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Kapitalismus: Eine Verteidigung

Ein Buch für jedermann, jenseits des El fenbeinturms,


über die konzeptionelle Entwicklung des Kapitalismus
und der Regierungsformen. Eine Verteidigung des
Kapitalismus, Kritik an vermeintlichen Alternativen und
eine Diskussion aktueller gesellschaftlicher
Problemfelder.

Benjamin Scherer

© 2020, Frankfurt am Main

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Vorwort

Dieser Essay erzählt die Geschichte des Kapitalismus. Von der Tierwelt zu den
Jägern und Sammlern zur modernen Gesellschaft.

Dieser Essay will dabei nicht wissenschaftlich oder historische Präzise sein. Es
ist vielmehr der Versuch mit einfachen Mitteln und überzeugenden
Argumenten die Entwicklung gesellschaftlicher Komplexität aus den
Grundprinzipien des Kapitalismus abzuleiten.

Was aus diesem Essay geworden ist, ist nicht nur eine moderne Neuerzählung
der Geschichte des Kapitalismus und der Staatstheorie. Es geht vor allem darum
gesellschaftliche Komplexität zu zeigen, die sich im Laufe des Wachstums von
Gemeinschaften immer weiter in Institutionen und rechtlichen Konstrukten
ausdrückt. Das Rechtssystem und das politische System reagieren dabei immer
auf die entstehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Das ist also nicht nur der
Versuch die Geschichte der Menschheit über eine Art historischen
Materialismus nach zu erzählen, sondern verdeutlich auch die Dialektik
zwischen Ideen und materiellen Verhältnissen.

Was auch breiter als üblich diskutiert wird ist die Frage nach Tabus und
Geheimnissen und dem was immer wieder als Geheimwissen thematisiert wird.
In dem Geheimwissen soll nicht nur eine bislang in der Literatur nicht beachtete
Form des Kapitals und deren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung
gezeigt werden. Das Geheimwissen ist die Basis für die Argumente für die
Resilienz des kapitalistischen Systems und damit, zusammen mit der
gesellschaftlichen Komplexität, die Grundlage für eine klare Kritik an
politischen Ideologien wie dem Marxismus, dem Sozialismus und dem
Anarchismus.

Für den Leser wird durch die Lektüre nicht nur eine neue Sichtweise auf das
kapitalistische System eröffnet. Gerade weil dieser Essay nicht wissenschaftlich
ist und zur Gegenmeinung und Kritik einlädt, soll er auch zum Nachdenken
anregen und einen Diskurs ermöglichen.

Das Motiv hinter der Verfassung des Essays war auch einfach. Die Gedanken des
Autors schärfen, Konstrukte in die Staatstheorie einpflegen die nicht
hinreichend beachtet wurden und deren Folge zu analysieren. Und zuletzt einen
Grund zu finden, wieso Kapitalismus scheitert und wie alternative Ideologien zu
beurteilen sind.

In den letzten Kapiteln werden Themen angesprochen, mit denen sich der Autor
auseinander setzt und die ebenfalls zum Denken anregen sollen. Sie befassen
sich mit der Frage, wo die akuten Probleme der westlichen, kapitalistischen
Gesellschaft zu sehen sind und wie man ihre Brisanz einzuschätzen hat. Da
dieses Buch in drei Wochen geschrieben und nicht lektoriert wurde, bittet der
Autor um die Nachsicht des Lesers.

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Inhalt

Kapitel 1: Vormenschliches Alter und Stämme ohne Handel ............................................ 7


A. Einführung......................................................................................................... 8
B. Gesellschaft vor Werkzeugen ............................................................................ 8
1. Eigentum ..................................................................................................... 9
2. Kredit ......................................................................................................... 17
3. Fraktionen und Politik ................................................................................ 21
4. Wettbewerb, Kapitalakkumulation, Klassen .............................................. 29
5. Erb- und Ehe- und Familienrechts .............................................................. 35
6. Jagd, Gewalt, Hierarchie, Kollektivaufgaben .............................................. 40
7. Geheimkapital: Wissen, Information, Beziehung ....................................... 44
8. Täuschung, Spione und Beginn des Straf- und Prozessrechts .................... 46
C. Gesellschaft mit Werkzeugen.......................................................................... 52
1. Sachen und Handelsrecht: ......................................................................... 52
2. Währung und Schriftsprache ..................................................................... 56
D. Erste Diskussion zu politischen Ideologien ...................................................... 58
1. Die Egalistische Herrschaftsform: .............................................................. 58
2. Formen des Faschismus: ............................................................................ 59
3. Formen des Totalitären: ............................................................................ 60
4. Platon und die 4 Stände ............................................................................. 61
5. Staatstheorie bei Aristoteles...................................................................... 62
Kapitel 2: Nomadenvölker und Außenhandel.................................................................. 65
A. Einführung....................................................................................................... 66
B. Neue Formen bei Handel ................................................................................ 69
1. Der Handel zwischen den Stämmen .......................................................... 69
2. Geheimwissen über Beziehungen und Handelsklasse ............................... 74
3. Anonymität, Strafrecht, Reputation........................................................... 76
4. Kriegsführung und Gemeinwesen .............................................................. 80
5. Erste Formen des Staatswesens ................................................................ 84
C. Wirtschaftspolitik ............................................................................................ 86
1. Sparquoten und Wirtschaftsleistung ......................................................... 86

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2. Innovationspolitik ...................................................................................... 87
3. Außen-Wirtschaftspolitik ........................................................................... 89
D. Politische Ideologien ....................................................................................... 90
4. Egalitäre, Faschistische und Totalitäre Strukturen ..................................... 90
5. Republik- und Regierungsstruktur entsteht ............................................... 92
Kapitel 3: Siedlungen und Stadtstaaten........................................................................... 95
A. Wirtschaft und Recht im Gemeinwesen .......................................................... 97
1. Boden und Eigentum ................................................................................. 97
2. Weitere Ausweitung des Rechtswesens .................................................... 99
3. Kontrollierter Raum und Bewegung ........................................................ 105
4. Raum für Meinung und Beeinflussung ..................................................... 109
5. Privatsphäre und Kapitalakkumulation .................................................... 110
6. Komplexitätsdynamik .............................................................................. 114
7. Elemente der Klassenverstärkung............................................................ 120
B. Der Staat und die Regierung ......................................................................... 124
1. Entstehen des Gemeinwesens und der Regierung................................... 125
2. Machtkonflikte und Dynamik der Regierungsformen .............................. 127
3. Innenpolitische Kollektivaufgaben - Beispiele: ........................................ 130
4. Verrohung und Regulierungswahn .......................................................... 133
C. Die Geschichte der Bodenlosen Klassen beginnt........................................... 137
1. Boden und Handelsklasse ........................................................................ 137
1. Geheimwissen und verborgene Gesellschaften ....................................... 146
D. Analyse der zentralen Themen der Siedlungsgesellschaft............................. 148
Kapitel 4: Gemeinschaften, Werte und Rechtswesen ................................................... 150
A. Gemeinschaften ............................................................................................ 151
1. Gemeinschaftsdiskurs .............................................................................. 151
2. Gemeinschaftsleben ................................................................................ 153
3. Gescheiterte Gemeinschaften ................................................................. 154
B. Rechtssystem der Gemeinschaft ................................................................... 156
1. Das Basissystem des Rechts in der Gemeinschaft .................................... 156
2. Problemfälle des Rechtssystems .............................................................. 158
C. Bedeutung für die Institutionen der Gesellschaft ......................................... 161
Kapitel 5: Politische Ideologien ..................................................................................... 164
A. Diskussion politischer Ideologien .................................................................. 165

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3. Anarchismus ............................................................................................ 165
4. Sozialismus .............................................................................................. 165
5. Kommunismus ......................................................................................... 168
6. Marxismus ............................................................................................... 170
7. Kapitalismus............................................................................................. 172
A. Diskussion zur Gestaltung des Staatswesens ................................................ 176
1. Die Stellungen unter den Gesellschaftsschichten: ................................... 176
2. Die Stellung der Regierung und der Gesellschaft ..................................... 178
3. Die Stellung der Gruppe zu anderen Gruppen ......................................... 180
4. Mischformen ........................................................................................... 184
5. Rhetorische Erfindungen: ........................................................................ 188
B. Wirtschaftspolitische Schulen ....................................................................... 194
C. Der Staat und seine Grundformen ................................................................ 195
1. Was wir über die Struktur von Gruppen wissen ...................................... 196
2. Kernelemente des stabilen Staates.......................................................... 197
3. Die Fundamente des demokratischen Prozesses ..................................... 197
Kapitel 6: Der föderale Bundesstaat und Supranationale Strukturen ............................ 201
A. Die Entstehung des föderalen Bundesstaates ............................................... 202
1. Stadtstaaten wachsen entlang von Gemeinden. ..................................... 202
2. Fürstentümer werden zu Bundesstaaten................................................. 205
3. Aufbau der föderalen Regierungsstruktur ............................................... 207
B. Die bodenlosen Staaten mischen sich ein ..................................................... 210
1. Die bodenlosen Gesellschaften mischen sich ein..................................... 210
2. Wissen und Staatspolitik – Das Modell Kirche ......................................... 211
3. Wissen und Finanzierungsnetze – Das Modell der Finanzelite ................ 212
C. Der Gegenentwurf im Modell Chinas ............................................................ 214
Kapitel 7: Weltgeschichte in Aktion ............................................................................... 218
A. Öffentliches Diskursversagen ........................................................................ 219
1. Exemplarische Diskurse ........................................................................... 219
2. Erweiterter Kontext des Institutionsversagens ........................................ 220
3. Eine Hypothese ........................................................................................ 221
B. Versagen der Gemeinschaft und Zivilgesellschaft ......................................... 225
C. Glaubens- und Kulturkriege .......................................................................... 227
D. Hegemonialkonflikte China und USA. Eine Deutung ..................................... 230

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1. Das Liberale Modell des Westens in der Krise ......................................... 231
2. Das staatliche Modell Chinas ................................................................... 234
E. Wer ist der Böse, wenn es nicht der Kapitalist ist? ....................................... 235
1. Die Ideologen: Die Anarchisten, Antifaschisten, Marxisten, Kommunisten,
Sozialisten, Kapitalisten ...................................................................................... 235
2. Die Arbeitgeber ....................................................................................... 236
3. Den Milliardär und die Elite ..................................................................... 237
4. Die Bodenlosen Klassen ........................................................................... 238
5. Die großen Institutionen .......................................................................... 239
6. Schuld ist man selbst. .............................................................................. 240
Kapitel 8: Schlussbemerkungen ..................................................................................... 242
A. Zurück zum Kapitalismus ............................................................................... 243
B. Viva La Revolucion ........................................................................................ 244

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Kapitel 1: Vormenschliches Alter und
Stämme ohne Handel

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A. Einführung

Im Folgenden betrachten wir die politische Ökonomie eines sehr


einfachen Stammes und untersuchen die Frage, wie weit zurück wir in
unserer Ahnengeschichte und in die Tierwelt gehen können, um dort
Basis Konstrukte des Kapitalismus, der Ökonomie und Politik zu finden.
Wir bedienen uns dabei keinen historischen oder wissenschaftlichen
Methoden, sondern einfachen hoffentlich einleuchtenden Annahmen.

Zusammenfassend ergibt sich dann, dass einige kritische Elemente der


modernen Gesellschaft bereits sehr früh, zum Teil noch vor der
Erfindung von Werkzeugen, zum Teil sogar schon in der Tierwelt,
vermutlich in Erscheinung traten. Nämlich:

▪ Grundzüge des Eigentums-, Sachen- und Besitzrecht, sowie


Erb-/Ehe-/Familienrecht
▪ Diversifizierung von Aktivitäten und einhergehender
Güterkreislauf
▪ Entsprechend Handel und Kredit (z.B. Abgabe von Jagdbeute
gegen Kredit)
▪ Hierarchie, Fraktions- und Klassenbildung
▪ Information, Desinformation, Täuschung und Kultur

Wenn wir von so einer prototypischen Gesellschaft sprechen, dann geht


es in der Regel um Gruppen mit weniger als 100 Mitgliedern und der
Außenhandel ist noch nicht ausgebildet.

B. Gesellschaft vor Werkzeugen

Viele Eigenschaften des menschlichen Zusammenlebens haben sich


bereits in der Zeit vor dem Homo Sapiens etabliert. So lange man die
Existenz von nicht-verderblichen Sachen und den Außenhandel
ausblendet, kann man aus dem Verhalten von Tieren, Affen und frühen
und kleinen Menschenstämmen bereits Schlüsse über Grundformen
unserer modernen Gesellschaft ziehen und rechtliche Konstrukte
erkennen. Denn schon in der primitivsten Form des Zusammenlebens
sehen wir Anzeichen von Privat-Eigentum, Erbrecht und Kreditwesen
erlangen. Es handelt sich also um naturrechtliche Konstrukte.

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1. Eigentum

Die Geschichtswissenschaften beschäftigen sich mit nachweislichen


Quellen zu diversen Themen. Natürlich können wir moderne rechtliche
Gestaltungen des Eigentumsbegriffs in frühen Rechtstexten implizit
finden. Diese sind jedoch erst sehr viel später historisch belegt. Eine volle
Ausgestaltung des Vertrags- und Handelsrechts, welche auf dem
Eigentumsrecht aufbauen, finden sich in ihrer vollendeten Form erst
nochmals viel später.

Fast alle Kapitalismuskritiken greifen das Konzept des Privateigentums


an. Dieser Angriff, so argumentieren wir, ist verfehlt. Denn das Konzept
des Privateigentums beginnt mit dem Konzept des sich frei bewegenden
und die Sachherrschaft verteidigende Lebewesen.

Das ist von essentieller Bedeutung. Wenn das Eigentumskonzept so alt


und an sich tief in der biologischen Wurzel von Lebenswesen verankert
ist, dann kann man Eigentum an sich nicht angreifen. Was man dann
noch diskutieren kann, ist, ab wann Eigentum sozial verpflichtet, weil es
nicht mehr dem Selbsterhalt und der biologischen Funktion dient,
sondern zu einem sozialen Konstrukt wird, welches Herrschafts-
ansprüche regelt.

▪ Selbsteigentum: Grundsätzlich ist mit der biologischen Einheit eines


Wesens die Sach-Herrschaft über sich selbst gegeben die von jedem
Lebewesen an sich rigoros verteidigt. In jeder Gruppe von
Lebenswesens – eine Art „Wir-Gruppe“ – ist dieses Recht
wechselseitig anerkannt. Wäre dem nicht so, würde man sich
gegenseitig töten und die Gruppe würde nicht mehr existieren.
Das Eigentum an sich selbst beinhaltet sowohl das Schutzrecht über
das eigene Leben (Schutz des Eigentums) als auch die volle
Herrschaftsgewalt über sich selbst (Besitz). Das Kerngerüst des
„Eigentums“ lässt sich also aus dem Selbsterhaltungstrieb des
Lebewesens ableiten und ist ein Grundprinzip des Naturrechts.
Natürlich dauert es, bis sich daraus so etwas wie ein modernes
Eigentumsverständnis herleitet.

▪ Eigentum an Beute und Ort: Das erste Anzeichen einer Ausweitung


dieses Anspruchs an sich selbst auf Objekte der Außenwelt und
„Sachen“ ist klar erkennbar bei der Zuteilung von Beuteanteilen bei
Raubtieren. Denn ist in ein erlegtes Wild von einer Gruppe erst

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einmal in Besitz genommen findet ein Zuteilungsprozess statt, bei
dem jedem eine Teilhabe an der Beute zugesprochen wird. Es ist fast
nicht zu beobachten, dass nach einer solchen Zuteilung des Besitzes
und damit einhergehend dem „Verwertungsanspruch“ und damit
das „Eigentum“ noch einmal aberkannt wird. Der Versuch des
Diebstahls zugeteilter Beute wird klar unterbunden und jegliche
Gewalt – auch bis zum Tode - der Verteidigung von der Gruppe
akzeptiert. Niemand greift dabei ein. Bestenfalls wird man sogar
dem Eigentümer beim Schutz seines Eigentums helfen. Das folgt
einem einfachen Sozialvertrag, da man eben auch selbst nicht Opfer
einer solchen Tat sein möchte. Das gleiche lässt sich feststellen,
wenn man das „Besitzrecht am Ort“ betrachtet. In der friedlichen
Gruppe verjagt kein Tier dem anderen vom Schlafplatz, um sich dann
selbst hin zu legen.

▪ Eigentum in der Familie: In unserer biologischen Genese hat es sich


auch so ergeben, dass (a) man sich nicht nur zwecks Paarung trifft –
Väter werden nicht wie bei Spinnen gefressen und man verliert sich
anders als bei Einzelgänger-Gattungen nicht aus den Augen -, und
(b) das zudem Kinder nicht lebensfähig geboren werden. Aufgrund
des gemeinschaftlichen Zusammenbleibens rund um die Paarung
und die Bildung von Beziehungen, sowie die notwendige
gemeinsame Aufsicht über Neugeborene bildet sich ein erweitertes
Eigentumskonzept rund um die Familie. Das beinhaltet bereits ein
frühes Konzept der Ehe.

Der eigene Besitz und das Verwertungsrecht (somit das Eigentum)


an Gütern wie Beute und Fähigkeiten und Verhaltensweisen wird
dabei Instrument bei der Ausweitung des Selbst auf die Familie und
diese wird Eigentumsträger.
In der Familie kann ein Mitglied ohne Diskussion das zugeteilte Essen
des anderen verwenden. Zeitgleich verteilt jeder das Eigentum des
anderen in der Familie bis auf den Tod.
In der Außenbeziehung macht in einer friedlichen Gruppe niemand
einem Familienmitglied den Besitz und Herrschaftsanspruch über
die Güter streitig. Weder nimmt man das Essen weg, noch raubt man
die Kinder oder Ehefrau.

Es geht nun also nicht mehr nur um das Eigentum an einer konkret
besessenen und beherrschten Sache, sondern es bilden sich

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Besitzansprüche und Eigentum in Bezug zu einer Person oder
Gruppe statt. Selbst wenn beide Elternteile sich vom Kind entfernen,
und es allein lassen oder es jemanden in die Obhut geben, wird
niemand das Kind in der Abwesenheit bestrafen, ihm das Essen
wegnehmen oder es verjagen. Damit trennt sich auch das Eigentum
vom unmittelbaren Besitz und der tatsächlichen Sachherrschaft.

Wenn dies bereits bei Tieren zu erkennen ist, so ist auch bei
Menschen davon auszugehen, dass diese Trennung stattfindet.

In keiner Gruppe, die wir als „Wir-Gruppe“ bezeichnen – eine


friedliche Gemeinschaft unter Tieren oder Menschen die das
Eigentum der Familie nicht streitig machen -, wird ein anderes
Gruppenmitglied der Familie das Kind, die Nahrung oder die
Beziehung streitig machen.

Untereinander ist man in der Familie zeitgleich im Eigentum des


jeweils anderen. Denn der Mann erklärt gegenüber Dritten, dass
Frau und Kind zum Eigentum seiner Familie gehören. Ebenso wie die
Frau den Mann und das Kind in Schutz nehmen. Das Eigentum an
sich selbst weiter sich also auch hier auf die Gruppe aus. Das
Familieninteresse ist das „eigene“ Interesse. Also Eigentum. Tötet
Mutter oder Vater das eigene Kind hat dies vermutlich auch gänzlich
andere Rechtsfolgen in der Gruppe, als wenn man das Kind einer
anderen Familie tötet.

▪ Eigentum in der Familienbande: Wie es der Zufall auch wollte sind


wir als soziale Wesen in einer biologischen Mischform zwischen
Schwanen – wo die lebenslange Treue und Ehe fest verankert ist –
und den Bonobo Affen – wo man sich gemeinschaftlich um den
Nachwuchs kümmert. Als Ergebnis befinden wir uns in einer Art
Schwan-auf-Zeit Konstellation. Wir sind also weder zur
Gemeinschaft verdammt, noch sind wird biologisch auf die ewigen
Treue hin programmiert.

Diese Latenz erlaubt es das Konzept der Familie auf den


Familienkreis auszudehnen, der genau dann wenn das Eigentum
nicht im Allgemeinen der „Wir Gruppe“, sondern nur Mitgliedern
von engen Freunden (und Verwandten) gehört, zu einer
Familienbande wird.

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In die Familienbande kann man sagen, dass ein nicht zur Familie
gehörendes Mitglied nicht das Eigentum der Familie streitig macht.
Aber dass die Familienbande bei der Verwaltung des Eigentums für
die Familie mit einstehen, als sei es das eigene. Das Kind wird
beschützt, aber nicht geraubt. Das Essen des Kindes wird dem Kind
gelassen, es sei denn es wäre ohnehin geteilt worden.
Die Familienbande zeichnet sich also durch das gemeinsame
Verwaltungs- und Beherrschungsrecht über das Hab und Gut der
Familienbande aus. Es nimmt der einzelnen Familie aber kein
Eigentum weg. Es verteidigt aber das Eigentum der Familie gegen
einen Fremden wie als ob es das Eigene wäre. Ein Grundbaustein für
die spätere Gestaltung des Familien- und Erbrechts.

Dadurch entsteht eine besondere Form der sehr engen Kommune,


in dem familienartige Zustände des Zusammenseins existieren. Und
in der man auch zwingend wie eine Familie zusammenlebt. Es
handelt sich also um keine Gemeinschaft, die durch abstrakte
Regeln organisiert ist, sondern die sich über die Stärke und das
Vertrauen wechselseitiger Beziehungen und zuletzt über die
Zuneigung zueinander ausdrückt.

Dieses Konzept ist deswegen so interessant, weil im erweiterten


Sinn das Erb- und Adoptionsrecht regelt und somit das Familienrecht
mit ausgestaltet. Sterben beide Eltern, so ist zweifelsfrei klar, dass
die Familienbande die Obhut und das Eigentum des Kindes
treuhänderisch übernimmt und es sozusagen adoptiert oder in
Pflege nimmt. Dadurch entsteht eine Kontinuität der Familie über
den Tod der Familienmitglieder und eine erste Ausgestaltung des
Erbrechts.
Nicht weniger spannend aber ist, dass vermutlich auch in der
Familienbande das Eigentum nicht aus der Familie herausgelöst
wird. In der Familienbande bleibt das Eigentum in der Familie so
lange bis der gegenwärtige Verlust der Sachherrschaft mit Sicherheit
permanent realisiert wird. Wenn also Eltern und Kind gestorben
sind, dann erst geht das Eigentum auf die Familienbande über.

▪ Eigentum in der „Wir Gruppe“: In der nächsten Phase verschwindet


die Intimität und das wechselseitige Mögen und die Bereitschaft der
„ewigen“ Treue und des Kampfes bis zum Tode für das Eigentum des
anderen – dies ist der Familienbande noch möglich. Wird die Gruppe

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größer, so kann nicht jeder jeden mögen oder dauerhaft enge
Beziehungen zu jedem haben und nicht jeder will mehr das
Eigentum des Kindes nach dem Tod der Eltern verteidigen oder gar
das Kind großziehen.

Dennoch zerfällt mit der Gruppengröße nicht das Konzept der


Gemeinschaft. Anstelle des unsichtbaren Vertrages, der in der
Beziehung kodiert ist, tritt nun ein abstrakterer Sozialvertrag. Unter
diesem Vertrag ist man nicht mehr dazu verpflichtet das Eigentum
des Kindes gegen Dritte auf den Tod zu verteidigen. Aber man
verteidigt das Eigentum des Kindes ebenso, wie man von der Gruppe
auch das eigene Eigentum verteidigt sehen möchte. Es entsteht
sozusagen eine erste Art der Zweckgemeinschaft, in welcher jeder
die Rechte des anderen anerkennt, weil man die eigenen Rechte in
der Gruppe nicht verlieren möchte.

Bei dieser Wir-Gruppe handelt es sich um die Grundform der echten


heutigen Kommune. Niemand raubt dem anderen das Essen, die
Kinder, den Partner oder sonstigen Besitz. Weil man dies umgekehrt
auch nicht bei seinem eigenen Eigentum sehen möchte.

▪ Jenseits der „Wir Gruppe“ - Fraktionen: Wie später tiefer


umschrieben, zerfällt dieser konsensartige Sozialvertrag ab einer
gewissen Gruppengröße jedoch mit dem Aufkommen von
antagonistischen Fraktionen in sich zusammen.

Genau dann, wenn eine Gruppe zu groß ist, um intim zu sein, und
rund um die Uhr zusammen zu sein, zerfällt die Familienbande in
mehrere und bildet eine Wir-Gruppe. Genau dann wenn eine Wir-
Gruppe so groß wird, so dass man dauerhaft nicht mehr zu jedem
Mitglied in der Gruppe eine Beziehung überhaupt haben kann, und
sich die Gruppe in Untergruppen zerspaltet, in der jede Gruppe für
sich viel Zeit miteinander verbringt, beginnen diese Gruppen sich
aufzuspalten und zu fraktionieren.

Wenn 20 Affen oder Menschen den ganzen Tag zusammen sitzen,


und andere 20 Affen oder Menschen zusammen sitzen, so werden
diese zwei Fraktionen anderen Tätigkeiten nachgehen, andere Dinge
besprechen, andere Pläne schmieden und andere Gewohnheiten
annehmen und in sich andere Sozialordnungen bilden. Sie werden

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sich untereinander näher sein als den Mitgliedern der anderen
Gruppe und ihr Überleben und ihr Leben an sich mehr von diesen
abhängig verstehen. Damit entsteht zwangsläufig eine tiefere
Spaltung zwischen den Fraktionen und wie wir später sehen werden
aufgrund des Kreditkonzeptes auch Konkurrenz.

Wenn die Fraktionen sich aber nicht komplett abspalten – indem


man auf Dauer von dannen zieht -, und man immer noch gemeinsam
im gleichen Lebensraum lebt und sich als Gruppe gemeinsam
organisiert, dann ist man eine fraktionierte Gruppe. Oder eine
Gemeinschaft.

Extrem wichtig ist nun, dass auch schon bei Tieren, so z.B. bei
Schimpansen, solche Fraktionen anzutreffen sind und dass es zu
Rivalitätskämpfen zwischen den Fraktionen kommen kann, bei dem
eine Fraktion die gesamte andere Fraktion tendenziell ermordet
oder sich deren Eigentum annimmt.

Denn genau dann, wenn Fraktionen und Konkurrenz entstehen,


Koordination aber notwendig ist, entstehen erste
Entscheidungsprobleme und damit Fragen der Herrschaft. Unter
diesem gesellschaftlichen Konstrukt ist der Sozialvertrag, bei dem
jeder das Eigentum von jedem anerkennt, also nicht mehr natürlich
gegeben, sondern das Ergebnis eines stets sich in Verhandlung
befindlichen Sozialvertrages. Es kann ständig zu einer faschistischen
Herrschaftsform kommen, wo eine Fraktion eine absolute
Herrschaft zur Mehrung ihrer eigenen Interessen, gegen das
Interesse der Gruppe durchsetzen will und kann.

Da in unserem Beispiel die 20 Affen oder Menschen der Gruppe 1


am Ende so sehr alleine Leben und ihre autarke Überlebensfähigkeit
erkennen, werden die anderen 20 Affen oder Menschen
grundsätzlich überflüssig. Es kann also dazu kommen, dass man die
andere Gruppe verlassen, oder bei Revierstreitigkeiten ermorden
oder beherrschen möchte. Man verliert in der eigenen Wir Gruppe
im Grunde nichts und alle gewinnen kurzfristig, wenn der Kampf
erfolgreich ist.

Das entspricht Hobbes‘ Interpretation des rationalen Menschen und


ähnliche Argumentationsketten finden sich zum Urzustand der

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Menschheit bei Hobbes‘ Leviathan. Gibt es diese Fraktionen, so
respektiert hier niemand der einen Fraktion das das Eigentum der
anderen Fraktion an sich. Und das Prinzip leitet sich, wie wir später
anschauen, aus der Natur des Menschen als Lebewesen ab. Wie
jeder Mensch entscheiden kann, ob er eine Gruppe verlässt. Kann
eine Gruppe eine Gemeinschaft verlassen oder nicht. Diese
Wiederholung von Mustern wird uns im gesamten Buch begleiten.
Denn die Nationalstaaten stehen vor dem gleichen
Entscheidungsproblem: Kooperation, Elimination, Verlassen.

Wieso wir als Mensch biologisch diese Eigenschaft - so vermuten wir


hier – auch haben, ist unklar. Aber die Fähigkeit zu Fraktionieren und
über die Fraktionsrivalität die ersten Grundgerüste des politischen
Handelns ins Leben zu rufen kann sehr gut allein daher rühren, dass
wir zum Leben in größeren Gemeinschaften befähigt sind. Es gibt
wenige Vergleichsmöglichkeit bei Tieren, die in ähnlich großen
Gruppen zusammenleben können, wie wir es können. Der Umstand
das wir überhaupt in großen Gruppen zusammenleben können ist
hier mit der Fähigkeit zu politischem, zweckgerichtetem Handeln
und Fraktionieren vermutlich stark verbunden.
Die Annahme, dass wir hier ähnlich wie Schimpansen dieses
Gewaltpotential von Grund auf in uns tragen zieht sich aber im
Grunde durch die gesamte Geisteswissenschaft und Geschichte und
es wäre sehr schwer die Entstehung von Politik, Kriegen und
Machtkämpfen nachzuvollziehen, wenn wir dies nicht bereits in
diesem frühen Stadium des Zusammenlebens bereits sehen könnten
und wie bei Schimpansen heute auch sehen.

Für das Verständnis von Gesellschaften ist diese Annahme von


grundlegender Bedeutung. Durch das Verfallen es natürlichen
Sozialvertrags und die Entstehung des politischen Gemeinwesens
lassen sich dann Klassenkämpfe sehr einfach ableiten.

Das Eigentum wird zu einem von der Gemeinschaft als Gut


angenommenes verhandeltes Konstrukt. Es entsteht eine politische
Gemeinschaft.

Interessant ist nun anzuschauen, welche Konstrukte der modernen


Gesellschaft aus dieser Fraktionierung ergeben.

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1. Es kommt zur Regierung und Herrschaft: Es muss nun das
Gemeinschaftsinteresse gegen die Interessen einzelner
durchgesetzt werden. Durch eine Art „Staat“. Dieser benötigt hierfür
die Unterstützung von Individuen in der Gemeinschaft. Diese
Unterstützung muss nicht über formelle Wahlen von
Repräsentanten erwirkt werden, sondern kann sich aus dem
kollektiven Handeln der stärkeren Mehrheit in der Gruppe ergeben.
Diese bildet sich aber über Beziehungen und diese wiederum über
die gemeinsam verbrachte Zeit und die Entstehung gemeinsamer
Ansichten und Interessen.

2. Es kann zu einem Terrorstaat kommen: Es kann im Rahmen des


Machtkampfes zur Ermordung der Feindesfraktion kommen, die
schwächeren Mitglieder der Gegenfraktion können versklavt,
beraubt und die Gatten vergewaltigt werden und es kann zu
dauerhafter Unterdrückung kommen. Das man Mitglieder der
eigenen Gemeinschaft diese Grundrechte aberkennen kann,
verlangt bereits die Fähigkeit über die Stärke von Beziehungen zu
Freunden eine Freund-Feind Beziehung zu definieren. Um diese
Gewaltherrschaft zu erklären, wie wir bei Schimpansen zum Teil
sehen können, verlangt es, das Verbot der Durchmischung –
Paarung mit und Beziehung zu dieser Feind-Gruppe –, die
Aberkennung der Würde des Menschen der anderen Gruppe und
das Konzept eines absoluten Herrschaftsanspruchs sowie die
Fähigkeiten diesen auszuüben als Konzepte bereits zu verstehen.
Eine klassische Terrorherrschaft.

3. Klassenbewusstsein: Es handelt sich in diesem Fall also eine sehr


stark ausgeprägte Klassengesellschaft. Und der Umstand, dass es
dieses Phänomen bereits bei Menschenaffen, gibt zeigt, dass das
Klassendenken dieser Form latent in allen sozialen Beziehungen von
Gruppen mitwirkt. Ob eine solche Terrorherrschaft rational ist,
hängt von vielen Faktoren ab. Kann man die eigene Herrschaft
dauerhaft mit Terror durchsetzen und verfügt über die Intelligenz
und die Systeme hierfür, spricht aus der Rationalität, also der
Maximierung des Eigennutzens über die Zeit unter allen
erdenglichen Szenarien, nichts dagegen. Erst wenn besondere
Ereignisse die Stabilität des Terrorstaates zerstören, wird er
irrational: wenn im Kriegsfall der Kampf für die Herrscher nicht

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wahrgenommen wird, weil die unterworfenen einfach wegrennen,
statt mit zu kämpfen; wenn bei einem Naturunglück die Solidarität
gegenüber den Herrschern verloren geht und man sie in ihren
Bäumen oder Hütten verbrennen lässt oder in der Gunst der Stunde
sie einfach tot schlägt.
Aber mit dem Terrorstaat wird die Abstraktion des Menschen und
ein Klassendünkel sichtbar. In der Realität ist eine mehr auf
Kooperation und Konsens ausgelegte Herrschaft auf Dauer
vermutlich oftmals aus praktischen Gesichtspunkten sinnvoller. Die
Herrschaft wird dabei unsichtbarer, sie wird tabuisiert und
bestritten. Die Klasse lässt sich als solche nicht wirklich erkennen
oder benennen und herrscht im Geheimen. Dadurch reduziert sich
die Verweigerung der Kooperation oder die gewaltsame Beendigung
der Herrschaft.
3. Das politische Gemeinwesen: Immer dann, wenn die Herrschaft
dann trotzdem ans Licht des öffentlichen Bewusstseins kommt, wird
diese aber in Frage gestellt und muss verhandelt werden. Damit der
Sozialvertrag weiterleben kann. Das ständige sich der Öffentlichkeit
entziehende Herrschaftsmuster und das Wiederentdecken und neu
verhandeln gestaltet dann die gesamte politische Entwicklung der
„Polis“. Und es ist im Prinzip das was wir bei Marx und Engels im
dialektischen Materialismus wiederfinden.

In diesem Stadium ist der Zustand des Menschen also grundsätzlich


anarchistisch, denn jeder kann mit jedem die Beziehungen so
aushandeln wie er möchte. Durch die Entwicklung und
Durchsetzung von Sozialverträgen wird diesem jedoch im Interesse
des Gemeinwesens ein Riegel vorgeschoben. Der einzelne gibt seine
(anarchistischen) Recht auf, und unterwirft sich der Gemeinschaft.
Zeitgleich regelt die Gemeinschaft immer nur das Bekannte und es
entsteht weiterhin Anarchie im Geheimen und dadurch neue
Machtverhältnisse. Anarchismus herrscht also überall da, wo der
Gesellschaftsvertrag nichts regelt und die Klassenverhältnisse
gewissen Tätigkeiten und Handlungen nicht unterbinden.

2. Kredit

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Interessant sein sollte für jeden Interessenten der Wirtschaftsgeschichte
und des Kapitalismus, wann eigentlich Geld, Banken und Kreditwesen
das Licht der Welt erblickten. Die Geschichte analysiert oft erste
historische Quellen für Banken und Geldgeschäfte und bezieht sich auf
die Frage, welche Quellen die Existenz von Geld eigentlich belegen.
Nichtsdestotrotz kann man konzeptionell an das Thema herangehen
und die überraschende Erkenntnis sollte hier sein, dass das Kreditwesen
die älteste Form dieser wirtschaftlichen Konstrukte ist. Denn es ist bei
Tieren und Menschen von Anfang an anzunehmen. Es ist ein
elementarer Teil des Zusammenlebens in Gruppen.

▪ Misskredite als Einstieg in den „Kredit“: Bereits in der kleinen


Zweckgemeinschaft der Familie, aber wohl eher bedeutsam bei der
Familienbande kann man Dinge tun, welche einen vorübergehenden
oder dauerhaften Ausschluss bedeuten. Man kann sozusagen in
Misskredit geraten. Auch als Tier kann man eine Handlung
vollziehen, welche zur Verjagung führt. Wer also Teil der Gruppe ist,
bleibt dies nur, wenn er nicht in Misskredit gerät. Ist der Misskredit
groß genug, oder sammelt man genug Misskredit, so dass das
imaginäre Kreditkonto aufzehrt und überzieht, so wird man
ausgeschlossen. Mitglieder in einer Gruppe stehen also stets im
Kredit – der entweder positiv oder heilbar negativ ist.

Im einfachsten Fall für den Einzelnen ist Kredit hier bereits


vorhanden, indem man nichts tut, um Misskredit zu ernten. Wenn
man z.B. den ganzen Tag herumsitzt und nett ist, während andere
das Essen bereitstellen und sich um den Nachwuchs kümmern. Das
wäre bereits im Prinzip eine politische und rhetorisch begabte
Klasse, wenn diese nicht in Misskredit fallen würde. Man würde
ohne Aktivität dennoch Kredit erhalten und damit Essen „kaufen“
können.

Besser verständlich ist das Konzept wie folgt: durch die


Anerkennung von Eigentum, und die Teilhabe an der Gemeinschaft
– durch Jagderbeutung, Streitschlichtung, Nachwuchsversorgung,
Beziehungspflege – wird immer Kredit erwirtschaftet wird.
Vermutlich noch unbewusst existiert also bereits eine Art
Buchhaltungsprozess und mit diesem eine Art „Hauptbuch“ aller
Transkationen aller Mitglieder, die Kredit vergrößern oder
verringern. Somit ist jedes Mitglied gehalten eine minimale Summe

S e i t e 18 | 246
an Kredit zu erwirtschaften, um z.B. weiter in der Gruppe zu bleiben.
Wer sehr viel Kredit erwirtschaftet, wird dafür vermutlich auch
belohnt. Sofern er nicht wegen Neid bestraft wird.

▪ Kredit- und Wirtschaftskreislauf: Wer nichts Schlechtes tut,


sondern Gutes tut, der beginnt damit nun aber Kredit zu
erwirtschaften. Wer den Nachwuchs versorgt, Essen herbeischafft,
Streits schlichtet, unterhaltsam und beliebt ist, wer ständig Neues
in die Gemeinschaft einbringt, der erzeugt Kredit.
Da nicht jeder alles tun kann kommt es natürlich auch zu
Arbeitsteilung. Manche kümmern sich um Nachwuchs. Andere
werden Jäger. Andere werden Früchtesammler. Andere schaffen
Wasser herbei. Andere erkunden neue Gebiete. Andere erfinden
Werkzeuge. Jeder tut seinen Teil für die Gemeinschaft und erhält
Kredit. Mit dem Kredit erhält er Anspruch – wenn auch nicht
durchsetzbar – auf Gegenleistung wie Essen oder Nießbrauch von
Gegenständen.

Das funktioniert in der Wir-Gruppe noch problemlos. Wird später


aber zu einem Politikum, das im nächsten Abschritt zu Fraktionen
behandelt wird.

▪ Kredit-geschäft in der Familie: Die Besonderheit in der Familie ist


wohl, dass es streng genommen keinen Kredit gibt. Wenn sich zwei
Individuen so sehr mögen, dass die die Verantwortung für die
Paarung und den Nachwuchs auf sich nehmen, ist die Bindung so
stark, dass eigentlich niemand etwas tun muss. Aber natürlich
zerfällt die Familie, wenn die Mutter das Kind nicht austrägt und
aufzieht und der Vater nichts für Mutter und Kind beiträgt. Aber die
Anforderungen sind in der Familie am geringsten. Besonders das
Kind muss streng genommen nichts selbst beitragen für die Eltern.
Es muss aber als Teil der Gesellschaft Kredit erwirtschaften, um sich
selbst wiederum fortpflanzen zu können. Im schlimmsten Fall würde
man aber vermutlich sogar das Kind töten oder aufgeben, wenn dies
sich vollständig nutzlos erweisen würde. Dies sollte im Grunde aber
nicht passieren, solange die Familie Wert auf den Fortbestand der
Familie legt. Und vermutlich zehrt das Kind vom Kredit der Eltern.
Das diese latenten Erbansprüche bereits existieren könnten haben
wir ja bereits besprochen.

S e i t e 19 | 246
▪ Kredit-geschäft in der Familienbande: Die Besonderheit in der
Familie ist wohl, dass es streng genommen keinen Kredit gibt. Da das
Vertrauen und die Hilfsbereitschaft quasi blind macht zu den
genauen Beiträgen. Die Beiträge können ja auch in Form des
Zusammensein liegen. Wobei ein Mitglied der Fraktion A, das immer
nur da ist, vermutlich keinen Kredit bei Fraktion B dafür erhält.

▪ Kreditgeschäft in der Kommune / Wir-Gruppe: In der Kommune ist


nun Kreditwirtschaft bereits auszuweisen. Nicht jeder geht jagen,
nicht jeder passt auf den Nachwuchs auf, nicht jeder erntet Saat. Es
kommt zu Arbeitsteilung. Und damit trägt jeder seinen Teil zur
Gruppe bei. Diese Beiträge werden gesehen, „geschätzt“ (also
gewertet) und angenommen. Somit zahlt jeder seine Beiträge für
den Verbrauch und erhält hierfür „Kredit“. D.h. Ansehen, Akzeptanz,
und Anspruch auf Beiträge anderer.
Natürlich kann man sagen, dass von so genannten „Geschenk“
Gesellschaften auszugehen ist. Dass es keine wirklichen
Tauschgeschäfte gegeben hat. Aber es ist schwer zu begründen,
wieso eine schwache, nicht gewaltbereite Gruppe von ständig
herum lungernden Menschen dauerhaft von einer fremden Fraktion
durchgefüttert werden sollte. Mit dem Kreditkonto durch das
Geben, auch wenn nicht pro Transaktion aufgerechnet werden
muss, ist auch die Geschenke-Ökonomie mit einer Kreditwirtschaft
ausgestattet und es gibt zumindest eine vage Wertbemessung und
Preisfindung.
Wichtig ist aber auch, dass in der Kommune niemand dem anderen
vorschreibt, was dieser beizutragen hat und dass man Beiträge nicht
exzessiv nachrechnet. Man teilt nach bestem Wissen und Gewissen
was es zu teilen gibt. Ohne aber die Entscheidung, ob ein Individuum
teilt oder nicht, zu bestimmen.
Es obliegt jedem Individuum selbst diese Entscheidung zu treffen,
denn das Eigentum an den Erzeugnissen und der eigenen Tätigkeit
und am Selbst ist anerkannt.

▪ Kreditgeschäft in der Fraktion: In der Fraktion wird hier schon


genauer nachgerechnet. Ist die Fraktion, die Führung beansprucht,
auch wirklich in der Lage mehr Beiträge zu stellen? Ist sie wirklich
„stärker“ und „mächtiger“? Welchen Anspruch auf die Entscheidung
von Koordinationsthemen hat sie? Wer trägt in der Fraktion am

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wenigsten bei und schwächt die Fraktion? Wer trägt viel bei und
stärkt die Fraktion? Das schauen wir uns im nächsten Abschnitt an.
Wichtig ist auch, dass die dann noch vorgestellten Fraktionen bereits
Preispolitik betreiben können.

3. Fraktionen und Politik

Wie viele Debatten und Werke wurden über das Wesen des Menschen,
die Moral, über Ethik und über die Bedeutung von politischem Handeln
geführt? Fast keine der Diskussionen befassten sich mit den
Notwendigkeiten, welche sich aus einfachen Regeln des sozialen
Miteinander ergeben, die direkt unserer Biologie folgen. Eine
grundlegende Frage des Menschseins ist die des Vertrauens und die der
Beziehung. Während Menschen im Grunde moralisch sind, ist ihr
Selbsterhaltungstrieb stärker. Wenn eine fremde Gruppen mit
gewetzten Messern in eine kleine Siedlung einbricht und jedem sofort
klar wird, dass es um das eigene Leben und das Leben der Gruppe und
der geliebten geht, dann spielen Moral als grundmenschliche Prinzipien
keine Rolle mehr. Es gibt keine noch so tiefe Begründung, dass das
eigene Leben und das Leben der eigenen Gruppe und geliebten für die
Gier eines oder einer Gruppe unbekannter Menschen geopfert werden
soll. Es gibt hier also kein universelles Liebesrecht auf Gattungsebene.
Eine fremde Gruppe aus Menschen die den Tod der eigenen Gruppe
einfordert ist auf biologischer Ebene ebenso Feind wie das Tier, welche
die Gruppe jagt und verspeisen will. Menschen sind hier am Ende
genauso wie Tiere im Prinzip auch keine Rassisten, welche das Wohl der
Menschheit über das eigene Wohl stellen. Sie sind Lebewesen welche
das Leben des eigenen Organismus in einem komplexen Lebensumfeld
als Einzelne und als Gruppe gegenüber jeder Gefahr verteidigen.
Genauso wie Tiere ihre Reviere gegenüber gattungsgleichen Feinden
verteidigen, verteidigen Menschen ihre Gruppe gegen gattungsgleiche
Feinde.

Aus diesem Grund ist das Zerbrechen der Wir-Gruppe in Fraktionen so


wichtig. Denn die Fraktionen sind sich untereinander unter Umständen
ebenfalls dem Prinzip nach Fremde. Das Konzept das auch eine Fremde
Gruppe als Menschen anerkannt werden und als Menschen unter den
Menschenrechten geschützt sind ist ein viel späteres Konstrukt.

S e i t e 21 | 246
Bemerkung: die Diskussionen und ihre Verwandtschaft zu Debatten im
Naturrecht sind reiner Zufall. Aber natürlich sind die darin geführten
philosophischen und jurisprudentielle Diskurse auch sehr interessant,
wenn es um das hier betrachtete Thema geht.

▪ Die Einheit beginnt beim Individuum


Bereits in der Familie und unter Geschwistern, oder in
Familienbanden, kann es zu Eifersucht – z.B. bei der Partnerwahl –
und Neid – bei besserem Jagdverhalten oder höherer Beliebtheit –
kommen. Der Überlebensdrang kann aber dafür sorgen, dass man
Teil der Gruppe sein will, anerkannt und in gutem Kredit sein will.
Und das führt dann dazu, dass man diese Emotionen hinreichend
effektiv unterdrückt. In diesem Sinn aber bereits jedes andere
Lebewesen prinzipiell als Fremdes Wesen und Feind verstanden
und bestenfalls – aufgrund der Biologie und Nähe - der Nachwuchs
und Partner wirklich teil des eigenen Selbst. Und selbst dann kann
ein Partner, der Eifersucht erzeugt zum Mord führen.
Die Einheit der Selbsterhaltung ist der Mensch selbst.
Wenn es also um grundlegende Emotionen geht kann es auf der
Individuumsebene zu Konflikten kommen. Im Grunde werden diese
im Eins-gegen-Eins oder Eins-gegen-Fraktion ausgetragen. In
diesem Sinn gibt es keine Gruppe.

▪ Die Familie als Einheit:


Wie bereits besprochen: Menschen disziplinieren ihre eigenen
Emotionen jedoch, um in der Gruppe zu existieren. Das beginnt mit
der Notwendigkeit der Fortpflanzung, welche das Ertragen eines
Anderen benötigt – Sartre schreibt hier provokant, dass die
Anderen die Hölle darstellen - , um eine Beziehung einzugehen.
Eine Gruppe aus Mann und Frau ist bei Menschen aber derart
defizitär – den Menschen sind am Ende keine starken Wesen als
einzelne Wesen -, dass die Zweisamkeit nicht hinreichend ist, um
das Überleben auf Dauer zu sichern. Familien und Familienbanden
sind also zwingend notwendige Muster für den Selbsterhalt.

▪ Die Wir-Gruppe als Einheit


Auf der nächsten Ebene hatten wir die Wir-Gruppe, also die
Gruppe, die sich wechselseitig ohne politische Konflikte und
Verhandlungen das Eigentum anerkennt. Der Zustand der

S e i t e 22 | 246
Familienbande wird weiter getragen über einen stabilen
Sozialvertrag zwischen den Mitgliedern.

Die zentrale Frage: Wie groß ist eine Wir-Gruppe?

Wenn wir auf die Existenz von Fraktionen und politischen


Rivalitäten zu sprechen kommen wollen, müssen wir erstmal die
Frage beantworten, wieso es Wir-Gruppen gibt. Und wann und
wieso sie zerbrechen.

Minimale Populationsgröße und Wir-Gruppe


Wieso gibt es größere Wir-Gruppen, die größer als Familienbande
sind? Das Problem lässt sich biologisch angehen. Es ist genetisch
nicht möglich, dass zwei sich paaren und gemeinsam genug Kinder
erzeugen, so dass diese sich Paaren, und wieder Kinder erzeugen.
Die biologische Frage lautet: wie viele Familien benötigt es denn?
Hier gibt es die z.B. die 50/500 Regel. Über die Zeit hinweg beginnt
unter einer stabilen Populationsgröße von 50 Mitgliedern der
genetische „Inzest“ und über 500 Mitglieder der genetische „Drift.“
Allein dadurch ergeben sich minimale Gruppengrößen für
Menschen: wie viel genetisches Material ist notwendig, um einen
genetisch sinnvollen Nachwuchs zu erzeugen.

Und wenn die Überlebensfähigkeit von einem guten Miteinander


abhängig ist, dann sollte diese minimale Population eine Wir-
Gruppe durchsetzen können. Wir haben also eine Gruppengröße
von 50 Menschen.

Was für den Zerfall der Gruppen in Fraktionen jetzt eine


maßgebliche Rolle spielt sind einfache Beschränkungen. Wir
können einer beschränkten Anzahl von Menschen zuhören, oder
an Gesprächen parallel teilnehmen. Unser Sichtfeld kann nur
Details einer beschränkten Anzahl von Menschen gleichzeitig
auslesen. Rein physikalisch können wir nur sinnvoll noch
miteinander zusammen sitzen ohne uns ausgeschlossen zu fühlen,
bis zu einer bestimmen Größe. Und auch siedlungstechnisch kann
ohne einen Fluss oder See auch keine Gruppe von sagen wir 500
Menschen an einem Ort leben, da man die Zeit mit der Suche von
Orten für die Verrichtung täglicher Geschäfte verbringen würde.

S e i t e 23 | 246
Über solche Betrachtungen lernen wir aber nichts über
Gruppenstrukturen.

Beziehungs- und Kognitionsprozesse bei Dunbar


Interessanter sind hier die Studien von Robin Dunbar. Das Modell
von Dunbar befasst sich mit der Wechselwirkung unserer
kognitiven Fähigkeiten und der Fähigkeit, in Raum und Zeit mit
anderen Menschen in Beziehungen einzutreten.

Robin Dunbar verweist auf unterschiedliche Eigenschaften von


unterschiedlichen Gruppengrößen. Dafür gibt es ein
Schalenmodell.

Dunbar 2: So steht der Familienkern mit 2 Mitgliedern im Kern des


Schalenmodells und steht für die intensivsten Beziehungen
zwischen Menschen. Jeder Mensch kann einen großen Teil seiner
Zeit mit der Intensivierung einer Beziehung verbinden, um das
Vertrauen für eine Familiengründung aufzubauen.
Dunbar 5: Die nächste Schale in dem Schalenmodelle umfasst 5
weitere Menschen. Also 5 + 2 = 7 Menschen können schon nicht
mehr gleichzeitig miteinander sprechen. Aber sie können sich sehr
intensiv um alles Rund um die Familie kümmern und es ist möglich,
sehr viel Zeit mit jedem in dieser Gruppe zu verbringen, um eine
enge Bindung einzugehen. Sie bilden die „Supportgruppe“ oder
eben die engere Familie.

Dunbar 15: In der nächsten Schale geht es um 15 weitere


Menschen, also insgesamt 22. Diese werden als
„Sympathiegruppe“ bezeichnet. 15 + 7 Mitglieder können
problemlos in einer Lichtung zusammensitzen und ihre freie
Minuten im Kreis verbringen. Sich rege unterhalten, Tänze
vorführen, Schaukämpfe austragen. Und sich gegenseitig Gutes
tun, um ihre Bindung zu stärken und sozusagen Sympathie
füreinander zu empfinden. Sie bilden eine Art „engen
Freundeskreis“ bilden. Eine gute Approximation für eine minimale
Fraktion oder größere Familienbande. Und sicherlich auch was das
koordinierte Handeln in Aktion angeht ist es kein Zufall, dass kein
Teamsport mit Teams über 22 Menschen gleichzeitig koordiniert
vorgeht.

S e i t e 24 | 246
Dunbar 50: In der nächsten Schale geht es um 50 weitere Personen
– also insgesamt 72 Menschen. Es ist schon nicht mehr möglich, mit
72 Menschen sinnvoll im Kreis zu sitzen. Man muss also zwischen
den Kreisen wechseln und den Tag, oder die Woche in die
Beziehungspflege investieren. Man kann hier von einem
„Freundeskreis“ oder einer größeren Fraktion sprechen. De facto
reduziert die verringerte Anzahl der Interaktion eine Entfremdung
und macht die Beziehungspflege notwendig, um eine enge
Beziehung aufrecht zu erhalten. Es ist wie man seinen eigenen
Erfahrungen entnehmen kann auch schwer 72 enge
Freundschaften zu pflegen und für alle das gleiche Niveau an
Sympathie zu empfinden. Es ist sehr wohl möglich sich die höchste
Wechselseitige Anerkennung an Rechten und Respekt zu geben.
Es ist durch die engen Beziehungen vor allem noch möglich von
jedem eine verlässliche, durch das Auge der Gemeinschaft kritisch
überwachte Aussage zu jedem erdenklichen Thema zu erhalten
und somit die Wahrheit über Details von Ereignissen und
Beziehungen zu erhalten. Man muss nur in diesen Freundeskreis
Zeit investieren. Tut man dies, so kann man sich hinreichend oft
sehen um die Motive, den Alltag, die Probleme und Geschichte und
Interessen in dieser Gruppe und in den Wechselwirkungen der
Beziehungen nachvollziehen. Man kann also Vertrauen aufbauen
und eine Interessensgemeinschaft bilden.

Dunbar 150: Der nächste Kreis erweitert sich auf 150 weitere
Menschen. Also insgesamt 212 Menschen. Das sind genau die
Menschen, mit denen man vermutlich noch irgendeine sinnvolle
Beziehung haben kann und zum Beispiel auch die Zahl für eine
optimale Betriebsgröße wo sich über die Organisationsstruktur
noch ein einheitliches Unternehmen bilden lässt.
Man kommt mehrmals im Jahr zusammen und kann jedes Jahr auf
gemeinsame Erlebnisse zurückblicken. Man kann alle noch an ihren
Geburtstagen anrufen. Aber eine Nachvollziehung aller Ereignisse,
Wechselwirkungen und Beziehungsdynamiken und Allianzen und
Loyalitäten im Umfeld jedes Einzelnen ist nicht mehr hinreichend
möglich. Genauso wenig wie es möglich ist nun noch eine Aussage
immer über vertrauliche Rückfragen in der eigenen Gruppe
hinreichend als wahr zu klären. Es wäre auch zu viel zu erwarten,
dass man jemanden in diesem Kreis noch um eine große Summe

S e i t e 25 | 246
Geld fragen würde oder man bei der Pflege der Kinder jemandem
die Obhut geben würde.
Vertrauen, hinreichende Loyalität, Verständnis von Motiven und
Interessen ist nicht mehr möglich. Zeitgleich kann man vermutlich
problemlos jemandem in diesem Kreis um Hilfe bitten und würde
sie auch erhalten, sofern sie nicht überzogen ist.
Damit etabliert sich auch die absolute Obergröße einer Wir-
Gruppe. Die dann aufgrund der Anonymität nur noch existieren
kann, wenn sich Vertretungen sinnvoll organisieren lassen, welche
den Sozialvertrag aushandeln. Oder wenn glückliche Zufälle eine
Beziehungsstruktur zulassen, wo die Koordination über diejenigen,
die sich gut kennen, möglich ist.
Über diese Gruppengröße hinaus lassen sich fast nicht mehr
konsistent Beziehungen oder gemeinschaftlich organisierte Treffen
und Vereine aufbauen. Würde eine Person in 150 Vereinen
teilnehmen, so würde man schon ein halbes Jahr brauchen, um bei
jedem Verein einmal pro Tag vorbei zu schauen. Mit 10 Vereinen
mit 15 Mitgliedern und anderen sozialen Verpflichtungen könnte
man auch in jedem Verein nur sehr wenig dauerhaft angehen und
gemeinsame Themen umsetzen. Diesen Kreis bezeichnet man als
das „persönliche Netzwerk“.

Dunbar 500: Im nächsten Kreis, der wieder 500 Menschen


hinzugibt, stößt man an die Grenze der Menschen, bei denen man
sich überhaupt noch an Namen, Gesichter, wichtige persönliche
Ereignisse und gemeinsame Abenteuer erinnern kann. Wobei man
es oftmals vermutlich auch nicht mehr tut.
Dunbar 1500: Und zuletzt geht es um die maximale Anzahl von
1500 Menschen, wo man sich überhaupt noch jemals an das
Gesicht oder den Namen erinnern kann. Und das auch nur, wenn
man darin ohnehin sehr fähig ist.

Zerfall der Gruppenstruktur


Um es zusammen zu fassen. Richtig zusammensitzen und
gemeinsam jeden Tag verbringen, das geht fast nur bis zu einer
Größe von 15 – 12 Mitgliedern. Wirklich enge, vertrauensvolle
Beziehungen zu pflegen, in denen man auf alle Mitglieder in der
Gruppe und ihre Vertrauenswürdigkeit vertrauen kann, die „Wir
Gruppe“, liegt zwischen 50 bis 77 Mitgliedern. Darüber hinaus sind
„Wir-Gruppen“ noch über den Sozialvertrag durchsetzbar. Aber ist

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aufgrund des wechselseitigen Nicht-Kennens und Nicht-Vertrauens
bereits eine Entfremdung und Feindseligkeit eine Spaltung in
Fraktionen möglich. Darüber hinaus ist von einer kohärenten
Gruppe nicht mehr zu denken.

▪ Größere Gruppen und Fraktionsbildung: Aus dem oben gesagten


können wir jetzt schlussfolgern, dass zwischen 50 und 150 Leuten
die Wir-Gruppe zerbricht und sich antagonistische Fraktionen
bilden.

Bei einer Gruppe zum Beispiel von 150 Menschen reden wir von 75
Männern, von denen vll. 20 zu jung oder alt sind. Und 45 Männer
können bestenfalls in 15er Gruppen, also minimal 3 Gruppen
sinnvoll umherziehen. Genug, um erste Rivalitäten sehen zu
können.

Was passiert da genau?


1. Die physische Trennung erzeugt Intransparenz und Spaltung.
Durch den Verlust des Vertrauens entsteht Misstrauen. Und man
kann nicht mehr wissen, ob die Fraktion Beute unterschlägt, wie
effektiv sie an die geteilte Beute gekommen ist. Und welche Motive
und Interessen die Gruppe dazu bewegt überhaupt noch Teil der
Gemeinschaft zu sei.
2. Es entsteht gerade aufgrund der verringerten Interaktion ein
Verlust und Nähe, Bindung und eben Vertrauen. Es entsteht eine
Art der Entfremdung. Und man hat weniger Anreiz für die andere
Gruppe, die nun Fremde sind, zu agieren. Der Selbsterhalt der
eigenen Gruppe ist im Konflikt mit dem der fremden Gruppe. Man
sieht sich womöglich auch als autark an und ist nicht von der
anderen Gruppe abhängig. Sehr schnell kann aus dem mangelnden
Vertrauen und Misstrauen die Frage – wieso überhaupt
Gemeinschaft - entstehen. Und aus Misstrauen kann Feindseligkeit
und Konflikt entstehen.
3. Trennt man sich aber nicht als Gemeinschaft, sondern bleibt ein
Gebilde, so steht man im Wettbewerb um die gegenseitige Gunst
und das Vertrauen. Es muss ständig verhandelt werden, wieso man
noch als Gruppe existiert. Und man muss sich fragen, wer welchen
Beitrag leistet, wer Konflikte schlichtet. Und wer z.B. bestimmt, wer
über die besseren Jagdgründe oder Reviere verfügen darf. Es geht

S e i t e 27 | 246
also um die Frage von Konkurrenz, Wettbewerb, Herrschaft und
Führungsanspruch.
4. Ist der Führungsanspruch einer Gruppe dann auch noch
bedeutend für die Fortpflanzung, dann sind Anreize da, um
antagonistisch in den Wettbewerb zu gehen.

Fraktionierung bedeutet also nicht nur den Tag nicht miteinander


zu verbringen. Sondern es ist der Beginn der Politik.

▪ Gruppenspaltung und politische Rivalität: Das Kernthema ist nun,


dass der Sozialvertrag nicht mehr gegeben ist. Man ist sich
grundsätzlich fremd und die Gemeinschaft muss gewollt, ihre
Regeln verhandelt und ihre Klassenkonflikte, welche durch
Konkurrenz und Wettbewerb und Revierverteilung entsteht,
müssen gelöst werden.

Mancher betätigt sich auch vielleicht lieber bei den Aufgaben der
eigenen Fraktion als bei den Aufgaben der Anderen, weil man
deren Mitglieder besser kennt und mag und das Vertrauen größer
ist. Gehört man zu den Kampfstärksten, oder geschicktesten oder
wirtschaftlich Erfolgreichsten, so kommt es um Rivalität um die
Gunst dieser Person. Und Fragen der Zugehörigkeit, der Bekenntnis
zur Fraktion und Loyalität entstehen. Für manchen gilt, dass die
eigenen Fähigkeiten nur in einer Gruppe verfolgt werden können.
Wenn man in Gruppe B ist, die nur 5 Jäger hat, und Gruppe A, mit
2 Jägern, noch Jäger sucht, könnte man zur Gruppe A wechseln
wollen. Aber politische Rivalitäten könnten dies nicht zulassen.

Neben der individuellen Frage, welcher Gruppe man zugehören


will, werden Fraktionsinteressen relevant und bieten neue
Konfliktpotentiale.

In jeder Fraktion wird es wieder Mitglieder geben, die dieses


politische Spiel besser verstehen, Dynamiken besser beurteilen
können und auch einen höheren Willen zur Kontrolle dieser
Konflikte und zur Führung der Fraktion mit sich bringen.

Diese Fraktionsführer müssen also in der Fraktion um Führung


buhlen und mit der Fraktion um Führung unter den Fraktionen die
Herrschaft anstreben.

S e i t e 28 | 246
Natürlich müssen hier auch Zwecke hinterlegt werden und erfüllt
werden. Die Fraktion muss einen Vorteil aus ihrer Stellung haben
und diese dauerhaft halten wollen. Sonst wäre das gesamte Spiel
sinnlos. Hier spielen Gier, Ego und Narzissmus, ebenso wie Wille
zur Macht und eben auch Spezialisierungen – die Fähigkeit dieses
Spiel überhaupt zu beherrschen und damit auch Profite über den
Kredit zu erwirtschaften – ein Rolle. Aber es geht auch um
Wirtschaft.

4. Wettbewerb, Kapitalakkumulation, Klassen

▪ Preisniveau für Tauschverhältnisse: Mit der Kreditwirtschaft


kommt es auch zur Existenz des Preisniveaus. Wenn 20 Jäger über
20 Generationen in der Woche 2 Büffel und 5 Hyänen fangen
können, dann existiert hier bereits ein Wechselkurs zwischen den
Gütern. Wenn 2 Büffel den Wert von 3 Hyänen haben, und ein Jäger
in 3 Stunden 3 Büffel der andere in 3 Stunden 5 Hyänen fängt, dann
werden beide wohl weiter das tun, was sie die ganze Zeit tun. Und
der Annahme das beide nicht gerne arbeiten, die Gruppe aber die 8
Tiere braucht, und sie dafür eben an der Wirtschaft teilnehmen
können.

▪ Das Gleichgewicht: Wenn niemand mehr arbeitet als nötig, aber


genug als notwendig, und alle mit allem versorgt werden, dann stellt
sich ein ökonomisches Gleichgewicht auf dem Gütermarkt ein, wo
jeder das produziert was benötigt wird und alle dafür ihren fairen
Anteil am Gesamten erhalten.

▪ Kampf um das Jagdrecht: Kommt nun ein neuer Jäger und jagt 5
Büffel in 3 Stunden, so werden 8 Büffel und 5 Hyänen erzeugt. Es
kommt zum Essensüberangebot, der Preis des Büffels zerfällt. Der
Hyänenjäger kann nun mehr Büffel erwerben für seine Hyänen, tut
das aber nicht. Mehr Angebot von Büffeln reduziert nicht
notgedrungen die Nachfrage nach Hyänen. Und auch sonst will
niemand mehr Büffel kaufen, weil der Büffel sofort schlecht wird.

S e i t e 29 | 246
Ist dem so, müssen die Büffeljäger sich entscheiden. Beide können
weiter jagen und sich darum streiten, wer wie stark an den
Umsätzen oder dem Kredit der 2 verzehrbaren Büffel partizipiert.
Der alte Büffeljäger sagt, ihm ist es egal was der neue Büffeljäger
besser kann, seine 5 neuen Büffel haben den Büffelpreis mehr als
halbiert. Daher sollte der alte Büffeljäger mehr als die Hälfe des
Umsatzes bekommen. Der neue Jäger solle froh sein, dass er nicht
erschlagen wird. Den Rest der Büffel müssen sie wegwerfen.
Der neue Büffeljäger sagt, dass er aber doch viel mehr Büffel in der
gleichen Zeit Jagd, und deswegen er der Büffeljäger sein sollte und
den ganzen Profit erhält.

Es stellt sich die Frage, was denn nun am besten ist. Für die
Gesellschaft ist es egal wer die Büffel jagt. Aber die neue
Technologie ist besser, denn der Jäher kann das Essen beischaffen
und hat mehr Zeit sich um andere Dinge zu kümmern.
Was ist aber jetzt fairer? Ein Richter könnte nach einem
utilitaristischen Ansatz sagen: Nun, wer möchte denn lieber Büffel
jagen. Der soll den Büffel jagen. Und wer hat die bessere
Technologie, der soll die Büffeltechnologie zur Verfügung stellen
und den Überschuss zum Teil dem anderen Büffeljäger abgeben.
Und sich dann der Gesellschaft zuwenden.
Dann kommt ein sozialistischer Philosoph und sagt: Nein, die Frage
ist nicht wer Büffel jagen möchte. Sondern wer, wenn er den Büffel
nicht jagt, das größere Problem hat, eine neue Beschäftigung zu
finden.
Dann kommt der Ökonom und sagt: ja Moment, offenbar kann der
neue besser Büffel jagen. Er hat also etwas erfunden. Das ist
schonmal gut. Jetzt haben wir eine Überproduktion und der Büffel
ist nichts mehr wert. Das ist nicht gut. Wir müssen jetzt die
Produktion wieder herunterfahren, um 2 Büffel zu haben.
Fakt ist, das dauert jetzt nur noch 2 Stunden. Egal ob es der eine oder
der andere oder beide gemeinsam machen. Wieso gründen wir kein
Unternehmen, dieses hat das exklusive Recht an der
Büffelproduktion. Weil es den Büffel weiterhin produziert, bekommt
es jetzt den Kredit als Umsatz, den zuvor der Jäger erhielt. Denn das
ist der Gleichgewichtspreis. Wie sich jetzt beide zur Mitarbeit beim
Büffeljagen einigen ist diesen überlassen. Aber der Erfinder der
Verbesserung erhält auf jeden Fall die volle Wirtschaftsleistung, die
aus der nun frei gewordenen Stunde entstanden ist. Egal wie man

S e i t e 30 | 246
es sich aufteilt, insgesamt muss das Unternehmen 3 Stunden Arbeit
am Tag leisten. Der Erfinder erhält den Umsatz der letzten Stunde.
Daraufhin begnügt sich der Erfinder und sagt, ich erfinde etwas
Neues und helfe ihm das zu tun. Und wir teilen den Umsatz der
Letzten stunden durch 2. Daraufhin will der alte Jäger nun schon die
Hand einschlagen.
Dann kommt aber der größte und stärkste und älteste aller
Menschen im Stamm mit seinen 100 Gefolgsleuten und entscheidet,
dass der neue Jäger dem alten sagt, wie er die Büffel jagen soll. Die
Umsatz gehört dem alten Jäger, er soll 2.5 Büffel jagen, einen halben
dem Gott spenden. Der Umsatz der freien Zeit gehöre ihm. Und auch
der erfinderische neue Jäger soll nun für ihn allein neue Erfindungen
machen. Denn er, der Häuptling, möchte von den Kredit von der
Produktion seines Stammes besteuern. um damit den Bau einer
Brücke zu finanzieren, die zu Gott führt.

Problem gelöst? Man sieht schnell, dass Entscheidungen über die


Frage wer tun welchen Kredit dafür erhält komplex ist. Und
entweder durch den Kampf zwischen den Jägern, durch eine durch
die Gemeinschaft unterstützte Aufteilung oder über eine führende
Klasse bestimmt wird. Wenn es nur genug solcher banalen Konflikte
in der Gemeinschaft gibt ist klar, wieso sich Fraktionen und
Hierarchien und Herrscher bilden. Nämlich aus dem Sozialvertrag
heraus, um solche Koordinationsprobleme zu lösen.

▪ Margenjagd und Preiskontrolle: Natürlich sind speziell


Tauschwaren einem natürlichen Tauschprozess unterworfen und
die Preise stets neu verhandelbar.

Wenn es zu keiner Fluktuation im Arbeitsniveau, in der Nachfrage


und im Angebot gibt und alle ihren Teil beitragen, sollten sich die
Preise in etwa konstant halten. Am Ende sollen alle versorgt werden,
alle aktiv sein, und jeder den gleichen Kredit erhalten.

Fluktuiert das Angebot, schwankt der Preis. Man muss also


manchmal von anderen durchgefüttert werden, manchmal erzielt
man Überschüsse, die auch angenommen werden. Nur so kann eine
Spezialisierung auf der eine Gut sinnvoll sein.

S e i t e 31 | 246
Diese einfache Welt passt aber natürlich nicht zur Realität. Jeder
kann Beeren sammeln, mal mehr und weniger beitragen, mal die
Zeit mit Erfindungen verbringen. Manchmal auf die Kinder
aufpassen. In einer einfachen Gesellschaft mit starker „Wir Gruppe“
geht es beim Kredit vermutlich mehr darum, dass jeder hinreichend
beiträgt und niemand zu viel beiträgt.

Aber durch die Fraktionen können nun Fraktionen diesen Zirkel in


der Kreditwirtschaft aufbrechen. Wenn sie zum Beispiel konstant
bessere Reviere beherrschen und verteidigen, die mehr abwerfen
als andere. Oder wenn wir Arbeitsintensität so sehr stärker wird,
dass man dauerhaft mehr beiträgt.

Arbeitsintensität, Wettbewerb, Klassenbildung: Mit den stabileren


Fraktionen und der politischen Rivalität kommt es auch zur Frage,
wie man diese nun sinnvoll nutzt und sich politisch positioniert.

Eine Gruppe die stärkere Jäger, bessere Sammler oder intelligentere


Erfinder von Prozessen an sich bindet oder ein besseres Territorium
für sich beansprucht, kann mehr Güter für die Fraktion und die
Gemeinschaft produzieren. Dadurch kann sich die Fraktion Kredit in
der Gruppe aufbauen, den Kredit anderer relativ abbauen

Damit lässt sich dann auch die Königsfrage stellen: wer trägt wie viel
zur Gruppe bei, wer trägt zu wenig bei, und wie geht man damit um?

Dann entstehen eben Hierarchien. Und Ansprüche. Allein aus dem


Grund, dass man die Frage aufwirft und es zum Führungskonflikt
eskalieren lässt und man in der Lage ist diese absoluten Vorteile
auszuspielen. Man wird also zu einer Führungsklasse.

▪ Preispolitik: Genau dann, wenn diese Führungsklasse nun existiert


beginnt ein neues Spiel. Das der Preiskontrolle.

Es kommt dann nämlich zur Diskussion des Kreditwertes eines


Gutes. So kann die herrschende Fraktion A eventuell bestimmen,
dass die von Fraktion B gejagten Wildschweine wichtiger sind als die
von Fraktion C gejagten Büffel. Wie das genau funktioniert ist
unbeachtlich. Es kann über rhetorisches Schlechtreden des
Büffelfleisches geschehen. Über das strikte Büffelverbot aus

S e i t e 32 | 246
religiösen Gründen. Oder man schlachtet mit einer Armee alle Büffel
einfach ab. Es kommt so oder so zu einer wirtschaftlichen
Enteignung von Fraktion C. Weil diese ggf. politisch schlecht
aufgefallen ist. Das wären dann die ersten Anwendungen eines
Importzolls.

Diese Diskussion macht in einer egalitären Wir-Gruppe keinen


wirklichen Sinn. Aber sobald sich eine Machthierarchie etabliert hat
beginnt dieses Phänomen mit Sicherheit. Denn man möchte den
Kredit der eigenen Gruppe und den dadurch begründeten
Herrschaftsanspruch immer weiter ausbauen.

Kommt dann wirklich jemand dazu, ein neues Revier zu finden, oder
eine bessere Art des Anbaus, der Jagd oder des Sammelns von
Beeren, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die
herrschende Klasse dieses Wissen für sich beansprucht, dieses
Revier einnimmt oder den Erfinder in die eigene Fraktion zieht.

Über diese Art der Kontrolle über den Kredit und die Reduktion der
Leistungen anderer, über die Preispolitik, baut sich die Klasse weiter
ihren Stand aus.

▪ Die Kapitalakkumulation: Betrachtet man dies auf der gesamten


Gesellschaftsebene und über die Zeit hinweg so ist klar, dass
Fraktionen, welche die Herrschaft besitzen hochpreisige Güter
herstellen, in höheren Kredit kommen und dieser sich akkumuliert.

Es kommt also zu einer Kreditakkumulation. Wenn der Kredit im


Gedächtnis der Gemeinschaft verankert ist, er also nicht „verjährt“
oder vergessen wird, dann kommt es durch diese Konkurrenz zu
einer Art Kapitalakkumulation. Das Kapital ist in diesem Fall der
Kredit und der sich daraus resultierende Anspruch auf Herrschaft.

Aber der Kredit ist natürlich eine abstrakte Fassung von dem was
eigentlich vor sich geht. Durch die stetige Bereitstellung der
hochwertigen Güter wird vermehrt mit dieser Fraktion gehandelt,
wer vermehrt handelt der baut stärkere Beziehungen auf, als wenn
er nicht handelt. Wenn unterschiedliche Fraktionen ihre Waren für
die Wildschweine eintauschen wollen entsteht ein Bieter-
wettbewerb und Angebot und Nachfrage erhöhen den Wert des

S e i t e 33 | 246
Gutes. Die Nachfrage lässt sich über das Schlechtreden oder Ächten
jedoch beeinflussen. Zeitgleich werden alle nicht in der
Herrschaftsfraktion teilnehmenden Wirtschaftsakteure versuchen
sich gegen diese zu verschwören, diese auszutricksen, ökonomisch
zu überbieten. Die Herrscherklasse lernt dadurch diese Versuche
über die Beziehungen spionageartig zu überwachen und zu kontern.
Sie wird die möglichst erfolgreichen Angriffe durch die Bestechung
oder die Abwerbung der intelligenten und gefährlichen Mitglieder
der Minderheit abwehren und auch darin immer intelligenter und
unbeobachteter werden. Also eine weitere Art von Geheimwissen
und Führungswissen.

Diese Dynamik erzeugt über die Zeit jedoch weitere Vorteile.


1. Zum einen wird das intellektuelle Kapital, oder das Produktions-
Geheimwissen – wo findet man Wildschweine, wie baut man fallen,
wie geht man auf die Jagd, welche Waffen benutzt man und wie
funktionieren sie – von der Konkurrenz abgriffen oder abgekauft und
zu Geheimwissen der Gruppe erklärt.
2. Das Handelsgeheimwissen – wer zahlt am meisten, welche Güter
lassen sich länger aufbewahren und später wieder handeln, wie
handelt man z.B. gegen Produktionsschwankungen anderer welche
den Preis von sagen wir „gefangenen Tauben“ (angenommen dieses
Gut steht nur per Zufall zur Verfügung). Auch hier entwickelt sich
Geheimwissen, das aufgrund der Wirtschaftsposition wichtiger und
relevanter ist als für einen Grashalmsammler. Wer viel handelt
erwirbt Verhandlungsgeschick wird weiß besser Bescheid darüber,
wer wie mit wem mit welcher Taktik wann und wie oft handelt.
3. Durch die erfolgreichen Versuche die Preise der Konkurrenten zu
drücken entsteht auch hier Geheimwissen.

Es entsteht also sowohl Wissenskapital – das Geheimwissen wird -


wie auch Wissen über den Erwerb, den Schutz, die Nutzbarmachung
von Wissenskapital – ebenfalls Geheimwissen – und darüber wie
man alles das geheim hält – Da Geheimwissen über Geheimwissen.

Alle diese Faktoren sind Teil der Akkumulation von Macht, von
Potenz(ial) und „Kapital“, bzw. intellektuellen Kapital. Und dieses
verstärkt natürlich die realisierten Kreditüberschüsse, also die
eigentliche Kapitalakkumulation.

S e i t e 34 | 246
All dies erlernt jemand, der nur Grashalme sammelt und alleine auf
der Wiese isst, nicht. Oftmals wenn man von Wirtschaft spricht und
gerade im akademischen Bereich wird die hinter dem Handels- und
Wirtschaftserfolg liegende Komplexität ausgeklammert und im
besten Fall auf Risikoaversion reduziert. Aber mit der Entstehung
von Fraktionen und den ersten Führungsansprüchen kommen
Klassen ins Leben die komplexe Bestände an Potenz aufbauen, die
sich im Wissen, in den Beziehungen, in den Taktiken und Erfolgen
und auch im Kredit und Wohlstand abbilden. Die Akkumulation ist
also im vollen Gange. Die Klassengesellschaft lebt und gedeiht.

5. Erb- und Ehe- und Familienrechts

▪ Akkumulation: Zusammenfassend haben wir also Grundzüge der


Akkumulation von (a) Eigentum, (b) Beziehungen und
Fraktionszugehörigkeit, (c) Politischem Geschick und
Geheimwissen, und (d) Position und Rang in der Gesellschaft. Jedes
Mitglied in einer Fraktion wird diese „Güter“ akkumulieren und
damit in der eigenen Fraktion und als Teil der Fraktion in der
Gemeinschaft um Einfluss und Wohlstand buhlen.

Manche Personen tun dies mehr, manche weniger. Ehrgeiz und


Ambition und Aufopferung für den gesellschaftlichen Status
werden für manche zu einer Normalität, andere bevorzugen über
Loyalität und gute Arbeit sich aus der „Politik“ und „Führung“
heraus zu halten. Manche wollen gar nicht arbeiten. Manche
wollen nur schön und gut angesehen sein. Manche wollen tollkühn
sein. Die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen sind vielfältig.
Aber die Machtpositionen sind bereits wirtschaftlich kodiert. Es
kommt mit dieser Akkumulation zu klaren Mustern der Herrschaft
und der Gefolgschaft. Sowie zu einer Trennung von lediglich im
Handel begabten und zusätzlich in der Politik begabten.

Es erscheint, wenn man das alles zusammen betrachtet,


unwahrscheinlich, dass sich in dieser frühen Gesellschaftsform
jemand ohne Wohlstand als politischer Herrscher etablieren kann.
Und das stürzt natürlich hier auch schon die Idee, dass Staaten und
Regierungen bei Ihrer Erzeugung vor allem die
Herrschaftsklasseninteressen stützten.

S e i t e 35 | 246
Mit dieser Spaltung in der Gesellschaft aufgrund all jener
Eigenschaften tritt auch die Frage der Akkumulation über den Tod
hinaus irgendwann auf die Tagesordnung. Wem gibt man sein
Wissen weiter? Und welche Bedingungen muss jemand
mitbringen, um der Verantwortung gewachsen zu sein. Diese
beinhaltet die Bereitschaft fleißig zu sein, sich politisch und
wirtschaftlich betätigen zu wollen, sich nicht über seltsame
Verhaltensweisen in Misskredit bringen zu lassen, und das
Geheimwissen, die Beziehungen und Techniken zu erlernen und
anzuwenden.

▪ Das Erbe: Betrachtet man die Funktion des Eigentums über den
Nachwuchs und die besondere Stellung in der Familie, so ist bereits
klar, dass dieser Nachwuchs – der eigene oder adoptierte -, und
somit die Familie als Grundbaustein für den Kapitalerhalt über den
Tod hinweg ist. Jeder Vater wird also ein Interesse daran haben, die
Sicherheit seines Nachwuchses zu sichern und erworbene Güter an
diesen abzugeben. Oder eben jemand zu adoptieren oder in den
engsten Kreis zu nehmen, damit dieser das Kapital nach dem Tode
weiter verwaltet. Das hängt sicherlich vom Geschick des
Nachwuchses ab.

▪ Vorbereitung der Erbfolge: Für die besonders wohlständigen (in


gutem Stand = Hoher Kredit) Führer heißt dies, dass der eigene
Nachwuchs zunächst einmal das politische Geschick und
Geheimwissen erlernen muss, es ihm übermittelt werden muss,
um überhaupt „mitspielen“ zu können. Dadurch kann der
Nachwuchs sich auf Handlungen fokussieren, welche Position und
Rang in der Gesellschaft mehren. Schafft der Nachwuchs dies, so
kann er sich über Loyalität und Zugehörigkeit zu einer Fraktion
dieser Anschließen. Um Dort das Erbe anzutreten. Nicht nur als
Besitzer des Eigentums, sondern als Eigentümer des Eigentums und
all den darin verborgenen Beziehungen, dem Wissen über die
Nutzung des Kredits, der Güter und Beziehungen zur weiteren
Eigentumsmehrung.

▪ Anerkennung des Erbanspruchs: Festigt der Nachwuchs durch


gute Vorbereitung seine Position, so ist es unwahrscheinlich, dass
jemand anderes mit seinem Eigentum besser umgehen würde als

S e i t e 36 | 246
er selbst. Denn wäre das der Fall, würde der Nachwuchs womöglich
nicht der beste Kandidat, um die Position in der Fraktion und die
Position der Fraktion in der Gesellschaft weiter voran zu treiben
und für Stabilität zu sorgen. Wäre durch den unfähigen Nachwuchs
die Funktion des Eigentums für die Interessen der Gesellschaft und
Fraktion nicht mehr verfügbar, so ist es nicht unmöglich, dass man
das Erbe streitig macht. Dieses Problem haben fast alle Dynastien
in der Geschichte der Menschheit praktisch durchlebt.

▪ Kontinuität als Gesellschaftsforderung an das Erbe: Je komplexer


die Gesellschaft, die Beziehungen, das Geheimwissen und die
Gemeinschaft und ihr politisches Gemeinwesen, und desto stärker
die Wechselwirkungen zwischen den Mitgliedern, desto höher ist
der Bedarf an Kontinuität nach dem Tod eines Eigentümers oder
„Vermögens-verwalters“. Die Frage des Familiennachwuchses ist
also quasi schon die gleiche wie später bei einer Kapital- und
Aktiengesellschaft. Spätestens bei der Ost-Indischen Kompagnie,
die eine über eine Kapitalgesellschaft organisierte, militärisch
bewaffnete, mobile Staatsgewalt für sich war, ist klar, dass hier ein
unfähiger Nachwuchs gar nicht in Frage kommt und wieso eine
Kapitalgesellschaft dafür notwendig war. Hier mussten ganze
Führungsstäbe und Divisionseinheiten ihren „Nachwuchs“ sichern.
Wenn nach dem Tod des Familienoberhaupts also die gesamte
Wirtschaftsleistung zusammenbrechen würde, wäre dies für die
Stabilität der Fraktion und die Gemeinschaft womöglich
entscheidend.

Die Erbfrage ist also nicht nur eine Frage, ob die Gesellschaft das
Konzept der Erbschaft duldet und man Familien die
Kapitalakkumulation über Generationen hinweg ermöglichen
sollte. Es geht auch um die Frage wie viel Kontinuität die Institution
der Familie und ihrer Beziehungen und Geheimwissen durch die
Erbschaft erzeugt werden soll. Die Anerkennung des Erbes durch
die Fraktion ist dabei aber vermutlich gebunden an die Fähigkeit
des Erbens. Ist dieser völlig unfähig und kann das Familien-
oberhaupt keine Abhilfe schaffen, z.B. durch Heirat in eine andere
fähige Familie, oder Adoption oder sonst irgendeine rechtliche
Institution welche das Vertrauen und die Loyalität der Familie
nachahmt, so kann das Erbe eben auch streitig gemacht werden.

S e i t e 37 | 246
Oder es kommt zur Übernahme des Kapitals entweder durch
Gewalt oder List.

▪ Erbverlust: Gibt es keine Fraktionen, so ist es allerdings


unwahrscheinlicher, dass es zu Erbstreitigkeiten dieser Art durch
die Gruppe kommt und im schlimmsten Fall geht das Hab und Gut
(oder der Kredit) (a) auf den Nachfahren unabhängig von seiner
Fähigkeit über, oder (b) die Gemeinschaft verwaltet dies
treuhänderisch bis ein neuer fähigerer Nachwuchs kommt, oder (c)
es geht in das Gemeingut der Kommune über. Alles das kann
natürlich auch bei Fraktionen über die Treue in der Fraktion
geschehen.

Schafft eine Gesellschaft es auf diese Art Erbansprüche und ihre


Bedeutung zu verstehen und über den Sozialvertrag allgemein
anzuerkennen, beginnt die Familie über das Erbrecht eine eigene
Institution zu werden. Sie ist stark verbunden mit dem Konzept der
Kapitalgesellschaft.

▪ Die Ehe und Eheschließung als Teil der Klassenevolution: Mit der
Anerkennung der Familie und des Erbrechts entsteht auch die
Institution der Ehe als wirtschaftliche Einheit und die
Eheschließung wird strategisch. Sie hilft Eigentum und Kredit zu
mehren und über die Verwandtschaft die Kontinuität des Standes
in der Klasse und als Teil dieser diese zu schützen. Dadurch entsteht
also auch das Konzept der Verwandtschaft.

Wer in eine Familie einheiratet, zur Verwandtschaft wird, der


bietet dieser Familie nicht nur Hab und Gut als Gabe, sondern auch
Nachwuchs, der hoffentlich fähig ist, die Fußstapfen anzutreten.
Diesen Mehrwert gibt es aber nicht auf der Ebene der Ehe mit dem
Gatten, sondern bei der Betrachtung von Geschwistern und ihre
wechselseitige Beziehung mit ihren Gatten zu den
Familienoberhäuptern.

Jede Familie muss sich also um die Zeugung von fähigem


Nachwuchs kümmern und diesen dann möglichst fähig entwickeln,
um dann über die Verheiratung andere Familien und ihren
Wohlstand zusammen zu legen und dem fähigsten des
Nachwuchses die Verwaltungsfähigkeit betrauen.

S e i t e 38 | 246
Man muss sich nur die heutige Gesellschaft anschauen und kann
schnell erkennen, dass es sich bei diesem Verhalten wieder um
Standesdünkel und Klassen-bewusstes Handeln handelt.

Denn was kann alles passieren?


1. Der Nachwuchs kann individuell nach Liebe Partner suchen und
die Fähigkeit vernachlässigen.
2. Der Nachwuchs kann aufgrund der Fähigkeit statt den Wohlstand
– Netzwerke, Güter, Geheimwissen – der eigenen Familie zu
mehren auch einfach in den Dienst einer anderen Familie gehen
und „Angestellter“ oder „Arbeiter“ werden.
3. Selbst der beste Nachwuchs und strategisch ausgeklügelte
Heiraten schließen nicht aus, dass sich Geschwister streiten und es
der ganzen Sache nicht mehr dient.
4. Selbst die besten Nachwüchse wollen am Ende womöglich gar
nicht diesem doch sehr kapitalistischen Modell folgen.

▪ Der Sombart’sche Bourgeois ist älter als die Geschichte: Es ist aber
doch sehr auffällig, dass diese Strategien und die starken
Forderungen der Familienoberhäupter an ihren Nachwuchs in
dynastischen Herrschaftsstrukturen auch in der Wirtschaft der
Industrialisierung, wie auch in dynastischen Adelsgeschlechtern
gelebt und praktiziert werden. Selbst in Arzt- und Anwaltsfamilien
oder bei Ingenieuren und Unternehmern sieht man dies. Die
Deutschen sprachen noch lange davon, dass der Sohn des
Schusters bei seinen Leisten bleiben solle. Das diese Verhalten bei
vielen Menschen, die nicht zu dieser dynastisch- und
Wohlstandsorientierten Denkwelt gehören, nicht beobachtbar
sind, ist ebenso auffällig.

Was fest steht ist, dass keine großen politischen oder


unternehmerischen Erfolge ohne den Aufbau von komplexen
Beziehungen, „Geheimwissen“ oder fortgeschrittene Ausbildung
über Führung und Verhandlung, und dergleichen möglich sind.

Wer dadurch viel akkumuliert ist wechselseitig von diesen


Beziehungen abhängig und hängen ganze Wertschöpfungsketten
und Klasseninteressen an der Stabilität dieser Beziehungen, dann
ist das Verhalten auch erklärbar und sinnvoll.

S e i t e 39 | 246
▪ Grenzen der Akkumulation: Entscheidend an dieser Stelle ist, dass
in einer nomadischen Stammesgesellschaft der Akkumulation noch
deutliche Grenzen gesetzt sind. Eine wirklich starke und
ausgeprägte Fraktionierung und Klassenbildung ist daher in diesem
Stadion weniger realistisch, wenn man nur Wirtschaftsphänomene
betrachtet. Wichtig an der Stelle ist, dass das Potential für diese
Entwicklungen in diesem Stadium schon voll und ganz vorhanden
ist.

6. Jagd, Gewalt, Hierarchie, Kollektivaufgaben

Neben dem Konzept von Kredit und Wettbewerb um Kredit-(/Kapital-)


Akkumulation bei der Austragung von politischen Verteilungskonflikten
gibt es auch die Komponente der Gewalt und Konfliktfähigkeit rund um
das Thema Jagd. Die Jagd wie später der Krieg ist die Mutter der großen
kollektiven Aufgabe, bei der alle gemeinsam unabhängig von ihrem
Kapital zusammenkommen, um das Überleben der Gruppe zu sichern.
Aus der Fähigkeit Gewalt und die Möglichkeit des Konflikts bis zum Tode
zu koordinieren und zu führen entsteht neben der Kreditwirtschaft ein
zweites Standbein für Herrschaft, welche bis heute eines der zentralen
Motive der Herrschaft an sich ausmacht.

▪ Die einfache Jagd und Herrschaft: Wie auch bei Löwen, wo die
ständigen spielartigen Gefechte bereits das Jagdverhalten
antrainieren und Rangkämpfe im Prinzip die Sicherheit der Art
schützen, indem sie die besten, listigsten, führungsfähigsten und
stärksten zu den Anführern der Jagd macht, um die diese auf die
mögliche Niederlage bei der Jagd und damit den Tod der Gruppe
vorbereitet; entwickelt sich dieses Konzept auch in der
Gemeinschaft.

Die Funktion der Jagd spielt bei Tieren wie bei Menschen eine
essenzielle Rolle, da die Stärke bei Rivalitäten und Machtkämpfen
unmittelbar auf die Jagd anwendbar sind und mit dem Erfolg bei
der Jagd und damit mit der der Überlebensfähigkeit
zusammenhängen.

Ebenso wie bei Tieren und idealisiert bei Platon sind kindliche und
jugendliche Schlagabtausche, verbale wie soziale wie physische,
Ausdruck des gleichen Konzepts. Der Prozess identifiziert

S e i t e 40 | 246
diejenigen, die im Falle von Konflikten in der Gruppe oder
Konflikten der Gruppe mit Tieren oder anderen Gruppen von
Bedeutung sind. Die Glaubwürdigkeit eines Angriffs oder im
Zweifelsfall über einen Angriff kann bei sozialen Beziehungen
auch wichtig für die Vermeidung von Gewalt sein. In kleinen
Gruppen ebenso wie in größeren Gruppen und bei
Fraktionskämpfen spielt die Fähigkeit im Kampf zu gewinnen also
eine zentrale Rolle, die erst sehr viel später in der Entwicklung von
Rhetorikern und Politikern übertroffen werden kann. Dort ist die
Fähigkeit nicht notwendiger Weise im Kampf zu gewinnen,
sondern Kämpfer zu kontrollieren und Wirtschaftsinteressen, die
wiederum Kämpfer kontrollieren, zu orchestrieren, indem man sie
rhetorisch und politisch führt.

▪ Hierarchie: Wichtiger noch als die Frage wer sich in solchen


Spielen oder bei Kämpfen durchsetzt ist aber die Feststellung,
dass durch das gesagte das Konzept der Hierarchie grundlegend
und tief in der Gesellschaft verankert ist. Alle egalistischen
Formen der Gesellschaft und Gleichberechtigung und
Anerkennung des Eigentums und von Erbansprüchen entscheiden
sich aus der Hierarchie heraus. Wenn 10 starke und gewaltbereite,
skrupellose Kämpfer etwas von 20 friedfertigen Kapitalisten
wollen, dann bekommen sie es auch. Die Anerkennung des
Eigentums und die Durchsetzung von Sozialverträgen wird am
Ende über Gewaltpotentiale entschieden. Und Gewaltpotential ist
dann eben Teil der herrschenden Klasse.

Einleuchtend wird dies, wenn sich die möglichen Szenarien


algorithmisch anschaut:
1. Sind die stärksten schlecht, dann werden sie nach Möglichkeit
beseitigt. Ist dies nicht möglich, weil die stärksten zu stark sind,
dann herrschen sie schlecht. Das kostet enorme Anstrengung –
denn sie werden nur geduldet und man trachtet nach dem Ende
der Herrschaft. Unter Umständen werden die schlechten
Herrscher dann gut. Oder irgendwann, wenn sich die Möglichkeit
bietet, beseitigt.
2. Beseitigt man die Herrscher, so entstehen wieder neue
Stärkste. Das Spiel beginnt erneut.
3. Sind die Stärksten gut, dann setzten sie sich für die Gruppe
hinreichend ein und bauen ihren Führungsanspruch aus. So lange

S e i t e 41 | 246
bis jemand anderes stärker wird. Und das Spiel beginnt von
Neuem.
4. Sind die Stärksten am Regieren und stirbt die Gemeinschaft
trotzdem aus, dass war man einfach nicht für diese Welt gemacht.

Egal wie, das Regime wird von den Stärksten bestimmt und
Instabilität geht von ihrer Stärke aus. Eine Gesellschaft kann also
nur stabil sein, wenn die stärksten führen und dies guttun und ihre
Stärke und Macht erhalten. Alles andere birgt Risiken dieses
Zyklus und erzeugt Instabilität. In keinem Fall wird es jedoch nicht
zu einer Hierarchie kommen, die über das Gewaltpotential
ermöglicht wird. Auch die Fiktion des Staates als demokratische
Institution kann nur dann Überleben, wenn die stärkste Kraft in
der Gesellschaft den Staat schützt. In sehr großen
Gemeinschaften kann dies das Volk selbst sein. Bei sehr hohem
Macht- und Wirtschaftsgefälle kann dies die herrschende Klasse
sein.

▪ Herrschaft: Mit Hierarchie als Teil des Systems – durch


Kapitalakkumulation und Gewalt - und steigender Gruppengröße
stellt sich die Frage, wer am Ende die Führung in der Hierarchie
übernimmt. Je nach Konstellationen der Gesellschaft werden
jedoch immer Interessengruppen und Fraktionen die stärkste
Kraft darstellen. Je schwächer einzelne Fraktionen im Vergleich zu
anderen oder der Gemeinschaft an sich ist, desto mehr öffnet sich
die Tür für Sophisterei, bei der Repräsentanten, die nicht
zwingend aufgrund ihrer Stärke oder Wirtschaftsmacht
herrschen, sondern aufgrund ihrer Fähigkeit die Gemeinschaft
gegen mit Rhetorik und religiösen und moralischen
Führungstaktiken gegen die herrschende Klasse aufzuwiegeln.

Man darf dabei zwar nie missverstehen, dass die


Wirtschaftsleistung immer von diesen vorangetrieben wird. Es
handelt sich lediglich um ein Mittel, mit dem die Nutzung der von
den Wirtschaftseliten beherrschen Gewaltpotentialen bei ihrer
Entfaltung die Basis ihrer Wirtschaft und somit ihrer Existenz
glaubhaft in Gefährdung bringen würden.

Wenn in so einem Machtkampf die herrschende Klasse oder der


rhetorische Volksvereiner seine Gewaltpotentiale zur Nutzung

S e i t e 42 | 246
bringt und dadurch das System an sich angegriffen wird, so
entsteht eine Art des Faschismus. Dieser herrscht, wenn die
natürlichen Kräfte in der Gesellschaft nachhaltig geschädigt
werden, weil jemand das Gewaltpotential der Gesellschaft für
Zwecke missbraucht, die der Gesellschaft schaden. Weil dies im
Falle eines Patts zwischen der Wirtschaftselite oder eines
Demagogen nur über offensichtliche Gewalt möglich ist, wird
durch die Bewusstwerdung der Gewalt das System dadurch
totalitär.

▪ Das Spiel des Todes und Hegel: In den Arbeiten von Hegel und
Alexandre Kojeve wird die Thematik der Herrschaft und des
Beherrschen über den Kampf bis zum Tode diskutiert. Ein Spiel
über die Herrschaft – was bei Tieren bei Jagdübungen anfängt und
bei Menschen auch im politischen Spiel gelebte Spielpraxis ist –
wird dort als elementare Form vorgestellt. Es wird auch
thematisiert, wie der Herrscher durch die Beherrschten geführt
wird, weil der Herrscher in seiner Paranoia und seinem über und
für andere Regieren wollen in seiner Rolle gefangen und zuletzt
von den Beherrschten und ihrer Akzeptanz stets abhängig ist. Man
kann zu diesem Thema sehr viel und sehr lange lesen.
Entscheidend später wird dadurch sein, dass bei einer
zunehmenden Akkumulation von Kapital die Bürde des Regierens
weniger interessant wird, solange die Regierung nicht gegen die
Akkumulation antritt. Genau dann, wenn wirtschaftliche Eliten in
die Politik gehen und deswegen ökonomische Nachteile haben
wird das Thema der Kontrolle der Gewalt wieder relevanter. Das
Spagat zwischen Militär, Führungsanspruch und Wirtschaft ist in
der gesamten Geschichte immer wieder zu bewundern.

▪ Das Regierungs- und Kollektivgeheimwissen: Nichtsdestotrotz


muss die Gesellschaft und die aktivsten Akteure in der
Gesellschaft sich aufgrund des Problems der Gewalt auch mit
deren Stabilisierung beschäftigen. Eine damit betraute Klasse wird
wahrscheinlicher und die koordinierte und von Hierarchie
bestimmte Jagd und Durchsetzung des Sozialvertrags bilden

S e i t e 43 | 246
erneut eine Welt des Geheimwissens, das nur diejenigen
erwerben, die sich aktiv mit der Herrschaft über die Gruppe
befassen. Eine Diskussion dieses Geheimwissens findet sich bei
Chanakya/Kautilya’s Arthashastra (300 vChr., Indien) – der sich
mehr mit ökonomischen Fragen befasst – und Han Fei (300 v.Chr)
– der sich mit dem Regieren beschäftigt. Beides sehr lesenswerte
Texte.

7. Geheimkapital: Wissen, Information, Beziehung

Eine der größten blinden Flecken in der gesamten Ideengeschichte und


politischen Philosophie, wie auch in der Gestaltung des Rechts sind
verborgene, aber durchaus verstehbare und analytisch diskutierbare
Machtansprüche.

▪ Beziehungen: Mit den Fraktionen haben wir uns hauptsächlich mit


Beziehungen beschäftigt. Fraktionen zu bilden, sie anzuführen, sie
in den Wettbewerb und den Konflikt zu führen und im
strategischen Wettbewerb gegen andere Gruppen zu siegen
verlangt ein extremes Geheimwissen, das auch heute einem
durchschnittlichen Lohnangestellten im großen Teil nicht verfügbar
ist. Beziehungen zu haben und zu pflegen bedeutet Zeit in sie zu
investieren. Aber auch überhaupt zu wissen, wie sich solche
Beziehungen gestalten. Welche Gefahren sich durch die ständigen
strategischen und taktischen Konflikte daraus ergeben. Und welche
Bedeutung noch so unterschwelligen Verhaltensweisen in einer
Klasse eigentlich haben. Wer viel mit fremden Kulturen zu tun hat,
oder in der Wirtschaft und Politik arbeitet, der kann sicherlich viele
Geschichten über solche Themen erzählen. Aber er wird es nicht.
Denn vieles ist eben Geheimwissen. Und Tabu.

▪ Verhalten: Wer heute im Bekanntenkreis Menschen kennt, die


oftmals trübsinnig sind; oder über das Leben und die Probleme
andere sprechen ohne daraus einen Nutzen zu ziehen; wenn
Menschen sich aufgrund ihres Humors Feinde machen; oder sie
wegen Trägheit nicht morgens um 5 Uhr im Wald stehen und Enten
schießen; dann wird klar, dass die einfachsten Probleme des
Führens bei vielen Menschen nicht ausgebildet sind. Man
beherrscht nicht einmal die eigenen Emotionen, man Kontrolliert

S e i t e 44 | 246
das eigene Ego nicht, ist schnell beleidigt; man verfügt nicht über
die Verhaltensweisen, die zwingend notwendig in der
Zusammenarbeit mit anderen Menschen sind. Geschweige den
anderen Kulturen und Klassen. Auch hier sammelt sich früh
Geheimwissen an. Das vererbt und in den Gruppen ausgetauscht
wird. Und selbst dies hilft nicht davor, dass man je nach Situation
und Umwelt auf gänzlich andere Verhaltensweisen trifft, wo die
eigenen Strategien nicht mehr funktionieren. In kürzester Zeit
diese zu erkennen, zu deuten und darauf taktisch und strategisch
zu reagieren ist eine Kunst, die man nicht beim Grashalmsammeln
lernt, sondern durch die ständige Interaktion mit anderen
Menschen in ihren unterschiedlichen Umgebungen. Etwas, was
dem Grashalmsammler weniger geläufig ist als dem Händler, dem
Diplomaten oder Politiker.

▪ Gedächtnis: Auch heute gibt es in Städten Listen alter Familien.


Wer hat vor fünf hundert Jahren die Burg verteidigt? Wer hat die
Stadtkammer verwaltet? Wer war richtig? Auch in diesen
Gesellschaften gehen enge Beziehungen, gefochtene Kriege,
überstandene Katastrophen und das Verhalten von Menschen
einen weiten weg. Wenn heute höchstqualifizierte Spezialisten von
Unternehmen zu Unternehmen ziehen und in als höchstbezahlte
Dienstleister ihr Leben vor sich hin wegwerfen und weder am
Unternehmertum, noch an der Teilnahme der Zivilbevölkerung,
noch militärisch noch politisch tätig sind, da gehen sie so
bedeutungslos wieder zu Grunde wie die Grashalmsammler in der
Geschichte der Nomadenstämme. Auch dies ist ein Geheimwissen
und nicht jeder wird wissen, welcher Nachfahre auf den Lorbeeren
und Errungenschaften seiner Vorfahren ruht und dadurch Gewicht
in der Gesellschaft haben kann.

▪ Wirtschafts-, Rechts-, Moralitäts- und psychologisches Geschick:


Nicht nur muss man auch in dieser Stammesgesellschaft strategisch
komplex denken können wie ein Schachspieler, wenn man nicht
mit seinen politischen Manövern auffliegen möchte. Man muss
auch die Kreditwirtschaft, die Beziehungen und Transaktionen
anderer verstehen; wie diese wahrgenommen werden, wo
Handlungen nachgewiesen und angeklagt werden können; wo
welche Handlungen Reputation erzeugen und zerstören. Und wie

S e i t e 45 | 246
man andere motiviert, zu Treue, zu Verschwiegenheit, Vertrauen
und Unterwerfung führt.

▪ Tugenden: Wer nicht dabei erwischt werden möchte, wie er


jemanden erschlägt, der sollte am besten niemanden erschlagen.
Wer will das jemand erschlagen wird, der muss nur Hinweise
bereitstellen können, die einen anderen dazu führen ihn zu
erschlagen. Wer im Krieg oder bei der Jagd nicht in sich zusammen
klappen oder weglaufen will, wer trotz Verwundungen noch tapfer
im Kampf stehen und weiter kämpfen will; der muss Schmerzen
ertragen, Ängste besiegen, einen kühlen Kopf bewahren und sich
entspannen und fokussieren können. Wer dies im Kampf können
will, der muss nicht nur mit Holzschwerter üben, sondern den
Schmerz, die Disziplin, das Ertragen von Schmerzen, Müdigkeit und
Angst zu seinem Alltag machen. Und wer partout keine Emotionen
zeigen will, wenn er in einem politischen Kampf im Senat steht, der
darf schlicht und einfach keine Gefühle haben.
Auch in diesen Tugenden, ihrer wahren Bedeutung und der
Entscheidung ihnen nach zu leben, wenn sie denn für die eigenen
Aufgaben opportun sind, gehören zum Geheimwissen.

8. Täuschung, Spione und Beginn des Straf- und Prozessrechts

Der erste Witz der Geschichte: Wie bereits zuvor gesprochen finden in
tierischen Gemeinschaften zur Feststellung von Rängen und
Jagdfähigkeiten spielartige Kämpfe statt. Ein wichtiger Bestandteil
dieses Schauspiels ist die Intensivierung dieser „Rang“-eleien auf den
eigentlichen Machtkampf hin. In diesem austarieren der eigenen Stärke
geht man immer wieder einen Schritt weiter. Die Intensität der
Aggression und Gewalt nähern sich dem endgültigen Kampf an. Bei
einigen Gattungen endet ein Machtkampf mit schwerer Verletzung,
Ausgrenzung und dem Tod. Bei anderen wird Sühne geleistet, das
Gesicht wird verloren und man „zieht“ den Schwanz ein und akzeptiert
die eigene Schwäche.

Der erste Witz entsteht wohl dann, wenn man dieses Spiel nachahmt.
Mit der vollen Intention einer tödlichen Verletzung. Man sich aber die
Tür offen hält zu sagen: „Oops, war nur ein Spiel. Tut mir leid.“ Dieser
Witz ist letztendlich das Grundkonzept der Lüge und Täuschung.

S e i t e 46 | 246
▪ Täuschung und Fassade und Make Believe Spiele: Der Soziologe
Goffman redet von so genannten „Make Believe“ Spielen. Ein
solches Spiel gehört zu einer Art Spiel, wo versucht wird, eine
Deutung einer Situation so zu gestalten, dass wenn man die
Situation so wie intendiert interpretiert, man an diese glaubt. Erst
wenn der Rahmen der Betrachtung der Situation geändert wird,
erscheint die Handlung oder Aussage in der gewünschten neuen
Situation. Der obige Witz ist so ein Spiel. Und jeder Versuch eines
Mörders, die Tat als einen Unfall zu deuten, oder gar als ein
Missverständnis, ist nichts anderen. Ein in der heutigen
Gesellschaft auch populär gewordenes Spiel ist das Gaslighting.
Man sagt jemanden zum Beispiel jeden Tag, dass man ihn
unattraktiv, dumm und unfähig hält. Kontert aber immer damit,
dass man ja nur witzig sein sollte. Die Intention dabei ist aber
natürlich, dass man damit das Selbstvertrauen des Betroffenen
zerstören möchte.

▪ Leichtgläubigkeit: Ein zentrales Element in der Interkation von


Menschen das mit den Rangeleien in der Tierwelt vergleichbar ist,
ist das Spiel mit der Täuschung mit dem Zweck, die
Leichtgläubigkeit eines anderen Menschen zu testen. Die
Leichtgläubigkeit ist ein elementarer Baustein für gesellschaftliches
Zusammenspiel:
o Ein mutmaßlicher Täter, der durch die Rhetorik des Richters
nach der Darlegung der Argumente als nicht wirklich mit Motiv
handelnder Mensch glaubhaft als guter Mensch dargelegt
werden kann, wird anders bestraft als ein kaltblütiger,
rachsüchtiger Mörder.
o Ein Missverständnis, das über den Täter oder einen Schlichter
so rhetorisch dargelegt wird, dass an die dargelegte
Interpretation geglaubt wird, ist so ein Beispiel eines
Reframings in einem „Make Believe“ Spiels.
o Der Versuch über astrologische oder naturwissenschaftliche
Geheimkenntnisse eine Gottesverwandtheit oder
Rechtfertigung für die eigene Herrschaft zu begründen, weil
man das unvorhersagbare vorhersagt ist ein solches Spiel. Nur
das es hier niemand aufdeckt. Und wer es aufdeckt, wird als
Ketzer verbrannt.

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o Der Versuch über ein gutes Ansehen, gute Manieren, Spenden
und öffentlich zur Schau getragenes Gutmenschentum davon
zu überzeugen, dass der eigene Reichtum nicht über die
Ausbeutung und fortlaufende Täuschung von Partnern erfolgt
ist, ist eine solche Täuschung.
o Der Versuch sich selbst für den Erfolg einer Schlacht
verantwortlich zu machen, die durch einen gefallenen Helden
im Kampf entschieden wurde, ist ein solcher Versuch.

Was also im Kindesalter mit infantilen Behauptungen beginnt, die


geglaubt werden sollen – „Ich habe die Wand nicht angemalt“ –;
wer im späten Kindesalter mit Sarkasmus und Ironie die Geduld
seiner Mitmenschen testet oder den Ruf seiner Klassenkameraden
schädigen will, oder diese beginnt mit Prügeldrohungen zu
erpressen; wer im jugendlichen Alter mit Sportlichkeit, ewigen
Treueschwüren und zur Schau getragenem Status – Freunde,
Reichtum – die Betten der Nachbarschaft erobert; und schließlich
im zielorientierten und politischen Verhalten von Erwachsenen als
Verkäufer, Politiker, Anführer jedweder Art ansiedelt, der
beherrscht die Kunst der Täuschung. Denn der nutzt die
Leichtgläubigkeit und Beeinflussbarkeit anderer, um mit wenig
echten authentischem Interesse an diesen Menschen ein Ziel und
Zweck zu erfüllen. Es wird jedoch fast niemanden geben, der sich
selbst auf diese Person einlässt, um dieser einen Zweck zu erfüllen.
Im Grunde ist jeder Mantel, den sie kaufen, der mehr als der
günstigste ist, und der im Vergleich ihnen keinen Euro mehr, keine
bessere Beziehung und Lebensqualität anbietet, eine Täuschung.
Jeder neue Fernseher, der sie wieder dazu nötigen will, ihren
Körper in den Ruhezustand zu versetzen und sich berieseln zu
lassen, anstatt an der Welt teil zu nehmen, eine Täuschung. Aber
wir alle lieben Täuschungen, werden gerne getäuscht. Solange es
sich gut und richtig anfühlt. Wir sind hier eben nicht rational.

▪ Lügen: Mit der Lüge sanktioniert die Gesellschaft Täuschungen, die


nicht akzeptabel sind. Entweder weil sie einem anderen ohne
belegbare Tatsachen schadet – die Verleumdung -, weil sie die
Verantwortlichkeit an einer Tat oder Kausalfolge verstärkt oder
abschwächt.

S e i t e 48 | 246
o Wer im Stamm den Diebstahl einem anderen zuordnet
verleumdet und lügt und gehört bestraft. Die Lüge ist ein auf
Tatsachen zurück führbare Falschaussage, welche bestraft
wird und den Kredit des Charakters schmälert.
o Wer allgemein unsinnige Behauptungen von sich gibt oder
Tabus anspricht wird diskreditiert als Lügner, Schwindler und
unglaubwürdige Person. Mit der Lüge kann man also auch
Menschen zum Schweigen bringen oder ihre Glaubwürdigkeit
diskreditieren. Vor allem wenn man gerne Behauptungen
aufstellt, die man nicht beweisen kann, egal wie klein und
irrelevant.

▪ Tabus: Ein Tabu ist das Gegenteil einer Lüge. Wer über das Tabu
die Wahrheit sagt, der wird bestraft. Eine der ältesten Tabus in der
Menschheitsgeschichte ist sicherlich die Offenlegung von
Machtbeziehungen, Geheimwissen über Machtverhältnisse. Aber
auch der Verrat von höchst persönlichen Informationen und
Geheimnissen von Partnern. Zerfällt die Möglichkeit den Verrat von
Geheimwissen zu bestrafen, so kann damit kein
Beziehungsgeflecht aufgebaut und keine Herrschaft und Macht
akkumuliert werden. Damit reduziert sich die gesellschaftliche
Komplexität und Struktur der Wirtschaft. Wenn jeder weiß, wie
man heilt, braucht niemand einen heiler. Wenn jeder weiß, wie
man jagt, braucht niemand einen Jäger. Das Geheimwissen ist ein
Grundbaustein für Spezialisierung und der Schutz des Wissens über
Tabus und Verteidigungsmechanismen ist Bedingung für Eigentum
an intellektuellem Kapital, welche die komplexe Wirtschaft
überhaupt ermöglicht.
▪ Geheimnisse: Die Vertraulichkeit von Geheimnissen wird sogar in
den Menschenrechten verankert. Die Geheimnisse können meist
nicht verifiziert werden, da die Beweissammlung zu schwierig und
die Zeugenbefragung nicht gestattet ist. Es sind Tabus, denen man
Vertrauen schenkt. Und sie sind ein essentieller Bestandteil des
Geheimwissens und eng verbunden mit Vertrauen und dem
Vertrauensschutz.

▪ Beweislast: Ein elementarer Baustein der Lüge ist, dass sie


bewiesen werden können muss, um bestraft werden zu können.
Sonst ist die Lüge nur eine (anzweifelbare) Behauptung. Ein
elementarer Baustein des Tabus ist, dass es nicht bewiesen werden

S e i t e 49 | 246
kann oder darf. Dadurch wird die Aussage über ein Tabu zu einer
Lüge, die nicht bewiesen werden kann und darf, die aber zugleich
immer als nicht wahr interpretiert wird, und zwar vehement und
von allen Mitgliedern der Gesellschaft. Das Tabu will man nicht
wahrhaben. Die sinnlose Behauptung ist zudem ein Instrument, bei
dem Rhetorik genutzt wird, um eine nicht beweis- oder belegbare
Behauptung mit den Fähigkeiten und der Persönlichkeit des
behaupteten angegriffen werden kann.

Mit dem Konzept der Beweislast wird auch klar, dass manche
Aussagen nicht bewiesen werden können und man dann auch nicht
über diese sprechen soll, wenn man nicht als Lügner gebrandmarkt
werden möchte. Zeitgleich muss es vertrauenswürdige Zeugen
geben können, so dass ein hoher Kredit als Zeuge, also das nicht
Lügen, wichtig wird, für die Erzeugung von Beweisen bei
Handlungen, die nicht geduldet werden können.

▪ Information: In dieser Gesellschaft mit Tabus und Lügen spielen


Tatsachen eine elementare Rolle. Tatsachen und die Kenntnisse
über diese definieren schon in dieser Gesellschaft Informationen.
Ein Häuptling, der gut schlichten will, muss zuletzt über die
Informationen verfügen, die hierfür notwendig sind. Nicht alle
Parteien und ihre Aussagen und alle Tatsachen und ihre
Beweisführung kommen im Streitgespräch zum Vorschein. Der
Häuptling muss manche Dinge selbst beobachten, für manche
benötigt es Zeugenaussagen – sowohl vor „Gericht“ als auch
informell eingeholt. Für manche, benötigt es eine sorgfältige
Planung der Informationsbeschaffung. Information und Wissen ist
hier schon bereits Macht. Deutet man eine Streitsituation falsch
und entscheidet falsch, kann dies bereits schlechten Einfluss auf
das Zusammenleben haben und zu langfristigem Gram und Unbill
führen.

▪ Informationsbeschaffung: Neben der Informationsbeschaffung als


„Kleines Regierungsoberhaupt“ über Zeugenbefragungen und die
Nutzung von öffentlichen Beziehungen durch den Häuptling
spielen auch jetzt schon das Vertrauen zu den Zeugen und die
Bereitschaft der Zeugen eine Aussage zu machen eine Rolle. Damit
sind die Grundzüge für die Spionage bereits gegeben. Wie wir von
alten Schriften wissen, waren in allen relevanten Zivilisationen und

S e i t e 50 | 246
in Ihren Herrschaftshäusern Spione gang und gebe. Chanakya und
Han Fei schreiben intensiv über das Thema, so wie später
Machiavelli. Wer also das Vertrauen der Gesellschaft bei der
Urteilsfindung spielen will und sich auf die bessere Information und
deren Deutung spezialisiert, der benötigt auch ein Netzwerk von
vertrauenswürdigen Spionen und über Taktiken um sich vor der
bewussten Falschinformation von Spionen zu schützen. Dies
verlangt wiederum eine hohe Intelligenz und Kenntnisse über
Menschen und der Beziehung zu diesen.

▪ Informationsschutz: Spätestens, wenn Fraktionen auftreten sind


Spione ein Element des Alltags. Das Geheimwissen über die andere
Fraktion ist ein Schlüssel bei der Planung von Strategien gegen
diese. Und damit beginnt auch die Frage nach dem Schutz von
Informationen wichtiger. Geheiminformationen werden noch
geheimer gehalten, man redet nur wenn keiner in der Nähe ist,
man kodiert Informationen, man beschränkt Informationsträger
auf den engen loyalen Kreis und man sorgt dafür, dass alle
Beteiligten das Konzept der Geheimhaltung und des
Informationsschutzes kennen, baut eine Überwachung dieser
wiederum auf und setzt harte Sanktionen ein. Der
Informationsschutz ist auch deswegen wichtig, weil er ein kritischer
Teil der Notwendigkeit von Klassenbildung ist.

▪ Desinformation: Wenn man so weit in der Entwicklung bereits ist,


dann ist auch klar, dass die systematische Nutzung von
Desinformation relevant ist. Je mehr Menschen an ein Täuschung
glauben, und diese zur Wahrheit werden, desto stärker kann man
auf dieser Wahrheit aufbauen Geschichten und Deutungen
erzählen. Lassen sich Dissidenten, die die falsche Wahrheit nicht
akzeptieren, über Lügen diffamieren? Oder lässt sich das Thema
insgesamt tabuisieren? Dann ist man bereits auf einer Ebene, wo
man nicht nur Kultur beeinflussen kann, und so etwas wie ein
Schamanentum einführen kann. Man kann sogar die Aktivitäten
und Handlungen anderer einschränken – „man spricht nicht
schlechtes über ältere“, „den jüngeren glaubt man nicht“, „wer
einmal lügt ist immer Lügner“ - oder ausweiten – „wer nicht
handelt, wenn es die Gesellschaft verlangt, der ist Verräter“.

S e i t e 51 | 246
Zusammenfassung zur Information: Wer also den Diskurs lenken, mit
Information Menschen führen kann, der kann mit Täuschen sehr weit
kommen. Die meisten Menschen können bei den ersten Gehversuchen
der Täuschung bereits über das Tabu und die Lüge angreifbar gemacht
werden. Das Geheimwissen über diese Führungstechnik wird also
verstärkt. Über sie zu sprechen ist ohnehin immer Tabu.

C. Gesellschaft mit Werkzeugen

1. Sachen und Handelsrecht:

a. Sachen: In der Tierwelt wenig anzutreffen, aber im Zuge der


Fähigkeit Geräte und Werkzeuge herzustellen und über deren
Herstellung zu wissen erzeugt das Recht des Eigentums an nicht-
verderblichen beweglichen Sachen. Menschen fangen an Steine,
Werkzeuge, Kleidung und sonstige Utensilien mit sich herum zu
tragen und sie gehören zur Person. Sie werden für den Erwerb von
Kredit geteilt. Oder durch Tauschgeschäfte zur Verfügung gestellt.
Wobei der Kredit nichts anderes ist als ein fiktives Sparkonto. Das
Teilen für Kredit ist dabei vermutlich ebenso wichtig wie das Teilen
im direkten Tausch gegen verderbliche Waren oder
Hilfeleistungen. Das Mitspielen in der Gesellschaft und das
behilflich sein fördert den Kredit.

b. Erweiterter Güterkreislauf: Mit zunehmender Spezialisierung –


Jäger, Sammler, Heiler, Mediatoren, Geschichtenerzählern,
Kartographen und so weiter – steigt in dieser Zeit bereits die
Zirkulation des Kredits. Person A teilt immer wieder Essen. Person
B erzeugt Körbe. Person C lehrt die Kinder.

Noch immer wird aufgrund der fehlenden Schrift kein Buch geführt.
Aber das Buch materialisiert sich jetzt durch die Sammlung von
nicht-verderblichen Sachen.

Handel wird damit in der Zeit weiter verzogen. Man kann heute
Steine, Werkzeuge und Waffen kaufen, und in 10 Jahren
wiederverkaufen. Man kann Waffen aufkaufen und eine Armee
aufstellen. Man kann Edelsteine auf alle Ewigkeit vergraben und sie
hervorholen, wenn man „Geld“ braucht.

S e i t e 52 | 246
Damit sind das Geld und die monetäre Seite der Wirtschaft bereits
implizit eingeführt. Denn das Geld ist zuletzt das was der
Berechnung von Tauschverhältnissen zugrunde liegt und die
Wechselkurse bestimmen sich nun durch Angebot und Nachfrage
eines stets wachsenden Angebots an besessenen Sachen.

Wer diesen neuen Warenkreislauf besser berechnet und verfolgt,


der kann Handelsgewinne erzielen und über strategisches
Tauschen von Gütern seinen Wohlstand und Kredit weiter mehren.

Das verlangt vor dem Eintreffen der Schrift oder der symbolischen
Repräsentation von Werten jedoch enorme Gedächtnis und
Beobachtungsleistungen und ist sicherlich nicht jedem zugänglich.
Aber die ersten richtigen Händler und Kapital-Akkumulierer
entstehen.

c. Neue Spezialisierung erschafft Klassen: Mit der Erfindung nicht-


verderblicher Sachen entsteht eine neue Klasse aufgrund der
Opportunität nun neues Geheimwissen zu erzeugen und zu nutzen.

Eine dieser neuen Klasse spezialisiert sich auf die Erfindung und
Herstellung solcher Sachen und deren Sammlung, Tausch und
Nutzung.

Eine Klasse spezialisiert sich auf den intertemporalen Handel und


das Erlernen von Preismustern im Markt.

Andere spezialisieren sich auf den Aufkauf von seltenen Sachen,


deren Produktion beschränkt ist, und deren Nachfragewert
spontan sehr viel höher werden kann.

Vielleicht kommt es bereits zu den ersten Währungsspekulanten,


die das gängige Geld über Kreditgeschäfte quasi vollständig aus den
Wirtschaftskreislauf nehmen und damit die Geldmenge
kontrollieren.

Neben dem Geheimwissen über Handelswerte und Werten hinter


besessenen Sachen kommt nun das Geheimwissen über die
Herstellung und die beste Nutzung der Gegenstände hinzu. Es
entsteht also Spezialistentum rund um die Erfindung, die

S e i t e 53 | 246
Verfahrenstechnik bei der Produktion, bei der Nutzung von
Werkzeugen zur Erwirtschaftung von Gütern und Kredit und beim
Handel mit diesen Werkzeugen – der Kauf, die Ausbewahrung, der
Verkauf. Der Anreiz neue Fund- und Abbaustellen, neue
Produktionsverfahren und Aufbewahrungsmethoden zu erfinden,
also erste Banken, wird größer.

Diese Spezialisierungen sind alle zusammen schutzwürdig. Es


entsteht echtes „intellektuelles Kapital“.

1. Niemand gibt freiwillig sein Wissen über die Herstellung und


Produktion preis. Und es liegt im Interesse der Gemeinschaft
dieses Wissen zu schützen. Denn sonst werden neue Güter gar
nicht erst erfunden.
2. Niemand wird freiwillig seine Werkzeuge und Waffen oder
sonstigen Besitz hergeben. Sonst würde womöglich die
Nachfrage nach Überschüssen nicht stattfinden und man
könnte weniger Skaleneffekte aus den Produktionsfähigkeiten
machen.
3. Niemand wird freiwillig preisgeben, wofür er Werkzeuge
benötigt. Wer Waffen sammelt, um einen Bürgerkrieg
anzuzetteln wird dies ebenso wenig an die große Glocke
hängen oder sich dabei erwischen lassen, wie jemand der
Steinwerkzeuge aufkauft um durch die Monopolisierung alle
diejenigen, die diese benötigen zu kontrollieren. Er kann durch
den Verleih, oder sogar schon als Unternehmer, durch deren
Anstellung, seine Renten erhöhen.

Interessant ist auch, dass mit der Erzeugung von dauerhaft


haltbaren Sachen auch die die Jägerklasse unter Druck gerät. Wenn
die Jagd auch weiterhin höchste Risiken birgt und viel Mut und
Kraft und Gewalt benötigt, erzeugt sie zuletzt doch nur
verderbliche Sachen. Diese kann man nicht aufheben und muss sie
für die Kapitalakkumulation ständig tauschen. Wenn aber ein
Großteil der Aufmerksamkeit und täglichen Arbeit der Jäger auf
ihre Stärkung und Fitness, den Erwerb von Kampferfahrung und die
Jagd beschränkt ist, bleibt wenig Energie, Zeit und Intellekt übrig
um sich mit der nun auf den Handel und Kapitalerwerb
spezialisierten Klasse ökonomisch zu messen.

S e i t e 54 | 246
Und deswegen kann man in dieser Spezialisierung den ersten
Baustein in der Entwicklung einer Handelsklasse sprechen.

d. Vorbedingungen für die neue Klasse: Wer in einem instabilem


politischen System Waffen erzeugt, der bekommt sie von den
Jägern gestohlen. Oder der wird genötigt, die Produktionstechnik
heraus zu geben. Der Händler und Kapitalist kann also nur dann
existieren, wenn ihm gestattet ist seine Güter und sein
Geheimwissen zu besitzen, zu verteidigen und zu verleihen und
damit Kredit zu erwerben. Der Sozialvertrag muss dies hergeben
und die Gesellschaft muss so organisiert sein, dass keine
Herrscherklasse offen ersichtlich ausschließlich die Profite trägt.

Denn sonst würden die Anreize verschwinden diese Sachen zu


erfinden, zu erzeugen und aufzubewahren. Das Eigentumsrecht an
intellektuellem Kapital ist nun also als anerkannt und das
intellektuelle Kapital muss geschützt werden.

Das bedeutet aber doch, dass die herrschende Klasse hier so weit
entwickelt ist, dass sie auch ohne die Gewalt über diese neuen
Mittel gesichert ist. Sie muss entweder an den Profiten profitieren,
d.h. die Produzenten an sich binden, Kapitalgesellschaften gründen
oder bereits Steuern eingeführt haben; oder die soziale Struktur
schon so gekonnt beherrschen, dass sie das Wirtschaftstreiben so
koordiniert, dass sie Strukturen schafft, bei denen die Renten an
führende Händler und Unternehmen binden und diese für sich
daran beteiligt, um diese dann zu besteuern oder in ihre Klasse
einzuladen. Oder man monopolisiert den Markt soweit, dass man
über das Recht zu handeln bereits Kredit von der neuen Klasse
abschröpft; oder man heiratet sich eben ein.

▪ Das Bruttoinlandsprodukt entsteht: Mit den neuen


Bestimmungen, den neuen Spezialisierungen und neuen
Tätigkeiten steigt die Warenzirkulation und werden
Tauschverhältnisse zwischen waren komplexer. Es muss also
bereits eine Art Verrechnungs-Geld oder Geld geben, dass nun
beim Handel von Waren verwendet wird, und welches durch eine
gut geführte Wirtschaft durch viele Hände bewegt, bis alle Waren
bei den Eigentümern angekommen sind und das gesamte Angebot

S e i t e 55 | 246
seine Abnehmer gefunden hat. Es wäre naiv anzunehmen das
solche Gesellschaften mit Akkumulation von Werkzeugen nicht
über diese Technologie verfügt hätte. Und domestizierte Tiere sind
mit Sicherheit nicht die geeigneten Einheiten des Geldes. Da in
diese Zeit auch zunehmend symbolische Gegenstände auftauchen,
von denen wir bereits in frühen Nomadenkulturen wissen, ist die
Existenz einer Art von Geld also nicht auszuschließen. Denn eine
solche Gesellschaft kann über Wochen, Jahre und Generationen
hinweg nicht im Kopf Buch führen über den Warenverkehr
Spätestes im oberen Paläolithikum, oder im Mesolithikum muss es
eine solche Warenwirtschaft gegeben haben. Also in der Zeit nach
30.000 vor Christus.

2. Währung und Schriftsprache

a. Der Kredit wird sichtbar: In den primitivsten Gesellschaften in Tier-


und Menschenwelt finden sich Symbole und Ornamente des
politischen und sozialen Rangs, der sich im Alter oder in den
errungenen Leistungen niederschlägt. Das sind nichts anderes als
Materialisierungen von Kredit. Es kommt also zu der Erfindung des
Bankkontos ohne Bank. Es gibt bei Nomaden nämlich noch keine
Bank. Eine Bank wird erst dann notwendig, wenn nicht verderbliche
Guthaben eine Größenordnung annehmen, die das eigenständige
Verwahren nicht mehr rechtfertigen kann. In Nomaden-
gesellschaften bleibt das Hab und Gut dadurch stetig beschränkt.
Man kann lediglich auf eigene Gefahr Wertsachen verstecken,
vergraben oder anderen in die Obhut geben. Allein wegen der
Verderblichkeit erwirtschaftet man keine Exzessive Beute oder
Ernte. Gegenstände erwirtschaftet man nur so weit man sie tragen,
handeln oder verstecken kann. Aber man kann bereits
unbegrenzten, und womöglich vererbbaren symbolischen Kredit
sammeln. Aber auch nach 10 Jahren kann ein Siegessymbol
irrelevant sein. Von Inflation auf diese symbolischen Kredit ist also
zumindest bei manchen Arten von Symbolen auszugehen.

b. Symbolische Währung: Der symbolische Kredit ist ein Art von


besonderem Kredit, bei dem eine nicht tragbare und vergessliche
Leistung in Form eines abstrakten Symbols kodifiziert wird und zum
Hab und Gut übergeht. Wie etwa der Sieg in einer Schlacht.

S e i t e 56 | 246
Besondere Erfolge als Anführer. Besondere Jagderfolge. Es kommt
später auch zu Grabbeilagen, Menschen tragen Ornamente und
Teile von „Uniformen“ wie Federn, Knochen, schöne Steine. Dies
erleichtert die Rangfeststellung, die Anerkennung der
Spezialisierung und bei Interaktionen mit anderen Gruppen den
Austausch. Über das Erbrecht kann so ein sogar schwacher wenig
hilfreicher Mensch aufgrund des Ruhmes seiner Vorwahren noch
immer im Kredit stehen, sofern das Symbol vererblich und der
Kredit in Erinnerung bleibt und nicht wegdiskutiert wird.

c. Währung und Status: Das gesamte Konzept lässt bereits erkennen,


dass es Aufgaben gibt, welche besonders lohnend und von Ehren
sind und das man damit Rang und in diesem Sinne
„Führungsanspruch“ und „Kredit“ erfolgreich sammeln kann und
sich von anderen abheben kann. Der Wettbewerb über besondere
Schlachten, Jagdbeute und Innovation gibt bereits die Grundzüge
einer liberalen Marktwirtschaft. Es kommt zu einer Verknüpfung
der Währung, oder des symbolischen Geldes, mit Status und Ruhm
in der Gesellschaft. Es ist also kaum verwunderlich das wir auch
heute noch Geld mit Status in Verbindung bringen. Es ist die
einfachste Kodifizierung all jener strategischen Entscheidungen,
zielgerichteten Handlungen in einem wettbewerbsintensiven
Umfeld, welche zu Kredit führten und sich nun symbolisch im Geld
oder Statussymbol ausdrücken.

d. Zweitwährungen: Ehrungen gibt es hier bereits für militärische


Erfolge, für Wohlstand, für heilerische Fähigkeiten. Durch die
Arbeitsteilung entstehen bereits unterschiedliche Wert-
schätzungen, die sich nicht nur auf die zentrale Währung oder das
Geld auswirken. Man kann besonders schlecht wirtschaften, aber
immer noch guter Heiler oder Schamane sein. Und auch heute kann
man Ehren und Kredit über Engagement, guten Charakter, das
Einstehen für Rechte von Schwachen erwerben. Das entspricht
schon fast dem was Pierre Bourdieu in seinem Buch über die feinen
Unterschiede der Klassen und kulturelles Kapital sagt. Auch heute
gibt es Experimente mit Währungen, die an spezielle Handlungen
gebunden sind. Ein ganz modernes Phänomen während AltCoins
und zweckgebundene Derivate von Ethereum.

e. Geschenke und weitere Symbole:

S e i t e 57 | 246
a) Mit Beigaben und Geschenken, welche Loyalität oder
Zuneigung oder Anerkennung des Kredits des anderen
symbolisch und materialisiert darstellen entstehen Formen
der Kunst und des Ausdrucks.
b) Wer gut aussieht und beliebt ist, der erhält mehr Geschenke.
Das gleiche gilt für wer Ehrenhaft im Umgang mit anderen ist.
Und wer Tollkühn und erfolgreich in der Jagd oder den
schwierigen Aufgaben ist.
c) Es entstehen Stolz, Ruhm und Wohlstand. Und damit auch
Neid. Und damit notgedrungen stärkere Schutzmaßnahmen
des sozialen Standes und Privilegien. Dokumentation und
Standesdünkel werden materialisierter.
d) Symbolisierter Erfolg und Charakterzuschreibung:
- Wer gut im Umgang mit anderen ist, der erhält Kredit -
Anführer
- Wer gut in den schwierigen Dingen ist, der erhält Kredit –
Kämpfer
- Wer gut aussieht und beliebt ist, der erhält Kredit – Kosmetik
und Gesundheit
- etc.
Wer Ehren in diesen Bereichen erwirbt, der ist wohl gut im
Umgang mit den Gaben, die dazu notwendig sind. Das Symbol
wird zur Charaktereigenschaft und festigt weiter den Anspruch
auf Herrschaft und Stand.

D. Erste Diskussion zu politischen Ideologien

Bereits in diesem kleinen Konstrukt lassen sich einige einfache


politische Ideologien endgültig ansprechen und abhandeln.

1. Die Egalistische Herrschaftsform:

a. Idealistische Egalitäre Gesellschaft: Entgegen allem voran


gesagten können wir heute sagen, dass wenn eine ausgeglichene
Mündigkeit, Fähigkeit und Durchsetzungskraft aller existiert und
der Syndikalismus auf der Ebene des Individuums realisiert wird,
kann es hier auch bei größeren Gruppen zu einer vollkommen
egalitären Gesellschaft kommen die dem Konzept des
Anarchistischen Idealtypus sehr nahe kommt.

S e i t e 58 | 246
b. Realistische Egalitäre Gesellschaft: Das gleiche kann bei einer
Durchsetzung des Syndikalismus durch die Gleichheit der
Fraktionen realisiert werden.
c. Utopische Egalitäre Gesellschaft: Kommt zu den beiden vorigen
egalitären Formen nun noch hinzu, dass in der Gesellschaft gar
nicht erst der Gedanke der Beherrschung und der Paranoia, dass
jemand anderes Herrschen wollen würde, hervor kommt, dann
könnte man dies eine utopische egalitäre Gesellschaft nennen.

2. Formen des Faschismus:

a. Die Gewaltherrschaft: In der Gewaltherrschaft, die quasi dem


ähnelt, was wir später Faschismus nennen, und uns von den
Schimpansen her bekannt ist, herrscht eine Fraktion über die
gesamte Gruppe. Sie gibt quasi bereits eine Regierung vor und
regelt explizit wie andere Menschen zu leben haben. Da sie mit
Gewalt herrscht ist sie oftmals terroristisch.

b. Die Triadische Herrschaft: In der triadischen Gesellschaft ist eine


weniger sichtbare Gewaltherrschaft. Paranoia sowie
soziopathisches und psychopathisches Denken ist in der
Herrschaftsklasse vorhanden und die Gewaltausübung geschieht
im Kleinen. Damit wird die Gewaltherrschaft tabuisiert und ist nicht
öffentlich debattierbar. Jeder Versuch die Gewaltherrschaft
anzusprechen ist mit Sanktionen belegt. Während in der
Gewaltherrschaft die Beherrschung öffentlich zu Schau getragen
wird und allen bewusst ist, ist hier jedem Mitglied nur an sich
gegenüber die Gewalt ausgedrückt. Die Gewalt findet im Privaten
statt. Sie betrifft aber alle. Wer aber im 5.00 Uhr morgens dem
Kollegen den Kopf abhackt oder das Auge entfernt, und 5.05 Uhr
strahlend und energiegeladen die ersten Damen grüßt und nicht
vor Adrenalin in Ohnmacht fällt, der kann nicht ohne eine
psychosozialen Störungen durch die Welt laufen.

c. Die triadisch-narzisstische totale Herrschaft: Wie wir heute wissen


gibt es unter Menschen die Gabe so subtil andere Menschen zu
führen und zu beherrschen, dass diese sich dieser Herrschaft nicht
bewusst sein. Es gibt in dieser Form zwar vereinzelt Menschen, die
sich dieser Form der Gewaltherrschaft bewusst sind, sie werden

S e i t e 59 | 246
aber über die Mitglieder der Gruppe, die dies nicht wahrhaben
wollen, auf Befehl des totalitären Herrschers vollkommen
vernichtet. Entweder durch den Tod, den Verstoß oder die
vollständige Demütigung und Entmündigung, die Unterwerfung
und Tabuisierung. Dadurch existiert noch immer eine totalitäre
Herrschaft. Im Gegensatz zur Triadischen Gewaltherrschaft werden
aber nur wenige Dissidenten mit Gewalt angegriffen und die
gesamte Gesellschaft glaubt, dass es sich um keine
Gewaltherrschaft handelt.

d. Die milde Herrschaft: Alle restlichen Formen der faschistischen


Herrschaft entstehen dann, wenn das egalitäre System
zusammenbricht und irgendjemand Herrscht. Sei dies vollkommen
anerkannt aufgrund seiner Finesse, oder durch die Ernennung des
Herrschers. Es ist gleich. Mit der Herrschaft und ohne die Aufsicht
des Regierungsorgans kann man von einer faschistischen
Herrschaft sprechen. Die Herrschaft ist genau dann nicht mehr
faschistisch, wenn die herrschende Person über ein solches
Netzwerk und Wissen verfügt, dass sie die Gesellschaft im guten
und vollen Einklang mit sich selbst und ohne die extreme eigene
Übervorteilung beherrscht.

3. Formen des Totalitären:

a. Kein Totalitarismus: In der egalistischen und den milden


Gewaltherrschaften – und da keine formelle Regierung existiert,
welche Totalitär werden könnte – ist keine direkte totalitäre Form
gegeben. Das bedeutet das in der Gesellschaft jeder mit jedem
öffentliche – soweit erlaubt – und private Beziehungen pflegen
kann. Neben den politischen Fraktionen gibt es also viele weitere
Fraktionen oder Beziehungen, welche Einfluss regulieren. Man
könnte sagen, es gibt eine Basketballgruppe, eine Häkelgruppe, die
Jagdgruppe, die Erziehungsgruppe. Und durch jede Gruppe
entstehen neue Beziehungen welche Teil des Wirtschaftsapparats
und des politischem Geschlechts sind.

b. Absoluter Totalitarismus: Im extremen Totalitarismus wird die


Beziehungsebene z.B. komplett heruntergefahren. Man darf noch
eine Beziehung haben und Kinder zeugen und auf diese aufpassen.

S e i t e 60 | 246
Aber wer Beeren sammeln geht, der darf außer dem nichts tun.
Wer durch das Beeren sammeln mit den anderen Beerensammlern
Freundschaften schließt und dann in der Gruppe gemeinsam lacht,
der kann dafür angegriffen werden. Diese künstlichen Beispiele
zeigen, dass eine starke Gewaltherrschaft unmittelbar für die
Terrorisierung der Gruppenmitglieder und die Durchsetzung von
Regeln durch die herrschende Faktion sorgen kann und eine Art
erste Form des echten Totalitarismus auslösen kann. Im
Zusammenhang mit Terror ist natürlich Robespierre ein guter
Anknüpfungspunkt für die Vertiefung.

c. Realistischer Totalitarismus: Realistischer ist, dass eine Führung,


sobald sie da ist, oder sogar im egalistischen System, die Gruppe
Forderungen an die Arbeitsaufteilung und Verteilung durchsetzt.
Ist an der Spitze ein Herrscher, so ist dieser für diese Tätigkeit
verantwortlich. Dadurch reduziert sich die Möglichkeit der freien
Berufswahl und die Fähigkeit sich frei mit anderen zu vernetzen
und Beziehungen zu pflegen. Auch im realen Leben antreffbar ist
die bewusste Spaltung von Gruppen über Identitäts- und
Glaubenspolitik. Man kann zwar grundsätzlich noch mit anderen
Sprechen, aber man möchte es aufgrund von Denkweisen und
Glaubensansprüchen oder verworrene Konzepte der Zugehörigkeit
nicht mehr tun. Ein perfides Beispiel hierfür ist das Kastensystem
Indiens, wo ein Punkt oder eine Markierung auf dem Körper des
Menschen diesen für andere Gruppen direkt zum „Feind“ macht,
obgleich es darüber hinaus keinen driftigen Grund hierfür gibt.

d. Das Kernproblem des Totalitarismus: Ist im Gegensatz zum


Faschismus, der die Unterwerfung erfordert, vor allem die
Reduktion der Beziehungsgeflechte und der alternativen
Beziehungen außerhalb der primären Aufgabe des
Gruppenmitglieds. Das Problem diskutieren wir noch deutlicher
nach der Entstehung von Siedlungen. Aber in diesem Stadium kann
es bereits auftreten und dient über die Unterdrückung von der
Entstehung von Beziehungen, Loyalitäten und neuen Fraktionen
dem Zweck, die gesamte Gesellschaftsstruktur transparent,
berechenbar und eben beherrschbar zu machen.

4. Platon und die 4 Stände

S e i t e 61 | 246
▪ Durch die bisherigen Ausführungen sollte klar geworden
sein, dass es 4 Stände bereits hier zwingend gibt:
o Die Philosophen oder Regenten, welche im Prinzip die
Weisheit verkörpern, durch politisches Geschick auch
ohne Kapital über den Interessenausgleich aller berufen
werden können.
o (neu) Die Wohlhabenden: Diejenigen, die den Kredit
akkumulieren und ihn als Werkzeug der Macht nutzen.
o Die Wächter: Diejenigen die das Gewaltpotential
darstellen. Die Starken, Kampferfahrenen, Jäger und
Krieger.
o Der Nährstand: Diejenigen die nicht zu den anderen
gehören.
▪ Die Philosophen können existieren, weil das Regieren
irgendwann den Wohlhabenden zu viel Zeit in Beschlag
nimmt. Wer im Wettstreit um Wohlstand ist, kann sich nicht
um die Konfliktschlichtung und Organisation von Heeren,
und das ständige gut einreden auf den Nährstand
beschäftigen.
▪ Die gesamte Dynamik zwischen Fraktionen und damit die
politische Stabilität, Gesellschaftsstruktur und Hackordnung
ergibt sich aus der Fähigkeit der Wohlhabenden, die Kräfte
die aus diesen 4 Ständen entstehen, über den Wettbewerb
ihrer Fraktionen zu stabilisieren und damit eine herrschende
Fraktion als Klasse zu etablieren. Dadurch entstehen
komplexere Formen der Wirtschaft und Struktur und
irgendwann aus dem ersten Regieren das Staatswesen.

5. Staatstheorie bei Aristoteles

▪ Die Ochlokratie: Es ist unmittelbar klar, wieso die


Staatsform, wo bei Gesetzgebung, Kriegsentscheidungen
und Besteuerungen alle quasi mit einem Stimmrecht
teilnehmen können nicht mehr funktioniert. Das hat damit zu
tun, dass die Gesellschaftsstruktur, ihre Beziehungen und das

S e i t e 62 | 246
Wissen, welche die Wirtschaft am Laufen hält, im Prinzip
komplett in das Geheimwissen fallen. Wäre jeder gleich fähig
alles dies gleich gut zu verstehen, dann gäbe es keine
Klassenbildung aber auch keinen, der die weniger wichtigen
Aufgaben machen würde. Und keine Spezialisierung. Und
wenn die Klassen und Ungleichheit existiert, kann unmöglich
jeder die Entscheidung treffen, die am Ende die Wirtschafts-
und Gesellschaftsstrukturen berücksichtigt.
▪ Faschismus: Das Gegenargument, die Tyrannei der
Herrschaftsklasse, die dann bereits faschistisch, im Hang
totalitär und womöglich terrorartig ist, kann sich auch nicht
etablieren. Denn irgendwie müssen die Bedürfnisse der
ganzen Gruppe und aller Mitglieder berücksichtigt werden.
Und wenn dies nicht komplett durch Spionage und
Überwachung möglich ist, braucht es einen
partizipatorischen Prozess der demokratischen Teilhabe.
▪ Partizipationsprozess: Es lassen sich jetzt also
unterschiedliche Formen ausgestalten: Jede 15er Gruppe
diskutiert unter sich, delegierte diskutieren die Belange auf
der nächsten Ebene, und von unten nach Oben werden
Probleme der Gesellschaft nach oben befördert. Das wäre
also eine föderale Struktur. Oder man trifft sich unmittelbar
in der gesamten Gruppe und diskutiert über einige Wochen
gemeinsam die Belange der Gruppe, was einer direkten
Demokratie entspräche. Die Entscheidungsgewalt liegt aber
nicht bei der gesamten Gruppe.
▪ Entscheidungsfindung: Hier kommen jetzt die ersten
Modelle der Staatsformen wie sie Aristoteles zeigt zum
Tragen:
o Monarchie: Einer entscheidet und um ihn herum sitzt ein
Netzwerk an Weisen oder Wohlhabenden, welche als
Informationsfilter dienen.
o Oligarchie: Der Monarch entscheidet mit den Weisen
und Wohlhabenden gemeinsam.
o Aristokratie: Es gibt noch weitere Qualifizierungs-
merkmale für diese Oligarchen. Sie sind die „besten“. Das

S e i t e 63 | 246
wird wohl auf eine einen Querschnitt aus den Ständen
bestehen.
o „Oligarchie“: Die wohlhabendsten und Einflussreichsten
entscheiden ohne die philosophische Berücksichtigung.
o Politie: Weder die „Oligarchie“ noch die „Aristokratie“
herrscht, sondern eine Gruppe von Menschen, deren
Entscheidungen immer von allen als die vernünftigsten
angesehen werden.
▪ Ein System der Überwachung, Checks und Balances und
dergleichen findet sich in so einem Stamm vermutlich nicht.

S e i t e 64 | 246
Kapitel 2: Nomadenvölker und
Außenhandel

S e i t e 65 | 246
A. Einführung

In der nächsten Entwicklungsstufe wird der Handel eingeführt. Dadurch


entstehen neue Formen in der Gesellschaft und die
Kapitalakkumulation wird wieder intensiviert.

Da einzelne Stämme nun wirklich autark voneinander leben wird die


Frage der diplomatischen Verständigung relevanter. Damit entsteht die
Frage, welche kulturellen Symbole, Verhaltensweisen, Riten und
gesellschaftlichen Hierarchiestufen entstehen müssen, um
handelskompatibel zu sein.

Die selbst Frage stellt sich auch, wenn es um (a) den Krieg geht – wann
führt man zusammen Krieg gegen einen Stamm -, oder (b) die Bildung
von inter-stämmischen Gemeinschaften.

Historisch gesehen ist der inter-stämmische Handel vermutlich älter als


die Entstehung der komplexen Gesellschaft mit Werkzeugen.

Durch den Handel entsteht nun auch Wettbewerb zwischen den


Stämmen und es stellt sich die Frage, wie ein Stamm seine
wirtschaftliche Produktivität steigern kann.

Denn die Dynamik zwischen den Fraktionen wiederholt sich nun wieder
zwischen den Stämmen.

Durch die neuen Gemeinschaften werden wiederum viel größere


Gemeinschaften möglich, mit noch stärkerer Spezialisierung und einer
sich weiter festigenden Klassengesellschaft.

Es entstehen auch gänzlich neue Formen des Geheimwissens. Und das


Thema Spionageabwehr wird nun noch etwas interessanter.

Einige Ausführungen sind als Beispiele zu verstehen. Es muss nicht


immer zu dynastischen Strukturen kommen und ob eine wirkliche
Händlerklasse bereits so früh entsteht und sich als Klasse materialisiert
ist natürlich Spekulation. Die Gesellschaftliche Komplexität lässt dies
aber grundsätzlich zu. Da die Komplexität der Gesellschaft immer noch
eingeschränkt ist im Vergleich zu Gesellschaften mit Siedlungen ist es
sicherlich interessant zu diskutieren, in wie fern (a) das Geheimwissen
zwischen den Klassen schon so stark ausgeprägt ist, dass ein
aufklärerischer Ansatz zur Behebung von Klassenkonflikten quasi schon

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unmöglich ist, und (b) das die hier bereits entstehende Komplexität es
nicht mehr zulässt, die Gesellschaft und Wirtschaft mit dem Skalpell und
Reisbrett zu steuern und totalitär zu kontrollieren. Ein essentieller
Baustein aller anti-kapitalistischer Ideologien ist es die Gesellschaftliche
Realität auf einfache Dichotomien zu reduzieren – Herrscher vs.
Gefolge; Kapitalist vs. Arbeiter – und dann vereinfachte und radikale
Reformen anzusetzen. Selbst der terroristische Anarchist kann in einer
so einfachen Gesellschaft wie einer inter-stämmischen Gemeinschaft
zwar alle Produktionsanlagen zerstören. Er kann das angesammelte
Wissen, die aufgebauten Beziehungen und Unterschiede in der
Gesellschaft aber nur mit der totalen Ausrottung der Herrscherklasse
aufheben. Damit zerstört er aber quasi die Grundbasis der gesamten
Gesellschaft und kann in Folge nach aller entstehender Armut nur
feststellen, dass genau die gleichen Strukturen wieder entstehen. Nur
eben mit anderen Menschen. Das kapitalistische System folgt natürlich
und nicht verhinderbar aus der Größe der Gemeinschaft und ihrer
wirtschaftlichen Kooperation.

Ökonomische Formen bei entwickelten Nomadenvölkern:

1. Klassenbewusstsein und Eigentum: Wir sehen also, wie über


die Stratifikation und das Eigentum an Ruhm, Geheimwissen,
Gütern und Kredit Führungsklassen entstehen. Das Erbrecht
und Familienrecht stärken den Klassenerhalt.

2. Marktwirtschaft: Die inter-stämmische Marktstruktur wächst


über Stammesgrenzen hinaus und es entstehen echte
dynastische, militärisch verstärkte und den Wohlstand
weniger mehrende Strukturen. Es ist fest davon auszugehen
das in dieser Stufe der Entwicklung erste Formen der
Buchhaltung und des Wirtschaftens fest im Geheimwissen der
Herrschaftsklasse verankert ist. Preise und
Wertbestimmungen der gehandelten Güter sind bereits
vorhanden. Wer jedoch Grashalme sammelt und damit
zufrieden ist, der wird hiervon wenig wissen. Und der wird
auch nicht relevant sein, um Beziehungen zu knüpfen. Wissen
und Beziehungen sind bereits essentiell. Der Markt ist
hierarchisch.

3. Politische Organisation und öffentliche Güter: Über die


diplomatischen Aufgaben im Handel, die Koordination der

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Kriegsführung und die Koordination bei der Erzeugung von
handelbaren Überschüssen entsteht nicht nur eine
Herrschaftsökonomie, sondern eine direkte repräsentative
Regierungsform und die Wirtschaft beginnt mit der Erzeugung
öffentlicher – d.h. „für den Stamm rentable“ – Güter. Es bildet
sich zeitgleich eine Handelsgesellschaft aus, welche das
Geheimwissen über Beziehungen nutzt, um gegen die sich
vorwiegend mit der Regierung beschäftigenden Herrscher zu
etablieren. Gelingt dies über viele Ecken, Transaktionen und
Generationen und bleibt der Reichtum geheim vor dem nun
existierenden „Fiskus“; so etabliert sich eine Handelselite.

4. Geheimwissen wird Schlüssel für Klassenbildung und


Informationen essentielle Teil bei der Akkumulation: Es ist
schwer davon auszugehen, dass eine hierarchische
Organisation vorlag bei der ältere Repräsentanten die rituellen
und diplomatischen Beziehungen mit anderen Stämmen
kontrollierten. Es ist auch davon auszugehen das
Geheimwissen über Diplomatie, Verkaufstaktiken,
Reputationsschutz und Beziehungen anderer Stämme von
entscheidender Bedeutung bei der politischen Führung waren
und auch von den ältesten Führern geschützt wurde. Zeitgleich
kommt es eben über das Geheimwissen von Beziehungen, die
bei größeren Gesellschaften eben nicht mehr nachvollziehbar
sind, zu Handelseliten mit eigenem Geheimwissen. Die
Konkurrenzsituation entsteht dadurch, dass ein mit dem
Regieren betrauter Herrscher grundsätzlich viele weitere
Probleme zu lösen hat und aus dem Handel somit
ausgeschlossen werden kann. Während der Händler außer
dem Handel wenig zu tun hat.

5. Handelsplätze und Bankwesen: Vermehrt geht man davon


aus, dass einzelne Ritualstätten als Marktplätze und politische
Versammlungsstätten zwischen Stämmen genutzt werden. Es
ist auch vermehrt diskutiert, dass dort erste Buchhaltung und
„Banken“ entstanden, welche z.B. die Vorratshaltung von
überschüssigen Ernten verbuchten und den Handel mit
„Kassaguthaben“ ermöglichten. Es ist ggf. nicht abwegig davon
auszugehen, dass Ornamente und Ehrensymbole die gleiche

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Funktion bereits vorher innehatten. Z.B. für gewonnene
Kriege, hohe Ehren für den Schutz bei Dürren und dergleichen.

B. Neue Formen bei Handel

1. Der Handel zwischen den Stämmen

a. Überschüsse und Handel: In einer Gesellschaft, welche Regionen


über Kriege übernehmen kann und über ein differenzierte
Gesellschaft mit kollektivem Geheimwissen verfügt und welche
Überschüsse an nicht verderblichen Sachen erzeugt, entsteht auch
die Fähigkeit mit diesen Überschüssen intensiveren Handel über
die eigenen Stammesgrenzen hinweg zu betreiben. Wo man zuvor
nur gemeinsam Wildschwein jagen und essen konnte, kann man
nun dauerhafte Handelsbeziehungen und den strategischen
Tausch von Gütern angehen.

b. Kultur des Händlers: Grundlegend wird es schwierig sein, wenn


man sich mit anderen Stämmen nicht verständigen kann. Wenn die
symbolischen Riten und im Stamm etablierte Werte von Fremden
mit Füßen getreten und übergangen werden, kommt es zum
Konflikt. Damit zwei Stämme handeln können, muss also ein
Verständnis der Gesellschaft vorliegen und diese ähnlich sein.
Diejenigen welche die Stammestreffen organisieren – die
„Diplomaten“ – und die Erzeugnisse tauschen – die „Händler“ –
müssen sich also auch mit der Frage beschäftigen, wie mit dem
anderen Stamm gehandelt wird, welche Preise angesetzt werden,
und wer mit wem zu sprechen hat.

Das gleiche Problem existiert im Stamm, wenn man sich so wenig


sieht, dass ein kultureller Drift stattfindet. Vielleicht hat man sich
Entschlossen Hass in der Mimik zu zeigen, wenn man fröhlich ist.
Das wäre für die Kommunikation nicht dienlich.

Zeitgleich wird nicht jedes Stammesmitglied, aufgrund der


Stratifikation, gleich in der Lage sein, sich den diplomatischen
Themen anzunehmen. Wer seine Zeit mit dem in den Himmel

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starren und Grashalme sammeln verbrachte, der wird nicht über
genug Verständnis und Geheimwissen besitzen, um einen fremden
Stamm in eine Verhandlung zu führen und Vertrauen aufzubauen.

Es wird also unwahrscheinlich sein, dass ein Grashalmsammler die


Zeremonien leiten wird. Ebenso ist es Unwahrscheinlich, dass ein
Grashalmsammler geheim Werkzeuge erstellt und stets vergraben
hat, um bei einem Bankett auf einmal mit der größten Menge an
Werkzeugen aufzukreuzen und die Handelsbeziehungen für sich zu
beanspruchen. Der Handel und die inter-stämmischen
Beziehungen bauen auf dem Klassen- und Hierarchiesystem des
Stammes auf.

c. Harmonisierung des Brauchtums: Der inter-stämmische Handel


bedingt funktioniert dann am besten, wenn symbolische
Handlungen und Ritual wechselseitig verstanden und anerkannt
werden. Das nennt man diplomatische Fähigkeit. Handeln drei
Stämme miteinander, wird der Handel sich dann zwischen zweien
intensivieren, wenn diese die gleichen Riten, Bräuche und Moral
leben und die Kommunikation reibungslos verläuft. Das ist
vergleichbar mit der Harmonisierung von Märkten und Gesetzen in
der EU. Gleichheit und Wertschätzung und Respekt vor Bräuchen
schafft vertrauen.

Auch die Anerkennung der Klassenstruktur ist wichtig. Gelingt es


den Führungsschichten in beiden Stämmen stabile Beziehungen zu
knüpfen, bei denen der Handel keinen erkennbaren Einfluss auf die
Rangordnung und Stabilität des jeweiligen Stammes haben, so
kann man daraus eine inter-stämmische Wir-Gruppe entstehen.

Gelingt es dann die Beziehungen immer weiter auszubauen, so dass


am Ende auch die Grashalmsammler miteinander Beziehungen
pflegen, so können Stämme sogar so stark zusammenwachsen,
dass sie fließend ihre Mitglieder tauschen und beim anderen
Stamm die Lehre schicken. Das unterstützt bei der Stärkung der
Beziehung, die im Falle eines Stammeskonflikts Kriegsentscheiden
sein kann. Man wird also zu quasi einem – wenn auch auf zwei lose
Gruppen verteilten - Stamm.

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d. Diplomatie: Aus den Dunbar Modell lässt sich die Gestaltung der
Stammesbeziehungen auch wieder ablesen. Bei jedem bilateralen
Zusammentreffen werden die Anführer zusammensitzen. Es
können aber nur bis 22 Menschen sinnvoll Menschen
zusammensitzen. Ganz egal wie der Tisch aussieht oder ob man um
ein Feuer sitzt. Das Vertrauen und die Beziehungen intensivieren
sich hierdurch.

Das Risiko eins diplomatischen Eklats soll natürlich verhindert


werden. Daher kann sich keine zweite Gruppe zusammensetzen.
Es können sich lediglich einzelne Händler unbemerkt
zusammentun. Ein riskantes, aber lohnenswertes Unterfangen.
Riskant, weil es zum Verrat kommen kann. Dieser wird vermutlich
abgestraft. Lohnenswert, weil man über die Handelsbeziehungen
am Häuptling vorbei neue Wege zur Kapitalakkumulation an der
Herrscherklasse vorbei aufbauen kann.

Die Führungsklasse oder die Häuptlinge können aber kein Interesse


daran haben, das Andere Handelsbeziehungen aufbauen. Denn das
würde den Stamm verwundbar für eine Unterwanderung machen
und die eigene Legitimation gefährden. Und natürlich wieder jeder
Stammesherrscher aus Eigeninteresse dies auch beim anderen
Stamm eher nicht dulden. Es sei denn, er ist verrucht. Was nicht
allzu selten in der Geschichte war.

Treffen sich sogar noch mehr Stämme, werden am Ende nur die
Häuptlinge zusammensitzen. Oder ihre diplomatischen Vertreter.
Denn wieder gilt das Modell Dunbars. Wenn zu viele Menschen
zusammenkommen, bilden sich Untergruppen und man trifft sich
nicht mehr.

e. Ökonomische Renten: Über die Beziehungen bei den Treffen


monopolisieren sich aber die Handelsbeziehungen in der
führenden Klasse.

Dadurch werden die Führungsansprüche nochmals verstärkt und


nun eigentlich schon dynastisch. Niemand wird mehr am Herrscher
vorbei die Beziehungen zu anderen Stämmen pflegen und jeder
Herrscher wird diese Beziehungen unterbinden.

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Damit die Beziehungen stabil bleiben muss die Nachfolge gesichert
sein. Man kann nicht jedes Mal mit einem neuen Partner, mit
neuen Interessen, und neuer Persönlichkeit, die Beziehungen neu
verhandeln. Die Häuptlinge müssen also für Kontinuität in der
Beziehung sorgen. Das geht am einfachsten über das dynastische
Muster.

Mit dieser dynastischen Komponente kommt es, so kann man


annehmen, zu einer noch stärkeren ökonomischen Übervorteilung
der Herrschaftsklasse. Das bringt Neid mit sich und bietet
Angriffsfläche.

Die Handels- und Kommunikationsströme und der sich festigende


Machtanspruch muss also zwingend durch Überwachung – über
loyale Beziehungen oder Spionagenetze – gesichert und die
Sicherung durch koordiniertes Handeln ausgebaut werden. Mit
dieser Entwicklung entsteht aber auch ein Interesse und
Herrschaftsanspruch auf diese Beziehungen.

Das gelingt nur, wenn ein überschauendes Gesamtwissen über die


Wirtschafts- und Beziehungsaktivitäten des Stammes in der
Regierung vorhanden ist. Genau dann kann mit diesem
Geheimwissen auch Sicherheit bei Gesprächen mit anderen
Häuptlingen suggeriert werden und man geht damit in die
Diskussion über Rang und Gunst der anderen Häuptlinge. Es geht
nun auch darum, wer zwischen den Stämmen die Führung in
Anspruch nehmen kann. Nur wer Handelsüberschüsse zusichern,
die Loyalität und die Armee im Kriegsfall bereitstellen kann, über
eine stabile Herrschaft verfügt und wer über die besseren
Strategien für die gemeinsamen Stammesaktivitäten verfügt, wird
in dieser Konstellation die Führung beanspruchen können.

Um nicht nur leer daher zu reden, muss man seine Festigkeit auch
mit Geschenken und Gaben beweisen. Diese sind ein Ausdruck
über die Fähigkeit im eigenen Stamm die größten Profite und den
größten Wohlstand anzuhäufen. Man muss also guter Kapitalist
sein. Der Platon’sche Philosoph wird sich schwer damit tun seine
Kapitalisten zu überzeugen, im Interesse seiner eigenen Führung
und zum Wohle des Stammes deren Güter einzusammeln und im

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eigenen Namen zu verschenken. Man könnte die Geschenke
verweigern oder direkt selbst übergeben. Dann würde wieder ein
Stammeskonflikt auftreten.

Es ist also nicht einfach überhaupt den Wohlstand verfügbar zu


haben und zeitgleich die Nebenbuhlerei zu unterbinden und zu
ächten und diese auch noch zu überwachen. Ein Geheimwissen,
dass dem Grashalmsammler vermutlich nicht im Geringsten
bewusst wäre, selbst wenn er immer zuschauen würde.

f. Steuern: Gelingt es dem Stammesführer seinen eigenen Reichtum


aus der Gruppe über den Anspruch auf Überschüsse zu festigen, so
wird er diese womöglich auch umbenennen. Statt mit den
Händlern und anderen Oligarchen seiner Fraktion in Konkurrenz zu
treten, wird er diesen helfen ihre Stellung untereinander
auszubauen, und sich über die Einführung von Steuern als
Herrscher über die Kollektivaufgaben etablieren. Das ist einfacher
als ständig im Wettbewerb zu sein.

Damit entsteht das Steuerwesen. Und dieses gibt wiederum,


zusammen mit den Handelsgewinnen, Auskunft über die
Wirtschafsleistung des Stammes, die den anderen Stämmen
sichtbar wird.

Mit den Steuern kann der Stammesführer nun auch


Koordinationsaufgaben wahrnehmen und sich auf diese
Fokussieren. Damit festigt sich die Klasse weiter. Die Zeit kann nun
auf die Pflege von Beziehungen zur Oligarchie und deren
Überwachung mit Spionen fokussieren. Den Rest der Zeit verbringt
man mit Bräuchen, Gesetzen und der Koordination des
Staatswesens. Zeitgleich kann man sich natürlich auch dazu
entscheiden trotzdem noch selbst Handel zu betreiben und in den
Wettbewerb zu gehen oder eine Armee aufstellen und zum
Militaristen werden.

Die Erfüllung kollektiver Aufgaben durch den Souverän hilft den


anderen Oligarchen auch, sich auf wichtigere Dinge zu
konzentrieren und diese können sich aus der Regierung
zurückziehen. Den womöglich schlausten und über das größte
Wissen verfügbaren Rivalen nun mit Steuern abzuspeisen und

S e i t e 73 | 246
neutral zu schalten kann auch von Interesse sein. Im Gegenzug
muss der Stammesherrscher sich ständig der Loyalität der
Oligarchen versichern, ihnen gegenüber aufzeigen, dass er Ihre
Interessen sinnvoll mehrt. Sonst wird er schnell als Faschist
wahrgenommen. Nur wenn er dies vermeidet kann er sukzessive
mehr Gewalt unter sich monopolisieren.

g. Stammeshierarchie und Königtum: Schafft es ein Stamm


besonders wirtschaftlich zu sein und mehr Erzeugnisse zu
erzeugen, so kommt es zwischen den Stämmen ebenfalls zur
Klassenbildung. Da die Stämme schon dynastisch agieren
entscheidet die Hierarchie zwischen den Stämmen nun darüber,
wer der Monarch unter den Fürsten wird.

Zeitgleich wird in diesem Wettbewerb jeder versuchen über


Spionage oder Bestechung das Geheimwissen des anderen
Stammes abzugreifen, um selbst wieder erfolgreicher zu sein. Dass
muss vom Souverän natürlich unterbunden werden. Er muss seine
verwundbare Oligarchie schützen und sich vor deren Verrat
schützen. Er muss die „Staatssicherheit“ also für seinen Schutz
aufbauen und ohne zu viel Geheimniswissen zu verraten seinen
Stamm vor der Gefahr sensibilisieren.

Das ein Stamm ein Administrationsstruktur an den Häuptlingen des


anderen Stammes vorbei entwickelt ist eher unwahrscheinlich. Es
handelt sich also vermutlich um eine Föderation. Der König wird
kein seiner Beamten beim Stamm B unterbringen.

2. Geheimwissen über Beziehungen und Handelsklasse

a. Spätestens wenn 5 Stämme mit jeweils 100 Mitglieder (500


Menschen) miteinander Handel treiben, und nur 5 von jedem
Stamm bei Treffen erscheinen und intensiv zusammensitzen, kann
derjenige, der mit dem Bau von Gefäßen betraut ist, nicht mehr
wissen, wer mit wem welchen Handel treibt und davon profitiert.

Damit wird nun zum ersten Mal das Wissen über die Fähigkeiten,
Beziehungen und Tätigkeiten anderer zu einer Art Geheimwissen.
Die „Netzwerk-gesellschaft“ etabliert sich.

S e i t e 74 | 246
Das Netzwerk ist eng verwoben mit ökonomischen Renten von
Klassen und Stämmen. Daher ist dieses Wissen ein Geheimwissen,
das nur von den oberen Klassenmitgliedern überhaupt
wahrgenommen und verstanden wird. Es stärkt die
Klassenhierarchie.

b. Die Anonymität über Beziehungen wird bietet nun neue


Entfaltungsmöglichkeiten an. Wer immer auch in der Nacht aus der
Siedlung schleicht, um sich Kredit beim anderen Stamm zu
erwirtschaften und dafür Vorteile erlangt kann sich damit neu
erfinden und positionieren. Eines Tages wacht man auf, und der
Grashalmsammler wurde eben doch zum Handelsmagnaten, der
überall in den Ebenen Waffen und Goldmünzen versteckt hat. Weil
er heimlich Steine sammelte, Werkzeuge baute, mit seinem
Grashalmverkauf gut wirtschaftete und mit dem anderen Stamm
handelte und nun auf 1000 Stücken Gold und Schwertern sitzt, die
eben überall im Lande vergraben sind. Das muss dem
Spionageapparat nicht zwingend auffallen. Und plötzlich wird der
führende Stamm mit diesen Waffen angegriffen und unterworfen.

Es reicht nun also nicht mehr die Stabilität unter den


Führungsschichten zu festigen. Die zwischen-stämmischen
Beziehungen entziehen sich über die neue Handelsklasse auch der
Herrscherklasse. Ob es dadurch zu Konflikten und Kriegen kommt
entscheidet dann, wenn man nicht in der Lage ist diese
Beziehungen aufzudecken, über die Frage, ob der eigene Stamm
und seine autarke Sicherheit für die Beziehung zwischen den
Händlern relevant sind. Jede Stammesführung hat also ein
Interesse daran die eigenen Eliten mit der Konstellation zufrieden
zu stellen und die Aufnahme von Eliten des anderen Stammes –
sozusagen Überläufer – zu verhindern. Nur der stärkste und
sicherste Stamm, der klar die Herrschaft besitzt, kann dann mit
dem Gedanken spielen die Kräfte der anderen Stämme für sich zu
gewinnen.

c. Die Kapitalakkumulation ist aufgrund der fehlenden Siedlungen


jedoch weiter stark begrenzt. Sofern diese Händler also nicht im
geheimen Handeln und auf den Wegen Verstecke zur Ablage ihres
Eigentums etablieren wird sich die Klasse nicht als wirtschaftliche
Macht etablieren. Natürlich können sich Händler mit ihrem

S e i t e 75 | 246
Reichtum bereits neue Stämme schaffen. Aber dann auch noch die
militärischen und diplomatischen Geschicke und Mittel gleich mit
aufzubauen ist vermutlich so riskant und schwierig wie heute ein
Milliardenunternehmen wie Facebook aufzubauen. Das Wissen
über Beziehungen und Preise und Handel etabliert sich aber klar
schon als eigenständige Institution. Alle diese strategischen Fragen
stellen sich nur den Herrschaftsklassen und es handelt sich um
Schauplätze, die dem Rest des Stammes unbekannt sind und vor
diesem auch geheim gehalten werden müssen.

3. Anonymität, Strafrecht, Reputation

a. Neue Bedingungen für neue Regime: Durch die Entstehung von


Strukturen über den Stamm hinaus wird die Stammesgesellschaft
deutlich größer. Durch die Möglichkeit von einem Stamm in den
nächsten zu wechseln, sich in einem anderen Stamm ausbilden zu
lassen, mit diesem in den Krieg zu ziehen, oder als
Handelsentsandter quasi alleine zum anderen Stamm zu gehen,
entsteht auch ein viel höheres Maß an Anonymität und es wird
deutlich schwieriger für einen Stammesfürsten oder seine Fraktion
alle Handlungen zu überwachen und nachzuvollziehen.

Aus diesem Grund entstehen unzählige neue Einfallstore für die


Umgehung des Sozialvertrages. Diebstahl und andere unerlaubte
Handlungen werden realistischer. Auch verdeckte
Handelsbeziehungen, welche die Klassenstruktur gefährden
können zu einem Problem werden und das Rechtssystem muss ein
Einfallstor für die Verurteilung finden. Die Strafe dafür, dass man
dabei erwischt wird, kann zum Beispiel erhöht werden und man
muss sich über Strafmaße und deren Wirkung Gedanken machen.

Die soziale Verkettung und Verbundenheit im Stamm wird


aufgrund der Größe der inter-stämmischen Gemeinschaft
zunehmend untergraben. Auf einmal ist der Grashalmsammler
wohlhabender Händler und seine Existenz nicht mehr von der
Stammesstruktur abhängig, sondern durch seine Beziehung zu
anderen Stämmen. Er könnte nun auch Spion sein. Aber den Spion
einzukerkern oder zu verstoßen könnte die Stammesbeziehungen
und den Handel beeinflussen.

S e i t e 76 | 246
Das Rechtssystem muss sich nun auch zunehmend rechtfertigen
und die Bedeutung der Gesetze eines sich wechselseitig nicht mehr
gänzlich begreifende und kennende Volkes an dieses herantragen,
um weiterhin Vertrauen in die Regierung und das Recht zu setzen.
Eine Art Jurisprudenz muss sich also bereits bilden.

b. Strafprozessrecht: Mit der Größe und der Unsichtbarkeit der


Handlungen des Einzelnen wird auch unklar, wer bei wem und
insgesamt im Kredit steht. Die Anonymität der großen Gruppe
produziert die erste Schmeichler, Lügner, Diebe und Räuber.
Gerade der Wettstreit um Kredit und Reputation macht einige
Verhaltensweisen nun zwingend regelungsbedürftig. Denn die
Gemeinschaft ist über ihr kollektives Beobachten und Beurteilen
nicht mehr in der Lage diese Vergehen aufzudecken.
In einer kleinen Gruppe beobachtet noch jeder jeden jederzeit und
es kommt bei jedem Versuch der Manipulation des Kreditwesens
sicherlich zu Eskalationen und Anschuldigungen.

Neu hinzu kommen wird nun die unbegründete Anschuldigungen –


der Verleumdung – und die akribische Vorbereitung des Erfolges
einer Verleumdung über „übles Nachreden“. Beides dient der
„Diskreditierung“, also der Beeinflussung des Kredit des anderen.

Diese Straftaten müssen jetzt über eine Regelung an das den


Justizprozess angeschlossen werden. Ein Rücktrittsrecht – ein
Schlichtungsprozess – und ein ausgeweitetes Feststellungs-
verfahren muss eingeführt werden.

Das Strafrecht und Strafprozessrecht müssen also eingeführt


werden. Wie kann mit Zeugenaussagen, gesammelten Beweisen,
nicht gemachten Aussagen und nicht vorhandenen Beweisen eine
schlüssiges Urteil gefällt werden? Wie lässt sich der
Tatsachenbestand feststellen? Wie muss vorgegangen werden um
ein Ergebnis zu finden, welches (a) dem Richter einleuchtet, (b)
dem Volk gefällt und Frieden stiftet, und (c) die Scham und das
Ansehen der Führungsklasse nicht auf den Plan stößt.

S e i t e 77 | 246
c. Geheimwissen und Rechtssystem: Mit diesen neuen Problemen
und Verfahren der Strafermittlung entsteht auch neues
Führungswissen, das zuvor so nicht vorhanden war. Es kann
schwerer sein Tatsachenbeweise zu finden oder Geschehnisse
nachzuvollziehen. Zeugen werden relevanter. Und deren
Glaubwürdigkeit wird zu einem zunehmend relevanteren Thema.
Um Täuschungsversuche sinnvoll zu beurteilen muss zum einen
eine Theorie ausgebaut werden, welche die Zuschreibung einer
Lüge zum Beispiel begründbar macht und rechtfertigt. Zeitgleich
kann man das Geheimwissen darüber, ob jemand lügt oder nicht,
nicht kodieren. Denn sonst würde man dabei helfen immer perfider
zu lügen.
Ein gängiges Beispiel ist die in der neuro-linguistischen
Programmierung beschriebene Bewegung von Augen. Der
Rechtsprozess würde die Befragungstechnik beschreiben und der
gelebte Prozess so lange auf den Zeugen eindreschen, bis er sich in
einem Widerspruch verliert. Dass der Zeuge aber lügt würde
vermutlich viel früher durch sein Verhalten auffallen. Und die
Befragung würde dann zunehmend Druck aufbauen, bis der Zeuge
aufgrund der Lüge zu einem Widerspruch verleitet wird.
Damit wird der Meineid bewiesen, die Rechtsfolge vertretbar, das
Geheimwissen über das Aufdecken von Lügen aber weiterhin
geheim bleiben.

d. Reputation und Handlungskonto: Durch die genannten Probleme


muss nun auch ein Buch über die Reputation und Gesetzesbrüche
geführt werden. Eine Art Handlungskonto.

Wer in Streits und Prozessen nicht involviert ist, weil er nicht


auffällt, der ist ggf. weise, ethisch oder wirtschaftlich irrelevant.
Wer in diesen Streits oft auffällt und verliert, der verliert an Ruf und
Kredit und wird Verbrecher.
Wer stets das Recht bricht, aber sukzessive lernt wie er der
Verfolgung – als der Beweislast - und Entdeckung – als der
Aufmerksamkeit - entgeht, der ist listig oder gar arglistig.
Wer in diesen Streits oft auffällt, aber stets im Argument gewinnt,
der ist wohl wirtschaftlich relevant aber ein sehr guter Lügner,
Tatsachenvertuscher oder unschuldiges Opfer von
Anschuldigungen. Über die Dauer ist ein ständige Verwicklung in
Rechtsstreits merkwürdig. Um dies zu verhindern muss es im

S e i t e 78 | 246
Rahmen der Strafermittlung auch schon zu Ausschlussverfahren
kommen.
Auf der Seite der Jurisprudenz gilt: Wer in diesen Streits dem
Richter Hinweise und Argumentationsketten gibt, welche das Urteil
verbessern, der ist besonders Weise. Und wer die Interessen der
beteiligten am Prozess und die Auswirkungen auf die Fraktionen
und Gruppenkonstellationen und die Hintergründe kennt, der ist
wohl geeigneter Politiker.

Über die Öffentlichkeit von Strafprozessen und darin ausgetragene


Konflikte entwickelt sich also das Grundverständnis von Moral. Mit
der Moral und dem Rechtswesen entstehen auch
Handlungsstrategien und neues Geheimwissen darüber, wie man
über diese Grenzen des Rechts Profite erzeugt, darüber wie man
durch die listige Umgehung der Strafverfolgung noch mehr Profite
erzielt, und wie man weniger listige Akteure, die das Recht gewollt
oder ungewollt brechen, damit sogar in Diskredit bringen kann.
Und andere wiederum erlangen Wissen darüber, wie sie als
unschuldige verurteilt wurden und wo das Rechtssystem versagt.
Und wiederum andere, die den unschuldigen verurteilen lassen
konnten und ihn nun Beschwerde einlegen sehen lernen, wie sie
die Attacke ausweiten müssen, um das Opfer soweit zu
diskreditieren, dass niemand zuhört. Was zum Beispiel durch einen
guten Stand in der Gesellschaft und über viele hinter einem
stehende andere Menschen von gutem Stand regeln kann, wenn
alle das Opfer diskreditieren.

Eine neue derivative Art des Kredits entsteht und das Wissen über
das Wissen anderer im Umgang mit den Gesetzen und deren
Verhaltensmuster wird zu neuem Geheimwissen. Denn nun muss
man im Konflikt nicht mehr töten oder rauben. Man kann die
Verbrechen des Verbrechers aufdecken oder dem wenig
vernetzten Ehrenmann welche andichten. Politische Gegner lassen
sich nun sauberer beseitigen.

Die Glaubwürdigkeit, der gute Stand und die geheimen


Beziehungen und kollektiven Interessen werden bedeutsamer.

Es entsteht also eine Vielzahl von neuem Geheimwissen und Arten


von Kredit (z.B. Reputation und Glaubwürdigkeit)

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e. Soziales Handeln: Mit der Entstehung des glaubwürdigen Handelns
entsteht nun auch eine neuen Spezialisten. Auch ohne aktiv zu
wirtschaften, Waren zu erzeugen, Kriege zu führen und Waren zu
handeln kann man nun über das soziale Handeln selbst Wohlstand
erlangen. Wer alle Verbrechen kennt und schweigt, und sogar als
Verteidiger auftritt, der wird Strafverteidiger. Wer anderen
Verbrechen andichten oder über deren Verbrechen seinem Herren
mitteilt, der wird klassischer Spion und erhält Gewinn. Wer
politisch diese gesamten Verbrechen und Handlungen zwischen
vielen Parteien ausspielen kann, der wird eine Art Handeln ohne
Erzeugung von Waren und Kredit zu einer Art Pate oder einem
echten modernen Politiker.

4. Kriegsführung und Gemeinwesen

a. Herrschaft und Koordination von tödlichen Angelegenheiten –


Vertiefung zur Jagd:

Wenn eine Gruppe von Jägern eine Herde von gefährlichen Tieren
jagt, so wird hierzu bereits eine militärische Organisation verlangt.
Es z.B. Ränge und Hierarchien geben.

Denn niemand wird in einer kultivierten Gesellschaft freiwillig von


einem anderen dazu befohlen in der Vorhut und an erster Linie zu
stehen, wenn dies fast sicher den Tod bedeutet.
Es erfordert (a) die Anerkennung der Aufgabe, (b) die Anerkennung
des Befehlshabers, (c) das Vertrauen auf die Kampftruppe, (d) das
Vertrauen auf die Führung, (e) und die langjährige Vorbereitung auf
die Handlung.

Die Vorbereitung auf die Handlung besteht aus (a) Training und
Härtung des Kriegers, (b) die Trunkenheit durch soziale Ehren,
Anerkennung, Stolz und Selbstbild, (c) die Ausblendung des
eigenen Todes gegenüber den Vorteilen von Ruhm, Ehre und die
Hingabe an das Überleben der Gruppe.

Bei Löwen spielen Raufereien, Machtkämpfe, Fraktionsbildung und


politische Fraktionsbildung eine entscheidende Rolle bei der Probe

S e i t e 80 | 246
aufs Exempel: wie stark ist die Kooperation, wie hoch die Loyalität
zur Führungsposition, wenn es tendenziell um das eigene Leben
geht. Wer ist überhaupt in der Lage dem Druck stand zu halten oder
wer versucht zu fliehen, wer „freezed“ und versagt im Kampf, wer
kämpft. Und von denen die Kämpfen, wer besitzt die volle
Funktionsfähigkeit und Fähigkeit an sich, im Kampf und unter
vollem Adrenalinbeschuss siegreich zu sein? Wie anerkannt ist
diese besondere Fähigkeit als ehrenhafte Fähigkeit in der
Gesellschaft?

Menschen – im Gegensatz zu Tieren - übernehmen diese


Handlungen im Rahmen der politischen Organisation. Doch der
Kampf an sich muss als kulturelles Gut antrainiert werden. Erfolg
im Nahkampf in der Jugend oder im Sport; Erfolge bei der Jagd
kleiner Tiere; usw. bauen das Selbstvertrauen in die eigenen
Fähigkeiten auf. Die Teilhabe an den Aufgaben der ehrenwerten
Erwachsenen erhöht den Stolz und das Selbstbewusstsein als Teil
der Gruppe. Auch das Antrainieren von Disziplin, d.h. die Annahme
von Schmerzen, der Sieg über eigene Ängste und physiologischen
Anreize nicht zu handeln wird über Rituale, Mutproben, das
Erwachsenwerden und Laufbahnausbildungen und kulturelle
Institutionen gefördert. Charakter wird gebildet. Ging es bei Tieren
noch weniger esoterisch um das nackte Überleben, so ist es bei
Menschenverbänden bereits eine Frage der Erziehung und
Ausbildung und der Sozialauswahl, wer denn für den Kampf
überhaupt in Frage kommt. Und der Ausbildung muss bereits
tiefere psychologisches Wissen zu Grunde liegen.

Wie weiter unten diskutiert spielt auch die soziale Zuschreibung


der Ehre und der Stärke eine Rolle. Wie geht man mit den
Verlierern eines Kampfes um? Einem auf der Jagd verletzten? Sorgt
man sich um sie? Bleiben sie Teil der Gruppe? Oder werden sie
ausgegrenzt und links liegen gelassen – wie eben bei Tieren.

Auch wenn wir erst jetzt über die Jagd reden: Man kann davon
ausgehen, dass die gesamte politische Intelligenz des Menschen
und die Bildung der politischen Organisation keinem anderen
Zweck diente als der symbolischen Vorbereitungen auf den
koordinierten Kampf auf Leben und Tod. Nicht anders verhält es
sich bei Tieren.

S e i t e 81 | 246
b. Kriege – Koordination und Finanzierung: Wenn eine Gruppe mit
einem anderen Stamm in den Krieg zieht wird dieses Thema
nochmals verstärkt. Es handelt sich um ein der größten
koordinierten Aufgaben eines Nomadenvolks.
(1) Es müssen unzählige Materialien wie Rüstung, Waffen beschafft
werden, es müssen Nahrungsversorgung und Logistik und das
Kampftraining koordiniert werden,
(2) Es müssen Schlachtpläne geschmiedet und erprobt werden und
Krieger, welche an den verwundbarsten Stellen des Schlachtfeldes
eingesetzt werden müssen bereit sein diese Verantwortung
anzunehmen,
(3) Es muss sichergestellt werden das niemand vom Schlachtfeld
wegrennt oder durch Unfähigkeit die Anderen gefährdet
(Fahnenflucht und Illoyalität wird bereits anderweitig erprobt und
bestraft), und (4) es muss gesichert werden das niemand zum Feind
überläuft und Verrat ausübt.

Für das Gefecht bedeutet dies, das Wissen über die Ermessung und
die Installierung von effektiver Kommunikation und Loyalität so
tief verankert sein muss, dass man diese Themen überhaupt
kritisch bewerten und den Erfolg leisten kann. Für die Führung
muss man erst einmal erkoren werden. Eventuell muss neben dem
Ruhm – als positiver Anreiz – auch Drohpotential – Anti-Ruhm /
Misskredit - gegen z.B. die Familie eines Verräters existieren.

Der Erledigung öffentlicher Aufgaben mit hohem Risiko in diesem


Bereich muss also tendenziell bereits ein Strafrecht voraus stehen
und das was wir heute „Sippenhaft“ nennen bereits in der
Gesellschaft verankert sein.
Die Finanzierung und Koordination dieser Tätigkeiten ist aber ein
Kraftakt, der im Prinzip bereits die erste Form der Steuerabgabe an
eine Armee oder Kriegsregierung beinhaltet.

c. Kriege und das Erbrecht im Todesfall:

Wichtig bei dieser Betrachtung ist, dass diese Aufgaben nicht mehr
allein über individuelle Beigaben und das Kreditwesen organisiert
werden kann. Denn das Risiko in der Schlacht zu sterben macht die
Idee des Kredites überflüssig.

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Das individuelle Gut muss also bereits auf ein kollektives Gut
ausgeweitet worden sein, welches den Tod des Kämpfers
überdauert, und für den dieser Kämpfer bereit ist zu sterben. Nur
wenn der Held auf der Schlacht dadurch dem Stamm und – noch
wichtiger - der Familie Ruhm und Ehren und Kredit schenken kann,
und diese Art von Ehre in der gesamten Gesellschaft anerkannt und
sich ihrer erinnert wird, macht eine solche Aufopferung Sinn.

Dies lässt sich aber nur bewerkstelligen, wenn bereits andere für
das Gut desjenigen, der sich nun opfert, eingestanden sind und er
seine eigene Existenz dieser verdankt. Die Bereitschaft zur
Verteidigung des Stammes bedarf also der Geschichte. Und neben
Tradierung ist dies vermutlich mit symbolischem Kapital und Kredit
verbunden.

d. Echtes Führungs- und Strategiewissen:

Überträgt man die Aufgabe gemeinsam ein Wild zu jagen auf die
Aufgabe einen Stamm zu jagen, so muss auch bereits ein sehr gutes
Geheimwissen über die Einschätzung von Menschen im
Führungskader des eigenen und des fremden Stammes vorhanden
sein.

Wer sich über die körperlichen und geistigen Fähigkeiten des


Feindes, über die Stärke seiner Waffen und Verteidigung, und über
das Gelände und die Situation der Schlacht keine Gedanken
machen kann, der wird es schwer haben ein erfolgreiche Schlacht
zu führen.

Wer den besten Schlachtplan aushecken, aber die Fähigkeit im


Gefecht der eigenen Armee nicht ausloten kann, der hat auch
verloren.

Hinzu kommt die Informationsbeschaffung. Man muss durch


wenige Aussagen von Spähern über die Konstitution des anderen
Stammes bereits hinreichend informiert sein, um Entscheidungen
zu treffen und muss um ein so umfangreiches Wissen über die
Konstitution von Menschen und Gesellschaften besitzen, dass man
damit einen erfolgreichen Schlachtplan aufstellen kann. Dies

S e i t e 83 | 246
verlangt ein sehr tiefes Wissen über den Mensch, seine Stärken und
Schwächen, über seine Ängste, seine Motivation und dergleichen.

Das ist weit entfernt von dem Basiswissen der Kommune, welche
lediglich Emotionen stabilisieren muss und bei der Jagd auf den
besten hofft. Wo das Mitglied gegebenenfalls grinsen oder böse
drei schauen muss, manchmal ein Tauschgeschäft macht, und sich
sonst seiner eigenen Dinge widmet und in den Himmel schaut. Die
Führungsintelligenz ist hier also schon weit ausgeprägt und eine
Form von Kapital, das auch über die strategische Gestaltung von
Fraktionskämpfen und die Innenpolitik hinaus geht.

5. Erste Formen des Staatswesens

a. Kriege und Kollektivaufgaben:


Betrachtet man die Existenz von materialisiertem symbolischen
Kredit, die gesellschaftliche Stratifikation, die Führungsebenen in
der Schlacht und die Folgen des Erbrechts, so ist klar sich daraus
auch das Bewusstsein für öffentliche Güter existiert. Denn die
Aufgaben der Kriegsvorbereitung sind ein öffentliches Gut. Und
wer dies koordinieren kann und dadurch Ruhm von anderen erhält,
der kann auch in Kollektivaufgaben investieren, die Umsetzung
treuhänderisch realisieren und dafür Ruhm erhalten.

b. Kriegsfinanz und Steuern:


Es ist zeitgleich klar, dass das Konzept von Steuern bereits
verankert ist. Denn die Bereitstellung eines Überschusses von
Waren, der evtl. den bereits angesammelten Kredit in der
Gesellschaft übertrifft, muss gegeben sein, damit eine Militäraktion
überhaupt realisiert werden kann. Das gleiche Prinzip wird bei der
Organisation kollektiver Güter angewandt. Zwar kann auch die
führende Klasse an Wohlständigen die Finanzierung direkt
übernehmen, da diesen auch der meiste Nutzen zufließt. Aber kurz
über lang wird jeder an dem Prozess beteiligt.

c. Wer darf Kriege führen und regieren?


Zeitgleich muss der Führungsanspruch der herrschenden Klasse,
also derer welche eine solche Kollektiv-Aktion ansetzen,

S e i t e 84 | 246
durchsetzen und durchführen können, bereits gefestigt sein muss.
Der Führungsanspruch und der Ruhm dieser Klasse ist der
Grundbaustein nun Abgaben für die Gemeinschaftsaufgabe zu
erheben und einzufordern. Es existiert also bereits eine Art
Staatswesen und Steuersystem. Nicht jeder Grashalmsammler
kann nun einfach eine Brücke bauen und auf die Steuertöpfe
zugreifen. Die Führungselite verantwortet die Kollektivprojekte. Sie
besitzt über das Netzwerk, die Organisationsstrukturen und die
Glaubwürdigkeit für die Erledigung solcher Aufgaben.

d. Vom Krieg zum Kollektivgut:


Ist dieses Konzept der Steuern bereits verankert und akzeptiert, so
steigert dies die Fähigkeit der Führungsschicht für gemeinsame
Aufgaben Steuern zu erheben und größere Projekte anzugehen. Es
wird also nicht nur das notwendige finanziert. Man denkt auch
kreativ über die langfristigen Effekte von kollektiven Gütern nach.
Es entstehen neue Formen der Kollektivarbeit wie etwa die
Ausbildung von Spezialisten – z.B. für den Brunnen oder
Brückenbau. Zur Langfristplanung können auch konkrete
wirtschaftspolitische Sektor Investitionen sein. Wie etwa die die
Zucht von Pferden, um die Weidelandschaften zu erweitern oder
Kriege zu führen; die Ausbildung einer ständigen und wehrfähigen
Armee. Oder später der Bau von Wasserauffangbecken, Tempeln
und dergleichen.

e. Familien- und Klassenrechte sind unabdingbar:


Es ist auch klar, dass mit einer Lebensspanne von knapp 30 Jahren
fast kein Individuum dermaßen großen Kredit und
Führungsanspruch aufbauen kann, um ernsthaft die Führung in
solchen Angelegenheiten übertragen zu bekommen. Ein
ausgebildetes Erbrecht für Kredit, Ruhm und Führungsanspruch
und das über Familien tradierte dafür notwendige Geheimwissen –
zum Erhalt des Führungsanspruchs – muss bereits etabliert sein.
Mit der Kriegsführung ist ein echtes Klassengebilde also absolut
notwendig. Nur so lassen sich starke Kriegerfraktionen überhaupt
erst ausbilden.

S e i t e 85 | 246
Es ist also davon auszugehen, dass das Urproblem der
Klassenbildung und des kapitalistischen Denkens mit der Fähigkeit
zur Tradierung und Erzeugung nicht verderblicher Gegenstände
und durch geographische Stabilität – z.B. von Jagdgründen,
Wasserquellen – tief im menschlichen Wesen verankert ist.

C. Wirtschaftspolitik

Mit dem auftretenden Staatswesen und dem Wettbewerb unter den


Stämmen kommen nun wirtschaftspolitische Themen auf den Fahrplan.

1. Sparquoten und Wirtschaftsleistung

▪ Gesellschaftliche Überschussproduktion: Wie viele Überschüsse


erzeugt eine Gesellschaft? Das ist eine Frage der Bereitschaft für
den Überschuss. Wer lieber in der Sonne liegt und nur das nötigste
erwirtschaftet wird keine Überschüsse erwirtschaften. Erst durch
Dürren oder Stammeskonflikte wird das Thema Überschuss dann
relevant. Jeder Stamm der Handel treibt muss sich mit der Frage
auseinandersetzen, wie intensiv man die Erzeugung von
Überschüssen betreiben möchte und welche Güter man erzeugt.
Waffen sind ggf. weniger handelbar, aber notwendig für die
Sicherheitspolitik. Werkzeuge könnten auch die Produktivleistung
anderer Stämme beeinflussen und das Machtgefüge ändern. Ideal
wäre die Erzeugung von Kunst, Kleidung, kulturellen Gütern und
weniger sinnvollen Werkzeugen. Sofern für diese gut bezahlt wird.

▪ Sparquote und Wirtschaftssteuerung über Kultur: Wer


Überschüsse erzeugt und im Handel glänzt, der muss sich fragen,
ob Genügsamkeit oder ein Leben der Völlerei anstrebenswerter ist.
Sicherlich spielt es eine Rolle wie verderblich die Waren sind,
welche überschüssig erwirtschaftet werden. Wer vorwiegend
Werkzeuge herstellt und handelt, wird wohl nicht auf die Idee
kommen diese gegen Schweinebraten zu tauschen und 2 Wochen
mit Feiern zu verbringen, um dann wieder im Hunger lebend neue
Werkzeuge herzustellen.

Insgesamt bestimmt die Überschussleistung und die Genügsamkeit


die Sparquote. Je geringer die Verderblichkeit der geschaffenen
Güter, desto höher die Sparquote und desto stärker die

S e i t e 86 | 246
Akkumulation von Gütern, und desto größer die Wirtschaftsmacht
im Außenhandel.

▪ Sektor- und Programmentscheidungen: Wer zu viel Überschüsse


in Sagen wir Schaufeln herstellt, die sich nicht mehr absetzen oder
selbst verbrauchen lassen kann die Wirtschaftsleistung wieder
zurückfahren oder muss neue Wirtschaftsgüter erfinden und den
Korb an Gütern erweitern. Diese politischen Entscheidungen
verlangen ein erstes Wissen über Skaleneffekte in der Produktion
und einfache Marktgleichgewichte. Wer zu viel produziert verliert
Marge, muss also mehr wirtschaftlich leisten, um im Handel
weniger Netto-Kredit zu erlangen.
Die strategische Entscheidung der Steuerung von
Wirtschaftsleistung wird dann von den eigenen Bedürfnissen und
Handelsbeziehungen bestimmt. Das geht aber natürlich nur dann,
wenn die Essensversorgung hinreichend gesichert ist und die
Sparquote soweit gesteuert wurde, dass man nicht mehr Güter und
Wirtschaftsleistung für die Befriedigung von Stammesbedürfnissen
verbrennt.

2. Innovationspolitik

▪ Bedeutung von Innovation: Wenn Stämme die Güter und


Produktionstechniken kopieren und abkaufen oder gar spionieren
hat dies Einfluss auf die Planung der Produktion. Um den
Handelsvorteil nicht zu verlieren, weil andere Stämme einfache
Güter selbst herstellen, muss man stets neue Innovationen
hervorbringen. Die Handelsüberschüsse sind aber notwendig, um
den Stamm in der Stammes-Gemeinschaft am politischen
Verhandlungstisch zu behalten und nicht in Abhängigkeit zu
geraten.
▪ Innovationslose Regime: Einleuchtend ist, dass in einem mit Terror
und totalitärem Faschismus geführten Stamm wo niemand mit
dem anderen Reden darf und überhaupt niemand Gruppen bilden
kann, und es entsprechend weder zum Austausch kommt, noch
Anreize für die Entdeckung neuer Jagdstrategien, neuer
Weidewege oder sonstige Tätigkeiten gegeben ist, die
Innovationskraft leidet. Es kommt zu einer klaren Bremsung der
Innovation und des kreativen Potentials in der Gesellschaft pro

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Kopf. Und damit wird man von innovativeren Stämmen
ausgespielt.
▪ Erzwungene Innovation: Zeitgleich ist bei einem eher totalitären
Regime die Konzentration von erzwungener Innovation in
kritischen Bereichen natürlich stärker. Das ist ähnlich wie bei
modernen Kriegswirtschaften, wo der Staat in die kritischen
Innovations- und Produktionsbereiche eingreift. Der gesamte
Stamm kann dazu verdonnert werden Waffen herzustellen, den
ganzen Tag mit Kriegsübungen zu verbringen, die Reproduktion zu
maximieren, und jedem zum hörigen Krieger auszubilden. So
entstehen Kriegervölker. Das Modell ist auf die Entwicklung der
gesamtwirtschaftlichen Leistung und Innovation natürlich nicht
ideal.
▪ Egalitäre Innovationsgesellschaft: Schauen wir jedoch auf eher
egalistisches Modell mit starkem Syndikalismus, so entstehen viele
hoch gebildete Gruppen, geringe Abhängigkeit und geringes Diktat
über die Produktion. Das fördert die Entstehung von
Interessengruppen und Gedankenaustausch und erlaubt ein
gesamtgesellschaftliches Innovieren.
Gelingt es der Führung in diesem System das Thema des
ökonomischen Wettbewerbs zu platzieren, die Motivation der
ständigen Innovation und der Mehrleistung zu erhalten und auch
noch die strategische Richtung dieser Innovationen zu
koordinieren, so entstehen Strukturen die deutlich höhere pro Kopf
Arbeitseffizienzen erzeugen. Wird Innovation sogar mit sozialem
Aufstieg belohnt und besonders ökonomisch geschützt und sogar
von anderen finanziert – etwa über Aktiengesellschaften -, dann
springt die Innovationskraft nochmals weit höher.
In so einer Gesellschaft erhöht sich auch die Kapazität Nachwuchs
aufzubauen und den gesamten Stamm wachsen zu lassen.
Durch die föderalistische Syndikatsstruktur entstehen im Stamm
die Strukturen, welche die Arbeitsleitung einer sehr großen Zahl
von Menschen wieder unter sich koordinieren können. So entsteht
eine vertikale Differenzierung bei horizontaler Integration. Ein
solcher Stamm kann rein ökonomisch deutlich mehr Überschüsse
bei gleicher Faktorausstattung mit exogenen Faktoren (Land, Tiere,
Fauna) und konstanter oder wachsender Population realisieren.
Wer so produktiv ist, kann sich unter Umständen die Loyalität
anderer Stämme die stärker in der Kriegswirtschaft sind strategisch
einkaufen, oder diplomatisch als Verbündete aneignen. Oder man

S e i t e 88 | 246
kann durch das dadurch entstehende wohlhabende Leben die
stärksten Soldaten aus dem befeindeten Stamm abwerben und
zum Überlaufen bewegen.
▪ Kontrollgrenzen in den Stammesgesellschaften: Welches Regime
sich in diesen frühen Gesellschaften durchsetzt, hängt wohl mit der
genauen Konfiguration der Stammesgesellschaft zusammen und ist
zum Teil dem Zufall und der Summe von getroffenen
Entscheidungen zu verdanken. Ein durchdachtes planerisches
Handeln und hohe Effektivität in der Umsetzung sind vermutlich
etwas zu weit gedacht. Ein sich ständiges im Wettstreit von
Parteien selbst weiter entwickelndes und transzendierendes
Regime ist in diesem Stadion eher unwahrscheinlich, aber auch
nicht vollkommen irrsinnig oder unmöglich.

3. Außen-Wirtschaftspolitik

▪ Transportschwierigkeiten und symbolisches Kapital: Je stärker ein


Stamm wirtschaftlich profitiert und je mehr Stämme dies tun, desto
problematischer wird das hin und hertragen und mit sich führen
von Sachen, um das akkumulierte Kapital zu „speichern“. Während
sich über die Symbole der Ehre (Knochen, Schmuck, Kleidung) und
das Gedächtnis an große Beiträge wie Kriegsgewinne bereits viel
Kapital in der Kultur und Klassenarchitektur ausdrückt, ist es nur
logisch, dass es der Entstehung von Geld kommt. Wenn man 100
Säbel mit sich trägt, aber man weiß das die alle für den Stamm B
sind, dann macht es Sinn anstatt sich 10 mal zu treffen und 10 mal
Säbel gegen Essen zu tauschen, man die Säbel direkt hergibt und
dafür eben ein als Tauschmittel und „Wertspeicher“ anerkanntes
Mittel einsetzt. Wie etwa Muscheln, besonders geschnitzte
Holzteile
▪ Geld und Inflation: Erst dann, wenn dauerhafte Werte wie Gold
und Münzen eingeführt werden kann damit auch die Akkumulation
dieses einen gutes in sehr hohem Maß sinnvoll werden und bietet
dann langfristige Vorteile. Mit einer Millionen schaufeln ist die
Wahrscheinlichkeit von Imitaten oder auf diesen sitzen zu bleiben
hoch, was dann zu einem der ersten Beispiele von Inflation werden
würde – vergleichbar mit der Überschwemmung eines Markts mit
Muscheln, da wo Muscheln Zahlungsmittel waren. Das Geld muss
also knapp und die Produktion überschaubar sein.

S e i t e 89 | 246
▪ Akkumulation: Sobald das Zahlungsmittel wie Gold einmal da ist,
kann man es natürlich akkumulieren und vergraben und damit
bereits unermessliche Reichtümer speichern. Die Grenzen der
Akkumulation sind damit bereits jetzt aufgehoben und von der
Produktivkraft der Stämme allein beschränkt.
▪ Währungsspekulationen: Auch jetzt kann man koordiniert zum
Beispiel, ohne dass der Stamm es mitbekommt, das gesamte Gold
des anderen Stammes an einem Tag aufkaufen, von all den
verschiedenen Parteien. Etwa indem man den Markt mit Gütern
überschwemmt oder Darlehen. Hat der Stamm dann wiederum
lediglich Gebrauchsgüter, kann man deren Wert durch
Überschussproduktion dieser Güter durch den eigenen oder
andere Stämme, oder durch diesen Stamm selbst – indem man
Nachfrage simuliert – in die Inflation stürzen. Wenn die
Gesellschaft dann zu wenig Essen produziert und über ihre
Millionen Schaufeln, die nichts mehr wert sind, nicht genügend
Essen von anderen Stämmen einkaufen, dann kann es schon zum
Bürgerkrieg kommen.

Man sieht also, es kann bereits zu vielen Verirrungen in der


Wirtschaftspolitik kommen und das Potential für wirtschaftliche
Komplexität und strategischen Konflikte sind strukturell in weit
größerer Form denkbar. Dass es in diesen Gesellschaften wirklich zu
Währungsspekulationen und strategischer Innovationspolitik kam ist
aber unwahrscheinlich. Häufiger waren bestimmt die Entscheidungen,
ob man über militärisches, diplomatisches oder wirtschaftliches
Potential in die Konkurrenz unter den Stämmen eintritt. Und die Frage,
ob Konflikt überhaupt eine zielführende Strategie darstellt war
sicherlich stark diskutiert unter den Herrschern und Oligarchen.

D. Politische Ideologien

4. Egalitäre, Faschistische und Totalitäre Strukturen

▪ Die egalitäre Gesellschaft, in welcher kein Gefälle in (a) der


politischen Partizipation, (b) im Geheimwissen, (c) im Kredit
und Wohlstand, (d) der innerständischen Ehe und dergleichen
existiert ist in dieser Komplexitätsstufe bereits eine Utopie. Es
muss lediglich ein Stamm von vielen eine stärkere
kapitalistische Struktur aufweisen um alle anderen

S e i t e 90 | 246
egalistischeren, und unter Koordinations-schwierigkeiten
leidenden Stämme zu unterwerfen. Die egalitäre offene
Stammesgesellschaft ist also weder opportun noch haltbar.
Dennoch kann eine sich etablierte stabile inter-stämmische
Gemeinschaft auf die Reduktion von Hierarchie und
Ausgrenzung hinwirken und die Verkümmerung der einfachen
Gesellschaftsschichten zu unterbinden zu versuchen und
damit auf ein egalitäres Ideal hinwirken.
▪ Totalitarismus: Die hierarchischen Formen und Klassenbildung
sind, wie dargestellt, also opportun und realistisch
anzunehmen. Es ist klar das Geheimwissen hinter der Fähigkeit
zur Führung steckt. Ob dieses reines Geheimwissen ist, oder
ob die Fähigkeiten von triadischen Narzissten hinzu kommt ist
dabei nicht von Belang. Faschismus auf Eben der gesamten
inter-stämmischen Gemeinschaft kann aber nicht vorkommen,
da die föderale Struktur und relative Autarkie dies verhindert.
Jeder Stamm kann sich einfach weg von der Gemeinschaft
siedeln und diese verlassen. Oder die Stämme können sich
diplomatisch gegen einen Herrscher verbinden und somit das
Machtgleichgewicht neu austarieren. Es ist also
ausgeschlossen, oder zumindest sehr unwahrscheinlich, dass
ein Stamm die gesamte Breite der Gesellschaft des eigenen
und aller anderen Stämme bis ins kleinste Detail überwachen
und totalitär lenken kann. Wenn es Formen des Totalitären
gibt, dann darüber, dass die Herrschaft pyramidenhaft von den
Stammesfürsten über deren Oligarchien bis runter auf die
Gemeinschaftsebene totalitär durchgreift. Das ist nicht
unmöglich und der Grund, wieso eine kriegerische
Klansgemeinschaft überhaupt in der Lage ist, ganze
geographische Landstriche zu unterwerfen, wie wir es von
einigen Reiternomadenvölkern kennen. Das verlangt aber eine
sehr hohe Kohäsion der Kultur und Einheit der
Stammesgemeinschaft, die statistisch gesehen sehr selten sein
sollte. Aber mehrere Invasionen durch eurasische
Steppennomaden sprechen dafür, dass es nicht unmöglich ist.
▪ Faschismus: Das sich eine kleine Minderheit entgegen der
Interessen des eigenen Stammes etablieren kann ist noch
tendenziell möglich. Es ist auch möglich, dass dies gleichzeitig
zwischen verschiedenen Stämmen geschieht und durch die
Vereinigung eine Gemeinschaft von Minderheiten sich gegen

S e i t e 91 | 246
die herrschende Klasse verbrüdern kann um dann ihre
Minderheitsinteressen durchzusetzen oder gar die Macht zu
ergreifen. Dabei werden sie von den Mitgliedern der gesamten
Gemeinschaft, der herrschenden Klasse jedes Stammes und
der gesamten Gemeinschaft natürlich stets überwacht und
angegriffen. Es ist aber nicht unmöglich, dass sich mit der
Übernahme der Herrschaftsgewalt und ökonomischer Macht
ein solches Regime durchsetzen kann. Es ist nur deutlich
schwieriger und zeugt von einem kompletten Versagen der
Institutionen der diversen Stämme und der inter-stämmischen
Gemeinschaft.
Es ist auch unwahrscheinlich zu vermuten, dass man dann
dauerhaft ein faschistisches Regime durchsetzen kann. Aber es
ist nicht unmöglich, wenn man sich lange genug an der Macht
hält, die Bräuche und Kultur, und die Klassenarchitektur in den
Stämmen und der Gemeinschaft zu verändern.

5. Republik- und Regierungsstruktur entsteht

▪ Föderale Strukturen: Mit mehreren Stämmen die miteinander


Beziehungen pflegen entsteht eine föderales, republik-artiges
Gebilde. Die Koordination kann zeitgleich nur über
Repräsentanten in jedem Stamm auch dann weiter erfolgen,
wenn man wieder auseinander geht. Damit sich jemand mit
dieser Koordination überhaupt beschäftigt muss es jedoch zu
einer „Bezahlung“ für diese Tätigkeit kommen. Entweder
durch Überschüsse durch das Wirtschaften oder durch ein
Staatswesen, dass diese mitfinanziert. Man muss aus dem
Handel mit anderen Stämmen, aus der Berücksichtigung der
Beziehung zum anderen Stamm und aus der strategischen
Interkation einen Vorteil für die Gruppe, aber auch für sich
selbst erwirtschaften können. Man kann nicht davon
ausgehen, dass jeder Grashalmsammler ein gleiches und
dauerhaftes Interesse an der Erzeugung von Gütern haben
kann, mit denen man den Handel durchführen und dadurch die
Beziehung regulieren kann.

▪ Regierungsbildung: Wenn für die Pflege der Beziehung jedoch


die dauerhafte Koordination der Wirtschaft notwendig ist,

S e i t e 92 | 246
dann wird dies sowohl zum Kollektivgut werden als auch zum
Thema der Führung. Vor allem muss das Thema der Position in
der Gemeinschaft zu einem Kollektivgut und als solches
verkaufbar und legitimierbar werden, um die kollektive
Anstrengung und Erhöhung der Wirtschaftsleistung auf Dauer
überhaupt durchsetzen zu können. Das bedeutet aber, dass
über die Kollektivaufgabe ein Verantwortlicher für die
Koordination eben existieren muss und so zu einem
Regierungsbeauftragen wird. Diese Tätigkeiten können so
umfangreich werden, dass sie ohne eine Regierung im Kollektiv
nicht koordinierbar, und durch den Aufwand neben dem
gewöhnlichen Treiben des Stammes nicht zwingend praktisch
umsetzbar ist. Es muss also eine Spezialisierung stattfinden
und eine Delegation stattfinden. Und damit einhergehend
muss die Position und Bedeutung der Delegierten, also der
Wirtschafts- und Handelsregierung, auch ausgestaltet und
attraktiv gemacht werden. Dass es hier in dieser frühen Phase
eventuell zu keinem formalistischen Regierungsmodell und
einer Staatsgründung kommt ist dabei unbeachtlich. Das
Regieren ist dann eben Aufgabe der führende Klasse und ihrer
Fraktionen.

▪ Informelles Staatswesen: Diese Regierungen bilden dann aber


mit den Regierungen in anderen Stämmen und in ihrer
Gesamtheit implizit eine föderale Staatsorganisation. Und
durch das Regieren häuft sich weiter das Geheimwissen über
die Steuerung und Optimierung des Wirtschaftsgeschehens
und über die Kapitalakkumulation in der Führungsklasse.

Dadurch entstehen wiederum Konfliktpotentiale die gelöst


werden müssen. Durch den dann stattfindenden Handel und
die dazu benötigten Verhandlungen entsteht Geheimwissen
über Diplomatie. Zuletzt kann man sich im Wettstreit der
Stämme nur dann durchsetzen, wenn man die
Wirtschaftsleistung des eigenen Stammes sowie die der
anderen Stämme bewerten, vorhersagen und steuern kann,
um sich dann strategisch darin zu positionieren. Es muss also
auch ein ausgeprägtes Informationswesen (Spione, Abgreifen
von Geheimwissen aus den anderen und dem eigenen Stamm)
vorliegen, es muss mit Täuschung und Desinformation der

S e i t e 93 | 246
andere Stamm destabilisiert oder an der
Wettbewerbsfähigkeit gehindert werden und durch die ersten
wirtschaftspolitischen Strategien ein Regime etabliert werden,
welches die ökonomische Stärke des eigenen Stammes
fördert. Ohne dabei aber das Droh- und Gewaltpotential zu
vernachlässigen. Denn auch ein wirtschaftlich viel stärkerer
Stamm kann seine Güter mit Gewalt geraubt bekommen. Das
hatten wir bereits an anderer Stelle angesprochen. Hier ist nur
wichtig, dass es klar zu der politischen Form einer Regierung
und eines Staatswesens und dem Konzept der repräsentativen
Regierung kommt.

S e i t e 94 | 246
Kapitel 3: Siedlungen und Stadtstaaten

S e i t e 95 | 246
In diesem Schritt überspringen wir die ersten Lehmhütten und
Verbände von weniger als 50 Familien und ihren ersten Steinhäusern,
da sie sich wenig anders verhalten als Stämme. Mit dem Unterschied,
dass man nun womöglich Tiere und Pflanzen domestiziert und vermehrt
in den Anbau von Äckern und die intensive Nutzung der Umwelt an
einem Ort beschäftigt. Diese Gemeinschaften können, wenn kein
Handel stattfindet als eine Retardierung zur Stammesgesellschaft und
als autarke anarchistische Kommunen verstanden werden. Oder wenn
sie intensiver Handel betreiben als eine sesshafte Fortführung der
Stammesgemeinschaften.

Der wirkliche Entwicklungsschritt kommt mit dem Aufkommen von


Städten mit Abwasser- und Versorgungsinfrastruktur und der
Entstehung des Stadt-Land-Gefälles.

Damit überspringen wir vermutlich 2.000 – 5.000 Jahre von der ersten
Siedlung bis zur Entstehung der ersten Städte und damit 100 – 500
Generationen an Menschen, sowie alle darin zu findenden Erfindungen,
welche die Städte überhaupt erst ermöglichen. Aber es geht ja auch
nicht um eine Analyse der Menschheitsgeschichte, sondern die
Evolutionsschritte des Kapitalismus.

Aber spätestens um rund 5.000 vor Christus wissen wir heute von der
Existenz derartiger Städte.

Im Grunde sind bereits vor der Entstehung der ersten Siedlungen alle
Grundsteine der modernen kapitalistischen Gesellschaft vorhanden
und ausgeprägt. Mit der Niederlassung entstehen nun aufgrund der
Existenz von Mauern und Stauräumen unendliche Flächen für das
Speichern und Nutzen von Sachen. Die physische Akkumulation von
Sachen, Produktionsgütern und -anlagen, Immobilien beginnt. Und mit
zunehmendem physischen Kapital beginnt das Kredit- und eigentliche
Geld- und Bankwesen zu florieren. Ab nun geht es um die Kontrolle von
Arbeitskräften und die Steigerung von Produktionseffizienz und die
Nutzung der Überschussproduktion für den Handel.

Als Gesamtkonstrukt versorgt das System seine Bevölkerung mit


Nahrung und Herrschaftsstrukturen, die für Regierungen, den Ausbau
von Handelsnetzwerken und die Bildung von Staaten und für die
Kriegsführung verwendet werden können. Es entstehen die modernen
Bundes- und Nationalstaaten.

S e i t e 96 | 246
A. Wirtschaft und Recht im Gemeinwesen

1. Boden und Eigentum

1. Mit der Sesshaftigkeit wird Land und Kontrolle von Boden


unmittelbar Teil des Staates. Der Ort bekommt an Bedeutung. Mit
dem Ort kommt gemeinsame Kontrolle über den Boden. Der Boden
wird nun zu einer neuen Anlageklasse und der zentrale
Grundbaustein des „Eigentums“ und Gemeinwesens.
a. Neue Schutzrechte: Die Siedlung ist geographisch begrenzt. Es
entsteht Konkurrenz über das Grund-Eigentum – das immer
knapp ist, gehandelt werden kann, und unterschiedliche Vor-
und Nachteile besitzt; und ein erhöhtes Schutzbedürfnis des
Eigentums – denn nun werden Diebstahl, Brandstiftung/
Zerstörung, und Raub zu einem alltäglichen Problem.
Das Konzept des „Eigentum verpflichtet“ wird auch wichtiger.
Denn die Gruppe möchte die Maximale Kapitalintensität des
nun knappen Guts des Bodens sehen. Das befördert politische
und regulatorische Schutzrechte für gute Wirtschafter. Es
entsteht ein System, welches die Großgrundbesitzer schützt.
b. Kollektivgüter: In der Siedlung müssen Sanitäranlagen,
Wasserversorgung, Straßen und Eigentumsbereiche oder
„Parzellen“ erstellt werden. Die Parzellen müssen dann auf die
Siedler verteilt werden. Es kommt erneut zu Wettbewerb und
es entsteht das Bedürfnis nach der Koordination von
Gemeinschaftsaufgaben.
c. Regierung : Nur durch die bereits entstandene
gesellschaftliche repräsentative Regierung kann in Siedlungen
von relevanter Größe (> 50 Einheiten) eine sinnvolle
Koordination von Gemeinschaftstätigkeiten erzeugt werden,
welche den Bau von Straßen, Wasser und Abwassertransport
und Infrastrukturanlagen umgesetzt werden können. Denn
nicht jeder „reiche“ Mitbürger möchte alles das für sich selbst
bezahlen und mit allen anderen die Bewegungsfreiheit auf
allen Straßen verhandeln. Stattdessen werden
Infrastrukturaufgaben kollektiv erwirtschaftet und der Zugang
ermöglicht.

2. Mit Boden und Kontrolle beginnt die Existenz des modernen


Privateigentum, das sich nun vom öffentlichen Eigentum als

S e i t e 97 | 246
Gemeinschaftsgut abgrenzt. Es gilt die Annahme der Einheit der
Siedlung die zunächst Gemeingut ist, und nun auf private Nutzung
verteilt werden muss.

a. Ausweitung auf das Immobilieneigentum:

i. Mit den Parzellen geht das (Privat-)Eigentumskonzept auf


Land über.
ii. Die Hausparzelle: (a) Ein Dach zum Schutz vor dem Regen,
(b) Wände zum Schutz vor Wind und Sonne, (c) Sperrräume
zum Schutz vor Diebstahl, (d) Aufbewahrungsräume für die
Verstauung von Eigentum.
iii. Die Ernteparzelle: Hat zu Beginn der Siedlung niemand
irgendwelche besonderen Fertigkeiten, so muss sich jeder
erstmal selbst versorgen und braucht einen Garten und ein
Recht auf Jagd und Sammlung im öffentlichen Bereich. Das
ist die Ernteparzelle. Auch diese muss fair verteilt werden.
iv. Eigentum verpflichtet: Man muss nun aus den Parzellen
herauswirtschaften, sich um die Parzellen kümmern, sie
befestigen und verteidigen und Dinge von Ihnen zu und
abtransportieren. Zeitgleich muss man auf der Hut sein und
wach stehen.
v. Der öffentliche Raum: Damit man nicht in seinem Haus
eingesperrt werden kann und sich auch bewegen kann,
muss die Straße als öffentliches Eigentum und
gemeinschaftliches gut vorhanden sein. Mit dem Raum des
Privaten entsteht also ein öffentlicher Raum. Dessen Pflege
und Nutzung muss entsprechend auch geregelt werden.
Man keine Wände durch eine Straße ziehen.

b. Neue Schutzrechte: Die Siedlung ist geographisch begrenzt. Es


entsteht Konkurrenz über das Grund-Eigentum – das immer knapp
ist, gehandelt werden kann, und unterschiedliche Vor- und
Nachteile besitzt; und ein erhöhtes Schutzbedürfnis des Eigentums
– denn nun werden Diebstahl, Brandstiftung/ Zerstörung, und Raub
zu einem alltäglichen Problem.
Das Konzept des „Eigentum verpflichtet“ wird auch wichtiger. Denn
die Gruppe möchte die Maximale Kapitalintensität des nun
knappen Guts des Bodens sehen. Das befördert politische und

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regulatorische Schutzrechte für gute Wirtschafter. Es entsteht ein
System, welches die Großgrundbesitzer schützt.

2. Weitere Ausweitung des Rechtswesens

Mit Eigentum von nicht verderblichen Dingen und Erbrecht beginnt das
Gefälle von Wohlstand. Eigentum kann verloren gehen, es kann
verderben, es kann mit dem Haus niederbrennen, es kann bestohlen
werden. Es kommt rein aus Zufall über exogene Ereignisse zu
Unterschieden in der Kapitalakkumulation.

1. Eigentumsrechte

a. Eigentum verpflichtet: Wer das eigene Eigentum zerstört,


verliert oder sonst wie nicht gut damit fährt erhält dafür keine
Entschädigung. Es ist eben die Eigene Verantwortung das
Eigentum zu beschützen und zu nutzen. Es verpflichtet. Da wo
sich Eigentum akkumuliert und auch gesellschaftlichen
Schaden anrichten kann kommt es zu diesem neuen Konzept
des Eigentums.
b. Eigentum Schützen: Wer jedoch anderen das Eigentum
zerstört, raubt, oder sonst wie beeinflusst muss dafür Strafe
zahlen und Ausgleich schaffen. Das Schadensersatz- und
Strafrecht rund um den Schutz von Eigentum wie Immobilien,
Sachen und Nutzieren entsteht ebenso wie Treuepflichten bei
der treuhänderischen Verwaltung von z.B. Steuereinnahmen
oder Bankguthaben.

c. Ausweitung Sicherheitswesen: Um den Schutz und die


Verpflichtung zu überwachen benötigt es Gerichte,
Ermittlungsprozesse und so weiter.

2. Ausweitungen des Vertragsrechts

a. Abstraktionsprinzip: Wie bereits angesprochen wird


vermutlich der Zeitpunkt des Vertrages, und somit die
Entstehung von Ansprüchen, von den Erfüllungen beider
Parteien getrennt; ebenso wird das Erfüllungsrecht der einen

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Partei von dem der anderen Partei getrennt. Und alle Fälle
können reguliert werden. Allein der Umgang mit diesem
Konstrukt und die profitorientierte Gestaltung von Verträgen
– bei schwankendem Angebot und Nachfrage und
schwankender Bonität – ist ein Wagnis und verlangt tiefe
Kenntnisse im Wirtschaftsleben.

b. Schutzrechte und Rücktrittsrechte: Mit der Entdeckung von


Problemfällen in der Vollziehung von Verträgen entsteht mit
Sicherheit auch weiteres Schutzrecht. So kann der
Herausgabeanspruch des Gutes aufgrund von Eigentum an den
Besitzer realisiert werden. Oder man kann von im Nachhinein
nicht mehr erfüllbaren Verträgen zurücktreten. Auch die
Nichtigkeit bei sittenwidrigen oder unlauteren Verträgen
entwickelt sich sicherlich eher früher als später.

c. Schadensersatz und Pflichten aus Verträgen: Um Menschen


mit geringer Befähigung des Wirtschaftens, sowie Gaunern
umzugehen und Risiken zu minimieren, entstehen sicherlich
auch Schadensersatzrechte. Ebenso – man muss sich nur die
verstümmelten Kühe anschauen – entstehen Pflichten aus den
Verträgen wie der rechte Umgang mit geliehenem Eigentum.

d. Verbraucherschutzrechte: Wenn sich zunehmend weniger


gebildete und fähige Menschen von schlauen Händlern über
den Tisch ziehen lassen und das Volk darunter leidet,
entwickeln sich mit Sicherheit auch Schutzrechte dieser.
Wobei dies vermutlich später erfolgt.

e. All diese Neuerung des Vertragsrecht stimulieren eine


Intensivierung des Wirtschaftsgeschehens und stärken die
Kapitalakkumulation. Dieses erlaubt die Entwicklung neuer
Spezialisierungen und Konstrukte.

3. Ausweitung des Sachen- und Strafrechts


a. Die zunehmende Zahl an nicht unmittelbar genutzten Gütern
erzeugt weitere Probleme.
b. Wenn man sein Land nicht nutzen kann, so muss es
Schutzrechte für das Land geben – Einbruch, unerlaubtes
Betreten, Zerstörung von Elementen wie Bäumen oder

S e i t e 100 | 246
Häusern auf dem Boden. Es muss zur Intensivierung der
Wirtschaft auch ein Pachtrecht oder ein Verwertungsrecht z.B.
von Birnen eines ungenutzten Stücks Land geregelt werden.
c. Es kommt auch zunehmend zur Gefahr der bewussten
Verwüstung, Schädigung und Ausnutzung von
Eigentumsrechten Anderer. Das Recht der Verfügung,
kommerziellen Wertes, des Besitzes und Eigentums müssen
genauer differenziert und reguliert werden. Entsprechend
entstehen Formen wie Leihe, Niesbrauch, Pacht, und
dergleichen.
d. Auch die Vertretungsbefugnisse und Gültigkeiten von
Willenserklärungen werden relevanter. Wer besitzt in der
Familie all jene Rechte am Eigentum? Was wenn der Bruder
sagt, er habe das Recht das Land zu verkaufen und es kommt
zum gutgläubigen Erwerb? Außenstehende können nicht
wissen, ob ein Vertrag so besprochen wurde und der Herr des
Hauses dies billigte, wenn der jüngere Bruder den Vertrag
einging. Es kommt zum Vertragsrecht – darf der
zweitgeborene, der nicht Eigentümer der Vase ist, diese
überhaupt verkaufen? – zur Beweislast – gibt es einen
Bescheid für die Vertretungsmacht? - und der Gerichtbarkeit
– kann man die gefälschte Unterschrift nachweisen oder
braucht man einen Notar bei der Veräußerung von
Grundstücken?

4. Arbeitsrecht

a. Die Entstehung von Arbeit: Spätestens nun wo sich die


Akkumulation so weit entwickelt, dass es einem Unternehmer
möglich ist, mehr als eine Melone mit der Arbeit eines
Menschen herzustellen, in der Zeit wo dieser eine herstellt,
und er für die Arbeitszeit mehr zahlen kann, als dieser durch
den Verkauf der Melone erzielt, macht es für den Arbeiter und
Unternehmer Sinn in ein Arbeitsverhältnis zu gehen. Denn der
Arbeiter erhält für die gleiche Zeit und Arbeit mehr Gehalt, als
er durch den Verkauf des Ergebnisses seiner Arbeit erzielen
würde. Und der Unternehmer kann über die Arbeit eines
anderen Profit für sich quasi umsonst einstreichen. Das
diskutieren wir später tiefer. Damit ist das Recht der
Arbeitsverträge zu regulieren.

S e i t e 101 | 246
b. Regelungen der Lohnarbeit: Arbeitsleistung wird nun gegen
Lohn geleistet. Natürlich sind die Bonität und Reputation des
Arbeitgeber nötig, um den Lohn nach der Verrichtung der
Arbeit zahlen zu können. Würde er ihn vorher zahlen, wäre das
Risiko der Ausführung durch den Arbeiter gering.
c. Zahlungsziele und Working Capital Management: Wenn der
Unternehmer mit dem Arbeiter eine Melone herstellt, diese
dann zahlt, dann die Melone nicht verkauft, bleibt er auf der
Melone sitzen. Wird die Melone gekauft aber erst viel später
bezahlt, so kann es zur Zahlungsunfähigkeit kommen. Muss
der Lohnarbeiter also zu lange auf den Lohn warten, kann dies
auch zu Problemen führen. Die Zahlungsmodalitäten zwischen
damals und heute können sich also nicht stark verändert
haben.
d. Sicherheit des Arbeiters: Neben der Sicherheit des Lohns ist
auch die Fürsorge für den Arbeiter wichtig. Wenn zu viele
Arbeiter sich zu Tode arbeiten oder an Rußpartikeln sterben ist
das ebenso schlecht, wie wenn Arbeiter nicht arbeiten und
sinnlos entlohnt werden.

5. Familien-, Ehe- und Erbrecht

a. Patriarchisches Recht: Es ist stark davon auszugehen das


Wohlstand, Geheimwissen, Reputation und wirtschaftlicher
Erfolg bereits Einfluss auf die Eheschließung und damit auch
auf die gesellschaftliche Stratifikation haben. Das
patriarchalische Recht setzt sich durch. Das Familienoberhaupt
erhält die gesamte Verfügungsgewalt über das Eigentum der
Familie.

b. Erbfolge: Mit zunehmender Kapitalakkumulation werden


Vererbungen auch immer schwieriger. Es kann nun zu Streit
bzgl. Erbansprüchen kommen – Brüder, Ehefrauen, Kinder –
und es müssen Erbregelungen getroffen werden. Es entstehen
Erbfolgeregelungen und Ansprüche je nach Verwandtschafts-
grad. Erstgeborene männliche Nachkommen erhalten
besondere Rechte. Und somit vererbt sich das Amt des
Familienpatriarchen.

S e i t e 102 | 246
c. Eherecht – die Wahl des Gatten: Rechtlich setzt sich ein
Entscheidungsrecht der Eltern über die Eheschließung durch.
Der strategische Heiratsgedanke zum Schutz des Wohlstands
der Familie wird wichtiger als die Heirat aus Zuneigung und
Liebe. Das macht vor allem dann Sinn, wenn der Patriarch über
den Wohlstand der Familie wachen muss und durch unkluge
Heiraten nicht die gesamte Verwandtschaft in den Ruin treiben
darf.

d. Erbteilung: Bei Erbteilungen müssen Wert-bestimmungen


getroffen werden. Haus vs. Boden vs. Bäume vs. Saatboden vs.
Bewegliche Güter. Es ist also von einer ersten „monetären
Bewertung“ von Eigentum auszugehen oder es wurden
„Winner Takes All“ Vorschriften eingeführt, sofern die Wert-
aufrechnung nicht eingeführt ist. Da wo jeder erben konnte
zerfielen Rechte an Boden und parzellierte die Landwirtschaft
so lange, bis jeder einen Grashalm besaß.

e. Erbregelungen bei besonderer Familienkonstellationen: Der


Umgang mit unehelichen Kindern, mit Inzucht – was im
eigenen Haus nun möglich wird – Fremdgängern, Ver-
gewaltigern und Verstümmelung und Gewalt-Verbrechen
jeder Art wird nun genauer geregelt. Ziel ist die Schutz des
Eigentums entlang der Erbfolge.

6. Regulierung des Sittenrechts

a. Sittenrechts: Um die Gestaltung des Ehe- und Familienrechts


nicht vollständig auf ökonomische Interessen zurück zu führen
entstehen auch Neuerungen im Sittenrecht. Moral und Sitte
leitet die Vorgabe darüber was rechtens und sittlich ist. Das
Rechtsystem kodifiziert die Sitte dann in die entsprechenden
Rechtsbereiche.

b. Sitte im Familien- und Erbrecht: Die Wahl des Gatten, die


Planung der eigenen Familie und ggf. die Unterbindung
weiterer männlicher Nachkommen erzeugt zum Schutz des
Eigentums dann auch Sitten. Der indische Chanakya schreibt in
seinem Buch über das Gute Leben 300 v. Chr. über die
Bedeutung der Wahl des Lebensortes und der Ehefrau für den

S e i t e 103 | 246
Wohlstand. Im Code Hammurabi finden sich bereits
detaillierte Bestimmungen über die rechtliche Behandlung von
außerehelichen Kindern. Wo Lebensentscheidungen den
eigenen Wohlstand und der eigene Wohlstand die Gesellschaft
gefährden kann, kommt es zu Bestimmungen von Sitten und
moralischen Regelungen im Familien- und Eherechts.

c. Sitte im Vertrags- und Handelsrecht: Das Strafrecht und seine


Regelung zur Lüge, Verleumdung erweitert sich auf das
wirtschaftliche Recht. Aus der Lüge wird die Täuschung.
Besondere moralische Herabstufungen ergeben sich durch die
arglistige Täuschung, die stärkeren Strafcharakter hat. Auch
der gute Glaube und die Ehrenhaftigkeit des Kaufmann stellen
Verbindungen zwischen Moral- und Sittenvorstellung mit dem
Rechtssystem.

7. Zusammenfassung:
a. Der Kern dieser rechtlichen Entwicklungen geschieht um die
Regelungen des Eigentums. Alle anderen Naturrechte bleiben
grundsätzlich stehen und bedürfen nur im geringem Maß neue
Regelungen. Das ist auffällig und spricht für die Bedeutung der
Wirtschaft und des Kapitalismus bei der Entstehung der
komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge. Wer
Gesellschaften dieser Art verstehen will tut sich also gut daran,
sich mit der Bedeutung der Rechtskonstrukte zu beschäftigen.

b. Bereits in der frühen Stadt ist von hohem Wohlstandsgefälle


auszugehen. Dadurch wird vieles überhaupt erst möglich. Wie
etwa die Lohnarbeit und der Schutz von nicht genutztem
Eigentum sowie die Rechte zum Vertragsrecht und der
Intensivierung des Kapitals.

c. Mit zunehmender Regulierung muss auch das Justiz- und


Polizeiwesen ausgebaut werden und es müssen komplexe
Regelungen bei der Beweisfindung, Zeugenhörung und der
Entscheidung hinzukommen. Ohne Profite und Besteuerung
von Wirtschaftsleistung kann dies alles gar nicht geleistet oder
gezahlt werden. Das Staatswesen und Recht rund um die
Staatsorgane müssen sich also entwickeln.

S e i t e 104 | 246
d. Aufgrund der Komplexität, Anonymität und Größe der
Gesellschaft ist das Vertrauen soweit herunter gefahren das
viele Themen explizit geregelt werden müssen. Ein Ausdruck
dafür das die Selbstorganisation von Anarchisten und
Kommunisten genau dann, wenn es eine Stadt gibt, eigentlich
in ihrer Grundannahme über den Menschen nicht mehr an der
Realität ausgerichtet sind. Will man Anarchismus und
Kommunismus, muss man, überspitzt gesagt, die Stadt
abschaffen und in die Wälder ziehen.

e. Das in dieser Komplexität der Wirtschaft bereits niemand


mehr Experte und Wissender in allen Bereichen sein kann liegt
auch auf der Hand. Es ist ein maßgebliches Problem bei den
Befürwortern des Kommunismus oder der Anarchie als
Gegenideologie zum Kapitalismus, dass man die Komplexität
der Wirtschaftsleistung bei einer einfachen Siedlung schon
nicht mehr hinreichend versteht, dass man mit extrem
vereinfachten Annahmen und Modellen eine utopische
Alternativwelt fabulieren kann.

3. Kontrollierter Raum und Bewegung

1. Mit der Errichtung von Mauern entsteht grundsätzlich


Privatsphäre. Unsichtbarkeit. Weggeschlossenheit von der
Umgebung. Man ist auf einmal im Haus und aus der Welt.

a. In Hütten und kleinen Häusern entsteht zunächst versteckter


Stauraum, durch verschlossene Türen kann Eigentum
geschützt werden. Sicht von den Nachbarn und Fenster
übernehmen Überwachungsfunktion vor Eindringlingen.
b. Die Existenz von Schalldichten Kerkern und Kellern bezeugt
ebenfalls das Bedürfnis nach besonderer Privatsphäre für
Hobbies und Taten, die nicht der Öffentlichkeit zugänglich sein
sollen. Düstere und geheime Wege und Hintereingänge
ermöglichen es die Versammlung von Menschen und ihre
Absprachen geheim zu halten.

c. Durch die Bauform des Innenhofs, der von Mauern und


Gebäuden abgesichert ist, entsteht zudem weitere
Privatsphäre bei welcher ganze Familienbanden und

S e i t e 105 | 246
Verwandtschaften sich von der Außenwelt abschotten und
sich als private Lebensgemeinschaft weiterhin intensiv
miteinander austauschen und zusammenleben können. Dies
findet man sowohl in italienischen Herrenhäusern und
Palazzos wie auch in den asiatischen Herrenhäusern. Wer den
Raum der privaten Familie nicht mehr verlassen muss, um sich
mit dem engen Kreis zu verbinden stärkt die
Familiengemeinschaft und erhöht die Privatsphäre. Ist der
Geräuschpegel außerhalb dieser Idylle laut genug reduziert
sich auch das Risiko von Lauschangriffen.

2. Mit der Entdeckung der Gemütlichkeit und des Hauses positioniert


sich das Innere des Hauses gegen die Gemeinde. Durch die
Gestaltung des Raumes und die Stadtplanung entstehen
gesellschaftliche Muster.

a. Lebensmittelpunkt verlagert sich von der Öffentlichkeit und


Nachbarschaft immer stärker in die Privatsphäre. Die
Nachbarschaftsbeziehung schwächt sich ab. Während
wirtschaftlich und politisch aktive Bürger sich einbringen
müssen, kann der Haushalt sich auch nun vollkommen
absondern und sich aus der Gemeinschaft heraussondern.

b. Durch die Beziehungen des Einzelnen zu wirtschaftlichen


Tätigkeiten und Netzwerken ersetzt diese selektive Beziehung
nun die allgemeine Beziehung zur Gemeinschaft und die
unmittelbare Beziehung zu und Gemeinschaft mit den
unmittelbaren Nachbarn. Neben (a) den Menschen unter dem
gleichen Dach, und (b) den Menschen der wirtschaftlichen
Beziehung, und zuletzt (c) die öffentliche Fläche auf der sich
Besorgungen, Einkauf und Unterhaltung abspielen, tritt nun
(d) die Nachbarschaft an letzte Stelle. Wird das Gemeinwesen
und Nachbarschaft nicht gefördert, stirbt hier bereits ein Teil
der Zivilgesellschaft.

c. Durch die Hausgemeinschaft entsteht die neue „Familie“ und


Verwandtschaft. Wer genug Platz hat, um jedem in der Familie
Privatsphäre zu geben, der reduziert Konflikt- und
Stresspotentiale; wer aber öffentlichem Raum in der Familie,
z.B. mit dem Innenhof die Familie in sich bindet, der stärkt die

S e i t e 106 | 246
Fähigkeit der Erziehung und Bindung in der Familienbande. Die
Dynamik ist gänzlich anders, als wenn mehrere Generationen
in einem Haus in einem Raum zusammenleben und sich
ständig gegenseitig Stress aussetzen und Privatsphäre
unterbinden oder wenn Generationen voneinander getrennt
in Häusern leben und in ihrer Gemeinschaft zerfallen.

d. Durch die nicht mehr gemeinsamen Kontakte der Mitglieder


der Familie zur Außenwelt entsteht zunehmend das
„Individuum“. Die Entwicklung jedes Einzelnen entzieht sich
der Kontrolle und Aufsicht des Anderen und jeder ist der
Schmied des eigenen Glückes. Jeder ist der, der er sein will und
kann in seinen Beziehungen zu Menschen außerhalb des
Hauses. Je größer das Anwesen und der öffentliche Raum im
privaten Raum – wie beim Innenhof -, desto stärker kann eine
in sich geschlossene Familie auch Mitglieder anderer Familien
in den Raum des Vertrauens ziehen und an sich binden. Und
damit die Entfremdung des Familienmitglieds von der eigenen
Familie durch das Leben außerhalb der Familie eindämmen.
Architektur ist also Politik.

e. Durch das Wegfallen der stets zusammen seienden kleinen


Gruppe der Stammesgesellschaft entsteht Unsichtbarkeit über
die Handlungen an sich und Geheimnisse werden befördert.
Man ist dem Nachbarn so fremd wie dem Grashalmsammler
des fremden Stammes.

3. Über die Eingrenzung von Siedlungen und gemeinsame Plätze


bestimmt sich die Kapazität für die Öffentlichkeit

a. Neben den Haushalt und den Orten der Wirtschaft etabliert


sich eine Gemeinschaft der Freizeit- und öffentlichen
Aktivitäten. An öffentlichen Plätzen für Versammlungen
entstehen eine Diskurskultur und politisches Forum; auf Spiel-
und Ruheplätzen entstehen Gemeinschaften der Erziehung
und wechselseitigen Beobachtung und Kontrolle und das
Konzept des Stammes wird weiter fortgeführt.

S e i t e 107 | 246
b. Wer sich diesem Leben komplett entzieht ist grundsätzlich in
der Nachbarschaft als fremder und obskurer wahrgenommen
als jemand, der sich um diese Beziehungen bemüht.

c. Versammlungen können auf Plätze reduziert werden, die


oftmals vermutlich nicht alle aus der Siedlung beherbergen
können. Vermutlich nicht einmal alle Hausherren. Mit der
Eingrenzung der Anzahl an Menschen, die sich treffen können,
strukturiert sich auch die Entscheidung, mit wem man sich
trifft und wofür man sich auf dem Platz trifft. Es entstehen
Bekenntnisse und Zugehörigkeiten allein durch den Raum.
Architektur ist Politik.

d. Durch Marktplätze, Einkaufsstraßen entstehen öffentliche


Räume für Frauen und Besorger des Haushalts

e. Durch Tavernen, Theater und dergleichen Entstehen


Unterhaltungsräume

f. Durch die Entscheidung, wo überall man den öffentlichen


Raum nutzt und mit wem man sich trifft und zusammen lebt
entsteht ein fast unendliches Gefüge an Untergemeinschaften
und sozialen Schichten.

4. Stadtplanung und Bewegung im Raum

a. Netze von Straßen und Gassen kontrollieren den Fluss von


Menschen und es entstehen öffentliche, belebte Wege und
düstere Seitengassen. Wie wir von Jane Jacobs wissen
entstehen hier Orte für Verbrechen.

b. Straßen, Brücken und Bodenbefestigung bilden die


Tragfähigkeit für die Bewegung von Menschen und Gütern. Die
Gestaltung von Wegstrecken entscheidet darüber, wie viele
Wege und Ort man in der verfügbaren Zeit überhaupt
aufsuchen kann und strukturieren Zugang zur Gesellschaft. Das
fördert auch die Bildung von Clustern: die wohlhabenden
wohnen mit ihren Unterstützern entweder in getrennten
Vierteln und binden diese an sich. Oder man wohnt

S e i t e 108 | 246
gemeinsam im gleichen Viertel und bindet sich gegenseitig.

5. Öffentliche Einrichtungen

a. Zu den Bildungsorten gehören die Bibliotheken, Erziehungs-


und Bildungseinrichtungen.
b. Zu den politischen Orten gehören Verbands- und
Interessenhäuser, die Häuser der wirtschaftlichen Elite,
öffentliche Diskussions-Orte und Parlamentsgebäude. Ebenso
gesellen sich Gebäude des Staatswesens hinzu, wie Polizei-
und Verwaltungsgebäude, Gerichte und sonstige.
c. Zu den Wirtschaftsräumen gehören neben Weiden und
Erntefeldern auch Produktionsstätten, Werkstätten, Banken
und Tempel,
d. ZU den kultischen und Kulturstätten gehören Tempel, Kirchen,
Verkündigungsorte

4. Raum für Meinung und Beeinflussung

▪ Mit der Planung von Raum und der Bewegung von Menschen
in Raum entsteht auch der Raum für öffentliche Meinungen
und Informationen, Cluster und Gesellschaftsstrukturen.
▪ Plakatwände und Werbung gewöhnt Menschen an die
Aufnahme von Informationen im öffentlichen Raum. Seien es
Regierungsverkündigungen, Nachrichten, Werbung für
Unternehmen oder Politiker. Durch die Nutzung des
öffentlichen Raums für „Display Werbung“ lassen sich
Meinungen verstärken und Propaganda betreiben,
Informationen an die Öffentlichkeit trage
▪ Versammlungen im öffentlichen Raum, seien es
Marktschreier, öffentliche Kundgebungen, Demonstrationen
oder sonstige öffentliche Ereignisse. Auch dadurch werden
Signale und Meinungen einer breiteren Öffentlichkeit
zugänglich gemacht welche diese Signale über ihre Netzwerke
an die breitere Masse weitergeben und so Diskurse und
Meinungsbildung beeinflussen.
▪ Auch Pamphlete und Zeitungen sind vorstellbar. Ebenso wie
durch Kunst, Kleidung und Mode entstehende Beeinflussung
des Denkens der öffentlichen Meinung.

S e i t e 109 | 246
▪ Über Märkte, Mundpropanda zu neuen Verkaufsorten, bildet
die Wirtschaft auch neue Absatzorte, sobald Zahlungsmittel
eingeführt werden.

5. Privatsphäre und Kapitalakkumulation

1. Verstecke und Stauraum:


a. Schon vor Bodeneigentum werden nicht verderbliche Waren
vererbt. Auch in der Familie und im engeren Kreis können
Essen und sonstiges vererbt werden.
b. Später erzeugte die Existenz von nicht-verderblichen Waren
und Produktivgütern die ersten Kapitalisten. Die
Überschussproduktion und Kapitalakkumulation war aber
über den Außenhandel und das Eigentum über die Grenzen
der Transportmöglichkeiten beschränkt.
c. Mit der Niederlassung und dem Recht auf Immobilien und
Boden steigt nun aber der Stauraum, die Sammlung von
nichtverderblichen Waren für zukünftigen Nutzen. Die
Kapitalakkumulation durch Erzeugung und Handel beginnt
zu florieren.
2. Banken und Bankguthaben
a. Wie wir heute Wissen waren die ersten Kulturdenkmäler
vermutlich Treffpunkte für gemeinsame Zeremonien und
Handel. Und vor allem für die Unterhaltung von dem was wir
heute eine Bank und Börse nennen würden. Je nach Autor
werden Lehmblöcke mit Guthaben hinterlegt, werden
markierte Kühe zur Weide und als Zahlungsmittel oder
„Besicherung“ hinterlegt oder werden haltbare Formen des
Essens – z.B. Körner – verwendet. Essentiell ist, dass das
Bankwesen mit hoher Wahrscheinlichkeit vor den
Siedlungen entstanden ist, und ebenfalls weit vor der
Einführung von geprägtem Geld oder Münzen.
b. Spätestens mit der Entstehung der Siedlungen kann also
davon ausgegangen werden das nun die
Kapitalakkumulation auf Banken entstehen kann und im
Laufe der Entwicklung zunehmend eine abstraktere Form
des Kredits in Form von „Kontenführung“ sich entwickelt.
Das ist spätestens in Staaten von der Komplexität wie den
Ägyptern notwendig.

S e i t e 110 | 246
c. Im Konzept der Bank ist aber nicht nur das „Versteck“ und
die „Ablage“ von Guthaben mit enthalten, sie ist – auch
gerade weil diese frühen Banken meist mit religiösen
Tempeln in Verbindung standen – ein neutraler Ort für die
Hinterlegung von Sicherheiten. Mit Sicherheiten aber gibt es
nun das, was wir heute Kredit nennen. Nämlich die zeitliche
Entzerrung von Leistung und Gegenleistung und
Anspruchserzeugung und Anspruchserfüllung. Man kann
heute versprechen, 100 Kühe zu liefern. Dafür morgen
bezahlt werden. Und in 2 Monaten erst die Kühe liefern. Und
natürlich legt man den Preis in der Verhandlung fest.
d. Die Bank verhilft bei all diesen Prozessen vor allem das
Guthaben und den Wohlstand seiner Kunden zu schützen.
Erwirb aber selbst großes Geheimwissen über den
ökonomischen Zustand der Gesellschaft. Erwirbt man dann
auch noch Wissen über die Akteure in der Gesellschaft und
wie sie ihr Geld verdienen und tritt als Berater für
Kapitalanleger auf, vermehrt sich das Wissen über die
Produktionskräfte noch weiter.
3. Wirtschaftsinformationssysteme 1.0 – Das prähistorische
Bloomberg
a. Es ist schön anzunehmen das mit der Entstehung des
Vertragsrechts nun jeder beliebige Verträge abschließen
kann und diese eingehalten werden. Dies funktioniert in der
Realität jedoch nur dann, wenn man sich gegenseitig gut
kennt, die Kreditwürdigkeit beurteilt werden kann, das
Risiko der Nichtleistung gering ist. Wenn man also den alten
„Kredit“ besitzt.
b. Man kann diese Verträge natürlich über Notare bestätigen
lassen und es dem Anwalt überlassen als Ansprechpartner
bei der Durchsetzung des Vertrages mit zu wirken. Ein Teil
des Risikos trägt jede Partei selbst. Der Rest wird über
drakonische Strafen bei Vertragsverstößen vor Gericht dann
gelöst. Wäre dies der Fall, würde:
(a) eine Menge Menschen dennoch auf ihrem Vertrag sitzen
bleiben
(b) der Notar ein sehr detailliert informierter Mensch
realistischer ist anzunehmen, dass es keine Notare für
Verträge gab. Sondern dass viel bei den Banken ablief.

S e i t e 111 | 246
c. Schließt man Verträge über die Bank ab, so dass man sich
der Kreditwürdigkeit versichern kann, ggf. Sicherheiten
hinterlegt werden können, und so weiter; so erlangt die
Bank nicht nur detailliertes Geheimwissen über die
Guthaben aller Bürger, sondern auch sehr ausführlich
Informationen über Marktpreise und über die Zeiträume
zwischen Abschluss und Erfüllung und kann somit über einen
„Big Data“ Ansatz im Prinzip die Aufwände für die
Beschaffung und bei komplexen zusammengesetzten
Gütern auch die Margen dieser Zwischenprodukte und ihre
Produktionskosten berechnen.
d. Natürlich werden auch die wirtschaftlich handelnden
versuchen so viel wie möglich über die Reputation, die
Guthaben, die Wirtschaftsleistung, Preise,
Produktionsprozesse, Lieferketten, Handelspartner
herausfinden wollen. Und es werden sich Unternehmer
zusammentun, um ihr Wissen abzugleichen und gemeinsam
einen Marktvorteil zu erzeugen.
e. Wer in alle dem gut beobachtet und immer komplexere
Bücher führt über das was vor sich geht – sei es der Haushalt
über seine Geschäfts, die Bank über ihre Kunden, der Notar
über die Verträge oder der Staat über die
Unternehmenskonten -, so lässt sich die Wirtschaftsaktivität
immer genauer messen und erfassen.
f. Es entsteht egal wie der Prozess also aussieht eine
unsägliche Zahl an Wirtschaftsinformationen, die zunehmen
den Vorteil der aktiven Teilnehmer am Wirtschaftsprozess
verstärken und somit die Kapitalakkumulation und
Klassenfestigung unterstützten. Das alles ist für den
Außenstehenden selbstverständlich Geheimwissen.
4. Entstehen von Mächtigen Institutionen
a. Banken: Sicherlich werden Banken eine gehöriges
Informationsmonopol haben. Wenn es stimmt, dass die
religiösen Gemeinden und Tempel hier zuständig waren,
erklärt dies auch im Grunde die Entstehung des Kirche und
ihre Verstaatlichung im römischen Reich. Denn beide sind in
erster Linie Informationsbanken, die auf ihren
Informationen aufbauend wirtschaftliche und politische
Gewinne erwirtschaften.

S e i t e 112 | 246
b. Regierung: Wenn die Elite jeder Stadt zunehmend von
diesem Geheimwissen profitiert wird spätestens beim
Aufkommen eines Souveräns auch klar, dass die
Besteuerung von Wirtschaftstransaktionen, die Aufsicht von
Banken und Kreditgeschäften und der Ausbau des
Justizsystems von zunehmender Bedeutung bei der
Kontrolle der Gesellschaft, der Planung von
Wirtschaftsaktivitäten und beim Machtaufbau von
entscheidender Bedeutung sind.
c. Wirtschaftseliten: Weder Banken noch Regierungen
könnten ernsthaft entstehen, wenn die Gesellschaft nicht
auch Wirtschaftsleistung erzeugen würde, die sich
koordinieren lässt. Nur durch die hierarchische und klassen-
affine Gesellschaft lassen sich eine gigantische Zahl von
Menschen überhaupt koordinieren und damit zielgerichtete
Wirtschaftsplanung gewährleisten. Sonst würde womöglich
jeder zu viele verderbliche Waren produzieren, und so
weiter. Wichtiger jedoch ist auch, dass ohne die Hierarchie
und Klassenbildung überhaupt keine Regelbildung und
Rechtssysteme sich richtig etablieren könnten. Wenn jeder
nur wenig Überschüsse erzeugte und niemand wüsste was
morgen passierte, wäre es schwer Vertragsrechte, Legislatur
und vor allem gemeinschaftliche Aufgaben abzuwickeln.
Ohne die Finanzierung und Umsetzung von
Wasserreservoiren und der Infrastruktur für Frisch- und
Abwasser kann eine große Siedlung aber nicht mehr
funktionieren. Denn entweder würde jeder von den Fäkalien
und Abwässern und Entsorgungsresten (=Müll) krank
werden, oder man müsste den halben Tag damit verbringen
aus der Stadt heraus zu laufen und einen Entsorgungsplatz
zu finden, der nicht zuvor von jemand anderem bereits
genutzt wurde und womöglich verseucht ist. Es ist also klar,
dass große Siedlungen mit über 1000 Menschen ohne ein
Staatswesen nicht kollektiv organisiert werden kann, und
das diese Koordination nur dann möglich ist, wenn ein an
sich diskussions- und kompromissfähiger und zeitgleich
intellektuell befähigter Hauen Menschen sich zwecks dieser
Probleme zusammen setzen und diese koordiniert
entscheiden und durchführen kann. Bevor man also von der
Entstehung von Städten sprechen kann, muss Wissen über

S e i t e 113 | 246
Klär- und Abwasseranlagen existieren und in den Bau von
Stadtteilen einbezogen werden. Da man für 1000 Menschen
nicht genug Ableitungswasser erzeugen kann, in dem man
mit Eimern Wasser in einen Wasserspeicher trägt, muss
entweder auch ein Pumpensystem oder Mühlensystem
existieren oder es müssen höher gelegene Wasserstellen für
den Bau von Aquädukten genutzt werden, und
Wasserstraßen gebaut werden. Es reicht eben nicht einfach
nur 1000 Häuser auf den Boden zu stellen und daraus eine
Stadt werden zu lassen. Siedlungen ohne diese
Grundversorgung werden wohl großflächiger sein, entlang
von Flüssen und Sehen entstehen und eine begrenzte
Siedlungsgröße und Wirtschaftsleistung sehen.

6. Komplexitätsdynamik

Erzeugung von Komplexität:

▪ Staatssicherheit: In Städten entstehen Regierungen und


Staatsapparate, welche Spionage und Kontrollinstrumente
aufbauen. Einmal um das Volk im Auge zu beobachten. Zum
anderen um die Korruption zu überwachen. Allein das zieht sich
durch die gesamte Gesellschaft. Und Oligarchen und
Interessengruppen beginnen mit ähnlichen Tätigkeiten. Ein
Informationsbeschaffungsnetz zieht sich über die gesamte
Gesellschaft und geheime Beziehungen steuern diese Tätigkeiten.
Niemand weiß genau wer zu welchem Informationsnetz gehört und
wie jeder aus den Informationen Wissen und Profite zeugt.
Zeitgleich ändert dies grundlegend das Handeln jedes einzelnen.
Manchen mag es nicht bewusst sein und ihr unüberlegtes Handeln
schadet ihrer Freiheit und Fähigkeit an der Gesellschaft teil zu
haben. Manche entziehen sich gänzlich und werden verschwiegen.
Andere wiederum bauen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten immer
weiter aus, um dann mit etwas Glück mehr soziale
Bewegungsfreiheit zu erhalten.

▪ Unternehmenssicherheit: Die Oligarchie versucht das gleiche


gegen das Volk und gegen den Staat. Es geht vor allem um den

S e i t e 114 | 246
Schutz von Geheimwissen im Handel, in der Produktion und von
den eigenen Beziehungen. Der Geheimnisschutz wird neben der
Informationsbeschaffung nun ein zweiter Baustein der
Informationssicherheit.

▪ Neue Strukturen: Wer sich über diese Informationsbeschaffungs-


und Informationsschutzkonzepte auskennt, weil er an ihnen
teilhat, der entwickelt womöglich gänzlich neue Institutionen, die
damit arbeiten. Was wiederum zu Vereinen, Geheimbünden,
Spitzel-Apparaten einzelner Oligarchen und gemeinsame
Institutionen führt. Außerdem beobachtet man sich gegenseitig.
Man hat private Sicherheitseinheiten. Man führt eigene
Volkswirtschaftliche Analysen aus und lagert einige auf die
Gemeinschaft auf. Neue Institutionen entstehen, die nur dafür da
sind, auch diese Aufgaben zu erfüllen.
Das Ganze wird so komplex, dass das Staatswesen sich neue
Institutionen zum Schutz der Hoheitsinformation und zum Aufbau
von Hoheitswissen, also Staatsgeheimnissen, ausdenken muss.

▪ Herrscher Verbände: Es entstehen unabhängig von den


Spitzelnetzwerken Interessensverbände, Gilden, weitere
Geheimbünde und Lobbyvereine und Einflussnehmer – Medien,
Kirchen, und so weiter – und diese wiederum bauen diese
Infrastruktur aus.

▪ Arbeiter Verbände: Das Volk wiederum bildet Gewerkschaften,


Geheimbünde, Interessengruppen, Vereine und dergleichen und es
entstehen nochmals Beziehungen. Es geht auch um die Bildung und
Mobilmachung von weniger gebildeten für die Zwecke der
Verbände.

▪ Private Verbände: Jeder einzelne schließt sich Interessengruppen


an, schließt Freundschaften, geht Interessen und Hobbies nach,
baut sein Netzwerk aus. Und entwickelt seine Beziehungen gänzlich
im Privaten. Die Privatsphäre und der Schutz von privaten
Geheimnissen werden auch zu einem schutzwürdigen Gut.

▪ Es kommt zu einem sehr komplexen und verwobenen Geflecht in


der Gesellschaft über das keine Transparenz herrscht, dass hinter

S e i t e 115 | 246
geschlossenen Türen abgewickelt wird und zu einem nicht mehr
kontrollierbaren Gesamtkonstrukt wird.

Reduktion von Komplexität:

▪ Überwachung: Diese nicht mehr kontrollierbare


Gesamtkonstruktion reduziert sich am Ende wieder auf die
Überwachung von Individuen, ihrer Verhaltensmuster, auf das
Strafrecht gegenüber identifizierbare Handlungen. Sowie auf die
Analyse von Bewegung und Treffen, die eine Gruppenbildung
vermuten lassen. Die Analyse von Mustern und Gruppen durch die
einzelnen Spionageabteilungen des Staates und anderweitig
müssen finanziell gut ausgestattet sein, um effizienter zu arbeiten
als die Apparate der privaten Wirtschaftsakteure. Hier kommen
Staatssicherheit, Strafrecht und Polizei zusammen.

▪ Aufsicht: Unternehmen werden mit Vorteilen von Staats wegen


angegangen und beginnen sich zu registrieren. Sie werden dadurch
regulierbar und überwachbar. Es entwickelt sich ein eigenes
Rechtswesen nur für Unternehmen mit dem Ziel die Transparenz
über deren Handlungen greifbarer zu machen. Es kommt auch zu
zunehmender Regulierung all jener Tätigkeiten, die Menschen in
einem Unternehmen tun – Arbeits- und Vertragsrecht – um
darüber wiederum Schlüsse über das Gebaren der Unternehmen
zu steigern. Spätestens durch die Pflicht zur Offenlegung der
Bücher wird es schwieriger für Unternehmen die Existenz von
Spionageabteilungen und Privatmilizen noch zu verstecken, die
aufgrund des Staatsmonopols auf Hoheitsrechte verboten sind.
Durch die Besteuerung der Privatpersonen und die
Zusammenarbeit von Banken wird dieses Aussichtsrecht zum
selben Zweck ausgeweitet. Aber es bleibt die Möglichkeit über den
Schwarzmarkt Strukturen aufzubauen. Das gleiche Muster der
Aufsichtsschaffung gilt für andere Organisationen, z.B. die des
bürgerlichen Rechts wie Vereine, Lobbyverbände und
Gewerkschaften, sofern sie existieren.

▪ Steuersysteme: Über die Ausweitung des Besteuerungswesens von


Waren- und Dienstleistungstransaktionen und über das Bankwesen
werden die Finanz- und Güterströme überwacht und weitere
Strukturen sichtbar. Durch die Überwachung und die entstehenden

S e i t e 116 | 246
Kosten entstehen neue Möglichkeiten sinnvoll und legitimierbare
Steuermodelle zu entwickeln. Das Steuersystem entwickelt sich.

▪ Gesellschaftsrechte: Das Verhalten von „Freunden“ und


Menschenansammlungen wird über das Demonstrations- und
Versammlungsrecht mit aufgefangen. Alles was ungewöhnlich
aussieht und auf Interessen hindeutet wird also womöglich hier
schon rechtlich konkretisiert.

▪ Register: Die Informationen über diese rechtlichen Konstrukte


werden den Oligarchen und der Administration – sowie jedem
anderen der sich nicht auskennt – verfügbar gemacht über
Register. Konstrukte erhalten Rechtsfähigkeit und können und
müssen als solche auftreten. Die Firma und das Rechtssubjekt der
Gesellschaft ist geboren. Das gleiche gilt für Vereine, Anmeldungen
von Demonstrationen und sonstige Auskunftspflichten von
Gruppen. Die rechtliche Kodifizierung von Gesellschaften und der
Zwang diese zu registrieren – wird man unerwünscht beim
gesellschaftlichen Handeln erwischt wird man bestraft – erhält der
Staatsapparat Informationen darüber, wo er hinschauen muss.

▪ Justizsystem: Über die Ausweitung des Vertrags- und Handelsrecht


lassen sich Klagemöglichkeiten gegen jedwede Organisations-
formen aufbauen, die dann wieder Information und Transparenz
über das Handeln geben.

▪ Banken: Sammeln Daten über Konsumverhalten, Guthaben und


Wohlstand und dergleichen. Arbeitet über das Steuersystem.

▪ Akten und Big Data: All diese Systeme aggregieren sich zunehmend
in Aktensystemen, welche die beschafften Informationen bündeln
und Transparenz schaffen. Dort kann man dann nach Profilen
(„Profiling“), Anomalien und Errungenschaften (Abschlüsse,
Würden, etc.) suchen. Am Ende drückt sich alles menschliche
Handeln in Beziehungen und Transaktionen aus, die über die
Steuerverfahren und rechtliche Gestaltung von Gesellschaften
greifbar und tendenziell nachvollziehbar werden. Fügt man das
Spitzelwesen hinzu kann man jedes entstehende
Gefahrenpotential für den Staat entdecken. Und im schlimmeren
Fall für totalitäre Zwecke nutzen.

S e i t e 117 | 246
▪ Private Gruppen, Geheimbünde und Beziehungen, die sich alle dem
entziehen können, bleiben weiterhin vor alle dem geschützt. Zum
Teil werden öffentlich sichtbare Beziehungen – wie z.B. der Gang
zum Fußballspiel – entfremdet. Was Teil der strukturellen Evolution
ist und die Entstehung von unverdächtigen Freizeitaktivitäten
befördert.

Impulse Responses:

▪ Reaktionstests im Alltag:
(a) Wer sich in der Familie oder im Unternehmen der
Vertrauenswürdigkeit und Loyalität eines anderen versichern will,
der kann mit bewussten Falschinformationen und markanten
Auslassungen bei der Erzählung von Geschichten zum Beispiel
anschauen, ob und wie diese Botschaft in der Gruppe
herumgetragen wird. Damit lässt sich überprüfen wie mit
Vertraulichkeit und Geheimnissen umgegangen wird.
(b) Man kann auch falsche Tatsachen oder Meinungen vortragen
und auf diesen Beharren, wenn man feststellen möchte, ob jemand
einem nach dem Mund redet oder bereit ist sein Wissen und seine
Überzeugung ehrlich und Selbstbewusstsein in die Diskussion
einzubringen. Damit kann man überprüfen, ob jemand ehrlich ist
und in der Lage sich gegen falsche Behauptungen zu wehren und
überzeugend durchzusetzen.
(c) Oftmals finden sich in Familien, Gruppen und Organisationen
auch Menschen, die bewusst über die emotionalen Bedürfnisse
und nicht reflektierte Glaubensätze versuchen eine Spaltung
zwischen anderen Menschen zu erzeugen und diese für die eigenen
Zwecke zu aktivieren. Damit lässt sich überprüfen, ob jemand
gutgläubig, naiv, beeinflussbar und nutzbar ist. Über die Zeit
hinweg lässt sich dabei auch die Loyalität messen, wenn man diese
Menschen zunehmen für eigene Zwecke missbraucht.
(d) Ebenfalls bekannt ist die Erpressung und Bestechung. Der
Entzug des Taschengeldes bei schlechten Noten, der Entzug von
Aufmerksamkeit, Interesse oder Liebe agiert auf die gleiche Art und
Weise. Es handelt sich um unlautere Mittle der Beeinflussung.
Natürlich sind auch Gewaltandrohung und die Nutzung von Angst
solche Mittel.
▪ Sekten / Fake News: Auch Sekten und Demagogen wissen, dass sie
mit irrigen Theorien, welche emotional ansprechend und

S e i t e 118 | 246
überzeugend sind, Menschen darauf hin überprüfen können, ob sie
einer offensichtlichen Falle sinnvoll entgegentreten. Oder ob sie
sich in ihrer Denk- und Entscheidungsfreiheit bewusst behindern
und manipulieren lassen. Wenn man Menschen, die über solche
Vorgehen kontrollierbar sind, dann radikalisieren will gibt es ein
ganzes Repertoire an Vorgehensweisen.
▪ In der Stadt sind solche Themen natürlich gang und gebe. Es gibt
verschiedene Formen der Beeinflussung die stets getestet werden:
o Staatsbeamte werden immer wieder dazu genötigt die
Interessen von Angreifern zu wahren. Durch Bestechung,
Manipulation, Erpressung und Gewaltandrohung.
o Menschen werden zu irrsinnigen Demonstrationen eingeladen
– man denke an BLM, Querdenker – und wer hin geht, der fällt
eben mit seiner Verwundbarkeit auf.
o Die Kirche und ihre extremen Sekten agieren auch so, ebenso
wie missionierende Interessengruppen, Verbände.
o Durch die Erzeugung von Gerüchten lässt sich erfassen, wer an
diese glaubt und wie diese als Indikator für eine gewisse
Meinung fungieren.
o Einseitige Berichterstattung in den Medien oder damals durch
Marktschreier oder Regierungsverkündigungen agieren
ähnlich und zeigen wer darauf reagiert.
▪ In der Summe bieten diese Formen der Manipulation und
Meinungsmache folgende Möglichkeiten Komplexität zu
reduzieren:
o Über die Reaktion auf den Impuls offenbaren sich Menschen
und ihre Motive und Interessen, was diese dann messbar und
kontrollierbar macht. Auch aus politischer Sicht.
o Es lassen sich auch Menschen für gewisse Aufgaben und
Berufe aussortieren. Andere wiederum für gewisse Zwecke
mobilisieren.
o Über die Beschäftigung mit Themen werden Menschen
grundsätzlich beschäftigt und lenken diese von anderen,
weniger messbaren und mehr den eigenen Nutzen dienenden
Interessen ab. Wer jeden Abend in die Kirche geht, der baut
kein Unternehmen auf oder tritt in den Wettbewerb.
o Ein weiteres oft genutztes Beispiel ist der Konsum von Drogen.

S e i t e 119 | 246
▪ Das ganze Konzept lässt sich noch weiter ausbauen. Nämlich
können gewisse gesellschaftlich attraktive Tätigkeiten den
Menschen von seiner Entfaltung bewusst abhalten.
o Der gesamte akademische und Bildungsbereich wie wir ihn
heute kennen, allen voran die höchste Mathematik oder
Kulturstudien binden Menschen an eine vollkommen
nutzlose Tätigkeit und nehmen sie aus der Gesellschaft
heraus. Da sie am Aufbau von Beziehungen und Netzwerken
und der Kapitalakkumulation gehindert werden, sind sie auch
nicht mehr gefährlich.
o Wer sich früh und entschieden für die Lohnarbeit hingibt
gewöhnt sich an den kleinen Wohlstand und geht weniger
unternehmerischen Risiken ein. Wer dazu auch noch – wie
heute sehr beliebt – seine gesamte Lebenszeit seiner Karriere
widmet, wird dadurch dauerhaft unschädlich gemacht und
arbeitet für die Wohlstandsmehrung anderer.
o Wer sich früh und schnell für ein niedriges Regierungsamt
einspannen lässt, der läuft heute am geringsten der Gefahr
auf irgendeinen Unsinn zu veranstalten.

▪ Die Schaffung von Impulsen, auf die Menschen also reagieren


können, und die ihr verhalten kurzfristig oder dauerhaft steuern,
also eine Response hervorrufen, gehören in komplexen
Gesellschaften zu Steuerungsmechanismen von Meinungen und
Verhaltensweisen und reduzieren dadurch die Komplexität. Man
kann damit auch bewusst unsichtbare Prozesse und Regungen ans
Tageslicht führen.
▪ In unserer modernen Gesellschaft mit all den „Filter Bubbles“
mutiert dies natürlich langsam in eine zunehmende Anzahl von
einsamen, von der Realität getrennt lebenden Gläubige, welche
Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten nachlaufen und sich
ganz bewusst missbrauchen lassen, um sie von der Gesellschaft
und der Teilnahme an dieser abzuhalten.

7. Elemente der Klassenverstärkung

1. Wirtschaften und Kapitalanlage

S e i t e 120 | 246
a. Kapitalintensität: Wer besser mit dem Eigentum umgeht und Glück
hat, erwirbt mehr Wohlstand im Vergleich zu jemandem, der nicht
so glücklich oder fähig ist. Wer aus einem Stück Land pro
Zeiteinheit mehr Kartoffeln heraus presst, kann stets mehr
Gewinne erzielen und mit diesen wieder Land oder Werte
aufkaufen, dadurch seine Bilanz und Kreditwürdigkeit erhöhen und
mit dem geliehenen Geld dann noch schneller und noch mehr
Wohlstand aufbauen. Die Kreditwirtschaft und die Fähigkeit
höhere Kapitalintensitäten zu nutzen waren damals wie heute ein
kritisches Element für den Aufbau von Wohlstand. Dieser drückt
sich dann eben in der Akkumulation von Guthaben und
Leistungsfähigkeit einer Familie aus. Und erhöht unabhängig von
der Bilanz selbst, durch die Fähigkeit, zusätzlich den Kredit in der
Gesellschaft. Was wiederum mehr Kapital und bessere
Beziehungen anzieht, mit denen sich das dem Erfolg zu Grunde
liegenden Geheimwissen nochmals erweitern lässt.
b. Handel: Wer mehr Eigentum besitzt, erzeugt und erwirbt als das er
verbraucht, der kann natürlich in den Handel einsteigen.
Wer gut im Verhandeln ist, der kann allein durch diese Fähigkeit
bessere Preise und bessere Margen erzielen. Und wer dann noch
besser handelt, weil er die Preise und Nachfrage und das Angebot
besser über den Zeitverlauf abschätzen kann, erzielt wieder relativ
besseren Wohlstand.

Zeitgleich kann man nun über das Abstraktionsprinzip


Transaktionen über die Zeit planen und Zahlungsziele zu streuen.
Damit kann man nicht nur aktiv seine Liquidität managen – wie man
es im Working Capital Management tut -, sondern kann in einem
im Vergleich zu heute viel intransparenten und womöglich
volatileren Markt Handelsgewinne erzielen. Das ist im Prinzip
nichts anderes als der Handel mit „Futures“ und „Forwards“.
Idealerweise kauft man heute eine Tonne Reis, zahlt diesen in 2
Monaten, verkauft dann in einem Monat die Tonne für den
doppelten Preis, erhält das Geld aber sofort, und liefert den Reis
über 6 Monate verteilt, wie er eben gerade produziert wird. Da der
Markt damals nicht effizient war – es für solche Verträge also
keinen Wettbewerb und Preismechanismus gab -, auch nur wenige
die Produktion und Produktionsmenge vorhersagen konnten,
konnte man damit erhebliche Renditen erzielen.

S e i t e 121 | 246
Wer dabei noch gute Beziehungen pflegt zu anderen, die gut
handeln, kann gemeinsam mit diesen noch weiter gegen. Etwa
über Kartelle und Preisabsprachen das gesamte Angebot
attraktiver Güter aufkaufen und über die Menge den Preis
diktieren. Das Kartell kann durch das nicht kaufen anderer Güter,
die mit Sicherheit schlechte Margen erzeugen, das Kapital von
Konkurrenten an diesen Handel binden. Oder strategisch in den
Handel dort eingreifen, um bei Überangebot günstig einzukaufen
und bei Angebotsknappheit den Preis wieder herunterdrücken,
und so die Margen der Konkurrenten reduzieren.
Somit kann man als einzelner Händler, und als Händler unter den
guten Händlern und im Kartell nochmals bessere Renditen
erwirtschaften, bis man die Wertschöpfungskette der dauerhaft
hoch rentablen Güter durch den erworbenen Reichtum gänzlich
aufkauft. Das verdeutlicht, wie sehr viel Wohlstand und Reichtum
man hier bereits durch Geschick und Geheimwissen, -beziehungen
und -absprachen erzeugen kann.

c. Lohnarbeit: Wer Wohlstand konsistent anhäuft und effektiver


produziert und handelt als Andere kann sich mit dem angehäuften
Wissen, Netzwerk und Kapital dann auch ganz bewusst neuen
Märkten widmen. Genau dann, wenn er z.B. eine Melone in einer
Stunde produziert, wenn er die Person P einstellt, und P ansonsten
2 Stunden benötigt, kann er P anbieten für ihn zu arbeiten, um in 2
Stunden 2 Melonen herzustellen. Er zahlt P für die 2 Stunden dann
1.01 EUR, verkauft 2 Melonen für 2 Euro und erzielt für das
Nichtstun 0.99 EUR an Profit. So kommt es zur Lohnarbeit. Die
Unternehmer skalieren ihre Aufgaben dann in stets neue Bereiche
und nehmen sich gegenseitig möglichst viele Arbeiter weg, bis
keiner mehr da ist und das Wachstum durch deren Knappheit
eingeschränkt wird. Dann wird man Arbeiter mit höheren Löhnen
weiter ab und versucht das Abwandern wiederum zu verhindern.
Zeitgleich versuchen alle Arbeitgeber den Arbeitnehmern über eine
Ausweitung der Arbeitszeit, neue Vereine, Freizeitaktivitäten und
Konsumgüter und sonstige Mittel die Lust und Zeit am Erlernen von
unternehmerischem Wissen weg zu nehmen.
So entsteht mit jedem Arbeiter aber wieder relativ zu diesem
Arbeiter mehr Wohlstand und dieser verliert völlig die Fähigkeit
sich mit dem Geheimwissen zu beschäftigen und selbst als

S e i t e 122 | 246
Arbeitgeber auftreten. So weitet sich die Kluft zwischen Arbeitern
und Unternehmern dann weiter aus.
In diesem Spiel festigen sich auch die beherrschen Fronten über die
Kontrolle der Arbeitnehmer und es entstehen weitere Strukturen,
bei denen es um die Kontrolle von Wertschöpfungsketten und das
Wachstum über Partnerschaften und Unternehmensbeziehungen
geht. Stets mit dem Ziel die schwächeren Partner daran zu hindern
sich dem anderen anzuschließen und gegenüber einem selbst eine
gute Verhandlungsposition zu erzielen. Bis diese Unternehmer
womöglich Fehler begehen und man ihre Unternehmen
übernehmen und sie zu Arbeitern machen kann.
In dem ganzen Konstrukt entstehen dann Arbeiternehmer-
zusammenschlüsse welche die Löhne wieder erhöhen und welche
auf die rechtliche Gestaltung des Schutzes der Arbeitnehmer
Einfluss nehmen.

▪ Kontrolle der Konsumausgaben: In dem Maße wo die


Arbeitnehmer ihre Löhne hoch verhandeln geht der Kampf um die
Kontrolle der Konsumausgaben los. Man erwirbt Immobilien und
erhöht die Mietpreise. Man renoviert Gebäude und zieht
besserverdienende an, um das Einkommen und die Bereitschaft
höherer Mieten zu nutzen, um dieses Geldfluss von den
Eigentümern anderer Immobilien abzugreifen. Und man investiert
in neue Wirtschaftszweige, deren Güter viel konsumiert werden.
Weil man auch da wieder die Margen von den Konkurrenten
wegnehmen möchte. Alles mit dem Ziel relativ schneller Kapital zu
akkumulieren und am Ende mehr Macht zu haben, und mehr
Einfluss auf die Politik zu nehmen und über eine bessere
Informationswirtschaft zu verfügen, mit der man strategisch
bessere Entscheidungen treffen kann. Und je besser man darin ist,
desto bessere Kontakte und Beziehungen schließt man, und desto
lukrativere Kartelle kann man aufbauen. So lange bis das auch
irgendwann reguliert wird.

2. Geheimwissen, Beziehungen und Erbrecht


a. Es sollte klar geworden sein, dass mit dieser neuen Gesellschaft
eine Unsumme von neuem Geheimwissen erzeugt wird und es nun
auch noch relevant wird, welches Geheimwissen überhaupt wichtig
ist, um am schnellsten und effektivsten Kapital zu akkumulieren,
was wieder Geheimwissen ist. Und alles dieses Wissen, das sich

S e i t e 123 | 246
über Beziehungen, Eigentumsverhältnisse und Aktivitäten
ausdrückt aber zuletzt doch in seiner Tiefe ein Geheimnis bleibt
natürlich in der Familie und wird mit dem angehäuften Eigentum
vererbt.
b. Dieses Geheimwissen und die Beziehungen mit anderen
Wohlhabenden werden durch gemeinschaftliche Geschäfte weiter
ausgebaut und gefestigt und von den Nachfahren weiter
gepflogen.
c. Das Erbrecht sorgt für Kontinuität des Geschäftsgebarens. Die
Gebräuche, Ethik, das Haushalten und die Kenntnisse im Umgang
mit der eigenen Reputation, den Führen von Menschen und die
private Beziehungen werden über das Erbrecht an die Familie
gebunden und sorgen für die Beziehungen und den ökonomischen
Erfolg für Kontinuität

Mit alle diesen rechtlichen Erneuerungen ist nicht mehr nur das
Wirtschaften von Bedeutung. Auch das detaillierte Wissen über das
Rechtswesen und die ökonomische Bewertung von Verträgen und
Vertragsrisken sind von den erfolgreichen Akteuren mit Strategie und
taktischem Feingefühl anzuwenden. Es entsteht also bereits der
klassische Bourgeois, wie ihn Werner Sombart schildert.

Alle diese Errungenschaften sind natürlich nur und genau nur dann
möglich, wenn eine Siedlung eine Wirtschaftsgröße erreicht, welche
den gesamten Rechts- und Gelehrtenapparat mitfinanzieren kann.

Das fordert nicht nur ertragreichen Handel und Anbau und Produktion,
sondern auch gesellschaftliche Stratifikation und klare Einkommens-
und Wohlstandsgefälle. Aber ist eine Siedlung in der Lage bis zu 5.000
oder 10.000 Menschen zu beherbergen, zu versorgen, die
Infrastrukturleistung zu erbringen, und so weiter, so ist davon
auszugehen, dass alle diese Bedingungen vorliegen.

B. Der Staat und die Regierung

Bislang haben wir von der Explosion von Komplexität und


exemplarischen Entwicklungen in der Privatwirtschaft gesprochen. Den
Staat haben wir nur am Rande angerissen.

S e i t e 124 | 246
1. Entstehen des Gemeinwesens und der Regierung

a. Mit Wohlstand und Kontrolle über Wirtschaftsaktivitäten steigt das


Bedürfnis an Infrastrukturleistungen.
Das beginnt mit der Notwendigkeit der Wasser- und
Abwasserversorgung, ohne die Städte nicht existieren können und
geht weiter zum Ausbau von Straßen und Brücken, der Entwicklung
von Gesetzen und Strafverfolgung, der Etablierung von
Wirtschafts-institutionen und detaillierten Regelung und
Infrastrukturleistung für Produktion und Handel, etc.
So lange Familien mit ihrem eigenen Wohlstand eigenständig diese
Aufgaben übernehmen kommt es zunehmen zu Konflikten
zwischen der Frage: Wer baut und zahlt, und wer nutzt und gewinnt
von der Infrastrukturleistung?
Das Problem ist so offensichtlich und dringlich, dass man davon
ausgehen kann das kollektive Güter bereits mit der Existenz von
Städten über gemeinschaftliche Organe und Entscheidungensorte
und gemeinsame Verwendung von Mitteln organisiert wurden.
Und das einzelne mit der Umsetzung betraut wurden. Also gehen
wir von der Existenz einer Regierung aus.
Es liegt offen auf der Hand das mit diesen kollektiven Aufgaben
höhere Gewinne für die Wirtschafts-treibende erzielt werden. Und
damit es nicht zu Konflikten von Nutzungsrechten kommt, muss
das rechtliche Konstrukt des öffentlichen Guts bereits vorhanden
sein.
Das Interesse an einem Organ für die Bewältigung der
Kollektivaufgaben kommt daher unmittelbar aus der Mitte der
Oligarchie.

b. Wenn man sich die gesamte aufgezeigte Komplexität der


Wirtschaft, des Rechts und der sozialen Strukturen, des
Spionagewesens anschaut und man noch die Komplexität hinzu
nimmt – die wurde nicht angerissen -, die externe Akteure, die
nicht in der Stadt leben, aber mit dieser interagieren, hinzu nimmt,
dann wird klar das ein Grashalmsammler oder Lohnarbeiter nicht
in der Lage ist überhaupt sinnvoll über die Belange der Stadt mit zu
reden. Das Geheimwissen wäre weder vermittelbar, noch würde
man es vermitteln wollen. Und würde ein Lohnarbeiter nun im
Senat sitzen und die Politik mitgestalten, der müsste ständig von
den Oligarchen beraten werden und würde von diesen vermutlich

S e i t e 125 | 246
nur in so weiter beraten werden, wie es diesen hilft, ihre
Interessenssphäre auszubauen.
Das Staatswesen kann sich also nur aus der Mitte der herrschenden
Klasse bilden und sinnvoll handeln.

c. Dass die Volksinteressen nun im Rahmen einer Regierung aus


Oligarchen überhaupt berücksichtigt werden hat mehrere gute
Gründe.
1. Das Volk und der Kampf um ihre Arbeitskraft, und ihren
Konsum macht das Volk und seine Belange grundsätzlich zu
einem politischen Thema und der Machtkampf um das Volk
entfacht sich auch in der rechtlichen und politischen
Gestaltung des Gemeinwesens und der Arbeiterinteressen.
2. Da der Stadtstaat wie der Stamm nicht alleine existiert,
sondern in einem Geflecht von anderen Stadtstaaten, mit
denen man wirtschaftlich und militärisch in Konkurrenz steht,
muss das Volk sinnvoll an die Wirtschaft angebunden werden,
um die wirtschaftliche, militärische Leistung überhaupt zu
erzeugen.
3. Man muss sich mit Kultur, Sitten und dem Gemeinwesen auch
allein deswegen beschäftigen, weil man den sozialen Frieden
gewährleisten und die Aneignung von Geheimwissen von
intelligenten, redegewandten Vertretern des Volkes Einhalt
gebieten muss.
4. Die Sozialpolitik ist dabei auch deswegen wichtig, weil ein
verarmtes Volk die Wirtschaftsleistung schwächt, und die
entstehende Unbill zu (a) einem Motivationsverlust, (b) mehr
sozialer Unruhe, (c) potentiellen Revolten, und (d) mehr Macht
für Demagogen führt.
d. Damit es bei der Wahrnehmung der Interessen des Volkes jedoch
auch zu einer gerechten Vertretung kommt, müssen aber auch
viele Faktoren mitspielen. Das Volk muss sich um seine Mündigkeit
kümmern und bilden. Es müssen sich Demagogen und Rhetoriker
ausbilden, welche die Gefahr eines Aufstands real machen. Der
Stadtstaat muss externe Konkurrenten haben, um das Volk als
essentiellen Garant des eigenen Überlebens zu platzieren. Und die
Oligarchie darf unter sich nicht so im Konflikt stehen, dass
faschistische Gruppen die Destabilisierung der Wirtschaft billigend
in Kauf nehmen, um ihre eigene Stellung zu sichern-

S e i t e 126 | 246
2. Machtkonflikte und Dynamik der Regierungsformen

Mit der Entstehung der Kollektivaufgaben kommen klare


Herrschaftsprobleme einher. Da nicht alle wohlhabenden Familien sich
die Hand geben können und gemeinsam alle Aufgaben ausführen
können kommt es klar – die bereits in der Stammesgesellschaft - zu der
Delegierung von Regierungsaufgaben an Repräsentanten.

Je größer der Staatsapparat und je intransparenter sein Handeln nach


Außen ist, desto stärker müssen diese Vertreter dann auch noch
überwacht und koordiniert werden. Das geschieht sowohl über die
Gestaltung von Organverfassungen, welche die Rechte der betreuten
Organe regelt, als auch über die Delegation von weiteren
Repräsentanten, welche den Staat und seine Führung überwachen. Eine
erste Art der Gewaltenteilung zwischen z.B. einem Senat – die
Überwacher – und den Ressortleitern – den obersten Staatsbeamten.
Diese Funktion ist notwendig, weil nicht jeder in der Gesellschaft den
Staat ständig überwachen kann und diese Überwachung koordiniert
werden kann. Es muss also zu diesen Überwachern kommen, und einem
Weg an diese ein Staatsversagen zu melden.

Damit man den Überwacher der Staatsorgane nicht auch noch


überwachen muss, muss man auf dieser Ebene Menschen einsetzen,
die ein hohes Vertrauen besitzen. Menschen mit hohem Kredit also.

Da aber nicht jeder Überwacher bei der Überwachung der Staatsträger


haftbar gemacht werden soll, delegiert man die oberste Überwachung
und Haftung nochmals an das Regierungsoberhaupt. Ist dieser
wiederum mit der Aufgabe überfordert, muss man eine Art Ministerrat
ins Leben rufen. Dieser besetzt sich wieder aus dem Überwachern und
gehört streng genommen nicht zum Staat, sondern zu den
Überwachern des Staates. Heute sieht man dieses Konstrukt darin, dass
die obersten Regierungsämter die obersten Beamten darstellen, die
dann von den Ministern, die sich über den demokratischen Prozess
ständig ersetzen lassen, überwachen lassen.

Während die obersten Beamten Experten in ihrem Ressort sein müssen


und über sehr viel Geheimwissen über dieses verfügen, entsendet die
Aristokratie hier also praktischer Weise die Minister.

S e i t e 127 | 246
Natürlich sind das alles nur theoretische Betrachtungen und die
Ausgestaltung in der Realität ist immer etwas anders. Aber es geht am
Ende um die Frage, wie man den Staat sinnvoll davor bewahrt, über die
enorme Daten und das Geheimwissen, das in ihm gebündelt wird, und
ihn zu einer Gefahr werden lassen, in die Schranken weist.

Die Oligarchie hat hier eindeutig ein berechtigtes Interesse den Staat
für sich nutzbar zu machen – im Kollektiv – die Bestrebungen einzelner
den Staat für ihre Interessen und gegen die Interessen anderer zu
vereiteln und zu verhindern das der Staat sich gegen ihre eigenen
Interessen stellt. Dadurch entstehen die aus der Antike bekannten
Problemfälle.

1. Aristokratie: Werden stets die besten der Reichen in die


Regierung gewählt, so nennt man das Aristokratie im
platonischen Sinne. Es gibt klare Kriterien. Der demokratische
Prozess erfolgt über die Verhandlung der Kriterien. Der beste
und weiseste gewinnt. Diese Form existiert eigentlich nur vor
der Konstitution des Staates, wenn der Staat durch die
Kooperationsnotwendigkeit der Aristokraten erst im
Entstehen ist.
2. Demokratie: Scheitert der obige Prozess und kommt es zu
Nepotismus, dann wird die Aristokratie zur Demokratie. Der
Konsens wird nur noch über Wahlen gewonnen, weil man sich
über die Kriterien nicht mehr einigen kann. Das fördert das
Parteiwesen und die Fraktionsbildung.
3. Oligarchie: Weil das Ergebnis auf Dauer unbefriedigend ist,
schließen sich eventuelle Rivalen zusammen und bilden
Lobbys/Fraktionen. Sie bestimmen dann die
Wahlentscheidung der anderen weniger einflussreichen und
ihnen gegenüber hörigen Familien über politische
Bekenntnisse und Politik. Es kommt zur Oligarchie.
4. Tyrannei: Irgendwann wird die Oligarchie unterdrückend. Ein
guter Rhetoriker bricht die Bündnisse der Oligarchie und
vereinigt die Interessen der weniger einflussreichen Familien
hinter sich. Er steigt auf zum Tyrannen auf (aus Sicht der
Oligarchen).
5. Monarchie: Wer einmal die Minderheiten hinter sich bringt
und das Strategiespiel gut spielt, der überzeugt, dass der
eigene Sohn dieses Regime aufrechterhält. Es entsteht die
Vererbung des Herrschaftsanspruchs. Die Monarchie.

S e i t e 128 | 246
6. Demokratie 2: Je länger sich die weniger starken Familie u.A.
durch die Monarchie gegenüber den Oligarchen behaupten
können, desto schwächer wird der politische Apparat bei der
Steuerung des gesamten Gemeinwesens. Zumindest dann,
wenn der Monarch nicht zu einem absoluten Monarchen wird.
Das bildet die Basis dafür, dass aufgrund von Erbfolge- und
Qualifikationsproblemen eine repräsentative Demokratie
entsteht. Der Herrscher dient nicht unmittelbar den Interessen
der Oligarchen, sondern der schwächeren Wohlstands-
familien. Die Regelungen und Kontrolle über die Oligarchen
und ihr Bestrebungen sind aber so schwach ausgeprägt, dass
der Staatsverwaltungsapparat nur von sekundärer Bedeutung
ist. Das ist so lange sinnvoll wie die volle Kraft der Oligarchen
und ihrer Mittel nicht für eine konkrete Bedrohung relevant
werden und in diesem Fall die Demokratie nicht versagt. In
diesem Falle wird die Oligarchie entsprechende Weg einleiten
und wird verstärkt das politische Handeln in die Hand nehmen.
Machiavelli schreibt umfassend über diese Probleme bei
seiner Erörterung der starken Herrscher und der Beziehung zur
Oligarchie.

In dieser Darstellung wurde die Vorstellung, dass das „Volk“ in einer


Ochlokratie als Demokratie die Oligarchie ersetzt oder gar einen Staat
gründet, verworfen. Man benötigt immer über hinreichendes
Geheimwissen und Geschick, um das Konstrukt des Staates herum
irgendetwas zu bewegen.

Dennoch gibt es klare Gefahren für den Staat von Seiten des Volkes. In
der athenische Demokratie wurden Sklaven und Frauen von der
Teilnahme ausgeschlossen. Das ist schon ein Indiz für eine oligarchische
Struktur hinter dem Staat. Man kann auch davon ausgehen, dass die
Gründung des Staates, wenn er überhaupt gegründet wurde, von einer
sehr kleinen Minderheit gestützt wurde. Die sukzessive Hinzunahme
von weiteren Oligarchen in den Wahlprozess kann nur dann zustande
kommen wenn (a) für die Annahme der Regierung und ihrer
Kompetenzen die Interessen der weniger einflussreichen Patriarchen
benötigt wird – Legimitation -, und (b) die Idee der Meritokratie
insofern real gegeben ist, dass eben nur die wirklich großen Familien die
Politik – wenn auch im Interesse aller – bestimmen, d.h. Menschen
ohne Geheimwissen und Fähigkeiten von der Staatspolitik
ausgeschlossen sind. Ein kleiner Patriarch, der die Komplexität der

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Beziehungen und Interessen der großen Patriarchen nicht verstehen
kann, wird unweigerlich nicht den idealen Souverän oder Minister
darstellen. So mal die Bekleidung des Amtes damit viel Geheimwissen
der großen Patriarchen diesem gegenüber offenlegen würde, was zu
politischer Instabilität führen könnte, wenn er dies nutzt oder sogar
verbreitet. Genau deswegen nannte man kleine Patriarchen, die sich
durch politisches Geschick an die Staatsspitze erheben lassen konnten,
„Tyrannen“.

Je größer dann die Anzahl der wählenden Patriarchen wird, desto mehr
Schutzmechanismen müssen entstehen. Wenn die bloße rhetorische
Unschädlichmachung oder die Zerstörung der Reputation oder der
Motive oder der Glaubwürdigkeit oder Fähigkeit nicht mehr ausreicht
um einen Demagogen von der Machtergreifung über den Staatsapparat
abzuhalten, so müssen über Parteien Machtstrukturen entwickelt
werden, die ein Wählbarkeit dieser von vornherein ausschließen.

3. Innenpolitische Kollektivaufgaben - Beispiele:

a. Schutz des Eigentums: Mit Wohlstand einiger steigt der Anreiz


weniger wohlhabenden diesen den Wohlstand wegzunehmen. Es
kommt also zu Neid und die Verbrechensraten gehen aufgrund der
geringen Transparenz, der vielen nicht sichtbaren Orte, der hohen
Zahl an nicht beaufsichtigten Objekten, hoch.
b. Verbrechensbekämpfung: Um diesem Problem entgegen zu
wirken müssen viele neue Gesetze erlassen werden, ein fundiertes
Polizeiwesen – Streife laufen, Anschuldigungen nachgehen,
Beweise sammeln, Zeugen vernehmen, Täter festsetzen – und
Justizwesen. Auch dies muss alles im Kollektiv organisiert werden.
c. Wirtschaftspolitik: Bei zu straffem Umgang mit den Arbeitern oder
zu starker Ausbeutung und Armut kommt es zu Verweigerung und
Aufständen. Trifft es nur einige, kann strafrechtlich vorgegangen
werden. Handelt ein Kollektiv bei den Aufständen und ist die
Gesellschaft gefährdet, so müssen die grundlegende Rechte und
Schutzmechanismen für die Arbeiter weiter austariert werden, um
diese Aufstände zu verhindern. Es kommt also zu einer Art
Sozialgesetzgebung und ökonomisches Handeln muss zielführend
koordiniert werden, so dass einzelne Gesellschaftsschichten nicht
kollektiv in die Armut und in der Exklusion landen. Es kommt zu
Wirtschaftspolitik.

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d. Bildung und Soziale Mobilität: Tüchtigkeit, Intelligenz und
Fähigkeit entwickelt sich bei neuen Generationen stets neu. Es
führt wieder zu Problemen bei der Frage der sozialen
Durchlässigkeit und der Formung des Nachwuchses als Mitglieder
der Gesellschaft. Ein Bildungswesen muss also koordiniert und
erzeugt werden. Es müssen für extrem tüchtige und begabte
Kindern weniger wirtschaftlich erfolgreicher Familie Tätigkeiten
entdeckt und nutzbar gemacht werden, damit diese sich nicht mit
anarchistischen Ideen beschäftigen.
e. Spionageabwehr: Wo viel gehandelt wird und Fremde
Informationen ausspähen können oder Informationen einkaufen
oder über Erpressung einfordern können muss hiergegen auch
kollektiv vorgegangen werden. Ebenso müssen extremistische
Gedanken aufgegriffen werden, hoch manipulative externe
Einflussnehmer (Kirchen) beobachtet werden. Alles was das
Gleichgewicht der Stadt stören oder den langfristigen Erfolg
unterbinden kann.
f. Katastrophenplanung: Kommt es zu Überschwemmungen,
Bränden, Krankheiten, Müllbergen und Versagen von Kläranlagen,
Blockaden, Belagerungen, Kriegen, so muss auch hierfür eine
Planung aufgesetzt werden.
g. Staatssicherheit: Mit der zunehmenden Komplexität der
Staatsapparats werden Bestechung und Einflussnahme von
Beamten; aktives Vorgehen gegen den Staat; organisierte
Kriminalität auch zu einem Thema der Staatssicherheit und für die
Stabilität des Gemeinwesens.
2. Die Koordination von Schutz und Handel und die Entstehen der
Außenpolitik
a. Ist eine Siedlung erfolgreich, so kann sie auch von
Außenseitern angegriffen werden. Es müssen also
Verteidigungsetats und Mechanismen erzeugt werden. Es
müssen Zäune und Mauern gebaut werden und Heere
gebildet werden, die Wehrfähigkeit muss erzeugt werden.
Für den Fall der Invasion muss das Thema der Identität
erzeugt werden. Eine Art „Wir Gruppe“ muss entstehen.
Damit man am Krieg teilnimmt, ihn unterstützt und im Falle
der Eroberung weiterhin gegen den Fremdling
gemeinschaftlich vorgeht.
b. Erzeugt eine Siedlung hohe Überschüsse in einem Gut, dann
intensiviert sich notgezwungen auch der Handel mit anderen

S e i t e 131 | 246
Siedlungen. Das wird zunächst über Wohlstandseliten
abgewickelt, aber es müssen auch Straßen befestigt und vor
Überfällen gesichert werden. Dies erzeugt Kosten auf
Kollektivebene.
c. Je mehr Händler in die Stadt kommen, desto mehr Spione
kommen auch. Um das Geheimwissen, die Beziehungen und
Produktionstechniken zu schützen und die Unterwanderung
der Gemeinschaft zu verhindern, muss der
Staatssicherheitsapparat auch hier eingreifen.
3. Entstehung der Administration
a. Zu Beginn können Aufgaben im Gemeinwesen über die
Bereitstellung von Arbeitern und Ressourcen der
Wohlstandselite gemeistert werden. Mit der Einführung
von Steuern lohnt es sich jedoch Spezialisten einzustellen,
auszubilden und in Dienst des Gemeinwesens zu stellen.
Es kommt also zum Beamtentum und der Administration
der öffentlichen Verwaltung.
b. Über die Selbstständigkeit der Administration und die
darin geknüpften Beziehungen und Kompetenzen
entsteht neues Geheimwissen, das die Administration
gegen die Wirtschaftselite nutzen könnte. Damit dieses
Wissen wieder für die Elite zur Verfügung steht kann
entweder (a) ein Ausbildungskanon für diese Bereiche
entwickelt werden welche den Eliten und ihrem
Nachwuchs in Kaderschulen zur Verfügung gestellt wird,
oder (b) können die Eliten ihren Nachwuchs in die
öffentliche Administration und deren Führung einbinden.
In der historischen Realität kommt es zu einer Mischform
und Eliten haben grundsätzlich mehrere Söhne zu
produzieren oder zu adoptieren, um diese Aufgaben im
Interesse der Familie auszuüben und zeitgleich ihrem
Handel weiter nach zu gehen. Erst viel später entstehen
hörige Beamten die eindeutig unter dem Schutz und dem
Vertrauen von Wirtschaftseliten stehen. Dies verlangt
jedoch einen hohen Gini Koeffizienten und eine sich stark
abhebende Oligarchie. Denn die Strafandrohung bei
Illoyalität muss glaubwürdig werden. Diese Beamten
müssen einer eindeutig identifizierbaren Fraktion – und zu
Beginn einzelnen Personen – zuteilbar sein. Später
entsteht beim Übergang von der Personenzugehörigkeit –

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und dem Kredit des Gefolges der Person – die
Fraktionszugehörigkeit und schließlich das Parteiwesen.
4. Die Entscheidende Frage über die Sicherheit und Heere
a. Grundsätzlich ist in den meisten Formen in der Geschichte zu
beobachten das Wohlstandseliten Heere und Kampfeinheiten
unabhängig von der Zentralinstanz entwickeln und
bereitstellen. Es kommt erst später zu einer vollständigen
Übertragung des Gewaltmonopols in die Staatsverwaltung.
b. Haben die einzelnen Eliten zu starke Heere kann es zu
Machtübernahmen kommen. Ist der Staatsapparat zu stark in
seiner Heereskapazität, kann es zur Unterdrückung und
Monarchien kommen. Werner Sombart und Machiavelli
schreiben umfassend über das Thema.

Die Urdemokratie ist also bereits nicht sonderlich freundlich für alle
Menschen, sondern ein Ergebnis von Machthabern, welche das
Staatswesen organisieren. Warum diese Struktur dennoch die
Interessen des Volkes vertritt wurde an andere Seite schon
beschrieben.

4. Verrohung und Regulierungswahn

Wer sich für historische Gesetztestexte interessiert, findet auch viele


Zeugnisse von Rechts- und Gesellschaftsversagen und kann sich ein Bild
darüber machen, wie man den sozialen Chaos Einhalt zu gebieten
versuchte. Sehr auffallend ist sicher das der Sozialvertrag des Stammes
hier gänzlich zerbrochen ist. Dies kann sich durch eine enorme
Selbstentfremdung, Vereinsamung und das Zerbrechen von Werten
erklären lassen. Die sozialen Kräfte und die Unfähigkeit mit diesen
umzugehen führt die Dialektik des Materialismus unmittelbar vor
Augen. Die Fehlentwicklungen und ihre Materialisierung in unsinnigen
Gesetzen werden Fragen diskutierbar, die sich mit der besseren
Gestaltung des Staatswesens befassen. So entstehen neue ideologische
Strömungen.

Es muss also zu einer Verrohung der Gesellschaft gekommen sein:

d. Code Ur Nammo: Wer raubt, wird ermordet. Offenbar gab es


zu viele Raube und die Aufklärung misslang. Man wollte
abschrecken mit der drakonischen Strafe. Offenbar haben
Reiche weniger geraubt. Weiter unten gibt es mildere

S e i t e 133 | 246
Strafen für das Abhacken von Füßen. Das wurde wohl dann
von Reichen getan.
e. Code Ur Nammo: Wer die jungfreudige Frau eines anderen
entjungfert, der wird ermordet. Offenbar wurden Ehen nicht
unmittelbar konsumiert. Man hat geheiratet wegen
Erbansprüchen. Wie es mit Liebe und Beischlaf aussah war
eher unklar. Dadurch konnten sich Frauen selbst nach der
Ehe noch mit anderen treffen und entjungfern lassen. Das
hat dem Mann dann nicht gefallen. Das Ganze war so häufig
der Fall, dass es geregelt wurden musste. Da die Strafe
wieder mal der Tod ist, aber das Fußabhacken nur etwas
Geld kostet, kann man wieder davon ausgehen das ärmere
Menschen die Frauen der reicheren entjungfert haben.
Zeitgleich muss das Eherecht brutal und archaisch gewesen
sein. Wenn man aber unter gleichständigen die Untreue mit
der Unterschicht weniger nachsagen könnte, scheint es so
zu sein, dass reiche gerne schöne Frauen aus der
Unterschicht ehelichten. Das Gesetz bezeugt also bereits
eine urmenschliche, aber dennoch belächelbare Situation in
der Gesellschaft um 2.000 vor Christus.
f. Code Ur Nammo: Wenn ein Mensch dem anderen den Fuß
abhackt, so soll der xxx bezahlen. Offenbar wurden viele
Füße abgehackt, damit es regelungsbedürftig war. Füße
waren aber nicht sonderlich wichtig, weil man das ja
monetär bezahlen konnte. Raub führte zum Tod. Offenbar
hackten also gerne reiche Menschen Füße von armen
Menschen ab. Vermutlich waren Arme gar nicht in der Lage
Füße abzuhacken.
g. Code Ur Nammo: Wer einem anderen Menschen den Acker
bearbeitet – um daraus Profit zu machen -, und dann sich
gegen den Eigentümer beschwert, dem soll bei verlorenem
Erfolg der Aktion auch nichts erstattet werden. Offenbar
haben Eigentümer sich nicht um ihr Land kümmern können
und andere nutzten es für eigenen Profit. Diese konnten sich
sogar beschweren, wenn das Land nicht das machte, was es
sollte. Eine Pacht gab es wohl nicht.
h. Lipit-Ishtar: Wenn jemand einen Ochsen leiht und (a) das
Fleisch am Nasenring zerstört, (b) das Auge zerstört, (c) das
Horn abbricht, (d) den Schwanz beschädigt, der soll zahlen.
Offenbar wurden sehr viele Gräueltaten an Ochsen

S e i t e 134 | 246
begangen um dies so umfassen in Rechtsform zu behandeln.
Es bleibt die Frage, ob Ochsen auf dem Feld so stark
misshandelt wurden, dass ihnen Augen, Hörner, Schwänze
und Nasenringe beschädigt wurden, oder ob es hier zu
Verbrechen gegen Ochsen kam. Und wenn es zu Verbrechen
gegen Ochsen kam, stellt sich die Frage ob Ochsen nicht
gemocht wurden oder ob die Wirtschaft so Ochsenabhängig
war, dass man Fremde zur Mietung von Ochsen und deren
Verstümmelung beauftragte, um die Ochsen des
Wettbewerbers zu vernichten? Fragen über Fragen. Aber die
Regelungsbedürftigkeit zum Umgang mit Ochsen und deren
Verstümmelung wirft Fragen auf.
i. Lipit-Isthar: Wer den Baum eines anderen Mannes in dessen
Garten fällt, der zahlt. Hier stellt sich nicht nur die Frage, ob
Menschen eine Leidenschaft daran hatten, die Bäume
anderer Menschen zu fällen, damit man dies gesetzlich
verankern muss. Es stellt sich vor allem die Frage, ob der
Konkurrenzkampf um Birnen und Äpfel so stark war, dass
man den Baum des Konkurrenten fällte, um ihn zu ruinieren,
und ob die Strafe hierfür hinreichend war, um es zu
unterbinden? Ginge es um Hunger, würde man wohl eher
die Früchte klauen, aber nicht den Baum fällen. Es sei denn
es herrschte Bedarf an Holz.
j. Gesetz Nesilim: Wer mit seiner Tochter oder Mutter Verkehr
hat, der soll…
Offenbar hat man hier aufgrund fehlender
Paarungsbereitschaft zwischen den Klassen und in den
Klassen gerne die eigene Mutter oder Tochter zum Beischlaf
überredet. Wieso sonst sollte man den Beischlaf mit der
Familie so sehr tätigen, dass man es regeln musste. Und dies
wurde so oft getan, dass man es regeln musste. Gleichzeitig
konnte man mit seiner Stiefmutter Verkehr haben, aber nur
wenn der Stiefvater nicht mehr lebte. Merkwürdig.
k. Gesetz Nesilim: Wer Geschlechtsverkehr mit einer Kuh hat,
der … / Wer mit einem Hund oder Schwein Verkehr hat ..
Offenbar hatten so viele Geschlechtsverkehr mit ihrer Kuh,
mit Hunden und Schweinen, so dass man dies zwingend im
Recht festhalten musste. Es muss wirklich zu einer sehr
starken Vereinsamung gekommen sein, wenn der

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Geschlechtsverkehr mit Tieren so sehr ausartet, dass er
rechtlich geregelt werden muss.
l. Gesetz Nesilim: Auf dem Berg darf man keine Frau
vergewaltigen. Im eigenen Heim aber schon. Offenbar kam
es zu vielen Bergvergewaltigungen, damit man dies regeln
musste. Aber wenn Frauen sich ins Haus locken ließen, war
dies ok. Die Frage bleibt, ob es keine Wälder gab oder man
in Wäldern einfach keine Frauen vergewaltigen wollte. Oder
ob man dies nicht regeln wollte. Wieso man den weiten Weg
auf den Berg macht, um eine Frau dort zu vergewaltigen ist
unklar. Oder ob Frauen am liebsten auf dem Berg
herumliefen. Fragen über Fragen.

Betrachtet man die Regulierungswut in diesen frühen Phasen der


Städteentwicklung wird auch klar, dass dies mit einer Stärkung des
Polizei- und Justizwesens einherging und somit die von den
sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Vertretern so
verurteilte Staatsgewalt sich im Rahmen der Niederlassung in
Siedlungen zu formieren begann. Auch dies führte, wenn man hier wie
anzunehmen dem Modell von Marx folgt, dass die Herrscherinteressen
den Staat begründeten und dieser nun ihnen dienend die
Klasseninteressen verteidigte und stabilisierte. Die Bourgeoise lebte
also bereits in diesen frühen Siedlungen.

Was diese Rechtsprobleme aber eindeutig zeigen ist das was die Kritiker
des Kapitalismus immer in den Raum werfen. Das z.B. Privateigentum
zu Verwerfungen in der Gesellschaft führt. Mit allem bisher
behandelten Themen kann man wohl mit Sicherheit sagen, dass es hier
nicht um ein Versagen des Kapitalismus oder des Privateigentums ist.
Dieser ist und bleibt was er ist: eine Kodifizierung von Rechten und die
Anerkennung, dass daraus Folgen entstehen. Er führt bei großen
Gruppen zu politischen Gemeinschaften zu Klassen und zu Regierungen
und Staaten. Die Kritik kann aber nur an den konkreten praktischen
Formen, die nun daraus entstehen ansetzen. Und da, wo diese Formen
versagen, da versagt nicht der Kapitalismus. Sondern die Gesellschaft
und ihre Institutionen, die Vertreter der Institutionen, die Gesellschaft,
welche die Mächte zulässt und erzeugt, die die Vertreter darstellen. Es
handelt sich also immer um ein konkretes Versagen des Staatswesens.
Daraus entstehen keine Einfallstore das Grundprinzip des Kapitalismus
zu kritisieren.

S e i t e 136 | 246
C. Die Geschichte der Bodenlosen Klassen beginnt

1. Boden und Handelsklasse

Mit der Entstehung von Stadtstaaten und der Bindung zwischen


Herrschaft und territorialer Kontrolle beginnt das Staatswesen. Aber
zeitgleich etabliert sich eine neue nicht an den Boden gebundene
kulturelle Klasse. Grundsätzlich gibt es also zwei neue Arten von
Superklassen:

▪ Die Klasse des Bodens


o Der Stadtadel entwickelt sich in den Städten und festigt sich
dort. Er differenziert sich zwischen den politischen Eliten, den
Infrastruktureliten und Handelseliten und weitere
Hilfsbereiche.
▪ Während sich die politischen Eliten vermehrt mit der
Regierung und Militärwirtschaft beschäftigen und sich um
die Pflege des Gemeinwesens kümmern und die
klassischen Adelsgeschlechter bilden, die wir bis heute
kennen und die ihre Ahnen weiter zurück verfolgen
können,
▪ entwickelt sich die wirtschaftliche Elite und greift nach
Eigentum von Produktionsketten, Immobilien und
verlangt nach Infrastrukturanlagen (Gewässer, Abwasser,
Straßen),
▪ zeitgleich entwickelt sich der Handelsadel über seine
Beziehungen zu anderen Städten; bildet Zünfte und
Gilden, welche es ihnen ermöglichen in anderen Städten
schnell und effizient Beziehungen aufzubauen;
▪ und es entstehen Schriftgelehrten und Rhetoren – die
Anwalts-, Wissenschafts- und Kulturklasse – und das
Beamtentum.
▪ Zuletzt entstehen die Arbeiterklasse und das Gesindel.
o Was all jene Klassen eint ist ihre enge Verwurzelung mit dem
Boden. Es gelingt ihnen nicht einfach die Sachen zu packen und
in eine neue Stadt zu ziehen, wenn die Stadt vernichtet wird.
Denn sie würden in der anderen Stadt auf deren Eliten stoßen
und würden nicht einfach „ankommen“. Sie müssten in

S e i t e 137 | 246
deutlich niedrigeren Stellungen anfangen, müssten neue
Beziehungen aufbauen, sich mühsam zu höheren Preisen
Immobilien und Produktionsanlagen aneignen und würde
durch die ständige Gefährdung der Stabilität dort als
Außenseiter eher stiefmütterlich behandelt werden. Die Klasse
des Bodens ist also an den Boden gekettet und lebt und stirbt
mit ihm.

▪ Die Klasse ohne Boden


o Wer sich so sehr an den Boden und den Wettbewerb in den
Städten fokussiert, der lässt nicht alles hinter sich, lernt andere
Sprachen und Sitten kennen. Wer die Sicherheit der Stadt und
der Netzwerke kennt, der packt seine Sachen nicht auf einen
Karren und beginnt zu reisen.
o Zeitgleich gibt es aber auch Menschen, die ihr Schicksal eben
genau nicht am Boden festmachen wollen. Welche es zu ihrer
Sache machen, frei und unbemerkt von Stadt zu Stadt zu
ziehen, Beziehungen zu knüpfen und Handelsnetze
aufzubauen. Wer so lebt, hat Beziehungen und Güter überall
und akkumuliert sein Kapital abseits und gesichert vor den
Kräften in den Stadtstaaten. Dadurch entsteht die Bindung
zum Boden nicht. Diese Menschen haben keine
Einschränkung, wenn es darum geht, eine Stadt zu verlassen,
wenn diese überrannt oder zerstört wird. Sie sind nur Gast. Ihr
Schicksal ist nicht an den Boden und die Gemeinschaften der
Bodengesellschaft geknüpft.
o Das Geheimwissen dieser Klasse sind Kenntnisse über die
einzelnen Städte – Ihre Wirtschaft, Ihre Eliten, Ihre Sprachen,
Ihre Kultur und Rechtswesen. Sie bauen Geheimwissen
darüber auf, wie man sich in ihnen frei und unbemerkt bewegt,
wie man die richtigen Ansprechpartner für Geschäfte findet,
wie man sich der Überwachung und Spionageabwehr der
Städte entzieht. Ihr Geheimwissen beinhaltet auch die
Wegstrecken, die Umgehung von Zollstationen, die Fähigkeit
nicht von Räubern auf dem Weg ermordet zu werden. Ihr
Wissen fokussiert sich auf die gesamte Wirtschaft, die
Handelsmöglichkeiten zwischen den Städten und wie man
diese ausbaut.

S e i t e 138 | 246
Diese Teilung erzeugt natürlich noch mehr Komplexität. Denn die
Stadtgemeinschaft trotz all ihrer Komplexität ist offen nach außen. Und
diese freien Akteure können nach Belieben in der Stadtgemeinschaft
ein und aus gehen, in diese eingreifen und sie beeinflussen. Und aus ihr
über ihr Wissen über diese Profit ziehen.

Umgekehrt kann die Stadtgemeinschaft aber auch aus diese Klasse


Profit für sich ziehen. Diese tragen Wissen über andere Städte mit sich,
können über Konflikte und Beziehungen zwischen anderen Städten
Auskunft geben. Können Innovationen und Produktionstechniken
verraten. Und vor allem können sie mit ihrem beweglichen Kapital und
Wissen einzelnen Akteuren in der Stadtgemeinschaft zu Aufstieg
verhelfen oder diese zu Fall bringen.

So lange die Stadtgemeinschaft über hinreichende Informationen über


die bodenlose Klasse besitzt, oder zumindest über den Teil, der sie
aufsucht, und Geschick darin verfügt, mit diesen die eigenen Interessen
zu mehren, ohne in eine Falle zu laufen, sind diese Klassen nützlich und
symbiotisch.

Man darf dabei nur nie vergessen, dass sich einem das volle Bild der
Größe und Macht dieser bodenlosen Klassen nie vollständig erschließt,
sofern man keine eigenen Spione einschleusen kann, die dort in das
Zentrum der Macht vorrücken. (Sofern es ein solches überhaupt gibt
und fremde überhaupt zugelassen werden und im Laufe der
Zugehörigkeit nicht die Seiten wechseln.)

Unterschätzt man diese Klasse, so kann sie eine gesamte Stadt, ohne
selbst eine einzige Gräueltat zu begehen, dem Erdboden gleich machen.

Als prominente Beispiele in der Europäischen Geschichte:

▪ Die Phönizier – Die Handelsklasse:


Immer wieder treten Gemeinschaften auf, die sich durch ihre
extreme Fähigkeit im Handel zwischen den Städten hervortun.
Ein Beispiel in der Geschichte ist die Phönizier, welche durch
Handelsflotten, weitreichende Handelsnetze und die Nutzung
von Arbitrage und Logistik hervortat. Zu ihren Stärken gehörte
sich schnell anzupassen, guten Handel zu betreiben, und
schnell zu verschwinden, wenn es brenzlich wurde. Starke
Flottenverbände zu besitzen und Monopole auf Güter im

S e i t e 139 | 246
Seehandel aufzubauen und ihren Reichtum immer hinreichend
zu verstecken waren Teil dieser Kultur.
Was die Phönizier groß werden lies war der Schutz des
Wassers und ihre Einsicht, dass man mit einer großen Flotte
und Handel immer größere Flotten und noch mehr Handel
betreiben konnte und man ein bodenloses Königreich der
Handelsschiffe aufbauen konnte.

▪ Die Seidenstraße – Reiter und Wagenschieber


Auch im Handel zwischen Europa, dem mittleren Osten und
Indien oder Ost- und Südostasien wurden viele Werte hin und
her verschoben. Hier kommt hinzu, dass viele Länder und
Hoheitsgebiete überwunden, diplomatische Beziehungen
gepflegt, Menschen bestochen, Räuber abgewehrt und auf
dem Weg Speicher für den Reichtum – man konnte ihn nicht
immer mitschleppen – angelegt werden mussten.
Es war sicherlich kein Zufall, dass Alexander sich den Weg über
die Städte nach Osten bahnte, um dort die Goldreserven und
Reichtümer zu plündern, um seine Armee auszuhalten.

Wenn man diesen Handel als Bodenstaat hätte unternehmen


wollen, so wäre man am Misstrauen der Länder sicherlich
gescheitert. Man hätte befürchtet, dass man ausspioniert
wird, die Landschaft für den Krieg ausgespäht und vermessen
wird, oder man den Reichtum des nächstgelegenen Herrschers
und seine Kriegskasse mitfinanzieren half. Man musste hierfür
eine bodenlose Klasse darstellen, die keinem Land angehörte.

Man musste zeitgleich ein sehr hohes Geschick darin haben,


sich in den Ländern zu verständigen, sich sicher zu bewegen
und sich im Zweifelsfall in der Kultur zu verstecken, indem man
sich vollkommen anpasste.

Wenn man den Weg selbst nicht gänzlich zurück legen konnte
oder an einem Ort verweilen musste, aber die Ware am Zielort
ankommen musste, um den Handelspartner nicht unglücklich
zu machen, so musste man hier bereits nicht als einzelner
Händler auftreten, sondern als eine eng zusammen haltende
Klasse von Händlern.

S e i t e 140 | 246
Und wenn man sich, um die Sicherheit der Karavane zu
gewährleisten, in die Führungsetagen der Reiche hineinreden,
verhandeln, bestechen und diplomatieren musste, so hatte
man vermutlich auch ein besonderes Geschick darin Vertrauen
aufzubauen. Und dadurch wiederum Geheimwissen über die
Angelegenheiten und Interessen der herrschenden Klassen
und Souveränen einzelner Staaten.

Nicht nur ein spannendes Umfeld für das eigene Leben.


Sondern auch die hervorragende Basis für die Entstehung des
Banken- und Finanzwesens.

Denn irgendwann sollte auffallen, dass sich seltene Metalle


wie Gold und Silber überall gefragt und zugleich überall stets
knapp war, und jeder es zwingend mehren wollte und man sich
unter den Souveränen damit auch die Krieg finanzierte.

Man hat mit Sicherheit zwischen der ägyptischen Zeit um 4000


v.Christus über die Zeit 2000 v. Christus, als der Jadehandel
begann, und dann über die Zeit des Seide-Handels um 1000
v.Chr. bis zur Einführung des Goldes in China um 800 v.Christus
schon ein solides Wissen darüber gemacht, wie sehr Gold als
Zahlungsmittel dominiert und sich damit Geschäfte machen
lassen.

▪ Die Finanzelite:

Irgendwann schwappte das Gold in die Währungssysteme der


europäischen Stadtstaaten. Spätestens hier wissen wir, dass es
in der Geschichte des Geldes immer wieder dazu kam, dass
man mit Gold geprägten Münzen als Währung arbeitete, dass
man im Laufe von Kriegen die Münzen immer mehr in ihrem
Goldgehalt verringerte und damit die Soldaten bezahlte und
die Währung einbrechen lies.

Man weiß auch, dass man bei der Finanzierung des Krieges vor
allem Gold brauchte, welches man für die Bezahlung der
Armee notwendig war, und das fast nie hinreichend
vorhanden war, weswegen man sich in hohem Maß für den
Krieg verschuldete.

S e i t e 141 | 246
Es sieht nach einem fast schon gemachten Nest aus, einem
Land Gold für hohe Zinsen zu leihen. Dabei zuzusehen, wie die
Währung zusammenbricht und jeder falsches Gold gegen
echtes Tauschen möchte. Und wie man dadurch in der Krise
sehr günstig Immobilien kaufen konnte.

Es wäre also sinnvoll gewesen, 1kg Gold zu leihen; das Geld


verwässern zu sehen; günstige Immobilien im Wert der Zinsen
günstig zu erwerben, in dem man die nutzlosen Goldmünzen
den Bewohnern abkaufte. Dann wiederum Gold an den Staat
– mit Zinsen – zu verkaufen, damit die Währung stabilisiert
wurde, um dann die Immobilien zurück verkaufen zu hohen
Preisen, und sich das geliehene Geld und die Zinsen über die
Zeit wieder in Gold zurück zahlen zu lassen.

Noch besser wäre es, wenn man als Finanzintermediär das


Gold eines anderen Stadtstaates günstiger leihen, und teuer
weiter leihen könnte – man verliert dann kein eigenes Gold -,
und gleich beide Parteien mit finanziert, um damit noch mehr
zu verdienen und sich für denjenigen, der das Gold an den
Intermediär verliehen hat, nochmals bezahlen zu lassen dafür,
dass man die beiden Stadtstaaten überhaupt in den Krieg
geschickt hat. Denn das hilft womöglich demjenigen, der da
finanziert, seine Handelsmacht auszudehnen.

Das Ganze funktioniert natürlich am besten dann, wenn man


allen Parteien sagen kann, dass man selbst keinem Reich
zugehört und keine Militärmacht besitzt. Man eben nur
Bankier ist. Und man gewinnt nochmals Freunde dadurch, dass
man das Gold sicher und unbemerkt von A nach B bewegen
kann; und gewinnt nochmals daran, dass man die Finanziers
dadurch verdecken kann, dass man sagt, man hätte selbst das
Gold zur Verfügung gestellt.

Über diesen Weg lässt sich von allen Parteien Gold abgreifen
und die Geldmenge kontrollieren. So dass man gezwungen ist
Derivate Währungen als Zahlungsmittel zu nutzen. Was die
Wahrscheinlichkeit von Inflationen im Kriegsfall erhöht.

S e i t e 142 | 246
Als bodenlose Klasse kann man so sehr stabiles Kapital – Gold
– akkumulieren. Und als bodenlose Klasse ist es quasi an
keinen Boden gebunden und vom Verlust im Kriegsfall
ausgeschlossen.

Hinzu kommt, dass man wie die Seidenstraßenhändler damit


unmittelbaren Zugang zu den Machthabern in den Städten
besitzt und besonderes Geheimwissen über Konflikte,
Beziehungen im Handel und in der Diplomatie und in den
Produktionstechnologien und Warenflüssen zwischen den
Städten sammeln kann.

Hinzu kommt das Gold aufgrund seiner Beschaffenheit und


Seltenheit auch bei sehr geringen Gewichtsmengen stets eine
immer größer werdende Kaufkraft besitzt. Es ist also eine der
kompaktesten und mobilen Formen des Reichtums. Wie
geschaffen dafür, immer irgendwo versteckt in
Handelskaravanen, im Gepäck von Reisenden und Pilgern oder
an einem sicheren Ort in einem Imperium – in einer Bank –
oder vergraben an einem Ort sich dem Blick der Gesellschaft
zu entziehen.

Es macht also völlig Sinn das Bank- und Finanzwesen an eine


Klasse zu binden, die bodenlos ist.

Die an den Orten ansässigen Banken sind deswegen nicht Teil


der Bodengesellschaft. Es sind lediglich diplomatische
Vertretungen einer bodenlosen Gesellschaft. Durch das
Etablieren von Banken als sichere Orte der Aufbewahrung von
Werten öffnet man dann nochmals das Tor für die komplette
Vermessung von Wirtschaftsaktivitäten und
Eigentumsverhältnissen der Gesellschaft am Standort der
Filiale.

▪ Die Glaubensgemeinschaft

Eine weitere bodenlose Klasse, die wir uns anschauen wollen,


ist die der Glaubensgemeinschaft. Auch sie stellt keine
unmittelbaren Armeen auf. Sie kauft sich nicht exzessiv in das
Produktionssystem einer Stadt ein.

S e i t e 143 | 246
Im Grund genommen baut eine Glaubensgemeinschaft sich
entlang eines Oberhaupts strikt hierarchisch von Oben nach
Unten auf. Über eine große Geschichte einigt sie alle mit der
Geschichte verbundenen Gläubigen in einer Gemeinschaft.

Die besonders politischen Glaubensgemeinschaften sorgen


dafür, dass jeder der in der Hierarchie weiter unten steht, sich
der oberen Hierarchiestufe vollkommen unterwerfen muss.
Zeitgleich führt sich das Glaubensgespräch zwischen dem
Vorgesetzten und dem darunter ein, eine Art Beichte. Zudem
baut sie auf jeder Stufe nach unten Wettbewerb und
Überwachung der Menschen auf der gleichen Stufe
untereinander auf. Das dient alles dem Zweck mögliche
Spione, die aufgenommen werden zu identifizieren und aus
der Gemeinschaft zu verstoßen. Nur wer loyal,
vertrauenswürdig, obrigkeitshörig und zu allen Schandtaten
bereit ist, kann in den Kreis aufgenommen werden und in ihm
aufsteigen.

In der nächsten Stufe geht die Gemeinschaft in die ganze Welt


hinaus und missioniert die große Geschichte. Sie schlägt Zelte
auf in allen Städten und Gemeinden und sucht dort nach
neuen Anhängern.

Es werden Berichtsflüsse von der untersten Ebene hoch bis zur


Führung aufgebaut. Man lässt wieder jeden sozusagen
beichten, man bittet alle einmal die Woche vorbei zu schauen
und miteinander zu sprechen. Man beobachtet die Menschen,
ihre Beziehungen und befragt sie zu ihren Problemen, ihrer
Persönlichkeit, ihren Motiven und Interessen.

Anders als die Finanzelite fokussiert man sich hier vor allem auf
die unteren Schichten, die wenig Kapital besitzen. Von diesen
gibt es mehr, sie sind aufgrund des fehlenden Geheimwissens
weniger geschult darin Manipulation und Interessen zu
erkennen. Durch das ständige Predigen der großen Geschichte
und die Unterwerfung findet man vor allem die besonders
gefügigen und hilfsbereiten. Eventuell findet man sogar die
fanatischen, die keine Freunde und keine Beziehungen und

S e i t e 144 | 246
kein Hab und Gut haben, und man kann ihnen das geben, was
sie nie hatten und sie soweit bringen, dass sie für einen
Morden.

Wer dieses System perfide und diszipliniert aufbaut, der kann


ebenfalls die gesamte Gesellschaft vermessen und
analysieren, die da in der Gemeinschaft ist. Man erfährt über
die Beziehungen, Missstände, die Wohlhabenden und weniger
wohlhabenden. Man erfährt vor allem auch über kollektive
Frustration. Man entdeck also Gewaltpotentiale, die man
aktivieren kann.

Diese Art der Gemeinschaft kann die Grundfesten der


Stadtgesellschaft systematisch zerstören. Den Kapitalismus als
Feind aufbauen. Die Herrschaft als Feind aufbauen. Und
Menschen zu Aufständen, Rebellion und Attentaten anstiften.

Damit lässt sich dann Druck gegen jede Herrscherklasse


aufbauen. Und mit diesem Druck können Stadtstaaten und
ganze Königreiche gegeneinander aufgehetzt und in den Krieg
geführt werden.

Schafft man es in diesem riesigen System der Gemeinschaft


auch noch Menschen zur unentlohnten Arbeit zu überreden,
zur unentlohnten Erzeugung und dem Verkauf von Waren, und
kann man sie dazu noch zu spenden bewegen, so kann man
ähnlich wie die Finanzklasse auch noch Reichtümer aufbauen
und diese für die Finanzierung von Kriegen verwenden.

Damit kann man immer mehr und mehr Immobilien aufkaufen,


neue Zelte aufschlagen, neue Netzwerke aufbaue und noch
mehr Menschen in das System locken.

Und brennt eine Stadt oder ein Staat in Flammen, kann man
das Geld und die Intelligenz der Gemeinschaft schnell abziehen
oder beim wieder Aufbau helfen und sich noch stärker in dem
Gebilde als Helfen etablieren.
▪ Die Offshore Gesellschaft:
Das gesamte Vermögen in Offshorekonten, deren Besitzer sich
heute nicht vollständig nachweisen lassen, wird auf

S e i t e 145 | 246
mindestens 32 Trillionen USD geschätzt. Das sind etwa 32
Microsofts oder Amazon. Auch wenn die Gelder der bereits
angesprochenen bodenlosen Klassen hier auch reinfallen, lässt
sich nicht leugnen, dass es dabei nicht nur Steuerersparnisse
geht. Es geht vor allem auch um die Bodenlosigkeit und eine
nicht vorstellbare Macht an potentieller Einflussnahme in
Regierungen, der Finanzierung von terroristischen und
anarchistischen Bewegungen, der Bestechung von Menschen
in allen Schichten der Gesellschaft. Man kann gut sagen, dass
es sich bei den Eigentümern, um die wohl größten
Widersacher jeder Zivilgesellschaft handelt, da sie sich jeder
staatlichen Hoheit entziehen und völlig frei von unserem
Rechtssystem damit bewegen.

Neben diesen besonders bekannten Typen von bodenlosen


Gemeinschaften, gab es in der Geschichte noch viele andere. Heute
sehen wir Anarchisten, neue religiöse Gemeinschaften, wild gewordene
hysterische Massen in sozialen Medien, private Söldnerarmeen, und
Hackergruppen. Und es ist nicht zu verkennen, dass sich viele der
modernen Technologie-Evangelisten sich auch als Teil einer bodenlosen
Klasse ansehen.

1. Geheimwissen und verborgene Gesellschaften

▪ Transporttechnologie und -kosten: Wer nicht an den Boden


gebunden ist, der muss Fluchtwege und Bewegungsfreiheit haben.
Ein wichtiger Baustein dieser neuen Klasse ist die Verfügbarkeit von
Transportwegen und Methoden. Egal was man transportiert, ob
Informationen oder Güter, man muss sie erstmal transportieren
können. Ein elementarer Baustein dieser bodenlosen Gesellschaft
ist der Zu- und Abtransport von Wissen und Wertsachen. Während
es auffällig sein könnte mit einer Karre voll Goldmünzen und
Schriftstücken in Städten ein- und auszugehen, ist es deutlich
schwerer zu durchdringen, wenn Gegenstände über die Karren der
Markthändler, über Postnetzwerke und lange und komplexe
Lieferketten zwischen den Städten in kleinen Stücken bewegt
werden.

▪ Kulturwissen: In der Kriegsführung des Stammes musste man den


Gegner schnell mustern können. In der inter-stämmischen

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Diplomatie musste man die Riten und Bräuche schnell erlernen.
Wer zwischen Regionen Handel treiben will, muss:
a) unsichtbar sein, sich schnell integrieren, die Sprache, Sitten und
Kultur beherrschen; oder
b) sich moralisch und ohne Interessen zeigen, so dass man trotz
möglicher Fragezeichen geduldet wird.
Nur dadurch kann man sich frei und ungestört bewegen. Beide
Strategien verlangen ein sehr tiefes Verständnis des Menschen,
von Beziehungen, von Deutungen, Narrativen. Bis man das Bild des
Mönches und Pilgerreisenden vollends verstanden und industriell
produzieren konnte, um damit in unauffällige Mission zu gehen und
die rechten Menschen zu rekrutieren, gingen sicher einige Jahre in
das Land. Ebenso braucht es Finesse und Geheimwissen, um sich
immer wieder in einem neuen Land zu behaupten, zu integrieren,
Geschäftsbeziehungen aufzubauen.

▪ Geheimniskrämerei: Egal in welchem Metier man sich bewegt,


man darf sich mit dem Transport des Gutes und mit der
eigentlichen Intention bei jedem Handeln nicht erwischen lassen.
Wenn man Beziehungen und persönliche Daten systematisch
erfasst und abtransportiert, um es zentral zu verarbeiten, verlangt
dies ebenso ein nicht einfach zu infiltrierendes Transportnetzwerk
wie wenn man Goldbarren, Diamanten und Wertsachen über lange
Wegstrecken von Stadt zu Stadt transportieren will. Aber ohne
diese Geheimniskrämerei und die Unsichtbarkeit der eigentlichen
Macht vor den lokal ansässigen Gemeinschaften wird man schnell
zum Feind und zur Zielscheibe. Man muss also im Verborgenen
seine Arbeit verrichten und über die Spionagemechanismen
wissen, bessere installieren können.
▪ Aktivierung: Wenn man schon so weit gekommen ist, wäre die
nächste Frage was man mit all der Macht anstellt. Man möchte ja
keine Systeme abschaffen. Sondern diese kontrollieren und an
ihnen verdienen. Und man tut dies, indem man sich mit den lokalen
Gemeinschaften verbündet. Das braucht ein ungemeines Geschick
in der Identifikation und Rekrutierung der Entscheidungsträger, die
akribische Beobachtung der Rivalitäten und Beziehungsgeflechte,
ein sehr gutes Wissen über die Motive und Interessen dieser
Personen und ein sehr ausgeklügeltes strategisches Vorgehen bei
der Anbahnung der Geschäfte. Wer heute dem lokalen Oligarchen
vorschlägt, sein Land zu verraten, der kann morgen schon geköpft

S e i t e 147 | 246
sein. Und wer es vorschlägt, der wird vermutlich durchleuchtet und
untersucht. Nur wer sich die Opfer richtig auswählt, mit Scham und
Gier umzugehen weiß, kann die Schutzmechanismen außer
Kraftsetzen. Dieses „confidence game“, wie es im amerikanischen
Sprachgebrauch heißt, d.h. die Manipulationstechnik muss
gekonnt sein. Man muss Mittelsmänner aktivieren können und die
Verbindung zu sich selbst abtrennen können, und sich trotzdem
dem Erfolg sicher sein, muss den Mittelsmann also genau kennen.
Man muss auch auf jedwede mögliche Reaktion gefasst sein.
Beherrscht man dieses Spiel und baut man Vertrauen über Jahre
auf, durch falsche Identitäten und ein Schauspiel, kann man sehr
viel Macht für die eigene Organisation gewinnen.

D. Analyse der zentralen Themen der Siedlungsgesellschaft

▪ Die Komplexität der Gesellschaft mit all ihren Beziehungen, den


Spezialisten und des Geheimwissens ist in einer einfachen Stadt mit
100.000 Einwohnern bereits von einem Menschen fast nicht mehr
zu begreifen. Es ist nahezu unmöglich zu sagen, was passiert, wenn
man 10% der Gesellschaft aus der Gesellschaft herausnimmt.
Wenn man 20% Prozent aus ihr herausnimmt. Es stellt sich also
grundsätzlich die Frage was passiert, wenn man nun eine
Revolution anzettelt, das Eigentum verbietet, oder die Elite
vollständig verjagt oder ermordet. Aus dieser Sicht ist der gesamte
Bereich des anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen
Denkens deplatziert und utopisch. Man kann es in den seltensten
Fällen wissen.
▪ Die Entwicklung des Rechtssystems und den Staats- und
Regierungswesens sind zwingende Bausteine bei der Regulation
und Steuerung dieser komplexen Gesellschaft. Auch der Wunsch
den Staat oder das Strafwesen abzuschaffen und damit die
Gesellschaft in Chaos zu stürzen deutet auf ein grobes
Missverständnis von Gesellschaftlichen Prozessen bei der
Entstehung von Gruppen der Größe einer Stadt hin. Die Erzeugung
von Infrastrukturleistungen und Aufgaben der öffentlichen
Verwaltung lässt sich unmöglich ohne den ein Staatswesen
realisieren. Zerstört man es, so müssen sich zwangsläufig die genau
gleichen Institutionen zuletzt wieder bilden.
▪ Ziel dieses Teils über die Stadt war es also in etwa darzulegen, wie
komplex eine solche Gesellschaft ist und dass man es eher als

S e i t e 148 | 246
Geschenk ansehen sollte, das unsere Gesellschaften überhaupt
funktionieren und menschlich sind. Das verlangt das viele
Menschen den rechten Werten verpflichtet sind und das richtige
und bestmögliche tun.
▪ Natürlich ist zu jeder Zeit ein Zustand der Gesellschaft gegeben.
Und zu jeder Zeit befinden sich Menschen in diesem Zustand,
denen aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft Möglichkeiten
versperrt sind. Und natürlich wird es in jedem Zustand Menschen
in Institutionen und Positionen geben, welche nicht im Interesse
einer guten Gemeinschaft ihre Interessen ausspielen. Aber es ist
nicht davon auszugehen, dass eine Revolution oder ein Umsturz
der Gesellschaft an diesem Umstand etwas ändern wird. Es werden
lediglich neue Strukturen entstehen, mit wiederum neuen
Menschen, die wiederum zum Teil von Eigeninteressen geleitet
sind, ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind und denen es an Werten
und Moral fehlt. Wichtiger ist es zu erkennen, dass man in egal
welcher Position man sich befindet, man immer etwas zur
Gesellschaft beitragen und einer sinnvollen Fülle an Tätigkeiten
nachgehen kann.
▪ Bereits ab dieser Größe der Gesellschaft kann man also nur die
Gesellschaft weiter entwickeln, wenn man an der Basis in der
Erziehung und Ausbildung ansetzt. Und man reformistisch arbeitet.
Kann man dabei auch Aufstände und Gewalt benutzen? In der
Theorie handelt es sich sicherlich um ein Mittel um Transparenz
und Reformen schneller zu erzwingen. Man muss dabei aber auch
beachten, dass diejenigen die am ehesten dazu bereit sind, eben
meist nicht die „Guten“ sind oder ihnen oftmals die Weisheit fehlt,
die sie vor dieser Entscheidung abhalten würde. Denn in jedem Fall
erwirken gewaltsame Auseinandersetzung immer Nachteile für
Menschen, die es am wenigsten verdient haben.

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Kapitel 4: Gemeinschaften, Werte und
Rechtswesen

S e i t e 150 | 246
In diesem Teil geht es um die Frage der Werte und Kulturpolitik. Die
wurde bislang nicht hinreichend beachtet. Wenn wir den bisherigen
Analysen und Argumentationsketten folgen ist eine Gesellschaft nicht
in ihrer kapitalistischen Funktionsweise veränderbar. Sie ist auch nicht
mit Revolutionen zu ändern. Sondern mit Reformen. Aber dennoch
bleibt eine Frage offen: wie lässt sich von Unten eigentlich am besten
gewährleisten, dass die Gesellschaft und ihre Institutionen und die
Position der Macht am wenigsten Schaden anrichten und am ehesten
dem Ideal einer guten Gesellschaft folgen?

Dazu stellt sich die Frage nach der Wertegemeinschaft.

A. Gemeinschaften

1. Gemeinschaftsdiskurs

▪ Die Gemeinschaft: Eine Gemeinschaft ist eine Menge von


Menschen, die in der Lage ist über Ereignisse von Relevanz zu
sprechen und diese als Kollektiv vollständig zu erfassen. Im
Einzelfall ist eine Gemeinschaft eine Gruppe, in welcher alle
Menschen von einem Mörder wissen können. In einem kleinen
Stamm ist der Mord offen ersichtlich. Zwischen den Stämmen
werden der Mord und Mörder diskutiert und der gegeben Falls
geächtete Mörder für alle erkenntlich gemacht. In einer Siedlung
und über Handelsnetze verbundene Siedlungen ist der Austausch
über den Mörder und die kollektive Ächtung ebenfalls möglich.
Genau dann, wenn ein Mörder von einem Dorf in das nächste
gehen kann ohne das dort jemand davon von weiß oder wissen
kann ist dieses Dorf nicht Teil der Gemeinschaft des anderen
Dorfes.
▪ Gespräche der Gemeinschaft: In allen Gemeinschaften gibt es
Themen, für welche die Gemeinschaft zugängig sind. Sicherlich
reden nicht alle Gemeinschaften in der Stammeszeit über die
Schönheit eines indischen Gotts. Aber alle Gemeinschaften
können grundsätzlich das Thema Mord und Diebstahl diskutieren.
Es wird über Naturkatastrophen gesprochen. Über Ernteausfälle.
Über Brände. Tiersterben und Krankheiten. In fast allen
Gemeinschaften spricht man über andere Mitglieder und wird
somit der Kredit diskutierbar.
▪ Die Werte der Gemeinschaft: Ein wichtiges Element der
Gemeinschaft ist ihr Werte- und Rechtsverständnis. In einem

S e i t e 151 | 246
Stamm regelt die Gemeinschaft durch ihre Kommunikation das
Rechtsverständnis und die Werte. Dadurch entsteht auch so
etwas wie ein gemeinschaftliches moralisches Grundgerüst, oder
das Sittenrecht. Das gleiche Phänomen trifft man später in inter-
stämmischen Gemeinschaften und bei Siedlungsgemeinschaften
zwischen Gemeinden, Städten und Hauptstädten.
▪ Die Nicht-Gemeinschaft der Gemeinschaft: Zeitgleich gibt es über
Tabus und private Netzwerke immer eine Art Nicht-Gemeinschaft.
Über die Existenz von Geheimwissen und deren Schutzwürdigkeit
zerfällt die Gemeinschaft in Teilen des Diskurses in private
Gemeinschaften. Eine Gesellschaft, in der viele für die
Gemeinschaft relevante Informationen nicht mehr
gemeinschaftlich kommuniziert werden, spricht man von einer
gespaltenen Gemeinschaft. Zeitgleich gehören leichte Formen
dieser Art von „Nicht-Gemeinschaft“ zu jeder Gemeinschaft. So
besitzen Händler und Menschen mit viel Eigentum andere
Fähigkeiten und Themen, welche sie diskutieren und verhalten
sich nach anderen Werten und Rechts- und Moralnormen als
Menschen der Arbeiterklasse oder ausgegrenzte Gesellschaften
oder gar Kriminelle.
▪ Ziel der Gemeinschaft: Das Ziel der Gemeinschaft ist es die
höheren Institutionen einer Gemeinschaft überhaupt
legitimierbar und durchsetzbar zu machen. Erst dadurch lassen
sich auch das gemeinsame Rechtsverständnis aufbauen, wird eine
Regierung und Staatsform legitimierbar, und kann man von einer
über Werte, Sitten und gemeinsame Diskurse und Interessen
begründeten Gemeinschaft sprechen. Zerfällt die Gemeinschaft,
die unter einem Staat zusammenlegt, so spricht von einem
Versagen der Gemeinschaft. Oder dem Versagen der
Zivilgesellschaft. Damit beginnt auch der Verfall des Staates und
seiner Räson. Und die Gesellschaft, die unter dem Staat lebt,
beginnt über Dekadenz zu verfallen.
▪ Beispiel: Wenn unter einem Staat, der für gewisse Werte steht,
die sich womöglich an den christlichen Werten orientieren, und in
dieser Gemeinschaft nun Bevölkerungsgruppen leben, die (a)
diese Werte nicht mehr teilen und sie zu zerstören trachten, und
(b) diese Gruppen auch nicht mehr kommunikationsfähig sind, sie
also nicht mehr mit der Gesellschaft in Diskurs treten können, und
(c) man sich nicht mehr gemeinschaftlich am öffentlichen,

S e i t e 152 | 246
politischen Leben zum Schutze der Werte und der Diskursfähigkeit
einsetzt, dann beginnt damit die Gemeinschaft zu verfallen.

2. Gemeinschaftsleben

▪ Das Leben des Nachbarn: Wenn dem Nachbarn der Zucker


ausgeht, und dieser klingelt, aber man keinen Zucker hat. Wenn
er klingelt, aber niemand macht auf. Wenn er nicht klingelt. Wenn
beim Nachbarn eingebrochen wird, und niemand es mitbekommt.
Wenn man es mitbekommt, aber nicht darauf reagiert. Wenn man
mit ihm redet, aber ihm nicht beim Wiederaufbau hilft. Wenn man
ihm hilft, aber kein Geld zur Verfügung stellt. Wenn man den
Nachbarn niemals zum Essen einlädt. Und man nie den Müll für
die alte Nachbarin mitnimmt. Wenn man nicht für den kranken
Nachbarn einkauft. Die Formen des Zusammenlebens mit dem
Nachbarn sind ein Grundindikator für die Entfremdung von der
eigenen kleinen Lebensgemeinschaft und den Zerfall der
grundlegendsten Werte einer Gemeinschaft.
▪ Gemeinschaftsleben: Wenn man weder zur Kirche noch zur
Schule noch zur Feuerwehr, noch zur Hausversammlung geht und
niemand sich um den Spielplatz kümmert oder die Sicherheit der
Straßen mit überwacht. Wenn man nicht die gleichen Nachrichten
liest und gleich interpretiert und nicht die gleichen Folgen aus
öffentlichem Handeln ableitet, wenn man gar nicht mehr in der
Lage ist über das Thema zu sprechen, zu diskutieren und es zu gar
keiner Kommunikation kommt, zerbricht das
Gemeinschaftsleben. Der Mensch lebt nicht mehr in der
Gemeinschaft. Sondern in einer Wohnzelle. Und kommuniziert
mit anderen Wohnzellen, die weit entfernt sind, die aber nie mehr
füreinander tun als Likes und Kommentare abgeben. Oder gleiche
Meinungen von sich geben. Oder Bilder und Eindrücke. Dann
existiert keine Gemeinschaft. Wenn keine Gemeinschaft existiert,
dann zerfließen die gemeinsamen Werte und die Bereitschaft sich
für diese Einzusetzen.
▪ Delegierte Gemeinschaften: Wenn Gemeinschaftsleben nicht
mehr existiert, wenn man sich nicht mehr begegnet, dann treten
delegierte Gemeinschaften auf den Plan. Werte werden durch das
Rechtssystem und Glaubensgemeinschaften ersetzt. Die Bildung
wird an Schulen und Lerninstitutionen ausgelagert, denn niemand
kümmert sich mehr um die Erziehung der Nachbarn und ihrer

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Kinder. Wenn man die Wahrheit und Geschehnisse nicht mehr
verfolgt, delegiert man diese Aufgabe an die Medien, die
Meinungsmacher und Unterhalter. Wenn die
zwischenmenschliche Erfahrung zerbricht, dann flieht man in
Bücher, Filme, Serien und die darstellenden Künste, welche das
Leben vorleben, das man selbst nicht mehr leben kann.
▪ Zerstörte Lebensgemeinschaften: Wenn Lebensgemeinschaften
zerbrechen und aufhören zu existieren, so endet die
Gemeinschaft an sich. In der Basis.
▪ Zerstörte Individuen: Wer keinen Grund mehr hat vor die Tür zu
gehen und in der Gemeinschaft zu leben, der lebt in der
Wohnzelle. Man isst, man frisst. Wie Deleuze und Guatarri es im
Anti-Ödipus benennen. Wer zu viel isst und frisst und nicht mehr
raus geht, der wird depressiv und dem fehlen
Dopaminausschüttungen. Man beginnt sich in das Essen, in kleine
Beziehungen zwischen zwei Personen zu flüchten. Zeitgleich
beginnt man mit Disziplin und Selbst-Geißelung noch „normal“ zu
bleiben. Man geht raus, nur um sich zu bewegen und Fett zu
verbrennen. Man geht in Fitness Studios. Man sucht nach schönen
Momenten auf Instagram und beim Schauen von Series. Man geht
auch arbeiten, weil man muss. Man wird zu einem Schatten seiner
selbst, und wird in der Seele unsichtbar. Niemand sieht mehr das
lachende und tanzende Wesen, und weil es nicht gesehen wird,
lebt es nicht mehr und zerfließt. Stattdessen wird man selbst zum
Schauspieler. Um andere Menschen zu finden, die das Schauspiel
mögen. Und man schauspielert sich durch das soziale Leben. Die
Art von Entfremdung, die dadurch entsteht, weil man nicht mehr
einfach man selbst sein kann und alles Schlechte ausgemerzt wird,
weil man immer unter dem Leistungsdruck steht, zu gefallen,
verliert man den emotionalen Bezug zu Werten.

3. Gescheiterte Gemeinschaften

▪ Die nicht redende Gemeinschaft: Spricht man nicht mit seinem


Nachbarn, so zerfällt die lokale Haus- und Straßengemeinschaft.
Spricht man nicht mit der Polizei oder der Ermittlung, so zerfällt
die Rechtsgemeinschaft. Spricht man nicht über
Naturkatastrophen, so existiert vermutlich keine Gemeinschaft. In
unserer modernen Gesellschaft spricht man nicht über den Mord
in der eigenen Straße, so dass die zweite Straße vom Mord

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gegeben, falls nichts weiß, es sei denn es wird in den Medien
berichtet. Medien besitzen hier also eine Kommunikations-
funktion für die Gemeinschaft. Ebenso tritt der Staat mit seinen
Meldebehörden im Rechtswesen an Stelle der z.B. in der
Stammesgesellschaft noch lebendigeren echten Gemeinschaft,
wo das Wissen über Mörder und geächtete Personen über soziale
Netzwerke weiter gereicht wird oder in Siedlungsgemeinschaften
öffentlich verkündet werden.

▪ Die asoziale Gemeinschaft: Ein gutes Beispiel für die asoziale


Gemeinschaft finden wir auf den sozialen Medien wie Twitter. Da
wo Wahrheit und Desinformation, gesunder und ungesunder
Menschenverstand die Basis für die Kommunikation bilden und
die Glaubwürdigkeit einer Aussage nicht mehr gewährleistet ist,
da zerfällt die soziale Gemeinschaft und es treten stattdessen
parteiliche Gemeinschaften von „Gläubigen“ und
„Meinungsgleichen“ an den Tag. Von einer zivilen Gesellschaft
und echten Gemeinschaft kann man nicht mehr sprechen.

▪ Die Zweckgemeinschaft: Wer nicht mehr in der Lage ist eine


Gemeinschaft zu bilden und nur dann in eine Gemeinschaft
aufgenommen wird, wenn er sich ihr gegenüber verbürgt, ihre
Lehren annimmt und ihre Zwecke heiligt, der ist kein Mensch
mehr, sondern ein Zweckmittel. Wer als Zweckmittel versagt, wird
in der Regel entsorgt. Und ausgeschlossen. Und man ist wieder
einsam. Einige Zweckgesellschaften schließen bewusst
niemanden aus, der nur an den Zweck glaubt und versucht sich in
irgendeiner Weise als nützlich zu erweisen. So etwa bei
Glaubensgemeinschaften. Diese Gemeinschaften funktionieren
aber nur, wenn die Gruppe als Ganzes genügend Überschüsse
generiert, um damit das Leben des Zweckmittels zu unterstützen.

▪ Die gespaltene Gemeinschaft: Heute sprechen Teil der


Gesellschaft von Scharia und Glaubenslehren, andere sprechen
von Finanz- und Wirtschaftsthemen, andere sprechen von Rechts-
und Justizthemen, andere sprechen von diesen Werten, andere
von jenen Werten. Wenn eine Gemeinschaft nicht mehr in der
Lage ist einen hinreichenden Teil des Gemeinwesens und seiner
Angelegenheiten als Gemeinschaft zu diskutieren und zugängig zu
machen spricht man von einer gespaltenen Gemeinschaft. Heute

S e i t e 155 | 246
spricht man in diesem Zusammenhang auch von Parallel-
gesellschaften sowie Klassen und Milieus. In einigen Milieus und
Klassen gelten gänzlich andere Werte und Gesetze als in anderen.
Spaltet sich durch dieses Phänomen die Gemeinschaft einer
geographischen Population in einem gemeinschaftlich regierten
Gebiet so weit, dass man nicht mehr miteinander reden, arbeiten
und leben kann, spricht man von einer gespaltenen Gesellschaft.

▪ Gescheiterte Gemeinschaften scheitern insgesamt: Scheiternde


Gemeinschaften verspielen das Grundgerüst einer Gesellschaft
und all ihrer Institutionen. Werden Werte und Rechtsverständnis
nicht mehr gleich verstanden so entsteht gefühlte
Ungerechtigkeit und es kommt zu kulturellen Konflikten, die bis
zum Bürgerkrieg verlaufen können. Ist eine Gesellschaft gänzlich
nicht mehr in der Lage glaubwürdig einander entgegen zu treten,
so zerfällt die gesamte Fähigkeit Repräsentanten und
gemeinschaftliche Güter sinnvoll zu koordinieren und das
Gemeinwesen und die Funktion des Staates und das Konzept der
Demokratie, welches wir später diskutieren. Entstehen zudem zu
starke Klassen, Milieus und Parallelgesellschaften, zerfällt die
Gemeinschaft an sich.

B. Rechtssystem der Gemeinschaft

1. Das Basissystem des Rechts in der Gemeinschaft

▪ Naturrecht: Die unveräußerbaren grundlegenden Rechte der


Gemeinschaft, die jeder anerkennt und anerkennen muss. Sie sind
weder diskutierbar noch dürfen sie diskutierbar sein.
▪ Individuelles Lebendes Recht: Zu den Basiskonzepten der
Gemeinschaft gehört die Reaktion der Mitglieder einer
Gemeinschaft auf ein gewisses Handeln. Diese kann z.B. loben,
akzeptierend, nicht-akzeptierend und tadelnd sein. Mitglieder
können für einen Mord ebenfalls ermordet werden und alle sind
sich einig, dass der erste Mord nicht rechtens, der Mord am Mörder
dann aber rechtens ist. Ein Mörder kann auch verstoßen werden.
Bei kleineren Delikten kann statt des Mordes und der Ächtung auch
einfach die Verhaftung und das Einsperren oder die Leistung von
Schadensersatz sein. Noch milder wäre das aus dem Weg gehen,

S e i t e 156 | 246
das nicht mehr mit dieser Person reden, oder dass nicht mehr ernst
nehmen dieser Person.
▪ Lebendes Gemeinschaftsrecht: Während das lebende Recht direkt
aus dem individuellen Rechtsverständnis und dem Gewissen
stammt, und sich auch im Affekt eine sich ändernde
„Rechtsprechung“ ergeben kann, beruht der nächste Schritt auf der
Rational-machung des Rechts. Wie ist jenseits mit dem Affekt
umzugehen und wie stark fällt die Reaktion und das Urteil aus,
wenn man sich im Konsens mit dem Vergehen beschäftigt.
▪ Begründetes Recht: Treten besonders Weise und rhetorisch
begabte Personen im Rechtssystem hervor, so können
verschiedene Fallklassen und deren Behandlung aufgeschrieben
und erläutert werden. Dadurch kann es zu einem historischen
Rechtsverständnis kommen, das Recht kann noch klarer die
Reaktion auf den Urteilsspruch analysiert werden und neue Rechts
Konstrukte können eingeführt werden, welche das allgemeine
Rechtsverständnis beeinflusst. So kann z.B. das Morden eines
Mörders als unrecht erklärt werden, und man erdenkt andere
Strafen. Diese werden dann gesellschaftlich durchgesetzt und
allgemein anerkannt. Es handelt sich dann bereits um eine Art
materialisiertes Recht.
▪ Jurisprudentielles Recht: Formalisiert sich die Rechtsprechung und
somit der Zugriff auf historische Urteile, deren Auslegung und
Begründung, den historischen Kontext und die Akzeptanz der
Rechtsprechung, entsteht eine höhere Form des begründeten
Rechts. Geht die Rechtsdiskussion noch weiter und analysiert die
kurzfristigen und langfristigen Folgen eines Urteilsspruchs oder
einer Rechtsauffassung, so entsteht ein jurisprudentielles Recht. Es
entstehen auch Formen der Rechtsbegründung:
o Naturrecht: Die unversäusserlichen Rechte, die uns von der
Natur aus gegeben sind.
o Positives Recht: Das von Menschen gegebene Recht.
o Gottesrecht: Das sich aus der Göttlichkeit gegebene Recht.

▪ Systematisches Recht: Tritt nun die Frage auf, wie sich das
jurisprudentielle Recht mit dem weiterhin gelebten Recht in
Verbindung bringen lässt, so entsteht die Frage wie weit und was
man überhaupt regeln möchte und was nicht – z.B. wie geht man
mit der Abneigung eines verurteilten und rehabilitierten
Verbrechers um? – und wie weit man mit Abschreckung und Strafe

S e i t e 157 | 246
und eine Präsenz des Rechtssystems nutzen möchte, um die
Annahme des Rechtsystems gegenüber dem gelebten Recht zu
etablieren. Es stellt sich auch die Frage, welche lebendigen
Rechtsprechungen, welche dem Rechtsystem widersprechen, auch
geregelt werden können und sollen. Und wie zum Beispiel Fehler in
der Rechtsprechung vermieden werden.

Weiterhin entstehen Fragen nach der Systematik des Rechts. Bricht


Bundesrecht das Landesrecht? Bricht jurisprudentielles Recht das
gelebte Recht? Bricht das historisch gesprochene Rechtsurteil das
nun neu entstandene Rechtsverständnis – Rechtssicherheit.

▪ Verständliches Recht: Zuletzt spielt auch eine Frage wie


Transparent das Recht gesprochen und veröffentlicht wird. Am
Ende muss dem einzelnen klar und bewusst sein welche
Konsequenzen drohen für welche Handlung und wie
wahrscheinlich eine Verurteilung bei welchen Bedingungen
überhaupt ist. Und bei alle dem muss das Recht als gerecht und
annehmbar verstanden werden, sowie sein Nutzen verstanden
werden. So kann z.B. das US-amerikanische Recht durch den
Detailgrad der Begründung und Erörterung von Einzelfällen
hervorstechen. Zeitgleich ist es quasi unmöglich die Implikationen
aus den vielen historischen Begründungen heraus zu lesen oder
Urteile zu finden. Hier ist das systematisch abstrakte Recht in
Deutschland einfacher zu verstehen und nachvollziehen, aber
deutlich schwerer auf den Einzelfall und die aktuelle
Rechtsprechung hin nachzuvollziehen.

2. Problemfälle des Rechtssystems

▪ Problemfälle der Ermittlung: Tatsachen, welche sich nicht


ermitteln lassen oder nicht nachweisen lassen sind schwer sachlich
und faktisch zu lösen. Es bedarf der Glaubwürdigkeit von Zeugen.
In einer Gesellschaft mit zerstörtem Gemeinwesen und fehlenden
Werten kann die Glaubwürdigkeit jedoch durch (a) das offene
Lügen und (b) offene Irrtümer / Unfähigkeit zur Aussage zerstört
werden. Ist ein Verbrechen weder über Zeugen noch über Beweise
feststellbar scheitert der gesamte Fall an der Ermittlung. Wer sich
also in der Beweisvernichtung und der Bestechung oder Kontrolle
von potentiellen Zeugen besonders gut auskennt genießt einen

S e i t e 158 | 246
anderen Schutz vor Strafe als jemand, der dies nicht hat. Hat
hingegen eine gesamte Gesellschaft kein Interesse daran
überhaupt als Zeuge zu fundieren und werden Beweise nicht
anerkannt oder von der Gemeinschaft vernichtet, dann kann es zu
keiner Rechtsprechung kommen. Die Werte der Gemeinschaft und
die Bereitschaft zur Beihilfe – aktiv oder durch Unterlassung - zur
Straftat können somit zu einem Problem werden. Oftmals ist
gerade das Thema „Whistleblowing“, d.h. die Bezeugung
gegenüber Unternehmen und Beamten eher sozial geächtet. In
einer Stammesgesellschaft kann sich auch der gesamte Stamm und
Rechtsapparat vor der Verurteilung verweigern und einen
Straftäter entkommen lassen.

▪ Problemfälle der Urteilsfällung: Die Fähigkeit glaubhaft zu lügen


und die rhetorische und psychologische Glaubwürdigkeit vor einem
Gutachter kann die Glaubwürdigkeit des gesamten
Ermittlungsprozesses im Rahmen des Gerichtsprozesses zerstören.
Spricht man das Urteil bei fehlender Glaubwürdigkeit der
vorgebrachten Indizien nicht, so schützt man den Täter und fördert
das Verbrechen; spricht man jedoch zu stark im Interesse der
Durchsetzung des Rechts und urteilt bei schwacher Sachlage, so
zerstört man das Leben unschuldiger.
Im US-amerikanischen Raum löst man das Problem durch das
Zusammenspiel von professionellen Richtern und Anwälten und
Ermittlern und der Hinzunahme von Privatpersonen im Rahmen
von Juris, welche keinen „reasonable doubt“ haben dürfen.
Zeitgleich sorgt das Berufungsverfahren dafür die individuellen
Interessen einzelner Beteiligter in jedem Prozessschritt weiter zu
streuen.

Jedoch kommt es u.A. auch heutzutage durch die besondere


Färbung von Meinungen und Weltanschauungen einzelner oder
gesamter Generationen von Richtern zu einer möglichen
Verzerrung der Urteilssprechung. So können sehr liberale und
milde Richter ganze Verfahren abblocken, weil sie das gesamte
Rechtskonstrukt, das zu behandeln ist, nicht anwenden wollen.

▪ Problemfälle der Urteilsfestsetzung: Ein weiteres Problem in der


Rechtsprechung ist die Urteilsbemessung. Soll jemand nun für 1
Jahr oder für 10 Jahre eingesperrt werden? Welche Folgen hat die

S e i t e 159 | 246
Entscheidung auf die Gerechtigkeit und das Rechts- und
Wertesystem der Gemeinschaft? Hier trifft das jurisprudentielle
Recht auf die Rechtsprechung ebenso wie die Färbung des Richters.
Aber woher soll man wissen, ob dies aus den Augen der
Gesellschaft noch gerecht ist, wenn niemand mehr zusieht.

▪ Problemfälle der Regelungswürdigkeit: Wenn man nicht weiß, für


wen man regelt, dann weiß man nicht, was man für diesen regeln
soll. Wenn man nicht mehr weiß, was man regeln soll aber regeln
möchte und muss, dann regelt man aus Gutdünken oder für
diejenigen, die sich noch die Mühe mache ihren Willen auf
Regelung zu erfüllen. Dann muss man sich bei diesen Regeln fragen,
was derjenige, der nicht spricht, zur Regel zu sagen hätte. Und muss
sich wieder nach Gutdünken und eigenem Verständnis der Welt
etwas zurecht denken. Weil das eine hohe kognitive Dissonanz
erzeugt, die dem Regler nicht rechtens ist, bittet er die Jurisprudenz
und Experten um deren Hilfe. Die wiederum kennen denjenigen,
der geregelt auch nicht, und schlussfolgern aus dem, worüber
geredet wird, dass man daraus, Gutdünken Schlüsse ziehen kann.
Wer also laut redet und viel redet, der redet in diesen Prozess ein.
Wer aber zunehmend schweigt, der verschwindet aus dem Denken
und kann nur noch über Spekulationen und demographische
Studien überhaupt berücksichtigt und einbezogen werden. Man
regelt also was geregelt werden will und regelt so, dass diejenigen,
die regeln, vermutlich geregelt haben wollen. So können nur
unsinnige Regeln unsinnig geregelt werden.

▪ Problemfälle der systematischen Rechts: Wenn das Rechtssystem


jetzt mit der Wucherung von Regeln und den dann auf diese
Wucherung reagierende Prozesse konfrontiert ist, dann muss es
über die Entscheidungen die Getroffen werden und die
Rechtsmaterien, die betroffen sind, Überlegungen anstellen, wie
sich daraus die Systematik des Rechts weiter ausbauen lässt. Und
so interpretiert man das bereits systematisch erfasste und
jurisprudentiell erfasste Recht im Rahmen der neu entstehenden
Bewegung neu. Und deutet das bestehende Recht in Richtung
dieser neuen Rechte um. Damit reagiert auch die Jurisprudenz auf
die unsinnigen Regeln, die unsinnige geregelt wurden und schafft
unsinnige Auslegungen und Interpretationen, die dann wieder in

S e i t e 160 | 246
die Regelungen und Regeln einfließen. Auch das kann nicht im
Sinne der Gemeinschaft sein, die nun aber ja nicht mehr existiert.

▪ Aus all den Regelungen und Interpretationen und Re-


Systematisierungen entstehen neue Probleme im prozessualen
Recht bei der Ermittlung, Urteilsfindung und -feststellung. So
funktionierten eine Legislative und ein Rechtssystem im Leerlauf.

C. Bedeutung für die Institutionen der Gesellschaft

▪ Repräsentanz und Klassenbildung: Wenn keine Gemeinschaft


mehr existiert, welche sich um alle Fragen des Rechts- und
Normenverständnisses, um Fragen von Werten und des sozialen
Zusammenlebens kümmert, wenn das soziale Zusammenleben an
sich nicht mehr existiert, so kann es so etwas wie Werte und Recht
überhaupt nur noch dadurch geben, dass jemand sich der Sache
annimmt und für alle entscheidet. Es gibt dann aber keine
Repräsentanz mehr, sondern eine völlige Aufgabe und Delegation.
Diese Delegation schafft eine Klasse an Experten, welche die
herrschende Meinung und die Spielregeln der Gesellschaft diktiert.
In einem gutem Szenario, sind diese Menschen empfindsam, wohl
gebildet, von Neugier und Wissen über die Geschichte und das
Menschsein geprägt und es entsteht eine gute Gesellschaft, die
sich nach bestem Gewissen den Interessen der Menschen
insgesamt verschreibt. Ohne aber von der echten Menschheit
wissen zu können, da diese sich nicht mehr zu Wort melden. Gibt
es keine Repräsentanz in der Gemeinschaft, gibt es auch keine
repräsentative Demokratie. Es gibt eine delegierte Demokratie. In
der man die Delegierten, denen man Fremd erscheint und die
Fremd für einen sind, aus Mangel von Alternativen wählt.

▪ Entfremdung und Sekten: Wenn Werte nicht mehr jeden Tag


gelebt und alle Menschen in ihrer Gemeinschaft abgeholt und von
den Werten in der Praxis überzeugt werden, so wird es einfach
anderen Werten hinterher zu laufen. Es kommt zur Sektierung der
Gesellschaft, in der alle diejenigen die Gruppen aus dem Boden
stampfen, welche darauf abzielen Menschen aus der Einsamkeit
und Entfremdung zu holen, um Ihnen wieder Leben zu schenken
und es für sie zu organisieren, ihnen einen Raum für Empfindungen
und Emotionen und Gemeinschaft zu geben. In diesen Gruppen

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hängen die Gesundheit und Menschlichkeit der Gruppe von den
steuernden Führern der Gruppe ab. Wird wirklich jeder dieser
Führer von solchen Gruppen frei von Interessen, frei vom Willen
der Nutzung dieser Gruppe für selbstsüchtige Zwecke sein? Und
wie verhalten sich solche Gruppen, wenn auf einmal sehr viel Geld
von außen an die Führung getragen wird, um die Gruppe einem
Zweck zu unterwerfen? Wenn es darum geht Menschen gegen den
Staat aufzuwiegeln. Oder einen Kultur- und Religionskrieg
anzuzetteln. Menschen aus ihrer Lebensgemeinschaft und dem
Alltag heraus zu holen. Der moderne Staat ächtet staats- und
gemeinschaftsfeindliche Sekten, geht gegen ihre Interessen vor.
Aber es lassen sich nicht alle Gemeinschaften regulieren. Und so
entstehen Parallelgemeinschaften in der Gemeinschaft.

▪ Zweckhaftigkeit von Gemeinschaften: Ein anderes Phänomen ist


natürlich auch das der zweckbestimmten Gemeinschaft. Wenn der
Instagram Star aus dem Dorf X nicht mehr Teil des Dorfes ist; wenn
der Schüler die Stadt Y verlässt, um auf eine Eliteschule in fernen
Landen zu gehen, um seinen Intellekt und seinen Dienst jemand
anderem zu geben. Immer dann, wenn Zwecke und Ziele im Raum
stehen, welche die eigene Gemeinschaft nicht mehr bedienen
kann, dann wird das Leben in der eigenen Gemeinschaft zu einer
schlechten Investition. Man vernachlässigt Werte und
Handlungsweisen, welche beim Aufbau und Pflege der eigenen
Gemeinschaft notwendig sind, man verkümmert durch den
Aufenthalt in der Gemeinschaft, mit der man nichts mehr zu tun
haben will. Sowohl als Mensch als auch in der Fähigkeit im
Zusammenleben. Man nimmt dies, ohne dessen Bedeutung zu
begreifen billigend in Kauf, um sich auf eine Zukunft in einer
anderen oder besseren Welt zu fokussieren. Dort kommt man dann
als seelenloser und nie in der Gesellschaft integrierter Mensch an.
Man erwartet dort, dass man sich dort dann dennoch integrieren
kann. Man den rechten Menschen begegnet und eine
Gemeinschaft findet und in sie aufgenommen wird. In der man
wieder nicht mit dem Nachbarn, sondern nur den Genossen eine
Gemeinschaft bilden kann. Das kann passieren. Passiert aber auch
des Öfteren mal nicht.

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S e i t e 163 | 246
Kapitel 5: Politische Ideologien

S e i t e 164 | 246
A. Diskussion politischer Ideologien

3. Anarchismus
▪ Ein Grundanliegen, dass seit den Taoisten bereits begonnen
wurde und sich später bei den Antiken Anarchisten finden lässt,
ist das der Wahl der eigenen Gesetze und Glaubenslehren. In der
Tat gab es die Religionsfreiheit und den Schutz des Staates bei der
Umsetzung von Eigentumsansprüchen für eine autarke
Lebensweise damals nicht. Heute kann man problemlos
feststellen, dass jeder sich eine Parzelle Land kaufen kann und sich
darin autark einsperren kann, um dann autark zu leben.

Gegebenenfalls muss man dann noch Grundsteuer zahlen, was


aber kein Problem ist, wenn 100 Menschen ihre Ersparnisse einem
Vermögensverwalter überlassen und dieser aus den Zinsen die
Gebühren zahlt.

Insofern ist der Anarchismus heute vollkommen realisierbar. Man


hat auch nicht mehr die Gefahr einfach erschlagen zu werden,
wenn man sich von der Gesellschaft entfernt und auf einem Berg
verschanzt. Denn auch dort ist heute die Staatsgewalt hinreichend
aktiv. Damit ist diese Form des Anarchismus jederzeit realisierbar.

▪ Die Notwendigkeit die gesamte Bevölkerung zu Bekehren und den


Herrscher auszuhungern ist nicht mehr nötig. (Wistanley). Die
Obrigkeit greift auch nicht mehr auf die private Urteilskraft ein
(Godwin). Jeder kann heute jedwede noch so irrige Meinung
vertreten und damit hausieren gehen.

▪ Weitere Anarchisten gehen soweit, dass sie die Gesellschaft auch


für diejenigen abschaffen wollen, die kein Problem mit ihr haben.
Diese Anarchisten sind am Ende Faschisten und stehen auf keiner
ideologisch vertretbaren Basis. Denn sie würden dann ja gerade
die Gewalt- und Kontrolle auf Andere ausüben, die sie selbst nicht
wollen.

4. Sozialismus

S e i t e 165 | 246
▪ Wenn es um die Kontrolle der Produktionsmittel durch die
Arbeiter geht, so lässt sich dies heute auch schon zum Teil
realisieren.
o Geht es um das Einkommenspotential von
Kapitalgesellschaften, kann man sich beliebige ETFs kaufen
und voll und ganz an den Gewinnen und Verlusten von
Kapitalgesellschaften partizipieren. Man kann sich das
Risiko und Gewinnpotential sogar aussuchen und in jeder
Anlageklasse um die ganze Welt binnen Sekunden
Eigentümer an den Überschüssen werden.
o Wenn man unbedingt die volle Kontrolle über ein
Kapitalgesellschaft haben will mit samt der Verantwortung,
kann man sie heute fast immer irgendwo gründen.
o Will man in einer Gesellschaft ohne Wettbewerb leben und
Eigentümer allen Kapitals, so kann man den
Anarchistischen Weg gehen, sich ein Stück Land kaufen,
sich dort einsperren und dort eine neue Welt gründen in
der jeder die Produktionsmittel besitzt. Ab einer gewissen
Größe stellt sich die Frage der Repräsentation und es
kommt zu Fraktionierung und Klassenbildung. Dann
spätestens muss man ein neues Stück Land kaufen.
o Will man kein Anarchist sein, und Teil der Gesellschaft, und
will ALLE Kapitalgesellschaften besitzen, dann hat man in
der Tat ein Problem. Denn nicht alle Unternehmen sind an
den Aktienmärkten gelistet. Man müsste sich
zusammentun und fordern, dass alle Unternehmen eine
Pflicht des Handels an der Börse haben. Und man müsste
erwirken, dass auch der am wenigsten von den
Unternehmen verstehende diese auch handeln darf. Heute
gibt es einen so genannten Anlegerschutz.
Aber jedem steht es frei alle Unternehmer anzurufen und
in die Verhandlung zu treten, Gesellschafter zu werden.
Zahlt man dabei genug und kann man genug Wissen
beisteuern, um das Angebot lukrativ zu machen, spricht
nichts dagegen.
o Will nicht nur Anteilseigner sein, sondern im Kollektiv die
Kontrolle über das Management aller Unternehmen haben,
dann kann man sich auch gleich in Luft auflösen.
Demokratisch mit 8 Milliarden Menschen über 50 Millionen
Unternehmen und deren Entscheidungen abzustimmen ist

S e i t e 166 | 246
wohl unmöglich. Wenn man dann aber wieder Delegierte
und Vertreter nutzt, dann stellt sich die Frage, was der
Unterschied zu einem ETF Portfolio ist. Wenn nicht, dass
man den Vertreter nach Können bezahlt und nicht nach
demokratischer Legitimierung. Wenn man das möchte,
dann wird es in der Tat schwierig.
o Wenn man selbst alles Entscheiden will und gerne Faschist
ist, dann kann man sich über die schönsten Probleme der
Abwasserentsorgung ebenso wie über die Bedeutung des
Borkenkäfers, über die Produktion von Gewindeschrauben
und Steueroptimierung Gedanken machen. Oder direkt die
gesamte Wirtschaft sein lassen.

▪ Wenn die nichts Habenden den Habenden aus Neid aber die
Produktionsmittel wegnehmen und diese ausrotten wollen, so
fehlt es an der ideologischen Rechtfertigung.
o Zunächst einmal kann die Zerstörung des Fremdeigentums
aus Neid nicht wirklich als gesunde Basis für eine neue
Gesellschaft dienen. Wer dies mitmacht stützt damit ja
direkt Interessen von Menschen, die aus den übelsten
Emotionen und Motiven etwas Neues schaffen wollen.
Wenn man die Anführer solcher Bestrebungen und ihre
Menschenfeindlichkeit betrachtet, kann man nicht davon
ausgehen, dass sie ihre Motive aufgrund von
Gutmenschentum ausleben. Stattdessen sind sie
vermutlich rational und erhoffen sich durch ihre Klugheit
und ihr Geheimwissen nach der Zerstörung der alten
Machtverhältnisse neue aufzubauen, wo sie ihren Hass und
ihre Machtgier weiter ausleben können. Sind sie in der Tat
naiv und gut, so wird jemand anderes in der Gruppe eben
die Führung wieder übernehmen.
o Wie wir auch gesehen haben werden sich diese Probleme
auch direkt wieder ergeben. Der egalitäre Ansatz lässt sich
nicht durch Revolution, sondern durch ein aufklärerisches
Programm und die Teilnahme an der Zivilgesellschaft
anstoßen, zerfällt aber bei steigender Gruppengröße
wieder durch die Fraktionierung und Unterschiede in den
Fähigkeiten, Motivationen und der Leistung einzelner
Mitglieder.

S e i t e 167 | 246
▪ Wenn es um die Verbesserung der Umverteilung durch die
Herrschaftsklasse an die Arbeiterklasse geht, gibt es viele Wege
dies zu tun.
o Ordoliberaler Ansatz: Versucht über den Staat einen
Ausgleich an Interessen zu erzeugen. Über Gesetze,
Besteuerung, Umverteilung. Und so weiter. Heute muss
man dabei die zwischenstaatlichen Beziehungen
mitberücksichtigen, sofern man sich nicht aus den
Außenhandel zurückziehen möchte und über magische
Wege einen unüberwindbaren Verteidigungsapparat zu
Stande bringt.
o Syndikalistischer Ansatz: Man organisiert sich selbst,
spendet und gibt es an die bedürftigen weiter. Oder man
hilft dem Nachbarn und den Menschen der eigenen
Gemeinde in ihrer Ausbildung und in der Erziehung zu
richtigen werten. Aber bitte mit Vorsicht, denn die
Anarchisten könnten mit diesen Werten ein Problem
haben. Also erst ein Stück Land für diese kaufen.

5. Kommunismus
▪ Die Kommune
o Wenn es um die Erzeugung von Wir Gruppen geht, welche
sich wie die Kommunen in der Stammesgesellschaft
verhalten so obliegt es jedem Menschen seine
Freundschaften und Beziehungen so zu pflegen, dass er
diese Gruppe in der Gesellschaft schaffen kann. Es wird
immer Menschen geben, die dagegen arbeiten. Und
immer, wenn man versucht diese aus der Gesellschaft zu
verstoßen verliert man die Solidarität und Werte, für die
man einsteht.
o Wie unter Anarchismus besprochen, kann man auch
problemlos Land mieten und sich darauf einsperren und
eine Stammesgesellschaft nachbilden. Man kann sich
entscheiden, ob man autark lebt oder weiterhin mit
anderen Mitgliedern der Gesellschaft handelt.
o Wem das alles zu anstrengend ist, der kann natürlich auch
über soziale Netzwerke sich eine geistige Gemeinschaft der
Gleichgesinnten suchen und von der Welt komplett
abkapseln. Bis es zu einem bedingungslosen
Grundeinkommen kommt, wird dies jedoch schwierig,

S e i t e 168 | 246
wenn man nicht über genügend Wohlstand und
Zinseinkünfte verfügt.

▪ Die gesamte Gesellschaft zur Kommune machen


o Es steht heute auch jedem frei nicht nur eine Kommune in
der Gesellschaft zu gründen. Die Plattformisten und
Syndikalisten bemühen sich aktiv um die Rekrutierung von
Mitgliedern und deren Ausbildung in Werten und
Wissensaufbau, um sich weiterhin und stärker in der
gesamten Gesellschaft zu behaupten.
o Die Plattformisten haben auch jederzeit die Möglichkeit
gemeinsame Sparkoten und Spendenkonten anzulegen
und sich unabhängig vom Staat sozial und monetär zu
unterstützen.
o Natürlich muss man Steuern zahlen. Aber man muss sich
dafür auch nicht sorgen das die rund 8 Milliarden
Menschen auf der Erde gegen einen verschwören und man
ermordet wird. Man kann zeitgleich auch fließendes
sauberes Wasser trinken, Sanitäranlagen und Straßen mit
nutzen und kann sogar das Internet und Telefonie nutzen.
Alles dies wäre natürlich nicht möglich, wenn man das Geld
oder die Strukturen des Kapitalismus abschafft. Steuern zu
zahlen ist hier ein geringes Übel für alle diese Vorteile.
o Wem das alles zu viel ist, der kann immer mehr Land kaufen
und Menschen übersiedeln und so in einer Grass root
Bewegung die Welt verändern. Vielleicht kann man sich
damit den Amish zusammentun.
▪ Klassen und Geld abschaffen
o Das kann man sich natürlich Wünschen. Aber wie wir
gesehen haben, existiert Eigentum und Kreditwirtschaft
und damit implizit Geld bereits durch das gemein-
schaftliche Zusammenleben. Aber einer gewissen
Gruppengrößte kommt es aufgrund von Arbeitsteilung und
Fraktionen eben zu Klassen. An diesem Problem des
Mensch-Seins kann man im Grunde wenig tun außer durch
Teilhabe an der Gesellschaft und Aufbau von Sympathie
und Solidarität die Effekte dieser Phänomene reduzieren.
o Selbst wenn man glaubt die Gesellschaft sei klassenlos,
etwa die auf der eigenen Parzelle Land, so übersieht man
womöglich nur das geheime und unsichtbare Geflecht an

S e i t e 169 | 246
Hierarchie und Macht. Weil es gut verborgen ist. Aber
selbst bei zwei Menschen gibt es immer einen, der mehr
Einfluss nimmt als der andere.

6. Marxismus

▪ Hier einige Beispiele, wieso man den revolutionären Marxismus


nicht als Ideologie ernst nehmen sollte und wieso er keine
Entwicklung in der Geschichte darstellt.
▪ Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene kann es natürlich sein,
wenn das kapitalistische System sehr groß wird und Arbeiter
sehr stark ausgebeutet werden, dass diese vom Hass, der
Hysterie und Emotionen erfüllt rebellieren und die Kapitalisten
morden. Das ist durchaus möglich.
o In dem Fall bricht die gesamte Gesellschaft ein, da die
gesamten Koordinations- und Entscheidungsaufgaben und
die Arbeit, die in das Aufrechterhalten des Systems fließt,
auf einmal zusammenbrechen.
o Alle die übrig bleiben wollen das System erhalten und
schlagen rangeln um nun frei gewordenen Positionen, die
zum Erhalt des Systems benötigt werden. Die Arbeiter
bleiben jedoch standhaft und dezimieren weiter bis am
Ende so viele verschwunden sind, dass eben das gesamte
kapitalistische System zusammenbricht und wirklich kein
einziger Tropfen Wasser mehr aus dem Hahn kommt. Es
gibt kein Essen mehr, kein Licht, keine Telekommunikation.
Man kann sich dann mit dem Fahrrad auf Nahrungssuche
machen und hoffen, dass man nicht von einem hungernden
Pistolenträger erschossen und einem vom Schock des
Aufstands paranoid gewordenen Axtträger zerhackt wird.
o Zeitgleich geht damit natürlich auch der Staat bankrott und
die gesamte militärische und polizeiliche Sicherheit geht
verloren. Ist die Revolution also nicht global, kann man auf
die Solidarität der Nachbarn hoffen. Oder man kann sich
mit der feindlichen Übernahme bereits abfinden.
o Das man alle diese Menschen, die diesen Aufstand nicht
wollten, dazu bekommt mit einem zu kooperieren und
freundlich zu sein ist natürlich eine Wunschvorstellung.
Aber es ist vermutlich auch alles kein Problem, sicherlich
kümmern sich die 100 Revolutionäre jetzt um die Erziehung

S e i t e 170 | 246
der 20 Millionen Kinder, die nun in der Gegend herum-
rennen. Und der Postbote von heute Morgen spielt den
Chirurgen. Und der Priester von Gestern wird zum
Polizisten. Und der freundliche Metzger begibt sich in die
Kanalisation, um diese von steckengebliebenen Resten zu
befreien. Und die Friseuse schweißt die auseinander-
fallenden Leitungsrohre und Schienen. Denn jeder
vernünftige Mensch hat mit dem Startschuss der
Revolution die Koffer gepackt und ist von Dannen gezogen.
Da in dem Fall auch wirklich keine Kanalisation mehr
aufgrund der Unterbelastung funktioniert, kommen nun
Seuchen und Ratten ans Tageslicht.
o Man muss sich auch im Klaren sein, dass wenn alles gut
ginge und eine neue Gesellschaft entsteht, wiederum
einige besser vernetzt, führungsfähiger, und ökonomisch
aktiver sind. Jede größere Gruppe wird wieder Anführer
haben, es werden sich Klassen bilden, die Anführer
verbünden sich mit anderen Anführern und so weiter. Das
Einzige was nun fehlt ist der Staat, der einer vollkommenen
Ausbeutung der etwas weniger begabten Menschen
entgegenwirkte. Da wir mittlerweile weltweit keine 10.000
Menschen mehr sind, sondern 8 Milliarden, wird dies
sicherlich sehr lustig. Natürlich sterben erst einmal 6
Milliarden, weil das Wirtschaftssystem
zusammengebrochen ist. Und nun sitzt man mit denjenigen
zusammen die das wussten, wollten und herbeigeführt
haben. Sicherlich handelt es sich bei Menschen, die 6
Milliarden Menschen ermordet haben, um sehr nette
Zeitgenossen, denen es nicht um ihren eigenen Vorteil ging.
Sie taten das alles aus Brüderlichkeit.
▪ Selbst wenn man den Marxismus ernst nimmt
o Der Gedanke das man selbst bei der vollständigen
Zerstörung des Kapitals die Beziehungen, Fertigkeiten und
den Handlungsmut der Elite zerstört hat ist hinfällig. Man
muss diese schon ausrotten. Dies haben die bekannten
Diktatoren des 20. Jahrhunderts auch versucht. Und sind
gescheitert.
o Der Gedanke das hinter jedem verschwundenen Herrscher
nicht der nächste darauf wartet die Macht zu ergreifen ist
ebenfalls utopisch. Die Fähigkeit Redegewandtheit,

S e i t e 171 | 246
Loyalitäten, Gewaltbereitschaft und psychopathische
Ausstattungen für den eigenen Vorteil zu nutzen ist schön
verteilt über die Gesellschaft. Die Strukturen wachsen
immer wieder nach.
o Wie man es auch macht, die Gesellschaft, die wir haben
bricht notgedrungen immer weiter ein und
Produktionsleistung geht verloren. Da man hier nicht wie
ein Chirurg vorgehen kann, kann man sich auf alles gefasst
machen.

7. Kapitalismus

a. Grundbausteine erster Stufe: Die Anerkennung von


Privateigentum und des Kredits haben wir bereits tiefer gehend
betrachtet und sie sind Grundbausteine des menschlichen
Zusammenseins. Wo das Eigentum nicht geschützt ist und man
für seine Beiträge in die Gruppe keinen Kredit erhält existiert
eine Gruppe nicht mehr. Durch das Zusammenleben kommt es
zwangsläufig zu Aufgabenverteilung und dem Tausch von
Leistungen und somit zu einer freien Marktwirtschaft.

b. Grundbausteine zweiter Stufe: Das größere Gruppen von


Menschen nicht alle gleich intensiv miteinander kommunizieren
und Beziehungen pflegen können war ebenfalls offensichtlich.
Es kommt also zwangsläufig zu Abspaltungen. Mit diesen
entstehen Fraktionen. Fraktionen entwickeln ihre Fähigkeiten
bedingt unabhängig voneinander und erzeugen dadurch
unterschiedlichen Kredit und befinden sich im Wettbewerb.
Besitzt jede Fraktion das Eigentum und den Schutz des
Eigentums an ihren Errungenschaften so entsteht Akkumulation
von Eigentum und bedingt dadurch entstehen Klassen. Es lässt
sich kein Alternativmodell hierzu entwickeln, lediglich
Korrekturmaßnahmen. Dabei handelt es sich aber um politische
Maßnahmen. Das Grundkonzept des Kapitalismus – die
Grundbausteine erster Stufe – werden dadurch nicht in Frage
gestellt. Das Konzept der Klasse und Kapitalakkumulation ist
dadurch aber tief in der Gesellschaft verankert.

c. Grundbausteine dritter Stufe: Mit dem Erbrecht, dem Speicher


von Wert und Kredit und Eigentum, der selektiven Heirat und

S e i t e 172 | 246
der fortlaufenden Fraktionierung der Gesellschaft vertiefen sich
Klasseninteressen. Mit der Erhöhung der dadurch
entstehenden Strukturen steigt der Bedarf an Kooperation bei
gemeinschaftlichen Aufgaben und kommt es zu klaren
repräsentativen Aufgaben und Regierungen. Zwar lassen sich
hier verschiedene Formen für den Aufbau von Regierungen,
demokratischer Legitimierung oder Regelungen für das Erb- und
Familienrecht begründen, aber die Grundidee des
Kapitalerhalts über Generationen und die Kapitalakkumulation
und den Klassenerhalt lassen sich damit nicht wegdenken. Auch
hier ist der Kapitalismus nicht durch alternative Modelle
angreifen, denn sie folgen unmittelbar aus der Existenz von
Gruppen. Lediglich ordnungspolitische Maßnahmen können
zunehmend diskutiert werden. Diese betreffen aber nicht den
Kapitalismus.

d. Moderne Debatten: Wenn Netzwerke, Wissen,


Leistungsbereitschaft und Besitz von Kapital
zusammenkommen, dann entstehen klare Machtgefüge, die
sich nun vererben, verfestigen und weiter ausbauen. Das
Geheimwissen lässt sich nur sehr mühsam in
Bildungsmaterialen übersetzen und auch dann nur sehr gering
über Bildungspolitik, syndikalistische Motive und
Gemeinschaftshilfe auf weniger leistungsbereite Mitglieder der
Gesellschaft übertragen. Es lassen sich zwar Besitz- und
Kontrollrechte an Kapital demokratisch legitimeren – etwa über
die Übertragung von Profit- und Kontrollrechten an legitimierte
Organe -, doch werden damit nur neue Klassen gebildet, die
wieder Geheimwissen und Beziehungen anhäufen. Eine
vollständige dauerhafte Gemeinschaftskontrolle von
Produktionsgütern, Beziehungen und Wissen lässt sich de facto
nicht realisieren und es können lediglich Mächte verteilt
werden, welche Anreize dann zerstören und besondere
Kenntnisse und Fähigkeiten von den Schaffern des Kapitals nicht
vollständig berücksichtigen. Zwar ist die Frage der
gesellschaftlichen Organisation, der Bildung, der
Wohlstandsverteilung und der Werte der Gesellschaft
zwingend notwendig um unter der Existenz des Kapitalismus
noch weiter Menschlichkeit zu ermöglichen, aber das
Grundkonstrukt des Kapitalismus, welche Grundprinzipien des

S e i t e 173 | 246
Menschseins darstellen, sind nicht angreifbar oder
wegdisktierbar. Kapitalismuskritik wird somit immer zu einer
Kritik politischer Umstände und komplexer sozialer
Zusammenhänge, die gerade vorherrschen. Eine Kritik am
Kapitalismus selbst ist aber in jeder Hinsicht unfruchtbar.
Auch das Profitstreben wurde oftmals als Kritikwürdiger Punkt
des Kapitalismus angesprochen. Es folgt jedoch unmittelbar aus
dem Konzept des Kredits im gemeinschaftlichen
Zusammenleben. Es weg zu diskutieren oder zu verachten ist
eine Absage an die Gemeinschaft an sich. Möchte man
übermäßigen Profit politisch regulieren, handelt es sich nicht
um Kapitalismuskritik oder Kritik am Profit an sich, sondern es
handelt sich wieder um ordoliberale Einflussnahme.

e. Grundbausteine vierter Stufe: Freie Lohnarbeit und


Vertragsfreiheit sind weitere Konstrukte, die oft mit dem
Kapitalismus in Verbindung gebracht werden. Dabei ist die
alternative zur freien Lohnarbeit die nicht-freie Lohnarbeit oder
Zwangsarbeit, oder die freie nicht entlohnte Arbeit – Ehrenamt
– oder die nicht freie nicht entlohnte Arbeit – Sklaverei. Man
muss nicht lange diskutieren, um am Primat der freien
Lohnarbeit fest zu halten. Im Kapitalismus steht es jedem frei
diese nicht in Anspruch zu nehmen und selbstständig zu
wirtschaften. Dies ist in komplexen Gesellschaften jedoch
zunehmend schwieriger und viele Menschen benötigen die
Lohnarbeit, um an der Gesellschaft teil zu haben. Es kommt
dann wieder zu Verteilungs- und Wertefragen beim Umgang mit
Menschen, die weder zur selbstständigen noch zur entlohnten
Teilhabe an der Gesellschaft befähigt oder zu dieser willens
sind. Im Punkt Vertragsfreiheit gibt es ebenfalls keine
Alternative. Was jedoch diskutiert wird und wo sich die
Entwicklung im Rechtssystem fokussiert ist die Frage nach der
Schutzbedürftigkeit von Menschen, die weder über das Wissen
noch die Information besitzen, um Verträge rational zu
einzugehen. Hier spielen Bildung – wie funktionieren Verträge
und wie wirtschaftet man? -, Kulturpolitik – ist es sinnvoll
Biertrinkend anti-staatliche Parolen zu grölen und sich dafür
bezahlen zu lassen? - , Werte – soll ich dem Nachbarn helfen
oder Videos auf Instagram anschauen? – eine Rolle, aber auch
die Gestaltung von Schutzrechten und Einschränkungen der

S e i t e 174 | 246
Vertragsfreiheit. So sind Sklaverei und sittenwidrige Verträge
verboten, gibt es Konsumentenschutz in Form von
Geschäftsbedingungen, Absatzverträgen oder bei der
Kapitalanlage. Auch hier lässt sich das Grundkonzept, sofern
man Vertragsfreiheit und Lohnarbeit hinzuzählt, nicht
angreifbar, um das Konstrukt des Kapitalismus zu nivellieren. Es
geht um die Frage der ordoliberalen Steuerung von den Folgen
dieser Konstrukte, die in einer Gesellschaft notgedrungen
entstehen.

f. Kritik der Beziehungsebene: Viele Kritiker des Kapitalismus


monieren den zu hohen Fokus der Gesellschaft auf die
Heiligsprechung des Profitstrebens. Zum einen (a), da jeder in
der Gesellschaft nur noch an Profit ausgerichtet handelt; zum
anderen (b), da Profite und deren Maximierung über die
Forderung nach sozialer Gerechtigkeit gestellt werden.
Hierzu kann man sagen, dass (a) im Entscheidungsfeld jedes
Individuums selbst anzusiedeln ist und dass die
Vernachlässigung von Werten und Gemeinschaften für die
individuelle Profitmaximierung ein Problem des Werte- und
Gemeinschaftsverfalls ist, nicht aber des Kapitalismus. Es ist ein
Versagen der politischen Organisation in der Bildungs- und
Wertepolitik. Und ein Versagen jedes Mitglieds in der
Gesellschaft, der Familien und ihrem Erziehungsauftrag und der
Lebensgemeinschaften in Gemeinden und Städten, die
Zivilgesellschaft am Leben zu erhalten.
Zu (b) lässt sich sagen, dass es sich hierbei ebenfalls um ein
politisches Problem der Regierung handelt, die sich von ihrem
Auftrag entfremdet hat und sein Repräsentationsfunktion
aufgegeben hat, um sich den Interessen weniger sehr
einflussreicher Menschen zu widmen. Dabei handelt es sich um
ein Urproblem des menschlichen Zusammenlebens welches
durch Gier, mangelndes Selbstvertrauen in den Wert der
eigenen Gemeinschaft und Fähigkeiten, sowie durch werteloses
politisches Handeln etabliert und in der Geschichte schon zu
sehr viel Ungerechtigkeit geführt hat. Dieses Problem lässt sich
allerdings nicht durch Kapitalismuskritik lösen, sondern nur das
Handeln jedes Einzelnen beim Erhalt der Wertegemeinschaft.

S e i t e 175 | 246
A. Diskussion zur Gestaltung des Staatswesens

1. Die Stellungen unter den Gesellschaftsschichten:

a. Sozialpolitik / Sozialismus: Eine der zentralen Fragen im


Staatswesen befassen sich mit der Frage des sozialen
Ausgleichs. Gesellschaften belohnen die Tüchtigen. Über die
Klassenbildung, strategische Beziehungen und Eheschließung
und Kapitalakkumulation entstehen notgedrungen
Verwerfungen zwischen der Führung und den Geführten. Es
gehört zu den Eigenschaften des Systems, dass die Führung in
ihrer freien Bahn und im ständigen Konkurrenzkampf die
Notwendigkeit des Schutzes der untersten Schichten
vernachlässigt und es zu Verarmung, Aufständen,
Arbeitsunfähigkeit und dergleichen kommt. Es ist Aufgabe der
Regierung eine Ausgleichsfunktion zu realisieren.
(a) Gehälter, Vermögen und Liquidität müssen gesichert
werden.
(b) Der soziale Aufstieg, Hoffnung und Partizipation müssen
gefördert werden.
(c) Die Ausbildung und das Wissen müssen zur untersten
Schicht durchdringen.
(d) Schutz vor exogenen Schocks wie Dürren, Kriegen, usw.
muss auch für diese Gelten.
(e) Das Rechtsystem darf die Herrschaftsklasse nicht
überwiegend bevorteilen.

Solche sozialistischen Ideen kommen sowohl in der staatlichen


Gemeinschaft eines Volkes zu tragen, wie auch bei
Zweckgemeinschaften. So lange genug Überschüsse durch
einen hohen Grad der sozialen Ungleichheit erwirtschaftet
werden, kann eine Gesellschaft eine gewisse Zahl von nicht
zweckmäßigen Menschen mit füttern und sich für deren
Zweckmäßigmachung einsetzen. Je geringer die
Zweckmäßigkeit dabei diskutiert wird, und je stärker man auf
humanitärer Ebene über die Teilhabe, der nicht erfolgreichen
der Gruppe spricht, desto ziviler und Humaner die
Zweckgesellschaft.

S e i t e 176 | 246
b. Wertepolitik / Konservatismus: Mit der freien Entwicklung
und der Eigendynamik von Teilen der Gesellschaften müssen
auch Werte und Grundfeste der Gesellschaft erzeugt werden.
(a) Geschichts-, Sozial- und Gesellschaftswissen muss erzeugt
werden
(b) Grundrechte und Werte und Kultur müssen erhalten
werden
(c) Die notwendigen Wissensbestände für ein gesunde
Teilhabe aller muss gewahrt sein.

Wenn eine Gesellschaft die gemeinsamen Werte verliert und


sich Menschen über andere Werte identifizieren und sich
diesen gegenüber verschreiben, so zerfällt die Gemeinschaft
der Gesellschaft in Untergemeinschaften und das Konstrukt
der Gesellschaft wird gegenüber den einzelnen Gruppen nicht
mehr recht verstanden. Die demokratische Legitimierung der
Aufrechterhaltung der Werte- und Zweckgemeinschaft wird in
Frage gestellt. Die Verteilungs- und Gerechtigkeitsfrage im
Rahmen der „Sozialismus“-Debatte wird nicht mehr für alle
annehmbar geklärt. Es kommt zu Frustration und Unbill
zwischen den Wertegemeinschaften und im schlimmsten Fall
zu einem Bürgerkrieg.

c. Realismus / Nationalismus: Ebenfalls oftmals unterschätzt ist


wie sehr sich Eliten, denen das Gewaltmonopol – z.B. über das
Militär und die Hoheitsgewalt - entrissen wurde und welche
keine gesamtgesellschaftliche Verantwortung mehr besitzen –
da diese Gewalt nicht mehr ihnen gehört - , in ihrer eigenen
Macht überschätzen. Die Realität einer Revolution, eines
Bürgerkriegs, eines Wegsterbens der armen Schichten und der
Niederlage im Militärkonflikt wird bis heute von der Elite
unterschätzt. Es muss also eine Institution in der Gesellschaft
für die Sicherstellung der langfristigen Überlebensfähigkeit der
Gesellschaft geschaffen werden.
(a) Das nationale Interesse und die Kriegsbereitschaft muss
immer vorhanden sein und an erster Stelle stehen.
(b) Das Gewaltmonopol des Staates das niemals unterhöhlt
oder sabotiert werden.

S e i t e 177 | 246
(c) Das Staats- und Regierungswesen darf niemals zur
Marionette, der eben leichtsinnigen und sich überschätzenden
Eliten werden.

2. Die Stellung der Regierung und der Gesellschaft

d. Liberalismus: Die Grundidee des Liberalismus ist es, dass


Menschen so wenig wie möglich vom Staat belästigt werden
sollten. Nur dann ist die Freiheit, die Eigenmotivation, und die
wirtschaftliche Effektivität am höchsten. Dies steht im Konflikt
mit den oben beschriebenen Aufgaben, d.h. mit der
Sozialpolitik, dem Wertekonservatismus und dem Realismus.
Ist ansonsten aber grundsätzlich anzuerkennen und immer ein
erstrebenswertes gut.
Denn der Liberalismus hilft vor den Schatten eines zu starken
Staates.

e. Totalitarismus: Das radikale Gegengewicht zum Liberalismus.


Hier regelt der Staat alles bis in die kleinsten Teile des
Privatlebens. Man kann sich vorstellen, dass die Art und Weise
am Tisch zu sitzen, zu beten und zu essen regelt wird. In seiner
schlimmsten Ausprägung tritt die Gemeinschaft hinter die
Interessen des Staates und die Wirtschaft wird zum Instrument
der Wohlstandsmehrung und Macherhaltung der
Regierenden, was dann aber eher als Faschismus zu
bezeichnen ist. Denn die Ausdehnung des Staates in das
Gemeinwesen ist das bezeichnende Merkmal. Wer den Staat
kontrolliert ist nicht Teil der politischen Organisation.
Wichtig sind aber einige Extreme dieser Staatsform:
(a) Überwachung/Spionagewesen wird zu einem Spitzelwesen
und untergräbt Privatsphäre
f. (b) Eine Werte- und Meinungskultur wird verbindlich.
Abweichungen werden zu Verrat. Die Medien, Spitzel und alle
Kanäle werden für Propaganda und Gleichschaltung genutzt.
(c) Aufgrund der Stärke der Regierung und fehlender Aufsicht
schwindet die Gewaltenteilung
(d) Das Parteienwesen und die Meinungspluralität
verschwinden.
(e) Es kommt zu zunehmender Regulierung von nicht
kontrollierbaren und steuerbaren Teilen der Wirtschaft und

S e i t e 178 | 246
des Privatlebens, was die Willkür des Gesetzes erhöht und die
Wahrscheinlichkeit des Staatsterrors erhöht.

(f) Zeitgleich wird durch den Eingriff in die Wirtschaft und das
Privatleben das Fundament zerstört, welche den Staat an sich
trägt. Wirtschaftskraft und -komplexität schwindet,
Steuereinnahmen gehen zurück, Sparprogramme schwächen
den Kontrollstaat, und es kommt zwangsläufig zu Elend.
(g) In all diesen Szenarien erhöht sich Korruption,
Fraktionsfokus und resultiert unmittelbar der Faschismus.

g. Ordoliberalismus: Ist das wohl gängigste Wort für die goldene


Mitte zwischen einem Laissez-faire Liberalismus und dem
Totalitarismus. Man spricht oft von dem Deutschen weg des
Liberalismus, bei dem eine liberale Gesellschaft das Maximum
seiner theoretischen Möglichkeiten erreicht.

h. Libertarismus: Ist allgemein betrachtet ein anarchistisch


angehauchtes Konstrukt, dass am liebsten gar keinen Staat
hätte. Es wird von denjenigen verfolgt die selbst so viel Macht
besitzen, dass sie den Schutz ihres Eigentums und ihrer
Interessen selbst und ohne den Staat durchführen können. Da
fast kein Libertärer eine Armee aufstellen und finanzieren
möchte kann man dazu sagen, dass es sich um naive Utopisten
handelt, welche die Grundsteine unserer globalen Gesellschaft
nicht vollständig durchdrungen haben. Wenn Libertäre etwas
konstruktiver und differenzierter sprechen, geht es aber
meistens um Subventions-, Fiskal- und Geldpolitik. Also um die
Frage der makroökonomischen Steuerung. Oftmals sind
Libertäre leidenschaftlich von ihren eigenen Werten und der
Macht zum Selbsterhalt und den Sozialdarwinismus
beschäftigt und glauben das die Existenz von Armut und
Ausbeutung ein Problem des Individuums, aber kein Problem
der Gesellschaft ist. Oftmals verstehen Libertäre also das
Armutsgefälle und die Situation in den ärmsten Ländern und
die Beziehung zur Weltgeschichte nicht. Oder es handelt sich
um Rhetorik.

i. Rechtlicher Liberalismus vs. Rechtliche Sozialismus:

S e i t e 179 | 246
Ein Hauptproblem in den Debatten der Freiheit ist die
Vertragsfreiheit. Diese ist immer sehr konkret mit der obersten
rechtlichen Maxime zu verstehen: Alle Menschen sind vor dem
Gesetz gleich. In den Ausführungen über die Entstehung von
Siedlungen und das Vertragsrecht wurde klar, dass Gewinne
über Informationsassymetrien erzeugt werden können.
Zeitgleich wurde das Schutzrecht einzelner klar. Heute haben
wir Fernabsatzvertragsrecht, Anforderungen an allgemeine
Geschäftsbedingungen. Beim Handel mit Finanzkontrakten
gibt es klare Einschränkungen der Freiheit entsprechend der
Kompetenz und des eigenen Vermögens. Während sich die
politische Debatte meistens um die Frage der Einmischung des
Staates an sich geht ist ein entscheidender Punkt Außerhalb
der reinen Staatsführung die Gestaltung des Vertragsrechts
und die Schaffung von Schutz- und Ausgleichsrechten.

3. Die Stellung der Gruppe zu anderen Gruppen

a. Grundvoraussetzung: Alle Theorien über die Stellung von


Gruppen untereinander setzen das Konstrukt voraus, das
Gruppen zunächst existieren und ihre inneren
Angelegenheiten autonom vor sich hinleben. Das Grundmodell
dann lautet, dass diese Gruppen in einem anarchistischen
Zustand leben, bei dem die Gruppe als Ganzes sowohl Teil der
Gruppe oder Gemeinschaft im Alleingang als Teil der Gruppe
mit anderen Gruppen frei wechselwirken können und ihre
Ziele durchsetzen.
b. Imperialismus: Ein Imperialismus herrscht immer dann vor,
wenn eine Zweckgemeinschaft glaubt, dass ihr Zweck und ihre
Regeln der gesamten Welt aufgezwungen werden sollen. Bei
Staaten möchten der Staat und seine interne Gruppe andere
Staaten erobern und beherrschen und in sich integrieren. Bei
Gruppen wie etwa Religionen möchte man die Glaubenssätze
und Lebensweisen und Gemeinschaft der gesamten Welt
aufzwingen.
c. Kooporatismus: Zerfällt eine Gesellschaft in klar ab zu
trennende und nebeneinander existierende Gemeinschaften
und versuchen diese Gemeinschaften sich wechselseitig
anzuerkennen und wirken auf ein friedliches Nebeneinander

S e i t e 180 | 246
hin, bei zeitgleicher Erreichung gemeinsamer Ziele, so spricht
man von Kooporatismus. So wird dies heute bei der
Anerkennung der Souveränität von Staaten angenommen,
dass man kooperiert und das nationale Interesse des anderen
respektiert wird. Die Vereinigte Nationen sind eine Institution,
die auf dieser Annahme fußt und alle Einflussnahme an diesem
Zweck vorbei ächtet. In der Politikwissenschaft finden sich
Neoliberalismus und Neorealismus als Strömungen, welche
die Existenz von Staaten und ihr Zusammenspiel grundsätzlich
als gesichert annehmen und dann die Formen von Kooperation
analysieren. Beide Konzepte vermischen dabei die Frage der
Stellung des Staates zu seiner Gesellschaft – z.B. Liberalismus
– mit der Frage der zwischenstaatlichen Beziehungen.
d. Realismus: Eine Strömung der internationalen Beziehungen,
die sich auf andere Gruppen übertragen lässt, fokussiert sich
auf die anarchische Grundidee und besagt das Staaten alles
tun werden um ihren Erfolg gegenüber anderen Gruppen
durchzusetzen und damit auch grundlegend imperialistisch
handeln. Es kann zu Kooperation kommen, zur Stärkung und
Ausnutzung der Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Gruppe,
sowie zur Sabotage der Stärke und Wirksamkeit von anderen
Gruppen kommen. Was gerade getan wird und beobachtbar
ist gilt als Resultat von strategischem Kalkül unter
Berücksichtigung von limitierten Ressourcen in einem hoch
antagonistischen internationalen Umfeld. Dieser Ansatz ist
optimistisch, indem er die Existenz von guten zwischen-
staatlichen Regelungen erlaubt und ähnlich wie bei der frühen
Entwicklung von Stämmen auch die Kooperation als essentiell
hinnimmt. Zeitgleich warnt das Modell aber auch davor, dass
es wie bei Menschengruppen auch schnell zu einem Zustand
der Fraktionierung und des Konflikts bis auf den Tod kommen
kann. Da Staaten noch viel mehr als Menschen über extrem
unterschiedliche Voraussetzungen und Kräfte verfügen
können gilt die Analogie zur Kooperationswilligkeit aus der
Menschengemeinschaft als nicht hinreichend gesichert.
Zeitgleich besagt der Realismus auch, dass Handeln
grundsätzlich irrational sein kann, d.h. das momentane
Interessen und Emotionen und Beziehungen ein Handeln
ermöglichen, welches langfristig nicht rational und effektiv für
die Gesellschaft ist. Ebenso wie es langfristig nicht rational sein

S e i t e 181 | 246
kann die Hälfte eines Stammes aufgrund eines
Fraktionsmachtkampfs zu dezimieren.
e. Liberalismus: Im politischen Liberalismus in den
internationalen Beziehungen geht man hingegen davon aus,
dass demokratische und gesunde Gesellschaften den Konflikt
insgesamt als irrational verstehen und rational handeln. Diese
Theorie muss zwangsläufig vom Primat des Staatshandelns
ausgehen und annehmen, dass keine am Staat
vorbeilaufenden Interessensgemeinschaften um Kontrolle und
macht Buhlen und setzen des Staat als funktionierendes,
dauerhaft Frieden sicherndes Bollwerk gegen alles Böse
voraus. Der Bezug des Begriffs zum Liberalismus in der Frage
wie der Staat die Beziehung zur Gemeinschaft regelt kommt
nun daher, dass der Liberalismus die Relevanz der
Gemeinschaften in der Gemeinschaft, die auch über die die
Volks- und Staatsgemeinschaft hinaus gehen als nicht
regelungswürdig herabstuft und der Vorsicht bei der Ordnung
der Gesellschaft eine Abfuhr erteilt. Liberalismus ist somit
auch hier eine Utopie und ein rhetorisches Mittel, um die
Komplexität der anarchistischeren Realität zu verbergen.
Zeitgleich erlaubt es aber die effektivere Steuerung des
reduzierten Systems.

f. Institutionalismus: Im Institutionalismus sind diese


gleichberechtigten Gruppen bereit Institutionen zu schaffen,
welche ihre Souveränität als Gruppe untergraben können.
Man erhofft sich über diese supra-Gruppenstrukturen und
deren dauerhafte Anerkennung den anarchischen – wo jede
Gruppe als freies Individuum handelt – Schauplatz des
zwischenstaatlichen Lebens zu senken und Regeln für erlaubte
und nicht erlaubte Staatshandlungen aufzuerlegen. Ein
Grundgedanke dieses Systems ist der utopische Gedanke, dass
diese Institutionen das Gewaltpotential einzelner Staaten
dauerhaft unterbinden können und so zu Stabilität führen.
Dem wirkt die Regime Theorie entgegen.

g. Regime Theorie: In der Regime Theorie geht man davon aus,


das alle Institutionen, Kooperationen und liberalen
Errungenschaften auf der Existenz eines Regimes beruhen, das
sich durch die reelle Komplexität von Beziehungen in der

S e i t e 182 | 246
Gemeinschaft und Gesellschaft zwischen den Gemeinschaften
regeln. Der rechtliche und institutionelle und diplomatische
Zustand der Welt ist also Ausdruck der Kräfte der Gesellschaft
zu ihrem Zeitpunkt. Eine Grundannahme der Regime Theorie
ist, dass die erzeugten Regime so lange sie gültig sind in einer
gewissen Breite möglicher Geschehnisse und Beziehungen in
der Gesellschaft zur Stabilität von Institutionen und Verträgen
führen kann und somit die Berechtigung des Liberalismus und
Institutionalismus über die Zeit erlaubt. Ein Regime Wechsel ist
dann aber immer noch möglich, wenn die Stabilität des
Regimes zerbricht. Die Regime Theorie folgt somit dem
Realismus Modell der Welt. Beschäftigt sich im Gegenteil zum
Staats-fokussierten Realismus und seinem Anarchiemodell
mehr mit der Frage wie es zu Regimewechseln kommen kann.
Durch Reformen, durch Revolutionen und radikale Brüche. Ein
solcher Regimewechsel hat sicherlich in den Staaten der
Sowjetunion stattgefunden, nach deren Zusammenbruch. Ein
solcher harter Regimewechsel könnte durchaus möglich sein,
sollte die hegemoniale Stellung der Vereinigten Staaten von
Amerika zerfallen und durch ein Hegemon Stellung Chinas ein
neues Regime etabliert werden.

h. Analyse zu Staaten: Wichtig bei der Betrachtung dieser


Modelle ist, dass alle zunächst einmal auf der
Entwicklungstheorie der internationalen Beziehungen
stammen und den Staat als Primat der Analyse verstehen.
Dabei versteht die Schule des Realismus das der Staat und sein
Handeln nur so stabil und rational sein kann wie die Menschen,
welche die Institutionen des Staates lenken. Eine faschistische
Machtübernahme wird nicht ausgeschlossen und kann die
Kooperationsbereitschaft eines Staates zerbrechen. Ebenso ist
nicht von der Hand zu weisen, dass durch die 68er Bewegung
ein auf Utopien beruhendes liberales Modell der Welt
entstanden ist, welche heute Menschen in der Legislative,
Judikative und in allen Institutionen des Staates prägt. Die
betroffenen Staaten sind dadurch liberaler geworden. Das
gleiche kann jedoch über Generationen hinweg auch in eine
andere Richtung Führung. Das dies der Fall sein kann bezeugt
die aktuelle Verfassung des chinesischen Regierungsapparats.
Zeitgleich spricht die Geschichte Bände, dass ein auf Staaten

S e i t e 183 | 246
beruhendes Konstrukt nicht das Ende der Geschichte
bedeuten muss. Supranationale Interessengruppen wie die die
bodenlosen Klassen oder Wirtschaftsverbände können über
den Staat hinaus Strukturen schaffen, welche den Primat des
Staates als Herrschaftsorgan über das globale
Gemeinschaftsleben aushöhlen und zerstören können.

i. Analyse zu Gemeinschaften: Alles was wir hier über Staaten


besprochen haben trifft genauso auf andere
Zweckgemeinschaften zu. Die Kooperation zwischen
katholischer und protestantischer Kirche, die Kooperation
zwischen anderen Religionsgemeinschaften sind Beispiele
hierfür. Aber auch Sekten, politische Ideologien, Gilden und
Lobbyverbände, Geheimgesellschaften bilden
Gemeinschaften, welche diesen Regeln entsprechend handeln
und sich über diese Modelle analysieren lassen. Wichtig ist,
dass man die Beziehung zwischen solchen Gemeinschaften
gesondert betrachtet und Begriffe nicht vermischt. Der
Liberalismus bei der Analyse von internationalen Beziehungen
ist grundlegend anders zu lesen und zu verstehen als der
Liberalismus in der Gestaltung der Beziehung zwischen Staat
und seinen Bürgern. Diese Begriffe und Ideologien zu
vermischen und dadurch alternative Modelle zu diskreditieren
zeugt von intellektueller Konfusion oder rhetorischer
Manipulation.

4. Mischformen

a. Oligarchie: Grundsätzlich ist eine Gesellschaft oligarchisch.


Versteht man die Entwicklung der Gesellschaft wie hier aufgezeigt
steht es außer Frage das Klassen existieren. Natürlich sind
mächtige Klassen immer deutlich übervorteilt bei der Gestaltung
der öffentlichen Meinung, legislativer Initiativen und auch im
Staatswesen. Von Oligarchie spricht man aber dann vor allem,
wenn die politische Einflussnahme auf den Staat eindeutig ist, und
man nicht mehr von einer hinreichenden Berücksichtigung der
Interessen der Gesamtgemeinschaft sprechen kann. Oftmals
spricht man davon, wenn wegen Partikularinteressen zu Kriegen
führen, wenn das Wohlstandsgefälle sehr ausgeweitet wird oder
Grundrechte und Lebensgrundlagen zerstört werden. Man kann

S e i t e 184 | 246
von einer absoluten Oligarchie sprechen, wenn mehrere
Herrscher gemeinsam ständig das Sagen haben. Oftmals ist das
oberste Organ im Staatswesen aber ein Repräsentant. Selten
wechseln sich die Oligarchen gegenseitig. Russland und China
wären ein Beispiel für einen permanenten Vertreter an der
Staatsspitze. Oligarchien sind natürlich dynastisch.

b. Monarchie: Steht eine Person dauerhaft vor allen anderen


Oligarchen und ist diese Position sogar dynastisch abgesichert, so
spricht man von einer Monarchie. Die Staatsform ist dabei
unbeachtlich. Auch demokratische Wahlen können eine
(unabhängige) Regierung wählen. Entscheidend ist wer am Ende
die Kontrolle hat und wie viel Einfluss man nimmt. Moderner
spricht man von einer Diktatur, doch das ist eine ideologische
Verklärung.

c. Faschismus: Die genaue Bedeutung des Begriffes ist umstritten.


Lehnt man das Wort fascio, den Verein und Bund, also eine kleine
Gruppe, erhält man den einen Teil der Bedeutung. Lehnt man es
an das Wort fasces, das Rutenbündel, so kann man Faschismus als
die Herrschaft einer kleinen Gruppe die nicht mit Wissen und Hirn,
sondern mit Gewalt regiert. Die wohl treffendste Erklärung des
Faschismus ist eine Tyrannenherrschaft. Wenn einer kleinen
Gruppe von Tyrannen es gelingt den Staat zu kontrollieren und
entgegen der natürlichen Geflechte zwischen der Wirtschaft und
dem Regierungssystem zu regieren und sich an der Macht zu
halten, dann kann man dies Faschismus nennen.
De facto ist die tyrannische Herrschaft des Faschismus immer eine
Diktatur und verstärkt den Totalitarismus. Denn Tyrann kann ja
nur sein, wenn sich entgegen die etablierten Machtverhältnisse
gegen diese stellt und seine eigene Machtinteressen gegen diese
durchsetzt. Diese wird sich dabei natürlich wehrend und
versuchen den Tyrannen zu beseitigen. Was dann in erster Linie
zu einer gewaltsamen Machtübernahme führt. Nach der
Übernahme ist die faschistische Gruppe aus allen Richtungen der
Gesellschaft – von den Beamten, den Oligarchen und ggf. dem
Volk selbst – fort Wegs angriffen. Das Staat muss also totalitärer
ausgebaut werden, die stärksten Widersachen müssen, wie man
es historisch nannte, „gesäubert“, d.h. systematisch ermordet
oder beseitigt werden. Der Faschismus wird somit noch schneller

S e i t e 185 | 246
als der reine totalitäre Staat, der sich auch langsam entwickeln
kann, unmittelbar mit der Terrorherrschaft befasst.
Natürlich kann eine faschistische Gruppe nicht nur durch die
gewaltsame Übernahme an die Macht kommen. Auch
demokratische Wahlen können den Faschisten über einen Coup in
die Regierung bringen. Hier gibt Deutschland und Italien zur Zeit
des 2. Weltkrieges genug Zeugung.
Aber man ist und bleibt Tyrann, aus dem Sicht der Oligarchie oder
der Gesamtwirtschaft, wenn man die Interessen der mächtigen
Akteure nicht versteht und bedient und somit zu Verwerfungen
im System führt. Und ist man Tyrann, so muss man mit totalitären
Maßnahmen und Terror gegen die konservativen Kräfte im Staat
vorgehen.

Wie uns die Geschichte lehrt entstehen selbst bei einer fast
vollständigen Säuberung der Gesellschaft von Oligarchen, nach
einer Zeit der Wirtschaftskriese, neue Oligarchen. Oder es gelingt
dem System überhaupt erst durch das Zusammenspiel mit einer
Fraktion der Oligarchen an der Macht zu bleiben.

d. Poligarchie: Unter dem Motto „Mehr ist besser“ ist eine


Poligarchie ein System, bei dem so viele Oligarchen miteinander
im Wettstreit sind, dass sie sich gegenseitig überwachen und das
dabei der Grad der faschistischen Motive geringer wird. Die
Wahrscheinlichkeit am Interesse eines gesunden Staates, der alle
Interessen seiner Bürger sichert, wird höher.
e. Demokratie: Denkt man dieses Konstrukt weiter und erhofft sich
das das gesamte Volk wirklich an der Macht ist, dann geht man
von sehr mündigen Bürgern aus, eine sehr gute Transparenz über
Repräsentanten, die Regierung, über die Oligarchen und die
Medien und öffentliche Diskurse verhilft dem gesamten Volk
sinnvoll die Politik zu steuern, so dass gerecht umverteilt wird,
Wirtschaftsleistung fair erwirtschaftet wird, die Werte der
Gesellschaft erhalten bleiben und niemand totalitären oder
faschistischen Fantasien hinterher laufen kann und das man
gemeinschaftlich neue Kernprobleme entdeckt und mit Interesse
an einer gemeinsamen Lösung arbeitet. Die Demokratie ist in der
Tat ein wünschenswerter utopischer Zustand.

S e i t e 186 | 246
f. Anarchismus: Das was man heute noch ernst zu nehmend als
Anarchisten mit Potential versteht sind im Prinzip ebenfalls
anstrebende Faschisten. Anstatt aus der Mitte des Volkes
Unterstützung zu erbitten und mit Hilfe von Militär oder
Wahlmechanismen an die Spitze zu steigen, versucht man aber
mit terroristischen Mitteln die Institutionen und die Stabilität des
existierenden Systems zu zerstören, um eine dann noch
radikalere, ganzheitlich alle Institutionen und Oligarchen
betreffende Restrukturierung des Staatswesens mit weiterem
Terror und Faschismus aus dem Boden zu stampfen. Man will
schlicht nicht mit den alten Eliten zusammenarbeiten. Und wenn
man scheitert, ist man bereit die gesamte Nation oder das
gesamte Gebilde zu zerstören. Anarchismus arbeitet heute vor
allem im Kleinen und arbeitet an der Zerstörung der Gesellschaft
von Unten und Innen. Man findet diese Art von Anarchismus bei
den radikalen Flügeln der Black Lives Matter Bewegung. Denn es
geht um die Zerstörung von Riten, Werten, Erinnerungen und der
Kultur an sich. Besonders bei den Anarchisten ist, dass sie den
Staat zunächst einmal ablehnen und keine Aussagen zu
irgendeiner politischen Regierungsform machen wollen.

g. Reformistischer Kommunismus: Was ebenfalls noch in unserer


Gesellschaft vorliegt sind weiche Strömungen reformistischer
kommunistischer Bewegungen. Diese wollen den Staat und die
Oligarchie nicht vollständig unterwandern und übernehmen.
Sondern um sinnvolle Gebilde erweitern. Hierzu gehören Kultur-
und Bildungseinrichtungen, Arbeiter- und Wohlfahrts-
organisationen. Alle jene Organisationen die den Staat und seine
Funktionsweise und die Wirtschaft als Leitsystem anerkennen und
sich um die Verbesserung der Lebenslage der Menschen eben
unmittelbar in ausgelagerten Gemeinschaften einsetzen. Lobby-
verbände und Interessengruppen gehören hier ebenso dazu.
Diese Organisationen sind keine Kommunisten im historischen
Sinne, sondern im eigentlichen Sinn. Sie fördern den Gedanken
der solidarischen Selbstorganisation und das Entstehen von
reinen Kommunen in der Gesellschaft, die sich gemeinsam
sinnstiftenden Aufgaben widmet und ggf. über Interessen-
vertretungen in die Wirtschaft und das Staatswesen eingreift.

S e i t e 187 | 246
h. Putschisten: Sind in der Regel an keiner gesellschaftlichen
Änderung interessiert, sondern wollen lediglich einen Platz an der
Spitze. Welche Ideologie sie nutzen ist egal. Sie wollen einfach
aufsteigen und dafür das politische System nutzen. In der Regel
fressen Revolutionen ihre Kinder, weil kein Putschist so viel über
die Komplexität der Gesellschaft wissen kann, um dauerhaft die
vielen Angreifer abzuwehren. Alles befindet sich am Ende über die
Geschichte hindurch im Gleichgewicht und arbeitet weiter nach
vorne. Jeder der einfach einzugreifen versucht und sich in den
Misthaufen setzt kann sich nicht lange halten. Dies funktioniert
nur in sehr kleinen überschaubaren Staaten mit sehr starker
Militärgewalt, mit voller Kooperation der Eliten im Lande und
dann auch nur genau dann wenn eine viel größere Macht das
ganze finanziert.

5. Rhetorische Erfindungen:

a. Nationalsozialismus: Nationalsozialismus ist im Grunde von


seiner Ideologie marxistischer Sozialismus der nicht auf globaler
Ebene, sondern auf der Nationsebene umgesetzt werden soll.
In seiner gedachten Praxis war der Nationalsozialismus kein
Kommunismus, denn die Produktionsmittel sollten in der Hand
der Wirtschaftseliten bleiben.
Durch die Geschichte hat es sich nun aber ergeben, dass man
mit Nationalsozialismus einen totalitären, extrem militärisch
expandierenden, mit Rassenideologie und -utopie zersetzten,
und von Parteifunktionären mit absoluter Macht geführter
Faschismus versteht, der sich zudem wenig für Grund- und
Menschenrechte scherte. Damit ist der Begriff des
Nationalsozialismus komplett zersetzt und unbrauchbar
geworden.
Diese Begriffsverunglimpfung hat sicherlich wenig mit Zufall zu
tun. Die Angriffe auf die existierenden Herrschaftsverhältnisse
und Oligarchie waren bedeutsam und es kam zu beachtlichen
Säuberungen ähnlich wie in Russland und China. Es bestand also
ein vehementes Interesse gegen jedes nationalistisches
Aufbegehren gegen die Oligarchie, sowie jedes sozialistische
Aufbegehren rhetorisch vorzugehen.

S e i t e 188 | 246
Der Begriff, wenn man ihn ernst nimmt, ist ein Konstrukt, bei
dem das nationale Interesse an erster Stelle steht – ein sehr
legitimes Konstrukt -, bei dem der Staat die Kontrolle über die
Wirtschaftseliten – und nicht umgekehrt – hat, und der
sozialistische Ziele bei der Umverteilung durchsetzen möchte.
Er ist vor allem „Nation“-alsozialismus, und nicht Staats-
sozialismus, weil der Wertkonservatismus ebenfalls mit eine
Rolle spielt. An sich also kein „böses“ Konstrukt. Der genaue
Umgang mit der Oligarchie wird hier nicht kodifiziert. Es geht
lediglich darum, dass die demokratische Legitimierung der
Regierung auch das absolute Gewaltmonopol für den Schutz der
Wähler beinhaltet. Es handelt sich also um ein grundlegend
ordoliberales Konstrukt.

b. Nationalismus: Im Grunde bedeutet Nationalismus das alles


staatliche Handeln vor allem dem Interesse der Nation, also
dem Nationalen Interesse, unterworfen wird. Das nennt man
heute Realismus. Es ist an sich die einzige Form wie ein
Nationalstaat überhaupt handeln kann. Die Färbung des
Nationalismus wird heute aber über andere Schauplätze immer
wieder diskreditiert:
i) Expansive militärische Wachstumspolitik
ii) Expansive Imperialistische Diplomatie und Außenpolitik
iii) Fremdenfeindlichkeit und Rassismus als
„Wertekonservatismus“
iv) Totalitärer Herrschaftsanspruch über die Wirtschaft und
das Leben im Staat
Alle 4 dieser Schauplätze haben nichts mit Nationalismus zu
tun. Mehr kann man dazu nicht sagen. Alle 4 Formen dieser
extreme können natürlich in allen ideologischen Formen des
Staates auftreten. Im „Kommunismus“, im „Sozialismus“, und
wie sie alle heißen. Sie entstehen aber nicht daher, dass der
Staat sich dem nationalen Interesse widmet. Sondern in der
Regel bei der Unterwanderung oder falschen Aufstellung der
Regierung, bei fehlender Kontrolle der Beeinflussung von
Militär oder der Bevölkerung durch – man kann es nicht anders
sagen – Menschen mit Macht. Seien es Menschen im Staat –
die Eliten -, Menschen eines anderen Staates – Subversion und
Propaganda – oder nicht an die Idee von Staaten gebundenen
Vagabundeneliten – „Finanzelite“ / „Kriegstreiber“ /

S e i t e 189 | 246
„Massenmedien“.

c. Die freie Marktwirtschaft: Die freie Marktwirtschaft beginnt


dann, wenn Person A mit Person B interagiert. Wenn man sich
liebt und neckt. Wenn man einen Stift teilt. Wenn man Waren
tauscht. Es gibt kein alternative zur freien Marktwirtschaft. Es
handelt sich also wieder um eine ideologische Überladung,
wenn man davon spricht. Natürlich kommt diese
Ideologisierung aus dem „Kommunistischen“ und
„Totalitären“ Lager.
Das was man meinte wenn man von der bösen freien
Marktwirtschaft spricht ist eine Form des Liberalismus, bei
dem der Staat so stark zurück gefahren wird, dass die durch die
kapitalistische Gesellschaftsform entstehenden Verwerfungen
zu unmenschlichen Zuständen führt. Es ist wieder einmal ein
Regierungs- und Staatsversagen.

d. Kapitalismus: Auch der Kapitalismus ist keine Staatsform und


auch keine Wirtschaftsform. Der gesamte Zweck dieser
Abhandlung war ja aufzuzeigen, dass Privateigentum, Handel-
und Arbeitsteilung und wirtschaftliche Beziehungen immer auf
das gleiche hinauslaufen. Es entstehen Klassen, es entstehen
Wohlstandsgefälle, es entstehen Ausbeutung. Wie beim
Nationalismus werden hier andere Schauplätze genutzt, um
den Kapitalismus zu diskreditieren. Kapitalismus ist dann
grausam, wenn Regierungen und Staaten von
Wirtschaftsinteressen, Radikalen oder Irren unterwandert
werden, wenn die Innenpolitik im sozialausgleich, der
Chancengleichheitsschaffung, bei dem Erhalt der Leitkultur
und dergleichen versagt oder der Staat für totalitäre Fantasien,
Faschismus oder außenpolitische Machtinteressen einzelner
ausgebeutet wird. Diese Probleme sind aber jeweils der
Situation entsprechend zu diskutieren. Mit Kapitalismus hat
das nichts zu tun.

e. Kommunismus: Mit dem Kommunismus verbinden wir


oftmals den kollektiven Besitz der Produktionsgüter durch die
Gemeinschaft. Das ist schon im Grund ein vollkommen
rhetorisch zersetztes Konstrukt.

S e i t e 190 | 246
K1: Im Grund lässt sich der Kollektivbesitz der
Produktionsgüter dadurch erzeugen, dass man alle
Unternehmen an die Börse bringt, einen riesigen Fonds
aufsetzt, der alle Anteile hält und alle Menschen oder
Staatsangehörigen kollektiv rein investieren lässt. Darum ging
es aber nie.

K2: Man könnte meinen, dass die Produktivgüter durch das


Volk beherrscht sein sollten. Man würde also das Management
und das Eigentum absetzen, wieder ein Kollektivkonstrukt
einsetzen und alle managen gemeinsam alle unternehmen.
Das ist natürlich de facto nicht möglich. Man müsste also
Repräsentanten ernennen, die das Management übernehmen.
Das wäre dann also ein Managementwechsel unter dem
Eigentumskonstrukt K1. Alle wählen das Management auf der
Gesellschafterversammlung. Auch das meinte man nicht.

K3: Man könnte nun meinen, das Volk wählt sagen wir 100
Manager aus der Mitte des Volkes, die dann in das
Management eingesetzt werden. Sonst alles wie bei K2. Auch
das meinte man nicht.

K4: Man könnte meinen, das Volk wählt Parteifunktionäre.


Und diese werden Manager, um besser bezahlt zu werden und
den Willen des Volkes besser zu berücksichtigen. Auch das
meinte man nicht.

K5: Man könnte meinen die Parteimitglieder kaufen alle


Unternehmen und lassen sich dann als Manager wie bei K4
einsetzen. Auch das meinte man nicht.

K6: Man sollte meinen das Volk zahlt Steuern, mit denen der
Staat Unternehmen kauft, um dann die Parteifunktionäre und
ihre Lakaien dort einzusetzen und zentralistisch die Wirtschaft
zu planen. Das meinten zumindest die Russische Föderation.

Heute muss man sagen, dass das Konzept der Umverteilung


des Eigentums an Produktionsmitteln so wenig Sinn mehr
macht. Man kann klar sagen, dass durch das Listing sämtlicher

S e i t e 191 | 246
Unternehmen an der Börse alle Mittel und Wege im Raum
stehen, sich an Produktionsgütern zu beteiligen. Hier wäre nur
das Unternehmen im Privateigentum noch ein Dorn im Auge.
Wichtiger als dies ist heute aber auch die Produktionspotenz:
d.h. das angesammelte Privatvermögen und die
Verfügungsgewalt darüber. Wenn es darum geht das genaue
Privatvermögen von Menschen bezifferbar und besteuerbar zu
machen wäre damit sicherlich der Menschheit ein großer
Hilfeschritt geleistet. Man kann dann weiter darüber
diskutieren, ob die Lebensleistung eines Menschen oder eine
Familie, die sich zu Milliardären erhoben haben über das
Erbrecht wieder in das Gemeingut übergehen sollte. Oder ob
man gänzlich anders an das Thema herangeht und zum einen
eine Transparenz über das Privatvermögen und den dadurch
erzeugten Handlungen in der Gesellschaft anstrebt. Es wäre
also heute fast interessanter anzuschauen, ob man ab einem
gewissen Vermögen einen derartigen Gewaltanspruch auf die
Wirtschaft hat, dass man Entscheidungen, wie mit diesem
Vermögen umzugehen ist, kritisch diskutierbar und ggf. sogar
demokratisch legitimierbar machen kann. Dies geschieht
bereits über das Gesellschaftsrecht, wenn Kapitaleigner und
Gesellschafter von Amazon, Microsoft und Google über die
Entscheidungen des Managements wachen. Hier kann man
aber auch klar sagen, dass die Transparenz, die Ausbildung und
demokratische und politische Legitimierung dieser
Handlungen nicht da ist, wo sie sein könnte. Dabei handelt es
sich allerdings um ordoliberale Programmentscheidungen.

Alle anderen Themen bei Marx und den klassischen


Kommunistischen Literaten, die sich nicht mit Faschismus-
fantasien und Imperial-Interessen befassen, behandelt
vornehmend Fragen der Bildungs- und Sozialpolitik. So wie
etwa die Entfremdung von Arbeitern.

In diesem Sinne ist das zu lösende Problem ein Versagen der


Nationalstaaten in der Innenpolitik sowie ein Versagen der
Koordination zwischen den Staaten einen gemeinschaftlichen
Rechtsrahmen zu entwickeln, in welchem eine globale
Wirtschaft diese Steuerungselemente überhaupt realisieren
kann. Damit ist das Gesellschaftsproblem des Kommunismus

S e i t e 192 | 246
noch relevant. Der Revolutionsgedanke und der Gedanke der
gesellschaftlichen Neuorganisation sind jedoch im Bereich der
Faschisten-Fantasie anzusiedeln. Zeitgleich lagen die Autoren
richtig mit der Annahme, dass eine Lösung für diese Probleme
nicht auf einzelstaatlicher Ebene gelöst werden kann. Hierzu
ist die Wettbewerbssituation unter den Staaten und der sich
darin befindenden Elite zu stark ausgeprägt, als dass man als
Einzelstaat eine sinnvolle Lösung des Problems im Alleingang
entwickeln könnte.

f. Sozialismus: Es sollte spätestens jetzt klar sein, dass


Sozialismus keine Staats- oder Regierungsform ist. Sozialismus
kann bestenfalls meinen, dass die Ausgleichsinteressen
zwischen dem Großbürgertum und den Armen stärker
berücksichtigt wird. Das ist ein grundlegendes Problem des
Staats- und Regierungswesens. Ein gesunder Staat schafft den
Ausgleich und mehr in der langen Frist das nationale Interesse.
Ein ungesunder Staat versagt und führt zu Verwerfungen. Der
Sozialismus wird oftmals vermischt mit dem Ziel über eine
anarchische Bewegung einen Putsch hervorzurufen, der den
Kommunismus ausruft. Der ideologische Sozialismus ist eine
Farce. Dass es sich dabei um hirnloses Gerede handelt sollte
nun klar sein.

g. Links vs. Rechts: Historisch aus der Zeit der französischen


Revolution und meinte buchstäblich, ob man links saß oder
rechts. Rechts wollte die alten Herrschaftsstrukturen und den
Adel erhalten. Links glaubte an etwas Besseres. An ein
egalitäreres System mit aufgeklärterer Gesellschaft, mit
stärkerer anarchistischem Bild des Individuums und Fortschritt
und sozialen Umwurf. Heute erbt der Begriff noch immer die
Idee das links grundsätzlich progressiv und gesellschaftlich
umwerfend ist – so verwenden es die USA – oder sich für die
Verbesserung der Klassenmißstände (damals der Adel, heute
die Reichen) einsetzen sollte. Weil man sich festgefahren hat
heißt links in den USA also pro-liberal, anti-Staat (das
anarchistische Erbe), progressive Teile der Bevölkerung
stärkend und gesellschaftlichen Umwerfung und Revolution
befürwortend. Im rechten Spektrum stamm aus dem
konservativen Kern das die Gesellschaft erst einmal gut und

S e i t e 193 | 246
Bewahrens wert ist – vs. Umwälzung und „Verbesserung“ -,
das kann vor allem Werte und Institutionen bewahrt und
reformistisch voran geht – keine Revolution. Heute heißt
dieser konservative Anspruch auch das man das nationale
Interesse vor das Interesse liberaler Eliten setzt und sich auch
um die von der Gesellschaft zurück gelassenen nicht trennt. In
Deutschland heißt rechts jedoch vor allem den Status Quo
wahrend, die Werte nicht zersetzend, die Mächte und
Institutionen nicht hinterfragen. Der liberale Progressive ist in
Deutschland jedoch gerne bei der konservativen Elite
angenommen und wird in diese aufgesogen, weswegen das
soziale und Umverteilungsdenken nicht stark im Vordergrund
steht. Es zeigt sich sehr schnell, dass man mit links und rechts
sehr schnell eine Position in einen Topf werfen kann und dann
das Narrativ mit alle denjenigen die es nicht annehmen und
denjenigen die es annehmen führen kann. Denn in der
Diskursgeschwindigkeit von heute kann man die Frage
„Moment, was ist denn nun überhaupt gemeint“ sehr schnell
abbügeln. Die binäre Sichtweise kann genutzt werden, um
sukzessive Menschen hinter das Label zu stecken und diese
dann der Situation entsprechend emotional anzusprechen und
mobil zu machen. Damit handelt es sich bei der Erfindung von
Links und Rechts um ein noch immer aktives und beliebtes,
aber ansonsten nicht wirklich ernst zu nehmendes – aus
philosophischer Sicht - Konstrukt. Das Konstrukt ist relevant,
weil es geglaubt wird,

h. Die Sozialdemokratie: Sei angeblich eine politische Ideologie


der Linken, welche einen reformistischen demokratischen
Sozialismus darstellt. Meint in Wahrheit einfach, dass der Staat
sich um die Soziale Frage im Rahmen der ordoliberalen
Ideologie kümmert.

B. Wirtschaftspolitische Schulen

Die gesamte Debatte zwischen der Österreichischen Schule, Keynes,


Neo-Keynes, Chicago und dergleichen behandelt makroökonomische

S e i t e 194 | 246
Politikentscheidungen und die Verwendung von Steuerns
Mechanismen in der Legislatur, Besteuerung und auch der
Umverteilung. Es wäre jedoch grob fahrlässig diese als politische
Ideologien zu verstehen und fast alle Debatten über die Frage der
„freien“ Marktwirtschaft begehen genau diesen Fehler.

Man muss verstehen, dass fast alle diese Schulen unterschiedliche


Sichten auf die ordoliberale Einflussnahme von auf die Politik des
Nationalstaates haben. Einige von Ihnen bedienen den libertären
Ansatz (z.B. die Austrian School), einige den ordoliberalen Ansatz (z.B.
Keynes) und einige den totalitären Ansatz (z.B. die Schule welche China
und die Tigerstaaten besonders loben). Weiter muss man dazu sagen,
und das wird auch vorwiegend nicht diskutiert, da alle diese Schulen
wieder Täuschungsideologien von reinen Wirtschaftsinteressen
darstellen, das nur weniger wirklich das nationale Interesse von Staaten
bedienen (z.B. der Merkantilismus) und die meisten aus einer globalen
gesamtwirtschaftlichen Sicht kommen, welche den Staat lediglich als
Buchhaltungseinheit versteht. Sie sind von daher vorwiegend liberal bis
libertär und diskutieren die Probleme eine globalen Wirtschaftselite viel
mehr als das Interesse des Nationalstaates.

Aber um es nochmals zu sagen: Sie sind keine politischen Ideologien.


Selbst der klassische Ordoliberalismus, welcher den Staat als Sozialstaat
sieht, erkennt die Identitäts- und Kulturpolitik und das Urproblem des
nationalen Interesses in der Außenpolitik nicht an, sondern sieht im
Staat ein unverwüstliches Gerüst, das auf Dauer die militärische
Sicherheit bereit stellt und den Staat auf den Wettbewerb von
Produktivleistung reduziert.

Deswegen kann man und darf man diese Theorien nicht im Kontext von
politischen Ideologien diskutieren. Die Wirtschaftspolitische Ideologie
ist immer nur eine Handlungsstrategie für einen Staat in der Verfassung,
in der er sich gerade befindet. Da die Anzahl von Schulen in diesem
Bereich, ebenso die Anzahl von politischen Autoren, welche sich im
Detail mit der Organisation des Staatswesens befassen, zu komplex sind
für einen solchen Essay, wird das Thema hier nicht behandelt.

C. Der Staat und seine Grundformen

S e i t e 195 | 246
1. Was wir über die Struktur von Gruppen wissen

▪ Gruppen zerfallen in Fraktionen und Fraktionen treten in den


Wettbewerb und so entstehen politische Interessensphären.
▪ Kapitalakkumulation und Wohlstandsgefälle resultieren
unmittelbar aus dem Eigentumsrecht, was durch die Existenz von
Lebewesen bereits unweigerlich existiert und anerkannt wird.
▪ Große Gruppen lagern kollektive Aufgaben grundsätzlich aus an
repräsentative Organe, welche wir Regierungen nennen.
▪ Regierungen und die Staaten, die sie bilden entwickeln sich
zunehmen autonom von der wirtschaftlichen Gesellschaft, die
eben immer frei marktwirtschaftlich und kapitalistisch ist, und in
welcher Wirtschaftseliten stets stärker werden.
▪ Wirtschaftseliten sind grundsätzlich nicht in der Lage, in ihrem
Konkurrenzdruck, sich sukzessive, um das Wohl der Basis der
Bevölkerung zu sorgen. Es entstehen also ordoliberale
Handlungsmaximen für den Staat. Mittel und Wege diese
Umzusetzen bieten unter anderem wirtschaftspolitische
Ideologien und Institutionen. Diese sind aber nicht mit politischen
Ideologien zu verwechseln.
▪ Ein maßgebliches Problem beim Antagonismus zwischen Staat und
Wirtschaft ist die zunehmende Einflussnahme der Wirtschaft auf
den Staat oder umgekehrt die Infiltration des Staates durch
tyrannische Interessensgruppen. Der Ausgleich dieser beiden
Extreme ist ein zentrales Problem der politischen Philosophie und
Wissenschaft.
▪ Ein weiterer Antagonismus ist der zwischen einem zu liberalen und
nicht handelnden Staat und einem totalitären Staat. Diese
Ausprägungen sind unabhängig davon, wer nun den Staat
kontrolliert.
▪ Maßgebliche Elemente des Staates sind Gewaltmonopole /
Hoheitsrecht in den Bereichen (a) Militär, (b) Legislative, Judikative
und Polizeiwesen, (c) Information und Spionage, (d)
Kollektivabgaben und Steuern und die Erledigung öffentlicher
Aufgaben.
▪ Nicht maßgebliches Element des Staates ist: die Einheit der
Sprache, der Religion, der ethnischen Herkunft, der
Lebensphilosophie, der individuellen und kollektiven Ambition.

S e i t e 196 | 246
2. Kernelemente des stabilen Staates

▪ Die Unabhängigkeit des Staates gegenüber den Interessen


einzelner ist ein Schlüsselfaktor:
▪ (a) Bestechung und Beeinflussen muss dringend unterbunden
werden.
(b) Das Informationsmonopol schützt den Staat vor subversiver
Beeinflussung
(c) Das Gewaltmonopol schützt den Staat vor Militärputschen
(d) Die ideologische Wertneutralität schützt den Staat vor
Partisanen Zielen

▪ Die Anpassung des Staates an die Realität der Wirtschaft muss


gegeben sein:
(a) Die Fähigkeit der Staatsbeamten und Regierenden darf nicht so
schwach sein, dass diese den gesellschaftlichen Realitäten nicht
gewahr sind oder damit arbeiten können.
(b) Eine nicht mit der Realität vertraute Gruppe kann nicht den
Staat übernehmen und sich mit der Gesellschaft an sich anlegen
oder es besteht die Gefahr totalitär zu werden.
(c) Nur wenn die Attraktivität der staatlichen Arbeit hoch genug ist,
lässt sich überhaupt Personal hinreichend beschaffen.
(d) Es ist Hauptaufgabe der Informationsdienste die Staatsbeamten
eingehend auf ihre Eignung, Staatstreue und Sicherheit zu
überprüfen.

3. Die Fundamente des demokratischen Prozesses

Ein starker Staat kann sehr einfach von einzelnen Fraktionen, Eliten
oder Demagogen in Beschlag genommen und dadurch faschistisch und
totalitär werden. Der Versuch dies zu verhindern beschäftigt die
Staatsphilosophie- und Theorie und verschiedene Bewegungen, welche
die Zivilgesellschaft, und damit den Wähler und die Überwacher und die
Beamten des Staates gegen eine solche Perversion des Staatswesen
schützen sollen. Damit der Staat an sich nicht einfach subversiv
übernommen werden kann, haben sich einige Institutionen gebildet.

S e i t e 197 | 246
▪ Wahlprozesse: Nur wenn der Wahlprozess nicht manipuliert und
geregelt abläuft, kann überhaupt eine demokratische Wahl
stattfinden.
▪ Wahlmöglichkeiten: Nur wenn das Wahlsystem auch mehrere
antagonistische Wahlmöglichkeiten bereitstellt, kann es zu
sinnvollen Wahlen kommen. Ein-Parteien-Staaten sind daher nicht
demokratisch. Damit in einem mehr-parteien-Staat die
Wahlmöglichkeiten sinnvoll sind kann und darf es keine
homogenen Parteien geben. Parteien müssen sich intern weiter
ausdifferenzieren, rivalisierende Fraktionen bilden und sich stets
weiterentwickeln. Diese Fraktionierung muss hinreichend
transparent gemacht werden, damit die Programmentscheidung
und die daraus resultierende Option für die Wähler erkennbar
wird. Zerfällt dieser Prozess in der Partei, so werden Parteien
unwählbar. Zerfällt der sinnvolle programmatische Wettbewerb
zwischen den Parteien, so wird das gesamte Wahlsystem
unwählbar.
▪ Kritische Presse: Damit bei der Themenwahl politischer
Programme und bei der Bewertung der Wahlmöglichkeiten keine
Themen unter den Tisch gekehrt werden braucht es ein eine starke
Zivilgesellschaft und eine unabhängige und kritische Presse. Wenn
z.B. eine Doktrin wie das Genderstreaming oder ein „Green new
Deal“ zu diskutieren ist und auf dem Programm steht, muss der
Medienprozess in der Lage sein diese Themen vollständig und
wahrheitstreu zu analysieren und von der lokalen bis zur zentralen
Presse zu synthetisieren und im Rahmen der öffentlichen Debatte,
die durch Medienberichte angestoßen wird, verbindlich und
vertrauenswürdig zu einem Urteil zu leiten in dem entweder die
Relevanz oder nicht Relevanz offen gelegt wird. Wenn die
Prämissen für ein Programm schwach sind, die Relevanz nicht
gegeben ist, und die Interessen nicht adäquat berücksichtigt
werden, muss eine funktionierende Presse in der Lage sein den
Parteien den Wind aus den Programm-Segeln zu nehmen. Weiter
muss eine Presse in der Lage sein zu erörtern, ob die
parteipolitische Position insgesamt überhaupt vertretbar und
sinnvoll ist. Wer sich für sozialpolitische Themen stark macht,
zeitgleich, aber libertäre Legislation vorschlägt oder
Rentensysteme schwächt, der kann nicht als ernst zu nehmende
Partei wahrgenommen werden.

S e i t e 198 | 246
▪ Öffentliche Meinung: Parteien und Presse reagieren mit ihrem
Handeln natürlich auf die öffentliche Meinung. In einem
demokratischen System müssen irrige Meinungen in der
Öffentlichkeit und ihre Herkunft transparent diskutiert werden und
die Einflussnehmenden Quellen offengelegt werden. Irrt die
öffentliche Meinung zu relevanten Themen oder werden sogar die
grundlegende Werte zunehmend zersetzt, ist die Demokratie in
Gefahr.
▪ Wählbare Kandidaten: Sind die Parteiprogramme durch die Presse
und Parteiarbeit sinnvoll erarbeitet, so stellt sich die Frage nach
den wählbaren Vertretern. Diese müssen zuletzt an das Programm
glauben, wertetechnisch für dieses einstehen können, in der Lage
sein über ihr politisches Geschick und Lager das Programm
durchzusetzen. Auch dies aufzuklären gehört zur Arbeit der
Parteien und Medien.
▪ Fähige Administration: Damit ein Staat funktioniert müssen
natürlich auch die ranghohen Beamten und ihre Organisationen
hinreichend ausgebildet sein und in der Lage sein, sich mit den
ihnen betreuten Themen zu befassen.
▪ Öffentliche Transparenz: Die öffentliche Transparenz durch die
Offenlegung von Parteiarbeit, Regierungsarbeit,
Informationskanäle der Presse und Zivilgesellschaft und eine
Debattenkultur muss die notwendige Transparenz geschaffen
werden und auch sinnvoll an alle Teile der Gesellschaft
herangetragen werden. Auch über ein Versagen dieses
Kommunikationskanal an alle Mitglieder der Gesellschaft muss
natürlich transparent sein. Neben der Meinungs- und
Programmdebatte und der Analyse der Funktionsweise des
Regierungsapparats muss natürlich auch die Einflussnahme auf den
Staat und die Regierung hinreichend transparent sein.

Dem gegenüber zu stellen ist das grundlegende Fundament der


lebendigen, werte-gebundenen Zivilgesellschaft. Wir haben das Thema
bereits im Kapitel über Gemeinschaften, Werte und das Rechtswesen
angerissen. Die Herleitung, wieso der Staat zwingend eine starke
Zivilgesellschaft, welche die Funktionsweisen der Elite, des Staates und
seiner Entscheider und der überwachenden Institutionen solidarisch
überwacht und als mögliche Mitglieder dieser Institutionen den Frieden
des Staates und der Gesellschaft überwacht und durchsetzt ist ein

S e i t e 199 | 246
spannendes Thema, das den Rahmen dieses Buches sprengen würde.
Deswegen diskutieren wir dies nicht umfassend an.

Grundlegend ist zu sagen, dass fast alle Verwerfungen unserer


modernen Gesellschaft daher resultieren, dass der Staat entweder zu
schwach gegenüber den Kräften der Gesellschaft ist, und seine
Schutzfunktion nicht mehr wahrnehmen kann. Oder aber der Staat
selbst nicht mehr als unabhängiges, wertegebundenes und an die
Interessen der Bevölkerung gebundenes Konstrukt funktioniert. Das ist
dann aber nie das Versagen des Staates an sich. Sondern das Versagen
des Staates ist ein Versagen der Zivilbevölkerung. In den Schriften zu
den Untergängen von Kulturen und Staaten spricht man hier von
Dekadenz. Gemeint ist damit, dass die demokratische Basis, die
Mündigkeit und politische Teilhabe der Bürger des Staates nicht mehr
umfassend an der Erziehung der Menschen teilhaben, die dann in die
Wirtschafts- und Staatsinstitutionen wechseln. Diese sind dann
wiederum nicht mehr verbunden genug mit der Bevölkerung, sind
entfremdet von den Interessen des Volkes und werden zunehmend
weniger kontrolliert. Da wo Intransparenz über die Funktionsweise der
Gesellschaft entsteht und das bürgerliche Wissen und Interesse sich
verflüchtigt, da scheitert das gesamte Gebilde. Weil eben die
Gesellschaft an sich scheitert.

S e i t e 200 | 246
Kapitel 6: Der föderale Bundesstaat und
Supranationale Strukturen

S e i t e 201 | 246
Die nächste Frage ist natürlich wie aus Stadtstaaten regionale
Staatsformen entstehen, wo sie auf ihre Grenzen stoßen und wie zuletzt
der Bundesstaat entsteht.

Die wesentlichen Argumente, wieso der Kapitalismus nicht


verschwinden wird, sind bereits geleistet. Hier geht es jetzt nur darum
den noch viel komplexeren Überbau über die Stadtgrenze hinweg
nachzuvollziehen. Denn natürlich wird eine Gesellschaft mit mehreren
Städten noch viel komplexer als eine Stadt selbst.

A. Die Entstehung des föderalen Bundesstaates

1. Stadtstaaten wachsen entlang von Gemeinden.

a. Kern-Peripherie Muster um die Stadt: Jede Stadt wird unmittelbar


mit umliegenden Siedlungen Handel aufbauen und Agrargüter
importieren und Produktionsgüter exportieren. Eine Stadt mit
100.000 Einwohnern kann nicht im Stadtgebiet sinnvoll Tiere und
Äcker anlegen, ohne die Wegstrecken so weit zu zerstreuen, dass
sie ihre Produktivkraft verliert. Stattdessen entwickeln sich um
Städte kleinere Städte, um diese Gemeinden, und diese gehen in
die Agrargemeinde über. In diesem hierarchischen Stadt-Land
Gefälle materialisiert sich dann der Handel zwischen den
zubringenden Gemeinden und der Stadt.

Die Städte, oder nun Stadtstaaten, bauen die Verkehrsinfrastruktur


aus und Bündeln alle für den Handel relevanten Foren in der Stadt.
Dort werden auch Preise bestimmt, Handelsverträge geschlossen
und Buchhaltung für das gesamte Gemeinwesen des erweiterten
Stadtstaates geführt. Neue administrative Aufgaben und
Fähigkeiten entstehen ebenso wie Produktionstechniken. Die
Kreativitätswirtschaft bündelt sich in der farbenfrohen Welt der
Stadt.

Erst viel später durch neue Handels- und Transporttechnologien,


wie wir sie heute kennen, löst sich die direkte Beziehung von
Siedlungen zu Dörfern zu Städten zu Handelszentren zu
Hauptstädten und schwächt ab. Die Gemeinden und Städten
bleiben verbunden, wenn es um Ausbildung, politische
Partizipation und lokale Bewegung von Familienverbänden geht.

S e i t e 202 | 246
Die Wirtschaft selbst und das Individuum wird aber aus dem
regionalen Verband herausgelöst und organisiert sich anders neu.
In der frühen Phase der Staatenbildung spielt die Kontrolle von
Güterbewegungen und die Koordination von Wirtschaftsleistungen
zwischen diesen geographischen Orten eine größere Rolle. Erst mit
der Entstehung von Eisenbahn, Autobahn, Schifffahrt und
Luftverkehr löst sich dieses Gebilde.

b. Die Handelselite im Stadt-Land Gefälle: In dieser einfachen Stadt


bildet sich das Großbürgertum in der Stadt, dass zunächst dort
Kapital aufbaut, dann über Handelsbeziehungen mit den Dörfern
und Gemeinden an deren Produktion und Kaufkraft partizipiert.
Schließlich ziehen Produktionsstätten auf das Land und das
Großkapital übernimmt Eigentumsrechte an der Peripherie, um
dort wiederum die eigenständig lebenden Familien in die
Lohnarbeit und Teilnahme am Produktionsprozess voran zu
treiben, um noch mehr Renten abzugreifen. Zeitgleich versuchen
lokale Großbürger aus den Dörfern die Gemeinden an sich zu
binden und mit ihrer Kontrolle über Warenflüsse in die Stadt
einzuziehen und dort selbst Profite abzugreifen und sich ggf. dort
Verbündete zu schaffen und festzusetzen. Am Ende entsteht ein
Netz von Großkapitalisten in den Städten, welche z.T. auch
Landsitze nehmen, und ihren Netzwerken zum Bürgertum in den
Gemeinden und Dörfern. Politische und wirtschaftliche
Interessenverbände entstehen in jeder Siedlung und versuchen
Verhandlungsmacht zu erzeugen.

c. Städte-Beziehungen: Bei dem Aufeinandertreffen von zwei


Stadtstaaten ist immer die Frage zu stellen, ob man
gleichberechtigt miteinander handelt, oder ob eine Stadt zu einer
Vasallenstadt für die andere wird. Dies hat zum einen mit der
Produktivkraft der beiden Städte zu tun. Aber auch mit der
Fähigkeit und Bereitschaft der führenden Klassen beider Städte
sich miteinander zu verbinden und die Fremden in die Netzwerke
der eigenen Stadt herein zu bitten. Ist dies nicht gegeben, so sind
die Städte grundsätzlich antagonistisch. Ist eine von zwei
antagonistischen Städten deutlich wirtschaftlich und militärisch
stärker, so stellt sich die Frage des Krieges notgedrungen.
Der Krieg ist natürlich nur eine Form der Machtübernahme. Man
kann ebenso gut die Stadt von ihrem Handel mit anderen Städten

S e i t e 203 | 246
isolieren, indem man sich gegen diese verschwört. Dann müssen
die Stadt und ihre Elite sich den Umständen fügen.

In beiden Fällen, in der diplomatischen Bezwingung und im


Kriegsfall, so wissen wir aus den Schriften von Machiavelli, stellt
sich die Frage wie sehr die Kultur der Stadt und ihrer Einflusssphäre
Resilienz gegen fremde Kräfte aufbauen konnte. Selbst wenn man
eine Stadt und ihr Gebiet erobert oder diese diplomatisch
bezwingt, kann die innere Konstitution der Stadt und ihre kollektive
Ablehnung der Integration mit anderen zu einer dauerhaften,
separatistischen Bewegung machen, die immer wieder die Freiheit
der Stadt von fremden Einflüssen erringen will. „Die Herzen der
Menschen zu gewinnen“ ist bis heute ein Thema bei der
Fremdbestimmung.

Wenn eine Stadt also dauerhaft nicht zu unterwerfen ist, so muss


sie sich diplomatisch den maximalen Freiheitsgrad erwirtschaften.
Die Städte bleiben dann auf gleicher Ebene und als gesonderte freie
Städte oder Fürstentümer erhalten. Es kommt zu keiner
Konsolidierung des Herrschaftsbereichs und der Regierungen.

Bleiben beide Städte auf gleicher Ebene, so intensiviert das


Großbürgertum die wechselseitigen Beziehungen. Man schlägt
Zelte auf in der anderen Stadt, hat einen zweiten Wohnsitz. Ggf.
expandiert der Betrieb. Oder man heiratet sich ein. Und wächst ggf.
an der Elite der anderen Stadt vorbei in deren Wirtschaftsgebiet.
Während dies bei gleichberechtigten Städten nicht im Kollektiv
geschieht, können einzelne Wirtschaftsakteure dies natürlich
immer wieder annehmen. Tun dies viele über die Zeit hinweg, so
können die Städte doch zu einer gemeinsamen Kultur
zusammenwachsen.

Ist eine Stadt jedoch führend und unterwirft die andere, so siedelt
sich das Großkapital der unterworfenen Stadt wieder in der
führenden Stadt ein, heiratet ein, und beginnt von dort das
politische und wirtschaftliche Geschehen mit zu beeinflussen. Es
funktioniert wieder nach dem Muster von Stadt-Land oder „Kern-
Peripherie“.
Diejenigen die zurückbleiben und festsitzen, weil sie keinen
Anschluss finden, versuchen natürlich über Verbände ihre

S e i t e 204 | 246
Interessen zu schützen oder die Zusammenführung der Städte
wieder zu beenden. Und so zieht sich das z.B. durch das gesamte
Mittelalter.

d. Parallele Fürstentümer: So lange Stadtstaaten auf gleicher Ebene


miteinander stehen und ihre Gesellschaft von der Schlechtigkeit
des anderen Stadtstaates überzeugen können – denn nur so wird
das Volk bei einer Übernahme gegen den neuen Herrscher
rebellieren – leben beide Stadtstaaten als Fürstentümer
unabhängig voneinander. Sie bauen dann um die Einflussphäre des
anderen herum ihre Herrschaft auf und konkurrieren und
kooperieren mit anderen Staaten. So entstehen Fürstentümer. Die
Wirtschaften und Kulturen bleiben autark. Und Militär und
Regierung stabilisieren über Diplomatie und Verteidigung die
Grenzen.

2. Fürstentümer werden zu Bundesstaaten

a. Kern-Peripherie Konkurrenz zwischen Fürstentümern: Genauso


wie Städte und ihre Netzwerke zu Verbänden und Fürstentümern
wachsen, wachsen die Beziehungen zwischen Fürstentümern, die
anfänglich ihre eigenen Armeen aufstellen. Hierdurch entstehen
zuletzt Verbände von Fürstentümern, die dann wieder einen
Oberhaupt für eine föderale Gesamtführungsarchitektur wählen,
die zwischen den Fürsten schlichten, gemeinsame
Kollektivaufgaben organisieren, Steuer erheben und irgendwann
auch militärische Mittel aufstellen und ggf. irgendwann gänzlich
übernehmen. Diese Geschichte finden wir in Europa ebenso wie in
Asien oder bei der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Schaut man auf diese Fürstentümer und denkt man an deren Größe
– vll. bereits Millionen von Menschen – so sind die Überschüsse
und Regierungsapparate groß genug, um richtige Armeen
aufzustellen. Beschränkt sich die Stadtgröße weiter auf 150.000
Menschen und verteilt sich die Einflussphäre auf große Gebiete, so
macht es nur Sinn, dass in dieser Zeit militärische Konflikte häufiger
waren. Denn es ist zu schwer militärische Gruppen schnell von A
nach B zu bewegen. Und es ist zu einfach Handelsstraßen und
Vasallenstädte zu besetzen, anzugreifen.

S e i t e 205 | 246
Bis sich die Sicherheitsapparatur eines Fürstentums entlang
natürlicher Grenzen wie Flüssen und Bergen, und durch
Verteidigungsanlagen und stabile Heere festigt kann dieses Spiel
lange weiter gehen. In der europäischen Geschichte bedarf es
hinzu noch einem komplexen Geflecht an Bündnissen und
Diplomatischen Beziehungen und einer hohen Kohäsion von Eliten
mit ihren Herrschern – über Heiraten, Treueschwüre, Kaisertum –
und was man sich sonst noch so ausdenken kann, um diese Apparat
zu sichern.

Wirklich beendet wurde dieses Spiel in Europa erst durch enorme


Kapitalmengen von überregional tätigen Akteuren und das
Aufkommen von industrieller Produktion und Kriegsführung. Das
dieses Kapital überhaupt erst in so großen Mengen entstand,
verlangte die Kolonialzeit. In China hingegen war man deutlich
früher bereit und fähig sich zu einigen und einen monarchischen
Großstaat zu gründen. Aber dort herrschte auch keine Kirche und
unterstützte den ständigen Fall und Aufbau von Reichen. Die
Komplexität von Institutionen war in Europa also mit Schuld an der
späten Einigung zur Bildung der EU.

b. Nationalstaaten und Grenzen der Expansion: Auf Dauer wird die


geographische Lage, der Außenhandel, die Qualität der
ökonomischen Steuerung und politische Stabilität in den
Föderationen von Fürstentümern dafür sorgen das eine Föderation
entweder über eine Fremde hinaus wächst und diese endgültig in
die Föderation übernimmt, oder man eben als dauerhaft
selbstständige Föderationen existiert.

Diese Expansion wird so lange weiter gehen bis entweder die


Befestigung und die geographische Lage die Eroberung einer
anderen Föderation sehr schwer macht. Oder die andere
Föderation auf vergleichbarem Wirtschaftsniveau ist und kein
Interesse an einer Kooperation hat, weil die außenpolitischen und
handels-Beziehungen so komplex sind, dass man die
Städtegemeinschaften der Fürstentümer und Föderationen nicht
mehr integrieren kann. Oder zuletzt, weil man auch eine andere
Sprache spricht, eine andere Kultur besitzt.

S e i t e 206 | 246
c. Nationalstatten: So entstehen am Ende Geflechte von
Föderationen. Diese sind militärisch haltbar und existieren für
längere Zeit. Sie bilden dadurch eine geschlossene Kultur mit
geschlossenen Beziehungen, Rechtsrahmen, Bräuchen, befestigten
Grenzen und hoher Geheimhaltung der innenpolitischen Themen.

Die anderen Föderationen sind – das ist wohl bewusste Strategie -


kulturell nicht kompatibel, die Eliten nicht zur Kooperation bereit,
und können die Föderation nicht militärisch oder diplomatisch
einnehmen. Kein Fürstentum ist bereit die Stellung in der
Föderation auf Spiel zu setzen, um einer anderen Föderation
beizutreten. Weil dies militärische und wirtschaftliche Sanktionen
beinhaltet. Und weil die wirtschaftliche Verflechtung durch
Handelsbeziehungen, Produktionsketten und politische und
militärische Machtgefüge und durch die Architektur von föderalen
Regierungsstrukturen dies einfach unmöglich macht.

Es entstehen so durch die Außenbeziehungen zwischen den


Föderationen in einem „Checks and Balances“ System mit anderen
Föderationen ein stabiles zwischenstaatliches Konstrukt. In diesen
Konstrukten sind die Eliten der Bourgeoise gefangen und mit Land
und Boden verbrüdert.

Ab jetzt geht es um die Innovationen in der Innenpolitik, welche die


Interessen der föderalen Gemeinschaft und ihrer Mitglieder
berücksichtigen und mehren muss. Das Konzept der
innenpolitischen Entwicklung und in der Außen Beziehung, des
nationalen Interesses etabliert sich.

Handelseliten können weiter über die Grenzen hinweg agieren,


aber sie können die politische Struktur im Staat nicht beeinflussen.
Innenpolitisch entsteht Stabilität und Loyalität zum Nationalstaat.

Durch die wechselseitigen bilateralen Beziehungen verfestigt sich


das Gebilde von Fürstentümern irgendwann und es kommt zu der
Frage der Organisation von Kollektivaufgaben.

3. Aufbau der föderalen Regierungsstruktur

S e i t e 207 | 246
a. Nicht alle können in der Hauptstadt leben: Bei größeren
Nationalstaaten können nicht alle Produzierenden
Großeigentümer ihr Lager in der Hauptstadt aufschlagen. Sie
können aber auch nicht durch ihre Ferne von den kritischen
Entscheidungen, die ihr Interesse berühren, ausgeschlossen
werden. Die Politik der Föderation muss also so gestaltet werden,
dass die Politik der einzelnen Fürstentümer oder Bundesstaaten
berücksichtig wird. Zeitgleich wiederholt sich das Konzept der
Regierung, wie es sich in der Föderation entwickelt, auch auf der
Ebene der Bundesstaaten. Es entstehen Länderparlamente und
Vertreter. Die auch auf der föderalen Ebene die Interessen der
Länder und ihrer Landesfürsten und Eliten vertreten.
Die noch schwächeren Eliten auf der Städte- und Gemeinde-Ebene
bilden ebenfalls politische Verwaltungsstrukturen und bilden
Bezirke.

b. Ausgleichsfunktionen: In Föderationen gibt es immer stärkere und


schwächere Bundesstaaten. Das sorgt für ein Wohlfahrtsgefälle
wie es auch bereits in der Stammesgesellschaft geschieht. Da
Staaten es nicht leisten können das gesamte Regionen in die Armut
fallen, müssen Strukturinvestitionen und „Länderausgleiche“
föderal verhandelbar und mehrheitsfähig sein. Diesen Konflikt
sieht man gerade in den USA bei der Politisierung des Konflikts
zwischen den republikanischen ländlichen Regionen und den
Handels-, Technologie- und Dienstleistungszentren in den
Großstädten. Dort muss man dieses Prinzip also wieder erst
erlernen. Zeitgleich müssen die Wirtschaftseliten sich auch
gemeinsam die Frage stellen, wie aus strukturschwachen Regionen
wiederum Profit geschlagen werden kann. Ein Beispiel in den USA
ist der Aufbau des mittleren Westens als IT Dienstleistungshub.

c. Bilaterale Verbindungen stabilisieren sich in Innen- und


Außenpolitik: Wie angesprochen kommt es zwischen
Nationalstaaten zu bilateralen Beziehungen und diese Stabilisieren
sich. Oftmals sind es dann tatsächlich Sprachgrenzen oder
militärische alte Beziehungen, die dafür sorgen, dass unter den
viele bilateralen Beziehungen wiederum einige enger sind als
andere. Das kann daher kommen das man bei nicht sprechen der
Sprache weniger gerne und oft kommuniziert, und dass sich über
Sprachkreise unterschiedliche Gemeinschaften mit

S e i t e 208 | 246
unterschiedlichen Bedürfnissen und Anschauen verstehen, die
wiederum schwer diplomatisch vereint gelöst werden können.
Hinzu kommen sicherlich Demagogen und Eliten in den einzelnen
Sprachregionen, welche die Sprachunterschiede der Bevölkerung
nutzen, um Grenzen zu anderen Sprachgruppen zu erhärten.
Genau dann, wenn dies ihnen die Machtstellung im eigenen
Sprachraum stärkt und die Verhandlungsmacht des dann kleineren
Geflechts zwischen den Fürstentümern stärkt. So entstehen wohl
auch Nationen.

Die Beziehungen bilden sich auch zwischen Bundesstaaten im


innenpolitischen Verhältnis. Und vermutlich auch zwischen den
Nationalstaaten. Wobei hier aufgrund des nationalen Interesses
vermutlich Beschränkungen auf-oktroyiert werden.

Und das gleiche wiederholt sich auf der Distriktebene. Wo nun


auch politische Beziehungen zwischen Distrikten unterschiedlicher
Bundesstaaten eher nicht geduldet werden. Beziehungen zu
Distrikten anderer Nationalstaaten sind nun aber weniger
gefährlich und eher geduldet.

Nur wenn die Interessenvertretung stark ist und die


Ausgleichsinteressen gewahrt werden können sich die Bezirke und
Regionen stabil und gleichberechtigt entwickeln und eine enorme
Stadt-Land Flucht wird verhindert. Dies sieht man in
zentralistischen Staaten wie Großbritannien und Frankreich zum
Beispiel nicht gewahrt. In Südkorea scheint dies besser zu
funktionieren.

d. Kollektivaufgaben zwischen den Staaten entstehen: Die bilateral


in Verbindung stehenden Nationalstaaten beginnen nun ebenfalls
über kollektive Aufgaben zu sprechen. Das passiert, wie wir heute
sehen, z.B. bei Industrie- und Technologiestandards, bei der
Bewältigung von Transportnetzwerken wie dem Bahnverkehr, in
der Schifffahrt und im Luftraum. Ebenso werden große strukturelle
Investitionen gemeinsam besprochen und koordiniert, so dass man
nicht in Wettbewerb gerät, wo es wegen komparativen Vorteilen
keinen Sinn macht. Damit man Aktivitäten in der Wirtschaftspolitik
und bei Strukturinvestitionen sinnvoll koordinieren kann, muss
man über Zölle, Steuer und Handelsabkommen sprechen.

S e i t e 209 | 246
Ggf. entstehen dann sogar Strukturen mit gemeinschaftlichen
Budgettöpfen. Es werden Maßnahmen gefördert, welche die
kulturelle, rechtliche und wirtschaftliche Integration fördern, um
die wirtschaftlichen Beziehungen zu intensivieren. Was wiederum
das Konfliktpotential einschränkt.

e. Bildungswesen: Wer die Sprache des anderen spricht, kann besser


wirtschaften. Sprachschulen und Studien zur Kultur, Wirtschaft,
Politik und Staatswesen anderer Nationalstaaten werden
unabdingbar. Kultureller Austausch durch internationale Schulen,
Austauschprogramme und Entsendungen entstehen und stärken
die Vernetzung.

B. Die bodenlosen Staaten mischen sich ein

1. Die bodenlosen Gesellschaften mischen sich ein

▪ Es ist wohl zweifelsfrei anzunehmen das die wirtschaftlichen Eliten


extrem wohlhabender Städte und ihrer kolonialen Imperien,
zusammen mit den bodenlosen supranational Verbänden wie der
sich in die Angelegenheiten der Gesellschaften des Bodens
eingemischt haben.

▪ Ihnen ist allen gemein, dass sie den Anspruch auf den Boden und
die Verantwortung über die Gestaltung von militärischer Gewalt
und der Regierung nicht übernehmen wollten, wohl aber auf
Mitglieder der Gesellschaft und Entscheidungsträger aktiv Einfluss
genommen haben.

▪ Es ist nicht auszuschließen, dass die ausbleibende Stabilität im


Europa des Mittelalters nicht nur durch die verqueren dynastischen
Strukturen entstanden sind, sondern die Einflussnahme von außen
hier eine starke Rolle spielte. Während in China Kirche, Finanzadel,
wirtschaftlicher Adel und Militär alle in einem großen
Staatsapparat aufgingen, der eine über Jahrtausende dauernde
dynastische Struktur erlaubte, lebte Europa in einem deutlich
ungeeinteren und antagonistischen Gebilde. Mit Sicherheit
spielten auch andere Probleme eine Rolle. Durch die geographische
Architektur aus Flüssen, Gebirgen, klimatischen Zonen entstanden

S e i t e 210 | 246
schon frühzeitig unterschiedliche Kulturen und Sprachen, die
schwerer zu unterwerfen waren. In China lässt sich das Land von
der See aus nur schwer steuern, da das Meeresufer sich auf den
Osten beschränkt und keine Gebirge dort die Landschaft
zersprengen. In Europe konnte man mit der Schifffahrt durch
Handel – u.A. mit Waffen und Gold - und Diplomatie die einzelnen
abgeschotteten Regionen besser kontrollieren. Aber man darf auch
die Rolle der Kirche und ihres Monopols auf das
Schriftgelehrtentum, die Förderung unterschiedlicher Sprachen
und antagonistischer Eliten, und ihre Hoheit über die Sitte nicht
vernachlässigen. Ebenso wenig wie den zerstörerischen Einfluss
eines sich der Haftung des Bodens entziehenden freien
Finanzwirtschaft, die Gelder für Kriegszwecke vermutlich lieber zur
Verfügung stellte als für gemeinsame Kulturpolitik und
Investitionsmaßnahmen.

▪ Die Relevanz dieser eher spekulativen historischen Betrachtungen


folgt aus dem einfachen Umstand: diese Strukturen entstanden um
Geheimwissen. Es ist und bleibt ein zentrales Thema das
Gegenentwürfe zum Staat und Kapitalismus die Komplexität von
Gesellschaften nicht klar adressieren, sie leugnen oder nicht
verstehen. Denn sie verbirgt sich im Geheimwissen und der
Täuschung. Und diese ist menschlich.

2. Wissen und Staatspolitik – Das Modell Kirche

▪ Wir können noch einmal im Detail die Funktionsweise einer


bodenlosen Religionsgemeinschaft an diesem fiktiven Beispiel der
katholischen Kirche durchgehen. Dies ist natürlich frei erfunden
und soll lediglich die Möglichkeit zeigen, wie man so einen
Machtapparat aufbauen könnte.
▪ Man stelle sich vor, eine Gruppe von Menschen, schafft stark
hierarchische Strukturen, in der von unten nach oben alles
kommuniziert wird, wo niemand einem fremden etwas verrät.
▪ Man stelle sich vor, diese Gruppe schlägt Lager in allen Städten und
Gemeinden auf. Spricht eine eigene Sprache, schreibt eine eigene
Schrift. Besitzt Anwesen, in denen autark gelebt wird. Und von dort
aus schlägt man weitere Zelte auf, in den Zentren der Gemeinden
und Städte. Und man geht raus und überredet alle und jeden
zuzuhören. Und noch viel wichtiger, man überredet die gesamte

S e i t e 211 | 246
Gesellschaft, von dem Ärmsten zu den Reichsten, regelmäßig
vorbei zu schauen und im geheimen Gespräch die eigenen Ängste,
Vergehen, Handlungen und Konflikte, alle jene Emotionen um das
Alltagsgeschehen zu offenbaren. Und damit im Kollektiv die Sozial-
und Machtstruktur in den Städten offen zu legen. So dass jene
Gruppe, diese Informationen sammeln, auswerten und wieder zum
Oberhaupt der Gruppe transportiert.
▪ Man stelle sich vor, diese Gruppe schafft es rhetorisch, sich als
wichtiger und größer als die Mächtigen all jener Städte zu
verkaufen. Sich auch auf die Seite der Armen zu schlagen. Und es
gelingt die Armen gegen die Mächtigen in jeder Stadt zu
mobilisieren. Sie zu Aufständen, Demonstrationen,
Gewaltaktionen und Verbrechen zu überreden. Es gelänge sogar
die geistig besonders schwachen und radikalisier-baren, den
Sektenoffenen in diese Gruppe aufzunehmen und sie zu Assassinen
auszubilden. Und somit eine Basis zu haben, um die Mächtigen in
jeder Stadt anzugreifen und zu erpressen.
▪ Man stelle sich weiter vor, dieses System ist so groß und mächtig,
dass sich im Zentrum die Belange ganzer Städte und Königreiche
zusammentragen und man eingeladen ist, schwach mit den
Mächten der Welt zu spielen.
▪ Wenn man sich dies vorstellen kann, wenn es möglich ist; dann
stellt sich immer die Frage, wieso es nicht so gewesen sein sollte.
Was war also das Resultat der römisch-katholischen Kirche in
Europa? Wenn nicht dieses.

3. Wissen und Finanzierungsnetze – Das Modell der Finanzelite

Auch hier geht es nicht darum, den Finger zu zeigen auf das was
möglicherweise war. Sondern aufzuzeigen, was möglich war, wenn man
eine bodenlose Kultur mit Geheimwissen über Finanzen und
Wirtschaftsbeziehungen betrachtet. Die Glaubwürdigkeit der
Möglichkeit ergibt sich aus den Beschränkungen der Bodenhaftigkeit
und mit der Möglichkeit stellt sich die Frage, wieso es nicht so hätte sein
sollen.

▪ Man stelle sich vor, eine vergleichbare Gruppe hat eine Geschichte,
die sie gegen die Außenwelt eint. Eine Religion, die ihr eigen ist.
Eine Kultur und Sprache die ihr eigen ist. Und eine

S e i t e 212 | 246
Verschwiegenheit gegenüber Fremden, weil man überall als
Fremdling erkannt und nicht als Mitglied anerkannt ist.
▪ Man stelle sich vor, man ist aus günstigen Umständen dazu
erkoren, die Bank-, Wechsel- und Finanzierungsgeschäfte und den
Zins in diesen Gesellschaften zu regeln. Und niemand sonst dürfte
dies tun. Man schlägt ebenso Zelte in allen Gemeinden und an den
Höfen der Regierungen und nahe den Häusern der Wohlhabenden
auf. Doch diese Zelte sind nicht sichtbar, sondern gehen auf im Bild
der Städte.
▪ Man stelle sich vor, alle in dieser Gemeinde ziehen jederzeit von
Stadt zu Stadt und bleiben nur da, wo sie Zugang erhalten zu den
Wohlhabenden. Wo sie Geschäfts machen können. Sie werden in
jeder Stadt schnell ihres Gleichen finden, an den Wechselstuben
und in den Religionshäusern. Und man wird aufgenommen und
angenommen von der eigenen Gemeinschaft. Und jeder weiß vom
anderen in etwa das er Gelder in die Stadt herein und aus ihr
herausschafft. Und jeder steht mit jedem im Wettbewerb darüber,
wer Ereignisse in anderen Städten besser kennt und deuten kann,
wie diese die Handlungen der Bodeneliten beeinflussen, wie diese
dann über ihre Gier, Handlungsdrang und ihre Tüchtigkeit dazu
angehalten sind, Kredite aufzunehmen und neue Taten zu
finanzieren.
▪ Man stelle sich weiter vor, dass auch hier über alle Menschen und
ihre Transaktionen und ihre Guthaben und ihre Reisetätigkeiten
und ihre Netzwerke Buch geführt wird. So dass man sich an den
gemeinsamen Aktionen, am Wettstreit, an den Konflikten und
Kriegen der Bodenklassengesellschaft beteiligen und daraus Profit
schlage kann.
▪ In alle dem ist man in der Lage, das eigene Vermögen stets
unsichtbar zu halten. Man hat womöglich alleine oder in die
Familienbande oder in der Gemeinschaft deutlich mehr Vermögen
als alle in jenen Städten. Aber niemand begreift dies. Alle sehen nur
ihre eigenen Geschäfte. Man redet nicht darüber. Nur diese
Gemeinde sieht alles. Und man bewegt die Mittel vorsichtig und
da, wo sie benötigen werden. So dass es nicht auffällt, wie reich
man ist.
▪ Und nun ist man auch noch in der Lage, die gesamte Staatskasse
und alle Goldreserven über Tauschgeschäfte, Kredite und Handel
aus einer Stadt heraus zu nehmen. Man kann dafür sorgen, dass
der Wert des Geldes in einer lokalen Bodenökonomie vollständig

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entwertet. Alle Menschen in das Chaos und in die Armut fallen. Und
man kann weiter Kredit geben und Waffen beschaffen, die gegen
die Armen verwendet werden. Und noch mehr Kredit und Waffen
geben, damit es zum Krieg kommt.

C. Der Gegenentwurf im Modell Chinas

Wir reden nun über eine halb fiktive Blüte der Monarchie in China in
der Zeit der Legalisten. Han Fei schreibt hier ausgiebig und viele schön
gestaltete Filme aus den Filmproduktionswerken Chinas geben eine
lebendige Färbung für ein idealisiertes Reich der funktionierenden
Monarchie. Im Zentrum steht eine das gesamte Reich organisierende
Oligarchie, an deren Spitze ein Herrscher steht, der in Gottes Gnaden
und als ethisches Leitmotiv vereint mit dem Volk das Volk gegen die
Oligarchen ausspielt. Der Herrscher monopolisiert die Staatsgewalt,
Religion und Sitte; und herrscht mit Spionen und dem Rechtswesen und
strategischer Klugheit über die für ihn im Dienste stehenden
Oligarchen. Als Herrscher des Volkes spielt der Monarch das Volk gegen
die Eliten ebenso aus wie die Kirche dies vermutlich tat. Der idealisierte
Monarch wird einem ordoliberalen, fast sozialistischen Vater des
Volkes, der über die Oligarchen die Wirtschaft lenkt und diese über
Strategie und Taktik wiederum führt. Natürlich ist das so unrealistisch
wie es klingt, aber es ist ein Beispiel für das Zusammenspiel von
Regierung und Oligarchie auf einer Republikebene, die durch einen
„Benevolent Dictator“, also einen Monarchen, oder eben:
Philosophenkönig geführt wird.

Kontrolle über das Militär und das Volk:

1. Schafft der Monarch es, die militärische Mittel an sich und die
Regierung stark genug und gegen die Oligarchen zu binden, so
kann er die Herrschaft erst einmal festigen. Das lässt sich als
Verteidigung gegen die Oligarchen erklären und nützt den
Unterdrückten als „Herrscher des Volkes“ als Mittel gegen die
anderen Aristokraten. Das ist zunächst einmal Sozialismus.

Kontrolle über die Oligarchie

S e i t e 214 | 246
2. Die Aristokraten werden aber nun sagen, dass sie mehr
mitreden müssen und der Herrscher allein nicht alles wissen
kann. Um das Staatswesen wachsen zu lassen, muss der
Herrscher also ein Kabinett aus Ministern zusammenstellen.
Anfangs wird er hierfür wieder auf die Oligarchen vertrauten
und diese ihn bei der Unterstützung in der Regierung bitten.
Zeitgleich sieht er dadurch die Interessen der Oligarchen und
kann darauf eingehen. Er hofft also, dass die Oligarchen ihre
Nachkommen oder sie selbst als Beamte an den Hof kommen
und somit die Kommunikation von Unten nach Oben
gewährleistet wird. Das finden wir klassisch bei Han Fei. Und
sehen wir auch in der schönen Verfilmung zum Sonnenkönig.

Das Rechts- und Moralwesen

3. Damit er sich relativ lange als guter Führer hält, muss der
Monarch sich einen Wertekodex schaffen. Er musst sich also
als ethischer besserer Herrscher positionieren. Dies gilt der
Kommunikation dem Volk gegenüber. Denn er will ja das Recht
und Ordnung überall gilt.

4. Das Recht und Ordnungskonzept sind so aufgebaut, dass


vermutlich 90% der Aktivitäten seiner Oligarchen illegal ist.
Diese versuchen diese Karte natürlich gegeneinander
auszuspielen oder ihre Mitstreiter zur Fraktionsbildung zu
erpressen. Ist der Herrscher gut informiert, kenn er diese
Fraktionsbildung genau und besitzt ebenfalls über belastbare
Informationen. Er hofft aber über die Fraktionsrivalitäten
heraus zu finden, wann wer gegen wen aussagt, und wer zu
wem loyal ist, und wann jemand zu mächtig ist, und er der
politischen Führung durch die Navigation dieser Tücken
überhaupt im Stande ist. Je stärker hier jemand das Recht
bricht, an Einfluss gewinnt und politisch klug taktiert, desto
besser ist dieser als Delegierter des Herrschers. So lange er
eben auch in der Lage ist vor dem Volk als sittentreuer
Herrscher, Beamter und Oligarch aufzutreten.
Vor allem erzeugt dieses Netz der Interaktion und der
ständigen Spionage der Oligarchen untereinander, zu einer

S e i t e 215 | 246
ständigen neuen Positionierung und somit für Transparenz
über den Hofstaat.

5. Zeitgleich müssen alle immer fortwährend, aufgrund von


Akteuren, die von Politik weniger verstehen, ständig dafür
sorgen, dass alle den besten Schein sehen und auf die Ethik
eingeschworen sind. Dadurch wird schnell ersichtlich wer
weniger Schlaue Menschen rekrutiert hat, wer eventuell zu
viel gesehen hat. Und so weiter.

6. Die Rechtsprechung vergibt der Herrscher natürlich an jemand


anderen. Dadurch kann der Herrscher, der selbst dem Recht
unterworfen ist und vom Hofe angegriffen wird, im Zweifelsfall
begnadigen. Der Rest ist jedoch über den Justizprozess
angreifbar.

7. Ganz zentral ist die Architektur zwischen geltendem Recht und


dem Polizei- und Justizverfahren. Am Ende sollen Feinde über
Zeugen und Beweise anklagbar sein, Pöbler verurteil bar sein,
aber die rechtliche Verwertung von Geheimkenntnissen durch
den Hof gegeneinander oder gegen den Herrscher fast
ausgeschlossen sein.

8. Das Ziel dieses System ist die maximale Rivalität und Paranoia
der Oligarchen, die Maximale Transparenz aus dem
Gruppenverhalten. Das System wird ergänzt über die anderen
Informationskanäle.

Kontrolle des Geldes

9. Meritokratie und Beamtenausbildung:


Der Herrscher muss das Regierungsbudget hoch fahren um die
Ausbildung in Ethik und Staatswesen seiner
Kabinettsmitglieder und der weiteren Staatsdiener
organisieren. Die Aristokratie kann nun nicht mehr alles
stemmen. Es müssen normale Leute rekrutiert werden. Ein
meritokratisches System der Beamtenrekrutierung wird
eingeführt. Durch dieses Beamtentum erhält der Herrscher am
Netzwerk der Oligarchie vorbei direkten Zugriff auf das
Sprachrohr des Volkes. Das gleiche Konzept findet sich in der

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Armee, im Justizwesen, bei den Hofangestellten der Königin –
die Damen – und bei den Kastraten. Alle Abteilungen reden
nicht miteinander, sind ihrem System zur Treue, zur
Verschwiegenheit verpflichtet. Dadurch entstehen
Informationsflüsse aus dem ganzen Volk über verschiedene
Kanäle. Der Monarch übergeht also die „Vorkammer
/Zugangszimmer der Macht“ von der Carlo Schmid gesprochen
hat.

10. Damit zentralisiert der Herrscher sein Geheimwissen über den


Zustand des Staates an sich. Zwar ist der damit on par mit den
Oligarchen, kann das Wissen aber bei der Führung der
gesamten Nation den weniger fähigen Aristokraten verkaufen
und über Recht, Administration und ökonomische und
militärische Programme seinen Mehrwert gegenüber den
Aristokraten weiter ausbauen.

11. Dennoch scheitern einige der Aristokraten in der Vorausschau


der Implikationen einzelner Handlungen des Herrschers oder
des Volkes. Es entstehen nun also die ersten Theorien des
„guten Monarchen für das ganze Volk“. Der Aristokratie und
Bürokratie das sorgfältige Management des gesamten
Gemeinwesens für das gesamte Volk auszubilden und ihren
Herrschaftsanspruch über das Volk zu festigen wird zum
Schlüssel. Dadurch wird der Herrscher zu Herrscher des Volkes
und vermarktet sich auch so. Dadurch wird das Volk zur
Verteidigung gegen die Aristokratie und Oligarchie.

So konnte China 3000 Jahre eine Monarchie leben, die nur von
Schwachen Regenten unterbrochen wurde und zu neuen Kaisern
führte.

S e i t e 217 | 246
Kapitel 7: Weltgeschichte in Aktion

S e i t e 218 | 246
A. Öffentliches Diskursversagen

1. Exemplarische Diskurse

▪ Ein zunehmender Diskurs ist die Frage, ob man die


Geschichte abschaffen soll. Ob man Monumente und
Denkmäler beseitigt, weil man ihnen vorwirft, einen
systematischen Rassismus zu erzeugen.
▪ Ein weiterer Diskurs ist die exzessive Beschäftigung mit der
Frage, inwieweit die Interessen von sexueller Identität von
extrem seltener Ausprägung die Gestaltung der Sprache und
deren Verwendung beeinflussen soll.
▪ Ein weiter Diskurs beschäftigt sich mit der Frage, ob man die
Polizei oder den Staat abschaffen sollte. Weil man die
grundlegenden Probleme einer Gesellschaft nicht mehr
nachvollziehen und durchdringen kann.
▪ Ein weiter Diskurs bleibt nach wie vor die Frage, ob man
Militärausgaben komplett herunterfahren soll. Ein Diskurs
der nur durch ein fahrlässiges Missdeuten der Geschichte
und der Stabilität internationaler Beziehungen zu erklären
ist.
▪ Ein weiterer Diskurs beschäftigt sich zunehmend mit der
Frage, ob Kommunismus, Sozialismus und Anarchie nicht
erstrebenswerte Modelle darstellen, die man nun auch
umsetzen solle. Und, dass der Kapitalismus und das
Privateigentum abgeschafft oder Kapital in die Hände der
Arbeiter gegeben werden sollte. Wie dieses Buch hoffentlich
offenlegt, beruhen diese Diskurse auf einem groben
Missverständnis der Wirkungsweise und Effekte solcher
Formen der Gesellschaft.
▪ Ein weiterer Diskurs fokussiert sich auf die gänzliche Ächtung
des nationalen Interesses und des Nationalstaates unter der
Prämisse, dass ein schwacher Staat in einer friedlichen Welt

S e i t e 219 | 246
besser sei. Und, dass jedes ordoliberale Eingreifen als
„Linksradikal“ und sozialistisch verstanden werden solle.
Auch zu diesem Thema wurde ausführlich gesprochen in
diesem Buch.
▪ Insgesamt ist auffallen, wie skurril und absurd die reine
Existenz und die beigemessene Relevanz dieser Diskurse aus
nüchterner Betrachtung ist. Es stellt sich die Frage, wie es
dazu kommen kann.

2. Erweiterter Kontext des Institutionsversagens

▪ Auffallend ist, dass sich die Qualität der Berichterstattung in


den öffentlichen Medien weltweit deutlich verschlechtert
hat. Die Parteilichkeit einzelner Medien, ihres Publikums und
der sich daraus ergebenden Fronten und Horizonte der
Meinungsbreite in den Medien ist etwas, was heute zum
Alltag gehört. Auch finden wir in zunehmend hochwertigen
Medien eine Darstellung von Sachverhalten, die sehr schnell
als oberflächlich, schlecht recherchiert oder von Schmähung
einer Gegenmeinung motiviert verstehen. Der Ton und die
emotionale Aktivierung des Publikums werden oftmals
billigend in Kauf genommen.
▪ In den Technologiesegmenten wie der Internetsuche, in
Plattformen für öffentliche Diskussionen und sozialen
Netzwerken und gemeinschaftlich gepflegten Enzyklopädien
ist das Problem der Parteilichkeit und der Filterblasen
mittlerweile im Konsens verstanden und angenommen
worden. Einfache Themen wie Diskussionen, das
Nachschlagen und Recherchieren sind damit Teil des
Arsenals der politischen Beeinflussung und des
Kulturkampfes geworden. Die Filterblasen sorgen weiter
dafür, dass sich die Sichtweite des Meinungshorizonts
zunehmend verdichtet. Das führt nicht nur zu einer
zunehmenden Spaltung von Meinungen, die sich nicht mehr
über Diskurse zusammenführen und einer verbindlichen und

S e i t e 220 | 246
gesellschaftlich anerkannten öffentlichen Meinung bilden
lassen. Es erzeugt auch zunehmend einen Grad an kognitiver
Dissonanz, Realitätsferne und Verschwörungstheorien,
welche das Spektrum öffentlicher Meinung zunehmend
steuerbar macht.
▪ In den Kultur- und Wissensbildenden Institutionen zeichnen
sich ähnliche Probleme ab. So ist allgemein anerkannt, dass
sich in den Bildungsinstitutionen der Vereinigten Staaten
zunehmen Gesinnungen positionieren, welche aktiv auf das
Wertesystem, die Leitkultur und die Deutung von
historischen Entwicklungen mit politischen Motiven Einfluss
nehmen und einen eigentlich nüchternen und sachlichen
Wissenschaftsapparat zunehmend politisieren und in einen
Kulturkampf verwickeln. Auch in der Erscheinung von
Verlagen gibt es eine Vielzahl von Verlagen welche sich auf
die Bedienung der Bildungsinteressen dieser neuen
Kultureliten verschreiben und zunehmend unlektorierte, und
nahezu sophistische Sachbücher vertreiben, welche der
sachlichen Meinungsbildung im Wege stehen.
3. Eine Hypothese

▪ Es ist auffällig, das die öffentlichen Diskurse und Kräfte,


welche sich hier mobilisieren einen sehr großen Fokus auf
Minderheitsinteressen besitzen und man in allen Medien
und Foren des öffentlichen Lebens nur selten einen aktiv
geführten und in der Breite dieser Medien und Foren
resonierenden Diskurs der Mehrheitsinteressen finden. Das
birgt die einfache Frage: Warum?
▪ Eine Hypothese um dies zu erklären lautet wie folgt:
Während sich die Vertreter der Mehrheitsmeinung
zunehmend mit den realen und alltäglichen Themen und
Problemen der Gesellschaft in den dafür vorgesehenen
Institutionen und Foren einbringt, und aufgrund dessen
keine Zeit für die aktive Teilnahme an Diskussionen in online
Foren und sozialen Medien zur Verfügung stehen hat;

S e i t e 221 | 246
okkupiert diese Nische eine zunehmend nicht in den sozialen
Institutionen und Foren integrierte und an diesen beteiligte
Minderheit diese Kanäle.
So kann man sagen, dass der Arbeiter, der nach seiner
beruflichen Tätigkeit mit der Erziehung und Fürsorge für
seine Kinder beschäftigt ist, sich in den Schul- und
Sozialvereinen seiner Gemeinde einbringt, und mit der
kritischen Diskussion relevanter politischer Themen
beschäftigt und sich über Interessenverbände aktiv mit der
Arbeit von politischen Parteien auseinander setzt, und
zeitgleich den Diskurses von Minderheitsproblemen wenig
Bedeutung schenkt, diese quasi diesen überlasst.
Ein moderner Influencer hingegen verbringt die Zeit
außerhalb seiner beruflichen Tätigkeit jedoch vornehmlich
mit der Vernetzung und Diskussion über soziale Medien und
dem Aufbau von Strukturen und öffentlichen
Gemeinschaften, welche sich weniger um die lokale
Gemeinschaft und politischen Interessen der Mehrheit
beschäftigen, sondern darum möglichst medial verwertbare
und ansprechende Inhalte zu erzeugen. Sei es von der
visuellen Aufbereitung von Demonstrationen, der
Entwicklung plakativer Thesen in sozialen Medien oder dem
aktiv Aufbau von „Followern“ in den sozialen Medien, die
aufgrund mangelnder sozialer Integration ihre Zeit mit der
Predigung von Meinungen aus den sozialen Medien
verbringen.
▪ Man könnte also sagen, dass in den sozialen Medien eine
Parallelwelt entsteht, in der sich Menschen mit viel Zeit – da
nicht an der Zivilgesellschaft und eigenen Gemeinde
teilhabend – zusammen finden, um gemeinsamen
Diskussionen über plakative und gut diskutierbare und
emotional Ansprechende Themen zu diskutieren. Um damit
andere Menschen mit gleicher Disposition abzuholen und an
die sozialen Plattformen anzuschließen, damit diese
wiederum Werbung und Konsumgüter effektiv platzieren
können. Natürlich müssen solche Diskussionen schnelllebig

S e i t e 222 | 246
und einfach gestaltet sein und verleiten nicht dazu, sich
durch Jahrzehnte langes Studium und Mitwirkung in
politischen und gesellschaftlichen Fachgremium als Experte
zu positionieren, sondern lediglich eine Gefolgschaft über
emotionale Sprache zu erzeugen. Natürlich soll dadurch auch
niemand überzeugt werden sich vom Bildschirm weg zu
bewegen und z.B. bei der Pflege von Alten, Kranken, und
sozial schwachen zu beteiligen. Es soll nicht Anreize schaffen,
sich an der Bildung von Interessengruppen in der lokalen
Gemeinde zu beteiligen, etwa um Bildungspolitik zu
betreiben, oder Sport- und Kulturvereine zu gründen. Es geht
darum möglichst weiter nicht in der eigenen Gesellschaft
integriert zu sein.
▪ Ist dem so, so könnte man meinen das sich damit lediglich ein
Forum für Unterhaltung und Meinungsbildung von sozial
desintegrierten Mitgliedern der Gesellschaft bildet. Ein
Sammelbecken für alle diejenigen, die nicht mehr in die
Gesellschaft integriert werden können. Doch diese
Parallelgesellschaft der medialen Influencer und ihrer
Follower ist nun auch die Gruppe von Menschen, die einen
großen Teil ihrer Zeit mit dem Konsum von sozialen und
regulären Medien und Meinungen verbringt und dadurch
zum Publikum dieser wird. Sie finanzieren über ihren Konsum
die Werbeeinnahmen der sozialen und regulären Medien.
Diese passen sich in ihren Narrativen und Diskussionen dann
natürlich diesem Publikum an. So gelangen die
Minderheitendiskurse und zum Teil irrigen Meinungen in den
öffentlichen Raum der Massenmedien. Die Massenmedien
werden zum Komplizen bei der Erzeugung von
Glaubwürdigkeit und Relevanz von Themen, die eigentlich
die von nicht an der Gesellschaft teilnehmenden, und von
dieser vermutlich nur wenig verstehenden Randgruppe.
▪ Dadurch aber, durch die Resonanz in den zentralen Medien,
werden diese Themen jedoch auf einmal Mehrheitsfähig und
stabil. Sie beeinflussen die Parteiarbeit bei der Sondierung
von Themen, die bei den nächsten Wahlen als

S e i t e 223 | 246
wahlentscheidende Motive mitwirken können. Und mit einer
zunehmend in das Wahlalter kommenden jungen
Gesellschaft, die an den zivilgesellschaftlichen Prozessen
nicht mehr angeschlossen ist, die bei ihrer Beurteilung
sozialer Realität auf die sozialen und klassischen Medien
angewiesen sind, werden durch diese Themen mobilisiert.
▪ So entstehen aus der Diskussion über Randthemen in einem
Forum für soziale Randgruppen plötzlich politische
Aktionspotentiale. Die es nun ernsthaft in Frage stellen, ob
historische Denkmäler abgeschafft werden sollen, ob man
das Justiz- und Polizeiwesen abschaffen soll und ob man
99.99% der Gesellschaft für das Interesse einer Minderheit
von 0.01% kollektiv eine dritte Geschlechtsform in die
Sprache hinein forcieren muss.
▪ Auch wenn solche Diskurse geführt werden können und
müssen und der Schutz und die Gleichberechtigung von
Minderheiten und ihren Meinungen für eine Gesellschaft
relevant sind und von der Mehrheit auch angenommen,
befürwortet und auch aktiv gefördert werden. So stellt sich
die Frage ob in derartigen Entscheidungen der
Mehrheitswille noch ausgedrückt wird. Oder ob hier
aufgrund der angesprochenen Dynamik und Wahlkalküle
hier unsinnige Entscheidungen und Prioritäten gesetzt
werden.
▪ Das man sich diesen Fragen und Phänomenen stellen muss,
weist auf eine zunehmende Dekadenz und fehlende
Perspektive von Mehrheitsinteressen und Relevanzen hin. Es
handelt sich um ein klares Versagen der Zivilgesellschaft, in
der aktiv an der Gesellschaft beteiligte Mehrheiten sich nicht
mehr an der medialen Meinungsbildung beteiligen, und die
Führer der medialen Meinungsbildung zunehmend nicht
mehr an der Zivilgesellschaft beteiligt sind. Und Medien
aufgrund ihrer über Werbung finanzierte Symbiose mit den
nicht an der Zivilgesellschaft Beteiligten ihren
Meinungsbildungsauftrag ebenso verfehlt wie die Parteien
bei der über-parteilichen Abstimmung, welche Themen und

S e i t e 224 | 246
Diskurse bei der Programmentscheidung überhaupt zulässig
sein können.

Es ist offenbar, dass hier ein tieferes Versagen der


Zivilgesellschaft vorliegt, welche die demokratischen Prozesse
zunehmend untergräbt.

B. Versagen der Gemeinschaft und Zivilgesellschaft

▪ Wenn in einer Dorfgemeinschaft, diejenigen, die (a) ihren


Kindern über die Erziehung die Werte der Gemeinschaft
vermitteln, und (b) ihren Kindern die Teilnahme an der
unmittelbaren Gemeinschaft – Aufbau von Freunden,
Teilnahme in Vereinen, Betätigung für das Ehrenamt, die
Nachbarschaftshilfe – beibringen; durch dieses Handeln
dafür sorgen, dass ihre Kinder gegenüber denjenigen
Familien, die sich darum nicht kümmern, sondern ihre Kinder
auf den Erfolg in der Schule, in der Karriere und den
wirtschaftlichen Erfolg allein vorbereiten; einen Nachteil
haben, dann zerfällt die Zivilgesellschaft. D.h. genau dann,
wenn es wirtschaftlich opportun ist, asozial zu sein, wird die
Gesellschaft asozial. Was bedeutet dies?
▪ Wenn eine Person ohne sich in die Gesellschaft zu integrieren
zunächst in der Schule mehr Erfolge haben kann, dann auf
die besseren höheren Schulen gehen kann, dort mit höher
gestellten Klassen in Wettbewerb gehen kann, und dadurch
eine noch höhere Stellung in der Gesellschaft erhält, und
dann sogar in die Regierung, wirtschaftliche Elite und
dergleichen aufsteigen kann, und womöglich die
Missachtung der Grundwerte der Gesellschaft sogar wichtig
sind, um erfolgreich in dieser Entwicklung zu sein – wenn
man lügen, stehlen, verleumden und seine Mitmenschen
links stehen lassen muss; und dieser Erfolg nur möglich ist,
weil man den Fokus der Energie und Potentiale auf diesen
Erfolg gesetzt hat, und die Beteiligung am Zivilprozess
vernachlässigen musste; und es akzeptiert ist mit dieser
Strategie zu höchsten Ämtern aufzusteigen, dann ist die

S e i t e 225 | 246
Zivilgesellschaft gestorben. Denn genau dann ist es die
falsche Strategie sich mit zivilgesellschaftlichen Problemen
zu befassen.
▪ Das lässt sich einfach darstellen. Wenn die gesamte
Gesellschaft so erzogen wäre, das der Erfolg in dieser nicht
erlaubt, die zivilgesellschaftlichen Pflichten zu
vernachlässigen, wenn also der Jurist mit dem
Prädikatsexamen kein Richter werden kann, weil er sich nie
für die Gesellschaft interessiert hat; wenn der Elite MBA
Absolvent nicht in den Regierungsstellen oder im
Management von Konzernen arbeiten kann, weil er sich an
der Gesellschaft nicht beteiligt hat, dann wacht die gesamte
Gesellschaft über die Zivilgesellschaft. Und genau dann ist es
opportun und wichtig, dass die Wertevermittlung und die
Teilnahme an der Zivilgesellschaft in den untersten Stufen
der kindlichen Erziehung beginnt, von wo aus sie Menschen
mit Werten und Pflichtverständnis in aller Breite und Tiefe in
die Institutionen und Klassen und Positionen in der
Gesellschaft befördert, da ist die Gesellschaft in ihrer vollen
Breite noch in ihrem Fundament an die Werte und
gesellschaftlichen Pflichten jedes einzelnen gebunden. Und
genau dann kann eine Gemeinschaft, wie wir sie vorgestellt
haben, weiter florierend und existieren und aus dieser die
Legitimation der Staatsräson entstehen.
▪ Aber genau dann, wenn dies nicht mehr der Fall ist, wenn es
opportun wird nicht mehr diese Werte und Pflichten der
Gesellschaft gegenüber in die Erziehung mit einfließen zu
lassen, zerfällt das Fundament der Gesellschaft. Und damit
die Legitimation des gesamten Rechtswesens und damit des
Staates und der Gesellschaft selbst.
▪ Heute haben wir zweifelsfrei den Umstand, dass diese
Werte- und Pflichterziehung in der Basis der Gesellschaft
nicht mehr existiert.
▪ Genau dann aber, kann die Mitte der Gesellschaft gar nicht
mehr an den Institutionen teilnehmen, welche die Struktur
und Komplexität der Zusammenhänge der Gesellschaft

S e i t e 226 | 246
vermittelbar machen. Es entstehen Menschen, denen die
Gesellschaft ein Geheimnis ist. Diese Menschen können dann
aber nicht mehr sinnvoll in der Basis der politischen Parteien
ihre Arbeit leisten. Damit verkümmern Parteien in ihrer
Fähigkeit die Gesellschaft zu verstehen und zu
berücksichtigen. Damit zersetzt sich aber auch die die
Fähigkeit der Parteien, sich für die politische Bildung der
Gesellschaft einzusetzen und parteipolitische Programme
aufzusetzen, die der Gesellschaft dienen. Und damit kommt
es zu Legislatur an der Gesellschaft vorbei. Denn es fehlt an
der Fähigkeit politische Willensbildung zu betreiben.
▪ Es kommt dann aber auch in allen anderen
Regierungsämtern und staatlichen Institutionen zu dem
gleichen Problem. Richter und die Jurisprudenz kann die
Rechtsfolgen und Bedeutung von Normen nicht mehr
gänzlich begreifen und verliert sich im Elfenbeinturm. Das
Polizei- und Geheimwesen ist sicher seiner Legitimität nicht
mehr gewahr und verteidigt leer gewordene Rechtsnormen.
Wirtschaftspolitiker kontrollieren volkswirtschaftliche
Statistiken beruhend auf erlernten Modellen, aber weder die
Modelle noch die Politik kann die Gesellschaft dabei mehr
berücksichtigen. Alle Institutionen und Organe des Staates
fliegen blind mit dem Skalpell in der Hand von Operationssaal
zu Operationssaal und niemand weiß mehr, ob der Patient
genesen oder verstorben ist.

C. Glaubens- und Kulturkriege

▪ Mit diesem Buch sollte klar geworden sein, dass alle


Gemeinschaften kapitalistisch sind. China ist es. Die
Gemeinschaften im Islam sind es. Die katholische Kirche ist
es. Alle erkennen Eigentum an. Alle wollen ihre
Gesellschaftliche Stellung haben und ggf. mehren, d.h. alle
haben ein Kreditwesen. Alle zerfallen in Untergruppen und
Fraktionen und diese sind im Wettbewerb. Alle haben ihre
Herrscher und Klassenhierarchie. Alle müssen
Kollektivaufgaben bewältigen, brauchen Repräsentanten,

S e i t e 227 | 246
Regierungen und Verwaltungsapparate. Natürlich sind die
Muster der Klassen, Hierarchien, Macht und Einflussnahme
nicht überall gleich offensichtlich. Das Geheimwissen und die
Tabus variieren. Auch die Ausprägung des Wettbewerbs und
der Dynamiken zwischen den Klassen ist überall anders. Die
Werte, die rechtlichen Formen – Handel, Geld, Heirat,
Erbschaft -, die Ausgestaltung des Staatswesens, sie können
alle verschieden sein. Aber sie sind alle grundsätzlich
kapitalistisch. Und sie haben alle die gleichen Probleme im
Ausgleich von Interessen, Macht, Gier, Neid, und
dergleichen.
▪ Weiter ist auffällig, dass wir in den USA ein sehr friedliches
Nebeneinander von Kulturen und Religionen haben. Im
Grunde muss man nur das Staatswesen und die Leitkultur
anerkennen, und kann sich dann in dieser als vollkommen
autarke Gruppe – wie bei den Amish – oder als Teil-
abgesonderte Kommune – wie bei den orthodoxen Kirchen –
aufhalten. Oder man kauft Land und schließt sich ein, wie bei
manchen Sekten. Es ist natürlich auch klar, dass man als
solche Gruppe (halb-)autarke Kommune nicht in dem Maße
an der Kapitalakkumulation teilhat, wie eine Gruppe an
Kapitalisten. Man kann als Minderheit auch nicht die Politik
gleich mitbestimmen. Wenn man autark ko-existiert will man
das auch nicht. Denn man kann seine eigene Kultur, Gesetze
und Institutionen ja in der Kommune fast vollständig
ausleben. Man akzeptiert also die Leitkultur, die sich
versucht minimal zu halten bei den Vorgaben an die
kulturelle und religiöse Selbstbestimmung. Und kann dann
zusammenleben. Das ist etwas, was wir in der Geschichte der
Menschheit so noch nicht gesehen haben und ist auch sehr
löblich, wenn man die möglichen Verirrungen der
kapitalistischen Klasse einmal ausklammert.
▪ Wenn man damit auch unzufrieden ist, weil man etwa an
Ehrenmorden festhalten möchte. Oder es nicht akzeptieren
will, dass Menschen um einen herum andere Werte haben,
dann passt das natürlich nicht mehr. Dann ist man auf einmal

S e i t e 228 | 246
auch faschistisch. Denn man will ja den anderen die eigene
Sicht aufzwängen. Man kann dann in der Tat, muss es quasi,
in eine andere geographische Region ziehen.
▪ In diesen anderen Regionen kann man über die lokalen
Gesellschaften dann im Prinzip alles ausleben. Wenn sie
Leguane anbeten und Kinderopfer mögen, dass kann es auch
brenzlich werden. Aber im Grunde können sie das in einem
autarken souveränen Staat so tun. Aber sie müssen natürlich
dann auch den Gesamtkontext der Welt verstehen. Es wird
wieder andere Nationen geben, die wirtschaftlich stärker
sind. Die einen anderen Glauben leben. Aber im Grunde ist
ihnen das ja vollkommen egal. Denn es geht ja um ihre
Autonomie. Und ihre Rechte. In Ihrer Stellung.
▪ Natürlich gibt es dann auch immer welche, die das Glück der
anderen nicht wollen – die Neider -, und die, die anderen ihre
Sicht aufzwingen wollen – die Faschisten. Und es wird immer
diejenigen geben, die eine Kultur an die andere anpassen
wollen. Und diejenigen die sich ihre eigene Kultur
zusammenreimen – sei es historischen Texten entnehmend
oder frei erfunden -, die sich wiederum in die lokale Kultur
oder Kommune einbringen wollen.
▪ Wenn man sich diese Optionen alle anschaut, dann gibt es
bereits sehr viele Optionen. Und man kann nicht behaupten,
dass man einen Religions- oder Kulturkrieg führen muss. Man
kann doch eher annehmen, dass es bei solchen
Kriegsaufrufen entweder um den Aufruf von verbitterten
Menschen geht. Oder aber um Interessen an Macht und
Wohlstand in der eigenen Gemeinschaft.
▪ Es geht also eigentlich nie um die Religion oder Kultur. Es
geht immer um kapitalistische Interessen. Und Religionen
und Kultur, und manchmal auch die eigene Ethnie oder ganz
plump Hautfarbe wird ins Feld geführt. Da ist der Rassismus,
wenn man ihn auf den Plan holt, wieder ein Mittel, um
Menschen an sich zu binden. Es geht bei Kultur, Religion und
Rassismus immer darum, dass jemand andere Menschen für
eine Sache aktivieren und zu einem Werkzeug machen

S e i t e 229 | 246
möchte. Und es geht vermutlich sehr selten darum, den Plan
irgendeines Gottes umzusetzen. Natürlich gibt es diese
Argumentationsmuster. Aber sie sind sicherlich nicht so
dominant, dass sie sich komplett durch die Gesellschaft derer
ziehen, die die kollektive Mobilmachung steuern und – da ist
wieder der Kapitalismus – finanzieren können. Damit man
die Macht und Mittel überhaupt hat, um die Logistik und
Finanzierung von irgendwelchen Kämpfen überhaupt
angehen kann muss man zunächst einmal wieder eine
herrschende Klasse in einem kapitalistischen System sein.
Der derjenige der an der Front stehen soll und nicht den
General spielt, der wird vermutlich gerade an der
Armutsgrenze leben. Nur dann ist er bereits alles hin zu
werfen, um die Zwecke anderer zu erfüllen. Und genau dann
muss der Ausfall seines Einkommens und für die Erfüllung
seiner Grundbedürfnisse ja von irgendwo gewährleistet und
gezahlt werden. Und sei es nur über Reputation und
„sozialen Kredit“.
▪ In diesem Sinn sollte man vermutlich skeptisch sein, wenn
jemand von einem Kampf um Kultur, Religion oder „Rasse“ –
es ist bedauernswert, dass man an diesem Begriff überhaupt
festhält – spricht. Und die erste Frage ist eigentlich immer:
wenn wir Erfolg haben, was passiert eigentlich mit der
Gesellschaft. Müsste man jetzt die gesamte Welt gewaltsam
in die Religion der Sikh überführen, dann wäre von dieser
Religion vermutlich am Ende nichts mehr übrig. Denn die
Aufgaben, die heute in unserem Kapitalismus existieren, sind
immer noch zu erfüllen. Und die bedürfen immer noch der
gleichen Zeit und Intensivität und Entbehrung, die sie heute
kostet. Da bleibt nicht viel Zeit, um religiöse Erleuchtung zu
diskutieren. Und da, wo sie bleibt, ist sie uns heute ja auch
gegeben und wird genutzt.

D. Hegemonialkonflikte China und USA. Eine Deutung

S e i t e 230 | 246
1. Das Liberale Modell des Westens in der Krise

▪ Der Globalismus, oder die neo-liberale Politik, die wir seit Ende des
2. Weltkriegs und dem Fall der Sowjetunion global als herrschendes
Modell haben besagt im Prinzip folgendes: Staaten sollen
grundsätzlich schwach in ihrem Eingriff in das Wirtschafts-
geschehen sein, aber kritische Infrastrukturbereiche stark
schützen.
(a) Schwache Besteuerung und Regulation von Eliten und speziellen
Industrien
(b) Starke Bezuschussung von Forschung, Ausbildung und
Elitenbildung
(c) Wegbereiter institutioneller Rahmenwerke für den Ausbau der
globalen Wirtschaft
(d) Durchsetzer von Nation- und State-Building und Struktur-
reformen
▪ Die Hauptaufgabe der Wirtschaft ist es global gesehen
Beziehungen zu knüpfen, um Unternehmen aufzubauen und in
diese mit kontrollierenden Anteilen zu investieren, um vor allem
folgende Eigenschaften zu gewährleisten:
(a) Sehr hohes Sektor Wachstum, globale Skalierbarkeit und hoch
attraktive Profitmargen, denn am Ende geht es bei der
Wirtschaftskonkurrenz darum, wer die nachhaltigsten und in Bezug
auf das Volumen größten Märkte kontrolliert, aus denen
Gewinnmargen an die Kapitaleigentümer zurückfließen. Denn dies
sorgt für Kapitalakkumulation relativ gegenüber den
Wettbewerbern und somit für nachhaltige Verhandlungsmacht.
(b) Plattformen sind zentral und elementar. Es geht vor allem
darum in der stärksten Ecke jeder Wertschöpfungskette zwischen
vertikaler und horizontaler Struktur des Marktes zu sitzen und sich
als zentrale Plattform zu etablieren. Damit lassen sich Innovationen
in allen Sektoren über den Anschluss an die Plattform anschließen
und Margen über Verhandlungen in Richtung der Plattform
schieben, was eine hohe Gewinnpartizipation ermöglicht. Über die
zentrale Stellung sitzt man im Zentrum des Wirtschaftsgeschehens.
Man beherrscht Standards, Regulation, Entwicklung und Daten.
(c) Infrastrukturleistungen sind von essentieller Bedeutung.
Nahrungs-, Energie- und Transporterzeuger haben nicht nur den
höchsten Druck auf die Lebensfähigkeit einer Ökonomie und
gehören zur nationalen Sicherheit; sie sind auch das Eintrittstor in

S e i t e 231 | 246
Verhandlungen von Außenhandelsverträgen und Druckmittel auf
Regulation.
(d) Infrastrukturleistungen auf der nächsten Ebene wie
Telekommunikation; Datenspeicher und Kapitalmärkte geben
zudem Kontrolle über die Kommunikation.
▪ Der Fokus schwächt die Nationalökonomie: Bereiche mit geringer
Innovation, hoher Geheimhaltung, schwachem Wachstum und
klarem Ausbildungsmodell sind weder bei der Eroberung von
neuen Infrastrukturmärkten noch beim Kampf um Margen-
kontrolle von Bedeutung. Das führt dazu, dass der Fokus des
Kapitals auf diese gering ausfällt.
▪ Genau diese Sektoren gehören jedoch zur industriellen Basis für die
Sicherheitsarchitektur.

Nur wenn strukturschwache Regionen einer industrialisierten


Nation aufgebaut und geschützt werden, kann ein
Strukturversagen verhindert werden. Diese schwächt das
innenpolitische Geflecht des Nationalstaates, der die Bedingung
der Freiheit globaler Expansion ist.

Zeitgleich sind diese Branchen wie Militärtechnologie, Nahrung,


Grundversorgung nicht global mobil, und kämpfen um
Margenattraktivität, indem sie in sektoral schwächere Regionen
gezielt produzieren, um dann wieder Kapital anzuziehen. Das ist
kein nachhaltiges Modell für die Stabilisierung der Sicherheit in
Energie, Infrastruktur, Nahrung und Militär.

Zeitgleich sorgt der Abzug des Kapitals aus dem Industriestaat in


Entwicklungsländer für einen Zerfall des realen Lohnniveaus im
Industriestaat und erhöht das reale Lohnniveau im fremden Staat.
Das ist löblich, da so schneller globale Ungleichgewichte abgebaut
werden. Aber das ist natürlich eine Lüge, dass man dies deswegen
tut. Und man untergräbt damit die Kaufkraft und damit die
Wirtschaftsleistung, die Staatseinnahmen und damit die Stabilität
der Nationalökonomie und des Nationalstaates. Der noch immer
der Garant für alle die Handlungen ist. Man schaufelt sich damit
also das eigene grab.

Kommt es aber zu einem Verhungern-lassen der eigenen Nation, so


zerfällt die Wertgemeinschaft, die demokratische Basis und

S e i t e 232 | 246
Partizipation und somit die Zivilgesellschaft. Genau diese war aber
das Bollwerk, die den Staat daran hinderte faschistisch und totalitär
zu werden. Man läuft also in kollektive Armut, Bürgerkrieg und
Staatsversagen und totalitäre Staaten rein.

Versteht man diese Dynamik und das, was wir als „Regime Theorie“
andiskutiert haben, so ist folgendes klar. Mit dem Versagen der
Wirtschaft und des Staates versagt der Militärapparat. Mit dem
Versagen des Militärapparats versagt das Regime. Denn alle
diejenigen die unter dem Regime geschützt sind und waren, stehen
im Weg von alle denjenigen, die unter dem Regime nicht
übervorteilt werden. Es kommt also dann zu einer ökonomischen
und militärischen Herausforderung bei dem das gesamte Regime
und der institutionalistische Überbau zusammenbrechen. Dann
sind all die erwirtschafteten Margen und Reichtümer und Erfolge
zu Nichte gemacht. Denn dann sorgen Pistolen und Gewehre, dass
dieser Reichtum abgegeben wird.

Genau deswegen kommt es zunehmend zu einer neuen Bewegung


des Nationalismus, der sich um den Erhalt des Wohlstands aller in
der Nation einsetzt, die kapitalistische Basis schützt und sich gegen
den Aufbau anderer Gesellschaften stellt. Um eben den Regime
Wechsel zu verhindern.

Zeitgleich steckt der Westen in der Wertekrise. Man reagiert auf


den Werteverfall, der durch die Verarmung der Gesellschaft und
neue Medien beschleunigt wird, indem man den Staat zum
Gutmenschen machen möchte. Man fördert den kulturellen Verfall
durch die Zerstörung von kulturellen Werten, neue marxistische
Ideologien, man möchte die Polizei abschaffen, erachtet Staaten
grundsätzlich als etwas schlechtes und durchsetzt die Gesellschaft
mit Menschen, die an Anarchismus und revolutionäre Formen des
Sozialismus und Kommunismus glauben.

Es bleibt fraglich, ob unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit


und des Minderheitenschutzes die Untergrabung des Staates und
der Nationalökonomie und des nationalen Interesses die
Zerstörung der Basis des Staates so weit vorangetrieben wird, dass
es zu einem Regimewechsel kommt.

S e i t e 233 | 246
2. Das staatliche Modell Chinas

▪ Aus der Tradition heraus ist China an einen starken Staat viel mehr
gewöhnt als der durch die Machtkämpfe der Bourgeoisie und ihren
liberalen Bestrebungen gegenüber den kriegs- und
herrschsüchtigen Adelseliten in Europa. Wie bereits angesprochen
wurden Religion, Sitten und Moral schon viel früher durch den
Staat monopolisiert. Der sozialistische Gedanke war und ist als
Bollwerk der Führungselite gegen seine eigenen stärksten
Oligarchen weiterhin etabliert.
Die gesamte aktuelle Politik Chinas fokussiert sich auf den Ausbau
der Kapitalbasis, die Förderung militärischer und wirtschaftlicher
Interessen, und man geht klar imperialistisch vor bei der Aneignung
von Margen und Kapitalflüssen.
Es ist im Grunde die bessere politische Organisation, auch wenn wir
die durchaus als stärker monarchisch zu verstehende Kaderpolitik
als rückständig und kritisierbar ansehen. Es ist aber die Struktur, die
strategisch gegenüber einer neo-liberalen Staatsform mit einer
zerfallenden Zivilgesellschaft Vorteile besitzt.
▪ Nimmt man hinzu, dass dieses Modell in den Tigerstaaten und in
den USA im Rahmen des letzten Jahrhunderts zu enormen
Vorteilen beim Aufbau der Wirtschaft und der Kapitalbasis
geholfen haben, und zudem die Profiteure und ihre Familien-Klans
und Partei-Kader fokussierten Machtapparate sich erst in der 2.
Und 3. Generation befinden, so ist klar, dass die Staats- und
Eliteinteressen viel stärker mit den Interessen des Staates und der
politischen Führung verbunden ist und diese als herrschend
annimmt.
▪ Aus dieser Gesamtkonstruktion entsteht nun ein deutlich
effizienteres Wirtschaftskonstrukt durch die Symbiose von
Wirtschaftsoligarchie, Parteifaschismus und starkem Staat, der sich
zu einem wirklich starken Konkurrenten des westlichen Modells
entwickelt hat und am Ende sogar weniger faschistisch ist – wenn
er die Interessen der Oligarchie und des Volkes hinter sich bringt
und lediglich einige ideologisch verblendete Dissidenten nieder
schlägt, als der Westen, der die Interessen des Volkes nicht
berücksichtigt und sich klar gegen die Interessen der eigenen
Nation für die Interessen einiger weniger globalen
Wirtschaftsakteure einsetzt. Das ist Faschismus par Excellence.

S e i t e 234 | 246
▪ Es ist also abzuwarten, ob der Westen hier seine Führung dauerhaft
verspielt und die neo-liberalen Ideologen sich in ihrem Denken,
dass sie vom Boden weiterhin befreit sein werden, wie die Kirche
und die Finanzelite dies lange Zeit waren. Oder ob ein China, dass
diese Trennung vom Boden nicht kennt, diesen nicht einfach die
Köpfe einschlägt. Was, wenn man die Verwerfungen durch die
Bodenlose Klasse betrachtet, vermutlich keine schlechte Idee wäre.
Ob die Welt dann aber eine bessere wäre, als unter einem besser
und gerechter funktionierenden Westen ist und bleibt fraglich.

E. Wer ist der Böse, wenn es nicht der Kapitalist ist?

▪ Wenn es der Kapitalismus nicht mehr ist, der gehasst werden kann.
Wer bleibt dann übrig?

1. Die Ideologen: Die Anarchisten, Antifaschisten, Marxisten,


Kommunisten, Sozialisten, Kapitalisten

o Die Literatur für Anarchisten, Antifaschisten und die die es


werden wollen findet eine neue Blüte. Wer denn genau nun
der Faschist ist, ist unklar. Es brodelt im Inneren. Wieso darf
ich keine Schilder abreißen? Keine Häuser in Brand stecken?
Wieso nimmt mich in der Gesellschaft niemand ernst? Wieso
bin ich arbeitslos? Wieso zahlt man mir weniger? Das muss der
Faschist sein! Ja, der Staat ist es! Das böse System! Weg mit
dem System! Anarchismus für alle!!!
o Wieder einmal müssen wir feststellen, dass es hier um
Unzufriedene geht. Anarchisten sind zuletzt unzufriedene
Menschen, die aus der Gesellschaft austreten wollen. Es ist
möglich auszutreten. In einen Kibbuz zu ziehen. Land zu kaufen
und sich selbst zu ernähren. Z.B. in Canada. Aber der Anarchist
von heute möchte das nicht. Das ist zu viel Arbeit. Nein, der
Anarchist will das die Erde brennt. Er will das andere weniger
haben. Er will alle zu sich herab holen. Weil er eben neidet.
Weil er sich wie ein Kind nicht genügend gewertschätzt fühlt.
o Der Anarchist empfindet keine noch so kleine Empathie mit
den Menschen, die vermutlich noch viel ärmer sind als er. Die
Straßenfeger, die Kläranlagenreiniger, die Büroputzer. Diese
Menschen sind ärmer als der durchschnittliche Hipster-

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Anarchist, aber sie sind zufriedener. Sie sind in der Welt
angekommen und haben verstanden, dass für die
Funktionsweise dieser Gesellschaft eben eine Gesellschaft
notwendig ist.
o Die Anarchisten missverstehen, dass diejenigen die sie
anführen vermutlich wissen, dass Anarchismus nur zu neuen
Herrschaftsstrukturen führt. Das Sehen nicht, das diese für ihre
Führerschaft entweder von diesem System finanziert oder
unterstützt werden. Das diese sehr ziel- und planlos auf das
Chaos hinsteuern. Und in alle dem was sie tun den Tod und die
Grausamkeit für andere in Betracht ziehen und diesen billigend
in Kauf nehmen, dafür, dass sie sich selbst für kurze Zeit für das
Chaos verantwortlich fühlen können. Und sich stark fühlen
können.
o Wenn sie also jemanden nicht mögen wollen, dann zum
Beispiel die Redenschwinger, die Autoren, die „Influencer“,
Medien und Mitläufer, die diese Art des Faschismus mittragen,
um daran zu profitieren. Aber natürlich sollte man Mitleid mit
diesen Menschen empfinden. Die Mitläufer abholen. Wieder
in die Gesellschaft abhalten. Ihnen Hoffnung und Zuversicht
und Zufriedenheit geben. Ihnen produktivere Tore öffnen. Die
ganzen Nutznießer verschwinden dann von selbst.

2. Die Arbeitgeber

o Ja, sie können sehr wohl den Arbeitgeber nicht mögen. Nicht,
weil er Kapitalist ist. Sondern weil er sie herunter handelt in
ihrem Lohn. Weil er immer wieder Gründe findet, Gehälter zu
drücken. Seine Margen zu erhöhen. Um sich einen Porsche zu
kaufen. Ein Haus zu kaufen. Und an ihre Kinder zu vermieten.
Sie ganz persönlich können ihn dafür ganz persönlich
verurteilen. Intelligenter ist es, sich mit den Kollegen zu
verbrüdern und gemeinsam bessere Verträge auszuhandeln.
Gewerkschaften beizutreten. Käufliche Lobbyisten aus diesen
hochkant raus zu werfen. Und ihre Gewerkschaftskollegen
gemeinsam weiter zu bilden. „Graß root“-artig zu arbeiten.
o Sie können den Arbeitgeber auch dafür nicht mögen, dass er
sein Unternehmen nicht an der Börse listet. Weil nur er dann
mit dem Unternehmen Geld verdienen kann. Weil er gierig ist.

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Wäre sein Unternehmer weniger profitreich als ein anderes, er
würde wechseln. Er würde das Unternehmen verkaufen. Nein,
das Privatunternehmen existiert nur weil es bessere Margen
besitzt. Weil es mehr Geld abwirft. Und nur für den
Eigentümer. Dafür könne Sie ihn buchstäblich verurteilen.
Lediglich Regulierung könnte dies ändern.
o Sie können ihn auch dafür nicht mögen, dass er ihre
Weiterbildung behindert. Er ihnen Titel gibt, und
Qualifikationen fördert, die am Arbeitsmarkt nicht gefragt
sind. Das er ihnen einredet nicht mehr wert zu sein. Und das
mit anderen Arbeitgebern im Kollektiv gemeinsam gegen die
Interessen der Arbeiter über Unternehmerverbände und
Lobbyvereinigungen vorgeht. Dafür können sie ihn moralisch
verurteilen. Weil er das wirtschaftliche System damit
schwächt. Den Staat. Und Sie.
o Sie können ihn auch dafür belangen, dass er sich vehement
gegen Steuern zur Wehr setzt. Er Kosten erfindet. Und die
Justiz das mit macht. Dass er sein Vermögen in Steueroasen
bringt. Und der Gesellschaft entwendet. Dafür das er es eben
nicht – weil er Steuern ja für nicht notwendig hält – selbst in
Ihre Bildung, in sinnvolle Stiftungen, in die Entwicklung der
Zivilgesellschaft steckt. Sondern zumeist nur seinen sinnlosen
Reichtum im Auge hat. Dafür können sie den Unternehmer
verurteilen.

3. Den Milliardär und die Elite

o Ja, sie können sogar die Milliardäre und Eliten nicht mögen.
Nein, nicht dafür, dass sie reich sind und mit ihrem Reichtum
eine Unsumme von Arbeitsplätzen schaffen deren Tätigkeit ein
noch viel größeres Ökosystem an Unternehmen in der
Wertschöpfungskette. Sie können sie auch nicht mögen, weil
die sich von ihrem Reichtum ab und zu mal eine Bootstour
leisten oder sich in Kokain baden. Oder weil sie über
gemeinsame Foren, die oftmals als Geheimbünde bezeichnet
werden, Ordnung in die Wirtschaft bringen.
o Sie können sie auch nicht dafür nicht mögen, dass sie über die
Anlage ihres Kapitals in globale Märkte wegen Profitgier neue
Märkte erschließen, globale Lieferketten ausbauen, und die

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Menschheit in ein noch nie dagewesenes Zeitalter der
Produktivität und des Wohlstands bringen.
o Sie könne Sie aber dafür nicht mögen, dass sie intransparent
sind. Dass sie ihre politische Einflussnahme und Kalküle nicht
offenlegen. Sie nicht offen politische Verantwortung
übernehmen. Sie sich recht wenig um den Erhalt der
demokratischen Werte kümmern, die dieses System schützen.
Dass sie relevante Themen wie die Verarmung der
Gesellschaft, in der sie hochgekommen sind, verantwortlich
adressieren und auch das hinreichend transparent machen.
Dafür, dass sie sich nicht offen gegen offensichtliche
Unwegsamkeit und Verwerfungen in der Gesellschaft
aussprechen. Und sich ohnmächtig fühlen. Natürlich müssen
sie auch die Schwierigkeiten einer solchen Positionsnahme
verstehen. Dass es nicht immer ratsam ist alle Positionen
anzusprechen. Aber dass man sich aus der Verantwortung
zieht, das kann man kritisieren.
o Man kann sie ganz offensichtlich dafür attackieren, dass sie die
Ihre Gelder in Steueroasen parken und jedes Schlupfloch
mitnehmen. Natürlich kann man alles mit der
Wettbewerbsfähigkeit und einem Pseudo-Realismus
Argument rechtfertigen. Aber man muss als Unternehmer
auch irgendwo die Grenze ziehen muss, wo die Solidarität
gegen die Wettbewerbsinteressen in die Kalkulation mit
aufgenommen werden kann.

4. Die Bodenlosen Klassen

o Man kann natürlich die bodenlosen Klassen dafür verurteilen,


dass sie weiterhin die Geschicke von Nationen lenken und von
deren Versagen profitieren. Das kann man für die Finanzelite,
den auf Steueroasen geflüchtenden Unsichtbaren, die noch
immer für Unruhen sorgenden Religionsgemeinschaften und
Anarchisten gleichermaßen sagen.
o Was man tun kann, ist Transparenz über die Finanzen,
Aktivitäten und Wirkweisen dieser Klassen schaffen. Man kann
Steueroasen offenlegen. Man kann komplexe
Rechtskonstrukte, welche die Anonymität ihrer Eigentümer
schützen, abschaffen. Man kann all die nicht öffentlichen, in

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Schubladen und Schatullen versteckten Ansprüche an Boden
und dergleichen offenlegen und in Datenbanken erfassen.
Man kann alle Waren, die als Wertspeicher dienen – von
Grundstücken über Edelmetalle und Kunstobjekte – global
erfassen und unter die Gewalt des Staates stellen. Man kann
das Geheimwissen und die geheimen Netzwerke offenlegen.
Damit würde sich auch der Einfluss auf die Gesellschaft klarer
machen.
o Sie abschaffen kann man nicht, da man damit vermutlich den
Einfluss und die Bedeutung dieser bodenlosen Klassen falsch
einschätzt. Aber mit der Transparenz kann man sie auch
Regulieren. Sie besteuern. Und sie den Sitten und Rechten der
Gesellschaft unterwerfen. Man kann den Versuch, sich in die
Geschicke von Nationalstaaten und deren Versagen, oder
daraus Profit zu schlagen, bestrafen und ächten.
o Man kann womöglich auch die Vogelfreiheit beenden und sie
an den Boden ketten. Sie zur Solidarität mit einer
Bodengemeinschaft verpflichten.
o Man kann sie also an die Welt anschließen. Das sind die
Grundvoraussetzungen von Rechtstaatlichkeit und einem
gesunden Verbund zwischen den Menschen. Es sind eben
nicht nur Anarchisten, die auf ihrem abgeschotteten Stück
Land leben. Es sind streng genommen sehr einflussreiche und
nicht immer im Sinne der Gemeinschaft handelnde, vogelfreie
Faschisten.

5. Die großen Institutionen

o Man kann selbstverständlich die Medien nicht mögen. Die


ihren Auftrag an der politischen Willensbildung, an der
Aufklärung und Sichtbarmachung von relevanten Themen in
jeder Gesellschaft nicht mehr interessiert sind. Die Meinungen
unterdrücken, Themen ausblenden, und Stimmung machen
für politische Agendas, die nicht der gesamten Bevölkerung
und ihrer Aufklärung dient.
o Man kann selbstverständlich Schulen und Universitäten nicht
mögen, welche Minderheitsmeinungen, Anarchismus und
ideologischen Irrsinn in die Köpfe der Menschen einimpfen

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oder der Propaganda blind gegenüberstehen. Sie sind mit
Schuld an dem Verfall der Sitten und Zivilgesellschaft.
o Man kann die Familien nicht mögen, die ihre Kinder nicht mehr
erziehen können. Die ihren Kindern nicht mehr helfen sich in
ihre soziale Umgebung zu integrieren. Aus ihrer Stellung
heraus Teil zu haben an der Gesellschaft. Hoffnung zu haben.
Ehrgeiz zu haben. Und Liebe und Solidarität zu haben. Eltern
die ihre Kinder vernachlässigen – körperlich, seelisch,
emotional, in ihrer Bildung und Förderung.
o Man kann Richter und das Justizwesen nicht mögen, dass sie
Gesetze nicht mehr sinnvoll anwenden. Welche wegsehen,
wenn Politiker, Wirtschaftseliten und ihrer politischen
Gesinnung gleich gesinnten Menschen Verbrechen begehen.
o Man kann die Politiker nicht mögen. Die sich nicht über
sinnvolle Politik einigen können. Die Budgets für Familien,
Bildung, Sicherheit und den Werteerhalt bereitstellen können.
Deren Parteien die politische Willensbildung nicht mehr
hinreichend vorantreiben, deren Plattformen sich an irrigen
populistischen Strömen orientieren und die durch die
Hintertür im Hinterzimmer ihre eigene Basis, nämlich das Volk,
verraten.

6. Schuld ist man selbst.

o Wir können uns selbst nicht mögen. Dafür das wir daran
scheitern, das Richtige zu tun. Wir uns in der Gesellschaft
wieder mehr einbringen. Mehr Zeit für die Erziehung unserer
Kinder hingeben. Gemeinsam auf Parteien, Unternehmen,
politische Strömungen, die öffentliche Meinung und alle jene
zivilgesellschaftlichen Pflichten aufbringen. Und stattdessen
Medien, Unterhaltung und Konsum als Konsumenten erliegen.
Das wir uns von der Technologie, die wir heute nutzen können,
eine Geschwindigkeit auferlegen lassen, die unser Denken
überfordert und wir zu mitlaufenden Mutanten der ständig auf
uns Einprasselnden Meinungen und Informationen geworden
sind.
o Wir können uns selbst dafür nicht mögen, dass die das Wort
„nicht mögen“ überhaupt in unserem Denken und Fühlen
zulassen. Das wir ständig mehr wollen. Ständig unzufrieden
sind. Die Schönheit und Errungenschaften dessen, was

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lobenswert und bestaunenswert ist, nicht mehr wahrhaben
wollen.
o Wir können uns dafür nicht mögen, dass wir nicht mehr
zufrieden mit unseren Werten, unserem Schicksal sind. Das wir
uns immer hintergangen und hinters Licht geführt und
verraten fühlen. Uns immer in der Minderheit sehen. Uns
immer dazu erkoren fühlen, den Kampf auszurufen oder eben
zu versagen.
o Wir können uns schlicht und einfach dafür nicht mögen, dass
wir Menschen sind. Und das andere Menschen sind. Und dass
wir alle resigniert haben und zu Wutbürgern mutiert sind. Das
wir denen, die es gut meinen und die sich bemühen, unser
Willen, nicht mehr Vertrauen wollen, sie gar nicht zu
unterscheiden vermögen, von den Verführern und
Hassrednern. Das uns unser Gewissen und moralischer
Kompass abhandengekommen ist. Und dass wir da, wo wir
moralisch handeln, nur noch Schauspieler sind, die ihr stark
verwundetes, in Chaos untergehenden und verlorenes Ich und
Ego geheilt sehen wollen. Weil wir nicht mehr einfach
loslassen von alle dem was uns ziehen will und führen will. Und
wir uns einfach wieder Stille schenken. Zeit zum ins uns hören.
Und wir den Mut nicht mehr haben, immer und immer wieder
Menschen auf der Straße zu begegnen, ihnen zu hören, und
uns ihnen aufrichtig anzuschließen.

Es gibt also genug Wege und Mittel und Gründe Dinge nicht zu mögen.
Sie zu Verurteilen. Die Schuld abzuwälzen. Auf den Kapitalismus und
alles was es sonst noch so da draußen gibt. Aber mit Gewissheit können
wir sagen: der Kapitalismus ist eigentlich nicht daran schuld.

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Kapitel 8: Schlussbemerkungen

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A. Zurück zum Kapitalismus

▪ Wir haben die Grundlagen des Kapitalismus andiskutiert. Nämlich


Privateigentum, freier Handel von Gütern, die Entstehung des
Kredits, der Zerfall von Gruppen in Fraktionen, die Entstehung von
Klassen und Herrschaftsansprüchen.
▪ Wir haben den Stadtstaat als unmittelbare Folge der kollektiven
Organisation und Regulierung von Interessen andiskutiert. Das
Kernelement war die Entstehung von, sagen wir, Stauraum, was die
Akkumulation gegenüber der Nomadenkultur enorm
beschleunigte und die Komplexität der Gesellschaft explodieren
ließ. Es ging vor allem darum die Komplexität der wirtschaftlichen
Zusammenhänge anzudiskutieren, die bereits durch die
Komplexität der inter-stämmischen Gesellschaft klar geworden
sein sollte. Es sollte auch klar geworden sein das diese Komplexität
sich nicht in Büchern oder Ideologien nachlesen lässt, sondern sich
in den menschlichen Beziehungen, ihrem Geheimwissen und der
Materialisierung von Wohlstand zeigt. Diese sind weder
wegdiskutierbar noch rechtlich regelbar noch durch Revolten
nieder zu brennen.
▪ Wir haben andiskutiert, wie der Staat grundsätzlich die Interessen
der Eliten bedient. Dass dieser aber auch gut sein kann und haben
aufgezeigt wie sich durch Gesetze Kultur-, Wirtschafts- und
Sozialpolitik betreiben lässt, um die Verwerfungen der
kapitalistischen Gesellschaft zu dämmen. Das dies die
Grundaufgabe des Staates und der Gemeinschaft ist. Wir haben
gesehen, dass es auch an dem Staat keinen Weg vorbei gibt. Der er
zu einem elementaren Bestandteil von großen Gruppen gehört.
▪ Zeitgleich haben wir einige Phänomene andiskutiert, die sich
historisch gezeigt haben. Es sollte klar werden das diese
Phänomene einzelne Ausprägungen der Entwicklung des
Kapitalismus in großen Gruppen darstellt. Und dass diese zu
Verwerfungen und Unglück führen können. In dem Sinne werden
durch die Verwerfungen Probleme sichtbar und man reagiert
darauf. Das ist im Prinzip der dialektische Materialismus. Die die
Existenz des Kapitalismus und dem Wachstum von Gesellschaften
entstehen also Probleme. Diesen wird mit Ideologien begegnet.
Diese Ideen reformieren den Staat.

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▪ Dann sind wir vom Stadtstaat zu Netzwerken von Städten und von
diesen zu Fürstentümern und Föderationen und den
Nationalstaaten im Eilverfahren gelaufen. Mit dem Ziel wiederum
Komplexität aufzuzeigen. Und vielleicht anzudeuten, dass sich hier
im Prinzip die immer gleichen Muster von Gruppen auf höherer
Ebene wiederholen. Der Schluss liegt nahe, dass sich diese Formen
aus den Grundlagen des menschlichen Zusammenseins ergeben.
▪ Gegen Ende hin haben wir natürlich die Diskussion verkürzt und die
moderne Gesellschaft mit Zentralbanken, komplexen
diplomatischen und militärischen Bündnissen, diversen
Wirtschaftszweigen nicht behandelt. Auch die sicherlich
aufschlussreiche Welt der Kolonialzeit haben wir nicht diskutiert.
Dennoch, bereits mit dem Stadtstaat wurde die Komplexität im
Grund schon zu groß, um sie wirklich zu diskutieren. Der Stadtstaat
reichte bereits aus, um die alle gängigen ideologischen Modelle
gegen den Kapitalismus zu entwerten.
▪ Wenn wir nun aber Verstanden haben, dass all diese Verwerfungen
nicht den Kapitalismus betreffen, sondern die Gesellschaft und ihre
Reaktion auf ihre eigenen Grundlagen, die eben der Kapitalismus
ist, dann können wir anstatt über Kapitalismus zu sprechen, über
die Verwerfungen reden und diese sinnvoll andiskutieren. Ohne
dabei den Kapitalismus als Feind zu benennen. Das war die
Grundidee bei der Ausgestaltung dieses Essays.
▪ Mit der Ideologiediskussion ging es nicht darum, die Ideologien
akademisch sauber abzuhandeln. Es ging viel mehr darum die
Unschärfe der Begriffe, die heute im Alltag der Diskussion
verwendet werden, Teil des Problems sind eine sinnvolle
Diskussion überhaupt führen zu können. In der Ideengeschichte
dienten fast alle Ideen unmittelbar den Zwecken ihrer Zeit und es
ist die Aufgabe der Gesellschaft, die Grundideen aus ihrer
historischen Verfärbung heraus zu trennen und ihren Wert in der
Gesellschaft immer wieder zu diskutieren. Vor allem aber, allen
Versuchen diese Unschärfen den Verführern und Sophisten der
heutigen Zeit entgegen zu treten, die mit ihrer eigenen
intellektuellen Faulheit alte Begriffe für ihre neuen Zwecke
missbrauchen, um daraus Waffen zu schmieden.

B. Viva La Revolucion

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▪ Als Beispiel für diese Bewaffnung alter Theorien wollen wir
nochmal die Marx’sche Diktatur des Proletariats durchgehen.
▪ Nehmen wir also mal an, es gibt keine anderen Länder. Es gibt nur
ein Land. Und die Revolution beginnt. Die politischen und
wirtschaftlichen Eliten, die Polizisten, die Militärapparate und alles
ist zerstört und zerschlagen. Die Revolution hat gesiegt. Und alle
laufen johlend im brüderlichen Festgesang durch die Straßen. Die
Frage ist nun: was passiert jetzt?
▪ Werden jetzt alle Menschen für 0.0005 Sekunden alle
wirtschaftlichen Tätigkeiten Seite an Seite ausführen? Oder kommt
es wieder zur Arbeitsteilung? Natürlich kann man sagen: der
Heizungsbauer geht zurück zur Arbeit, der Bäcker backt wieder. Der
Arzt bleibt Arzt. Und alles geht so weiter wie zuvor. Aber dann
ändert sich ja nichts an den Löhnen. Soll nun jeder gleich bezahlt
werden? Dann erwirtschaften die Produktionsunternehmen, die
nun allen gehören, keine Gewinne mehr und der Geldkreislauf
bricht zusammen.
▪ Und wie sagen sie ihrem Bruder jetzt, dass er die Kleidung anzieht
und in die Abwasserkanäle geht und die Exkremente wegspült?
Wie sagen sie ihrem Bruder, dass er wieder auf das Feld geht und
Kartoffeln mit seinen Händen aus dem Boden herausholt. Wie
sagen Sie dem Hausmeister, dass er nun wieder Glühbirnen
tauschen geht. Wenn Sie zurück ins Richteramt gehen und Gesetze
beschließen. Wie erklären Sie ihren Brüdern, dass jemand anderes
besser geeignet für die Führung eines 100.000 Mann starken
Unternehmens ist, und er dafür auch bezahlt werden möchte?
▪ Die Realität wird zeigen, dass die Option nach der Revolution
entweder die ist, dass man sich in sehr kleine Gruppen spaltet und
in die Steinzeit zurück geht. Oder, dass es eben genau der
Gesellschaft und Hierarchien und Klassen bedarf, die man
abschaffen wollte, um die Gesellschaft weiter am Leben zu
erhalten.
▪ Man muss verstehen, dass die Komplexität der Gesellschaft, die wir
heute kennen, unmittelbar aus den einfachen Prämissen des
Kapitalismus und einfachen Gruppenprozessen entsteht und den
Strukturen, die sich daraus aufbauen, das Traggerüst für die
Gesellschaft von der heutigen Größe und Komplexität entsteht.
Man kann und muss die dabei entstehenden Verwerfungen stets
kritisch reflektieren, diskutieren und nach Lösungen trachten. Aber
teils an parteiischen, teils auf zu einfachen aufbauenden Ideologien

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anzusetzen ist nicht zielführend. Ebenso wenig zielführend ist es,
die bei den Diskussionen anzutreffenden Begriffe und Konzepte
nicht sauber voneinander zu trennen. Hier versagt die
Informationsgesellschaft bislang. Das Wissen über die relevanten
Diskurse versteckt sich hinter unzähligen Monographien, die es
nicht mehr in den öffentlichen Diskurs schaffen. Und die größte
und zuletzt für alle die Basis bildendende Enzyklopädie scheitert
daran, die Begriffe, Theorien und Muster hinreichend zu
durchdringen und der Öffentlichkeit zugängig zu machen. Sie wird
sogar parteiisch und betreibt Politik bei der ständigen Eindämmung
von neuen Wissensbeständen. Auch die größte Enzyklopädie kann
eben nicht mehr funktionieren, wenn die Zivilgesellschaft
abgeschafft ist. Wenn diejenigen, die helfen könnten und über sie
das Wissen, das wir benötigen, nicht an die Öffentlichkeit getragen
wird, dann versagt damit der Diskurs und verfängt sich in
überholten und sinnentleerten Ideologien.

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