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Friedhelm Blüthner

Arberger Vorträge zum Thema:

Friedhelm Blüthner · Arberger Vorträge zum Thema: Kirche und Ökologie


Kirche und Ökologie

Herausgeber:

der BREMISCHEN EVANGILISCHEN KIRCHE

Herbert Brückner
Hollerallee 75
28209 Bremen
Telefon 0421 / 346 15 13
Telefax 0421 / 346 15 14

in Kooperation mit:

Friedhelm Blüthner
Pastor der Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis in Arbergen
Arberger Heerstraße 73
28307 Bremen
Telefon 0421 / 48 00 48
Layout/Gestaltung und Satz:
SatzStudio Trageser

Druck:
Plenge Druck
Inhaltsverzeichnis Seite

Vorwort 4

Arberger Vorträge zum Thema: Kirche und Ökologie


Erster Teil (12. März 2001) 6

Zusammenfassung des ersten Teils 28

Arberger Vorträge zum Thema: Kirche und Ökologie


Zweiter Teil (19. März 2001) 31

Zusammenfassung des zweiten Teils 56

Arberger Vorträge zum Thema: Kirche und Ökologie


Dritter Teil (26. März 2001) 59

Zusammenfassung des dritten Teils 89

Resolution der Einwohnerversammlung 93


am 25. April 2001 in der Arberger Kirche

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Bremische
Evangelische
Kirche

Vorwort
zu den Arberger Vorträgen „Kirche und Ökologie“

Ein aktueller Umweltkonflikt – die zerstörerische Bebauung des


Landschaftsschutzgebietes Arberger Marsch – erfordert nicht nur
demonstrative Aktion, sondern auch Nachdenken und Erkennen
von Zusammenhängen.
So sind die Arberger Vorträge von Pastor Friedhelm Blüthner
einerseits historisch, philosophisch und biblisch orientiert, ande-
rerseits aber auch brandaktuell.
Von der kritischen Bestandsaufnahme des „Machet Euch die
Erde untertan“ (1. Mose 1, 28), über die Folgen der mechanisti-
schen Naturlehre Descartes, über Albert Schweitzers Ethik „Ehr-
furcht vor dem Leben“, über die geschichtliche Entwicklung der
Naturschutz- und Umweltbewegung bis zur aktuellen Gefahr der
Zerstörung der Arberger Marsch werden in den drei Vorträgen
grundlegende Gedanken und Positionen dargelegt.

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Es wird schnell klar:
Kirche und Ökologie gehören zusammen.

Angesichts der ökologischen Krise, der dramatischen weltwei-


ten Umweltzerstörung durch Wirtschaftsweise und Lebensstil der
– christlichen (?) – westlichen Industriegesellschaft ist gerade die
Kirche herausgefordert, Ihren Schöpfungs-glauben durch
Schöpfungs-handeln so in den Mittelpunkt zu stellen, dass die
Menschen darin das Leitbild einer neuen Orientierung erkennen.
Auch die Kirche muss sich für ein zukunftsfähiges gesellschaftli-
ches Konzept entscheiden: gegen den globalisierten Neoliberalis-
mus und für nachhaltige Entwicklung und globale Partnerschaft;
dies Motto von Rio ist auch eine kirchliche Zielsetzung.
Deshalb wünsche ich den Lesern dieser Vorträge, dass sie sich
anstoßen lassen und mitarbeiten am gesellschaftlichen
Richtungs- und Paradigmenwechsel.

Herbert Brückner

Umweltbeauftragter der BEK

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Arberger Vorträge zum Thema:

Kirche und Ökologie

Erster Teil
(12. März 2001)

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Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie zu unserer kleinen Vortragsreihe zum Thema:

Kirche und Ökologie.

Unmittelbarer Anlaß war und ist für mich die Situation der
Arberger Kirchengemeinde im Osten Bremens, als Grundstücks-
eigentümerin in der aufgrund ihrer Artenvielfalt ehemals beson-
ders landschaftsgeschützten Marsch bislang die Errichtung einer
ge planten Galopprennbahn sowie weitere gewaltige Bebau -
ungsvorhaben verhindert zu haben. Weil die Rennbahn nur sehr
wenigen nützen würde, die hier gar nicht wohnen, aber den un-
mittelbaren Anwohnerinteressen diametral entgegensteht, hat
der Kirchenvorstand am 13.9.2000 einstimmig beschlossen, kein
Kirchenland zu verkaufen und den theologisch begründeten,
demokratischen Widerstand in Wort und Schrift deutlich zu
machen. Der geplante Flächenfraß auf Kosten der Menschen und
der Natur hier vor Ort ist nicht akzeptabel. Der Interessierte hat
den Vorgang sicher in den Tageszeitungen verfolgt.
Im weiteren Sinn sind Sie alle zumindest vom Thema Ökologie
betroffen; ich weiß nicht, ob Ihnen die sonntägliche Rindsroulade
bürgerlich noch schmeckt. Mir nicht. Die BSE-Krise und die Maul-
und Klauenseuche sind in jüngster Zeit ein weiteres Anzeichen
dafür, daß wir als Menschen die Kontrolle über unseren Umgang
mit uns selbst und den Lebenssystemen unserer Mitwelt verlieren.
Ebenso vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens eine Seite der
Zeitung oder die Fernsehnachrichten mit Hiobsbotschaften zum
globalen Thema Ökologie gefüllt sind, zuletzt der UN-Bericht zur
Erderwärmung und die den daraus wohl folgenden Naturkata-
strophen in den nächsten Jahrzehnten. Aber davon später.
Das Thema Kirche im Vortragstitel weist hin auf den Blickwinkel

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der Religion bzw. der Theologie, genauer: auf unsere evangelische
Betrachtungsweise. Sie wird inspiriert von der Bibel Alten und
Neuen Testaments und hat hinsichtlich der Ökologie ihre eigene
Problem- und Auslegungsgeschichte. Die evangelische Kirche hat
sich in den Jahren der bewußter werdenden ökologischen Krise
seit Mitte der siebziger Jahre zunächst nur sehr bedingt orientiert
und engagiert gezeigt. Ein Grund liegt sicher in der unheiligen
Tradition der Obrigkeitshörigkeit weiter Kreise, die der Kirche
angehörten. Die individuelle Problemlösung wurde bevorzugt,
nach dem Motto: fang bei dir selbst an, dann kommt schon alles
ins Lot. Alle größeren, sich politisch engagierenden Bewegungen
wurden eher verdächtigt und in den Gemeinden vor Ort, anders
als in der akademischen Ausbildung, schnell als fanatisiert,
beschränkt oder eigennützig beurteilt.
Der Staat und seine Eigeninteressen wurde von den Kirchen
oft völlig unterschätzt, so als sei er unvoreingenommen. Ein
besonders deutscher Zug zeigte und zeigt sich in der kritiklosen
Heiligung von bürokratischen Verwaltungsentscheidungen. Selbst-
organisierte Bürgerinitiativen, die sich dagegen wehrten und weh-
ren, wurden von politischen und kirchlichen Entscheidungsträgern
oft schlicht nicht verstanden geschweige denn ernstgenommen.
Bevorzugt wird die Auslagerung des Problems zu sog. Sach-
verständigen.
Und schließlich wurde kirchlicherseits die sog. Ausgewogenheit
als Tugend vereinseitigt und verherrlicht, das berühmte einer-
seits/andererseits, das oft genug in der Sackgasse eines klaren
Jein endete. Die eigene reformatorische, durchaus staatskritische
Tradition wurde dabei schamlos beschnitten, verkürzt, kastriert:
Die prophetische Berufung des Christenmenschen in der Nach-
folge des Zimmermannssohnes aus Nazareth, Jesus. Er hat die
Tische der Krämerseelen im Tempel umgeworfen und in heiligem
Zorn die Schacherer aus dem Haus Gottes vertrieben, weil das

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Haus Gottes kein Selbstbedienungsladen, keine Bedürfnisanstalt
und kein Dienstleistungszentrum ist. Diese biblische Überlieferung
wurde lange ignoriert. Jesus der Arzt ist aber niemand anderes als
Jesus, der streitbare Prophet und Warner, der sich in die etablier-
te Politik einmischt.
Was heißt das für uns? Wenn das, woran unser Erdball heute lei-
det, einer Einzelperson zustößt, sagt man schlicht, sie habe Krebs
im fortgeschrittenen Stadium mit Metastasen in Lunge, Nieren,
Leber und Haut sowie der damit einhergehenden schleichenden
Selbstvergiftung. Und sicher ist Ihnen allen bekannt, daß diese
Krankheit mitsamt ihren Folgen nur durch aufwendige, teure
Operationen und einer sich anschließenden Kur heilbar ist, wobei
es um Leben und Tod geht.
Was tut man mit unserer Erde, die vor Schmerzen und steigen-
dem Fieber immer öfter und heftiger um sich schlägt? Man behan-
delt sie mit Kamillentee. Alle wissen, daß dieses Getränk nur
bekömmlich ist und nichts hilft. Aber es tut nicht weh. Abwarten
und Tee trinken, denken viele.
Andere begnügen sich damit, einzelne Pflaster auf die
Geschwüre und Wunden zu kleben. Die Geschwüre stört das nicht,
es beruhigt nur die Sanitäter. Wieder andere wollen Fieber und
Geschwüre heilen, indem sie in einer Radikalkur dem Patienten
mit einem Steinzeitbeil den Kopf abschlagen möchten. Sicher wird
der Krebs dabei aufhören zu existieren, aber auch der Patient. Und
das heißt, die Therapie zu weit treiben. Welchen Weg könnte es
also geben?
Ich selbst habe bei der Suche nach einer Antwort folgende
Erfahrung gemacht: Ein regelmäßiger Gedankenaustausch zwi-
schen Bürgerinitiativen und Kirchenleitung, also die Verbindung
von Glaubenstradition mit wirklichkeitsnaher Deutung der Zeichen
der Zeit kann eine Menge vor Ort und überregional bewegen.
Solidarische Kritik seitens der Gemeinden vor Ort hätte der Öko-

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logiebewegung sicher mehr genutzt als schmallippige oder auch
vollmundige Wort-Bekenntnisse im Gefolge der jeweils
Regierenden. Rechtzeitiger global denken und lokal handeln wäre
hilfreich gewesen.
Daher mein Versuch, die heutige Problemlage an drei Abenden
zu beschreiben. Jedem Abend liegt eine eigene Frage zugrunde:

1. Natur – was ist das?


2. Welcher Platz kommt dem Menschen in der Natur zu?
3. Ökologischeres Verhalten – was wäre das?

Ich habe Ihnen hier meinen Langbogen mitgebracht, Modell


Ötzi. Diesen Bogen habe ich wie auch alle Pfeile selbst unter
Anleitung eines Meisters gebaut, mit den natürlich vorkommen-
den Materialien, die schon zur Zeit seines ersten Auftauchens vor
einigen Jahrtausenden vorhanden waren: Vollholz (Hickory),
Leder, Hanf, Federn, Flintstein, Knochenleim, Muskelkraft und viel
Geduld und Erfahrung. Sie alle haben schon von Ötzi, der Mumie
aus dem Eis der Alpen gehört, ein Mann, der mit seiner komplet-
ten Jagd- und Überlebensausrüstung im Eis erfroren war und vor
kurzer Zeit, 1991, gefunden wurde. Mit einem halbfertigen
Eibenbogen, dessen Bauart diesem Bogen zugrundeliegt. Ötzi
stammt aus dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, den Jahren der
allmählich beginnenden Seßhaftwerdung des Menschen und der
zunehmenden Umstellung der Lebensweise vom Jäger und
Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter. Ötzi nun lebte noch
wie hunderttausende Jahre vorher die gesamte Menschheit. Er
vereinigte wohl das gesamte Wissen, und, wie man annehmen
darf, teilte auch die Glaubensvorstellungen seiner Zeit, von denen
wir allerdings nur wenig wissen. Alles zum Leben Nötige konnte er
selbst herstellen. Jeder Mensch damals konnte und wußte ziem-
lich alles, was zum täglichen Überleben nötig war. Das, was wir

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Natur nennen, war noch nicht in dem Maße der technischen
Veränderung durch den Menschen ausgesetzt wie heute. Ötzi wird
die ihn umgebende Natur als übermächtig, wenn nicht sogar
irgendwie göttlich erlebt und sich selbst als einen wie auch immer
erlebten Teil von ihr begriffen haben. Er trug eine Bärenfellmütze
und eine Art Jacke aus Ziegenfell, hübsch verarbeitet. Die
Fellstreifen sind „geschmackvoll“ gegeneinander abgesetzt. Eine
typisch menschliche Eigenschaft, die aber keine zerstörerischen
Auswirkungen auf den Bären- und Ziegenbestand hatte. Die Über-
gänge vom Menschen zum Tier und von der leblosen Materie wie
einem Felsen zur lebendigen Kreatur wie einem Vogel wurden
sicher fließend vorgestellt und empfunden. Denken Sie an ihre
Kinder oder Enkel, wenn sie sich einen Fuß am Stein stoßen oder

Weißdornbaum vor
der Arberger Düne

Photo: W. Lohße
(Bürgerinitiative zur
Erhaltung der
Wesermarsch im
Bremer Osten)

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sich den Kopf an einem Ast anhauen: Sie werden in einem be-
stimmten Alter mit dem Stein oder Ast schimpfen, als ob er einen
eigenen Willen habe, der das Kind bewußt ärgern wollte. Dieses
Erbe aus der Steinzeit ist auch noch in uns allen lebendig.
Wohlgemerkt: Ötzi erlebte eine Natur, zu der selbstverständlich
das Vernichten anderer Lebewesen gehörte. Alles wurde verwer-
tet. Abfall und Überfluß gab es nicht. Mittlerweile gibt es Koch-
kurse der angewandten Archäologie, an denen Vegetarier oder
Freunde von Filetstücken keine Freude haben würden; schlicht
deswegen, weil Ötzi und seine Zeitgenossen keine Feinschmecker
oder gar Vegetarier waren. Als solche hätten sie in ihrer Mitwelt
nicht überlebt.

Wenn Ötzi sich vielleicht mit der Natur einsfühlte, tat er es wohl
nicht bei romantischen Sonnenuntergängen mit verklärtem Blick
auf ein wogendes Weizenfeld, sondern vor allem dann, wenn er
hungrig dem angeschossenen, waidwunden Bären mit seinem
selbstgeschmiedeten Kupferbeil den Rest gab. Denn dieses Töten
hieß für ihn: ich kann eine Zeitlang mit meinen Leuten weiterleben.

Welches intensive Verhältnis den Menschen mit seiner leblosen


und lebendigen Mitwelt verband, ersehen sie heute noch aus
Mythen und Märchen, die dieses Lebensgefühl konserviert haben.
Z.B. gibt es im Orient den uralten Mythos von der Spitzhacke. Die
Spitzhacke wurde als vom Himmel kommend empfunden, weil sie
im Zweistromland unentbehrlich für das Überleben der Gruppe
war. Ein so wertvolles Instrument zur technischen Überlebenshilfe
konnte nur einen übermenschlichen, himmlischen Ursprung vor
allen Zeiten haben.
Auch schon in der Bibel haben sich Erinnerungen aus der Zeit
des Übergangs von der Steinzeit zur Seßhaftwerdung und die
zunehmende Entfremdung beider Gruppen voneinander erhalten.

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Denken Sie an die Geschichte von Kain, dem Nomaden, der Abel,
den Bauern, erschlägt, oder an Nimrod, den gefürchteten Jäger.

Auch die beginnende Eisenerzbearbeitung wie auch der Acker-


bau, die Tierzucht sowie der Städtebau werden mythisch bebildert
festgehalten (1. Mose 2,15; 20; 4,17; 11,1-9; 4,22).

Und das berühmte Gilgamesch-Epos beschreibt die Freundschaft


zwischen dem für die Zivilisation stehenden Stadtkönig Gilgamesch
und seinem Freund Enkidu, dem fellbehangenen Wildling, der Gras
frißt und mit den Tieren spricht, sieben Nächte lang eine Frau be-
glücken kann und problemlos, d.h. katerlos sieben Krüge Wein
trinkt, als eine verklärte Erinnerung an die steinzeitlichen Lebens-
bedingungen. Immer mit den Augen eines Stadtbewohners
betrachtet, der die innere Beziehung zum Leben als Jäger und
Sammler verloren hat und nun nur noch verklärend wahrnimmt.

Der Wildling repräsentiert einen Menschentyp, der nicht mehr


erlebt und verstanden wird. Auch in vielen „grünen“ Bewegungen
seit der industriellen Revolution werden die Natur und der
Naturmensch wieder romantisch verklärt. Aber davon später.

Im Laufe der weiteren Entwicklung seit der Steinzeit jedenfalls


„zivilisierte“ sich die menschliche Gesellschaft zunehmend. Als
der Mensch Jäger und Sammler war, blieben seine Einflüsse auf
die Naturlandschaft gering. Er war in den Naturhaushalt integriert.
In der Jungsteinzeit, deren Zeitgenosse Ötzi war, wird aber der
unmittelbare Eingriff des Menschen durch Brandrodung und
Beweidung bereits sichtbar. Jede technische Verbesserung von
dieser Zeit an steigert das Nahrungsangebot und damit das
Bevölkerungswachstum und damit die menschlich zerstörerischen
Eingriffe in die Natur.

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Dazu gehörten neben der Seßhaftwerdung auch die Hierar-
chisierung der Gesellschaft, in den ältesten Zivilisationen des
Orientes die Ummauerung der Stadt, die dazu notwendige
Arbeitsteilung, also die Spezialisierung in unterschiedliche Berufe
sowie die Zusammenarbeit bei gemeinsamen, lebenswichtigen
Projekten, wie z.B. neben dem Mauerbau auch dem Damm- und
Deichbau, sowie die Kanalisierung zur Bewässerung und gegen
unkontrollierbare Überflutungen.
Seit ca. 1100 v. Chr. (Eisenzeit) vergrößern sich die Kulturflächen
durch die Benutzung des Hakenpfluges, der Holzbedarf durch
die Eisenerzerzeugung steigt, damit die Waldrodungen. Hier ver-
abschieden wir uns von Ötzi und seinen Jäger- und Sammler-
kollegen.

Nun habe auch ich nicht mehr nur diesen Bogen, den ich mit-
samt den Pfeilen immer wieder neu bauen kann; sondern ich
habe ihn modern versiegelt mit einem PU-Lack, weil ich kein Jäger
mehr bin, der zeitweise nichts anderes zu tun hat, als jeden Tag
seinen Bogen mit Bienenwachs zu pflegen. Ich habe einen ande-
ren Beruf als Ötzi, ich kann rechnen, lesen und schreiben, fahre ein
Auto und habe diese Zeilen in einen Computer eingegeben. Ich
lebe also in einer anderen, wesentlich naturferneren Welt als Ötzi,
auch wenn ich noch viel Steinzeit in mir und einen Garten ums
Haus habe. Mich bedrohen aber keine Bären oder Wölfe mehr,
wenn ich vor die Tür meines Hauses gehe – außer vielleicht
manchmal Hyänen in Menschengestalt – , und ich schieße mir
mein Essen nicht mehr und baue kein Getreide an, sondern kaufe
meine Lebensmittel.
Es hat sich also seit damals etwas verändert, was wir mit
Zivilisation beschreiben. Dabei war bisher der Mensch im
Mittelpunkt der Betrachtung. Aber die Entwicklung des Lebens
begann nicht mit dem Auftreten des Menschen. Schon Jahr-

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millionen vorher gab es andere Lebensformen, die sich in sich
schon verändert haben. Würde man den gesamten Zeitraum der
Entwicklung des Lebens auf einem Zifferblatt aufzeichnen, bekä-
me der Mensch die letzten neun Sekunden zugemessen.

Mit diesen natürlichen Zusammenhängen und ihren geschicht-


lich feststellbaren Grundlagen in ihren verschiedenen Ökosys-
temen, ihren geschichtlichen Veränderungen und vor allem den
menschlichen Eingriffen und ihren Folgen beschäftigt sich heute
die Ökologie in allen Schattierungen. Sie ist – wörtlich verstanden
– die Wissenschaft von den „Häusern“, also bildlich gesprochen,
von den Lebensräumen dieser Erde unter einem Dach. Sie hat es
mit der lebenden und nichtlebenden Umgebung von Lebewesen
zu tun. Oder präziser: Sie ist die Wissenschaft, welche die Be-
ziehungen und Prozesse, die jedes Lebewesen mit seiner Umwelt
verketten, untersucht.

Zum ersten Mal literarisch erwähnt wird der Begriff von Ernst
Haeckel, anknüpfend an Darwins Evolutionstheorie von der
Höherentwicklung aller Lebewesen durch Vererbung, Mutation,
Selektion und Isolation im Kampf ums Dasein, in seinem sieben
Jahre später (1866) erschienenen Buch „Die generelle Morpho-
logie der Organismen“. Dieses Buch wurde im Gegenzug zur
statischen und z.T. übernatürlich ausgelegten Schöpfungslehre
der Kirchen entworfen. Haeckel gründete in Folge den Monisten-
bund, der Gott und Natur nicht – wie die Kirchen – voneinander
trennen wollte, sondern in eins, eben monistisch sehen mochte.
Seine Kirche finde daher der „Realmonist“, wie Haeckel schrieb,
einzig und allein in der herrlichen Natur selbst. Wohlgemerkt:
Der gezähmten europäischen Natur des 19. Jahrhunderts, in der
z.B. dem Menschen gefährliche Raubtiere schon lange ausgerottet
waren.

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Für die Ökologie, wie wir sie heute wissenschaftlich verstehen,
lassen sich – nach Commoner und Liedke – vier Gesetze beschrei-
ben:

1. Gesetz: Jedes Ding steht mit jedem anderen in Beziehung.


Ein Beispiel: Im Fett antarktischer Seehunde finden wir bei-
spielsweise Ablagerungen von Pflanzenschutzmitteln, die auch
aus Barbados stammen.

2. Gesetz: Alles muß irgendwo bleiben.


Das ist nichts anderes als der zweite thermodynamische
Hauptsatz von der Erhaltung der Energie, übertragen auf die
Ökologie. Es gibt in der Natur keinen Abfall.
Ein Beispiel: Ich werfe meine Trockenbatterien weg. Sie lan-
den, wenn ich unachtsam bin, in der Mülltonne, dann in der
Findorffer Müllverbrennungsanlage. Dort entweicht der entste-
hende Quecksilberdampf durch den Schornstein. Im Regen und
Schnee gelangt der Giftstoff wieder auf die Erde, vielleicht auch
im Blockland, dort in die Wümme. Er kondensiert, sinkt ab, wird
zu Methylquecksilber und wird so von kleinen Fischen, dann
z.B. von einem Aal aufgenommen. Er reichert sich in seinen
Organen und Geweben an. Nun gehen ein paar Kinder im
Blockland mit ihrer Aalreuse zur Wümme, fangen diesen Aal
und futtern bei Muttern ihn auf. Und so weiter. Alles muß
irgendwo bleiben. Ein anderes, makabres Beispiel bietet unser
Friedhof. Biochemisch analysiert, steht die Belastung der Erde
mit Giftstoffen, die sich in den einstmals lebenden Menschen
und ihren Organen angesammelt hatten, den Werten einer
Mülldeponie in nichts nach.

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3. Gesetz: Die Natur weiß es besser.
Besser als der Mensch. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor: Sie
nehmen Ihre Armbanduhr, ein schönes Erbstück, die ein mecha-
nisches Werk hat, schließen die Augen, nehmen einen Bleistift
und stechen mit ihm in das offene Uhrwerk. Mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit beschädigen Sie dabei die Uhr.
Daß Sie sie verbessern, ist extrem unwahrscheinlich. Warum?
Weil dieses mechanische Uhrwerk das Endprodukt von Jahr-
hunderten Forschung und Entwicklung ist und jede Zufalls-
änderung sie kaum verbessern kann.
In jedem Lebewesen aber, in Ihnen und mir und in der klein-
sten Amöbe stecken ungefähr zwei bis drei Milliarden Jahre
Forschung und Entwicklung. Jede künstliche und nicht zeitlich
gereifte Einführung also einer organischen Verbindung, die in
der Natur bzw. ihrem ökologischen Umfeld so nicht vorkommt,
gleicht jener Bleistiftstecherei und ist mit großer Wahrschein-
lichkeit schädlich. Quod erat demonstrandum also auch hin-
sichtlich der Verfütterung von Tiermehl an Pflanzenfresser. Oder
nehmen Sie die Gentechnik. Wenn Sie z.B. konventionell ge-
züchtete Pflanzen in der Natur aussetzen, entwickeln sie sich im
Laufe der Zeit in die ursprüngliche Wildform zurück, weil die
gezüchteten oder überzüchteten Formen keine Überlebens-
chance hätten. Ob das auch bei gentechnisch veränderten
Pflanzen so ist, weiß aber kein Mensch.

4. Gesetz: So etwas wie Freibier gibt es nicht.


Dieses aus der Ökonomie stammende Gesetz besagt: Jeder
Gewinn hat seinen Preis. Da das erdumspannende Ökosystem
ein Ganzes darstellt, in dem nichts hinzugewonnen oder verlo-
rengehen kann, muß alles, was der Mensch diesem System ent-

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zieht, irgendwie wieder ersetzt werden. Die Zahlung kann auf-
geschoben, aber der Preis muß entrichtet werden.

Diese vier Punkte behalte ich im Hinterkopf, wenn im Folgen-


den von Ökologie die Rede ist. Sie und ich, also der Mensch, kann
davon nicht ausgenommen werden – das scheint klar. Aber genau
dieser Sachverhalt ist in der neuzeitlichen Entwicklung des
Mensch-Natur-Verhältnisses nicht beachtet worden. Auch Theo-
logen und Kirchen haben hier nicht klar gesehen.

Daher komme ich jetzt zur Frage des heutigen Abends:

Natur – was ist das?

Unser Naturbegriff hat seine Wurzeln in der Antike. Allerdings


mit einem anderen Inhalt, als er uns heute geläufig erscheint. Es
ging damals nicht um den Gegensatz zwischen Natur und Geist
oder Natur und Kultur oder Natur und Mensch.

Mit dem griechischen „Physis“ wird die unveränderliche, ewig in


sich gleiche und damit göttliche Einheit von Werden und Vergehen
umschrieben. Zugrunde liegt das Verständnis einer Natur, in der
alles in Bewegung ist. Um es mit Heraklit zu sagen: Du setzt nie-
mals deinen Fuß zweimal in denselben Fluß. Natur bedeutet also:
Bewegung, Veränderung, Werden und Vergehen. Auch die Götter
gehören zur Physis. Der Mensch ist eingeordnet und eingebunden
in die Physis. Kein Gedanke, er stände außerhalb dieser Natur.
Auch sein Geist ist Natur, jeder Gedanke; und auch sein indivi-
dueller Geist vergeht, wie Sie unschwer im AWO-Sozialzentrum
täglich erleben können. Das griechische Physis beinhaltet also das
Göttliche: Natur ist wie der Mensch etwas besonderes. Der

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Einzelne wird und vergeht, und dieses Werden und Vergehen ist
das ewig bleibende und damit Göttliche.

Eine erhebliche Vereinseitigung dieses Naturverständnisses


taucht dann bei den Römern auf, beispielhaft dargestellt an Lukrez
Schrift „de rerum natura“. Lukrez hat die ihm vorliegende Schrift
„peri physeos“ des Empedokles übersetzt mit dem lateinischen
„de rerum natura“. Bei Empedokles war, wie gesagt, mit Physis
noch das Werden und Vergehen umschrieben. Lukrez nun blendet,
indem er Physis mit natura übersetzt, das Vergehen aus. Seine
Schrift „de rerum natura“ hieße also übersetzt ungefähr: Über die
Natur ohne jedes Vergehen.

Weiterhin wird mit res eine Versachlichung der Natur festge-


schrieben. Sie ist nicht mehr die vitale, göttliche erfüllte Bewegung
wie bei den Griechen, sondern eine entheiligte, entsakralisierte,
statische Sache, die nicht vergehen kann. Dieses Verständnis be-
stimmt auch unseren Naturbegriff, ohne daß die meisten Menschen
sich klar darüber sind.

Die biblisch-kirchlich geprägte Rezeption schließlich hat schon


ihre eigene Engführung mit in die Verbindung des römischen
Naturbegriffes eingebracht. In den Schöpfungsmythen des ersten
Buches Mose wird die Natur auch entgöttert, entheiligt, verding-
licht. Allerdings aus dem Leidensdruck ihrer Verfasser heraus, sich
nicht mehr ausgeliefert fühlen zu wollen in der Situation des Exils.
Wenn Gott schon nicht sein Volk befreit, so hoffte man, sei wenig-
stens die Schöpfung frei von der Vorherrschaft anderer, sie fremd-
bestimmender Mächte. Nicht vergessen werden dürfen dabei die
brutalen Bräuche anderer in der Bibel erwähnter Völker, die
Ritualmorde und Menschenopfer als Bestandteil der vergöttlich-
ten Natur für natürlich und eben Gott wohlgefällig hielten.

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Deswegen entgöttert das Alte Testament, gleichsam im Namen
einer antiken Humanisierung der Welt, die Schöpfung, aber sie
heiligt zugleich ihre Schönheit. Gott und seine Schöpfung sind für
das AT zweierlei, Gott geht nicht in seiner Schöpfung auf.

Für die moderne Ausbeutung der Mitwelt liefert nun die un-
glückliche Vermählung von römisch-juristischem Sachdenken ein-
erseits, der mythischen Entgötterung der Mitwelt im antiken
Judentum und der damit einhergehenden Entheiligung der
Schöpfung hin zur „gottlosen“ Natur andererseits die wichtigsten
Voraussetzungen für unseren Naturbegriff.
Das menschliche Ohnmachtsgefühl des Ausgeliefertseins blieb
allerdings noch lange bestehen, solange der Mensch die Natur
technisch einfach noch nicht beherrschen konnte. Das änderte
sich im Mittelalter.

Vor dem Mittelalter gab es kaum planvolle Erfindungen und


Einsätze technischer Geräte. Sklaven und Lohnarbeiter erledigten
die Feldarbeit, der freie Mann widmete sich seiner Muße und
philosophischen Erörterungen. Wie bei den Griechen, so ist auch
bei den Römern der ideale Mensch der freie Mann, der sich seine
Hände nicht schmutzig macht, sondern dafür seine Sklaven hat.
Allerdings überflügelten die Römer die Griechen in der techni-
schen Beherrschung der Natur, sie wurde ja nicht mehr länger als
göttlich empfunden. Und so konnte man eine Quelle, die einem
Griechen noch als heilig und unantastbar erscheinen mochte,
römischerseits innerlich relativ skrupellos in einen Aquädukt kana-
lisieren und so die Wasserversorgung der Stadt und ihre Hygiene
wirksam verbessern. Die Natur sollte mehr und mehr den Be-
dürfnissen der Menschen dienen, der Mensch rückte damit in
ihren Mittelpunkt. Das ergab zwar zunächst einen Technikschub,
aber nicht eine Ausbeutung der Natur durch Technik.

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Das Verständnis der Natur als Besitz und als entgöttlichte Sache
wurde dann im Mittelalter weiter vertieft. Der alte Hakenpflug, im
Grunde ein Grabstock, wurde ersetzt durch den schweren zweirä-
drigen Pflug mit senkrechtem Messer. Er wurde von acht statt zwei
Ochsen geführt: der Schnitt geriet wesentlich tiefer, Nahrungs-
überschüsse begünstigten die Verstädterung der Bevölkerung
sowie deren Zunahme. Weil natürlich nur wenige Bauern acht
Ochsen besaßen, taten sie sich zusammen, bildeten Siedlungen,
organisierten genossenschaftlich die Beackerung. Vorher war die
zu beackernde Fläche gerade so groß, daß die eigene Familie
ernährt werden konnte. Nun wurde ein Bauer mehr und mehr die-
ser Scholle entfremdet und produzierte einen Überschuß, deren
Vertrieb er selbst nicht mehr übersah.

Auch die Luft und das Wasser wurden technisch nutzbar


gemacht, und zwar durch Mühlen. Was heute eher Romantik und
Nostalgie weckt, war damals eine technische Neuerung mit revo-
lutionären Folgen. Von den Jahreszeiten unabhängig stand
Energie zur Verfügung, um Korn zu mahlen, Wasser zu kanalisie-
ren, zum Gerben und Waschen, zum Sägen, für Blasebälge der
Schmelzöfen, zum Schleifen von Waffen und Steinen usw.
Wasserkraft und Windkraft wurden technisch ausgenutzt, und
diese technischen Neuerungen gingen der neuzeitlichen Natur-
wissenschaft jahrhundertelang voraus.

Bei einem Augustiner-Mönch, Hugo von St. Viktor (1097 bis


1141), finden wir zum ersten Mal den Gedanken ausgesprochen,
der in der abendländischen Theologiegeschichte seinen zwiespäl-
tigen bis unheilvollen Fortgang finden wird: daß mit den
Errungenschaften der Technik endlich das dominium terrae
(machet euch die Erde untertan, Gen 1,28) erfüllt werden kann.
Der Mensch beherrscht die Natur mithilfe der Technik, zu seinem

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momentanen Wohl, nicht mehr sie ihn (aus dieser Zeit stammt
übrigens das Taufbecken in unserer Kirche). Um 1260, als unser
Kirchturm schon seit vielen Jahrzehnten auf der Düne steht,
schreibt ein anderer Mönch, der Franziskaner Roger Bacon: „Es
werden Maschinen gebaut werden, mit denen die größten Schiffe,
von einem einzigen Menschen gesteuert, schneller fahren werden,
als wenn sie mit Ruderern vollgestopft wären; es werden Wagen
gebaut, die sich ohne die Hilfe von Zugtieren mit unglaublicher
Geschwindigkeit bewegen werden; Flugmaschinen werden gebaut
werden, mit denen ein Mensch die Luft beherrschen wird wie ein
Vogel; Maschinen werden es erlauben, auf den Grund von Meeren
und Flüssen zu gelangen“ . Wir haben die Erfüllung dieses
Programms erlebt. Aber Roger war seiner Zeit weit voraus, der
mittelalterliche Technikschub war bekanntlich begrenzter in seinen
Folgen.

So entstanden auch neue, vom Menschen beeinflußte Ökosyste-


me im Mittelalter: Acker, Wiesen, Heiden, Magerrasen, Streuwiesen,
also naturnahe Kulturlandschaften wie übrigens auch die Marsch.

Eine letzte Veränderung im Verständnis der Natur ergab sich sei-


tens der Kirche als kulturbestimmender Macht durch die Auf-
wertung der Arbeit. Hatten die Germanen, nach Tacitus in der
römischen Antike, die Arbeit nicht gerade erfunden, so ändert sich
das zur Zeit der Germanenchristianisierung durch Karl den
Großen. Diese Zeit bebildert eindrücklich die Veränderung gegen-
über den Kraftquellen der Natur. Wir sehen Darstellungen des
Pflügens, Erntens, Holzhackens, Dreschens, Schweineschlachtens
– in den römischen Kalendern dominierten die Früchte und
Ölzweige als Arbeitsergebnisse. Neues Zuggeschirr (Kummetge-
schirr), Hufeisen und Dreifelderwirtschaft taten ein Übriges, die
Äcker mehr und mehr zu nutzen. In unseren Breiten nehmen die

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Waldrodungen deutlich zu (unsere Straßenbezeichnung „Auf den
Roden“ stammt aus der Zeit).

Waren in der griechischen und römischen Antike noch die


Sklaven, die Arbeiter und die Arbeit an sich verpönt, so änderte
sich dies mit der Ausbreitung der christlichen Mission. Schon
Paulus betont, daß er sich seinen Lebensunterhalt durch seiner
Hände Arbeit verdient (1 Kor 4,12). Besonders die lateinischen
Mönche übernahmen die positive Bewertung der Arbeit, die auch
schon im „Paradies“ der Bibel einen hohen Stellenwert hatte
(1 Mose 2,15; 2. Mose 20,9).

Das „ora et labora“ (bete und arbeite) der Benediktinermönche


begründete die ungeheure Kulturarbeit und Urbarmachung weiter
Landstriche durch die Klöster. Von dort drang sie zu den Bauern
und in die Zünfte der Städte. Die Arbeit wurde begriffen als tech-
nische Mitarbeit an der Schöpfung zum Lobe Gottes und zum
Wohl des Menschen, bis hin zu Kopernikus und Luther. Dieses
Arbeitsethos bestimmt auch Sie und mich. Es ist heute zumindest
in der westlichen Welt nicht en vogue, in seinem Beruf eine ruhi-
ge Kugel zu schieben, sondern anerkannt, sich abzurackern für
einen recht fragwürdigen Wohlstand.

Den vorläufigen Schlußakkord in der Veränderung des Natur-


verständnisses komponierte René Descartes (1637). Er hatte zur
Zeit des dreißigjährigen Krieges an Feldzügen teilgenommen,
alles Elend miterlebt, und lernte, an den kirchlichen Überlieferun-
gen und Tabus zu zweifeln. Leichen durften nicht seziert werden,
ärztliche Behandlungsmethoden glichen einem Lotteriespiel. Aus
diesem Elend heraus sucht Descartes nach Gewißheit. Der einzige
Weg zur Gewißheit ist zunächst der Zweifel. Wenn ich aber alles
anzweifle, was bleibt mir dann? Nur noch die Tatsache, daß ich

23
zweifle. Wenn ich zweifle, denke ich. Also die Schlußfolgerung: Ich
denke, also bin ich. Cogito, ergo sum. Das ist eine unumstößliche
Wahrheit. Nun könnte aber ein böser Geist mich foppen und gau-
kelt mir nur vor, daß ich es bin, der denkt. Wenn ich Wein trinke,
scheinen andere in mir zu denken, nicht mehr ich selbst, wenn ich
am nächsten Morgen erfahre, was ich alles so abgesondert habe.

Daraus schließt Descartes: Während ich zweifle und also denke,


kann ich von mir lediglich sagen – ohne jeden Inhalt –, daß ich
denke. Die Inhalte, das wie, kann trügen, aber das daß ist wahr.
Also bin ich eine denkende Substanz, ein denkendes Etwas. Das ist
gewißlich wahr.

Was ist dann meine Umgebung? Wenn ich mir nach dem Genuß
des Weines den Kopf am Fenster stoße, spüre ich Schmerz. Aber
was den Schmerz außerhalb meiner selbst verursacht, kann ich
nur mathematisch bestimmen. Es ist ein Gegenstand im Raum, ein
äußerlich zu beschreibenes Ding mit Maßen und Ausdehnung.
Also ist meine Umgebung wie auch mein Leib letztlich nur ein aus-
gedehntes Ding. Mehr kann ich mit Gewißheit nicht sagen. Ich
weiß also: Ich bin eine denkende Substanz, alles Materielle ist
letztlich nur etwas Ausgedehntes. Und beides ist scharf voneinan-
der zu trennen, wenn ich wahr sprechen will.

Also – und nun kommt der verhängnisvolle Umkehrschluß: Also


sind auch alle Tiere wie der menschliche Leib nur Dinge, ausge-
dehnte Roboter, die mechanischen, erforschbaren Gesetzen
gehorchen. Geist und Leib, Mensch und Natur sind zweierlei. Die
Existenz des Menschen als denkender Geist ist über jeden Zweifel
erhaben, ohne Rückgriff auf Gott, ohne Rückgriff auf die Natur.
Damit ist der Bürokrat, der Zahlen-Mensch vorweggenommen. Ein
Mensch, der sein geschäftsordnungsmäßig geführtes Leben bis

24
zur sechsten Stelle hinter dem Komma durchrechnet, der aber
nicht mehr mitfühlt mit einem anderen versachlichten, auf eine
Zahl reduzierten Menschen oder einem Tier, was Schmerz oder
Freude im Anderen bedeutet. Zahlen leiden nicht, und sie können
sich nicht freuen. Daher kann, wie die Geschichte lehrt, eine so
beschriebene bürokratische Einstellung einen Kindergarten genauso
wertfrei verwalten wie einen Schlachthof oder das Krematorium
eines KZ. Was zählt, ist der zahlenorientierte Verwaltungsvorgang.
Die Inhalte: Menschen, Tiere oder Sachen, sind, nur noch Zahlen,
austauschbar.

Diese äußerlich verstandene Natur kann und soll nun beherrscht


werden, indem ich ihre Gesetze analysiere, erkenne und für mich
ausnutze. Ich kann mich bei der Operation einer Schußwunde auf
den betroffenen Körperteil konzentrieren, weil ich die Ursache,
eine Muskete, und ihre Funktion kenne und die Methoden, die
Wunde isoliert zu heilen, unabhängig vom ganzen Menschen.
Damit unterwerfe und gliedere ich die Natur entsprechend meiner
Auswahl und meiner Analyse, ich sondere das Einzelne vom
Gesamten ab. Die später so genannte Subjekt-Objekt-Spaltung,
die ein Kind ebensowenig wie die Kindheit der Menschheit kennt,
wird zur vorherrschenden Interpretation unserer neuzeitlichen
Mitwelt. Die völlige Trennung von Mensch und Natur, von
Verstand und Gefühl ist vollzogen. Die Distanzierung, der Verlust
der Geschichte von Werden und Vergehen ist vollendet.

Und die menschliche Einstellung, die sich einbildet, die Natur


verdanke nun ihm ihre Existenz, also der Mensch sei der Schöpfer
und Heiler der Natur und positiver Motor der Evolution, sind hier
angelegt. Die Natur ist etwas meßbar Ausgedehntes, Besitz zum
Beherrschen und Ausbeuten – und sonst nichts. Descartes sagt:
„Kennen wir einmal die Kraft und die Wirkungen des Feuers, des

25
Wassers, der Sterne, des Himmels und aller anderen Körper um
uns herum, könnten wir uns zu Herren und Besitzern der Natur
aufschwingen“.

Das ist der vorherrschende Naturbegriff heute. Er beinhaltet die


ökologische Krise. Sie ist die Krise der menschlichen Wahrneh-
mung der Natur. Ihre Wurzeln liegen in einem verkehrten Denken
und einem verkehrten Handeln. Die Frage muß also lauten: Wie ist
Natur durch den Menschen denkend und fühlend und handelnd
richtig wahrzunehmen?
Die Kirche mit Ökologie in diesem Zusammenhang zu bedenken,
steht dann für den selbstkritischen Versuch, ökologische Zusam-
menhänge und ihre Krisen unter dem Blickwinkel eines sich selbst
immer wieder reformierenden Glaubens zu betrachten, der das
Denken und das Fühlen und das Handeln nicht abschaffen darf.
Das hieße, den überkommenen Naturbegriff als Schöpfung neu zu
überdenken.
Zur Zeit der Frontstellung zwischen Kirche und Naturwissen-
schaft im 19. Jahrhundert herrschte der unselige Streit um die
Evolutionstheorie und die Frage, ob – wie die Kirchen es oft wört-
lich aus der Bibel mißverstehen wollten – die Erde eine Scheibe
ist, die an sieben Tagen erschaffen wurde, oder ein sich in Jahr-
millionen entwickelndes und veränderndes Wunderwerk des
Lebens selbst, das naturwissenschaftlich erklärt werden kann.

Genau wie damals wird auch heute in der Kirche nicht Natur zur
Natur gesagt, sondern Schöpfung. Aber wer heute in der Kirche
zur Natur Schöpfung sagt, hat den veralteten Standpunkt verlas-
sen und betrachtet die Natur mit den Augen eines dankbaren und
sich beschenkt fühlenden Liebhabers. Und ist, wie das bei Lieben-
den nun mal ist, für die Fehler des anderen immer auch ein wenig
blind. Zur Wahrnehmung der Schöpfung gehört heute wieder

26
neben der Entwicklung das Vergehen, der Tod, ohne den das
Leben in seinen Einzelformen nicht möglich wäre. Die Front-
stellung zwischen naturwissenschaftlich begründeter Evolution
und kirchlicher Sieben-Tage-Schöpfung ohne Artenentwicklung
dürfte, von einigen Freikirchen und evangelikalen Fundamenta-
listen abgesehen, inzwischen als überholt gelten.

Also: Natur – was ist das? Natur ist Schöpfung, und sie ist für
den Menschen mit Verstand und Gefühl zu erfassen. Zu ihr gehö-
ren Werden und Vergehen, also geschichtliche Veränderung,
Entwicklung, Häßlichkeit und Schönheit. Wer die häßlichen Seiten
dieses Lebens und dieser Natur erlebt hat, wird ihre Schönheit zu
schätzen wissen. Anders ausgedrückt, alles Leben beinhaltet auch
das Leiden. Mit Buddha und Schopenhauer stellt Paulus in Römer
8, bezugnehmend auf die Kreuzigung Jesu fest, daß alles Leben,
jede Kreatur leidet und sich nach Erlösung vom Leiden sehnt.
Denken Sie an die Entführung des Säuglings von der Kinder-
station des St. Jürgen-KH Ende Februar und an die Welle der
emotionalen und daher aktiven Solidarität aus allen Schichten der
Bevölkerung, der Krankenhausmitarbeiter, der ermittelnden
Polizeibeamten. Dieses Mitfühlen und seitens selbst nicht Be-
troffener das Sich-mit-ängstigen und Mit-hoffen hat gewaltige
Kräfte entbunden, mit glücklichem Ausgang. Von dieser leidge-
prüften Solidarität des Lebens spricht ein dankbarer Paulus, von
der Schönheit und der Sehnsucht nach ihr, für die die Natur trans-
parent ist und die aus der Erfahrung des Häßlichen entbunden
wird.
Ich schließe für heute deswegen mit dem Kirchenvater
Augustin.
„Ich fragte die Erde, und sie sagte mir: Ich bin es nicht; und alles,
was in ihr ist, gestand mir das gleiche. Ich fragte das Meer und
seine Tiefen ...und sie gaben mir zur Antwort: Nicht wir sind dein

27
Gott, suche droben über uns... Ich fragte den Himmel, die Sonne,
den Mond und die Sterne: Auch wir, sagten sie, sind nicht der
Gott, den du suchst. Und ich sprach zu allen Dingen, die meinen
Leib umgeben: So redet mir doch von meinem Gott, weil ihr selbst
es nicht seid. Sagt mir doch etwas von ihm. Und sie erhoben ein
Rufen mit lauter Stimme: Er ist`s, der uns geschaffen hat. Meine
Frage wollte ich stellen, ihre Antwort war ihre Schönheit.“

Meine erste These lautet: Der Mensch muß sich und die Natur
wieder als Teil der vergänglichen Schöpfung, selbst nur als ein ver-
gängliches Geschöpf, begreifen lernen.

Zusammenfassung des ersten Teils


Die heutige ökologische Problemlage
mündet in die drei Fragen:

1. Natur – was ist das?


2. Welcher Platz kommt dem Menschen in der Natur zu?
3. Ökologischeres Verhalten – was wäre das?

Mit den natürlichen Zusammenhängen und ihren geschicht-


lich feststellbaren Grundlagen in ihren verschiedenen Öko-
systemen, ihren geschichtlichen Veränderungen und vor
allem den menschlichen Eingriffen und ihren Folgen
beschäftigt sich heute die Ökologie. Sie ist – wörtlich ver-
standen – die Wissenschaft von den „Häusern“, also bild-
lich gesprochen, von den Lebensräumen dieser Erde unter
einem Dach. Oder präziser: Sie ist die Wissenschaft, welche
die Beziehungen und Prozesse, die jedes Lebewesen mit
seiner Umwelt verketten, untersucht.

28
1. Gesetz: Jedes Ding steht mit jedem
anderen in Beziehung.
2. Gesetz: Alles muß irgendwo bleiben.
3. Gesetz: Die Natur weiß es besser.
4. Gesetz: So etwas wie Freibier gibt es nicht.

Unser Naturbegriff hat seine Wurzeln in der Antike.


Allerdings mit einem anderen Inhalt, als er uns heute geläu-
fig erscheint. Es ging damals nicht um den Gegensatz zwi-
schen Natur und Geist oder Natur und Kultur oder Natur
und Mensch.

Mit dem griechischen „Physis“ wird die unveränderliche,


ewig in sich gleiche und damit göttliche Einheit von Werden
und Vergehen umschrieben.
Eine erhebliche Vereinseitigung dieses Naturverständnisses
taucht dann bei den Römern auf. Die Natur wird zur Sache,
das Vergehen ausgeblendet.

Die biblisch-kirchlich geprägte Rezeption schließlich hat


schon ihre eigene Engführung mit in die Verbindung des
römischen Naturbegriffes eingebracht. In den Schöpfungs-
mythen des ersten Buches Mose wird die Natur auch ent-
göttert, entheiligt, verdinglicht.

Das Verständnis der Natur als Besitz und als entgöttlich-


te Sache wurde dann im Mittelalter weiter vertieft.
Technikschübe (Pflug; Mühlen) sowie die Wertschätzung
der Arbeit ermöglichten eine größere Beherrschung und
Ausbeutung der Natur. So entstanden auch neue, vom
Menschen beeinflußte Ökosysteme im Mittelalter: Acker,

29
Wiesen, Heiden, Magerrasen, Streuwiesen, also naturnahe
Kulturlandschaften wie übrigens auch die Marsch.

Den vorläufigen Schlußakkord in der Veränderung des


Naturverständnisses komponierte René Descartes (1637).
Der Mensch wird zur denkenden Substanz, alles andere ist
lediglich eine meßbar ausgedehnte Sache.
Die Kirche mit Ökologie in diesem Zusammenhang zu
bedenken, steht dann für den selbstkritischen Versuch, öko-
logische Zusammenhänge und ihre Krisen unter dem
Blickwinkel eines sich selbst immer wieder reformierenden
Glaubens zu betrachten, der das Denken und das Fühlen
und das Handeln nicht abschaffen darf. Das hieße, den
überkommenen Naturbegriff als Schöpfung neu zu über-
denken.

Die erste These lautet daher:

Der Mensch muß sich und die Natur wieder als Teil der ver-
gänglichen Schöpfung, selbst nur als ein vergängliches
Geschöpf, begreifen lernen.

30
Arberger Vorträge zum Thema:

Kirche und Ökologie

Zweiter Teil
(19. März 2001)

31
Welcher Platz kommt dem Menschen in der Natur zu?

Zur Beantwortung dieser Frage ist es nötig, sich noch einmal


kurz den geistesgeschichtlichen Werdegang der heutigen Situ-
ation vor Augen zu halten.

Wenn ich als Kirchenmann vom Hauptvorwurf der ökologischen


Bewegung der sechziger und siebziger Jahre an die Adresse der
Kirchen ausgehe, also vom mißverstandenen dominium terrae,
von der abendländischen Wirkungsgeschichte des Schöpfungs-
befehls, lassen sich vier Phasen (nach Andre Dumas) zum
Verständnis von Schöpfung feststellen.

1. Die biblische Periode


In ihr mußte Schöpfung ausgelegt werden im Kampf gegen die
Mythologisierung des Kosmos. Für das AT ist besonders das
Kriterium der Unterscheidung bedeutsam. Gegen die
Vergötterung der zwiespältigen Natur sollen die Sterne nicht als
machtvolle Gottheiten gesehen werden; die fruchtbare Erde soll
nicht mit dem Chaos vermischt werden; das Licht nicht mit der
Finsternis, Gott nicht mit der Welt. Der Mensch empfängt den
Dienst der Schöpfung, ohne sie grundsätzlich zu verändern. Die
Stellung des Menschen erscheint als ein Geschenk Gottes, der die
ganze Welt zum Dienst für den Menschen eingerichtet hat wie für
einen gottähnlichen König. Der Mensch ist Mittelpunkt der
Schöpfung. Dabei erkennt er, daß er selbst zwar nicht als
Geschaffener der Schöpfung, wohl aber Gott untergeordnet ist.
Dann ist er also weder ein der Natur hilflos Ausgelieferter noch
unumschränkter Herr über alle und alles. In Ps 8 heißt es: Der
Mensch ist wenig niedriger als Gott, aber doch nur ein kleines
Geschöpf.

32
2. Die altkirchliche Periode
In ihr wurde die Schöpfung in einem geistigen Zweifrontenkrieg
ausgelegt. Gegen den Gedanken der Ewigkeit der Welt auf der
einen Seite, gegen den ewigen Dualismus von Gut und Böse auf
der anderen Seite. Betont wurde, daß die Welt einen Anfang wie
auch ein Ende habe, daß also jede Handlung eine Folge hat und
nicht egal ist, wie der Mensch sich verhält. Gegen den Dualismus
mußte festgehalten werden, daß die Schöpfung nicht in sich auf-
gespalten werden darf, weil dann auf der einen Seite eine pessi-
mistische, wiederum gleichgültige Weltsicht die Oberhand gewin-
nen könnte bzw. auf der anderen Seite eine heile Welt von
Menschen machbar wäre, also ein Paradies auf Erden denk- und
durchführbar. Dagegen stand schon damals die leidvolle Er-
fahrung, daß die Vollkommenheit nicht unser Teil ist, und jeder
Versuch, den Himmel auf die Erde zu holen, zum gewaltsamen
Scheitern verurteilt ist.

3. Die mittelalterliche Periode


In ihr wurde Gott als die erste Ursache, der erste Beweger der
Schöpfung gesucht und gefunden, u.a. in den sog. Gottes-
beweisen des Thomas von Aquin. Das große Problem war die
Existenz des Bösen in der Welt: Gott mußte angesichts der sicht-
lich unbefriedigenden Schöpfung gerechtfertigt werden, wenn er
die Ursache von allem, auch vom Zerstörerischen war. Dieses
Problem fand bis in die Aufklärung keine Lösung; Voltaire hält
gegen Leibniz fest, daß diese Welt nicht die beste aller Möglichen
sei. Es bleibe dem Menschen nichts anderes, als sein kleines Stück
Glück selbst zu gestalten und seinen Garten zu bebauen, also sein
Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Der Mensch herrscht über die Schöpfung und sorgt für sie,
indem er sie kultiviert. Der Schöpfer aber ist weit. Der Mensch ist
ihr Herr und Besitzer. Die Herrschaft des Menschen gründet in sei-

33
ner Freiheit. Er ist Gottes Stellvertreter auf Erden und korrigiert die
Natur. Nicht mehr die Gottebenbildlichkeit, sondern die Fähigkeit
des Menschen begründet seinen Herrschaftsanspruch.

4. Die neuzeitliche Periode


In dieser bis heute reichenden Phase wurde unter dem Trommel-
feuer naturwissenschaftlicher Kritik am mißverstandenen bibli-
schen Weltbild und seiner Wirkungsgeschichte kirchlicherseits
eine Art Flucht nach vorn angetreten. Somit verlor die Schöpfung
ihre Geschichte, wurde säkularisiert, also verweltlicht und ent-
seelt, entheiligt. Gott galt nicht mehr als souveräner Schöpfer
allen Lebens mit dem Tod. Damit wurde das Vergehen ausgeblen-
det, und der Mensch bekam theologisch endgültig seinen Platz als
kreatives Zentrum der Natur, im Guten wie im Bösen. Die göttliche
Schöpfung wurde zur säkularisierten Natur, der Mensch nun zu
ihrem Schöpfer.

Die Schöpfung wird so zu einem Teil der Naturgeschichte, wird


also geschichtlich vereinnahmt und geht damit in der Natur – die
ja eine Geschichte hat – auf. Sie ist in der Wahrnehmung und in
ihrem Eigenwert gottlos geworden. Sie hat somit keinen vom
Menschen unabhängigen Eigenwert mehr, sondern existiert nur
existential, also in der Wahrnehmung des Menschen. Übrig bleibt
eine seelenlose außermenschliche Natur. Die Kreisläufe der Natur
dienen dem Menschen und können von ihm verbessert werden,
der Mensch ist Teil des organischen Ganzen, offen für jede
Veränderung. Schließlich wird die Natur zum Darstellungsraum
der freien Herrschaft des Menschen. Der Herrschaftsbefehl wird so
zur magna charta allen Kulturstrebens, bis hin zur Gentechnik.

Welchen ökologischen Platz nimmt der Mensch nun innerhalb


dieser so charakterisierten Natur ein? Aus der unterschiedlichen

34
Beantwortung dieser Frage können nun unterschiedliche Schluß-
folgerungen gezogen werden, und vor allem politisch haben
unterschiedliche Auslegungen erhebliche Folgen:

Einige sagen: Wir sollten diese unumgänglichen, naturgegebe-


nen Konflikte (the survival of the fittest) zu unseren Gunsten aus-
tragen. Krieg gab es immer, sei es in der Natur, sei es innerhalb
der Menschheit. Der Stärkere möge gewinnen. Schon Nietzsche,
später seine Nazijünger haben diesen Sozialdarwinismus gepre-
digt, ausgedeutet und ausgelebt. Die Folgen sind Ihnen bekannt,
nicht nur durch Auschwitz. Die bürokratisch und technokratisch
organisierte Vernichtung des europäischen Judentums war aller-
dings neu in der Geschichte der Welt.

Die andere Seite versucht, diesem Konflikt einfach individuell


aus dem Wege zu gehen. Technikasketen, europäisierte Buddhis-
ten, Barfußpropheten, Kohlrabiapostel, Veganer und viele andere
vorwissenschaftlich oder nachkritisch-naiv eingestellte Menschen
glauben, durch ihre Lebensführung irgendwann nicht mehr auf
Kosten anderen Lebens leben zu müssen. Allerdings töten wir in
jeder Sekunde, und sei es nur durch unser Atmen, sei es nur durch
die ökologischen Prozesse im Dickdarm.

Dann gibt es die Position, zu der ich mich zähle. Die Technik-
verwandler und Techniksteuerer versuchen, Technik lebensähn-
licher zu machen, auf menschen- und mitweltfreundlichere Ziele
hin. Diese Position der angepaßten Technologien nimmt den
Konflikt zwischen allem Leben und das Vergehen als gegeben hin,
aber versucht, den Konflikt zu entschärfen bzw. ihn als einen
Konflikt zwischen Partnern zu begreifen, die ohne einander nicht
leben und sterben können.

35
Seit der Mensch in der Evolution die Bildfläche betreten hatte,
paßte er sich auch an seine Mitwelt an. Aus purer Not für hun-
derttausende von Jahren. Nach der Seßhaftwerdung beginnt er,
die Schöpfung zu seinen Gunsten zu verändern. Wälder werden
gefällt, Flußläufe kanalisiert, Land urbar gemacht usw. Es folgt
schließlich die technische Revolution vor 200 Jahren, und mit ihr
beginnt nun die systematische Zerstörung der Mitwelt.
Grundsätzlich gilt: Der Mensch hat schon immer seine Mitwelt
manipulieren müssen. Aber der Mensch hat dies lange Zeit in der
Anpassung an die ihn umgebenden Bedingungen getan, mit
hohem Preis seinerseits. Doch die Qualität hat sich geändert. Es
besteht nachweislich ein himmelweiter – oder soll ich sagen
höllenweiter – Unterschied in der Benutzung eines Bogens am
Lagerfeuer oder einer Wasserstoffbombe in der Nähe eines Kern-
kraftwerkes, um Konflikte zu klären und einen warmen Abend zu
verbringen.
In unser Bewußtsein ist eine dagegen anarbeitende Ökologiebe-
wegung, die den Platz des Menschen in der Natur neu zu bestim-
men versuchte, erst Mitte der siebziger Jahre des vergangenen
Jahrhunderts gerückt. Die Vorläufer zu Beginn des Jahrhunderts
kennt heute kaum jemand mehr. Doch vieles von dem, was heute
erprobt wird, ist schon vor hundert Jahren diskutiert und auspro-
biert worden. Weil aber viele Dokumente verlorengegangen, in
Privatbesitz oder in wenig bekannten Spezialbibliotheken verstek-
kt sind, ist die heutige Diskussion durch eine eigentümliche
Geschichtslosigkeit gekennzeichnet. Daher möchte ich zuerst die
vergessene Ökologiebewegung zu Beginn des vergangenen
Jahrhunderts beleuchten, um dann auf die neue Ökologiebewe-
gung seit den 70er Jahren zu sprechen zu kommen. Schließlich
möchte ich aus dem Vergleich beider gesellschaftlicher
Bewegungen ökologische Maßstäbe herausfiltern, um zu versuchen,
den heutigen Platz des Menschen in der Natur zu umschreiben.

36
Um die Veränderungen der humanökologischen Einordnung in
ihrer heutigen Wirkungsgeschichte zu erfassen, müssen wir uns
daher zuerst ein Bild über das Verhältnis des Menschen zur Natur
seit der technischen Revolution machen. Denn Raubbau an der
Natur wurde, wie gesagt, auch in großem Maße bereits in Antike
und Mittelalter betrieben. Er nahm seit 200 Jahren jedoch
Ausmaße an, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges zu einer
ungeheuren Beschleunigung der Belastung führten. Die Kurven
des Bevölkerungszuwachses, des Energiebedarfs und der indu-
striellen Ausweitung gingen gleichzeitig mit der Verschmutzung
von Gewässern und Luft nach 1950 weltweit steil nach oben.
Gleichermaßen verarmte die Biosphäre. Tier- und Pflanzenarten
starben und sterben in einem Maße aus wie nie zuvor in der
Geschichte. Solchen Entwicklungen ist, wie wir heute wissen, mit
Naturschutzromantik nicht beizukommen. Doch die sich entwik-
kelnde Industriegesellschaft brachte vor 200 Jahren immerhin
diese neue Sichtweise von Schöpfung, Landschaft und – „Heimat“
mit sich. Denn die Größe und Reichweite der menschlichen
Eingriffe in das Gefüge der Natur nahm sichtbar für alle ein nicht
gekanntes Ausmaß an. Erfindungen und Entdeckungen brachten
eine Fülle von Veränderungen, die auf Mensch, Gesellschaft und
Landschaft einwirkten. Der Fortschrittsglaube und das Ziel, die
Produktion zu steigern, wurden vorrangig. Die Menschen lebten
länger, weniger Kinder starben im Säuglingsalter, wurden besser
ernährt und besser erzogen. Veränderung hieß Fortschritt, und
zwar immer zum Besseren hin.

Aber schon damals rührte sich verhaltener Widerstand gegen


die gewaltigen Zerstörungen, bedingt auch durch die Mechani-
sierung und Technisierung der Landwirtschaft. Die Bevölkerung
wuchs und wanderte ab in die Städte. Dort lebten vor allem
Arbeiter in unsäglichen Verhältnissen. Die ehemaligen naturbelas-

37
senen oder landwirtschaftlich genutzten Flächen entwickelten sich
zur naturfernen Kulturlandschaft mit ihren belastenden und
gefährdenden Einflüssen.
Zusehends bestimmte das städtische Lebensbild den Alltag der
Menschen, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei wurden
mehr und mehr aus dem Blickfeld gedrängt. Das war auch in
Arbergen so. Wer die alten Pastoren- und Schulberichte liest,
merkt, wie sehr die Menschen mit den technischen
Veränderungen durch die Industrialisierung Hemelingens, dem
Ausbau der Eisenbahn und anderen Veränderungen mit unabseh-
baren bis zerstörerischen Folgen zu kämpfen hatten.
Als Gegenbewegung gründeten sich sog. Heimatvereine, die
sich dem „Heimatschutz“ verschrieben. Aus bürgerlichen, gebil-
deten Kreisen sich rekrutierend, wollten die sog. Naturfreunde
erhalten helfen, was sie als Gegenpol zu ihrem sonstigen Alltag in
der Stadt schätzten. Vor allem das Naturschöne war ein wesentli-
ches Kriterium, der Erholungswert.

Ein Begründer (Rudorff) schrieb: „Der tiefste Sinn für Billigkeit,


der den Germanen innewohnt, hat von jeher instinktmäßig in dem
Begriff der „freien Natur“ einen Ausgleich gefunden für die
Notwendigkeit der Kluft zwischen Besitzenden und Nichtbesitzen-
den. Unbegreiflich, daß konservative Männer diese nicht erkennen
wollen.“

1903 unterzeichneten 211 Schriftsteller, Architekten, hochste-


hende Beamte und im öffentlichen Leben Stehende den landes-
weiten Aufruf: „Heimatschutz fordern wir“.
Heimatschutz war danach Schutz des Landes, der ländlichen
Regionen, der sog. „ursprünglichen Volkskultur“ vor der unquali-
fizierten Mehrheit der Stadtbevölkerung mit ihrem hohen Anteil
an Arbeitern in desolaten sozialen Verhältnissen. Die Landbewoh-

38
ner wurden somit zu Schutzobjekten erklärt. Auch Naturdenkmäler
fielen unter diese Bestrebungen, wie z.B. Hühnengräber oder die
Externsteine.

1909 entstand z.B. der „Verein Naturschutzpark“, orientiert an


amerikanischen Vorbildern. Der Naturschutzpark Lüneburger
Heide ist ein Ergebnis der Arbeit dieses Vereins. Weitere Impulse
kamen aus der Jugendbewegung, von den Wanderern bzw.
Wandervögeln (H. Löns). Ziel der Arbeit war, „die Eigenheiten
unserer Wälder und Felder, unseres Tier- und Pflanzenreiches,
unserer Sitten und Gebräuche...unsere Sagen, unsere Geschichte
und ihre Denkmäler“ zu retten. Im Gegensatz galten z.B.
Eisenbahnen, Drahtseilbahnen und Zahnradbahnen als „Mörder“:
„Immer mehr verwüstet im Zeitalter der Maschine die
Herrschaft der Industrie alles, was dem einzelnen seit den Tagen
der Kindheit traut und heimisch, was dem deutschen Volke die
Grundlage seiner Stärke war... Auf der einen Seite gewinnen wir
dem Leben neue Wohltaten ab, verlängern das Leben selbst,
erwerben Reichtümer und arbeiten mit steigender Anspannung
aller Kräfte, auf der anderen aber verliert das Leben an seinem
Inhalt und der Mensch wird zu einer reinen Arbeitsmaschine...
(1904). Modern klingende Worte.

Der Naturschutz gewann dann Gesetzesgestalt erst in der


Weimarer Republik. Die Weimarer Verfassung erhob den Natur-
und Landschaftsschutz zum Staatsziel: „Die Denkmäler der Kunst,
der Geschichte und der Natur sowie die Landschaft genießen den
Schutz und die Pflege des Staates“ (Art 150). Dazu gehörte auch
der Denkmalsschutz (1919). Bis zum Ende der Republik wurden
übrigens 400 Gebiete für schutzwürdig erklärt.

39
Neben den vielfältigen Verdiensten sind heute auch die Grenzen
derartiger Ansätze sichtbar. Herkömmlicher Naturschutz vertrat
lediglich einzelne Schutzanliegen mit Reservatscharakter, duldete
aber weiterhin die fortschreitende Belastung. Weniger die wirt-
schaftlichen und politischen Zusammenhänge, mehr das sittliche
Verhalten des Einzelnen wurde kritisiert. Genauere Kenntnisse
ökologischer Gesetzmäßigkeiten waren kaum vorhanden, und die
politische Verortung sollte bald ohne große Probleme in einer
unheilvollen Ideologie gleichgeschaltet werden.

Aufgrund der nationalistischen Argumentation ist es nicht ver-


wunderlich, daß die meisten Naturschutzbewegungen, weil sie
eben „Heimatschutzbewegungen“ waren, persönlich und inhalt-
lich nahtlos in das Dritte Reich übergingen. Die Begründungs-
argumentationen waren zunehmend politisch, d.h. völkisch-reak-
tionär durchsetzt und ausgerichtet. Der Zusammenhang von
„Mensch, Volk, Rasse, Kultur und Natur“, wie er dann für die
Zeit des Nationalsozialismus so charakteristisch wurde, ist in der
Heimatschutzbewegung begrifflich und inhaltlich oftmals schon
vorgebildet.
Rudolf Heß ruft dann folgerichtig 1933 den „Reichsbund
Volkstum und Heimat“ ins Leben. Unter der Leitung von Werner
Haverbeck, in bundesrepublikanischer Zeit (1974 bis 1983)
Präsident der deutschen Sektion des Weltbundes zum Schutze des
Lebens, wurden hier die „Reichsfachämter“ für Heimatschutz,
Naturschutz, Denkmalpflege, Volkskunde, Laienspiel, Volksmusik,
Volkstanzpflege, Heimatpflege, Trachtenpflege und Landsmann-
schaften zusammengefaßt.
Der Schritt zur Nazideologie und ihrem Rassismus, Führerkult
und der sozialdarwinistischen Gewaltverherrlichung war getan.
Es heißt von einem herausragenden Heimatschützer 1934: „Eine
neue Volksgemeinschaft soll werden – so will es der Führer...Sie

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soll werden aus Blut und Boden, d.h. aus den urtümlichen Kräften
des Leibes und der Seele, die unserer Rasse eigen sind, und aus
der naturgewollten Verbundenheit, die zwischen uns und der hei-
matlichen Scholle besteht...Kennzeichen des germanischen
Gemütslebens ist innige Naturverbundenheit, ist tiefe Ehrfurcht
vor dem heldischen Geist, der im Ringen der Naturgewalten sich
kundtut“... (Schoenichen)

Naturschutz war gleich Heimatschutz. Aussagekräftig ist in


diesem Zusammenhang eine Zeitungsmeldung vom 24. Februar
2001: „Erstmals haben auch Neonazis zum Widerstand gegen
die...geplanten Atomtransporte ins niedersächsische Zwischen-
lager Gorleben aufgerufen. Unter der Parole „Umweltschutz
gleich Heimatschutz“...

Mit einem Wort: Grüne Blätter am braunen Stamm. Das zeigte


sich auch in der Naturschutzverordnung 1936, die zwar einen
erweiterten Arten- und Biotopschutz vorsah. Wirtschaftlichen
Notwendigkeiten, also dem Arbeitsdienst mit seinen sog. Kultivie-
rungsmaßnahmen sowie genehmigten Anlagen wurde allerdings
der Vorrang gegeben.

Ferner standen den Schutzgesetzen zeitgleich die Aufrüstungs-


und Autarkiebestrebungen des Dritten Reiches gegenüber. Der
Autobahnbau z.B. sollte „naturnah“ erfolgen. Der Gegensatz von
Technik und Ästhetik sollte dabei aufgehoben werden. Das alles
mündete dann bekanntlich in den Zustand, den die alliierten
Luftbildaufnahmen von 1945 zeigen.

Nach dem Ende des Dritten Reiches ist auch dieser Teil der deut-
schen Vergangenheit nicht aufgearbeitet worden. Niemand in der
jungen Bundesrepublik bezog sich auf die Versuche in der

41
Weimarer Republik, den Naturschutz wohl staatlich zu schützen,
aber die erforderlichen Maßnahmen in die kommunale
Selbstverwaltung zu entlassen. Stattdessen wurde immer wieder
auf die angeblich herausragende Leistung des 1935 verkündeten
Reichsnaturschutzgesetzes hingewiesen, das in der Bundes -
republik bis 1976 in Geltung stand. In der DDR wurde es 1954
abgelöst.

Symptomatisch für die lange Gültigkeit ist ein Zitat, betreffend


70 Jahre Heimatschutz in Württemberg. Der Verfasser schreibt in
den siebziger Jahren: „Das Studium der Vereinsgeschichte bringt
eine erstaunliche Kontinuität an den Tag, die auch von der Nazizeit
nicht im Grundsätzlichen, sondern wesentlich nur im Organi-
satorischen unterbrochen worden ist; vorher, zwischendurch und
danach begegnen einem oft und oft die gleichen Sachen, die glei-
chen Meinungen und nicht selten auch dieselben Namen.“
1995 ein anderes Beispiel: Aus Anlaß des 75jährigen Jubiläums
der Zeitschrift „Natur und Landschaft“ Heft Nr. 8 wird kommen-
tarlos der Artikel von Walter Schoenichen aus dem Jahre 1933
abgedruckt: „Das deutsche Volk muß gereinigt werden! – Und die
deutsche Landschaft?“ Diese Tatsachen belegen, daß oft auch im
Natur- und Tierschutzbereich die Frage nach Schuld und Sühne für
die Verbrechen der Nazi-Zeit weitgehend verdrängt worden ist.

Ebenso wie der Naturschutz hat auch die ursprüngliche Tier-


schutzbewegung ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Als Gegen-
bewegung zur Vivisektion (Versuche an lebenden bzw. unbetäubten
Tieren) entstanden, waren ihre Anhänger zugleich oft Vegetarier,
Impfgegner, Abstinenzler und Pazifisten. Voraussetzung für die
geforderte Tierliebe war das Mitgefühl, das – aufgrund der
Evolutionstheorie – der Mensch dem Tier als „Blutsverwandtem“
entgegenbrachte. Tierversuche waren entsprechend abzulehnen.

42
Auch dort mischten sich zunehmend antisemitische Töne in die
Argumentation. Der Gründer des „Weltbundes zum Schutz der
Tiere und gegen Anti-Vivisektion“ (1900), Paul Förster, war gleich-
zeitig einer der Gründer der antisemitisch-völkischen „Deutsch-
sozialen Partei“ mit antichristlich-rassistischem Programm. Die
Schächtfrage, also das jüdische, rituelle Töten von Schlachttieren
ohne Betäubung stand im Zentrum der Polemik. „Der überlegene
Vollmensch... ist unser Ziel. Ein durch vivisektorische Weltan-
schauung und Tätigkeit beflecktes Leben ist entwertet, nicht mehr
wert gelebt zu werden... wir weisen der Menschheit den Weg des
wahren Heiles“. Sogar innerhalb der evangelischen Kirche folgten
die sog. Deutschen Christen schon 1932 den Nazis. Es heißt: „Wir
sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte
und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen,
Gottes Gesetz ist. Daher ist der Rassenvermischung entgegenzu-
treten...Halte deine Rasse rein...sagt uns, daß der Christusglaube
die Rasse nicht zerstört, sondern vertieft und heiligt.“ Angesichts
des Juden Jesus protestiert der Theologe Paul Tillich: „Der
Protestantismus hat seinen prophetisch-christlichen Charakter
darin zu bewähren, daß er dem Heidentum des Hakenkreuzes das
Christentum des Kreuzes entgegenstellt. Er hat zu bezeugen, daß
im Kreuz die Nation, die Rasse, das Blut, die Herrschaft in ihrer
Heiligkeit gebrochen und unter Gott gestellt sind“. Dem ist nichts
hinzuzufügen.
Im April 1933 wurde das Schächten verboten, im November das
Tierschutzgesetz aus dem Kaiserreich novelliert. Adolf Hitler ließ
sich übrigens gern als vorbildlicher Tierfreund und Schutzherr der
Tierwelt darstellen, zumal er selbst Vegetarier, Impfgegner und
Abstinenzler war. Zum Pazifisten hat er es bekanntlich nicht
gebracht. Was „wahres Heil des Vollmenschen“ im Gegensatz
zum „befleckten Leben“ bedeuten sollten, wurde einige Monate
später deutlich.

43
Im Juli 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses“ in Geltung gesetzt; Arbeitsfähigkeit und Rasse des
Menschen waren die Kriterien zur „Ausmerzung lebensunwerten
Lebens“, nämlich menschlichen Lebens. Die menschenverachten-
de Weltanschauung der Nazi-Barbaren wurde grauenvolle
Wirklichkeit. Das Tierschutzgesetz von 1933 blieb bis 1972 unver-
ändert in Geltung. Das Schächt-Verbot wurde zwar gleich nach
dem Krieg aufgehoben, das Tierschutzgesetz aber erst unter der
sozialliberalen Koalition den Erfordernissen eines Industriestaates
angepaßt. Nach wie vor galten Tiere rechtlich als Sache.

Weißdornblüte
in der Marsch

Photo: W. Lohße
(Bürgerinitiative zur
Erhaltung der
Wesermarsch im
Bremer Osten)

Schließlich sei zusammengefaßt, daß auch sämtliche weiteren


Facetten der Ökologiebewegung schon in jenen Jahren ihre z.T.
braunen Vorläufer hatten, vom Kohlrabiapostel bis zum Bar-
fußjünger, von der Naturheilbewegung bis zur Kleidungsreform,
von der Freikörperkultur bis zur Ernährungsreform, Vegetarismus,
Veganertum, Landkommunebewegung, Garten stadtbewegung,

44
Alternative Landwirtschaft, Biologischer Landbau sowie alle religi-
ös untermauerten Spielarten wie die Anthroposophie usw. Alle
diese Bewegungen sind nicht erst in der Bundesrepublik seit den
siebziger Jahren entstanden, sondern Ergebnis der Industriali-
sierung des 19. Jahrhunderts. Die Nazis konnten, daran anschlie-
ßend, relativ mühelos die heimattümelnde Ideologie politisch
besetzen.

Sie können sich mithin denken, daß die Verantwortlichen einer


Kirchengemeinde im Jahre 2001, wenn sie ökologische Kriterien
bei ihren Entscheidungsfindungen angemessen bedenken wollen,
angesichts dieser Problemgeschichte schnell in politische Aus-
einandersetzungen und Ideologisierungen gedrängt werden
können. Umso sorgfältiger ist angesichts der skizzierten Problem-
geschichte das eigene Engagement zu begründen. Sowohl
hinsichtlich der alten als auch der neuen Geschichte der Ökologie-
bewegung.

Von dieser neuen ökologischen Bewegung seit den siebziger


Jahren soll deswegen im Weiteren die Rede sein. Der wachma-
chende Paukenschlag, also weltweites Aufsehen wurde 1971
öffentlich ausgelöst durch den Bericht des Club of Rome
(Industrielle, Manager und Wissenschaftler) mit dem Titel „limits
of the growth“ (Die Grenzen des Wachstums). Durch diesen
Bericht wurde wie vorher noch nie der Widerspruch zwischen dem
von der CDU-CSU-Regierung propagierten „Wohlstand für alle“
und seinem Preis, den zerstörerischen Folgen für die Natur, über-
deutlich erkannt. Mittels höchst differenzierter Analysen wurde
am Massachusetts Institute of Technology zu errechnen versucht,
wann bei steigendem Verbrauch der natürlichen Rohstoffvor-
kommen und zunehmender Weltbevölkerung der Wirtschaftscrash
zu erwarten wäre.

45
Der Schock saß tief. Selbst die Massenmedien nahmen sich nun-
mehr der Begriffe wie Smog, Saurer Regen, Waldsterben, Ozon-
loch, Biotop und Ökologie an. Ebenso wurden nun Schuldzuwei-
sungen ausgeteilt, wer denn die ökologische Krise zu verantwor-
ten habe.

Ein Erklärungsmuster versuchte, die Wirkungsgeschichte des


jüdisch-christlichen Herrschaftsbefehls (dominium terrae) dafür
verantwortlich zu machen (C. Amery), nachdem vorher die Kirchen
den Abfall des Menschen von Gott als Ursache jeder Krise propa-
gierten. In der seinerzeit typischen Engführung vieler Theologien
auf das Verhältnis von Gott und Mensch.

Aus den etablierten Parteien äußerten sich zunächst nur Einzel-


persönlichkeiten. Erhard Eppler war seitens der Sozialdemokratie
einer der wenigen, der öffentlich und früh auf die Krise reagierte,
indem er die kritische Analyse teilte und politisch auf ökologi-
schere Kriterien hinarbeiten wollte.

Etwas später, 1975, reagierte auch Herbert Gruhl, CDU-Mitglied,


der ebenfalls öffentlich radikale Kritik an der Wachstumsideologie
übte. Also Einzelpersönlichkeiten, nicht die Programmatik der eta-
blierten Parteien, erkannten die Zeichen der Zeit.

Das wurde anders, weil diese Parteien sich zeitgleich mit den
Aktionen von Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke, also mit
Widerstand von der Basis, konfrontiert sahen. Wyhl 1972 – 1975,
Kalkar 1975/76, Brokdorf 1975/76, Gorleben 1977/79 und die WAA
Wackersdorf Mitte der 80er Jahre sind die Orte, die Gründung der
Grünen als politischer Partei das Ergebnis, die Übernahme ökolo-
gischer Kriterien in die Programme der etablierten Parteien die
Folge. Im Einzelnen:

46
In den ersten Protest- und Besetzungsaktionen gegen den Bau
des Atomkraftwerkes Wyhl am Kaiserstuhl hatte sich die ortsan-
sässige Bevölkerung mit fortschrittskritischen Intellektuellen
zusammengetan. Diese Vereinigung von kritischer Theorie und
überzeugtem Wertkonservativismus rüttelte durch den gemein-
sam ausgeübten zivilen Ungehorsam als erster Bürgerpflicht an
den Fundamenten der damaligen Landesregierung, trug zum Sturz
des Ministerpräsidenten bei und gab den Anstoß zur Gründung
einer neuen Partei.

Die politische Landschaft veränderte sich grundlegend. Und


immer, wenn die Ökologiebewegung aus beiden gesellschaft-
lichen Kräften sich zu einer Allianz vereinigte, also wertkonserva-
tive Landwirtschaft, Bürgerlichkeit und ausgebildete akademische
Intelligenz, wurde sie zu einer politischen Kraft. Die selbstgewähl-
te Überparteilichkeit und der gewaltfreie Widerstand wurden ent-
scheidende Beschleuniger für das Gelingen der Bündnisse.

Die gemeinsamen, programmatischen Grundzüge von Blockade-


aktionen, Besetzungen, Boykotten usw. waren der entschiedene
Einsatz für bedrohte ökologische Systeme oder gegen die
Gefährdung einer menschenwürdigen Zukunft bei gleichzeitiger
Ablehnung von Gewalt gegen die Menschen der Gegenseite, etwa
Politiker, Experten oder Polizisten.

Von Anfang an war den verschiedenen Formen des sog. zivilen


Ungehorsams, also des passiven oder aktiven gewaltfreien
Widerstandes die Bemühung um demokratische Mitbestimmung
gemeinsam.

Allerdings war der Rechtsweg faktisch ausgeschlossen, denn


niemand konnte erwarten, sein Recht zu bekommen, wenn nach

47
vielen Jahren Gerichtsverfahren eine Landschaft einschneidend
verändert und Milliardenbeträge bereits verbaut waren.
Sachzwänge täuschten vor, Recht zu verschaffen. Es erschien
allerdings vielen Bürgern unzumutbar, der Verwüstung ihres
Lebensraumes durch den Bau eines Großprojektes tatenlos zuzu-
sehen, weil der Abschluß eines Gerichtsverfahrens erst in Jahren
zu erwarten war.

Grundsätzlich muß zum Instanzenweg mittlerweile wohl ange-


merkt werden, daß er zu einem abenteuerlichen Unterfangen
geworden ist, das ein einzelner Bürger kaum noch riskieren kann.
Die Vorstellung, daß ein Gegner eines umweltgefährdenden
Projekts einfach vor Gericht zieht, um dort seiner Sorge Gehör zu
verschaffen, gehört inzwischen der Gattung von Märchen aus der
Frühzeit der Demokratie an. In der Bundesrepublik gibt es aber in
einzelnen Bundesländern das Verbandsklagerecht. Zuerst hat
Bremen diese Möglichkeit auf Länderebene eingerichtet; z. Zt. soll
es auch auf Bundesebene verwirklicht werden. Denn wer heute als
Einzelkläger den Rechtsweg beschreitet, muß mit Gerichts-,
Anwalts- und Verfahrenskosten in Höhe von einigen hunderttau-
send Mark rechnen. Ohne die tatkräftige Unterstützung von
Umweltverbänden, Gemeinden und Bürgerinitiativen wäre ein
normaler Bürger, der sich in das Gestrüpp von Verfahrens-
ordnungen, Sachverständigengutachten und Rechtsprechungs-
auslegung einließe, dem finanziellen Ruin ausgeliefert. Ob diese
Tatsache noch rechtsstaatlichen Prinzipien entspricht, muß be-
zweifelt werden.

Es blieb also schon seinerzeit oft nur noch gewaltfreier


Widerstand vor Ort. Inzwischen läßt sich allerdings feststellen –
denken Sie an die Castortransporte – , daß bei Planung und
Durchführung solcher Aktionsformen die Ökologiebewegung

48
wesentlich weniger gelernt hat als ihre Gegner, also die
Umweltsünder und die polizeilichen Kräfte. Die polizeitaktische
Entwicklung hatte inzwischen alles dazu getan, um den Hebel
gewaltfreien Widerstandes untauglich zu machen. Dazu gehörte
auch der routinemäßige Einsatz von Provokateuren, die Vorwände
für gewaltsames Eingreifen aufbauten, von manchmal sogar ver-
mummten Sondereinheiten und von einem Ausrüstungs- und
Waffenarsenal, das Bürger auf weite Distanz von Bauplätzen und
Anlagen halten sollte.

Ich habe 1980 meinen Zivildienst in der Rolandklinik am


Niedersachsendamm geleistet. Aus unserem Umkleidezimmer
hatten wir freien Ausblick auf den Hof der Polizeikaserne. Und dort
wurde schon 1980 regelmäßig der Einsatz solcher Provokateure
geübt. Einige Polizisten – ehemalige Schulkameraden – waren als
vermummte Demonstranten verkleidet und sollten eine Gegen-
aktion der Polizei provozieren. Das wurde sehr anschaulich geübt.

Die damit einhergehende Kriminalisierung und die Ideologi-


sierung gewaltfreier Bürgerinitiativen hat dann aber auch die
Polizeigewerkschaften auf den Plan gerufen, die sich gegen die
Pervertierung des Bürgers in Uniform in das Schreckgespenst des
uniformierten und verdeckten Schlägers wehrte.
Alles das führte dann aber zu einer tatsächlich gewachsenen
Gewaltbereitschaft seitens einiger Demonstranten. Kleine Gruppen
haben aus dem Gefühl der Ohnmacht blinde Gegenwehr getrie-
ben, bis hin zum Ansägen von Gleisen, bis zum Schußwaffen-
gebrauch und dem Mord an Polizisten.

Öltankerkatastrophen, Waldsterben, Giftgasunglücke, Natur-


katastrophen wie Überschwemmungen und vor allem die
Zivilisationskatastrophe Tschernobyl 1986 haben dann in der

49
ersten Hälfte der Achtziger zu weiteren Einsichten geführt. Der
GAU bewies, daß der Einsatz vor Ort oft kaum mehr den Fakten
angemessen ist. Denn wozu friedlich weiterkämpfen, wenn unter
Einsatz aller Kräfte hier vor Ort kaum etwas ausgerichtet wird,
während 2000 km entfernt die hier bekämpfte Technologie nur
noch Albträume wirklich werden läßt? Die Suche nach dem Geist
der Bewegung aus der Ohnmacht heraus, nach dem Inhalt, nach
der Spiritualität nahm zu. Als Jünger Friedjof Capras und der
Wendezeit-Philosophie beispielsweise wurden ehemals politisch
engagierte Menschen zu harmlosen Harmoniesuchern. Viele ehe-
mals politisch Aktive endeten in der Verinnerlichung des New Age
und der Esoterik. Zielkonflikte der handelnden Politik wurden ver-
kannt, manchmal radikalisiert, manchmal mit weltanschaulichen
Voraussetzungen überfrachtet. Technikfeindlichkeit und eine dra-
matische Situationsbeurteilung schlugen oft in eine pessimisti-
sche Weltsicht um, die von Untergangsvisionen und -ängsten
gekennzeichnet sind. Leider wurden so aus engagierten demokra-
tischen Menschen politische Schweiger, die innerlich die Insel der
Seligen suchten; tatsächlich haben es dadurch Technokraten an
den Schalthebeln politischer Macht einfacher.

Wieder können wir Parallelen zum Anfang dieses Jahrhunderts


feststellen. Auch damals flohen viele Menschen in eine neue
Innerlichkeit, hatten Angst vor dem Weltende, und das Lebens-
gefühl suchte sich seine Erlösung in der Nachfolge von Öko-
Gurus, Heilslehrern und Inflationsheiligen wie Gusto Gräser,
Johannes Baader, Friedrich Muck-Lamberty, Max Schulze-Sölde
oder Ludwig Christian Haeusser.

Wieder einmal ist heute wie damals fin de siècle angesagt, und
auch heute – wie vor 100 Jahren – macht sich bei so manchem
Beobachter, der über den Tellerrand der Tagespolitik hinauszublik-

50
ken bereit ist, Katzenjammer und Pessimismus breit. Ernsthafte
Reformer sitzen oft zwischen allen Stühlen, sie bohren in dicken
Brettern, die andere vor dem Kopf tragen.

Es dürfte bekannt sein: zwischen den weitreichenden und fort-


schrittlichen Zielvorstellungen von Gesetzen und der tatsäch-
lichen Anwendung besteht ein Mißverhältnis. Ökologische Auf-
lagen werden in der täglichen Entscheidungspraxis durch Bund,
Länder und Gemeinden sowie deren Fachressorts bei konkreten
Großvorhaben oft einfach ignoriert. Auch die Vielzahl der
Ausnahmemöglichkeiten (z.B. die Landwirtschaftsklausel) stärkt
nicht gerade hoffnungsfrohes politisches Handeln.

Aber Reformer und Reformatoren waren und sind der Stachel im


Fleisch, kirchlich das Salz der Erde, zwingen zur Stellungnahme
und erhalten günstigenfalls die Fähigkeit zum Umdenken. Sie ste-
hen wider die Verdummung des Salzes auf, werden politisch aktiv
und erheben ihre Stimme, umso lauter, je mehr die Masse stumm
bleibt. Der ethisch bewußte und politisch aktive Mensch darf sich
nicht entmutigen lassen. Sein angestammter Platz ist und bleibt
angesichts der Masse der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er
kann, aus. Sein Wahlspruch hieß immer und heißt auch heute:
Dennoch!

Die Ausdifferenzierung der Ökologiebewegung in pragma -


tischen Umweltschutz einerseits, politische Ökologie andererseits
organisierte sich nach der Bildung der Grünen vor allem in den
Achtzigern. 1984 forderte der Vorsitzende des Naturschutzbundes
in Bayern, Hubert Weinzierl, die Umorientierung: Der Begriff
„Naturschutz muß umfunktioniert werden“, da der Bund Natur-
schutz „immer noch mit den längst überholten Vorstellungen vom
Blumenschützen und der alten Tierschutztante behaftet und bela-

51
stet“ sei. Diese Umorientierung von unpolitischem Naturschutz
zum modernen Umweltschutz konkretisierte sich nun in der
Auseinandersetzung zwischen dem 1950 gegründeten Dach -
verband DNR (Deutscher Naturschutzring) und dem 1975 gegrün-
deten BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland).

1989 waren dem DNR seinerzeit 90 Verbände angeschlossen,


u.a. auch das Jugendherbergswerk und Heimatvereine und solche
Verbände, die eher Naturnützer als Naturschützer sind (Deutsche
reiterliche Vereinigung, Verbände von Jägern, Fischern, Imkern,
Kanuten, Sporttauchern). Seine Größe stand im Widerspruch zu
seinem faktischen Einfluß, zumal einige interne Konflikte vorpro-
grammiert waren (Jäger contra Wanderer; Reiter contra Tier-
schützer). Selbstblockierungen und Abspaltungsbewegungen
gehörten zum Erscheinungsbild des DNR. Mittlerweile sind einige
Verbände ausgetreten, so daß sich das eher widersprüchliche
Erscheinungsbild langsam zu wandeln scheint.

Potentieller Gegenspieler ist der BUND, zunächst aus dem Bund


für Vogelschutz hervorgegangen. 1975 wurde der BUND dann von
„oben“, also von Funktionären aus dem Umweltschutzbereich,
durchorganisiert und stabilisiert. Der Bund Naturschutz in Bayern
stellt die Hälfte der Mitglieder. Weitaus konfliktfreudiger und auch
aggressiver (aggredi: auf etwas zugehen) als der DNR, steht der
BUND z.B. entschieden gegen die Nutzung von Atomenergie und
schaltet sich in heiße Konflikte ein (Castor).

Greenpeace, eine Art newcomer, entstand 1981, straff und zen-


tralistisch organisierte „Regenbogenkrieger“. Aufgrund spektaku-
lärer, medienwirksamer Aktionen hat Greenpeace ein außeror-
dentlich hohes Spendenaufkommen und einen hohen Identifi-
zierungsgrad seiner Mitglieder zu verzeichnen. In ihrer strikten

52
Professionalisierung und Zentralisierung liegt zugleich die Stärke
und die Schwäche der Organisation. Generalstabsmäßig geplante
und weltweit umgesetzte Überraschungsaktionen stehen dem
manchmal hohen Frustrationsgrad von Kontaktgruppen und
Mitarbeitern vor Ort gegenüber. Demokratische Entscheidungs-
findungen lassen sich kaum erkennen; daher verließen Mitglieder
1982 Greenpeace und gründeten die Organisation „Robin Wood“,
die sich demokratischen Grundsätzen und nicht dem Zentralismus
der mittlerweile außerordentlich vermögenden Organisation
Greenpeace verpflichtet fühlt.
Schließlich sind noch viele andere Vereinigungen der ökologi-
schen Bewegung zu erwähnen, wie z.B. der NABU, der Allgemeine
deutsche Fahrradclub, der Tierschutzverein u.a.

Politisch organisiert, entstand 1972 als Vorläufer der Grünen der


Bundesverband Bürgerinitiativen und Umweltschutz (BBU), der
bis zum Entstehen der Grünen eine Schlüsselrolle innehatte. Die
Frage war letztlich: soll ich die Bauplätze stürmen oder die
Parlamentssitze?

Die Grünen entstanden 1979 als Sammlungsbewegung aus


verschiedenen Quellen, die sich schließlich zu einer Strömung
vereinigten. Waren die Grünen in ihrer Entstehungszeit ein
Sammelbecken aus Aktivisten der Friedensbewegung, Anti-AKW-
Bewegten und Bürgerinitiativen, aufgefüllt durch enttäuschte
Politiker aus den etablierten Parteien und sogar der braunen
Fraktion, differenzierte sich bald das öffentliche Erscheinungsbild.
Nach den politischen Enttäuschungen durch die bald erreichten
Regierungsbeteiligungen in einigen Bundesländern und den
Schwierigkeiten, aus dem Status einer Oppositionspartei in die
Regierungsbeteiligung berufen zu sein und Kompromisse einge-
hen zu müssen, zogen sich auch viele Anhänger der Grünen nach

53
der Aufspaltung in sog. Fundis und Realos in eine neue
Innerlichkeit zurück. Zu den ersten gesamtdeutschen Wahlen 1990
traten zwei unterschiedliche Grünen-Parteien an, einmal die öko-
logisch orientierten Westgrünen, zum anderen die Ostpartei
Bündnis 90/Grüne, die sich eher auf drängende soziale Themen
konzentrierte. Sie ging nach der Wende 1989 hervor aus den DDR-
Bürgerrechtsbewegungen Neues Forum, Demokratie jetzt und der
Initiative für Frieden und Menschenrecht.
Weitere traditionelle Verbände (Bund für Vogelschutz, Alpenver-
ein, Wandervereine usw.) überwanden den z.T. betulichen unpoli-
tischen Naturschutz in Richtung kämpferischer Umweltverbände.
Speziellere Zielsetzungen mündeten in die Schutzgemeinschaft
Deutscher Wald und den World Wildlife Fund, der sich 1990 in
World Wide Fund for Nature umbenannt hat.

Sie erkennen eine komplizierte Entwicklungsgeschichte von


dem, was ich Ökologiebewegung genannt habe. Diese Zusam-
menhänge, der Zwang der verantwortlichen Politiker in einer
repräsentativen Demokratie zu raschem Erfolg und politischem
Pragmatismus sowie die eng begrenzten Zuständigkeiten in Politik
und Verwaltung haben oft zu unkoordiniertem Umgang mit unse-
ren Naturgütern bei zugleich verstärkt miteinander konkurrieren-
den Nutzungsinteressen geführt. Oft wurden die Zielsetzungen
künstlich ausgespielt gegen andere gesellschaftlich wichtige
Erfordernisse, etwa das Totschlagsargument „Arbeitsplätze“
gegen „Umweltschutz“.

Welcher Platz also kommt dem Menschen in der Natur bzw.


Schöpfung zu? Er ist, selbst Geschöpf, das einzige Wesen, das sich
seiner selbst bewußt wird und sich ethisch verhalten kann. Gegen
den Instinkt, gegen die kollektive Verdrängung der ökologischen
Problemlage, die von Verharmlosung, Nicht-Wahrhaben-Wollen

54
und Nicht-Verstehen-Wollen gekennzeichnet ist, gegen Besitz-
standsdenken, Trägheit und Bequemlichkeit und den Weg des
geringsten Widerstandes, gegen Machtmißbrauch steht die Mög-
lichkeit, sich anders zu verhalten.

Aristoteles nennt den Menschen daher das zoon politikon, das


politische, also aufs Gemeinwesen hinzielende ethische Lebewesen,
das noch etwas anderes kann, als seinen privaten Instinkten zu fol-
gen. Auch der öffentliche Einspruch Jesu gegen menschliche
Selbstzerstörung liegt auf dieser Linie.
Was bisher aus der Geschichte der Ökologiebewegung und
ihren Versuchen, den Platz des Menschen in der Natur zu bestim-
men, gelernt werden kann, ist wohl folgendes:

1. Nur, wenn sich Teile der neuen Ökologiebewegung, von


ihren demokratischen Grundrechten ausgehend, politisch
für ihre Ziele starkmachten, waren Erfolge zu verzeichnen.
2. Nur, wenn der ethische Unterschied zwischen Mensch und
Tier nicht eingeebnet wurde, konnte die Würde des
Menschen und der Mitwelt in ihrem Eigenwert relativ geach-
tet werden.
3. Nur, wenn global gedacht und lokal gehandelt wurde, kamen
Mensch und Mitwelt relativ zu ihrem Recht.
Bis zum kirchlich verorteten konziliaren Prozeß mit den
Zielen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
war es aber noch ein weiter Weg.

Ich schließe mit Psalm 104.

Meine zweite These lautet: Die Manipulation der Natur bzw.


Schöpfung muß reduziert werden.

55
Zusammenfasung des zweiten Teils
Welcher Platz kommt dem Menschen
in der Natur zu?

Wer vom Hauptvorwurf der ökologischen Bewegung der


sechziger und siebziger Jahre an die Adresse der Kirchen
ausgeht, also vom mißverstandenen dominium terrae
(Genesis 1,28), von der abendländischen Wirkungsge -
schichte des Schöpfungsbefehls, kann vier Phasen zum
Verständnis von Schöpfung feststellen.

1. Die biblische Periode


2. Die altkirchliche Periode
3. Die mittelalterliche Periode
4. Schöpfung ohne Natur (Neuzeit)

Einige sagen: Wir sollten die unumgänglichen, naturge-


gebenen Konflikte (the survival of the fittest) zu unseren
Gunsten austragen. Krieg gab es immer, sei es in der Natur,
sei es innerhalb der Menschheit. Der Stärkere möge gewin-
nen. Schon Nietzsche, später seine Nazijünger haben die-
sen Sozialdarwinismus gepredigt, ausgedeutet und ausge-
lebt. Die Folgen sind bekannt, nicht nur durch Auschwitz.
Die bürokratisch und technokratisch organisierte Ver -
nichtung des europäischen Judentums war neu in der
Geschichte der Welt.

Die andere Seite versucht, diesem Konflikt einfach indi-


viduell aus dem Wege zu gehen. Technikasketen, europäi-
sierte Buddhisten und viele andere vorwissenschaftlich
oder nachkritisch-naiv eingestellte Menschen glauben,

56
durch ihre Lebensführung irgendwann nicht mehr auf
Kosten anderen Lebens leben zu müssen.

Dann gibt es die Position der Technikverwandler und


Techniksteuerer. Versucht wird, Technik lebensähnlicher zu
machen, auf menschen- und umweltfreundlichere Ziele hin.
Diese Position der angepaßten Technologien nimmt den
Konflikt zwischen allem Leben und das Vergehen als gege-
ben hin, aber versucht, den Konflikt zu entschärfen bzw. ihn
als einen Konflikt zwischen Partnern zu begreifen, die ohne
einander nicht leben und sterben können.
In unser Bewußtsein ist eine für die dritte Position arbei-
tende Ökologiebewegung erst Mitte der siebziger Jahre des
vergangenen Jahrhunderts gerückt. Doch vieles von dem,
was heute erprobt wird, ist schon vor hundert Jahren disku-
tiert und ausprobiert worden.
Welcher Platz also kommt dem Menschen in der Natur bzw.
Schöpfung zu? Er ist, selbst Geschöpf, das einzige Wesen, das
sich seiner selbst bewußt wird und sich ethisch verhalten kann.
Gegen den Instinkt, gegen die kollektive Verdrängung der öko-
logischen Problemlage, die von Verharmlosung, Nicht-
Wahrhaben-Wollen und Nicht-Verstehen-Wollen gekennzeich-
net ist, gegen Besitzstandsdenken, Trägheit und Bequemlichkeit
und den Weg des geringsten Widerstandes, gegen Macht-
mißbrauch steht die Möglichkeit, sich anders zu verhalten.
Aristoteles nennt den Menschen das zoon politikon, das politi-
sche, also aufs Gemeinwesen hinzielende ethische Lebewesen,
das noch etwas anderes kann, als seinen privaten Instinkten zu
folgen. Auch der öffentliche Einspruch Jesu gegen menschliche
Selbstzerstörung liegt auf dieser Linie.

57
Was bisher aus der Geschichte der Ökologiebewegung
gelernt werden kann, ist folgendes:

1. Nur, wenn sich Teile der neuen Ökologiebewe-


gung, von ihren demokratischen
Grundrechten ausgehend, politisch für ihre
Ziele starkmachten, waren Erfolge zu verzeich-
nen.
2. Nur, wenn der ethische Unterschied zwischen
Mensch und Tier nicht eingeebnet wurde, konn-
te die Würde des Menschen und der Mitwelt
geachtet werden.
3. Nur, wenn global gedacht, aber lokal gehan-
delt wurde, kamen Mensch und Mitwelt relativ
zu ihrem Recht.

Die zweite These lautet:

Die Manipulation der Natur bzw. Schöpfung muß reduziert


werden.

58
Arberger Vorträge zum Thema:

Kirche und Ökologie

Dritter Teil
(26. März 2001)

59
Ökologischeres Verhalten – was wäre das?

Immer, wenn Menschen versucht haben, ohne Rücksicht auf


ökologische Zusammenhänge die Natur zu vervollkommnen oder
zu verbessern, also ihre eigene Kreativität über die natürliche
Kreativität stellten, wurde zunehmend das Vergehen, das Leiden,
der Tod als unüberwindbare Realität ausgeblendet. Je mehr nur
von Fortschritt, von Entwicklung, vom Werden das Reden und das
Handeln bestimmt waren, desto stärker verlief dann im Unter-
grund die verdrängte Tatsache des Zerstörerischen, des
Vergehens.

Der antike Naturbegriff, vergleichbar dem Schöpfungsbegriff


des AT, beinhaltete noch Werden und Vergehen. Das Zusammen-
leben von Mensch und Natur bedeutete: der Mensch lebte in und
mit der Natur. In der Wahrnehmung des Menschen war er eher
Opfer, die Natur eher Täter, und ein Retter wurde von außerhalb
erhofft, sei es Gott, sei es die kommende Generation.

Heute fühlen sich die meisten ethisch bewußt lebenden


Menschen eher als Täter, die Natur wird als Opfer interpretiert,
und ein Retter wird diesmal nicht von außen erhofft, also von
einer göttlichen, übernatürlichen Macht, sondern entweder eher
von der Natur selbst, wenn man sie sich selbst überläßt, oder aber
vom Menschen.

Aber die Erde ist nicht nur Opfer, schließlich hat sie uns hervor-
gebracht. Der Mensch ist nicht nur Opfer, schließlich hat er die
Misere mitzuverantworten.
Die Erde ist nicht nur Täter, die maßlose und beschleunigte
Störung und Zerstörung ihrer Lebensvielfalt ist seit dem Beginn
der Neuzeit das Werk des Menschen. Der Mensch ist nicht nur

60
Täter, denn sein eingebautes Überlebensprogramm läßt sich nicht
umgehen. Die Erde ist nicht nur Retter des Lebens, denn sie läßt
uns sterben. Der Mensch ist nicht nur Retter, denn auch er läßt
anderes Leben sterben in einem bisher nicht gekannten Ausmaß.

Zunehmend fragen in diesem vorprogrammierten Konfliktfeld


Menschen deswegen heute wieder religiös, und sie kommen nicht
nur aus dem New Age oder der Esoterik:

Hat die Natur doch einen vom Menschen unabhängigen


Eigenwert, ist der Mensch tatsächlich Mittelpunkt allen Lebens?
Wie kann ich einswerden mit meiner Mitwelt, wenn ich den
Konflikt nicht mehr aushalte? Welcher Platz und welches Handeln
kommt mir wirklich zu? Muß ich die Natur und die Menschheit ret-
ten? Wie kann ich denn mich retten? Oder bin ich ein Verfolger, gar
wieder ein Opfer? Was habe ich mit der Natur gemeinsam, was
unterscheidet uns? Um mit Kant zu fragen: Was können wir wis-
sen, was dürfen wir glauben, was sollen wir tun? Ökologischeres
Verhalten: Was also wäre das?
Schon an der Sprachregelung wird deutlich, wie kompliziert die
Dinge liegen:

Es ist heute ein Unterschied, ob ich von meiner Umwelt spreche


– dann ist sie etwas um mich herum, und ich bin der Mittelpunkt,
um den es sich letztlich alles dreht.

Oder ich spreche von meiner Mitwelt, dann hat alles um mich
herum eine partnerschaftliche Bedeutung.
Spreche ich von Naturschutz, dann hätte die Natur eine Art
Eigenwert mit Reservatscharakter, könnte also in natürlichen
Inseln, Archen und Oasen scheinbar ungestört vor sich hin leben.

61
Spreche ich von Umweltschutz, wäre wieder ich der entschei-
dende Faktor, eine von mir abhängige Natur schützen zu müssen.

Und spräche ich schließlich von den ökologischen Zusam-


menhängen allen Lebens, müßte ich auch entscheiden, ob das
Massensterben der Menschen in anderen Erdteilen nicht eine logi-
sche Folge der Überbevölkerung wäre, also zynisch den Menschen
wieder als Teil einer Natur begreifen, deren Gesetzmäßigkeiten er
sich nicht entziehen kann, bis hin zur gegenseitigen Ausrottung.

Es gilt, die Lebensformen, ihre Geschichte, ihre Veränderungen


und ihren Kampf so zu sehen, wie sie wirklich sind, und den
Menschen als einen gleichzeitig dazugehörigen Teil und doch
auch als etwas darüberhinaus Weisendes zu begreifen. In mir
selbst wird die Natur sich ihrer selbst bewußt. Mein Verstand ist
eine Bewußtwerdung der Natur. Mein Leib und mein Denken und
Fühlen sind Natur. Auch das zerstörerische Handeln, zu dem ich in
der Lage bin, ist Natur.

Ich bin als Mensch theoretisch in der Lage, durch einen


Knopfdruck alles Leben auszulöschen, zumindest meinesgleichen.
Das ist eine heute immer noch relativ reale Möglichkeit. Ebenso
bin ich als Gattungswesen in der Lage, die Erde so zu verpesten,
daß das Leben auf ihr für höhere Lebensformen und meinesglei-
chen immer gefährdeter und unmöglicher wird. Mein Handeln
kann also unvorstellbar zerstörerische Ausmaße annehmen, wie
es vor 100 Jahren noch nicht der Fall war. Ich bin gleichzeitig
Natur, kann Kinder zeugen und Leben ermöglichen und schützen,
aber auch Leben vernichten.

Und die Natur begegnet mir in demselben Zwielicht. Jeden Tag


ermöglicht mir meine Mitwelt das Leben, die Sonne geht auf, die

62
Pflanzen wachsen, Nahrungsmittel werden hergestellt, die ich
essen kann, Wasser gibt es, das ich trinken kann. Und doch gefähr-
det diese Lebenswelt gleichzeitig jeden Tag mein Leben. Ein
Unwetter kann mich treffen, ein von Menschen gesteuertes Auto
mich überfahren, eine Krankheit mich dahinraffen, ein Erdbeben
mich verschlingen.

Waren es für Ötzi die relativ unbeherrschbaren Kräfte der Natur,


ist es für mich zusätzlich die von Menschen geprägte und verän-
derte Form des Lebens, seine unbeherrschte eigene Natur im wei-
testen Sinne inklusive der aus ihr entstandenen menschlichen
Schöpfungen. Ich herrsche gleichzeitig, wie ich auch beherrscht
werde als Luxussklave in einer technisierten Welt.

Damit sind die Konflikte erkannt und benannt. Wie nun ökologi-
scher damit umgehen?

Bis zur technischen Revolution im 19. Jahrhundert war der


Konflikt zwischen Mensch und Natur ein eher asymmetrischer mit
zunehmender Verlagerung zugunsten des Menschen. Kein Mensch
wie Ötzi war in der Lage, die Natur zu vernichten, aber die Natur
war in der Lage, den Menschen wie schon vorher die Saurier zu
vernichten. Die Natur war stark, der Mensch schwach, aber anpas-
sungsfähig.

Spätestens mit der Seßhaftwerdung des Menschen verlagerte


sich deshalb die Gewichtung. Der Mensch wurde stärker, lernte,
sich an den Jahreszeiten zu orientieren, bannte die Gewalt der
Natur durch Gemeinschaftsarbeiten, legte Vorräte an für schwere
Zeiten, bekam mehr Nachkommen satt und gewann so mehr und
mehr Gewalt über die ihn nicht mehr nur bedrängende oder
beschenkende, sondern kalkulierbar nutzbare Natur.

63
Bis heute, wo der Mensch der Starke, die Natur zumindest in
ihren außermenschlichen Lebensformen die Schwache ist.
Denken Sie an die durch Menschen ausgerotteten Tierarten, durch
Naturmißbrauch entstandenen Katastrophen.

Der Konflikt ist wieder asymmetrisch, der Mensch ist stark, die
Natur in ihren außermenschlichen Verwirklichungen schwach.

Wir haben die Konflikte zwischen Mensch und Natur in ihrer


geschichtlichen Entstehung auf der naturwissenschaftlich-techni-
schen Ebene und der politisch-gesellschaftlichen Ebene beschrie-
ben. Welche Botschaft hätte die Kirche auf ihrer Grundlage, der
Bibel, zur Konfliktbeschreibung und -regelung anzubieten? Wie
ließe sich eine vernünftige Solidarität zwischen menschlicher und
nichtmenschlicher Natur erreichen?

Die Voraussetzung wäre: Beide Konfliktpartner müssen auf der-


selben, partnerschaftlichen Ebene der Betrachtung angesiedelt
werden. Die Konfliktlehre zeigt, daß nur so ein Konflikt sich immer
wieder lösen läßt. Wird einer der beiden Partner zu stark, gibt es
auf der anderen Seite einen Verlierer. Werden beide zu stark, gibt
es nur noch Verlierer.

Wenn wir die ersten Kapitel der Bibel unvoreingenommen lesen,


wird deutlich, daß es eine entsprechende Konfliktregelung gibt,
der sich heute kaum jemand bewußt ist. In den
Schöpfungsmythen wird nicht wissenschaftlich berichtet, wie die
Welt entstanden ist, sondern welches Geschehen ihr tagtäglich
zugrundeliegt. Es geht um das Grundgeschehen mit seinen ökolo-
gischen Motiven.

Wie ließe es sich beschreiben?

64
Drei Stufen möchte ich feststellen:

1. Eigentlich ist die Welt und alles in ihr sehr gut angelegt und
gemeint. Der erste Schöpfungsbericht schließt mit dem Satz:
Alles ist sehr gut. Gleichzeitig wissen wir, daß es so nicht ist,
denn

2. tatsächlich nehmen Gewalt und Konflikt, Vernichtung und


Kampf jeden Tag das Leben und den Menschen in Anspruch.
Es kommt als Folge die Sintflut, die bis auf eine Familie und
von allen Tieren ein Paar, alles Leben vernichtet. Aber diese
werden gerettet. Trotz aller zerstörerischen Erfahrungen auf
dieser gewalttätigen Erde mit ihren gewalttätigen Menschen
gibt es also Rettung und Segen, zyklisch zuverlässige
Lebensvoraussetzungen sowie das Erleben, dankbar noch
einmal davongekommen zu sein. Also

3. dennoch ist das Leben lebenswert, es ist immer noch gut,


besser als gar keins. So endet die Flutgeschichte nach der
Rettung der Arche. Diese Welt ist nicht die Beste aller
Möglichen, aber die Zweitbeste.

Die biblische Dreiteilung spiegelt sich also im Mythos von der


Schöpfung der Welt, im Gegenmythos der Sintflut mit der Rettung
der Arche. Der Mythos sagt, wie es gemeint ist, er legimiert das
Dasein. Der Gegenmythos sagt, was nicht sein darf, er delegiti-
miert das Zerstörerische.

Ich kann es ihnen lebensnaher übersetzen.


In der Kinderkirche habe ich vor einigen Monaten die Kinder
gebeten: Wenn ihr jetzt Gott seid und könnt die Welt erschaffen,
wie würdet ihr das machen? Wir waren draußen auf dem

65
Spielplatz mit der Sandkiste. Zuerst kam: Mama und Papa müssen
zuerst da sein. Und ich. So sollten aus Sand, wie in der Bibel aus
dem Material des Töpfers, die ersten Menschen geschaffen wer-
den. Mann und Frau und Kind. Dann kam aber schnell die Einsicht,
daß die Familie zum Leben erstmal, wie alles Leben, die Sonne
bräuchte und Land, auf dem Pflanzen wachsen und Tiere leben.
Dann also erst Land und Wasser, Luft, Sonne, Feuer, Fische,
Pflanzen, Tiere, Haus, Mama und Papa, dann Kinder.
So ging es weiter. Der Platz in der Sandkiste war begrenzt. Für
alle Eltern und Kinder war nicht Raum genug. Also mußten wohl
welche sterben, sie durften nicht mehr dabeisein. Nicht die eige-
nen Eltern, aber andere, böse Menschen, die z.B. Kinder mißbrau-
chen, Krieg machen, mit Pistolen schießen, usw. Also machten die
Kinder mit dem Wasserschlauch eine Sintflut, ohne die Biblische
Geschichte zu kennen, und ließen alle Bösen mit Genuß ertrinken.

Gerettet wurden nur die Guten bzw. „Gerechten“, also die eige-
nen Eltern, und die Tiere und Pflanzen zum Essen und
Zusammenleben, damit das Leben auf der gemeinsamen Erde mit
ihrer Luft und ihrem Wasser wieder weitergehen kann. Und die
Kinder gaben sogar Verhaltensregeln, damit alle lernten, sich bes-
ser zu vertragen.

Wer von ihnen einigermaßen bibelfest ist, wird bemerkt haben,


daß die Kinder ohne jede Vorbildung exakt den biblischen
Schöpfungsmythos aus sich heraus entwickelt haben. Schöpfung,
Vernichtung, Rettung und Segen. Das Grundgeschehen.

Für meine Ausgangsfrage heißt das:


Alle Menschen und alle Tiere zusammen und alle Pflanzen haben
Konflikte, einer lebt auf Kosten des anderen. Und das muß für ein
ethisch denkendes Wesen geregelt werden.

66
Wie nun beschreibt die Bibel die Lösung dieses Problems? Wie
in Babylon, Assyrien, Ugarit, Griechenland, sind Fluterzählungen
nichts anderes als Schöpfungserzählungen. In der Schöpfung ist
also auch ihre mögliche Vernichtung eingeschlossen, Werden und
Vergehen gehören zusammen. Der Möglichkeit des Mißratens der
Menschheit wird realistisch ins Auge gesehen; es geht um Sein
oder Nichtsein der Welt; das Schicksal des Menschen hängt mit
dem Schicksal außermenschlichen Lebens, besonders der Tiere,
zusammen. Und Technik (der Bau der Arche) spielt bei der
Konfliktbewältigung und Rettung eine Rolle.
Der Gerettete wird schließlich gesegnet. Luther hat Recht
gehabt, wenn er im Katechismus auslegt: „Ich glaube, daß mich
Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen...und noch erhält“. Das
Lebensgefühl, davongekommen zu sein, gebiert eine tiefe
Dankbarkeit aus dem bleibenden Bewußtsein, vergänglich zu sein.

Das Grundgeschehen liefert also keine Theorie über die Herkunft


des Zerstörerischen, es stellt nur fest, daß es so ist, daß es
ursprünglich nicht so gemeint war und daß der Mensch eine
Mitverantwortung für die Differenz trägt.

Noch genauer betrachtet, ergibt sich folgendes:


Eigentlich sollen wir Menschen versorgt sein durch pflanzliche
Nahrung (Gen 1,29). Faktisch aber fristen wir unser Leben um den
Preis tierischen Lebens (Gen 9,3).
Eigentlich sollen wir die Erde verantwortlich bebauen und
bewahren (Gen 2,15), faktisch pervertieren wir diesen Kultur-
auftrag (Gen 11,1-9).
Eigentlich sollen wir uns gegenseitig eine Hilfe sein (Gen 2,18),
faktisch herrschen Streit, Neid, Verantwortungslosigkeit; die Erde
ist voller Gewalt bis in die Familien hinein.
Das sind allgemeine Menschheitserfahrungen.

67
Betrachtet man die Sprachregelung im Original, bekommt dann
der Herrschaftsbefehl „Machet euch die Erde untertan“ eine völlig
neue Wertigkeit.

Der Mensch soll zunächst über die Erde herrschen wie ein
König. Das meint Gen 1,28. Dabei darf man nicht an orientalische
Despoten und ihre Grausamkeiten denken, sondern an das
Idealbild des israelischen Königs, der im AT als irdischer Garant
der universalen Lebensordnungen galt. Seine Herrschaft gewähr-
leistete gerechte politische und soziale Verhältnisse (Ps 72).
Außerdem hatte der König eine richterliche Funktion; er fällte
allerdings nicht autoritäre Urteile, sondern war mehr ein
Schlichter, eine Art Schiedsmann, der den streitenden Parteien
Urteilsvorschläge machte, die sie akzeptieren konnten oder auch
nicht.
Und immer, wenn die Könige begannen, dieses ihr Amt zu miß-
brauchen, tritt ein Prophet auf den Plan und legt öffentlich schärf-
sten Protest ein.

Dahinter liegt der Gedanke, daß Richten im AT die Wiederer-


reichung eines Friedens ist (Schalom), der zerbrochen war.

Das Schlachten von Tieren und die Jagd sind im ersten Kapitel
der Genesis nicht vorgesehen, auch nicht die Überfüllung der Erde
durch Menschen. Der Papst beruft sich irrtümlich auf diese Stelle,
wenn er unkontrolliertes Bevölkerungswachstum nicht durch
Verhütungsmittel regulieren lassen will. Also, das Töten soll zuerst
nicht sein, die Sprache ist die der Fürsorge und Gerechtigkeit.

Nach der Flut und Rettung allerdings ändert sich die Sprache: In
Gen 9,1 wird die Sprache des Gotteskrieges gebraucht, Furcht und
Schrecken vor den Menschen soll die Tiere befallen.

68
Der Konflikt ist voll zum Ausbruch gekommen, wie er auch unse-
re Tage besteht. Krieg besteht letztlich zwischen Mensch und
Mensch sowie Mensch und Natur. Jetzt wird dem Menschen die
Fleischnahrung freigegeben und damit die Tiertötung. Wie gesagt,
es geht nicht um eine geschichtliche Reihenfolge, sondern um
eine Art zeitloser Konfliktdarstellung. Keine Priesterkaste hat sich
im Auftrag eines Despoten hingesetzt, um ihren Vorteil und ihre
Herrschaft mythologisch zu untermauern, sondern weise Men-
schen haben ihre Lebenserfahrungen aufgezeichnet: Sie haben
auf ihre Kinder gehört, sie haben auf ihre innere Stimme gehört
und sie mit ihren Erfahrungen verglichen. Und dafür haben sie –
weltweit – vergleichbare Bilder gefunden, die das Verständnis
ermöglichen, warum das Leben und der Mensch so sind, wie sie
sind. Schöpfung und Vernichtung und Rettung bzw. der Segen der
Natur gehören zusammen.

Wie sehen nun die in der Bibel vorgeschlagenen Konflikt-


regelungen angesichts unserer modernen Realität aus? Welche
ökologischen Motive enthalten die Erzählungen des Grund -
geschehens?

Bestimmte Mechanismen der Konfliktregelung werden aufge-


führt. Zuerst gilt als Krone der Schöpfung nicht der Mensch, son-
dern das Sabbatgebot. Umgemünzt in soziale und ökologische
Kriterien, wird schon im AT deutlich: der Mensch soll Flora, Fauna
und seinesgleichen gegenüber barmherzig Schon- und Ruhezeiten
wahren.
Weiter heißt es in Gen 9,1 zum jüdischen Speisegebot, daß aus
rituellen Gründen zwar das Fleisch, nicht aber das Blut gegessen
werden darf.
Der Sinn ist: Das Fleisch darf gegessen werden, nicht aber das
Blut, das Leben. Indem bei der Schächtung das Blut auf die Erde

69
fließt, soll es ihr symbolisch zurückgegeben werden, denn das
Leben gehört der Erde und sie Gott. Es geht also um das Maß und
die Verbundenheit allen Lebens miteinander und seinen Urspung,
letztlich darum, das Leben trotz seiner vereinzelten Zerstörung
insgesamt gerecht zu schützen. Weiterhin werden, im Umkehr-
schluß, die Menschen auch vor den Tieren geschützt (Gen 9,5).
Das alte Rechtsdenken besagt, daß ein Tier, das einen Menschen
verletzt oder tötet, ebenso getötet werden soll. Dieser archaische
Gedanke hieße übersetzt: Innerhalb des ökologischen Konfliktes
ist also der soziale Konflikt eingebunden. Der Mensch ist und
bleibt eingebettet in die Gesamtschöpfung, es gibt Wirkung und
Wechselwirkung. Daher die wechselseitigen Schutzmaßnahmen.
Die Tötung außermenschlichen Lebens soll auf den elementaren
Lebensbedarf beschränkt bleiben, wobei der Mensch höher als
das Tier bewertet wird.

Dem alttestamentlichen Menschen gilt das Bluttabu als das


Zeichen eines letzten Respekts vor der Verfügungsgewalt Gottes,
nicht des Menschen, über die Tiere und das Leben überhaupt.
Grundsätzlich ist dadurch das Tier mehr als eine Sache und hat
einen Eigenwert, den der Mensch zu respektieren hat. Die
Verhältnisbestimmung zwischen Mensch und Tier ist also eine sitt-
lich bestimmte; Tierquälerei ist ein religiöses Vergehen. Das Tier
ist mehr als ein Objekt zur Verwertung des Fleisches, sein Wert
geht über die Nützlichkeitserwägungen hinaus.

Die archaischen Grundgedanken zur Konfliktregelung erkennen


also den Konflikt des Lebens sowie die Notwendigkeit, ihn human-
ökologisch zu regeln, und schlagen gegenseitige, friedensstiften-
de Schutzmaßnahmen für Mensch und Natur vor. Dazu gehört,
daß im Naturschönen die Schöpfung transparent ist für den gött-
lichen Friedenswillen. Als Zeichen für diesen göttlich gewollten

70
Schöpfungsfrieden, so heißt es in Gen 9,11ff, wird nach der
Flutkatastrophe der Kriegsbogen Gottes als Regenbogen in die
Wolken gehängt. Immer, wenn er nach einem Unwetter erscheint,
soll er, flüchtig und immateriell, wie er ist, an den Schöpfungs-
frieden und die Sehnsucht danach erinnern. Der dem Dasein
immanente Vernichtungs- und Kriegswillen soll grundsätzlich auf-
gegeben werden zugunsten des Bündnisses mit dem Leben. Gott
ist ein Freund des Lebens, in seinem Namen darf und wird das
Leben nicht vernichtet werden. Ötzis Bogen, in die Wolken
gehängt, weist hin auf den Wert des Lebens und der notwendigen
Konfliktregelung seitens des ethisch verantwortlichen Menschen.
Nicht die besinnungslose Beherrschung allen Lebens als Untertan
des Menschen, sondern die realistische, ehrfürchtige, lebensbeja-
hende und lebensfreundliche Regelung ist die Botschaft des
1. Buches Mose.

Wie könnte sich nun der Einzelne, davon ausgehend, heute öko-
logischer verhalten?

Die Stufenfolge der zugrundeliegenden Möglichkeiten läßt sich


so beschreiben:

1. Die einfachste Ethik ist die des Egozentrikers. Die übrige


Welt einschließlich der menschlichen Artgenossen hat aus
seiner Sicht keinen Eigenwert, sondern ist bloß für ihn da.
Sie interessiert ihn nur insoweit, als mit ihr etwas für ihn
anzufangen ist und sie dies geschehen läßt oder verweigert.

2. Wer einsieht, daß ein Mensch allein noch kein Mensch sein
kann, sondern daß dazu andere Menschen gehören, wie
man selbst einer ist, mag dennoch meinen, nur Freunde und

71
Familie als Mitmenschen mit eigenem Wert zu sehen, alle
anderen aber und die nichtmenschliche Welt als nur für die
eigenen Bedürfnisse von Interesse. Dieses Selbstver -
ständnis ist das der meisten in unseren Breitengraden, der
homo oeconomicus.

3. Einen weiteren Schritt zur Allgemeinheit erstrebt die


Volkswirtschaft. Hier ist immerhin das Wohl des sog. Volkes,
der Nation, der Gesellschaft im Blick, und alle seine An-
gehörigen sind Mitmenschen. Andere Völker und die nicht-
menschliche Mitwelt zu berücksichtigen, gebietet allenfalls
die Klugheit, als sie eben mit dem Wohlergehen der eigenen
Nation in Verbindung stehen. Einen Eigenwert besitzen
andere Völker, Gesellschaften, Nationen aber nicht. Das
Menschenbild ist das des Chauvinismus.

4. Nach der Aufklärung sind Chauvinismen und Rassismen


ebenso verpönt wie die Sklaverei. Hier wird der Kosmopolit
geboren, der alle Menschen als Brüder – und Schwestern –
betrachtet. Die nichtmenschliche Mitwelt wiederum ist nur
insoweit von Interesse, als der Mensch und seine Lebens-
qualität von ihr beeinflußt werden.

5. Eine Erweiterung ist der Blick auf die kommende, noch nicht
geborene Generation, für die schon jetzt mitgedacht wird. Es
geht also um die Menschheit und ihre Zukunft. Diese Sicht
ist die des Anthropozentrikers, also desjenigen, der den
Menschen im Mittelpunkt des Lebens sieht. Alles andere ist
lediglich zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse da.

72
6. Nichtmenschliche Lebewesen als sie selber zu respektieren
und nicht nur als Objekte unseres menschlichen Interesses,
zielt am ehesten auf die höheren Tiere. Sie werden aufgrund
gefühlsbetonter Verbundenheit zur menschlichen Mitwelt
gerechnet, z.B. Haustiere und Kuscheltiere. Kriterium für die
Achtung der Tiere ist ihre Fähigkeit, Schmerz zu empfinden.
Daran orientieren sich die meisten Tierschutzverbände.

7. Die menschliche Sensibilität für Tiere und Pflanzen ist


jedoch verschieden, das Leiden reicht weiter als der
Schmerz. Die Achtung vor dem anderen, das an sich Respekt
verdient und einen Eigenwert, unabhängig von der
Wertschätzung des Menschen, hat, besteht für einige im
Umgang mit Tieren, für andere im Umgang mit Pflanzen.
Hier wäre Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem
Leben zu verorten.

8. Warum aber Grashalm und Hase achten, und nicht auch das
Meer und die Atmosphäre, Landschaften und Seen? So
ergibt sich als umfassendste Ethik die holistische, die ganz-
heitliche, die sowohl den Lebensformen als auch der anor-
ganischen Welt ihren Eigenwert zuerkennt. Keines ist bloß
für den anderen und das andere da.

73
Kirchlicherseits wird seit Mitte der achtziger Jahre versucht, sich
einer Ethik der Kategorie 7 oder 8 anzuschließen und entspre-
chend humanökologische Wert- und Handlungsmuster zu entwik-
keln.

Daraus folgen die Forderungen:

1. Entfaltungsmöglichkeiten für Lebewesen und Arten

2. Artgerechtes Wohlbefinden bzw. Leidensvermeidung für


Lebewesen

3. Hierarchie der Bezugseinheiten


(Mensch wird höher bewertet als Tier)

4. Unterlassung irreversibler Eingriffe in die Natur

5. Möglichst große Auffächerung der Arten und Individuen

Wer nicht dogmatisch sein will, kommt bei der Sichtung der öko-
logischen Krise, ihren Gründen, ihren Folgen und den Mög-
lichkeiten zur humanökologischen Korrektur am alles bündelnden
Vordenker der Problemanzeige, an Albert Schweitzer und seiner
Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht vorbei. Schweitzer sagt
schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts:

„Die fundamentale Tatsache des Bewußtseins des Menschen


lautet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben
will. – Der denkend gewordene Mensch... erlebt das andere Leben
in dem seinen... Alles wahre Erkennen geht in Erleben über. Das
Wesen der Erscheinungen erkenne ich nicht, sondern ich erfasse
es in Analogie zu dem Willen zum Leben, der in mir ist. So wird

74
mir das Wissen von der Welt zum Erleben der Welt. Das zum
Leben werdende Erkennen läßt mich der Welt gegenüber nicht als
rein erkennendes Subjekt verharren, sondern drängt mir ein inner-
liches Verhalten zu ihr auf. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht vor dem
geheimisvollen Willen zum Leben, der in allem ist... In meinem
Willen zum Leben erlebt sich der universale Wille zum Leben
anders als in den anderen Erscheinungen. In diesen tritt er in einer
Individualisierung auf, die, soviel ich von außen bemerke, nur ein
Sich-selbst-ausleben, kein Einswerden mit anderem Willen zum
Leben erstrebt. Die Welt ist das grausige Schauspiel der
Selbstentzweiung des Willens zum Leben. Ein Dasein setzt sich auf
Kosten des anderen durch, eins zerstört das andere. Ein Wille zum
Leben ist nur wollend gegen den anderen, nicht wissend von ihm.
In mir aber ist der Wille zum Leben wissend von anderem Willen
zum Leben geworden. Sehnen, zur Einheit mit sich selbst einzu-
gehen,... ist in ihm....

Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem


Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegen-
zubringen wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem sei-
nen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelba-
res Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben ver-
nichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.
Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des
Ethischen. Die bisherige Ethik ist unvollständig, weil sie es nur mit
dem Verhalten des Menschen zum Menschen zu tun haben glaub-
te.“
„Nur in den denkenden Menschen ist der Wille zum Leben wis-
send geworden und will mit ihm solidarisch sein. Dies kann er
aber nicht vollständig durchführen, weil auch der Mensch unter
das rätselhafte und grausige Gesetz gestellt ist, auf Kosten ande-
ren Lebens leben zu müssen und durch Vernichtung und Schä-

75
digung von Leben fort und fort schuldig zu werden. Als ethisches
Wesen aber ringt er darum, dieser Notwendigkeit, wo er nur
immer kann, zu entrinnen und als einer, der wissend und barm-
herzig geworden ist, die Selbstentzweiung des Willens zum Leben
aufzuheben, soweit der Einfluß seines Daseins reicht. Er dürstet
danach, Humanität bewähren zu dürfen und Erlösung von Leiden
bringen zu müssen.“

In kirchlichen Kreisen nun wurde ein halbes Jahrhundert lang


seit ihrer ersten Formulierung die Ehrfurcht vor dem Leben mehr
oder weniger ignoriert. Die kirchliche Urteilsbildung hat sich erst
in den 80er und 90er Jahren der Position Schweitzers mit ihrer
biblischen Schöpfungsethik stark angenähert, so in der Schrift
„Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung“ (1985) oder
„Gott ist ein Freund des Lebens“ (1989). Vielleicht ist ja auch der
Himmel genauso wie die Erde und die Hölle nicht nur von
Menschen bevölkert:

„Nicht allein menschliches, sondern auch tierisches und pflanz-


liches Leben sowie die unbelebte Natur verdienen Wertschätzung,
Achtung und Schutz. Die Ehrfurcht vor dem Leben setzt voraus,
daß Leben ein Wert ist und daß es darum eine sittliche Aufgabe
ist, diesen Wert zu erhalten. Das Leben ist dem Menschen vorge-
geben; es ist seine Aufgabe, dieses Leben zu achten und zu
bewahren. Es obliegt seiner Verantwortung, Sorge für seine Um-
welt zu tragen. Dies erfordert Rücksicht, Selbstbegrenzung und
Selbstkontrolle. Der Maßstab „Ehrfurcht vor dem Leben“ enthält
ein Moment unbedingter Beanspruchung und Verpflichtung, ein
Schaudern vor den Folgen des Gebrauchs der Macht, das den
Menschen zurückhalten soll, diese Macht zur Selbstvernichtung zu
mißbrauchen. Die Ehrfurcht vor der Bestimmung des Menschen
und das Schaudern und Zurückschrecken vor dem, was aus dem

76
Menschen und seiner Umwelt werden könnte und was uns als
denkbare Möglichkeit der Zukunft vor Augen steht, enthüllt uns
das Leben als etwas „Heiliges“, das zu achten und vor Ver-
letzungen zu schützen ist.
Die Ehrfurcht vor dem Leben bewirkt auch eine Scheu vor dem
rein nutzenden Gebrauch, eine Haltung der Beachtung und
Schonung. So gesehen, schließt sie eine „Ehrfurcht vor dem
Gegebenen“ mit ein, sie weckt Wertebewußtsein und Schaden-
einsicht. Diese Ehrfurcht vermittelt auch Einsicht in gegebene
Grenzen, Einsicht in die Endlichkeit und Vergänglichkeit, vor allen
Dingen Einsicht in die Verletzlichkeit der Schöpfung und
Mitkreatur. Ehrfurcht vor dem Leben bezieht sich nicht nur auf
menschliches, tierisches und pflanzliches Leben, sondern im wei-
teren Sinn auf die „unbelebte“ Natur mit ihren Lebenselementen
(Wasser, Boden, Luft) und ihren funktionalen Kreisläufen als
Lebensraum.
Sie sind nicht als tote Gebrauchsgegenstände zu verstehen, son-
dern als Teil der Lebensbedingungen des Menschen und seiner
Mitkreatur. Wir Menschen müssen uns, um mit Sokrates zu spre-
chen, auf die Kunst des Hirten verstehen, dem am Wohl der
Schafe gelegen ist, dürfen sie also nicht bloß unter dem
Blickwinkel des Metzgers betrachten.“

Diese späte Erfassung bzw. Wiederentdeckung von Schweitzers


Ethik in den Kirchen verwirklicht sich nunmehr seit ca. 15 Jahren
um so intensiver und breitenwirksamer. Eine entscheidende
Orientierungshilfe war die von C.F. von Weizsäcker stammende
Formel (Die Zeit drängt, 1986): „Kein Friede ohne Gerechtigkeit,
keine Gerechtigkeit ohne Frieden. Keine Gerechtigkeit ohne
Freiheit, keine Freiheit ohne Gerechtigkeit. Kein Friede unter den
Menschen ohne Frieden mit der Natur. Kein Friede mit der Natur
ohne Frieden unter den Menschen“. Ausgehend vom Düsseldorfer

77
Kirchentag entwickelte sich unter Zugrundelegung dieser Formel
kirchlicherseits seit 1985 der „konziliare Prozeß“, in dem die teil-
nehmenden Kirchen sich seitdem in gegenseitiger Verpflichtung
für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein-
gesetzt haben. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hatte schon 1934
ein ökumenisches Konzil eingefordert, das „den Frieden Christi
ausruft über die rasende Welt“. Prophetische Worte eines Ein-
zelnen, die die Welt nicht erreichten.

Dieser konziliare Prozeß hat sich die kirchliche Tradition zum


Vorbild genommen, in Fragen der unterschiedlichen Auslegungen
des Glaubens und seiner biblischen Grundlagen, alle beteiligten
Kirchen an einen Tisch zu holen, um sich auszusprechen auf der
Suche nach einer von allen Beteiligten tragbaren Lösung. Brasilien
z.B. hat eine ganz andere Sicht der Natur und der ökologischen
Probleme als wir oder Australien.

Die Kirchen wollen, daraus folgend, den Gedanken der


Bewahrung der Schöpfung mit dem einer Weltgestaltung verbin-
den, die dem umgreifenden Netzwerk der Natur Rechnung trägt. In
der gemeinsamen Erklärung der katholischen und evangelischen
Kirchen „Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung“ sowie
„Einverständnis mit der Schöpfung“ heißt es zu den diesbezüg-
lichen Aufgaben der Kirchen und Gemeinden:

„Entschiedener und umsichtiger als bisher müssen Christen und


Kirchen ihren eigenen Beitrag zur Erhaltung und Verbesserung der
Lebensbedingungen in unserem Land und unserer Welt lei-
sten...Beispielhaftes Verhalten der Kirchen und Gemeinden als
Grundeigentümer, Bodenbewirtschafter, Bauherr und Anstellungs-
träger muß daher die Bildungs- und Erziehungsbemühungen der
Kirchen stützen, wollen sie ihren Kredit nicht verspielen... die

78
Beheimatung umweltbewußter Gruppen und Bürgerinitiativen im
Raum der Kirchen, die Bestellung von Umweltbeauftragten sowie
die Feier der Schöpfung im Gottesdienst dürfen nicht länger ein
ruhiges Gewissen schaffen, den christlichen Beitrag abgegolten zu
haben. Deshalb müssen kirchliche Mitarbeiter und Einrichtungen
mit gutem Beispiel vorangehen. Dazu zählen z.B. auch die
Einschränkungen von Dienstreisen mit dem PKW zugunsten
öffentlicher Verkehrsmittel, der Verzicht auf chemische Unkraut-
vertilgungsmittel in Gärten und Anlagen (machen wir), die
Verstärkung von Energiesparmaßnahmen in kirchlichen Gebäuden
(haben wir), eine getrennte Müllsammlung zur Wiederverwertung
von Abfällen, Wasserspareinrichtungen (machen wir)“... usw.

Auf der politischen Ebene wurde dann 1992 in der UN-Konferenz


von Rio de Janeiro in der Agenda 21 das Kriterium der „Nach-
haltigkeit“ betont, die unser wirtschaftliches, soziales und ökolo-
gisches Handeln bestimmen soll. Erfreulich deutlich, aber nicht
genug. Immerhin wird erkannt, daß ökologischeres Handeln nicht
zu vergleichen ist mit einem politisch schnell umzusetzenden
romantischen Traum von einer heilen Welt und einer unberührten
Natürlichkeit. Diese Einstellung würde auf gefährliche Weise die
Geschichte ignorieren und die modernen Anforderungen naiv
unterschätzen. Der Mensch aber wird als Geschöpf begriffen,
andere Lebensformen als Mitgeschöpfe.
Doch nach wie vor verschwinden ökologisch wertvolle Flächen
widerstandslos, sie werden verbaut, auch in Schutzgebieten, so
daß nur wenige Prozent für den Biotop- und Artenschutz verblei-
ben. Verursacher für die Lebensraumzerstörung und den Arten-
rückgang sind oft schwer zu ermitteln, dennoch ist die Beseitigung
von Biotopen, wie beispielsweise die Arberger Düne eines dar-
stellt, eine Hauptursache für den Artenschwund und oft, wie in
unserem Fall, an der Öffentlichkeit vorbei politisch eingeplant.

79
Bei der Arberger Marsch handelte es sich bis vor kurzem wie bei
der inzwischen schon verbauten Hemelinger Marsch nicht um ein
Naturschutzgebiet oder einen Nationalpark, wohl aber insgesamt
um ein Landschaftsschutzgebiet. Der Landschaftsschutz ist mitt-
lerweile für den geplanten Bereich der Galopp-Trainingsbahn von
der zuständigen Deputation mit einem Federstrich aufgehoben
worden.

Ein Landschaftsschutzgebiet soll die Leistungsfähigkeit des


Naturhaushaltes oder die Nutzungsfähigkeit der Naturgüter
(Frischluft, Wasser, Boden, Pflanzen- und Tierarten) erhalten bzw.
wiederherstellen, wegen der Vielfalt und Schönheit des Land-
schaftsbildes und zur Erholung des Menschen.

Insgesamt handelt es sich bei der Arberger Marsch um eine alte


bäuerliche, relativ naturnahe und gesetzlich geschützte
Kulturlandschaft. Vormals vor der mittelalterlichen Urbarmachung
wohl eine Siedlungsdüne mit Erdhütten oberhalb der Über-
schwemmungsgrenze.

Wie – außer auf dem Papier – könnte nun ökologischeres


Handeln für uns alle aussehen? Ihm muß ein entsprechendes
Denken vorausgehen, also die Einsicht zunehmen, daß wir als
Geschöpfe angewiesen sind auf unsere Mitgeschöpfe. Ökonomen
und Ökologen sitzen dabei im gleichen Haus, im gleichen Oikos.
Spätestens bei uns auf dem Friedhof wird das sinnenfällig.

Daher meine dritte und letzte These:


Der Konflikt zwischen Mensch und Natur, zwischen Geschöpf und
Schöpfung muß wieder symmetrisch betrachtet werden.

80
Statt bloß in Bio-Läden einzukaufen, Müsli zu futtern, ein
Sportfan zu werden und größere Parks zur Erholung zu fordern,
also weiterhin auf persönliche Vorteile bedacht zu sein und damit
die Ausbeutung der Schöpfung zu verstetigen, wäre es an der Zeit,
eine neue Gesamthaltung zu etablieren. Eine derartige Verän-
derung verlangt – neben der Veränderung des eigenen Lebens-
stiles – zweierlei: Erstens einen ökologischen Maßnahmenkatalog,
der die Probleme vor Ort an der Wurzel packt; zweitens
Organisationen oder Parteien, die diese Maßnahmen politisch
umsetzen wollen und von uns allen demokratisch gewählt werden
können, z.B. in die Bürgerschaft, z.B. in das Deichamt.
Kein Rückfall in die Steinzeit, aber eine neue Einstellung zur
Schöpfung ist an der Zeit. Das Selbstverwirklichungs- und
Durchsetzungsgebahren gegenüber der Mitwelt muß einer größe-
ren Bescheidenheit weichen, friedfertiger, schonender. Politisch
hieße das, die obrigkeitshörigen Zentralisierungen aufzugeben
und bereits bestehende Verwaltungseinheiten zugunsten der
Gremien vor Ort aufzulösen. Die Machtbefugnisse des Bundes
müßten mehr und mehr in die Länder, Kreise, Städte und
Kommunen zurückdelegiert werden. Nur so könnten – was wir zur
Zeit hier zu spüren bekommen – an der Stelle bürokratischer
Steuerungen, die sich selbst bei gutem Willen – wegen ihrer
Wirklichkeitsferne – vor Ort manchmal höchst verheerend auswir-
ken, naturnahe und damit naturerhaltende Regelungen getroffen
werden. Nur eine solche Umstrukturierung der Macht würde den
Bewohnern einer Region das Gefühl der Teilhabe und
Mitverantwortlichkeit geben, statt sich fremdbestimmt zu fühlen.
Dieses ungute Gefühl gebiert Verantwortungslosigkeit gegenüber
der Schöpfung und großes Mißtrauen in die politische Klasse,
auch vor Ort. Was den Bewohnern eines Dorfes nicht nahe ist,
weder innerlich noch äußerlich, wird von ihnen auch nicht
geschätzt, geschont oder gehegt werden. Auch die barbarische

81
Konsumhaltung, die letztlich die Bedingungen für die BSE-Krise
mitgeschaffen hat, muß sich ändern. Es geht nicht darum, durch
Konsumverzicht die Kreisläufe der Wirtschaft zu lähmen, sondern
durch kritisches Verbraucherverhalten die Produktpalette zu ver-
ändern.

Der traditionelle Wirtschaftskatalog „Vollbeschäftigung, Geld-


wertstabilität, Wirtschaftswachstum, gerechte Einkommens -
verteilung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht“ muß um das
Ziel „ökologische Gestaltung der Mitwelt“ erweitert werden. Es
geht also um so etwas wie eine ökologisch verpflichtete soziale
Marktwirtschaft. Die Änderung eines eingefahrenen Lebensstiles
ist angesagt; dazu gehört auch, den Preis für mitweltfreundlichere
Produkte und Einschränkungen zu akzeptieren.

Vor allem aber das verantwortliche Engagement des mündigen


Staatsbürgers, das den demokratischen Widerspruch gegen
Schädigung und Belastung der Mitwelt vor Ort einschließt, muß
aktiviert werden. Vielen Menschen ist nicht bewußt, wie oft öko-
politisches Wortgeklingel und persönlicher Lebenstil auseinander-
klaffen. Mehrere Wege zur Abhilfe sind möglich, und ich kann nur
eine kleine Auswahl benennen:

1. Ein möglichst schneller Übergang zu sanfteren Formen der


Energieerzeugung duch den Bau von Windmaschinen,
Sonnenkollektoren und Gezeitenwerken (haben wir ver-
sucht)

2. Die gesetzliche Durchsetzung von Recyclingsystemen, die


auch befolgt werden, vor allem zur Verhütung unsinnigen
Verbrauches seltener Rohstoffe

82
3. Der zunehmende Verzicht auf Wegwerfprodukte und die da-
zugehörende Werbung

4. Geschwindigkeitsbeschränkungen in Städten und auf Auto-


bahnen

5. Größere Haltbarkeit von Gebrauchsgütern

6. Einschränkung aller unsinnigen energieverbrauchenden Ma-


schinen wie elektrische Dosenöffner, Wegwerf-Feuerzeuge
usw.

7. Die Reduzierung des Massentourismus

8. Die Einschränkung des Autoverkehrs

9. Beim Einkauf mit Verstand auf artgerechten Tier- und Arten-


schutz achten, also z.B. bei Kosmetika auf Produkte ohne
Tierversuche achten, bei Lebensmitteln auf die Herkunft ach-
ten, usw.

10. Der Erhalt und die Reaktivierung naturnaher Flächen vor Ort
inklusive ökologischem Landbau mit einem möglichst
geschlossenen Betriebskreislauf entsprechend dem Stoff-
kreislauf; dafür sind allerdings nur Gemischtbetriebe geeig-
net.

Die immer wiederkehrende Frage wäre: Brauche ich für meinen


Wohlstand wirklich allen angebotenen Schnickschnack? Ist
Shopping eine sinnvolle Beschäftigung? Brauche ich eine elektro-
nisch gesteuerte Garagentür? Ein neues Shampoo? Kann ich bei

83
Genußmitteln nicht auf fairen Zwischenhandel achten? Muß jeden
Tag Fleisch auf den Tisch? Das Nahrungsmittel, das die römischen
Legionen zur körperlich leistungsfähigsten Armee der Welt
gemacht hat, war Getreide. Als Cäsars Soldaten in Gallien Wild
anstelle des fehlenden Getreides bekommen sollten, standen die
Kämpfer kurz vor der Meuterei. Ihnen fehlte die Kraft, die
Verdauung war zu langwierig. „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft?“
Nicht für die römischen Legionen. Und schon 500 Jahre vorher
meinte der griechische Philosoph Sokrates, als er über den
Wochenmarkt schlenderte: „Wie viele Dinge gibt es doch, die ich
gar nicht brauche.“

Muß ich denn mexikanische Nackthunde halten, australische


Zierfische züchten, Erdbeeren im Winter essen, Pelzmäntel von
ungeborenen Lämmern tragen, usw.?

Arberger Düne

Photo: W. Lohße
(Bürgerinitiative zur
Erhaltung der
Wesermarsch im
Bremer Osten)

84
Wichtigste Voraussetzung wäre, daß sich Bewohner vor Ort ver-
antwortlich fühlen für ihre Lebenswelt; statt die Billigprodukte
anderer Hersteller zu kaufen, wäre die Konzentration auf die mitt-
leren und kleineren Hersteller und Verkäufer vor Ort sinnvoll. Nur
wenn die Bewohner einer Region stolz auf ihre Produkte sind,
wenn sie sich mit den Herstellern und Verteilern ihrer Gegend
identifizieren, dann kann der anonymen Verbrauchsgier ein Riegel
vorgeschoben werden. Dann kann das Gefühl entstehen, selbst
Haushalter der Böden hier, der Bäume hier, der Tiere hier zu sein.
Das Gefühl der Ganzheit aller Lebensformen, der Vernetzung und
Verletzbarkeit könnte sich einstellen. So, wie bei dem eigenen
Garten vor dem Häuschen oder der Grabstelle auf dem Friedhof,
die ja auch intensiv gepflegt werden.

Angesichts dieses tausend Jahre alten Friedhofes frage ich: Was


brauchen wir denn wirklich zum Leben?

Schon vor 2000 Jahren findet der römische Philosoph und


Prinzenerzieher Seneca, ein Zeitgenosse des Paulus, eine Antwort.
Er war einer der ersten Männer am Kaiserhof und hatte von allem
Wohlstand und Luxus gekostet. Er fiel jedoch in Ungnade und
mußte dann unter einfachsten Bedingungen in der korsischen
Verbannung leben. Von dort schreibt er an seine untröstliche
Mutter:

„Wie gering nämlich ist das, was für den Lebensunterhalt des
Menschen erforderlich ist! Und wem kann es daran mangeln,
wenn er nur irgendeinen ethischen Wert besitzt? Was mich jeden-
falls betrifft, so sehe ich ein, daß ich nicht meinen Wohlstand, viel-
mehr die unaufhörliche Inanspruchnahme losgeworden bin. Des
Körpers Bedürfnisse sind gering: er will sich vor Kälte schützen,
mit Nahrungsmitteln Hunger und Durst stillen. Alles, wonach man

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darüber hinaus verlangt, wird für Laster, nicht für Bedarf mühsam
bereitgestellt. Nicht ist es nötig, jede Tiefe zu erforschen, noch
durch ein Gemetzel unter Tieren den Bauch zu überladen, noch
Austern vom entferntesten Meer ...auszugraben... Wozu Handels-
geschäfte? Wozu die Verwüstung der Wälder? Wozu das
Erforschen der Tiefe?...Wollt ihr nicht bedenken, wie klein eure
Körper sind?... Der Gier ist nichts genug, der Natur genügt auch
wenig.“

Der Mensch sollte 2000 Jahre danach endlich lernen, mit seinen
drei großen Kränkungen zu leben.

1. Die Erde ist nicht Mittelpunkt des Weltalls.

2. Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.

3. Das bewußte, wissenschaftliche Verstandesdenken steht


nicht über dem gefühlsgesteuerten Unbewußten, der
Mensch ist nicht technischer Herr seiner selbst und seines
Lebens und der Erde.

Ich muß tiefer und weiter blicken, hören und sprechen. Der
Philosoph Immanuel Kant staunte vor 200 Jahren: „Zwei Dinge
erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht...: der bestirnte Himmel über mir und
das moralische Gesetz in mir“.
Ich möchte mich als einen kleinen, vergänglichen Teil des
Ganzen begreifen. Daher schließe ich poetisch mit dem
Sonnengesang des mittelalterlichen, mönchischen Reformers
Franz von Assisi, der diesem Lebensgefühl Ausdruck verleiht:

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Sonnengesang

Ich bete den Sonnengesang des Franz von Assisi, den er


zum Lob Gottes verfaßte, als er krank lag bei San Damiano.

Allhöchster, alles vermögender, guter Gott, dein sind


Loblieder, Ruhm und Ehre und jede lobende Rede. Dir allei-
ne, du Höchster, kommen sie zu. Doch von uns Menschen
ist keiner würdig, dich zu rühmen.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allem, was du geschaffen.


Mit unsrer Herrin besonders, der Schwester Sonne. Der Tag
ist ihre Wohnung, uns leuchtet durch dich ihr Licht. Und wie
schön, sie zu sehen. Und prächtig mit wärmendem Strahlen
darf sie tragen Sinnbilder von dir, mein Gott.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Mond und die
Sterne. Am Himmel hast sie gebildet, so klar und so kostbar
und herrlich.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch
heitere Luft und Gewölk und die Wetter, wie immer sie sind,
durch welche du deinen Geschöpfen Erhaltung bestimmst.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, die ja


so nützlich und freundlich, und gut zu uns ist und so kost-
bar.

87
Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer. Durch ihn
du erleuchtest die Nacht. Und wie schön, ihn zu sehen, so
fröhlich, widerstandskräftig und stark.

Gelobt seist du, mein Herr, durch die Schwester, unsre


Mutter Erde. Sie ist`s, die uns lenkt und ernähret, die züch-
tet vielerlei Früchte mit bunten Blumen und Gräsern.

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die dir zulieb
Verzeihung gewähren, sich geduldig in Krankheit und
Trübsal bewähren. Selig jene, die ausharrn in Frieden; denn
Du, Allhöchster, hast sie zu krönen beschieden.

Gelobt seist du, mein Herr, durch den Bruder, unsern Tod,
der vom Leibe uns scheidet; kein lebender Mensch ihm ent-
rinnet. Wehe jenen, die hinsinken in tödlicher Trennung.
Selig jene, die er findet in deinem allheiligsten Willen; denn
der Tod ewger Not trifft sie selbst – nimmer.

O lobt meinen Herren, lobsingt ihm und dankt in Ehrfurcht


und dient ihm in tiefgläubiger Ehrfurcht. Amen

88
Zusammenfassung des dritten Teils

Ökologischeres Verhalten – was wäre das?

Die Konflikte zwischen Mensch und Natur wurden in ihrer


geschichtlichen Entstehung auf der naturwissenschaftlich-
technischen Ebene und der politisch-gesellschaftlichen
Ebene beschrieben. Welche Botschaft hätte die Kirche auf
ihrer Grundlage, der Bibel, zur Konfliktbeschreibung und -
regelung anzubieten?

Wer die ersten Kapitel der Bibel unvoreingenommen


liest, erkennt eine entsprechende Konfliktregelung. In den
Schöpfungsmythen wird nicht wissenschaftlich berichtet,
wie die Welt entstanden ist, sondern welches Geschehen ihr
tagtäglich zugrundeliegt. Es geht um das Grundgeschehen.
Wie ließe es sich beschreiben?

1. Eigentlich ist die Welt und alles in ihr sehr gut


angelegt und gemeint. Der erste Schöpfungsbericht
schließt mit dem Satz: Alles ist sehr gut. Gleichzeitig
wissen wir, daß es so nicht ist, denn
2. tatsächlich nehmen Gewalt und Konflikt, Ver-
nichtung und Kampf jeden Tag das Leben und den
Menschen in Anspruch. Trotz aller zerstörerischen
Erfahrungen auf dieser gewalttätigen Erde mit ihren
gewalttätigen Menschen gibt es aber Rettung und
Segen, zyklisch zuverlässige Lebensvoraussetzungen
sowie das Erleben, dankbar noch einmal davonge-
kommen zu sein. Also

89
3. dennoch ist das Leben lebenswert, es ist immer noch gut,
besser als gar keins. So endet die Flutgeschichte nach der
Rettung der Arche. Diese Welt ist nicht die Beste aller
Möglichen, aber die Zweitbeste.

Wie sehen nun die in der Bibel vorgeschlagenen


Konfliktregelungen angesichts unserer modernen Realität
aus? Zuerst gilt als Krone der Schöpfung nicht der Mensch,
sondern das Sabbatgebot. Umgemünzt in soziale und öko-
logische Kriterien, wird schon im AT deutlich: der Mensch
soll Flora, Fauna und seinesgleichen gegenüber barmherzig
Schon- und Ruhezeiten wahren. Weiter heißt es in Gen 9,1
zum jüdischen Speisegebot, daß aus rituellen Gründen
zwar das Fleisch, nicht aber das Blut gegessen werden darf.
Der Sinn ist: Das Fleisch darf gegessen werden, nicht aber
das Blut, das Leben. Indem bei der Schächtung das Blut auf
die Erde fließt, soll es ihr symbolisch zurückgegeben wer-
den, denn das Leben gehört der Erde und sie Gott. Es geht
also um das Maß und die Verbundenheit allen Lebens mit-
einander und seinen Urspung, letztlich darum, das Leben
trotz seiner vereinzelten Zerstörung insgesamt gerecht zu
schützen. Weiterhin werden, im Umkehrschluß, die Men-
schen auch vor den Tieren geschützt (Gen 9,5). Dieser
archaische Gedanke hieße übersetzt: Innerhalb des ökologi-
schen Konfliktes ist also der soziale Konflikt eingebunden.
Der Mensch ist und bleibt eingebettet in die Gesamt-
schöpfung, es gibt Wirkung und Wechselwirkung. Daher die
wechselseitigen Schutzmaßnahmen. Die Tötung außer-
menschlichen Lebens soll auf den elementaren Lebens-
bedarf beschränkt bleiben, wobei der Mensch höher

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als das Tier bewertet wird. Die archaischen Grundgedanken
zur Konfliktregelung erkennen also den Konflikt des Lebens
sowie die Notwendigkeit, ihn humanökologisch zu regeln,
und schlagen gegenseitige, friedensstiftende Schutzmaß-
nahmen für Mensch und Natur vor. Nicht die besinnungslo-
se Beherrschung allen Lebens als Untertan des Menschen,
sondern die realistische, ehrfürchtige, lebensbejahende und
lebensfreundliche Regelung ist die Botschaft des 1. Buches
Mose.

Wer nicht dogmatisch sein will, kommt bei der Sichtung


der ökologischen Krise, ihren Gründen, ihren Folgen und
den Möglichkeiten zur humanökologischen Korrektur am
alles bündelnden Vordenker der Problemanzeige, an Albert
Schweitzer und seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
nicht vorbei.

Die dritte These lautet:

Der Konflikt zwischen Mensch und Natur, zwischen


Geschöpf und Schöpfung muß wieder symmetrisch, also
partnerschaftlich betrachtet werden.

Friedhelm Blüthner

91
Wanderungen
durch die
Arberger Marsch

Photo: W. Lohße
(Bürgerinitiative zur
Erhaltung der
Wesermarsch im
Bremer Osten)

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Resolution der Einwohnerversammlung am 25. April 2001
in der Arberger Kirche: Rettet die Marsch!

Unsere Wesermarsch soll insgesamt von Hemelingen über


Arbergen und Mahndorf entlang der Autobahn bis an die Landesgrenze
zu einem riesigen, zusammenhängenden Gewerbegebiet erschlossen
werden. Die Hemelinger Marsch wurde bereits durch Gewerbe-
ansiedlung zerstört. Jetzt soll sofort mit dem Bau einer Trainingsbahn
für Rennpferde in der Arberger und Mahndorfer Marsch begonnen wer-
den. Der Landschaftsschutz für die rund 50 Hektar große Anlage wurde
bereits aufgehoben. Die Bürgerinnen und Bürger haben genug vom
ohnehin schon bestehenden Auto-, Flug- und Eisenbahnverkehr, genug
vom immer stärker werdenden Gewerbe- und Berufsverkehr und dem
damit verbundenen Lärm, Dreck und Gestank. Der Verlust der Nah-
erholungsgebiete Arberger und Mahndorfer Marsch würde die Lebens-
und Wohnqualität noch weiter verschlechtern. Die Bürgerinnen und
Bürger der heutigen Einwohnerversammlung lehnen die heute vorge-
stellten Planungen ab und fordern die Politiker auf, die Anliegen der
Arberger und Mahndorfer Bevölkerung zu achten:

• Keine weitere Gewerbeansiedlung in der Marsch

• Keine Zerstörung des Naherholungsgebietes

• Keine Trainingsbahn für Rennpferde in der Marsch

• Sofortige Wiederherstellung des Landschaftsschutzes

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94
Layout/Gestaltung und Satz:
SatzStudio Trageser

Druck:
Plenge Druck
Friedhelm Blüthner

Arberger Vorträge zum Thema:

Friedhelm Blüthner · Arberger Vorträge zum Thema: Kirche und Ökologie


Kirche und Ökologie

Herausgeber:

der BREMISCHEN EVANGILISCHEN KIRCHE

Herbert Brückner
Hollerallee 75
28209 Bremen
Telefon 0421 / 346 15 13
Telefax 0421 / 346 15 14

in Kooperation mit:

Friedhelm Blüthner
Pastor der Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis in Arbergen
Arberger Heerstraße 73
28307 Bremen
Telefon 0421 / 48 00 48