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PD Dr. habil. Anke Levin–Steinmann

Interkulturelle Kommunikation (an Beispielen aus dem Russischen)

Stoffverteilungsplan

WS 2007/08

LV

am

Thema der Lehrveranstaltung

1.

17.10.07

Kommunikation, Sprache und Kultur

2.

24.10.07

Fortsetzung s.o.; Das sog. sprachliche Weltbild; Wierz- bicka: theoretische Grundlagen der Konzeption der „uni- versal primitivs“

3.

31.10.07

Zeichen – Begriff – Beziehung als Schlüssel zum Kul- turverständnis; Die Prototypen-/Stereotypentheorie als Schlüssel zu interkulturellen Phänomenen

4.

07.11.07

Sog. kulturelle Schlüsselkonzepte

5.

14.11.07

Sprachspezifischer Lexikgebrauch

6.

21.11.07

„Idiomatischer Sprachgebrauch“; auf dem Weg zur Phra- seologie

7.

28.11.07

Phraseologismen als kulturelle Texte?

8.

05.12.07

Patriarchalisch geprägte Sprache als Ausdruck der Ge- sinnung?

9.

12.12.07

Kulturelle Stereotypen, das Unsere das Fremde

10.

19.12.07

Kulturgemeinschaften in gegenseitiger und in Selbstre- flexion

11.

9.01.08

Der Sprechakt als Ausdruck von Kulturspezifik

12.

16.01.08

Kulturspezifisches bei Sprechakten

13.

23.01.08

Gestik und Mimik

14.

30.01.08

Translatorische Probleme

15.

6.02.08

Konsultation

Literatur Austin, J.L.: How to Do Things with words. Qxford 1962./Zur Theorie der Sprechakte. Stutt- gart 1972. Bausinger, H.: Typisch deutsch. Wie deutsch sind die Deutschen? München 2000.

Beiträge des Gender-Blocks zum XIII. Int. Slavistenkongress in Ljubljana

Leeuwen-Turnovcová/U. Röhrborn) München 2003. Brinker, K.: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 2. Aufl. Berlin 1988. Cobabus, N.: Vertrautheit und Fremdheit. Das Eigene und das Andere im Spiegel unterschied- licher Untersuchungsansätze: eine kulturanthropologische Kritik. Aachen 1997. Ertelt-Vieth, A.: Interkulturele Kommunikation und kultureller Wandel. Eine empirische Stu- die zum russisch-deutschen Schüleraustausch. Tübingen 2005. Forum Translationswissenschaft. (Hrsg. Lew Zybatow) Bde. XXX, Frankfurt a.M. XXX Gottburgsen, A.: Stereotype Muster des sprachlichen doing gender. Wiesbaden 2000. Hardman, M.J.: Was Jaqi-Frauen uns voraushaben: Gleichheit in grammatischer und konver- sationeller Struktur. – Frauengespräche: Sprache der Verständigung. (Hrsg. S. Trömel- Plötz) Frankfurt a.M. 1996, 304-323. Heringer, H.-J.: Interkulturelle Kommunikation. Tübingen 2007 2 .

(Hrsg. J. van

Kappel, G./Rathmayr, R./Diehl-Želonkina, N.: Verhandeln mit Russen. Gesprächs- und Ver- haltensstrategien für die interkulturelle Geschäftspraxis. Wien 1992. Klann-Delius, G.: Sprache und Geschlecht. Stuttgart, Weimar 2005. Kultur als Übersetzung. Fs. für K. Städtke zum 65. Geburtstag. (Hrsg. W.S. Kissel et al.) Würzburg 1999. Pinker, S.: The Language Instinct. The New Science of Language and Mind. London 1994. Rathmayr, R.: Pragmatik der Entschuldigungen. Vergleichende Untersuchung am Beispiel der russischen Sprache und Kultur. Köln 1996. [Ратмайр, Р.: Прагматика извинения. Сравнительное исследование на материале русского языка и русской культуры. М.

2003.]

Schlieben-Lange, B.: Linguistische Pragmatik. Stuttgart et a. 1979 2 [1975]. Scholz, A.: Verständigung als Ziel interkultureller Kommunikation. Münster 2000. Searle, J.R.: Sprechakte – Ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt 1983. Tannen, D.: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden. Hamburg 1991. Wierzbicka, A.: The alphabet of human thoughts. – Conceptualizations and Mental Process- ing in Language. (Hrsg. R.A. Geiger & B. Rudzka-Ostyn) Berlin 1993, 23-51. Yakovleva, E.: Deutsche und russische Gespräche. Ein Beitrag zur interkulturellen Pragmatik. Tübingen 2004. Zybatow, L.: Was die Partikeln bedeuten. München 1990. Вежбицкая, А.: Язык Культура Познание. Москва 1996. Вежбицкая, А.: Понимание культур через посредство ключевых слов. Москва 2001. Верещагин, Е.М./Костомаров, В.Г.: Язык и культура. Лингвострановедение в преподавании русского языка как иностранного. Москва 1990. Григорьева, С.А., Григорьев, Н.В., Крейдлин, Г.Е.: Словарь языка русских жестов. МоскваВена 2001. Степанов, Ю.С.: Константы: Словарь русской культуры. Москва 2001 2 . Тер-Минасова, С.Г.: Язык и межкультурная коммуникация. Москва 2000.

1. Seminar:

Kommunikation, Sprache und Kultur

Einf.:

– dieses Seminar verbindet zwei Schwerpunkte miteinander

Коммуникация 1 = акт обмена (особенно новостями); данная информация; общение Коммуникация 2 = акт или процесс передачи информации другми людям или живым существам. Коммуникация 3 = системы и процессы, используемые для общения или для передачи информации. Коммуникация 4 = письмо или телефонный звонок Коммуникация 5 = различные методы передачи информации между людьми, особенно официальные системы почта, радио, телефон и т.д. Коммуникация 6 = это также способы, с помощью которых люди строят отношения друг с другом и понимают чувства друг друга. (Тер-Минасова 2000: 12)

– auf der einen Seite sind diese Bestimmungen sehr subtil und gehen nahtlos ineinander über

Der frame „Kommunikation“ (Heringer 2007: 23)

1. Wann und wo? [Szenario]

2. Wer? [Beteiligte]

2007: 23) 1. Wann und wo? [Szenario] 2. Wer? [Beteiligte] 4. Wozu? [Intention] 5. Wie? [Modus]
2007: 23) 1. Wann und wo? [Szenario] 2. Wer? [Beteiligte] 4. Wozu? [Intention] 5. Wie? [Modus]

4. Wozu? [Intention]

5. Wie? [Modus]

KOMMUNIKATION

3. Worüber? [Topik]

5. Wie? [Modus] KOMMUNIKATION 3. Worüber? [Topik] 6. Womit? [Medium] zu 2) Beteiligte : – Anzahl

6. Womit? [Medium]5. Wie? [Modus] KOMMUNIKATION 3. Worüber? [Topik] zu 2) Beteiligte : – Anzahl der Teilnehmer –

zu 2) Beteiligte:

– Anzahl der Teilnehmer

– Geschlecht der Teilnehmer

– Altersstruktur

– Gegenseitige Beziehung

Zu 3) Topik:

– Klarheit über das Topik

– Akzeptanz des Topiks und

seiner Strukturen (welche Subtopiks wann?)

– Wissen um Tabuthemen

zu 4) Intention:

– Klarheit über das Ziel – gegenseitige Akzeptanz des Ziels – Entwicklung zum Ziel hin

zu 5) Modus:

– direkt oder indirekt? – Mutter- o. Fremdsprache? – Stilform – wer hat welche turns?

zu 6) Medium:

– schriftlich od. mündlich?

– per Körpersprache?

– direkt od. indirekt? Telefon? Chat? Projektor?

auf den Ebenen:

a) sprachliche Verständigung, die zu Verstehen führen soll,

b) konsensuale Verständigung, die zu Einverständnis führen soll und

c) emotionale Verständigung, die zu Verständnis führen soll.

Kulturbegriff:

„Eine Kultur stellt ein Ensemble von in symbolischem Handeln manifestierten Wissensbe- ständen dar, die sich in den verschiedenen sozial-historischen Domänen und Entwicklungs- phasen einer Gesellschaft unterscheiden oder für diese Domänen spezifisch sind, die aber durch den Bezug auf die gleiche Gesellschaft einen mehr oder weniger gemeinamen Kern an Weltbildern, Wertvorstellungen, Denkweisen, Normen und Konventionen aufweisen und die sich deshalb – vor allem aus der homogenisierenden Perspektive von außen – als solche einer bestimmten Kultur darstellen.“ (Knapp/Knapp-Potthoff 1990 zit. nach Heringer 2007: 107)

?vs.?

„Eine Kultur ist eine Lebensform. Kultur ist ein Objekt besonderer Art. Wie Sprache ist sie eine menschliche Institution, die auf gemeinsamem Wissen basiert. Kultur ist entstanden, sie ist geworden in gemeinsamem menschlichen Handeln. Nicht, dass sie gewollt wurde. Sie ist vielmehr ein Produkt der Unsichtbaren Hand. Sie ist ein Potenzial für gemeinsames sinnträchtiges Handeln. Aber das Potenzial zeigt sich nur in der Performanz, im Vollzug. Und es ist entstanden über Performanz.“ (Heringer 2007: 107)

– in einer weiteren Definition mit der Bezeichnung „Triadischer Kulturbegriff“ ist der direkte Bezug zur „Sprache“ vorhanden, vgl.:

a) Die mentale Dimension: Kultur fungiert als Handlungsorientierung für real existie- rende Probleme, indem sie Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen bietet.

b) Die materielle Dimension: Kultur objektiviert sich in der Gesamtheit von Artefakten als real hervorgebrachten Leistungen zur Repräsentation von Sinn, Bedeutungen und Problemlösungen.

c) Die situative Dimension: Kultur vollzieht sich in der konkreten Praxis von Hand- lungen – d.h. auch in der Kommunikation –, in denen gemeinsame Orientierungen durch Rückgriff auf Deutungs- und Verhaltensmuster aufgebaut werden. (Scholz 2000: 19)

– in Form der unter a) erwähnten Handlungsorientierungen treten sog. „Kulturstandards“ auf

(Scholz 2000: 20ff), für die Heringer eine Wahl an Definitionsmustern zur Verfügung stellt, vgl.:

Kulturstandards

wirken als sind bezeichnen benennen bestimmen definieren

 
 

Maßstäbe

>

Gradmesser

Bezugssysteme

Orientierungsmerkmale

dienen als werden aufgefasst als

bestimmen das sind Kennzeichen des

Denken(s)

Handeln(s)

 

Wahrnehmen(s)

Verhalten(s)

(Heringer 2007: 196)

typische Orientierungsmaßstäbe“ entschie-

den, die über den Prozess der Sozialisation internalisiert werden (2000: 20f)

– das Adjektiv „typisch“ suggeriert eine „Erwartbarkeit“ von Verhaltensweisen und Interakti- onen, ist aber nicht unproblematisch, weil

„KS in mehrfacher Hinsicht relativ sind“:

– Scholz hat sich für die Formulierung „KS sind

Ihre Verbindlichkeit ist unterschiedlich stark, sie unterliegen einer dynamischen Verände- rung

Durch die Persönlichkeit jedes einzelnen sind sie niemals bei allen Mitgliedern völlig i- dentisch ausgeprägt (Scholz 2000: 21)

– mit den KS verbunden sind: Standardisierungen des Denkens, die eng mit der für eine Kul-

tur typischen Mentalität zusammenhängen: auf der Grundlage ähnlicher „psychischer Dispo- sitionen, emotionaler Neigungen und geistig-seelischer Haltungen“ (Vester 1996, zit. nach Scholz 2000: 25)

– in Form der unter b) erwähnten Artefakte treten u.a. Zeichensysteme auf, darunter das Zei-

chensystem der Sprache, aber auch alle nonverbalen Zeichen

(Scholz 2000: 30f)

Was halten Sie von folgender Bestimmung des Terminus „Interkulturelle Kommunikati- on“?

Межкультурная коммуникация = адекватное взаимопонимание двух участников коммуникативного акта, принадлежащих к разным национальным культурам. [Interkulturelle Kommuni– kation ist das adäquate gegenseitige Verstehen zweier Teil- nehmer eines kommunikativen Aktes, die unter– schiedlichen Kulturen angehören.] (Верещагин/Костомаров, 1990, 26, zit. nach Тер-Минасова 2000: 14)

hier wird automatisch der wechselseitige Verständigungsprozess „Kommunikation 1-2 “ zum

gegenseitigen Verstehen, also „Kommunikation 6 “ erklärt, was der Idealfall sein und bleiben

dürfte und von bestimmten Kriterien abhängig ist, z.B.:

1. grammatisches Wissen

2.

lexikalisches Wissen

3. Weltwissen (fachliches, soziales, kulturelles, normatives, Handlungswissen)

4. Kontextwissen

5. kommunikativ-strategisches Wissen (Heringer 2007: 133)

und erst unter der Voraussetzung des „Funktionierens“ bzw. der Koordination entweder

auf intra- oder interultureller Ebene zum gegenseitigen Verstehen, Einverständnis oder Ver- ständnis führen, vgl.:

a) sprachliche Verständigung, die zu Verstehen führen soll,

b) konsensuale Verständigung, die zu Einverständnis führen soll und

c) emotionale Verständigung, die zu Verständnis führen soll.

zusammenfassend heißt das nach Loenhoff 1992 (zit. nach Scholz 2000: 87):

„[

]

unter interkultureller Kommunikation oder interkultureller Verständigung nur solche

Kommunikationsprozesse verstanden werden, die zwischen Angehörigen unterschiedlicher Sprach- und Kulturgemeinschaften stattfinden und folglich dadurch charakterisiert sind, daß sich die Interaktionspartner* weitgehend an unterschiedlichen symbolischen Codes orientie- ren und damit ein relativ hohes Maß gegenseitiger Fremdheit empfinden.“ * d.h. mindestens ein Interaktionspartner (Anmerkung von mir)

– die Wissensebenen, s.o., lassen sich auf der interkulturellen Ebene wie folgt (um)benennen:

a) Punkte 1, 2 und ein Teil von 5 zusammengefasst bildet die sprachliche Kompetenz, b) Punkt 3 enthält das notwendige (fremd)kulturelle Hintergrundwissen

– es ist natürlich, dass die Verständigung auf interkultureller Ebene viel häufiger von Unsi- cherheiten und Fehlschlägen betroffen ist als die intrakulturelle

– ist das Wissen in irgendeiner Form bei einem Gesprächspartner nicht gegeben, spricht man

von einem „rich point“, von einer Stelle, „an der in der Kommunikation häufiger Probleme auftreten“ (Agar, zit. nach Heringer 2007: 162)

– in der interkulturellen Kommunikation gibt es eine ganze Menge solcher möglichen rich points, s. die fünf Wissensbestände oben

– in der interkulturellen Kommunikation gibt es eine ganze Menge solcher möglichen rich points, s. die fünf Wissensbestände oben

z.B. das Wort ‚Heimat

– ein rich point kann auch an ein Wort gebunden sein, dann sprich man von einem „Hotword“

– es sind Wörter, die

bedeutungsmäßig nicht eindeutig bestimmbar sind

deren verschiedenen [Assoziations-/Vorstellungs-]Komponenten ein kulturelles Muster bilden

die in einer bestimmten Gruppe oder Kultur eine spezifische Rolle spielen

die mit bestimmten Emotionen und Assoziationen positiver oder negativer Art verbunden sind

– um ein Hotword einer anderen Kultur richtig zu verstehen, muss man:

sich intensiv mit der Kultur und der Geschichte der jeweiligen Kultur auseinandersetzen, d.h.

muss man quasi in die Zielkultur „eintauchen“ (ebenda)

– das Wissen über den oder die jeweils „Anderen“ wird in den verschiedensten Wissen-

schaftsdisziplinen oft über Umfragen zusammengetragen, auf der interkultuellen Ebene oft der erfolgversprechendste Weg, um an entsprechende Wissensbestände heranzukommen

– die Objektivität von Umfragen wird dabei in der Regel überschätzt, u.a. auch deshalb, weil falsche Schlüsse über die jeweils anderen Wissensbestände gezogen werden, vgl.:

Umfrage zum „Sinn des Lebens“ unter Amerikanern und Koreanern (Folie)

– die Grafik zeigt den Stellenwert, der den Bereichen zugesprochen wurde

– im nächsten Schritt ergab sich dann noch, dass natürlich Koreaner zu Liebe ganz Anderes

assoziieren als US-Amerikaner (!!!)

die Rolle von der Bedeutung-Begriff-Beziehung, auf die wir zuarbeiten

2. Seminar:

Kultur und Sprache; Das sog. sprachliche Weltbild; Wierzbicka: theoretische Grundlagen der Konzeption der „universal primitivs“

Widerspiegelung der Wechselbeziehung zur Kultur im Sprachbegriff:

Язык 1 = зеркало культуры, в нём отражается не только реальный мир, окружающий человека, не только реальные условия его жизни, но и общественное самосознание народа, его менталитет, национальный характер, образ жизни, традиции, обычаи, мораль, система ценностей, мироощущение, ви дение мира. Язык 2 = сокровищница, кладовая, копилка культуры. Он хранит культурные ценности в лексике, в грамматике, в идиоматике, в пословицах, в фольклоре, в художественной и научной литературе, в формах письменной и устной речи. Язык 3 = передатчик, носитель культуры, он передаёт сокровища национальной культуры, хранящейся в нём, из поколения в поколение. Овладевая родным языком, дети осваивают вместе с ним и обобщённый культурный опыт предшествующих поколений. Язык 4 = орудие, инструмент культуры. Он формирует личность человека, носителя языка, через навязанные ему языком и заложенные в языке видение мира, менталитет, отношение к людям и т.п., то есть через культуру народа, пользующегося данным языком как средством общения. (Тер-Минасова 2000:

14f)

Steht die folgende Passage nicht im Widerspruch zu der obigen Sprache 2 -Definition? Однако язык это не копилка или склад, в котором хранятся вышедшие из употребле- ния слова-понятия. [Allerdings ist die Sprache keine Sparbüchse bzw. Lager, in dem aus dem Gebrauch gekom- mene Wörter bzw. Begriffe aufbewahrt werden.] (Тер-Минасова 2000: 87)

Bsp.: ни зги не видно, бить баклуши, ничтоже сумняшеся, на босу ногу, без царя в голове

in Phraseologismen werden schon Archaismen aufbewahrt und auch noch aktiv gebraucht,

aber bei den Sprachträgern fehlt das Wissen ihrer ursprünglichen Bedeutung

bei der Bewusstwerdung hat man alerdings einen Schlüssel zur wortwörtlichen Bedeutung dieser Einheiten, von der man dann die phraseologische ableiten bzw. erklären kann

Welcher der zwei Beschreibungen der Rolle von Sprache und Kultur geben Sie den Vorzug, begründen Sie!

В каком-то смысле человек раб своего родного языка: он с младенчества попадает под влияние и власть языка родителей и вместе с языком усваивает хранящуюся в нём культуру того речевого коллектива, членом которого он совершенно случайно, не имея никакого выбора, оказался.“ [Im gewissen Sinne ist der Mensch ein Sklave seiner Mutter- sprache: von Kindesbeinen an fällt er unter den Einfluss und die Macht der Sprache der Eltern und eignet sich zusammen mit der Sprache die in ihr steckende Kultur des sprachlichen Kol- lektives an, dessen Mitglied er vollkommen zufällig, d.h. ohne eine Wahl zu haben, geworden ist.] (Тер-Минасова 2000: 134)

vs.

Человек не рождается ни русским, ни немцем, ни японцем и т.д., а становится им в результате пребывания в соответствующей национальной общности людей.

Воспитание ребёнка проходит через воздействие национальной культуры, носителями которой являются окружающие люди.“ [Der Mensch wird weder als Russe, Deutscher noch Japaner geboren, sondern wird zu einem solchen im Resultat des Verweilens in der ent- sprechenden Sprachgemeinschaft. Die Erziehung des Kindes verläuft durch die Wirkung der nationalen Kultur, deren Träger die das Kind umgebenden Menschen sind.] (Верещагин/Костомаров 1990: 25)

– die Überbewertung der Rolle der Sprache hat zur Statuierung des Terminus „sprachliches Weltbild“ geführt

Языковая картина мира отражает реальность через культурную картину мира. [Das sprachliche Weltbild spiegelt die Realität durch das kulturelle Weltbild wider.] Речь идёт, во-первых, о том, что язык как идеальная, объективно существующая структура подчиняет себе, организует восприятие мира его носителями. А во-вторых, о том, что язык система чистых значимостей образует собственный мир, как бы наклеенный на мир действительный. [Es geht darum, dass erstens die Sprache als ideelle, objektiv existierende Struktur sich die Wahrnehmung der Welt durch seine Sprecher unterordnet und organisiert. Zweitens bildet die Sprache als System reiner Bedeutungen eine eigene Welt, die auf bestimmte Art auf die reale Welt aufgeklebt ist.] (Антипов/Донских/Марковина/Сорокин, 1989, 75, zit. nach Тер- Минасова 2000: 46)

Argumentation von Ter-Minasova (Тер-Минасова 2000: 47ff)

– Sprache ist ein Teil der Kultur, aber auch die Kultur ist nur ein Teil der Sprache

– das sprachliche Weltbild wird nicht vollständig von dem kulturellen vereinnahmt

– in der oberen Definition wird die physische Tätigkeit des Menschen und seine physische Erfahrung der Wahrnehmung der Umwelt nicht berücksichtigt

die Sprache fixiert bei Weitem nicht alles [in Wort- oder Phrasemform], was in der natio-

nalen Weltsicht vorhanden ist, ist aber in der Lage, alles zu beschreiben

– ein Wort kann man mit einem Mosaiksteinchen vergleichen, und diese Teilchen setzen sich in verschiedenen Sprachen zu verschiedenen Bildern zusammen

– am Beispiel der Farbbeschreibung kann man das wie folgt demonstrieren:

Голубой

Синий

Blue

(blau)

– es ist wohl offensichtlich, dass sowohl Russen, Engländer, Amerikaner und Deutsche die- selben physischen Voraussetzungen zur Farbwahrnehmung haben, auch wenn es in ihren Sprachen auf verschiedene Art und Weise verbalisiert ist

– es gibt aber kein Hindernis, die einzelnen Abstufungen per Umschreibung sprachlich wie- derzugeben, vgl.:

Голубой sky-blue, himmelblau светло-голубой pale-blue, hellblau

Синий dark-blue, dunkelblau тёмно-синий navy blue, dunkelblau

ein und derselbe Begriff, ein und dasselbe Stückchen Realität hat verschiedene Formen der sprachlichen Realisierung in verschiedenen Sprachen – eine komplexere oder weniger komplexe

– die Wörter verschiedener Sprachen, die ein und denselben Begriff bezeichnen, können sich aufgrund ihres semantischen Umfangs unterscheiden, können verschiedene Abschnitte der Realität abdecken das Vorhandensein «interkultureller Synonyme» ist deshalb höchst zweifelhaft

– beim Fremdsprachenlernen wird auf das primäre Weltbild der Muttersprache und Heimat- kultur ein sekundäres Weltbild der erlernten Sprache draufgelegt

Widerspiegelung der Wechselbeziehung zum Denken im Sprachbegriff:

→ Язык и образ мышления взаимосвязаны [Sprache und Denkungsart sind wechselseitig

bedingt] „С одной стороны, в языке находят отражение те черты внеязыковой действительности, которые представляются релевантными для носителей культуры, пользующейся этим языком; с другой стороны, овладевая языком и, в частности, значением слов, носитель

языка начинает видеть мир под углом зрения, подсказанным его родным языком [Ei-

nerseits finden in der Sprache die Dinge der außersprachlichen Realität Widerspieglung, die für die diese Sprache sprechenden Kulturträger relevant sind und andererseits fängt der

Sprachträger über die Sprache, insbesondere die Wortbedeutungen, an, die Welt so zu sehen, wie sie ihm durch die Muttersprache vorgegeben wird.] (Шмелёв, А.: Могут ли слова языка быть ключом к пониманию культуры? – Вежбицкая 2001: 7)

Bezug zu den Ideen von Humboldts, Sapir und Whorf

s. solche „besonderen“ Wörter wie Bruderschaft, barszcz oder тыкать

– diese lexikalischen Beispiele sind zweifelsohne Besonderheiten, weil sie kulturspezifische

Rituale oder Gerichte bezeichnen und nicht auf den gesamten Wortschatz übertragen werden können, wodurch natürlich Probleme bei der Übersetzbarkeit entstehen (s. auch Eigennamen)

– andere Besonderheiten weisen Wörter wie пошлый, храмить auf, s. auch Lexik

„Das Wort пошлость bezeichnet und stimuliert eine bestimmte Sichtweise auf menschliche Handlungen und Ereignisse. Kulturspezifische Wörter stellen begriffliche Instrumente dar, die die erlebten Erfahrungen der Gesellschaft bezüglich der Handlungen und Vorstellungen über

verschiedene Dinge auf bestimmte Art und Weise gung dieser Weisen.“ (Вежбицкая 1996: 20)

– mit ihren Werken hat Wierzbicka ein weltweites Echo herbeigerufen, das sich in zwei Lager teilt

– als Anhänger gilt die sog. Moskauer Schule

– entschiedene Gegner sind vor allem in der westlichen Welt zu finden, u.a. Steven Pinker, der über das Funktionieren des Konzeptes ‚freedom‘ folgendes schreibt:

darstellen und sie fördern die Verewi-

„ since mental life goes on independently of particular languages, concepts of freedom and equality will be thinkable even if they are nameless.“ (1994: 82) vs.

„ das Konzept ‚freedom‘ ist nicht unabhängig von der konkreten Sprache (indem es sich

z.B. vom römischen Konzept ‚libertas‘ oder vom russischen ‚свобода‘ unterscheidet). Es ist von der Kultur und der Geschichte als Teil des gemeinsamen Erbes der Träger der englischen Sprache gebildet worden.“ (Вежбицкая 1996: 23)

– die Aussagen von Wierzbicka suggerieren eine 1:1-Beziehung von Bedeutung und bezeich-

netem Begriff, eine weitgehende Identifizierung von Sprache und Denken

wäre hier nicht von einem Konzept oder Begriff die Rede, sondern eben von einer kultur- spezifischen Bedeutung, dann könnte man alles ohne Weiteres unterschreiben, s. Lexik

– diese These von Wierzbicka kann nur funktionieren bei Zugrundelegung einer relativ festen

Merkmals-Semantik von „Wörtern“ (verlässt man das Wortfeld, bricht alles in sich zusam- men)

– auf der bereits zitierten Seite 20 relativiert sie allerdings diese Sichweise selbst, indem sie formuliert:

„ die Sichtweisen eines einzelnen Indivuums sind niemals völlig von den begrifflichen In-

strumenten determiniert, die ihm seine Muttersprache geben,

ve Ausdrucksmöglichkeiten (sic!!!). Aber die Sprache wirkt ganz offensichtlich auf seine konzeptuelle Sicht auf das Leben.“ (e- benda)

– es besteht kein Zweifel, dass auch die Sprache begriffsbildend wirkt

– geht man außerdem davon aus, dass das Merkmalscluster, das sich gegenwärtig hinter ei- nem Wortformativ verbirgt, kaum noch etwas zu tun hat mit dem zu Zeiten der „Wortbil-

dung“, stünde ein sog. sprachliches Weltbild auf sehr wackligen Beinen, da dieses auf „Ste- reotype“ geradezu angewiesen ist

ganz abgesehen von der damit verbundenen Frage nach großen Unterschieden bei den

Merkmalsclustern innerhalb einer Sprachgemeinschaft

es finden sich immer alternati-

ganz abgesehen von der damit verbundenen Frage nach dem überindividuellen, gesell- schaftlichen durchschnittlichen Abbild

3. Seminar:

Zeichen – Begriff – Beziehung als Schlüssel zum Kulturverständnis; Die Prototypen-/Stereotypentheorie als Schlüssel zu interkulturellen Phänome- nen

vorbereitende HA:

zu dem Wort ‚Heimat

Versuchen Sie, über die Zusammenstellung relevanter Merkmale das Wort ‚Heimat‘ (aus Ihrer kulturellen Sicht) zu definieren!

– Zusammenfassung für das deutsche Wort

Gefühl Deutschland Recht angestammt Dorf Liebe Alt Sprache Stadt Land daheim Gefühl verlassen HEIMAT
Gefühl
Deutschland
Recht angestammt
Dorf
Liebe
Alt
Sprache
Stadt
Land
daheim
Gefühl
verlassen
HEIMAT
zurück
heimatlos
zurückkehren
Verbundenheit
Sehnsucht
Vertriebene
Roman
vertrieben
Heimweh

(Heringer 2007: 175)

Film

Wiederholen Sie das Ganze nochmals für das Wort ‚Dorf‘!

– Nennen typischer Merkmale (aus der jeweiligen kulturellen Sicht)

– Vorstellen der Sicht von Andrej Makin, einem russ. Schriftsteller, geboren 1957 in Krasno- jarsk, aus seinem Roman „Французкое завещание“, erschienen 1995 in französischer Spra- che (zit. nach Тер-Минасова 2000: 64)

– Makin ist zweisprachig aufgewachsen (hat eine französische Großmutter) und 1987 nach Frankreich ausgewandert

– Ter Minasova fasst das Leseerlebnis in Bezug auf einen Punkt so zusammen:

Говоря о месте своего рождения, Нёйн-сюр-Сен, Шарлотта, бабушка Макина, называет это место деревней. В культурном мышлении её внука и внучки есть только одно представление о русской деревне

Forts.:

представление о русской деревне: деревянные избы, стадо, петух, деревенские мужики и бабы.“

Prototypen-/Stereotypensemantik

– Lexeme sind sprachliche Zeichen

ein Zeichen besitzt nach nach de Saussure zwei Seiten:

eine Ausdrucksseite (signifiant, Bezeichnendes) und

eine Inhaltsseite (signifié, Bezeichnetes)

(a) Bilateralität: jedes Z. besteht aus der Zuordnung von zwei Aspekten, dem materiellen (lautlich oder graphisch realisierten) Z.-Körper (= Bezeichnendes) sowie einem be- grifflichen Konzept (= Bezeichnetes). Zur unterschiedlichen Terminologie vgl. Be- zeichnendes vs. Bezeichnetes.

(b) Im Unterschiede zu DE SAUSSUREs zweiseitigem Z. gehen andere Forscher, z.B. PEIRCE [1931 ff.], von der triadischen Struktur des Zeichens aus und unterscheiden zwischen Zeichenkörper, Bezeichnetem und Sprecher.

Z M Z (F ≈ A) B
Z
M
Z
(F
A)
B
Bezeichnetem und Sprecher. Z M Z (F ≈ A) B O M = Mensch, der Zeichen
Bezeichnetem und Sprecher. Z M Z (F ≈ A) B O M = Mensch, der Zeichen

O

M = Mensch, der Zeichen verwendet

F

= Formativ bzw. Lautgestalt des Zeichens

B

= Bedeutung des Zeichens

Z

= Zeichen, bestehend aus einem Formativ (F), das durch eine Bedeutung (B) in Relation zu

einem gedanklichen Abbild (A) steht (= Begriff oder Konzept) O = Objekt, auf das das gedankliche Abbild rekuriert

Sprachliche Zeichen - „bilaterale Komplexe von materiellem Zeichenkörper und ihm zu- geordneten Bedeutungen/Abbildern.“ (Lorenz/Wotjak, 74)

- „kleinste Verbindung zwischen einer Bedeutung,

die

Signifikat

genannt wird, und

einem Schallsegment, das Signifikant genannt wird.“ (Hagege, 104))

Besteht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der formalen und der inhaltlichen Seite?

– die Verbindung von lautlicher und inhaltlicher Seite ist willkürlich, arbiträr

– das Gesagte trifft auch auf die lautliche Wiedergabe bzw. Nachahmung bestimmter Geräu-

sche zu, die sich u.U nur geringfügig von Sprache zu Sprache, aber dennoch voneinander un-

terscheiden, vgl.: мяу

Bezeichnung/Referieren:

Welche Größen werden benötigt, um kommunizieren zu können?

sprachliches Zeichen (Formativ + Bedeutung),

Sprecher,

Referenzobjekt,

Begriff bzw. Konzept

Beziehung: sprachliches Zeichen – Referenzobjekt

a) Monolateralität des sprachlichen Zeichens, d.h.:

Wörter bezeichnen/bedeuten (d.h. verweisen in dem Fall auf) konkrete Objekte

– Entwickeln einer Alternative:

b)

Bilateralität des Zeichens

Wörter haben ein an sie gebundenes Signifikat oder Bedeutung(en) Wörter bezeichnen/bedeuten außer(einzel)sprachliche Begriffe

Abb. 1

Beziehung: sprachliches Zeichen - Referenzobjekt

sprachliches Zeichen Formativ – Bedeutung
sprachliches Zeichen
Formativ
Bedeutung
sprachliches Zeichen Formativ – Bedeutung Abbild (Begriff) als besonderer Teil des   kann in

Abbild (Begriff) als besonderer Teil des

 

kann in

Abhängig-

keit vom

 

Kontext/

konzeptuellen Wissens über das

Kotext

auf ein

 

konkretes Obj.

referieren

referieren

(Objekt) als Bestandteil der außersprachlichen Welt

Zusammenfassung:

die Bedeutung eines Ausdrucks i.e.S. darf nicht verwechselt werden mit dem, was er be- zeichnet

 

das Erfassen der Bedeutung darf nicht gleichgesetzt werden mit dem Erfassen

des be-

zeichneten Gegenstandes in der Welt die Kenntnis der Referenz darf nicht verwechselt werden mit der Kenntnis der Bedeutung (Runggaldier, 89ff))

Was verstehen Sie nach dem bisher Gehörten unter dem Terminus „Bedeutung“? vorläufige Definition von „Bedeutung“:

a)

Die Bedeutung eines Wortes ist die Regel seines Gebrauchs in der betreffenden Sprache

b)

Die Bedeutung eines Wortes ist die mit ihm assoziierte Vorstellung

c)

Die Bedeutung eines Wortes ist der/das von ihm bezeichnete Begriff/Konzept

die jeweilige Vorstellung von (in der in Frage kommenden Situation normalen) x nennen

wir

Vorstellung und seiner Kategorie) - Stereotypen sind alsoVorstellungen bzw. Bündel von Eigenschaften, die normale, typische Mitglieder bestimmen, d.h., die ein Sprecher und mit ihm die Sprachgemeinschaft im ganzen

ein STEREOTYP (bzw. PROTOTYP bei einem engen sem. Zusammenhang zwischen einer

konventionell mit typischen Vertretern natürlicher Klassen assoziiert, z.B. das braune Fell eines Löwen anstatt eines weißen, das die Ausnahme bildet - Prototypen sind entweder die besten Repräsentanten einer Kategorie bzw. stellen den

Durchschnitt aus mehreren Merkmalsmengen dar (Es gibt

schaften, die für alle die ‘peripheren’ Individuen gemeinsam sind, es gibt nur eine ‘familiy

resemblance’ oder nur Ähnlichkeit mit dem Prototyp)

wenige, vielleicht keine, Eigen-

lexikalische Bedeutung (nach Lutzeier 1995, 128):

S’ sei eine natürliche Sprache; X eine Sprachgemeinschaft, die die Sprache S’ beherrscht; w’ ein Wort der Sprache S’.

a) Die Bedeutung von w’ in S’ ist eine Struktur (d.h. eine Kette von hierarchisch und anders- weitig, z.B. netzwerkartig, geordneten Merkmalen)

b) Die Bedeutung von w’ in S’ hat eine Struktur über von X als verbindlich angesehene Ste- reotypen. Diese Stereotypen sind die Teile der Struktur und die Beziehungen der Stereoty- pen ergeben sich aus für X relevanten Gesichtspunkten und entsprechend dem Wissens- stand von X.

m.a.W.:

Die Bedeutung eines Wortes w einer bestimmten Sprache S hat eine Struktur von Stereoty- pen, die für einen Sprecher X als relevant angesehen werden. Diese Stereotypen sind Teile von Merkmalen der Gesamtstruktur und die Beziehungen der Stereotypen ergeben sich aus Gesichtspunkten, die in einer bestimmten Situation für den Sprecher X wesentlich sind und sich aus seinem Wissensstand ergeben.

4. Seminar:

Sog. kulturelle Schlüsselkonzepte

– müssten Sie ganz spontan kulturelle Schlüsselkonzepte für eine Kulturgemeinschaft nennen, ohne bereits definieren zu können, was sich hinter diesem Terminus verbirgt

welche würden Sie für das Deutsche, Russische usw. nennen?

– Aufzählung einiger Konzepte

Kulturelle Schlüsselkonzepte (KS)

i. KS haben eine lange kulturelle Tradition. Sie sind im öffentlichen Bewusstsein stark verankert und daher veränderungsresistenter als andere Konzepte,

ii. KS haben Konzepte als mentale Organisationseinheiten individueller und interpersona- ler (kollektiver) Natur zur Grundlage,

iii. KS sind sog. „Ideologien/Mentalitäten“, d.h. besonders tief verwurzelte Bestandteile kultureller Austauschprozesse,

iv. KS werden im Diskurs ausgehandelt und sind daher prinzipiell nicht statisch. (Hoff- mann 2004: 59)

– würde sich die Existenz solcher „Schlüsselkonzepte bzw. -begriffe“ bestätigen, hätte man

nicht zuletzt auch über die jeweilige Sprache, die ja laut dieser Konzeption als Spiegel der

Kultur auftritt, einen direkten Zugang zur Welt der „Anderen“

– das klingt verlockend, denn es heißt nicht anderes, als dass wir ein System und das Funktio- nieren einer Sprache lernen müssten, um sich in der Welt der „Anderen“ zurechtfinden zu können

Funktioniert das wirklich so?

– dabei wollen wir zunächst die Widersprüche zwischen der Punkte i-iv, also zwischen einer „langen Tradition“ und einer dem Diskurs geschuldeten (Bedeutungs-)Dynamik vernachlässi- gen

– wir lassen auch unberücksichtigt, dass historisches Wissen, wenn es denn überhaupt bei den Kulturträgern vorhanden ist, nicht unverändert oder unfiltriert über Generationen hinweg transportiert wird und deshalb nicht ohne Weiteres das Wesen von Schlüsselkonzepten aus- machen kann

– das beiseitegelassen, wären unter kulturellen Schlüsselkonzepten:

„entsprechende Sachverhalte widerspiegelnde kognitive Entitäten zu verstehen, die bei der Mehrheit der Kulturträger mit einem größtmöglichen Kontinuum an Merkmalen präsent sind und damit über eine hohe kulturelle Bedeutsamkeit verfügen. Die kulturelle Bedeutsamkeit steht in einem proportionalen Verhältnis zum Grad der Verwurzelung des Kontinuums in der Gemeinschaft, d.h. je länger es existiert bzw./und je stärker es propagiert wird, desto höher ist die Bedeutsamkeit.“

Exkurs: Das sog. Schlüsselkonzept KAČESTVO ‚Qualität‘

– ich glaube, wir können davon ausgehen, dass alle europäischen Sprachen über ein Wort mit der Bedeutung ‚Qualität‘ verfügen

– Es ist auch anzunehmen, dass dieses Wort und das mit ihm versprachlichte Begriffskonti-

nuum eine kulturelle Schlüsselstellung einnehmen, wenn sein Gebrauch in allen gesellschaft- lichen Bereichen durchschnittlich hoch frequentiert ist

– dann beginen aber schon die Probleme, denn

Wird das Wort kaum gebraucht, heißt das allerdings nicht, dass der entsprechende oder ein leicht modifizierter Begriff nicht kommuniziert wird, da es viele Wege der Umschreibung oder „indirekten“ Bezeichnung geben kann, denkt man nur an den Bereich der Tropen oder der Phraseologie

KAČESTVO

– das russische Wort kačestvo wird in der Bedeutung ‚Güte‘ in erster Linie im Medien- und Wirtschaftsdiskurs verwendet

– das verwundert nicht, da es sich um ein Abstraktum mit spezifischen Bedeutungsmerkma-

len, d.h. um eine Art terminus technicus, handelt

– Sein seltener Gebrauch bzw. Nichtvorkommen in anderen Diskursen bzw. in Texten aus der

Periode 1960-1989 bedeutet keinesfalls, dass der Begriff nicht thematisiert wurde – im Ge- genteil,

es erfolgte nur entweder auf andere, d.h. „alltägliche“, oder subtilere Art und Weise.

– Es verwundert nicht, dass russische belletristische Texte kaum das entsprechende Wort

aufweisen bzw. nur unterdurchschnittlich auf die Thematik ‚Qualität‘ eingehen

– Dieses Ergebnis ist durchaus textsortenbedingt und es dürften diesbezüglich nur geringe

Unterschiede zwischen den einzelnen Sprach(gemeinschaft)en bestehen

– Aus kulturologischer Sicht spielt außerdem eine Rolle, dass das Thema „Qualität“ zu sowje-

tischen Zeiten vor der Perestrojka im öffentlichen Diskurs ob der vielen Probleme, die einer Qualitätserreichung im Wege standen, eher vermieden wurde

und zwar auf konkrete Beispiele bezogen, nicht dagegen im Rahmen von Ideologismen im

politischen Diskurs

– In Wirklichkeit war die „Jagd“ nach qualitativ hohen und damit defizitären Waren alltags-

bestimmend und deshalb auch bevorzugtes Thema im privaten Diskurs

– Die Zensur tat jedoch ihr Möglichstes, um diese „unerwünschte Realität“ nicht schriftlich fixieren zu lassen

An dieser Stelle muss man sich bewusst machen, dass Wortbedeutung und Begriff in kei- nem 1:1-Verhältnis stehen, sondern auf ganz vielfältige Weise aufeinander bezogen sein können.

– Zum Zwecke der Bedeutungsfindung für eine sprachliche Einheit hat sich die Methode be- währt, usualisierte Kollokationen, die sie enthalten, zu analysieren

– Für die Bestimmung der Begriffsstruktur reicht dieses Vorgehen allerdings nicht aus, son- dern es bedarf einiger Erwägungen mehr

– Selbst wenn man im inner- und zwischensprachlichen Bereich von derselben Bedeutung des

Wortes ‚Qualität‘ ausgeht, in dem Fall also von ‚Güte‘, wird damit noch lange nicht ein und

dieselbe Assoziation, sprich: ein und dieselbe Begriffsstruktur, aufgerufen

– Das Wort ‚Qualität‘ bezeichnet etwas Abstraktes, wovon man isoliert nur eine sehr vage

bzw. keine Vorstellung haben kann.

– Die ersten Assoziationen gehen in die Richtung ‚positiv‘, ‚unabdingbar, notwendig‘, ‚wün-

schenswert‘ usw.,

die erst durch die Einbeziehung einer individuell prototypischen Bezugsgröße in die Beg- riffsstruktur eine „konkrete Gestalt“ annehmen, wenn gedanklich oder kommunikativ keine solche bereits vorgegeben ist

– Die Akzeptanz dieser These führt zu weitreichenden Konsequenzen, da in dem Sinne die

Vorstellung von ‚Qualität‘ wiederum von der individuellen bzw. stereotypischen Vorstellung

der Bezugsgröße abhängt und man sich damit gewissermaßen in eine „Spirale ohne bzw. mit ungewissem Ende“ begibt

– Nur so ist zu verstehen, dass Person X unter der Qualität z.B. einer bestimmten Arbeit etwas ganz anderes verstehen kann als Person Y, wobei uninteressant ist, welche Sprache(n) diese Personen sprechen

– Auf die Übersetzbarkeit der entsprechenden Worte bzw. auf die mit ihnen gebildeten kli- scheehaften Kollokationen hat das Gesagte keinen Einfluss,

d.h. für Kollokationen des Typs ‚eine hohe Qualität‘ (russ.: vysokoe kačestvo), ‚die Quali-

tät sinkt‘ (russ.: kačestvo padaet), ‚die Qualität erhöhen‘ (russ.: povysit‘ kačestvo) usw. lassen sich in beinahe allen Sprachen „wortwörtliche“ Übersetzungsäquivalente finden.

– Eine ganz andere Sache ist die, ob jeder dasselbe darunter „versteht“, vor allem dann, wenn ,Bezugsgrößen hinzugefügt werden, vgl.:

‚eine hohe Produktqualität‘ (russ.: vysokoe kačestvo produktov), ‚die Qualität des Unterrichts sinkt‘ (russ.: kačestvo obučenija padaet), ‚die Qualität der Arbeit erhöhen‘ (russ.: povysit‘ kačestvo raboty)

– Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, was für eine Diskussion der Inhalt dieser Kollokati- onen auszulösen vermag, was nicht möglich wäre, wenn sie bei jedem dieselben Assoziatio- nen auslösen bzw. dasselbe „bedeuten“ würden

– den prototypischen Bedeutungsgehalt und die kulturelle Bedeutsamkeit des Wortes/ Begrif-

fes ‚Qualität‘ in einer Sprach- bzw. Kulturgemeinschaft festzustellen, ist theoretisch zwar nicht vollkommen auszuschließen, aber praktisch kaum umsetzbar

– das Wörterbuch, die Wortzählung in Texten oder das Durchführen vereinzelter Umfragen istbei weitem nicht ausreichend, um Schlüsselkonzepte zu ermitteln

– Die kulturelle „Bedeutsamkeit“ von bestimmten „Nennungen“ wurde von Kollegen zwar

durch Umfragen zu ermitteln versucht, ohne jedoch deren Bedeutungs- bzw. Begriffsstruktur

zu hinterfragen

– damit bleibt man sozusagen an der „Oberfläche“, an der Worthülle, stecken, ohne tatsäch- lich zum Inhalt vorzudringen

– auf diese Weise kann es passieren, dass Äpfel mit Birnen miteinander verglichen werden,

keinesfalls aber kultur- bzw. sprachrelevante Sachverhalte

– Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Existenz von Schlüsselbegriffen oder -

konzepten, d.h. von in der Gemeinschaft mehrheitlich geteilten übereinstimmenden Vorstel- lungen in Bezug auf einen Begriffskomplex in seiner ganzen Entfaltung, nur wenig wahr- scheinlich ist bzw. nur die Ausnahme sein kann

Stereotyp

– auch wenn man über Stereotype sprechen will, ist der Bezug zur Zeichenfunktion von Kul- tur und Sprache immer präsent

„Wir wissen alle, daß wir einzigartig sind, doch wir neigen dazu, andere als Repräsentanten von Gruppen zu betrachten. Das ist eine natürliche Tendenz, weil wir die Welt in vorgegebe- nen Bildern [Kategorien] sehen müssen, um ihr Sinn zu geben; wir wären [sonst] nicht in der “

Lage, mit dem täglichen Ansturm von Menschen und Dingen umzugehen

(Tannen 1991:

14)

Что такое национальный характер? Существует ли он вообще? [Was ist das:

Nationalcharakter? Gibt es einen solchen überhaupt?] (Тер-Минасова 2000: 136)

– Diskussion

Stereotyp: ist ein schematisches bzw. standardisiertes emotionales festes Bild oder eine Vor- stellung von [Menschen(gruppen)], soziale(n) Erscheinung(en) oder einem Objekt. (zit. nach Тер-Минасова 2000: 138)

Stereotype existieren sowohl in Bezug auf die „eigene“ Gruppe (Autostereotype) als natür- lich auch in Bezug auf „fremde“ Gruppen

Wo ist evtl. doch ein Unterschied festzustellen?

Kulturstandard

vs.

Stereotyp

basiert auf der Vereinfachung komplexer Interaktionsituationen und sind damit auch

STEREOTYPE

Interaktionsituationen und sind damit auch STEREOTYPE durch gezielte Reduktion auf das Typische sind individuelle

durch gezielte Reduktion auf das Typische

sind individuelle Wissensstrukturen, die generalisieren, selektieren, kontrastieren, u. zw. Unseres Fremdes

wirken als sind bezeichnen benennen bestimmen definieren

 

Maßstäbe

>

Gradmesser

Bezugssysteme

Orientierungsmerkmale

dienen als werden aufgefasst als

bestimmen das sind Kennzeichen des

Denken(s)

Handeln(s)

 

Wahrnehmen(s)

Verhalten(s)

– Kulturstandards sollten das Ergebnis empirischer, wissenschaftlicher Untersuchungen sein;

als Resultat von Reflexion und Analyse [ (Heringer 2007: 196)

]

über ein Stereotyp hinausgehen

Сердечность, эмоциональность как черты русского национального характера, естественно, ведут к повышенной совестливости [Herzlichkeit und Emotionalität als

Züge des russischen Nationalcharakters führen natürlich zu einem erhöhten Grad des Gewis-

sen

Русскому национальному характеру свойственны повышенный интерес, любопытство и доброжелательство к иностранцам и иностранному образу жизни, культуре, видению мира.“ [Dem russischen Nationalcharakter sind ein erhöhtes Interesse, Neugier und Wohlwol- len gegenüber Ausländern und dem ausländischen Lebensstil, der Kultur und der Weltsicht eigen.] (Тер-Минасовa 2000: 184)

] (Ильин zit. nach Тер-Минасовa 2000: 170)

nach Meinung von Parygin „не вызывает сомнения факт существования психологических особенностей у различных социальных групп, слоёв и классов общества, а также наций и народов.“ (zit. nach Тер-Минасова 2000: 136)

Teilen Sie diese Meinung?

– Diskussion (unter Einbeziehung der folgenden Passage):

из эссе Тер-Минасовы «о типично русском человеке» (2000: 138):

Когда требуется описать национальный тип, сталкиваешься с бесконечными сложностями. Я вспомнила десятки (или сотни?) своих русских знакомых, но, как оказалось, ни одному из них я не могу присвоить почётный титул самого типичного русского человека. Сразу возникает вопрос о более типичномили менее типичном‘. Некоторые наиболее типичные люди не были чисто русскими. Некоторые чистокровные русские были не совсем типичными. Вот почему мне пришлось

отказаться от мысли описать русского, который мог бы послужить образцом.“ [Wenn man einen nationalen Typ beschreiben soll, stößt man auf unzählige Probleme. Ich denke an Dutzende (oder Hunderte) meiner russischen Bekannten, aber – wie gesagt – nicht einem von ihnen kann ich den ehrenvollen Titel eines typischen russischen Menschen verleihen. Sofort taucht die Frage nach dem „typischeren“ bzw. „weniger typischen“ auf. Einige der typischs- ten waren keine reine Russen. Andere Vollblut-Russen waren nicht ganz typisch. Deshalb musste ich mich von dem Gedanken verabschieden, einen Russen zu beschreiben, der als Vorbild dienen könnte.]

5. Seminar:

Sprachspezifischer Lexikgebrauch

sprachliches Zeichen

– innersprachlich sind Zeichenketten, deren Gesamtbedeutung nicht aus der Summe der Ein-

zelbedeutung der einzelnen Glieder ableitbar ist, Objekt der Pragmatik

– die Frage ist, ob das gleiche Resultat auf zwischensprachlicher Ebene einer Art „interkultu- rellen Pragmatik“ zuzuschreiben ist, vgl.: die Übersetzung von

deut. graue Haare: седина , серые волосы (vs. серый) oder:

deut. starker Tee: крепкий чай (vs. сильный)

– innersprachlich handelt es sich hier um die „normale“ semantische Verbindbarkeit der Le- xeme, die man beim Erstspracherwerb automatisch mitlernt

– Sprechern nur einer Sprache fällt es schwer zu akzeptieren, dass das nicht der Normalfall ist und versuchen, bei ihren ersten Schritten in eine andere Sprache, diese Kollokationen 1:1 auf die Fremdsprache zu übertragen

– im Vergleich mit anderen Sprachen zeigen die obigen Beispiele jedoch, dass die Wörter

jeder Sprache eine unterschiedliche Verbindbarkeit aufweisen daraus folgt, dass eine hypothetisch angenommene Grundfläche von Begriffen, die Men- schen mit einer ähnlichen Erfahrungswelt über Sprachgrenzen hinaus miteinander teilen kön- nen, durch ganz unterschiedliche Wort-Schablonen, die auf diese Fläche aufgelegt werden, sprachlich verschieden wiedergegeben werden

– gute zweisprachige Wörterbücher müssen vor allem Beispiele aufnehmen, die sich in ihrer Verbindbarkeit bei der Wiedergabe ganz alltäglicher Gedanken unterscheiden

– gibt es abweichende Kollokationen auch nicht auf den ersten Blick, dann sind die Unter- schiede dennoch an irgendeinem Punkt vorhanden

– vgl. dazu einen authentischen Beleg mit dem Wortgebrauch нормально:

In welcher Bedeutung wird 'normal' hier verwendet? Kennen Sie noch andere Bedeutun- gen?

Hörbeleg aus (Yakovleva 2004: 388) Situation: A besucht ihre russische Freundin B, die mit ihrem Ehemann in eine neue Woh- nung gezogen ist:

A: ну ну как вы тут живёте чё ещё делаете? B: да хорошо чё A: нормально живёте (УЛЫБАЕТСЯ) B: всё что надо для жизни мы всё имеем

– eine solche Wortverwendung hat ihren Grund in der besonderen Wort-Begriff-Beziehung in jeder Sprache

– die Verwendung von нормально für den Begriff ‚gut‘ decken die Vorgänge auf, die dem

vorangegangen sein muss: eine metaphorische Assoziationsbeziehung der Art ‚was gut ist, ist

als Norm zu werten‘, zu deren Versprachlichung ein und dasselbe Wort genutzt wird (sprach- liche Effektivität)

– solche Assoziationen sind zunächst individuell, können sich aber vergesellschaften und im besonderen Fall auch Sprachgrenzen überschreiten

– rein kognitiv, aber auch semantisch gesehen, spräche nichts dagegen, die obige Gesprächs-

sequenz wortwörtlich in andere Sprachen zu übersetzen – das Verständnis wäre nicht gestört

– allerdings würde man in dem Fall gegen den Usus, d.h. gegen die gewohnte Ausdruckswei- se verstoßen

– der hier vorliegende kognitive Prozess, der sprachunabhängig verläuft, erklärt, warum sol- che erstmaligen Wortverwendungen allgemein, d.h. von Mutter- aber auch Nichtmutter- sprachlern, bei einer entsprechenden kontextuellen Einbettung verstanden werden (können) wenn nicht prinzipielle kulturelle Erfahrungen dieses Resultat verhindern

– wenn es um Verhandlungen geht, dann spielt der Zeitfaktor bei Absprachen eine wesentli- che Rolle

– jede Sprache verfügt bekanntlich über eine riesige Palette von Ausdrücken, um sich über zeitliche Vorstellungen zu äußern

– wenn dabei nicht exakt mit Datum und Uhrzeit vorgegangen wird, kann das zu einigen

Missverständnissen darüber führen, was für eine zeitliche „Dimension“ denn nun tatsächlich

mit dem einen oder anderen Adverbial gemeint ist

– Ordnen

скоро, в ближайшее время, посмотрим не медленно, сразу же, тогда, совсем скоро, скоро, чуть попозже, тут же, сразу, сейчас же, как-нибудь, в ближайшие дни

,

Немедленно ‚unverzüglich‘

1,6

Сейчас же ‚sofort‘

2,4

Тут же ‚auf der Stelle‘

3

Сразу же ‚sogleich‘

3,4

Сейчас/срочно ‚sofort/dringend‘

3,8

Сразу ‚sogleich‘

4,3

Скоро ‚bald‘

7,3

Совсем скоро ‚recht bald‘

7,4

В

ближайшие дни ‚in den nächsten Tagen‘ 8,3

Чуть попозже ‚etwas später‘

8,5

В

ближайшее время ‚in der nächsten Zeit‘ 8,6

(Kappler et al. 1992: 100)

Как-нибудь ‚irgendwann‘, тогда ‚dann‘,

посмотрим

‚wir werden sehen‘

???

hier fehlt jede Verbindlichkeit; im Gegenteil: es kommt eher der Unwille zum Ausdruck, das Gesagte zu realisieren

– eine Umfrage zu den Zeitwerten dieser Adverbiale ist natürlich keineswegs objektiv

– das individuelle Empfinden kann dabei immer abweichen

– Adverbien dieser Art sind immer relativ; die mit ihnen in Verbindung gebrachte konkrete

zeitliche Dimension hängt von Ereignis ab (Servieren von Tee vs. Lieferfristen)

– außerdem ist nicht auszuschließen, dass der Gesprächspartner vorgibt, die «Genauigkeits–

maxime» einzuhalten, dem aber keine Taten folgen lässt oder nicht beabsichtigt, dem Taten folgen zu lassen, deshalb folgender Rat:

Ist es äußerst wichtig, einen Zeitpunkt nicht zu überschreiten, immer auf konkrete Daten insistieren, aber so, dass noch eine „Pufferzone“ für Sie bleibt!

Farbbezeichnungen sind, wie wir schon gesehen haben, ein Bereich in der Lexik, der so gut wie kein anderer die Kulturspezifik widerspiegelt

– Anna Wierzbicka hat sich sehr ausführlich dieser Problematik in bezug auf die verschie- densten Kulturen gewidmet und konnte feststellen, dass

Farbbezeichnungen nicht universell sind

Es aber in jeder Sprache ein Wort für ‚schwarz‘ und ‚weiß‘ gibt, das u.U. mit den Begrif- fen ‚dunkel‘ und ‚hell‘ interagiert (Вежбицкая 1996: 231ff)

– in diesem Bereich ist außerdem die Bezeichnung der Kombination von verschiedenen Beg-

riffen (eines Begriffkomplexes) durch ein spezifisches Wort gut nachvollziehbar

– dabei ist es schwierig zu entscheiden, ob es sich um feste Begriff(skomplex)e handelt, die bezeichnet werden, oder um die Verbindung von autonomen Begriffen

– die folgende Aufstellung zeigt nur die „Farbsammlung“ des russisch-deutschen Teils aus Daum/Schenk, vgl.:

gelb

blau

braun

rot

schwarz

жёлтый

голубой

коричневый

красный

чёрный

‚himmelblau‘

палевый

синий

бурый

алый

бурый

‚strohgelb‘

‚dunkelblau‘

‚graubraun‘,

‚purpurrot‘,

‚graubraun‘,

‚schwarzbraun‘

‚blutrot‘

‚schwarzbraun‘

янтарный

бирюзовый

гнедой

гнедой

вороной

‚bernsteingelb‘

‚türkisblau‘

‚rotbraun‘ Pfer-

‚rotbraun‘ Pfer-

‚schwarz‘ Pfer-

defarbe

defarbe

defarbe

золотистый,

кубовый

каракоый

багровый

каракоый

золотой

‚indigoblau‘

‚dunkelbraun‘,

‚glutrot‘, ‚blut-

‚dunkelbraun‘,

‚goldgelb‘

‚schwarzbraun‘

rot‘

‚schwarzbraun‘

Pferdefarbe

Pferdefarbe

лимонный

лазоревый

каштановый

бордо,

 

‚zitronengelb‘

‚lasurblau‘

‚kastanienbraun’

бордовый

‚bordeauxrot‘,

‚weinrot‘

 

сивый

каурый

карминный

сивый

‚blaugrau‘

‚hellkastanien-

‚karminrot‘

‚blaugrau‘

(‚aschgrau‘,

braun’Pferde

(‚aschgrau‘,

‚grauschwarz‘)

‚grauschwarz‘)

Pferdefarbe

Pferdefarbe

 

сизый

карий

кровавый

 

‚graublau‘, ‚tau-

‚kastanien-

‚blutrot‘

benblau‘

braun’Pferde,

Augen

 

стальной

муругий

муругий

муругий

‚stahlblau‘,

‚rotbraun‘,

‚rotbraun‘,

‚rotbraun‘,

‚stahlgrau‘

‚schwarzbraun‘

‚schwarzbraun‘

‚schwarzbraun‘

Fell

Fell

Fell

 

электирик

мухортый ‚braun mit gel- ben Flecken’ Pferdefell

огненный

смолистый,

‚taubenblau‘

‚flammend rot‘

смоляной

‚glänzend

schwarz‘ Haare

   

порыжелый

пламенный

 

‚rötlich-braun‘

‚glutrot‘

durch Ausblei-

chen

русый

пунцовый

‚hellbraun‘,

‚grellrot‘

‚dunkelblond‘

Haare

 

рыжеватый

‚rotblond‘

рыжий

рыжий ‚rötlich-braun‘ Haare, ‚fuchsrot‘ Pferdefell

‚rötlich-braun‘

Haare

саврасый ‚hellbraun mit schwarzer Mähne u. schwarzem Schweif’ Pferd

пурпурный,

пурпуровый

‚purpurrot‘

смуглый

рдяный

‚braungebrannt‘

‚purpurrot‘ poe-

tisch

шоколадный

розовый

‚dunkelbraun‘,

‚rosarot‘

‚schokoladenfar-

ben‘

 

рубиновый

‚rubinrot‘

 

румяный

‚rotwangig‘

Mensch, ‚rot‘

Apfel

 

свекольный

'rotlila'

 

червонный

‚hochrot‘, ‚hell-

rot‘ veralt

die zahlreichen Nuancierungen von Farben, die mit dem Aussehen des Pferdes im Zusam-

menhang stehen, was mit der herausragenden Rolle dieses Tieres in der russischen Geschichte zu tun haben muss

die einzigartigen Bezeichnungen eines ganzen Farbspektrums mit einem Wort, z.B.:

сивый ‚blaugrau‘ (‚aschgrau‘, ‚grauschwarz‘) Pferdefarbe, муругий ‚rotbraun‘, ‚schwarz- braun‘ Fell

ebenso die einzigartigen Bezeichnungen der Farben von verschiedenen Bezugsobjekten

(eines Pferdes) mit einem Wort, z.B.: мухортый ‚braun mit gelben Flecken’ Pferdefell, саврасый ‚hellbraun mit schwarzer Mähne u. schwarzem Schweif’ Pferd

die Bezeichnung von unterschiedlichen Objekten mit einer vergleichbaren Farbnuance,

z.B.: карий ‚kastanienbraun’ Pferde, Augen, румяный ‚rotwangig‘ Mensch, ‚rot‘ Apfel

– andere Besonderheiten weisen Wörter wie пошлый, храмить auf, die immer wieder als Beispiele herangezogen werden, wenn es um die Kulturspezifik bzw. „Unübersetzbarkeit“ geht (Вежбицкая 2001: 15ff)

– in der Tat wird es schwierig, ein entsprechendes Wort in anderen Sprachen zu finden, die

genau das „prototypische Verhalten (???)“ bezeichnet, das sich hinter dem russischen Wort verbirgt

– wenn man aber verstanden hat, was «genau» sich dahinter verbirgt, kann man es zumindest umschreiben

Soziale bzw. konnotative Komponente der Lexik

– im interkulturellen Vergleich in Bezug auf das Russische ist zu beachten, dass die sog. Stil- ebenen ganz anders definiert sind

– das trifft in erster Linie auf die sog. Umgangssprache bzw. (saloppe bzw. niedere) Um-

gangssprache zu, im Russischen Prostrečie genannt, die ganz anders motiviert ist als das, was

im Deutschen damit gemeint ist

– Yakovleva sagt dazu: „Für russische Sprecher (aber eben nicht nur!) scheint das deutsche

Alltagsgespräch oft einen offiziellen Charakter zu haben. Dieser Eindruck kommt dadurch zustande, daß die deutschen Interaktanten, die meist miteinander vertraut sind, häufig den Wortschatz der Hochsprache verwenden.“ (Yakovleva 2004: 316)

– hier spielen sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Seite eine Rolle

– auf der qualitativen Seite wirkt sich aus, dass das Deutsche z.B. keine Mutterflüche kennt

– auf der quantitativen wirkt sich aus, dass die Slavinen in fast allen Bereichen (Phonetik,

Lexik, Syntax) sich diesbezüglich gegenüberstehende Dubletten besitzen, vgl.: den umg. Ge-

brauch von у меня: она у меня

neben der standardsprachlichen Bedeutung ‚ich habe/besitze‘ oder ‚bei mir ist‘ hat das

Russische zwei Bedeutungen ausgebildet, die nur in der Umgspr. verwendet werden dürfen:

(жена)

1. Ersatz für das Possessivpronomen мой, vor allem dann, wenn dieses aus syntaktischen

Gründen nicht gebraucht werden darf, z.B. in Verbindung mit Personalpronomen, s.o.:

она у меня

diese Konstruktion klingt weniger „besitzergreifend“, vgl. das deutsche meine Frau, und hat auch noch eine emotive Funktion, d.h. den Ausdruck der besonderen Zuneigung zu der

entsprechenden Person vonseiten des Sprechers

2. rein emotive Funktion, vgl. mit dem dativus etheticus, vgl. im Deutschen die Verwendung

von mir

– im privaten Bereich greift man traditionell auf diese „Ebene“ zurück (hier machen auch

Intellektuelle keine Ausnahme, wenn auch einige diesen Stil verabscheuen und ausdrücklich vermeiden)

– der Eindruck bei Yakovleva kommt aber auch daher, weil die Slawinen z.T. sehr hohe Hür-

den in Bezug auf die Standardsprache ziehen, während es im Deutschen einen viel breiteren

Toleranzbereich gibt

– hinter dieser Thematik verbirgt sich eine ganze Reihe von Problemen, die hier nicht aus- führlich besprochen werden können, das wäre ein separater LV-Zyklus

– eine soziale Komponente hat auch der Fakt der sprachlichen Widerspiegelung von gesell- schaftlichen Veränderungen, die interkulturell gesehen zu Verwirrungen führen können

– nehmen wir das Problem der Anrede im Russischen, was für Deutsche immer ein Problem dargestellt hat

– zu Sowjetzeiten konnte man nichts falsch machen, wenn man jemanden mit товарищ ange-

sprochen hat, da war man immer auf der richtigen Seite

– in den 90ern benutzen aber weniger als ein Viertel der Moskauer noch diese Anrede, vgl. die Ergebnisse einer Umfrage von Minaeva von 1998 (zit. nach Тер-Минасова 2000: 104):

22% – товарищ 21% – гражданин 19% – женщина

17% – сударь/сударыня 10% – господин/госпожа

– aus der deutschen Sicht ist wichtig zu verstehen, dass das von uns bevorzugte господин/

госпожа ganz weit unten in der Akzeptanz steht und sogar negativ konnotiert ist, weil es

1. entweder nur in Bezug auf Neureiche

2. oder Ausländer

benutzt wird

– hier entsteht natürlich ein echtes Übersetzungsprblem, denn die wörtiche Übersetzung der ersten vier Anredeformen wirkt auf Deutsche befremdlich

– ebenfalls eine soziale Komponente hat die russische Wortbildung

– diese muss vor interkulturellem Hintergrund besonders beleuchtet werden, weil ihre Rolle

im Vergleich zu den vor allem nicht-slawischen Sprachen viel größer, d.h. vielfältiger, ist

Was meinen Sie soll mit diesen Namenvariationen zum Ausdruck gebracht werden?

Юрочка

zärtlich

Юрик

deminutiv

+ Машенька, Машутка, Машечка, Машуня, Машунечка Юрка Юрище Юрашка Юришка (Вежбицкая 1996: 108)

salopp-abwertend (vulgär??) ‚mobbing‘, verächtlich geringschätzig abfällig, demütigend

– die Grenzbereiche im positiven sowie negativen Bereich sind natürlich nicht eindeutig von- einander abzugrenzen

– Fakt ist jedoch, dass mit solchen Formen meist nichts Denotatives, sondern etwas „Emotio- nales“ übermittelt wird

das trifft in erster Linie auf Eigennamen mit Ausnahme evtl. von Юрик und Юрочка zu,

während bei Gegenständen das Suffix -ищ- vor allem die Großheit (Augmentiva) wiedergibt

– im Bereich der Eigennamen stehen auch in anderen Sprachen entsprechende Suffixe zur

Verfügung, allerdings nur um positive Empfindungen zu vermitteln, vgl. engl.: -ie oder deut.:

-i, -lein, -chen

– die Suffixe –lein und –chen sind im Deutschen auch im Gegenstandsbereich gebräuchlich,

um die 'Kleinheit' auszudrücken; die emotive Komponente kommt dabei aber äußerst selten zum Tragen (im Gegensatz zum Russischen), vgl.:

дом: до мик, до мичек, доми шечка, до мичек, домо к, до мушка, доми шка Haus: Häuschen, Häuslein ???

– besonders häufig ist diese Art von Wortverwendung von seiten älterer Leute, und zwar Kin- dern gegenüber, um dem Gesagten eine zärtliche Nuance zu geben

– Erwachsenen gegenüber wird Achtung, Takt und eine gute Beziehung vermittelt (Тер-

Минасова 2000: 154), d.h. es wird gewissermaßen vorab um „gut Wetter“ gebeten

– es kann aber auch um ganz andere Absichten gehen, wenn z.B. ein Patient vom госпиталек

spricht, in das er eingewiesen wurde, dann will er dem Hörer die Angst nehmen, oder wenn Verkäufer die Deminutivformen verwenden, dann wollen sie ihre Waren anpreisen usw.

– völlig auszuschließen in nicht-slawischen Sprachen sind entsprechende Bildungen im Ad- jektivbereich wie миленький im Nichtslawischen

die Anwendung ist hier sogar auf weibliche Personen üblich: мой миленький

6. Seminar:

Idiomatischer Sprachgebrauch; auf dem Weg zur Phraseologie

– vor dem interkulturellen Hintergrund wurde schon mehrmals thematisiert, dass einzelne

Lexeme oder ganze Zeichenketten nicht das bedeuten, was sie für den Nicht-Muttersprachler zu bedeuten scheinen

– diesem Problem wollen wir uns im Folgenden verstärkt zuwenden

1. Hörbeleg aus (Yakovleva 2004: 326f)

Situation: Eine Russin A ruft die Mutter B ihrer deutschen Freundin C an, die in N studiert und manchmal am Wochenende nach hause D fährt:

A: ist C morgen zu hause? B: ich weiß nicht (MIT DER INTONATION DES ERSTAUNENS) A: ja + aber wird sie in D sein? B: ja A: na dann sagen sie ihr bitte daß ich sie morgen anrufe B: gut

Interpretation: Missverständnis durch den unterschiedlichen deiktischen Bezug:

für A: zu Hause (дома) Ort D für B: zu Hause konkreter Wohnort: sie weiß nicht, ob ihre Tochter den ganzen Tag zu Hause bleibt oder irgendwohin ausgeht

– für Russen allgemein: zu Hause (дома) Land, Stadt, ELTERNHAUS, Wohnung

– für den Deutschen trifft aber m.E. auch zu: Land, Stadt + konkrete Wohnung, aber nicht

ELTERNHAUS, wenn man da (schon länger) nicht mehr wohnt

hier werden also andere Prioritäten gesetzt, obwohl der bedeutungsumfang der jeweiligen Wörter übereinstimmt

– die Unverständlichkeit der nächsten Äußerung mit zu Hause (дома) für Russen hat ganz andere Ursachen:

Unsere Kinder waren schon aus dem Hause, als Ü1: Наши дети жили уже отдельно от нас, когда Ü2: Наши дети жили уже не с нами, когда

aus dem Hause sein ist hier phraseologisch gemeint im Sinne 'aus dem Elternhaus ausge-

zogen sein' – die auch mögliche wörtliche Lesart wird aufgrund der vorliegenden Situation nicht favori-

siert

(Yakovleva 2004: 327)

ganz vergleichbar mit dem letzten Beleg ist folgender:

2.

Hörbeleg aus (Yakovleva 2004: 327)

1A: is die Mutter schon draußen? B: nein + noch nicht 2A: wann kommt sie denn aus dem krankenhaus 'raus?

Ü1 – 1A: Мама уже дома? Ü2 – 1A: Маму уже выписали?

draußen sein ist hier phraseologisch gemeint im Sinne 'sich nicht in einem (bestimmten) Raum aufenthalten'

– die auch mögliche wörtliche Lesart wird aufgrund der vorliegenden Situation nicht favori- siert; der Sprecher stützt sich auf das mit dem Hörer gemeinsame Wissen, dass sich eine Per- son X zurzeit nicht zu hause aufhält

– dabei kommen aber nur bestimmte Situationen wie Krankenhaus- oder Gefängnisaufenthalt infrage

– mit Erscheinungen des „uneigentlichen“ Sprachgebrauchs wollen wir uns im Folgenden intensiver beschäftigen

– dabei werden die Adjektive „metaphorisch“ (eigentlich unzulässig unifizierend) in Bezug auf Einworttropen und „phraseologisch“ auf Mehrwortkomplexe gebraucht

– im Band 6 des „Forums Translationswissenschaft“ hat sich Zybatow in einem Artikel

(2006: 312) mit einer immer wiederkehrenden und Linguisten sehr umtreibenden Frage be- schäftigt, die da lautet:

„Sind Metaphern universell oder kulturspezifisch?“

(mit Metaphern ist hier der gesamte Tropenbereich gemeint)

– wie wir ahnen können, führt auch diese Frage wieder zum Kernproblem der Linguistik, zum Zeichen-Bedeutung-Begriff-Verhältnis

– welchen Argumentationsstrang folgt aber nun Zybatow?

– zu ihrer kognitiven Leistung ist zu sagen, dass sie:

„abstrakte, kognitiv schwer fassbare, komplexe Phänomene über konkrete, sinnlich erfahrba- re, vertraute metaphorische Quellbereiche ‚verstehbar‘ bzw. interpretierbar machen.“ (Zyba- tow 2006, 6: 312)

universell ist dabei: „dass sie offensichtlich grundlegende Modelle und Szenarien für Sicht-

und Verhaltensweisen innerhalb [

]

zur Verfügung stellen.“ (ebenda)

kulturspezifisch ist dabei: „dass sie offensichtlich grundlegende Modelle und Szenarien für

Sicht- und Verhaltensweisen (in) [

fügt von mir] Sprach- und Kulturgemeinschaft(en) zur Verfügung stellen.“

da sich die Erfahrungs- und Vorstellungswelten, sprich: das Begriffssystem, der Menschen auf diesem Erdball im Wesentlichen übereinstimmen dürften

]

[„prinzipiell jeder“ – hinzuge-

– Zybatow führt weiter aus, „dass es dabei zu gleichen sprachlichen Ausdrücken kommen

muss, ist nicht notwendig, wenn man [

und der semantischen Struktur ausgeht.“ (2006, 6: 313)

– der Prozess der Metaphorisierung ist universell, die Verbalisierung ist einzelsprachlich (2006, 6: 314), was bedeutet

dass sich die einzelnen Sprachen in

Art und Weise sowie

Umfang der Verbalisierung

erheblich voneinander unterscheiden können, davon aber die prinzipielle Fähigkeit zur Meta-

phorisierung nicht in Frage zu stellen ist

– wenn also bestimmte Metaphernbereiche in einer Sprache gänzlich fehlen, kann das damit

zu tun haben, dass diese bestimmten „Tabus“ in der Kommunikation unterliegen, die Vorstel-

lungen in den Köpfen der jeweiligen Sprachträger aber wohl existieren (vgl. Zybatow 2006, 6: 315)

]

nicht von einer Gleichsetzung der konzeptuellen

– im folgenden Netzausschnitt metaphorischer Modelle der deutschen Alltagssprache mit ih-

ren Vernetzungen und Interdependenzen von Quell- und Zielbereichen gibt es viele Universa- lien und transkulturelle Übereinstimmungen, vgl.:

Viele weitere Quell- und Zielbereiche

Gefühle Raum Wasser Geld Rede Idee Zeit Gedanken Infor- mationen Krieg
Gefühle
Raum
Wasser
Geld
Rede
Idee
Zeit
Gedanken
Infor-
mationen
Krieg

(Liebert 1992, 110, zit. nach Zybatow 2006, 6: 318)

– in die transkulturellen Übereinstimmungen ist das Russische natürlich miteinbezogen, z.B.:

ARGUMENT is WAR‘: ins Schwarze treffen – попасть в точку/не в бровь, а в глаз – trafić w dziesiątkę??? – to hit the bull’s eye (Zybatow 2006, 6: 323) ‚TIME is MONEY‘: Zeit verschwenden – тратить время – spend time (ebenda)

– bei aller Universalität gibt es auch kulturspezifische Unterschiede in der (u.U. zusätzlichen) Interpretation bestimmter Bereiche, was auf bestimmte historisch gewachsene Vorstellungen verweist

– die Hervorhebung des historischen Aspekts ist hier besonders wichtig, da dieser zum ge- genwärtigen Zeitpunkt nicht mehr formativmotivierend sein muss, sondern:

Die Sprachträger zu den entsprechenden usualisierten Ausdrücken greifen, ohne deren Motivation zu reflektieren

Die entsprechenden Ausdrücke nur noch schwach usualisiert sind, d.h. von anderen „Bildbereichen“ bereits abgelöst wurden

– für einen kulturspezifischen Bereich steht die ‚Eiche‘ (Zybatow 2006, 6: 325):

 

‚Eiche‘

Deutsch

polnisch

 

bulgarisch

russisch

Eiche

dąb

 

дъб

дуб

Über einen standhaften und zuver- lässigen Menschen

 

За несъобрази

О нечутком,

телен, недодя

тупом человеке

 

лан човек;

дръвник, пън

7. Seminar:

Phraseologismen als kulturelle Texte?

Wierzbickas universal primitivs

Wdhg.:

Widerspiegelung kulturell relevanter Charakteristika der außersprachlichen Wirklichkeit in der Sprache und andererseits Widerspiegelung der Welt, bedingt durch die Muttersprache und der mit ihr im Zusammenhang stehenden Konzeptualisierung

„Die Sprachen sind sehr uneinheitlich in bezug auf die Art ihrer Lexik. Die Unterschiede, die uns unausweichlich erscheinen, können durch die Sprachen völlig ignoriert werden, die einen ganz anderen Typ von Kultur repräsentieren, und diese wiederum können ihrerseits Unter- schiede machen, die uns vollkommen unverständlich sind.“ (Sapir, zit. nach Вежбицкая 2001: 19)

„Wörter mit besonderen, kulturspezifischen Bedeutungen spiegeln nicht nur die für eine be- stimmte Gemeinschaft typische Lebensweise wider, sondern auch deren Denkweise.“ (Вежбицкая 2001: 19)

⇑⇓ „Wie wir in diesem Kapitel sehen werden, gibt es keine wissenschaftlichen Daten, die bele- gen, daß Sprachen die Denkweise der Träger ihrer Sprache entscheidend prägen.“ (nach Pinker „The language instinct“)

Anwendung auf Phraseologismen

(Телия, В.Т.: "Русская фразеология", М. 1996, S. 214ff, besonders S. 232-237)

Was ist Ihrer Meinung nach Kulturspezifisches an diesen Phraseologismen? Auf welcher Ebene soll das Kulturspezifische überhaupt verankert sein? трудиться в поте лица каждый должен нести свой крест ни копейки в кармане у кого-н. нет бить баклуши ехать в Тулу со своим самоваром женская логика девичья память у бабы волос долог, а ум короток

"эмотивность, или эмотивная коннотация, – это не только след эмоциональной реакции на образ, лежащий в основе значения, который сам по себе также вызывает психологическое напряжение, но ещё и результат интерпретации образного основания в категориальном пространстве установок культуры и её 'идеалов' " [Emotivität oder emotive Konnotation – das ist nicht nur die Spur einer emotionalen Reaktion auf das Bild, das der Bedeutung zugrunde liegt und für sich genommen bereits eine psychologische Spannung hervorruft, sondern auch das Resultat der Interpretation der bildlichen Grundlage im Rahmen der Festlegungen der Kultur und ihrer ‚Ideale‘] (Телия 1996: 232)

" это 'навязывание' языком культурно-национального самосознания впитывается

'вместе' с молоком матери, когда осваивается и потом воспроизводится сознательно и

бессознательно вся несомая единицами языка информация " [ dieses ‚Aufzwängen‘ eines kulturell-nationalen Selbstbewusstseins durch die Sprache wird ‚zusammen‘ mit der Muttermilch eingesogen, wenn man sich – bewusst oder unbewusst – die von den Sprachein-

heiten beinhaltete Information aneignet und danach

reproduziert

]

(Телия 1996: 232)

" в языке закрепляются и фразеологизируются именно те образные выражения,

которые ассоциируются с культурно-национальными эталонами, стереотипами, мифологемами и т.п. и которые при употреблении в речи воспроизводят характерный

для той или иной лингвокультурной общности менталитет [ in der Sprache werden

gerade die bildlichen Ausdrücke verfestigt und phraseologisiert, die mit kulturell-nationalen Maßstäben, Stereotypen, Mythen usw. assoziiert werden und die beim Gebrauch in der Rede die für diese oder jene linguokulturelle Gemeinschaft charakteristische Mentalität reproduzie- ren] (Телия 1996: 233)

"

– mit diesen Äußerungen sieht sich Telija – wie nicht weniger ihrer Moskauer Kollegen – als

Vertreterin einer neuen Konzeption, die „Kulturologie“ genannt wird

laut Jutta Scherrer eine Art „Ersatzrolle“ für die Suche nach einer neuen russischen Identi-

tät, die nichts mit genuiner Kulturwissenschaft zu tun hat (Scherrer, J.: „‘Kul’turologija‘ als ideologischer Diskurs.“ – Kultur als Übersetzung. Würzburg, 1999, 279-292, 281)

versuchen wir, den Wert dieser Konzeption an konkreten Beispielen zu überprüfen

Was stellen Sie an folgendem Text aus einer Erzählung von Nikolaj Koljada fest?

– Analyse

1. „Ты смотришь телевизор? Как всегда так громко, что у меня чашки прыгают в шкафу. Да. Я понимаю, что ты хочешь сказать, что у меня от анаболиков не все чашки в шкафу.“ (Н. Коляда Девушка моей мечты)

„Du siehst fern? Wie immer so laut, dass bei mir die Tassen im Schrank rumspringen. Ja. Ich verstehe, dass du sagen willst, dass ich von den Anabolik[a] nicht alle Tassen im Schrank habe.“ (Dobrovol’skij 2002: 250)

Was sagt uns der Gebrauch dieses Phr. im Russischen?

– Diskussion

obwohl er okkasionell ist, gibt es keine Verstehensprobleme, da er einem kognitiv weit verbreiteten Muster folgt:

‚geistige Störung ist Fehlen an Vollständigkeit oder Fehlen an Entitäten, die im Normalfall da ‘

sein müssen

deshalb muss auch kein Entlehnungsprozess vorliegen und

es liegt hier nichts typisch „Deutsches“ vor

– das beweist, dass die Kulturbedingtheit von Phr. immer als relativ zu sehen ist, und zwar:

allerhöchstens auf den Zeitpunkt begrenzt, wenn sich diese Einheit im Sprachgebrauch

verbreitet und verfestigt (da können aber auch ganz andere Faktoren ausschlaggebend sein, nicht unbedingt ein besonderes kulturelles Bewusstsein!), z.B.:

spezifische Situationsbezogenheit,

Originalität,

Autorität usw.

(Dobrovol’skij 2002: 250)

– nehmen wir ein weiteres Beispiel mit dem russ. Phr. кто-л. в гробу (и в белых тапочках)

видал/видел кого-л./что-л. ‚j-d/etw. ist für j-n absolut ohne Interesse, sodass diese Person

damit nichts zu tun haben und von diesem Menschen bzw. dieser Sache sogar nichts hören will‘(Dobrovol’skij 2002: 251)

2.

Так что ж ты гонишь мне опять про своих Пикассо шмикассо Утрилло шмутрилло, я ж в гробу видел твоего Ван Гога там шмангога.“ (В. Сорокин Дорожное происшествие)

„also was quatschst du mich wieder voll mit deinem Picasso Schmikasso Utrillo Schmutrillo, ich hab ja deinen Gogh dings Schmangoch im Sarg gesehen.“ (Dobrovol’skij 2002: 250)

laut einer Umfrage von Dobrovol’skij hat kein Deutscher diesen Phr./Kontext verstanden

– er begründet das so:

„Die im betreffenden russischen Idiom fixierten Vorstellungen sind aus der deutschen Per- spektive nicht nur vom kognitiven, sondern auch vom kulturellen Standpunkt aus spezifisch.“ (Dobrovol’skij 2002: 252)

zweifellos ist dieser Phr einzigartig, sowohl in Bezug auf das Szenario als auch auf dessen Deutung

– allerdings drückt das Szenario nichts russisches Kulturspezifisches aus und der Eingang

dieser Einheit ins russische Lexikon ist all den Zufallsfaktoren geschuldet, die allgemein eine Rolle spielen, s.o.

– selbst wenn etwas Kulturspezifisches zur Bildungszeit ausschlaggebend war, dann ist es den heutigen Kultur- und Sprachträgern nicht mehr bewusst

die Rolle von sog. Schlüsselbegriffen in der Phraseologie am Bsp. von „душа

– ein anderes Argument in Richtung „Kulturspezifik“ ist das häufige/gehäufte Vorkommen bestimmter Komponenten in Phraseologismen, was bei „душа“ der Fall ist

– allein im russ.-dt. phras. Wb auf 6 Seiten (205-211) Beispiele mit „душа“, z.B.:

без души; болеть душой; в чём душа держится; влезть в ду шу; всей душой; души не чаять; прийтись по душе; тёмная душа; чернильная душа usw.

diese Häufigkeit scheint tatsächlich von einer kulturellen Bedeutsamkeit zu zeugen

– aber auch hier ist mit Vorsicht heranzugehen, denn

die Einheiten sind nicht gleichzeitig entstanden

sie können per „Analogie“ weiterverwendet worden sein (d.h. ohne bewusste kulturbe- dingte Entscheidung für gerad diese Komponente!)

bedeutungsmäßig kann unter dieser Entität ganz Verschiedenes gemeint sein, was die Kul- turgemeinschaft aufspalten würde

8. Seminar:

Patriarchalisch geprägte Sprache als Ausdruck der Gesinnung?

Einf.:

– ich behaupte einfach mal, dass das Deutsche eine in Bezug auf das natürliche Geschlecht weniger diskriminierende Sprache als das Russische ist Was sagen Sie dazu???

Министер выступил с речью. Коллеги засмеялись, когда я споткнулась о порог.

Substantive mit doppelter Genuszuweisung

– im Slavischen gibt es Substantive auf -a, die Personenbezeichnungen sowohl von männli- chen als auch weiblichen Personen darstellen

– die Zuordnung des grammatischen Geschlechts kann daher entweder mask. sowie fem., aber

auch nur fem. sein, z.B.:

russ.: пьяница (m/f), убийца (m/f), сирота (m/f) ‘Waise’

– diese sind von den Personenbezeichnungen auf -a zu trennen, die ausschließlich männliche

Personen bezeichnen, z.B.:

russ.: папа, дядя, дедушка

– sie sind auch von den Personenbezeichnungen männlichen Geschlechts zu unterscheiden,

die männliche als auch weibliche Personen bezeichnen, z.B.:

russ.: министр, доцент, инженер

– unter den betreffenden Substantiven sind sowohl Entlehnungen als auch eigensprachliche Wörter

syntaktische Kongruenz:

– syntaktisch richtet sich mehrheitlich die Kongruenz nach dem natürlichen Geschlecht (Se- xus) der bezeichneten Personen, vgl.:

russ.: хороший/-ая врач, врач пришёл/пришла

das Genus der Personenbezeichnungen stimmt nicht immer mit dem Sexus der referierten Person überein (bzw. kann bei prädikativem Gebrauch nicht mit dem Sexus in Übereinstim- mung gebracht werden) Oнa действительно настоящий профи! Он хочет стать кино-звездой.

Begründen Sie den Einzelfall! Warum ist Ihrer Meinung nach профи maskulin und wa- rum фильмова звезда feminin? профи: jüngere Entlehnung aus dem Engl., bei der die Genuszuordnung bestimmt sem. moti- viert war (mask. Personenbezeichnungen wurden historisch gesehen und werden immer noch für Männer geschaffen) фильмовая звезда: der Genus von ‘Stern’ kann aus den verschiedensten Gründen entstanden sein (u.a. kann der Stern den „weiblichen“ Ursprung signalisiert haben, vgl. russ. звезда < [*kue(n)t] und altengl.: cwen ‘Frau’ oder eine Zahl als grundlegendes Lebensprinzip der Weltordnung repräsentieren, vgl.: звезда < [*kue(n)t] und hethitisch: hantezzis ‘erste’ bzw. altengl.: *kuetuor ‘vier’, vgl.: (Маковский, 158) der metaphorische Gebrauch in bezug auf eine Person ist völlig sexusunabhängig

Bsp. профи Seit wann stehen solche Art von Bezeichnungen im Widerspruch zur sozialen Realität? seit die Frauen massenhaft in traditionll männliche Bereiche des Berufs– u. gesell. Lebens

eindringen sprachl. Reflexion: ein Maskulinum kann in den meisten Genussprachen auch zur Bezeich- nung einer weiblichen Person eingesetzt werden, soll also als „geschlechtunspezifisch“ gelten Wen stellen Sie sich vor, wenn Sie folgenden Satz lesen? Ты увидел пилота того самолета? Wen stellt sich der Durchschnittssprecher des Russ. vor? garantiert einen Mann, d.h. die geschlechtliche Nichtspezifik ist solange ein Mythos bis bestimmte soziale Stereotypen nicht ausgeräumt sind

Movierung – darunter versteht man die „explizite Ableitung von Substantiven anderen Geschlechts von einer Basis, die eine Personenbezeichnung oder Tierbezeichnung darstellt. Vorwiegend han- delt es sich dabei um die Bildung femininer Bezeichnungen von maskulinen.“ (Fleischer „Wortbildg. der dt. Gwsp.“ 1982: 182)

es würde damit ein gender– bzw. sexusspezifisches Substantiv geschaffen, was nicht un- problematisch ist, vgl. folgendes Bsp.:

Maria ist die beste Lehrerin der Schule. Мария самая хорошая учительница школы.

Wie ist das gemeint bzw. kann gemeint sein? als beste von allen Lehrern bzw. als beste nur der Lehrerinnen in dem Fall würde nur die genaue Kenntnis der Situation eine Disambiguierung ermögli- chen, die sprachlichen Mittel der Genusbezeichnung sind dafür ungeeignet, denn:

feminines Genus ist sexusspezifisch (nur mit einer gewissen sozialen Kompetenz ist der oben aufgeführte Superlativ als Oberbegriff auch für männl. Personen zu verstehen)

– Klärung des Terminus „Referenz“:

Referenz: der m.H. bestimmter sprachlicher Mittel aufgezeigte Zusammenhang zwischen der Äußerung und der außersprachlichen Wirklichkeit

das obige Bespiel hat gezeigt, daß man prinipiell unterscheiden muß zwischen:

generischem und referenzspezifischem Gebrauch von Personenbezeichnungen und Gebrauch von Personenbezeichnungen im Singular bzw. Plural

Sing./generisch:

Maria ist eine gute Leiterin. (ein guter Leiter?) Мария хороший руководитель. (хорошая руководительница?) Она хорошая врач. im Ggs. zum Deutschen, wo die Movierung bereits zur Norm geworden ist, wird im Bulg. die feminine Entsprechung zum großen Teil noch gewöhnungsbedürftig und wird sie im Russ. als umgspr. markiert angesehen, d.g. gilt als unerwünscht in der Lit.-sprache

Sing./referentiell:

Будущий филолог из Минска выиграла конкурс. Eine/Die künftige Philologin aus Minsk hat den Wettbewerb gewonnen. Гость вошёл в комнату. (Гость вошла в комнату.?)

Der Gast kam zum Zimmer hinein. (auch weibl.?)

hier muß fast immer auf das natürliche Geschlecht referiert werden, was mit den unter- schiedlichsten sprachl. Mitteln erfolgen kann:

Wortbildungssuffix

sexusspezifische Kongruenz im Satz

andersweitig: Verwendung von Personalpronomen bzw. anderen sexusmarkierten lexika- lischen Einheiten im engeren Kontext

Pl./generisch und referentiell:

Die Lehrer haben den 8. März gefeiert. Die Lehrerinnen haben den 8. März gefeiert. Die LehrerInnen haben den 8. März gefeiert. fast ausschließliche Verwendung von mask. Personenbezeichnungen, wenn es sich nicht um reine Frauengruppen handelt das große „I“ im Deutschen soll der der „Mitbezeichnung“ von weiblichen Personen durch mask. Personenbezeichnung im Pl. entgegenwirken inzwischen Mittel der political correctness als Reaktion auf bestehende sprachliche A- symmetrien

Probleme der Femininmovierung im Russischen „Manche Frauen fürchten – zu Recht –, daß jede Beobachtung geschlechtsspezifischer Unter- schiede als Beweis dafür genommen wird, daß es die Frauen sind, die anders sind – anders als der Standard, der sich in allen bereichen danach definiert, wie der Mann ist. Der Mann gilt als Norm, die Frau als Abweichung von der Norm. Und es ist nur ein kleiner – vielleicht unver- meidlicher – Schritt von ‚anders‘ zu ‚schlechter‘. (Tannen 1991: 13)

Welche Bewertung wird in der Literatur dieser Verbform zugeschrieben?

russ.: Моя врач пришла. deut.: *Unsere Gast kam.

Welche Bewertung wird in der Literatur diesen Formen zugeschrieben und warum? врачиха und кассирша

Wie bewerten Sie den sprachl. Status der jeweiligen Femininmovierungen?

feminin

maskulin

армянка

армянин

бегунья

бегун

врачиха

врач

-

политик

zu (1): sem. Symmetrie der Ausdrücke zu (2): sem. Symmetrie; abgesehen von der Tatsache, daß die mask. Nomen als Hyperonyme zu den femininen auftreten zu (3): negative stil. Markierung der femininen Ausdrücke zu (4): keine Existenz von femininen Ausdrücken alle diese Erscheinungen sind als sprachl. Reflexe von gesell. Erscheinungen zu werten, aber dennoch sprachlich Fakt und deshalb nicht ohne weiteres und mit einem Schlag verän- derbar

Warum bestehen weibliche Lehrkräfte in Rußland auf die Verwendung der Maskulina учитель bzw. преподаватель?

Warum gibt es kein weibliches Pendant zu политик?

Zus.:

Verwendung movierter Personenbezeichnungen

– neben (referenz)sem. und syntaktischen Kriterien gibt es stilistische und soziale Aspekte

(Prestige, Etikette, Zusammenhang mit der sozialen Realität usw.) der Verwendung movierter

Personenbezeichnungen sem. Kriterien:

– Movierungen treten typischerweise im Singular auf (da Movierungen im Plural auf reine

Frauengruppen referieren)

– Movierungen sind am häufigsten in referierenden und prädikativen Nps in prädikativen NPs dient sie neuerdings zur Darstellung der Kongruenz, die mit anderen Normen bzw. sogar gramm. Regeln in Konflikt geraten [kann] (Doleschal 1992)

Was verstehen Sie unter Frauen– bzw. Männersprache oder männlichen vs. weiblichen Gesprächsstilen? Haben diese Termini Ihrer Meinung nach eine Existenzberechtigung? Was halten Sie von folgenden Feststellungen von Tannen aus dem Jahr 1990/91?

„dass das Gespräch zwischen Frauen und Männern zur interkulturellen Kommunikation wird, [weil Jungen und Mädchen im Grunde in verschiedenen Kulturen aufwachsen]“ (1991: 17)

männliches Kommunikationsverhalten

Weibliches Kommunikationsverhalten

Als Individuen in einer hierarchischen Ord- nung, in der der Mann entweder über- oder unterlegen ist, sind für ihn Gespräche Ver- handlungen, bei denen man

Als Individuen eines Netzwerkes zwischen- menschlicher Bindungen sind für Frauen Gespräche Verhandlungen über Nähe, bei denen man

Die Oberhand gewinnen oder behalten will und

Bestätigung und Unterstützung geben und erhalten möchte und

Sich gegen andere verteidigt, die einen herabsetzen oder herumschubsen wollen

Übereinstimmung erzielen will

(Tannen 1991: 20)

Spechakt der Entschuldigung

– eine geschlechtsspezifische Häufigkeit des Entschuldigens konnte nur festgestellt werden,

wenn der „Verursacher“, d.h. die zur Entschuldigung eigentlich verpflichtete Person, „höher gestellt“ war, denn dann haben sich:

nur die Hälfte aller Frauen und

keiner der Männer entschuldigt (Rathmayr 1996: 191)

– Eigenheiten gab es bezüglich des Einsatzes bestimmter Ausdrücke, vgl.:

Typisch männlich

Typisch weiblich

Виноват

Мне стыдно

Чёрт возьми!

Ой!

(Rathmayr 1996: 191)

9. Seminar: Kulturelle Stereotypen, das Unsere das Fremde (свой чужой)

– «СВОИ и ЧУЖИЕ» diese Gegenüberstellung [

eins der wichtigsten Konzepte jeglicher kollektiven, Massen-, Volks- sowie nationalen Gesin- nung. (Степанов 2001: 126)

„Die Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Vertrautheit und Fremdheit‘ bzw. dem Eigenen und dem Anderen dürfte anfangs wohl eher von der pragmatischen und praktischen Seite aus erfolgt sein. Später wurde dieser Pragmatismus dann wohl auch gedanklich-konzeptionell unterstützt. Noch später dürften über den Pragmatismus und die Konzeptionen dann auch ge- legentliche Diskussionen und Auseinandersetzungen aufgekommen sein. Alles dies hat sich mit Sicherheit auch durch Tradierung in den nachfolgenden Generatinen bestimmter Gruppen niedergeschlagen und hat mit zur Ausprägung ihrer Kulturform beigetragen.“ (Cobabus 1997:

]

durchdringt die ganze Kultur und ist ist

1)

1.

Der praktische/pragmatische Umgang mit „(den) Anderen“

2.

Durch Klassifikationsprozesse/Schlussfolgerungen Bildung von Konzepten über „(den/die) Anderen“

3.

Verbreitung und Durchsetzung bestimmter Konzepte „prototypisches“ Verhal- ten/Denken gegenüber „(den/die) Anderen“ in einer bestimmten Kulturgemeinschaft

Zu 1) (Cobabus 1997: 24) Ausgangssituation: es treten sich zwei verschiedenartige Individuen gegenüber = Begegnung des Eigenen mit dem Anderen

– Menschen stehen sich „von Natur aus“ weder freundschaftlich noch

feindlich gegen-

über; weder gibt es ein sog. „Urvertrauen“ noch ein „Urmisstrauen“ (Cobabus 1997: 509)

– die Begegnung [mit dem Anderen] ist aber stets eine Begegnungsbeziehung (Cobabus 1997:

24ff)

Das Eigene erfährt sich als das Eigene bei dieser Begegnung durch das Andere – und vice versa bzw.

Das Eigene spiegelt sich also durch das Andere als Eigenes wider – und vice versa

– jede Begegnung zwischen Individuen

denn sie ist stets durch die eigene Sichtweise und damit durch diese eigene wertende Pro- jektion auf den Anderen mitsamt der sich dabei vollziehenden Rückprojektion auf sich

ist von Anfang an nicht neutral

selbst

– diese Begegnung als soziale Interaktion hat zunächst keine eindeutig voraussagbare Ent-

wicklungscharakteristik

individuell und damit spezifisch, somit auch kulturspezifisch, geprägt (ebenda 28)

,

sondern ist ambivalent (ebenda 34)

Voraussetzungen der Begegnungssituation

(ebenda 34) Voraussetzungen der Begegnungssituation bzw. Beziehungsnähe Wenn das soziale und/oder natürliche

bzw.

Beziehungsnähe Wenn das soziale und/oder natürliche Umfeld der einander begegnenden Menschen einander sehr ähnlich ist

Beziehungsferne Wenn das soziale und/oder natürliche Umfeld der einander begegnenden Men- schen voneinander sehr verschieden ist

immer auch möglich
immer auch möglich

Voraussetzungen für eine durch

sehr wahrscheinlich

sehr wahrscheinlich

negative Begegnungstendenz negative Interessenlage auf den Anderen

positive Begegnungstendenz

positive Interessenlage auf den

Anderen (Neugier)

positive Kenntnislage

positive emotive Ausformung (Sympathie)

positive psychische Ausprägung (Selbst-

Sicherheit u. –vertrauen Zutrauen)

eine sich positiv ausgestaltende Ver-

VERTRAUTHEIT

(Cobabus 1997: 35, 37f)

negative Interessenlage negative emotive Ausformung (Antipathie bis hin zur Ablehnung, Feindschaft, Hass) negative psychische Ausprägung (über Unsicherheit Misstrauen und Fremdenfurcht bzw. –angst eine sich positiv ausgestaltende Verhaltens- und Aktionsform

FREMDHEIT

– jedes Aufeinandertreffen, jede soziale Begegnungsinteraktion ist in irgendeiner Weise

kulturspezifisch vorgeprägt (Cobabus 1997: 517)

– jede dieser sozialen Begegnungsinteraktionen läuft immer auf eine Form der Integration

oder der Ausgrenzung hinaus

– die kulturelle Evolution, also die Menschheitsgeschichte, setzt sich aus lauter solchen her- vorgebrachten konkreten kulturspezifischen Situationen zusammen (Cobabus 1997: 510)

das „eigen-fremd-Prinzip“ trennt Familien, uns und unsere Nachbarn, Dynastien und

Clans

Kulturgemeinschaften

,

religiöse Sekten, sexuelle Minderheiten usw. (Степанов 2001: 126) „andere“

zu 2) (s. Cobabus 1997: 65f)

– von letztlich historisch entscheidender Bedeutung ist die mental-kognitive Ebene und sind

somit die

kulturellen Konzeptionen

,

die den Verlauf der sozialen Begegnungsinteraktio-

nen steuern

– ein jedes Individuum wird im Laufe seines Lebens durch Sozialisierungsprozesse geprägt

und dabei zumeist auch in

– dabei übernimmt er freiwillig bzw. gezwungenermaßen bestimmte kulturelle Konzeptionen

– im Laufe seines Lebens baut sich bei ihm eine kulturell-konzeptionelle Ebene auf Teil der Eigenpersönlichkeit bildet

, die ein

Gruppenbezüge mehr oder weniger intensiv einbezogen

zu 3) (s. Cobabus 1997: 66)

– soziale Begegnungsinteraktionen vollziehen sich nun immer bezüglich des mental-kogni–

tiven/ kulturell-konzeptionellen Bereichs auf der Ebene der kulturellen (Gruppen)Identität

Eine kulturelle Identität im Sinne einer gesamten Kulturgemeinschaft

gibt es hingegen

nicht

denn selbst eine Gruppenidentität ist niemals vollständig identisch mit der individuellen

Form einer Identität

– die individuelle kulturelle Identität weicht doch sehr häufig von der kulturellen Gruppen–

identität ab (ebenda: 236)

insofern haftet der vermeintlichen – kulturellen – Gruppenidentität häufig tatsächlich eher ein fiktiver nach außen und somit Anderen gegenüber behaupteter Charakter an, der mit dem wirklichen realen Charakter nicht übereinstimmt

eine vollständige auf die gesamte Kulturform bezogene Zuordnung und damit Identität gibt es bei keinem Menschen (ebenda: 66)

Universelle, für die gesamte Menschheit allgemeingültige moralische Regeln oder ethi- sche Konzeptionen gibt es nicht (Cobabus 1997: 531)

kulturell konzipierte Gruppenbezüge:

1. kulturell konzeptionelle Verwandtschaftsgruppenbezüge

2. gesellschaftliche Funktionsgruppenbezüge

3. mythologisch/religiöse, weltanschaulich-politisch/ideologisch, politisch-ideologisch ori- entierte Gruppenbezüge

4. sonstige Interessens- und Aktionsgruppenbezüge (Cobabus 1997: 161)

Auf welche Weise spiegeln sich diese Gruppenbezüge variativ in einer Sprache wider?

1. kulturell konzeptionelle Verwandtschaftsgruppenbezüge Umgangssprache

2. gesellschaftliche Funktionsgruppenbezüge Literatursprache, Fachsprache

3. mythologisch/religiöse, weltanschaulich-politisch/ideologisch, politisch-ideologisch ori- entierte Gruppenbezüge Literatursprache, Jargon

4. sonstige Interessens- und Aktionsgruppenbezüge Umgangssprache, verschiedene Jar-

gons, Argot

wird überdacht vom

das „eigen-fremd-Prinzip“ in Bezug auf das Ethnos (Volk, Volksgruppe):

– das ethnische Verhaltensstereotyp (zusammen mit der Sprache der Kommunikation) ist das wichtigste, das das Ethnos für sich selbst bestimmt (Степанов 2001: 128) hier geht es also um ein ideelles Selbstempfinden einer gewissen Gruppe von Leuten als „eigen“ im Gegensatz zu „fremd“ (129)

– die Grundlage der ethnischen Beziehungen liegt außerhalb des Bewusstseins, sie ist in den

Emotionen veranhkert: in Sympathien–Antipathien, Liebe-Hass (Gumilev, zit. nach Степанов 2001: 131)

– allerdings gibt es kein festes Merkmal für die Ethnosbestimmung, es können alle folgenden relevant werden:

Sprache,

Herkunft,

Traditionen,

Materielle Güter,

Ideologie (einschließlich Sitte, Moral und Glaube), ergänzt durch (Cobabus 1997: 422)

– in Bezug auf die Angehörigen einer Gruppe eines beliebig großen Rahmens kann man bei

Zugrundelegung des gemeinschaftlichen Vorhandenseins der oben genannten Merkmale (und entsprechender Variativen bei kleineren Gruppenzusammenhängen) von einer Kulturgemein- schaft sprechen

Ebenen der kulturspezifischen Vorstellungswelten nach (Cobabus 1997: 385)

1. die Ebene der Bestimmung des Eigen-Seins

2. die Ebene der Festlegung der Formen des sozialen Umgangs

3. die Ebene der Absicherung und Bewahrung der Lebensform

4. die Ebene der Ausgestaltung weiterer kultureller Formen

– ausgehend von der individuellen Ebene und sich fortsetzend im jeweiligen vergesellschafte– ten Rahmen hat sich immer der Selbstbezug und das daraus gewonnene Eigenbild durch Ei- gen-Setzung oder Eigen-Bestimmung (s. oben Punkt 1) in Bezug zum Anderen gesetzt (Co- babus 1997: 370)

– bei der Eigenwahrnehmung bzw. bei dem Eigenverständnis und der Anderenwahrnehmung bzw. bei dem Anderenverständnis gibt es Unterschiede:

im größeren Differenzierungsgrad bei der Eigensicht und

in der ganz überwiegend überhöhten Eigensicht und Eigencharakterisierung einer ganz

Anderensicht

überwiegend eher indifferenten, spöttelnden, belächelten, herablassenden bzw. Anderencharakterisierung (Cobabus 1997: 395)

– in fast allen Kulturgemeinschaften gibt es

kulturellen Zentriertheit zum kulturellen Zentrismus, d.h.

der Übergang von den eigentlich überall z.T. vorhandenen Klischees über sich manifestie-

renden Vorurteile bis hin zu einer mehr oder weniger manifesten Form der Ideologisierung ist

fast in allen diesen kulturellen Substrukturen gegeben (Cobabus 1997: 401)

einen latenten bis offenen Übergang von der

der Weg von der kulturellen Zentriertheit zum Kulturzentrismus

Weg von der kulturellen Zentriertheit zum Kulturzentrismus Kulturelle Zentriertheit* mit vorausgehenden Urteilen

Kulturelle Zentriertheit* mit vorausgehenden Urteilen

Klischees

Zentriertheit* mit vorausgehenden Urteilen Klischees Begegnungsikonographien Vorurteilen Ideologie

Begegnungsikonographien

Vorurteilen

Urteilen Klischees Begegnungsikonographien Vorurteilen Ideologie =Kulturzentrismus – dieses Grundschema ist nur

Ideologie

=Kulturzentrismus

– dieses Grundschema ist nur von theoretischer Art, es ist ein Denkmodell

– am Anfang einer sozialen Begegnungsinteraktion steht also die kulturelle Zentriertheit mit

den vorausgehenden/generalisierten Urteilen

die sich zu Begegnungsikonographien ausformen bzw. Vorurteilen umformen können; diese

wiederum können

sen (Cobabus 1997: 679)

„Denn die sog. reine kulturelle Zentriertheit mit bloßen vorausgehenden Urteilen gibt es nämlich ab dem Zeitpunkt nicht mehr, ab dem sich verschiedene Kulturgemeinschaften bzw. kulturelle Substrukturen das erste Mal begegnet sind.“ (680)

– nach der „ersten Begegnungsinteraktion“ treten anstelle der vorausgehenden Urteile be-

stimmte Aspekte, die pars pro toto als Urteil über den Anderen bzw. die andere Gruppe ge- setzt werden (sodass das obige Schema weiter funktionieren kann) (680f)

– die dabei entstehenden Klischees, die sehr wandlungsfähig sind, sind mit den unterschied- lichsten Emotionen, Verhaltensmustern und Reaktionen verbunden (682)

Begegnungsikonographien dagegen, die eher mystischer Natur sind und sich auf Wahrneh-

mungen von Lebewesen beziehen, die falsch gedeutet wurden, oder gar auf Naturerscheinun-

gen, die man nicht begreifen konnte,

werden über eine längere Zeit tradiert,

wobei sie eine feste Form annehmen,

die sich nach ihrer Verfestigung gar nicht mehr oder nur wesentlich ändern (682f)

Vorurteile stellen gegenüber den vorher genannten kulturellen Ausprägungsformen eine

verschärfte Form dar, die handlungsmäßig wirksam werden, indem man auch im Sinne dieser

Urteilsbildung auf die Anderen reagiert (684)

sich auch zu mehr oder weniger starkt ausgeprägten Ideologien auswach-

,

von dort [gibt es] einen Weg hin zu Klischees,

– damit stehen aber Vorurteile in Gefahr, sich nicht nur zu verfestigen, sondern auch oft aus- zuweiten, denn ein Vorurteil sucht zumeist nach seiner Bestätigung

Ideologien oder ideologisierte Konzepte sind zunächst einmal realitätsverzerrte fiktional konzipierte Eigenbilder über einen oder mehrere eigene Gruppenbezüge bzw. z.T. auch die behauptete Gemeinsamkeit der gesamten jeweiligen Kulturform (Cobabus 1997: 404)

– diesem ideologisiertem Eigenbild werden im Kontext der sozialen Begegnungsinteraktion

immer Anderenbilder als davon verschieden (und zwar nicht nur partiell, sondern immer als grundsätzlich) gegenübergestellt

das Ganze läuft fast immer auf eine Selbstbestätigung hinaus (Cobabus 1997: 409)

Sprachliche Widerspiegelung des „eigen-fremd-Prinzips“

– nach den Aussagen von Benveniste ist der Gegensatz „eigen-fremd“ in den indoeuropäi- schen Sprachen allgemein nachzuweisen (Степанов 2001: 135)

– die Analyse einer Reihe von indoeuropäischen Wrtguts hat demzufolge eine Entgegenset- zung von:

„eigen“ als Gefühl der Blutsverwandtschaft einer Gruppe von Leuten, in deren Gren- zen der Mensch sich ‚frei‘ fühlt gegenüber dem

„Fremden, Anderen, den Feinden, Sklaven“ (135f)

– der Nachweis dieser semantischen Beziehungen gelingt allerdings nur am Beispiel von „ei- gen“, vgl.:

1. i.-e.: *leudh ‚zusammenwachsen‘, lat.: liber ‚frei‘ und liberi ‚Kinder‘ (also: aufgewachsen mit dem, der frei ist), griech.: έλεύθερος ‚frei‘, altsl.: людъ, russ.: люди 'Leute', deut.: Leu- te (136)

2. i.-e.: sue-/suo- ‚selbst, sich, eigene‘, russ.: свой und свобода 'Freiheit' (136f) ˆ

ˆ

10. Seminar:

Kulturgemeinschaften in gegenseitiger und in Selbstreflexion

Bedeutung von individuellen Beziehungen, der Einstellung zueinander und dem Wissen übereinander für das Gelingen von Kommunikation

– dabei soll man sich vor allem über das Wirken von Stereotypen bewusst sein und diese eben nicht bemühen

Was ist ein Stereotyp? Welche Auswirkungen können diese auf ein normales Aufeinander- treffen von Menschen verschiedener Länder haben?

– Wiederholung und Diskussion

Umfragen von Ter-Minasova (Folien) Aufgabe:

Stellen Sie sich die Europakarte vor! Welche Gebiete/Länder würden Sie ganz spontan mit welchen Begriffen versehen?

1 Gruppe: allgemeine Begriffe, 1 Gruppe: in Bezug aufs Essen

– Auswertung unter Einbeziehung der Folie

1. Was glauben Sie, welche Eigenschaften sind Russen als typisch zu den Amerikanern eingefallen?

2. Welche Eigenschaften verbinden Russen Ihrer Meinung nach mit Deutschland?

– Auswertung unter Einbeziehung der Folie

Bringen solche Umfragen irgendwelche objektiven Ergebnisse? Ist automatisch jede Eigenschaftsnennung in Bezug auf einen Anderen/eine andere Grup- pe ein Stereotyp?

– Diskussion

kurzes Experiment:

– Sammlung von „typischen Eigenschaften“ der Deutschen und Russen über sich selbst

– Sammlung von „typischen Eigenschaften“ der Deutschen und Russen über den jeweils an- deren

– Vergleichen mit folgender Sammlung:

 

Eigenstereotype deutsch

 

Eigenstereotype russisch

Beckmann aus

Deutschland ist männlich [dt. Mann] stark, strah- lend, gewinnend

Saraskina aus

Zu Russland:

„Stereoty-

„Stereoty-