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Kapitalismus und Wohlstand

von Domingo Conte

Einführung

Uns, damit meine ich uns Menschen der westlichen Gesellschaften, geht es heute allgemein relativ gut.
Tatsächlich leben wir in gewisser Hinsicht in einer Überflussgesellschaft mit mehr Wohlstand als jemals
zuvor. Der Grund für diesen Wohlstand ist unser kapitalistisches Wirtschaftssystem, so lautet jedenfalls die
etablierte Auffassung. Diese Ansicht wollen wir hier nun etwas genauer betrachten.
Um eines vorweg klarzustellen: Wenn hier von „Kapitalismus“ bzw. von „Kapitalisten“ die Rede ist, dann ist
damit nicht das kleine Geschäft an der Ecke gemeint, und auch nicht der hart arbeitende Mensch der es mit
viel Mühe aufgebaut hat um seine Familie damit zu versorgen, sondern jene Form des globalen, von
Großkonzernen finanzierten Kapitalismus der seinen Ursprung in der Industriellen Revolution hatte und von
Kritikern auch gerne als Raubtier- oder Casino-Kapitalismus bezeichnet wird. Und mit Kapitalisten sind
Großkonzerne gemeint, wie Wal-Mart mit Gewinnen von $400 Milliarden im Jahr, Exxon Mobil oder
Gazprom, welche durch den Diebstahl von Bodenschätzen wie Öl und Gas zu Reichtum kamen, Firmen wie
BAE Systems oder Lockheed Martin die Milliarden mit Waffenverkäufen verdienen, Konzerne wie Nestlé
oder Monsanto die mit dem Raub von grundlegenden Lebensmitteln wie Wasser und Reis ihr Geld machen,
oder Unternehmen wie Nike die reich wurden indem sie Kinder in asiatischen Sweatshops für ein paar Cents
in der Stunde Schuhe und Kleidung produzieren lassen welche sie dann zu exorbitanten Preisen verkaufen.
Und auch Einzelpersonen mit Jahresgehältern im Milliardenbereich sind mit Kapitalisten hier gemeint, wie
etwa John Paulson der weder etwas produziert noch für die Menschen nützliche Dienstleistungen verrichtet
sondern sein Geld allein durch Wetten gegen Banken, Währungen und Nationen verdient und sich allein im
Jahr 2010 über ein Jahresgehalt von über $5 Milliarden freuen konnte.1
Heute machen die 200 größten Konzerne jährlich gemeinsam achtzehn Mal mehr Umsatz als das
Jahreseinkommen der 1.2 Milliarden ärmsten Menschen (24 Prozent der Weltbevölkerung) zusammen ergibt,
und während der Umsatz dieser Konzerne 27.5 Prozent der weltweiten Wirtschaft ausmacht, beschäftigen sie
nur 0.78 Prozent der weltweit vorhandenen Arbeitskraft.2 Dies sind die Kapitalisten, von denen hier die Rede
ist. Auf den folgenden Seiten soll es aber nicht um Kapitalismuskritik gehen, sondern schlicht um die Frage,
inwieweit diese Form des Kapitalismus funktioniert und für den Wohlstand unserer westlichen
Industrienationen verantwortlich ist.

Kapitalismus funktioniert
Die gängige Meinung ist die, dass Kapitalismus funktioniert und das er uns Wohlstand gebracht habe.
Kapitalismus erzeugt Wohlstand, so heißt es jedenfalls, und deshalb ist Kapitalismus gut und für alle von
Vorteil. Dies ist eines der häufigsten Argumente für die Legitimation des kapitalistischen Systems, wenn es
um die Frage nach dessen Nützlichkeit für die Menschen geht. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch
ziemlich schnell heraus, dass dieses Argument nur sehr bedingt dazu zu gebrauchen ist. Nur weil es uns
heute besser geht als vor hundert Jahren, heißt das nämlich noch lange nicht, dass das kapitalistische System
dafür verantwortlich und deswegen zu befürworten ist. Auch der Lebensstandard der Sklaven in den USA
war Anfang des neunzehnten Jahrhunderts um einiges höher als Anfang des Achtzehnten. Dies würde heute
jedoch auch niemand mit Verstand als Argument für die Sklaverei zur Hand nehmen.
Mit dem selben Argument könnte man auch ein System wie den Stalinismus rechtfertigen, denn auch unter
Stalin entwickelte sich die Wirtschaft der Sowjetunion relativ gut. Darin bestand auch die große Befürchtung
der westlichen Regierungen: Dass sich die Sowjetunion als Modell für die Modernisierung innerhalb einer
einzigen Generation präsentiert und dies auch Länder der Dritten Welt beeindrucken könnte. Hitler hat

1 Reuters: Trader earned more than $5 billion in 2010 (Jan 28, 2011)
2 Report by the Institute for Policy Studies: Top 200: The Rise of Corporate Global Power

1
ebenso für eine gewisse Zeit für eine Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards und für einen
wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands gesorgt. Doch das ist noch lange kein akzeptabler Grund zu
behaupten, der Nationalsozialismus wäre eine positive und vorteilhafte Entwicklung für die Menschen
damals gewesen. Als Argument für den Kapitalismus ist die Tatsache, dass es uns heute besser geht und wir
in relativem Wohlstand leben also im Grunde nicht sonderlich geeignet, da diese Argumentation zur
Rechtfertigung aller möglichen Systeme verwendet werden könnte. Im übrigen trifft diese Verbesserung des
Lebensstandards – angeblich durch den Kapitalismus – auch nur auf einen geringen Teil der Menschen zu die
in kapitalistischen Systemen leben.
Wenn man von kapitalistischen Systemen spricht, so kommen den meisten Menschen erst die reichen
Nationen wie Westeuropa und die USA in den Sinn. Dass aber auch arme Länder wie etwa Indonesien,
Thailand, Nigeria oder Kolumbien kapitalistische Systeme sind, daran denken viele in diesem
Zusammenhang überhaupt nicht. Sieht man sich in der realen kapitalistischen Welt jedoch einmal um, so
sticht einem eine Sache ziemlich schnell ins Auge: Im Grunde ist heute beinahe die ganze Welt kapitalistisch,
und beinahe die ganze Welt ist arm. So sieht die kapitalistische Expansion und die Verteilung des
Wohlstandes aus: Die reichsten ein Prozent der Menschen besitzen heute 40 Prozent des weltweiten
Vermögens3 und die sieben reichsten Personen haben zusammen mehr Vermögen als das gesamte
Bruttoinlandsprodukt der 41 ärmsten Länder dieser Welt4, während die Zahl der Menschen die in Armut
leben schneller wächst als die Anzahl der Weltbevölkerung. Kapitalismus scheint demnach für die meisten
Menschen nicht sonderlich gut zu funktionieren, tatsächlich scheint er bei näherer Betrachtung nur für die
Kapitalisten wirklich gut zu funktionieren.
Man kann jetzt argumentieren, dass dieser Kapitalismus doch zumindest uns in der westlichen Welt einen
relativ guten Lebensstandard verschafft habe. Betrachten wir dieses Argument nun etwas genauer. Lassen wir
dazu einmal die massive Ungleichheit in westlichen Ländern beiseite, lassen wir die Millionen von
Menschen beiseite die von der Hand in den Mund leben und all jene, die keine wirkliche ökonomische
Sicherheit haben. Lassen wir einmal all die Verzweifelten am unteren Ende der Gesellschaft beiseite, die
Verarmung des öffentlichen Sektors und die kontinuierliche Zerstörung einer lebenswerten Umwelt.
Akzeptieren wir einmal die Idee, dass wir in großem materiellem Reichtum leben, was verglichen mit dem
Großteil der Welt, ja auch zutreffend ist. Viele Menschen in der westlichen Welt führen ein recht gutes Leben
in Wohlstand.
Doch woher kommt dieser Wohlstand? Worin liegt der Grund dafür, dass wir hier heute so gut leben? Ist dies
wirklich der Verdienst des Kapitalismus, wie uns dessen Befürworter weismachen wollen? Ein Blick in die
Wirtschaftsgeschichte der letzten hundert, zweihundert Jahre offenbart ein etwas differenzierteres Bild. Die
Kapitalisten haben uns nicht all diese Dinge die man allgemein mit Wohlstand impliziert aus reiner
Philanthropie heraus gegeben. Die Geschichte zeigt, dass unser Wohlstand viel mehr auf den
kontinuierlichen demokratischen Kampf gegen die Kapitalisten zurückzuführen ist. Weshalb arbeiten wir
hier nicht für 15 Cent in der Stunde, so wie die Menschen in Haiti oder Indonesien? Liegt dies daran, dass
wir einfach ein höheres Selbstwertgefühl haben? Wohl kaum. Der Grund dafür liegt darin, dass der
demokratische Klassenkampf hier bei uns weiter fortgeschritten ist, zu einem günstigeren Niveau für die
allgemeine Bevölkerung. Und auch dies ist erst während der letzten paar Generationen geschehen.

Ein kurzer Blick in unsere Wirtschaftsgeschichte


Die Industrialisierung begann im 18. Jahrhundert durch die Entwicklung und Verbreitung verschiedener
technischer Neuerungen wie etwa der Dampfmaschine, diverser Maschinen zur Textilerzeugung -und
Verarbeitung und Maschinen für die Metallproduktion. Die erste Industrienation war England und bis Mitte
1800 verbreitete sich die Industrialisierung über die meisten westeuropäischen Länder und die Vereinigten
Staaten hinweg. England war zu Beginn der Industrialisierung sehr protektionistisch und versuchte seinen
Vorsprung durch Ausfuhrverbote von Maschinen und Konstruktionsplänen abzusichern und Fachkräfte
wurden so weit als möglich daran gehindert, ihr Wissen an das Ausland weiterzugeben. Doch ab dem
ausgehenden neunzehnten Jahrhundert weitete sich die Verbreitung der industriellen Marktwirtschaft auf
Länder der ganzen Welt aus.

3 The World Distribution of Household Wealth, World Institute for Development Economics Research of the United Nations University (2007)
4 siehe: World Bank Key Development Data & Statistics, World Bank; Luisa Kroll und Allison Fass, The World’s Richest People, Forbes, March
3, 2007; World Bank’s list of Heavily Indebted Poor Countries (41 countries), accessed March 3, 2008

2
Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete die soziale Klasse der besitzlosen Arbeiterschaft die am
schnellsten wachsende Gruppe in den Industriegesellschaften, und ihr Leben war von äußerster Armut
geprägt. Im Zuge der Industrialisierung wurden viele der bis dahin recht gut laufenden Nebengewerbe
obsolet, welche vor allem den sowieso schon in Armut lebenden unterbäuerlichen Schichten das Überleben
ermöglicht hatten. Durch die Proletarisierung wurden aber auch viele andere Gewerbe wie die Weberei
beispielsweise schwer getroffen, die sich durch die fortschreitende Industrialisierung mit einer über-
mächtigen Konkurrenz konfrontiert sahen. Massenarmut war die Folge, und viele jener Gewerbe die
überlebten, konnten dies nur durch maximale Minimierung des Lohnniveaus. Die Zahl der Fabrikarbeiter
nahm stetig zu und fast alle davon lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen, geprägt von Armut,
gesundheitsschädlichen Wohn- und Arbeitsverhältnissen und elementarer Unsicherheit hinsichtlich ihres
Lebensverlaufes. Ohne irgendwelche Rechte und Ansprüche bestand ihre Lebensaufgabe einzig darin, in den
Fabriken der Kapitalisten zu deren Bereicherung verheizt zu werden.
Da die Kapitalisten einen ständigen Nachschub an verheizbarem Menschenmaterial benötigten ging die
Obrigkeit in Form von "sozialer Disziplinierung" bald systematisch daran, ihre Untertanen für ihre eigenen
Interessen nutzbar zu machen. Dem Wirtschafts- und Sozialhistoriker Sidney Pollard zufolge bestand das
Problem anfangs vor allem in der „Kontrolle von widerspenstigen Massen“,5 die an eine rigide
Fabrikdisziplin mit einem monton-industriellen Zeitrhythmus gewöhnt werden mussten. Die Aufseher und
Werkmeister in den frühen Fabriken arbeiteten mit „Zuckerbrot und Peitsche“. Als Druckmittel fungierten
positive Anreizsysteme wie leistungsabhängige Entlohnung oder Prämien und abschreckende
Zwangsmaßmahmen von körperlicher Züchtigung bis zu Lohnabzügen und Geldstrafen, um den Widerstand
gegen die ungewohnten Arbeitszumutungen zu brechen.6 Die ersten Industriearbeiter-Generationen, die in
den Fabriken Arbeit fanden, mussten ihre bisherigen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten aufgeben, egal ob sie
in Landwirtschaft, Heimarbeit oder Handwerk vordem beschäftigt waren. Arbeitsrhythmus und
Arbeitsintensität war ihnen nun durch den Maschinentakt vorgegeben, die Pausen anhand der Fabrikordnung.
Eine rigide Disziplinierung seitens der Fabrikherren sollte für Gehorsam und Fügsamkeit gegenüber dem
Aufsichtspersonal sorgen und für Unterordnung aller Verhaltensweisen unter das Ziel der maximalen
Ausnutzung der Produktionskapazität, die die jeweiligen Arbeitsmaschinen hergaben.
Bis zur Ausbreitung des Industriekapitalismus war die Lebenswelt der meisten Menschen von solidar-
protektionistischen Strukturen wie Großfamilien, Dorfgemeinden, Sippen, Zünften usw. geprägt gewesen,
welche ihnen Schutz boten und soziale Normen und Verhaltensweisen regulierten. Der Staat machte sich nun
daran, seine "Staatsbürger" aus ihren alten sozialen Strukturen herauszubrechen, zu vereinzeln und sie seinen
eigenen, allgemein gültigen Normen zu unterwerfen um aus ihnen gehorsame und funktionstüchtige
Staatsbürger zu machen. Diese soziale Anpassung der Menschen erwirkte der Staat durch Instanzen wie
Schulen, Zuchthäuser und Militär. So wurden die Menschen nach und nach in die neuen, durch die
Industrialisierung geprägten Strukturen integriert. Nach der erfolgreichen Umprogrammierung der Menschen
nahm deren Migration in die Städte immer mehr zu, da sie nun hofften, dort einen kleinen Anteil am
Wohlstand zu ergattern, den die Industrialisierung einigen Wenigen zukommen ließ. Außerdem konnten die
ländlichen Heimarbeiten mit der wachsenden und billigeren Konkurrenz der Fabrikerzeugnisse nicht mehr
mithalten, was viele Bauern und Heimwerker dazu zwang, ihr kleines, unrentables Stück Boden zu
verkauften bzw. aus ihrem Pachtvertrag auszusteigen oder ihre kleinen Werkstätten zu verkaufen. Auf der
Suche nach anderen, existenzsicherndern Beschäftigungen begannen Kleinbauern und Landlose so vermehrt
auf der Suche nach Arbeit in die Städte abzuwandern. Dort angekommen wurden sie meist bitter enttäuscht.
Entrissen aus ihren altbekannten traditionellen Strukturen waren die Menschen in den Städten auf sich allein
gestellt. Die Subsistenzbasis die sie auf dem Land noch hatten fiel in den Städten weg. In den ländlichen
Gebieten waren die Menschen noch in soziale Strukturen eingebunden in denen ein Überleben für sie auch
dann noch möglich war, wenn sie arbeitslos oder krank wurden. In den Städten standen sie, wenn sie
arbeitslos, krank oder alt wurden, schlicht vor dem Nichts.
Über das Leben im Manchester der 1830er-Jahren, welches damals auch als „shock city“ bekannt war und
unter anderem von Friedrich Engels als Studienobjekt herangezogen wurde, berichtete Tocqueville: „Ein
dichter, schwarzer Qualm liegt über der Stadt. Durch ihn hindurch scheint die Sonne als Scheibe ohne
Strahlen. In diesem verschleierten Licht bewegen sich unablässig dreihunderttausend menschliche Wesen.
Tausende Geräusche ertönen unablässig in diesem feuchten und finsteren Labyrinth. Aber es sind nicht die
5 Harry Braverman: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess. Campus, Frankfurt am Main 1977, S. 61.
6 Sidney Pollard. Die Fabrikdisziplin in der industriellen Revolution. In: Wolfram Fischer / Georg Bajor (Hrsg.): Die soziale Frage. Stuttgart 1967,
S. 159-185.

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gewohnten Geräusche, die sonst aus den Mauern großer Städte aufsteigen. Die Schritte einer geschäftigen
Menge, das Knarren der Räder, die ihre gezahnten Ränder gegeneinander reiben, das Zischen des Dampfes,
der dem Kessel entweicht, das gleichmäßige Hämmern des Webstuhles, das schwere Rollen der sich
begegnenden Wagen – dies sind die einzelnen Geräusche, die das Ohr treffen.“7
Dies war die Umgebung in welche die Menschen die bis dahin nur das einfache Leben auf dem Land
kannten, zu tausenden durch die industrielle Revolution hineingezwungen wurden um dort als Lohnsklaven
den Kapitalisten zu dienen. Das war es auch, was die Kapitalisten und Plutokraten die vor allem auf
Rentabilität und Gewinn aus waren in diesen Menschen sahen: Lohnsklaven, billige Arbeitskräfte die nur die
geringst möglichen Kosten verursachen sollten um ihren eigenen Gewinn zu maximieren. Die Folge davon
waren Hungerlöhne die nur knapp über dem Existenzminimum lagen, gerade so hoch, dass die Arbeiter nicht
verhungerten, und daher war es üblich, dass sowohl Frauen als auch Kinder arbeiten mussten um das
Überleben der Familie zu gewährleisten. Ausbildung und Weiterbildung blieb daher den meisten Kindern
verwehrt. Während der Frühphase der Industrialisierung waren Arbeitszeiten von 16 und mehr Stunden am
Tag die Regel und Urlaub war nicht einmal dem Namen nach bekannt. Auch Anfang des 20. Jahrhunderts
waren in den meisten europäischen Ländern Arbeitstage von 12 Stunden noch völlig normal. Erst im Zuge
einer scharfen Klassenkonfrontation zwischen Betriebseigentümern bzw. Kapitalisten einerseits und
lohnabhängigen Proletariern andererseits, die auch politisch bedeutsam wurde, sowie angesichts einer
drohenden sozialen Revolution kam es unter den Bedingungen anhaltenden demographischen Wandels zu
einer allmählichen Verbesserung des Lebensstandards von Industriearbeitern.
Die mit der Industriellen Revolution sich ausbreitende kapitalistische Produktionsweise verursachte vermehrt
krisenhafte Soziallagen und führte zu dauerhaften und teilweise explosiven Gegensätzen zwischen den davon
betroffenen proletarisierten Teilen der Gesellschaft einerseits und den insbesondere als Fabrikherren
verhassten Unternehmern andererseits. Kritik und Widerstand riefen nicht nur die Verbreitung von Kinder-
und Frauenarbeit unter inhumanen Bedingungen hervor, sondern auch das neue strikte Fabrikregime, das die
aus handwerklichen oder landwirtschaftlichen Arbeitszusammenhängen stammenden Arbeitskräfte einer
ungewohnten industriellen Zeitdisziplin unterwarf.8 Im Lexikon der Wirtschaftsethik heißt es dazu: „Die
Bedingungen des Lohnarbeitsverhältnisses konnten vom Arbeitgeber einseitig diktiert werden, weil
Koalitions-, Streik- und Tarifvertragsrecht weitgehend fehlten. Schutz vor den Grundrisiken des Daseins
(Krankheit, Unfall, Alter, Arbeitslosigkeit) gab es für die aus herkömmlichen sozialen Bindungen
herausgelöste Lohnarbeiterschaft nicht.“9
Zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kam es in England zu den ersten, größeren Widerständen und
Protestaktionen da die sich zunehmende Ausbreitung fabrikmäßiger Maschinenarbeit eine zu große
Konkurrenz zur damals weit verbreitete Heimarbeit wurde. Die Preise, welche die Heimwerker für ihre
Erzeugnisse erzielen konnten, richteten sich zusehens nach dem des jeweis billigsten Maschinenfabrikats,
was es den Heimarbeitern unmöglich machte, ihre Erzeugnisse zu verkaufen und so ihren Lebensunterhalt
damit zu bestreiten. Ein erster Höhepunkt des Widerstands war die Erhebung der Ludditen in den Jahren
1811 und 1812, die von Nottingham ausgehend schnell in ganz England Anhänger fand. Erst massive
Militäreinsätze und die drakonische Bestrafung der Beteiligten durch Hinrichtung oder Zwangsverbringung
nach Australien ließen diese Bewegung abebben.
Laut Marx und Engels trug der zur „Entfesselung der Produktivkräfte“ und zu ungekannter maschineller
Produktionssteigerung führende Wettbewerb der Fabrikbesitzer-Bourgeoisie den Keim der unaufhaltsamen
Selbstzerstörung in sich. Der Zwang zur Minimierung der Produktionskosten, um am Markt mit
Niedrigpreisen für die erzeugten Waren konkurrenzfähig zu bleiben, trieb, Marx zufolge, die kapitalistische
Bourgeoisie zu fortlaufender Senkung der den Proletariern gezahlten Löhne. Diese würden dadurch in eine
absolute Verelendung getrieben und hätten gar keine andere Möglichkeit, als sich schließlich massenhaft
zusammenzuschließen, um gegen ihre Ausbeuter den Kampf aufzunehmen und eine Diktatur des Proletariats
als Vorstadium der klassenlosen Gesellschaft zu errichten.
Einer der Wenigen, die nach Wegen zu einer für die industrielle Lohnarbeiterschaft auskömmlichen Existenz
suchte, war der vom Lehrling in der Textilbranche zum Fabrikleiter aufgestiegene Robert Owen, der um
1800 die Baumwollfabrik seines Schwiegervaters im schottischen New Lanark übernahm. In seinem Betrieb
wurde nicht nur die Kinderarbeit für alle Kinder bis zum Alter von zehn Jahren unterbunden, sondern Owen
7 Tocqueville zit.n. Wilhelm Treue et al., Quellen zur Geschichte der industriellen Revolution, Göttingen 1966, S. 126ff.
8 E. P. Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus. In: Ders. Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Ullstein, 1980, S. 34ff.
9 Lothar Roos: Eintrag Soziale Frage. In: Georg Enderle et. al. (Hrsg.): Lexikon der Wirtschaftsethik. Herder, Freiburg 1993, Sp. 969.

4
ließ auch eine Schule für die Arbeiterkinder ab zwei Jahren einrichten, bezahlbare Wohnräume für die
Arbeiter in der Umgebung erbauen und noch einiges mehr was den Arbeitern dabei half, ein
menschenwürdiges Leben zu führen. Auch wenn Owen damit einen florierenden Musterbetrieb erschuf und
sich die Modellhaftigkeit seines Ansatzes schnell herumsprach, dauerte es noch lange, bis diese Art von
Unternehmen weitere Verbreitung fand. Unter dem Eindruck der Initiativen Owens haben jedoch zu Beginn
der 1820er-Jahre Handwerker erste Kooperativen gegründet, deren Mitglieder einander u.a. bei der
Wohnraumbeschaffung, bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter unterstützten und eine gemeinsame
Kinderbetreuung organisierten. Doch dauerte es noch lange, bis in den 1830er-Jahren die
Gewerkschaftsbewegung in den Trade Unions Gestalt annahmen, die gegen die „Tyrannei der Meister und
Fabrikbesitzer“ gerichtet war und als Interessenvertretung der Lohnarbeiterschaft auch politische
Forderungen, etwa im Hinblick auf das Wahlrecht zum britischen Unterhaus erhob.
Ab Anfang 1800 begannen sich die Arbeiter in England und den USA erstmals in sogenannten
"combinations" oder "unions", den Vorgängern dessen, was wir heute als Gewerkschaften kennen, zu
organisieren um für angemessene Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Als Antwort darauf
reagierte die Obrigkeit mit schärfsten Mitteln, ließ das Militär auf die streikenden Arbeiter schießen, sie
einsperren, foltern und zum Teil sogar hinrichten. Die Arbeiterorganisationen sowie jegliche Art von
Protesten oder Versammlungen wurden kurzerhand verboten und so mussten die Arbeiter dann, um diese
Gesetze ändern zu können, erst um das Recht zu Wählen kämpfen, und um dies in einem vernünftigen
Rahmen tun zu können mussten sie zu aller erst um Versammlungsfreiheit kämpfen. Auf diese Weise wurden
ihnen immer wieder Steine in den Weg gelegt, denn vor politischer und wirtschaftlicher Demokratie haben
sich die Kapitalisten schon immer am aller meisten gefürchtet - und das mit gutem Grund, denn auch sie
wussten, der größte Feind und die größte Gefahr für die Demokratie ist die Plutokratie und umgekehrt.
Bereits James Madison erklärte, dass die Aufgabe und Verantwortung der Regierung darin bestünde, die
wohlhabende Minderheit vor der armen Mehrheit zu beschützen. Die Arbeitergenerationen während der
Industrialisierung mussten jedes noch so kleine Recht und jede noch so geringe Verbesserung ihres
Lebensstandards hart und lange erkämpfen, und alles, was sie sich vom Kapitalismus und von der Obrigkeit
erwarten konnten, war heftigste und permanente Gegenwehr.
Eine neue, massenhafte Dimension erhielt die industrielle Protestbewegung 1819 in Manchester, wo sich auf
dem St. Peters Field 100.000 Menschen zu einer friedlichen Demonstration zusammenfanden. Als diese
Versammlung plötzlich von einer Bürgergarde mit Schusswaffen attackiert wurde, kam es zu 11 Toten und
150 bis 200 Schwerverletzten. Pierenkemper schrieb dazu: „Die nun folgenden nationenweiten Sympathie-
und Solidaritätsbekundungen mit den ‚Helden von Peterloo’ – wie diese in Anlehnung an die kurz zuvor
erfolgte Schlacht bei Waterloo genannt wurden – trugen ganz wesentlich dazu bei, die Probleme der
industriellen Arbeiterschaft in das öffentliche Bewußtsein zu rücken und sich mit ihren Forderungen
auseinanderzusetzen.“10
Erst allmählich bildeten sich nach den ersten Wellen erfolgloser Protestaktionen organisierte Ansätze zur
Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft, wenngleich zaghaft und mit vielen Rückschlägen. Im Zuge der
Verfassungsreformen, insbesondere nach Aufhebung der Koalitionsverbote, in Großbritannien 1824, auf dem
Kontinent erst ab den 1860er- und 1870er- Jahren, war es dann für die Arbeiter möglich, effizientere
Organisationsformen aufzubauen. In Großbritannien wurde der Chartismus in den 1830er Jahren zur ersten
organisierten Massenbewegung der Arbeiter und auch die beiden einflussreichsten Theoretiker der
revolutionären Arbeiterbewegung, Karl Marx und Friedrich Engels, begannen ihre Werke unter dem
Eindruck der Chartistenbewegung zu verfassen. Man kämpfte gemeinsam mit wirtschaftsliberalen
Interessengruppen (anti corn law league) gegen die hohen Getreidezölle, die die Lebensmittel verteuerten. In
der "People's Charter" (1839) wurden die Forderungen der Massenbewegung schriftlich niedergelegt:
allgemeines gleiches Wahlrecht, Abschaffung von politischen Vorrechten auf der Grundlage von Besitz,
Gesetze gegen wirtschaftliche Ausbeutung und politische Entrechtung. 1839 kam es zu blutigen
Zusammenstößen der Chartistenbewegung mit der britischen Exekutive und nach 1848 verlor sie an
Bedeutung.
Der Staat rang sich nun langsam zu ersten Arbeiterschutzgesetzen wie etwa dem Factory Act von 1833 oder
dem Mining Act von 1844 durch. Mit dem Mines Act wurde ein Gesetz erlassen das es verbot, Kinder unter
10 Jahren in Minen arbeiten zu lassen. Dieses Gesetz wurde verabschiedet nachdem bekannt wurde, dass
fünf, sechsjährige Kinder zum Teil nackt in den Minen arbeiten würden, was die damalige viktorianische
10 Pierenkemper 1996, S. 36

5
Gesellschaft etwas verstört hat. Der Factory Act beschränkte die Arbeitszeiten für Kinder welche man dem
Gesetz zufolge im Alter zwischen neun und dreizehn Jahren nur mehr acht Stunden arbeiten lassen durfte.
Über die Formen der ausbeuterischen Kinderarbeit in Bergwerken berichtete Friedrich Engels in „Die Lage
der arbeitenden Klasse in England“: „In den Kohlen- und Eisenbergwerken arbeiten Kinder von 4, 5, 7
Jahren; die meisten sind indes über 8 Jahre alt. Sie werden gebraucht um das losgebrochene Material von
der Bruchstelle nach dem Pferdeweg oder dem Hauptschacht zu transportieren, und um die Zugtüren,
welche die verschiedenen Abteilungen des Bergwerks trennen, bei der Passage von Arbeitern und Material
zu öffnen und wieder zu schließen. Zur Beaufsichtigung dieser Türen werden meist kleine Kinder gebraucht,
die auf diese Weise 12 Stunden täglich im Dunkeln einsam in einem engen, meist feuchten Gange sitzen
müssen, ohne auch nur so viel Arbeit zu haben, als nötig wäre, sie vor der verdummenden, vertierenden
Langeweile des Nichtstuns zu schützen. Der Transport der Kohle und des Eisengesteins dagegen ist eine
sehr harte Arbeit, da dies Material in ziemlich großen Kufen ohne Räder über den holprigen Boden der
Stollen fortgeschleift werden muß, oft über feuchten Lehm oder durch Wasser, oft steile Abhänge hinauf, und
durch Gänge, die zuweilen so eng sind, daß die Arbeiter auf Händen und Füßen kriechen müssen. Zu dieser
anstrengenden Arbeit werden daher ältere Kinder und heranwachsende Mädchen genommen.“11
Während sich nun die Kapitalisten unter dem Druck der Öffentlichkeit dazu durchrangen für ein paar
Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse von Kindern zu sorgen, verschärften sie zugleich aber mit dem New
Poor Law von 1834 den Druck auf die Unterschichten, irgendwelche Möglichkeiten von Lohnarbeit zu
suchen. Die Proteste und Streikaktionen breiteten sich allerdings, wenn auch langsam, immer weiter aus. Auf
dem Kontinent gewannen Massenorganisationen der Arbeiterschaft erst im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts an Bedeutung und zwar in Form von Gewerkschaften, Selbsthilfegenossenschaften und
schließlich auch Arbeiterparteien.
Doch bald nachdem die Arbeiter ihre erste Erfolge verzeichnen konnten und sich die ersten Arbeitergesetze
erkämpft hatten, wurden clevere Gegenmaßnahmen seitens der Kapitalisten in die Wege geleitet, in einem
Versuch, die Proteste und frühen Formen von Arbeiterorganisationen zu unterbinden. Eine dieser
Gegenmaßnahmen waren die Sweatshops. Der Begriff Sweatshop kam gegen 1830 auf um die
Arbeitsbedingungen in englischen Textilwerkstätten (workshops) zu beschreiben.12 Die sogenannten Sweater
waren Mittelsmänner im "sweating system" welche Lohnarbeiter in der Herstellung von Kleidung anleiteten
und die dazu verwendeten, meist kleinen Räumlichkeiten wurden Sweatshops genannt. Die Rolle des
Sweater als Mittelsmann war in diesem "sweating system" von entscheidender Bedeutung, da er die Aufgabe
erfüllte, die Arbeiter isoliert in kleinen Arbeitsgruppen zu halten was zur Folge hatte, dass es den Arbeitern
unmöglich wurde, sich gegen ihren eigentlichen Arbeitgeber zu organisieren. Schneider und andere
Kleidungshersteller nahmen diese Sweater unter Vertrag welche ihrerseits wiederum Subkontraktoren hatten,
die wiederum Subkontraktoren hatten, und jeder davon behielt Geld vom ursprünglichen Kontrakt ein. Einer
dieser Subkontraktoren stellte dann schlussendlich Arbeiter an die er mit dem verbliebenen Geld im
Akkordlohn bezahlte. Diese Sweater machten ihr Geld dann dadurch, dass sie die verzweifeltsten Menschen
für ihre Arbeiten suchten, welche sie zu niedrigsten Löhnen für sich schuften lassen konnten.

Durch die Schriften von Friedrich Engels und Charles Kingsley wurden diese Sweatshops Mitte 1840
erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.13 Der Begriff Sweatshops wurde bald nicht mehr
ausschließlich für die Textilbranche verwendet und wurde zu einem Synonym für die Arbeitsbedingungen in
verschiedensten Branchen und das „sweating system“ verbreitete sich recht schnell aus England ausgehend
in die USA und auch in alle anderen Industrienationen. Aber auch die Arbeiter setzten ihren Kampf um
bessere Lebensverhältnisse fort und protestierten und streikten weiter. So erreichten sie etwa, das der Factory
Act zwischen 1844 und 1878 sechsmal erneuert werden musste um Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Während die Menschen der Industrienationen langsam dabei waren, sich einen besseren Lebensstandard zu
erkämpften, begannen die Kapitalisten damit, ihr Imperium über die ganze Welt auszuweiten.

11 Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Barmen 1845, S. 137f.
12 siehe dazu z.B.: Charles Kingsley's Cheap Clothes and Nasty (1850)
13 Friedrich Engels: The Condition of the Working Class in England, 1844 bzw. Charles Kingsley; Cheap Clothes and Nasty, 1850

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Imperialistische Expansion des Kapitalismus
Die industriellen Nationen waren zur Kapitalakummulation seit ihren Anfängen darauf angewiesen, jene
Länder, die wir heute als die Dritte Welt kennen, ihren natürlichen Ressourcen zu berauben und die
Arbeitskraft ihrer Bevölkerungen, wenn nötig mit Gewalt, auszubeuten. Die Überproduktion von Gütern
welche inhärent zur Natur dieses kapitalistischen Systems gehört, hat dazu geführt, dass die Märkte immer
weiter expandieren mussten um an die dafür notwendigen Ressourcen zu gelangen. Das, die Gier der
Kapitalisten und die zunehmende Stärkung der Interessen der Arbeiter in vielen der nun kapitalistischen
westlichen Länder, führte um 1900 zu einer neuen Dimension der Kolonialisierung fremder Gebiete zum
Zwecke der Ausbreitung des kapitalistischen Systems und zu einer neuen Form von Imperialismus der
zwischen 1875 und 1914 seine erste Blütezeit erlebte.
Definiert man „imperialer Handel“ ganz allgemein als jenes Herrschaftsstreben, welches den Einflussbereich
einer mächtigen Nation auf fremde Gebiete ausweiten will, dann gab es selbstverständlich bereits in der
Antike, im Mittelalter und im Zeitalter des Merkantilismus imperialistisches Herrschaftsstreben, doch erhielt
der Imperialismus unter den Bedingungen eines modernisierten Kapitalismus in Zeiten der sich
ausbreitenden Industrialisierung zunehmend zusätzliche gewalttätige Facetten. Länder in Asien, Afrika und
Lateinamerika wurden entweder mit direkten Mitteln durch militärische Eroberungen oder indirekt, durch
politische Gleichschaltung oder wirtschaftliche Zwänge den Bedürfnissen der imperialistischen Staaten
entsprechend nutzbar gemacht. Diese Bedürfnisse bestanden vor allem in billigen Arbeitskräften, günstig
erschließbaren Rohstoffen und neuen Absatzgebieten für Überschussprodukte. Denn im Gegensatz zur
Kolonialpolitik des Merkantilismus wurden diese fremden Gebiete nun nicht mehr ausschließlich zu
Plünderungszwecken unterworfen, sondern auch deshalb, um langfristig durch neue Handelsbeziehungen die
eigenen Gewinne zu steigern. Und diese imperialistische Expansion des Kapitalismus vollzog sich rasant und
gewaltsam.
Afrika befand sich 1875 noch zu weniger als 10 Prozent unter europäischer Herrschaft, bereits 1900 erfuhr
der Kontinent seine beinahe vollständige Aufteilung. In den Jahren zwischen 1876 und 1914 vermehrte allein
England, die damalige Kolonialmacht Nummer 1, ihren Kolonialbesitz von 225 Millionen auf 335 Millionen
Quadratkilometer. Um 1876 waren etwa 67 Prozent dieser Welt von Europa und von Staaten abhängig,
welche aus europäischen Kolonien hervorgegangen sind. Diese Zahl erhöhte sich bis 1914 auf 84 Prozent.
Auch die Landflucht und Urbanisierung in den Industrienationen, allen voran England, schritt rasant voran.
Noch 1750 standen 5,9 Millionen Engländer (ohne Schottland) 25 Millionen Franzosen gegenüber; 1850 lag
das Verhältnis bei 20,8 Millionen Engländern, Schotten und Walisern zu 35,8 Millionen Franzosen, und um
1900 hatte die Bevölkerung Großbritanniens mit 37 Millionen Menschen zur französischen (39 Millionen)
schon nahezu aufgeschlossen.14
Der Wettlauf der industrialisierten, kapitalistische Länder um wirtschaftliche Einflußsphären führte zu
erheblichen Spannungen, wie beispielsweise den Faschoda Konflikt 1898, die Marokkokrise 1905/06 oder
der Balkankrise zwischen 1911 und 1913 und förderte die allgemeine Bereitschaft zu militärischen
Konflikten. Die Jahrhundertwende war geprägt von der Expansion des kapitalistischen Systems und der
Industrialisierung, und von sich ausbreitenden gewaltsamen Konflikten auf der ganzen Welt, hervorgerufen
durch das rücksichtslose und ausschließlich gewinnorientierte Verhalten der imperialistischen Staaten. Die
Industrialisierung der westlichen Nationen war bereits in vollem Gange, und nachdem die Kapitalisten den
Menschen dort ihren „Wohlstand“ in Form von 16 Stunden Arbeitstagen mit Löhnen am Existenzminimum
bescherten, gingen sie in ihrer grenzenlosen Philanthropie daran, diesen Wohlstand auch rund um die Welt zu
verbreiten, wenn nötig auch mit Gewalt.
Heute ist mehr oder weniger die ganze Welt, meist gewaltsam, in dieses kapitalistische System integriert
worden. Natürlich hat sich das System auch in mancher Hinsicht verändert, sich angepasst. Die alten
imperialistischen Großmächte wie England oder Portugal sind verschwunden und durch andere Imperien,
allen voran die USA, ersetzt worden, doch die grundlegende kapitalistische Motivation der permanenten
Vermehrung von Profiten mit allen Mitteln hat sich nicht verändert, was beispielsweise an den Sweatshops
ersichtlich ist. Von ihnen hat man lange nichts mehr gehört, sie schienen verschwunden zu sein. Im Zuge der
Globalisierung entstanden aber neue und komplexere Formen der "Sweater" oder Subkontraktoren, in
welcher Firmen in Ländern der Ersten Welt Hersteller in Ländern der Dritten Welt heranziehen um ihre
Produkte dort zu möglichst niedrigeren Kosten erzeugen zu lassen. Über die Textilhersteller von damals, die
14 Osterhammel 2009, S. 190f.

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während der Industriellen Revolution ihre Sweatshops betrieben haben schreibt Todd Pugatch:
„Multinationale Textilfirmen sind im Kern Marketing - und Designunternehmen geworden die auf fremde
Subkontraktoren für ihre Produktionsbedürfnisse angewiesen sind, ein System welches Konzerne von ihren
Produktionsprozessen entfremdet.“15
Sweatshops waren zu Beginn des Industriezeitalters ein Mittel zum Zweck für die Kapitalisten um in einer
Zeit zunehmender Revolten gegen ihr System die Organisationsversuche ihrer Lohnarbeiter zu unterbinden,
was ihnen auf die Dauer nicht gelang, daher ließ man auch das Konzept hinter den Sweatshops irgendwann
fallen. Wirklich verschwunden war es allerdings nie. Die schnelle wirtschaftliche Globalisierung und
Reduktion von Handelshemmnissen in der Nachkriegszeit hat ein System der Ausnutzung von
Lohnunterschieden hervorgebracht indem multinationale Konzerne versuchen ihre Kosten zu minimieren
und ihre Produktion und ihre Profite zu maximieren. Daraus entstanden Unmengen riesiger Fabriken deren
Subkontraktoren ausländische multinationale Konzerne sind die ihre Angestellten unter Sweatshop-
Bedingungen zu niedrigsten Löhnen arbeiten lassen. Und selbst in westlichen Ländern wie Deutschland oder
den USA werden Sweatshops immer häufiger. So verdient ein modernen Lohnsklave in einem modernen
Sweatshop in Honduras $0.24 für die Fertigung eines - wie sollte es anders sein – Sweatshirts, welches
anschließend unter dem Markennamen Sean John um $50 in den USA verkauft wird.16
Doch es sind bei weitem nicht nur die Sweatshops, die seit den Anfängen der Industrialisierung
fortbestanden haben. Abgesehen von chirurgischen Modifizierungen ist das kapitalistische System immer
noch das selbe geblieben. Was früher Lohnsklaven in diesem System waren, nennen die Kapitalisten heute
Humankapital und das ist ausschließlich dazu da, möglichst viel Profit zu möglichst niedrigen Kosten zu
produzieren. Die alten Imperien in denen sich die Plutokraten des Staates bedienten um ihre Interessen
durchzusetzen mögen verschwunden sein, doch inzwischen haben die Kapitalisten ihre eigenen Imperien in
Form von Großkonzernen geschaffen welche, was Macht und Reichtum anbelangt, die alten Imperien weit
hinter sich zurück lassen, auch wenn sie im Vergleich flächenmäßig winzig sind. Und wie damals haben
selbstverständlich auch heute noch die „Bewohner“ eines Imperiums – in diese Fall also diejenigen, die
davon abhängig sind – einen gewissen, wenn auch marginalen Anteil an dessen Reichtum.

Der Wohlstand den der Kapitalismus brachte


Im traditionellen Sinn herrschen inzwischen keine Imperien in Form von einzelnen mächtigen Nationen
mehr über andere Gebiete, die Imperien von heute sind multinationale Großkonzerne welche die
wirtschaftlichen, und somit auch die politischen und sozialen Entwicklungen aller Länder dieser Welt
kontrollieren und ihren eigenen Interessen entsprechend manipulieren. Auch hat die Bevölkerung der
westlichen Industrienationen sich inzwischen einen relativ guten Lebensstandard erkämpft, was dazu
beigetragen hat, dass die Expansion des kapitalistischen Systems immer schneller vorangetrieben wurde. Wie
anfangs bereits erwähnt, ist heute fast die ganze Welt kapitalistisch, und fast die ganze Welt ist arm. Während
die Gewinne der Kapitalisten selbst während der Finanzkrise von 2008 stetig wuchsen, vergrößerte sich auch
die Ungleichheit der Verteilung des durch den Kapitalismus produzierten Vermögens permanent und ist heute
so groß wie niemals zuvor. Um den Grad der heute vorhandenen Ungleichheit zu verdeutlichen: Man stelle
sich eine Geburtstagsparty mit 10 Personen vor. Eine dieser Personen nimmt sich nun 99 Prozent des
Geburtstagskuchens und lässt den anderen 9 Leuten das restliche eine Prozent davon übrig welches sie sich
dann teilen müssen.17
So sieht die Vermögensverteilung und der Wohlstand aus, den dieses kapitalistische System der Welt
beschert hat. Für den Großteil der Bevölkerung dieser Welt ein Leben in Armut unter unmenschlichen
Bedingungen, für einen kleinen Anteil der Bevölkerung ein Leben in Wohlstand in einer immer kleiner
werdenden Mittelschicht, und für eine kleine Gruppe von Menschen ein Leben im absoluten materiellen
Überfluß. Allein die 500 reichsten Milliardäre dieser Welt (also ca. 0.000008% der Weltbevölkerung)
machen mit $3.5 Trilliarden etwa 7 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes aus. Das Gesamt-
vermögen der 8.3 Millionen reichsten Menschen betrug 2004 $30.8 Trillionen und gab ihnen somit die
Kontrolle über beinahe ein Viertel des weltweiten Finanzkapitals. 18 Die reichsten ein Prozent der Menschen
15 Todd Pugatch: Historical Development of the Sweatshop, The Nike Seminar, April 30, 1998
16 "Sean John Setisa Report", National Labor Committee, October 2003
17 The World Distribution of Household Wealth, World Institute for Development Economics Research of the United Nations University (2007)
und http://www.wider.unu.edu/events/past-events/2006-events/en_GB/05-12-2006
18 siehe: World Bank Key Development Data & Statistics, World Bank, accessed March 3, 2008; Luisa Kroll und Allison Fass,

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besitzen 40 Prozent des weltweiten Vermögens, die reichsten 10 Prozent besitzen 85 Prozent davon, 19
während fast die Hälfte der gegenwärtigen Weltbevölkerung von weniger als $2.50 und 80 Prozent aller
Menschen von weniger als $10 pro Tag lebt und jeden Tag 100.000 Menschen aufgrund von Armut sterben. 20
Soviel zum Wohlstand den dieses kapitalistische System produziert hat.
All die Fortschritte und den Wohlstand, den wir in der westlichen Welt heute haben, ist bei genauerer
Betrachtung unserer Wirtschaftsgeschichte nicht der Verdienst und auch nicht der Sinn des kapitalistischen
Systems, sondern im Gegenteil, das Volk hat all diese Dinge trotz des Kapitalismus erlangt. Die
wohlhabenden Klassen, die reichen Banker und Kaufmänner, die Adligen und die Sklavenhalter, sie alle
kämpften stets gegen jede Form von Demokratie und gegen jegliche grundlegenden demokratischen Rechte
wie etwa dem allgemeinen Wahlrecht, denn immerhin waren sie es, die die Gesetze zur Unterdrückung der
Massen geschrieben hatten und für ihre Einhaltung sorgten.
Es waren die arbeitenden Menschen und ihr kontinuierlicher Kampf gegen die Kapitalisten, was zu einer
langsamen Verbesserung ihrer Lage führte. Die Arbeiter waren es, die für einen acht Stunden Arbeitstag
kämpften, für Arbeiterrechte, für ein allgemeines Wahlrecht, für öffentliche Bildungseinrichtungen und
öffentliche Sozialdienstleistungen. Sie waren es, die unerbittlich für einen anständigen Lebensstandard, für
Mindestlöhne und gegen Diskriminierung kämpften. Und es waren die Plutokraten, die Kapitalisten, die
gegen all diese Dinge gekämpft haben und es auch heute noch tun. Sie kämpften gegen angemessene
Entlohnung und sie kämpfen immer noch um Lohnkürzungen. Sie kämpften gegen Arbeiterrechte und
soziale Dienstleistungen, und sie tun dies heute noch. Sie kämpften gegen Umweltschutzbestimmungen und
sie kämpfen heute noch dagegen an und untergraben sie auf jede Weise weil sie fürchten, dadurch ein paar
Dollar oder Euro zu verlieren. Aller Wohlstand und alle demokratischen Rechte die wir hier heute haben,
mussten erst den gierigen Klauen der Kapitalisten entrissen werden und sie versuchen immer noch, den
Menschen diese Dinge wieder wegzunehmen und jede noch so kleine Errungenschaft ist ständig in Gefahr,
von den Kapitalisten wieder zunichte gemacht zu werden. Und mit eben jener Situation zu Beginn der
Industrialisierung, mit der sich die Arbeiter in Europa und den USA über mehrere Generationen konfrontiert
sahen, sehen sich heute die Menschen in der sogenannten Dritten Welt konfrontiert.

Von der Wirtschaftsgeschichte in die Wirtschaftsgegenwart


Wären all diese Generationen von Arbeitern während der Industrialisierung der wesentlichen Welt nicht
bereit gewesen, für jedes noch so kleine Stück Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen und wäre es nur nach
den Vorstellungen der Kapitalisten gegangen, so würde es in unseren westlichen, "zivilisierten"
Gesellschaften heute noch nicht anders aussehen als in der Dritten Welt. Denn tatsächlich funktioniert dieses
kapitalistische System viel besser in kapitalistischen Ländern wie Indonesien oder Nigeria, als im
kapitalistischen Dänemark oder Schweden, wo es, aus Sicht der Kapitalisten, all diese überflüssigen Dinge
gibt gegen die sie ständig ankämpfen müssen, wie Mindestlöhne, Anspruch auf bezahlten Urlaub,
Umweltschutzbestimmungen, Arbeiterrechte, Pensionsvorsorge, soziale Dienstleistungen und demokratische
Bestimmungen. Nicht in Westeuropa, Nordamerika oder Skandinavien funktioniert das kapitalistische
System am besten, sondern in jenen Ländern, in denen die Demokratie am schwächsten ist. Die Rate der
Kapitalakkumulation pro investiertem Dollar ist um ein vielfaches höher in den Ländern der Dritten Welt wo
der öffentliche Sektor klein oder gar nicht vorhanden ist und auch Regulierungen nur marginal vorhanden
sind oder vollkommen fehlen. Outsourcing wird von den Großkonzernen nicht betrieben um den Menschen
in armen Ländern zu mehr Wohlstand zu verhelfen, sondern ausschließlich deswegen, um die eigenen
Gewinnmargen zu vergrößern. Sie wandern ab in Länder in denen die Regierungen dankbar für ein wenig
Schmiergeld über alle anfallenden Externalitäten hinwegsehen, welche die Konzerne dort hinterlassen, und
wo Gesetze je nach Bedarf ohne große Umstände abgeändert werden können.
Massive Subventionen, Steuerbefreiungen und andere Vergünstigungen sind die einzigen Gründe, weshalb
hier in der westlichen Welt überhaupt noch Standorte der Großkonzerne vorhanden sind. Und unter der
Androhung abzuwandern gewähren ihnen die Regierungen immer noch mehr Vergünstigungen. Drohungen
und Erpressung seitens der Konzerne gegenüber dem Staat sind schon lange gang und gäbe. Es heißt dann
einfach: Ihr wollt, dass unser Unternehmen hier bleibt, dann baut uns mit öffentlichen Geldern unsere

The World’s Richest People, Forbes, March 3, 2007


19 The World Distribution of Household Wealth, World Institute for Development Economics Research of the United Nations University (2007)
20 World Bank Key Development Data & Statistics, World Bank

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Fabriken und die nötige Infrastruktur die wir brauchen Steuern werden wir keine zahlen, im Gegenteil, wir
wollen sogar noch massive Subventionen von euch, diese und jene Regulationen müssen noch einmal
überarbeitet werden, und dann, dann überlegen wir es uns vielleicht und erhalten unseren Standort hier noch
für eine Weile aufrecht. Firmen wie Nike bedienen sich seit langem der Arbeitskräfte aus Südostasien weil
diese nicht nur wesentlich billiger sind, sondern weil die staatlichen Regulationen in diesen Ländern im
Vergleich zu denen in den USA oder Europa nur marginal vorhanden sind. Coca Cola ließ seine Werke in
Sambia schließen, weil sie nicht die gewünschten Steuerbefreiungen erhielten und die Tabakindustrie
wandert aufgrund rückgängiger Einnahmen aus den USA und Europa nach Asien ab.
Die Washington Post berichtete 2002 beispielsweise, dass die Firma Levi Strauss & Company, welche
praktisch ein Synonym für die USA wäre, beschlossen hätte, bis auf eine einzige alle Fabriken des Landes zu
schließen und nach Übersee abzuwandern.21 Nur einige Monate zuvor hat die Post in einem Artikel über
Levi's enthüllt, dass die Firma in China Gefängniseinsaßen als Billigarbeitskräfte zur Fertigung ihrer Jeans
ausbeutet.22
In Deutschland sind die staatlichen Einnahmen durch Firmensteuern während der letzten 20 Jahre um 50
Prozent gefallen, und das, obwohl die Firmenprofite um 90 Prozent gestiegen sind. Der Versuch Oskar
Lafontaines, 1999 daran durch Steuererhöhungen für Firmen etwas zu ändern, wurde von Konzernen wie
BMW, Daimler-Benz, RWE und Deutsche Bank vereitelt, indem sie damit drohten, ihre Firmen oder
Investments in andere Länder zu verlagern, sollte die Politik der Regierung nicht in ihren Interessen handeln.
Ein Sprecher von RWE machte damals klar, dass es dabei um mindestens 14.000 Arbeitsplätze ginge und
drohte offen damit, falls die Investment-Position in Deutschland nicht mehr länger attraktiv wäre, würde der
Konzern jede Möglichkeit in Betracht ziehen, seine Investments ins Ausland zu verlagern. Innerhalb weniger
Monate beschloss die deutsche Regierung Steuervergünstigungen für Firmen noch unterhalb des Niveaus der
USA. Ein Berater des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder meinte in Washington dazu: „Die Deutsche
Bank und Industrieriesen wie Mercedes sind zu stark für die gewählte Regierung in Berlin.“23
Gerät ein kleines Unternehmen in finanzielle Bedrängnis, so geht es einfach unter und niemand kümmert
sich darum. Die großen Konzerne und Banken jedoch müssen sich darum niemals Sorgen machen, denn mit
der Begründung, sie wären „to big to fail“ können sie immer darauf zählen, dass der Staat sie stets unterstützt
und gegebenenfalls auch mit Steuergeldern aus misslichen Situationen rettet. „Freie Marktwirtschaft“ wird
mantragleich wiederholt und Reduzierung des Sozialstaates ist eine permanente Forderung. Soziale
Dienstleistungen und Unterstützungen und Rechte für die Arbeiter sehen die Kapitalisten als vollkommen
überflüssig und als Bedrohung ihrer Wirtschaftlichkeit und Konkurrenzfähigkeit an. Sie selbst fordern
hingegen immer mehr staatliche Unterstützungen, Freiheiten, Ansprüche und Rechte. Steuergelder zur
Unterstützung der Steuerzahler erscheint ihnen als Paradoxon. Mit den Milliarden an Steuergeldern zur
Subventionierung ihrer Unternehmen haben die Kapitalisten offensichtlich jedoch keinerlei Probleme. So
sieht die freie Marktwirtschaft im Kapitalismus aus: Privatisierung der Gewinne und Verstaatlichung der
Verluste und Schulden. Unter einem erfolgreichen System verstehen die Kapitalisten etwas ganz anderes, als
die „einfachen“ Bürger.
Ein weiteres, heute sehr beliebtes Mittel der Kapitalisten um ihre Gewinne durch Ausbeutung der
Lohnarbeiter zu vermehren ist Lohndumping. Während die Profite der Konzerne immer weiter steigen, steigt
auch die Zahl der „working poor“ immer weiter an. In ihrem Kampf um Profimaximierung sind die
Kapitalisten eifrig damit beschäftigt, den Wohlstand, den wir angeblich dem Kapitalismus zu verdanken
haben, uns kontinuierlicher mit Unterstützung der Regierungen wieder wegzunehmen. So verdient
beispielsweise ein Arbeiter in der mexikanischen Aluminum Company of America’s Ciudad Acuna Fabrik
zwischen $21.44 und $24.60 pro Woche, während ein Korb voll mit grundlegenden Nahrungsmitteln $26.87
kostet.24 In Frankreich ist der Anteil von Niedriglohnempfängern von 11,4% im Jahr 1983 auf 16,6% im Jahr
2001 gestiegen. In England lag der Wert 2001 bei 27.6% und in Westdeutschland bereits 1997 bei 35.5%, das
geht aus einer Studie des European Industrial Relations Observatory (EIRO) hervor, darin heißt es weiter:
„...die Wirtschaftslage in Europa während der letzten 20 Jahre zur Entstehung einer relativ neuen sozialen
Kategorie geführt [hat], zu der 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' gehören (d. h.
Arbeitnehmer, die zwar einer Beschäftigung nachgehen, aber unter einer festgelegten Armutsschwelle

21 Dina ElBoghdady: Stitching Together A Strategy; Levi Strauss to Move Manufacturing Overseas (The Washington Post, April 9, 2002)
22 Siehe dazu z.B.: Dara Colwell: Levis: Made in China? (May 9, 2002)
23 Noreena Hertz, Why we must stay silent no longer, The Guardian/Observer, April 8, 2001
24 Todd Pugatch: Historical Development of the Sweatshop, T INTS 92: The Nike Seminar. April 30, 1998

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bleiben).“25 Und unsere Politiker verkünden diese Entwicklung auch noch voller Stolz, wie z.B. der deutsche
Ex-Bundeskanzler Schröder auf dem World Economic Forum in Davos 2005: „Wir müssen und wir haben
unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in
Europa gibt.“26
Der seit Beginn des Industriezeitalters stattfindende Kampf zwischen Kapitalisten und Proletariern findet,
wie wir sehen können, also heute noch genauso statt, auch wenn mittlerweile Kapitalisten nicht mehr als
Kapitalisten sondern als Unternehmer, Proletarier nicht mehr als Proletarier sondern als Humankapital und
Imperialismus als freie globale Marktwirtschaft bezeichnet werden. Nur die Sweatshops, die sind
zwischenzeitlich eine Weile lang verschwunden, nur um dann vor nicht allzu langer Zeit von den
Kapitalisten wieder aus der Versenkung der Geschichte hervorgeholt zu werden.
Vieles hat sich verändert seit Beginn des Industriezeitalters, was aber die Jahrhunderte hindurch immer
gleich geblieben ist, ist die Motivation der Kapitalisten denen es, wie ein Blick in unsere
Wirtschaftsgeschichte deutlich zeigt, in keiner Weise jemals darum ging, dass die Mehrheit der Menschen ein
angenehmes Leben in Wohlstand führen können, sondern ausschließlich um Profimaximierung zu jedem
Preis. Und sie setzen bis heute alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und ihre ganze Macht dazu ein,
ihren hart gegen die große Masse der Menschen errungenen Status Quo aufrecht zu erhalten und ihre
Gewinne noch weiter ohne Rücksicht auf Menschen, Gesellschaften oder Umwelt in einer Wahnvorstellung
von endlosem Wachstum zu vermehren. Wenn nun also gesagt wird, das Kapitalismus funktioniert oder nicht
funktioniert, dann müssen wir stets spezifizieren, für wen dies zutreffend ist. Denn dieser gigantische, von
Großkonzernen finanzierte Kapitalismus funktioniert ganz und gar nicht gut für die Nationen der Dritten
Welt und für viele Menschen in der Ersten Welt auch nicht sonderlich. Für die Kapitalisten funktioniert er
jedoch ausgesprochen gut.

25 European Industrial Relations Observatory (EIRO): Niedriglohnempfänger und Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum
(2003)
26 Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem World Economic Forum in Davos (28. Januar 2005)

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