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Der Internationale Strafgerichtshof

Im Jahr 2002 hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag seine Arbeit begonnen. Warlords,
Milizionäre und ein ehemaliger Staatschef sitzen dort inzwischen in Haft, angeklagt wegen schwerster
Verbrechen gegen Zivilisten. Zuletzt wurden die Kompetenzen des Gerichtshofs erweitert.

Weltjustiz gegen die Mächtigen


Die Geschichte der internationalen Strafjustiz ist auch die Geschichte einer Emanzipation – des Rechts von
der Macht. Als der UN-Sicherheitsrat in den 1990er Jahren erstmals Kriegsverbrechertribunale schuf, für
Jugoslawien und Ruanda, da achtete das UN-Gremium noch sehr genau darauf, nichts von seiner Macht aus
der Hand zu geben. Der Sicherheitsrat schuf die Kriegsverbrechertribunale als vollständig untergeordnete
Einrichtungen. Er wählte sowohl Richterinnen und Richter als auch Anklägerinnen und Ankläger aus und
behielt so Einfluss bis hin zur Möglichkeit, diese Tribunale jederzeit wieder zu schließen.

Erst 1998 kam die Zeitenwende. Der Internationale Strafgerichtshof (International Criminal Court, ICC), der
1998 auf einer Staatenkonferenz in Rom gegründet wurde, wurde als unabhängige Institution ins Leben
gerufen. Er steht außerhalb des UN-Gefüges. Den Staaten steht es frei, ihm beizutreten. Als im Sommer
2002 eine kritische Masse von 60 Ländern erreicht war, die das sogenannte Römische Statut ratifiziert
hatten, nahm der Gerichtshof in Den Haag seine Arbeit auf.

Laut Statut wird der Gerichtshof nur tätig bei Völkermord, schweren Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen
die Menschlichkeit und seit 2018 auch bei Angriffskrieg ("Aggression"). Zudem ist er nur dann zuständig,
wenn Staaten diese Delikte auf nationaler Ebene nicht verfolgen können oder wollen. Angeklagt werden
können Einzelpersonen, sofern das Land, in dem die Verbrechen begangen wurden, dem Gerichtshof
beigetreten ist – oder wenn das Heimatland des Täters das Statut ratifiziert hat.

Zudem kann der UN-Sicherheitsrat dem Gerichtshof per Resolution auftragen, über die souveräne
Entscheidung eines Staates hinwegzugehen und auch in Ländern zu ermitteln, die dem Gericht nicht
beigetreten sind. Im Falle Sudans und Libyens hat der Sicherheitsrat dies getan. Stoppen kann der
Sicherheitsrat die Arbeit des Gerichtshofs hingegen kaum, allenfalls für ein Jahr aussetzen.

Neue Zuständigkeit: Angriffskrieg


Dass der Internationale Strafgerichtshof auch das Verbrechen der "Aggression" verfolgen darf, bedeutet für
ihn eine politisch überaus heikle Aufgabe. Die neue Regelung, die die Kompetenzen des Gerichtshofs
erweitert, wurde bereits 2010 auf einer Staatenkonferenz in Kampala beschlossen. Sie konnte allerdings erst
im Juli 2018 in Kraft treten. Die Richterinnen und Richter haben seitdem die Autorität zu entscheiden, wer
in einem militärischen Konflikt der Aggressor ist, und wer das Recht zur Verteidigung auf seiner Seite hat.

Bislang reklamierte allein der UN-Sicherheitsrat das Vorrecht, über die völkerrechtliche Legitimität von
Militäreinsätzen zu entscheiden. Seine Mitglieder sind nicht selten selbst Konfliktparteien, ihre
Entscheidungen deshalb meist durchsichtig politisch. Die Änderung gibt Anlass zur Hoffnung, dass die
Frage, ob ein Kriegseinsatz gerechtfertigt ist, in Den Haag künftig fairer beurteilt werden wird.

Allerdings: Eine präzise Definition, was ein Angriffskrieg ist, gibt es nicht. Auch im Statut des
Strafgerichtshofs ist der Tatbestand auffallend vage gehalten. Heikle Fragen bleiben unbeantwortet: Darf ein
Staat zu seiner Verteidigung "präventiv" losschlagen? Gibt es ein Recht zur humanitären Intervention, wie
es Regierungen immer wieder in Anspruch nehmen? Solche Probleme sind nirgends fix geregelt. Sprich: Sie
werden nun ganz in die Hände der Richterinnen und Richter gelegt.

Wann und ob das Gericht zum Straftatbestand der "Aggression" urteilen muss, ist ungewiss. Bislang
haben nur etwas mehr als 30 Staaten, vor allem aus Europa und Lateinamerika, die Erweiterung des
Römischen Statuts anerkannt – gerade so viel, dass die Änderung in Kraft treten konnte.
"Neokolonialismus": Afrika und der Rassismus-Vorwurf
Gegen 39 Personen hat der ICC bis heute Ermittlungen aufgenommen. Minister, Generäle, zwei Staatschefs.
Alle kommen aus Afrika. Keine einzige Person aus einem anderen Erdteil ist bislang betroffen.

Schon lange erheben Kritiker wie etwa die Staaten der Afrikanischen Union den Vorwurf, die Haager
Juristen konzentrierten ihre Aufmerksamkeit einseitig auf den afrikanischen Kontinent – aus alter
postkolonialer Selbstgerechtigkeit gegenüber schwachen Staaten, die nicht auf mächtige Verbündete zählen
können, oder ganz schlicht aus Rassismus.

Als der Internationale Strafgerichtshof gegründet wurde, war dies ein Wort, das unter westlichen
Diplomaten die Runde machte: ein "afrikanisches Gericht" werde das Weltstrafgericht sein. Es werde sich
auf die Gewalt in Zentralafrika konzentrieren. Politiker in den westlichen Hauptstädten hingegen würden es
kaum fürchten müssen.

Also, Rassismus? Ganz im Gegenteil, sagt die heutige Chefanklägerin Fatou Bensouda, die zuvor
Justizministerin von Gambia war. Sie und ihre Mitarbeiter konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf Afrika,
weil dort eben besonders viele Menschenrechtsverletzungen zu beklagen seien. Das Weltstrafgericht hat
begrenzte Ressourcen. Es muss Prioritäten setzen. In anderen Konfliktherden wie etwa Syrien fehlt dem
Gerichtshof eine Zuständigkeit, aus Afrika hingegen würden Regierungen, die das Statut des ICC
unterzeichnet haben, die Weltjustiz auch immer wieder zur Hilfe rufen.

Auch der deutsche Richter am ICC, Bertram Schmitt, rechnet gegen den Rassismusvorwurf an. 23 Prozent
der Mitarbeiter am Weltstrafgericht kämen selbst aus afrikanischen Staaten. Sowohl die Chefanklägerin als
auch der Gerichtspräsident des ICC seien heute Afrikaner. "Sie werden keine internationale Organisation
finden", sagt Schmitt, "in der Menschen vom afrikanischen Kontinent so viel und Menschen aus dem
Westen so wenig zu sagen haben." Der Jurist ist seit 2015 in Den Haag. Davor war er lange Richter am
Bundesgerichtshof. Schmitt leitet derzeit das Verfahren gegen einen Kommandeur der ugandischen Miliz
"Lord's Resistance Army", Dominic Ongwen.

Gelegenheiten, Nicht-Afrikaner anzuklagen, gab und gibt es. Strafanzeigen gegen westliche Soldaten und
Politiker gehen in Den Haag laufend ein. Im Irak sollen britische Soldaten Gefangene gefoltert haben. In
Gaza sollen israelische Soldaten Zivilisten beschossen haben. In Afghanistan wird US-Soldaten Folter und
sexuelle Gewalt vorgeworfen. Die Reaktion ist stets dieselbe: In Den Haag wird eine sogenannte
Vorermittlung eingeleitet. Diese ist grundsätzlich offen, untersucht zum Beispiel in Afghanistan neben den
Vorwürfen gegen die USA auch solche gegen die Taliban und afghanische Regierungstruppen.
Vorermittlungen betreffen inzwischen auch Kolumbien, die Philippinen und die Ost-Ukraine. Noch nie hat
die Chefanklägerin sich aber bereit gezeigt, den nächsten Schritt zu gehen und tatsächlich eine Anklage
gegen Nicht-Afrikaner zu beantragen.

"Siegerjustiz": Ein neues Dilemma


In dem lichtdurchfluteten Neubau im Strandvorort Scheveningen, der den Internationalen Strafgerichtshof
seit 2015 beherbergt, gibt es alles, was zu einem Gericht gehört. Säle, bewaffnete Gerichtsdiener (mit eigens
entworfener blauer Uniform), Büros. Nur draußen, an den Tatorten, um die es geht, fehlt etwas
Entscheidendes: eine internationale Polizei, die überhaupt Verdächtige nach Den Haag bringen könnte.

Das ist ein heikles Problem. Die Haager Juristen müssen sich darauf verlassen, dass Staaten
freundlicherweise von sich aus Verdächtige ausliefern.

Als zum Beispiel der Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, trotz verlorener Wahl 2010 nicht von
der Macht ablassen wollte und Unterstützer seiner innenpolitischen Gegner gewaltsam verfolgen ließ,
warfen ihn lokale Oppositionskräfte mit Gewalt (und der Unterstützung Frankreichs und der UN) aus dem
Präsidentenpalast und lieferten ihn direkt in Den Haag ab. Der Prozess gegen Gbagbo konnte beginnen.

Als die Haager Juristen allerdings laut darüber nachdachten, auch die innenpolitischen Gegner Gbagbos
wegen Menschenrechtsverbrechen vor Gericht zu stellen, drohten diese, jegliche Zusammenarbeit mit der
Weltjustiz einzustellen. Die Haager Juristen nahmen die Warnung ernst. Denn ohne die Mithilfe der neuen
Regierung der Elfenbeinküste hätten sie keinen Zugang mehr zu Beweismitteln – und auch keine
Möglichkeit, Zeugen zu kontaktieren. Ein Prozess gegen Gbagbo würde praktisch unmöglich.

So landen die Haager Juristen, deren Unabhängigkeit eine der wichtigsten Errungenschaften des Rom-
Statuts war, in der Praxis oft wieder in Abhängigkeiten. Das ist ihr größtes Dilemma. Eigentlich sollte mit
der Gründung eines ständigen Internationalen Strafgerichtshofs ja gerade die schlechte alte Praxis
überwunden werden, in der stets nur Sieger über Besiegte richteten.

Kein Weltgericht für alle


Mehr als 120 Staaten sind dem Internationalen Strafgerichtshof bereits beigetreten. Das ist – aus Haager
Sicht – die gute Nachricht. Die größten, bevölkerungsreichsten Staaten der Erde sind aber nicht darunter, so
Russland, China, die USA, Indien, und fast alle arabischen Staaten sowie Israel und Iran. Das ist die andere
Hälfte der Wahrheit.

Vor allem auf die USA, die mit ihren Soldaten in so vielen Weltregionen operiert wie keine anderer Staat,
galt einst als Vorreiter der internationalen Strafjustiz. Erst als es 1998 darum ging, einen ständigen
Internationalen Strafgerichtshof einzurichten, der theoretisch nicht nur Jugoslawen oder Ruander, sondern
Angehörige aller Staaten anklagen könnte, änderte sich die Haltung der US-Regierung. Sie wurde erst
zurückhaltend, dann offen feindselig. Unter Präsident Barack Obama hatte die USA zwischenzeitlich einen
pragmatischen Ansatz erprobt und das Weltstrafgericht in einzelnen Fällen wie etwa Libyen unterstützt. Mit
der Politik seines Nachfolgers Donald Trump hat sich die Ablehnung des Internationalen Strafgerichtshofs
wieder verhärtet.

Auch Russland – wie die USA einst Mitunterzeichner des Römischen Statuts – hat das Gericht bis heute
nicht anerkannt. Im Zuge der Vorermittlungen in der Ukraine und Georgien, bei denen das Land zu den
Konfliktparteien gehört, hat Russland vielmehr 2016 erneut erklärt, dem Gericht nicht beitreten zu wollen.

Während die mächtigsten Staaten den Gerichtshof nur von außen betrachten, haben einzelne afrikanische
Regierungen zwischenzeitlich schon gedroht, sich aus dem Gerichtshof wieder zurückzuziehen, also den
völkerrechtlichen Vertrag zu kündigen, auf dem er basiert. Seine Ankündigung wahr machte bislang nur das
ostafrikanische Burundi 2017. Südafrika und Gambia nahmen ihre Drohung rasch wieder zurück.

Bedeutend ist indes der Rückzug eines anderen Staates geworden, der Philippinen. Als der dortige Präsident
Rodrigo Duterte mit seiner brutalen Anti-Drogenpolitik im Frühjahr 2018 in den Fokus des Gerichtshofs
geriet, kündigte er mit großer Geste die Unterstützung seines Landes für die internationale Justiz auf - "mit
sofortiger Wirkung". Rechtswirksam wird der Austritt jedoch erst 2019. Die Ermittlungen gegen ihn laufen
also weiter.