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David A. Yallop Die Verschwörung der Lügner Aus dem Englischen von Andrea Galler, Thomas Pfeiffer

David A. Yallop

Die Verschwörung der Lügner

David A. Yallop Die Verschwörung der Lügner Aus dem Englischen von Andrea Galler, Thomas Pfeiffer und

Aus dem Englischen von Andrea Galler, Thomas Pfeiffer und Renate Weitbrecht

Droemer Knaur

Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt Die Folie des Schutzumschlags sowie die Einschweißfolie sind PE-Folien und biologisch abbaubar.

Digitalisiert für Unglaublichkeiten.com /.info /.org im Heuert (Juli) 2006

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Yallop, David A.:

Die Verschwörung der Lügner/David A. Yallop. Aus dem Engl. von Andrea Galler, Thomas Pfeiffer u. Renate Weitbrecht. München: Droemer Knaur, 1993 ISBN 3-426-26291-6

München: Droemer Knaur, 1993 ISBN 3-426-26291-6 © Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

© Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1993 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts- gesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Titel der englischen Originalausgabe »To the Ends of the Earth: The Hunt for the Jackal« Copyright © 1993 by Poetic Products Ltd., London Redaktionelle Bearbeitung: Reiner Pfleiderer, Tübingen Umschlaggestaltung: Agentur ZERO, München Satz: Büro Mihr, Tübingen Druck und Einband: Ueberreuter, Korneuburg Printed in Austria ISBN 3-426-26291-6

»Mein Name ist Carlos« An die OPEC-Minister, Wien, Dezember 1975

»Mein Name ist Carlos« An den Autor, Libanon, Mai 1985

Für Anna

Inhalt Prolog 9 Teil 1 Gib das Päckchen weiter 19 Seine Geschichte 30 Der Schwarze

Inhalt

Inhalt Prolog 9 Teil 1 Gib das Päckchen weiter 19 Seine Geschichte 30 Der Schwarze September

Prolog

9

Teil 1

Gib das Päckchen weiter

19

Seine Geschichte

30

Der Schwarze September

47

Der Playboy von Knightsbridge

67

Kommando Budia

84

Verabredung in Beirut

164

Teil 2

»Carlos ist tot«

175

»Der gefährlichste Mann der Welt«

191

Halte nicht an der Ampel

218

Eine Regierung im Exil

237

Überall und nirgends

257

Unter den Auserwählten Gottes und anderen Sterblichen

280

Warten auf Gaddafi

348

Zwischenspiel in Tunesien

359

Die Wahrheit - Teil eins

365

Die Wahrheit - Teil zwei

420

Wie ein Mythos entsteht

523

Teil 3

Damaskus

581

Epilog

637

Anhang 1 649

654

Register 657

Anhang 2

Prolog D ie Welt ist voll von Menschen, di e Carlos persönlich kennen - bis

Prolog

Prolog D ie Welt ist voll von Menschen, di e Carlos persönlich kennen - bis man

D ie Welt ist voll von Menschen, die Carlos persönlich kennen - bis man die Bitte äußert, mit ihm bekannt gemacht zu wer- den.

Ende 1983 wußte ich endlich, wovon dieses Buch handeln würde. Ich wollte bestimmte Aspekte zweier wichtiger Weltprobleme näher unter- suchen. Das erste war der Terrorismus, das zweite die Palästinenserfra- ge. Meine Recherchen deuteten nicht nur auf einen engen Zusammen- hang zwischen beiden Themen hin, sondern führten mich auch zu einem Mann, der die Ereignisse, die ich beleuchten wollte, auf höchst dramatische Weise beeinflußt hatte. Die Rede ist von dem meistgesuch- ten Mann der Welt: Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt unter dem Namen Carlos oder Carlos, der Schakal. Das Leben dieses Mannes war untrennbar mit beiden Themen verknüpft. Alles, was ich nun zu tun hatte, war, ihn zu finden, ihn zu befragen und seine Geschichte zu er- zählen. Einige behaupteten, er sei in Santiago de Chile geboren. Andere er- klärten, sein Geburtsort sei Bogota, die Hauptstadt Kolumbiens. Meh- rere Geheimdienste gaben Israel als sein Geburtsland an. Die Exper- ten anderer Geheimdienste widersprachen und nannten eine ganze Reihe anderer Geburtsorte, darunter auch Städte in den USA und in der Sowjetunion. Es paßt zu diesem Mann, daß er so viele Heimatländer haben soll. Schließlich taucht er seit vielen Jahren immer wieder an den unter- schiedlichsten Orten auf, und häufig zur gleichen Zeit - in der einen Hand eine Pistole, in der anderen eine Handgranate. So zahlreich wie die Geburtsorte sind auch die Namen dieses Mannes. Doch es ist ein ganz bestimmter Name, dessen bloße Erwähnung am

Telefon genügt, um alle Sicherheitsorgane eines Landes in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen: Carlos.

Ich begann, seinen Lebenslauf nachzuzeichnen. Dabei stützte ich mich ausschließlich auf Informationen, die bereits veröffentlicht worden wa- ren. Im Alter von 14 Jahren stand Carlos an der Spitze der kommunisti- schen Jugendbewegung in Caracas. Noch nicht ganz 15 Jahre alt, wur- de er bereits vom KGB angeworben. Niemand in der langen Geschichte des KGB kann anscheinend eine so erfolgreiche Bilanz weltweiten Terrors und Mordens vorweisen wie er.

30. Mai 1972: Drei Mitglieder der Japanischen Roten Armee schießen

auf dem Flughafen Lod bei Tel Aviv mit automatischen Waffen in die

Menge. Die Bilanz: 27 Tote und 69 Verletzte. Unter den Opfern sind viele Puertoricaner, die auf einer Pilgerreise ins Heilige Land waren. Ein Überlebender soll damals gefragt haben: »Aus welchem Grund tö- ten die Japaner in Israel Menschen aus Puerto Rico?« Zwei Attentäter sterben beim Schußwechsel mit israelischen Sicherheitskräften. Der dritte wird festgenommen und inhaftiert. Carlos, der Mann, der den Anschlag geplant und organisiert hat, entkommt. 5. September 1972: Die Olympischen Spiele in München sind bereits in vollem Gange, als die arabische Gruppe Schwarzer September unter der Führung von Carlos einen Anschlag auf die israelische Mannschaft verübt. Vierundzwanzig Stunden später sind elf israelische Athleten tot. Mehrere Terroristen werden getötet, andere verwundet und ver- haftet, doch Carlos entkommt unverletzt.

28. September 1973: Zwei arabische Guerillas besteigen im slowaki-

schen Bratislava den »Chopin-Express« von Moskau nach Wien. Im Grenzort Marchegg auf der österreichischen Seite bedrohen sie die Fahrgäste mit automatischen Waffen und Handgranaten und nehmen vier Geiseln. Sie verlangen von Österreich die Schließung des Durch- gangslagers für Sowjetjuden in Schönau. Die Regierung beugt sich den Forderungen, die zwei Araber werden nach Libyen ausgeflogen. Die Nachgiebigkeit des österreichischen Kanzlers Bruno Kreisky löst welt- weite Proteste aus. Der Mann, der den Anschlag geplant und organi- siert hat, ist Carlos. Je mehr Auftraggeber er hatte, desto schwieriger wurde es für die ri- valisierenden Geheimdienste, festzustellen, für wen er gerade arbeite- te. Daß er die Massaker in Lod und München im Auftrag der Palästi- nenser verübt hatte, war ja noch nachzuvollziehen. Aber wem nützte es, als im März 1974 in Lyon der jugoslawische Vizekonsul von zehn

Kugeln durchsiebt wurde? Und für wen arbeitete er am 19. Dezember 1974, als der uruguayische Militärattaché Ramón Trabal in einer Pa- riser Tiefgarage durch sechs Schüsse niedergestreckt wurde und starb? Bereits Mitte 1975 stellten Anti-Terror-Experten in der Öffentlichkeit immer dringlicher die Frage: »Ist Carlos, der Schakal, ein von Moskau ausgebildeter Terrorist, der sich selbständig gemacht hat?« Im Dezember 1975 marschierte Carlos im Auftrag des libyschen Revo- lutionsführers Muammar el-Gaddafi durch die Glastüren der OPEC- Zentrale in Wien. Die Experten rätselten, warum Carlos die Ölminister der OPEC-Länder als Geiseln nahm. Anscheinend verfolgte Gaddafi mit dem Anschlag nur einen Zweck: Er wollte die Minister einschüch- tern und demütigen. Und dafür belohnte er Carlos mit 20 Millionen Dollar. Immer mehr Sicherheitsorgane und Geheimdienste machten Jagd auf Carlos, und Carlos, der Mann mit konspirativen Wohnungen, Waffen, Bomben und Frauen in gut einem Dutzend Städten rund um den Glo- bus, war auf jede Unterschlupfmöglichkeit angewiesen. Aus Chile wur- de gemeldet, daß er im Süden des Landes gesehen worden sei. Aus Kolumbien verlautete, daß er sich exakt zur selben Zeit in Bogota auf- gehalten habe. Andere Berichte signalisierten, daß er, wiederum zur gleichen Zeit, in London, in Kuba, in Libyen, in Beirut und sogar in Israel aufgetaucht sei. Doch es wurde nicht nur berichtet, wo und wann Carlos gesehen worden war. Ebenso zahlreich waren die Berichte über seinen Tod. Niemand hat wohl so oft seinen eigenen Nachruf gelesen. Und nur wenige Menschen dürften durch ihre Taten, ob tatsächlich begangen oder nur erfunden, soviel Schrecken verbreitet haben. Das Jahr 1976 begann für Carlos damit, daß er in Algier aus dem Flug- zeug der Austrian Airlines stieg, mit dem er die Ölminister entführt hatte. Und es endete damit, daß er an einem Winternachmittag am Frankfurter Flughafen im Nebel verschwand. In der Zeit dazwischen hatte er nicht auf der faulen Haut gelegen. 23. März 1976: Aus ägyptischen Quellen verlautet, daß Carlos in Li- byen inzwischen die Macht übernommen habe. Gaddafi regiere das Land nur noch pro forma. Der junge KGB-Agent exportiere nicht Öl, sondern Sabotage, Kidnapping und Mord. 8. Mai 1976: Die berittene Polizei Kanadas verteilt Tausende von Car- los-Plakaten im ganzen Land. Unter drei Fotos wird in zwei Worten seine Biographie zusammengefaßt: »Äußerst gefährlich«. Im selben Jahr richtet die kanadische Stadt Montreal die Olympischen Spiele

aus. Die Angst geht um, Carlos könnte wie schon 1972 in München einen Anschlag auf die Spiele verüben. 27. Juni 1976: Eine Maschine der Air France, Flugnummer 139 von Tel Aviv nach Paris, wird mit über 250 Passagieren und Besatzungs- mitgliedern an Bord kurz nach dem Zwischenstopp in Athen ent- führt. Die von dem Deutschen Wilfried Böse angeführten Luftpiraten bezeichnen sich selbst als »Kampfgruppe Che Guevara vom Komman- do der Palästinensischen Befreiungsarmee«. Carlos hat die Operation ausgeheckt und geplant. Die israelische Regierung leitet eine militä- rische Rettungsaktion ein, die die ganze Welt in Atem hält. Israelische Fallschirmjäger landen auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda, auf dem die Geiseln festgehalten werden. Sie stürmen die Flughafen- gebäude und befreien die überwiegend jüdischen Geiseln. Nur ein einziger israelischer Soldat kommt ums Leben: Leutnant Jonathan Netanjahu, der Anführer des Kommandos. Und nur eine einzige Gei- sel, eine ältere Engländerin namens Dora Bloch, wird nicht befreit. Alle Terroristen liegen tot auf dem Rollfeld von Entebbe. Bis auf ei- nen. Carlos, der Schakal, ist wieder entwischt. Im September wird berichtet, daß Carlos im Besitz einer kleinen Atombombe sei. Im November äußern amerikanische Beamte die Be- fürchtung, daß Carlos außerdem noch eine bestimmte Menge des tödlichen Nervengases Tabun in seinen Besitz gebracht habe. Die vier apokalyptischen Reiter haben einen fünften Bundesgenossen bekom- men. Das alles war sehr verwirrend, nicht zuletzt auch für die Sicherheits- organe vieler Länder. Sie verfügten über Millionenbudgets, die mo- dernste Ausrüstung, die man sich denken konnte, und ein beinahe unbegrenztes Potential an Menschen und Waffen. Und doch bewies ihnen ein einzelner Mann immer wieder aufs neue, daß er weder aufzuhalten noch zu fassen war. Auch gegen Ende der siebziger Jahre lieferte er erstaunliche Demonstrationen seiner einzigartigen und be- ängstigenden Fähigkeiten. Im Jahr 1979 tauchte sein Name erneut im Zusammenhang mit dem inzwischen gestürzten Schah des Iran auf. Ajatollah Sadegh Chakli erklärte in der Stadt Kum, daß die Fundamentalisten mit Carlos über die Ermordung des Schahs verhandelten. Die CIA schaltete sich ein und wies Carlos diskret darauf hin, daß eine Ermordung des Schahs in dessen mexikanischem Zufluchtsort die Amerikaner in große Ver- legenheit bringen würde. Der Schah durfte eines natürlichen Todes sterben.

Weniger Glück hatte Anastasio Somoza, der gestürzte Diktator Nicara- guas. Carlos stellte ihn am 9. September 1980 in der Innenstadt von Asunción in Paraguay und erschoß ihn auf offener Straße. Wie so oft, griffen die Moral der Medien und politisches Zweckdenken merkwür- dig ineinander: Viele begrüßten diesen Mord. Über den nächsten Kan- didaten auf Carlos' Todesliste war man allerdings weniger begeistert. Es war der frischgewählte Präsident Ronald Reagan. Carlos hatte praktisch im Alleingang dafür gesorgt, daß Reagans Vor- gänger Präsident Carter nicht wiedergewählt worden war. Er hatte die Besetzung der US-Botschaft in Teheran und die Geiselnahme geplant, die das mächtigste Land der Welt zum ohnmächtigen Zuschauer degra- diert hatten. Und die öffentliche Meinung in Amerika hatte reagiert. Die Geiselkrise und Carters Unfähigkeit, sie zu lösen, hatten maßgeb- lich zu Reagans Wahlsieg beigetragen. Nun, im Dezember 1981, plante Carlos im Auftrag Gaddafis eine neue Operation. Diesmal wollte er mit einem kleinen Mordkommando von Mexiko aus in die USA vordringen und Carters Nachfolger Reagan ermorden, also den Mann, dem er ge- rade erst den Weg ins Weiße Haus geebnet hatte. Der israelische Ge- heimdienst Mossad und die CIA ließen Einzelheiten über das Komplott an die amerikanischen Medien durchsickern. Das öffentliche Aufsehen bewog Carlos, von dem Mord Abstand zu nehmen. Wenige Monate später, im April 1982, gelang Carlos ein Coup, der selbst für seine Verhältnisse ein Meisterstück war. Er inszenierte in Lon- don den Mordanschlag auf den israelischen Botschafter Schlomo Ar- gov. Der Botschafter wurde schwer verletzt, überlebte aber. Als Reak- tion auf das Attentat marschierten die Israelis in den Libanon ein - um die Stabilität der Grenzen zu sichern, wie offiziell verlautete. Be- obachter in aller Welt erkannten freilich sehr bald, daß das wirkliche Ziel Israels die Zerschlagung der Organisation zur Befreiung Palästi- nas (PLO) war, deren Hauptquartier sich zu der Zeit in Beirut befand. Mitte September waren Jassir Arafat und seine Anhänger schließlich gezwungen, das Land zu verlassen. Später fand die libanesische Armee im Flüchtlingslager Bourj el Barajneh Beweise dafür, daß sich unter den allerletzten palästinensischen Kämpfern, die das Land verließen, auch Carlos befunden hatte. Er hatte sich mit einem Schiff nach Tu- nesien abgesetzt. Im Verlauf der achtziger Jahre wurde der legendäre Carlos immer berühmter. Am 14. August 1990 hieß es in Geheimdienstberichten zahlreicher Länder, daß der irakische Präsident Saddam Hussein, der inzwischen in Kuwait einmarschiert war, eine von Carlos geplante ter-

roristische Offensive vorbereite. Ziel der Anschläge seien unter ande- rem irakische Dissidenten, die in London und anderen europäischen Hauptstädten im Exil lebten. Außerdem wurde enthüllt, daß zu dem umfangreichen Waffenarsenal, über das Carlos verfügte, auch chemi- sche Kampfmittel gehörten. Carlos, so hieß es, warte nur noch auf letzte Instruktionen aus Bagdad. Trotz aller Bemühungen der Sicherheitsorgane und entgegen allen anderslautenden Berichten stellt Carlos anscheinend immer noch ei- ne unabwendbare Bedrohung dar. Während seine zahlreichen Opfer tot unter der Erde liegen, setzt er seinen Weg unaufhaltsam fort

Diese kurze Geschichte des Mannes, den ich suchte, warf sehr viele Fra- gen auf, nicht zuletzt auch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des veröf- fentlichten Materials, auf das sie sich stützte. Wie war es möglich, daß ein Mann, der so viele Verbrechen verübt hatte, immer noch auf freiem Fuß war? Wem nützte diese scheinbar endlose Serie von Greueltaten? Wer schützte diesen Mann? Und vor allem: Hatte er tatsächlich alle die- se Verbrechen begangen? Hatte er überhaupt eines davon begangen? Die Suche nach den Antworten und nach dem Mann selbst sollte für mich zu einer Odyssee werden. Aber bevor diese Reise zu Ende war und ich Antworten auf diese Fragen fand, sollten noch weitaus wich- tigere Wahrheiten und Fakten ans Licht kommen. Während der gesamten achtjährigen Amtszeit Präsident Reagans war die amerikanische Administration mit ausländischen Agenten durch- setzt. Die Informationen, die sie sammelten, wurden kontinuierlich weitergeleitet, unter anderem an den libyschen Revolutionsführer Oberst Gaddafi. Auch die verschiedenen französischen Regierungen unter Präsident Mitterrand waren bis hinauf in die Chefetagen mit Agenten gespickt. Es ist eine weitverbreitete Annahme, daß Gaddafi hinter dem Anschlag auf die Wiener OPEC-Zentrale und der Entführung der Ölminister im Jahr 1975 steckte. Meine Nachforschungen ergaben, daß ein ganz an- derer Staatschef für diesen Terrorakt verantwortlich war. Große internationale Fluggesellschaften, die Schutzgelder in Millio- nenhöhe an eine palästinensische Terrorgruppe zahlten; eine Locker- bie-Katastrophe, die hätte vermieden werden können, ja müssen; ein Weißes Haus, in dem man die Gesetze des eigenen Landes mißachtete und geradezu besessen war von der Idee, einen anderen Staatschef zu ermorden; der Grund für das Massaker an Tausenden von Palästinen- sern in den Lagern Sabra und Schatila; die Realität des israelisch-pa-

lästinensischen Konflikts - dies waren nur einige der »Entdeckungen«,

die mich auf meinem ganz persönlichen Weg nach Damaskus erwar- teten. Eine der ersten Wahrheiten, die ich in Erfahrung brachte, war zugleich eine der elementarsten: Ilich Ramírez Sánchez wurde am 12. Oktober 1949 in Caracas geboren. Im Jahr 1975, noch vor seinem 26. Geburts- tag, war er bereits der meistgesuchte Mann der Welt. Ich hielt es für unwahrscheinlich, daß ein so überaus aktiver Mann wie Carlos einen ständigen Wohnsitz in einem der Länder hatte, die ihn auf die Fahndungsliste der gefährlichsten Verbrecher gesetzt hatten. Wenn ich mit dieser Vermutung richtiglag, dann schieden mehrere Staaten von vornherein aus: Großbritannien, Frankreich, die Nieder- lande, Westdeutschland, Österreich und die Schweiz. Die Liste wurde länger. Hinzu kamen Italien, die Vereinigten Staaten, viele Nahost- länder und ein Großteil Lateinamerikas. Sein Geburtsland Venezuela war merkwürdigerweise nicht darunter. Ich sprach mit Kontaktmän- nern von verschiedenen Geheimdiensten. Jeder vermutete ihn woan- ders. Da man annahm, Carlos stehe mit Gaddafi in Verbindung, lag der Gedanke sehr nahe, daß er sich in Libyen aufhielt. Auch der Süd- jemen kam in Frage, schließlich wurden Carlos enge Beziehungen zur Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) nachgesagt. Einige Ge- heimagenten versicherten mir, daß er zur Zeit in einer Luxusvilla in Bagdad lebe. Andere bestätigten mir zwar die Sache mit der Villa, ver- legten diese aber nach Saudi-Arabien, nach Algerien oder in den Iran. Viele, oder genauer gesagt, die meisten meiner Gesprächspartner hiel- ten ihn für tot. Er sei seinen Auftraggebern lästig geworden. Dem KGB sei gelungen, was kein einziger westlicher Geheimdienst geschafft ha- be: Er habe Carlos liquidiert. Ich war überzeugt, daß Carlos noch am Leben war. Ich hielt all diese Nachrufe auf ihn für verfrüht. Dann, im November 1984, über ein Jahr nach Beginn meiner Recherchen, hatte ich endlich Glück. Ein Kon- taktmann von der französischen Direktion der Landesüberwachung (DST) machte mich in Paris mit einem libanesischen Palästinenser na- mens Ibrahim Ahmed Hussein bekannt. Wir aßen in einem Restaurant auf dem Boulevard Saint-Germain gemeinsam zu Abend, und er stellte mir eine Vielzahl von Fragen. Er wollte herausfinden, aus welchem Grund ich nach Carlos suchte. Schließlich sagte er: »Sie werden nach

müssen.«

Mailand Meine Reise hatte begonnen.

gehen

Teil 1

Gib das Päckchen weiter I m Winter einen Flug nach Mailand zu buchen ist, als

Gib das Päckchen weiter

Gib das Päckchen weiter I m Winter einen Flug nach Mailand zu buchen ist, als ob

I m Winter einen Flug nach Mailand zu buchen ist, als ob man ein Los für eine Lotterie kauft. Wenn man Glück hat, gelangt man tatsächlich ans Ziel, doch manchmal kommt der Nebel dazwi-

schen und zwingt die Maschine, in Turin, Bologna oder anderswo zu landen. Diesmal gab es keinen Nebel. Wir hatten nur 45 Minuten Ver- spätung. Die Anweisungen, die ich erhalten hatte, waren klar: »Rufen Sie an und fragen Sie nach Danielli.« Eine Stunde später, nach einer beäng- stigenden Autofahrt, deckte Danieliis Frau in der Wohnung des Ehe- paars den Kaffeetisch für zwei Personen. Aus dem gemeinsamen Kaffee wurde ein italienisches Abendessen mit allen landesüblichen Gängen, und unsere Unterhaltung drehte sich um Carlos und seine Verbindungen zu den Brigate Rosse, den Roten Brigaden. Da man Carlos seit 15 Jahren praktisch mit jeder bekannten Terrorgruppe, Befreiungsorganisation, revolutionären Zelle und Gue- rillatruppe in Zusammenhang gebracht hatte, war ich skeptisch und fragte: »Wie können Sie sicher sein, daß solche Verbindungen beste- hen?« Danielli antwortete mir ganz ruhig. Der sanfte Ton seiner Stimme verlieh seinen Worten einen sonderbaren Nachdruck. »Ich war - und bin - selbst Mitglied der Roten Brigaden. Carlos hat schon an diesem Tisch gesessen.« Behauptungen solcher Art waren mir nicht neu. »Können Sie mich zu Carlos führen?« »Ja.« Meine Aussichten stiegen. »Wann?«

»Sobald es Ihnen möglich ist, nach Paris zu reisen.« »Aber ich komme gerade von Paris.« »Wenn Sie wirklich zu Carlos wollen, dann müssen Sie wieder nach Paris zurück.« Ich wartete ein paar Tage in Mailand, während Danielli versuchte, Kontakt zu seinem Freund in Paris aufzunehmen. In der Disziplin geduldigen Wartens sollte ich es bei meiner Jagd nach Carlos noch zu ungeahnter Meisterschaft bringen. Diesmal dauerte es zum Glück nicht allzu lange. »Ich habe mit Gustavo gesprochen. Es gibt da ein Problem.« »Das habe ich schon befürchtet.« Danielli mißverstand meine Enttäuschung als Zynismus. »Es ist nicht so, wie Sie denken. Gustavo ist zuverlässig. Er spricht nur zufällig kein Englisch, und wie ich Ihren Äußerungen entneh- men konnte, sprechen Sie weder Portugiesisch noch Französisch.« »Nein, ich bin immer noch dabei, Englisch zu lernen. Gustavo ist also Portugiese?« »Nein, Brasilianer. Die Franzosen haben ihm vor ein paar Jahren po- litisches Asyl gewährt. Er lebt in Paris.« »Wo hat er Carlos kennengelernt?« fragte ich. Danielli lehnte sich über den Tisch. »Manche Fragen stellt man besser nicht.« »Warum ist er bereit, mir zu helfen?« »Er hat mich über Sie ausgefragt. Ich habe ihm empfohlen, Ihr letztes Buch zu kaufen. Er hat die letzten drei Tage damit zugebracht, es zu lesen. Heute morgen hat er angerufen. Er will Ihnen jetzt helfen.« Ich vereinbarte mit Danielli, daß ich mich im Januar wieder bei ihm melden sollte. »Bis dahin hat Gustavo das Sprachproblem gelöst«, ver- sicherte er mir. In der ersten Januarwoche des Jahres 1985 rief mich Danielli an und teilte mir mit, daß »unser Freund« jetzt bereit sei. Ich sollte ihn auf dem Flughafen Charles de Gaulle treffen. »Woran erkenne ich ihn?« fragte ich. »Wenn Sie durch den Zoll sind, warten Sie einfach.« Genau dies tat ich am nächsten Tag. Ein Mann, Mitte Dreißig, kam auf mich zu. »Mr. David?« »Ja.« »Gustavo schickt mich.« Ohne weiteren Kommentar nahm er meinen Koffer und steuerte auf

den Ausgang zu. Während wir in einem zerbeulten Kombi durch Paris fuhren, erinnerte ich mich an Danieliis Rat: »Manche Fragen stellt man besser nicht.« Als wir schließlich irgendwo im 10. Arrondissement hielten, hatte ich in Erfahrung gebracht, daß mein Fahrer Louis hieß und am liebsten Gauloises rauchte. Irgend jemand - wahrscheinlich Gustavo - hatte mir ein Zimmer in einer kleinen, diskreten Pension reserviert. Der geheimnisvolle Louis sagte mir, daß er um 20 Uhr zurückkommen werde, und verschwand. In meinem Zimmer studierte ich den Stadtplan von Paris. Vielleicht lieferte mir die Lage der Pension irgendwelche Hinweise auf die Art der Beziehung zwischen Gustavo und Carlos. Schließlich war der Mann, den ich jagte, Mitte der siebziger Jahre in Paris sehr aktiv ge- wesen. Doch die Markierungen auf meinem Stadtplan zeigten, daß die Orte, an denen er seine Anschläge verübt hatte, alle auf dem anderen Seineufer lagen; dasselbe galt auch für seine diversen konspirativen Wohnungen. Nur ein Aspekt war in diesem Zusammenhang mögli- cherweise von Bedeutung: Michel Moukarbel, damals eine Kollege von Carlos, hatte im 10. Arrondissement gewohnt, bevor er im Juni 1975 von Carlos umgebracht worden war. Ich fühlte mich geschmeichelt, als ich dahinterkam, in was für einer Art von Pension man mich untergebracht hatte. Frühstück wurde nicht serviert. Die Zimmer konnten stundenweise gemietet werden. Als ich am Nachmittag die nähere Umgebung erkundete, war ich vom internationalen Flair des Viertels beeindruckt: algerische Restau- rants, türkische Cafes, Süßwarenläden voller Araber und Inder, Chi- nesen und Sikhs, die fremdartiges Gemüse kauften. Das Haus, in dem Michel Moukarbel gewohnt hatte, lag gegenüber dem Krankenhaus St-Louis. Ein paar Türen weiter war ein Polizeirevier und noch ein Stück weiter ein Bestattungsunternehmen. Es waren also alle moder- nen Einrichtungen vorhanden, die ein Mann, der mit der Gesell- schaft auf Kriegsfuß stand, unter Umständen in Anspruch zu nehmen gezwungen war. Am Abend ging ich mit Gustavo und Rene zum Essen ins Café de Tro- cadéro. Gustavo sah aus wie ein älterer Jockey: knapp über 1,50 Meter groß, Mitte bis Ende Vierzig, dunkle Haut, schmaler Schnurrbart, gut- geschnittener Anzug, keine Krawatte. Rene sah trotz seines Namens überhaupt nicht wie ein Franzose aus. Auf einem Fahndungsplakat von Interpol wäre sein Äußeres wohl als nordafrikanisch oder arabisch be- schrieben worden. Sie unterhielten sich in einem Kauderwelsch aus Portugiesisch und Spanisch. Mit mir sprach Rene englisch. Er sprach

ein ausgezeichnetes Englisch mit einem leichten, merkwürdigen Ak- zent, den ich nicht einordnen konnte. Er sagte, sein Freund wolle et- was über meine Ansichten zur Palästinenserfrage erfahren. Das war keine besonders leichte Frage. In den sechziger und sogar noch in den siebziger Jahren wäre mir die Antwort nicht schwergefallen. Damals sympathisierte ich, wie viele Nichtjuden in Europa, sehr stark mit den Israelis. Ich sah die Existenz eines kleinen Landes bedroht, das von Feinden umringt war. Ich war entsetzt und empört über das Massaker bei den Olympischen Spielen von München. Ich applaudierte der israelischen Armee, als sie in Entebbe die Passagiere der Air-France-Maschine befreite. Im Jahr 1978 machte ich in einem Moschaw in der von den Israelis besetzten Wüste Sinai Ferien und besuchte Eilat, Jerusalem und Tel Aviv. Doch nach dem israelischen Einmarsch in den Libanon, insbesondere nach den Massakern in den Lagern Sabra und Schatila, hatte ich mich gezwun- gen gesehen, allzu leicht gefaßte Meinungen neu zu überdenken. Ich erklärte meinen Tischgenossen, daß es mir nicht mehr möglich sei, die Palästinenserfrage mit schnellen und einfachen Antworten ab- zuhandeln. Meine Suche nach Carlos sei gleichzeitig auch ein Versuch, für mich selbst die Wahrheit herauszufinden und die Hintergründe

dieses Konflikts aufzudecken. Ich sagte ihnen, sie sollten mir die Frage noch einmal nach Abschluß meiner Recherchen stellen. Dann hätte ich mir mit Sicherheit eine Meinung gebildet, eine Meinung, die sich auf Fakten stützte, die ich selbst zusammengetragen hatte. Bis dahin freilich

Gustavo sagte,

er

hoffe,

daß

es

mir

gelingen

werde, die Hintergründe

aufzudecken,

von

denen

ich gesprochen hatte. Zuallererst müsse ich

jedoch

mich zu dem Mann führen könne, den ich suchte. Ich war wieder das Päckchen. Im März 1985 saß ich in einem Flugzeug, das mich von London nach Algier bringen sollte. Meine Tischgenossen in Paris hatten mich ge- fragt, ob ich bereit sei, Rene den Flug von Paris nach Algier zu bezah- len, und ich hatte begeistert zugestimmt. Ich fragte mich natürlich, ob die ganze Sache ein Schwindel war. Vielleicht wollte sich Rene auf meine Kosten nur einen Kurzurlaub in Algier verschaffen. In ein paar Stunden würde ich die Antwort wissen. Laut Abmachung sollte ich Re- ne an der algerischen Paßkontrolle treffen. Nachdem ich meinen Koffer abgeholt hatte, reihte ich mich in die Schlange vor der Zollkontrolle ein. Ich hielt nach René Ausschau. Ver-

nach

Algier

gehen

und mich dort mit jemandem treffen, der

geblich. Innerlich verfluchte ich mich bereits für meine Naivität, da sah ich Rene aus einem kleinen Büro treten. Er winkte mich zu sich herüber. »Ihren Paß, bitte.« Ich gab ihm den Paß, und er verschwand wieder in dem kleinen Büro. Nach wenigen Minuten kam er wieder heraus. Er nahm mir den Koffer ab, und wir verließen den Flughafen. Ich ging einige Schritte hinter ihm, und so konnte ich einen kurzen Blick in meinen Paß werfen. Er enthielt keinen Einreisestempel. Als Rene uns in einem Wagen vom Flughafen wegbrachte, kam mir der Gedanke, daß ich in diesem Land spurlos verschwinden könnte. Rene hatte im Hotel El Djazair Zimmer für uns reserviert. Noch am selben Nachmittag erhielten wir Besuch. Ein Freund von Rene. Nach einer langen, herzlichen Begrüßung stellte Rene mich vor. »Er freut sich, daß er Ihnen helfen kann. Ich habe ihm erklärt, wer Sie sind und was Sie vorhaben.« Ich dankte dem Mann ohne Namen für die Unterstützung, die er mir zuteil werden lassen wollte. Sie wechselten noch ein paar Sätze auf französisch, dann stand der Namenlose auf. Wir gaben uns zum Abschied die Hand, und er verließ das Hotel. »Was geschieht jetzt, Rene?« »Alles ist bereits arrangiert.« »Was ist arrangiert?« »Ihr Treffen mit dem Mann, den Sie sprechen wollen.« Wir saßen in der Hotelbar, aber keiner der Nachbartische war besetzt. »Sie meinen Carlos?« »Ja.« »Was? Hier in Algier?« Rene lachte. »Nein, natürlich nicht. Seit Boumediennes Tod ist er hier nicht mehr erwünscht.« »Wo dann?« »Würden Sie gerne nach Beirut gehen?« »Nun, gerne ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, aber ich wäre auch bereit, in die Hölle zu gehen, wenn er dort wäre.« »Das ist nicht nötig. Beirut genügt.« Meine Verwirrung war mir wohl anzumerken. Rene fragte mich, was los sei. »Es betrifft den Mann, den wir soeben getroffen haben und der mir helfen möchte. Er hat mir keine einzige Frage gestellt.«

»Aber mir hat er viele Fragen gestellt, und ich habe sie ihm beantwor- tet. Außerdem ist er ein alter Freund von Gustavo.« »Aber wozu mußte ich dann nach Algier kommen?« »Er wollte Sie sehen.« Ein paar Stunden später erklärte Rene mir die Sache genauer. Für sei- ne Verhältnisse wurde er sogar richtig gesprächig. Da der Namenlose mich in Renés Begleitung gesehen hatte, wußte er jetzt genau, wie ich aussah. So bestand keine Gefahr, daß Carlos von jemand anderem ge- täuscht wurde. Er würde Fotos von mir bekommen. Irgendwann nach meiner Ankunft in Algier war ich fotografiert worden. Wieder in London, begann ich mit den Vorbereitungen für meine Rei- se nach Beirut. Ich besuchte eine Reihe von Freunden, die wußten, wie man sich im Libanon zu verhalten hatte. Ich war irritiert, denn alle gaben mir denselben Rat: »Geh nicht nach Beirut.« Sie zählten mir sämtliche Gefahren auf. Verhaftung, Entführung und Tod waren die drei meistgenannten Risiken, die sie ins Feld führten, um mich von meinem Vorhaben abzubringen. Dann war da noch das Problem der Anreise. Es war äußerst riskant, direkt nach Beirut zu fliegen, es sei denn, man wurde am Flughafen von einer Vertrauensperson abge- holt und in die Stadt gefahren. Von Süden her, also über Israel, in den Libanon einzureisen und dann nach Beirut zu fahren war anschei- nend noch gewagter. Nach Syrien zu fliegen und dann von Damaskus aus den Landweg zu nehmen war zu der Zeit nicht nur äußerst schwie- rig, sondern auch höchst gefährlich. Als letzte Möglichkeit blieb noch die Fähre von Zypern aus. Angenommen, es fuhr überhaupt eine Fäh- re, so bestand immer noch die Gefahr, daß sie unterwegs in die Luft gesprengt wurde. Wenn Carlos tatsächlich in Beirut war, so hatte er sich einen der sichersten Plätze auf der ganzen Welt ausgesucht - für einen Mann, der sich verstecken muß. Vorausgesetzt, er kam mit den chaotischen Verhältnissen dort zurecht, dann war es unwahrschein- lich, daß sich irgendwelche Polizei- oder Sicherheitskräfte auf den Weg machten, ihn dort zu suchen. Rene hatte mir den Telefonanruf eines gewissen Samir aus Beirut an- gekündigt. »Er wird sich um Sie kümmern.« Als das Telefon schließlich klingelte, war ich ganz und gar nicht darauf vorbereitet. Es war gegen zwei Uhr morgens. »Mr. David?« »Ja. Wer spricht dort bitte?« »Samir. Ich werde Sie auf dem Flughafen treffen. Bitte notieren Sie sich die Nummer, die ich Ihnen jetzt geben werde, und rufen Sie mich

an,

nächste Woche.«

»Samir, ich weiß nicht, ob ich so schnell ein Visum beschaffen kann.« »Sie brauchen keines. Ich werde das alles von hier aus regeln.« Damit war das Telefongespräch beendet.

wenn

Sie

Ihren

Flug

gebucht

haben.

Ich

schlage

vor,

Sie

fliegen

Es

war

Anfang

Mai

1985,

und

die

Fluggesellschaft Middle East Airlines

war

überaus

erfreut,

daß

sie

mich

in

der

darauffolgenden

Woche

zu

ihren

Fluggästen

zählen

durfte.

Ich

bat

darum,

meinen

Namen

nicht

auf

die

Passagierliste

zu

setzen,

beschränkte

mein

Gepäck

auf

einen

kleinen

Handkoffer

und

achtete

im

übrigen

darauf,

daß

ich

keine

Mel-

dung

über

den

täglichen

Wahnsinn

im

Libanon

verpaßte.

»Willkommen in Beirut, Mr. David.«

Samir,

ein

gutaussehender

Mann

von

Mitte

bis

Ende

Dreißig,

hatte

mich

gleich

beim

Betreten

der

Flughafenhalle

unter

den

Fluggästen

ausgemacht.

 

»Sieht

man

mir

so

leicht

an,

daß

ich

ein

Fremder

bin?«

Er

lachte.

Wie

ich

bald

feststellen

sollte,

war

Samir

ein

Mann,

der

oft

und

gern

lachte.

Er

nickte

beifällig,

als

ich

ihm

erzählte,

daß

ich

mein

gesamtes

Gepäck

bei

mir

trug,

und

nahm

mir

den

Handkoffer

ab.

Wie

auf

jedem

Flughafen

der

Welt

wimmelte

es

hier

von

Menschen

-

mit

einem

entscheidenden

Unterschied:

Man

hatte

den

Eindruck,

der

Bei-

ruter

Schützenverein

halte

in

der

Halle

seine

jährliche

Hauptver-

sammlung

ab.

Ich

gab

Samir

meinen

Paß.

Als

ich

später

einen

Blick

hineinwarf, konnte

ich

keinen

Eintrag

entdecken,

der

darauf

hinge-

wiesen

hätte,

daß

ich

in

das

Land

eingereist

war.

Der

BMW,

den

Samir

fuhr,

war

nur

ein

paar

Jahre

alt.

Er

gab

mir

eine

libanesische

Zeitung,

und

während

der

gesamten

Fahrt,

die

hin

und

wieder

von

einer

Sicherheitskontrolle

unterbrochen

wurde,

stu-

dierte

ich

eingehend

einen

völlig

unverständlichen

arabischen

Text.

Ich

entnahm

seinem

Fahrstil,

daß

er

schnell

zu

Hause

sein

wollte.

Mir

war

das

nur

recht.

Das

Wetter

war

relativ

kühl,

aber

als

wir

in

seiner

Hochhauswohnung

in

Westbeirut

ankamen,

war

ich

schweiß-

gebadet.

Als

Samirs

Frau

mir

eine

Tasse

Kaffee

reichte,

zitterte

meine

Hand

so

sehr,

daß

ich

große

Mühe

hatte,

nichts

von

dem

Inhalt

auf

dem makellos weißen Teppich zu verschütten.

Samir erklärte mir,

wohnen

gelegenen Hotel,

men,

bei

daß

ich

während

als

wir

meines

allein

Aufenthalts

waren

und

in

in

Kaffee

mir

zu

der Stadt

nahe

nah-

Er

ihm

würde.

dem

Später,

Beau

ihn

zu

einem

uns

Rivage,

einen

weiteren

von

versuchte

ich

überreden,

Geld

anzunehmen.

lehnte ab.

»Sie schreiben doch ein Buch über den Libanon, über die Palästinen- ser, oder nicht?« »Ja.« »Also auch über Sabra und Schatila.« »Ja, auch darüber werde ich schreiben.« »Gut. Heute abend werde ich Sie zu Carlos bringen.« »Ist er hier in Beirut?«

»Nein,

zuerst

machen

 

wir

eine

kleine

Autofahrt.«

Wenig

später

fuhren

wir

auf

der

Corniche

zur

Stadt

hinaus.

Auf

der

einen

Seite

der

Straße

lag

das

ruhige

Mittelmeer,

auf

der

anderen

herrschte

schreckliche

Verwüstung.

Der

Kontrast

konnte

nicht

grö-

ßer

sein:

Männer

mit

kleinen

Lieferwagen

schenkten

Kaffee

an

die

Flüchtlinge

aus,

die

in

den

Ruinen

der

zerstörten

US-Botschaft

leb-

ten;

Bewaffnete,

die

unser

Auto

nach

Bomben

durchsuchten;

Stra-

ßenverkäufer,

die

zollfreie

Zigaretten

anboten;

ein

engumschlun-

genes

Liebespaar.

Ihre

Hand

lag

auf

seiner

Schulter

und

spielte

beiläufig mit dem Lauf seines Gewehres.

 

Bis

kurz

vor

Jounieh

folgten

wir

der

Küstenstraße,

dann

bogen

wir

ins

Landesinnere

ab.

Es

wurde

langsam

dunkel.

Bald

konnte

ich

nicht

mehr

erkennen,

wo

wir

uns

befanden

und

wohin

wir

fuhren.

Es

ging

bergan,

und

ich

begriff,

daß

wir

in

Richtung

Beka-Ebene

fuhren,

also

in

die

Heimat

der

iranischen

Fundamentalisten.

Eine

Entdeckung,

die

ganz

und

gar

nicht

dazu

angetan

war,

meinen

Pulsschlag

zu

beruhigen.

Schließlich

hielten

wir

an.

Wie

waren

in

einem

kleinen

Dorf.

Ich

sah

mich

um,

um

festzustellen,

wie

klein

es

war,

da

berührte

mich

Samir

sanft

am

Arm.

An

der

Tür

des

weißgetünchten

Hauses

standen

drei

Männer

in

grünen

Overalls.

Alle

drei

waren

bewaffnet.

Zu

meiner

Er-

leichterung

schien

Samir

sie

zu

kennen.

Dann

forderte

man

uns

auf

einzutreten.

Ich

hielt

mich

so

dicht

wie

möglich

hinter

Samir.

Wir

be-

traten

ein

geräumiges

Wohnzimmer.

Über

dunklen,

grob

gezimmer-

ten

Möbeln

italienischen

Stils

hingen

bunte

Bilder,

die

nach

westli-

chem

Geschmack

überladen,

schlecht

gemalt

und

kitschig

waren.

In

dem

Raum

befanden

sich

ungefähr

acht

Mann.

Einige

lümmelten

auf

Sofas,

andere

lehnten

an

der

Wand.

Dem

Zigarettenqualm

nach

zu

urteilen,

hätten

sie

schon

seit

Tagen

hier

sein

können.

Als

wir

eintra-

ten,

stand

einer

von

ihnen

auf

und

kam

uns

mit

ausgestreckter

Hand

entgegen.

Die

anderen

 

starrten

mich

an.

»Mein

Name

 

ist

Carlos.«

Wir

gaben

uns

die

Hand.

»Ich bin David Yallop.«

»Ja, ich weiß.« Er drehte sich zu den anderen um und sagte etwas auf arabisch. Sie verließen den Raum. Carlos bot mir einen Sessel an. Wir setzten uns. »Keine Probleme in Beirut?« »Nein, abgesehen von dem Krieg keine.« »Sie müssen mir verzeihen, wenn ich manchmal nicht die richtigen

Worte finde. Mein Englisch ist

gerostet.« Ein Diener trat ein und brachte Kaffee und Wasser auf einem Tablett. Carlos lächelte und sagte:

»Ich weiß, Sie trinken keinen Alkohol, aber ich habe gehört, daß Sie arabischen Kaffee mögen.« »Haben Ihre Leute Ihnen auch erzählt, warum ich Sie gesucht habe?« »Natürlich. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, und dann habe ich beschlossen, Ihnen zu helfen. Sie wissen natürlich, daß eine Menge Lügen über mich geschrieben worden sind. Ich glaube, es ist an der Zeit, daß jemand die Wahrheit erzählt. Ohne den ganzen Schwach- sinn.« Sein Akzent war merkwürdig: spanisch und doch auch wieder nicht. Auch Elemente anderer Kulturen waren herauszuhören. Er sprach lei- se und wurde nur gelegentlich etwas lauter, besonders wenn er in Fahrt kam. Sein Gesicht zeigte keinerlei Spuren einer plastischen Operation. Er sah eigentlich genauso aus wie der Mann auf den Fotos, die ich in meinem Handkoffer hatte - nur älter. Diese Fotos von ihm stammten aus einer Zeit, als er noch nicht in aller Welt bekannt war. Allerdings trug er inzwischen einen dicken, buschigen Schnurrbart. Außerdem hatte er zugenommen. Ich schätzte ihn auf rund zwei Zentner. Er hatte

ein-

«,

er suchte nach einem Wort, »

immer noch volles Haar, aber es war viel heller, als ich vermutet hatte. Seine braunen Augen fixierten mich, während wir miteinander spra- chen. Manchmal waren sie voller Leben, dann wieder ausdruckslos. Fünf, vielleicht auch zehn Minuten lang redeten wir über Belanglosig- keiten. Das war typisch arabisch. Solche Treffen haben etwas Rituelles. Man tauscht Höflichkeiten und Komplimente aus. Man schlürft Kaf- fee, wägt Positionen ab und fühlt dem anderen vorsichtig auf den

Zahn,

bis

man

schließlich

zur

Sache

kommt.

»Ich

nehme

an,

Sie

haben

viele

Fragen.«

»Ja, sehr viele.« »Haben Sie außer Ihren Aufzeichnungen auch einen Kassettenrecor- der dabei?« »Ja, aber er ist nicht eingeschaltet.«

»Natürlich nicht. Sie sind ja kein Narr. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht erlauben, unsere Unterhaltung aufzunehmen. Sie können sich aber so viele Notizen machen, wie Sie wollen.« Wieder gab er mir zu verstehen, daß er bereits viel über mich wußte. »Sie können Steno. So dürfte Ihnen das nicht schwerfallen.« »Trotzdem gibt es da noch ein Problem. Ich brauche einen Beweis, daß Sie wirklich Carlos sind.« »Was ich Ihnen über mich erzählen werde, kann niemand außer mir wissen.« »Es freut mich, das zu hören, aber es ändert nichts an meinem Pro- blem. Ich möchte mich keinen Anfechtungen aussetzen. Das letzte Interview, das Abu Nidal gab, wurde von den Israelis als Schwindel abgetan.« Er lachte schallend. »Die Israelis bestreiten jede Wahrheit, die ihnen nicht paßt. Das wissen Sie doch. Sie behaupten, sie seien das auser- wählte Volk. Und sie tun so, als hätten sie die Wahrheit gepachtet. Tut mir leid, Mr. Yallop. Kein Tonband, keine Fotos.« »Schön und gut, aber ich brauche irgendeinen definitiven Beweis. Frü- her haben Sie manchmal Ihre Fingerabdrücke auf einem Brief hinter- lassen, wenn Sie sich zu einer bestimmten Aktion bekannt haben. Das würde mir reichen. Niemand wird Ihre Fingerabdrücke als Schwindel abtun.« Er lachte erneut. »Ich werde eine Abmachung mit Ihnen treffen. Sie wollen, daß ich Ihnen meine Lebensgeschichte erzähle?« »Ja.« »Dann werden wir uns, glaube ich, mehr als einmal treffen müssen. Bei unserem letzten Gespräch werde ich Ihnen meine Fingerabdrücke geben.« Er lehnte sich über den kleinen Kaffeetisch, der zwischen uns stand, und fuhr fort:

»Wenn ich sie Ihnen vor unserem letzten Treffen gebe - und bitte, seien Sie jetzt nicht gekränkt -, dann weiß ich nicht, wen Sie mitbrin- gen.« » Einverstanden.« »Gut. Noch etwas Kaffee?« Er verließ den Raum. Ich nutzte die Gelegenheit und sah mich um. Ich konnte nirgendwo Bücher oder einen anderen Hinweis darauf ent- decken, daß Carlos hier wohnte. Es war nur eine konspirative Woh- nung - eine von vielen in seinem Leben. Auf einem Tisch am anderen

Ende des Raumes lagen ein paar Fotos. Ich sprang schnell hinüber und sah sie mir an. Mein eigenes Konterfei blickte mir entgegen, sogar mein Paßfoto war dabei. Als Carlos zurückkam, hatte ich bereits wieder Platz genommen. »Ich schlafe wenig und meistens nicht sehr gut. Das heißt, wir können uns stundenlang unterhalten. Möchten Sie jetzt anfangen?« Auf dieses erste Treffen, das bis in die frühen Morgenstunden dauerte, folgte im September 1975 ein zweites - ebenfalls im Libanon. Wieder wurde ich von Beirut aus nach Norden gefahren. Wieder sprachen wir die ganze Nacht miteinander. Ich versuchte, bei meinen Fragen mög- lichst chronologisch vorzugehen, aber natürlich schweiften wir immer wieder ab. Das war unvermeidlich. Der Übersichtlichkeit halber habe ich die folgenden Kapitel chronologisch geordnet. Sie enthalten auch Informationen, die ich bereits vor diesen Treffen recherchiert hatte. Bei unserem ersten Gespräch machte Carlos folgende Bemerkung:

»Ich bin bereit, Ihnen meine wahre Lebensgeschichte anzuvertrauen. Ich habe nicht vor, Ihnen irgend etwas zu verheimlichen, aber Sie müs- sen verstehen, wenn ich aus verschiedenen Gründen die eine oder an- dere Frage nicht beantworten kann.« Ich fragte ihn, was ihn dazu bewogen habe, mir zu vertrauen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lächelte. »Was ist das schon groß, wenn ich Ihnen meine Geschichte anvertraue. Sie vertrauen mir Ihr Leben an.«

Seine Geschichte P olitik hatte in der Erziehung von Ilich Ramírez immer eine Rolle gespielt.

Seine

Geschichte

Seine Geschichte P olitik hatte in der Erziehung von Ilich Ramírez immer eine Rolle gespielt. Sein

P olitik hatte in der Erziehung von Ilich Ramírez immer eine Rolle gespielt. Sein Großvater war Guerillaführer und kämpfte gegen verschiedene venezolanische Herrscher. Im Jahr 1899

schlug er sich mit seiner Truppe von der kolumbianischen Grenze bis nach Caracas durch und übernahm für kurze Zeit die Macht. Sein Vater, José Altagracia Ramírez Navas, war nicht nur ein erfolgreicher Rechtsanwalt, sondern wirkte in den vierziger Jahren auch an der Gründung einer neuen Partei mit, der Acción Democrática. Wegen seiner heftigen Kritik an der korrupten Politik der Partei ließen ihn die anderen Gründungsmitglieder 1946 ins Gefängnis werfen. Er trat daraufhin in den Hungerstreik und wurde erst nach über zweihundert Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt. Noch heute hält er Lenin für das »wichtigste Ereignis im 20. Jahrhundert, bevor der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte«. Im Jahr 1961 war Ilich Ramírez zwölf Jahre alt. Nach Jahren der Gewalt und verschiedener Diktaturen wurde Venezuela von der Acción De- mocrática regiert. Doch ihre Politik war alles andere als demokratisch und stand im krassen Gegensatz zu Señor Navas' Idealen. Alle Macht war in Caracas konzentriert; auf regionaler Ebene wurden keine politischen Entscheidungen getroffen. Präsident Romulo Betan- court setzte wiederholt alle Grundrechte außer Kraft. Er zensierte oder verbot Zeitungen, die Kritik an der Regierung übten oder auch nur die geringste Sympathie für die immer stärker werdende Guerillabewe- gung bekundeten. Er ließ die Universität schließen, politische Gegner verhaften, Parteien für illegal erklären und ihre Mitglieder festneh- men. Er hob die Versammlungsfreiheit auf und verbot Demonstratio- nen und Kundgebungen. Willkürliche Verhaftungen, Folterungen und

Gegner übernahm jetzt eine neugegründe-

te Polizeieinheit, die Dirección General de Policía, besser bekannt als Digepol. Ilich und sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Lenin besuchten die Colegia American, eine Privatschule im Bezirk San Bernardino in Ca- racas. Nach ihrem ersten Jahr auf dieser höheren Schule wurden sie von Jose Anfang 1962 am Liceo Fermín Toro angemeldet, einer ge- mischten staatlichen Schule, auf der die Hochschulreife erworben wer- den konnte. Vor dem Hintergrund landesweiter Unruhen und bewaff- neter Guerillabewegungen war die Schule außerdem ein Nährboden für junge Revolutionäre. Dich Ramírez' Eltern führten eine wechselvolle Ehe, die von langen Trennungsphasen geprägt war. Trotz ihrer engen Beziehung zu den Kindern hatten sie zu der Zeit, als Vladimir geboren worden war, ern- ste Eheprobleme gehabt. Doch inzwischen waren sie wieder versöhnt, und die Familie lebte in einem alten Stadtteil namens El Silencio, der schon damals ziemlich heruntergekommen war. Ihre Wohnung - Nummer 7 in Block 1 einer großen Siedlung - erinnerte stark an die seelenlosen Sozialwohnun- gen, die man auch in Europa kennt. Das Haus stand am O'Leary- Platz, der sich in den sechziger Jahren regelmäßig in ein Schlachtfeld verwandelte. Dort versammelten sich die Studenten, die mit der Gue- rilla sympathisierten, und riefen regierungsfeindliche Parolen. Mit der gleichen Regelmäßigkeit rückten auch Polizei und Armee an und trieben die Menge mit Schlagstöcken und Tränengas auseinander. Die Familie Ramírez konnte das Geschehen von ihrer Wohnung aus verfolgen. »Meine ersten Kampferfahrungen sammelte ich in Venezuela. Ich war sehr aktiv an den Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Po- lizei beteiligt. Ich erinnere mich gut an die Molotowcocktails, an die Schußwaffen. Wir haben Autos in Brand gesteckt und Steine auf die Ordnungskräfte geworfen. Unsere Schule lag im Stadtzentrum. Ich war bei vielen Demonstrationen dabei. Ich war sogar einer der Anfüh- rer. Wir haben immer wieder den Verkehr in der Stadt lahmgelegt. Das alles habe ich am Fermin Toro gelernt. Manchmal arbeiteten wir mit den Guerillas zusammen. Wir lenkten die Polizei ab, damit die Guerillas eine Operation durchführen konnten. In diesen Jahren [1963 bis 1966] kam ich zum erstenmal wirklich mit den Armen in Kontakt. Sie kamen aus den >Barrios<, den schäbigen Elendsvierteln rund um Caracas, herüber. Seit dieser Zeit identifizierte

die Ermordung politischer

ich mich mit den Ärmsten unseres Volkes. Der erste wirkliche An- schlag, an dem ich mich beteiligte, war der auf die Büros der Pan Am. Wir warfen einen Molotowcocktail. Später spaltete sich unsere Grup- pe. Der eine Teil ging in die Berge und schloß sich Douglas Bravo und den anderen Guerillas an, der Rest, zu dem auch ich gehörte, blieb aus Ausbildungsgründen in der Stadt. Ich wurde der Anführer unserer Gruppe an der Schule. Ich war der Kopf der kommunistischen Jugend- bewegung am Fermin Toro.« Im Jahr 1966 legten Ilich und Lenin am Fermin Toro ihre Abschluß- prüfung ab, die sie zum Studium an der Universität von Caracas be- rechtigte. War das Fermin Toro ein Nährboden für junge Revoluzzer, so war die Universität die reinste Kaderschmiede. Jose Ramírez ahnte, was bevorstand, wenn seine Söhne in Caracas blieben. Ilich erinnerte sich: »Mein Vater hatte Angst. Nicht um sich selbst, sondern um mich. Er war sehr beunruhigt über meine Aktivitäten: Ich war der Kopf der kommunistischen Jugendbewegung und hatte über 200 Schüler unter mir. Wir stritten uns oft über Politik. Er wollte mich so weit wie möglich von den Rebellen in Venezuela weghaben. Deshalb beschloß er, die Familie nach London zu schicken.« Als Carlos mir zu erzählen begann, wie er Mitte August 1966 mit seiner Mutter und seinen Brüdern nach London geflogen war, wies ich ihn darauf hin, daß wir seine Reisen nach Kuba und die Ausbildung, die er dort erhalten habe, ausgelassen hätten. Er war verblüfft:

»Wir haben deshalb nicht über diese Reisen gesprochen, weil sie nie stattgefunden haben. Ich bin nie in Kuba gewesen.« Ich entgegnete, daß über diesen Aspekt seines Werdegangs seit Jah- ren viel berichtet und geschrieben worden sei. In Fernsehsendungen, Hunderten von Zeitungsartikeln und mehreren Büchern sei behaup- tet worden, daß ihn die Kommunistische Partei Venezuelas 1966 zu einer Spezialausbildung nach Havanna geschickt habe. »Und Sie? Glauben Sie das alles etwa?« »Wollen Sie damit sagen, daß die ganze Geschichte von Ihrer Ausbil- dung in Kuba nicht stimmt? Daß es sich um Desinformation han- delt?« »Ich will damit sagen, daß das purer Schwachsinn ist. Im Januar 1966 war ich noch auf der Schule und habe gebüffelt. Bis zu meiner Ab- schlußprüfung waren es nur noch ein paar Monate. Die Vorstellung, ich hätte mittendrin aufgehört, um an dieser Konferenz teilzuneh- men, ist absurd.« »Und die anschließenden Schulungen auf Kuba?«

»Wie ich Ihnen bereits sagte: Ich bin nie in Kuba gewesen. Nicht ein einziges Mal.« »Sie waren 1966 also mit Prüfungsvorbereitungen beschäftigt?« »Ja.« »Trotzdem hatten Sie noch genug Zeit, um an Demonstrationen teil- zunehmen, Molotowcocktails zu werfen und Autos in Brand zu stek- ken. Außerdem wurden Sie am Fermín Toro Anführer der kommuni- stischen Jugendbewegung.« »Hier mal eine Stunde und dort mal dreißig Minuten herausschlagen, das ist doch etwas ganz anderes. Wie lange soll ich denn in Kuba ge- wesen sein?« »In keinem der Berichte werden Angaben über die Dauer ihres Auf- enthalts gemacht, aber eine solche Ausbildung dauert wohl eher ein paar Monate als ein paar Tage. In einem Bericht, dem ausführlichsten, heißt es, Sie hätten die Ausbildung Ende 1966 gemacht. Da hatten Sie das Fermín Toro bereits verlassen.« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, wohin ich nach der Schule gegangen bin. Ich bin mit meiner Familie nach London geflogen.« In Gedanken legte ich die Sache mit der angeblichen Ausbildung in Kuba vorerst einmal zu den Akten und ging zu einem anderen Thema über. Meine Fragen zu Kuba hatten seine Stimmung merklich getrübt. Sie hellte sich wieder auf, als er mir von den swinging sixties in London erzählte. Auslandsreisen waren für die Familie nichts Neues (während einer der Trennungsphasen der Eltern im Jahr 1958 hatten die Jungen mit ihrer Mutter, Elba Maria Sánchez, ein Nomadenleben geführt und viele Mo- nate in Kingston auf Jamaica, in Mexico City, auf den Westindischen Inseln und in Caracas verbracht). Doch auf London waren die Jungen nicht vorbereitet: Die Musik der Beatles, der Rolling Stones und der Kinks hatte mit den lateinamerikanischen Rhythmen von Caracas we- nig gemeinsam. Frauen in Miniröcken, Espressobars, Boutiquen und das bunte Treiben auf den Straßen waren nur einige der neuen und aufregenden Dinge, die es zu entdecken gab. Anfang September schickte Elba Sánchez die drei Jungen wieder zur Schule. Ilich und Lenin kamen nach Stafford House, auf eine »Pauk- schule«, die speziell auch Englischkurse für ausländische Studenten anbot. Im ersten Jahr büffelten die beiden hauptsächlich Englisch. Später kamen die Fächer Physik, Mathematik und Chemie hinzu, wo- bei das Niveau den Anforderungen der mittleren Reife entsprach. Rückblickend bemerkte Carlos mit einem Lächeln:

»Das war die Zeit, in

der

ich

nicht

nur

jeden

Tag

im

Stafford

House

in

Kensington

gepaukt

habe,

sondern

nach

dem,

was

Sie

gelesen

ha-

ben,

auch

noch

Trainingskurse

in

Kuba

absolvierte.«

Nach Abschluß der mittleren Reife im Juni 1967 wechselten die beiden Brüder an eine weitere »Paukschule«, das Earls Court Tutorial College

am Redcliffe Square. Hier konnten

sie

die

Hochschulreife

erwerben.

Auch in

dieser

Zeit

führten

sie

ein

ganz

normales

Leben.

So

waren

es

nicht etwa Ausbilder

des

KGB,

die

ihm

die

erste

Pistole

in

die

Hand

drückten,

um

eine

Einmannarmee

aus

ihm

zu

machen,

sondern

Mit-

glieder eines Schießsportvereins in Chelsea. Carlos behauptete, er sei

diesem Club 1966

zusammen

mit

Lenin

beigetreten.

Ich

fragte

ihn,

ob er sich je der besonderen

Ironie

bewußt

gewesen

sei,

die

darin

lie-

habe.

Er nickte sofort zustimmend mit dem Kopf.

»Ja, sehr oft. Wenn nicht der Westen, sondern der Osten beschlossen hätte, meinetwegen eine Desinformationskampagne zu starten, dann

wurde

vom britischen Secret Service auf einer Eliteschule im Herzen Lon-

dons zum Killer ausgebildet. Als er dort anfing, traf er nicht einmal die Scheibe. Aber nach dem Training war ein Meisterschütze bereit, für seine britischen Auftraggeber zu töten. <«

hätten sie sicher ihren

ge,

daß

er

ausgerechnet

von

Engländern

das

Schießen

gelernt

Spaß

an

solchen

Details

gehabt.

>Er

Zu

Hause

in

Venezuela

besetzten

die

Streitkräfte

1967

die

Zentraluni-

versität in Caracas, und

Douglas

Bravo

und

seine

Guerillas

verübten

von ihren Schlupfwinkeln

in

den

Bergen

aus

immer

noch

Anschläge.

Doch für Ilich,

den

das

Leben

in

London

inzwischen

voll

in

Anspruch

nahm,

war

das

eine

andere

Welt,

eine

andere

Zeit.

Ende 1967 stieß Vater Jose zu seiner Familie in London. Die wechsel-

hafte Ehe zwischen

ihm

und

Elba

bekam

wieder

Auftrieb.

Als

die

Fa-

milie

in

ihrer

Wohnung

in

Earls

Court

Weihnachten

feierte,

wurde

auch über die Zukunft der

drei

Jungen

gesprochen.

Unter

anderem

wurde ein Studium an der Pariser Sorbonne in Betracht gezogen. Kurz darauf besuchte die Familie Paris. Der Vater war von der Universität

in

der Stadt. Kurz und gut, der Plan wurde fallengelassen. Anfang 1968 büffelten die Brüder bereits wieder in ihrer Londoner »Paukschule«. Ihre Zukunft blieb vorerst noch ungeklärt. Vor ihrer Abreise aus Caracas hatten Ilich und Lenin eine Aufnahme- prüfung für die Patrice-Lumumba-Universität in Moskau abgelegt und ein Stipendium beantragt. Normalerweise wurden Stipendien nur Par- teimitgliedern bewilligt. Doch weder Jose noch einer seiner Söhne wa-

begeistert. Weniger begeistert war

er

von

den

Immobilienpreisen

ren Parteimitglieder und wurden es auch später nie. Der Vater be- wunderte zwar Marx und Lenin, deshalb aber der Kommunistischen Partei beizutreten wäre ihm nie in den Sinn gekommen, insbesondere nachdem Chruschtschow in seiner Rede auf dem 20. Parteitag einige wahrhaft monströse Züge Stalins enthüllt hatte. Gleichwohl unterhielt Jose gute Beziehungen zu Gustavo und Eduardo Machado, den bei- den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei Venezuelas (VCP). Die VCP war bereit, den beiden Brüdern Stipendien für die Patrice-Lu- mumba-Universität zu gewähren. Während die offiziellen Anmeldefor- malitäten erledigt wurden, gaben Ilich und Lenin ihre Vorbereitungen auf die englische Abiturprüfung auf und nahmen Unterrichtsstunden in Russisch. Elba Sánchez hatte eine 70jährige Nonne namens Alexia Haxel ausfindig gemacht, die in Holland Park Russisch unterrichtete. Alexia Haxel war zweifellos eine vernünftige Wahl, was die Unterrichts- gebühren betraf. Da sie aber nach dem Sturz des Zaren aus Rußland emigriert war, brachte sie den Brüdern eine Sprache bei, die in der heutigen Zeit kaum von Nutzen war. Als die beiden im September 1968 in Moskau eintrafen und ihre Kenntnisse der Landessprache an den Mann bringen wollten, lösten sie Erstaunen und Heiterkeit aus. Zwei Lateinamerikaner, die Ilich und Lenin hießen und obendrein ein Rus- sisch aus der Zeit vor der Revolution sprachen, waren ein herrlicher Witz. Lenin wurde häufig von Mädchen angesprochen und nach sei- nem Namen gefragt, und wenn er dann antwortete, brüllten sie vor Lachen. Glaubt man den Berichten und Behauptungen vieler Terrorismus-Ex- perten, so wurde an der Patrice-Lumumba-Universität nur wenig aka- demische Arbeit geleistet. Diese selbsternannten Experten gaben ihr so schillernde Namen wie »Schule des Terrorismus« oder »Killerkol- leg« und beschrieben sie als revolutionäre Kaderschmiede, an der Stu- denten aus der Dritten Welt für die Weltrevolution gedrillt wurden. Die Wirklichkeit ist wesentlich prosaischer. Die Universität wurde 1961 gegründet, im selben Jahr, als der erste Ministerpräsident der damaligen Republik Kongo, nach dem sie be- nannt wurde, von der CIA ermordet wurde. Zu der Zeit, als die beiden Ramírez-Brüder dort studierten, bestand der Lehrkörper aus rund 1200 Dozenten. Achtzig Prozent von ihnen hatten einen Magisterab- schluß oder hatten promoviert. Seit vielen Jahren war diese Universität der wichtigste Beitrag der Sowjetunion zur Verbesserung des Bildungs- niveaus in der Dritten Welt. Zwei Drittel der rund 6000 Studenten ka-

men aus Asien, Afrika und Lateinamerika; der Rest waren sowjetische Studenten. Auf fünf Studenten kam ein Dozent. Damit schnitt die Uni- versität im Vergleich mit vielen westlichen Universitäten sehr gut ab. Und anders als viele ihrer Pendants im Westen wurde sie großzügig mit Mitteln ausgestattet. Damit die Studenten über ausreichende Rus- sischkenntnisse verfügten, nahmen sie im ersten Studienjahr an einem vorbereitenden Sprachkurs teil. Der Schwerpunkt lag auf den Natur- wissenschaften, und viele Absolventen verließen die Universität mit hochqualifizierten Abschlüssen. Die Studenten kamen aus über 90 Ländern und wurden von sowjetischen Freundschaftsgesellschaften im Ausland ausgesucht. Der politische Hintergrund spielte dabei keine Rolle. Eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei wurde nicht vorausgesetzt. Die Studienregelung war sehr streng, mit genau festgelegten Ausbil- dungsstufen und regelmäßigen Prüfungen. Prügeleien und Trunken- heit wurden von Studentenkomitees mit strengen Strafen geahndet. Sportunterricht war für alle Pflicht. Der Rektor, Professor Wladimir Stanis, sah es nicht als Aufgabe seiner Universität an, überzeugte Kom- munisten heranzubilden, wenngleich er einräumte, daß »es schön wä- re, wenn Kommunisten aus ihnen werden«. Aber natürlich war auch der KGB an der Universität stark vertreten. Je- der Fachbereich und jede Studentenabteilung wurde von einem KGB- Angehörigen geleitet. Die ausländischen Studenten wurden auf Drei- bettzimmer verteilt, wobei der dritte Mitbewohner immer ein Russe war. Bei der Ankunft wurde jeder Student von einem Mitglied des KGB heimlich bewertet. Wer dabei besonders gut wegkam, wurde sofort »ak- tiviert«. Der Rest wurde lediglich überwacht, gewöhnlich von dem rus- sischen Zimmergenossen. In regelmäßigen Abständen wurden Berich- te verfaßt und »Neubewertungen« der Studenten vorgenommen. In dieser fremdartigen Welt trafen die Ramírez-Brüder im Herbst 1968 ein. Sie kamen nicht wie viele andere aus der Armut und Rückständig- keit der Dritten Welt, sondern aus dem lebenslustigen London. Anders als viele ihrer neuen Kommilitonen hatten Ilich und Lenin nicht die Erfahrung eines Flüchtlingslagers im Nahen Osten hinter sich. Hunger und Entbehrungen, die das Leben ihrer Mitstudenten aus Afrika ge- prägt hatten, waren ihnen unbekannt. Und sie wußten auch nicht, wie man unter dieser Form von totalitärer Herrschaft lebte, mit der ihre neuen Freunde aus den Ostblockstaaten nur zu vertraut waren. Viele Kommilitonen waren hoch motiviert, nahmen das Leben im all- gemeinen sehr ernst und befolgten die Regeln der Universität, ohne

sie zu hinterfragen. Die Lateinamerikaner, oder zumindest einige, hat- ten eine ganz andere Lebensauffassung. Die meisten waren zwar bereit, hart zu arbeiten, neigten gleichzeitig aber dazu, das Für und Wider zu erörtern, zu widersprechen und den Unterricht zu stören. Besonders Ilich fühlte sich von dieser anderen Art zu studieren sehr angezogen. »Mein Vater hatte uns immer gelehrt, unsere Lehrer in Frage zu stel-

len, wenn sie Meinungen von sich gaben, die uns

dubios vorkamen. In Moskau haben wir sehr viele

Fragen gestellt.« »Man muß Sie für lästige Störenfriede gehalten haben.«

»Einige von uns, mich eingeschlossen, gingen ihnen ganz schön auf den Wecker.« Wir steuerten geradewegs auf einen weiteren brisanten Punkt zu. Oh- ne den Gesprächsfluß zu unterbrechen, näherte ich mich dem Thema auf Umwegen. »Ihr Vater hat Sie auch gelehrt, daß Marx und Lenin wie niemand sonst die Geschichte der Menschheit beeinflußt hätten. Und Ende

1968

Sie

gleich das Wort

wie war doch

waren

Sie

dann

plötzlich

in

der

Sowjetunion.

War

das

für

in gewisser Weise eine historische Heimkehr?« »Ganz so bedeutungsvoll war es nicht, aber wir waren schon sehr neu- gierig darauf, wie es dort aussah. Mit eigenen Augen zu sehen, wie die Menschen in der Sowjetunion lebten. Wir hatten viel darüber gelesen,

und unser Vater hatte uns viel erzählt. Nun hatten wir Gelegenheit, das Leben im Kommunismus kennenzulernen.« »Wie fiel der Vergleich zwischen Theorie und Praxis aus?« »Sehr negativ. Das Leben in Rußland, jedenfalls im Moskau der Jahre

Ich

spreche nicht vom einfachen Volk. Ich spreche von den Ämtern und Behörden. Alles wurde einem vorgeschrieben. In Moskau begriff ich zum erstenmal, was mit dem Begriff Linientreue wirklich gemeint war:

>Sie nehmen heute abend an einer Sitzung der Kommunistischen Par- tei Venezuelas teil. Am Samstag nachmittag nehmen Sie an einem Tref-

fen des Verbands der lateinamerikanischen Studentenverbände teil. Sie werden die Stadt nicht ohne Genehmigung verlassene Und so wei- ter

« »Und wie haben Sie auf solche Anweisungen reagiert?« »Hören Sie, ich war 19 Jahre alt, als ich nach Rußland kam. Moskau war voll von schönen jungen Frauen, die sich amüsieren wollten. Was glauben Sie wohl, wie ich reagiert habe? Wenn man mich vor die Wahl stellt, ob ich über die Haltung der venezolanischen Partei zu Gueril-

1968 bis

1970,

hatte

mit

den

Lehren

Lenins

sehr

wenig

zu

tun.

laaktionen diskutieren will oder lieber

Musik

höre

und

mit

einer

Frau

und

einer

Flasche

Wodka

eine

schöne

Zeit

verbringe,

steht

die

politi-

sche Diskussion

natürlich

weit

unten

auf

meiner

Prioritätenliste.«

Aus

unserem

Gespräch

wurde

deutlich,

daß

die

swinging

sixties

für

Ilich

und

Lenin

genaugenommen

nicht

in

London,

sondern

erst

in

Moskau

begannen.

Fern

von

der

Familie

genossen

sie

ihre

Freiheit

wie

Kinder,

die

man

auf

eine

Süßwarenfabrik

losläßt.

Beide

hatten

sich

für

einen

Ingenieurstudiengang

eingeschrieben.

Sie

studierten

mit

großem

Eifer,

aber

mit

noch

größerem

Eifer

vergnügten

sie

sich.

Als

die

Kommunistische

Partei

Venezuelas

(VCP)

ihre

Stipendiaten

anwies,

keine

Beziehungen

zu

Studenten

aus

Kuba,

Mexiko,

Kolum-

bien

und

Panama

zu

knüpfen,

setzten

sich

die

Ramírez-Brüder

und

einige ihrer Landsleute

über

diese

Vorschriften

hinweg

und

freunde-

ten

sich

gerade

zum

Trotz

mit

Studenten

aus

diesen

Ländern

an.

Als

die

Kommunistische

Partei

Venezuelas

offiziell

erklärte,

sie

strebe

eine

politische

Veränderung

mit

friedlichen

Mitteln

an,

also

auf

dem

Weg

über

die

Wahlurne,

spalteten

sich

die

Studenten

in

zwei

Lager.

Die

einen

bezogen

eine

Position,

die

rechts

von

der

Parteilinie

lag,

und

wollten

mit

der

Verwirklichung

der

Demokratie

gleich

innerhalb

der

Studentengruppe

beginnen,

die

anderen

überholten

die

Partei

links

außen

und

unterstützten

den

venezolanischen

 

Guerillaführer

Douglas

Bravo

und

seine

Gefolgschaft,

die

nach

wie

vor

jede

Mög-

lichkeit

einer

politischen

Veränderung

mit

friedlichen

Mitteln

bestrit-

ten

und

fortfuhren,

die

Regierung

von

ihren

Camps

in

den

Bergen

aus

zu

bekämpfen.

Heimlich

begann

Ilich,

eine

»Pro-Bravo-Zelle«

in

die

Gruppe

einzuschleusen,

die

den

demokratischen

Weg

befürwor-

tete.

Begriffe

fizierungen

wie

»rechts«

Art

dieser

und

»demokratischer

Weg«

sind

dehnbar.

Ihre

Auslegung

hängt

wie

ganz

alle

vom

Klassi-

Stand-

punkt

des

einzelnen

ab. Was der rechte Flügel innerhalb der Studen-

tengruppen

anstrebte,

war nicht die Art von Demokratie, wie man sie

in

in

den

USA

oder

Großbritannien findet. Diese Gruppe hatte mit

den hitzigen Debatten in westlichen Parlamenten nichts im Sinn. Sie strebte nach strikter, unkritischer Konformität mit einem vorgegebe-

nen,

in

diesem Falle konservativen, Standpunkt. Während Ilich seine

Studien

und

Trinkgelage fortsetzte, infiltrierte er mit rund 25 gleich-

gesinnten

Rebellen

die gegnerische Gruppe, um sie auszuspionieren

und

Bravo

Fall sollte sie weitreichende Konsequenzen haben.

seine

Erkenntnisse an die Gruppe weiterzugeben, die mit Douglas

sympathisierte. Das war nur Studentenpolitik. Doch in diesem

Obwohl

die

Eltern

der

beiden

Ramirez-Brüder

in

dieser

Zeit

ihre

Scheidung

einreichten,

bestand

ihre

merkwürdige

Halbehe

weiter.

Se-

nor

Ramírez

Navas

setzte

die

monatlichen

Zahlungen

an

seine

Frau

fort

und

nahm

weiterhin

lebhaften

Anteil

an

der

Entwicklung

seiner

Söhne.

Jose

und

Elba

hielten

ihre

Kinder

für

perfekte

Geschöpfe.

Während

die

Mehrheit

der

Studenten

an

der

Patrice-Lumumba-Uni-

versität

mit

90

Rubeln

(zu

der

Zeit

etwa

400

Mark)

zurechtkommen

mußte,

die

von

den

Sowjets

monatlich

ausgezahlt

wurden,

erhielten

die

beiden

Ramirez-Brüder

von

ihrem

Vater

regelmäßig

zusätzliche

Schecks

über

100

bis

200

Dollar.

Dieses

Geld

ermöglichte

ihnen

ein

verschwenderisches

Dolce

vita,

an

dem

sie

auch

ihre

Freunde

teilha-

ben

ließen.

Die

Autoritäten

runzelten

die

Stirn,

und

die

VCP

prote-

stierte.

Doch

Jose

ignorierte

die

Warnsignale.

Er

schob

ihre

Einwände

beiseite

und

schickte

seinen

Söhnen

weiterhin

Geld.

Im

März

1969

verwarnten

die

Universitätsbehörden

200

Studenten,

weil

sie

vor

einer

ausländischen

Botschaft

demonstriert

und

einen

Auf-

ruhr

angezettelt

hatten.

Unter

ihnen

war

auch

Ilich.

Ihm

wurden

zu-

sätzlich

»Rowdytum

und

Beschädigung

von

Privateigentum«

vorgewor-

fen.

Alles

hatte

damit

angefangen,

daß

rund

30

iranische

Studenten

von

ihrer

Botschaft

die

Mitteilung

erhielten,

daß

ihre

Pässe

nicht

verlän-

gert