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In der Kristallfabrik

Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Swa- die Innsbrucker Niederlassung des Architektur- rand und die Fabrikstraße hinter dicke Mauern,
rovski hören? An Kristalle? An Kitsch, Blink-Blink büros Snøhetta. Designer, Innenarchitekten und zelebrieren inzwischen Produzenten – so auch
und protzige Halsketten, mit denen sich neurei- andere Kunden sollen in dem Anbau durch aller- Bäcker und Kaffeeröstereien – die Entstehung
che Damen auf Spendengalas zu zeigen pfle- lei funkelnde Kreationen Inspiration finden und ihrer Ware in selbstbewusster Öffentlichkeit. Zu
gen? Vermutlich würde sich die Firma Swarovski den Herstellungsprozess ihres Prototyps eines dieser Öffentlichkeit zählen in Watten jedoch
durch einige Ihrer Assoziationen gekränkt füh- Kirstallprodukts begleiten können. Früher benö- nicht alle. Nur Mitarbeiter und Kunden dürfen auf
Text Benedikt Crone Fotos David Schreyer len. Denn das Familienunternehmen will für mehr tigte das Unternehmen für die modellhafte An- das Firmengelände und in die Manufaktur. Für
stehen als nur für blinkende Zierde – für Krea­ fertigung bis zu vier Wochen; heute sind es Dank Besucher gibt es die benachbarten Kristallwelten,
tivität, Produktvielfalt, hochwertiges Design und der konzentrierten Arbeitsschritte in der Manu- ein grünhügeliger Erlebnispark, ebenfalls ent-
Snøhetta hat den Tiroler Sitz des Kristall-Herstellers Swarovski um handwerkliche Feinarbeit. faktur ein paar Tage. worfen von Snøhetta.

eine Manufaktur erweitert. Dort wird geschliffen, gewerkelt und das Zu dieser Image-Pointierung soll auch die neue
Manufaktur im österreichischen Watten, dem
Swarovski ist nicht der erste Hersteller, der
mit einer offenen Produktionsstätte für seine Er-
Wird man als Journalist durch die Manufaktur
geführt, schlüpft man in die Rolle eines Kunden.
Image poliert – für und mit dem Kunden. Stammsitz der Firma, ihren architektonischen
Beitrag leisten. Das Gebäude fungiert als eine Mi-
zeugnisse begeistern will. Vielerorts reagieren
Unternehmen auf die automatisierte und entfrem-
In Begleitung werden die entsprechenden Stati-
onen abgegangen. Die Tour beginnt im Eingang
schung aus Showroom, Werkshalle und Expe­ dete Arbeitswelt mit Transparenz und Produkt- des „Campus 311“, einer alten, kürzlich sanierten,
rimentierstätte. Entworfen und realisiert hat es nähe. Verbannte man einst Fabriken an den Stadt- Produktionshalle mit Büroräumen. Der Industrie-

Von der Empore: Die Dach-


konstruktion mit seinen
135 Kassetten, durch die
das für Kristalle wichtige
Tageslicht fällt, ist mit
einer spe­ziellen Sonnen-
schutzbeschichtung ver­
sehen.
Lageplan im Maßstab
1:3500

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Architekten
Snøhetta, Innsbruck

Projektteam
Patrick Lüth (Leitung Studio
Innsbruck), Thomas Wirtl,
Jakob Achrainer, Christian
Hämmerle, Thomas Feuer-
stein, Maria Neururer
1
Tragwerksplanung
2
Baumann + Obholzer,
Innsbruck
3
4
4 Lichtplanung
Martin Klinger, Moosbach;
Sally Story, London

Klima- und Elektrotechnik


ATP, Innsbruck

Bauherr
D. Swarovski KG

Hersteller
Aufzüge Kone
Sanitär Laufen, Geberit,
Vola, Grohe, Franke, Duravit
Licht Xal
1
Akustik Kvadrat
Möblierung CLS, Gubi, Vitra,
Fritz Hansen, HAY, Baxter,
Prooff, B&B Italia, Molteni

8 7

Die Halle der Manufaktur,


oben: die gläsernen Kun-
denräume. Bilder unten: Ar-
beitsplätze der Mitarbei­
terinnen, dahinter der Büro-
bereich

riegel ist der Manufaktur vorgelagert, wodurch


das Snøhetta-Gebäude keine für den Besucher
wahrnehmbare Fassade zu haben scheint. Von
dem Eingang des Campus führt eine Treppe hin-
auf, vorbei an dem Relikt einer alten, nach Öl
riechenden Schleifmaschine. Am Treppenende
lässt sich in der Ferne bereits eine Hallenwand
der Manufaktur erkennen. Stufe für Stufe und
Zeile für Zeile offenbart sich ein an der Wand an-
gebrachter Schriftzug, der den Besucher wohl
auf den kommenden Kreativitätsexzess vorbe-
reiten soll: Everything you want. Is on the other
side. Of fear (siehe Seite 3).
Über eine Brücke, die beim Betreten wirkt wie
ein beengter hölzerner Schlauch, erreicht man
1 Alte Industriehalle 5 Büros
schließlich die Zwischenebene der neuen Manu-
2 Brücke 6 Cafébereich
faktur. Die Weite einer weißen Industriehalle
3 Empore 7 Maschinen
Schnitt und Grundrisse breitet sich vor den Augen aus. Wie automatisch
4 Kundenräume 8 Arbeitsplätze hält man hier oben auf einer mit Birkenholz getä-
im Maßstab 1:1000

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Unten: die Längsseiten der
Unten und rechts: Kunden- Halle, die die Kunden nicht
räume im Obergeschoss zu Gesicht bekommen, da
mit Ansichtsexemplaren die Manufaktur über eine
Schnitt im Maßstab 1:750 Brücke erschlossen wird.
des Erdgeschosses. „Wir wollten nicht, dass das
Gefühl aufkommt, wir Besucher hier oben und
die Mitarbeiter da unten“, sagt Patrick Lüth, Lei-
ter des Snøhetta Studios in Innsbruck. Die nach
Snøhetta-Manier breit angelegte Treppe sorgt
für diese gewünschte Durchlässigkeit. Daneben
wird sie für Versammlungen und Präsentationen
genutzt. Als Daniel Libeskind im letzten Winter in
der Manufaktur seinen für das Rockefeller Center
in New York entworfenen Kristall-Weihnachts-
stern vorstellte, seien weit mehr als alle Stufen
der Treppe besetzt gewesen, sagt die Presse-
sprecherin.

Ein verstecktes Regenbogenspektakel

Die Arbeitsbereiche im Erd- und Obergeschoss


gleiten ineinander, nur vereinzelt trennen Wände
und Glasscheiben die ruhigen Besprechungs-
und Ausstellungsräume ab. Dort, vor allem in den
Kundenräumen neben der Empore, wird dann
doch nochmal kräftig geblinkt. Aus Schubladen
werden für den Besucher Kristalle, Ketten, Ringe
gezogen – ein jedes Mal mit dem kindischen
Gefühl, eine verbotene Schatztruhe zu öffnen.
felten Empore inne, um die rege Betriebsamkeit
im Erdgeschoss mit Neugier zu verfolgen. Zwei
Ein nüchternes Gebäude, Vor einem schwarzen Vorhang steht eine Säule,

Mitarbeiter heben wortlos einen mit Kristallen frei von Anspielungen an von der Kristalle zu rutschen und rieseln schei-
nen; und hinter dem Vorhang hängen weitere ex-
besetzten Stab in die Höhe, der wie eine große kristalline Formen. Das wä- zentrische Schmuckstrukturen, mal geschlän-
Luxusausführung des Hakeninstruments aus-
sieht, mit dem üblicherweise ein Zahnarzt seinen
re naheliegend gewesen, gelt, mal kreisrund, an denen es glitzert, bis die

Patienten Zahnstein von den Zähnen kratzt. Was hätte aber von der eigentli- Augen schmerzen. Der Höhepunkt: ein Ausstel-
lungsraum, in dem von einem mit Kristallen be-
mit diesem mysteriösen Glitzerstab passiert, chen Funktion abgelenkt setzten Eislaufschuh bis zu pompösen Kristall-
wird nicht beantwortet. Die Anfertigungen sind abendkleidern zahllose Produkte der 120-jähri-
einsehbar, das Produkt selbst bleibt geheim. Fo- den Platten im Erdgeschoss, die man bei Bedarf gen Swarovski-Ära der Farbskala nach geordnet
tografieren ist verboten. Ein an die Deckenkon­ mit etwas Kraft aus der Halterung hebeln kann, wurden. Ein betörendes Regenbogenspektakel.
struktion gehängter Krahn fährt die Halle entlang, verlaufen die Rohre des hauseigenen Wasser- Fast öde und lieblos wirkt da der Raum zur Un-
bereit, beim Transport zu helfen. Er surrt, ge- aufbereitungssystems. Den wichtigsten Beitrag ternehmensgeschichte, die – und das wird leider
dämpft ist die Unterhaltung von Arbeitern zu hö- für die Stimmung in der Halle liefert aber das ge- an diesem Ort nicht deutlich – durchaus auch
ren, die im Café-Bereich im Erdgeschoss ihre dimmte Licht, das von der Decke durch 135 Kas- dunkle und glanzlose Kapitel aufweist.
Pause nehmen. Sonst herrscht, auch Dank Akus- setten in den Raum dringt. Nicht zu grell, sondern Es ist, von einzelnen Abschnitten abgesehen,
tikpaneelen, konzentrierte Stille. wohldosiert: Erst die richtige Belichtung bringt ein nüchternes Gebäude, das Snøhetta für den
Links und rechts in der Halle reihen sich Schleif- einen Kristall zum Funkeln. In den Deckenräumen Kristallhersteller entworfen hat. Ein Gebäude frei
maschinen, die auch als Laborversuchsbehälter zwischen den Kassetten, einer Stahlkonstruk­ von Anspielungen an kristalline Formen und zu-
in einem Science Fiction Film stehen könnten. In tion, war auch noch Platz, die Haustechnik zu ver- rückhaltend beim Einsatz glänzender Oberflä-
ihnen schießt ein Wasserstrahl gegen die im Ent- stecken. chen. Das wäre zwar naheliegend gewesen, hätte
stehen begriffenen Kristalle. In der Luft liegt der Der opernhaften Distanz von der Empore zur aber von der eigentlichen Funktion der Manufak-
Geruch frischen Holzes: Die Zwischenebene und unteren Bühne, auf der sich das Schauspiel der tur abgelenkt. Seinem Sinn und Zweck, für Ver-
der Boden im Erdgeschoss sind mit Birkenholz- Arbeiter vollzieht, wird durch eine breite Sitz- kauf und Markenbildung förderlich zu sein, wird
platten ausgelegt, was die Produktionsstätte in treppe aufgebrochen. Die Treppe verläuft über das Gebäude durchweg gerecht – unaufdring-
eine helle und warme Atmosphäre taucht. Unter Eck und führt von der Empore in die Bereiche lich, aber mit bleibendem Eindruck.

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