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„Geliebter Führer“

Briefe der Deutschen an Adolf Hitler


Theresa Ebeling / Maximilian
Heidrich / Kai Jakob / Janine Noack /
Steffi Kühnel / Alexander Schug (Hg.)

„Geliebter Führer“

Briefe der Deutschen


an Adolf Hitler
Inhalt
Einleitung 11
Die Akten des Bundesarchivs in Berlin 16
Editorische Notiz 19

„Lieber Onkel Adolf Hitler“ –


Kinder schreiben dem Führer 21

Ein Geburtstagsgruß 24
Kindergebet von „kleinen Nazis“ 24
Ein Geburtstagsgruß 27
Ein Geburtstagsgruß an „den Führer der N.S.D.A.P.“ 28
Gratulation mit Zeichnung 30
Adolf Hitler soll Pate werden 32
Ein Junge will ein „treuer Kamerad“ werden 33
Ein Mädchen vergöttert den „Führer“ 34
Zwei Jungen gratuliert Adolf Hitler zum Wahlerfolg 35
Keine Aufsätze mehr über „den Führer“ 36
Eine 14-Jährige gratuliert zum Geburtstag 36
Ein Mädchen berichtet von ihrem Besuch bei Hitler 39
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Gebet eines Mädchens für Adolf Hitler 40
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Pu- Kinder freuen sich auf die Hitlerjugend 41
blikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detail- Ein Mädchen schreibt aus Japan 42
lierte bibliografische Daten sind im Internet über Über eine Schulfeier in Wien 43
http://dnb.d-nb.de abrufbar. Ein Mädchen gratuliert und bittet„den Führer“ um Geld 44
Geburtstagsgrüße aus Chemnitz 46
ISBN: 978-3-940621-44-3 15-Jährige will Spionin werden 47
Ein Junge möchte in die Hitlerjugend 48
Redaktionelle Mitarbeit: Wolf-Rüdiger Knoll, Frank Petrasch
Geburtstagskarte mit Hakenkreuzzeichnung 48
Gratulation aus Leipzig 49
Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und
Layout: Stefan Berndt – www.fototypo.de
Bunstiftzeichnung 50
Ein Baby mit Hakenkreuzdecke 51
© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin /2011 Kindergedicht aus Belgrad 52
www.vergangenheitsverlag.de Ein Mädchen möchte zu Adolf Hitler reisen 53
Impressum

Post aus Kairo 54


Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszü- Ein Mädchen möchte Adolf Hitler heiraten 55
gen, der fotomechanischen und digitalen Wieder- Ein Mädchen berichtet vom Geländespiel 56
gabe und der Übersetzung, vorbehalten.
„Wir haben Adolf Hitler Alles zu verdanken“ – „Und wenn ich auch Mann + zwei Buben von 22 + 19 Jahren für dich
Dank, Gratulationen und Anliegen an den „Führer“ 58 opfern muß...“ –
Frauen schreiben an Hitler 106
„Der neubelebte Stamm der deutschen Eiche“ 60
Glückwünsche aus Athen 62 Zwei Gedichte zum Geburtstag 107
Ein „Hakenkreuzmädel“ gratuliert 63 Ein Brief an Adolf Hitlers Schwester 108
Parteimitglied gratuliert Adolf Hitler 64 Eine Frau beichtet ihre halbjüdische Herkunft 110
Eine Frau hofft auf bessere Zeiten 65 „Die größten Frauen der Welt“ 112
Gratulation eines Unterbezirksleiters 68 Grüße zum Jahreswechsel 114
Gratulation an den „Erretter“ 68 Einladung der „Nationalsozialistischen Frauenschaft“ 115
Dankeskarte mit Kinderbild 69 Treuebekundung für Adolf Hitler 116
Geburtstagsfeier zu Ehren des Reichskanzlers 70 Ein „Volks-Empfänger“ für Familie A. 117
Treueschwur in „Not und Tod“ 70 Eine Mutter berichtet über Ihre Kinder 118
Soldat begrüßt den „altdeutschen“ Weg Hitlers 72 Eine Frau über das Unglück des Zeppelins LZ „Hindenburg“ 119
Bitte um Zustimmung für eine Marschkomposition 73 Deutschland betet für Adolf Hitler 120
Bitte an Hitler eine Dogge als Geschenk anzunehmen 74 Zu allen Opfern bereit 121
Ein Brief mit Blumen 76 Brief einer „nationalstolzen deutschen Frau“ 123
Ein Hund „beglückwünscht“ Adolf Hitler 76 Glücksgefühle nach der „Befreiung“ des Sudetenlandes 124
Weihnachtsgrüße 78 Eine „übergroße Liebe“ für Hitler 126
Zum Preisausschreiben der Braunschweiger Tageszeitung 79 Sprachunterricht für „den Führer“ 128
„So verdanke ich Adolf Hitler alles was ich heute bin“ 80 Bitte um Audienz „beim Führer“ 129
„Arbeitslosen-Armee beseitigt“ 83 Danksagung einer Mutter 129
„Dank aus tiefstem Herzen“ 83 Ein Kind für „den Führer“ 130
„In Arbeit und Brot gekommen“ 84 „Blumen der Freude und des Friedens“ 131
„Wo in der Welt hat man ähnliche Taten vollbracht?“ 85 Neujahrsglückwünsche 132
„Manchmal will einen die Freude schier übermannen“ 87 Lebenslauf einer Nationalsozialistin 133
Ehemaliger Kommunisten verehrt „den Führer“ 90 Grüße einer NS-Frauengruppe 134
Telegramm zur Geburt eines „Hitlerjungen“ 91
Adolf Hitler ist ein „Bruder Gottes“ 92 „Du bist der Urquell aller Quellen“ –
„Der Führer“ muss nicht danken 93 Ein Volk dichtet seinem Führer 136
Dankesschreiben für Kaffee 94
Das Bild Adolf Hitlers als Geburtstagsgeschenk 95 „Ehre und Blut“ 137
Eine Familie gratuliert 96 Das neue „Deutsche Reich“ 138
Die „Sonne“ geht auf 96 „Dreimal Heil“ 139
Dem Führer Deutschlands“ 98 Ein Geburtstagsgedicht 139
Glückwünsche von Frontsoldaten 100 „Neu-Deutschland“ 141

Inhalt
Über die „unglaubliche Selbstzucht“ Adolf Hitlers 102 Ein Weihnachtsgedicht von 1934 144
Ein Spielmannszug gratuliert 104 Gedicht über die „arische Rasse“ 146
Treubekundung eines Mädchens 148 Alt-katholische Kirche betet für Adolf Hitler 194
Ein Mädchen dichtet für Adolf Hitler 149 Gebet für Adolf Hitler in Liedform 195
Mit Jubel ein tausendfaches Ja. 150 Lokale Kirchenvereine sprechen Adolf Hitler das Vertrauen aus 197
Ein Gedicht an „Onkel Hitler“ 151
„Will doch bei Onkel Hitler bleiben.“ 152 “So do please do all in your power to avert another war with all its
Österreichs „Anschluss“ an das „Deutsche Reich“ 153 horrors” –
Lobpreisung für Adolf Hitler 155 Stimmen aus dem Ausland 198
Hitler und die nordischen Götter 156
Neujahrsglückwünsche der Salzwirter Brüderschaft 158 Deutsch-englische Freundschaft 199
Adolf Hitler als „neuer Messias“ 160 Ein bulgarisches Kind über ihren Besuch in Deutschland 200
Adolf Hitler, „Baumeister einer neuen Zeit“ 161 „Es lebe Hitler! Es lebe der Duce!“ 201
Gedicht über den Russland-Feldzug 162 „Hitlergruß“ in Japan 203
„Heil der deutschen Sache!“ 163 Begeisterung aus dem Nahen Osten 204
Ganz nah bei Adolf Hitler 165 Panzerschiffe nach Stockholm 204
Gedicht über „bessere Zeiten“ 166 Ein englischer Bewunderer 205
Adolf Hitler, der „Retter von Deutschland“ 167 Ein Amerikaner auf Souvenirjagd 205
„Gemeinschaftsgeist und Opfersinn“ 170 Zuspruch aus den USA 206
Sehnsucht nach Frieden 206
„Ja, was die ganze Welt nicht glaubt: Was Hitler sprach, das tat er“ – „Echter“ Schwede ist begeistert von Adolf Hitlers Rede in Nürnberg 208
politische Briefe an Adolf Hitler 171 Kriegsveteran hofft auf Frieden 208
Warnende Worte einer Elsässerin 209
Zweifel an Adolf Hitler 172 Adolf Hitler als Friedensstifter 212
Englische Frau weist auf „Misstände“ hin 173 Friedensappell an Adolf Hitler 213
Drohung gegen Adolf Hitler 176 Die „Rassengleichheit“ Deutschlands und Englands 214
„Metamorphose“ eines ehemaligen Kommunisten 177 Dank eines schwedischen Grafen 215
Sinneswandel eines ehemaligen SPD-Mitglieds 178 Aufruf, Kriegsvorbereitungen einzustellen 216
„Wehrhaftmachung“ als Garant für Frieden 179 „Erwünschte Neuordnung Europas“ 216
Sinneswandel eines ehemaligen KPD-Mitglieds 181 „Do Not Stop“ 217
Planung eines Mordanschlags auf Adolf Hitler 183 Vorschlag eines amerikanischen Geistlichen 218
Feindbild „Marxismus“ 185
Anmerkungen 219
„Das neue deutsche Reich der Größe und Ehre und der Kraft und
der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit. Amen!“ –
Hitler und die Kirche 188

Erinnerung an den 1.Mai als kirchlichen Feiertag 189


Protest einer evangelischen Gemeinde 191
Adolf Hitler „erfüllt den Willen Gottes“ 191

Inhalt
Loyalitätsversprechen an Hitler 192
Katholisches Glückwunschschreiben 194
Einleitung

Wer war Hitler? Es gibt zahllose Versuche, diesen Mann


zu portraitieren und zu ergründen. Ob Hitler „gefasst“
wurde, verstanden, erklärbar gemacht werden konnte,
war und ist Gegenstand vieler Diskussionen. Einige
Bücher haben grundlegend unser Bild von Hitler beein-
flusst, so Joachim Fests Hitlerbiografie oder die Studien
von Ian Kershaw.1 Wesentlich wirkungsmächtiger wer-
den aber wohl die Bilder Hitlers gewesen sein, die in
den letzten Jahrzehnten die Massenmedien produziert
haben, teils in aufklärerischer Manier, teils sicherlich
auch, weil Hitler Quote bringt.2 Die Dämonisierung
Hitlers war dabei eines der beliebtesten Stilmittel,
übrigens auch in der Wissenschaft. Die Potenzialität
des Monströsen hat jedoch seine Schattenseiten als
Erklärung, wie ein Mann wie Hitler Macht ausüben

11
konnte: Diese Perspektive entlastet zu sehr diejenigen, Problematisch an Hitler in der Popkultur ist, dass
die das System Hitler konstituiert haben, von denen eine ganze Epoche, ein ganzes komplexes System nur
man fälschlicherweise behauptet, sie hätten erst „befreit“ noch über einzelne Images, ikonografische Details wie
werden müssen. Schon allein in dem Bild der Befreiung Scheitel, Hitlerbärtchen oder Hakenkreuze kenntlich
vom Bösen steckt eine Problematik, ähnlich wie die der gemacht werden und oberflächlich schon als Code der
Trivialisierung Hitlers in der Popkultur. Trivialisierung Verständigung von Gruppen, die diese Zeichen nutzen,
entsteht durch massenmediale Abnutzung und zu oft die diese Zeichen ablehnen oder die diese Zeichen ka-
provozierte Tabubrüchen. Trivialisierend können aber rikierend verwenden etc. dienen. Es kommt zu Verkür-
auch die Darstellungen wirken, die Hitler parodierend zungen in der Darstellung – zwangsläufig, am Ende
verarbeiten und lächerlich machen, um – wie es dann so bleibt dann tatsächlich nur noch Hitler als Witzfigur
oft als Erklärung heißt – sich über das Phänomen Hitler übrig, weil man eine komplexere Beschreibung seiner
stellen zu können, sich zu erheben und den eigenen Haltung nicht geben kann.
moralischen Standpunkt deutlich zu machen. Hitler- In der demokratischen Kultur Deutschlands ist man
parodien sind ein eigenes Genre geworden mit Beiträ- zu einem überwältigenden Teil „gegen Nazis“. Die An-
gen wie „Adolf, die Nazi-Sau“, „Schtonk“ oder „Mein tifa-Kultur ist da nur ein Beispiel, die Grundhaltung,
Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf gegen rechts zu sein und sich über die Ablehnung des
Hitler“. Das Genre hat es sogar schon zu einem eigenen historischen „Dritten Reichs“ sogar zu definieren, ist
Beitrag in der Web-Encyclopädie Wikipedia gebracht. immerhin auch in der Breite zur Maxime, und oftmals
Und immer, wenn man zum Beispiel auch in der selbstverständliches und nicht mehr durchdachtes Ri-
Kunst noch ein Quentchen Böses braucht, bedient man tual geworden. Aber irgendwie verblasst dieser Hitler
sich gerne des vermeintlichen Prototypen des Bösen trotzdem als historische Realität. Natürlich verblasst er
sowie der Requisiten seines Reiches. Dieses vielleicht auch, weil die Jahrzehnte eine andere Geschichtsfüh-
sogar politisch und aufklärerisch gemeinte sich Abar- ligkeit mit sich gebracht haben. Aber es könnte und
beiten an der Geschichte und Herr werden über sie mag sollte heute und in Zukunft, selbst wenn die Betrof-
gut gemeint sein. Comiczeichner oder Künstler mögen fenheit, Schuld, das schlechte Gewissen der Miterle-
sogar kritisch an ihre „Geschichte“ herangegangen sein benden über die Generationen verloren geht, die Zeit
und eine klare demokratische Haltung haben, was alles des Nationalsozialismus immer als Fanal gelten. Das
durchaus lobenswert ist.3 Die Popkultur ist schließlich klingt oberlehrerhaft, aber es hat einen wahren Kern.

Einleitung
nicht per se ohne Haltung. Aber ist es nicht so, dass Aus der NS-Zeit können auch in Zukunft Lehren ge-
uns Hitler heute wieder zunehmend entgleitet, eh wir zogen werden, zumindest theoretisch wird die Zeit des
ihn gefasst hatten? NS und der Aufstieg Adolf Hitlers für uns heute und in

12 13
Zukunft vor Augen halten, wie wichtig es ist, Macht zu „Lieber Onkel Adolf“, „Sehr verehrter Herr Reichs-
kontrollieren und wachsam wie politisch aktiv zu sein. kanzler“, „Geliebter Führer“ – so oder ähnlich begannen
Das ist keine Selbstverständlichkeit, auch wenn sich viele Briefe, die bis 1945 zu Tausenden in der Kanz-
viele das nicht mehr vorstellen können. Sich Hitler an lei des Führers oder auf dem Obersalzberg bei Hitlers
den Hals geworfen, ihn religiös überhöht als „Heiland“ Schwester Angela Raubal eingingen. Sie stammen aus
vergöttert zu haben, scheint den Jüngeren sogar gera- Deutschland, Österreich, aber auch aus England oder
dezu absurd. Sich das Verhalten der Deutschen jedoch Japan. So vielfältig wie die Begrüßungen waren die An-
vor 70 Jahren noch einmal genau vor Augen zu halten, liegen der Schreiber: flehende Bittbriefe, Glückwünsche
ist nach wie vor erhellend und aufrüttelnd. Es gehört zum Jahreswechsel oder zum Geburtstag, ideologische
zu einer aufgeklärten Kultur ohne Geschichtsvergessen- Fragen oder scharfe Proteste. Aus allen Teilen der Be-
heit, sich auch immer wieder damit zu konfrontieren, völkerung schrieben die Menschen an ihren „Führer“,
wie der Nationalsozialismus möglich geworden ist und vom Professor bis zum Arbeitslosen, von der Nonne
wieso die meisten Deutschen sich Hitler so auslieferten, bis zum SA-Mann. Die Popularitätskurve Hitlers las
ihn kritiklos hochstilisierten, keinerlei Distanz wahrten. sich schließlich auch in der Zahl der an ihn gerichteten
Vielfach ist genau das in der Literatur mit Hitlers be- Briefe ab. Während zu Beginn seines Aufstiegs Vereh-
sonderem Charisma erklärt worden. Mit Hitlers Cha- rungsbriefe noch rar gesät waren, häufte sich spätestens
risma zu argumentieren oder die ausgeklügelte Inszenie- seit seinem Machtantritt 1933 die oft gottgleiche Huldi-
rung dieses Charismas zu betonen, führt jedoch immer gung seiner Person. Während des Krieges schwand das
wieder nur zu dem gleichen falschen Punkt: dass die Vertrauen in den „Führer“ und damit auch das Briefvo-
Deutschen damals keine so große Schuld treffen konnte, lumen. Für Hitler selbst war die Bevölkerungspost oft
weil entweder eine sozusagen göttliche Autorität oder ein wichtiges Stimmungsbarometer – und auch wenn er
kaum fassbare Vermarktungsstrategien am Werk wa- nicht mal annährend alle Briefe las, wurde er von den
ren, die die Deutschen verführten und Hitler in seine Leitern der Kanzleien regelmäßig mit ausgewählten
Position brachten. Auszügen versorgt.
Aber die Wahrheit ist auch, dass Hitler und der Nach dem Ende des Krieges 1945 bedienten sich die
Führerkult den Massen nicht nur aufgezwungen wur- Alliierten aus den Archiven der schwer beschädigten
de, sondern von ihnen miterschaffen worden ist.4 Hit- Reichskanzlei, die sich zu dieser Zeit im russischen
ler bot eine große Projektionsfläche für alle möglichen Sektor befand. Sie hofften, Beweismaterial zu sichern.

Einleitung
Sehnsüchte der Deutschen, wie sie deutlich in diesem Nichts anfangen konnte man jedoch mit der Bevölke-
Buch hervortreten. Hitler ist damit ebenso ein Produkt rungspost aus der Privatkanzlei Hitlers, denn mit ihr
der Fantasien der Deutschen gewesen. ließ sich nicht Schuld oder Unschuld überlebender Mit-

14 15
täter nachweisen. Oft wurden diese Briefe in Archiven sich oder ihren Kindern beigelegt. Einige Schreiben
abgelegt und vergessen. So entdeckte der Journalist und sind mit Maschine geschrieben, der Großteil jedoch in
Historiker Henrik Eberle vor einigen Jahren in einem Sütterlin verfasst. Nur einige wenige Briefe sind vergilbt
Moskauer Archiv vergessene Post an den Reichskanzler oder gerissen. Ein Großteil der Post ist gut erhalten,
Adolf Hitler, die er in mehreren Wochen systematisch ordentlich durchnummeriert, abgestempelt und zum
auswertete und in Buchform veröffentlichte.5 Diese wie- Teil mit einem rosa Durchschlag der Antwortschreiben
derentdeckten Briefe waren mit anderen interessant versehen.
erscheinenden Akten von der Roten Armee nach Mos- Die nachfolgenden Briefe bilden nur einen kleinen
kau gebracht worden. Auch in den USA interessierte Teil der Bestände des Bundesarchivs ab und stammen
man sich für das Schriftgut aus der Reichskanzlei: Ein hauptsächlich aus der Zeit vor Kriegsbeginn – darun-
amerikanischer Soldat, der aus Interesse in die zerstör- ter befinden sich Gedichte, Verehrungsschreiben oder
te Reichskanzlei eingestiegen war, sammelte mehrere Glückwünsche. Damit bietet die vorliegende Sammlung
tausend Briefe und schickte sie in sein Heimatland. 50 immerhin einen authentischen, direkten Einblick in das
Jahre später veröffentlichte William C. Emker zusam- Denken und Fühlen der vom Nationalsozialismus „Ver-
men mit dem deutschen Historiker Helmut Ulshöfer führten“, der Mitläufer und vielleicht auch Mittäter. So
eine Auswahl von Liebesbriefen an Hitler.6 sahen einige Hitler praktisch als Familienmitglied, als
Onkel, der ihnen Gutes tut. Andere personifizierten ihn
Die Akten des Bundesarchivs in Berlin als den „Erlöser“ benutzten religiös geprägte Formulie-
rungen. Die Briefe bilden einen starken Kontrast zu den
Um Briefe an Hitler aus der deutschen Bevölkerung der Schrecken, die die Diktatur und der Zweite Weltkrieg
1930er und -40er Jahre lesen zu wollen, muss man nicht nur einige Zeit später auf der ganzen Welt anrichten
bis Russland oder die USA fahren. Auch das Bundes- werden. Man entnimmt diesen Brief auch, dass deren
archiv in Berlin-Lichterfelde lagert kiloweise Post an Verfasser ungebremst an das Gute in Hitler und sei-
Hitler. Stapelweise Ordner und Hefter mit Hunderten ner vernichtenden Ideologie glaubten – gerade dieser
von Blättern bekommt man im Berliner Bundesarchiv Zwiespalt zwischen der Gedankenwelt der Menschen
nach Bestellung vorgelegt, sortiert sind sie allenfalls damals und dem, was wir heute wissen, kreiert eine
nach Jahr oder den jeweiligen Anfangsbuchstaben der Beklommenheit aus heutiger Sicht zwischen Ungläubig-
Verfasser. „Glückwunschschreiben aus dem Jahr 1937“ keit und Angewidertsein angesichts so hemmungsloser

Einleitung
heißt es dann allgemein in den Findbüchern des Ar- Hingabe. Die Briefe sind somit eine Quelle darüber,
chivs. Diese Glückwünsche sind mit Zeichnungen oder dass viele Deutsche jegliche kritische Distanz in den
Gedichten versehen, viele Menschen haben Fotos von 1930er/40er Jahren verloren haben und sich in der ver-

16 17
meintlichen Größe ihres „Führers“ selbst spiegelten. Die Editorische Notiz
Briefe offenbaren, mit welch großer Begeisterung und
Leidenschaft die Deutschen ihre Linientreue beteuer- Im Folgenden lesen Sie eine Auswahl aus den Bestän-
ten und Teil des Systems sein wollten. Die Schreiben den des Bundesarchivs. Sie entstammen dem Hauptar-
sind geradezu intime Zeugnisse, in denen Anpassung chiv der NSDAP sowie der Privatkanzlei Adolf Hitlers
und Hingabe sogar (homo)erotische Züge tragen. Die (Kanzlei des Führers). Die gesammelten Briefe sind ver-
Verfasserinnen und Verfasser wollten nah bei Hitler schiedenen Themenkomplexen zugeordnet: Kinderpost;
sein, ihn heiraten, Kinder haben, für ihn sterben. Die Geburtstagsglückwünsche, Anliegen und Dankesschrei-
Anliegen, die in den Briefen zu Tage treten, erscheinen ben; Briefe ausschließlich weiblicher Autoren; Gedichte;
heute absurd. Aber die Absurdität dieser besonderen Briefe mit politischem Hintergrund; Briefe mit Bezug
Literatur hat einen heilenden und abschreckenden Ef- zur Kirche sowie Post von Personen aus dem Ausland.
fekt für heutige Leser. Genau deshalb haben wir dieses Jeder Quelle sind einleitende Informationen voran-
Buch gemacht. gestellt. Diese bestehen aus einem einführenden Satz,
Diese Quellenedition wird nicht unser Hitlerbild er- der die Quelle beschreibt und zusammenfasst. Dar-
neuern, vielmehr bietet es die Gelegenheit, sich anhand über lässt sich ablesen, ob es sich bei der Quelle um
der hier versammelten Primärquellen in das komplexe einen Brief, ein Karte, ein Telegramm, eine Fotografie,
Verhältnis der Deutschen zu Hitler hineinzudenken und etc. handelt und ob die Quelle im Original maschinen-
eigene Rückschlüsse zu ziehen, die jenseits der popkul- oder handgeschrieben wurde. Nicht immer wurden alle
turellen Verkürzungen stehen. im Original beiliegende Fotografien dabei in das Buch
übernommen. Soweit möglich, sind das Datum, der
anonymisierte Autor und der Ort, an dem die Briefe
geschrieben wurden, angegeben. Abschießend wird je-
weils die Quellensignatur des Bundesarchivs angegeben
– wer will, könnte somit jeder Quelle nachspüren und
sie über die Signaturen im Bundesarchiv ausgraben.
Um die Authentizität zu wahren, wurden die Brie-
fe und Abschriften originalgetreu übernommen. Dies
beinhaltet auch Tippfehler, orthografische Mängel so-

Einleitung
wie Unterstreichungen. Infolge der Anonymisierung
erfolgten lediglich Änderungen bei den Absendern der
Briefe. Für eine bessere Lesbarkeit wurden teilweise die

18 19
Formatierungen der Quellen abgeändert. Unleserliche
oder vermutete Buchstaben bzw. Wortlaute wurden mit „Lieber Onkel Adolf
Auslassungszeichen in eckigen Klammern gekennzeich- Hitler“ –
net. Gleiches gilt für Vermerke der Herausgeber.
Kinder schreiben dem
[.] Führer
ausgelassenes Wort

[..]
zwei ausgelassene Wörter

[...]
mehr als drei ausgelassene Wörter

[A]
Buchstabe nicht lesbar
(vermuteter Buchstabe in Klammern) Die nationalsozialistische Gesellschaft war gleich-
geschaltet. Der Anspruch auf die Beeinflussung der
Deutschen war total – bereits bei Kindern begann
die Indoktrination. Von klein auf sollten sie Teil der
„Volksgemeinschaft“ sein mit dem Ziel, „gute Deutsche“
zu werden. Die Gleichschaltung des gesellschaftlichen
Lebens betraf auch die Jugendorganisationen. Mit Hit-
lerjugend und Bund Deutscher Mädel wurde früh in die
Erziehung eingegriffen. Mitgliedschaften darin waren
verbindlich, andere Jugendorganisationen waren zuvor
aufgelöst worden. Man konnte sich schwer entziehen.
Die NS-Ideologie war damit Teil jugendlicher Lebens-
welten. Bis ins Kinderzimmer zogen die Botschaften
und Embleme des Nationalsozialismus ein, oftmals in
Form heute skurril anmutenden Spielzeugs.

20 21
Die Indoktrination wirkte. Viele der an Adolf Hitler
gerichteten Briefe wurden von Kindern und Jugendli-
chen geschrieben. Die Briefe zeigen, wie präsent Hitler
als Figur bei vielen Kindern war. Er war Vorbild und
Heldenfigur. „Onkel Hitler“, wie ihn viele Kinder anre-
deten, war vielleicht mehr als das. Er wurde zum nahen
Vertrauten, dem man gefallen mochte, den man lieb
haben, dienen wollte, der als Teil de Familie gewünscht
wurde und dem viele Kinder nur das Beste wünschten,
„[…] denn ich glaube ich habe dich gerad so gern wie
meine Eltern […]“, wie es in einem Brief steht.
An den Briefen wird auch sichtbar, wie sehr einige
Eltern ihre eigenen Kinder nutzten, um die Folgsamkeit
der gesamten Familie, das Bild einer Idealfamilie und
die volle Hingabe zu demonstrieren. Dass die Kinder
zu diesen Zwecken oftmals nur missbraucht worden
sind und die Briefe wohl eher von den Eltern initiiert
und sogar geschrieben worden sind, ist erkennbar an
Schreibstil, Schrift und Inhalt.

22 23
Ein Geburtstagsgruß
Karte mit Zeichnung, handgeschrieben, 18.04.1932
Renate H., BArch NS 26/2475

Lieber Führer Adolf Hitler.


Ich gratuliere Ihnen zum Geburtstage und wünsche Ih-
nen viel Glück. Wenn ich im Sommer nach München zu
meinem Onkel Heinrich Himmler fahre, möchte ich auch
Sie im braunen Hause besuchen.
Mit deutschem Gruß und Heil
Renate H.

Kindergebet von „kleinen Nazis“


Brief mit Motivaufkleber, handgeschrieben, 20.04.1932
Leonore und Erhard L., Hamburg, BArch NS 26/2475

Lieber, guter Herr Hitler!


Zu Ihrem Geburtstage senden wir Ihnen aus warmen
Kinderherzen unsere innigsten Wünsche. Als wir un-
seren Eltern sagten, dass es so schade ist, dass wir für Sie
garnichts tun können, weil wir erst 10 Jahre und 5 Jahre
alt sind, sagten unsere Eltern: „Ihr könnt aber jeden Tag
für Adolf Hitler beten!“ Und das wollen wir auch jeden
Abend tun. Unser Gebet soll so heißen:
„Begleite, Gott, mit deinem Segen
Adolf Hitler auf allen Wegen!
Gib ihm Kraft mit starker Hand
Bald frei zu machen das Vaterland!“

Mit Herzl. Heilgruß


Ihre getreuen kl. Nazis, Leonore und Erhard L., Hbg.

24
Ein Geburtstagsgruß
Karte mit Zeichnung, handgeschrieben, 20.04.1932
Klaus H., Chemnitz, BArch NS 26/2475

Mein lieber Freund Hitler!


Ich gratuliere Ihnen zum Geburtstag. Ich wohne in
Chemnitz. Ich bin 8. Jahre alt.
Klaus H.
20.IV.32.

„Lieber Onkel Adolf Hitler“


26 27
Ein Geburtstagsgruß an
„den Führer der N.S.D.A.P.“
Brief mit Zeichnungen, handgeschrieben , April 1932
Lili N., Berlin-Zehlendorf, BArch NS 26/2475

An den Führer der N.S.D.A.P Herrn Adolf Hitler.


Ich gratuliere Ihnen herzlichst zum Geburtstag und wün-
sche Ihnen ein gesundes und erfolgreiches neues Lebens-
jahr und am 24. den Sieg bei den Landtagswahlen.
Lili N. (14 Jahre alt)
Berlin-Zehlendorf
Heil Hitler!

Das Geheimnis der alten Schlange


28
Gratulation mit Zeichnung
Brief mit Zeichnung, handgeschrieben, vor 1933
Johannes D., Dresden-Blasewitz, BArch NS 26/2476

Sehr geehrter Herr Adolf Hitler, ich gratuliere ihnen recht


herzlich zu ihrem Geburtstag. Ich wünsche ihnen auch
recht viel Glück. Es ist schade daß S.A. und S.S. und die
Hitlerjugend, und das Jungvolk verboten ist. Aber es wird
bald wieder erlaubt sein. Es grüßt sie, Johannes D.,
ich wohne in
Dresden Blasewitz.

30
Adolf Hitler soll Pate werden versprochen hat, wenn Sie Pate würden, tun Sie es doch
Brief, maschinengeschriebene Abschrift, 14.10.1935 bitte bitte, sonst kriegen wir keins. Geben Sie mir bitte
Joachim F., Berlin-Charlottenburg, BArch NS 51/71 Antwort, damit ich weiß, ob wir ein Baby kriegen und
ich mich darauf freuen darf. Ich will auch mein ganzes
Mein lieber Führer ! Taschengeld für das Baby sparen, weil es doch viel Geld
kostet. Ich verspreche auch ein recht tüchtiger Hitlerjunge
Da ich weiß, daß Sie uns Kinder so lieb haben und Sie zu werden. Jetzt bin ich neun Jahre alt. Mit Liebe Ihr
noch viele Babys haben wollen, werden Sie sicher auch dankbarer
uns helfen. Ich habe nur Angst, daß Sie meinen Brief Joachim F.
nicht lesen werden, da Sie immer so viel zu tun haben. Meinem lieben Führer ein “Sieg Heil!“
Aber ich habe einen so großen Wunsch, den nur Sie er-
füllen können. Ein Junge will ein „treuer Kamerad“
Mein Schwesterchen und ich möchten noch so gerne ein werden
Babychen haben und dazu brauchen wir Sie so nötig. Brief, maschinengeschriebene Abschrift, 26.10.1935
Wenn Sie uns helfen daß wir eins bekommen, wird es Rolf S., Sorau, BArch NS 51/71
eine große Überraschung
für unsere Eltern sein. Die möchten ja auch gerne noch ein Lieber Führer!
kleines Kindel, dürfen aber nichts davon wissen, nur Sie Ich habe heute im Rundfunk die Trauerfeier gehört. Aber
allein und ich. Darum schreibe ich auch ganz heimlich. Du brauchst nicht traurig zu sein, weil Dein guter Ka-
Mutti hat vor langem einmal gesagt: “Ja, ihr bekommt merad gestorben ist. Ich will auch Dein guter Kamerad
eins, wenn wir das dritte Reich bekommen und nur wenn werden wenn ich groß bin,
Adolf Hitler Reichskanzler wird; der müsste dann Pate aber jetzt bin ich es auch schon und bald gehe ich in das
sein, dann sei sie sicher, daß Sie für das Kindel wie ein Jungvolk wie meine beiden großen Brüder. Dann wollen

„Lieber Onkel Adolf Hitler“


Schutzengel wären.“ Ich glaube, wir haben nur bis jetzt wir alle tapfere starke Jungens werden und wollen alle
noch keins gekriegt, weil meine Mutti nicht sicher ist, Deine treuen Kameraden sein. Darum sei nicht mehr
ob Sie es tun werden. Sie brauchen nichts für das Baby traurich.
zu bezahlen, denn mein Papa ist Augenarzt und meine Es grüßt Dich
Mutti kann ihm ja zu trinken geben. Mutti sagte neu- Dein Rolf S.
lich, ihr kriegt sicher noch ein Baby, aber jetzt wird der Heil Hitler!
Führer nur noch Pate bei armen Leuten oder wo schon
viele Kinder sind. Da Mutti uns doch aber nur ein Baby

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