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Eine massive Schale aus Ort-

Konzept und Barock


beton nach außen, ein fili­
granes Holzskelett nach in-
nen: Wer von Osten nach
Neustadt kommt, kann die
tatsächliche Dimension
des Landratsamts und sei-
nen konzeptionellen Auf­-
bau nicht sogleich ahnen.
Lageplan im Maßstab
1:3333
Text Ulrich Brinkmann Fotos Stefan Müller

Bruno Fioretti Marquez haben das Landratsamt in Neustadt an der


Waldnaab erweitert – mit einem Gebäude, das nicht nur die unter-
schiedlichen stadtgeschichtlichen und topographischen Bezüge
fortschreibt, sondern auch räumliche Überraschungen für die Besu-
cher bereithält.
weitere 25 Minuten steht der Zug vor Vilseck auf
freier Strecke, bis eine Signalstörung behoben ist.
Jahrzehntelang kam zur bescheidenen Ver-
kehrsanbindung mit der europäischen Teilung
noch eine weitere Bürde hinzu, die die Entwick-
lung der 5700 Einwohner kleinen Stadt behindert
hat; etliche renovierungsbedürftige Häuser am
Stadtplatz im historischen Zentrum, das auf
einem Hügelrücken über der Mündung der Floß
in die Waldnaab thront, künden noch heute da-
von. Doch seit kein „Eiserner Vorhang“ mehr das
nahe Tschechien abriegelt, steht der Ort nicht
mehr im Abseits des Geschehens; der Nieder-
gang der Glasindustrie konnte zwar nicht un­g e­
schehen gemacht werden, doch sind Unterneh-
men aus anderen Branchen erblüht, zum Beispiel
aus der Automobilzuliefererindustrie, so dass
heute quasi Vollbeschäftigung herrscht. Auf der
Bundesstraße 15, die über den Stadtplatz längs
durch die Altstadt führt, herrscht reger Verkehr.
Auch für den Berliner Architekten Piero Bruno,
Büropartner von Donatella Fioretti und José
Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Neu- Gutierrez Marquez, die die Erweiterung des Neu-
stadt an der Waldnaab fährt, sollte Zeit haben. städter Landratsamts geplant haben, war die
Nach Nürnberg kommt man ja noch gut, mit dem vermeintlich etwas abgeschiedene Lage kein Pro-
ICE, von dort aber heißt es, sein Schicksal einem blem; von München, wo er lehrt, lag die Baustel­­-
Dieseltriebwagen anzuvertrauen, der über die le sozusagen auf dem Heimweg. Und ein Auftrag
Fränkische Alb in die Oberpfalz zuckelt und unter- in einem Ort wie Neustadt hat auch angenehme
wegs geteilt wird: Die vordere Hälfte setzt ab Seiten: Entscheidungswege sind kurz, die Zahl
Neukirchen die Fahrt fort in Richtung Weiden, die der Beteiligten ist überschaubar, die Ansprech-
hintere gen Regensburg. Achtzig Minuten dau­­- partner sind untereinander bekannt, Zusagen
ert die Reise laut Fahrplan, Neustadt ist Endsta- verbindlich, und eigene Probleme werden nicht
tion. Die eingleisige, nicht elektrifizierte Strecke auf das Projekt projeziert. Die Unterstützung für
endet dort vor einem Prellbock, dahinter setzt die Architekten war jedenfalls die ganze Reali-
eine Asphaltdecke die Trasse als Radweg fort. An sierung hindurch spürbar: „Wenn wir immer sol-
diesem Tag Ende Januar aber dauert die Fahrt che Bauherren hätten, wäre alles gut“, so Bau-
geschlagene zwei Stunden: „Aufgrund von Ver- leiter Anton Zenk.
zögerungen im Betriebsablauf“ beginnt die Fahrt Bruno Fioretti Marquez hatten sich Anfang
schon mit 15 Minuten Verspätung in Nürnberg, 2016 in einem nicht offenen Realisierungswett-

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Ein hochrechteckiges Fens-
ter schafft Sichtbeziehung
bewerb mit 19 Teilnehmern für den Erweiterungs- Pure Architektur ist der 14
bau des Landratsamts qualifiziert. Das Amt ist
zwischen dem schluchtarti-
gen Treppenhaus und dem in einem historischen Gebäude untergebracht, Meter hohe Treppenraum,
Eingangsbereich. dem Neuen Schloss der böhmischen Adelsfa- ein Werk, das den Besu-
Rechte Seite: Der einhüftige
Grundriss erlaubt großzü­
milie von Lobkowitz, das, ab 1684 vom Tessiner
cher aus den alltäglichen
Baumeister Antonio Porta direkt neben dem
gige Öffnungen in die Umge-
bung. knapp 200 Jahre älteren Alten Schloss gebaut, Erledigungen in eine ande-
Längsschnitt Treppenhaus
im Maßstab 1:1000
den Stadtplatz nach Osten abschließt, gegen- re Sphäre versetzt
über von Rathaus und Kirche auf der Westseite.
Was man vom Platz nicht ahnt: Es ist ein Frag- und Zulassungsstelle die höchste Besucherfre- ser Ansichten, weg von der gleichmäßigen Loch-
ment, nur ein Flügel einer geplanten H-förmigen quenz mit sich bringen. fassade des Wettbewerbsentwurfs, hin zu we-
Anlage. Insofern ist die Erweiterung nach Osten Den besten Blick auf den Anbau hat man von nigen, großen Öffnungen, verstärkt diesen „Mau-
hin im Neuen Schloss quasi angelegt, und tat- der in die Stadt hineinführenden Knorrstraße aus. ercharakter“ noch. Das Schloss bleibt durch die
sächlich hat der Neubau von Bruno Fioretti Mar- Hier wird deutlich, wie der Anbau die Sockel- niedrige Höhe des Anbaus sichtbar, empfängt
quez einen Vorgänger, erbaut 1972, der allerdings höhe des Neuen Schlosses aufnimmt mit seiner die Ankommenden.
räumlich wie technisch den Ansprüchen nicht Sichtbetonfassade, die den einstigen Lauf der Erst, wenn man vor dem Neubau nach links
mehr genügte: Der Ersatzneubau war der Gegen- Stadtmauer nachzeichnet, aber auch an die abbiegt, entwickelt sich die vermeintliche Beton-
stand des Verfahrens. Sieben unterschiedliche später hier angeordneten Wirtschaftsgebäude mauer zu einem Gebäude: Die Straße Am Hohl-
Ämter nutzen das Gebäude, von denen Sozialamt des Schlosses erinnert – die Überarbeitung die- weg führt so steil nach unten, dass der Anbau an

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Die feingliedrige Holzfas-
Architekten Landschaftsarchitektur
sade zum Innenhof erinnert
Bruno Fioretti Marquez, capattistaubach, Berlin an bundesdeutsche Ver-
Berlin waltungsbauten der fünfzi-
Bauherr ger Jahre.
Projektarchitekten Landkreis Neustadt a.d. Grundrisse erstes Unter­
Piero Bruno, Regina Maria Waldnaab vertr. durch geschoss und Erdgeschoss
Münstermann Landrat Andreas Meier im Maßstab 1:1000

Mitarbeiter Hersteller
Kai Canver, Giulia Tönz, Julia Holzfenster Innenhof Müller
Naomi Henning, Franziska Sonnenschutz Warema
Käuferle, Philip Dörge Oberlichter Lamilux
Türtechnik Dormakaba,
Bauleitung Geze
Drücker FSB
Häffner + Zenk, Potsdam/
Parkett Bembé
Greiner Architekten, Neu-
Fliesen Cinca
stadt a. d. Waldnaab
Rollregale Zippel
Tragwerksplanung
ifb Frohloff Staffa Kühl
Ecker, Berlin (Hochbau),
ASCHERL Bauingenieure
GmbH, Weiden (Tiefbau)

der nächsten Ecke schon drei Geschosse zählt;


die Betonwand öffnet sich hier mit großen, quer-
formatigen Holzfenstern. Das Konzept der Er-
weiterung erschließt sich aber erst zur Gänze,
wenn man den schmalen Durchgang zwischen
Schloss und Neubau benutzt, um den Weg zu-
rück zum Stadtplatz abzukürzen: Plötzlich öffnet
sich ein weiter Hof, der noch ein Geschoss tiefer
reicht und mit seinen Terrassen an ein Amphi-
teater erinnert – tatsächlich wurde er im vergan-
genen Sommer schon für Konzerte genutzt. Zu
diesem Hof hin orientieren sich die einhundert
Einzel- oder Doppelbüros, die im Grunde der ein-
zige Bestandteil des Raumprogramms waren,
mit einer streng gerasterten, sehr feingliedrigen
Fassade aus Lerchenholz, die an die Eleganz
von Bürohausfassaden der fünfziger Jahre den-
ken lässt. Ein ebenso starker wie überraschen-
der Kontrast zur massiven, maßstäblich ganz
anderen Außenseite, der sich auch konstruktiv
abbildet: Hinter die 60 Zentimeter dicke „Stadt-
mauer“ aus Ortbeton ist eine Holzverbundkons-
truktion gesetzt, die sich nach außen mit ihren mel öffnende Treppenraum; ein Werk, das den Das Foyer reicht über die
ganze Tiefe des Grundris-
auf der Mauer aufliegenden Dachsparren ab- Besucher der alltäglichen Erledigungen enthebt
ses und verbindet Hof- und
zeichnet. Der einhüftige Grundriss ist stützenfrei, und in eine andere Sphäre versetzt. Die Meister- Straßenseite. In den In-
die Trennwände der Büros stehen auf dem Est- schaft der Architekten, die sich hier zeigt, wird nenecken des Gebäudes
sind die Besprechungsräu-
rich und sind grundsätzlich entfernbar, so dass noch besser wahrnehmbar werden, sobald das
me angeordnet.
die Raumaufteilung flexibel ist. Projekt vollständig umgesetzt ist. Bruno Fioretti Querschnitt im Maßstab
Außer dem Hof hält das Gebäude aber noch Marquez beließen es nämlich nicht bei dem 1:1000
eine weitere räumliche Überraschung bereit: die Anbau, sondern schlugen vor, mit dessen Anbin-
„Stadtmauer“ ist auf der Ostseite als raumhalti- dung ans Neue Schloss auch die dortige Erschlie-
ge Schale ausgebildet, in der nicht nur sämtliche ßungssituation zu bereinigen, die an die zen-
Nebenräume Platz gefunden haben, sondern trale Durchfahrt grenzenden Erschließungsflure
auch eine lange, einläufige Treppe – und spätes- des Barockbaus wieder zu öffnen und so eine
tens hier könnten den Besucher Zweifel über- Art Rundgang zu schaffen, der das eindrucks-
kommen, ob er sich tatsächlich im neuen Land- volle Treppenhaus in der „Stadtmauer“ in Dialog
ratsamt oder in einem sakralen oder musealen treten lässt mit der Architektur Antonio Portas:
Rahmen befindet, so pure Architektur ist dieser ein Dialog über die Epochen hinweg, der sich
14 Meter hohe, sich mit einem Oberlicht gen Him- nicht in einem schlichtem Kontrast erschöpft.

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