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Das Britannier- und Germanenbild des Caesar und des Tacitus

1. Einleitung:

In diesem Artikel vergleiche ich das Bild der Germanen und Britannier bei den römischen Schriftstellern
Caesar und Tacitus.

Zuerst möchte ich auf den antiken Barbarenbegriff eingehen:


Der Begriff “Barbar” stammt aus dem Griechischen und heißt ursprünglich (in lateinische Buchstaben
transkribiert) Barbaros - lateinisch Barbarus. Dieser Begriff wurde bei den Griechen auf alle
Nichtgriechen angewandt, wobei Barbaros ursprünglich etwas wie “stammelnd” bedeutete. Dieser
Bedeutung wurden Konnotationen wie “wild”,“roh”, “ungesittet” zugewiesen und der Begriff wurde auf
alle Menschen angewandt, die außerhalb der Oikoumene lebten und keine Griechen waren. Er war
ethnozentrisch und abwertend, da er auch “unzivilisiert” bedeutete. Aristoteles stellte in einem seiner
Hauptwerke - der „Politik“ - die Barbaren als roh, wild und unzivilisiert dar und sagte von ihnen, sie
seien noch keine Menschen, da sie weder Recht, noch Tugend und Sitte kannten und sie von daher die
Höhen der Kultur nicht erreicht hätten, die den Griechen und Hellenen vorbehalten waren. Die Welt war
für die meisten Griechen zweigeteilt: Auf der einen Seite standen die Hellenen, die die Kultur erreichten
hatten und auf der anderen die Barbaren, die in Wildheit lebten. Die Römer übernahmen den Begriff von
den Griechen. Die griechische “Oikoumene” als die zivilisierte Welt entsprach bei ihnen dem “orbis
terrarum” (Erdkreis), auch bezeichnet als orbis romanus (~die römische Welt, d.h., das Römische Reich).
Sie sahen als Barbaren diejenigen Völker an, die außerhalb des Imperium Romanum lebten (diese
wurden zum Teil auch als “nationes exterae” bezeichnet). Die Römer schrieben sich selbst humanitas
(~Bildung, Zivilisation) und den Barbaren feritas (~Wildheit) zu. Die Barbaren galten als geschichtslos,
zügellos, unzuverlässig, leidenschaftlich, lügnerisch, jähzornig, hart, grausam, ungebildet und
unkultiviert. Diese Meinung wurde vertreten von Autoren wie Gaius Iulius Caesar, Strabo von Apamesia,
Ammianus Marcellinus, Aristoteles, und anderen. Es gab jedoch auch eine weitere Anschauung, was die
Barbaren betraf, die sie im positiven Licht erscheinen ließ. Diese ist vor allem für Tacitus relevant: Ihr
zufolge lebten sie noch in der menschlichen Urzeit, gewissermaßen im Paradies und hätten eine
ursprünglichere Sittlichkeit. Sie seien gute und wunschlose Menschen, die eine unverfälschtere
Lebensweise besäßen und noch nicht von der Zivilisation verdorben seien. Die kulturelle Entwicklung
wurde von daher mehr als ein Niedergang gesehen, denn als ein Fortschritt zu etwas Höherem. Die
Römer und Griechen sahen sich zumeist als Menschen, die im Zentrum der Welt , während die Barbaren
an der Peripherie lebten, und je weiter die Menschen von der Oikoumene entfernt lebten, desto
barbarischer waren sie. Zu diesen am Rande der Oikoumene lebenden Barbarenvölkern gehörten auch die
Germanen und Britannier.
Als nächstes möchte ich auf die antike Evolutionstheorie eingehen:
Da die antike Evolutionstheorie eher eine negative Entwicklung beschrieb, spricht man meistens von der
Deszendenztheorie. Ihre Vertreter gehen davon aus, dass zu Beginn der kulturellen Entwicklung die
Menschen sorgenfrei und wunschlos lebten und sie von einer hohen moralischen Sittlichkeit waren. In
diesem Goldenen Zeitalter lebten die Menschen in Armut und teilten alles. Man könnte diese
Gesellschaft mit dem sogenannten “Urkommunismus” vergleichen. Es gäbe bei ihnen keine Konflikte, da
sie wunschlos glücklich sind. Kennzeichnend für diese fiktive Epoche der Menschheitsgeschichte sind
Begriffe wie aequalitas (~Gleichheit), modestia (~Bescheidenheit) und pudore (~Schamhaftigkeit). Da
die Menschen auf dieser “Stufe” von höherer moralischer Sittlichkeit sind, brauchen sie auch keine
Gesetze, denn es gibt keine Verbrechen und keine Gewalt unter ihnen. Die kulturelle Entwicklung
brachte es nun mit sich, dass die Menschen lernten Ackerbau zu betreiben, Werkzeuge zu entwickeln und
zu nutzen, Eisen und Gold zu gewinnen, der Handel zu treiben, doch kamen auch Dinge hinzu, die zu
ihrem Nachteil waren: Egoismus, Streben nach Besitz, Ehrgeiz (ambitio), Krieg, Gewalt (vis) und die
Menschen erreichten zwar einen höheren Zivilisationsgrad, doch hiermit begann der Niedergang, so diese
Sichtweise. Der kulturelle Fortschritt bedeute „sittliche Entartung“und bringe den „moralischen Verfall“
des Gemeinwesens (res publica) mit sich und führe schließlich dazu, dass die Menschen am Ende dieser
negativen Entwicklung von einem äußeren Feind besiegt und unterworfen würden. Die Entwicklung der
Kulturvölker, die in der Oikoumene lebten, gehe einher mit der Zerstörung der Naturvölker, also der
Barbaren. Sobald ein Volk unter den zersetzenden Einfluss einer höheren Kultur gerate, bedeute dies den
Anfang vom Ende und vor allem den Verlust der Freiheit. Kurz gesagt, die kulturelle Entwicklung
bedeute den Niedergang des Gemeinwesens und den Verlust der ursprünglichen Sittlichkeit. Diese
Vorstellungen waren in der Antike weit verbreitet. Sie finden sich schon bei Hesiod und Homer,
Herodotos von Halikarnassos, Pompeius Trogus, Seneca, Tacitus, um nur einige Vertreter dieser
Anschauungen zu nennen.

Als letzten Begriff, bevor ich zu den Germanen und Britanniern komme, möchte ich noch auf die
senatorische Geschichtsschreibung eingehen: Die römische Geschichtsschreibung baut auf der
griechischen Tradition auf (vgl. Thukydides, Herodot). In Rom waren die Geschichtsschreiber meistens
Senatoren, die mitten im politischen Leben standen. Der Senat verlor während des Prinzipats seinen
Einfluss auf die Politik, da immer mehr Entscheidungen am kaiserlichen Hof fielen, weswegen die
römischen Senatoren mehr auf die rhetorische Wirkung ihrer Werke setzten. In der Kaiserzeit war die
Nutzung der Rhetorik und der Dramatik der Erzählung der Ereignisse entscheidend, die dazu dienten den
Leser zu ergreifen und mitzureißen. Dies trifft auch auf Tacitus zu und bestimmend war auch die
moralische Tendenz der römischen Historiker. Auf die hellenistische Geschichtsschreibung geht die
Gewohnheit zurück ethnographische und geographische Exkurse in historiographische Texte einzufügen,
um so zur Unterhaltung des Lesers beizutragen und es rückten „die gestalterischen Absichten“ mehr in
den Mittelpunkt, trotz des Bekenntnisses zur Wahrhaftigkeit der Darstellung und im Sinne von
moralischer und moralisierender Kritik der Gesellschaft, vgl. Müller 1997: Seite 423, 431, 438-442 und
Schmal 2009: Seite 39-42. Aus dem Anspruch auf Wahrheit wurde so mehr ein Bekenntnis zu einer Art
von „persönlicher Unvoreingenommenheit“ den verschiedenen Herrscher gegenüber, deren Wirkung
innerhalb der römischen Geschichte im Mittelpunkt des Interesses stand. Damit geht jedoch auch der
Anspruch auf eine kritische Bewertung der Quellen verloren zugunsten einer ausgiebigen Auswertung
der literarischen Zeugnisse über die Vergangenheit. Ein zentraler Begriff bei Tacitus und einer der
Wertmaßstäbe für die Herrscher und zentralen Persönlichkeiten (die Darstellung der Geschichte
konzentrierte sich vor allem auf die Herrscher und die führenden Persönlichkeiten, das normale Volk und
sein Handeln wurde nicht betrachtet. Helmut Vretska nennt die republikanischen römischen Tugenden
und ich möchte dies kommentarlos stehen lassen: „Ein Kanon verschiedener Eigenschaften wie
Streben nach ‚virtus’ (Tapferkeit und Tüchtigkeit) und ‚gloria’ (Ruhm), Disziplin, Treue und
Zuverlässigkeit (fides), Eintreten für die ‚res publica’, Schutz der ‚socii’, Beachtung des
Götterwillens (‚pietas’) bildete das Verhaltensmuster der ‚mores maiorum’, deren Beachtung Rom
zu seiner Größe emporgeführt hatte“ (Tacitus Historien). Von diesen Begriffen ausgehend, wurden
die Herrscher und die zentralen handelnden Persönlichkeiten (wie Senatoren und Feldherrn) beurteilt.

2. Das Germanen- und Britannierbild des Caesar und des Tacitus


Nun möchte ich auf die Germanen und Britannier und ihre Darstellung durch Caesar und Tacitus
eingehen. Ich nutze die folgenden römischen Originalquellen: Caesar „De bello Gallico“ und Tacitus
“De vita et moribus Iulii Agricolae” und "de origine de situ germanorum liber". Zuerst gehe ich auf
Caesars und Tacitus Germanenbild ein und kommen dann auf die Britannier zu sprechen.

2.1 Das Germanenbild des Caesar und des Tacitus

2.1.1 Caesars Germanenbild

Zuerst gehe ich auf Caesars Germanenbild ein. Caesar knüpfte während der Eroberung Galliens
(entspricht in etwa Frankreich, der Schweiz, Belgien, Niederlande) an die Furcht vor den Germanen an:
Die Angst der Römern vor den fremden Völkern aus dem Norden, sei es nun den Kelten oder Germanen
(im wesentlichen) hat ihren Ursprung in der Eroberung Roms durch die Kelten im Jahr 387 vor Christus:
Am 18.Juli 387 besiegten die Kelten unter ihrem Anführer Brennus die Römer an der Allia und besetzten
Rom (bis auf das Kapitol) und plünderten die Stadt. Diese Demütigung blieben ab dann im Gedächtnis
der Römer erhalten und man bezeichneten diesen Tag als den Dies ater (schwarzen Tag). Bis zum Jahr
410 nach Christus sollte es dauern bis Rom erneut von Barbaren, in diesem Fall den Westgoten unter
ihrem König Alarich, erobert und geplündert wurde und da war das Ende des Reiches nicht mehr weit.
Aus der Niederlage gegen die Kelten entstand die sogenannte metus Gallicus oder Keltenangst. Es gelang
jedoch den Römer im Jahr 225 den Norden Italiens zu unterwerfen und damit waren die Kelten keine
Gefahr mehr. Als nächstes hatten die Römer im Jahr 113 vor Christus Kontakt mit den Germanen, das
erste Mal in der römischen Geschichte: bei Noreia im heutigen Österreich trafen die römischen Truppen
unter dem Konsul Cnaeius Papirius Carbo auf die Kimbern und Teutonen. Diese wurden damals noch
entsprechend der griechischen Tradition der Geschichtsschreibung als Kelten bezeichnet, denn für die
Griechen gab es im Nordwesten die Kelten und im Nordwesten die Skythen. Die Römer unterlagen in
mehreren Schlachten den wilden Germanen und es herrschte Panik in der Stadt, denn man fürchtete, dass
wie die Kelten damals auch die Kimbern und Teutonen Rom erobern und plündern würden. Nach der
Schlacht von Arausio (heute Orange in Südfrankreich) nahmen die Römer an, dass die Kimbern und
Teutonen wie Hannibal im Jahr 218 die Alpen überschreiten würden, um Rom zu erobern. Dies geschah
jedoch nicht. Die Kimbern und Teutonen, die mit einer Wildheit und Berserkerwut kämpften,die als furor
cimbricus und vor allem furor teutonicus bekannt ist, konnten jedoch von Marius bei Aquae Sextiae und
Vercellae in den Jahren 102 und 101 besiegten werden und damit war die Gefahr gebannt. Caesar nutzt
den Furor Teutonicus als Rechtfertigung für die Eroberung Galliens, denn er behauptet, dass die
Germanen Gallien und danach Italien erobern wollen und er dafür Gallier und Römer schützen muss.
Die Germanen wurden zuerst bei Poseidonios namentlich erwähnt. Er schreibt über sie: „Die Germanen
dagegen, wie Poseidonios im 30. Buch sagt, tragen zur Mittagszeit gliedweise gebratenes Fleisch auf und
trinken Milch dazu und den Wein ungemischt.“ (erhalten im IV. Buch des Naukratis). Bei den Griechen
gab es nur Skythen und Kelten und die Germanen wurden von den Griechen und den Römern bis Caesar
den Kelten zugeordnet. Laut Caesar waren die Germanen anfangs nur eine Anzahl linksrheinischer
Stämme, die sich selbst Germanen nannten (vgl. GK II,4,10 und Lund 1998,48f.). Der Stamm der
Tungrer bezeichnete sich selbst als Germanen, lateinisch germani. Caesar behauptete jedoch, dass diese
Stämme ursprünglich auf dem rechten Rheinufer gelebt hätten und erst später nach Gallien eingewandert
seien.
Wir erfahren gleich zu Beginn des Gallischen Krieges von den Germanen: sie wohnen in der
Nachbarschaft der Belger und Helveter, die dadurch zu ständigem Kampf gezwungen sind und daher eine
Kultur entwickelt haben, die von Kriegertum, keinen Luxusgütern und mit einer gewissen Wildheit
geprägt ist. Die Belger gehen auf germanische Einwanderer in Gallien zurück und die Helveter, sind ein
keltischer Stamm. Beide sind, angeblich, nicht so verweichlicht wie die Gallier und Aquitanier. In
Kapitel 31 des ersten Bands werden die Germanenkrieger des Ariovist zuerst erwähnt. Interessant ist die
Darstellung des Suebenkönigs Ariovist, der als König von Germanen (Rex germanorum) bezeichnet
wird, den Caesar als den typischen Barbaren darstellt, denn er ist unberechenbar, jähzornig, gefährlich,
ein Lügner und nicht vertrauenswürdig (GK I, 33,3-4). Als Beispiel möchte erwähnen, dass während
einer Unterredung zwischen Caesar und Ariovist die germanischen Reiter plötzlich Caesar berittenes
Gefolge angriffen. Sie wurden im Auftrag der Averner und Sequaner nach Gallien als Söldner geholt, um
deren strategische Interessen gegen die Häduer, einen Stamm, der mit den Römern verbündet ist und
unter Roms Schutz steht, zu verteidigen. Caesar Aufgabe ist es daher, die Bewohner Galliens zu
beschützen und zu verhindern, dass die Germanen sich weiter ausbreiten. Letzten Endes sei auch die
römische Provinz Gallia Transalpina und Italien selbst bedroht. Damit ist Caesar Mandat in Gallien
rechtfertigt. (vgl. I,31 und 33). Caesar schürte ganz bewusst die Angst der Römer vor den Germanen,
indem er die germanischen Stämmen unter Ariovists Führung als Nachfolger der Kimbern und Teutonen
darstellte und absichtlich übertrieb (vgl. I, 39-41). Die Germanen des Ariovist werden als heimtückisch,
verräterisch (vgl. I, 46, II,29-32) aggressiv, grausam und ruhelos dargestellt werden und daher eine
ständige Gefahr für Römer und Gallier darstellen (vgl. Künzl 2006, 23).
Im Buch IV des Gallischen Krieges geht Caesar auf die militärischen Auseinandersetzungen des Jahres
55 ein: die Usipeter und Tencterer überschritten den Rhein, denn sie wurden von den Sueben militärisch
bedrängt (vgl. IV 1). Hierauf folgt der erste ethnographische Exkurs des Gallischen Krieges in dem
Caesar die Sueben vorstellt. Die ganze Lebensweise der Germanen dient dem Krieg, denn bereits die
Knaben werden abgehärtet, müssen Strapazen und Anstrengungen ertragen und sollen sich wie gesagt
des Geschlechtsverkehrs mit Frauen enthalten, damit so ihre Kraft erhalten bleibt (GK, IV,1,3-10).
Von den Sueben berichtet er, dass sie kein Getreide anbauen, sondern nur Fleisch essen und Milch
trinken (GK IV,1,8). Dies ist ein Topos in der Ethnographie der barbarischen Nordvölker und findet sich
so auch bei Tacitus, Herodot und anderen antiken Autoren: die Barbarenvölker werden vor allem als
Krieger und Viehzüchter dargestellt.
Caesar stellt in den ethnographischen Exkursen die Germanen als ideale Krieger dar, die nicht sesshaft
sind, ihre Felder ggf. nur für ein Jahr bestellen dürfen und dann wieder weiterziehen müssen. Es gilt als
schändlich, wenn ein Mann bereits vor dem 20.Lebensjahr sexuellen Kontakt mit einer Frau hat, denn
diese würde seinen Körperbau schwächen. All dies soll dazu dienen, dass die Germanen, nach Caesars
Darstellung nicht verweichlichen

Im 6.Buch stellt Caesar in den Kapiteln 11-28 die Gallier und Germanen einander gegenüber und
behauptet, dass die Germanen sich sehr stark von den Galliern unterscheiden würden. Die Gallier hätten
sich kulturell vor allem aufgrund des römischen Einflusses (durch die Provinz) weiter entwickelt,
während die Germanen auf einer niedrigeren Stufe stehen geblieben sind. Da die Germanen so ihre
ursprüngliche Wildheit, feritas, bewahrt hätten, seien sie den Galliern, die verweichlicht seien und daher
von den Römern unterworfen werden konnte, überlegen. Unterschiede gab es unter anderem darin, dass
die Germanen im Gegensatz zu den Galliern keine Druiden haben, sie nur Götter verehren würden, die
sie auch wahrnehmen können sie nur für die Jagd und den Krieg leben, es bei ihnen eine Art
Agrarkommunismus gibt (da es keine Eigentum an Boden gibt), sie nicht sesshaft seien und in ärmlichen
Verhältnissen leben, während die kulturell und sozial weiter entwickelten Galliern durch Reichtum und
eine verfeinerte Lebensart geschwächten wurden und sich so daran gewohnt hatten von den Germanen
besiegt zu werden (vgl. VI, 11-24). In den Kapiteln 25 bis 28 beschreibt er den hercynischen Wald, der
endlos groß sei. Es gibt im Gallischen Kriegs Caesars einen weiteren ethnographischen Exkurs und zwar
zu den Britanniern, die Caesar bei seiner Strafexpedition nach Britannier kennenlernte. Da die Britannier
aber eher den Kelten als den Germanen zuzurechnen sind, werde ich nicht auf sie eingehen (vgl. GK
V,12-14). Caesar definierte den Rhein als kulturelle, politische und geographische Grenze zwischen den
Germanen und den Kelten, siehe „De Bello Gallico“: I,2,3, I,27,4, I,28,4 und IV,16-3-4.
Diese Definition war jedoch rein politisch motiviert, denn damit grenzte Caesar das zu erobernde Gallien
von dem freien Germanien, das folglich sich außerhalb des römischen Herrschaftsbereichs befand, ab.
Caesar nennt für seine Informationen über die Germanen immer keltische Quellen. Ob es sich dabei um
Originalquellen oder nur ein Stilmittel handelt, damit seine Aussagen authentischer wirken, ist schwer zu
entscheiden, aber meiner Meinung nach, sind diese angeblich indigenen Quellen nur wenig glaubwürdig,
denn es standen im Mittelpunkt dieses Werkes Caesars innen- und außenpolitische Interessen (vgl. Lund
1990 63 f.). Die Germanen sind folglich nach Caesars Definition die rechtsrheinischen Bewohner
Germaniens (siehe auch Lund 1998, 86-97). Caesar führte aus politischen Gründen den geographisch-
kulturellen Begriff der Germanen im Sinne von rechtsrheinischer Bewohner Germaniens ein, um so
deren Gebiet vom römischen Herrschaftsbereich abzugrenzen (vgl. Lund 1998, 49f.). Er schürte bewusst
die Angst vor den kriegerischen und gefährlichen Germanen und knüpfte an den furor teutonicus und die
metus teutonicus und cimbricus an, um die Eroberung Galliens zu rechtfertigen (vgl. Lund 1990, 60 und
Künzl 2006,23). Daraus leitet sich ab, dass es Caesars Aufgabe war die Gallier und die Römer vor den
aggressiven, wilden und nomadisierenden Germanen zu beschützen (vgl. GK I,33,4, Müller 1997,408,
Bleckmann 2009,63 und Lund 1990,60).

2.1.2 Tacitus Germanenbild

Als nächstes gehe ich auf die Germania des Tacitus ein, die er im Jahr 98 nach Christus veröffentlichte.
Ich werde mich jedoch nur mit dem allgemeinen Teil, d.h., 1-27, beschäftigen und auf die ausführliche
Darstellung der einzelnen Germanenstämme nicht eingehen, da dies den Rahmen dieses Artikels
sprengen würde:
Im Jahre 98 nach Christus veröffentlichte Tacitus die erste Ethnographie der Weltgeschichte. Es handelt
sich um die Darstellung der Germanen. Tacitus ging es in der sogenannten Germania, im Original „De
origine et situ germanorum liber“ (vom Ursprung und Sitz der Germanen) um eine Darstellung des
Volkscharakters der Germanen (vgl. Mauersberger in Tacitus Anaconda Antike, Seite 24), als um eine
Darstellung von Land und Leuten. Dieses Werk ist auch bis dahin insofern einzigartig, als es sich nicht
um den in der Antike üblichen Exkurs zu Geographie und Völkerkunde handelte (vgl. Herodot und die
Beschreibung der Hyperboräer, Livius Exkurs zu den Germanen, etc.), sondern es ist eine
ethnographische Monographie. Die “Germania” lässt sich in zwei Abschnitte einteilen: 1-27 ist eine
allgemeine Ethnographie der Germanen und 28-46 beschreibt einzelne Völker und deren Unterschiede,
vor allem im Hinblick auf ihre kulturelle Evolution. Der Titel dieses Werkes deutet schon an, worum es
gehen soll: um den Ursprung (origo) und den Sitz (situs) der Germanen. Zur Frage des Ursprungs gibt
Tacitus die eindeutige Antwort, dass die Germanen Eingeborene (indigenae), seien. Lund (Lund, Allan A.
1988 „P. Cornelius Tacitus Germania“ Heidelberg:Winter Verlag) nennt drei Gruppen von Menschen: 1.
die indigenae, womit ungefähr die eingeborenen und rassereinen Bewohner eines Landes gemeint sind,
2. die advecti, dies sind die Zugewanderten und 3. die mixti, womit ungefähr eine Mischbevölkerung aus
beiden gemeint ist. Ich greife nur einzelne Kapitel auf und fasse den Rest zusammen, denn eine
Darstellung aller 27 Kapitel würde den Rahmen dieses Artikels sprengen:

In Kapitel 1 geht Tacitus auf die geographische Lage Germaniens ein. Dieses sei von den Galliern, den
Rätern (in der heutigen Schweiz) und den Pannoniern durch den Rhein und die Donau geschieden, von
den Sarmaten und Dakern sei es getrennt durch Gebirgszüge und wechselseitige Furcht.

Das 2.Kapitel geht der Frage des Ursprungs und der Abstammung (origo) der Germanen nach: Sie seien
indigenae, d.h. Eingeborene, die sich auch nicht mit anderen Völkern vermischt hätten, da es keine
Eindringlinge in dieses Gebiet gegeben habe, denn nie seien Fremde auf dem Landwege oder über das
Meer nach Germanien gekommen, da es ein unwirtliches,ungastliches Land sei: („informem terris,
asperam caelo, tristem cultu, apectuque nisi si patria sit?“)

Die Germanen stammen, laut ihrer einzigen Überlieferung, d.h., ihren Liedern, von dem Sohn des Gottes
Tuisto (einem Zwitterwesen) mit Namen Mannus ab, der ihr Urvater sei. Seine Söhne seien die
Begründer der drei großen ethnischen Einheiten: Ingävonen, Herminonen und Istävonen. Tacitus lässt
auch nicht unerwähnt, dass es anscheinend mehrere Erzählungen über den Ursprung der Stämme gab,
welche die Ethnie der Germanen bildeten. Er weist darauf hin, dass die Bezeichnung “Germanen”
ursprünglich der Name der Tungrer (Tungri) gewesen sei, die Germanen genannt wurden. Sie waren der
Überlieferung zufolge die ersten Germanen, die den Rhein überschritten und die Gallier besiegten. Der
Name Germanen sei dann von diesem einen siegreichen Stamm auf alle anderen übergegangen.

Die Germanen werden als die idealen Krieger dargestellt, die schon von klein auf für den Krieg erzogen
werden, einfach aufwachsen, von ihren Müttern genährt und erzogen werden, ohne Geld leben und sich
insgesamt von Natur her sittlich verhalten, denn wie Tacitus sagt: "hier vermögen gute Sitten mehr als
anderswo gute Gesetze" (Germania 19). Die Germanen achten die Ehe und sie sind sehr gastfreundlich.
Das Materielle bedeutet ihnen nichts und haben auch Geld. Tacitus stellt die Germanen als ein Volk
eigener Art dar, das keinem anderen gleiche und noch nicht von der Zivilisation verdorben wurde. Die
Germanen seien ein unvermischtes Volk, was wohl an ihrer Randlage und dem unangenehmen Klima
Germaniens liegt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Germanen als ein Volk ohne Trug und List dargestellt
werden und ihnen eine höhere moralische Sittlichkeit zugesprochen wird. Sie werden zudem als eine
Ethnie dargestellt, welche die idealen Krieger hervorbringe, denn Tapferkeit im Krieg bringe den
höchsten Ruhm. Entsprechend den taciteischen Zielen der Historiographie und Ethnographie, ist
anzunehmen, dass Tacitus seiner eigenen korrupten und zur Knechtschaft bereiten Gesellschaft den
Spiegel vorhalten wollte, um den Römern zu zeigen, dass vor den Toren Roms noch unverdorbene, edle
Stämme leben. Die Germanen werden als ein Volk dargestellt, das auf Grund seiner höheren, gleichwohl
ursprünglichen Sittlichkeit die Ehe und die Familie hoch achtet. Die Germanen sind in diesem Gemälde
ein Volk, das abgehärtet ist gegen Hunger und Kälte und keine Gefahren scheut – obschon sie Hitze,
Durst und Arbeiten wie Ackerbau, laut Tacitus, weniger gut vertragen. Man kann diese Darstellungen der
nördlichen Barbaren, denke ich, vergleichen mit den Darstellungen primitiver Völker in der modernen
Ethnologie, sowie mit der Idee des edlen Wilden bei Rousseau.
Man kann zur Darstellung der Germanen bei Caesar und Tacitus feststellen, dass der erstere die
Germanen zwar topisch und damit der ethnographischen Tradition und im großen und ganzen negativ
darstellt. Die Germanen sind für Caesar letzten Endes nur eine politische Größe und ein militärischer
Gegner. Bei Tacitus werden die Germanen jedoch vor allem positiv dargestellt. Natürlich überwiegt auch
bei Tacitus die topische Darstellung im Sinne der Nordvölkertopik. Sowie bei Caesar die Darstellung von
den eigenen innen- und außenpolitischen Zielen geprägt ist, so zielt Tacitus darauf ab die Römer zu
erziehen und ihnen einen moralischen Spiegel vorzuhalten, denn bei der Germanen sind die oben
erwähnten römischen Tugenden noch zu finden. Die Germanen leben nach seiner Ansicht auf einer
früheren Evolutionsstufen und sind von den negativen Aspekten der sogenannten Zivilisation noch nicht
beeinflusst. Nach dieser Anschaung handeln die Germanen noch, anders als die Römer in Tacitus Zeit,
von Natur richtig oder um es mit den Worten des bekannten Historiographen zu sagen:
"Und mehr vermögen bei ihnen gute Sitten, als anderswo gute Gesetze“. (Germania 19).
Die Germanen benötigen im Gegensatz zu den Römern keine Gesetze.

2.2. Das Britannierbild des Caesar und des Tacitus

Die Britannier werden bei Caesar in seinem "Gallischen Krieg" im 5.Buch Kapitel 12-14 und bei Tacitus
in seinem "Agricola" oder "De vita et moribus Iulii Agricolae liber" Kapitel 11-12 dargestellt. Bei beiden
Texten handelt es sich um ethnographische Exkurse, welche die Darstellung der militärischen Ereignisse
unterbrechen.

2.2.1 Das Britannierbild des Caesar

Caesar sagt von Britannien, dass ein Land ist, das niemand aufgrund seines schlechten Klimas freiwillig
betreten würde (V, 12). Caesar unterscheidet zwischen den Küstenbewohnern Britanniens, die von der
anderen Seite des Ärmelkanals übersetzten und daher aus Gallien und Belgien kamen. Sie sind Gallier
und haben eine höher entwickelte Kultur im Gegensatz zu den Bewohnern des Landesinnern, die laut
Caesar Ureinwohner sind. Sie stehen auf einer niedrigeren Evolutionsstufe und trinken Milch und essen
Fleisch, genauso wie die germanischen Sueben oder wie die Hyperboräer bei Herodot. Wie ich anderer
Stelle dieses Artikels schrieb, ist dies ein Topos der antiken Ethnographie.
Caesars Darstellung der Britannier ist weniger von seinen innenpolitischen Interessen geprägt, als im
Falle der Gallier und Germanen, denn anders als diese, lag Britannien zu Caesars Zeiten noch nicht im
direkten Interessenbereich der Römer.
2.2.2 Das Britannierbild des Tacitus

In der Biographie seines Schwiegervaters Gnaeus Iulius Agricola (Agricola 10-12), der von 77 bis 84
Statthalter der römischen Provinz Britannien war, ist auch ein ethnographischer Exkurs zu dieser Provinz
enthalten. Tacitus behandelt verschiedene Theorien zum Ursprung der Britannier und entscheidet sich
schließlich für die Einwanderungshypothese. Interessant ist hierbei die gallische Abstammung der
Bevölkerung und die Tatsache, dass im Gegensatz zu der Bevölkerung Galliens, die durch fortwährenden
Kontakt mit der urbanen Kultur der Römer, verweichlichte und so von Caesar leichter unterworfen
werden konnte, die Britannier noch wilder und unzivilisierter sind. Auch wird eine lange Friedenszeit
negativ gesehen, da sie zur Verweichlichung der Bevölkerung führe und letztendlich zum Verfall der
Sitten und dem Niedergang. Der Verlust der Wildheit und der Tapferkeit der Barbaren führt zum Verlust
der Freiheit und der Unterwerfung durch andere Völker, eine Vorstellung ist, die mit den Ideen der
antiken Evolutionstheorie im Einklang steht. Die Briten sind ein kriegerisches Volk, jedoch liegt ihre
Schwäche in ihrer Uneinigkeit, die von der Römern ausgenutzt werden konnte. Eine schlechte Regierung
der neuen Provinz Britannien führte zum Aufstand der Britannier und erst die weise Herrschaft von
Tacitus Schwiegervater führte zu einer Beruhigung dieser Provinz und ihrer Integration in das Römische
Reich. Die Darstellung der Britannien bei Tacitus ist von seinem Interesse geprägt seinen Schwiegervater
im besten Lichte erscheinen zu lassen und die Britannier erscheinen nur als Statisten bei der Eroberung
der neuen Provinz. Insgesamt bleibt die ethnographische Darstellung der Britannier mehr an der
Oberfläche und ist sehr knapp gehalten, obwohl mal aufgrund der Eroberung Britanniens, die in den
Vierziger Jahren des 1.Jahrhunderts nach Christus begann, eine wesentliche bessere Kenntnis erwarten
würde als noch zu Caesars Zeiten. Dies auch angesichts von Tacitus eigenen Ansprüchen, die er in
Agricola 10 definiert: "Britanniens Lage und Völker, schon von vielen Schriftstellern geschildert, will ich
nicht zur Probe von Fleiß und Fähigkeit erwähnen, sondern weil es ja zu dieser Zeit erst ganz bezwangen
wurde, und so soll das, was, ehe es erkundet war, frühere Schriftsteller mit rednerischem Schmuck, jetzt
mit der Treue der Wahrheit vorgetragen werden."

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Britannier sowohl bei Caesar als auch bei Tacitus als ideale Krieger
dargestellt werden und als ernstzunehmender Gegner. Hierbei wird jedoch zwischen einfacher lebenden
und zivilisierteren Britanniern unterschieden. Die Darstellung ist jedoch stark von verschiedenen Topoi
geprägt (Kriegertum, Ursprungstheorien, der Verzehr von Milch und Fleisch, keine Landwirtschaft) und
bleibt insgesamt an der Oberfläche. Die Eroberung Britanniens ab und die damit zu erwartende
Besserung Kenntnis von Bevölkerung und Land spiegelt sich jedoch nicht in der Darstellung wieder.
Die Britannier leben wie die Germanen außerhalb des Orbis Romanus, womit der Topos der Randlage
erfüllt ist. Beide Völker oder Völkergruppen sind besonders kriegerisch und daher schwer zu besiegen.
Sie werden bei als ideale Kriege dargestellt. Solche Völker zu besiegen, ist eine besondere Leistung.
Im Falle der Britannier gelang dies den Römern nur, weil erstere zerstritten waren und damit besiegt
werden konnten (Tacitus, Agricola 12).
3. Schluss:

Die Darstellung der Germanen ist bei beiden Autoren viel ausführlicher als es bei den Britanniern der
Fall. Caesars strategische Interessen sind bei der Darstellung der Germanen viel deutlicher als bei den
Britanniern, die er zwar topisch jedoch insgesamt positiver darstellt. Tacitus Darstellung der Germanen
und Britannier ist insgesamt vor allem idealisierend, beide sollen den Römern als positives Vorbild für
richtiges Leben und Verhalten sein, doch wirken die Ereignisse in Britannien mehr als Kulisse für Tacitus
Schwiegervater Agricola, der im positiven Lichte dargestellt werden soll. Beide Autoren orientieren sich
an traditionellen Topoi der antiken Ethnographie seit Herodot. Der Versuch beide Völker wirklich
kennenzulernen und möglichst wirklichkeitsnah darzustellen, wird nicht gemacht, doch dies ist typisch
für die römische Ethnographie.

Literatur

Originalquellen:

- Gaius Julius Caesar "Der Gallische Krieg", V,12-14 , VI, 21-24, 1980, Übersetzt und
herausgegeben von Marieluise Deissmann, Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart
- Tacitus “De vita et moribus Iulii Agricolae” 10-12, in "Tacitus. Sämtliche erhaltenen Werke", 2006, auf
der Übertragung von Wilhelm Bötticher, überarbeitet von Andreas Schäfer, Magnus Verlag, Essen
- (Publius) Cornelius Tacitus "Germania Lateinisch/Deutsch", 1-27. 1972, übersetzt, erläutert
und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart.

Sekundärliteratur:
• Allan A. Lund "Zum Germanenbild der Römer. Eine Einführung in die antike
Ethnographie",
1990, Universitätsverlag C. Winter Heidelberg

• Jean-Jacques Rousseau "Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit
unter den Menschen", 1998 . Herausgegeben und übersetzt von Philipp Rippel. Reclam,
Ditzingen.
• Allan A. Lund "Die ersten Germanen. Ethnizität und Ethnogenese", 1998,
Universitätsverlag
C. Winter Heidelberg

• Bruno Bleckmann „Die Germanen, von Ariovist bis zu den Wikingern“, 2009, Verlag C.H.Beck,
München

• Beatrix Günnewig „Das Bild der Germanen und Britannier. Untersuchungen zur Sichtweise von
fremden Völkern in antiker Literatur und moderner wissenschaftlicher Forschung“, 1998, Peter
Lang, Frankfurt am Main

• René S. Bloch „Antike Vorstellungen vom Judentum. Der Judenexkurs des Tacitus im Rahmen
der griechisch-römischen Ethnographie“, 2002, Historia Einzelschriften 160, Franz Steiner
Verlag Stuttgart
• Stephan Schmal "Tacitus", 2009, Georg Olms Verlag, Hildesheim
• Alexander Heine, Hg., "Caesar-Tacitus Berichte über Germanen und Germanien", 1986, Phaidon
Verlag, Essen
• Klaus E. Müller „Geschichte der antiken Ethnologie“, 1997, Rowohlt Taschenbuch Verlag
GmbH, Reinbek bei Hamburg

• Karl Trüdinger „Studien zur Geschichte der griechisch-römischen Ethnographie“,


1918, Birkhäuser, Basel

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