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Gehirn und Geist 12/2014

Nr. 12/2014
Crystal Meth · Couvade-Syndrom · Sportsucht · Auge und Kamera · Sozialer Schmerz · Sinn des Lebens · Körpersprache

unsere
Körpersprache
Was sie wirklich verrät
€ 7, 90 / 15 , 40 sF r. / ge hir n-u nd- gei st.d e

sinn des lebens Schwangerschaft fotografie


Was macht unser Werdende Väter Wie Kameras das Sehen
Dasein wertvoll? (S. 20) leiden mit (S. 28) nachahmen (S. 52)
D5 75 2 5
SONDERHEFTE ZUR PSYCHOLOGIE

Intelligenztests für Kolkraben • Grammatik Alzheimer: Die Krankheit des Vergessens • Wurzeln
bei Meerkatzen? • Das Lachen der Ratten • der Demenz • HIV: Virusalarm im Gehirn •
Jagdmethode: Die Tricks der Fühlerschlange • Parkinson: Zittern in Zahlen • Multiple Sklerose:
Meerschweinchen als Sozialstrategen • € 8,90 Attacke aus der Immunabwehr • € 8,90

Irrt euch! Warum Illusionen sinnvoll sind • Bilder Computerspiele: Sucht nach virtueller Anerken-
im Kopf: Wie Metaphern beflügeln • Wahre nung • Messie-Syndrom: Warum manche Men-
Worte: Was Erklärungen sexy macht • Linguistik: schen nichts wegwerfen können • Medienopfer:
Gedacht wie gesprochen • € 8,90 Vorgeführt und bloßgestellt • € 8,90

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E dito r ia l

Autoren in
diesem Heft

Katja Gaschler
Redakteurin

Wahrheitssuche mit Hand und Fuß


Was die immer beliebter

S tundenlang verhört Special Agent Navarro


die Frau, ohne Ergebnis. Irgendwann fragt er
sie: »Kennen Sie Clyde?« Ihre Mimik verrät
Körpersprache bei Menschen rund um den Glo­
bus universell sei. Neuere Erkenntnisse belegen
jedoch eine starke kulturelle Prägung. Unisono
werdende Droge Crystal
Meth so gefährlich
macht, weiß der Psychia-
nichts, aber ihr Fuß beginnt heftig zu wippen. verkünden Forscher – und Experten wie Joe ter Leo Hermle (ab S. 16).

Für Navarro ein Zeichen, auf das er gewartet hat! ­Navarro – außerdem: Es gibt keine nonverbalen
Schließlich gibt die Frau zu, jener Clyde habe sie Signale, an denen sich eine Lüge zuverlässig er­
zum Diebstahl von Militärakten angestiftet … kennen lässt.
Klingt wie eine Szene aus einem Agententhril­ Nicht nur Geheimdienste interessieren sich
ler, ist aber wohl so passiert. Joe Navarro arbei­ dafür, ob einzelne Menschen Körpersprache prä­
tete tatsächlich 25 Jahre beim FBI. Heute schreibt ziser als andere deuten können. Auch in der
er Bücher über Körpersprache, hält Vorlesungen ­Medizin beschäftigt man sich mit individuellen
und berät Sicherheitsbehörden in den USA. Unterschieden. Harald C. Traue von der Universi­
Stimmt es also: Verraten Gesten, Mimik oder tät Ulm misst etwa, wie gut depressive Patienten
Der Biologe und Unter-
Körperhaltung unsere wahren Gedanken? Sol­ Emotionen aus der Mimik ablesen. Im Interview wasserfotograf Klaus
chen und vielen anderen Fragen rund um die mit »Gehirn und Geist« erklärt er, warum sie in Stiefel sowie der Psycho-
nonverbale Kommunikation gehen wir in unse­ Gesichtern so oft Ärger und Wut entdecken (ab loge Alexander Hol­
combe beschreiben, wie
rem Titelthema (ab S. 38) nach. Bei der Re­cherche S. 46). sich nach dem Vorbild
stellten wir fest: In kaum einem anderen For­ des menschlichen Seh-
schungsbereich trifft man auf so viele kontro­ Eine Lektüre in entspannter Körperhaltung sinns bessere Kameras
bauen lassen (ab S. 52).
verse Sichtweisen! wünscht Ihre
Dennoch zeichnet sich in einigen Punkten
­Einigkeit ab. Lange diskutierte man etwa, ob die

Jetzt online: Der neue Ratgeber »Schizophrenie«


Von Wahn und Halluzinationen handelt die aktuelle Ausgabe unserer digitalen
Ratgeber-Reihe. Unsere Autoren schildern Psychotherapie und S
­ elbsthilfe
aus der Perspektive von Experten ebenso wie von Betroffenen – d
­ arunter ein
Den Sinn des Lebens
elfjähriges Mädchen mit Wahnvorstellungen und eine Psychologin, die
nimmt der Philosoph
Stimmen hört.
Carsten Korfmacher in
Mehr dazu unter: www.spektrum.de/aktion/schizophrenie seinem Essay ab S. 20
genauer in Augenschein.

12_2014 3
i n halt

28 52 66

fotolia / Marco Santi Amantini

fotolia / Wolfgang Zwanzger

Neuffer-Design
Wir sind schwanger! Das Auge macht’s vor Sprachlicher Einschlag
So mancher werdende Vater zeigt ähn- Was können sich die Entwickler neuar- Hirnschädigungen verursachen bei
liche Symptome wie seine schwangere tiger Fotokameras am natürlichen manchen Menschen einen ausländisch
Partnerin. Vorbild des Sehapparats abgucken? klingenden Akzent.

psyc h o lo g i e h i r n fors c h u ng m ed izi n

H I NTE R DE N SC H L AGZEI L EN ˘ 52 Nach dem Vorbild 66 Ein merkwürdiger Akzent


16 Revival der der Natur Nach einem Schlaganfall oder
»Panzerschokolade« Selbst modernste Spiegelreflex­ anderen Hirnverletzungen
Crystal Meth galt lange als Rand­ kameras reichen an die Fähigkeiten kommt es mitunter zu einer son­
problem. Ist die Droge nun auf des menschlichen Sehsinns nicht derbaren Sprachstörung: Die
dem Weg in die Mitte der Gesell­ heran. Forscher tüfteln daher an Betroffenen sprechen plötzlich
schaft? GuG fragte den Psychiater neuen Techniken, die der Natur mit einem vermeintlich auslän­
Leo Hermle. nachempfunden sind. dischen Akzent.

˘ 20 Das große Ganze 60 Wenn die Seele weh tut 74 Voll im Training
Was ist der Sinn des Lebens? Und Seelische Verletzungen können Ob 24-Stunden-Lauf, Radmarathon
lässt sich das überhaupt objek- genauso schmerzhaft sein wie oder Ironman: Nicht alles, was auf
tiv beantworten? Der Versuch einer körperliches Leid. Laut neurowis­ den ersten Blick als übertriebener
Begriffsklärung. senschaftlichen Studien aktivie- Bewegungsdrang erscheint, ist des-
ren beide Empfindungen tatsäch­ halb gleich krankhaft. Wann wird
ANGE M ER KT! lich auch die gleichen Regionen aus Ehrgeiz und Trainings­eifer eine
26 Wir bestimmen im Gehirn. Sportsucht?
die Spielregeln
Psychopathen taugen nicht als
Vorbilder.

˘ 28 Männer in anderen
Umständen
Wie ihre schwangere Partnerin
leiden auch manche werdende
Väter unter körperlichen und
Gehirn und Geist – das Magazin für Psychologie
psychischen Beschwerden. Die und Hirn­forschung aus dem Verlag Spektrum
Ursachen sind umstritten. der Wissenschaft

˘ Das sind unsere Coverthemen.

4 Gehirn und Geist


titelth em a

Unsere Körpersprache

fotolia / Chanye
38 Was der Körper verrät I NTE RVI EW
Offenbaren Mimik, Gestik und Körperhaltung wirklich 46 Das Abc der Mimik
verborgene Gefühle und Gedanken? Neun wissen­ Der Psychologe Harald C. Traue von der Universität Ulm
schaftlich geprüfte Fakten über nonverbale Kommuni­ erforscht, warum Patienten mit Depressionen die
ka­tion. Gefühle anderer Menschen oft schlechter einschätzen.

Ru b r i ke n

3 Editorial 15 Hirschhausens 80 Bücher und mehr


6 Leserbriefe Hirnschmalz u. a. mit Henning Beck: Hirnrissig;
8 Geistesblitze Auf die Stirn Michael Tomasello: Eine Natur­
u. a. mit diesen Themen: geschrieben geschichte des menschlichen
> Neurone ohne Umwege 36 Gute Frage! Experten antworten Denkens; Stefan Ruzowitzky: Das
> Geistiger Abbau durch Sitzen Wie beeinflussen Medien- radikal Böse (Film)
> Hirnscans zeigen Bewusstsein berichte über Selbsttötungen 84 Kopfnuss
bei Komapatienten an die Suizidrate? 85 Impressum
11 Blickfang 50 Die GuG-Infografik 87 Tipps und Termine
Ästhetisches Frühwarnsystem Geschichte der Hirnforschung 90 Vorschau

12_2014 5
L eser b r i e f e

Eine Frage
der Interpretation
Gaukelt uns das Gehirn die Welt nur vor? Um
diese Frage dreht sich das Titelthema der
vorletzten Ausgabe (»Die große Illusion« und
»Wir suchen an der falschen Stelle«, Heft
10/2014, ab S. 38).
Detlef Schroedter, Hamburg: Die Frage, ob »un-
ser Bild der Welt nur das Produkt neuronaler Pro-
zesse« ist, scheint mir ungefähr so sinnvoll zu
sein, wie die Frage, ob unser Wille frei ist. Wenn
wir die solipsistische Möglichkeit mal außer
Acht lassen, dass es nur ein (mein) Bewusstsein
gibt, dann gibt es da eine Welt, in der wir leben,

Neuffer-Design
mit der wir leben und von der wir ein Teil sind.
Wir können nur dann miteinander erfolgreich
interagieren, wenn da »etwas« ist, das wir ge-
meinsam erleben. Zum Beispiel den Tisch, an Wolkenkuckucksheim
Sehen wir in der Welt nur das, was das Gehirn
Zuletzt den wir uns gemeinsam in einem Lokal setzen.
uns sehen lässt?
erschienen: Im Großen und Ganzen müssen wir diesen
ähnlich erleben, sonst könnten wir ihn nicht als
»Tisch« erleben und als solches behandeln. Oder müssen wir sie interpretieren können – sonst
korrekter: Unser Erlebnis des Tischs muss uns zu sind wir wie ein Stein, der der Gravitation ­folgend
ähnlichen Handlungsmöglichkeiten führen. Ob den Berg hinunterpoltert. Das ist keine Inter-
wir den Tisch tatsächlich ähnlich erleben, bleibt ak­tion. Dieser Interpretationszwang beschränkt
offen und ist vermutlich nicht aufklärbar. Mein sich auf die mir grundsätzlich möglichen Inter-
Gefühl der Tischkante mag völlig unterschied- aktionsoptionen. Bin ich ein Wesen mit ganz an-
lich von dem Gefühl sein, dass jemand anders deren Optionen, wird meine Weltinterpretation
GuG Nr. 11/2014
von einer Tischkante hat. Es führt aber in beiden anders ausfallen.
Fällen zu einem Erleben, das wir als Schmerz be- Interessant ist die Frage, wonach wir denn ei-
zeichnen, wenn wir dagegenlaufen. Wieder gilt: gentlich fragen, wenn wir nach »der großen Illu-
Ob das, was ich als Schmerz erlebe, ähnlich dem sion« fragen. Vermutlich gibt es verschiedene
ist, was jemand anderes als Schmerz erlebt, ist »Übersetzungen«, je nachdem, wer da fragt. Im
wohl nicht klärbar. Es führt nur zu ähnlichen Re- Wesentlichen glaube ich, dass es ein weiteres Ge-
aktionsoptionen, zum Beispiel Fluchen. wand der philosophischen Frage ist, was wir
Wir sind da also Teil einer Welt, die erst einmal denn überhaupt wissen können, und das die na-
GuG Nr. 10/2014
für sich »einfach da« ist. Dann interpretieren wir turwissenschaftliche Frage dahintersteckt, wie
diese Welt. Das machen wir, indem wir zunächst weit das, was wir wahrnehmen, überhaupt mit
Sinnesinformationen bewerten. Viele dieser Be- der »Welt an sich« gleichgesetzt werden kann.
wertungen werden schnell als nicht haltbar ver- Und das sind, denke ich, beides sehr interessante
worfen (wenn wir ein Baby sind), bis sich schließ- Fragen, die man dann aber auch so stellen muss.
lich ein Welterleben einstellt, das im Rahmen der
Sinnesleistungen in sich konsistent ist. Erst auf Werner Rupprecht, Kaiserslautern: Beim Lesen
dieser konsistenten Grundlage fangen wir wirk- von aktuellen Artikeln über Gehirn und Bewusst-
GuG Nr. 9/2014
lich mit der Interpretation der Welt an, die zu sein stoße ich immer wieder auf die Geisteshal-
Nachbestellungen unter: Handlungsoptionen führt. tung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
www.spektrum.de/
Es stellt sich also gar nicht die reißerische Fra- Woher weiß Alva Noë so genau, dass es keinen
heft/gehirn-und-geist
oder telefonisch: ge, ob uns das Gehirn irgendetwas vorgaukelt. Homunkulus gibt? Seriöser wäre es, wenn er sagt,
06221 9126-743 Um als Teil der Welt mit der Welt zu interagieren, dass er nicht an einen Homunkulus glaubt. Auch

6 Gehirn und Geist


in Beiträgen anderer Autoren, unter anderem ansatz sein, nicht eine alleinige Wahrheit bean- Briefe an die
dort, wo ein Abgleiten in den Dualismus erwähnt spruchende Voraussetzung. Redaktion
wird, stößt man auf die gleiche apodiktische, mo-
… sind willkommen!
nistisch-materialistische Geisteshaltung. Besser lernen Schreiben Sie bitte mit
Beide, Monismus und Dualismus, sind nur GuG-Redakteurin Katja Gaschler erklärt, wie Ihrer vollständigen
Glaubensrichtungen. Der Dualismus des Philo- Eltern ihre Kinder daheim zum selbstständigen Adresse an:
Gehirn und Geist
sophen Platon lehrt, dass es eine immateriell- Lernen anleiten können (»Keine Lust auf Haus-
Hanna Sigmann
geistige Welt gibt, die neben der energetisch-ma- aufgaben?«, Heft 10/2014, S. 28). Postfach 10 48 40,
teriellen Welt existiert. Konkret bedeutet das, Dominique Boursillon, Sigmaringen: »Haus- 69038 Heidelberg
dass etwa der Satz des Pythagoras für ein recht- aufgaben gehören abgeschafft!« Diese Forde- E-Mail: gehirn-und-
geist@spektrum.de
winkliges Dreieck auch dann als ein richtiger Zu- rung ist grundsätzlich zu befürworten. Würde
Fax: 06221 9126-779
sammenhang existiert, wenn es keine Menschen die Schule sich auf ihre Kernziele beschränken,
Weitere Leserbriefe
gibt, die diesen Zusammenhang kennen. also den Kindern lesen, schreiben, rechnen und
finden Sie unter:
Im Unterschied dazu lehrt der materialisti- etwas Allgemeinbildung beibringen, dann gäbe www.spektrum.de/
sche Monismus, dass alles Geistige nur ein blo- es morgens Unterricht, Mittagessen in der Schu- gug-leserbriefe
ßes Konstrukt des materiellen menschlichen Ge- le und nachmittags Hausaufgabenbetreuung.
hirns ist. Zur immateriell-geistigen Welt gehört Danach hätten die Kinder frei und könnten Kind
die Vorstellung, dass es dort ein agierendes geis- sein. Alles andere, wie das selbstständige Lernen,
tiges Leben gibt, so wie es auch in der materiellen können Kinder auch zu Hause lernen, ohne an
Welt agierendes Leben gibt. In der Hirnforschung Schulstoff gebunden zu sein: Sie können Papa im
sollte es keine Denkverbote geben. Monistischer Hobbyraum, Mama im Haushalt helfen oder
Materialismus kann nur ein methodischer Denk- rund um Haus und Garten nützlich sein.

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geiste sb litz e Autoren dieser Rubrik: Jan Dönges, Anna Gojowsky, Lars Fischer,
Jan Osterkamp und Daniela Zeibig

Sozi a lpsyc h o lo gi e

Promille-Grinsen
Lächeln steckt an – vor allem unter alkoholisierten Männern.

Jungs unter sich


Beim gemeinsamen Glas Bier
können Männer praktisch
gar nicht anders, als sich anzu-
lächeln.
fotolia / G-Stock Studio

E in fröhliches Lächeln wirkt ansteckend – das ist nicht neu.


Forscher um Catharine Fairbairn von der University of Pitts-
burgh berichten nun, dass der Effekt durch Alkohol verstärkt
sie bekamen Placebowodka, der nur vermeintlich Alkohol
enthielt. Per Videomitschnitt analysierten die Wissenschaftler
schließlich die Mimik der einzelnen Beteiligten.
wird, allerdings nur in reinen Männerrunden. Stoßen Frauen Dabei zeigte sich, dass sich eine freundliche Miene unter
dazu, bleibt der Ansteckungseffekt im üblichen Maß. Männern, die den echten Wodka genossen hatten, schneller
In ihrem Versuch teilten Fairbairn und Kollegen 720 trink- verbreitete. Die Forscher vermuten, dass der Alkohol für sie als
freudige Probanden in Dreiergruppen auf, die sich gemütlich soziales Schmiermittel fungiert. Das könnte auch der Grund sein,
um einen Tisch setzten. Dann tranken die Teilnehmer entweder warum Männer eher zu Alkoholmissbrauch neigen als Frauen.
ein Glas Wodka Cranberry oder ein alkoholfreies Getränk – oder Clin. Psychol. Sci. 10.1177/2167702614548892, 2014

Gedäc htn is

Die perfekte Welle


Ein EEG-Signal hilft, Lügner zu identifizieren.

D ie bislang üblichen Poly-


graphen sind unzuver-
lässig: Sie erkennen Lügen in
Verfahren entwickelt zu
haben: Sie konzentrierten sich
dabei auf ein P300 genanntes,
zuerst vier Stunden lang
mittels einer mobilen Kamera
lückenlos aufzeichneten. Am
men beziehungsweise erlebt.
Tatsächlich zeigte die P300
recht zuverlässig an, wer sich
kaum mehr als der Hälfte der ereigniskorreliertes Potenzial, nächs­ten Tag registrierten die daran erinnerte. Selbst be-
Fälle. Das liegt vor allem das mit bestimmten Erinne- Forscher dann die Hirnströme stimmte Farbtöne riefen eine
daran, dass sie körperliche rungsprozessen verknüpft ist. der Probanden, während sie Reaktion hervor, wenn diese
Erregungszustände aufzeich- Schon vor Jahrzehnten war diesen verschiedene reale am vorhergehenden Tag ins
nen, die nicht bloß durch den postuliert worden, dass die Gegenstände oder Beschrei- Blickfeld geraten waren. Die
Stress beim Schwindeln aus- P300 eines Tages Lügner ent- bungen von Dingen und Wissenschaftler hoffen, mit
gelöst werden. Forscher von larven könnte. Situationen präsentierten. ihrem Ansatz in Zukunft noch
der Northwestern University Die Wissenschaftler über- Diese hatte die Betreffenden bessere Trefferquoten bei der
glauben nun, ein besser fun- prüften dies nun in Tests mit entweder noch nie gesehen Lügendetektion zu erzielen.
diertes, aussagekräftigeres Freiwilligen, deren Alltag sie oder tags zuvor wahrgenom- Psychol. Sci. 0956797614547278, 2014

8 Gehirn und Geist


Tollkühner Piepmatz
V e r h a lte n s fo rs c h u n g
Auf Nahrungssuche
Mut der Meisen lassen sich Meisen mit
erhöhtem Stoffwechsel
Hoher Energiebedarf macht nicht so schnell von
Kohlmeisen risikofreudiger. Gefahren abschrecken.

B ei der Nahrungssuche müssen viele Tiere


zwischen Gefahr und Nutzen abwägen.
Ist das Futter so unwiderstehlich, dass man
sich dafür den Blicken der Fressfeinde aus­
setzen sollte? Wovon diese Risikobereitschaft
abhängt, untersuchten Forscher vom Max-
Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen
nun bei Kohlmeisen genauer. Dabei zeigte
sich: Wie viel Gefahr die Vögel in Kauf neh-
men, entscheidet zum einen der Stoffwechsel
der Tiere und zum anderen die Außentem­
peratur.
Das Team um Kimberly Mathot erhob
über zwei Jahre lang Daten von 184 Kohlmei-
sen aus zwölf Populationen zwischen Am-
mersee und Starnberger See. In Nistkästen
fingen sie die Tiere ein, untersuchten ihren
Stoffwechsel, versahen sie mit Transpondern
und ließen sie wieder frei. An eigens einge-
richteten Futterplätzen platzierten die For-
scher zudem Attrappen von Greifvögeln und
ließen Warnrufe von Artgenossen ertönen.
Anschließend beobachteten sie, wie unvor-
sichtig die Meisen agierten und wie schnell
sie ans Körnerbuffet zurückkehrten.
Vor allem Tiere mit hoher Stoffwechselrate
warfen alle Vorsicht über Bord – außer an
besonders kalten Tagen: Dann waren auch
Tiere mit niedrigem Stoffwechsel wagemu-
tiger. »Unterschiede im Risikoverhalten sind
eng an den Energiehaushalt geknüpft«, er-
klärt Mathot. Je höher der Bedarf der Tiere,
Jan Wijmenga, Max-Planck-Institut für Ornithologie

desto weniger schreckten Gefahren bei der


Nahrungssuche sie ab.
Funct. Ecol. 10.1111/1365-2435.12318, 2014

12_2014 9
Ler n en

Schnelle Leitung
Menschliches Sprachgen macht Mäuse schlauer.

M äuse, die die mensch-


liche Version des Gens
FOXP2 tragen, lernen schneller
beim Menschen eine wichtige
Rolle bei der Sprachentwick-
lung spielt.
der genetisch veränderten
Mäuse haben längere Dendri­
ten und bleiben, so das Resul-
vermuten, dass das Gen
FOXP2 beim Menschen vor
allem dazu dienen könnte, die
als Artgenossen. Das zeigte ein Die menschliche Genvari- tat der aktuellen Studie, nach Verbindung zwischen Wort
Team um Christiane Schrei- ante unterscheidet sich nur in längerer Aktivierung eine und Bedeutung schneller zu
weis vom Max-Planck-Institut zwei Positionen von dem Weile stumm – offenbar ein festigen – eine wesentliche Vo-
für evolutionäre Anthropo­ Mäusegen, doch das macht dem Lernen förderlicher raussetzung für Sprache.
logie in Leipzig. FOXP2 ist ein offenbar einen entscheiden­ Mechanismus, wie Labyrinth-
Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 111, S. 14253 –
Transkriptionsfaktor, der den Unterschied. Die Neurone tests zeigten. Die Forscher 14258, 2014

R esi li e n z

Nur kein Stress


Bewegung reinigt das Blut möglicherweise von schädlichen Substanzen.

R egelmäßige Bewegung lindert die Folgen von Stress und


schützt vor Depression. Darauf deuten inzwischen viele
Studien hin. Eine neue Erklärung für diesen Effekt fanden
ihre innere Uhr aus dem Tritt. Normale Versuchstiere zeigten
daraufhin depressionsähnliches Verhalten, nur den genetisch
manipulierten Mäusen ging es nach wie vor gut.
Forscher vom Karolinska-Institut in Stockholm: Offenbar pro- Diese hatten in ihren Muskeln zusätzlich zum PGC-1α 1 ver-
duziert eine gut trainierte Skelettmuskulatur vermehrt En- mehrt Enzyme gebildet, die Kynurenin abbauen. Die Substanz
zyme, die das Blut von schädlichen Stoffen reinigen – und so entsteht vermehrt bei Stress. Welche Funktion sie genau hat, ist
das Gehirn schützen. noch unklar, allerdings beobachteten Forscher auffällig hohe
Das Team um Mia Lindskog züchtete genetisch veränderte Konzentrationen bei Menschen mit verschiedenen psychischen
Mäuse, die besonders viel von dem Protein PGC-1α 1 produ- Erkrankungen. Verabreichten Lindskog und ihre Kollegen ge-
zierten. Es reichert sich bei körperlicher Aktivität in den Mus- sunden Mäusen Kynurenin, zeigten diese daraufhin ebenfalls
keln an. Anschließend setzten sie die Nager über fünf Wochen eher depressives Verhalten.
hinweg wiederholt Lärm oder Lichtblitzen aus oder brachten Cell 159, S. 33 – 45, 2014

Abtauchen
Wer regelmäßig ein paar
Bahnen im Schwimmbad
zieht, schützt sein Gehirn
möglicherweise vor Schad-
stoffen.
fotolia / Sergey Peterman

10 Gehirn und Geist


b l ic kfa n g
In-Jung Kim und Joshua Sanes, Harvard University; mit frdl. Gen. von Joshua Sanes

100 µm

Ästhetisches Frühwarnsystem
Klein zu sein ist nicht unbedingt ein Nachteil, solange man sich sieht, verlaufen die Fortsätze der Neurone, die Dendriten, er-
zu helfen weiß: Wie Forscher der Harvard University heraus­ staunlich geordnet. Das liegt daran, dass die mit ihnen verbun-
fanden, besitzen Mäuse einen speziellen Typ Sehzelle, um An- denen Sinneszellen alle in einer bestimmten Richtung angeord-
griffe von oben sofort zu bemerken. Das Bild zeigt einige solcher net sind – eben genau der, aus der Licht auf die Retina fallen
Ganglienzellen aus der Netzhaut der Nager. Sie bündeln Sig- muss, um das Ganglion zu erregen. »Normalerweise kann man
nale von Fotorezeptoren, die Lichtreize einer bestimmten räum- einer Zelle ihre Funktion nicht ansehen – aber genau darauf läuft
lichen Orientierung empfangen. es in diesem Fall hinaus,« erklärt der Studienautor Joshua Sanes,
In dieser Aufnahme wurden die Ganglienzellen mit Hilfe eines Professor für Molekular- und Zellbiologie.
fluoreszierenden genetischen Markers sichtbar gemacht. Bei Sanes, J. R. et al.: Molecular Identification of a Retinal Cell Type that Responds to
Aktivität beginnen die Zellen daraufhin zu leuchten. Wie man Upward Motion. In: Nature 452, S. 478 – 482, 2008

12_2014 11
Natürliches Maß
Unsere dominante Hand
ermöglicht es auch ganz
ohne Zollstock, die Umge-
bung zu vermessen.
fotolia / K.-U. Hässler

N eu rop l astiz ität

Ohne Umweg
Bei manchen Neuronen wächst das Axon nicht am Zellkörper, sondern an einem

Alexei V. Egorov, Universität Heidelberg, 2014


anderen Fortsatz. So werden Signale schneller weitergeleitet.

U m Signale effektiv
weiterzuleiten, besitzen
Nervenzellen zwei Arten von
Bonn. Sie entdeckten im
Gehirn von Mäusen Zellen, bei
denen das Axon direkt aus
pus, einer Region, die vor
allem für Gedächtnisprozesse
wichtig ist. Pyramidenzellen
Fortsätzen: Über ihre vielen einem der Dendriten wächst. sind große Nervenzellen, die
Dendriten erhalten sie Input »Signale, die an diesem ihren Namen ihrer markanten Unorthodox
von anderen Zellen, über ihr Dendriten ankommen, Form verdanken. Bei etwa der Bei bestimmten Nervenzellen
Axon geben sie selbst Infor- müssen nicht erst über den Hälfte von ihnen entsprang im Mäusehirn entsteht
das Axon direkt an einem
mationen an andere Neurone Zellkörper geleitet werden«, das Axon nicht am Zellkörper,
Dendriten.
weiter. Verbunden sind Den- sagt Studienautor Christian sondern an einem der un-
driten und Axon normaler- Thome. So entstehe eine neu- teren Fortsätze.
weise über den Zellkörper. ronale Abkürzung, welche die Schon winzige Reize ge- den wurde. Welche Reize die
Dass es von jeder Regel auch Reizweiterleitung erleichtere. nügten, um diese Nervenzelle Pyramidenzellen im Schnell-
Ausnahmen gibt, zeigten nun Bei den Zellen mit der unge- zu aktivieren – vor allem, verfahren genau weiterleiten,
Forscher vom Bernstein wöhnlichen Struktur handelte wenn der Informationsfluss wollen die Forscher im nächs­
Zentrum Heidelberg-Mann- es sich um so genannte Pyra- an anderen Dendriten durch ten Schritt herausfinden.
heim sowie der Universität midenzellen im Hippocam- hemmende Signale unterbun- Neuron 83, S. 1418 – 1430, 2104

12 Gehirn und Geist


Wa h r n e h mu n g

Handliches Format
Die dominante Hand dient als Größenmaßstab.

I st feinmotorisches Geschick
gefragt, geben wir unserer
»starken« Hand klar den Vor-
sie Probanden, ihren Arm
unter ein Vergrößerungsglas
zu legen und dann einzu-
wenn sie wussten, dass sie
stets durch dasselbe Vergrö-
ßerungsglas blickten, bleib
Gegenstand noch zu greifen
ist oder nicht.
Die dominante Hand
zug. Die so genannte Domi- schätzen, wie viel größer er der Eindruck, dass sich an nutzen wir besonders häufig,
nanz bestimmt allerdings ihnen nun erschien. Analog ihrer Hand nicht allzu viel um mit der Umwelt zu inter­
nicht nur, auf welcher Seite dazu sollten die Teilnehmer veränderte. agieren – das macht sie zur
wir Stift oder Messer halten. auch andere Körperteile oder Für Linkenauger und ihre perfekten Messlatte. Ihre
Die jeweilige Hand dient Gegenstände bewerten – etwa Kollegen beweist dies, dass Größe sei entsprechend fest-
offenbar auch als Maßstab für ihren rechten Fuß, die andere unsere dominante Hand eine geschrieben, so Linkenauger.
unsere Wahrnehmung. Hand, die Extremitäten des Art Größenskala darstellt: Um Ändert sich das Größenver-
In mehreren Experimen- Versuchsleiters oder einen die Welt um uns herum hältnis zwischen Hand und
ten beobachteten Wissen- Stift. Siehe da: Obwohl der vermessen zu können, sind Umgebung, gehen wir eher
schaftler um Sally Linkenau- Vergrößerungs­effekt jedes wir auf einen verlässlichen davon aus, dass der Rest
ger von der Lancaster Univer- Mal exakt 18 Prozent betrug, Maßstab angewiesen. Unsere schrumpft – und nicht etwa,
sity, was passiert, wenn unse- empfanden ihn die Proban- Hände liefern dafür einen dass unsere Hand wächst.
re dominante Hand plötzlich den bei ihrer dominanten guten Anhaltspunkt, denn so
Psychol. Sci. 10.1177/0956797614548875,
optisch wächst. Dazu baten Hand am schwächs­ten. Selbst sehen wir direkt, ob ein 2014

Alte r n

Tatort Schreibtisch
Langes Sitzen beschleunigt den geistigen Abbau.
Dagegen hilft auch abendliches Training nur bedingt.

W er dauerhaft in Bewegung bleibt, baut im Alter geistig


nicht so schnell ab wie Menschen, die von Berufs wegen
viel sitzen. Darauf deutet eine Studie von Agnieszka Burzynska fotolia / Contrastwerkstatt

von der University of Illinois und ihren Kollegen hin. Sie stat-
teten insgesamt 88 Probanden zwischen 60 und 78 Jahren für
eine Woche mit Bewegungsmessern aus. Zudem unterzogen
sich alle Teilnehmer verschiedenen Hirnscans.
Dabei stellten die Wissenschaftler zunächst fest, dass dieje­
Bürojob mit Folgen
nigen, die sich regelmäßig moderat bis intensiv körperlich be- Wer den Tag über viel sitzt, muss sich im Alter möglicherweise
tätigten, weniger altersbedingte Veränderungen an den Nerven- auf mehr kognitive Einbußen einstellen.
verbindungen zeigten. Doch auch die Versuchsteilnehmer, die
sich nur wenig, aber über den Tag hinweg regelmäßig bewegten,
bauten weniger stark in Hirnregionen wie dem Temporallappen darauf hin, dass zu viel Sitzen einen schädlichen Effekt auf das
ab, der bei Gedächtnis- oder Sprachprozessen eine Rolle spielt. Gehirn hat«, sagt Burzynska, »selbst wenn man am Ende des
Wer dagegen die meiste Zeit sitzend verbrachte, zeigte vor Tages noch eine halbe Stunde trainiert.«
allem im Hippocampus schnellere Abbauprozesse. »Das deutet PLoS ONE 9, e107413, 2104

12_2014 13
Rosarot auf
vier Beinen
Auch unter Hunden gibt
es Optimisten und
Pessimisten, berichten
australische Forscher.
Die einen rechnen eher
mit einer tollen Beloh­
nung, die anderen mit
dem Schlimmsten.
PLoS ONE 9, e107794, 2014

Sex bei Eule


und Lerche
Der Chronotyp beein­
flusst das Sexualverhal­
ten: Laut einer aktuellen
Studie pflegen Frühauf­
steher im Schnitt län­

iStockphoto / Jason Woodcock


gere Partnerschaften
und sind sexuell weniger
umtriebig als Lang­
schläfer.
Evolution and Human Behavior
10.1016/j.evolhumbehav.2014.09.
008, 2014
Bewusstseinssignal
Mit Hilfe von Hirnscans schätzten Forscher den Zustand von Komapatienten ein.
Schmerz im
Kollektiv
Unangenehme Erfah­
rungen mit anderen zu Lo c k e d - i n - Pati e nte n
teilen, stärkt nicht nur
die Gruppenbindung, Bewusst oder nicht?
sondern macht auch Ein neuronaler Marker soll verraten, ob Hirngeschädigte bei Bewusstsein sind.
kooperativer. Geteiltes
Leid fungiert demnach
als »sozialer Kitt«, der
Menschen zusammen­
schweißt.
S chwere Hirnschädigungen können einen
Zustand hervorrufen, in dem Betroffene
zwar noch bei Bewusstsein sind, sich ihrer
Patient Informationen aus der Außenwelt wie
ein Gesunder verarbeitet.
Sie legten ihn in einen Hirnscanner und
Psychol. Sci. Umwelt aber nicht mitteilen können. Dieses zeigten ihm einen Film – einen Krimi von Alfred
10.1177/0956797614545886, 2014
Syndrom wird schnell als »vegetativ« fehl­ Hitchcock. Dabei zeigte sich, dass das Gehirn
diagnostiziert. Wissenschaftler um Lorina Naci des Patienten auf gleiche Weise reagierte wie das
von der University of Western Ontario (Kanada) von gesunden Probanden: So nahm die Hirn­
glauben jetzt mit Hilfe von Hirnscans sicher aktivität in bestimmten Arealen zu, wenn die
erkennen zu können, ob ein Patient ansprech- Handlung eine Wendung nahm, bei der der
bar ist oder nicht. Zuschauer mitdenken musste. Dieses charakte-
An zwei Patienten haben sie ihr Verfahren ristische Mus­ter könne nur durch bewusste
bereits erprobt. Dabei zeigte sich, dass einer der Verarbeitung entstehen, sagen die Forscher.
beiden offenbar eine völlig normale Hirnakti­ Per funktioneller Bildgebung nach einem
vität hatte, obwohl er zum Zeitpunkt der Unter­ Hirnsignal für Bewusstsein Ausschau zu halten,
suchung bereits 16 Jahre nicht mehr mit der sei besser, als die Betreffenden anderweitig
Außenwelt kommunizierte. Mediziner hatten zu testen, so die Autoren. Leider passiere dies
ihn als »zeitweise minimalbewusst« eingestuft. immer noch zu selten.
Naci und Kollegen glauben jedoch, dass ihr Proc. Natl. Acad. Sci. USA 10.1073/pnas.1407007111, 2014

14 Gehirn und Geist


H i rs c hhaus e n s H i r n s c h m a lz

Dr. med. Eckart von Hirschhausen


ist Autor, Moderator und geht derzeit mit
seinem Programm »Wunderheiler« auf
Tour. Wenn er bei Fotos in die Sonne schaut,
sieht er grimmiger aus, als er ist.

Auf die Stirn geschrieben


»E ntspann dich doch mal!« Dieser Satz
macht in einem Streit alles nur schlim-
mer. Denn wenn erregte Menschen eins nicht
weiß, was ich für ein Gesicht mache? Über unsere
Mimik kommunizieren wir ständig – offenbar
nicht nur nach außen, sondern auch nach innen.
können, dann sich auf Knopfdruck beruhigen. Unser Ausdruck macht auch auf uns Eindruck! PSYC HOTE ST
Und erst recht mögen sie es nicht, dazu aufgefor- Genau das besagt die »Facial Feedback«-Hypo-
dert zu werden. Aber was passiert, wenn man die these, die schon im späten 19. Jahrhundert ent- Was ist Ihrer
Entspannung per Injektion herstellt? Mit einer stand. Grob gesagt, fragt demnach unser Hirn ­Meinung nach
Dosis Botox – genau, dem Schönheitsserum – permanent wie ein Arzt auf Visite bei den Ge- der Spiegel der
zwischen die Augen? sichtsmuskeln nach: »Na, wie geht es uns denn?« ­Seele?
Dieser Eingriff, der aus kosmetischen Grün- Sind die Augenbrauen zusammengekniffen,
A) Die Augen
den schon gegen unzählige Zornes- und Sorgen- ­ärgern wir uns anscheinend. Meldet die Stirn
falten eingesetzt wurde, soll nach neuen Studien ­da­gegen Entspannung, ist das Hirn zufrieden – B) Die Stirn
eine massive Nebenwirkung haben: Er hebt die egal, woher die Lockerheit kommt. Da geht es uns
C) Der Bade-
Stimmung! Eine Spritze des Nervengifts könnte wie Schauspielern, die ganz in ihrer Rolle aufge-
zimmerspiegel
womöglich sogar gegen Depressionen helfen. hen. Oder wie ein Aphorismus besagt: Wenn du
Ein deutsch-amerikanisches Forscherteam ­Authentizität authentisch vortäuschen kannst, D) Ich les keinen
un­tersuchte 30 schwer depressive Patienten. Alle dann hast du es geschafft. »Spiegel«, nur
bekamen zwei kleine Spritzen in die Stirn: eine »Gehirn und Geist«
Gruppe zuerst Botox, nach zwölf Wochen dann
ein Placebo; die andere zuerst das Scheinmedi­
kament, dann Botox. Die Wirkung überraschte
Z u meiner Studienzeit lästerten die Psycho-
therapeuten gerne über die biologisch orien-
tierten Psychiater, dass diese den »Schizzokok-
Wissenschaftler und Patienten gleichermaßen: kus«, also den Erreger der Schizophrenie, immer
Sowohl in der Selbsteinschätzung als auch bei noch nicht gefunden hätten. Psyche oder Soma?
klinischen Befragungen zeigte sich nach der Die Wahrheit könnte wie so oft in der Mitte
­Botox-Spritze eine deutliche Stimmungsaufhel- ­liegen. Natürlich lassen sich Sinnkrisen und An-
lung. Die Nervenlähmung durch den Eingriff triebslosigkeit nicht einfach wegspritzen. Aber
lässt nach zwölf Wochen nach – die Stimmung wenn man die Endlosschleife zwischen dem Grü-
der Probanden aber blieb über diesen Zeitraum beln im Stirnhirn und den Gruben auf der Stirn Quelle
Magid, M. et al.: Treatment
hinaus gut. unterbrechen kann, ist offenbar schon viel ge-
of Major Depressive
Wie kann das sein? Sind etwa nicht die Augen wonnen. Der Gedanke, dass unsere Gedanken Disorder Using Botulinum
der Spiegel der Seele, sondern die Stirn? Es gibt ausschließlich durch andere Gedanken zu beein- Toxin A: A 24-Week
diesen Spruch für Quasselstrippen: Woher soll flussen sind, ist falsch. »Form follows function, Randomized, Double-Blind,
Placebo-Controlled Study. In:
ich wissen, was ich denke, bevor ich gehört habe, and feeling follows frowning.« Und jetzt hören
The Journal of Clinical
was ich sage? Für unsere Gefühle gilt wohl: Sie auf, über diese Erkenntnis die Stirn zu run- Psychiatry 75, S. 837 – 844,
­Woher soll ich wissen, wie es mir geht, bevor ich zeln – das tut Ihnen nicht gut! 2014

12_2014 15
psyc ho lo gi e HI NTE R DE N SCHL AGZEILEN 9. 10. 2014 Gewalt in der Linzer Altstadt: »Das Problem ist die Droge Crystal

?????? Fatale Kristalle


Was hier wie harm-
lose Eiskristalle aus-
sieht, macht stark
süchtig: Crystal Meth.

Radspunk / CC-by-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode)


Revival der
»Panzerschokolade«
Lange galt Crystal Meth als Randproblem – inzwischen schnellt die Zahl
der Konsumenten nach oben. Ist die Droge auf dem Weg in die Mitte der
Gesellschaft? Das fragten wir den Psychiater Leo Hermle.

Früher sah man Crystal Meth eher als Droge Das US-Pharmaunternehmen Smith, Kline and
der Armen und Außenseiter. Im Juli 2014 gab French vertrieb Amphetamin ab 1932. Unter
der Bundestagsabgeordnete Michael Hart­ dem Markennamen »Benzedrin« verschrieb
mann (SPD) zu, den Stoff konsumiert zu ha­ man den Stoff gegen verschiedene Gebrechen:
ben. Herr Doktor Hermle, wandelt sich die beispielsweise bei Schnupfen, Asthma, Auf-
Zielgruppe? merksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom
Die Gründe für den Konsum waren schon im- (ADHS) und bei depressiven Verstimmungen.
mer sehr unterschiedlich. Menschen wie Micha- Wie kam die Vorsilbe »Meth« hinzu?
el Hartmann sind für uns so genannte Gelegen- In den 1930er Jahren fügten Chemiker der Berli-
heitskonsumenten. Sie verwenden Ampheta- ner Temmler-Werke dem Amphetamin eine zu-
mine eher zur Überwindung von privaten oder sätzliche Methylgruppe an und verkauften den
beruflichen Krisen, manchmal auch zum Ab- neuen Wirkstoff in Tablettenform. Diese neue
nehmen. Diese Menschen werden in der Regel Substanz, Methamphetamin, war wirkungs-
nicht abhängig. Daneben gibt es eine große voller, aber auch gefährlicher. In der Nazizeit
Gruppe chronischer Konsumenten, die exzes- wurde sie als »Pervitin« in millionenfachen Do-
sives Suchtverhalten an den Tag legen und den sen an die deutsche Wehrmacht verteilt – zur
Stoff in hohen Dosen zu sich nehmen, teilweise Steigerung von Leistungsfähigkeit und Konzen-
sogar täglich. tration. Die psychostimulatorische Wirkung
Seit wann konsumieren Menschen überhaupt brachte dem Stoff Spitznamen wie »Panzerscho-
schon Amphetamine? kolade« oder »Hermann-Göring-Pille« ein. Auch

16 Gehirn und Geist


Meth« (nachrichten.at) + + + 8. 10. 2014 Crystal-Süchtige kosten Landkreis Millionen (mdr.de) + + + 25.9.2014 Verfahren gegen Michael Hartmann

Leo Hermle
(Jahrgang 1950) studierte Medizin in Hohenheim
und Freiburg. Der Psychiater, Neurologe und
Verhaltenstherapeut ist Ärztlicher Direktor des
Klinikums Christophsbad in Göppingen und
Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psycho­
therapie. 1997 habilitierte er sich mit einer
Arbeit über die Wirkung verschiedener Am­phe­
tamine auf gesunde Probanden. Schwerpunkte
seiner Forschung sind Schizophrenie, Depres-
sionen und durch Drogen ausgelöste Psychosen.

mit frdl. Gen. vom Klinikum Christophsbad

nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Temm- Richtig. Zu den akuten Nebenwirkungen gehö-
ler-Werke das Medikament noch vertrieben – ren auch erweiterte Pupillen, erhöhter Blut-
und das, obwohl die Nebenwirkungen schon seit druck, Herzrasen, Schwitzen. Häufig geht der
den 1940er Jahren bekannt waren. Erst 1988 Konsum mit einer starken Unruhe und Angst­
wurde Pervitin vom Markt genommen. gefühlen einher. Wesentlich schlimmer sind al-
Amphetamin und Methamphetamin unter­ lerdings die langfristigen Folgen: Stärker als das
scheiden sich chemisch also kaum. Warum klassische Amphetamin zerstört Methampheta-
wirkt Letzteres trotzdem intensiver? min die Nervenzellen im Gehirn. Es kann auch
Durch die zusätzliche Methylgruppe wird die häufiger psychotische Störungen auslösen – Pa-
Substanz besser fettlöslich. So kann der Stoff ranoia und Halluzinationen, die über Wochen
leicht die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Im bis Monate anhalten.
Hirn sorgt er dann für eine schnelle Freisetzung Wie behandeln Sie diese Störungen?
der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin. Das Wichtigste ist Abstinenz. Die Patienten müs-
Mit welchen Folgen? sen sofort entgiftet werden, sie brauchen eine
Wer Methamphetamin schluckt, ist euphorisiert, behutsame psychotherapeutische und pharma-
hellwach und glaubt, die Welt aus den Angeln kologische Behandlung, damit die Psychose
heben zu können. Hunger- und Durstgefühle ge- möglichst rasch zurückgeht. Die Aussichten sind
hen zurück, man hält sich für unbesiegbar. Oft recht gut. Langfristig zahlt sich eine sorgsame
meinen die Konsumenten, jetzt alle Probleme Aufklärung aus: Wir bringen den Patienten bei,
ihres Lebens lösen zu können. Untersuchungen dass ihr Gehirn durch die häufige Einnahme der
haben allerdings gezeigt, dass sich die kogni- Droge immer sensibler geworden ist. Es genügen
tiven Fähigkeiten durch die Einnahme der Droge kleinste Mengen, um erneut psychotische Episo-
nicht verbessern. Ähnlich sieht es übrigens mit den auszulösen – das so genannte »Kindling«.
der Potenz aus: Die Lust wird zwar gesteigert, die Welche Probleme bringen die Drogenpatien­
sexuelle Leistungsfähigkeit sinkt aber eher. ten zusätzlich in die Therapie mit?
Die Wirkung ist also von Anfang an nicht nur Crystal-Meth-Konsumenten kommen oft mit
positiv. starken Erregungszuständen in die Klinik. Teils

12_2014 17
eingestellt (tagesspiegel.de) + + + 15. 9. 2014 Riesen-Fund! Crystal-Meth-Dealer gefasst (berliner-kurier.de) + + + 9. 7. 2014 Hartmann gesteht Crystal-

Fakten zu Crystal Meth

%
Eine mittlere Dosis Gesnifftes Crystal 70 bis 80 Euro 77 Kilogramm 70 Prozent
liegt bei etwa Meth wirkt innerhalb kostet ein Gramm der Crystal Meth stellte der Crystal-Meth-
20 Milligramm; von 10 Minuten, Droge auf dem Berli- das Bundeskriminal- Konsumenten in
regelmäßige Konsu- der Effekt hält bis zu ner Schwarzmarkt, in amt 2013 sicher. einer US-Studie litten

Gehirn und Geist


menten nehmen oft 12 Stunden an. ländlichen Gebieten zuvor an einer psy­
wesentlich mehr. oft deutlich weniger. chischen Störung.

führt das zu schweren Aggres­sionen: Einige Be- zen. Ein weiteres Risiko lauert in Zusatzstoffen
troffene haben bei uns die halbe Station zerlegt und Streckmitteln. Weder Konsumenten noch
und bedrohten Mitarbeiter. Wir mussten schon Kleindealer wissen ja wirklich, was »drin ist«. Ei-
mehrfach die Polizei zu Hilfe holen. nige Drogenküchen fügen Batteriesäure, Frost-
Welche körperlichen Folgeschäden treten auf? schutzmittel oder Abflussreiniger bei, um die
Meth zehrt den Körper aus: Die Betroffenen ma- Wirkung zu verstärken. Auch für die Hersteller
Ku rz erk l ärt gern ab, werden anfälliger für Infektionen – ihr kann das Hantieren mit gefährlichen Chemikali-
Amphetamin (Speed, Pep) Immunsystem spielt nicht mehr mit. Dazu kom- en zum Problem werden – für die Synthese von
ist eine synthetisch
hergestellte Substanz mit men Hautgeschwüre und Abszesse, die mit Crystal Meth werden Stoffe wie Jod, Jodwasser-
aufputschender, eupho­ zwanghaftem Kratzen einhergehen. Früher ist stoff und Phosphor benötigt. Bei falschen Hand-
risierender Wirkung. mir das in der Psychiatrie nur selten begegnet, griffen kann das ganze Labor explodieren.
Die Droge ist als weißes
inzwischen sehe ich solche Patienten häufiger. In Österreich und der Schweiz gibt es Drug­
bis beigefarbenes Pul-
ver erhältlich und wird Gibt es auch Spätfolgen? checking-Initiativen, die eine chemische Ana­
gesnifft, seltener auch Bei starkem, lang anhaltendem Konsum steigt lyse von Straßendrogen anbieten – kostenlos
Julian Thielen / public domain

geschluckt. H das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme um ein und anonym. Was halten Sie davon?
CH3
Vielfaches: Es kann zu Schlaganfällen oder plötz- Wenn diese Angebote dazu beitragen, Konsu-
lichen Halbseitenlähmungen kommen. In den menten von der Einnahme von Drogen mit gif-
NH2
USA, wo die Droge wesentlich verbreiteter ist als tigen Zusatzstoffen abzuhalten, finde ich sie
bei uns, weiß das jeder erfahrene Notarzt. Zum sehr sinnvoll. Im Einzelfall kann das Leben ret-
Methamphetamin ist
ein Abkömmling des Teil ähneln die Nebenwirkungen denen des Ko- ten. Aber: Auch wenn der Stoff noch so rein ist,
Amphetamins mit inten­ kains, allerdings wird Methamphetamin vier- bleibt er gefährlich. Da müssen wir Jugendliche
siverer, länger anhalten­ bis fünfmal langsamer abgebaut. Es wirkt also noch viel besser aufklären.
der Wirkung, aber auch
deutlich länger und führt entsprechend zu Wieso lässt sich der Konsum so schwer ein­
höheren Risiken für die
Konsumenten. Auf dem schwereren Komplikationen. dämmen?
Schwarzmarkt findet Welche Rolle spielt die Art der Einnahme? Die einfache Herstellung macht den Stoff un-
man die Droge vor allem Hier zu Lande wird Methamphetamin vor allem kontrollierbar. Er muss nicht von weither impor-
in Form grober Kristalle,
über die Nase eingenommen. Wer die Droge tiert werden, sondern kommt aus kleinen Labo-
die an Eis erinnern – da­
her die Beinamen Crystal über lange Zeit snifft, riskiert eine Zersetzung ren, von denen immer noch hunderte existie-
Meth oder Ice. der Nasenscheidewand. Die wenigen Patienten, ren – viele im benachbarten Ausland, etwa in
H
CH3 die sich Crystal Meth spritzen, laufen Gefahr, Tschechien. Inzwischen arbeitet die Polizei hier
Jü / public domain

sich über die Nadel zu infizieren – etwa mit HIV vermehrt grenzüberschreitend zusammen.
HN oder Hepatitis C. Das ist vor allem in Japan ein Warum lässt sich Crystal Meth so viel leichter
CH3 Problem, wo viele junge Leute die Droge sprit- herstellen als andere Drogen?

18 Gehirn und Geist


Meth-Konsum (spiegel.de) + + + 7. 7. 2014 Crystal Meth breitet sich aus (saarbruecker-
Sucht dauerhaft
überwinden
Die Syntheseschritte stehen im Internet, im
Prinzip kann jeder in seinem Bad ein Labor anle-
gen. Die Substanzen Ephedrin und Pseudoephe-

Susie Knoll / Florian Jänicke (spdfraktion.de)


drin, die in vielen Hustenmitteln enthalten sind,
können mit einfachen Methoden in Metham-
phetamin überführt werden. Vor einigen Jahren
ließen sich die Ausgangsstoffe sogar legal über
die Apotheke besorgen, auch in größeren Men-
gen. Inzwischen geht das zum Glück nicht
mehr – seit April 2006 bekommt man ephedrin-
haltige Medikamente nur noch auf Rezept. Prominenter
In den 1990er Jahren verabreichten Sie studi­ Konsument
Wegen seines Drogen-
enhalber gesunden Freiwilligen das Ampheta­
gebrauchs trat der SPD-
minderivat MDE. Hatten Sie keine Bedenken? Bundestagsabgeordne­te
Überhaupt nicht. Die Studie habe ich in Freiburg Michael Hartmann im
und Tübingen durchgeführt, um den Stoffwech- Juli 2014 als innenpoliti­
scher Sprecher seiner
selweg der Droge zu rekonstruieren. Wir verwen-
Fraktion zurück. Im Sep-
deten aber nur extrem niedrige, einmalige Do- tember 2014 stellte
sen, von denen keine Gefahr ausging. Im Üb- die Staatsanwaltschaft
rigen: Unter dem Handelsnamen »Desoxyn« ist das Verfahren ge­gen
ihn ein.
Methamphetamin in den USA heute noch zur Omar Manejwala
Behandlung von ADHS zugelassen. Haben wollen!
Wie das Gehirn unsere Begierden steuert
Und hier zu Lande?
In Deutschland ist das Medikament nicht zuge­ 2014. 224 Seiten, kartoniert
lassen – Gott sei Dank, wenn man bedenkt, wie € 24.95 / CHF 35.50
ISBN 978-3-456-85360-4
viel Leid Methamphetamin verur­sacht! Die Gabe
von Desoxyn steht in den USA natürlich unter
ärztlicher Aufsicht. Es lässt sich aber nicht aus-
Plötzlich überkommt uns dieses
schließen, dass Patienten durch das Medikament
unbezähmbare Gefühl, etwas
auf den Geschmack kommen und sich die Sub-
unbedingt zu brauchen – Zigaretten,
stanz dann illegal besorgen.
Alkohol, Sex oder Essen – ungeachtet
Wer ist der »typische« Meth-Nutzer?
allen Schadens für uns und unseren
Laut epidemiologischen Studien sind 80 bis 90
Körper. Intensives Verlangen ist Teil
Prozent der Konsumenten in Deutschland Män- jeder Sucht.
ner, die meisten Anfang 20. Andererseits gibt es Quellen
Callaghan, C. et al.: Metham-
ein großes Dunkelfeld. Die neue Welle wird erst Der Suchtexperte Omar Manejwala
phetamine Use and Schizo-
dann wirklich sichtbar, wenn immer mehr in phrenia: A Population-Based beschreibt anhand neuester neuro-
eine Abhängigkeit geraten und in die Kliniken Cohort Study in California. wissenschaftlicher Erkenntnisse,
In: American Journal of Psy-
kommen. wie und warum unser Gehirn unser
chiatry 169, S. 389 – 396, 2012
Die Tageszeitung »Die Welt« titelte im Juli
Die Drogenbeauftragte der Verhalten bestimmt und stellt die
2014: »Crystal hat die Mitte der Gesellschaft er­ Bundesregierung: Drogen- bewährtesten und wirksamsten
reicht«. Eine realistische Einschätzung? und Suchtbericht 2014. Selbsthilfeprogramme vor.
Bundesministerium für
Es gibt aktuell viele Probierer, von denen ein ge-
Gesundheit, Berlin 2014
wisser Teil wohl früher oder später in eine Ab- Panenka, W. J. et al.: Meth-
hängigkeit geraten wird. Aber: »Mitte der Gesell- amphetamine Use: A
schaft«? So weit würde ich nicht gehen. Ÿ Comprehensive Review of
Molecular, Preclinical and
Clinical Findings. In: Drug www.verlag-hanshuber.com
Das Gespräch führte der Psychologe und Wissen- and Alcohol Dependence
schaftsjournalist Theodor Schaarschmidt. 129, S. 167 – 179, 2013

12_2014
Psyc ho lo gi e E s say

Das große Ganze


Im kosmischen Maßstab spielt der Mensch nur eine unbedeutende Nebenrolle.
Da erscheint es fast töricht, unserer Existenz eine tiefere Bedeutung
beizumessen. Doch mit philosophischem Denken lässt sich zumindest klären,
wovon wir überhaupt reden, wenn wir vom Sinn des Lebens reden.
Text: Ca rste n Ko r fmac h e r | i l lu strati o n e n: Jan N Eu ffer

Einen Apfelbaum
pflanzen
Der Nachwelt etwas
Bleibendes zu hinterlas-
sen, ist ein klassischer
Topos der Sinnstiftung.

Neuffer-Design; dreamstime / Christin Gasner

20 Gehirn und Geist


A
uf der Suche nach dem Sinn des in Bezug auf andere Dinge hat: Kinder großzie­ ku rz e r k l ärt
Lebens vermischen wir oft ver­ hen, für Gerechtigkeit kämpfen, anderen helfen, normativ
Während sich beschrei­
schiedene Dinge miteinander. Karriere machen, Gottes Willen gehorchen sind
bende (deskriptive)
Mal verstehen wir die Frage nor- nur einige typische Beispiele. Aussagen auf Tatsachen
mativ (gefettete Begriffe siehe Doch Sinn mit Zweck gleichzusetzen, geht am und Fakten beziehen,
Randspalte): Worauf kommt es im Leben beson­ Thema vorbei. Warum? Weil ein Zweck der Grund setzen normative Begriffe
bestimmte Werte;
ders an? Welche Werte sind wichtig? Wie wird das für eine zielgerichtete Tätigkeit ist. Somit setzt er
sie sind insofern nicht
Leben des Menschen wertvoll – oder ist es das eine Motivation voraus, anhand derer eine Hand­ neutral.
unabhängig von unserem Handeln? Dann wie­ lung als erfolgreich oder erfolglos bewertet wer­ teleologisch
der lässt sich die Sinnfrage teleologisch auffas­ den kann. »Sinn« beschreibt jedoch etwas an­ (von griechisch: télos =
Zweck, Ende) auf ein
sen: Was ist das übergeordnete Ziel, der Zweck deres, nämlich das, was die Handlung überhaupt bestimmtes Ziel gerichte­
unserer Existenz? Wohin gehen wir? Was kommt erst zu dem macht, was sie ist. Ohne Sinn wäre tes Argument, etwa: »Der
nach dem Tod? Dabei verwechseln wir zudem die entsprechende Handlung nicht motivations­ Mensch ist auf der Welt,
um glücklich zu werden.«
gerne die Frage nach dem Sinn unseres eigenen, los, sondern inhaltsleer: Sie ergäbe keinen Sinn.
semantisch
individuellen Lebens mit der nach dem des Ein Beispiel hilft, dieses Argument zu ver­ von der Lehre der Bedeu­
Menschseins ganz allgemein. deutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie beobachteten tungen (Semantik)
Die Vieldeutigkeit der Wörtchens »Sinn« lässt einen Außerirdischen bei einem anscheinend abgeleitetes Adjektiv für
das Verhältnis zwischen
sich gut an einem fremdsprachigen Beispiel er­ zweckdienlichen Tun: Der Alien saugt Licht aus
sprachlichem Zeichen
läutern. Wenn wir etwa wissen wollen, welchen seiner Umwelt durch eine Öffnung in der Stirn und Bezeichnetem
Wortsinn der Ausdruck »mkasi« hat, fragen wir auf. Sie fragen sich nun: Was ist der Sinn dieser
weder nach dem Wert noch nach dem Zweck Handlung? Eine mögliche Erklärung könnte lau­
­dessen, was es bezeichnet, sondern einfach nach ten, dass der Außerirdische kein Verdauungssys­
seiner Bedeutung, dem semantischen Sinn. Wir tem besitzt, sondern sich direkt von Lichtenergie
fragen, was das Wort heißt und wie es in der be­ ernährt. So wird uns der Sinn der Handlung klar:
treffenden Sprache benutzt wird. Der Außerirdische isst.
Ist »mkasi« vielleicht ein Gegenstand oder Der Zweck ist jedoch ein anderer: Der Außerir­
eine abstrakte Idee? Kann man es essen, als Werk­ dische isst, weil er sonst stirbt oder weil er seinen
zeug benutzen oder eine Revolution damit an­ Hunger stillen will oder weil ihm die Lichtzufuhr
zetteln? Sobald wir herausfinden, dass »mkasi« Genuss verschafft und so weiter.
in Kisuaheli »Schere« bedeutet, haben wir eine Ganz ähnlich verhält es sich nun mit dem
Antwort auf all diese Fragen. Sinn des Lebens. Er ist nicht das, was unsere Exis­
Wenn wir ebenso nach dem Sinn des Lebens tenz wertvoll oder nützlich macht, sondern, was
fragen, erkundigen wir uns nach etwas, was die sie überhaupt zu dem macht, was sie ist: unser
oben genannten Fragen einschließt, aber noch Leben mit all seinen Facetten, existenziellen Be­
tiefer geht: Es geht uns um die Bedingungen, dingungen – mit allem, was uns zu dem macht, Ser i e im ü b er b li c k
­unter denen wir existieren, und um unseren was wir sind.
Platz in der Welt. Das ist die Sinnfrage, wie Philo­
Philosophie
sophen sie verstehen.
mit Hirn
Betrachten wir das, was es bedeutet, nach dem
2. Sinn statt Gefühl Teil 1: Die große Illusion
Gaukelt uns das ­
Sinn des Lebens zu fragen, also einmal genauer. Ein weiteres häufiges Missverständnis reduziert
Gehirn die Welt nur vor?
den Sinn des Lebens auf ein Gefühl. Sicher haben (GuG 10/2014)
Sie schon einmal jemanden sagen gehört, der
1. Sinn statt Zweck Sinn des Lebens bestehe darin, glücklich zu sein. Teil 2: Das relative Gute
Wie universell
Um besser zu verstehen, wonach die Sinnfrage Andere Kandidaten sind Zufriedenheit, Lust, sind moralische Werte?
überhaupt fragt, müssen wir zunächst einmal ­Genuss, Begeisterung, Euphorie oder – für mor­ (GuG 11/2014)
feststellen, wonach sie nicht fragt. Umgangs­ bidere Zeitgenossen – Schmerz oder Leid (bezie­
Teil 3: Das große Ganze
sprachlich verstehen wir unter Sinn häufig einen hungsweise die Überwindung derselben).
Der Sinn des Lebens –
Zweck. So beschreiben wir den Sinn unseres Eine Variante dieser Theorie begreift den Sinn eine Begriffsklärung
­Lebens mitunter anhand der Nützlichkeit, die es des Lebens als jene Empfindung, die sich ein­ (GuG 12/2014)

12_2014 21
Au f ei n en B lic k stellt, wenn man ein sinnvolles Leben führt. Rollen zunächst im Spiel und festigen sie im
Die viele Sinne Wenn es nur so einfach wäre! Kontakt mit anderen. Über unsere vielfältigen
des Sinns Wir verbinden mit dem Lebenssinn zwar Identitäten entwickeln wir schließlich ein Ver­
durchaus positive Gefühle, doch die Beziehung ständnis davon, wer wir sind. Irgendwann kommt
1 Wenn Menschen vom
»Sinn des Lebens«
sprechen, meinen sie oft
zwischen Gefühl und Sinn ist sehr viel komple­
xer. Beide fallen nicht immer zusammen, auch
dabei die Zeit, da wir feststellen, dass wir zwar
verschiedene soziale Rollen spielen, aber nicht
Unterschiedliches – etwa wenn wir uns das wünschen. Es ist sicherlich identisch mit ihnen sind. Wir entwickeln einen
einen Zweck, eine Rollen­
möglich, ein sinnvolles, aber unglückliches Le­ Identitätssinn, der unsere sozialen Rollen tran­
identität oder das Gefühl
der Erfüllung. ben zu führen, ebenso wie ein glückliches, aber szendiert.

2 Philosophisch gese­ sinnloses Leben denkbar ist. Dann fragen wir uns: »Wer bin ich eigentlich?
hen meint Sinn die Außerdem lassen sich Gefühle auf vielfältige Wo ist mein Platz in der Welt?« Unsere Bezie­
Deutung der Beziehung Weise beeinflussen, unabhängig von der Sinnfra­ hung zur Welt wird fragwürdig, sobald wir uns
zwischen Individuum
und Welt. ge. Wenn wir in einer psychischen Krise stecken, nicht mehr klar und eindeutig in ihr platzieren
wird uns ein Freund kaum dazu raten, uns inten­ können. Dieser Vorgang wiederholt sich häufig
3 Den Lebenssinn kann
man weder objektiv
festlegen, noch ist er
siver mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen. im Lauf eines Lebens. Wir geraten in Sinnkrisen,
Vielmehr wird er uns zu anderen Aktivitäten an­ wenn wir eine gewählte Identität verlieren, etwa
gänzlich subjektiv. Inner­
regen wollen, etwa andere Menschen zu treffen weil eine Beziehung zerbricht oder wir unsere
halb gewisser Grenzen
müssen wir unseren Platz oder laufen zu gehen. Danach wissen wir über Arbeit verlieren. Doch auch unbewusste Identi­
in der Welt selbst suchen. den Sinn des Lebens zwar auch nicht mehr als täten – solche, die aus der gesellschaftlichen, kul­
vorher – aber wir werden unser Leben womög­ turellen oder historischen Werteordnung her­
lich als sinnvoller empfinden. vorgehen – sind von Bedeutung.
Der Verlust einer Sinn stiftenden Identität,
also einer, die die Beziehung des Individuums
3. Sinn statt soziale Rolle zur Welt konstituiert (ob religiöser, weltanschau­
Der Sinn des Lebens ist also offenbar nicht redu­ licher oder politischer Art), geht immer mit ei­
zierbar auf einen bestimmten Zweck oder auf ein ner Sinnkrise einher. Die Frage nach dem Sinn
Gefühl; er hat etwas mit dem zu tun, was mensch­ des Lebens meint letztlich genau das: eine Deu­
liches Leben zu dem macht, was es ist. Was genau tung der Beziehung zwischen Individuum und
heißt das? Welt. Diese Deutung, die Platzierung des Ichs in
Jeder Mensch erlangt im Lauf seiner Entwick­ der Welt, ist einer der kompliziertesten und
lung jene kognitiven Fähigkeiten, die ihn zu gleichzeitig faszinierendsten Vorgänge, die wir
einem selbstbestimmten, reflektierenden Indivi­ kennen.
duum machen. Als Säugling sind wir dazu noch
nicht in der Lage – in den ersten Lebensmonaten
können wir vermutlich noch nicht einmal zwi­
4. Sinn und Objektivität
schen den verschiedenen Objekten in der Welt Nun ergibt sich ein neue Frage: Wenn der Lebens­
unterscheiden. Alles ist irgendwie eins, ein gro­ sinn die Deutung der Beziehung zwischen Indi­
ßer ontologischer Brei, in dem wir treiben, ja mit viduum und Welt ist, ist er dann nicht relativ?
dem wir quasi eins sind. Kann nicht jeder seine Beziehung zur Welt so
Mit der Zeit lernen wir zu sehen, zu greifen deuten, wie es ihm beliebt?
und mit der Umwelt zu interagieren. Und im Zwei Argumente sprechen dagegen: Erstens
Zuge dessen beginnen wir auch, zwischen uns entzieht sich die Beziehung zwischen unserem
und der Welt zu unterscheiden. Das sich allmäh­ Ich und der Welt in großen Teilen unserem be­
lich ausprägende Ich bildet den Urgrund der wussten Einfluss. Unser Verhältnis zur Welt ist
Notwendigkeit, unseren Platz in der Welt zu defi­ geprägt von einer tiefen Selbstverständlichkeit:
nieren. Was wichtig ist, erscheint uns meist so funda­
Dies geschieht über Identitäten und Rollen, mental, dass wir es nicht hinterfragen, nicht
die wir annehmen und die wir uns selbst und der ­anzweifeln und oft noch nicht einmal gut aus­
Welt gegenüber spielen. Kinder erproben solche drücken können.

22 Gehirn und Geist


Erst wenn sich Lebensereignisse nicht mehr in zu unterwerfen – wir müssen die Welt interpre­ Das sich ausprä-
unser Sinnkonzept integrieren lassen, stellen wir tieren und uns in Beziehung zu den Kräften set­
gende Ich bildet
dieses in Frage. Das kann uns tief erschüttern, zen, die sie bestimmen. Die Kulturgeschichte der
den Urgrund der
weil es alles bedroht, was unserem bisherigen Le­ Menschheit ist insofern eine Geschichte ihrer
ben und Glauben eine Basis gab. »Wie kann ein Sinnkonzepte. Notwendigkeit,
gütiger, allmächtiger Gott all die Übel in der Welt Das zweite Argument gegen die Relativität unseren Platz in
zulassen?« »Warum bin ich unglücklich, obwohl des Sinns lautet: Wir sind bei unserer Deutungs­ der Welt zu defi-
ich einen Job, ein Haus, ein Auto und 814 Freunde arbeit nicht vollkommen frei. Wenn wir etwa
nieren
auf Facebook habe?« An den Fragen, die Men­ ­versuchen, eine Geste unseres Gegenübers zu
schen erschüttern, lassen sich die Sinnparadig­ ­interpretieren, steht uns nicht jede erdenkliche
men ablesen, die jene Zeit bestimmen, in denen Möglichkeit offen. Die Deutung der Geste ge­
sie gestellt werden. schieht innerhalb eines Rahmens, der bestimm­
Ob wir die Welt als Ort der Magie verstehen, ten Erfahrungen und Konventionen unterliegt.
in dem uns Schutzgeister zur Seite stehen und Gleiches gilt für die Deutung unserer Bezie­
Hexen ihr Unwesen treiben; ob wir uns als gött­ hung zur Welt: Ihr werden durch unser Wesen
liche Geschöpfe betrachten, die einer höheren Grenzen gesetzt und Richtungen vorgegeben.
Bestimmung folgen; oder ob wir nach rationalen Wir sind sterbliche, zu Selbstreflexion und mora­
Prinzipien leben und unseren Intellekt dazu lischem Urteil fähige Wesen, die eine subjektive
­benutzen, uns die Welt zu bestimmten Zwecken Perspektive zum Leben einnehmen. Das sind
Neuffer-Design; fotolia / s_l

Ommm
Wie Menschen Orientie-
rung für ihr Leben su-
chen, ist individuell sehr
verschieden.

12_2014 23
Die Denker und der Sinn des Lebens

S o groß die Unterschiede


zwischen den Philosophen
der Neuzeit sein mögen, in
Monotheismus linderte dieses
Gefühl der Ohnmacht: Wer nur
an einen einzigen Gott glaubt,
autonomen Denkens. Die
Maxime »Sapere aude!« erhob
Kant zum Grundprinzip: »Habe
Bezug auf den Lebenssinn vermag sich leichter dessen den Mut, dich deines eigenen
unterscheidet sich ihr Denken Wohlgefallen zu versichern. Verstandes zu bedienen!«
eher wenig. Ihre Konzepte Die ersten dokumentierten Mit Karl Marx (1818 – 1883)
fußen zum größten Teil auf philosophischen Gedanken entstand eine Sonderform des
dem Rationalismus, der histo­ stammen aus jener Epoche, die Rationalismus, welche die
risch aus weniger abstrakten Karl Jaspers (1883 – 1969) als ökonomischen Bedingungen,
Sinnkonzepten hervorging und »Achsenzeit« bezeichnete: unter denen wir leben, als
bis heute fast alle seine Vorgän­ eine Phase in der Frühantike bewusstseinsbildend ansieht.
ger verdrängt hat. Im Zentrum ­zwischen 800 und 400 v. Chr. Für Friedrich Nietzsche (1844 –
der rationalistischen Sichtweise Damals erlangten die Men­ 1900) lag die Bestimmung
steht der vernunftbegabte schen im Mittelmeerraum der menschlichen Existenz
Mensch, der seinen Verstand genug intellektuelle Reife, um darin, einen höherwertigen
dazu nutzt, die Welt seinem die eigenen Sinnkonzepte Menschentypus zu erschaffen.
Willen zu unterwerfen. Sein zu reflektieren und in Frage zu Ein ähnlicher Entwicklungs­
Leben sei darauf ausgerichtet, stellen. So erklärte der Vor­ gedanke lag der Evolutionslehre
Glück zu mehren und die sokratiker Parmenides aus Elea Charles Darwins (1809 – 1882)
eigene Macht über den Lauf der (um 520 – 460 v. Chr.) das zu Grunde.
Dinge aufrechtzuerhalten. Wasser zum Grundprinzip des In der Existenzphilosophie
Je weiter man in der Seins, sein Zeitgenosse Heraklit Jean-Paul Sartres (1905 – 1980)
­Geschichte zurückgeht, desto von Ephesos dagegen das spielt die Freiheit des Menschen
eher empfanden sich unsere Feuer zum Sinnbild des Wer­ eine Hauptrolle: Wir seien dazu
Vorfahren noch selbst be­ dens und Vergehens. Epikur verdammt, das Leben selbst
herrscht durch die Welt. Ohne (341 – 471/470 v. Chr.) wiederum mit Sinn zu füllen, was Chance
taugliche rationale Erklärungen betonte das Ideal der Seelen­ und Bürde zugleich bedeute.
glaubten sie an Regengötter, ruhe ­jenseits der irdischen Und sprachanalytisch orien­
Schutzgeister und beseelte Leidenschaften. tierte Denker wie Ludwig Witt-
Objekte. Diese Weltsicht lässt Der Vater der modernen genstein (1889 – 1951) sehen
sich als ­Polytheismus beschrei­ Rationalisten, der Königsberger die Suche nach dem Lebenssinn
ben: Der Mensch lebt inmitten Philosoph Immanuel Kant oft als ein Scheinproblem an:
einer Welt, über die Mächte (1724 – 1804), sah den Auftrag »Die Lösung des Problems des
ku rz er kl ärt
herrschen, die er selbst allen­ des Menschen in der Vollen­ Lebens merkt man am Ver­
Rationalismus
Denktradition, die die falls gnädig stimmen kann. Der dung seines selbstbestimmten, schwinden dieses Problems.«
(angeborene) Verstandes­
kraft zum wichtigsten
Merkmal des Menschen
erklärt
Poly- und Monotheismus ­unsere Existenzbedingungen; als etwas anderes tensität und die Ausrichtung der Grundbedürf­
Oberbegriff für Glau­ können wir uns nicht verstehen. Und entspre­ nisse variiert von Mensch zu Mensch, von Kultur
benslehren, die von der chend können wir nur aus dieser Perspek­tive zu Kultur, von Zeit zu Zeit. Und sie variieren auch
Existenz nur einer
oder mehrerer göttlicher eine Beziehung zur Welt aufbauen. im Verlauf des Lebens, dessen unterschiedliche
Instanzen ausgehen Wir haben auch Grundbedürfnisse, die unse­ Phasen oder Situationen verschiedene Werte in
Existenzphilosophie ren Platz in ihr bestimmen – etwa die nach Nah­ den Vordergrund rücken: So ist das Bedürfnis
Traditionsreiche Gruppe
rung, Schlaf, Behausung und Arbeit. Und dazu nach Freiheit in der Pubertät besonders ausge­
von Denkschulen, die das
Dasein des Menschen ins gehören seelische Bedürfnisse nach Liebe, Frei­ prägt, das nach Sicherheit eher im ­Alter. Unsere
Zentrum stellen heit, Sicherheit, Solidarität und Würde. Die In­ persönlichen Bedürfnisse zu unterdrücken oder

24 Gehirn und Geist


zu leugnen, erzeugt stets Unglück oder, anders Um unser Leben sinnvoll zu gestalten, müs­ Das Leben ist
gesagt, »Sinnkrankheiten« wie etwa Sucht oder sen wir vor allem eines: die passenden Fragen
ein Kunstwerk,
Depressionen. stellen. Richte ich mein Leben allein auf einen
das seinen Wert
All dies beeinflusst auch die Art und Weise, Zweck aus, ob Partnerschaft, Karriere oder Welt­
wie wir unsere Beziehung zur Welt verstehen. friede, und erhoffe ich mir dadurch wo­möglich durch den Akt
Unsere Existenzbedingungen und Bedürfnisse vergeblich Sinnerfüllung? Strebe ich vielleicht zu des Erschaffens
bilden die Grenzen, die wir in der Bemessung einseitig nach dem guten Gefühl und verpasse erhält
­unseres Lebenssinns einhalten müssen. dabei, was das Leben sinnvoll macht? Befriedige
ich meine Grundbedürfnisse auf ausgewogene
Weise, oder fehlt mir etwas? Lebe ich gemäß mei­
5. Sinn und Subjektivität nen eigenen Urteilen, kenne ich meinen Platz in
Daraus folgt andererseits jedoch nicht, dass der der Welt?
Sinn des Lebens objektiv feststellbar wäre, denn Oft können wir uns schlecht damit abfinden,
innerhalb der beschriebenen Grenzen sind wir dass die Welt so ist, wie sie ist – und dass wir so
dazu verdammt, frei zu sein. sind, wie wir sind. Der Kampf gegen das Altern;
Laut dem Philosophen Martin Heidegger der Wunsch, alles perfekt zu machen; der Ver­
(1889 – 1976) werden wir mit unserer Geburt in such, immer für andere da zu sein – das alles
eine Welt geworfen, die uns »abgrundtief un­ kann zu Sinnkrisen führen.
ähnlich« ist. So wie Albert Camus’ Romanfigur Die Deutung, die uns Sinn beschert, ist ein
Meursault, die von der »zärtlichen Gleichgültig­ kreativer Prozess, den wir Tag für Tag nicht den­
keit der Welt« sprach, erkennen wir bei näherem ken, sondern leben. Wir verstehen uns selbst und
Hinsehen, dass die Welt kein Ort ist, an dem ir­ die Welt narrativ, durch Geschichten und Erzäh­
gendwelche Werte ohne unser Zutun als denken­ lungen, die unser Geist auf das kalte Grau der
de, fühlende Wesen existieren: Sie ist ein gänz­ Fakten legt. Daher bereichern wir die Welt mit
lich wertneutraler Raum. Mythen, mit Glaubenslehren, ja auch mit den
Es gibt keinen platonischen Himmel, in dem Theorien der Wissenschaft.
perfekte Ideen von Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit Wir erfinden Geschichten von Helden und
und dergleichen existieren, derer wir uns be­ Dieben, von Siegern und Verlierern, von Weisheit
mächtigen, wenn wir liebevoll, frei oder gerecht und Schicksal. Diese Geschichten erzählen wir
handeln. Ebenso wenig gibt es einen über­ uns selbst, und sie erscheinen uns so real wie
menschlichen Sinn des Lebens hinter den Din­ ­alles andere auch. Das Leben ist ein Kunstwerk,
gen, den wir wissen könnten. Vielmehr tragen das seinen Wert durch den Akt des Erschaffens
wir Werte erst in die Welt, indem wir die Dinge in erhält. Und jeder findet sich im Zentrum seines
ihr »be-werten«. eigenen Kunstwerks wieder; jeder ist der Prota­
Dieses Urteilen, wie Philosophen es nennen, gonist in seinem eigenen Lebensroman.
ist der Mechanismus, mit dessen Hilfe wir Sinn Die Welt kennt keine Farben, kein Gut und
schaffen. Wir formen darüber unsere Identität Böse, keine Gefühle, keinen Sinn. Machen wir
und unsere Beziehungen zu Menschen und Ob­ uns bewusst, dass wir selbst es sind, die für all das
jekten; Bewertungen liegen all unseren Gedan­ verantwortlich sind, was Sinn und Wert hat.
Literaturtipps
ken und Gefühlen zu Grunde. Im Konzept des Dann können wir Frieden schließen mit der Welt,
Eagleton, T.: Der Sinn des
Urteils kommt all das zusammen, was für den die uns so unähnlich ist. Ÿ Lebens. Ullstein, Berlin 2010
­Lebenssinn bedeutsam ist. Kurzweilige Einführung des
britischen Kulturtheoretikers
Was folgt daraus nun? Wir können die Sinn­
Terry Eagleton
frage weder rein objektiv noch nach rein sub­ Tiedemann, P.: Über den
Carsten Korfmacher studierte Philo­
jektiven Aspekten beantworten. Der Lebenssinn sophie in Cambridge und Oxford Sinn des Lebens. WBG,
ergibt sich erst im Zusammenspiel dieser beiden (Großbritannien) und arbeitete unter Darmstadt 1993
anderem als Dozent an der University Ältere, aber sehr lesenswerte
Faktoren, im Verschmelzen der Tatsachen der
of Oxford, als Entwicklungshelfer in Darstellung aus der Feder
Welt mit den Bewertungen und dem kreativen Afrika sowie als Journalist. eines philosophisch inte­res­
Werden des Ichs. sierten Juristen

12_2014 25
ange me r kt!

Stephan Schleim
Stefan Oldenburger

ist Kognitionswissenschaftler und Assistenzpro-


fessor für Theorie und Geschichte der Psychologie
an der Universität Groningen (Niederlande).

Wir bestimmen die Spielregeln


»Erfolgreiche« Psychopathen profitieren nur dann von ihrem unsozialen Verhalten,
wenn die Gesellschaft ihnen keine Grenzen setzt.

A uf dem Heimweg vom Büro dachte ich über


einen Gastvortrag des britischen Psycholo-
gen Kevin Dutton nach. Der Buchautor hatte an
lichkeit Krimineller ausmacht, wie sich damit
Verbrechen verstehen, vorhersagen und vermei-
den lassen. Heraus kam dabei Hares noch heute
meiner Universität darüber referiert, »was man gebräuchliche »Psychopathy Checklist«, die vor
von Heiligen, Anwälten und Serienmördern ler- allem den antisozialen Lebensstil sowie zwi-
nen kann« – passend zu seinem inzwischen auch schenmenschliche und emotionale Besonder-
Ku rz er kl ärt auf Deutsch erschienenen Buch »Psychopathen« heiten erfasst. Dieser forensischen Forschung
(siehe Rezension in GuG 7-8/2013, S. 83). Irgend- entspricht unser heutiges Bild vom Psychopa-
Psychopathie
etwas daran beunruhigte mich – bis mich eine then, der mit Intelligenz und Charme, doch ohne
Im frühen 19. Jahrhun­-
Meldung über Störungen im Bahnverkehr aus Skrupel lügt und andere Menschen zu seinem
dert bezeichneten franzö-
sische Psychiater eine den Gedanken riss. An der Haltestelle für den Er- Vorteil manipuliert, im äußersten Fall sogar tö-
emotionale und soziale satzbus hatte sich bereits eine Traube Wartender tet, ohne mit der Wimper zu zucken.
Störung bei klarem gebildet. Als der Bus kam, bat uns der Fahrer, vor- Doch schon Cleckley wusste in seinem 1941 er-
Intellekt als »manie sans
délire« (Manie ohne ne einzusteigen, um den aussteigenden Fahrgäs- schienenen Klassiker »The Mask of Sanity« – die
Delir). Ende des 19. Jahr- ten hinten Platz zu lassen. Das ging so lange gut, »Maske der Vernunft«, hinter der ein Psychopath
hunderts fielen in bis die hintere Tür frei wurde. Nun brachen eini- seine wahren Absichten verbirgt – auch von ei-
Deutschland leichte
ge aus der Reihe aus, um dort einzusteigen. Sie nem erfolgreichen Typus zu berichten: Manche
psychische Abweichun-
gen unter den Begriff wurden ein-, zweimal vom Fahrer zurückgeru- Psychopathen kommen, am finanziellen Ein-
»psychopathische Min- fen, doch als dieser nicht mehr hinschaute, pro- kommen gemessen, in der Gesellschaft sehr weit.
derwertigkeit«, den bierten sie es erneut. Diesmal mit Erfolg! Dafür Der Psychiater verwies dafür auf Beispiele erfolg-
später die Nationalsozia-
kamen andere Fahrgäste, die sich an die Regeln reicher Anwälte, Ärzte und Führungskräfte.
listen missbrauchten.
Heute wird psychopathi- gehalten hatten, nicht mehr hinein. Ein anschau-

W
sches Verhalten meist liches Beispiel für die »Weisheit der Psychopa- ährend Cleckley sich noch überwiegend
als »antisoziale Persön- then«, von der Dutton zuvor gesprochen hatte. auf die Beobachtungen von Patienten in
lich­keitsstörung« dia­
gnostiziert. Der Psycho­ Der amerikanische Psychiater Hervey Cleck- psychiatrischen Einrichtungen stützte, machten
pathiebegriff wurde ley hat in den 1940er Jahren das Konstrukt »Psy- es erst psychologische Instrumente wie Hares
allerdings im angelsäch- chopathie« entwickelt; sein Nachfolger Robert Checkliste möglich, Psychopathen in »freier
sischen Sprachraum
Hare erweiterte es später mit Blick auf dessen fo- Wildbahn« zu erforschen. So suchte die Krimi-
aufgegriffen und kehrte
über diesen Umweg ins rensischen Nutzen: Er versuchte mit psychologi- nalpsychologin Cathy Spatz Widom in den
Deutsche zurück. schen Methoden zu beschreiben, was die Persön- 1970er Jahren mittels Zeitungsannoncen nach

26 Gehirn und Geist


Menschen, die zwar die entsprechenden Persön- setzen. Das Ergebnis war zufällig, die Chance auf
G E S U C H T:
lichkeitszüge aufwiesen, jedoch nicht mit dem Gewinn oder Verlust lag also bei 50:50. Da die ge-
Gesetz in Konflikt geraten waren. Damit war der setzte Summe im Gewinnfall mehr als verdop- Impulsive, aggressive
»erfolgreiche« Psychopath geboren. pelt wurde, war es die optimale Strategie, das ge- und verantwortungs-
Über diesen Typus veröffentlichte Robert wonnene Geld so oft wie möglich einzusetzen. lose Menschen,
Hare zusammen mit dem Organisationspsycho- Die Personen der Kontrollgruppe ließen sich
stets auf den eigenen
logen Paul Babiak 2007 ein Buch mit dem Titel: aber von den Verlusten abschrecken und gewan- Vorteil bedacht, dabei
»Menschenschinder oder Manager – Psychopa- nen daher weniger Geld als die Patienten, weil jedoch charmant und
then bei der Arbeit«. Darin legen die Autoren dar, diese häufiger Risiken eingingen. »Die erfolg- gewandt im Umgang
mit Menschen. Bitte
wie große US-Konzerne in den 1970er bis 1990er reichsten Börsenmakler könnten tatsächlich kal- melden Sie sich bei ...
Jahren ihre Einstellungs- und Beförderungspoli- te Psychopathen sein«, schlussfolgert Dutton.
tik derart veränderten, dass Menschen mit psy- Was er jedoch nicht erwähnt, ist ein Befund, Mit dieser Anzeige suchte
chopathischen Persönlichkeitszügen eher auf- den Bechara zusammen mit dem Neurologen in den 1970er Jahren die
stiegen – etwa solche, die andere leicht durch-
Psychologin Cathy Spatz
Antonio Damasio schon 1997 veröffentlichte.
Widom an der Harvard
schauen, aber ihre eigenen Absichten verbergen, Beim damaligen Experiment, dem »Iowa Gamb- University zu Forschungs-
und die ihre Persönlichkeit schnell an wechseln- ling Task«, waren die Regeln gerade so gestellt zwecken nach »erfolg­
de Umstände anpassen sowie überzeugend kom- worden, dass eine höhere Risikobereitschaft zu reichen Psycho­pathen«.
munizieren konnten. größeren Verlusten führte. Und so schnitten die
Patienten mit den beschriebenen Hirnschäden

H are und Babiak stellten zahlreiche Fallstu­


dien zusammen, um nachzuweisen, welch
immensen Schaden Psychopathen in Führungs-
im Vergleich zur Kontrollgruppe schlechter ab.
Sie zogen zu oft von jenen Kartenstapeln, die
zwar größere Gewinne einbrachten, aber auch
positionen anrichten können, sowohl für die be- dramatische Verluste.
troffenen Unternehmen als auch für die Gesell- Hare und Babiak waren sich des Preises unge-
schaft. Dass ihr Buch kurz vor Ausbruch der Fi- zügelten Nutzenmaximierens bewusst. Dutton
nanzkrise erschien, verlieh ihrer Kritik beinahe will davon aber nichts mehr wissen. Dabei zeigen
prophetische Züge. die genannten Experimente, dass die Spielregeln
Das nur wenige Jahre später erschienene Buch darüber entscheiden, welches Verhalten langfris-
von Dutton stellt solche Bemühungen auf den tig zum Erfolg führt. Es werden nicht immer
Kopf. An Stelle von Schadensbegrenzung geht es furchtlose, risikofreudige und rücksichtslose
bei ihm um reine Nutzenmaximierung. Dutton Menschen belohnt. Der letzte Bankencrash ver-
tut sich nicht schwer damit, den hingerichte- deutlicht allerdings, wie die »Spielregeln« skru-
ten Diktator Saddam Hussein oder den Massen­ pellose Fondsmanager begünstigen: Sie werden
mörder Robert Maudsley, Vorlage der Romanfi- für die Folgen ihrer riskanten und rücksichtslo-
gur Hannibal Lecter, mit einem britischen Top­ sen Entscheidungen in der Regel nicht zur Re-
chirurgen zu vergleichen: Sie alle hätten gelernt, chenschaft gezogen.
ihre Gefühle zu beherrschen. Psychopathen sei- Wir können für die Änderung dieser Regeln
en furchtlos, selbstsicher, charismatisch, rück- eintreten. Die Gesetze der Börse und der Fi-
sichtslos und fokussiert. Sie seien jedoch nicht nanzwelt wurden von Menschen gemacht und
Literaturtipp
zwingend gewalttätig. Auf dem Weg zum Erfolg können von ihnen modifiziert werden. Und im
Dutton, K.: Psychopathen.
könnten wir von ihnen lernen. eingangs erwähnten Beispiel kann der Busfahrer Was man von Heiligen,
Um diese These zu untermauern, verweist die hintere Tür schließen, damit niemand jene Anwälten und Serienmör-
dern lernen kann. dtv,
Dutton auf eine Studie des Neurologen Antoine übervorteilt, die sich in einer Reihe aufgestellt
München 2014
Bechara von der University of Southern Califor- haben. Die Spielregeln einer ganzen Gesellschaft Ein provozierender Blick auf
nia und seiner Kollegen: Patienten mit einem ge- zu kontrollieren, ist freilich nicht so einfach wie die hellen und dunklen Seiten
schädigten ventromedialen präfrontalen Kortex, im Labor – es ist aber auch nicht unmöglich. der Psychopathen

die auf Grund ihrer Gefühlsstörungen häufig Kurzum, wir können gemeinsam entscheiden, ob
Weitere Literaturtipps und
mit Psychopathen verglichen werden, sollten das typische Verhalten von Psychopathen zum Quellen im Internet: www.
wiederholt auf den Ausgang eines Münzwurfs Erfolg führt oder nicht. Ÿ spektrum.de/artikel/1312573

12_2014 27
psyc h olo g i e Co uvad e-Syn d rom

Männer
in anderen
Umständen
Nicht nur viele Schwangere zeigen körper-
liche und seelische Symptome – zuweilen
haben ihre Partner ganz ähnliche Beschwer­
den. Noch ­rätseln Wissenschaftler, ob eine
­Hormonumstellung oder allein psychische
Faktoren dafür verantwortlich sind.
Von Joac h im R etzbac h

»W
ir sind schwanger!«
Wenn Männer das sa­
gen, wollen sie meis­
tens nur ihre Freude
darüber ausdrücken,
dass sie bald Papa werden. Oder sie nutzen die
Gelegenheit, sich über ihren eigenen Bauch­
ansatz lustig zu machen, wenn dieser in den ers­
ten Monaten noch mit dem ihrer Partnerin kon­
kurriert. Für einige werdende Väter allerdings
steckt mehr Wahrheit in dieser Formulierung.
Denn gar nicht so selten erleben auch Männer
schwangerschaftsähnliche Symptome, wenn
ihre Frau in anderen Umständen ist: Sie nehmen
deutlich zu, leiden unter Morgenübelkeit und
Sodbrennen oder sind psychisch labiler als sonst.
In der Medizin ist so viel Solidarität mit der
Schwangeren als »Couvade-Syndrom« bekannt.
In einer indischen Studie aus dem Jahr 2014
­klagten Väter in spe vor allem über Verdauungs­
störungen, Appetitveränderungen, Müdigkeit
und Kopfschmerzen. Bei den psychologischen
fotolia / Marco Santi

Symptomen führten Schlaflosigkeit, Stim­


Amantini

28 Gehirn und Geist


mungsschwankungen und Reizbarkeit die Liste
an, gefolgt von Albträumen und vermehrter
Rührseligkeit. Vor allem in den ersten und letz­
ten drei Monaten treten die Beschwerden einer
solchen »Ko-Schwangerschaft« auf.
Der Begriff Couvade (von französisch: couver
= ausbrüten, bemuttern) stammt ursprünglich
aus der Ethnologie. Seit dem 19. Jahrhundert
­verstehen Wissenschaftler darunter Rituale, mit
denen sich Männer in vielen traditionellen Kul­
turen auf die Geburt eines Kindes vorbereiten –
und die aus Sicht der damaligen Völkerkundler
zuweilen bizarr wirkten. So wurde beobachtet,
dass sich Männer zu simulierten Geburten in Ge­
bärhütten zurückziehen oder sich verhätscheln
lassen, als seien sie selbst schwanger (siehe »Cou­
vade in anderen Kulturen«, S. 33).
In der westlichen Zivilisation galt dagegen
lange die Norm, nicht zu viel Aufhebens um eine
Vaterschaft zu machen. Ab den 1950er Jahren
mehrten sich allerdings in medizinischen Fach­
blättern Fallberichte von werdenden Vätern, die
über Symptome wie Morgenübelkeit oder Bauch­
schmerzen klagten. 1965 prägten dann die bri­
tischen Psychiater William Trethowan und Mi­
chael Conlon den Begriff »Couvade-Syndrom«, in
Anlehnung an die rituellen Vaterschaftsbräuche.

Magerer Forschungsstand
Systematische Forschung dazu gab es seitdem
­allerdings wenig. So herrscht etwa bislang keine
Einigkeit darüber, wie verbreitet das Phänomen
ist. In Studien variieren die Schätzungen stark,
zwischen 11 und 97 Prozent aller Partner sollen
betroffen sein. »Am plausibelsten erscheint
mir eine Größenordnung zwischen 10 und 30
Prozent, also dass ungefähr jeder fünfte Vater
Couvade-Symptome zeigt«, sagt Harald Werneck
von der Universität Wien. Der Psycho­loge be­
schäftigt sich seit fast 20 Jahren mit der Väter­
forschung. »Beim ersten Kind liegt die Rate in
­jedem Fall höher als bei der zweiten oder dritten
Schwangerschaft.«
Die Unsicherheit rührt zum einen daher, dass
das Couvade-Syndrom keine offizielle medizi­ Wie die Mama,
nische Diagnose darstellt. Ob Männer bereits so der Papa?
Wachsender Bauch-
­daran leiden, wenn sie nur eine der vielen mög­
umfang ist das wohl
lichen Beschwerden erleben, oder ob mehrere ­häufigste Symptom
fotolia / Marco Santi

Symptome vorliegen müssen, ist nicht definiert. einer Ko-Schwangerschaft.


Amantini

12_2014 29
Au f ei n en B lic k Zum anderen ist in der Öffentlichkeit nahezu un­ die ein Kind erwarteten. Der Prolaktinspiegel
Väterlicher bekannt, dass es so etwas wie eine Ko-Schwanger­ stieg bei den Männern im Verlauf der Schwan­
schaft überhaupt gibt. »Viele, denen ich davon gerschaft deutlich an – parallel zu dem ihrer
»Brutpflege-
erzähle, können erst im Nachhinein ihre Sym­ Partnerinnen, wenn auch auf insgesamt viel
Modus«
ptome einordnen«, sagt Werneck. »Die sagen niedrigerem Niveau. Probanden mit höheren

1 Männer, deren Part­


nerin schwanger ist,
­weisen hormonelle
dann: Ach stimmt, jetzt, wo Sie’s erwähnen – das
war bei mir auch so!« Gerade unspezifische
Prolaktinwerten klagten zudem über mehr
­Couvade-Symptome wie Gewichtszunahme,
Veränderungen auf. Diese ­Symptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen Übelkeit oder emotionale Veränderungen.
könnten das »Couvade- oder Sodbrennen erklären sich werdende Väter Vom Sexualhormon Testosteron hingegen
Syndrom«, also schwan­
gerschaftsähnliche Symp- eher anders, etwa mit Überarbeitung. ­haben werdende Väter im Durchschnitt weniger
tome, hervorrufen. Noch im Blut als kinderlose Männer. Das ist allerdings
ist unklar, welchen Anteil
Hormone in Aufruhr
nicht immer auf die Schwangerschaft der Part­
die Psyche daran hat.
Auf die Idee, dass ihre Hormone Achterbahn nerin zurückzuführen. Studien zeigen, dass

2 Die Hormonumstel­
lung geht mit ge­
steigerter Fürsorge und
­fahren, weil sich ihr Körper auf die Pflege des
Nachwuchses einstellt, kommen Männer indes
­Männer in langfristigen, festen Partnerschaften
generell niedrigere Testosteronwerte haben als
Aufmerksamkeit gegen­ nur selten. Genau das könnte jedoch zumindest Singles. Nach der Geburt eines Kindes bleibt das
über Neugeborenen einige der Beschwerden erklären. Denn genau Testosteronlevel niedrig, und zwar insbesondere
einher.
wie bei Schwangeren lassen sich auch bei wer­ bei ­Vätern, die viel Zeit mit ihrem Nachwuchs

3 Der Übergang zur


Vaterschaft ist eine
psychische Umbruchszeit,
denden Vätern Änderungen im Hormonhaus­
halt nachweisen, etwa beim »Milchhormon«
verbringen, wie der Anthropologe Lee Gettler
2012 in einer Langzeitstudie nachwies. Über die
in der – genau wie bei Prolaktin. Bei Frauen reguliert dieser Botenstoff ­Gründe können Evolutionsbiologen bislang nur
Müttern – auch Depressi­ unter anderem den Zyklus, während der Schwan­ spekulieren: Ein niedrigerer Testosteronspiegel
onen gehäuft auftreten.
gerschaft sorgt er für Brustwachstum und die könnte etwa dafür sorgen, dass Väter weniger ris­
Bildung der Muttermilch. Männer haben eben­ kantes Verhalten an den Tag legen oder dass sie
falls geringe Mengen des Hormons im Körper. ihrer Partnerin eher treu bleiben.
Kanadische Wissenschaftlerinnen untersuch­ Der veränderte Hormonhaushalt fördert aber
ten im Jahr 2000 die Hormonwerte von Paaren, offenbar auch elterliche Qualitäten. Das zeigte

Männer im »Baby-Blues«

D ie Mehrzahl der Väter


erlebt die Zeit um die
Geburt ihres Kindes als sehr
Monaten nach der Geburt ihres
Kindes eine Depression erle-
ben – bei den Müttern ist diese
den Väter sind davon betroffen,
wie der Psychologe Kim Yiong
Wee von der australischen
positiv. Genau wie bei Müttern Rate sehr ähnlich. Häufig, so Deakin University 2009 bei
können sich jedoch in dieser Edward, gehe der väterlichen einer Auswertung der bishe-
Phase zuweilen Stress oder Depression ein Stimmungstief rigen Studien zum Thema
Sorgen zu seelischen Krisen der Partnerin voraus. folgerte. Besonders anfällig
auswachsen. So gibt es die Auch schon in den Wochen scheinen jene Väter zu sein,
postpartale Depression, in ihrer vor der Entbindung können deren Partnerin ebenfalls unter
harmloseren Ausprägung auch nicht nur Schwangere, sondern Depressionen leidet, die ihre
»Baby-Blues« genannt, bei auch ihre Partner in ein seeli­ Beziehungsqualität als schlecht
frischgebackenen Vätern eben- sches Tief geraten. Diese »ante- einschätzen und die wenig
falls. In einer Übersichtsarbeit natalen Depressionen« sind bei Unterstützung aus ihrem
aus dem Jahr 2014 schätzt die Müttern möglicherweise sogar sozialen Umfeld erfahren.
australische Psychologin Karen- häufiger als depressive Episo- Edward, K.-L. et al.: Am. J. Mens Health
Leigh Edward, dass etwa vier bis den nach der Entbindung. Auch 10.1177/1557988314526614, 2014;
Wee, K. Y. et al.: J. Affect. Disord. 130,
zehn Prozent aller Väter in den 2,5 bis 20 Prozent der werden­ S. 358 – 377, 2011

30 Gehirn und Geist


An alles gedacht?
Der Übergang zur Elternschaft stellt auch den
Vater in spe vor neue Herausforderungen.
dreamstime / Dmitry Kalinovsky

eine Studie der Psychologin Alison Fleming von dings nur von Arten, bei denen sich beide Eltern­
der University of Toronto. Sie zapfte Männern teile um die Aufzucht der Jungen kümmern. Das
im ­Labor Blut ab, spielte ihnen verschiedene sind lediglich rund zehn Prozent der Säugetier­
­Babyschreie vor und ließ sie im Anschluss jeweils arten, neben dem Menschen noch manche Pri­
ankreuzen, welche Emotionen das kindliche Ge­ maten, Wölfe, Füchse und einige Nagetiere. Die
brüll bei ihnen auslöste. Probanden mit höheren Drosselung des Testosterons bewirkt bei diesen
Prolaktin- und niedrigeren Testosteronwerten Arten etwa eine geringere Aggressivität der
waren den weinenden Säuglingen gegenüber Männchen gegenüber den Jungtieren, was sinn­
mitleidiger gestimmt und fühlten sich von dem voll ist, da Tötungen der eigenen Nachkommen
Geschrei eher zum Handeln aufgefordert. im Tierreich keine Seltenheit sind. Prolaktin und
Östradiol steigern bei beiden Geschlechtern die
Cortisol macht mütterlich
Fürsorglichkeit gegenüber dem Nachwuchs.
Eine ähnliche Wirkung könnte das als Stresshor­ Für biologisch orientierte Forscher steht da­
mon bekannte Cortisol erfüllen. Seine Konzen­ her außer Frage, dass die Hormonveränderungen
tration steigt während einer Schwangerschaft bei werdenden Vätern einen im Lauf der Evo­
ebenfalls an – bei Frauen wie bei ihren Partnern. lution entstandenen »Brutpflege-Modus« dar­
Laut der Biologin Katherine Wynne-Edwards stellen – und nebenbei mitunter schwanger­
von der University of Calgary ist das aber kein schaftsähnliche Symptome hervorrufen. Diese
Ausdruck von Stress, sondern wohl eine weitere Annahme klingt zwar plausibel, doch bestätigt
­Vorbereitung auf die Elternschaft. So sorgt ein ist sie bislang nicht. Denn noch ist unklar, wie
­erhöhter Cortisolspiegel bei Müttern von Neu­ Hormone und Verhalten genau zusammenhän­
geborenen dafür, dass sie mitfühlender auf gen. Erlebnisse und Erfahrungen können ihrer­
­Babyschreie reagieren und ihr eigenes Kind seits den Botenstoffhaushalt stark beeinflussen.
leichter am Geruch erkennen. Bei Männern sind So steigt der Prolaktinwert bereits als Reaktion
ähnliche Effekte wahrscheinlich. Sogar das weib­ auf einen einzigen Säuglingsschrei sprunghaft
liche Sexualhormon Östradiol, das auch im an, bei Männern wie bei Frauen. Väter mit zwei
männlichen Körper in geringen Mengen vorhan­ Kindern zeigen dabei einen größeren Anstieg als
den ist und das bei Müttern die Bindung zu Säug­ Erstväter, was vermutlich auf ihre Erfahrung mit
lingen fördert, steigt bei werdenden Vätern an. Kindern zurückzuführen ist. Zudem senkt be­
Fast identische Verschiebungen im Hormon­ reits eine kurze Interaktion mit einem Kleinkind
haushalt sind aus dem Tierreich bekannt – aller­ vorübergehend den Testosteronspiegel.

12_2014 31
Im Schwanger- Katherine Wynne-Edwards, die selbst in etli­ ten; die Beschwerden wären demnach also psy­

schaftswahn chen Studien den Einfluss von Hormonen auf chosomatisch. Warum allerdings ähneln die
das Elternverhalten untersucht hat, ist daher Symptome dann so auffällig denen der schwan­
In sehr seltenen Fällen
sind Männer davon ­zurückhaltend, was den direkten Einfluss der geren Frauen? Möglich ist laut Psychologen wie
überzeugt, selbst ­Botenstoffe angeht. Schon die väterlichen Quali­ Harald Werneck, dass es sich um eine Art unbe­
schwanger zu sein. Dann täten von Zwerghamstern etwa unterlägen weit wusster Imitation handelt: Insbesondere in en­
handelt es sich um eine
mehr Einflüssen als nur den bekannten Brut­ gen und vertrauensvollen Partnerschaften kön­
Wahnvorstellung, die
meistens im Rahmen pflege-Hormonen. Und was für den Hamster gilt, ne es passieren, dass ein Partner die Symptome
einer schizophrenen dürfte auf den Menschen erst recht zutreffen. des anderen unwillkürlich spiegelt. Auch bei
Psychose auftritt; aber gleichgeschlechtlichen Paaren tritt eine solche
auch Epilepsie und Eine neue Rolle annehmen Ko-Schwangerschaft übrigens häufig auf, zumin­
andere Hirnerkrankungen
können der Auslöser sein. Das führt zur Frage, ob die Ko-Schwangerschaft dest laut Berichten in Elternforen im Internet –
Manche Patienten erle­ auch psychische Ursachen haben könnte. Die Er­ Forschung gibt es zu dieser Version der Couvade
ben diesen Wahn, wäh­ wartungen an werdende Väter – etwa Vorstel­ bislang noch gar nicht.
rend ihre Partnerin
schwanger ist, andere lungen darüber, wie stark sie sich in der Erzie­ Tiefenpsychologische Deutungen des Phäno­
haben beispielsweise hung einbringen sollten – unterschieden sich mens existieren ebenfalls. Demnach sollen die
Bauchschmerzen, die sie schon immer zwischen verschiedenen Kulturen Beschwerden zum Beispiel Ausdruck eines unbe­
fehlinterpretieren. Meist
und Epochen, wovon nicht zuletzt die ethnolo­ wussten männlichen Gebärneids sein oder der
bleibt aber unklar, wes­
halb genau diese Wahn­ gischen Couvade-Berichte zeugen. Immer han­ Sorge entspringen, für die Partnerin bald nicht
vorstellung auftritt. delt es sich aber, zumindest beim ersten Kind, mehr im Mittelpunkt zu stehen. Der Wiener Psy­
um eine Umbruchphase, in der es einige psycho­ chologe Harald Werneck hält das für wenig plau­
logische Herausforderungen zu meistern gilt. So sibel. Allerdings, räumt er ein, gebe es bislang
will beispielsweise die neue Rolle in das Selbst­ noch überhaupt keine wirklich überzeugende Er­
bild integriert, das Verhältnis von Familien- und klärung des Syndroms. Dazu seien einfach noch
Arbeitsleben geklärt oder die eigene soziale Ab­ zu viele Fragen offen.
sicherung überdacht werden. Manche Vertreter der biologistischen Sicht­
Es wäre naheliegend, solche Stressoren als weise etwa nehmen an, dass Pheromone den
Auslöser von Couvade-Symptomen zu betrach­ Hormonhaushalt des Vaters durcheinanderwir­
beln, chemische Botenstoffe also, die vom Kör­
per der schwangeren Partnerin ausgesendet und
durch die Luft übertragen werden. Bei Tieren ist
eine solche Verbindung vielfach nachgewiesen.
Ob Menschen aber überhaupt ein Sinnesorgan
haben, mit dem sie Pheromone wahrnehmen
könnten, ist bis heute umstritten. Am plausi­
belsten erscheint Harald Werneck, dass es Wech­
selwirkungen zwischen psychischen Prozessen
und dem Hormonspiegel gibt: »Bei Vätern, die
offen für die Elternschaft sind und den Sym­
ptomen ihrer Partnerin mehr Aufmerksamkeit
schenken, kommt es vermutlich auch auf physi­
ologischer Ebene zu größeren Veränderungen.«
Vergleichsweise einfach zu erklären – ganz
ohne Hormonanalysen und Tiefenpsychologie –
ist dagegen wohl das häufigste Symptom einer
Marco Finkenstein

Parallelschwangerschaft: dass auch Männer an


Gewicht zulegen, wenn ihre Partnerin in anderen
Umständen ist. In der Onlineumfrage eines bri­
tischen Marktforschungsunternehmens, an der

32 Gehirn und Geist


Couvade in anderen Kulturen

D ie »Couvade« ist ursprüng-


lich ein Begriff aus der
Ethnologie und meint bestimm­
bis Monaten. Ebenfalls relativ
häufig ist der Brauch, dass die
Männer sich mit den Frauen
legten sich die Väter früher
selbst wie Kranke ins Bett und
ließen sich pflegen, während
te Bräuche und Verhaltens­ gemeinsam ins Kindbett legen die gerade entbundenen Frauen
vorschriften, die Väter in tradi­ und sich dort von Freunden und wieder ihrem Alltag nachgin-
tionellen Gesellschaften rund Verwandten besuchen lassen – gen und beispielsweise für die
um die Geburt eines Kindes im Baskenland oder auf den Männer kochten. Gemeinsam
befolgen müssen. Weltweit Balearen war das noch bis ist den meisten dieser Rituale,
verbreitet sind die Verbote ins 19. Jahrhundert üblich. In dass sie das neugeborene Kind
bestimmter Speisen oder eine einigen Kulturen, etwa in der vor Krankheiten oder bösen
Jagdpause von mehreren Tagen chinesischen Provinz Yunnan, Geis­tern schützen sollen.

rund 5000 Männer teilnahmen, wog der väter­ fuhr anfuttern oder ob die Ko-Schwangerschaft
liche Babybauch im Durchschnitt sogar mehr als vielleicht ihren Stoffwechsel verändert, ist noch
sechs Kilo! Die Befragten hatten für diese part­ unklar.
nerschaftlichen Fettpolster eine ganze Reihe von Hormonschwankungen, solidarische Kopf­
Erklärungen parat: Sie seien mit ihrer Lebensge­ schmerzen, zusätzliche Speckpolster: Viele der
fährtin öfter essen gegangen als sonst, im Haus­ Couvade-Symptome deuten schlicht darauf hin,
halt hätten mehr Knabbereien und Süßkram he­ dass sich die Männer auf die Zeit nach der Geburt
rumgelegen, und ihre schwangeren Frauen hät­ und ihre neuen Aufgaben vorbereiten. Was letzt­
ten viel größere Portionen gekocht als üblich. lich nicht nur den Müttern zugutekommt, son­
dern auch dem Nachwuchs. Denn in den letzten
Äffchen mit Plauze Jahren häufen sich die wissenschaftlichen Er­
Inwieweit diese Erklärungen für das plötzliche kenntnisse dazu, dass väterliches Engagement
Bauchwachstum ausreichen, sei einmal dahinge­ Kindern guttut: Übernimmt der Vater eine aktive
stellt, tatsächlich aber teilen menschliche Väter Rolle in der Erziehung, haben sie seltener Schul­
dieses Schicksal mit ihren »Leidensgenossen« probleme, zeigen weniger Verhaltensauffällig­
bei anderen Spezies. Wissenschaftler vom Pri­ keiten und sind emotional ausgeglichener. Quellen
Ganapathy, T.: Couvade
matenforschungszentrum im US-Bundesstaat Sollte das noch kein ausreichender Trost für Syndrome among 1st Time
Wisconsin berichteten 2006, dass auch bei zwei werdende Väter mit Couvade-Symptomen sein, Expectant Fathers. In: Muller
Arten von Krallenäffchen, nämlich den Weiß­ dann vielleicht die Tatsache, dass genau wie bei Journal of Medical Science
and Research 5, S. 43 – 47,
büschel- und den Lisztaffen, die Partner von den Müttern die meisten Symptome reversibel
2014
trächtigen Weibchen schwerer werden. Manche sind. »Sobald bei der Partnerin nach der Geburt Gettler, L. T. et al.: Prolactin,
Exemplare brachten kurz vor der Geburt sogar wieder alles beim Alten ist, bessert sich das Be­ Fatherhood, and Reproduc-
20 Prozent mehr auf die Waage! finden der Männer üblicherweise ebenfalls«, sagt tive Behavior in Human
Males. In: American Journal
Bei beiden Arten kümmern sich die Männ­ Harald Werneck. »Aber dass die überschüssigen
of Physical Anthropology
chen mindestens genauso viel um den Nach­ Kilo nicht wieder verschwinden, soll es natürlich 148, S. 362 – 370, 2012
wuchs wie die Weibchen. Die Forscher vermuten, auch geben.« Ÿ Storey, A. E. et al.: Hormonal
Correlates of Paternal
dass die zusätzlichen Gramm auf den Rippen die
Responsiveness in New and
Äffchen fit für die Brutpflege machen. So müssen Joachim Retzbach ist Diplompsycholo- Expectant Fathers. In:
sie nach der Geburt etwa ständig ihre Jungen ge und freier Wissenschaftsjournalist. Evolution and Human
­herumtragen, die bis zu einem Fünftel ihres ei­ Während der Schwangerschaft seiner Behavior 21, S. 79 – 95, 2000
Frau war ihm zwei Tage lang übel – bei
genen Körpergewichts wiegen können. Das ver­
der Recherche nach den möglichen Weitere Quellen im Internet:
braucht viel Energie. Ob die Primatenväter sich Gründen stieß er auf die Forschung www.spektrum.de/artikel/
ihre Reserven einfach durch größere Kalorienzu­ zum »Couvade-Syndrom«. 1313525

12_2014 33
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Gute Frage !

Wie beeinflussen
Medienberichte über
Selbsttötungen
die Suizidrate?

Haben Sie
eine Frage In Goethes Roman »Die Leiden des jungen
Werthers« nimmt sich der Titelheld aus Gram
über die unerwiderte Liebe zur schönen Char­
option erhöht. Das bedeutet: Wer zuvor schon
verzweifelt war, bekommt möglicherweise einen
Weg aufgezeigt, den er sonst – ohne »Vorbild« –
an unsere
lotte das Leben. Das Buch sorgte Ende des 18. nicht gegangen wäre.
­Experten?
Jahrhunderts in ganz Europa für Begeisterung, Viele sehen den Suizid vorrangig als einen
Dann schreiben Sie
führte aber auch zu einer Reihe von Nachah­ »Freitod«, als bewusste Entscheidung eines Men­
mit dem Betreff 
»Gute Frage!« an: mungs-Suiziden – der schen, aus dem Leben

gehirn-und-geist@
»Werther-Effekt« war Nach dem Freitod des National­ zu scheiden. Diese
spektrum.de geboren. Bis heute Vorstellung heroisiert
torhüters ­Robert Enke stieg
­finden sich zahlrei- suizidale Handlungen
die Zahl der Schienen­suizide
che Belege für dieses aber unnötig: Hin­ter­
Phänomen. Berichten deutlich grund ist in über 90
Me­dien ausführlich Prozent der Fälle eine
über Selbsttötungen von Prominenten, steigt die nicht optimal behandelte psychiatrische Erkran­
Suizidrate in der Bevölkerung daraufhin meist kung. Die Mehrzahl der Suizide steht in Verbin­
merklich an. dung mit einer Depression oder einer schizo­
So auch im Fall des Nationaltorhüters Robert phrenen Psychose, häufig sind auch Alkohol-
Enke, der sich im Jahr 2009 an einem Bahn­ oder Drogenprobleme im Spiel.
übergang vor einen Zug warf. In den Tagen da­ Der kritische Moment, der zur Selbsttötung
nach kam es zu ­einer deutlichen Zunahme der führt, ist oft nur kurz. Häufig ist es eine akute Kri­
so genannten Schienensuizide. In einer eigenen se, die zu dem Gedanken führt, sich selbst ­etwas
Untersuchung konnten wir aber auch einen antun zu wollen. Wird diese überstanden, sieht
­bedenklichen Langzeiteffekt nachweisen: Diese die Welt bald wieder hoffnungsvoller aus. Nach
Todesart trat in den zwei Jahren nach Enkes Tod meiner Erfahrung sind die meisten Menschen
knapp 19 Prozent häufiger auf als in den zwei nach einem »gescheiterten« Suizidversuch sehr
­Jahren zuvor. Die Nachahmer waren oft ähnlich dankbar, weiterhin am Leben zu sein, auch wenn
alt und meist ebenfalls männlich. es oft bittere Seiten hat.
Doch wie kommt es zu diesem Effekt? Wir Die Selbsttötung wird häufig als eine nach­
­gehen davon aus, dass die Bericht­erstattung vollziehbare Reaktion auf schwierige Lebens­um­
die »kognitive Verfügbarkeit« dieser Handlungs­ stände angesehen. Meist muss nicht lange ge­

36 Gehirn und Geist


Gehirn und Geist

sucht werden, um auf vermeintliche Ursachen schaulich und detailliert über Geschehnisse von
zu stoßen: Bei jungen Leuten ist es womöglich öffentlichem Interesse zu informieren. Anderer­
Liebeskummer, bei Berufstätigen der Stress im seits haben gerade diese emotionalen Beschrei­
Job, bei älteren Menschen die Angst vorm Senio­ bungen oft fatale Konsequenzen.
renheim oder eine schwere körperliche Krank­ Wir von der Stiftung Deutsche Depressions­
heit. Diese äußeren Faktoren werden in ihrer hilfe haben deswegen Richtlinien für die Bericht­
­Bedeutung oft überschätzt. Auch schlimmste erstattung über Suizide entwickelt. In unserem
Belas­tungen bieten für sich genommen noch Leitfaden raten wir beispielsweise davon ab, de­ Webtipp
Hegerl, U. et al.: Empfehlun­
keinen Grund für einen Suizid. Das zeigt etwa tailliert auf Ort und Methode der Selbsttötung gen zur Berichterstattung
eine Studie aus Großbritannien, in der die Kran­ einzugehen. Auch ergreifende, dramatisch zu­ über Suizid: Wie Journalisten
kenakten von Millionen hausärztlichen Patien­ gespitzte Schilderungen der scheinbaren Be­weg­ Nachahmungstaten verhin­
dern können
ten aus­gewertet wurden, darunter auch solchen, gründe er­höhen die Gefahr eines »Werther-­
www.deutsche-depressions
die sich das Leben genom­men hatten. Effekts«. hilfe.de/stiftung/bilder/
Bei 3,4 Prozent der Suizidopfer war zuvor Meistens gehen solche Handlungen schlicht Medienguide_2014.pdf
Krebs diagnostiziert worden. In einer Kontroll­ auf eine nicht behandelte psychiatri­sche Erkran­
gruppe, die hinsicht­ kung zurück – und Quellen
Hegerl, U. et al.: One Follo­
lich Alter und Ge­ Wird ein Suizid in den Medien sollten auch so darge­
wed by Many? – Long-Term
schlecht vergleichbar stellt werden. Oft bie­
zur Heldentat stilisiert, Effects of a Celebrity Suicide
war, lag der Anteil de­ tet es sich an, im Arti­ on the Number of Suicidal
rer mit einer Krebsdi­
steigt die Gefahr eines »Werther- kel auf Krisentelefone Acts on the German Railway
Effekts« Net. In: Journal of Affective
agnose bei 3,2 Prozent, und Kontakt­ad­res­sen
Disorders 146, S. 39 – 44, 2013
also nur unwesentlich für gefährdete Men­ Webb, R. T. et al.: Suicide Risk
niedriger. Bei anderen schweren Erkrankungen schen hinzuweisen. Medien tragen hier eine in Primary Care Patients with
Major Physical Diseases:
stießen die Forscher auf ähnliche Ergebnisse. große Verantwortung: Suizide sind schreckliche,
A Case-Control Study. In: Ar­-
Zum Suizid führte also nicht die Krankheit, son­ vermeidbare Ereignisse, die zudem noch trau­ chives of General Psychiatry
dern vermutlich eine nicht erkannte oder nur matisierte Angehörige zurücklassen. 69, S. 256 – 264, 2012
unzureichend behandelte Depression. Ziegler, W., Hegerl, U.: Der
Werther-Effekt. Bedeutung,
Bei der Berichterstattung über Selbsttötungen
Ulrich Hegerl ist Professor für Psychiatrie am Univer­ Mechanismen, Konsequen­
stehen die Medien vor einem Di­lemma: Einer­ sitätsklinikum Leipzig. Seit 2008 leitet er die Stiftung zen. In: Der Nervenarzt 73,
seits bedeutet gute journalis­tische Arbeit, an­ Deutsche Depressionshilfe. S. 41 – 49, 2002

12_2014 37
tite lth e m a N o n ve r ba l e Kom mu n i kation

Was der Körper verrät


Gestik, Mimik oder die Körperhaltung sind wichtige Kommunikationsmittel, die
wir meist unbewusst einsetzen. Deshalb glauben viele Menschen, n
­ onverbale
­Signale sagten mehr als Worte über die »wahren Gefühle« des Gegen­übers. Doch
lässt sich das wissenschaftlich bestätigen?
Text: Ann a Goj ows ky u n d Ann a G i e l as ] Fotos : Manfr ed Zents c h
Gehirn und Geist / Manfred Zentsch

38 Gehirn und Geist


E
rstaunen und Unglauben spiegeln dazu, Suggestion, geschickte Gesprächsführung,
sich in den Gesichtern der Zuschauer. die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Vor allem
Thorsten Havener hat es auf Anhieb aber, meint Havener, sei er ein genauer Beobach­
geschafft, den Mörder zu entlarven! ter. Er analysiere die nonverbalen Signale seines
Es war der junge Mann, der so un­ Gegenübers: von der Gestik, Stimme, Körperhal­
schuldig wirkte. Die Kandidaten aus dem Pub­ tung bis hin zu kleinsten Details in der Mimik.
likum waren per verdeckt gezogener Kärtchen Aber verrät unsere Körpersprache wirklich,
zu Opfer, Zeuge, Gärtner oder Mörder erklärt was wir denken und fühlen? Diese Frage beschäf­
worden. Während des Detektivspiels versuchten tigt Wissenschaftler nicht erst seit heute. Schon
sie, ihre Identität zu verbergen: Auf die Fragen Anfang des 17. Jahrhunderts erklärte der eng­
des charismatischen Entertainers antworteten lische Philosoph Francis Bacon die »body lan­
alle dasselbe. Aber Havener schien ihre Gedan­ guage« zum entscheidenden Element unserer
ken zu lesen. Am Ende ordnet er jedem die kor­ Kommunikation. »Wie der Mund dem Ohr zu­
rekte Rolle zu. Und alle fragen sich: Wie macht flüstert, so flüstert die Bewegung dem Auge zu«,
der Mann das? schrieb er 1605. Wer Gesten und Mimik durch­
Gedanken lesen könne er nicht, beruhigt der schaue, sei deutlich im Vorteil. Man solle sich
gelernte Dolmetscher auf Nachfrage. Bei man­ ­daher eingehender mit der Körpersprache be­
chen Nummern kommen Zaubershow-Elemente fassen, riet Bacon.
Gehirn und Geist / Manfred Zentsch

Hand aufs Herz


Drückt diese Geste immer Ehrlichkeit aus? Abhängig
von Mimik und ­Körperhaltung kann sie jeweils unter-
schiedlich wirken – von reumütig bis selbstbewusst.

12_2014 39
Au f ei n en B lic k Tatsächlich beschäftigte diese Idee über die Eine 2014 publizierte Studie von Adam Ander­
Sensibel für Jahrhunderte viele Forscher. Doch ­dauerte es son und seinem Team an der Cornell University
Signale noch lange, bis sich daraus ein eigenständiger deutet darauf hin, dass einige menschliche Ge­
Wissenschaftszweig entwickelte. Erst ab Mitte sichtsausdrücke früher tatsächlich eine sinn­
1 Körpersprache er­
leichtert die Kommu­-
nika­tion. Sie vermittelt
der 1960er Jahre nahmen renommierte For­
schungseinrichtungen wie die Stanford Univer­
volle Anpassung an Gefahrensituationen dar-
stellten. Anderson untersuchte, wie sich die visu­
zusätzliche Informatio­ sity die »nonverbale Kommunikation« systema­ elle Leistungsfähigkeit mit der Mimik verändert.
nen, macht deutlich, wie
tisch ins Visier. Sie umfasst nicht nur sichtbare Als seine Probanden die Augen angstvoll aufris­
etwas gemeint ist, und
beugt Missverständnis­ Bewegungen des Körpers wie Mimik, Gestik und sen, nahmen sie auf Grund des stärkeren Licht­
sen vor. Körperhaltung. Psychologen beob­achten bei­ einfalls im Test winzige Lichtpunkte leichter

2 Die Annahme, einzel­


ne Gesten offenbarten
die wahren Gefühle des
spielsweise auch, auf welche Weise jemand
spricht, ob laut, leise, flüssig, stockend, melo­
wahr. Rümpften sie dagegen vor Abscheu die
Nase und kniffen die Augen zusammen, konnten

Gegenübers, ist jedoch disch oder monoton. sie Details besser unterscheiden – sie sahen also
falsch. Was sie bedeuten, Heute finden Untersuchungen zur Körper­ schärfer.
hängt stark von der jewei­ sprache an Instituten auf der ganzen Welt statt. Der Ursprung von Gesten liegt zwar weit ge­
ligen Situation ab.
Sie liefern uns ständig neue Einsichten und hend im Dunkeln. Doch könnte es ein geschick­

3 Dennoch kann man


seine Fähigkeit trai­
nieren, die Körpersprache
­stellen manches in Frage, was wir über Körper­
sprache schon zu wissen glaubten. »Gehirn und
ter Schachzug unserer nichtsprechenden Vor­
fahren gewesen sein, ihr jeweiliges Anliegen
anderer zu lesen. Dabei Geist« beantwortet neun große Fragen zur non­ durch Nachspielen der Handlung zu verdeutli­
hilft vor allem ein Feed­ verbalen Kommunikation auf Basis des aktu­ chen. Heute weiß man: Beim bloßen Beobachten
back, ob man mit seiner
ellen Stands der Forschung. einer Bewegung werden im Gehirn die gleichen
Einschätzung richtigliegt.
Regionen aktiv wie beim Ausführen. Dieses
1. Wie entstand ­mentale Spiegeln erleichtert es uns, die Absicht
die Körpersprache? anderer zu erkennen.
Lee, D. H. et al.: Psychological Science 25, S. 745 – 752, 2014
Dazu existieren bis heute verschiedene An­
sichten. In seiner Abhandlung »Der Ausdruck der
Gemütsbewegungen bei dem Menschen und 2. Sind Gesten und Mimik in
den Tieren« fragte bereits der englische Natur­ allen Kulturen identisch?
forscher Charles Darwin (1809 – 1882): »Warum
nehmen unsere Emotionsausdrücke besondere Das trifft nur auf einen Teil der nonverbalen
Formen an? Warum kräuseln wir die Nase, wenn ­Signale zu. Denn im Gebrauch von Gesten gibt es
wir angewidert sind, und reißen die Augen weit von Land zu Land viele Unterschiede, man denke
auf, wenn uns Angst überfällt?« Der Begründer nur an »unser« Nicken und Kopfschütteln, das
der Evolutionslehre kam zu dem Schluss, die in Indien unweigerlich zu Missverständnissen
wichtigsten Emotionsausdrücke (und unsere Fä­ führt. Laut der Psychologin Cornelia Müller von
higkeit, sie zu erkennen) seien angeboren. der FU Berlin gibt es überhaupt keine angebo­
Den Ausdruck von Überraschung etwa – renen Gesten. Sie werden erlernt, sind kulturell
­hochgezogene Augenbrauen, große Augen und geprägt und taugen daher nur begrenzt als uni­
geöffneter Mund – beobachtete er in verschie­ verselles Verständigungsmittel.
denen Kulturen, bei blind und taub geborenen Doch wie steht es mit der Mimik? Darwin
Kindern und sogar bei einigen Tieren. Die Mimik ­vermutete als Erster, dass Menschen überall auf
erfülle dabei nicht nur eine kommunikative der Welt ihre Emotionen mit denselben Gesichts­
Funktion, sondern auch eine biologische, speku­ ausdrücken begleiten. Der Psychologe Paul Ek­
lierte Darwin: Bei Überraschung »öffnen wir die man griff dies auf und machte schon vor gut
Augen weit, damit das Gesichtsfeld vergrößert 40 Jahren auf Papua-Neuguinea Ureinwohner
wird«. So könnte die Mimik unseren Vorfahren ausfindig, die bis dahin nicht mit westlicher
beim ­Erkennen und Einschätzen unmittelbarer ­Kultur in Berührung gekommen waren. Der For­
Gefahren geholfen haben. scher stellte ihnen die Aufgabe, Geschichten, in

40 Gehirn und Geist


denen es um ganz bestimmte Emotionen ging, nen. Vielmehr bilden Menschen aus verschie­
die passenden Gesichtsausdrücke zuzuordnen. denen Kulturen vermutlich auch verschiedene
Prompt wählten sie die gleichen wie westliche innere – das heißt im Gehirn verankerte – Reprä­
Probanden. Ekman kam zu dem Schluss, dass sentationen von Emotionen.
es mindes­tens sechs Basisemotionen gebe, die Ekman, P.: American Psychological Association 48, S.
Menschen kulturübergreifend aus der Mimik 384 – 392, 1993; Gendron, M. et al.: Emotion 14, S. 251 – 
­lesen könnten: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Trauer 261, 2014

und Überraschung.
Zusammen mit seinem Kollegen Wallace Frie­ 3. Sagt ein Blick mehr
sen entwickelte Ekman das »facial action coding als »tausend Worte«?
system«. Es beschreibt mimische Ausdrücke
durch klar definierte Bewegungseinheiten (ac­ »Körpersprache macht 93 Prozent unserer Kom­
tion units). Die Mimik des Ekels entsteht dem­ munikation aus.« Diese Zahl spukt seit fast
nach bei allen Menschen durch das Zusammen­ einem halben Jahrhundert durch die Populär­
Gehirn und Geist / Manfred Zentsch

spiel von drei »action units«: Nr. 9 – Naserümp­ literatur. Sie geht auf den Psychologen Albert Zusammenspiel
fen, Nr. 15 – Herabziehen der Mundwinkel, und Mehrabian zurück. In zwei Studien aus dem Jahr Den Gesichtsausdruck
und die Stellung der
Nr. 16 – Nach-unten-Ziehen der Unterlippe. 1967 hielt der Forscher fest: »Unsere Kommuni­
Hände nehmen wir
Verschiedene Forscher relativieren jedoch die kation wird zu sieben Prozent durch den sprach­ unwillkürlich als Einheit
Hypothese von den universellen Basisemotio­ lichen Inhalt, zu 38 Prozent durch den stimm­ wahr – das erscheint
nen. Ein Team um die Psychologinnen Maria lichen Ausdruck und zu 55 Prozent durch die hier mal distanziert, mal
ab­wägend.
Gen­dron und Lisa Feldman Barrett legte Proban­ ­Mimik bestimmt.« Heute gilt Mehrabians be­
den aus dem namibischen Hirtenvolk Himba rühmtes Zitat als »die 7-38-55-Regel«. Allerdings
zahlreiche Porträtfotos vor. Darauf zeigten Afro­ gefällt das dem Forscher selbst gar nicht: Seine
amerikaner verschiedene Gefühlsregungen. Die Studie hatte sich lediglich auf die Situation bezo­
Himba sollten die Bilder nach den jeweils darge­ gen, in der jemand über Persönliches spricht.
stellten Gefühlen sortieren. Würden die Proban­ Hier lässt sich anhand der Körpersprache beson­
den die Fotos gemäß den Basisemotionen eintei­ ders leicht erraten, was die Person empfindet.
len? Wie die Forscher 2014 berichteten, fassten ­Zudem widerlegen ­zahlreiche Studien die All­
die Namibier zwar jeweils alle lächelnden und gemeingültigkeit der 7-38-55-Regel. Trotzdem
alle angstvollen Porträts zusammen. Ärger, Ekel halten sich Mehrabians Prozentwerte weiterhin
und Traurigkeit dagegen vermischten sie weit hartnäckig.
stärker als westliche Probanden. Das bedeutet Fest steht: Mimik und Gestik tragen messbar
nicht, dass sie Gesichter schlechter ­lesen kön­ dazu bei, dass wir unsere Mitmenschen verste­

12_2014 41
hen und ein eigenes Anliegen effektiv zu vermit­ ihm gut, aber seine Körpersprache signalisiert
teln. In einer 2010 publizierten Studie von Trevor das Gegenteil, trauen wir eher unseren Augen.
Dodds vom Max-Planck-Institut für biologische Andersen, P. A.: Nonverbal Communication: Forms and
Kybernetik in Tübingen kommunizierten jeweils Functions. McGraw-Hill, New York 1999; Dodds, T. et al.:
zwei Freiwillige über Avatare, wobei die Armbe­ PLoS One 6, 2011; Hargie, O.: Skilled Interpersonal
Interaction: Research, Theory, and Practice. Routledge,
wegungen der realen Spieler erfasst und abgebil­
London 2011
det wurden. Wie beim bekannten Gesellschafts­
spiel »Tabu« sollte jeweils einer der beiden ein
bestimmtes Wort wie zum Beispiel »Schwim­ 4. Kann man Lügner durch
men« beschreiben, ohne die eigentliche Vokabel ihre Körpersprache über-
preiszugeben. Der Mitspieler musste den Begriff
führen?
erraten. Die Forscher beobachteten, dass die
Paare deutlich erfolgreicher bei diesem Spiel wa­ Ausweichender Blick und zitternde Hände sind
ren, wenn beide, Beschreiber und Zuhörer, Ges- kein untrügliches Zeichen für eine Täuschung.
ten einsetzten, die auf den Avatar übertragen Und Lügner blicken auch nicht in die linke un­
wurden. Blieb einer der Avatare dagegen bewe­ tere Ecke, wie manche behaupten. Tatsächlich
gungslos, schnitten sie wesentlich schlechter ab kann fehlender Blickkontakt so viele Ursachen
und errieten innerhalb von drei Minuten rund haben, dass man wohl öfter verkehrt- als richtig­
zwei Wörter weniger. liegt, hält man sich an diese Binsenweisheit. Die

Gehirn und Geist / Manfred Zentsch

Verräterisches Andere Studien belegen, dass wir uns beson­ amerikanischen Psychologen Charles Bond Jr.
­Fingerspiel ders dann an der Körpersprache orientieren, und Bella DePaulo haben in einer Metastudie
Nicht unbedingt ein wenn der Wortlaut die Absicht einer Frage nicht mehr als 200 Untersuchungen zur Körper­
Zeichen von Unsicher-
heit: Wer die Hand zum eindeutig erkennen lässt: etwa wenn uns ein sprache von Lügnern analysiert. Sie stellten fest:
Ohr oder ans Kinn führt, Fremder fragt, was wir am Abend vorhätten. Laut Im Durchschnitt entlarven wir Unwahrheiten in
unterstreicht damit dem nordirischen Forscher Owen Hargie erah­ nur 54 Prozent aller Fälle. Demnach könnten wir
womöglich nur seinen
nen wir dann auf Grund der nonverbalen Kom­ ebenso gut raten oder eine Münze werfen.
Unglauben.
munikation, ob die Person beispielsweise auf ein Das bedeutet aber nicht, dass die Körperspra­
Rendezvous mit uns aus ist oder nur aus höf­ che keinerlei Hinweise darauf liefert, ob jemand
lichem Interesse fragt. Und bei Widersprüchen etwas zu verbergen hat. Auch darüber, wie gut
zwischen Wort und Gestik, so das Resultat einer ­Sicherheitspersonal oder Forensiker Kriminelle
weiteren Studie, verlassen wir uns stärker auf die anhand ihres nonverbalen Verhaltens identifi­
non­verbalen Signale als auf den Wortlaut. Be­ zieren können, sagen die allermeisten Studien
hauptet unser Gegenüber zum Beispiel, es gehe kaum etwas aus, meint Julia Shaw von der Uni­

42 Gehirn und Geist


versity of British Columbia in Okanagan (Kana­ mehr geistige Kapazitäten in Anspruch nimmt:
da). Denn die Studiendesigns bildeten die Reali­ Während man die Wahrheit automatisch erzählt,
tät nur ungenügend ab: Lügen mit einem hohen muss man sich beim Lügen auf die fingierte Ge­
emotionalen Einsatz, wie das Leugnen von Mord schichte konzentrieren und die Wahrheit unter­
oder Waffenbesitz, haben eine ganz andere Qua­ drücken. Gleichzeitig beobachtet der Lügende
lität als Falschaussagen im Rahmen eines psy­ meist das Verhalten des Gegenübers, um zu se­
chologischen Tests. hen, wie die Lüge aufgenommen wird, und kon­
Für ihre eigene Studie nutzte Shaw Videos, trolliert die eigene Körpersprache, um sich nicht
in denen es um Lügen größten Kalibers ging:­ zu verraten. Vor lauter Anstrengung brauchen
Die Filme zeigten Menschen, die öffentlich nach Lügende laut Vrij länger für ihre Antworten und
vermissten Verwandten suchten. In der Hälfte halten Hände und Füße deutlich ruhiger.
der Fälle hatten sich die Betreffenden aber später Die brenzlige Situation lässt sich für die
als Mörder der Verwandten herausgestellt. Un­ Schwindler weiter zuspitzen, in dem man ihnen
geschulte Kontrollpersonen tippten höchstens unauffällig noch mehr Leistung abverlangt.
zufällig richtig auf einen Verbrecher. In einem Demnach würde die Aufmerksamkeit der Lüg­
Workshop lernten Psychiater, Psychologen und ner sichtlich leiden, wenn sie nebenbei eine
Juristen, mit überholten Vorstellungen zur ­Aufgabe wie Autofahren erledigen müssen. Au­
­Lügendetektion aufzuräumen und tatsächliche ßerdem beobachtete Vrij, dass Täuschungen
Hinweise zu beachten. Danach erkannten sie die leichter durchschaubar werden, wenn der Be­
Schuldigen immerhin zu 81 Prozent! treffende Blickkontakt zu seinem Gegenüber
Paul Ekman und Maureen O’Sullivan testeten ­halten muss.
rund 20 000 Menschen auf ihre Fähigkeit, Täu­ Umgekehrt zeigen Untersuchungen, dass wir
schungen zu identifizieren. Laut den Forschern eher zu bestimmten Handbewegungen neigen,
erreichten etwa 50 von ihnen eine Trefferquote wenn wir die Wahrheit sagen: So scheint der Aus­
von rund 80 Prozent. Diese Menschen besäßen druck »Hand aufs Herz« mehr als nur eine Rede­
zum Beispiel die Fähigkeit, sehr flüchtige Ge­ wendung zu sein. Die polnischen Psychologen
sichtsentgleisungen zu erfassen, erklärt Ekman. Michal Parzuchowski und Bogdan Wojciszke ha­
Solche »Mikroexpressionen« dauerten nur Se­ ben in einem Experiment beobachtet, dass Pro­
kundenbruchteile und seien willentlich schwer banden ehrlicher sind, wenn sie ihre Hand auf
zu unterdrücken. Am ehesten fanden die For­ die Brust legen. Anderen Studien zufolge deuten
scher solche außergewöhnlichen Lügen­detek­ auch ausgestreckte, offene Handflächen auf ei­
toren tatsächlich unter den Geheimdienstlern. nen aufrichtigen Sprecher hin.
Fazit: Durch Analyse der Körpersprache kann Dennoch warnen Körpersprache-Experten
kein Verbrecher mit Sicherheit überführt wer­ wie der Psychologe David McNeill von der Uni­
Im Durchschnitt
den. Aber sie kann manchmal als Entscheidungs­ versity of Chicago vor Verallgemeinerungen:
grundlage dienen, ob es sich lohnt, noch einmal Eine Geste kann je nach Situation unterschiedli­
entlarven wir
genauer hinzuschauen. che Bedeutungen besitzen. So mögen nach oben Lügen nur in 54
Bond, C. Jr., DePaulo, B. M.: Personality and Social Psycho- hin geöffnete Handflächen die Ehrlichkeit des Prozent der Fälle.
logy Review 10, S. 214 – 234, 2006; Shaw, J. et al.: Journal Sprechers unterstreichen oder aber ein ­Ausdruck Demnach könn-
of Forensic Psychiatry and Psychology 24, S. 145 – 159, für Bittstellung sein: »Ich möchte etwas von dir,
2013 ten wir ebenso
bitte gehe auf meinen Wunsch ein!« Kurzum:
Nicht nur das Lügen, sondern auch die Wahrheit gut raten oder
5. Welche Indizien deuten auf lässt sich nicht ohne Weiteres an einzelnen Ele­ eine Münze wer-
eine Lüge hin? menten der Gestik oder Mimik ablesen. fen. Das bedeutet
aber nicht, dass
Eine Möglichkeit, der Wahrheit auf den Grund zu McNeill, D.: Gesture and Thought. University of Chicago

gehen, stellt der »cognitive load approach« von


Press, Chicago 2005; Parzuchowski, M. et al.: Cognitive Körpersprache
Processing 15, S. 237 – 244, 2014; Vrij, A. et al.: Journal of
Aldert Vrij dar. Der US-Psychologe vertritt die Investigative Psychology and Offender Profiling 5, S.
keine Hinweise
Ansicht, dass Lügen im Vergleich zu Ehrlichkeit 39 – 43, 2008 liefert

12_2014 43
6. Verstehen Frauen Körper- ten sie Luftküsse? Ergebnis: Mädchen nutzten ei­
sprache besser als Männer? ne größere Bandbreite an Gesten als Jungen.
Eriksson, M. et al.: British Journal of Developmental
Im Verbalen sind Frauen laut Studien oft etwas Psychology 30, S. 326 – 343, 2011; Montagne, B. et al.:
talentierter als Männer. Aber gilt das auch für Cognitive Processing 6, S. 136 – 141, 2005; Sokolov, A. et
al.: Frontiers in Psychology 2, 16, 2011
die Körpersprache? Untersuchungen zeigen:
Wäh­rend Frauen Gefühle besser aus der Mimik
als aus dem Tonfall erkennen können, ist es bei 7. Wie verarbeitet das Gehirn
Männern oft umgekehrt. nonverbale Informationen?
Und nicht nur die Ebene, auf der nonverbale
Informationen transportiert werden, spielt eine Einiges deutet inzwischen darauf hin, dass Spra­
Rolle, sondern auch, um welche Gefühle es geht: che und Körpersprache im Gehirn gemeinsame
Arseny Sokolov von der Universität Tübingen Prozesse durchlaufen. Zum Beispiel werden
­Gesten und gesprochene Worte in den gleichen
Unmissverständlich neuronalen Netzwerken verarbeitet, wie Jiang Xu
Ein Lachen schlägt
vom National Institute of Health in Bethesda
kulturübergreifend
schneller Brücken (USA) herausfand. Versuchspersonen betrachte­
­zwischen Menschen ten im Kernspintomografen liegend Fotos pan­
als jedes Wort. tomimischer Darstellungen. Die Auswertung
der Hirnaktivität zeigte: Es regten sich Regionen
wie das Broca- und das Wernicke-Areal, die klas­
sischen Sprachareale. Vermutlich sind diese neu­
ronalen Systeme also nicht auf die Verarbeitung
von Sprache beschränkt, sondern unabhängig
von der Art der Information dafür zuständig,
­Reizen Bedeutung zu verleihen.
Sprache und Gestik teilen sich aber nicht nur
Gehirn und Geist / Manfred Zentsch

die Verarbeitungsorte im Gehirn, anscheinend


werden sie auch schon sehr früh im Wahrneh­
mungsprozess miteinander verknüpft. Spencer
D. Kelly von der Colgate University untersuchte
die Reaktion auf körpersprachlichen Input per
Elektroenzephalografie, die den zeitlichen Ver­
­visualisierte durch Pünktchen auf dem Compu­ lauf der Hirnreaktionen sehr genau abbildet. Mit
terbildschirm einen stilisierten Arm, der entwe­ auf der Kopfhaut befestigten Elektroden beob­
der fröhlich, neutral oder aggressiv an eine Tür achteten die Probanden Videos, in denen eine
klopfte. Frauen konnten insgesamt besser die Person ein vor ihr stehendes Objekt – etwa ein
passende Emotion zuordnen, besonders gut aber Glas – gleichzeitig durch ein Adjektiv und eine
erkannten sie aggressive Bewegungen. Männer Geste beschrieb. In der Kontrollbedingung passte
dagegen schnitten bei gut gelauntem Klopfen die Geste zum Eigenschaftswort und zum ent­
besser ab. sprechenden Gegenstand (ein großes Glas wurde
Meh r zum Titelth em a
Aber liegen die Ursachen für solche Unterschie­ »groß« genannt und von der entsprechenden
Das Abc de tatsächlich in den Genen – oder prägt eher die Geste begleitet).
der Mimik Gesellschaft, wie souverän Männer und Frauen Hatte dagegen die Geste inhaltlich nichts mit
Der Emotionsforscher mit Körpersprache umgehen? Marta Eriksson dem Adjektiv oder dem Objekt zu tun, spiegelte
Harald C. Traue erklärt, verglich Daten von mehr als 13 000 Kindern aus sich die Unstimmigkeit im EEG wider: Nach
warum depressive
zehn europäischen Sprachgruppen in den ersten ­genau 400 Millisekunden beobachteten die
­Menschen Gesichtsaus­
drücke weniger gut Le­bens­monaten. Wie häufig deuteten die Kinder, ­Forscher einen stärkeren negativen Ausschlag.
deuten können (S. 46) um ihren Eltern etwas zu zeigen? Wie oft verteil­ Dieses charakteristische »Überraschungssignal«

44 Gehirn und Geist


kennen Neurowissenschaftler, die sich mit der gen. Das bewies etwa ein Experiment von Hillary ­ esten und ge-
G
Verarbeitung verbaler Sprache beschäftigen, Anger Elfenbein an der Berkeley Univer­sity. Weil
sprochene Worte
schon länger: Es tritt zum Beispiel auf, wenn je­ unsere Gesichtserkennung auf Mitteleuropäer
werden in den
mand sagt: »Er belegte sein Brot mit Socken.« spezialisiert ist, sehen für uns die Gesichter von
Interessanterweise registrierten die Elektro­ Menschen anderer Volksgruppen recht ähnlich gleichen neuro-
den schon nach 200 Millisekunden einen Unter­ aus; auch ihre Mimik können wir schwerer deu­ nalen Netzwer-
schied zwischen passender und unpassender ten. Doch das lässt sich ändern. Die Forscherin ken verarbeitet
­Geste – zu einem Zeitpunkt also, da die Bedeu­ legte Amerikanern und Chinesen Bilder vor, aus
tungsanalyse nach Ansicht von Forschern noch denen sie Gefühle wie Ärger, Freude oder Überra­
nicht weit vorangeschritten ist. Offenbar verar­ schung lesen sollten. Auf den Fotos waren jeweils
beitet das Gehirn fast von Anfang an den ver­ wieder weiße US-Amerikaner oder Chinesen mit
balen Input in Beziehung zur Aussage der Geste. unterschiedlicher Mimik zu sehen.
Kelly, S. D. et al.: Brain and Language 89, S. 253 – 260, In einem Training erhielten die Teilnehmer
2004; Xu, J. et al.: Proceedings of the National Academy Feedback, ob sie die Emotionen in den Bildern
of Sciences USA 106, S. 20664 – 20669, 2009 richtig gedeutet hatten. Vor der Übungsphase
schnitten die Probanden bei der Beurteilung der
8. Wie gut verstehen wir unse- Gesichtszüge ihrer Landsleute weit besser ab.
re eigene Körpersprache? Während des Trainings steigerten sie nicht nur
insgesamt ihre Fähigkeit, Gefühle aus der Mimik
Die eigene Mimik und Gestik können wir über­ zu lesen. Es machte auch einen geringeren Un­
raschend schlecht lesen, berichten Forscher um terschied, ob die gezeigten Gesichter zu der eige­
Wilhelm Hofmann an der Universität Würzburg. nen oder der fremden Volksgruppe gehörten.
Ihre Freiwilligen absolvierten eingangs ­einen Elfenbein, H. A.: Journal of Nonverbal Behaviour 30,
­raffinierten Test: Ohne dass sie davon wussten, S. 21 – 36, 2006
lieferten ihre Antworten wichtige In­formationen
über ihre Neigungen und Einstellungen. Im wei­ Klischees wie »Fährt er sich häufig durchs Haar
teren Verlauf der Studie erblickten die Teilneh­ und über den Mund, ist klar: Er mag Sie« füllen
mer in Videoaufnahmen ihre ­eigene Körper­ Zeitschriften und Ratgeber. Wer das Körper­
sprache und sollten nun anhand der Clips die sprachen-Abc beherrscht, wird zum perfekten
Wirkung ihrer Gesten und schließlich ihren Cha­ Gedankenleser, so die Hoffnung. Psychologen
rakter einschätzen. warnen jedoch davor, solche Interpretationen
Zudem betrachteten die Versuchspersonen für bare Münze zu nehmen. Dafür hänge die
die Filme anderer Probanden und zogen daraus Körpersprache zu stark von der ­Situation und
Schlüsse über die jeweilige Person. Überraschen­ vom Individuum ab. Auch der »Gedankenleser«
des Ergebnis: Die Einschätzung der eigenen Thorsten Havener erklärt, dass er sich nicht auf
­Körpersprache stimmte auffällig wenig mit den stereotype Gesten verlässt, sondern herauszufin­
Ergebnissen des Persönlichkeitstests überein. den versucht, wie sich Wahrheit oder Lüge bei
Vielmehr machten die Teilnehmer zutreffendere der individuellen Person körpersprachlich äu­
Aussagen über andere als über sich selbst. ßern. Die Vorstellung, ein paar Tricks und Kniffe
Hofmann, W. et al.: European Journal of Personality 23, würden genügen, um über seine Mitmenschen
S. 343 – 366, 2009 mehr zu erfahren, als sie preisgeben wollen, ist
zwar faszinierend, aber falsch. Ÿ
9. Kann man lernen, Körper-
sprache besser zu deuten? Anna Gojowsky (links)
studiert Cognitive
Um sensible Antennen für die nonverbalen Sig­ Science in Osnabrück.
Anna Gielas ist Weitere Quellen und
nale zu entwickeln, braucht es mindestens zwei
Psychologin und Literaturtipps im Internet:
Dinge: viel Gelegenheit zu üben und das Feed­ Wissenschaftsjourna- www.spektrum.de/artikel/
back, ob wir mit unserer Einschätzung richtiglie­ listin in Edinburgh. 1313420

12_2014 45
tite lth e m a Kö r p e rs p rac h e u n d d epr es s ion

Das Abc der Mimik


Menschen mit psychischen Störungen fällt es oft schwer,
die Körpersprache anderer richtig zu deuten. Der
Psychologe Harald C. Traue erforscht im »Emotion Lab«
der Universität Ulm, warum das so ist.

Herr Professor Traue, Sie untersuchen, ob Pa­ lerfrei erkennen. Lässt man wiederum den obe­
tienten mit psychischen oder neuronalen Stö­ ren Gesichtsbereich außer Acht, geht die Fähig­
rungen die Körpersprache ihrer Mitmenschen keit verloren, unter anderem Angst zuverlässig
anders deuten als Gesunde. Um welche Erkran­ wahrzunehmen. Das Gehirn muss also die rich­
kungen geht es dabei? tigen Prioritäten setzen.
Momentan konzentrieren wir uns auf Probanden In Ihrer Forschung konzentrieren Sie sich vor
mit Depressionen und Ängsten sowie Schlag­­ allem auf Gesicht und Mimik. Wieso?
anfallpatienten. Überraschenderweise sind Men­ Die menschliche Mimik ist sehr nuanciert. Na­
schen, die unter Angst leiden, oft nicht besonders türlich nicht so wie die Sprache, aber per Mie­
gut darin, dieses Gefühl bei ihren Mitmenschen nenspiel ­lassen sich sehr fein abgestufte soziale
zu erkennen. Sie verwechseln es mit anderen Signale kommunizieren. Und das funktioniert
Emotionen. Grundsätzlich neigen sie dazu, mehr meistens ­unmittelbar. Sicher, Menschen kön­
Ärger und Wut auf Gesichtern wahrzunehmen, nen ihren ­Gesichtsausdruck willentlich beein­
als tatsächlich da ist. Das heißt: Sie erleben ihre flussen und »schauspielern«. Meistens können
Umgebung eher als feindselig und bedrohlich. wir aber einen spontanen Gesichtsausdruck
Das könnte teilweise ihre Angst erklären. von einem ­gestellten unterscheiden, etwa weil
Wie kommt es zu dieser Fehlwahrnehmung? ersterer asymmetrischer ist.
Es gibt zwei Möglichkeiten, die wir derzeit unter­ Wie messen Sie die Fähigkeit Ihrer Probanden,
suchen. Zum einen könnte es sein, dass Patien­ Emotionen zu erkennen?
ten mit Ängsten oder Depressionen oft nicht Dafür nutzen wir eine Blickbewegungskamera.
dort­hin blicken, wo die relevanten Signale her­ Wir zeigen den Versuchsteilnehmern sehr viele
kommen. Oder aber sie betrachten die richtigen unterschiedlich ausdrucksstarke Porträtfotos
Bereiche des Gesichts, erkennen die Emotion al­ und lassen sie einschätzen, welches Gefühl die
lerdings nicht korrekt. Person auf dem Bild ausdrückt. Einen solchen
Was meinen Sie mit »dort, wo die Signale her­ Test zu erstellen, ist ziemlich knifflig. Nehmen
kommen«? Sie zum Beispiel die Frage: Wie lange sollten die
Wir haben in Experimenten festgestellt, dass es Probanden Zeit haben, um ein einzelnes Fotos
bei der Emotionserkennung sehr wichtig ist, zu betrachten? Zunächst sind wir davon ausge­
­welchen Körperstellen man Aufmerksamkeit gangen, dass ein natürlich wirkender Gesichts­
schenkt. Wer zum Beispiel die Mimik der un­ ausdruck etwa 300 Millisekunden andauert.
teren Hälfte des Gesichts zu wenig beachtet, also ­Tatsächlich zeigen unsere Studien, dass die als
etwa Mund- und Wangenbewegungen, kann das natürlich empfundene Länge von der Emotion
Gefühl der Freude bei anderen nicht mehr feh­ abhängt, die dargestellt wird. Dazu kommen

46 Gehirn und Geist


­Gender-Effekte: Frauen sehen sich emotionale
Gesichtsausdrücke gerne etwas länger an. Wenn
Gesichter negative Gefühle zeigen, empfinden
wiederum männliche Probanden den Anblick
nur dann als natürlich, wenn er kürzer dargebo­
ten wird. Um solche Feinheiten herauszufinden,
brauchten wir zahlreiche Messreihen. In einem
aktuellen Experiment konnten Menschen Emo­
tionen bereits nach 50 Millisekunden ganz gut
erkennen – das hat unser Team überrascht.
mit frdl. Gen. von Harald C. Traue

Ihre Probanden betrachten lediglich Abbildun­


gen von Personen statt reale Gesichter. Schmä­
lert das nicht die Aussagekraft der Tests?
Das ist schwer zu sagen, denn es gibt keine Ver­
gleichsstudien. Die sind auch kaum zu realisie­
ren, denn man kann etwa Blickbewegungen
Harald C. Traue
nicht in alltäglichen Situationen wie bei einem
wurde 1950 an der Nordsee geboren. Nach dem Studium der Elektro­
technik, Kybernetik, Informatik sowie Kommunikationswissenschaften Plausch mit dem Nachbarn oder auf der Straße
promovierte er 1978 zum Doktor der Humanbiologie. Er ist ausge­ erfassen.
bildeter Schmerztherapeut und Supervisor für Schmerzpsychotherapie Wie helfen Ihre Erkenntnisse den Patienten?
und war von 2004 bis 2008 Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Psychologische Schmerztherapie und -forschung (DGPSF). Nach Zum einen ist es wichtig herauszufinden, wie ge­
Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Calgary (Kanada) und Stuttgart ist nau ihre Fehlwahrnehmungen zu Stande kom­
er heute Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Ulm, men. Falls die Patienten Gesichter zwar ähnlich
wo er die gleichnamige Sektion an der Universitätsklinik für Psycho­
wie gesunde Probanden mit ihrem Blick abtas­
somatische Medizin und Psychotherapie leitet.
ten, die emotionalen Ausdrücke aber trotzdem
fehldeuten, könnten sie gezielt daran arbeiten.
Vermeiden sie es dagegen grundsätzlich, das
ganze Gesicht zu betrachten – meist aus Ängst­
lichkeit –, gilt es genau das einzuüben, etwa im
Rahmen einer Verhaltenstherapie. Daran for­
schen meine Kollegen und ich im »Emotion Lab«
zwar nicht unmittelbar, doch wir kooperieren
mit anderen Wissenschaftlern, die solche Thera­

12_2014 47
pieverfahren entwickeln, etwa mit einem Team von anderen zu deuten. Sie sind zwar in der
der Hochschule O
­ snabrück. Lage, positive Gefühle zu erkennen, aber mit
Welche anderen Einsatzmöglichkeiten haben ­negativen Gefühlsausdrücken tun sie sich oft
Ihre Tests? schwer. Wir sind gerade dabei, herauszufinden,
Sie könnten auch dazu genutzt werden, die Fort­ welche Bereiche des Gehirns dafür verantwort­
schritte der Patienten zu erfassen. Wenn ein Pa­ lich sind. Langfristig möchten wir ein Training
tient mit sozialer Angst beispielsweise Übungen der Emo­tionserkennung in die Rehabilitation
zur Verbesserung der Empathiefähigkeit absol­ inte­grieren, um auch die sozialen Fähigkeiten
viert hat, würde man mit unserem Verfahren an­ der Patienten schneller wiederherzustellen.
schließend überprüfen, ob er Emotionen nun Können Frauen insgesamt besser Gefühle in
besser unterscheiden kann als vorher. Gesichtern lesen als Männer?

»Die Emotionen ­anderer Menschen frühzeitig zu


erkennen, ist eine ganz grundlegende ­
mit frdl. Gen. von Harald C. Traue

Voraussetzung dafür, dass wir soziale Situationen


kompetent bewältigen können«

Ist die fehlerhafte Emotionserkennung bei Das wurde in älteren Studien immer wieder
Angstpatienten eher Ursache oder Symptom ­behauptet. Aber die Methodik dieser Unter­
der Störung? suchungen wies oft Mängel auf. Also machten
Beides ist möglich. Registriert jemand zum Bei­ wir eine eigene Studie. Bei ausdrucksstarken
spiel nicht zuverlässig, ob andere Menschen ­Gefühlsregungen haben wir keine Unterschiede
ängstlich oder verärgert sind, wird er bei vielen zwischen Männern und Frauen festgestellt. Aber
Alltagssituationen in Schwierigkeiten geraten. mein Kollege Holger Hoffmann hat die Gesichts­
Wer etwa nicht sieht, dass sein Gegenüber gerade ausdrücke auf den Bildern dann so bearbeitet,
wütend ist, wird sich nicht rechtzeitig zurückzie­ dass sie die Emotionen in verschiedenen Intensi­
hen oder den anderen beschwich­tigen – und täten zeigen. Wir verwendeten Stufen von 30, 40,
macht möglicherweise schlechte Erfahrungen. 50 und so weiter bis 100 Prozent – dem »Maxi­
Dies kann wiederum die Entstehung von Furcht malausdruck«. Tests mit diesen manipulierten
begünstigen. Genauso wichtig ist es, die Sorgen Bildern zeigten, dass Frauen durchaus überlegen
und Ängste der Mitmenschen wahrzunehmen. sind, wenn es darum geht, nuancierte Gefühls­
Die Emotio­nen anderer Menschen ­frühzeitig zu ausdrücke wahrzunehmen. Ist die Mimik aber
erkennen, ist eine ganz grund­legende Voraus­ deutlich ausgeprägt, unterscheiden sich die Ge­
setzung dafür, dass wir soziale Situatio­nen kom­ schlechter wie gesagt nicht.
petent bewältigen können. Das fällt nicht nur Gibt es noch andere Einflussfaktoren außer
Angstpatienten schwerer als Gesunden, sondern dem Geschlecht?
auch Menschen, die unter Depressionen ­leiden. Das Alter der Probanden spielt eine Rolle. Ältere
Bestimmte körperliche Krankheiten können Menschen können Emotionsausdrücke im
ebenfalls die Fähigkeiten in der nonverbalen Durchschnitt nicht mehr so gut einschätzen wie
Meh r zum Titelth em a
Kommunikation beeinträchtigen. jüngere. Eine Erklärung dafür liefert vielleicht
Was der Körper Welche zum Beispiel? der Neurotransmitter Oxytozin. Im Alter sinkt
verrät Wir haben bei uns etwa die Folgen von Schlag­ der Spiegel dieses Hormons im Blut. Oxytozin
Neun Fakten über Körper- anfällen untersucht. Nach einem Schlaganfall hat im menschlichen Organismus vielfältige
sprache (S. 38) haben Menschen häufig Probleme, die ­Mimik Funk­tionen: Es kann unser Verhalten in sozialen

48 Gehirn und Geist


Si­tuationen beeinflussen, aber es ist auch für die Gibt es noch andere denkbare Anwendungs­
Emotionswahrnehmung wichtig. Aus den Un­ möglichkeiten?
tersuchungen anderer Forschergruppen wissen Unseren FEEL-Test nutzen bereits zahlreiche
wir, dass Menschen, denen man Oxytozin verab­ Gruppen weltweit, sowohl in der Grundlagen­
reicht, soziale Signale anschließend besser lesen forschung als auch in der klinischen Forschung.
können. Das gilt es beim Auswerten unserer Tests Auch zur Überprüfung von Lernerfolgen wird
im Hinterkopf zu behalten. das Verfahren bereits probeweise eingesetzt: Ein
Glauben Sie, dass Ihre Testmethode langfris­tig Team untersucht etwa, ob die Ausbildung zum
so weiterentwickelt werden kann, dass sie Psychotherapeuten die Fähigkeit fördert, die Mi­
hilft, die jeweilige Erkrankung zu diagnosti­ mik von anderen zu deuten. Wir forschen auch
zieren? zu kulturellen Unterschieden. Beispielsweise
Dafür ist unsere Kommunikation über die Mi­ ­haben wir herausgefunden, dass deutsche und
mik vermutlich zu komplex. Vielleicht werden ­chinesische Studierende unterschiedliche Stra­
wir einmal fein abgestufte Profile erstellen kön­ tegien nutzen, wenn es darum geht, Emotionen
nen, so dass ein Test schnell darüber Auskunft anderer zu erkennen. Wenn aber die chinesi­
gibt, ob und welche Prozesse in der Emotions­ schen Studierenden in Deutschland leben, wer­
erkennung gestört sind. Aber damit ­Störungen den sie ihren deutschen Kommilitonen darin
direkt zu diagnostizieren, ist nicht unser Ziel. Wir mit der Zeit immer ähnlicher. Ÿ Webtipp
Mehr zur Forschung von
wollen vielmehr wissen, welche Mechanismen
Harald C. Traue und seiner
mit den jeweiligen Erkrankungen zusammen­ Das Interview führte die Wissenschaftsjournalistin ­Arbeitsgruppe unter:
hängen. Anna Gielas. http://emotion-lab.org

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Broca
Geschichte der Hirnforschung
Wernicke
Das menschliche Gehirn fasziniert Forscher und Gelehrte seit Jahrtausenden. Doch
seine Funktion blieb lange Zeit im Unklaren. Heute gewähren uns hochauflösende Broca- und Wernicke-Areal
Bildgebung und Computersimulationen detailreiche Einblicke in die Arbeitsweise des 1862-1874
Organs. Rätselhaft bleibt es aber nach wie vor. Paul Broca und Carl
Wernicke entdecken
die beiden wichtigsten
TEXT: ANNA VON HOPFFGARTEN | GRAFIK: ANKE HEINZELMANN Sprachzentren.

170 v. Chr. 1800


Der griechische Arzt Der deutsche Anatom
Galen etabliert die Idee Franz Joseph Gall
vom »spiritus anima- begründet die Phreno-
lis«, einem Gas, das sich logie, die geistige
in den Hirnventrikeln Eigenschaften
befinden und Gefühls- bestimmten Kortex-
regungen transpor- regionen zuordnet.
tieren soll. Diese Vor-
stellung hält sich mehr
als 1000 Jahre.

René Descartes Zeichnung eines Nagetier-


Trepanation Hippocampus von Cajal
1649
um 2500 v. Chr. Der französische Philosoph René Descartes »Phrenologie-Kopf« 1906
Erste operative Ein- beschreibt das Gehirn – wie das Herz – als nach Franz Joseph Gall Santiago Ramón
griffe in das Gehirn eine komplexe Maschine, die Reflexe und y Cajal beschreibt
mittels Trepana- vegetative Funktionen steuert. Gefühle, die Kommunikation
tion. Dabei wird die Empfindungen und willentliche Handlun- von Nervenzellen
Schädeldecke mit gen hätten ihren Ursprung jedoch in einer und erhält dafür den
einem Handbohrer immateriellen Seele. Nobelpreis.
durchbohrt. Galen von Pergamon

2000 1000 Geburt ... 1500 1600 1700 1800 1900


v. Chr. v. Chr. Chr.

400 v. Chr. 1791


Der griechische Arzt Der italienische Arzt Luigi Galvani
Hippokrates erklärt erkennt, dass die Funktion von Nerven
das Gehirn zum Sitz auf Elektrizität basiert. Er lässt mit 1873
des Erlebens und der Hilfe von Strom Froschschenkel zucken. Camillo Golgi entwickelt die Silber-
Intelligenz. nitratfärbung, mit der sich Nerven-
zellen im Mikroskop darstellen lassen.
1906 erhält er den Nobelpreis.
Hippokrates von Kos mit
Silbernitrat
gefärbte
Zellen im
GERSDORFF, H.V.: FELDBUCH DER WUNDARTZNEY, 1517 / PUBLIC DOMAIN; 400 V.

Hippocampus,
FRANS HALS / PUBLIC DOMAIN; 1791: GALVANI, L.: DE VIRIBUS ELECTRICITATIS IN
CHR.: AUS DE LINT, J.G.: ATLAS VAN DE GESCHIEDENIS DER GENEESKUNDE, 1925

VERTEBRETES, 1911 / PUBLIC DOMAIN; 1909: BRODMANN, K. / PUBLIC DOMAIN


/ PUBLIC DOMAIN; 170 V. CHR.: VIGNERON, P.R., 1865 / PUBLIC DOMAIN; 1543:

1862-1874: GEHIRN UND GEIST; 1873: GOLGI, C. / PUBLIC DOMAIN; 1906: AUS

Zeichnung
AUS VESALIUS, A.: DE HUMANI CORPORIS FABRICA / PUBLIC DOMAIN; 1649:

NATURHEILVERFAHREN, 1894 / PUBLIC DOMAIN; 1848: PUBLIC DOMAIN;

von Camillo
NERVENZELLE ZEITLEISTE: BLUE BRAIN PROJECT, EPFL; 2500 V. CHR.: AUS

CAJAL, S.R.: HISTOLOGIE DU SYSTEME NERVEUX DE L‘HOMME ET DES


MOTU MUSCULARI / PUBLIC DOMAIN; 1800: AUS BILZ, E.: DAS NEUE

Golgi

Experiment mit Froschschenkeln 1909


Korbinian Brodmann
Deckblatt »De humani teilt die Großhirn-
corporis fabrica« rinde nach histolo-
1543 1848 gischen Kriterien in
52 Felder ein. Seine
Der Anatom Andreas Eine Eisenstange durchbohrt das Hirnkarte ist heute
Vesalius veröffentlicht ein Frontalhirn des Arbeiters Phineas noch gebräuchlich,
bedeutendes Anatomie- Gage. Zwar überlebt er den wird jedoch allmäh-
buch mit detaillierten Unfall, doch seine Persönlichkeit lich von detaillier-
Zeichnungen des Gehirns. rekonstruierter verändert sich: Er ist impulsiv teren, funktionellen
Darin räumt er endgültig Schädel von und aggressiv. Dieser Wandel lässt Karten abgelöst.
mit Galens Ventrikel- Phineas Gage erstmals Rückschlüsse auf die
lehre auf. mit Eisenstange Funktion des Stirnhirns zu. Brodmann-Areale

50 Gehirn und Geist


NERVENZELLE ZEITLEISTE: BLUE BRAIN PROJECT, EPFL; 1914: NEUROTIKER / PUBLIC DOMAIN;

1994: LABORATORY OF NEURO IMAGING AND MARTINOS CENTER FOR BIOMEDICAL IMAGING,
1919: DANDY, W.E.: ROENTGENOGRAPHY OF THE BRAIN (...) / PUBLIC DOMAIN;
1924: HANS BERGER / PUBLIC DOMAIN; 1934: GEORGE WASHINGTON UNIVERSITY;

NEONATAL IMITATION. IN: PLOS BIOLOGY 4, E311, 2006; 1992: M.R.W.HH / PUBLIC DOMAIN;
1953: SUZANNE CORKIN, MIT; 1957: GEHIRN UND GEIST / MEGANIM; 1968: NIMH IMAGE
LIBRARY; 1973: KASUGA HUANG / CC-BY-SA-3.0 (HTTP://CREATIVECOMMONS.ORG/ LICENSES/
BY-SA/3.0/LEGALCODE); 1985: ERIC WASSERMANN / NIH; 1991: AUS GROSS, L.: EVOLUTION OF

CONSORTIUM OF THE HUMAN CONNECTOME PROJECT


(WWW.HUMANCONNECTOME PROJECT.ORG); 2005: BLUE BRAIN PROJECT, EPFL
Oberarm
Kopf
Rumpf 1957
Unterarm
Hand
Bein
Wilder Penfield
Finger
und Theodore
Zeigefinger
Fuß
Rasmussen
Zehen
entwickeln den
Auge Genitalien motorischen
Großhirnrinde
Nase und sensori-
Strukturformel von Azetylcholin Lippen schen Homun-
Zähne,
kulus, der ver-
1914 Zahnfleisch,
Kiefer
anschaulicht,
Henry Hallett Dale und Zunge
welche Gehirn-
Otto Loewi entdecken den Rachen regionen mit fMRT-Aufnahme
Neurotransmitter Azetyl- Eingeweide welchen Körper-
cholin und beschreiben teilen verschal- 1992
erstmals die chemische tet sind. BeginnderfunktionellenMagnetresonanztomo-
Übertragung von Nerven- grafie (fMRT) mit Hilfe des
kortikaler Homunkulus
impulsen. Dafür erhalten BOLD-Signals
sie 1936 den Nobelpreis.

1934 1975
Erfindung der Positronenemissions-
Egas Moniz führt tomografie (PET)
erstmals Lobotomien
an psychisch Kranken
durch. Dabei durch-
trennt er Nervenbah- 1997
nen im Frontalhirn, um 1973 Der vollständig gelähmte
Wahnvorstellungen Einführung der Computer- (CT) und Johnny Ray erhält als erster
zu kurieren. Wegen Magnetresonanztomografie (MRT) Mensch ein Hirnimplantat,
massiver Nebenwir- mit dem er einen Maus-
kungen gerät die Me- zeiger bewegen kann.
thode schnell wieder
in Verruf.
2013
EEG-Kurve Rund 500 Wissen-
Prinzip der TMS schaftler aus über
1924 20 Ländern wollen
Hans Berger führt 1985 im Rahmen des
das erste Elektroen- Anthony Barker ent- Human Brain Project
zephalogramm (EEG) wickelt die heutige ein vollständiges
am Menschen durch. MRT-Gerät Variante der trans- Modell des mensch-
kraniellen Magnet- lichen Gehirns per
Lobotomie-Behandlung stimulation (TMS). Computer bauen.

1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010

1953 1973
Weil Henry Gustav Molaison (Pa- Entdeckung der Lang-
tient »H. M.«) unter starken epilep- zeitpotenzierung
seit 1994
tischen Anfällen leidet, entfernen von Synapsen, eine Mit der Diffusions-
Chirurgen Teile seines Schläfen- wichtige Voraus- Tensor-Bildge-
lappens, darunter auch seine Hippo- setzung für das Lernen bung lässt sich der
campi. Die Anfälle verschwinden, Verauf von Ner-
doch er kann sich fortan nichts mehr venfasern sichtbar
Pneumenzephalo- merken. Das Ereignis klärt erstmals machen.
gramm die Rolle des Hippocampus für die 1981 Diffusions-Tensor-Bildgebung
Gedächtnisbildung. Roger Wolcott Sperry er-
1919
Walter Dandy entwickelt hält den Nobelpreis für 2005
mit der Pneumenzephalo- seine Split-Brain-Experi-
mente, mit denen er Start des
grafie die erste Methode Blue Brain
der nichtinvasiven Hirnbild- die Funktion der beiden
Hirnhälften erforscht. Project:
gebung. Hierbei wird die Patient Ein Super-
Hirnflüssigkeit durch Luft Henry Gustav computer
ersetzt. Die Hirnstruktur Molaison soll zentrale
lässt sich so auf Röntgen- Bausteine
bildern erkennen. 1991 des Gehirns
1968 Entdeckung der Spiegelneurone simulieren.
David Cohen führt durch Giacomo Rizzolatti
erste Hirnstrom-
1927 messungen per
Der portugiesische Neuro- Magnetoenzephalo-
loge Egas Moniz führt grafie (MEG) durch.
die zerebrale Angiografie
ein. Mit ihr lassen sich
Hirngefäße im Röntgenbild Magneto- Nerven-
darstellen. enzephalograf Babyaffe imitiert Experimentator. geflecht

12_2014 51
h i r n fors c h u ng b io n i k

Nach dem
Vorbild der Natur
fotolia / Wolfgang Zwanzger

Auge um Auge
Pupille (links) und Ka­me­
ra­linse ähneln sich. Doch
unser Sehsinn arbeitet
grundlegend anders als
ein Fotoapparat.

52 Gehirn und Geist


Techniker tüfteln an neuartigen Kameras,
die dem menschlichen Sehapparat nachempfunden sind.
Vo n K l au s Sti efel u n d Alexan d er H o lcom b e

shutterstock / Vasyl Alexandrovich Duda

12_2014 53
S
Au f ei n en B lic k tellen Sie sich vor, Sie beobachten im ­Allein auf der Bildertauschplattform Instagram
Perfekte Bilder subtropischen Regenwald Nordaustra­ werden täglich etwa 55 Millionen Fotos gepos­
liens, wie das Sonnenlicht zarte Spren­ tet – also knapp 40 000 pro Minute. Aber keine
1 Fotoapparate haben
Schwächen, die der
menschliche Sehsinn
kel und tanzende Schatten auf das Blät­
terwerk zaubert. Da, auf einer Lichtung
dieser Abermillionen von Aufnahmen fängt
auch nur annähernd die lebendige und prächtige
nicht kennt: falsche steht ein Känguru! Vorsichtig zücken Sie Ihr Han­ Welt um uns herum so ein, wie wir sie mit un­
Belichtung, Bewegungs-
dy, um das Beuteltier abzulichten. Doch just als seren Augen wahrnehmen.
unschärfe oder geringe
Auflösung. Sie auf den Auslöser drücken, entdeckt es Sie – Unser Sehsinn kennt weder Belichtungspro­

2 Hightech-Kameras
beheben bereits
manche dieser Defizite.
und hüpft davon.
Die Hälfte der Aufnahme ist zu dunkel, um
bleme noch Bewegungsunschärfen oder Pixel.
Wo also bleibt die App, die einer Smartphone­
­irgendwelche Details darauf erkennen zu kön­ kamera ein vergleichbares Können verleiht? Ge­
Sie kombinieren unter-
schiedliche Belichtungen, nen; der Himmel erscheint einfach nur weiß. nau daran arbeiten Ingenieure. Sie wollen die im
konzentrieren sich auf Und das Känguru? Nichts als ein verschwom­ Lauf der Evolution entstandenen Mechanismen
bewegte Objekte oder mener Klecks, irgendwo in der Mitte des Fotos. nachahmen, mit denen das Gehirn brillante Bil­
erkennen Gesichter.
Wenn Sie in das Bild des Tiers hineinzoomen, er­ der kreiert.

3 Das menschliche
­Gehirn verarbeitet
visuelle Eindrücke den-
scheint ein kubistisch anmutendes Pixelfeld, das
in winzige Kästchen aufgebrochen ist.
Die Fantasie der Techniker geht aber noch wei­
ter: Mit leistungsfähigeren Kameraaugen aus­
noch ganz anders als Jeder, der schon einmal fotografiert hat, kennt gestattet, sollen Roboter in die Lage versetzt wer­
ein Kamerachip. Insofern das – egal ob er eine schlichte Handykamera oder den, unabhängig und schnell zu agieren. Über­
bleibt das natürliche ­Vor-
bild vorerst unerreicht. eine professionelle Fotoausrüstung einsetzte. wachungskameras könnten wie ein Mensch
Durch die Verbreitung von Smartphones avan­ erkennen, ob jemand Hilfe braucht. Und wenn
cierten viele von uns zu Hobbyfotografen, von wir die Dinge mit den Augen eines Computers
denen etliche ihre Bilder ins Internet stellen. betrachten, werden die Rechenmaschinen auch
besser lernen, wie ein Mensch zu sehen.

Falsch belichtet
Was ist das Geheimnis des menschlichen Seh­
sinns, und woran kranken technische Kameras?
Eine besondere Schwäche von Fotoapparaten
liegt in ihrer Unfähigkeit, in einer Aufnahme hel­
le und dunkle Lichtstellen gleichzeitig zu verar­
beiten. Mitunter haben auch wir Schwierigkeiten
damit. Wenn wir zum Beispiel aus einem dunk­
len Raum ins gleißende Sonnenlicht treten, füh­
len wir uns geblendet. Dieser kurze Moment, von
dem sich unsere Augen jedoch schnell wieder
­erholen, entspricht einer »Überbelichtung«. Der
Begriff entstand erst mit der Erfindung der Foto­
grafie; zuvor machte die Vorstellung eines falsch
belichteten Bildes gar keinen Sinn.
Das Problem liegt im Dynamikumfang, also
im Unterschied zwischen niedrigster und höchs­
Licht und Schatten ter Lichtintensität, die das menschliche Auge
Eine dunkle Gestalt vor
hellem Sonnenlicht über- ­beziehungsweise eine Kamera verarbeiten kann.
fordert zwar manchmal Licht besteht aus kleinen Energiepaketen, den
iStockphoto / Alessio Eramo

auch unseren Sehsinn. Photonen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit


In der Fotografie kom­
fortbewegen. Sie treten in unterschiedlichen
men über- und unter­
belichtete Bilder jedoch ­Energieniveaus auf, wobei energiereiche Licht­
viel häufiger vor. teilchen als blau, energieärmere als rot wahrge­

54 Gehirn und Geist


Lichtempfindlich: Der Stoff des Sehens

D ie Sinneszellen im Auge
enthalten das Sehpigment
Rhodopsin. Es besteht aus dem
Form und löst sich vom Opsin.
Das dadurch aktivierte Opsin
bewirkt über weitere Proteine,
mitters Glutamat. Sobald der
Lichtreiz wegfällt, wandelt ein
Enzym das durch die Lichtener­
Licht absorbierenden Molekül dass sich Natriumkanäle gie gestreckte all-trans-­Retinal
Retinal und dem Membran­ ­schließen, was die elektrische wieder in die lichtempfindliche
protein Opsin. Bei Belichtung Spannung an der Zellmembran 11-cis-Form um, die sich erneut
streckt sich das gewinkelte verändert. Dies senkt wiederum mit Opsin zu Rhodopsin ver­
11-cis-Retinal in die all-trans- die Freisetzung des Neuro­trans­ bindet.

H3C CH3 CH3

Licht
RicHard-59 / CC-by-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/

CH3 H3C
Ku rz e r k l ärt
11-cis-Retinal
H O Digitale Fotografien
setzen sich aus einzelnen
Pixeln (Kunstwort aus
H3C CH3 CH3 CH3 H
englisch: picture = Bild
by-sa/3.0/legalcode)

und element = Element)


O zusammen. Je mehr
Bildpunkte eine Kamera
all-trans-Retinal
CH3 verarbeiten kann, desto
höher ist ihre Auflösung.
Die Zahl wird meist in
Megapixel (= eine Million
Pixel) angegeben.
nommen werden. Treffen Photonen auf Materie, klasse verarbeiten kann, ist 2000-mal größer als
werden sie reflektiert oder absorbiert. Wasser­ das schwächste Licht, das die Kamera gerade Als Dynamikumfang
moleküle zum Beispiel absorbieren vor allem noch erfasst. Wird beim Fotografieren dieser bezeichnet man den
Quotienten aus größtem
­energiearme Photonen, so dass Wasser auf ­Dynamikumfang überschritten, erscheinen auf
und kleinstem Hellig-
Grund des reflektierten Restlichts blau erscheint. dem Bild über- und unterbelichtete Bereiche – keitswerts eines Bildes.
Eine schwarze Wand hingegen absorbiert nahezu das Ergebnis sieht entsprechend miserabel aus.
alle Lichtteilchen, wobei die Photonenenergie in Die Verschluss- oder
Molekularer Verstärker Belichtungszeit gibt an,
Wärme umgewandelt wird – die Wand wird wie lange der Kameraver-
warm. Es gibt jedoch auch Materialien, welche Im Auge treffen Photonen auf die Netzhaut. Hier schluss zur Belichtung
die Energie der absorbierten Photonen nicht als werden sie in den Sehzellen von einem aus eines Fotos geöffnet ist.
Üblicherweise lässt sie
Wärme abgeben, sondern zu Signalen verstärken, ­Vi­tamin A gebildeten Molekül namens Retinal
sich stufenweise einstel-
die das Gehirn oder eine Kamera nutzen kann. absorbiert (siehe »Lichtempfindlich«, oben). Die len, wobei sie sich bei
Bei Digitalkameras werden Photonen von so dadurch ausgelöste biochemische Reaktions­ jedem Schritt meist ver-
genannten Fotodioden absorbiert. Jede Foto­ kaskade verstärkt die winzige Photonenenergie doppelt: 1/1000 Sekunde,
1/500 Sekunde, 1/250
diode entspricht einem Bildpunkt oder Pixel. Je so sehr, dass ein ausreichend großes Signal ent­
Sekunde und so weiter.
mehr Fotodioden eine Kamera hat, desto ­höher steht, um Neurone zu aktivieren. Bei längeren Verschluss-
ist ihre Aufnahmequalität. Meist bestehen sie Dieser Verstärkungsgrad der Netzhaut ist so zeiten fällt mehr Licht auf
aus Silizium. Trifft ein Photon darauf, wird ein hoch, dass das Auge in einem vollständig dunk­ den Aufnahmesensor
der Kamera, was sich
Elektron auf ein höheres Energieniveau angeho­ len Raum noch eine Lichtquelle wahrnehmen durch eine engere
ben. Das angeregte Elektron erzeugt dann einen kann, die lediglich fünf Photonen ausgesendet ­Blendenöffnung ausglei-
elektrischen Strom, der über einen Halbleiter­ hat. Die enorme Lichtempfindlichkeit er­mög­ chen lässt. Eine engere
Blende vergrößert wiede-
chip verstärkt wird. lichen hochsensible Fotorezeptoren: die so
rum die Schärfentiefe,
Die höchste Lichtstärke, welche die Lichtsen­ ­ge­nann­­ten Stäbchen, die nur bei Schwachlicht also den Bereich, der noch
soren einer Spiegelreflexkamera der Spitzen­ arbeiten. Ihre Zahl in der Netzhaut ist 20-mal scharf abgebildet wird.

12_2014 55
Wohlgeordnet: Die Zellen des Sehens

Pigment-
zellen

Zapfen

Stäbchen

verschiedene
Schaltneurone

retinale
Ganglienzellen

zum Sehnerv

Bryan Christie
In der menschlichen Netz-
haut (Retina) sitzen zwei
verschiedene Sehzelltypen: die
absorbieren das auftreffende
Licht und wandeln es in neuro­
nale Signale um.
teten Neuronen verrechnet.
Dadurch können wir beispiels­
weise Kontraste oder Bewe­
bei Schwachlicht arbeitenden Diese werden nicht direkt gungen besser wahrnehmen.
Stäbchen und die fürs Farben­ zum Sehnerv geleitet, sondern Die resultierende Information
sehen zuständigen Zapfen. Sie zuvor von zwischengeschal­ gelangt schließlich zu den

größer als die der Zapfen, der Sehzellen, die am regulieren lässt. Um das menschliche Auge nach­
Tag zum Einsatz kommen. Dieses Zahlenverhält­ zuahmen, schießen neu entwickelte Kameras
nis macht deutlich, wie wichtig das Dämmerungs­ von demselben Motiv schnell hintereinander
sehen in unserer Stammesgeschichte einst war. mehrere Fotos mit unterschiedlicher Belichtung
Die beiden Sehzelltypen erlauben es uns, un­ und kombinieren diese Aufnahmen dann zu
ter den unterschiedlichsten Lichtbedingungen einem einzigen Bild. Dabei fangen die überbe­
zu sehen. Wenn wir beispielsweise abends in lichteten Fotos die dunklen Bereiche, die unter­
einem hell erleuchteten Raum sitzen und aus belichteten die hellen Partien ein. Die resultie­
dem Fenster schauen, mögen die Bäume viel­ rende »High Dynamic Range«-Aufnahme (kurz:
leicht nur noch als dunkle Schatten auszuma­ HDR) weist einen deutlich größeren Dynamik­
chen sein. Dennoch können wir Dinge sowohl umfang auf, als es bei einem nur mit einer ein­
draußen in der Dämmerung als auch drinnen im zigen, festen Belichtungszeit aufgenommenem
Hellen gut erkennen. Unsere Augen verfügen Bild möglich wäre.
über einen so großen Dynamikumfang, dass sie Der Trick funktioniert bei Landschaftsaufnah­
Objekte wahrnehmen können, die sich in ihrer men sehr gut, versagt allerdings bei sich schnell
Lichtintensität millionenfach unterscheiden. bewegenden Objekten, deren Positionen sich
Der Kniff liegt darin, dass jede Fotorezeptor­ zwischen den unterschiedlich belichteten Einzel­
zelle ihre eigene Belichtungseinstellung hat, die aufnahmen verändern. Wenn ein Fotoapparat
sich je nach Beleuchtungsstärke kontinuierlich nicht über eine solche HDR-Funktion verfügt,

56 Gehirn und Geist


kann man auch Einzelaufnahmen nachträglich gung. Zusammen wirken all diese Nervenzellen
am Computer zu einem perfekt belichteten Bild an den filigranen Anpassungsvorgängen des
zusammenfügen. menschlichen Auges mit.
Zurück zum verschwommenen Schnapp­ Insbesondere Veränderungen spielen für un­
schuss des Kängurus. Hier liegt das Problem in ser visuelles System eine wichtige Rolle. Unsere
der Verschlusszeit von vielleicht 1/50 Sekunde, Augen bewegen sich permanent und modifizie­
die eine Kamera zur Belichtung benötigt. In die­ ren ständig die Lichtmenge, die auf unsere Foto­
ser Zeit hat sich das Tier bereits einige Zentime­ rezeptoren eintrifft. Fixieren wir starr ein Objekt,
ter weiterbewegt. Unser visuelles System arbeitet hört die Netzhaut auf, Signale zu senden. Das un­
auch nicht schneller, so dass das von unseren Fo­ bewegte Bild wird nicht mehr wahrgenommen
torezeptoren erzeugte Bild ebenfalls verschwom­ und verschwindet (siehe Bild S. 58 oben links).
men sein müsste – wir nehmen es aber nicht so Dieser nach dem Schweizer Arzt Ignaz Troxler
wahr. Wieso? (1780 – 1866) benannte Effekt hilft auch, kleine
Mängel unseres optischen Systems auszuglei­
Fixiert auf Veränderung
chen: Die feinen Blutgefäße im Auge werden so
Die von den Fotorezeptorzellen der Netzhaut ausgeblendet.
eingefangenen Lichtsignale werden von benach­ Herkömmliche Fotoapparate können da nicht
barten Neuronen weiterverarbeitet, bevor die mithalten. Der Physiker Tobi Delbrück vom Insti­
­Information ins Gehirn gelangt (siehe »Wohlge­ tut für Neuroinformatik der Universität Zürich
ordnet«, links). So reagieren einige der speziali­ entwickelte jedoch einen auf Bewegung speziali­
sierten Zellen auf Kontrast, andere auf Bewe­ sierten Kamerachip. Dieser registriert nicht ein­

Eingefrorene
­Dynamik
In dem Se­kun­den­bruch­
teil der Belichtungszeit
iStockphoto / Adam Bennie

hat sich der Radler


­weiter­bewegt; deshalb
­erscheint sein Abbild
verschwommen.

12_2014 57
fach die Lichtmenge, die auf jede Fotodiode trifft, andere Aufgaben wie in der Altenpflege oder bei
­sondern reagiert vielmehr auf Veränderungen: Rettungseinsätzen nützlich sein könnte.
Steigende Lichtintensitäten erscheinen als weiße Die Verarbeitung visueller Reize beginnt zwar
Pixel, sinkende als schwarze. Bleibt das Licht schon in der Netzhaut, die Hauptarbeit leistet je­
während der Aufnahme konstant, erzeugt dies doch das Gehirn. So können wir ein Bild beson­
graue Bildpunkte. Das von der Kamera geschos­ ders schnell interpretieren, wenn sich das Haupt­
sene Bild erfasst somit die Bewegungen, die beim motiv klar vom Hintergrund abhebt. Geübte Fo­
Fotografieren stattfanden, ruhende Objekte da­ tografen machen es unserem Denkorgan leicht,
Der Troxler-Effekt gegen werden eher ignoriert. indem sie eine geringe Schärfentiefe verwenden,
Fixieren Sie genau den um so etwa auf das Antlitz einer Person zu fokus­
roten Punkt in der Mitte! Tischtennis für Roboter
sieren und den Hintergrund verschwimmen zu
Nach einer Weile wird
der helle Ring verschwin­ Greg Cohen von der University of Western Syd­ lassen.
den, da Ihre Sinneszellen ney möchte mit dem von Delbrück entwickelten Gesichter besitzen für uns einen besonderen
ermüden. Chip einem Roboter das Tischtennisspielen bei­ Stellenwert. In einer belebten Szene nehmen wir
bringen. Hierbei bewegen sich Spieler, Schläger vorzugsweise menschliche Antlitze wahr (siehe
und vor allem der Ball extrem schnell. Oft müs­ GuG 6/2014, S. 54). Eine Aufnahme mit ver­
sen auch Umgebungsfaktoren wie ein offenes schwommenen Gesichtern wird fast immer als
Fenster hinter dem Gegner oder das Boden­ misslungen empfunden.
muster ausgeblendet werden, um sich auf den Mehrere Hirnregionen sind bei der neuro­
Ball zu konzentrieren. Für einen Roboter wäre nalen Verarbeitung von Gesichtern beteiligt. Die
hierzu die von der menschlichen Netzhaut inspi­ von der Netzhaut stammenden visuellen Signale
rierte Kamera ideal, da sie unbewegte Objekte landen zunächst im Thalamus, einer wichtigen
ignoriert und es der Maschine ermöglicht, aus­ Schaltstation auf dem Weg zur stark gefalteten
schließlich auf Bewegungen zu reagieren. Tisch­ Großhirnrinde, dem Kortex. Die meisten Signale
tennis erfordert eine so ausgefeilte Auge-Hand- gelangen dann zum primären visuellen Kortex
Koordination, dass ein Roboter, der diese kom­ im hinteren Hirnbereich. Von dort aus wandert
plexen Bewegungsabläufe beherrscht, auch für die Information zu weiteren visuellen Großhirn­

Aus u n ser em A rc h iv
Augenblicke
des Nichts
Unsere Augen stehen nie
still, dennoch erscheint
die Umwelt stabil (GuG
4/2011, S. 44)

In der
Bilderwerkstatt
Wie Auge und Gehirn
unser Bild der Welt erzeu-
gen (GuG 5/2010, S. 38)

Die Zukunft der


Digitalfotografie
Mit ausgefeilten Tech-
niken lassen sich miss-
lungene Fotos nachträg-
Marco Finkenstein

lich verbessern (Spek-


trum der Wissenschaft
8/2008, S. 78)

58 Gehirn und Geist


arealen, wobei einige Bereiche im Schläfenlap­ Im Fokus
pen speziell auf Gesichter reagieren. Ein Porträt gelingt, wenn
der Fotograf eine große
Moderne Fotoapparate sind ebenfalls in der
Blende wählt. Dadurch
Lage, Gesichter zu identifizieren und bevorzugt verringert sich die Schär­
zu verarbeiten; selbst einfache Kompaktkameras fentiefe – der Hinter­
schaffen das schon. Diese automatische Ge­ grund verschwimmt, und
unser Augenmerk wird
sichtserkennung beruht auf einem statistischen
auf das Wesentliche ge-
Verfahren, dem Viola-Jones-Algorithmus. Ver­ lenkt.
einfacht dargestellt, filtert der Kamerachip dabei
Grundmuster wie Ecken oder Kanten heraus. An­
schließend wird das Bild Schritt für Schritt nach
Gesichtsmerkmalen durchforstet, wie etwa eine
helle Region (Nase), die zwischen zwei dunklen
Stellen (Augen) sitzt. Nur wenn eine Bildpartie all

iStockphoto / Lise Gagne


diese Tests bestanden hat, entscheidet der Algo­
rithmus, dass es sich um ein Antlitz handelt, wo­
raufhin die Kamera es scharf stellt.
Die Methode, mit der unser Gehirn Gesichter
verarbeitet, unterscheidet sich allerdings erheb­
lich vom Viola-Jones-Algorithmus. Die Software grenzt: Die Pixel einer 16-MP-Kamera sind halb
orientiert sich also nicht am biologischen Vor­ so groß wie die einer 4-MP-Kamera – eine Ver­
bild, sondern stellt vielmehr einen eigenen Lö­ vierfachung der Fotodiodenzahl verdoppelt also
sungsansatz dar. nur die Bildauflösung. Die menschliche Netz­
Die Gesichtserkennung im Kortex macht nur haut begnügt sich übrigens mit etwa sechs Milli­
einen kleinen Teil des visuellen Systems im Ge­ onen Zapfen – also lediglich 6 MP.
hirn aus. Andere Hirnbereiche reagieren auf un­ Die Bilder in unserem Kopf sind konstruiert;
terschiedliche Aspekte einer Szene wie Farben, das Gehirn schafft ein auf Wahrnehmung
Bewegung oder Richtung. Aus diesem Gewusel und Erfahrung basierendes Modell der Realität.
an Eindrücken entsteht dann das Bild der Welt, Die »Grobkörnigkeit« der Netzhaut wird dabei
wie wir sie wahrnehmen. schlicht übertüncht. Was wir sehen, ist ein meis­
terhaftes Bildnis, bei dem die Lücken zwischen
Konstruierte Bilder
den einzelnen Bildsensoren aufgefüllt werden.
Auf Grund des Zusammenspiels dieser Hirnre­ Unser Gehirn ist keine biologische Superkamera,
gionen sehen wir nie ein grobkörniges Bild. Bei die ein Bild aus einzelnen Lichteindrücken zu­
Kameras ist das anders: Sobald wir ein scheinbar sammensetzt. Der menschliche Sehsinn arbeitet
perfektes Foto vergrößern, verwandelt es sich in grund­sätzlich anders als ein Fotoapparat. Dieser
ein Durcheinander aus kleinen bunten Kästchen. ­Unterschied wird fortbestehen – es sei denn, wir
Das Problem entsteht, wenn zwei Photonen schaffen es in einer fernen Zukunft, wirklich in­
auf dieselbe Fotodiode treffen, so dass ihre Ener­ telligente visuelle Systeme zu entwickeln und
gie in einem einzigen Pixel zusammengeführt sie in Kameras zu integrieren. Ÿ
wird. In diesem Moment geht die Information
über ihren exakten Ursprung verloren. Klaus Stiefel (links) ist
promovierter Biologe.
Leider vermag bislang keine Bildverarbei­
Nach einer internatio­
tungssoftware das Problem zu lösen. Es hilft nalen Forschungslauf­
auch nicht, die Megapixelzahl (MP) einfach zu bahn lebt er heute als
steigern. Ältere Digitalkameras begnügten sich Autor, Unterwasser­
fotograf und Tauch­
noch mit 2-MP-Bildsensoren; heute verfügen
lehrer auf den Philippinen. Alexander Holcombe ist
selbst Smartphones über mindestens doppelt so Professor für Psychologie an der University of Sydney
viele Megapixel. Der Effekt ist allerdings be­ und beschäftigt sich mit visueller Wahrnehmung.

12_2014 59
h i r n fo rsc h u n g S oz i a l e r S c hm e rz

Wenn die Seele weh tut


Ob uns ein anderer »vor den Kopf stößt« oder »über den Mund fährt«:
Für seelische Verletzungen verwenden wir oft die gleichen Begriffe wie
für k
­ örperlichen Schmerz. Laut neuen Studien beruhen beide
Empfindungen ­tatsächlich auf ähnlichen neuronalen Mechanismen.
Von An n e k e M eye r

S
chmerzen verstehen wir gemeinhin In den letzten Jahren häufen sich Forschungs­
als etwas, was sich mit handfesten ergebnisse, die bei sozialem und psychischem
Mitteln lindern lässt: Bei Halsentzün­ Schmerz ähnliche neuronale Verarbeitungswege
dung hilft meist Gurgeln und Wärme, nahelegen. So löst das Gefühl, von anderen aus­
bei verstauchten Gliedmaßen Ruhig­ gegrenzt zu werden, ähnliche Aktivierungs­mus­
stellen. Doch was tun bei Zurückweisung und ter im Gehirn aus wie körperlicher Schmerz. Das
Liebeskummer? Obwohl ebenfalls schmerzhaft, stellten die Psychologin Naomi Eisenberger und
würde niemand einen Kloß im Hals mit warmen ihr Team von der University of California in Los
Wickeln behandeln oder ein gebrochenes Herz Angeles fest, als sie Probanden ein virtuelles Ball­
eingipsen. spiel spielen ließen. Die Teilnehmer sollten sich
Auch wenn wir für seelisches Leid oft die glei­ in einem Computerspiel mit je zwei virtuellen
chen Begriffe verwenden wie für körperlichen Mitspielern gegenseitig einen Ball zuwerfen,
Schmerz, unterscheiden sich die Empfindungen während sie in der Röhre eines Magnetresonanz­
in vielerlei Hinsicht. So nehmen wir etwa psychi­ tomografen lagen. Die Versuchsleiter hatten ih­
Au f ei n en B lic k schen Schmerz oft als belastender wahr, wie For­ nen zuvor vorgegaukelt, die Mitspieler würden
scher der University at Buffalo (USA) feststellten. von »echten« Probanden außerhalb des Scanners
Schmerzhafte
Gefragt nach dem schlimmsten Erlebnis ihres gesteuert. Nach einer Weile warfen die virtuellen
Erfahrungen
Lebens, nannten drei von vier Befragten den Ver­ Spieler der dritten Person immer seltener den

1 Psychische Verlet-
zungen wie soziale
Ausgrenzung oder Liebes-
lust eines geliebten Menschen. Eine schwere Ver­
letzung oder Krankheit wurde seltener genannt
Ball zu, um sie schließlich ganz zu ignorieren.
Wie erwartet, berichteten die ausgeschlosse­
kummer aktivieren die als zum Beispiel ein beruflicher Rückschlag. nen Probanden, dass sie sich während des Spiels
gleichen Regionen im Trotz der unterschiedlichen Eindrücke, mit übergangen fühlten. Das Gefühl zeigte sich auch
Gehirn wie physischer
denen wir psychische und physische Verletzun­ in der Hirnaktivität, wie der Hirnscanner offen­
Schmerz.
gen verbinden, sind ihre Folgen für den Körper barte. Das dorsale anteriore Zingulum – ein Be­
2 Bei schwachem see-
lischem Leid werden
nur solche Areale aktiv,
mitunter erstaunlich ähnlich. »Stress-Kardio­
myopathie« nennen Fachleute ein seltenes Herz­
reich des Stirnhirns – sowie der vordere Bereich
der Inselrinde waren bei den »Außenseitern«
die die emotionale Kom- leiden, das ohne erkennbare organische Ursache verstärkt aktiviert. Das Besondere: Genau diese
ponente von Schmerz
verarbeiten; bei großem auftritt. Der wahrscheinlichste Auslöser für die Areale vermitteln auch das unangenehme Ge­
Leid sind auch die senso- infarktartigen Symptome spiegelt sich in einer fühl, das wir bei Schmerzen empfinden – die so
rischen Areale beteiligt. anderen Bezeichnung wider: »Gebrochenes-Herz- genannte affektive Schmerzkomponente (siehe

3 Wie körperlicher
Schmerz lässt sich
auch psychisches Leid
Syndrom«: Oft geht dem Leid eine besondere
emotionale Belastung voran. Offenbar kann Lie­
»Zwei Pfade des Schmerzes«, S. 64).
»Wir hatten so einen Zusammenhang nicht
durch Analgetika wie beskummer – in extremer Form – einem tatsäch­ erwartet«, sagt Naomi Eisenberger. Als sie ver­
Paracetamol lindern. lich »das Herz brechen«. suchte, die Ergebnisse des Experiments zu deu­

60 Gehirn und Geist


dreamstime / Picsfive

ten, wertete zufällig gerade eine Kollegin die die auch heute noch die Therapie psychosoma­ Pflaster drauf!
­Daten einer Studie zu chronischem Schmerz aus. tischer Schmerzen prägt (siehe Interview auf S. Seelisches Leid wie
ein »gebrochenes Herz«
»Plötzlich entdeckten wir, dass in beiden Ver­ 62/63).
ist dem körperlichen
suchen ähnliche Hirnregionen aktiviert worden Im Gegensatz zu verletzten Gefühlen haben Schmerz erstaunlich
waren.« Die Forscherinnen waren überzeugt: körperliche Schmerzen meist einen konkreten ähnlich – und lässt sich
­Zurückweisung ist so schwer zu ertragen, weil sie Ursprungsort. Sei es das gestoßene Bein oder der manchmal sogar mit den
gleichen Mitteln lindern.
tatsächlich weh tut. Sie verursacht im wahrsten entzündete Hals, unser Nervensystem gibt uns
Sinn des Wortes Schmerzen. zuverlässig Auskunft darüber, welcher Körperteil
Ganz neu war diese Erkenntnis allerdings betroffen ist und welche Qualität der Schmerz
nicht. Theorien zum Zusammenhang zwischen hat – ob stechend, pochend oder dumpf. Diese
seelischem und körperlichem Leid hatte sogar objektive Information bezeichnen Forscher als
schon Sigmund Freud (1856 – 1939) entwickelt. Er sensorische Schmerzkomponente.
führte manche physische Leiden auf verdrängte Im Gehirn zeigt sie sich durch eine Aktivie­
psychische Verletzungen zurück. Von sich über­ rung des somatosensorischen Kortex und der
schneidenden physiologischen Mechanismen posterioren Inselrinde (siehe »Zwei Pfade des
ging er jedoch nicht aus. Der von ihm geprägte Schmerzes«, S. 64). Ein Muster, das Eisenberger
Begriff »Konversionsstörung«, nach dem latei­ bei ihren »ausgegrenzten« Probanden nicht
nischen Wort für »Umkehr«, legt vielmehr eine ­be­obachtete. Teilen sich psychischer und phy­
Übertragung von negativen Gefühlen auf kör­ sischer Schmerz also nur die emotionalen Ver­
perliche Beschwerden nahe. Eine Interpretation, arbeitungswege im Gehirn?

12_2014 61
Den Teufelskreis durchbrechen
Manchmal haben Schmerzen in Gelenken, Rücken oder Kopf keine
körperliche Ursache. Der Psychoanalytiker Wolfgang Merkle
von der Klinik für Psychosomatik am Hospital zum heiligen Geist
in Frankfurt am Main erklärt, was den Betroffenen hilft.

Herr Dr. Merkle, in der Psychosomatik steht zu ertragen und idealerweise mit ihm abzu­
der Einfluss der Psyche auf den Körper im Vor- schließen.
dergrund. Sehen Sie Schmerz also als ein ganz- Wie stellen Sie dieses seelische Erleben wieder
heitliches Phänomen, das beide Aspekte um- her? Denken Patienten nicht schnell: »Jetzt er-
fasst? zählen die mir auch noch, dass ich mir alles
Ja und nein. Ich denke nicht, dass wir psychisches einbilde«?
und physisches Leiden gleichsetzen sollten. In Das ist tatsächlich eine häufige Grundhaltung.
der Psychosomatik beschäftigen wir uns sowohl Deshalb ist es ganz wichtig, auf die körperlichen
mit körperlichen als auch seelischen Schmerzen, Beschwerden einzugehen. Das geht etwa in Form
die allerdings nicht so klar voneinander abge­ einer Physiotherapie. Auch neurowissenschaft­
grenzt sind. Wir haben viele Patienten, die ihre liche Methoden geben uns die Möglichkeit, Pa­
Schmerzen körperlich benennen, weil es oft tienten konkret zu zeigen: Nein, Sie bilden sich
schwerfällt, psychisches Leid zu erfassen. Wenn den Schmerz nicht ein! Mitunter tun sich auch
unsere Arbeit gut gelingt, schafft der Patient es, Ärzte schwer, einen sich körperlich manifestie­
seinen Schmerz wieder seelisch zu erleben, ihn renden Schmerz mit seelischer Ursache anzuer­

Einerseits klingt das plausibel. Denn warum der Schmerzreiz nicht nur die affektiven
sollte psychische Drangsal mit sensorischen In­ Schmerzareale, sondern zudem den sekundären
formationen verknüpft sein? Andererseits ver­ somatosensorischen Kortex und die hintere
spüren wir manchmal tatsächlich so etwas wie ­Inselrinde. Sind seelische Verletzungen beson­
ein Stechen in der Magengrube oder in der Brust, ders qualvoll, so die Forscher, aktivieren sie die
wenn uns jemand beleidigt oder im Stich lässt. gleichen sensorischen Verarbeitungspfade im
In einer Studie von 2011 untersuchten Ethan Gehirn wie »echte« Schmerzen. Lassen sie sich
Kross und sein Team von der University of dann womöglich auch ähnlich behandeln?
­Michigan in Ann Arbor Probanden, die erst kurz
Heilsames Mitgefühl
vorher von ihrem Lebenspartner verlassen wor­
den waren. Sie zeigten den Betreffenden im Tatsächlich gibt es ein bewährtes Mittel, das ge­
­Hirnscanner Fotos ihres Expartners. Die vom Lie­ gen beide Arten von Schmerz hilft: Mitgefühl.
beskummer geplagten Teilnehmer sollten beim Eine tröstende Umarmung macht Liebes­kum­
Betrachten der Bilder das Erlebnis der Trennung mer erträglicher, und Kinder vergessen so ein
Revue passieren lassen. In einer Kontrollbedin­ aufgeschlagenes Knie schneller. Die schmerz­
gung sahen sie Fotos von Freunden. In einem lindernde Wirkung von persönlicher Anteilnah­
zweiten Experiment fügten die Versuchsleiter me ist selbst bei ernsteren körperli­chen Leiden
denselben Probanden einen leichten Hitze­ durch eine Reihe von wissenschaftlichen Studi­
schmerz zu oder wärmten stattdessen die glei­ en belegt.
che Hautpartie nur leicht an. Erstaunlicherweise lindern aber auch
Verglichen mit den Kontrolldurchgängen ak­ Schmerzmittel – eigentlich für körperlichen
tivierte sowohl das Trennungserlebnis als auch Schmerz bestimmt – psychische Verletzungen,

62 Gehirn und Geist


kennen. Um Patienten und Kollegen aufzuklä­ Wolfgang Merkle
ren, ist die Forschung für uns enorm wichtig. Der wurde 1954 in Bad
wesentliche Schritt ist aber ein anderer: Wir hel­ Saulgau in Oberschwa­
ben geboren. Schon
fen dem Patienten, wieder in Beziehung zu sei­
während seines Medizin­
ner Umwelt zu treten. Viele konzentrieren sich studiums in Ulm begann
so stark auf den Schmerz, dass ein Teufelskreis er sich für Psychosomatik
entsteht. Denn durch die erhöhte Aufmerksam­ und die Therapie chro­
nischer Schmerzen zu
keit intensiviert sich auch das Schmerzerleben. interessieren. Um einen
Indem der Patient beginnt, wieder Beziehungen tieferen Einblick in die

mit frdl. Gen. von Wolfgang Merkle


zu anderen Menschen aufzunehmen, kann diese Zusammenhänge zwi­
schen Körper und Geist
Abwärtsspirale durchbrochen werden.
zu gewinnen, entschied
Wie kann man sich das konkret vorstellen? er sich nach seiner
Wir setzen dafür häufig Bewegungs- oder Kunst­ Dissertation für eine Aus­
therapie ein. Ein wesentliches Element ist der bildung zum Psycho­
analytiker. Über Statio­
­soziale Kontakt. Die Teilnehmer einer Therapie­
nen in Günzburg und
gruppe sprechen miteinander und tauschen ihre Warum ist Trauer so wichtig? ­Esslingen kam er schließ­
Erfahrungen aus. Durch Rollenspiele oder das Trauern wird oft als etwas Negatives betrachtet. lich nach Frankfurt am
Malen von Bildern treten außerdem oft Konflikte Aber Menschen können dadurch reifen. Wenn Main, wo er seit 1996 als
Chefarzt an der Klinik für
zu Tage, die zuvor verdrängt wurden. Das ver­ ein Patient am Ende einer Therapie sagen kann: Psychosomatik am
deutlicht dem Patienten: Es gibt da etwas, wo­ »Mein Schmerz ist Trauer, die ich jetzt zulassen Hospital zum heiligen
runter ich leide. Solche Erkenntnisse sind der kann«, dann ist das gut! Er bekommt dadurch Geist tätig ist.
Schlüssel zur Ursache der Schmerzen. Der Betrof­ zwar nicht die Möglichkeit, seine Vergangenheit
fene kann so zum Beispiel seine äußere Situation zu ändern, aber er kann sie neu lesen und damit
verändern oder – ganz wichtig – trauern. auf seine Gegenwart einwirken.

wie die Gruppe von Naomi Eisenberger 2010 ent­ dem Medikament sogar eine Wirkung gegen
deckte. Die Forscher ließen zufällig ausgewählte »existenzielle Ängste« – das Unbehagen, das
Probanden drei Wochen lang zweimal täglich uns dann befällt, wenn wir über unseren eigenen
das Analgetikum Paracetamol einnehmen, eine Tod nachdenken. Der Sozialpsychologe Daniel
andere Gruppe erhielt stattdessen ein Placebo. Randles verabreichte Probanden entweder Para­
Jeden Abend notierten beide Gruppen in einem cetamol oder ein Placebo. Dann ließ er die Teil­
Fragebogen, ob und wie sehr sie an diesem Tag nehmer aufschreiben, was wohl mit ihren Kör­
von anderen seelisch verletzt worden waren. Im pern geschehen wird, wenn sie sterben. Anschlie­
Gegensatz zur Placebogruppe protokollierten ßend lasen alle Teilnehmer einen vermeintlichen
Teilnehmer, die das Medikament erhielten, im Haftbericht über die Festnahme einer Prostituier­
Lauf der Zeit immer weniger »schmerzliche« Er­ ten, mit der Aufgabe, sich eine »angemessene«
lebnisse. Geldstrafe auszudenken.
Ein Befund, der sich auch im Kernspintomo­ Wie Forscher schon länger wissen, sind wir
grafen bestätigte. Wieder ließ Eisenberger ihre ­anderen gegenüber strenger und abwertender,
Probanden im Scanner das virtuelle Ballspiel wenn uns existenzielle Ängste plagen. Randles
spielen, bei dem ein Spieler mit der Zeit ausge­ beobachtete nun, dass Paracetamol diese Verhal­
schlossen wurde. Ergebnis: Wer regelmäßig Para­ tenstendenz abschwächt: Probanden, die zuvor
cetamol eingenommen hatte, zeigte weniger das Analgetikum erhalten hatten, wählten eine
starke Aktivierungen in den affektiven Schmerz­ deutlich geringere Strafe als die Teilnehmer der
zentren als Mitglieder der Placebogruppe. Placebogruppe.
2013 bescheinigten Wissenschaftler von der Als Psychopharmaka werden Schmerzmittel
University of British Columbia in Vancouver wie Paracetamol aber auch in Zukunft nicht über

12_2014 63
dorsales anteriores anteriore Insula primärer somatosensorischer Kortex
Zingulum
sekundärer
somatosen-
sorischer
Kortex

posteriore
Insula

Schnittebene zwischen Schnittebene


den Hemisphären auf Höhe der Insula

Dirk Fischer
Zwei Pfade des Schmerzes

O bwohl wir Schmerz ganz-


heitlich wahrnehmen,
unterteilen Forscher ihn in zwei
und können auch getrennt
voneinander reguliert werden.
Sensorische Schmerzsignale
Insula repräsentiert (orange­) –
Areale, die für das Erleben von
Emotionen wichtig sind. Bei
Komponenten: eine sensorische werden im primären und gesunden Probanden sind diese
und eine affektive. Erstere sekundären somatosenso- Hirnregionen umso stärker
entsteht durch die Weiterlei- rischen Kortex sowie in der aktiviert, je unangenehmer der
tung von Signalen in den posterioren Insula verarbeitet Betreffende den Schmerzreiz
Schmerznervenfasern, die (grüne Flächen in der Grafik). empfindet. Das lässt sich durch
Auskunft über den Ort und die Patienten, bei denen eines oder Faktoren wie Erwartungshal-
Art des Schmerzes geben. Durch mehrere dieser Areale geschä- tung, Hypnose und Placebos
die affektive Komponente digt sind, können den Schmerz beeinflussen.
erleben wir Schmerz als etwas nicht mehr genau verorten. Sie Eine seltene Genmutation
Unangenehmes, dem wir haben ein undifferenziertes, kann die affektive von der
schnell entkommen wollen. unangenehmes Gefühl. sensorischen Komponente
Quellen Beide Aspekte gehen mit Akti- Affektive Schmerzinformatio­ entkoppeln. Betroffene spüren
DeWall, C. N. et al.: Tylenol
vierungen in unterschiedlichen nen sind im dorsalen anterioren zwar Schmerzen, haben dabei
Reduces Social Pain: Behavi­
oral and Neural Evidence. Bereichen des Gehirns einher Zingulum und in der anterioren aber kein Leidensgefühl.
In: Psychological Science 21,
S. 931 – 937, 2010
Eisenberger, N. I.: The Pain
of Social Disconnection:
Examining the Shared den Apothekertisch gehen. »Zurückweisung, Lie­ cherweise hat seelisches Leid eine vergleichbare
Neural Underpinnings of beskummer oder der Verlust einer nahestehen­ Aufgabe. Wie viel die beiden Schmerztypen tat­
Physical and Social Pain. den Person sind zwar keine angenehmen Erleb­ sächlich gemein haben, ist bisher unbekannt.
In: Nature Reviews Neuro­
nisse, doch sie haben eine wichtige Aufgabe«, Eins jedoch ist sicher: Je mehr wir über die eine
science 13, S. 421 – 434, 2012
Kross, E. et al.: Social Rejec­ sagt die Psychologin Eisenberger. »Durch sie ler­ Form lernen, desto besser werden wir auch die
tion Shares Somatosensory nen wir, was wir tun und was wir lieber lassen andere verstehen. Ÿ
Representations with
sollten.«
Physical Pain. In: Proceedings
of the National Academy of So stellt auch die Fähigkeit, körperlichen
Anneke Meyer ist promovierte Neuro­
Sciences USA 108, S. 6270 – Schmerz zu empfinden, eine wichtige Schutz­ biologin und freie Wissenschafts­
6275, 2011 funktion dar: Wir meiden den auslösenden Reiz. journalistin in Frankfurt am Main. 
Menschen, die keinen physischen Schmerz spü­
Weitere Quellen im Internet:
www.spektrum.de/artikel/ ren, verletzen sich deshalb viel öfter und haben
1312992 eine deutlich geringere Lebenserwartung. Mögli­

64 Gehirn und Geist


Herausgegeben von Wulf Bertram

Essays aus Medizin, Psychologie,


Naturwissenschaft und Naturphilosophie über die
Mysterien des Alltags

Beim Denken tun sich neue Leben im neuen Takt


Horizonte auf ... Was machen Dauerverfügbarkeit, soziale
... doch es lauern auch alte Fettnäpfchen! Netzwerke und die gefühlte Beschleunigung
Manfred Spitzer ist Phänomenen des All- mit uns – und ist die Entwicklung nur bekla-
tags auf der Spur und zeigt anhand neues- genswert? Mithilfe der digitalen Information
ter wissenschaftlicher Erkenntnisse auf, wel- und Kommunikation gelingt es uns erstmalig,
che Bedeutung Geist und Gehirn für unser die Linearität der Zeit zu überwinden! Fluch
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M e d iz i n S p r e c hstö r u n g e n

Ein merkwürdiger
Akzent
Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und wünschen Ihrem Partner
einen guten Morgen – doch die Worte aus Ihrem Mund klingen fremdartig.
Dann könnte es sich um eine äußerst seltene neurologische Störung handeln:
das »Foreign Accent Syndrome«.
Von C h r istia n e Ge l itz

H
Au f ei n en B lic k ätte Sabine Kindschuh ein paar Den ersten Patienten beschrieb der französi­
Fremder hundert Jahre früher gelebt, sche Neurologe Pierre Marie 1907: Eine Pariserin,

Zungenschlag wäre sie eine Kandidatin für den die einen Schlaganfall erlitten hatte und danach
Scheiterhaufen gewesen. Ihr rechtsseitig gelähmt war, begann daraufhin mit

1 Beim Fremdsprachen­
akzentsyndrom
sprechen Patienten
Heimatdorf Oberalba in Thürin-
gen war im 17. Jahrhundert Schauplatz mehrerer
einem elsässisch klingenden Akzent zu spre-
chen. Mehr Details sind von einer anderen histo-
plötzlich ihre Mutterspra­ Hexenprozesse, und was mit der 57-Jährigen vor rischen Patientin überliefert: Der Experte für
che mit einem vermeint­
sich ging, hätte man einst wohl übernatürlichen Sprachstörungen Georg Herman Monrad-Krohn
lich regionalen oder
ausländischen Akzent. Mächten zugeschrieben: Sie sprach nach einem dokumentierte 1943 die Geschichte der Norwe-

2 Meist geht die ver­ Schlaganfall 2005 plötzlich mit einem Tonfall, gerin Astrid L., die bei einem Luftangriff von
änderte Sprechweise der an den Schweizer Dialekt erinnerte. So sehr einem Granatsplitter am linken Stirnhirn ver-
auf Hirnschäden infolge sie auch versuchte, wieder normal zu sprechen, letzt wurde. Sie soll mehrere Tage bewusstlos
eines Schlaganfalls oder
es gelang ihr einfach nicht. und danach rechtsseitig gelähmt gewesen sein.
einer Verletzung zurück.
Seltenere Ursachen sind Die behandelnden Ärzte vermuteten psy- Zunächst hatte sie Schwierigkeiten, einfache Ge-
unter anderem Hirn- chische Ursachen dahinter, wie eine regionale genstände wie eine Streichholzschachtel zu be-
tumoren, multiple Sklero­ Tageszeitung berichtete. Erst ein Sprachthera- nennen, und machte viele Grammatikfehler. Mit
se und Schizophrenie.
peut erkannte: Es handelte sich um das »Foreign der Zeit lernte sie zwar wieder korrekt und flüssig
3 Die veränderte Laut­
bildung und Beto­
nung erweckt fälschli­
Accent Syndrome«, zu Deutsch Fremdsprachen-
akzentsyndrom – eine neurologische Erkran-
zu sprechen, allerdings mit einem Tonfall, der
ihre Landsleute offenbar an einen deutschen
cherweise den Eindruck, kung, die derart selten ist, dass ein durchschnitt- ­Akzent erinnerte – überaus ungünstig mitten im
der Betroffene sei kein
licher Mediziner in seinem gesamten Leben kei- Krieg.
Muttersprachler.
nen einzigen Betroffenen zu Gesicht bekommt. Hirnverletzungen, Schlaganfälle sowie ander-
Experten sprechen von weltweit rund 60, maxi- weitig bedingte Hirnblutungen gelten als die
mal 100 Fällen, die überhaupt jemals bekannt häufigsten Ursachen des Fremdsprachenakzent-
wurden. syndroms. Aber auch Hirntumoren und multi-

66 Gehirn und Geist


Neuffer-Design
ple Sklerose wurden mehr als einmal als Auslöser Chiropraktiker an der Halswirbelsäule hatte be- Lautsalat
dokumentiert. Jüngere Menschen kann es eben- handeln lassen. Und in einem weiteren Fall, den Bei Menschen mit
falls treffen: 2013 schilderten australische For- auch das deutsche Nachrichtenmagazin »Der Fremdsprachenakzent­
syndrom weichen Aus­
scher die Symptomatik einer 37-Jährigen, die Spiegel« 2011 aufgriff, zeigte sich das Syndrom sprache und Betonung
mitten in einem Telefongespräch plötzlich mit angeblich nach einer Operation. Eine Ameri­ von der normalen
Akzent zu sprechen begann und dies nicht mehr kanerin aus Oregon hatte sich mehrere Zähne Sprechweise ab.
abstellen konnte. Die Ärzte vermuteten die Ursa- durch eine Prothese ersetzen lassen.
che in einer Hirnblutung. Derartige Sensationsberichte sind mit Vor-
sicht zu genießen. Noch wissen Forscher nicht
Syndrom mit vielen Wurzeln?
genau, in welchen unterschiedlichen Erkran-
Im Jahr 2007 dokumentierten der Neuropsych­ kungen die Symptome wurzeln können. Uneins
iater Roy R. Reeves und seine Kollegen von der sind sie sich auch darin, ob das Fremdsprachen-
University of Mississippi in Jackson drei Fälle, in akzentsyndrom grundsätzlich von anderen
denen der Akzent offenbar mit einer schizo- Sprechstörungen zu unterscheiden ist. Viele
phrenen Psychose zusammenhing. Beides könn­ glauben, es handle sich um eine milde Form der
te von denselben Veränderungen im Gehirn aus- Apraxie – ­einer Bewegungsstörung des Sprech­
gelöst werden, vermutete Reeves. Er beschrieb apparats, die auch gemeinsam mit einer Aphasie
­einen Patienten, bei dem der Akzent mit Beginn (siehe »Kurz erklärt«, S. 68) auftreten kann. Man-
der akuten schizophrenen Psychose einsetzte che vermuten, eine abnorm angespannte Stimm-
und mit Ende der Psychose wieder ver­schwand. muskulatur als Folge der gestörten Sprechmoto-
Laut Pressemeldungen kann die Störung auch rik sei der Grund für die veränderte Aussprache.
auf medizinische Eingriffe zurückgehen. Wie der Der Linguist Inger Moen von der Universität
Discovery Channel 2008 berichtete, entwickelte Oslo beschrieb den Akzent in einer Sonderaus­
eine Frau im US-Bundesstaat Washington einen gabe des »Journal of Neurolinguistics«, die sich
fremden Akzent, nachdem sie sich von einem allein dem Syndrom widmete, am Beispiel einer

12_2014 67
Ku rz er kl ärt betroffenen Norwegerin. Die Länge der Vokale, lierte er im niederländischen Wort »logopedie«
Sprech- und Rhythmus und Satzmelodie entsprachen bei ihr (Sprechtherapie) alle vier Silben ähnlich lang,
Sprach­ nicht mehr jener von norwegischen Mutter- ­anstatt nur den Auslaut »i« zu betonen. Dabei
sprachlern. Die Ursache vermutete Moen im Ge- sprach der Mann auch deutlich langsamer. Ein
störungen
hirn: Fehler in der motorischen Steuerung seien Niederländer kommt im Schnitt auf rund sechs
Als Sprechstörung be­
dafür verantwortlich, dass sich unter anderem Silben pro Sekunde – der Patient schaffte gerade
zeichnet man Schwierig­
keiten, Sprachlaute Lippen, Zungenkörper und Zungenspitze anders einmal 2,39.
korrekt zu artikulieren. bewegten als zuvor. Und er zeigte ein weiteres charakteristisches
Dazu zählt unter ande­ Wie er glauben auch andere Forscher heute, Merkmal für das Fremdsprachenakzentsyn-
rem die Dysarthrie, die
auf Hirnschäden und dass beim Fremdsprachenakzentsyndrom die drom: eine längere »voice onset time«. Von die-
Hirnerkrankungen wie neuronale Kontrolle der Sprechmotorik beein- ser kurzen Stille vor dem Einsetzen der schwin-
Schlaganfall sowie auf trächtigt ist. Die Betroffenen wissen durchaus, genden Stimmlippen hängt es ab, ob ein Laut
geschädigte Hirn- und
dass sie fremdartig klingen, und sie wissen auch, stimmhaft (wie »b« oder »d«) oder stimmlos
Gesichtsnerven zurückge­
hen kann. Dabei sind wie es sich »richtig« anhören würde. Aber neuro- (wie »p« oder »t«) ist. Ein verlängertes Intervall –
häufig nicht nur die logische Schäden stören bei ihnen die Bewe- es geht dabei um wenige tausendstel Sekunden –
Muskeln der Sprechmoto­ gungsabläufe der Sprechmuskulatur. Und zwar lässt den Laut stimmlos klingen.
rik, sondern auch die des
derart, dass sich die Sprechweise für ungeübte Fazit der Forscher: Die Tendenz gehe generell
Kauens, Schluckens und
der Mimik betroffen. Ohren wie ein ausländischer Akzent anhört. in Richtung einer »Verhärtung« der Aussprache.
Bei der Sprechapraxie »Alle Merkmale deuten auf eine angestrengte
hingegen ist ausschließ­ Angestrengte Aussprache
­Artikulation hin, die einen ausländischen Akzent
lich die Planung und
Kontrolle von Bewegun­ Doch wie genau entsteht dieser Eindruck? For- nahelegt. Die Deutung jedoch hängt vom jewei-
gen des Sprechapparats scher um den Linguisten Dicky Gilbers von der ligen Fokus des Zuhörers ab«, so Gilbers und Kol-
beeinträchtigt. Die Ur- Universität Groningen gaben darauf 2014 Ant- legen.
sache sind Hirnschäden
wort. Sie analysierten Sprechproben eines 59-jäh- Können geübte Ohren den Muttersprachler
und Hirnerkrankungen in
jenen Strukturen und rigen Niederländers, der nach einem linkssei- dahinter erkennen und den echten Akzent von
Netzwerken, die das tigen Schlaganfall einen für einige Zuhörer ara- einer Sprechstörung unterscheiden? Das tes­
Sprechen kontrollieren. bisch oder auch türkisch anmutenden Akzent teten die Linguisten Jo Verhoeven von der City
Unter Sprachstörungen
zurückbehielt. Der Patient sprach kurze Vokale University London und Peter Mariën von der
versteht man Fehler bei
der gedanklichen Produk­ wie das unbetonte »e« betonter und länger aus, Freien Universität Brüssel. Mit Sprechproben
tion oder im Verständnis so dass die Silben innerhalb eines Worts gleich von fünf betroffenen Landsleuten verfügten die
von Wörtern und Sätzen. lang waren (»isochron«). Beispielsweise artiku- beiden Belgier über vergleichsweise umfang-
Die Fehler können bei­
spielsweise den Wort­
schatz oder die Bildung
von Sätzen betreffen
und auch das Lesen und
Schreiben beeinträchti­ Universales Syndrom
gen. Eine Aphasie ist
eine durch Hirnschäden
oder -erkrankungen
erworbene (nicht
L ange waren keine wissen-
schaftlichen Studien über
Betroffene im arabischen und
davongetragen. Der Farsi-­
Muttersprachler entwickelte
einen Akzent, der an den
Stirnhirn erlitten hatte. Ihr
Japanisch klang für die Forscher
so, als ob die Frau chinesischer
­entwicklungsbedingte)
Sprachstörung. asiatischen Sprachraum be- ­zentraliranischen Dialekt Yazdi oder koreanischer Herkunft
kannt. Doch inzwischen zeigten erinnerte. wäre. Unter anderem hatte sich
mehrere Forscher, dass das 2014 dokumentierten japa- die Tonhöhe verändert – ein
Syndrom auch dort auftritt. nische Neurologen den Fall Hinweis auf eine Fehlfunktion
2011 wurde auf einer Lingu- einer Patientin, die einen Infarkt des Kehlkopfes, der von den mo-
istenkonferenz erstmals ein unter anderem im prämoto- torischen und prämotorischen
Patient aus dem Mittleren rischen Kortex und im unteren Kortizes gesteuert wird.
Osten vorgestellt: Ein Iraner
hatte von einem Schlaganfall Sakurai, Y. et al.: Impaired Laryngeal Voice Production in a Patient with
Schäden im Schläfenlappen Foreign Accent Syndrome. In: Neurocase 2014, im Druck

68 Gehirn und Geist


reiche Daten. Diese spielten sie nun 123 Versuchs- Prominenter Fall
personen vor, vermischt mit Proben von fünf ge- Der britische Sänger
George Michael lag 2011
sunden flämischen Muttersprachlern und fünf
wegen einer Lungen­
»echten« Ausländern. Alle 15 erzählten bis zu entzündung in einem
zwei Minuten von ihrem Job, von Hobbys und Wiener Krankenhaus und
Urlauben, ohne Fehler in der Grammatik oder fiel für drei Wochen ins
Koma. Wie unter ande­
Wortwahl zu machen und ohne dass ein Zuhörer
rem der britische »Tele­
anderweitig auf ihre Herkunft beziehungsweise graph« meldete, sprach
Erkrankung schließen konnte. Die Test­hörer wa- der in London aufge­
ren Flamen – also Belgier mit Nieder­ländisch als wachsene Popstar nach
dem Erwachen angeblich
Muttersprache –, darunter sowohl linguistische kurzzeitig mit einem
Laien als auch Sprachtherapie­studenten sowie Akzent aus dem nahe
Lehrer, die Niederländisch als Fremdsprache dreamstime / S. Bukley
gelegenen Bristol.
­unterrichteten.
Allen fiel es leicht, die gesunden Mutter-
sprachler und die Ausländer korrekt zu identifi-
zieren. Bei den Sprechern mit Fremdsprachenak-
zent hingegen waren sich die Zuhörer unsicher. Möglicherweise sind sie manchmal auch ein
Am ehesten erkannten die Niederländischlehrer Indiz für eine stärker psychisch als neurologisch
in den fünf Patienten richtigerweise Landsleute. bedingte Störung. Verhoeven und Mariën be-
Aber insgesamt 75 Prozent der Zuhörer glaubten, schrieben 2005 eine niederländisch sprechende
einen ausländischen Akzent zu hören. Am häu- Patien­­tin, die ohne erkennbare körperliche Ur-
figsten tippten sie auf Franzosen oder Marok­ sache seit acht Jahren mit einem französisch
kaner: Französisch ist in Belgien neben Nieder- klingenden Akzent sprach. Sie machte dabei
ländisch und Deutsch Amtssprache, und viele ­zunehmend in Wortwahl und Satzbau ­Fehler,
Einwanderer stammen aus Marokko. Die Proban- die für Franzosen typisch sind – allerdings un­
den hörten also eher Akzente heraus, die ihnen typisch für das Fremdsprachenakzentsyndrom,
vertraut waren. das nur auf einer Fehlsteuerung der Aussprache
beruht.
Fehlgedeutete Sprachmarker
Deshalb und wegen der schwierigen Familien-
Mariën und Verhoeven schließen daraus: Der geschichte der Patientin nahmen die Forscher
echte ausländische Akzent lasse sich deshalb an, dass es sich in dem Fall um eine Konversions-
leicht erkennen, weil die charakteristischen störung handeln könnte. Bei diesem Krankheits-
Merkmale so zuverlässig auftreten. Beim Fremd- bild treten beispielsweise Lähmungen, Blindheit
sprachenakzentsyndrom sind die Indizien dage- oder Taubheit auf, ohne dass sich dafür eine
gen schwächer – und werden entsprechend eher ­organische Erklärung finden lässt. Die Sym-
fehlinterpretiert. Gesprochene Sprache enthält ptome gründen hier offenbar in psychischen
so genannte physische und psychologische Mar- Konflikten, die den Patienten unlösbar erschei-
ker, die etwas über Geschlecht und Alter des nen und die sich unbewusst in körperlichen
Sprechers, seine Persönlichkeit und sein aktuel­ ­Beschwerden ausdrücken. Sie sind deshalb me-
les Befinden aussagen. Außerdem lassen soziale dizinisch nicht unbedingt stimmig, psycholo-
Marker auf den Bildungsstand und auf die gisch jedoch schon, weil sie ein psychisches Pro-
­re­gionale oder nationale Herkunft schließen. blem lösen.
Den vermeintlichen Fremdsprachenakzent Die zunehmend ausländisch anmutende
kenn­zeichnen »physi­sche Marker, die etwas über Sprechweise lässt sich lernpsychologisch auch
die körperliche Verfassung – die motorische auf die Reaktionen der Umwelt zurückführen:
Sprechstörung – verraten«, erklären Mariën und Wenn die Betroffenen dafür Aufmerksamkeit
Verhoeven. »Aber sie werden als Hinweis auf die ­erfahren, könnte dies das Syndrom aufrecht­
Herkunft, also als soziale Marker fehlgedeutet.« erhalten oder sogar verstärken. So etwa im Fall

12_2014 69
Missglücktes Feintuning
Ein neurolinguistisches Netzwerkmodell erklärt den
vermeintlichen Akzent beim Fremdsprachenakzentsyndrom.

B eim »Foreign Accent Syn-


drome« leiden die Betroffe­
nen unter einer Sprechstörung,
gehört zu einem neuronalen
Netzwerk, das die Feinmotorik
steuert.
Patientin mit der von zwölf
gesunden Probanden sowohl
beim Zählen als auch während
die häufig als ausländischer Dem Fremdsprachenakzent- anderer Sprachaufgaben.
Akzent fehlinterpretiert wird. syndrom scheinen allerdings Tatsächlich wurden bei ihr nicht
Ihre Aussprache klingt untypisch öfter Schäden in der Großhirn- die gleichen Regionen aktiv
für einen Muttersprachler, weil rinde zu Grunde zu liegen. Die wie bei den gesunden Versuchs-
sie Lippen, Kehlkopf und andere Zusammenhänge untersuchten personen, sondern benachbarte
Sprechwerkzeuge nicht mehr Forscher von der Universität Strukturen. Daraus schlossen
wie üblich koordinieren können. Udine in Italien. Ihr Versuchs­ Skrap und Kollegen, dass das
Bei einer erfolgreichen objekt war eine 50-Jährige mit Gehirn die Schäden zu kompen-
Fein­abstimmung arbeiten viele einem Tumor im linken prä­ sieren versuchte: »Der Schaden
verschiedene Hirnregionen zentralen Gyrus, an der Grenze in einem Teil des präzentralen
zusammen. So wundert es zwischen primärem moto- Gyrus könnte eine Neuorgani-
nicht, dass sich in den doku- rischem und prämotorischem sation der Aktivität um diese
mentierten Fällen Schäden in Kortex. Der Ehemann hatte Region herum verursacht
unterschiedlichen neuronalen zuvor einen zunehmend »merk- haben.«
Strukturen nachweisen ließen. würdigen Akzent« festgestellt, Anders gesagt: Die Aufgaben
2009 berichteten Forscher wie die Forscher 2013 berich­ wurden an Nachbarstrukturen
um Daniel Cohen von der teten. abgegeben, die Pfade umgelei-
Harvard University über zwei Um die dafür verantwort- tet – doch dieses Ersatzsystem
Schlaganfallpatienten, bei lichen Hirnschäden genau zu funktionierte offenbar nicht so
denen Strukturen in der linken orten, kombinierte das Team perfekt wie das alte. Demnach
Hirnhälfte sowie das rechte um den Mediziner Miran Skrap wäre der Akzent ein Neben­
Kleinhirn betroffen waren. Nun zunächst Diffusions-Tensor- effekt eines Kompensations­
würde man die Ursache einer Bildgebung und Magnetreso- versuchs.
Sprechstörung eher in den nanztomografie. Anomalien Für die Italiener stehen
linksseitigen Schäden vermu- fanden Skrap und Kollegen zum diese Ergebnisse im Einklang
ten, da auch das für die Sprach- Beispiel im motorischen Kortex­ mit einem Modell der Sprach-
produktion zentrale Broca-Areal areal für den Kehlkopf. Als sie produktion von Frank Guenther
in der Regel in der linken Hemi- während der Operation des und seinem Team von der
sphäre liegt. Doch in den beiden Tumors die betroffene Region Boston University. Dem zufolge
genannten Fällen verschwand stimulierten, stellten die For- kontrollieren zwei Subsys-
der vermeintliche Akzent, als scher fest, dass von dort auch teme die Sprechmotorik: eine
sich die Durchblutung im rech- die Mundmotorik gesteuert ­Feedback- und eine Feed­
ten Kleinhirn normalisierte – wurde. forward-Schleife.
während die linksseitigen Weiter verglichen die For- Beide haben ihren Ausgangs-
Schäden blieben. Das Kleinhirn scher die Hirnaktivität der punkt in einer sprachlichen

70 Gehirn und Geist


Wie produziert
supplementär- das Gehirn unsere
ventraler prämotorischer motorisches Areal Laute?
Kortex Dem Modell von Frank
Guenther zufolge
ventraler motorischer laufen Befehle von
Kortex einer neuronalen
»Klangkarte« im ven-
tralen prämotorischen
Kortex und im poste­
rioren inferioren
posteriorer inferiorer
frontaler Gyrus frontalen Gyrus zur
»Artikulations­karte«
im ventralen moto­
rischen Kortex (ver­
größerte Ansicht).
innerer Kehlkopf Wird Letztere zugleich
vom supplementär-
Lippen
motorischen Areal
Kiefer aktiviert, gibt sie die
Befehle an die Sprech­
Zunge werkzeuge ­weiter.
Gehirn und Geist / Art for Science

Störungen auf diesen


Pfaden sowie an ihren
Gaumen
Zwischenstationen,
äußerer Kehlkopf
darunter Basalgang­
lien, Thalamus und
Kleinhirn, können die
Lautproduktion
beeinträchtigen.
»Klangkarte« im linken prä­ motorischen ­Areal in Gang Frank Guenther kann mit
motorischen Kortex und im gesetzt werden. seinem Modell außerdem eine
angrenzenden unteren Frontal- Die akustische und somato- sonderbare Beobachtung
kortex. Wird diese Karte aktiv, sensorische Feedback-Schleife erklären: In 80 bis 90 Prozent
schicken ihre Neurone Befehle hingegen verläuft großteils der beschriebenen Fälle mit
in einer Vorwärts­schleife teils über andere Stationen und ist Fremdsprachenakzentsyndrom
direkt, teils mit Umweg über beim Fremdsprachenakzent­ handelt es sich um Frauen. »Bei
Kleinhirn und Thalamus an syndrom voll funktionstüchtig: den Männern ist die linke Quellen
eine »Artikula­tionskarte« im Die Betroffenen sind sich der Hemisphäre deutlich stärker an Cohen, D. A. et al.:
Para­doxical Facilitation:
rechten und linken ventralen Diskrepanz zwischen erwar- der Sprachproduktion beteiligt
The Resolution of Foreign
motorischen Kortex. Hier sitzen tetem und tatsächlichem als die rechte«, erklärt Guen- Accent Syndrome after
Nervenzellen, deren Aktivität auditivem Feedback bewusst – ther. »Frauen nutzen dafür eher Cerebellar Stroke. In:
wiederum bestimmt, wie anders gesagt: Sie wissen, dass beide Hirnhälften. Deshalb Neurology 73, S. 566 – 567,
2009
schnell beispielsweise Lippen, sie fremdartig sprechen. Die können sie Defizite in der
Tomasino, B. et al.:
Zunge, Kiefer und Kehlkopf Sprachklangkarte muss deshalb Sprechmotorik besser ausglei- Foreign Accent Syn-
welche Position einnehmen ebenfalls intakt sein. Verant- chen.« Während bei Männern drome: A Multimodal
Mapping Study. In:
(siehe Grafik rechts oben). wortlich für die Probleme beim häufiger eine schwerere Sprech-
Cortex 49, S. 18 – 39, 2013
Die Befehle laufen dann w
­ eiter Feintuning, so das Fazit der störung zurückbleibe, höre man Tourville, J. A., Guenther,
zu den Sprechwerk­zeugen, italienischen Forscher um Skrap, bei Frauen nur leichte Fehler – F. H.: The DIVA-Model:
den »Artikulatoren«, sobald sei demnach eine Störung der die eben oft nicht wie eine A Neural Theory of
Speech Acquisition and
sie unter Beteiligung der motorischen Befehlskette in Sprechstörung, sondern wie ein
Production. In: Language
­Basal­ganglien vom rechten den Feedforward-Kontroll­ Akzent erscheinen. and Cognitive Processes
und linken supplementär-­ pfaden. Christiane Gelitz 26, S. 952 – 981, 2011

12_2014 71
Neuffer-Design
Filmtipp von Sharon Campbell-Rayment aus Ontario: Gehirn regeneriert. Auf einer Konferenz von
Schlaganfallpatientin Sabine
Laut Presseberichten spricht die Kanadierin mit ­US-Neurologen stellten Mediziner der University
Kindschuh in »Planetopia«,
30. 09. 2013 schottischem Einschlag, seit sie 2008 vom Pferd of Miami 2012 einen Patienten vor, der vergeb-
www.planetopia.de/archiv/ fiel und sich dabei eine Gehirnerschütterung zu- lich bei mehreren Krankenhäusern Hilfe gesucht
news-details/datum/2013/
zog. Für sie sei der Akzent ein Zeichen gewesen, hatte. Beim Singen hatte der junge Brite plötzlich
09/30/ploetzlich-sprach-sie-
schweizerdeutsch-leben- sich mit ihren Vorfahren zu beschäftigen, die vor einen unfreiwilligen karibisch anmutenden
mit-fremdsprachenakzent mehr als 100 Jahren Schottland verließen. »Es ist, ­Akzent bemerkt. Die Mediziner der Universität
syndrom.html wie noch einmal neu anzufangen. Ich bin ein in Miami diagnostizierten einen leichten Schlag-
ganz anderer Mensch geworden«, wird sie zitiert. anfall im linken prämotorischen Kortex. Nach
Literaturtipp
Gilbers, D. et al.: On the Force Den Akzent empfinde sie als Segen. entsprechender Behandlung, rund drei Tage
of Articulation in Foreign Ac- nach dem ersten Auftreten der Symptome, ver-
cent Syndrome. In: Gooskens, Ein Teil der Identität geht verloren
schwanden diese wieder.
C., Van Bezooijen, R. (Hg.):
Die meisten Betroffenen sehen das wohl anders. Dagegen brauchte es bei einer 35-jährigen
Phonetics in Europe. Peter
Lang, Hamburg 2013, S. 11 – 33 Sie empfinden die fremde Sprechweise als stö- Deutschen mit einer Hirnblutung im linken
Linguistische Analyse des rend oder gar qualvoll. Im schlimmsten Fall Schläfenlappen zwei Jahre, bis sie ihren Akzent
Fremdsprachenakzent­
­haben sie das Gefühl, einen Teil ihrer Identität wieder los war, wie Kölner Mediziner 2005 be-
syndroms anhand von zwei
Fällen zu verlieren: Plötzlich werden sie von ihren richteten.
Landsleuten nicht mehr als Mitglied ihrer an­ Sabine Kindschuh hat sich mit ihrem Schick-
Quellen gestammten Sprachgemeinschaft wahrgenom- sal abgefunden. Die ersten zwei Jahre seien
Moen, I.: Analysis of a Case
men. So erging es laut BBC der 38 Jahre alten schlimm gewesen, wird sie von einer regionalen
of the Foreign Accent
Syndrome in Terms of the ­Sarah Colwill aus dem südenglischen Plymouth. Tageszeitung zitiert. Doch sie habe gelernt, zu
Framework of Gestural Nach einem Schlaganfall sprach sie mit einem ­akzeptieren, was nicht mehr zu ändern sei. Ihre
Phonology. In: Journal of Akzent, der chinesisch klang. Familie und Nachbarn hätten sich daran ge-
Neurolinguistics 19, S. 410 – 
Eine sichere Heilmethode für das Fremdspra- wöhnt. Trotzdem versuche sie immer wieder, so
423, 2006
Van der Scheer, F. et al.: chenakzentsyndrom gibt es nicht. Empfohlen zu sprechen wie früher – vergeblich. Ÿ
Foreign Accent Syndrome wird ein Sprachtraining: Die Patienten wieder­
and Force of Articulation. In:
holen dabei Wörter und Sätze immer wieder in
Aphasiology 28, S. 471 – 489,
2014 ihrer alten Sprechweise und achten dabei bei-
Christiane Gelitz ist Psychologin und
Verhoeven, J. et al.: Accent spielsweise auf Merkmale wie Timing und Ton- Redaktionsleiterin von »Gehirn
Attribution in Speakers with höhe, je nachdem, was den ausländischen Ein- und Geist«. Sie findet Akzente gleich
Foreign Accent Syndrome. In: welcher Ursache faszinierend.
druck verursacht.
Journal of Communication
Disorders 46, S. 156 – 168, In einigen Fällen verlieren die Patienten den
2013 neuen Akzent von allein wieder, wenn sich das

72 Gehirn und Geist


Li e fe rbar e Ausgab e n
GEHIRN UND GEIST 11/2014: GEHIRN UND GEIST 10/2014:
Die Psychologie der Vergebung Neurokonstruktivismus:
• Neue Medikamente gegen Die Welt, ein Hirngespinst? •
Drogensucht • Wie gut kennen Hausaufgaben: Kinder zum
Sie Ihren Partner wirklich? • Lernen motivieren • Laienfor-
Sind bestimmte moralische scher: Wie Bürger die Labore
Werte angeboren? • Virtuelle erobern • Lewy-Body-Demenz:
Agenten: Sprachen lernen Die unbekannte Hirnerkran-
leicht gemacht? • € 7,90 kung • € 7,90

GEHIRN UND GEIST 9/2014: GEHIRN UND GEIST 8/2014:


Die Kraft der Selbsterfahrung: Kreativität: Die besten Strate-
Überwinde deine Grenzen! gien • Kann man seine Intel-
• Rente mit 63: Tut früher ligenz trainieren? • Wasch-
Ruhestand wirklich gut? • rituale: Die Seele reinigen •
Onlineauktionen: Warum wir Infografik: Reaktionswege
oft mehr zahlen als nötig • beim Torschuss • Gedanken-
Testosteron: Die verblüffenden experimente: Das Labor im
Seiten des »Macho-Hormons« Geist • KI: Wenn Maschinen
• € 7,90 das Lernen lernen • € 7,90

GEHIRN UND GEIST 7/2014: GEHIRN UND GEIST 6/2014:


Neue Serie: Die Intelligenz von Paare: Liebe fürs Leben?! •
morgen • Kinderpsychiatrie: Spezial Alzheimerdemenz •
Hab keine Angst! • Schiedsrich- Computerspiele: Mein Freund,
ter: Fouls, Pfiffe und Fehlent- der Avatar • Arbeit & Karriere:
scheidungen • Angelo Mosso: Hilf anderen – das hilft dir
Mechaniker des Geistes • Lan- selbst! • Ratgeber: Prüfungs-
geweile: Wenn die Zeit kriecht angst • Umfrageergebnisse:
• Motivation: Was uns bremst – Die Macht der Meinungen • ALLE
was uns antreibt • € 7,90 € 7,90 HEFTE AUCH
ALS DIGITALE
AUSGABE (PDF)
ERHÄLTLICH
Gehirn und Geist 4/2014

Nr. 4/ 2 0 1 4

GEHIRN UND GEIST 5/2014:


Psychoanalyse · Personalauswahl · Zebrafische · Neuroprothesen · Kaffee · Hypnose

heilen durch hypnose


Karten vom lebenden Gehirn • Wie die Trance auf das Gehirn wirkt GEHIRN UND GEIST 4/2014:
Arbeit & Karriere: Erfolgreich Hypnose: Therapie per Trance •
beim Gehaltspoker • Medizin: Fische als Studienobjekte der
Mein Leben mit Parkinson • Hirnforschung • 10 Fakten
Immunsystem: Wenn die Ab- über Kaffee • Arbeit & Karriere:
wehr krank macht • Das Genie personAlsuche 2.0
Recruiting 2.0 • Babys: Schlaf
€ 7 ,9 0 / 15, 40 sFr . / gehi r n- u n d-g ei st.d e

Bewerberauswahl
per Facebook & Co. (S. 28)

wecken • Ratgeber: Stress kann man nicht erzwingen •


sp eZ
KAffee-Mythen ne iA l
pr uro -
Fitmacher oder Suchtmittel – Greif othese
en n
was stimmt wirklich? (S. 76) mit kü und Fü
hlen

Psychoanalyse: Freuds Kritiker


ns

abbauen in der Schwanger-


Armetlichen
n
sexuelle gewAlt
Was Gruppentäter antreibt (S. 16)
D57 525

schaft • € 7,90 • € 7,90

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M e d iz i n Ve r ha lte n s s u c ht

Voll im Training
Sport ist gesund – meistens jedenfalls. Doch manche Hobbyathleten zeigen
­typische Symptome einer Sucht. Die Ursachen liegen vermutlich in neuronalen
Prozessen, die denen bei Drogenabhängigkeit ähneln.
Von M i r iam B e rg e r

74 Gehirn und Geist


D
er Nachbar geht jeden Tag jog- ning mal nicht so durchziehen konnte, wie ich
gen. Ihr Bürokollege verbringt wollte«, erzählt Peter Weidmann*. Sportlich war
seine Mittagspause fast immer der heute 51-Jährige schon immer, sagt er. Frü-
im Fitnessstudio. Eine Freundin her, mit Anfang 30, fuhr er Radrennen und
absolviert alle paar Wochen den spielte Fußball. Da er sich als schmächtig emp-
nächsten Triathlon. Und Sie denken: Das ist doch fand, begann er irgendwann zusätzlich im Fit-
nicht mehr normal! nessstudio Gewichte zu stemmen und das Trai-
Einmal geht noch
Kraftsportler investieren Vielleicht würde der Nachbar, Kollege oder die ning durch proteinreiche Ernährung zu unter-
oft sehr viel Zeit und Freundin dem sogar zustimmen. Viele Ausdau- stützen. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich
Energie in den Mus- ersportler bezeichnen sich selbst als süchtig, wie warten: Innerhalb von sechs Monaten legte er
kelaufbau. Die Grenzen
der Sportpädagoge Edgar Rümmele schon Ende zehn Kilogramm Muskelmasse zu.
zur Sucht sind dabei
fließend. der 1980er Jahre berichtete. Über die Hälfte der »Da war das Trainingsfeuer in mir entfacht«,
von ihm befragten Marathonläufer hielt sich für erinnert sich Weidmann. Hatte er anfangs durch-
»laufsüchtig«, einzelne gaben sogar an, den Ge- aus noch Zeit und Lust, sich mit Freunden zu
danken nicht zu ertragen, dass sie einmal nicht treffen oder ins Kino zu gehen, wurden ihm per-
mehr joggen könnten. sönliche Kontakte nach und nach immer weni-
Laut dem Psychologen Heiko Ziemainz von ger wichtiger. »Für mich gab es nur volle Pulle.
der Universität Erlangen-Nürnberg stellt selbst Das gesunde Maß ging verloren.«
intensives Training trotzdem zunächst kein Ge-
Nur noch eins im Sinn
sundheitsrisiko dar. »Wenn jemand viel Sport
treibt, und sei es fünf- oder siebenmal in der Wie Weidmann vernachlässigen Sportsüchtige
­Woche, hat das in der Regel enormen gesundheit- zunehmend Freunde und Familie, was bis zur
lichen ­Nutzen.« Der Drang nach Bewegung und Trennung vom Partner führen kann. Ihre Gedan-
Wettkämpfen sei in den allermeisten Fällen nicht ken kreisen nur noch um den Sport und das zu
krankhaft, sondern beruhe auf einem positiven absolvierende Trainingspensum. Und die Dosis
Verhältnis zur sportlichen Herausforderung. muss immer weiter gesteigert werden, um die
Damit wäre dieses Missverständnis schon ein- gleiche Befriedigung zu erreichen. Dabei nimmt
mal ausgeräumt: Wer intensiv Sport treibt, hat mancher sogar massive körperliche Schädigun­
noch lange kein Problem. Auch wenn etwa ein gen in Kauf. »Der schlimmste Fall, von dem ich
»Ironman«, bei dem man nacheinander 3,8 Kilo- gehört habe, war ein Ultramarathoni, der sich die
meter schwimmt, 180 Kilometer Rad fährt und Ferse bis auf den Knochen durchlief«, sagt Heiko
dann noch einen Marathon läuft, dem Normal- Ziemainz.
bürger als eine einzige Quälerei erscheint. Stu­ Kann der Sport einmal nicht betrieben wer-
dien, die die vielfältigen Vorteile von Ausdauer- den, treten Entzugssymptome auf; der Sportler
training belegen, gibt es zuhauf – so macht rege wird unruhig, reizbar, launisch, aggressiv. »Ein
sportliche Aktivität zufriedener und ausgegli- Trainingsausfall war fast eine Katastrophe für
chener, lindert Angst und Stress. mich«, erinnert sich Peter Weidmann. »Ich hatte
Ein Team um den Gesundheitsforscher Angst, sofort an Kraft und Masse zu verlieren.«
Huseyin Naci von der University of London fand Das Phänomen Sportsucht ist wissenschaft-
2013 heraus, dass Bewegung bei bestimmten lich bereits lange bekannt. 1970 stieß der Psy­ch­
­Erkrankungen sogar ein wirksameres Therapeu- iater Frederick Baekeland bei einer Studie zur
tikum darstellt als Medikamente, etwa in der Schlafqualität an der State University of New
­Rehabilitationsphase nach einem Schlaganfall. York mehr oder weniger zufällig darauf. Die Teil-
Der Sport wird erst dann problematisch, wenn nehmer sollten einen Monat lang auf jede sport-
der Betreffende einen zwanghaften Drang da- liche Betätigung verzichten. Baekeland wollte
iStockphoto / Milos Markovic

nach verspürt, sich körperlich zu betätigen – und wissen, wie sich der Entzug auf ihre psychische
dabei alles andere in seinem Leben hintanstellt. Verfassung auswirkt. Trotz einer statt­lichen Auf-
Die ersten Anzeichen erscheinen meist harm- wandsentschädigung wollten viele partout nicht
los: »Ich war leicht reizbar, wenn ich mein Trai- an der Untersuchung teilnehmen – mit Hinweis

12_2014 * Name von der Redaktion geändert 75


au f ei n en b lic k darauf, sie wollten nicht auf ihren Sport verzich- werte zudem mit ausführlichen klinischen Inter-
Aua statt Power ten. Baekeland fragte sich, ob das bereits Aus- views ab. Unterm Strich galten 4,5 Prozent der
druck einer Abhängigkeit sei. Studienteilnehmer als gefährdet, jeder zehnte
1 Bewegung tut gut –
körperlich ebenso
wie seelisch. Vor allem
Die Sportsucht wird heute zu den so genann-
ten Verhaltenssüchten gezählt, worunter auch
von diesen wiederum litt nach Einschätzung der
Forscher an einer akuten Sportsucht – insgesamt
Ausdauersportler Glücksspiel-, Internet- und Sexsucht fallen. Doch also weniger als ein halbes Prozent der Aktiven.
­berichten von Euphorie­
ebenso wie etwa Arbeits- oder Kaufsucht ist die Breitensportler waren darunter ebenso oft ver-
schüben und anderen
positiven Effekten durch Sportsucht nicht als eigene psychische Störung treten wie Extremsportler, Männer wie Frauen.
die Bewegung. anerkannt: Sie taucht in den gängigen psychia­ Allerdings schienen jüngere Athleten häufiger

2 Diese so genannten
Verstärker können
jedoch zu übermäßiger
trischen Diagnosemanualen ICD-10 und DSM-5
nicht auf. Der Grund: Häufig ist Sportsucht nicht
betroffen zu sein als ältere. Erwartungsgemäß
­erzielten jene, die schon länger oder besonders
Aktivität motivieren und die eigentliche klinische Erkrankung, sondern es viel trainierten, höhere Werte, ebenso wie Tri­
eine Sportsucht auslösen. steckt zum Beispiel eine Essstörung dahinter. athleten, die gleich drei Sportarten praktizieren.
Laut Schätzungen betrifft Das exzessive Training dient hier als Mittel zum Wie Peter Weidmanns Fall zeigt, sind von
das weniger als ein
Zweck, um die als überflüssig empfundenen Sportsucht längst nicht nur Ausdauersportler
Prozent aller Sporttrei­
benden. ­Kilos loszuwerden und ein körperliches Idealbild betroffen. »Das Phänomen kann in allen Sport­

3 Die Folgen der Sport­ zu erreichen. Es ist also wenig verwunderlich, arten auftreten, auch in der Fitness- oder Body-
sucht reichen von der dass Sportsucht meist »sekundär« im Zusam- buildingszene«, erklärt Ziemainz. So untersuchte
Vernachlässigung des menhang mit Anorexie (Magersucht) auftritt. der Psychiater Michel Lejoyeux vom Hôpital
Berufs, der Partnerschaft
und anderer privater ­Bichat-Claude-Bernard in Paris rund 300 Besu-
Therapeutisches Schattendasein
Kontakte bis hin zu cher von Fitnessstudios. Zirka 40 Prozent zeigten
schweren körperlichen Die »primäre« Sportsucht führt dagegen ein zumindest einzelne suchttypische Merkmale.
Schäden.
­regelrechtes Schattendasein – sie wird von Me­ Ob Lauf- oder Gerätetraining: Der Sucht liegt
dizinern und Psychologen selten festgestellt eine besonders enge »Bindung« an den Sport zu
und ist bislang kaum untersucht. Das liegt auch Grunde. Forscher vermuten, dass sie unter an­
daran, dass sie weit weniger Menschen betrifft derem auf den Rauschzustand zurückgeht, den
als etwa Alkohol- oder Spielsucht. Für den Einzel- körperliche Aktivität hervorrufen kann. Häufig
nen selbst ist sie deshalb aber nicht weniger be- berichten etwa Ausdauersportler vom so genann­
drohlich. ten Runner’s High: einem Gefühl der Schwe­re­
Aktuell gibt es keine verlässlichen Daten dazu, losigkeit, begleitet vom Glauben an schier uner-
wie viele Menschen tatsächlich an einer Sport- schöpfliche Kraftreserven.
sucht leiden. Vermutlich ist weniger als ein Pro- Lange Zeit nahm man an, das Gehirn schütte
zent der Sport treibenden Bevölkerung betrof- in solchen Momenten vermehrt bestimmte
fen. 2013 erschien eine umfangreiche Studie an ­Botenstoffe wie das körpereigene Opioid Beta-­
1089 Ausdauersportlern, darunter Triathleten, Endorphin aus, das schmerzdämpfend und
Läufer und Radsportler. Heiko Ziemainz und sei- ­euphorisierend wirkt. Tatsächlich steigt die
ne Kollegen von den Universitäten Erlangen- ­Konzentration dieses Neurotransmitters bei aus-
Nürnberg und Halle-Wittenberg hatten zunächst dauernder sportlicher Betätigung an. Der Effekt
eine deutsche Version des »Exercise Addiction tritt meist nach mindestens einstündiger kör-
Inventory« (EAI) entwickelt, eines vor allem in perlicher Belastung auf. Bei den Sportlern wird
den USA verbreiteten Fragebogens, der einschät- die Konzentration von Beta-Endorphin aller-
zen hilft, wer besonders gefährdet ist, an einer dings im Blut der Körperperipherie gemessen.
Sportsucht zu erkranken. Da man nicht genau weiß, ob und wie gut der
Die Teilnehmer gaben an, inwieweit Aussagen Transmitter die Blut-Hirn-Schranke überwindet,
wie diese auf sie zutrafen: »Training ist das Wich- kann man davon kaum auf die Werte im Gehirn
tigste in meinem Leben«, »Wenn ich ein Training schließen.
ausfallen lassen muss, bin ich launisch und reiz- Ein zweiter Ansatz erklärt das wohlige »Flow«-
bar.« Um die Suchtgefahr besser abschätzen zu Gefühl daher auf andere Weise: Laut der »tran­
können, glichen die Forscher die Fragenbogen- sienten Hypofrontalitätstheorie« (etwa: Theorie

76 Gehirn und Geist


Selbstbefragung
Anhand dieser sieben
Kriterien kann man sich
einen ersten Eindruck
davon verschaffen, ob
man zur Sportsucht
neigt. Genau abklären
sollte das aber ein Arzt
oder Psychologe.

nach Stoll, O. et al.: Lehrbuch Sportpsychologie. Huber, Bern 2010

Ku rz e r k l ärt

Operantes
der vorübergehend verminderten Aktivität im auf einem Laufband oder trat auf einem Fahrrad- ­Konditionieren
Stirnhirn) bringt die Bewegung zwar verstärkt Ergometer in die Pedale. Die Kontrollprobanden Laut diesem lerntheore­
solche Hirnregionen auf Trab, die die motori­ dagegen standen oder saßen zwar auf den Gerä- tischen Paradigma hat
jede Sucht Konsequen­
schen, sensorischen und vegetativen Funktionen ten, bewegten sich aber nicht. Ein Projektor warf zen, die das betreffende
des Körpers steuern. Zugleich sind aber jene die Testaufgaben an eine Wand vor den Versuchs- Verhalten »verstärken« –
­Areale, die dafür nicht benötigt werden, in eine personen. Wie sich zeigte, waren die sportlich also die Wahrscheinlich­
keit erhöhen, dass es
Art Ruhezustand versetzt – darunter vor allem ­Aktiven zwar schlechter im Karten-Sortier-Test,
erneut auftritt. Zur
der präfrontale Kortex, der an bewussten Denk- nicht aber beim allgemeinen Intelligenztest. positiven Verstärkung
prozessen beteiligt ist. Wird das Stirnhirn derart Vor allem die vom Stirnhirn vermittelten »exe- tragen beim Sport unter
herunterreguliert, kommt es zum typischen kutiven Funktionen« schienen bei ihnen also anderem Euphorie und
ein gestiegenes Selbst­
»Flow«, einem Zustand, in dem der Athlet ganz ­vorübergehend vermindert.
wertgefühl bei. Zur
in seiner Bewegung aufgeht. Im folgenden Versuch testeten die Forscher negativen Verstärkung
In zwei Experimenten zeigte der Psychologe Probanden auf dem Laufband – im Wechsel je- kommt es dagegen, wenn
Arne Dietrich von der American University of weils mal joggend, mal stillstehend. Dabei bear- die körperliche Aktivität
unangenehme Gefühls­
Beirut (Libanon), wie sich sportliche Betätigung beiteten die Teilnehmer unter anderem Rechen- zustände wie Angst oder
auf die kognitiven Fähigkeiten auswirkt. Der Wis- aufgaben und einen Sprachtest. Die Läufer mach- Anspannung lindert.
senschaftler ließ männliche Probanden einen ten deutlich mehr Fehler beim Rechnen – nicht Beide Arten der Verstär­
kung führen letztlich
­Intelligenztest bearbeiten sowie eine Aufgabe, aber beim verbalen Test. Insgesamt verschlech-
dazu, dass der Betreffen­
bei der es Spielkarten nach einer bestimmten terte sich ihre Leistung während der sportlichen de künftig häufiger oder
­Regel zu sortieren galt. Die Testgruppe lief dabei Übung nur bei jenen Aufgaben, die den präfron- länger Sport treibt.

12_2014 77
Weniger talen Kortex beanspruchen. Er ist für das Arbeits- nieren erklären (siehe Randspalte S. 77). Der Be-

als 0,5 Prozent gedächtnis oder die Konzentrationsfähigkeit be- troffene erlebt immer wieder, dass der Sport –
sonders wichtig. Das Laufen oder Radfahren dank Flow und der wohltuenden Entspannung
Knapp einer von 200
Ungarn ist gefährdet, wirkte sich dagegen nicht auf die allgemeine danach – negative Gefühle vertreibt und ihn in
eine Sportsucht zu oder verbale Intelligenz aus , die weniger von der gute Laune versetzt. Kommt es außerdem zu
entwickeln. Das ergab die Aktivität der präfrontalen Hirnrinde abhängen. Entzugssymptomen, erhält sich das Suchtverhal-
weltweit bislang einzige
ten über die so genannte negative Verstärkung
Studie, die entsprechende Am Anfang war der Flow
Kennzeichen an einer selbst aufrecht: Das unangenehme Empfinden
repräsentativen Bevölke­ Das Phänomen des »Flow« beschrieb erstmals verschwindet bei erneuter Bewegung; der Betrof-
rungsstichprobe erhob. 1975 der US-Psychologe Mihály Csikszentmihá- fene fühlt sich besser.
Mónok, K. et al.: Psychometric lyi. Mittlerweile spricht man davon auch bei an-
Properties and Concurrent
Doch nahezu alle Sportler, ob Hobbyathleten
Validity of Two Exercise Addiction deren, nicht sportlichen Tätigkeiten. Es entsteht oder Profis, machen solche Erfahrungen – das
Measures: A Population Wide
Study in Hungary. In: Psychol. am ehesten bei der Bearbeitung von Aufgaben, ­allein stellt natürlich kein Problem dar. Wann
Sport Exerc. 13, S. 739 – 746, 2012
die für den Betreffenden weder zu schwer noch wird daraus eine Sucht? Und warum entwickelt
zu leicht sind. Schon Csikszentmihályi bezeich- sie sich nur bei wenigen?
nete den Flow als eine »positive Sucht«, welche »Das weiß niemand so genau«, räumt Heiko
das Risiko berge, dass man das gesunde Maß Ziemainz ein. Viele Experten glauben, es müssten
­verliert. Viele Sportler empfinden den Zustand bestimmte Persönlichkeitseigenschaften vorlie-
als so angenehm, dass sie ihn immer wieder er- gen, damit eine Sucht entsteht. Die Psycholo-
reichen wollen – und sind dafür bereit, sich stets gin Heather Hausenblas von der University of
von Neuem zu überwinden. Florida sichtete 100 Studien zum Thema – eine
Lernpsychologisch lässt sich die Sportsucht »Sportsuchtpersönlichkeit« identifizierte sie da-
wie jede andere Sucht durch operantes Konditio- bei allerdings nicht. Die Forscherin betont gleich-

Sportsucht überwinden – mit kognitiver Verhaltenstherapie

B islang existieren keine


Richtlinien zur Therapie
von Sportsucht, und die
die »motivierende Gesprächs­
führung«. Dabei leitet der
Therapeut den Patienten durch
eigene Verhaltensrepertoire
erweitern.
Da die Betroffenen häufig
fene das reduzierte Training
mit einer strengeren Diät
zu kompensieren versuchen.
­Störung ist auch nicht in den offene Fragen dazu an, die über einen längeren Zeitraum Wenn die Sportsucht half,
gängigen Diagnosemanualen negativen Seiten seines Han­ negative Erlebnisse und depressive Symptome zu
verzeichnet. Da sie oft als delns wahrzunehmen. ­Gefühle mit Hilfe des Sports bewältigen, könnte eine
Folge einer Essstörung auftritt, Ein kognitiver Verhaltens­ bewältigt haben, sollten sie zu­ sportfreie Phase außerdem
können Therapeuten aber auf therapeut sollte dann ge­ dem alternative Methoden der den Hang zur Schwermut
die klinische Erfahrung mit meinsam mit dem Patienten Stressbewältigung wie Ent­ verstärken oder sogar Suizid­
essgestörten Patienten zurück­ »automatische Gedanken« spannungstechniken einüben. gedanken fördern. Deshalb
greifen – etwa bei dem Ver­ erkunden, die problematisches Auch Aufklärung über die muss der Therapeut gleich zu
such, das verzerrte Körperbild Verhalten oder negative körperlichen Folgen exzessiven Beginn gemeinsam mit dem
der Betroffenen zu korrigieren. Gefühle nach sich ziehen, wie Trainings ist wichtig. Irrepara­ Patienten ergründen, welche
Die kognitive Verhaltensthera­ zum Beispiel: »Ich kann mor­ ble Gelenkschäden etwa Hintergründe und Funktionen
pie hat sich dabei als hilfreich gens nicht zur Arbeit gehen, zählen zu den typischen der Sport hatte.
erwiesen. ohne vorher trainiert zu ha­ Problemen, die auch aus dem Das langfristige Ziel ist, in
Um die Patienten über­ ben.« Kleine Selbstexperi­ Profisport bekannt sind. einem gesunden, moderaten
haupt erst einmal zur Behand­ mente im Alltag verhelfen dem Bei alldem dürfen die Maß zu trainieren. Unter
lung zu motivieren, kann ein Patienten zu neuen Erfah­ Behandler weitere psychische Umständen kann ein Wechsel
bewährtes Verfahren der rungen, die die automatischen Probleme nicht übersehen. der Sportart dabei helfen, das
Suchttherapie nützlich sein: Gedanken verändern und das Beispielsweise können Betrof­ richtige Pensum zu finden.

78 Gehirn und Geist


Font: Agenda Bold
CMYK: 0/100/63/12
RGB: 178/37/68

wohl, dass die Untersuchungen teils methodisch


mangelhaft gewesen seien. So gehen viele For-
scher weiter davon aus, dass die Persönlichkeit
mit zu jenen Faktoren zählt, die das Sucht­risiko
erhöhen.

dreamstime / Chris Boswell


Bis der Betroffene selbst sein Problem er-
kennt, dauert es oft lange. Und auch dann darf
man nicht davon ausgehen, dass er sein Verhal-
ten aus eigener Kraft verändern kann. Häufig
führen erst körperliche Schäden dazu, dass die
Immer noch kein
Sportsucht überhaupt bemerkt und ­behandelt
Idealgewicht?
wird. »Sobald ein Arzt eine dramatische Verlet- In vielen Fällen geht
zung zu Gesicht bekommt, sollte er die Betrof- Sportsucht mit einer
fenen in eine Klinik überweisen«, rät Ziemainz. Essstörung wie der
Anorexie einher.
Auch Peter Weidmann hielt zunächst an sei-
nem Training fest, obwohl sich die Verletzungen
häuften und er sich zunehmend ausgelaugt­
­fühlte – bis er schließlich in eine Depression fiel.
»Eines Morgens ertappte ich mich dabei, wie ich
mit zitternden Händen am Frühstückstisch saß.
Und alles fühlte sich grau an.« Erst da suchte
er Hilfe. Sein Hausarzt überwies Weidmann an Andreas Jahn (Hrsg.)
einen Psychologen. Nach der ersten Sitzung lau-
tete der Verdacht: Sportsucht.
Wie das Denken
»Meine erste Reaktion war eine Mischung aus erwachte
Frust und Wut«, erinnert sich Weidmann, »aber Die Evolution des menschlichen Geistes
auch Erleichterung. Ich wusste, dass es so nicht Wie entstanden unser Denken und unsere
mehr weitergehen konnte.« Wie bei allen Sport- Sprache? Wie intelligent sind wir wirklich? Was
süchtigen war die erste Therapiemaßnahme ein empfinden wir als attraktiv?
Fragen, die dieses Buch auf wissenschaftlich
absolutes Sportverbot. »Das Verbot gilt häufig
fundierte und gleichzeitig unterhaltsame Weise
für etwa zwölf Wochen«, sagt Ziemainz. »Es beleuchtet. Über alle Fachgebiete hinweg be-
kommt aber auf den Einzelfall an.« Quellen legen renommierte Verhaltensforscher, Gene-
Berczik, K. et al.: Exercise tiker, Psychologen, Philosophen und Biologen,
Peter Weidmann gelang es, sein Leben nach Addiction. In: Rosenberg, K. P., dass unser Denken und Verhalten auf unserem
und nach wieder in Ordnung zu bringen. »Mein Feder, L. C. (Hg.): Behavioral biologischen Erbe beruhen: Der Mensch ist
Umfeld hat mir sehr geholfen«, sagt er rückbli- Addictions: Criteria, Evi- ein Kind der Evolution. Erfahren Sie, wie und
dence, and Treatment. wieso wir wurden, was wir heute sind.
ckend. Während der eineinhalbjährigen Therapie
London, Academic Press „Wie das Denken erwachte“ empfiehlt sich
seien ihm Familie und Freunde eine Stütze gewe- 2014, S. 317 – 342 allen Leserinnen und Lesern, die an Neuro-
sen. Heute treibt er immer noch mehrmals in der Dietrich, A.: Functional wissenschaften und Evolution interessiert sind.
Woche Sport – aber er passt das Training seinem Neuroanatomy of Altered Das Buch ist gleichzeitig ein spannender Fun-
States of Consciousness: The dus für Psychologen und Naturwissenschaftler.
körperlichen und psychischen Befinden an. »Ich
Transient Hypofrontality
2012. 158 Seiten, 26 Abb., kart.
habe gelernt, den Sport als das zu betrachten, Hypothesis. In: Conscious- € 19,99 (D) / € 20,60 (A)
was er sein sollte: ein gesunder Ausgleich.« Ÿ ness and Cognition 12, ISBN 978-3-7945-2869-1
S. 231 – 256, 2006
Naci, H., Ioannidis, J. P. A.:
Miriam Berger ist Psychologin und Comparative Effectiveness
Irrtum und Preisänderungen vorbehalten.

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aber in Grenzen. logical Study. In: British
Medical Journal 347, f5577,
2013

12_2014 www.schattauer.de
Bü c h er u n d M e h r

 scher Komplikationen – von Selbstwert­


Peter Teuschel problemen über Schuldgefühle bis hin zu
Das schwarze Schaf Depressionen oder Angststörungen. In
Benachteiligung und Ausgrenzung in der Familie
den zurückliegenden 20 Jahre hat Teu­
[Klett-Cotta, Stuttgart, 2014, 304 S., € 21,95]
schel viele schwarze Schafe persönlich
kennen gelernt. Um auf ihr Schicksal und
das seiner Meinung nach massiv unter­
schätzte Phänomen aufmerksam zu ma­
chen, schrieb er das vorliegende Buch.
Wer sich aus einer solchen Außensei­
tipp
des terposition befreien wolle, so der Autor,
In der Abseitsfalle monats müsse die zu Grunde liegenden Mecha­
Biografien der Ausgrenzung nismen zwischenmenschlicher Beziehun­
gen verstehen. Teuschel veranschaulicht

T unichtgut, Taugenichts, Mensch auf


schiefer Bahn: Solche Assoziationen
kommen wohl den meisten Menschen in
le, bei denen ein Familienmitglied
aus reinem Sadismus von den eigenen
Eltern oder Geschwistern abgewertet wird.
sie anhand zahlreicher Beispiele aus der
eigenen Praxis. So gelingt es ihm, das Stig­
ma der schwarzen Schafe anschaulich und
den Sinn, wenn vom »schwarzen Schaf« In einem anderen Beispiel wiederum lebensnah zu erörtern – mancher Leser
die Rede ist. Der Volksmund bezeichnet schenkt ein Vater seinem (vermeintli­ dürfte sich in den geschilderten Schick­
mit diesem Begriff Personen, die aus dem chen) »Kuckuckskind« weniger Beachtung salen wiederfinden.
Rahmen ihrer Familie fallen und als Au­ als den leiblichen Sprösslingen. Zwar will das Buch weder Ratgeber noch
ßenseiter gelten. Während den Betrof­ Mitunter kommt es auch einfach des­ Anleitung zur Selbsttherapie sein. Den­
fenen in dieser Sichtweise immer der Ma­ halb zur Ausgrenzung, weil ein Kind durch noch vermittelt es vor allem im letzten Ab­
kel des Eigenverschuldens anhaftet, sind späte Geburt das Familiengefüge oder die schnitt eine Reihe alltagsnaher Impulse.
sie für Peter Teuschel in erster Linie Op­ Pläne für den Lebensabend ins Wanken Allein schon die Tatsache, sich in einem
fer: Menschen, die familiär ausgegrenzt bringt. Oder weil die Eltern mit der Be­ der beschriebenen Fälle wiederzuerken­
und benachteiligt werden. treuung eines Sorgenkinds überfordert nen, mag Betroffenen die Augen öffnen
Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie sind und keine Kraft mehr haben, sich und erste Schritte in eine unbelastete Zu­
und Psychotherapie und begegnet in sei­ auch um das »normale« Geschwister zu kunft ermöglichen.
nem Berufsalltag vielen solchen Schick­ kümmern. Gemeinsam ist all diesen
salen. Er weiß, dass zahlreiche Wege ins Schicksalen die schmerzhafte Kränkung Stefanie Reinberger ist promovierte Biologin
soziale Abseits führen. Darunter sind Fäl­ der Betroffenen sowie das Risiko psychi­ und arbeitet als freie Journalistin in Köln.

W elche Möglichkeiten ha­


ben homosexuelle
Paare, eine Familie zu grün­
Wohl der Kinder konzentriert.
Irle listet Fakten auf und lässt
Familienberater und Kinder­
milien zu gewähren. Sie räumt
aber auch offen ein, wenn es
zu bestimmten Fragen man­
den? Zerstören die dabei therapeuten zu Wort kom­ gels Betroffener noch keine
entstehenden Lebensgemein­ men. Zudem stellt sie wichtige repräsentativen Studien gibt.
schaften das traditionelle Geschehnisse der zurücklie­ »Das Regenbogen-Experi­
Familienbild? Und was bedeu­ genden Jahre zusammen, um ment« zielt auf Leser ab, die
 tet überhaupt »traditionell«? die Fortschritte bei der Gleich­ sich zum Thema homosexuel­
Katja Irle Solchen Fragen geht die berechtigung zu beleuchten, le Lebensgemeinschaften eine
Das Regenbogen- Journalistin Katja Irle nach. und schildert die Erlebnisse fundiertere Meinung bilden
Experiment Sie diskutiert alle gängigen einiger Betroffener. So gelingt wollen, und kann diesen
Sind Schwule und Lesben die Argumente für und wider es ihr, einen umfangreichen tatsächlich viel Wissenswertes
besseren Eltern?
homosexuelle Elternschaft, Einblick in das Phänomen der vermitteln.
[Beltz, Weinheim und Basel
2014, 220 S., € 17,95] wobei sie sich stets auf das so genannten Regenbogenfa­ Marina Rensch

80 Gehirn und Geist


   

exzellent solide durchwachsen mangelhaft


gische Versuche wie das Milgram- oder
Stefan Ruzowitzky
das Stanford-Gefängnis-Experiment, in
Das radikal Böse denen es um die Frage ging, wie weit
Dokumentation
sich Personen durch den blinden Gehor­
[W-film, Köln 2013, DVD, 96 Minuten,
€ 15,99] sam gegenüber Autoritäten »entmensch­
lichen« lassen.
Ruzowitzky und Richter wollen das
Grauen verständlich machen, aber nicht
entschuldigen. Mehrfach betonen sie,
dass die Soldaten ihre Beteiligung am Zi­
vilistenmord durchaus hätten verweigern
Inszeniertes Grauen können. Diese Option stand ihnen offen –
Ein Dokumentarfilm über Gräuel von Wehrmachtssoldaten sie hätten dann jedoch die Demütigungen
und die Psychologie des Tötens ihrer Kameraden erdulden müssen und
wären gewissermaßen isoliert gewesen.

I n den Nürnberger Kriegsverbrecherpro­


zessen standen hohe Repräsentanten
des Hitlerregimes vor Gericht. Militärs
ten mit der Begründung, dass diese ohne
Eltern ohnehin nicht überleben könnten.
In den Aufzeichnungen aus dem Krieg
Konformität und Gehorsam seien auch
heute noch die wichtigsten Grundpfeiler
des Militärs, so die Autoren. Um Soldaten
niederer Ränge oder einfache Soldaten wirken die jungen Soldaten oft unbehol­ das Töten zu erleichtern, bringe man ih­
wurden dagegen nicht zur Verantwortung fen, manchmal sogar naiv. Diesen Ein­ nen bei, die Menschlichkeit der Opfer aus­
gezogen. Doch waren ihre Taten etwa we­ druck verstärken die Filmemacher durch zublenden.
niger grausam, weil sie lediglich Befehle die Wahl der Schauspieler: Die Darsteller Viele Bilder und Details in dem Do­
ausführten? sind allesamt Amateure. Lediglich die kumentarfilm ist nur schwer zu ertra-
Die Filmemacher Wolfgang Richter Kommentare aus dem Off wurden von gen. Etwa die Aufnahmen von Stiefeln, die
und Stefan Ruzowitzky rekonstruierten
für ihre Dokumentation »Das radikal
Böse« die Geschichte deutscher Soldaten,
Die Szenen sind nie sensationsheischend, sondern wirken
die in Osteuropa systematisch jüdische durch die Nüchternheit. Was könnte verstörender sein als
Zivilisten ermordeten. Auf diese Weise die Erkenntnis, dass das Böse so »normal« sein kann?
versuchen sie, eine Antwort auf die Frage
zu finden, wie aus normalen Männern
Mörder wurden. Profis wie Alexander Fehling oder Moritz über Leichen laufen, oder das Aufatmen
In nachgestellten Szenen aus dem All­ Bleibtreu eingesprochen. der Soldaten, als endlich Konzentrations­
tag des Einsatztrupps sieht der Zuschauer »Das radikal Böse« zeigt, dass die Wehr­ lager eingerichtet werden, an die sie ihre
junge Männer in Badeseen springen oder machtssoldaten keine geborenen Mons­ grausame Aufgabe delegieren können.
ausgelassen Fußball spielen – und danach ter waren. Vielmehr durchliefen sie eine Die Szenen sind jedoch nie sensations­
Juden in einer Reihe aufstellen, um sie zu allmähliche Wandlung – von Männern, heischend, sondern entfalten ihre Wir­
erschießen. In Briefen an ihre Angehöri­ die anfangs absichtlich danebenschossen kung im Gegenteil durch ihre Nüchtern­
gen schilderten die Soldaten den Alltag und sich nach begangener Tat übergaben, heit. Was könnte verstörender sein als die
des Mordens, berichteten vom Säubern zu gefühlskalten Mördern, die ihre Opfer Erkenntnis, dass das Böse so »normal«
der Waffen und von der Notwendigkeit, abzählten wie Fließbandarbeiter die Zahl sein kann?
die Erschießungen vor dem Winterein­ produzierter Werkstücke. Diesen schockie­ Am Ende des Films bleibt das unan­
bruch hinter sich zu bringen, weil sich im renden Prozess macht der Film ein Stück genehme Gefühl, dass uns die morden­
gefrorenen Boden kaum Gräber ausheben weit nachvollziehbar. den Soldaten in ihrem Empfinden gar
lassen. Außerdem lassen seine Macher renom- nicht so fremd sind. Und dass Mensch­
Ihre Tagebucheinträge machen dabei mierte Historiker, Holocaustforscher, So­ lichkeit manchmal auch ein Nein gegen
deutlich, dass die Männer ihre Frauen, zial- und Militärpsychologen sowie Ju­ die eigene Gruppe erfordert.
Töchter und Söhne liebten. Und dennoch risten zu Wort kommen. Daneben schil­ Katharina Müller studiert Neurowissen­
waren sie gleichzeitig fähig, Kinder zu töt­ dert der Film auch einige psycholo- schaften in Amsterdam.

12_2014 81


Michael Tomasello

Schaufenster – weitere Neuerscheinungen Eine Naturgeschichte


des menschlichen
Denkens
Hirnforschung und Philosophie Aus dem Englischen von
> Lang, R. E.: Sehen. Wie sich das Gehirn ein Bild macht [Reclam, Ditzingen 2014, Jürgen Schröder
[Suhrkamp, Berlin 2014,
220 S., € 16,95] 256 S., 32 €]
>S
 eel, M.: Aktive Passivität Über den Spielraum des Denkens, Handelns und
anderer Künste [S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, 384 S., € 24,99]
Einsiedler kommen
Psychologie und Gesellschaft nicht weit
> Arnold, U. C.: Letzte Hilfe Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben [Rowohlt,
Wie Sprache und Denken
Reinbeck 2014, 240 S., € 18,95] entstanden
> Lübbe, A. S.: Für ein gutes Ende Von der Kunst, Menschen in ihrem Sterben zu
begleiten [Heyne, München 2014, 370 S., € 19,99]
> Morgenroth, M.: Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre
Macht der Datensammler [Droemer, München 2014, 271 S., € 19,99]
B is vor rund 200 Jahren galt es als aus­
gemacht, dass der Mensch sich vom
Tier durch sein auf Sprache gestütztes
Denken unterscheide. Für den Anthropo­
Medizin und Psychotherapie logen Michael Tomasello hat das fol­
> Bilke-Hentsch, O., Wölfling, K., Batra, A.: Praxisbuch Verhaltenssucht [Thieme, genden Grund: »In den ersten paar tau­
Stuttgart 2014, 264 S., € 59,99] send Jahren der abendländischen Zivili­
> Ganten, D., Niehaus, J.: Die Gesundheitsformel Die großen Zivilisationerkran­ sation gab es keine nichtmenschlichen
kungen verstehen und vermeiden [Knaus, München 2014, 476 S., € 24,99] Primaten in Europa. Aristoteles und Des­
> Kerckhoff, A.: Heilende Frauen Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, cartes konnten ohne weiteres solche Din­
Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde [Insel, Berlin 2014, 176 S., ge postulieren (...), weil sie Menschen mit
€ 12,95] Vögeln, Ratten, verschiedenen Haustieren
> Maio, G.: Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der und gelegentlich mit Füchsen oder Wöl­
Besonnenheit [Trias, Stuttgart 2014, 192 S., € 17,99] fen verglichen.« Erst im 19. Jahrhundert,
als man Menschenaffen in Zoos präsen­
Kinder und Familie tiert, veränderte sich diese Sichtweise
> Hoyer, T., Haubl, R., Weigand, G. (Hg.): Sozio-Emotionalität von hochbegabten grundlegend.
Kindern Wie sie sich sehen – was sie bewegt – wie sie sich entwickeln [Beltz, Menschenaffen sind durchaus in der
Weinheim 2014, 224 S., € 29,95] Lage, sich etwas vorzustellen und ratio­
> Renz-Polster, H.: Die Kindheit ist unantastbar Warum Eltern ihr Recht auf nale Schlüsse zu ziehen. Sie kooperieren
Erziehung zurückfordern müssen [Beltz, Weinheim 2014, 180 S., € 14,95] auch miteinander, allerdings nur in ego­
> Stadler, R.: Vater Mutter Staat Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung. istischer Absicht: Schimpansen etwa krei­
Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören [Ludwig, München 2014, 256 S., sen gemeinsam kleine Affen ein; wer die
€ 19,99] Beute fängt, rückt aber nur etwas davon
heraus, wenn die anderen ihn bedrängen.
Ratgeber und Lebensberatung Da Kultur auf Arbeitsteilung beruht,
> Albrecht, U.: Integrity is my way Der ehrliche Weg zum Glück [Knaur, München für die Denken und Sprache enorm wich­
2014, 250 S., € 16,99] tig sind, widmet sich Tomasello der Frage,
> Epley, N.: Machen wir uns nichts vor! Wie wir erkennen, was andere wirklich ob und wie Menschenaffen kooperieren.
denken [Ullstein, Berlin 2014, 384 S., € 18,00] Daraus versucht er zu rekonstruieren,
> Lieben, C., Schmickl, G.: Die Liebe kommt aus dem Nichts Wenn Sie uns berührt, welche Entwicklungen beim Frühmen­
nehmen wir Gestalt an [Scorpio, München 2014, 159 S., € 16,99] schen zu einer intensiveren Kooperation
> Storch, M., Tschacher, W.: Embodied Communication Kommunikation beginnt im geführt haben. Der Forscher nimmt an,
Körper, nicht im Kopf [Huber, Bern 2014, 180 S., € 19,95] dass unsere Vorfahren vor etwa 400 000
Jahren begannen, enger zusammenzuar­

82 Gehirn und Geist



beiten als heutige Menschenaffen, wohl cher Scherz etwas bemüht erscheint (»Wir
gezwungen durch die Lebensumstände. Henning Beck
verplempern ein Drittel unseres Lebens
So habe sich zunächst in Kleingruppen Hirnrissig damit, das Bewusstsein auszuschalten …
eine »geteilte Intentionalität« herausge­ Die 20,5 größten Neuro- okay, manche Menschen machen das auch
mythen – und wie unser
bildet – der zentrale Begriff des Buchs. To­ ohne Schlaf«) – der Versuch, Witz und Wis­
Gehirn wirklich tickt
masello definiert ihn als »Denken, um zu senschaft zu verbinden, ist ehrenwert.
[Hanser, München 2014,
ko-operieren«. Dazu gehöre die gegensei­ 271 S., € 16,90] Man stelle sich den idealen Leser dieses
tige Beurteilung unter Artgenossen: Wer Buchs als jemanden vor, der schon immer
gut kooperiert, wird vorgezogen. Sprache geahnt hat, dass ihn um Aufmerksamkeit
und Denken verdanken sich demnach heischende Forscher und Medien hinters
dem Miteinander und können nicht indi­ Schlaumeiern Licht führen – und der nach kurzweiliger
viduell entwickelt worden sein. Denken mit Hirn Bestätigung seines Verdachts sucht. Beck
habe somit eine zutiefst soziale Wurzel. Ein Aufklärungsbuch für kann sich manche Häme über die Presse
Damit widerspricht der Autor Theo­ Neuroskeptiker sowie über Neurowissenschaftler nicht
rien, die auf dem Egoismus und Macht­ verkneifen. Doch verzeiht man ihm das
streben des Einzelnen gründen. To­ma­
sello bekräftigt eine Konzeption des
Philosophen Jürgen Habermas, laut der
N utzen wir nur zehn Prozent unseres
Gehirns? Ist Intelligenz angeboren?
Arbeiten die grauen Zellen wie ein Com­
gern, denn sein aufklärerischer und un­
terhaltsamer Stil entschädigt dafür.
Da er nicht allzu tief in Details ein­
Vernunft grundsätzlich kommunikativ puter? Nur eines scheint heute populärer steigt, ist seine Übersicht eher für Laien
und kooperativ wirkt. Diese Rolle habe zu sein als solche Neuromythen: ihre Wi­ geeignet. Die illustrierenden Comics und
sie bereits beim Frühmenschen gespielt. derlegung! Wie schon GuG vor einigen das luftige Layout bauen Berührungs­
Alles in allem ein spannendes Buch mit Jahren (siehe Heft 4/2012) nimmt sich ängs­te zusätzlich ab. Wohl auch deshalb
klarer Argumentationslinie, das alterna­ nun der Neurobiologe und deutsche »Sci­ betont Beck mehrfach, wie »klasse« und
tive Erklärungen jedoch kaum berück­ ence Slam«-Meister Henning Beck der »cool« die Hirnforschung doch sei. Fazit:
sichtigt. größten Legenden der Hirnforschung an. ein Buch für Schlaumeier und solche, die
Er kommt auf sage und schreibe 20,5. es werden wollen.
Hans-Martin Schönherr-Mann lehrt politische
Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Univer­ Beck entlarvt diese Irrtümer sehr an­
sität München. schaulich und launig. Wenn auch man­ Steve Ayan ist Redakteur bei GuG.

GuG-Bestsellerliste
Titel aus den Bereichen Psychologie, Gesellschaft und Hirnforschung

1. Havener, T.: Ohne Worte Wie man spürt, was man nicht 6. Bode, S.: Kriegsenkel Die Erben der vergessenen Genera­
wissen kann [Rowohlt, Reinbek 2014, 268 S., € 14,99] tion [Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 304 S., € 21,95]
2. Dobelli, R.: Die Kunst des klaren Denkens 52 Denkfehler, 7. Dispenza, J.: Du bist das Placebo Bewusstsein wird Materie
die Sie besser anderen überlassen [Hanser, München 2011, [Koha, Isen 2014, 480 S., € 21,95]
246 S., € 14,90] 8. Caby, F.: Die kleine psychotherapeutische Schatzkiste
3. Pörksen, B., Schulz von Thun, F.: Kommunikation als Lebens- Tipps und Tricks für kleine und große Probleme vom
kunst Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens [Carl Kinder- bis zum Erwachsenenalter [Borgmann Media,
Auer, Heidelberg 2014, 217 S., € 24,95] Dortmund 2011, 176 S., € 19,95]
4. Becker, J., Bongertz, C.S.: Das Geheimnis der Intuition Wie 9. Rosenberg, M. B.: Gewaltfreie Kommunikation Eine Sprache
man spürt, was man nicht wissen kann [Piper, München des Lebens [Junfermann, Paderborn 2012, 240 S., € 21,90]
2014, 237 S., € 12,99] 10. Baker, R.: Wenn plötzlich die Angst kommt Panikattacken
5. Stenger, C.: Lassen Sie Ihr Gehirn nicht unbeaufsichtigt! verstehen und überwinden [SCM R. Brockhaus, Holzgerlin-
Gebrauchsanweisung für Ihren Kopf [Campus, Frankfurt gen 2013, 192 S., € 9,95]
am Main 2014, 252 S., € 17,99]
Nach Verkaufszahlen des Buchgroßhändlers KNV in Stuttgart.

12_2014 83
Das Gu G- Gewi n n sp i el



Kopfnuss Frank Natho


Brauchen wir die
Liebe noch?
Hätten Sie’s gewusst? 1. Was bezeichnet man als »Fremdspra-
Die Antworten auf die folgenden chenakzent-Syndrom«? Die Entzauberung eines
Beziehungsideals
Fragen finden Sie in der aktuellen a) eine selektive Aphasie für eine
[Vandenhoek & Rup-
Ausgabe von »Gehirn und Geist«. Fremdsprache recht, Göttingen 2014,
222 S., € 19,99]
Wenn Sie an unserem Gewinnspiel b) eine Sprechstörung infolge neurolo-
teilnehmen möchten, schicken Sie gischer Schäden
die Lösungen bitte mit dem Betreff c) einen Akzent in der Muttersprache
»Dezember« per E-Mail an: von Migranten
kopfnuss@gehirn-und-geist.de Wolke sieben
2. Welches Hirnareal ist an der Verarbei- hält nicht ewig
Unter allen richtigen Einsendungen tung affektiver Schmerzinformationen Die romantische Liebe ist
verlosen wir drei Exemplare von: beteiligt? kein Leitbild für dauerhafte
a) die posteriore Insula Beziehungen
b) das dorsale anteriore Zingulum
c) der somato-sensorische Kortex

3. Moderne Spiegelreflexkameras
L iebe ist ... ein hehres Ideal? Ein kultu­
relles Konstrukt? Eine partnerschaft­
lich gemeinsam entworfene Idee? Oder
besitzen eine Auflösung von 24 eine Selbstverständlichkeit, auf die wir
Megapixel. Wie viele Megapixel hat ein Anrecht haben? Der Religionspäda­
die menschliche Netzhaut, wenn goge und Paartherapeut Frank Natho ver­
Peter Teuschel hier jeder Zapfen einen Bildpunkt re- sucht sich in diesem Buch an Antworten
Das schwarze Schaf präsentiert? darauf. Indem er Erkenntnisse aus der
Benachteiligung und Ausgrenzung der a) 6 Neurobiologie und der Entwicklungspsy­
Familie
b) 12 chologie heranzieht, zeigt er, dass die Lie­
[Klett-Cotta, Stuttgart, 2014, 304 S., € 21,95] c) 120 be vor allem eine Idee ist.
Natho widerspricht damit der Emoti­
Einsendeschluss ist der 15. Dezember 4. Welche hormonelle Veränderung onstheorie des US-Psychologen Paul Ek­
2014. Die Auflösung finden Sie in lässt sich oft bei Männern nachweisen, man, der zufolge Liebe ein angeborenes
GuG 2/2015. Zusätzlich nimmt jede deren Partnerin schwanger ist? Grundgefühl sei. Zudem würden langjäh­
richtige Einsendung an der Weih­nachts- a) erhöhter Prolaktinspiegel rige Partnerschaften in aller Regel gerade
verlosung eines Jahresabonnements b) erhöhter Testosteronspiegel nicht von romantischer Liebe getragen –
für 2015 teil. Ihre persönlichen Daten c) verminderter Cortisolspiegel entgegen der gängigen Vorstellung.
werden allein zur Gewinnbenachrich­ Natho plädiert für eine objektivere
tigung verwendet und nicht an Dritte 5. Wie groß ist laut Studien die Chance, Betrachtung der Zweierbeziehung und
weitergegeben. Name und Wohnort dass ein Ungeübter anhand der Körper- wirbt dafür, das Ideal der »Liebe« durch
der Gewinner werden an dieser Stelle sprache Lügner erkennt? »Freundschaft« zu ersetzen. Das Gefühl
veröffentlicht. Eine Barauszahlung a) zirka 50 Prozent des Verliebtseins, in dem junge Leute oft
der Preise ist nicht möglich. Der Rechts- b) zirka 70 Prozent schwelgen, komme eher einem Stresszu­
weg ist ausgeschlossen. c) zirka 90 Prozent stand gleich. Es weiche mit zunehmender
Beziehungsdauer und fortschreitendem
Alter immer mehr einer Vertrautheit. Na­
Auflösung der Kopfnuss 10/2014: 1c, 2b, 3a, 4c, 5c tho schätzt, dass die Stabilität einer lang­
Je ein Exemplar von Jim Holts »Gibt es alles oder nichts?« geht an: jährigen Partnerschaft etwa zur Hälfte
Hans Stehle (Leinfelden-Echterdingen), Monika Hauck (Schriesheim), Johannes von Vertrauen und nur zu einem Fünftel
Rodenbücher (Ansbach) von Liebe getragen werde – wo auch im­
mer er diese Zahlen hernimmt. Im hohen

84 Gehirn und Geist


Alter gehe letzterer Anteil noch weiter Unter dem reformatorischen Wirken In den beiden letzten Kapiteln setzt
zurück, ebenso wie der Sexualtrieb. Der Martin Luthers (1483 – 1546) und später im sich der Autor mit wissenschaftlichen
Autor weist allerdings darauf hin, dass 19. und 20. Jahrhundert schwächte sich Hypothesen über die Liebe auseinander.
die Mechanismen langjähriger Paarbezie­ diese puristische Haltung ab. Heute, so Er zitiert etwa den Hirnforscher Gerald
hungen kaum erforscht seien – im Gegen­ der Autor, stehe vielfach der Konsum im Hü­ther, dem zufolge Frau und Mann je­
satz etwa zu emotionalen Bindungen zwi­ Vordergrund, auch bei Intimbeziehun­ weils nur eine halbe Sache seien und sich
schen Eltern und Kindern. gen. Geprägt durch Kapitalismus und Glo­ zur Vervollkommnung vereinen müssten.
Um dem Wesen der Liebe auf den balisierung gingen viele Menschen davon Laut Natho ist dies ein Irrtum: Jeder
Grund zu gehen, begibt sich Natho auf de­ aus, »echte« Liebesbeziehungen müssten Mensch sei vollkommen. Er benötige le­
ren historische Spuren. Von der Antike gewisse Standards erfüllen: sexuelle Be­ diglich zur Persönlichkeitsbildung Inter­
über die Kirchengeschichte bis heute, friedigung, dauerhafte Anregung, jugend­ aktionen mit anderen.
schreibt er, lasse sich nachzeichnen, dass liche Frische und, vor allem, keine »Ab­ Am Ende weist Natho noch einmal
die Liebe eine Idee sei und kein Grundge­ nutzung«. darauf hin, dass Menschen ihr Glück
fühl. Während sie in der Antike an Institu­ nicht über das definieren, was sie haben,
»Liebst du mich?«
tionen und religiöse Riten gebunden war, sondern über das, was sie nicht haben. Da
erübrigt sich
erhob sie der Apostel Paulus sogar noch eine romantische Liebe als Dauerzustand
über den Glauben: »Und wenn ich allen Eine so definierte Liebe mache unglück­ unerreichbar sei, mache sich nur un­
Glauben habe, so dass ich Berge versetze, lich, schreibt der Autor. Eine nüchterne glücklich, wer danach strebe. Das Leitbild
habe aber die Liebe nicht, so bin ich Betrachtung dagegen ermögliche ein bes­ »Freundschaft« sei viel eher geeignet,
nichts« (1 Kor 13,2). seres Zusammenleben mit dem Partner. eine dauerhafte gelingende Partnerschaf­
Im Mittelalter wiederum nahm die Kir­ Denn dann könnten sich beide auf das ten zu gestalten.
che starken Einfluss auf das Leben der besinnen, was ihre Beziehung ausmache.
meisten Menschen. Sie postulierte die Gewohnheiten, mahnt Nato, seien tra­
Tagrid Yousef ist promovierte Neurobiologin,
»wahre Liebe« als jene zu Gott und stellte gende Säulen gelingender Partnerschaf­
Dozentin an der Ruhr-Universität Bochum und
Sinnlichkeit und Erotik häufig als Teufels­ ten. Auch die bange Frage »Liebst du mich leitet das kommunale Integrationszentrum
werk dar. noch?« erübrige sich so. in Krefeld.

Imp r e ssum

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Stern, Institut für Lehr- und Lernforschung, ETH Zürich DGSL, der DGKJP, der Turm der Sinne gGmbH sowie von Mensa in
Übersetzung: Alexandra Bakowski Deutschland erhalten die Zeitschrift GuG zum gesonderten
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 bookfreund Roman, der für seine Posts
Dominic Boeer, Samira El Ouassil mehr als 34 000 »Gefällt mir«-Klicks er­
Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg hält, bis zu dem langweiligen Nachbarn,
Warum man sich nicht jeden Spaß verderben lassen sollte
der alles perfekt macht.
[Piper, München 2014, 206 S., € 9,99]
Boeer und El Ouassil ist ein amüsantes
Buch gelungen, das den Leser dazu anre­
gen soll, sich einen Spiegel vorzuhalten
und über das eigene Leben nachzuden­
ken. Will ich wirklich auch so sein? Oder
ist vielleicht die Zeit gekommen, sich zu­
rückzulehnen, das Leben zu genießen und
Futterneid auch mal etwas richtig zu versemmeln –
Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit in Ernährungsfragen so wie im Buch beschrieben?
Mehr liefert das Werk allerdings auch

M uttis, die immer alles selbst backen;


Kollegen, die jedes Wochenende
die beste Party ihres Lebens feiern; Vege­
ben die Schauspieler und Autoren Domi­
nic Boeer und Samira El Ouassil davon
mit spitzer Feder.
nicht; zudem bleibt es eine klare Antwort
auf den Untertitel schuldig: Es erörtert
eben nicht schlüssig, warum man sich
tarier, die bei jeder sich bietenden Gele­ Ihre Anekdoten reichen vom jungen nicht jeden Spaß verderben lassen sollte.
genheit eine Diskussion über Ernährung Papa, der in der Kita beinahe einen Eklat Somit eignet es sich vor allem für den
anfangen: Es gibt viele Zeitgenossen, von auslöst, weil er statt selbst gebackener kleinen Lektürehappen zwischendurch.
denen man genervt sein kann. In 38 Anek­ Plätzchen nur gekaufte und in Plastik (!) Sophia Guttenberger ist Biologin und arbeitet
doten, je zwei bis elf Seiten lang, schrei­ verpackte Kekse mitbringt, über den Face­ als Wissenschaftsjournalistin in Nabburg.

 

Micael Dahlén Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hg.)


Monster Fremdkontrolle
Rendezvous mit fünf Mördern Ängste – Mythen – Praktiken
[Campus, Frankfurt am Main 2014, 219 S., € 19,99] [Springer VS, Wiesbaden 2014, 278 S., € 39,99]

»W er sich mit Mördern trifft, muss um seine Haut


fürchten.« Schon dieser erste Satz im Klappentext
ist eine reißerische Pauschalisierung. Micael Dahlén schreibt
H andeln wir frei und selbstbestimmt, oder werden wir
bisweilen von außen gesteuert? Um diese Fragen ranken
sich viele Debatten in Philosophie, Geschichts- und Kultur­
über Serienmörder, vor denen man sich definitiv fürchten wissenschaft. Die Autoren dieses Bands liefern einen facetten­
sollte. Sie sind jedoch keinesfalls mit dem »klassischen« Mör- reichen Abriss des Themas. Sie gehen etwa auf die Gehirn­
der gleichzusetzen, bei dem es sich üblicherweise um Bezie­ wäsche ein, die CIA-Mitarbeiter mittels Hypnose und Drogen
hungstäter handelt und von denen keine besondere Gefahr praktizierten, ebenso wie auf die tiefe Hirnstimulation, die
für Dritte ausgeht. Leider fehlt dem Buch diese entscheidende es erlaubt, die Stimmung von Menschen zu verändern. Auch
Differenzierung, und so bleibt es bei der blumigen Schilde­ die Frage, inwieweit es vor Gericht schuldmindernd wirkt,
rung von spektakulären (Ausnahme-)Fällen. wenn Traumata, Drogen oder psychische Störungen das selbst-
Zentrale Themen des Buchs wie die Frage, ob nicht in uns al­ bestimmte Handeln unterbinden, diskutieren die Verfasser.
len ein Mörder schlummert, wurden schon vielfach behandelt Die fünf Teile des Buchs umspannen das weite Feld der
und sind im Hinblick auf die Fälle, mit denen sich der Autor be­ Fremdsteuerung überzeugend. Das Fazit lautet, dass Kontrolle
fasst, falsch gestellt. Micael Dahlén ist Professor für Marketing­ von außen zwar möglich ist, allerdings nur eingeschränkt.
forschung und weiß daher sicher, dass »Sex and Crime« Ga­ Dennoch ist die Furcht, zur Marionette fremder Mächte zu
ranten für »Mordsgeschäfte« sind. Trotzdem wäre es schön ge­ werden, weit verbreitet und Ursache für diverse Mythen.
wesen, wenn er ein bisschen mehr Zeit auf die Recherche »Fremdkontrolle« geht in die Tiefe und richtet sich damit vor
verwendet hätte. Ruth Lachmuth allem an fachlich vorgebildete Leser. Elisabeth Stachura

86 Gehirn und Geist


Ti p ps u n d Te r mi n e

TV Erdbeben unsere Gefühlswelt erschüttern Mensch in bewusstlosem Zustand. Dabei


kann. ist das Gehirn jedoch höchst aktiv, produ-
Montag, 10. November GEO Television, 6.00 Uhr ziert Träume und spielt Alltagsgeschich-
Brave Kinder auf Rezept Wdh. am 16. 11. um 4.40 Uhr ten sowie andere Szenarien durch. Lassen
Tabletten gegen Wutanfälle und für gute sich Trauminhalte womöglich auch wil-
Noten? An der Psychiatrie der University X:enius lentlich steuern?
of Pennsylvania in Pittsburgh sind aktuell Was macht Sprache mit uns? ORF III, 0.00 Uhr
mehr als 4000 Kinder und Jugendliche Sprache ist essenziell für menschliches Wdh. am 18. 11. um 14.40 Uhr
wegen ADHS, Asperger-Syndrom oder Zusammenleben. Aber warum sprechen
Zwangsstörungen in medikamentöser Be- wir, während andere Lebewesen nur gur- Mittwoch, 19. November
handlung. Um herauszufinden, wie krank ren, quieken, trällern oder wiehern? Spe­ X:enius
diese Kinder wirklich sind, ging Louis zielle Gene wie FOXP2 garantieren die ge- Wie lernt unser Gehirn?
Theroux auf Tuchfühlung mit den klei- netische Weitergabe der Sprachfähigkeit. Was passiert im Gehirn, wenn wir lernen?
nen Patienten und ihren Eltern. Doch die Sprache, die wir lernen, prägt Das fragten sich Legasthenie-Forscher in
GEO Television, 10.05 Uhr auch die Kategorien unseres Denkens. Marseille, als sie Schüler mit Lese-Recht-
Wdh. am 11. 11. um 15.50 Uhr Arte, 7.30 Uhr schreib-Schwäche im Hirnscanner unter-
suchten. Das Ergebnis: Ihr Gehirn unter-
Mittwoch, 12. November Sonntag, 16. November scheidet sich deutlich von dem normaler
Wie Menschen das Glück suchen »Make love ...« – Sex ab 40 Kinder, vor allem in den Regionen, die
Glückliche Zeitgenossen leben länger, Die Lebensmitte ist eine Zeit der Um­ für die visuelle Wahrnehmung zuständig
denn Zufriedenheit hat direkte Auswir- brüche, eine zweite Pubertät: Körper und sind. Eine Erkenntnis, die vielleicht sogar
kungen auf die Gesundheit. Viele von uns Psyche verändern sich. Viele müssen sich die Lernmethoden in Schulen verbessern
aber erkennen kaum ihre Glücksfähigkeit selbst neu ordnen und zu einer anderen helfen könnte.
inmitten der Alltagsroutine. Mit einem Sexualität finden. Arte, 8.30 Uhr
Training lässt sich das Hochgefühl wie- MDR, 22.00 Uhr Wdh. um 16.30 Uhr
derfinden.
RBB, 16.05 Uhr Montag, 17. November Freitag, 21. November
Faszination Wissen Ein Leben lang jung – können wir unser
Donnerstag, 13. November Vorurteile – wie sie aus dem Hinter- Gehirn gesund halten?
X:enius grund unser Leben bestimmen Bis zum Jahr 2050 soll sich aktuellen
Alles Psycho: Was bestimmt unser Vorurteile haben Folgen: Sie bestimmen Hochrechnungen zufolge die Zahl der De-
­soziales Verhalten? nicht nur das Denken, sondern auch das menzfälle in der Welt verdoppeln. Damit
Prägen eher die Gene unser Verhalten Handeln derjenigen, die an sie glauben. steigt auch die Furcht vor ihr. Aber der
oder doch die Erziehung und Sozialisati- Sie beeinflussen politische Entscheidun- Hirnabbau ist nicht in jedem Fall ein un-
on? Wie uneigennützig handeln wir wirk- gen und prägen gesellschaftliche Ent­ ausweichliches Schicksal, man kann viel
lich, wenn wir anderen Menschen helfen? wicklungen. Als »gruppenbezogene Men- dafür tun, dass das Gehirn bis ins hohe Al-
Und kann das Neidgefühl positive Wir- schenfeindlichkeit« fassen Psychologen ter gesund bleibt.
kungen haben? Ein soziales Experiment und Pädagogen Vorurteile zusammen, RBB, 16.05 Uhr
im Zentrum Berlins geht mit versteckter wenn diese zur Abwertung von Mitmen-
Kamera der Zivilcourage und Hilfsbereit- schen führen und so zu einer Gefahr für Dienstag, 25. November
schaft von Passanten auf den Grund. das Zusammenleben werden. Wissen vor acht – Mensch
NDR, 13.00 Uhr Bayerisches Fernsehen, 22.00 Uhr Realistisches Erleben durch Spiegel-
Wdh. am 21. 11. um 16.00 Uhr (ARD-alpha) neurone
Samstag, 15. November Warum zucken wir zusammen, wenn im
Angst macht verführerisch DokuMente Fernsehen etwas Schlimmes passiert? Wie
Liebe und Furcht scheinen zwei Emotio- Geheimnis Schlaf das Gehirn einem vorgaukelt, dass man
nen, die sich gegenseitig ausschließen. Selbst nach Jahrzehnten intensiver For- sich selbst in der Situation befindet, zeigt
Doch Psychologen und Anthropologen schung bleibt der Schlaf ein Rätsel. Ein Moderatorin Susanne Holst.
fanden heraus, dass beispielsweise ein Drittel seines Lebens verbringt der ARD, 19.45 Uhr

12_2014 87
Samstag, 29. November Radio Schmerz hat viele Gesichter. Manchmal
X:enius bleibt er, selbst wenn seine ursprüngliche
Vorurteile – manipuliert uns das Montag, 10. November Ursache verschwunden ist, und wird zur
Schubladendenken? Psychoanalyse und Buddhismus Krankheit. Moderne Methoden kombi­
Vorurteile schaden nicht nur unseren Zwei Wege, ein Gedanke? nieren Medikamente mit Psychotherapie,
Mitmenschen, sondern auch uns selbst. In den 1970er Jahren veröffentlichten um mit den Patienten Strate­gien der
Das können Sozial- und Wirtschaftspsy- Erich Fromm und Daisetz Teitaro Suzuki Schmerzbewältigung zu trainieren. Gast
chologen und Neurobiologen mit spekta- das Buch »Zen-Buddhismus und Psycho- im Studio ist Prof. Dr. Matthias Karst, Lei-
kulären Tests nachweisen. Die Moderato- analyse«. Heute wird es wieder populär – ter der Schmerzambulanz an der Medizi-
ren der Sendung sind ihren eigenen weil immer mehr Therapeuten sich für nische Hochschule Hannover.
Stereotypen auf der Spur – etwa ihren spirituelle Fragen und meditative Prakti- Hörertelefon: 00800 4464 4464
Vorurteilen gegenüber Paris, der »Stadt ken im Heilungsprozess interessieren. Fragen per E-Mail:
der Liebe«. RBB Kulturradio, 19.04 Uhr sprechstunde@deutschlandfunk.de
Arte, 7.05 Uhr Deutschlandfunk, 10.10 Uhr
Samstag, 15. November
Dienstag, 2. Dezember Logos – Theologie und Leben Samstag, 6. Dezember
Kill Zone USA »Im Angesicht des Todes« – Vom Trau- Lange Nacht
Spurensuche in einer waffenverrückten ern und vom neuen Leben Die Rosa-Hellblau-Falle: Eine Lange
Nation Angesichts schlimmer Erfahrungen wie Nacht der Geschlechterrollen
Tausende US-Amerikaner sterben jährlich dem Tod eines geliebten Menschen, einer Im Kindergarten gehen an Fasching im-
an Schussverletzungen. Das sind die Kol- schweren Krankheit oder einer geschei- mer noch fast alle Mädchen als Prinzes-
lateralschäden eines unerklärten Bürger- terten Beziehung verlieren manche Men- sinnen, die Jungen wollen allesamt Ritter
kriegs, vom dem die Waffenindustrie – schen regelrecht den Boden unter den Fü- oder Monster-Fighter sein. Hatten wir
­darunter eine Reihe deutscher und euro- ßen. Wer mitten im Leben mit dem Nichts nicht die traditionellen Geschlechterrol-
päischer Firmen – seit Jahrzehnten profi- konfrontiert wird, fühlt sich mit der Trau- len überwunden, gerade in der Kinder­
tiert. Ausgehend vom Massaker an der er oft allein gelassen. Wenn sie nicht ver- erziehung? Halten wir Empathie immer
Sandy Hook Elementary School im De- arbeitet wird, kann sie in eine gefährliche noch für eine weibliche Eigenschaft und
zember 2012 beleuchtet diese Dokumen- Depression münden. Trauer ist keine Ritterlichkeit für männlich? Wie ähnlich
tation die ökonomischen und psychologi- Krankheit. Sie gehört zum Leben und gibt sind sich die Geschlechter, und wie unter-
schen Hintergründe. Kraft für einen Neubeginn. schiedlich wollen wir sein?
Arte, 20.15 Uhr Ö1, 19.05 Uhr Deutschlandfunk, 23.05 Uhr

Freitag, 5. Dezember Montag, 17. November Sonntag, 7. Dezember


X:enius Radiokolleg Essay und Diskurs
Migräne und Co – was tun gegen Kopf- Komm, süßer Schlaf Ware Welt – Themenwoche Ökono­
schmerzen? Schlafstörungen: Medizinische For- misierung und moralischer Wandel
Migränepatienten leiden meist nicht nur schung und Therapien Was war dafür verantwortlich, dass sich
unter starken Kopfschmerzen, sondern Der Zeiger des Weckers rückt unerbittlich das Marktprinzip während der letzten
auch an Sehstörungen und Übelkeits­ Minute für Minute vorwärts, doch die in- Jahrzehnte als herrschendes Paradigma
attacken. Laut medizinischer Statistiken nere Anspannung wächst, der erholsame etablieren konnte, das inzwischen alle
befällt Europäer die Krankheit inzwischen Schlaf will nicht kommen. Mangelnde ­Lebensbereiche überspannt? Wie wirkten
immer früher und heftiger – trotzdem Schlafhygiene und Umweltfaktoren kön- Unternehmer und Konsumenten daran
wird sie oft immer noch für eine Einbil- nen ebenso Verursacher sein wie körper­ mit? Und worin genau besteht die mora­
dung gehalten. Am Münchner Universi- liche oder seelische Probleme. lische Dimension der Ökonomisierung?
tätsklinikum sucht eine Forschungsgrup- Ö1, 9.05 Uhr Der Autor des Features ist Wissenschaftler
pe um Andreas Straube nach den Ursa- am Max-Planck-Institut für Gesellschafts-
chen des Übels. Dienstag, 25. November forschung und untersucht den Wandel
Arte, 8.25 Uhr Sprechstunde von Märkten.
Wdh. um 17.05 Uhr Moderne Schmerztherapie Deutschlandfunk, 9.30 Uhr

88 Gehirn und Geist


Freistil 13. – 15. November, Bremen 61348 Bad Homburg
Ware Welt – Themenwoche und Bremerhaven Kontakt: Daniela Dutschke,
Genug ist nie genug: Von der Jahrestagung der Deutschen Gesell- Körnerstraße 12,
­alltäglichen Gier schaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) 10785 Berlin
Sie ist unanständig und verwerflich – aber Thema: Sozialpsychiatrische Grund­ Telefon: 030 26552504
auch sehr menschlich: Gier. Die einstige haltungen – für Selbstbestimmung und Fax: 030 26367990
Todsünde wird vom kapitalistischen Wirt- die Vermeidung von Zwang E-Mail: tagungsbuero@dpv-psa.de
schaftssystem, das vom Egoismus des Ort: Verschiedene Veranstaltungsorte in www.dpv-psa.de/dpv-fruehjahrs-und-
Einzelnen lebt, sogar gefördert und be- Bremen und Bremerhaven herbsttagung/herbsttagung-2014
lohnt. Insofern helfen moralische Appelle Kontakt: Hille Kruckenberg,
gegen Raffsucht und Eigennutz kaum. Eystruper Straße 6, 28325 Bremen 21. November, Berlin
Vielmehr bedarf es verbindlicher Regeln Telefon: o421 420313 Tag der Psychologie: Aktuelle Ent­
und Gesetze, um die negativen Folgen der E-Mail: dgsp@hille-kruckenberg.de wicklungen und Herausforderungen
Gier einzudämmen. www.dgsp-bremen.de im Arbeitsfeld Psychologie
Deutschlandfunk, 20.05 Uhr Ort: Tagungshotel Courtyard by Marriott,
11. November, Weinsberg Axel-Springer-Straße 55,
Kurzfristige Programmänderungen der Jahrestagung der Ärztlichen 10117 Berlin
Sender sind möglich. Gesellschaft für Gesprächspsycho- Kontakt: Stefanie Havenstein,
therapie e. V. (ÄGG) Berufsverband Deutscher Psychologin-
Thema: Empathie bei schweren seeli- nen und Psychologen e. V.,
Veranstaltungen schen Störungen Am Kölnischen Park 2,
Ort und Kontakt: ZFP Klinikum am 10179 Berlin
12. – 14. November, Landshut Weissenhof, Ulrike Kunze, Sekratariat Telefon: 030 209166600
21. Bundeskongress für Schul­ Prof. Dr. Luderer, Weissenhof 1, Fax: 030 209166680
psychologie 74189 Weinsberg E-Mail: kongress@bdp-verband.de
Thema: Neue Schulwelten Telefon: 0713475 1020 www.psychologenkongress.de
Ort: Sparkassenakademie, Fax: 0713475 1090
Bürgermeister-Zeiler-Straße 1, E-Mail: u.kunze@klinikum-weissenhof.de 26. – 29. November, Berlin
84036 Landshut www.aegg.de/tagungen.htm Kongress der Deutsche Gesellschaft
Kontakt: Beate Bertelsbeck-Moll, für Psychiatrie und Psychotherapie,
Auf der Rotbitz 2, 57614 Niederwarmbach 15. November, Berlin Psychosomatik und Nervenheilkunde
Telefon: 02681 8199707 5. Tag der Rechtspsychologie (DGPPN)
E-Mail: b.bertelsbeck-moll@gmx.de Thema: Herausforderungen in der Thema: Herausforderungen durch
www.bdp-schulpsychologie.de Vielfalt den demografischen Wandel –
Ort: Hotel Berlin Hilton, psychische Erkrankungen heute und
13. – 15. November, Weimar Mohrenstraße 30, 10117 Berlin morgen
Jahrestagung des Berufsverbandes Telefon: 030 202300 Ort: City Cube Berlin,
der Kinder- und Jugenpsychatrie, www.rechtspsychologie-bdp.de/2014/06/ Messedamm 26, 14055 Berlin
Psycho­somatik und Psychotherapie tag-der-rechtspsychologie/ Kontakt: Deutsche Gesellschaft für
in Deutschland e. V. (BKJPP) Psychiatrie und Psychotherapie,
Ort: Weimarhalle, UNECO-Platz 1, 20. – 22. November, Psychosomatik und Nervenheilkunde
99423 Weimar Bad Homburg e. V. (DGPPN), Julie Holzhausen,
Kontakt: KelCon GmbH, Stefanie Schlüter, Herbsttagung der Deutschen Psycho- Reinhardtstraße. 27 B,
Tauentzienstraße 1, 10789 Berlin analytischen Vereinigung (DPV) 10117 Berlin
Telefon: 030 679668852 Thema: Passagen, Transformationen – Telefon: 030 240477212
Fax: 030 679668855 Trauer und Neugier in Prozessen der Fax: 030 240477229
E-Mail: s.schlueter@kelcon.de Veränderung E-Mail: dgppn14@cpo-hanser.de
www.kinderpsychiater.org/bkjpp/jahres- Ort: Maritim Kurhaushotel, www.dgppn.de/kongress2014/
tagung Ludwigstraße 3, programm.html

12_2014 89
Vo rsc h au GuG 1/ 2 0 1 5 ers c h ei nt a m 8. dez em b er 20 14

Lieder gegen Leiden Im Kopf des


Programmierers
Es macht Spaß, stiftet Während Laien im Quell-
Gemeinschaftsgefühl text von Computer­
und hält sogar fit: programmen meist nur
Singen. Doch erst all- kryptische Zeichen
mählich erkennen auch sehen, entschlüsseln
Psychologen und Me- Informatiker im Hand-
diziner die Heilkraft der umdrehen die Bedeu-
Stimme. Inzwischen tung des Kodes. Dabei
entstehen an immer nutzen sie unter ande-
mehr Kliniken Gesangs- rem Hirnareale, die für
gruppen, die die Therapie Sprache und räumliches
unterstützen sollen – bei Verständnis wichtig sind,
Depressionen, Ängsten fanden Forscher heraus.
und anderen Leiden.

iStockphoto / Global Stock


Doch was genau macht Therapie in Afrika
das Singen mit Körper Die Behandlung seeli-
und Psyche? scher Störungen hat in
vielen Teilen der Welt
immer noch gegen
Mythen und Vorurteile
zu kämpfen. Psychisch
Kranke in Afrika gelten
oft als vom Teufel beses-
sen, die Ausbildung der
Mediziner ist unzurei-
chend. Eine Reportage
aus Madagaskar – über
die einzige Psychiatrische
Klinik für 22 Millionen
Einwohner.

Streit um die Schule


Wie früh sollten Kinder eine Fremdsprache
lernen? Unterricht ohne Noten – geht das
überhaupt? Und soll man Abc-Schützen erst
einmal schreiben lassen, wie sie mögen?
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90 Gehirn und Geist


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