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Von Westen bietet die

Wittenberger Altstadt noch

Prediger im Dachgeschoss
ihr historisches Bild, da
die Stadterweiterungen der
letzten 150 Jahre Distanz
halten.
Lageplan im Maßstab
1:5000

Das Wittenberger Schloss hat einen neuen baulichen Abschluss


und neue Nutzer. Bruno Fioretti Marquez hatten in Jahrhunderten
Entstandenes und heutige Vorschriften in Einklang zu setzen.
Text Ulrich Brinkmann Fotos Stefan Müller

Wittenbergs Schloss ist ein Reiseziel für sich: für


und jüngste Abbruchspuren, vor allem aber unter- Architekten
historisch Interessierte im Allgemeinen, für re- schiedliche Mauermaterialien: Findlinge, mittel- Bruno Fioretti Marquez,
formationsgeschichtlich Interessierte im Beson- alterliche Klosterformatziegel, Hohlblockquader Berlin
deren – und nun auch noch für eine dritte Ziel- aus DDR-Tagen. Die neue Ortbetonarchitektur
Projektarchitekten
gruppe. Die Berliner Architekten BFM Bruno Fio- gibt sich dagegen alles andere als roh, vielmehr
Pepe Marquez, Britta Fritze,
retti Marquez, mit dem mnemotechnisch versier- zeigen die geschlossenen, für die nötige Biege- Steve Liem
ten Neubau des Meisterhauses Gropius in Des- steifigkeit leicht angeböschten Brüstungen eine
sau (Bauwelt 22.2014) auch einem Publikum jen- samtig „weiche“ Oberfläche, die im Kunstlicht, Mitarbeiter

seits der Fachöffentlichkeit bekannt geworden, das aus den Handläufen strahlt, matt glänzt. So Simon Filler, Nick Schüller,
Paul Künzel, Stefan Fuhlrott
halten mit dem Umbau der Anlage für Ausstel- opulent diese Treppenhäuser auch wirken, sie
lungszwecke, für eine reformationsgeschichtliche erschließen doch Nutzungen, die eine gewisse Tragwerksplanung
Bibliothek und für ein Predigerseminar die Fahne Publikumsfrequenz erwarten lassen – die refor- ifb Frohloff Staffa Kühl
des monolithischen Bauens hoch. Im heutigen, mationsgeschichtliche Bibliothekt in den beiden Ecker, Berlin
„sektoral maximierten“ Baugeschehen mit seinen mittleren Geschossen etwa dürfte, wenn sie in
Bauphysik
immer undurchdringlicheren Schichten (und Be- diesem Frühjahr eröffnet, ebenso Besucher an-
BBS Ingenieurbüro, Berlin
schichtungen) ist das Ergebnis nicht weniger als ziehen wie das Predigerseminar im Dachge-
ein Kraftquell, der Schloss Wittenberg zur Pilger-schoss schon jetzt für ein spürbares Ein und Aus Brandschutz
stätte auch für Architekten macht. sorgt – und nicht zuletzt steht die ebenfalls im Sachverständigenbüro
Dachgeschoss angeordnete „Winterkirche“ auch Arnhold, Weimar

Palimpsest im Treppenhaus der Gemeinde der Schlosskirche in der kalten


Bauleitung
Jahreszeit als beheizbarer Ausweichort zur Ver-
AADe, Köthen; DGI, Berlin
Das am schnellsten augenfällige neue Architek- fügung.
turereignis des insgesamt gut 16 Millionen Euro Grund für den 1. Preis an Bruno Fioretti Mar- Landschaftsplanung
teuren, aus EFRE-Mitteln und Töpfen des Landes quez im VOF-Verfahren 2011 war vor allem die ge- SALEG Sachsen-
Anhaltinische Landesent-
Sachsen-Anhalt finanzierten Umbaus sind die schickte Organisation dieses Dachgeschosses.
wicklungsgesellschaft
beiden Treppenhäuser, die an den Enden des win- Pepe Marquez hat das hier unterzubringende mbH, Magdeburg
kelförmigen Schlossbaus notwendig waren, um Raumprogramm in eine Art Pavillonstruktur auf-
die unterschiedlichen Niveaus des mehrfach gelöst, dessen einzelne Bestandtteile entlang Bauherr

umgebauten Inneren alltagstauglich zu erschlie- des Mittelgangs und des darüber angeordneten Lutherstadt Wittenberg

ßen – dass bislang die zum Hof hin offenen Medienkanals zueinander versetzt immer einem
Hersteller
Wendelsteine aus der Renaissance die gestalte- Patio gegenüberliegen – die Architekten wollten Außenleuchten Patios Erco
risch überragenden Elemente des Schlosses damit einen Kreuzgang anklingen lassen. Sicht- Fassadenrinnen Patios ACO
waren, lässt den Eingriff von BFM nur noch heller bar sind dadurch auf jeden Fall die Abdeckungen Kalkunterputz DG Knauf
Akustikdecke Winterkirche
strahlen. Die jeweils an einer winkelförmigen Be- der historischen Außenwände, wo sie die Patios
CapaAcustic
tonwand hängenden Treppenläufe lassen zwei begrenzen – ein Detail nur, aber ein wichtiges, da Holzlasur außen Sigmawood
historische Wände erlebbar werden: Beim Auf und wiederkehrendes, etwa an den Bedeckungen Türantriebe Dorma
Innentüren Schörghuber
Ab treten dem Betrachter die Wendungen der des kleinen Treppenturms im Zwickel von West-
Beschläge FSB
Jahrhunderte entgegen, erlauben eine Ahnung flügel und Südturm sowie auf den Außenwänden Heike Falkenberg
der unterschiedlichen Bau- und Nutzungsphasen: des Südturms selbst. Die Abdeckung aus Ort- Waschtische, WCs Duravit
vom ritterlichen Wehrbau zur fürstlichen Resi- beton auf einer die unterschiedlichen Dehnungen
denz über eine Verwendung als Speicher bis hin von Mauerwerk und Abdeckung ausgleichenden
zur preußischen Kaserne. Dank der geschlämm- Gummischicht kommt ohne Verblechungen aus,
ten Oberfläche zeigen sich Öffnungen und Ver- ließ die Ausführenden aber zunächst an der
mauerungen, Reste von aufwendigen Gewänden Umsetzbarkeit zweifeln: an die großflächige Ab-

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Über der Ausstellung wurde
auf zwei Geschossen die
reformationsgeschichtliche
Bibliothek eingerichtet,
deren Bestände bislang auf
mehrere Standorte ver­teilt
waren.

Im Ausstellungsbereich im
Erdgeschoss ist die Eichen-
konstruktion aus dem 19.
Jahrhundert zu erleben. Die
tiefen Laibungen lassen
das Tageslicht diffus wirken
und prägen so die Stim­-
mung des Inneren.

Die Hofseite des Schlosses


mit den beiden Treppen
aus der Renaissance und
den neuen Eingängen

deckung des besagten Treppentürmchens wag- möglich werden lassen. Diese historische Bau-
ten sie sich erst, als die Mauerkronen gelungen masse bringt aber noch einen anderen Vor­-
waren. An dieser Stelle sei erwähnt, wie zufrie- teil mit sich: So begnügte sich die Haustechnik
den sich Britta Fritze, Projektleiterin von BFM, aufgrund der Trägheit der Substanz mit einem
beim Rundgang durchs Schloss über die Zusam- Luftwechsel von 60 Prozent des eigentlich Ge-
menarbeit mit den Handwerkern äußert – die forderten.
Aufteilung der Vergabe in möglichst viele kleine
Lose ermöglichte es, zahlreiche in der Umge- Historie, normgerecht?
bung ansässige, mittelständische Betriebe zu
involvieren, die nicht nur über das notwendige Apropos „eigentlich Gefordertes“: Die Projekt-
Know how verfügten, sondern auch eine gehöri- leiterin beschreibt den Umbau als eine „Planung
ge Portion Enthusiasmus mitbrachten für solch wider das Versicherungswesen“. Beispiel Ar-
immer wieder spezielle Lösungen und Anforde- beitsstättenverordnung: Der Bibliotheksraum
rungen. wird über wenige Treppenstufen an den südli-
Räumlich dynamisiert wird die Grundrisskonfi- chen Wendelstein angebunden – eine Situation,
guration des Predigerseminars durch die leichte die vorschriftsgemäß mit Hilfe eines Geländers
Schrägstellung der in Leichtbeton gegossenen, abzusichern wäre, damit niemand, der die dane-
massiven Wände: Deren Gewicht wird zwar ben liegende Fensternische betreten will, etwa
senkrecht in den Bestand abgeleitet, allerdings um das Fenster zu putzen, stolpern oder abrut-
über die Diagonale der robust dimensionierten schen kann. Die darüber liegende Wölbung aber
alten Mauern – der Umbau des Schlosses zur Ka- macht es nötig, eine Schräghaltung einzuneh-
serne nach 1815 hat Wände von bis zu vier Me- men, um sich nicht den Kopf zu stoßen, was mit
tern Dicke geschaffen, die solche Inszenierungen Geländer aber nicht mehr möglich wäre, da der

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4 7 7
6
2
3
7

1
8

Dachgeschoss:
Predigerseminar

Erdgeschoss:
Empfang/Ausstellung

Zwei neue Treppenhäuser


mussten eingefügt werden.
Rechts der Treppenturm Kellergeschoss: 1. Obergeschoss:
aus der Bauphase um 1500 Haustechnik Magazin/Bibliothek

Die an einer winkelförmi- Sprache. Zwar beschränken sich hier die Ein- 1 Schlosskirche
Grundrisse und Schnitte im
Maßstab 1:1000
griffe im Zuge des Umbaus auf wenige Elemente,
gen Betonwand hängenden doch liegt hier ein wesentlicher Anlass für das
2 Neuer Übergang Kirche –

S chloss

Treppenläufe lassen die Gesamtprojekt: die Entlastung der Schlosskirche 3 Foyer/Shop

historischen Wände erleb- vom Besucherandrang. Zuvor strömten die pro-


testantischen Pilgerscharen vom Schlossplatz
4 Ausstellung
5 Ausstellung Christliche
bar werden: Beim Auf und durch das Portal in der Nordfassade ins Innere
Kunst

Ab treten dem Besucher die der spätgotischen Halle und kreuzten sich dort 6 Winterkirche
7 Seminar/Besprechung
mit jenen, die die Kirche nach dem Besuch wie-
Wendungen der Jahrhun- der verlassen wollten – eine potentielle Staustufe 8 Büro

derte entgegen. in der Besucherzirkulation. Nun gibt es auf der


gegenüberliegenden Seite einen direkten Durch-
Durchgang dafür zu schmal ist – man betrachte gang von der Kirche ins Schloss: Durch eine hohe,
das Foto oben rechts auf Seite 23. Die Archi­ künstlerisch gestaltete Bronzetür gelangt der
tekten konnten die genehmigende Behörde über- Besucher ins neue Nordtreppenhaus, vor allem
zeugen, dass eine jahrhundertelang nicht mit ju- aber zu einer schmalen, aus der Schloss und
ristischen Verfahren auffällig gewordene Lösung Kirche trennenden Wand herausgeschälten Trep-
auch dem gegenwärtigen Nutzer zumutbar ist pe, die hoch in die Ausstellung im Schloss führt.
und keine Sperrung oder Absicherung erforder- Die Stimmung in diesen Räumen wird bestimmt
lich macht, die eine Nutzung nicht mehr zulässt. vom diffusen Licht, das durch die in tiefen Lai-
Doch zurück zur Architektur, denn der vermut- bungen liegenden Fenster fällt und die Konturen
lich meistfrequentierte Bereich, die Ausstellungs- weichzeichnet; eine fast schattenlose Raumfol-
räume im Erdgeschoss, kam noch gar nicht zur ge, die angesichts der Orientierung der Räume

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Bis zu vier Meter messen
die Außenwände des
Schlosses: raumhaltige,
bewohnbare Wände. Im
Südturm, um 1500 Wohn-
sitz des Fürsten, wurde
eine historische Öffnung
rekonstruiert.

nach Westen überrascht. Mit einer monochro-


men Farbpalette haben die Architekten diese
Stimmung noch unterstützt: Unbeschichtete
Oberflächen – Kalkputz an den Wänden, Sand-
stein, Eichenholz – prägen die Oberflächen. Mö­-
gen die Räume mit ihren tiefen Fensternischen
auf den ersten Blick auch Regelmäßigkeit sug­
gerieren – die jeweiligen geometrischen Situatio-
nen sind immer wieder anders. Das liegt an di-
vergierenden Wandstärken auf Außen- und Hof-
seite, aber auch an den Ungenauigkeiten der
historischen Substanz, die eben auch von Um-
bauten und Anpassungen geprägt ist. Die bei Ar-
chitekten beliebte Schattenfuge etwa zwischen
Alt und Neu hätte diese Substanz mit all ihren
nicht lotrechten Kanten und Buckeln schnell ad Große Schiebetüren öffnen Die Winterkirche dient nicht
den den Flur des Priester- nur dem Predigerseminar,
absurdum geführt, die Schattenfuge zum klaf- Der Turm an der Südwestecke des Schlosses,
seminars zu den Gartenhö- sondern kann auch von der
fenden Hohlraum werden lassen: Etwas anderes fen. Gemeinde der Schlosskir- der mit seiner gedrungenen Gestalt an die von
als ein passgenauer Einbau war gar nicht mög- che genutzt werden. Gemälden überlieferte Körperfülle seines Bauher-
lich. Die bescheidenen Dimensionen der Fenster ren denken lässt, ist formal zwar weniger ein-
stammen übrigens aus der Kasernenzeit des prägsam als der Turm der Schlosskirche auf der
Schlosses und waren auf Wunsch der Denkmal- gegenüberliegenden Seite mit seiner reich ver-
pflege zu bewahren – die Geschichte nicht zu zierten Krone, überblickt aber die Elbe. Diese Aus-
werten zugunsten eines idealisierten Zustands, sicht des Kurfürsten wurde an einer Stelle wie-
war das Leitbild für den Umbau. Nur an einer dergewonnen: Die später zur Schießscharte ver-
Stelle wurde davon erkennbar abgewichen – und mauerte ursprüngliche Öffnung wurde wieder-
dies mit großem Gewinn: im Südturm, 1490 er- hergestellt. Auf die Nachempfindung verlorener
baut als Wohnsitz Friedrichs III. (1463–1525), Kur- bauzeitlicher Gestaltformen haben die Archi-
fürst von Sachsen, Gründer der Wittenber­- tekten dabei verzichtet, die Öffnung zeigt sich
ger Universität und Beschützer des geächteten als puristisch das Tragwerk abbildendes Ele-
Luthers. ment der Gegenwart.

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