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CDU und SPD so schwach wie nie, AfD legt jeweils

zweistellig zu
Veröffentlicht am 01.09.2019 | Lesedauer: 7 Minuten

Er konnte in Sachsen die meisten Wähler überzeugen: Ministerpräsident Michael Kretschmer


von der CDU. Unmittelbar nach der Wahl trat er vor seine Parteifreunde und ließ sich feiern,
offensichtlich erleichtert.

Die Alternative für Deutschland ist der große Gewinner der Landtagswahlen in Sachsen und
Brandenburg. In beiden ostdeutschen Bundesländern legte die AfD deutlich zu. Die
Regierungsparteien CDU und SPD mussten gleichzeitig erhebliche Verluste hinnehmen. Sie
sackten auf ein Allzeittief.

Sachsen: CDU so schwach wie nie, aber vor der AfD

In Sachsen ist die CDU ist nach Prognosen von ARD und ZDF trotz Stimmeinbußen als
stärkste Kraft aus der Landtagswahl hervorgegangen. Die Partei von Ministerpräsident
Michael Kretschmer kann demnach ihre Spitzenposition behaupten. Die AfD löst die Linke
klar als zweitstärkste Kraft ab. Die bislang mitregierende SPD fällt auf ein Rekordtief in
Sachsen und erzielt das schlechteste Landtagswahlergebnis in ihrer Geschichte bundesweit.
Dagegen legen die Grünen im Freistaat deutlich zu und haben Chancen auf eine erstmalige
Regierungsbeteiligung. Die FDP muss um den Einzug in den Landtag bangen. Wer künftig
Sachsen regiert, bleibt zunächst offen. Für eine Neuauflage der CDU/SPD-Koalition reicht es
nicht mehr.

Stimmenverteilung – Sachsen

Nach den Hochrechnungen von ARD (19.15 Uhr) und ZDF (19.28 Uhr) fällt die SPD in
ihrem ostdeutschen Stammland auf 26,4 bis 26,5 Prozent (2014: 31,9 Prozent), bleibt aber
stärkste Fraktion im Landtag. Die AfD schießt auf 23,8 bis 24,4 Prozent (2014: 12,2) empor.
Die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Ingo Senftleben rutscht mit 15,5 Prozent (23,0) weit
hinter die AfD, so wie bereits bei der Europawahl im Mai.

Koalitionsrechner – Sachsen

Da Kretschmer eine Koalition mit AfD und Linken ausgeschlossen hatte, reicht es in Sachsen
nicht mehr für eine Zweier-Koalition. Rechnerisch möglich wäre ein Bündnis von CDU, SPD
und Grünen, wegen der Parteifarben auch „Kenia“-Koalition genannt. Die Grünen würden so
erstmals in Sachsen in Regierungsverantwortung kommen. In Sachsen-Anhalt regiert seit
2016 ein solches Bündnis aus CDU, SPD und Grünen. Einer Minderheitsregierung unter
seiner Führung hatte Kretschmer bereits eine Absage erteilt.

Im Wahlkampf in Sachsen wurde vor allem über den Kohleausstieg und dessen Folgen
gestritten, aber auch die Entwicklung des ländlichen Raumes, die Bildung, eine bessere
Verkehrsinfrastruktur, mehr Polizei vor Ort und die Migration waren wichtige Themen.

Gewinne und Verluste – Sachsen


Für die sächsische CDU, die seit 1990 stets stärkste Partei war und den Ministerpräsidenten
stellte, ist es das mit Abstand schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl. Bereits die 39,4
Prozent von 2014 bedeuteten einen Tiefstwert. Von 1990 bis 2004 konnte die CDU noch
allein regieren, bis 2002 mit Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und dann mit Georg
Milbradt. Sachsen ist das einzige Bundesland, das seit der deutschen Wiedervereinigung
durchgehend von der CDU geführt wurde. Kretschmer war erstmals Spitzenkandidat. Das
Amt des Ministerpräsidenten hatte er 2017 von Stanislaw Tillich übernommen, der nach dem
desaströsen Abschneiden der sächsischen CDU bei der Bundestagswahl seinen Rücktritt

verkündet hatte.

Dennoch dürfte die CDU erleichtert sein, dass sie in Sachsen anders als bei der Europawahl
2019 und der Bundestagswahl 2017 die AfD wieder hinter sich lassen und ihre Stimmanteile
gegenüber den vergangenen Abstimmungen verbessern konnte. Im Juni hatten CDU und AfD
bei Umfragen noch gleichauf gelegen. Auch die Abgrenzung Kretschmers vom früheren
Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen hat dem Ministerpräsidenten offenbar
nicht geschadet. Für die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer dürfte das
Wahlergebnis in Sachsen eine stabilisierende Wirkung haben.

Die AfD erzielte laut Prognosen ihr bestes Landtagswahlergebnis überhaupt. Die Grünen in

Sachsen erzielen ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl im Freistaat.

Unklar blieb zunächst, ob das Ergebnis Auswirkungen auf die der AfD auferlegte
Beschränkung der AfD-Listenplätze hat. Der sächsische Verfassungsgerichtshof hatte wegen
Formfehlern entschieden, dass die Partei nur mit 30 Listenkandidaten antreten darf.
Ursprünglich umfasste die Landesliste 61 Plätze. Die AfD kann somit nur 30 Bewerber über
die Landesliste in den Landtag entsenden. Alle bis auf einen von ihnen bewerben sich auch
um ein Direktmandat.

Für die SPD von Spitzenkandidat und Landeswirtschaftsminister Martin Dulig zeichnet sich
eine historische Schlappe ab. Die Partei erzielt das schlechteste Landtagswahlergebnis in
ihrer Geschichte bundesweit. Ihren bisherigen Tiefstwert verzeichnete sie in Bayern 2018 mit
9,7 Prozent, im Freistaat hatten die Sozialdemokraten 2004 mit 9,8 ihren bislang
schlechtesten Wert eingefahren. Dennoch konnten sie sich damals bis 2009 in ein Bündnis
mit der CDU retten, seit 2014 gab es wieder eine Koalition aus CDU und SPD.

Für die sächsische Linke mit Spitzenkandidat Rico Gebhardt deutet sich das schlechteste
Ergebnis seit 1990 an. Die FDP verpasst womöglich erneut den Einzug in den Landtag. 2014
waren die Liberalen mit 3,8 Prozent aus dem Landesparlament geflogen, nachdem sie fünf
Jahre lang eine Koalition mit der CDU gebildet hatten.

Brandenburg: SPD auf der Suche nach Koalitionspartnern

Die SPD erlitt bei der Landtagswahl in Brandenburg deutliche Verluste, behauptete sich aber
knapp vor der AfD als Nummer eins – ob es für ihren Machterhalt reicht, ist am
Sonntagabend trotzdem zunächst unsicher. Die seit der Wiedervereinigung und zuletzt mit
den Linken regierende Partei von Ministerpräsident Dietmar Woidke stürzt nach den
Prognosen auf ihr schwächstes Ergebnis im Land und bräuchte in jedem Fall einen dritten
Regierungspartner, wenn nicht sogar einen vierten.

Infrage kommen die Grünen, die nicht nur ihr bestes Ergebnis in Brandenburg, sondern
überhaupt in einem ostdeutschen Flächenland einfahren. Zweiter großer Gewinner ist die
AfD mit ihrem radikal rechten Spitzenkandidaten Andras Kalbitz, die aber trotz zweistelligen
Zuwachses den angestrebten Triumph verfehlt, erstmals bei einer Landtagswahl stärkste
Kraft zu werden. Die in Brandenburg von je her schwächelnde CDU fällt auf ihr
schlechtestes Landesergebnis und rangiert nun hinter der AfD auf Platz drei.

Stimmenverteilung – Brandenburg

Die SPD kam nach einer Hochrechnung der ARD auf 26,5 Prozent der Zweitstimmen.
Dahinter landete die AfD mit 23,8 Prozent. Die CDU erreichte 15,5 Prozent, die Linke erhielt
10,4 Prozent der Stimmen, die Grünen erreichten 10,2 Prozent. Die Freien Wähler erzielten
5,1 Prozent, die FDP kam auf 4,5 Prozent und würde damit nicht in den Landtag kommen.
Nach einer Hochrechnung der ZDF wurde die SPD bei 26,6 Prozent stärkste Kraft. Dahinter
landete mit massiven Zugewinnen die AfD mit 24,5 Prozent. Die CDU kam auf 15,4 Prozent,
die Linke auf 10,4 Prozent, die Grünen erreichten 9,5 Prozent. Die Freien Wähler erzielten
5,0 Prozent, die FDP kam auf 4,4 Prozent und wäre danach nicht im Landtag.

Sitzverteilung – Brandenburg

Die Grünen profitieren weniger vom Thema Klimaschutz als erwartet, kommen aber
trotzdem auf ihren Brandenburger Rekordwert von 10,0 Prozent (6,2). Die bisher
mitregierenden Linken büßen stark ein und rutschen mit 10,5 bis 11,0 Prozent (18,6) auf ihr
historisches Landestief. Eine Regierung ohne Grüne und Linke ist damit faktisch in
Brandenburg nicht möglich. Die FDP musste am Sonntagabend mit 4,5 bis 4,8 Prozent (1,5)
um die Rückkehr ins Parlament im wiederaufgebauten Potsdamer Stadtschloss bangen. Die
Freien Wähler kamen auf 5 Prozent und hatten damit bessere Chancen auf einen Einzug ins
Parlament; sie ziehen aber auch dann entsprechend ihres Ergebnisses in den Landtag ein,
wenn sie wie 2014 wieder ein Direktmandat errungen haben.

Gewinne und Verluste – Brandenburg


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Damit bleibt der von vielen gefürchtete große Knall eines erstmaligen AfD-Wahlsiegs aus.
Der im Bund kriselnden SPD würde ein Machterhalt im einzigen stets sozialdemokratisch
regierten Flächenland Ostdeutschlands eine Atempause verschaffen. Das dürfte dann auch die
wackelige große Koalition im Bund vorerst stabilisieren. Für Ministerpräsident Woidke bietet
sich eine Koalition mit seinem bisherigen Partner Linkspartei sowie den Grünen an.
Gegebenenfalls müsste er aber versuchen, die CDU noch mit ins Boot zu holen – ein politisch
heikles und noch nie erprobtes Modell.

Brandenburg-Wahl: Alle Ergebnisse und Grafiken im Überblick

Die AfD hat mangels Partnern keine Regierungsoption, stand aber im Mittelpunkt des stark
polarisierenden Wahlkampfs. Angesichts einer verbreiteten Unzufriedenheit vieler
Ostdeutscher und eines erwarteten weiteren AfD-Aufschwungs betonten die anderen Parteien
den Charakter der Abstimmung als schwerwiegende Entscheidung über die Zukunft des
Landes. Besonders die Vergangenheit des AfD-Spitzenkandidaten und Landeschefs Kalbitz
in Neonazi-Kreisen stand im Fokus, zumal er mit Björn Höcke einer der Wortführer der AfD-
Grupperierung „Der Flügel“ ist, die der Verfassungsschutz als rechtsextremistischen
Verdachtsfall einstuft.

Gestritten wurde auch über die Notwendigkeit einer beitragsfreien Kita, den für die Lausitz
wichtigen Zeitpunkt des Braunkohleausstiegs und den Ausbau von Straßen- und
Bahnverbindungen sowie flächendeckendem Internet.