Schwebe lassen muß sich aber zumindest klar machen daß hinter der
Mehrdeutigkeit eine systematischer Konflikt steckt. Auf der einen Seite der übliche Problembegriff, nach dem ein noch so
konzentriertes Aufgebot an formaler Interpretation nicht davon überzeugen kann, daß maschinell manipulierbare
Inskritptionen sich auf Welt beziehen und Probleme, die in ihr auftreten, behandeln.
Von die= Warte aus sind konstruierte Welten nur zusätzliche Instrumente, denen ein Zweck erst zugewiesen werden
muß. Andererseits die Aufhebung des konstitutiven UnterschiedszwischenHandelndenundInstrumenten in der
Beschreibung von Menschen und Maschinen ab gleichartige Problcmlösungssysterne. Grob gesagt: Sie lau= sich nach
ihremGewichtoderden in ihnen wirksamen elektrischen Impulsen vergleichen, warum nicht hinsichtlich ihrer kognitiven
Kornpetenz? Als Provokation und heuristisches Verfahren ist das legitim ja unvermeidlich, es fragt sich aber, wie gut ein
solcher kategorialer Kurzschluß in das Gefüge uns= sonstigen Erfahrungen paßt und wer davon profitiert, ihn auszulösen.
Kühne Entwürfe für eine neue Welt sind oft schwer von stümperhaften Fehleinschätzungen zu unterscheiden, Märtyrer
von Geistesgestörten. Ich möchte nicht darüber urteilen, ob für die Rede von künstlicher Intelligenz wissenschaftliche
Inspiration oder Sensationsgier den Ausschlag geben. Im Interesse der Einsicht in die Verflochtenheit uns=
Beschreibungen von Technik, Handeln und Lebenswelt empfiehlt es sich jedoch der grandiosen Geste auf einem
Teilgebiet vollzogener Fusion mit universalem Anspruch entgegenzutreten. Nicht au gekränktem Stolz, weil
Unterscheidung= nicht eingehalten werden, sondern wegen der Schädlichkeit der Geste: sie unterwandert das
Bestehende von Seite dem, die in ihm die Macht ausüben.
Der springende Punkt begegnet überall, wo einander widerstreitende Interessen sich im Kontext technischer
Errungenschaften aneinander stoßen. Dem Telefonbeantworter wird niemand wirklich Sprechfähigkeit zugestehen, doch
die verschiedenen Umgangsweisen mit seiner Tonbandaufzeichnung bereiten Weichenstellungen für künftige
Verständnisweisen vor. Manche Argumente für Intelligenz in Maschinen hören sich m als würde je and sagen: "Du hörst
doch Wia die Leitun& daß jemand spricht, daher hat er die Fähigkeit dazulm Darüber kam mm lächeln, sich ereifern,
technisch und philosophisch nachdenken. Aber die Pointe heute km nicht s~ den Erfolg dieser Betrachtung in Zukunft
möglichst durchzuietzen oder zu vahindern; sie liegt darin, für die vertretbaren
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Unterscheidung= einzustehen. Meine PriaridUrn sind schon im Eingängäbeispiel angedeutet Durch Aublendung des
Sitzes im Leben erhält man Kunstwerke und im Zug weite= Entwicklungen auch eine Welt der Kunst die spannungsvoll
auf Alltagswelten bezogen ist. Kunstgenuß ist der Schwindel zwischen diesen Welten. Auch künstliche Intelligenz gründet
im unsicheren Verhältnis zwischen Kontextverlust Kontextfabrikation unddasinnichtverschwindendemDefizit.SoInge dieser
Rahmen klar ist ermöglicht er neue, kreative Entwürfe. Er IM sich auch einebnen: durch Verschenken der Museumstücke,
Sprengung der Opernhäuser sowie der klentifikation von Menschen und Maschinen. Ich seht den Reiz der Vorschläge,
aber nicht was mit ihnen gewonnen werden kann. Wörtlich: Ich seht es nicht und beim Versuch, es vorzustellen, steht der
Apparat im Weg, der mir erlaubt es vorzustellen. So sind freilich auch Utopien zu beschreiben und insofern partizipieren
die angeschnittenen Probleme an dem Anziehungs- und Zerstörungskraft Das bürgerliche Gleichmaß ist keine gute
Antwort auf die durch sie markierten Brechpunkte..; Daher das Plädoyer zur Aufrechterhaltung und (womöglich, wo nötig)
Verschärfung der Spannung.
4 Vorläufig endgültig
Nochmal zur austwierten Betrachtungsweise zurück. P.Krall sieht deutlich, daß Programme nur in einem gewagten Sinn
Ziele verfolgen. "Andererseits lassen sich aber auch die Ziele und Absichten eines Menschen immer weiter hinzrfragen."
Da hat er recht das Tauziehen zwischen der intentionalen Behandlung von Programmen und der Naturalisiemmg des
Menschen ist nicht durch Dekret entscheidbar. Eine mögliche Reaktion ist, im Getü 1 einen Standplatz einzunehmen.
Eine andere, bestimmten philosophischen Instinkten entsprechenden, Obergreifende Einsichten zu suchen. Ein wichtiger
Ansatz dazu findet sich in folgender Bemel:kung. «Die ganze Rede von Zielen und Absichten hat also ohnehin nur dann
Sinn, wenn sie als Projektion auf einen im Moment als endgültig gesetzten Zweck verstanden werden." An dieser
Formulierung fällt dieselbe Struktur auf, die ich in der Lösung von Problemen hervorgehoben habe. Ausschlaggebend ist
nicht allein, daß aus einem Ablauf Ziele entstehen, auch nicht, daß sie durch geeignete Aktionen zum Verschwinden
gebracht werden, sondern die Geschichte ausmachende - Bewegung, sich in der Zeit auf möglicherweise täuschende
Endgültigkeit einzulassen. Die hierin liegende Anstößigkeit reicht viel tiefer, als jene, die Computervisionäre
heraufbeschwören können. Probleme des homo sapiens erfordern zur Losung Einsatz seiner Lebensenergie, ohne daß er
wüßte, ob sich das auch lohnt. Der Haken bei der "Beantwortung solcher Fragen, deren Beantwortung sich
irgendwie auszählt7, ist das Fehlen einer kosmischen Abrechnung. Einschätzungen des Kraftaufwands müssen sich an
anderen Maßstäben orientieren.
Ein Vorschlag besteht darin, die freigesetzte Phantasie im Suchen und die vorübergehende Anerkennung im Finden
selbst als Zweck zu sehen. Hier ist die Philosophie an der Reihe, Begriffsmanipulationen
vorzuschlagenundzuverteidigen.Derendgültig gesetzte Zweck des menschlichen Lebens ist es selbst wie immer das zu
denken ist. Nur wenn die Menschheit (ich nehme einen Gedanken P.Kralls auf) die künstliche Intelligenz Gottes wäre,
könnte sie ihrer Bestimmung in der Welt sicher sein. So betrachtet fehlt den Maschinen einfach der Ernst. Oder
umgekehrt die Widerstände gegen eine Umschichtung der sie erfassenden Kategorien erklären sich daraus, daß nicht zu
sehen ist, was sie uns an dieser kritischen Stelle helfen könnte. Für die technischen Entwicklungen, deren Nützlichkeit
greifbar ist, genügt eine viel bescheidenere Adaptierung. Wie Ridley Scotes Film "Blade Runner" deutlich machtder
Übergang von Künstlichkeit zur Menschlichkeit von *Repläanten" führt darüber, daß sie sterben und lieben können, wie
wir. Angenommen unsere Gattung entwirft, züchtet und manipuliert Lebewesen für ihre Zwecke. Sie ständen zu uns im
selben Verhältnis, wie wir zu Gott, es wären unsere Geschöpfe. Um sieunsgleichzustellenwürdenSprachregelungen.nicht
genügen. Wir müßten in unserer Rolle abdanken, indem wir ihnen glaubhaft versichern, wir wüßten nicht wozu sie da
sindL 0
2. Jahrgang Heft 3/4 Dezember 1987
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