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DIE ZEIT

Schöner ward selten eine Faust geschwungen


Hans Werner Henze hat seine Oper Das verratene Meer genial überarbeitet. Die Uraufführung wurde zum
umjubelten Geburtstagsgeschenk des Komponisten an sich selbst

Von Mirko Weber

Für einen Tag kommt noch einmal der Spätsommer nach Salzburg zurück, und die Sonne schaut mild
gelb auf den Wochenmarkt, den Domplatz und den Fluss. Abgespielt sind die 22 Mozart-Opern, mehr
oder minder erschöpft alle Beteiligten. Doch eine profunde theatralische Geste bieten die Salzburger
Festspiele am Schluss noch, initiiert von dem scheidenden Intendanten Peter Ruzicka und dem Dirigenten
Gerd Albrecht: Sie begehen feierlich, aber ohne gleich pompös zu werden, den achtzigsten Geburtstag
des Komponisten Hans Werner Henze.

Aufgeführt wird eine Oper, die 1989 bei ihrer ersten Vorstellung in Berlin noch Das verratene Meer
geheißen hat. Nach Salzburg (und in die Berliner Philharmonie) kehrt das Werk nun in konzertanter Form
unter dem Titel Gogo No Eiko zurück - vom vorübergehend schwer kranken Komponisten wurde es
handwerklich ohne erkennbare Mühen umgearbeitet.

Noch einmal also und derart vielleicht zum letzten Mal scheint Henzes unvergleichliches Gespür für
Instrumentationskunst auf, wenn er in den Verwandlungsmusiken und namentlich den Traumsequenzen
der jetzt japanisch gesungenen Opernversion die Orchesterstimmen so verdichtet, dass es einem fast den
Atem nimmt: Schwer ist der Satz, drohend die Botschaft, selbstbewusster und perfekter in der
Handhabung seiner reichen Mittel ist Hans Werner Henze kaum je gewesen.

Zu seinem Sechzigsten hatte er sich in Berlin als Ständchen seine in Salzburg uraufgeführten Bassariden
gewünscht, ebenso zum Siebzigsten in München - und nun Das verratene Meer in revidierter Form. Im
Gegensatz zu den monolithischen Bassariden ist Gogo No Eiko ein Schmerzenskind der Henzeschen
Produktion, auf Deutsch gesungen schwächelte es von Anfang an. Henze aber wäre nicht der
Empfindsame und auf Zwischentöne Bedachte, hätte er dem Stück nicht im Nachhinein aufgeholfen. Das
gelingt bereits durch den Wechsel im sprachlichen Idiom. Obwohl es auf Japanisch dreimal so lange
dauert, einen deutschen Dialogsatz auszuformulieren, wirkt die Salzburger Aufführung niemals zu breit
angelegt, sondern, ganz im Gegenteil, fast pointiert.

Buchstäblich verhandelt wird, angelehnt an den Roman Der Seemann, der das Meer verriet von Yukio
Mishima, eine von Henze gern gewählte Dreieckskonstellation. Die Mutter des 13-jährigen Noburi verliebt
sich in den Schiffsoffizier Ryuji, der ihretwegen der Seefahrerei den Rücken kehrt, also bürgerlich wird.
Noburi und einer Gang von Jugendlichen, an die er Anschluss gesucht hat, reicht das, um ein Todesurteil
auszusprechen. Noburi vollstreckt es, aber noch in der grausamen Schlussszene steckt Henzes
ästhetisch-musikantisches Credo: Er will, mit Montaigne, schon noch sagen dürfen, dass der Dieb ein
schönes Bein hat und der Mörder eine unauslotbare, schmerzende Seele.

In Noburi, dem Rebellen, stecken viele Wesensmerkmale des linken Romantikers Henze, und so schließt
sich nach den folgenden Opern Venus und Adonis und LUpupa der Schaffenskreis noch einmal
unvermutet an einer Stelle, die Henze biografisch bereits hinter sich zu haben schien. Im Nachhinein wird
die Attitüde des (auch verblendeten) Revolutionärs musikalisch beredt geadelt: Schöner ward selten eine
Faust geschwungen, edler sprach selten ein roher Geist. Und so trägt die Szene entschieden mehr
romantizistische denn revisionistische Züge. Und am Schluss kommt in Salzburg auch ein Quantum
Rührung mit ins Spiel.
Nachdem nämlich Gerd Albrecht, die italienischen Radiorchestermusiker der RAI und die fast
ausschließlich japanischen Solisten das Stück mit berückender Klarheit im Ausdruck interpretiert haben
und dabei gerade die emphatischen Momente eher kleinbuchstabieren, erhebt sich das Publikum im
Großen Salzburger Festspielhaus, um sich kollektiv vor Hans Werner Henze zu verneigen. Vor zehn
Jahren saß Henze in München bei der Uraufführung von Venus und Adonis in der Proszeniumsloge, als
das Publikum ihn feierte, bevor der erste Ton erklungen war, fast entrückt ließ er es sich damals sehr
gefallen. Diesmal steht er mitten in den Parkettreihen und hebt die Hand, als wolle er sagen: Es ist gut.

In seiner Autobiografie erwähnt Hans Werner Henze, dass die Schlussmusik der jetzt in Salzburg
gehörten Oper in jenes c-Moll mündet, in dem die Glocken seiner Gütersloher Taufkirche klingen. Wo man
in der westfälischen Landschaft die letzten Pappeln sehe, heißt es weiter, höre die Ewigkeit auf: Oder sie
fängt dort an.

DIE ZEIT, 36/2006

36/2006

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