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DIE ZEIT

»Der Sarg war schon bestellt«


Seine 14. Oper "Phaedra" hat Hans Werner Henze fast das Leben gekostet. Endlich wird sie nun in Berlin
uraufgeführt. Ein Hausbesuch bei dem 81-jährigen Komponisten

Von Volker Hagedorn

Er sitzt im Schatten der Terrasse, auf Olivenbäume blickend. Er wirkt kleiner als erwartet, wie das oft ist,
wenn man zuerst die Werke kennt. Kleiner auch als der Mann, den man nach Uraufführungen sah, wo er
jederzeit der Bestgekleidete war, mit bronzenem Teint auffallend vital wirkend zwischen bleichen
Musikern und geschminkten Sängern. Hans Werner Henze ist jetzt 81 Jahre alt. Mit einiger Mühe steht er
auf, doch er funkelt amüsiert, als er die Herkunft des Besuchers erfährt, Niedersachsen. »Darf ich was
sagen? Sie sehen aus wie ein Hannoveraner. Meine Großmutter war auch aus Hannover…« Henze sieht
jedenfalls nicht aus wie ein gebürtiger Westfale in seinen leichten weißen Sommersachen, mit dem
Aristokratenprofil und den hellen mittelmeerischen Augen. Vor mehr als einem halben Jahrhundert ist er
nach Italien gezogen.

Und hier, auf seinem Gut südlich von Rom, hat er vor fünf Monaten seine jüngste Oper fertiggestellt,
Phaedra. Die hat ihn fast das Leben gekostet. Henze erlitt während der Arbeit einen Kollaps, sein
Lebensgefährte pflegte ihn gesund. Doch Fausto Moroni selbst starb mit erst 63 Jahren, kaum dass
Phaedra fertig war. Henzes »engster, liebster Freund«, Gestalter des Wundergartens, der das gelbe Haus
umgibt, »byzantinisches Fürstenkind, Kleinbauer und Seefahrer von beispielloser Begabung für die Kunst
des Lebens«. Fausto, der ihm vier Jahrzehnte zuvor in Rom erklärt hatte, er könne mit seiner Musik so
gut wie gar nichts anfangen, dann die Ruine auf dem Landsitz sah, den Henze gerade erworben hatte,
und beschloss, doch nicht nach Amerika auszuwandern, sondern sich um die Baustelle zu kümmern. Jetzt
spürt man hier die Trauer.

Am 6. September ist Uraufführung. Das Libretto hat ein Pfarrer gedichtet

Seine 14. Oper ist Henze in mehrfacher Hinsicht nahegegangen. Der zweite Akt von Phaedra spielt hier in
der Nähe, am Saum der Berge. Die Gegend ist von vorchristlicher Geschichte durchtränkt wie keine
andere, das reicht tiefer zurück als in der Ewigen Stadt, die man vom Garten aus im Tibertal liegen sieht.
»Rom ist für die Leute hier Kinderkram«, sagt Henzes Assistent Michael Kerstan. »Es gibt hier eine
Autowerkstatt, in der man an der Wand ein Fresko des Mitras-Kults sehen kann. Das war noch vor
Diana.« Also noch bevor die hellenische Artemis zur lateinischen Diana wurde und hier in der Nähe ihr
Heiligtum bekam, als Folge des Dramas um Phaedra…

Am 6. September wird Phaedra in der Staatsoper Berlin uraufgeführt, die 14. Oper von Henze, der nach
seiner 13. gesagt hatte: »Es langt, denke ich.« Peter Mussbach inszeniert, Olafur Eliasson gestaltet den
Raum, Michael Boder leitet das Ensemble Modern.

Als der junge sächsische Lyriker Christian Lehnert erfuhr, Henze wünsche ihn als Librettisten, wusste er
wohl kaum, wie ihm geschah. Es ist »in gewisser Weise so, als würde man für Brahms arbeiten. Oder für
Beethoven… er hatte das Gefühl, daß sein Blut abrupt die Blutgefäße hinunterstürzte, so daß er für einen
Moment schwankte und sich eine Sitzgelegenheit suchte.« So schreibt es nicht Lehnert, sondern ein
früherer Librettist. Hans-Ulrich Treichel machte aus seinen Erfahrungen mit Henze den Roman
Tristanakkord, in dem es allerdings um eine Hymne und nicht um eine Oper geht, schließlich hat auch
Brahms nie eine geschrieben. Es empfiehlt sich nicht, Henze auf den Roman anzusprechen. »Er hat es nie
gelesen«, sagt sein Assistent, »er hat sich davon erzählen lassen und war empört.« Schade, es ist ein
witziges, schönes Buch.
Diesmal entstand ein Buch schon vor der Oper, es vereint Tagebucheinträge von Henze und Notizen von
Lehnert, der im Mai 2004 das Berliner Hotel Adlon betrat, mit zerschlissenem Rucksack. Mit der Musikwelt
hatte er kaum zu tun. Lehnert, von Beruf Pfarrer in Müglitztal bei Dresden, hatte bis dahin nur Lyrik
geschrieben. Die aber entdeckte Henze in einer Zeitung, danach entschied er sich für den jungen
Sachsen. Man wollte den im Hotel zuerst gar nicht vorlassen zum Komponisten. Dann saßen sie im
luxuriösen Appartement, aßen »Sandwiches von der Größe eines Kronkorkens« und besprachen die neue
Oper. Lehnert zweifelte, ob er der Richtige sei. »Hans insistierte in einer für ihn typischen Mischung aus
Komplimenten, Ironie und Starrsinn.« Der neue Text sollte neben Euripides, Racine und Schillers
Übersetzung bestehen.

»Schiller ist grauenvoll, finden Sie nicht auch? Vielleicht sollten wir einige seiner Verse aufnehmen.« So
ging das los. Phaedra ist die Geschichte einer unerwiderten Liebe. Phaedra, Frau des Theseus auf Kreta,
hat sich in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt. Den lässt das kalt. Gedemütigt verleumdet sie ihn bei ihrem
Mann, dem Bezwinger des Minotauros: Hippolyt habe sie zur Liebe gezwungen. Dann erhängt sie sich.
Theseus glaubt ihr. Er ruft den Meeresgott an, der einen gewaltigen Stier aus den Fluten steigen lässt, als
Hippolyt seinen Wagen am Ufer entlangsteuert. Die Pferde gehen durch, die Räder brechen, der Jüngling
wird zu Tode geschleift. Doch die Göttin Artemis bringt ihn in einer Wolke nach Italien und erweckt ihn zu
neuem Leben – am See Nemi, zwölf Kilometer von hier. Da gibt es noch die Tempelreste, müllübersät.

Hier wurde nämlich bei den Römern Hippolyt zu Dianas Priester und hieß Virbius, »aber das klingt ja wie
eine Schlaftablette, Virbiol oder so«, meint der Komponist. Seine Gestalten bleiben griechisch. Es singen
Aphrodite, Artemis, Minotaurus, Hippolyt und Phaedra. Die verfolgt als Untote und Vogelwesen den
Geliebten bis nach Italien. Henze fand sie »zuerst ganz nett, aber dann stellt sich raus, dass es ein
ziemlich mieses Weibsstück ist, unedel, habsüchtig, bösartig, intrigant, achtlos, ohne Achtung… I’m
sorry!« Sie ist als Mezzosopran besetzt – eine Mezzosopranistin regte Henze zuerst zu diesem Stoff an.
Mitunter tauchen mit Phaedra zwei Wagnertuben auf, die hier keineswegs nach Drachenhöhle klingen,
sondern zum Beispiel sanft das Erwachen der Liebe begleiten: »Dein Blick traf mich einst im Tempel beim
Erheben des Opfers ins Feuer…«

Endlos sitzt Henze auf der Terrasse, allein mit seinem Olivenhain

Die Besetzung des kleinen Orchesters ist gewagt, ausgerichtet am Ensemble Modern, das die
Uraufführung realisiert. Von 23 Instrumentalsolisten sind gerade mal vier Streicher: Geige, Bratsche,
Cello, Kontrabass. Zwei Perkussionisten bearbeiten dagegen 28 verschiedene Felle, Hölzer und Metalle,
es kommen Klavier und Celesta dazu, und zu den 15 Bläsern gehören die beiden Wagnertuben. Wenn sie
überhaupt nach Wagner klingen, dann wie einer, der auch dem späten Nietzsche gefallen hätte:
mozartisch, südlich, melodisch. So wirkt es zumindest bei der ersten Durchspielprobe ohne Sänger in
Frankfurt. »Wie ist es mit der Balance?«, fragt Henze, der nicht dabei sein konnte. Das Ganze ist so
durchsichtig, ja lichtdurchlässig, dass es keine Probleme gibt. »Ich kann eben einfach gut
instrumentieren!« Er lacht, als hätte er das bezweifelt.

Bei der Uraufführung in Berlin, schreibt er im Tagebuch, »werde ich mehr über mich erfahren können,
über mich als Fachmann für Angst und Leiden«. Nicht nur, weil in Phaedra die Liebe mehrfach zum Tod
führt, sondern weil der Tod auch Henze selbst bedrohte. Nach dem ersten Akt, im Herbst 2005, verließen
Henze die Kräfte. »Ich hörte auf zu reden und schlief immerzu«, sagt er. Im Oktober brach er zusammen
und wurde nach Rom ins Krankenhaus gebracht. Dann pflegten ihn sein Lebensgefährte Fausto Moroni
und Assistent Michael Kerstan zu Hause sechs Wochen lang. Es stand schlecht um ihn. »Der Sarg war
schon bestellt, die Traueranzeige gedruckt«, sagt er, ohne eine Miene zu verziehen. Und doch ging es
gut. Anfang 2006 begann er mit der Arbeit am zweiten Akt, passenderweise der Reanimation des
zerschmetterten Hippolyt am Nemisee.

Die Arbeit ging langsam vonstatten. »Er kann endlos auf seiner Terrasse sitzen, allein mit seinem
Olivenhain«, schreibt der Librettist. »Er scheint den Lebensrhythmus der Bäume anzunehmen. Schon die
Hühner, die zwischen den Stämmen picken, empfindet er als unakzeptable Störung. Noch schlimmer sind
die Flugzeuge, die von Ciampino starten, oder die Hubschrauber, die über seinen Garten zur
Sommerresidenz des Papstes fliegen.« Indessen genügt Henze, wenn er so da sitzt, mitunter schon der
Blick auf fünf Telegrafendrähte hinter der alten Mauer, um in diesen luftigen Notenlinien eine
Zwölftonreihe zu imaginieren. »Immer mehr habe ich ein Es gesehen, ein F, ein Cis…« Und manche
komplexe mehrstimmige Passage, sagt er, »brauche ich nicht nachzuprüfen am Klavier, es stimmt
einfach, das kommt in den letzten Jahren öfter vor«.

»Mit dem Tod ist alles aus. Das zu wissen, macht das Leben intensiver«

Aber die Arbeit und die Schicksalsschläge haben ihn müde gemacht, er hört oft nicht mehr gut, seine
linke Hand, mit der er früher schrieb, zittert. Als abends eine Besucherin aus Japan mit Blumen kommt,
gibt er den Strauß schnell weiter – der Arm tut rasch weh von dem Gewicht, lieber noch eine »acqua
macchiata«, Wasser mit Schuss, ehe man sich zum Essen setzt. Es wird zubereitet von dem albanischen
Ehepaar, das er und Fausto aufnahmen – Bootsflüchtlinge mit einem dreijährigen Sohn. Eine Tochter kam
vor neun Jahren hier zur Welt, auf La Leprara. Nun stehen diese Geschwister vor ihm, Aurora und
Aurelian, sanft und schön wie aus einem Märchen, schüchtern lächelnd. »Ich bin nicht der Vater, leider«,
sagt er. »Es ist meine größte Freude, diese Kinder wachsen zu sehen. Fausto hat alles für sie getan. Jetzt
haben sie sogar italienische Pässe.«

Die Japanerin ist in Nagoya geboren, das bringt uns wieder zu Phaedra. Denn in Nagoya erlebte Henze
erstmals das Stück von Racine, vor gut 40 Jahren. Auf Japanisch. Er schlief im Theater ein und schreckte
erst hoch, als Phaedra laut »Kokolo!« rief. So hieß damals auch Henzes Hund. Auf Japanisch heißt es
aber »Herz«. Er fragt sie, wie man es in Japan mit der Religion halte. Die spiele keine große Rolle, erzählt
sie. Er schweigt wieder und lauscht dem Gespräch, das über den Papst und dessen Steinway zu dessen
Haushälterin gewandert ist. Plötzlich sagt er: »Ich finde es gut, wenn die Leute an nichts glauben. Keine
Religion. Mit dem Tod ist finita la commedia. Es macht unser Leben intensiver und klüger, wenn wir das
wissen.« Vollmond über der Terrasse, ein Flugzeug von Osten blinkt im Sinkflug. Das ist die Route, sagt
er, auf der einst die Götter kamen.

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DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37

37/2007