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Semantischer Wandel

Definition
• Semantischer Wandel – Wandel des assoziierten Bedeutungsinhalts eines
Wortes/Begriffes
• Bedeutungswandel – Ein Wort/Begriff vollzieht einen Wandel in Bedeutung
• Bezeichnungswandel – Ein Konzept oder eine Bedeutung nimmt eine neue
Bezeichnung an
• Sprecher ändert die Gebrauchsregeln eines Wortes
• Wichtig: Im Gegensatz zum Lautwandel ist der Bedeutungswandel nicht so
konsequent oder prognostizierbar. Manche Begriffe bleiben über
Jahrhunderte/Jahrtausende stabil (Mutter/Vater), andere ändern sich recht häufig.
• Bedeutungen sind nicht uniform – sie variieren von Soziolekt zu Soziolekt und Person zu
Person
• →Witzig (etwas ist lustig vs. Etwas ist seltsam/merkwürdig)
• →Fett (Jugendsprache: positives Attribut)
• Bedeutungen/Inhalte haben denotative als auch konnotative Aspekte
• →Denotativ: Die „Wörterbuchdefinition,“ die allgemein genutzte Kernbedeutung
• →Konnotativ: Die individuell assoziierte Bedeutung
• →Bedeutungen sind weder naturgegeben, noch sind sie fixiert
• Der semantische Wandel umfasst zwei primäre Perspektiven.
• Semasiologischer Perspektive: Die Frage nach dem Bedeutungswandel
spezifischer Wörter.
• Z. Bsp. Wie hat sich die Bedeutung des Begriffes Ross von
Mittelhochdeutsch auf Neuhochdeutsch verändert?
• Onomasiologische Perspektive: Wie wurden spezifische Gegenstände,
Sachverhalte und Konzepte im Verlauf der Sprachgeschichte beschrieben?
• Wie wurden z. Bsp. Verwandtschaftsbeziehungen im Verlaufe der
Sprachgeschichte ausgedrückt und wie wandelte sich dies?
• Polysemie: Mehrere Bedeutungen lassen sich auf einen Nenner
zurückführen, ein Bedeutungszusammenhang ist erkennbar
• Bsp. scharf – scharfer Ton, scharfe Klinge, scharfes Essen – der
Zusammenhang ist ein schneidender/"geschliffener" Aspekt
• Homonymie: Mehrere Bedeutungen lassen sich auf einen Nenner
zurückführen, ein Bedeutungszusammenhang ist nicht erkennbar
• Bsp. Das Tor (Gebäudeeinlass), der Tor (ein törichter Mensch)
• Bsp. Die Phalanx (Infanterieformation), die Phalanx (Fingerglied)
Bedeutungserweiterung
• Semantische Merkmale werden abgebaut, Bedeutungsinhalt wird erweitert
• Bsp. fertig als Derivat von Fahrt+ig (= für die Fahrt gerüstet) umfasst heute
generell das Abschließen von Aktionen/Events (mit dem Singen/Reden fertig
sein oder die Arbeit fertig machen), sowie auch einen
vorbereiteten/abgefertigten Zustand (eine kochfertige Suppe/ein
bezugsfertiges Zimmer)
• Intensitätspartikel (Bsp. Sehr, voll) – diese haben einen Großteil ihrer
semantischen Merkmale abgeschieden und sind nun primär grammatische
Funktionswörter (er arbeitet sehr viel/sie ist völlig kaputt)
Bedeutungsverengung
• Semantische Merkmale werden aufgenommen – Bedeutungsinhalt
spezifiziert sich
• Bsp. Faran im Ahd. Bezeichnete jegliche Formen menschlicher
Fortbewegung. Fahren beschreibt die motorisierte Transportation –
das semantische Merkmal „mit Hilfsmittel/Vehikel“ ist
hinzugekommen
• Die ursprüngliche Bedeutung ist nur noch in fixen Konstruktionen
erhalten geblieben (aus der Haut fahren/ fahr ab!)
Bedeutungsverschiebung
• Wenn die neue Bedeutung B nichts mehr synchron mit Bedeutung A zu tun hat,
dann spricht man von einer Bedeutungsverschiebung. Dies kann sowohl das
Resultat von Bedeutungserweiterungen wie auch –verengungen sein und verläuft
normalerweise sehr fließend – es gibt keinen klaren Bruch in der Bedeutung
• Bsp. Fertig (für eine Fahrt gerüstet) zu fertig (etwas bereitgemacht /
abgeschlossen haben) ist eine Bedeutungsverschiebung via
Bedeutungserweiterung
• Bsp. Billig – um 1800 bedeutete dies angemessen/fair (ein billiger Lohn – ein
fairer Lohn), um 1900 preiswert (ein billiges Buch – ein erschwingliches Buch)
und ab ca. 1990 minderwertig/wertlos (ein billiges Hemd – ein minderwertiges
Hemd).
Pejorisierung
• Ein vormals neutraler oder positiver Begriff gewinnt über Zeit eine
negative Bedeutung.
• Bsp. Bezeichnungen für Frauen im generellen. Im Ahd. und Mhd.
ist Weib (wîb resp. wîp) ein neutraler Begriff für Frauen – heute
jedoch ein stark pejorativer Begriff.
• Diese Abstufung (Degradierung) wurde nicht uniform sprachlich
durchzogen – so sind Begriffe wie weiblich (Attribut) oder Weibchen
(Zoologie) nicht prinzipiell pejorativ belastet.
Meliorisierung
• Die qualitative Aufwertung eines Begriffes
• Bsp. Mar(a)hscalc im Ahd. beschreibt einen Pferdeknecht, im Mhd. ist
ein marschalc ein höfischer Beamter und der heutige Marschall ist ein
hoher militärischer Rang
• Geusenwörter - Aufwertung von Pejorativa durch Selbstbezeichnung
zum Zwecke des Trotzes (Nerd, Queer, Kanake)
Wie entstehen Bedeutungsveränderungen?
• Warum nutzt man ungebräuchliche Wörter?
• Passendes Wort fehlt
• Originelle Ausdrucksweise
• Konflikte vermeiden

• Entstehung neuer Varianten (Innovation)


• Auswahl aus dem Pool von Varianten (Selektion)
• Verbreitung (Diffusion)
Gründe für semantischen Wandel
• Erweiterung des Ausdruckspotentials
• Worte für neue Zwecke, Objekte, Prozesse finden.
• Intention ausrücken: Besonderheiten markieren
• Abgrenzung: Fachsprachen, Soziolekte
• Anschaulicher machen
• Jemanden ärgern
Unsichtbare Hand
• Phänomen der dritten Art nach Rudi Keller
• Weder naturgesetzlich noch bewusst gewollt
• Trampelpfad: niemand will ihn, aber er entsteht durch die häufige
Nutzung
• Trampelpfad – Zeitsparen
• Semantischer Wandel auch oft aus ökonomischen Gründen

• Theorie der unsichtbaren Hand kann auch nur feststellen und


beschreiben, aber nicht vorhersagen, in welche Richtung der Wandel
geht.
Mittel des semantischen Wandel
• Metapher
• Metonymie
• Ellipse
• Euphemismus
Metaphern
• Übertragung von Quelldomäne in Zieldomäne
• Kognitive Linguistik: Metaphern nicht nur sprachliches Mittel,
sondern gedankliches
• Metaphern entstehen, weil wir in diesen Dimensionen denken.

• Nation ist Familie: Vaterland, Muttersprache, Söhne,


• Theorien sind Gebäude: Säulen, stützen, einbrechen
• Polysemie: wenn metaphorische und wörtliche Bedeutung gleichzeitig
existieren.
• Etwas im Griff haben (Steuer und Leben)
• Lexikalisierte oder tote Metapher, wenn wörtliche Form
verschwunden ist und nur noch die metaphorische existiert.
• begreifen
Unidirektionalität
• Zieldomäne wirkt nicht auf die Quelldomäne

• Highlighting/Hiding-Effekt

• Verkehrsinsel
• Ähnlichkeiten werden hervorgehoben, Unähnlichkeiten ausgeblendet
• Menschengemacht, kein Wasser, sondern Verkehr umfliesst
Hierarchie der Quelldomänen
• Quelldomäne oft konkreter als Zieldomäne
• Körper: Grunderfahrung die jeder hat
• Technik, Krieg,
• Geistige Prozesse durch motorische Bewegungen
• Erfassen, begreifen
• Semantisches Wandelgesetz als metaphorische Schiene
• Großteil der metaphorischen Adjektive haben diese Schiene durchlaufen
• Synchron = Polysemie
• Diachron = semantischer Wandel
• Kontiguität: Verschiebungen innerhalb eines Bezugsrahmens =
Metonymie
• Similarität: Vergleiche zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen
Metonymie
• Übertragung innerhalb einer Domäne, bzw. im gleichen Bezugsrahmen

• Teil steht für das Ganze: Berlin


• Das Ganze für ein Teil: Vierbeiner, kluger Kopf
• Handlung für Ergebnis: Presse

• Beispiel:
• Das Station tobt
• Schiller lesen
• Noch einen Teller essen
Ellipse
• Verkürzung zur Bildung eines Euphemismus
• Anti-Baby-Pille -> Pille
• Alkohol trinken -> Trinken/Trinker

• Häufig in Phraseologismen (feste Wendungen)


Euphemismus
• Tabus werden häufig mit Euphemismen beschrieben
• Tod, Krankheit, Krieg, Sexualität, Alter

• Sterben = fallen, dahinscheiden


• Altern = beste Jahre, Reife

• Euphemismen verblassen und es braucht eine regelmässige


Erneuerung der Euphemismen
Euphemismus-Tretmühle
• Theorie von Steven Pinker (2017)
• Ein neuer euphemistischer Ausdruck nimmt wieder die negative
Konnotation an, solange sich die Realität nicht ändert.
• Krüppel → Invalide → Behinderter → Mensch mit Behinderung
Fazit
• Semantischer Wandel wenig systematisch
• Nicht vorhersehbar
• Beschreibende Theorien
• Weniger erforscht