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Gegenwärtige wirtschaftspolitische Trends vs.

Nikomachische Ethik des Aristoteles∗


Gerhard Michael Ambrosi

Focus online, 12. 06. 2017: “Deutschland weist im internationalen Vergleich eine sehr ho-
he Ungleichheit bei der Verteilung von Vermögen auf. . . Von 172 Ländern, die die Schweizer
Großbank untersucht hat, liegt Deutschland damit auf Platz 117. Auf dem gleichen Niveau wie
wir bewegen sich Togo und Marokko” (Sackmann 2017). Laut Credit Suisse (2018, pp. 114-7,
Tab 3-1) liegt aktuell der Gini-Koeffizient (Abweichung von der Gleichverteilungsgerade) für
Deutschland bei 81,6. Damit Deutschlands Wert etwas schlechter als der des Königreichs Saudi
Arabien (80,0) aber immer noch besser als der der USA (85,2).
Das Problem der ungleichen Einkommensverteilung ist laut DIW (Deutsches Institut für
Wirtschaftsforschung, 2017): “Das Wachstum der deutschen Wirtschaft wäre seit der Wieder-
vereinigung kumuliert um rund zwei Prozentpunkte höher gewesen, wenn die Einkommensun-
gleichheit konstant geblieben wäre.” (Albig u. a. 2017)
Die OECD (2015) bringt die Problematik auf den Punkt mit ihrer Überschrift: “Why Less
Inequality Benefits All”. Der deutsche Auszug der Studie von Förster (2015) stellt fest: “Der
Anstieg der Ungleichheit im OECD Raum war langfristig mit einem Verlust von fast 5%-
Punkten BIP-Wachstum verbunden. Der Effekt ist v.a. auf die steigende Kluft der unteren Ein-
kommen zurückzuführen – der unteren 40%”.
Stiglitz (2017) in einem FAZ-Beitrag: “Die wachsende Ungleichheit ist eines der größten
Risiken für die Weltwirtschaft. Zu diesem Schluss sind die in Davos versammelten Wirtschafts-
führer in den vergangenen Jahren gelangt. Sie haben erkannt, dass dies nicht allein eine mora-
lische Frage ist, sondern auch eine wirtschaftliche.” Weiteres z.B. bei Stiglitz (2012, 2015).

Vorlage für das VIII. Symposion, 1.6.2019 Email: ambrosi@uni-trier.de ; Tel.: 0178 - 286 27 03

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Die alten Griechen waren sich voll bewusst, dass Einkommensverteilung und das Überleben
einer Polis eng zusammenhängen. Aristoteles schreibt in seiner Politik, Kap. II, 9 (1270a15):
Spartas Problem war, dass “die einen sehr viel Vermögen besaßen, andere aber sehr wenig”.
Die Erfahrung zeigte Aristoteles zufolge, “daß es bei ihnen mit diesen Regelungen (über den
Besitz) schlecht bestellt war. Denn der spartanische Staat war nicht in der Lage, auch nur eine
einzige [militärische] Niederlage zu überstehen, sondern er ging wegen der geringen Zahl an
Bürgern zugrunde.”(Übersetzung: Schütrumpf 1991, S. 36-7)
Aristoteles’ Lehrer Platon beschreibt im Dialog Der Staat die “Ur-Polis”. Sokrates (369d):
“Beschreiben wir die Gründung einer Stadt von ihrem Ursprung an! Offenbar wird also unser
Bedürfnis sie schaffen.. . . Das erste und größte Bedürfnis ist aber die Beschaffung der Nah-
rung, damit man sein und leben kann.” (Übersetzung: Rufener 2000, S. 137). Platon entwirft
dann das Bild eines harmonischen “gesunden” Bauern und Handwerker-Staates mit ökonomi-
scher Gleichverteilung, basierend auf Marktaustausch und Geld als Tausch- und Recheneinheit
(Bemerkenswert: die Bürger sind definiert als selbst arbeitende Handwerker, nicht als Sklaven-
halter!).
Die Idylle es “Ur-Staates” wird bei Platon durch unsinnigen Luxus und Habgier zerstört
(kranker Staat). Platon entwirft dann in diesem Dialog den “schönen” Staat, der auf einer
Vielzahl von Regelungen beruht, die den ungerechten Eigennutz eindämmen sollen. Von Karl
Popper 1957 wird Platon als Wegbereiter des Totalitarismus polemisch angegriffen (wie auch
Aristoteles und Hegel).
Die Grundidee bei Platon und auch bei seinem oft kritischen Schüler Aristoteles ist aber:
der Staat / die Polis ist dazu da, das Bedürfnis jedes einzelnen Bürgers zu befriedigen, wie in
Platons (bzw. Sokrates’) “Ur-Polis” (s.o.) dargelegt. Bei Aristoteles ist der Sinn des Staates die
Verwirklichung des Lebensglücks der ihn bildenden und tragenden Bürger, die Eudaimonia. In
letzter Zeit hat sich die Gattung der “Happiness-Literatur” entwickelt, die sich oft auf Aristo-
teles bezieht, teilweise auch in Kombination mit Bezugnahme auf J.M. Keynes 2007 [1930]1
(z.B. Skidelsky und Skidelsky 2013).
Schon zu Sokrates’ Zeiten (ca. 450 v. Chr.) (evtl. auch schon lange davor) muss man dar-
an gegangen sein, mathematische Modelle der gerechten oder “harmonischen” Gesellschaft zu
entwickeln. Vorlage dürften dabei die damals schon sehr entwickelte mathematische Harmo-
nik und die mathematische Modellierung der relativen Lage der Himmelskörper gewesen sein.
Dies kann geschlossen werden aus Platons Dialog Gorgias, in dem Sokrates seinen habgierigen
und selbstgerechten Dialogpartner Kallikles tadelt (508a): “Die Weltweisen, Kallikles, sagen:
Himmel und Erde, Götter und Menschen hält Gemeinschaft zusammen und Freundschaft und
Harmonie und Besonnenheit und Gerechtigkeit; und darum heißen sie das Weltganze “Welt-
ordnung”, Freund, und nicht etwa “Weltunordnung” oder Zügellosigkeit. Alledem scheinst du
aber deine Aufmerksamkeit nicht zu schenken und das, trotzdem du so weise bist; sondern dir
entging es, daß die mathematische Gleichheit unter Göttern und Menschen so hohe Bedeutung
hat. Du wähnst eben, nur nach dem Vorteil müsse man trachten, – Mathematik läßt du abseits
liegen.” (Übersetzung von Preisendanz 1908, S. 127)
Im Mittelteil seiner Nikomachischen Ethik, in “Buch V”, behandelt Aristoteles die Gerech-
tigkeit in drei Aspekten: “allgemeine” Gerechtigkeit als Gesetzestreue (Kap. 2) und dann das
“partiell Gerechte” in den zwei Ausgestaltungen: das “verteilende” bzw. “distributive” Gerech-
te (Kap. 3) und das “regelnde” bzw. “ausgleichende” Gerechte (Kap. 4). Aristoteles bezieht sich
dabei verbal auf (nicht überlieferte) geometrische Darstellungen. Sie werden in Kommentaren
rekonstruiert als Proportionen (Kap. 3) und als Linien, die gekappt und wieder angestückelt
1 Deutscher Text unter http://www.sokratischer-marktplatz.de/pdf/Text_Keynes_

Enkelkinder.pdf, URL vom 29.5.2019. Übersicht über Happiness-Literatur in Bruni (2010).

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werden (Kap. 4). Dies erscheint etlichen Kommentatoren als eigenartig, z.B. findet der Mathe-
matikhistoriker Th. Heath (1949, S. 274) die Mathematik des Kap. 4 “rather childish”. Dennoch
sind diese “partiellen” Aspekte des Gerechten über die Jahrtausende hinweg immer wieder als
angemessene Darstellungen der Problematik angesehen worden.
Ganz anders sieht das aus mit Kapitel 5 über “Reziprozität” bzw. “Wiedervergeltung”. In
der Übersetzung von Dirlmeier (1999, S. 105) lesen wir: “Manchen gilt auch die Wiedervergel-
tung schlechthin als gerecht.. . . Die Wiedervergeltung aber paßt weder zu der verteilenden noch
zu der regelnden Gerechtigkeit”. Dieses Kapitel hat etliche Kommentatoren zur Verzweiflung
gebracht. Der Ökonom der “Österreichischen Schule” Murray Rothbard (1995, S. 16) meint,
es enthalte schlichtweg Unsinn (“descent into gibberish”).
Aristoteles entwirft hier ein Modell des wirtschaftlichen Austauschs zwischen einem Bau-
meister (oder – an einer anderen Stelle – einem Bauern) “A” und einem Schuster “B”, die
einen Teil ihrer Produktion austauschen, also “C” Bauten (oder Nahrung) gegen “D” Schuhe.
Wie schon in Kap. 3 und 4 (Buch V) benutzt Aristoteles auch in Kap. 5 geometrischen Jargon
(“diagonale Verbindung” der Tauschpartner). Dies wirft die Frage auf, was seine soeben zitier-
ten Buchstabensymbole und seine darauf aufbauenden Proportionen in geometrischem Sinne
impliziert und was das dann genau bedeutet.
Zum Verständnis von Aristoteles’ Tauschmodell ist es unerlässlich sich genau klar zu ma-
chen, wovon da geschrieben wird. Bei dem Austausch der Güter C und D handelt es sich jeweils
um einen Teil der Gesamtproduktion. Um dies zu betonen, ersetze ich die in der wörtlichen
Übersetzung verwendeten Großbuchstaben C und D durch die entsprechenden Kleinbuchsta-
ben “c” (für die zum Tausch gebrachte Produktmenge als Teil der Gesamtproduktion des Pro-
duzenten “A”) und “d” (für die zum Tausch gebrachte Menge an Schuhen als Teil der Gesamt-
produktion des Schusters “B”). Den “Wert” der Tauschpartner fasse ich auf als: Geldwert ihrer
jeweiligen Gesamtproduktion. Ich präzisiere die Symbolik, mit der die Tauschpartner bezeich-
net werden, in entsprechender Weise und schreibe A0 für den Baumeister / Bauern (ursprünglich
einfach “A” ) und B0 für den Schuster (ursprünglich einfach “B”).
Verschiedene Kommentatoren weisen darauf hin, dass Aristoteles mit seinem Modell des
wirtschaftlichen Austauschs an Sokrates’ Modell der Ur-Polis anknüpft (s.o.).2 Diese Beobach-
tung ist wichtig. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass in dieser Sichtweise die Bedürfnis-
befriedigung die Entstehungsgrundlage der Ur-Polis ist. In der Fortführung dieses sokartisch-
platonischen Gedankens sollte (und wird bei Aristoteles) der Gesichtspunkt der Bedürfnisbe-
friedigung von entscheidender Bedeutung sein. Hierauf soll später zurückgekommen werden.
Von zentraler Bedeutung für das Verständnis des aristotelischen Wirtschaftsmodells ist
Aristoteles’ Betonung einer inversen Proportionalitätsbeziehung zwischen den Tauschpartnern
und deren getauschten Produkten. Berühmt und wiederholt zitiert ist, dass Harold H. Joachim
(1951), Aristotelesexperte und lange (1919 – 1935) Lehrstuhlinhaber für Logik an der Uni-
versität Oxford, in seinem Kommentar zur Nikomachischen Ethik erklärte, dass letztendlich
er Aristoteles’ Proportionen zwischen den Tauschpartnern nicht verstünde.3 Das Problem ist
jedoch lösbar, wenn man Aristoteles’ Buchstabensymbolik wie oben dargelegt interpretiert.
Ergänzt man Aristoteles’ verbale Beschreibung der Proportionen zwischen Produzenten
und gehandelten Produkten mit den oben erläuterten Varianten seiner Symbole, so erhält man
die Aussage (1133a33, Dirlmeier S.107): “Es kann also zu “Wiedervergeltung”4 kommen,
2 Dirlmeier (pp.413-4) schreibt, dass Aristoteles, “wie längst erkannt, in diesem Abschnitt sachlich durchaus
auf Platon beruht”.
3 Joachim (1951, S. 150): “How exactly the values of the producers are to be determined, and what the ratio

between them can mean, is, I must confess, in the end unintelligible to me.”
4 Dirlmeiers Gänsefüßchen für seine Übersetzung von Aristoteles’ antipeponthos

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wenn Gleichheit hergestellt ist, so daß gilt : wie Bauer [A0 ] zu Schuhmacher [B0 ], so Produkt
des Schuhmachers [d] zu Produkt des Bauern [c].” In moderner Algebra ausgedrückt ergibt
sich aus diesem Zitat die Proportionengleichung

A0 : B0 = d : c
Wie in den folgenden Figuren ersichtlich, kann diese proportionale Gleichheit geometrisch in
verschiedenen Varianten dargestellt werden.

Fig. i) gibt Einkommensgleichheit wieder, ii) extreme Einkommensdiskrepanz, iii) tolerable


Diskrepanzen. In Bezug gesetzt zur Lorenzkurve bedeutet Fall i) Gleichverteilung, ii) entspricht
der extrem ausgebuchteten Lorenzkurve, iii) entspricht minder ausgebuchteten Fällen. Diese
mögen erträgliche Formen der Ungleichheit darstellen.
Wie lassen sich “angemessene” Einkommensniveaus argumentativ begründen und ausge-
stalten?
Will man extreme Formen der Ungleichheit vermeiden, dann kann man dies mit der Staats-
raison begründen und dann gesetzgeberisch ausgestalten. In seinem Alterswerk Die Gesetze
schreibt Platon (Buch V 744, Apelt 1916, S. 169): “Es darf nämlich in einem Staat, der ver-
schont bleiben soll von der schwersten aller Krankheiten, dem Aufruhr, oder, wie es richtiger
heißen dürfte, der Spaltung (Zwietracht), weder drückende Armut herrschen bei einem Teil
der Bürger noch auch großer Reichtum, da beides jene Krankheit erzeugt. Es muß also der
Gesetzgeber nun für beides eine bestimmte Grenze festsetzen.”
Es geht Platon dabei um die Festsetzung eines Mindesteinkommens für die unterste Ein-
kommnesschicht und um die Festsetzung eines Höchsteinkommens (bei Platon soll es das Vier-
fache des Grundeinkommens sein). Auf der Grundlage dieser Textpassage hat Krämer 2014
kürzlich die Einführung einer “Platon-Steuer” konzipiert.
Platons Ansatz ist normativ-praktisch begründet. Auf aristotelischer Grundlage ergibt sich
eine abweichende Herangehensweise.
Wie sieht das in Aristoteles’ Modell aus mit der Bestimmung einer gesellschaftlich nach-
haltigen Verteilung?
In Beantwortung dieser Frage muss man zurückkommen zur Grundlage der Ur-Polis, näm-
lich der Bedürfnisbefriedigung (nach Sokrates, s.o.). Diese hängt im vorliegenden Modellrah-
men von der materiellen Versorgung ab mit Nahrung, Wohnraum, Schuhwerk, u.s.w.. Diese
wiederum hängt von der Einkommenssituation eines Wirtschaftssubjektes ab. Je höher das
Einkommen, desto höher die verfügbaren Gütermengen und desto besser die materielle Be-
dürfnisbefriedigung. Gehen wir nun davon aus, dass das Niveau der Bedürfnisbefriedigung
eines Haushaltes durch dessen Einkommen und der damit zusammenhängenden Güterausstat-
tung bestimmt ist. Dann sei es in der folgenden Fig. (a) für Haushalt A mit dessen Einkommen
A0 durch die relative Gütermenge d und der im Haushalt verbleibenden eigenen Produktion

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bestimmt. Das Niveau werde durch die graue Dreiecksfläche über der Hypotenuse A0 angege-
ben. Entsprechend wird das Niveau der Bedürfnisbefriedigung für Haushalt B durch die graue
Dreiecksfläche

(a) Bedürfnisbefriedigung (b) Existenzminimum (c) Optimale Privilegien

Abbildung 1: Appell an aufgeklärte Selbstsucht der Privilegierten

Man kann auf diese Fragen mit einigen algebraischen Manipulationen antworten (siehe An-
hang). Ich schlage folgende verbale Überlegungen vor. Man betrachte den Haushalt des Bau-
meisters. Der Meister hat eine gewisse Jahresproduktion. Ist der Preis pro produzierter Einheit
(“Haus”, “Mauer”) hoch, dann ist der Baumeister “A” viel wert pro Jahr (in Geldeinheiten). Sa-
gen wir, er ist A0 wert in Drachmen gemessen. Entsprechend kann der Geldwert des Schusters
(gemessen am Marktwert seiner gesamten Produktion) mit B0 symbolisch angegeben werden.
Von der jeweiligen Gesamtproduktion wird ein Teil eingetauscht zum Zwecke der Bedürf-
nisbefriedigung. Beim Produkt C, Bauten, geben wir diesen Anteil mit dem kleinen Buchstaben
“c” an, beim Produkt Schuhe D mit dem kleinen Buchstaben “d”. Wenn jede Baueinheit teuer
verkauft werden kann, dann braucht Baumeister A nur einen geringen Anteil seiner Jahrespro-
duktion aufzugeben. Dann ist sein A0 groß, aber sein c klein. Umgekehrt ist es beim Schuster.
Wenn Schuhe wenig Drachmen pro Stück bringen, dann ist sein B0 niedrig und sein d ist hoch,
weil es einer großen Menge Schuhe bedarf, um die benötigte Bauleistung einzutauschen. Ari-
stoteles’ Proportionen sind also so zu verstehen, dass gilt:

A0 : B0 = d : c

Fig i) gibt Einkommensgleichheit wieder, ii) extreme Einkommnesdiskrepanz, iii) tolerable


Diskrepanzen.

In jeder dieser Konstellationen haben wir buchhalterische Korrektheit. Sie kann völlige Gleich-
heit (i), aber auch inakzeptable Ungleichheit (ii) abdecken. Die

5
Anhang
Ganze Bibliotheken lassen sich mit kontroversen Diskussionen dieser Fragen füllen. Eine Lö-
sung ergibt sich, wenn wir für die Bauten (“C”) die Gesamtproduktion mit QC∗ bezeichnen und
für die Schuhe (“D”) die Gesamtproduktion mit Q∗D angeben. Die entsprechenden getauschten
Mengen werden mit QC und QD bezeichnet. Die dazu passenden Preise sind pC für eine Bau-
einheit und pD für eine Schuheinheit. Der Baumeister A muss nun soviel an Bauten verkaufen,
dass er sich von dem Verkaufserlös die Schuhe kaufen kann. Sein Verkaufserlös ist pC mal QC .
Der Geldwert der gekaufte Schuhe ist pD mal QD . Da Bauten verkauft werden, um Schuhe zu
kaufen sind beide Geldwerte gleich. Ganz entsprechend verkauft der Schuster eine Menge QD
an Schuhen zum Preis von pD pro Stück damit er sich vom Verkaufserlös die Bauten für seine
Behausung kaufen kann.
Ob wir nun die Tauschwirtschaft aus der Perspektive des Baumeisters A ansehen oder aus
der des Schuhmachers B, für beide gilt jeweils

pC × QC = pD × QD

Wenn nicht, würde eine der Parteien für den Einkauf nicht hinreichend bezahlen, dann aber
bei Nichtbezahlung auch nichts bekommen – zumindest nicht in wirtschaftlichem Austausch.
Wenn diese Gleichung nicht erfüllt ist, kann es keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Austausch
geben. Aristoteles:

Geld also ist jenes Ding, das als Wertmesser Meßbarkeit durch ein gemeinsames
Maß und so- mit Gleichheit schafft. Denn ohne Austausch gäbe es keine Ge- mein-
schaft, ohne Gleichheit keinen Austausch und ohne Meßbarkeit keine Gleichheit.

Diese Gleichheit der Geldwerte muss gelten, egal ob man nun den Preis für Häuser (oder
für Schuhe) “gerecht”, “günstig”, oder “unverschämt” hält. Für das, was man kauft, muss man
bezahlen mit dem, was man verdient.

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(a) Bedürfnisbefriedigung (b) Existenzminimum (c) Optimale Privilegien

Abbildung 2: Appell an aufgeklärte Selbstsucht der Privilegierten

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