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Zehn Jahre für 396 Wohnungen – typisch Berlin, ließe sich höhnen,

mit Blick auf die zähen Prozesse, die Bauprojekte in der Hauptstadt
so oft begleiten: vom Großprojekt Flughafen BER bis hinab zu ein
paar Kilometern Tramgeleise. Interessanter aber als das, was die
neue Wohnanlage an der Thulestraße im Bezirk Pankow mit dem
Berliner Durchschnitt verbindet, ist das, was sie davon trennt.

Pankows Das ehemalige Brauereiareal


liegt nördlich der Wisbyer

grüne Balkone
Straße am Knick der Thule-
straße: Hier stoßen die
dichte Stadt des 19. und der
Siedlungsbau des 20. Jahr-
hunderts aneinander.
Lageplan im Maßstab 1:7500

Text Ulrich Brinkmann Fotos Simon Menges

Ungewöhnlich hier an der Grenze von Pankow marktes kein Alleinstellungsmerkmal (s. den Bei- ein Hotel erinnernde Halle ermöglicht es, dass
und Prenzlauer Berg, von dichter Innenstadt des trag zum Groth-Projekt in Schmargendorf, S. 30). die innenliegenden Flure, welche bis zu zwölf
19. und zunehmend aufgelockerter Siedlungs- Zanderroth erreichen bei den Häusern an der Wohneinheiten pro Geschoss erschließen (noch
landschaft des 20. Jahrhunderts, ist das Volumen Thulestraße eine sagenhafte Effizienz von über so eine Kennzahl, die heutzutage auch andern-
der sechs von außen identischen Gebäude, die 80 Prozent, will heißen: Von 10 Quadratmetern orts in Berlin erreicht wird), Zenitlicht erhalten
das Berliner Büro zanderrotharchitekten auf Geschossfläche lassen sich mehr als 8 Quadrat- und sich Blickbeziehungen von einem Geschoss
dem ex-Brauereiareal angeordnet hat. Ihre Tiefe meter vermieten – es ist die Weiterentwicklung ins andere öffnen. Die in dieser Halle frei nach
ist so groß, dass die Siebengeschosser im Lage- ihres Projekts in der Liebigstraße im Bezirk Fried- oben schwingende Treppe lädt ein zum Gebrauch:
plan eine ganz andere Nutzung zu enthalten richshain (Bauwelt 18.2017), dass diesbezüglich Wen mag man wohl erspähen, wenn man die
scheinen als die Wohnbauten aus Gründerzeit, noch optimiert werden konnte. Trotz oder viel- nächste Ebene erreicht?
Zwischenkriegszeit, DDR und 1990er Jahren, leicht auch wegen dieser geradezu extrem anmu- Die Treppe gilt übrigens als Fluchtweg, ein
welche die heterogene Nachbarschaft bilden tenden Wirtschaftlichkeit – und hier nun kommt zweiter befindet sich mit einer weiteren, formal
(der fünfeckige Block von Erwin Gutkind aus dem die erste echte Besonderheit des Projekts –, etwas weniger spektakulären Treppe in einem
Jahr 1926 im Knick der Thulestraße ist das pro- konnten die Architekten ein haushohes Atrium abgeschlossenen Treppenhaus – dadurch ist es
minenteste Gebäude darunter). Große Tiefe – anordnen, das eine Neuheit im Berliner Woh- nicht nötig, dass die Feuerwehr im Brandfall die
und damit wenig Hüllfläche – allein ist allerdings nungsbau darstellen dürfte, mir ist jedenfalls kein Fassaden anleitern kann, und das wiederum be-
unter den Bedingungen des heutigen Wohnungs- ähnlicher Raum bekannt. Diese, ein wenig an deutet, dass die Außenanlagen frei sind von be-

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jekts. Die Architekten wünschen sich, dass die
Der umgebende Garten soll tage aber kaum zu erwarten. Dafür liegt der Aus-
Bewohner die Einladung zur lebendigen Nach- führungsstandard höher als die beschämende
barschaft annehmen, Trennungen zwischen ei- sich dereinst in die Höhe Qualität, wie man sie von Neubauten der Berliner
ner Wohneinheit und der nächsten sind in ihrem fortsetzen. Zanderroth ha- Wohnungsgesellschaften kennt.
Konzept jedenfalls nicht vorgesehen: Man kann
das Geschoss zur Gänze umrunden – eine Idee,
ben dafür tiefe Pflanztröge Für Zanderroth ist es das größte Projekt bis-
lang. Es reicht zurück in die Zeit, als sich das Bü-
die dem Wunsch nach Privatheit der Bewohner auf den Balkonen angeord- ro noch vorwiegend mit Baugruppenprojekten
allerdings zum Opfer fallen könnte. Für die Wir- net, insgesamt 2460 Stück beschäftige (Bauwelt 39–40.2008). Die Brache
kung des Ensembles hat das wenig Bedeutung. an der Thulestraße entwickelten sie ab 2011 bis
Die erhoffte Gemeinschaftlichkeit, die das üp- Quadratmeter großen Fünf-Zimmer-Einheit mit zur Genehmigungsreife ebenfalls auf eigene
pige Grün anregen, wird vom Wohnungsschlüs- Dachterrasse. Der größte Teil, 88 von 100, ent- Initiative, mit der von ihnen gegründeten Firma
sel gestärkt. Entgegen dem Trend zu Kleinwoh- fällt aber auf die mittleren Größen mit zwei und SmartHoming, 2017 kaufte die UBM Development
nungen, die bestenfalls als Zweitwohnsitz die- drei Zimmern. Immerhin, eine gewisse Bandbrei- das Vorhaben und realisierte es nach den Plä-
nen, enthalten die Häuser auch familientaugliche te von Lebensstilen und Altersstufen dürfte sich nen der Architekten. Die ungewöhnliche Materi-
Grundrisse: Der modulare Aufbau ermöglicht hier verzeichnen lassen – dass zur sozialen Mi- alsierung – die Fassaden etwa sind aus Thermo-
es, Einheiten zusammenzulegen. Insgesamt 66 schung auch unterschiedliche Einkommensklas- kiefer statt aus dem allgegenwärtigen WDVS-
Wohnungen sind es pro Haus, von der 1,5-Zim- sen gehören, sei dabei nicht vergessen, ist von Sondermüll in spe – schreiben Zanderroth dem
mer-Wohnung mit 43 Quadratmetern bis zur 209 einem privat entwickelten Wohnungsbau heutzu- österreichischen Hintergrund des Bauherrn zu.

Ungewöhnlich im Berliner
Wohnungsbau ist die haus-
hohe, hotelartige Halle.
Erdgeschoss, Regelge-
schoss und Dachaufsicht
im Maßstab 1:500, Schnitt
in 1:1000

Architekten fahrbaren Wegen – Platz für einen echten Garten


zanderrotharchitekten, auf der großen, gemeinsamen Tiefgarage. Die- Die Architektur ist schon
da, das Grün muss noch
Berlin ser Garten, der sich kurz vor Fertigstellung der
wachsen: Das gerenderte
Wohnanlage Mitte Juli noch in Arbeit befindet, Foto zeigt den geplanten
Team
umfasst immerhin 11.000 der insgesamt 17.000 Endzustand des Projekts
Sascha Zander, Christian Abbildung: zanderroth
Roth, Anne Muller-Reitz,
Quadratmeter des Grundstücks, und er soll auch
Tony Rhiem, Katrin Schu- für die Nachbarschaft zu betreten sein, jeden-
bert, Kerstin Herzinger, falls ist nicht vorgesehen, das Areal abzuriegeln
Sofie Vaasen, Sabrina
wie bei einer gated community. Und da die gro-
Schreiber, Sven Syndicus,
Henning Wiethaus ßen Gebäude freistehen, ist dieser grüne Raum
von der Umgebung einsehbar, bietet Blickbe-
Projektentwicklung
ziehungen über und durch das Areal. In einer zen-
SmartHoming, Berlin
traleren Lage könnte diese offene Bauweise städ-
Team tebaulich fragwürdig erscheinen, gilt die Rück-
Sascha Zander, Claudia kehr zur Stadt des 19. Jahrhunderts doch Man-
Schlüter, Laura Dietsch, chen als Lösung aller städtebaulichen Probleme.
Milena Kalojanov, Irina In dieser urbanen Übergangssituation aber wirkt
Pelmegow, Kirka Fietzek,
Christine Nußbaum
der Ansatz passend. Zumal der Freiraum groß-
zügig bemessen scheint, nicht nur aus der Um-
Tragwerksplanung, TGA gebung betrachtet, sondern auch von innen, aus
Seidl & Partner Gesamtpla- den Wohnungen heraus oder von den Balkonen:
nung, Regensburg
Das jeweils gegenüberliegende Haus ist weit ge-
Pflanztröge nug weg, um sich nicht beobachtet zu fühlen,
GKR Hydro, München und die zueinander versetzte Anordnung öffnet
den Blick immer wieder in die Tiefe des Areals,
Landschaftsarchitektur macht Diagonalbezüge erlebbar.
KUULA, Berlin Dieser umgebende Garten soll sich dereinst
Bauherr
ab dem ersten Obergeschoss in die Höhe fort-
UBM Development
setzen. Zanderroth haben dafür tiefe Pflanztrö-
Deutschland GmbH, Berlin ge auf den umlaufenden Balkonen angeordnet,
nicht weniger als 2460 Stück. Diese „vertikalen
Gärten“, die sich immer wieder zu Loggien er-
weitern, sind die zweite Besonderheit des Pro-

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