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T H E M A D E S M O N AT S :

WikiLeaks – kommt der gläserne Staat?


Die Internetplattform zwischen Enthüllungsjournalismus
und Informationsanarchie

A R B E I T S B L ÄT T E R I M M O N AT J A N UA R 2 0 1 1

2 Einleitung: Thema und Lernziele


3 Arbeitsblatt 1: Hintergrundinformationen zur Debatte um WikiLeaks
5 Arbeitsblatt 2: „Transparenz ist das Lebenselixier der Demokratie“
8 Arbeitsblatt 3: Kritische Thesen zu Wikileaks
10 Ausgewählte Internetquellen zum Thema

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01/2011 Wikileaks www.zeit.de/schulangebote + www.ustinov-stiftung.org


Einleitung: Thema und Lernziele

Kommt nach dem „gläsernen Bürger“ der „gläserne Staat“? Die Ereignisse rund um die Internetplattform
WikiLeaks machen es deutlich: In Zukunft können Regierungen und Unternehmen nicht mehr damit
rechnen, dass geheime Absprachen und vertuschte Missstände der Öffentlichkeit verborgen bleiben.
Das Internet macht Politik transparenter. Das stieß bei den Medien und in der Bevölkerung zunächst
auf breite Zustimmung. WikiLeaks veröffentlichte Dokumente über die Hintergründe der Kriege in
Afghanistan und im Irak, über die Folteranweisungen der Kriegsgefangenen, über die Zahl der getöte-
ten Zivilisten. Diese Informationen waren wichtig, damit sich die Bürger ein authentisches Bild von den
Machtstrukturen und dem Handeln ihrer Regierungen machen konnten. Mit „Cablegate“, der Veröffent-
lichung von Depeschen US-amerikanischer Botschaften, wendete sich das Blatt für WikiLeaks: Darf man
jedes Betriebsgeheimnis und jedes vertrauliche diplomatische Schreiben der Öffentlichkeit preisgeben?
Wo zieht man den Trennstrich zwischen demokratischer Transparenz und Informationsanarchie? Wer
legitimiert WikiLeaks, die E-Mails gewählter Volksvertreter auszuspionieren? Und: Gelten Datenschutz-
bestimmungen auch für den Staat?
Die vorliegende Unterrichtseinheit spiegelt die Debatte um die Cablegate-Veröffentlichungen mit Hin-
tergrundinformationen, Zitaten und Kommentaren zum Thema.

Arbeitsblatt 1 bietet grundlegende Informationen zu den Motiven und Projekten der Organisation
WikiLeaks und skizziert den Kern der aktuellen Kontroverse. Die Schülerinnen und Schüler werden
aufgerufen, mithilfe dieser Fakten eine journalistische Nachricht zu schreiben und sich mit der Form und
den Inhalten der Mediendebatte auseinanderzusetzen.

In Arbeitsblatt 2 finden die Schülerinnen und Schüler drei Textauszüge, die sich positiv zum Konzept
einer transparenten Politik äußern. Sie erfahren mehr über das alternative Konzept der geplanten In-
ternetplattform OpenLeaks und beschäftigen sich ebenfalls mit Kants Hypothese vom ewigen Frieden
zwischen demokratisch legitimierten Staaten. Die Schülerinnen und Schüler erörtern das Für und Wider
lückenloser Informationstransparenz und ihrer Grenzen innerhalb eines demokratischen Gemeinwe-
sens.

Arbeitsblatt 3 stellt einen Text vor, der die Enthüllungskultur von WikiLeaks scharf kritisiert. Die Schü-
lerinnen und Schüler untersuchen, inwieweit journalistische Sorgfaltspflicht, Pressekodex und Daten-
schutzbestimmungen bei Cablegate zur Geltung kommen.

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Arbeitsblatt 1: Hintergrundinformationen zur Debatte um WikiLeaks

Das Projekt und die Kontroverse um politische Transparenz und Geheimnisverrat

1 „We open governments“ ist das Motto von WikiLeaks: „Wir machen Regierungen transparent“. Die Organisation bietet eine
2 Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, dies sind Informanten aus Politik und Wirtschft, geheime Akten und Daten an
3 die Öffentlichkeit bringen können. WikiLeaks garantiert ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer
4 Server Anonymität. WikiLeaks veröffentlicht das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. Die Organi-
5 sation hat dabei den Grundsatz, Dokumente nur dann zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt
6 geprüft wurden.
7

8 Die jüngste Veröffentlichung auf WikiLeaks ist unter dem Namen Cablegate bekannt geworden: Im November 2010 hat
9 Wikileaks mit der Veröffentlichung von etwa 250.000 Berichten US-amerikanischer Diplomaten begonnen. Neben Depeschen,
10 die US-Botschafter über internationale Politiker angefertigt hatten, kamen auch weitere Informationen zu den von Amerika ge-
11 führten Kriegen ans Licht, aber auch Einschätzungen zur Situation Nordkoreas, zu den Staaten Südamerikas und zum iranischen
12 Atomprogramm.
13

14 Am 7. Dezember 2010 wurde der Gründer der Seite, Julian Assange, in England verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl aus
15 Schweden vorliegt. Dort wird ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Assange bestreitet den Vorwurf. Die schwedische Justiz sagt,
16 dass der Haftbefehl in keinem Zusammenhang mit den Veröffentlichungen durch Assanges Projekt steht. Er selbst behauptet, es
17 handele sich nur um einen Vorwand, um WikiLeaks von der Veröffentlichung weiterer Dokumente abzuhalten.
18

19 Fest steht, dass die Cablegate-Veröffentlichungen weltweit Interesse erregten. Vor allem in den USA riefen sie heftige Proteste der
20 Regierung hervor und konservative Politiker forderten, Assange zu verhaften. In vielen Ländern führten sie zu einer Diskussion
21 über den Nutzen von Wikileaks und über die Zukunft der Diplomatie: Was geschieht mit den internationalen Beziehungen,
22 wenn im Zweifel jedes geheime Dokument an die Öffentlichkeit gelangen könnte?
23

24 Dabei werden von einigen Kritikern auch die Absichten von Julian Assange und seiner Organisation in Zweifel gezogen. Sie sind
25 der Meinung, dass Transparenz kein Selbstzweck sein dürfe, WikiLeaks also nicht ausnahmslos alle ihm zugespielten Dokumente
26 ohne Rücksicht auf die Folgen veröffentlichen dürfe. Dabei betont WikiLeaks selbst immer wieder, dass genau das nicht geschieht
27 und dass aus den Dokumenten beispielsweise Namen herausgefiltert würden, um Menschen nicht zu gefährden. Assange bezeich-
28 net sich deshalb inzwischen auch als „Chefredakteur“, als jemand mit journalistischem Selbstverständnis, wozu gehört, nicht jede
29 Information, die man erhalten hat zu veröffentlichen und das Material einer kritischen Sichtung zu unterziehen.
30

31 Gegründet wurde die Plattform von Julian Assange im Jahr 2006. Im Jahr darauf erlangte sie weltweite Bekanntheit, als sie die
32 Richtlinien des US-Militärs veröffentlichte, aufgrund derer im Gefangenenlager Guantánamo die Insassen behandelt und ge-
33 foltert wurden. Im Juli 2010 veröffentlichte die Organisation zuerst geheime Militärdokumente aus dem Afghanistankrieg (die
34 Afghan War Diaries) und im Oktober Dokumente aus dem Irakkrieg (Iraq War Logs).
Quelle: Frida Thurm, ZEIT für die Schule, 8.12.2010, http://blog.zeit.de/schueler/2010/12/08/wikileaks

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Aufgaben:

1. Einstieg: Entwerfen Sie spontan nach Ihrem bisherigen Kenntnisstand über die WikiLeaks-Debatte
drei Schlagzeilen zum Thema. Schreiben Sie sie auf einen Zettel, sammeln Sie die Headlines aus
Ihrer Lerngruppe, und werten Sie die Texte im Plenum aus: Welche Tendenzen lassen sich erkennen?
Welche Themen, Aspekte, Meinungen und Gefühle sind beherrschend, und welche treten eher in den
Hintergrund? Suchen Sie Erklärungen für Ihre Analyseergebnisse.

2. Schreiben Sie einen Text in Form einer journalistischen Nachricht, der über die WikiLeaks-Debatte
informiert. Die Nachricht sollte nicht länger als 900 Zeichen (inklusive Leerzeichen) sein. Beantworten
Sie hierbei die journalistischen W-Fragen:

Was ist geschehen? Das Ereignis, den Sachverhalt, die Fakten, das Problem möglichst deutlich
herauskristallisieren.

Wer ist betroffen? Die handelnden Personen mit Vornamen und Namen nennen, wenn nötig mit
Funktion und Titel.

Warum ist es geschehen? Die Motivation der handelnden Personen, den Grund für das Ereignis be-
schreiben.

Wann ist es geschehen?

Wo ist es geschehen?

Woher stammen die Informationen? Die Quelle benennen.

Hinweis: Informationen zum Abfassen einer Nachricht finden Sie im Downloadbereich von „ZEIT für die
Schule“ unter http://www.zeit.de/angebote/schule/unterrichtsmaterialien > III. Journalistische Darstel-
lungsformen.

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Arbeitsblatt 2: „Transparenz ist das Lebenselixier der Demokratie“

Die Suche nach einer Balance zwischen Offenlegung und Geheimnis, Freiheit und Sicherheit

1 M1: Mehr WikiLeaks wagen!


2 Transparenz ist gut. Aber sie braucht Regeln. Und die Politik muss erkennen, dass Offenheit es leichter macht, ein Land zu
3 regieren.
4

5 Lassen wir Julian Assange beiseite, seine Geheimniskrämerei, seine Profilierungssucht. Was bleibt übrig? Eine Idee: Alle Infor-
6 mationen müssen frei zugänglich sein, versteckte aufgedeckt werden. Wenn dann alles offen liegt, können wir endlich diese Welt
7 und ihre Machtstrukturen verstehen und zum Besseren wenden. Diese Idee muss einem nicht gefallen. Aber die Welt kann nicht
8 mehr ohne sie gedacht werden. Wie also gehen wir mit ihr um?
9

10 Die Politik könnte sich darauf besinnen, dass Deutschland ein Land ist, das nur wenige echte Geheimnisse hat. Und darauf,
11 dass diese Republik längst gute Erfahrungen mit neuen Formen der Transparenz gemacht hat und schnell bereit ist, weitere zu
12 erproben. Das zeigt das Schlichterverfahren um Stuttgart 21 ebenso wie die vielen Bürgerhaushalte und Konsultationsverfahren
13 im Netz. „Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach Offenheit“, sagt Hamburgs oberster Datenschützer und Informationsfreiheits-
14 beauftragter Johannes Caspar. „Und es ist sinnvoll, seitens der Politik darauf einzugehen. Denn erst so gewinnen politische Pro-
15 jekte an Akzeptanz.“ Letztlich wird entlang der Idee von WikiLeaks abermals der klassische Diskurs darüber fortgeführt, wie eine
16 Balance herzustellen ist zwischen Transparenz und Geheimnis, zwischen Freiheit und Sicherheit. Dazu gehört die Frage, wie weit
17 die Meinungsfreiheit reichen darf, damit sich auch einzelne Warner gegen etablierte Machtstrukturen behaupten können. Oder
18 wie dagegen die Privatsphäre des Einzelnen zu sichern ist und das Betriebsgeheimnis eines Unternehmens. Vielleicht muss es auch
19 eine Art Datenschutz für den Staat geben? Ein erster Schritt, diese Debatte fruchtbar zu machen, wäre, Organisationen wie Wi-
20 kiLeaks zu fördern, statt sie anzugreifen, damit sie ihren Platz im bestehenden System finden können. Die WikiLeaks-Aussteiger
21 Daniel Domscheit-Berg und Herberg Snorrason haben gerade einen weiteren Vorschlag gemacht. Ihre neue Plattform OpenlLe-
22 aks will Medien, Menschenrechtsgruppen oder Gewerkschaften anbieten, für sie anonyme Briefkästen im Netz einzurichten. Wer
23 dort geheime Dokumente hinterlässt, kann sich aussuchen, an wen er sie weitergeben will. Der Empfänger wertet das Material
24 entsprechend seinen Fachkenntnissen aus und veröffentlicht, was er für wichtig hält. Nach einer gewissen Frist stehen die Daten
25 dann allen Besitzern solcher Briefkästen zur Verfügung.
26

27 Thilo Weichert vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein findet die Idee gut. Schließlich sei
28 Transparenz das Lebenselixier der Demokratie. „Die Plattformen müssen nur gut reguliert werden.“ Das könnte heißen, den
29 Betreibern würden Informantenschutz und Zeugnisverweigerungsrecht zugebilligt, wie sie auch für Journalisten gelten. Außer-
30 dem müssten diejenigen, die auf Missstände aufmerksam machen, Whistleblower also, arbeitsrechtlich geschützt werden. Im
31 Gegenzug, so Weichert, könne man dann auch einen verantwortlichen Umgang mit brisanten und möglicherweise gefährlichen
32 Daten verlangen. Die Grenzen der Transparenz gebe das Recht längst vor: Datenschutz, innere und äußere Sicherheit, Schutz des
33 Betriebsgeheimnisses.
34

35 Allerdings wird es nicht ausreichen, lediglich bessere WikiLeaks zu fördern. Ein zweiter Schritt ist nötig. „Die Politik muss Trans-
36 parenz als ein neues und effektvolles Instrument des Regierungshandelns erkennen und nutzen“, sagt der Verwaltungswissen-
37 schaftler Philipp Müller. Denn überall dort, wo über einen gesamten politischen Prozess hin mit offenen Karten gespielt werde,
38 wachse dem Verfahren eine Legitimität zu, die es durchsetzungsfähig mache – wenn die Bürger mitreden dürften und relevante
39 Einwände erkennbar gehört würden. Der Lohn einer solchen neuen Offenheit könnte sein, dass verloren gegangenes Vertrauen
40 wiederhergestellt wird. Das böte auch eine Chance, bei den größten Skeptikern Verständnis für die Vertraulichkeit zu gewinnen,
41 die mitunter notwendig ist, damit Institutionen funktionieren.
Quelle: Karsten Polke-Majewski, ZEIT ONLINE, 15.12.2010 (gekürzt),
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-12/wikileaks-openleaks-transparenz-deutschland

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1 M2: Demokratie will Öffentlichkeit
2 In seiner Spätschrift „Zum Ewigen Frieden“ (1795) hat Immanuel Kant seine Theorie des demokratischen Friedens begründet.
3 Darin führt er aus, dass Demokratien („Republiken“) gegeneinander keinen Krieg führen werden, da die Interessen der Regie-
4 rungen mit den Interessen der Regierten weitgehend identisch seien, da die Würde des Individuums Teil des Staatsverständnisses
5 geworden sei und weil – und dies ist für uns der ausschlaggebende Punkt – die internationalen Beziehungen in Demokratien
6 öffentlich seien: Es gebe keine geheimen Nebenabsprachen zu internationalen Verträgen, alles sei für alle Staatsbürger jederzeit
7 transparent und kontrollierbar, die Regierenden vermieden jede Doppelzüngigkeit und verzichteten auf Geheimstrategien. Nur
8 wenn Ziele und Praxis der Regierungen in der internationalen Politik transparent und öffentlich sind, sichert nach Kant die de-
9 mokratische Staatsform den Frieden zwischen Republiken, unabhängig von ihren jeweiligen Interessenlagen.
10

11 Rund 200 Jahre nach der Entstehung von Kants Theorie kommen Wissenschaftler, die sich mit internationalen Beziehungen
12 befassen, zu dem Ergebnis, dass sie sich als zutreffend herausgestellt hat. Bislang hat es noch nie einen Krieg zwischen zwei De-
13 mokratien gegeben. Das war eine Überraschung. Denn die vorherrschende Theorie des Realismus postulierte, dass sich Staaten in
14 ihrem außenpolitischen Agieren ausschließlich an den eigenen nationalen Interessen orientieren und Konflikte je nach Interessen-
15 lagen zu Kriegen eskalieren, unabhängig von der Staatsverfassung der beteiligten Länder. Zwei weitere Theorien internationaler
16 Konflikte konnten durch die Forschung ebenfalls widerlegt werden: Weder gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit sichert den
17 Frieden, wie das Beispiel der Balkankriege, aber auch der Kriege in Afrika zeigt. Noch reichten gemeinsame Wertvorstellungen
18 sowie kulturelle Nähe hin, um Kriege zu verhindern.
19

20 Kants Hypothese, dass die Staatsform das entscheidende Kriterium für Frieden sei und Demokratien ihre Konflikte ohne Gewalt
21 austrügen, wurde inzwischen empirisch bestätigt. Dennoch: Nach Kant ist eine Voraussetzung für den Fortbestand des demo-
22 kratischen Friedens, dass sich die außenpolitische Praxis von Demokratien deutlich von der Geheimdiplomatie der Diktaturen
23 unterscheidet. Diesen fundamentalen Unterschied ziehen die WikiLeaks-Dokumente in Zweifel. Es ist an der Zeit, die Außen-
24 politik demokratischer Staaten an den Prinzipien der Klarheit und Wahrheit zu orientieren. Die Bürger eines demokratischen
25 Staates haben Anspruch darauf, die Strategien ihrer Regierung und deren Motive zu kennen.
Quelle: Julian Nida-Rümelin, DIE ZEIT Nr. 51, 16.12.2010 (Auszug), http://www.zeit.de/2010/51/Wikileaks

1 M3: „Geheimnisverrat ist notwendig“


2 Regierungen und Unternehmen halten mehr geheim, als für unsere Gesellschaft gut ist, zumal die Entscheidungen des Einzelnen
3 Einfluss auf immer weitere Teile der Welt haben. Wenn ich Turnschuhe kaufe, ist auch der betroffen, der sie zusammenklebt.
4 Gerade die Geheimnisse der Wirtschaft müssen aufgedeckt werden, damit ich mich richtig verhalten kann. Nehmen Sie die Ban-
5 kenkrise. Da passierte so viel hinter verschlossenen Türen, das vielleicht verhindert worden wäre, wenn ein paar Sekretärinnen
6 als „Whistleblower“ agiert hätten. Das ist der wichtigste Effekt von WikiLeaks: dass wir uns als Gesellschaft fragen, wie viel Ge-
7 heimhaltung nötig und wie viel schädlich ist. Auch für das Leaken muss es aber künftig eine demokratische Legitimation geben.
Zitat: Ex-WikiLeaker Daniel Domscheit-Berg im Interview mit Evelyn Finger, DIE ZEIT Nr. 50, 9.12.2010,
http://www.zeit.de/2010/50/WikiLeaks-Interview

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Aufgaben:

1. Sammeln Sie gemeinsam Argumente, die für das Vorgehen von WikiLeaks sprechen. Arbeiten Sie
anschließend heraus, unter welchen Voraussetzungen Sie das „Leaken“ als notwendig und positiv
bewerten und wo Sie Grenzen ziehen. Begründen Sie Ihre Entscheidung!

2. Die WikiLeaks-Debatte wird in den Medien bisweilen mit der Kontroverse um die Musiktauschbörse
Napster verglichen. Recherchieren Sie Informationen zu Napster, und arbeiten Sie Parallelen heraus.
Ziehen Sie dabei auch die Reaktion der Bevölkerung auf die Ereignisse in Ihre Überlegungen mit ein.

Linktipp: Suchergebnisse für „Napster“ auf ZEIT ONLINE, http://www.zeit.de/suche/index?q=napster

3. Entwerfen Sie in Partnerarbeit ein Tafelbild, das Ihre Interpretation der Zusammenhänge zwischen
einem demokratischen Staatswesen, transparenter Politik und (innerem wie äußerem) Frieden vi-
sualisiert. Sie können sich hierbei auf die Argumente und Ideen der Texte beziehen und/oder eigene
Gedanken und Zusammenhänge aufzeigen. Stellen Sie Ihr Arbeitsergebnis im Plenum vor.

4. Erstellen Sie eine Übersicht, in der Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Strategien von Wiki-
Leaks und OpenLeaks herausarbeiten. Nehmen Sie Stellung zu den verschiedenen Konzepten, und
begründen Sie Ihr Urteil.

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Arbeitsblatt 3: Kritische Thesen zu WikiLeaks

1 Die Vorstellung, die Welt wäre besser, wenn alle alles von allen wüssten – WikiLeaks’ Geschäftsgrundlage – ist unfasslich naiv und
2 zeugt geradezu von einer kindlichen Weltsicht. Wer schon einmal ein Familienfest erlebt hat, bei dem die Verwandten einander
3 endlich die Wahrheit sagen, weiß, was ich meine. Ich spreche aus beruflichen Gründen regelmäßig vertraulich mit Diplomaten.
4 Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ich mich ebenso an die Chatham-House-Regel halte, also Identitäten nicht preis-
5 gebe, wie ich umgekehrt mit ihrer Diskretion rechne. Sonst war es das letzte Treffen, und zwar zu Recht. Brechen darf man eine
6 solche Verabredung nur, um gravierenden Schaden abzuwenden. Bisher ist mir nicht ersichtlich, wo die WikiLeaks-Dokumente
7 dies rechtfertigen könnten.
8

9 Die Enthüllungskultur von WikiLeaks trifft (was Cablegate angeht!) nur ohnehin schon relativ transparente, demokratische
10 Gesellschaften. Könnte es also sein, dass die radikale Transparenz-Ideologie von WikiLeaks de facto der Freiheit einen Tort antut?
11 (Das ist kein Plädoyer gegen echte Enthüllungen.) Diplomaten der USA handeln im Auftrag einer gewählten und abwählbaren
12 Regierung, die ihre Außenpolitik im Kongress erklären und verantworten muss. Julian Assange ist von niemandem gewählt und
13 auch nicht vom Weltgeist beauftragt worden. Er stellt aber sein Handeln als legitim dar und suggeriert, das diplomatische Regie-
14 rungshandeln sei schon deshalb illegitim, weil es der Geheimhaltung unterliegt. Das ist eine Verdrehung der Realität und eine
15 Anmaßung. (Die Anweisung der US-Regierung an Diplomaten, sie sollten sich als Spione betätigen und persönliche Daten ihrer
16 Konterparts ermitteln, ist eine Ausnahme hiervon und bisher der einzige Scoop der Enthüllungen.)
17

18 WikiLeaks sieht sich offenbar als Kämpfer gegen den bösen Drachen des amerikanischen Empires. So mutig ist das denn doch
19 nicht mehr, denn leider ist diese Vormachtstellung seit Jahren für alle ersichtlich im Abschwung. Meine Genugtuung über die
20 Relativierung amerikanischer Macht hält sich in Grenzen, bis jemand mir eine Macht oder meinetwegen Mächte zeigt, die den
21 Job besser machen – oder überhaupt bereit wären, in die Lücke zu treten. Auch in diesem Sinn sind die Kabel entlarvend: Sie
22 zeigen eine Welt, die nicht mehr auf Amerika hört, aber doch im Zweifelsfall auf Washington starrt, wenn es gilt, Probleme zu
23 lösen, ganz egal ob Nahost, Iran, Nordkorea oder den Klimawandel.
Quelle: Jörg Lau, ZEIT ONLINE, 30.11.2010, http://blog.zeit.de/joerglau/2010/11/30/8-thesen-zu-wikileaks_4382

K1 K2
Karikaturen: Klaus Stuttmann, http://www.stuttmann-karikaturen.de

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Aufgaben:

1. Recherchieren Sie im Pressekodex, ob WikiLeaks journalistisch-ethische Grundregeln verletzt hat. Do-


kumentieren Sie die Passagen, die Ihnen hierbei relevant erschienen, und diskutieren Sie Ihre Arbeits-
ergebnisse. Linktipp: http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html

2. Nehmen Sie kritisch Stellung zu dem folgenden Zitat:


„Wie kann ich frei sein, wenn in meinem Computer der Schnüffler lauert, sei’s ein staatlicher oder
selbst ernannter? Weshalb schützt wohl jeder liberale Staat das Briefgeheimnis und die Vertraulichkeit
der Wohnung?“ (Quelle: Josef Joffe, „Faustrecht digital“, ZEIT ONLINE, 17.12.2010,
http://www.zeit.de/2010/51/P-Zeitgeist)

Ziehen Sie für Ihre Argumentation folgende Überlegungen heran:


Netzaktivisten, wie beispielsweise die Piratenpartei, kämpfen gegen eine Politik des „gläsernen Bür-
gers“ und fordern eine Verbesserung der Datenschutzbestimmungen im Internet und eine digitale
Privatsphäre. Sollten Äußerungen staatlicher Organe und Politiker den gleichen Datenschutzbestim-
mungen wie Privatpersonen unterliegen? Gibt es in Ihren Augen einen Unterschied zwischen priva-
tem und amtlichem E-Mail-Verkehr?

3. Die auf der vorherigen Seite dargestellten Karikaturen thematisieren zwei zentrale Aspekte in der
WikiLeaks-Debatte. Fassen Sie die Bildaussage jeweils in einem Satz zusammen, und ordnen Sie diese
Thesen einer Pro- oder Kontra-Haltung zu.

4. Entwerfen Sie eine Gliederung für eine dialektische Erörterung zum Thema WikiLeaks. Skizzieren Sie
die Thesen und Antithesen, entwickeln Sie eine Synthese, und ziehen Sie ein abschließendes Fazit.

5. Während viele Autoren in den journalistischen Medien die mangelnde Beachtung der journalisti-
schen Sorgfaltspflicht im Zuge der WikiLeaks-Enthüllungen kritisieren, spricht man in der Blogosphä-
re häufig davon, dass WikiLeaks das Versagen des etablierten Journalismus kompensiere. Legen Sie
dar, welche Erwartungshaltung die Öffentlichkeit gegenüber dem Journalismus hiermit zum Aus-
druck bringt.

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Ausgewählte Internetquellen zum Thema

WikiLeaks:
Die Originaldomains wikileaks.org und wikileaks.com sind geschlossen worden, folgende Ausweich-
adressen sind bis Redaktionsschluss erreichbar gewesen:

http://www.wikileaks.ch
http://www.wikileaks.de
http://wikileaks.at
http://mirror.wikileaks.info

ZEIT für die Schule: WikiLeaks


http://blog.zeit.de/schueler/2010/12/08/wikileaks

ZEIT ONLINE: Operation Payback – Die Schlacht hat begonnen


http://www.zeit.de/digital/internet/2010-12/infowar-anonymous-wikileaks

ZEIT ONLINE: WikiLeaks ist das Napster der Regierenden


http://www.zeit.de/digital/internet/2010-12/wikileaks-kontrolle-transparenz

ZEIT ONLINE: Das offene Netz ist längst Illusion


http://www.zeit.de/digital/internet/2010-12/wikileaks-internet-freiheit

Spiegel Online: Die Botschaftsdepeschen


http://www.spiegel.de/thema/botschaftsberichte_2010

ZDF YouTube-Channel: WikiLeaks: Irak – Mit Bohrmaschine Löcher in die Beine gebohrt
http://www.youtube.com/watch?v=IhfYLs0AGPM

ZDF YouTube-Channel: WikiLeaks: Wie Amerika Deutschland sieht


http://www.youtube.com/watch?v=NtcCWLuAGxA&feature=related

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