Sie sind auf Seite 1von 2

Aufgestockt:

die Rudolf-Steiner-Schule
von Genf
Text Sabine Brinitzer Fotos Matthieu Gafsou

Confignon ist eine Gemeinde südwestlich von Treppenhaus und den aus Holz geformten Rund- im Obergeschoss. Sie schienen bereits für ein
Genf mit circa 4600 Einwohnern, die seit langer bau für die Lehrpersonen in ihrem Mittelpunkt zusätzliches Geschoss ausgelegt worden zu sein,
Zeit zu den sogenannten Weingärten des gleich- unterbrochen sind. Dabei sind die Klassenräume aber waren nur durch einige aufgelegte Holzbal-
namigen Kantons gehört und die eine beliebte durch einen zum Hof hin offenen und plastisch ken miteinander verbunden.
Wohnlage im Einzugsgebiet der Hauptstadt dar- geformten, „fließenden“ Erschließungsgang mit- Ein wesentlicher Impuls für den Entwurf der
stellt. Hier wurde in den 1980er Jahren, durch einander verbunden. Aufstockung war die Analyse des bestehenden
die Initiative einiger Eltern und die Bereitstellung „In den letzten Jahren zeigte sich, dass es Bauwerks, das heißt das Hineindenken in all
eines Grundstücks von einer Privatperson, eine notwendig ist, bei gleichbleibender Anzahl der seine Teile und Formen, die Betrachtung seiner
Rudolf-Steiner-Schule erbaut. Ihr Architekt war Schülerinnen und Schüler, mehr Räume für die Umgebung und seiner Integration in das Wohn-
Jean-Jaques Tschumi (ein Großneffe des Archi- Pädagogik zur Verfügung zu haben“, berichtet gebiet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse
tekten Jean Tschumi), der sich mit der Waldorf- Architekt Antoine Robert-Grandpierre vom Büro führten zu der Entscheidung, für die Aufstockung
pädagogik auseinandergesetzt und mit dem Localarchitecture Lausanne, dessen Kinder eine Form zu finden, die Zweierlei zu erfüllen
Schulbau in Confignon eine ihr entsprechende die Rudolf-Steiner-Schule besuchen. Er und sein vermag: einen Kontrast zu formulieren, durch den
Architektur entworfen hatte. Team wurden damit beauftragt, eine Erweite- das baulich Neue zum Ausdruck kommt, und
Ausgehend von den Entwicklungsstufen ei- rung zu planen. doch auch eine Verbindung zu dem bestehenden
nes Kindes und der Förderung seiner kognitiven, Dass er dafür eine Aufstockung des Klassen- Gebäude herzustellen. „Es ging darum, eine Art
motorischen und künstlerischen Fähigkeiten, zimmertraktes vorsah, lag nicht nur daran, dass passenden Hut zu entwerfen“, erklärt der Archi-
aber auch unter Berücksichtigung der für einen ein Anbau auf dem vorhandenen Grundstück tekt.
Schulbetrieb notwendigen Einrichtungen, be- und im Anschluss an das bestehende Gebäude Dazu wurde eine Konstruktion aus in der
steht dieser Schulbau aus mehreren Gebäude- schwierig gewesen wäre, sondern vor allem da­ Schweiz heimischen Holzarten gewählt, deren
trakten: einem Klassenzimmertrakt, einem Verwal- ran, dass Tschumi selbst höchst wahrscheinlich expressive Formen mit Hilfe von 3D-Technologie,
tungstrakt und einem Festsaaltrakt mit Bühne, bereits von Anfang an die Möglichkeit einer Auf- aber auch im Dialog mit einem erfahrenden einzelne Holzbalken gelegt. Dadurch wurde ei- Über den gerundeten
Formen der Beton-Galerien
die sich gemeinsam um einen offenen Hof grup- stockung ins Auge gefasst hatte. Als konkrete Zimmermann entwickelt wurden. Um das neue nerseits eine stabile Unterkonstruktion für die
folgt die Aufstockung in
pieren. Auffallend ist darunter vor allem der Klas- Hinweise darauf wurde zum einen die Fortsetzung Stockwerk auf die Betonstruktur von Tschumi darauffolgende Betondecke gebildet und ande- Holz einer expressionistisch
senzimmertrakt, der, in Assoziation mit Formen der zentralen Wendeltreppe durch eine zusätz­ aufzusetzen und auch hier – wie in den unteren rerseits eine Überleitung vom Material Beton anmutenden „Zacken-Geo-
metrie“. Auf der Außenseite
der Natur, pro Geschoss eine zellartige Aneinan- liche Stufe gewertet, mit der die Treppe zwar ab- Stockwerken – einen offenen Erschließungs- zum Material Holz geschaffen.
bilden die gleich­m ä­ß igen,
derreihung von sechs Klassenzimmern und zwei rupt endete, die aber im Sinne der Anthroposo- gang zu den einzelnen Klassenräumen herzustel- Die auf diese Weise „weiterentwickelte“ Wal- stehenden Fensterformate
Nebenräumen anschaulich macht, die – dem phie Steiners eine „Entwicklung“ suggerierte, und len, wurden im Bereich des Hofes auf die be­ dorf-Architektur besteht vollkommen aus Holz einen ruhigen Abschluss.
Sonnenlauf folgend – nur durch das gewendelte zum anderen auch die skulptierten Betonstützen stehenden Betonstützen und -träger zusätzlich und nimmt zwar die Anordnung der Klassenräu-
me der unteren Stockwerke auf, unterscheidet
sich jedoch von den bestehenden runden und
fließenden Formen, indem an der Hofseite nun
eine neue, gezackte Gestaltung eingeführt
wurde, die dadurch eine andere „Eurythmie“ der
Umrisslinien von offenem Erschließungsgang,
Ein neuer Hut für die Schule: Klassenzimmerwänden und Dachüberständen
Die Architekten vom Büro vor Augen führt. Dabei bildet der Erschließungs-
Localarchitecture wollten
gang mit seinem Pultdach und seinen vielen, die
einen neuen Ausdruck aus
dem Bestand entwickeln. geschwungene Außenwand rhythmisierenden
Schnitt im Maßstab 1:500 Konsolen eine andere Räumlichkeit als jene der

42 THEMA Bauwelt 2.2020 Bauwelt 2.2020 THEMA 43


Die Klassenzimmer öffnen Im Zuge der Aufstockung
Architekten
sich in den Dachraum und wurde das gewendelte
sind von Oberlichtern zu- Localarchitecture, Treppenhaus mit einer Glas-
sätzlich belichtet. Lausanne/Antoine Robert- fassade geschlossen, für
Grandpierre, Manuel Bieler, die die Architekten eine zur
Laurent Saurer Waldorf-Ästhetik passende
Holzfassade entwarfen.
Mitarbeiter
Pedro Vieira, Francesca
Aiello, Tim Cousin

Bauleitung
Thinka Architecture, Onex

Tragwerksplanung
Ingeni SA, Carougee

Bauherr
École Rudolf Steiner de
Genève, Confignon

Als hätte der Architekt des


Bestands eine Aufstockung
schon selbst ins Auge ge-
fasst, war die Treppe ins
neue Dachgeschoss bereits
angelegt.
Detailschnitt links im Maß-
stab 1: 200, Grundriss 1:500

einzelnen Klassenzimmer, indem er sich weitet


und verengt, während die Klassenzimmer zwar
Neben dem zusätzlichen tralen Wendeltreppe und dem dafür neu entwi-
ckelten Ornament eine räumliche und gestalteri-
eine Drehung von jeweils 15 Grad aufweisen, ihre Stockwerk wurde auch mit sche Erweiterung geschaffen.
räumliche Begrenzung und ihr Volumen jedoch der gläsernen Fassung Die Aufstockung wurde während der Baupha-
kaum verändert ist. Dass ihre Zahl von sechs in
den unteren Stockwerken auf sieben in der Auf-
des Treppenhauses eine Er- se auch von den Schülerinnen und Schülern
begleitet. Als ein Prozess der Partizipation, des
stockung vergrößert werden konnte, liegt daran, weiterung geschaffen. Lernens und der Aneignung wurden für sie re-
dass einer der Nebenräume in der Aufstockung gelmäßig Besichtigungen der Baustelle durchge-
als kleinerer Raum für die Abiturklasse genutzt len und gefalteten Innendecken erfolgt durch führt, bei denen sie mitverfolgen konnten, wie
wird. Dabei sind alle Räume zur Außenseite und ein einzelnes Fenster an der Hofseite und durch die Idee einer Nutzung und Form eine reale Ge-
damit zur Landschaft orientiert und bilden durch mehrere Oberlichter im Dach. Hinzu kommen, stalt annimmt.
ihre plastisch geformten Dächer eine aus neun mit der Aussicht auf den Genfer „Hausberg“ Mont Insgesamt zeigt dieses Projekt, wie es mög-
Fassaden gebildete Haube, die sich nicht nur Salève, stehende Rechteckfenster, die als Vierer- lich ist, die Herausforderung einer ästhetisch
durch das Material Holz, sondern auch durch das Gruppen die Außenfassaden strukturieren und, überzeugenden Aufstockung anzunehmen und
umlaufende Vordach über dem vorhandenen in Ergänzung zu den vielgestaltigen Fensterfor- ein vorhandenes Gebäude – dessen Architek­­-
Obergeschoss vom Bestand mit seinen verputz­ men der unteren Geschosse, dem Bauwerk ei- tur und Gestaltung sicherlich nicht überall Akzep-
ten Wandflächen unterscheidet. nen „ruhigen“ Abschluss schenken. Neben dem tanz findet – mit Respekt und gleichzeitig mit
Die Belichtung der neuen Klassenzimmer mit zusätzlichen Stockwerk wurde auch mit der dem Anspruch eines zeitgemäßen Ausdrucks
ihren vollkommen aus Holz geformten Raumhül- gläsernen Fassung des Hohlraums unter der zen- weiter zu formen.

44 THEMA Bauwelt 2.2020 Bauwelt 2.2020 THEMA 45