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,Frau sein‘ in Sefi Attas Swallow

Vera Kalchgruber

0801035, A 033 697

Vera.Kalchgruber@gmx.net

VO Einführung in die afrikanische Literaturwissenschaft 2

Dr. Shaban Mayanja

SoSe 2011

Institut Afrikanistik, Universität Wien


2

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung .............................................................................................................3
2. Swallow ..................................................................................................................4
3. Tolani .....................................................................................................................5
3.1. Sanwo .................................................................................................................6
3.2. Tolanis Mutter Arike ..........................................................................................6
3.3. Vater Ajao ...........................................................................................................8
3.4. Rose ....................................................................................................................8
3.5. Traditionen .......................................................................................................10
3.6. Beruf .................................................................................................................10
4. Conclusio.............................................................................................................11
5. Literatur ...............................................................................................................12
3

1. Einführung
Ama Ata Aidoo beantwortet die Frage, warum afrikanische Frauen über Frauen
schreiben in dem Aufsatz Literature, Feminism, and the African Woman Today, wie
folgt:
because when we wake up in the morning and look in the mirror, we
see women. It is the most natural thing to do. […].1
Sefi Atta schreibt auch über Frauen. Bereits in ihrem ersten Buch Everything Good
Will Come war ihre Protagonistin weiblich. Das Ziel dieser Arbeit ist es aber, die
Umstände des ,Frau seins‘ in Sefi Attas neuestem Roman Swallow darzustellen und
zu analysieren. Ich konzentriere mich darauf, was gemeinhin als ,gender‘ benannt
wird. Regina Becker-Schmidt definiert den Begriff ,gender‘ als „auf die soziale
Konstruktion von Rollen und Attributen ab[zielend], die als geschlechtsspezifische
normiert werden.“2 Also nicht das biologische Geschlecht steht im Mittelpunkt, sondern
die Umstände, wie die Autorin die Figur als Frau darstellt. Das ,Frau sein‘ wird von
vielen verschiedenen Determinanten geprägt und beeinflusst. Ama Ata Aidoo bemerkt
in dem oben erwähnten Aufsatz auch, dass
[p]erhaps critics are quick to tag some of us as “feminist” writers
because we make it possible for our women characters to be
themselves, without any of the assumed dumbness and pretended
weaknesses which all societies expect from women and women in
fiction3
Auch diese Aussage lässt sich auf die Frauenfiguren in Sefi Attas Werk projizieren.
Sie stellt verschiedene Charaktere von Frauen dar – die Mutter, die arbeitende Frau
und viele mehr. Juliana Makuchi Nfah-Abbenyi hält fest, dass „African critics now
generally agree that African women writers offer more dynamic representations of
women […] roles have [...] been sharply problematized by some of the women
writers.“4 Sefi Atta stellt eine solche Bandbreite von verschiedenen Frauenfiguren dar
und problematisiert deren Rollen in der dargestellten Gesellschaft und Umgebung. In
der folgenden Analyse beschränke ich mich auf die Protagonistin Tolani und werde

1
Aidoo, Ama Ata (1998): Literature, Feminism, and the African Woman Today. In: Podis, Leonard A.
und Yakubu, Saaka (Ed.) (1998): Challenging Hierarchies. Issues and Themes in Colonial and
Postcolonial African Literature. New York [u.a.]: Peter Lang (Society and Politics in Africa, Vol. 5), S.20
2
Becker-Schmidt, Regina (1993): Geschlechterdifferenz – Geschlechterverhältnis: Soziale Dimension
des Begriffs „Geschlecht“. In: Zeitschrift für Frauenforschung 11, Heft 1/2, S. 37-46. In: Hark, Sabine
(Ed.)(2001): Dis/Kontinuitäten: Feministische Theorie. Opladen: Leske + Budrich. (Lehrbuchreihe zur
sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung der Sektion Frauenforschung in der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Band 3), S. 110
3
Aidoo, Ama Ata (1998): Literature, Feminism, and the African Woman Today, S.20
4
Nfah-Abbenyi, Juliana Makuchi (1997); Gender in African women’s writing: identity, sexuality, and
difference. Bloomington, Indianapolis: Indiana University Press, S. 6
4

deren Darstellung und die Determinanten, welche auf ihre Darstellung einwirken,
analysieren.
2. Swallow
Die Geschichte der Protagonistin Tolani wird in zwei verschiedenen Erzähl- und
Zeitebenen dargestellt. Tolanis Geschichte bildet den Rahmen und die Ausschnitte der
Lebensgeschichte ihrer Mutter Arike sind in diese eingeflochten. Die Autorin hat das
Werk zudem in zwei Teile geteilt, wobei der zweite Teil mit Tolanis Reise in ihr
Heimatdorf beginnt. Der zentrale Wendepunkt ist Roses Tod. Tolani nimmt die
Funktion der Ich-Erzählerin ein und erzählt ihre Gegenwart, wobei sie oft auf die von
ihrer Mutter erzählte Geschichten zurückgreift: „She [Arike] told me herself. Her first
recollection of him [Tolanis Vater] was that he had dust in his hair, bruised legs, and
red mud on his feet.”5 Nach diesem Abschnitt beginnt einer der kursiven Abschnitte,
welche von Arike erzählt werden, wobei sie darin die Funktion der Ich-Erzählerin
einnimmt und ihre Ausschnitte ihres Lebens beschreibt. Anzumerken ist dabei auch,
dass diese Abschnitte eine direkte Erzählsituation – die Mutter erzählt ihrem Kind eine
Geschichte – darstellen. Ein Beispiel dafür wäre, als sie Tolanis Vater das erste Mal
trifft:
’What’s that foolish thing?’ he asked, as I [Arike] hurried past. I was
carrying a wooden doll on my back. I treated it like a real child in
those days. From a distance I called out ,Heathen!’ I ran from him.
His family were Shango worshippers and mine were Christian
converts, so he was like dirt to me.6
Am Ende des Buches löst sich dieses Erzählschema auf, da auf der Erzählebene
Tolanis – als sie bei ihrer Mutter in Makoku ankommt – ihr ihre Mutter erst jetzt diese
Geschichten erzählt, die vorhin eingeflochten wurden. Sefi Atta zeichnet die
Entwicklung der Rollen der Frauen in Nigeria bzw. Lagos anhand zweier
Lebensgeschichten bzw. Ausschnitten nach. Die Autorin bespricht viele koloniale und
postkoloniale Umstände, wie zum Beispiel:
„Someone said, ‘That oyinbo man? What does he care so long as
he receives his revenues on time? He’s just a messenger of the
Oba of England. Money is all they are concerned about.‘“7
Wichtig anzumerken ist, dass diese Verweise auf reale historische Begebenheiten in
die Lebensgeschichten der Figuren eingeflochten sind und nie gänzlich im Mittelpunkt

5
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 42
6
ebd. S. 43
7
ebd. S. 93
5

stehen. Es scheint, als wolle die Autorin die Möglichkeiten die eine Frau hat und hatte
darstellen. Die Tabus mit denen sie zu kämpfen hatten/haben und die Aufgaben,
Pflichten, Verbote denen die Frauen unterworfen wurden/werden. Die Autorin stellt
verschiedene Frauentypen dar, die an verschiedenen Funktionen gebunden sind. Im
Vordergrund des Werks stehen drei Frauen, wobei Tolani die Protagonistin ist. Sie
wird als eine hart arbeitende Frau, die Karriere in einer Bank macht, dargestellt. Ihre
Mutter Arike ist in erster Linie Mutter und Haus- und Ehefrau, sie befreit sich jedoch
von einigen Verboten und versucht unabhängiger von ihrem Mann zu werden. Rose
wird zunächst auch als arbeitende Frau dargestellt, sie verliert jedoch ihren Job in der
Bank und sucht danach nach anderen Wegen aus der Armut. Diese Figur wird als
naiv, faul und verantwortungslos dargestellt, wohingegen Tolani als das Gegenteil
erscheint. Sie ist verantwortungsbewusst, kann mit Geld umgehen und kümmert sich
um ihre Mutter und auch um Rose. Sie ist aber im Bezug auf ihre Beziehung zu ihrem
Freund Sanwo naiv und lässt sich hinhalten. Die Wende ist der Tod von Rose, durch
welchen Tolani ihr Leben in die Hand nimmt.
3. Tolani
Tolani wird als vernünftige, verantwortungsbewusste und hart arbeitende Frau
dargestellt. Sie verhält sich allerdings passiv gegenüber ihrem Freund, ihrem Chef und
Rose. „My responsibility was to take care of my mother and myself after she was
widowed. I came to Lagos to get an education and to earn a living.“8 Sie tut alles um
die Harmonie zu erhalten und nimmt sich dadurch oft selbst zurück. Im Laufe des
Werks bzw. nach Roses Tod wird sie stärker und wehrt sich gegen das Unrecht,
welches ihr widerfährt. Sie erkennt, dass sie etwas Besonderes ist, nicht wie ihr Vater
ihr sagte: „‘You are not special. There are many like you in this world. Do not consider
our good fortune a blessing or their bad fortune a curse. It could easily be the other
way around.’”9 Sie wird als moderne afrikanische Frau dargestellt, die sich ihren
Wurzeln durchaus bewusst scheint und sich durch Lagos und ihr Leben kämpfen
muss. Susan Arndt beschreibt Bedingungen, welche einige afrikanische Feministinnen
für die Emanzipation der Frauen nennt, wobei am wichtigsten „education, but also
sisterhood and solidarity among women as well as women’s economic and social
independence from men“10 erscheint. Alle diese Begriffe sind auch im Bezug auf Sefi

8
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 36
9
ebd. S. 161
10
Arndt, Susan (2002): The Dynamics of African Feminism. Defining and Classifying African-Feminist
Literatures. (Translated by Isabel Cole). Trenton, NJ: Africa World Press, S. 78
6

Attas Swallow wichtig und werden darin behandelt. Im Folgenden werden die
Determinanten, welche Tolanis Leben als Frau beeinflussen, dargestellt und
analysiert.
3.1. Sanwo
Die erste Determinante, die hier das Leben als Frau charakterisiert, ist wie bereits
erwähnt ihr Freund Sanwo, der nicht mit Geld umgehen kann, dessen Geschäftsideen
bisher immer gescheitert sind und der sich immer wieder vor einer Heirat drückt.
„‘This wedding of ours.‘ […] ,You asked me to give you time. That
was two years ago. I don’t understand. My family is not greedy or
hungry. My mother will not ask for much. I’ve told you one way we
can raise money for my dowry and you have refused. […] I don’t
want to be one of those women who ends up old and dry because a
man disappointed her, you hear me?’”11
Diese männliche Figur behindert Tolani in ihrem Streben nach Glück und Wohlstand,
da er sie erstens nicht heiraten will, sie diesbezüglich hinhält und er sie zweitens um
ihr Geld bringt.
3.2. Tolanis Mutter Arike
Die wahrscheinlich wichtigste Determinante ist Tolanis Mutter Arike. Sie wird monetär
von ihrer Tochter unterstützt seitdem ihr Vater verstorben ist. Tolani besucht ihre
Mutter nur mehr selten, da diese noch in Makoku, ihrem Heimatdorf lebt. Arike ist eine
starke Frau, wobei sie diese Eigenschaft mit der typischen afrikanischen Frau teilt, wie
Susan Arndt feststellt: „many African women are notable for their strong personality
and dominant character. They are the heart of the family“12 Sie lebt in einer Zeit, in der
Traditionen einen wichtigen Platz im Leben einnehmen, wobei Arike oft durch diese
gebremst wird. Tolani ist eine moderne Frau, die in Lagos lebt um zu arbeiten und
einen Freund hat. Diese beiden Figuren bilden ein Gegensatzpaar, welches
symbolisch auch als das moderne Leben gegen die Traditionen gesehen werden
kann. Arike kämpfte schon damals für ihre Unabhängigkeit und für Respekt.
„’All those years I worked hard to make sure we ate, and now
you’ve stumbled on good fortune, you want me to be quiet as you
throw it away? […] You want me dead? You pity everybody in this
town except for me.’ ,Arike, it’s time you know your place!’ ,I know
my place,’ I shouted. ,I’ve given you your due respect as a
man.’”13
Sie ist die erste Frau in ihrem Dorf, die Motorrad fährt, was von allen anderen nicht
gern gesehen wird. „I heard them talking about me. ,She couldn’t have,‘ your father

11
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 29
12
Arndt, Susan (2002): The Dynamics of African Feminism, S. 28
13
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 177
7

said. ‘Look at her face. […] ,She did,’ Brother Tade said. ,And my wife says there were
several sightings.’ […] ,It shocked me,’ Brother Tade said. ,People will say you have
lost control of your home.’”14 Arikes Ehemann verbietet ihr das Motorradfahren zwar
nicht, er lässt aber zu seinem Schutz verlautbaren: „,Tell these people,‘ your father
said in a loud voice. ,Tell them that it was I, Ajao, who gave my wife permission to ride
a Vespa.’”15 Es zeigt sich, dass es dabei um den Respekt der anderen vor ihrem
Ehemann geht. Aber auch Arikes Tante Iya Alaro, welche als alleinstehende Witwe in
einem eigenen Haus wohnte, vertritt eine feste Meinung über die Arbeitsteilung
zwischen den Geschlechtern:
She believed there was women’s business and men’s business,
and she was prepared to protect any woman so long as she kept
to women’s business. She didn’t approve of women crossing over
to the men’ arena and causing confusion.16
Trotz dieser beschriebenen festgefahrenen Geschlechterstereotypen versucht Arike
sich unabhängiger zu machen. Diese Tante wird, da sie allein lebt, von der
Dorfgesellschaft als Hexe bezeichnet: „That convinced them she was truly a witch.“17
Um sich gegenseitig am Markt zu unterstützen, bilden die Frauen, die Wäsche färben
und am Markt verkaufen, eine Esusu-Gruppe.
I was the collector of my esusu group, and was responsible for
taking contributions from the members and making a payout each
month. We were all women in the group and we did not care for
savings banks.18
Susan Arndt merkt an, dass „[s]olche Frauenverbände […] ein Fundament des
afrikanischen Feminismus [bilden], ohne dass sie per se als feministisch gelten
können. Hier finden Frauen u.a. bei familiären und finanziellen Problemen solidarische
Unterstützung.“19 Diese Esusu-Gruppe arbeitet zusammen, um sich gegenseitig zu
schützen und zu helfen. Doch auch in dieser Gruppe gibt es immer wieder Neid und
Streitigkeiten, eine Marktfrau bemerkt sogar „Let me tell you, I’ve traversed this
country and it’s the same all over. We women, we sabotage each other instead of
working together. […] when the time comes, we wonder why we’re lagging behind the
men.“20 Die Gesellschaft in der Arike lebt ist patriarchal geprägt. Die Männer haben

14
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 131
15
ebd. S. 132
16
ebd. S: 129
17
ebd. S. 94
18
ebd. S. 124
19
Arndt, Susan: Kritische Distanz. Konzepte des afrikanischen Feminismus in Theorie und Literatur. In:
Akzente/ 104. Konzepte des afrikanischen Feminismus (Frauensolidarität) Nr. 100, 2/07.
(http://www.schattenblick.de/infopool/bildkult/litera/bklak104.html; Letzter Zugriff: 14.07.2011)
20
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 209f.
8

das Sagen über die Frauen, zum Beispiel verbietet ihr der Bruder ihres Mannes das
Motorradfahren: „I‘m ordering you now, as the head of this family, to stop riding.“21
Arike kann sowohl als Gegensatz- wie auch als eine Vorbildfigur für Tolani gesehen
werden. Auch sie war unsicher, ob sie nun „a child or woman, a daughter or wife?“22
sein solle. Als sie geheiratet hatte, hat sie sich nicht ihrem Mann untergeordnet. Sie
kämpfte schon zu dieser Zeit für ihre Unabhängigkeit von einem Mann und für ihren
eigenen Weg, unabhängig der Missbilligung der Gesellschaft.
3.3. Vater Ajao
Eine wichtige Determinante des ,Frau seins‘ Tolanis ist ihre Unsicherheit im Bezug auf
ihren biologischen Vater, da es Gerüchte gibt, dass Ajao unfruchtbar sei. Dies spiegelt
Tolanis Unsicherheit im Bezug auf ihr Leben wider.
Where would I begin anyway? Rose’s drugs, Sanwo’s 4-1-9, or my
fears about being a bastard child? I’d guarded that secret for
years, as closely as if I were bound to it by a covenant. Now, on
the one hand, I wanted to escape Lagos; on the other was the
possibility that, in my hometown, I would discover that I was not
my fahter’s daughter.23
Man könnte die Geschehnisse in Folge ihrer Unwissenheit über ihre Herkunft auch als
Identitätssuche lesen, wobei die Frauen in ihrer Umgebung als Beispiele für Wege, die
Tolani einschlagen könnte, zu stehen scheinen, worauf ich später noch näher
eingehen werde. Ajao kann als Behinderung für Arike gesehen werden. Er hält an den
alten Traditionen und Wertvorstellungen fest – wobei sein Beruf als Trommler dieses
Bild verstärkt - mit denen Arike jedoch zu brechen bzw. sie zu umgehen versucht. Ajao
hinterlässt seiner Ehefrau nichts, da er selbst nicht mit Geld umgehen konnte, wobei
Arike bemerkt „I saw the way your father was depleting our resources. I went straight
back to work couble time and hid what I earned from him.”24 Er weist seine Frau auch
immer wieder in ihre soziale Rolle zurück:
,This is my house. You’ve taken liberties for too long.‘ […] I
clapped. ,Me? Liberties? […] I cook for people I don’t know.
People who don’t care for me.’ […] ,Arike, it’s time you know your
place!’ […] ,Do not raise your voice to me, or else…’25
3.4. Rose
Eine weitere wichtige Determinante in Tolanis Leben ist Rose. Sie ist ihre
Mitbewohnerin und sie haben sich in der Bank kennengelernt. Sie kann als
Gegensatzfigur gelesen werden. Sie ist verantwortungslos und Tolani beschreibt
21
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 152
22
ebd. S. 94
23
ebd. S. 180
24
ebd. S. 208
25
ebd. S. 176f.
9

„Rose had been with eight men in the time I knew her. […] One man threatened to
pour boiling water on her; another kept coming to our office to see her, until she called
his house to tell him to stop and discovered he had a wife.”26 Rose verliert ihren Job
und ,gammelt’ vor sich hin. Zudem kann man sagen, dass sie im Gegensatz zu Tolani
als ,unweiblich‘ inszeniert wird. Durch ihre aufbrausende Art, ihren Hang zum Bier
trinken und durch ihren Kleidungsstil wirkt sie eher ,männlich‘, wenn sie zum Beispiel
sagt
Six months and no marriage, I’m free to meet someone else is my
rule. See you on Friday night. Take me to parties and nightclubs.
Buy me beer and don’t wake me up asking for yam and eggs.27
Rose wird als ,moderne Frau‘ dargestellt, die sich nichts von Männern sagen lässt und
unabhängig ist. Als Rose OC kennen lernt und glaubt, durch Drogenschmuggel einen
Weg aus der Armut zu finden, denn sie meint „[b]eing poor is what I’m ashamed of.“28
überredet sie auch Tolani mitzumachen, da Sanwo deren ganzes erspartes Geld
verloren hatte. Hier zeigt sich wieder, wie gegensätzlich diese beiden Charaktere sind.
Tolani ist verantwortungsbewusst und klug genug, dieses ,Jobangebot‘, wobei
angemerkt werden muss erst nachdem sie die Drogenpäckchen nicht schlucken kann,
auszuschlagen.
Rose und die anderen Frauenfiguren in diesem Werk können als Beispiele für einen
möglichen Lebensweg Tolanis gelesen werden. Wie bereits erwähnt, wird Rose als
Gegenpart zu Tolani dargestellt. Ihr Versuch aus dem armen Leben auszubrechen,
den sie mit ihrem Leben bezahlt, markiert im Werk den Wendepunkt und die
Entscheidung von Rose könnte auch als eine Möglichkeit für Tolani verstanden
werden. Dasselbe gilt für Mrs. Durojaiye, die Mutter von drei Söhnen, welche als
Krankenschwester im städtischen Krankenhaus arbeitet und von Tolani als tough,
streng und einsam beschrieben wird. Diese Figur steht als Beispiel für eine arbeitende
alleinerziehende Mutter, wobei Tolani jedoch gleich feststellt „What I knew for sure
was that I didn’t want to be like Mrs. Durojaiye, that tough and lonely. “29 Eine andere
Nebenfigur ist Violet, die Schwester von Rose, welche in Italien war um Geld zu
verdienen – wobei Tolani beschreibt „she was with a ring of Nigerian prostitutes.”30
während dieser Zeit - und danach zurückkehrte um einen Friseursalon zu eröffnen.

26
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 10
27
ebd. S. 9
28
ebd. S. 139
29
ebd. S. 64
30
ebd. S. 192
10

Auch diese Geschichte könnte man als Beispiel für einen Lebensweg, den Tolani
einschlagen könnte, lesen. Sie findet aber durch den Tod von Rose zu sich,
übernimmt die Verantwortung für ihr Leben und schlägt ihren eigenen Weg ein.
3.5. Traditionen
Generell ist anzumerken, dass Tolani zwischen dem modernen Leben einer Frau und
den Traditionen hin und her gerissen wird. Sie unterstützt ihre Familie bzw. Mutter und
muss die Mitgift berücksichtigen, wenn sie heiraten will. Diese Mitgift ist zudem einer
der Gründe, warum sich Sanwo immer wieder dagegen sträubt, sie baldmöglichst zu
heiraten. Sie lebt als moderne Frau in der Stadt und arbeitet, hat aber trotzdem kein
größeres Ziel als einen Mann zu heiraten. Sefi Atta zeichnet die Beziehung zwischen
Moderne und Traditionen auch mit Hilfe der Figur Arikes nach. Auch Tolani merkt
solche Unterschiede an: „For me, living in Lagos of the eighties, that situation was
hard to imagine, a time and place when a royal family could have so much power over
its people.“31 Viele Probleme Arikes haben sich verändert und bestehen für Tolani
nicht mehr. Ein Beispiel dafür wäre, die Vereinbarung einer Heirat durch die Familien
bzw. Zwangshochzeiten. Arike hat damit zu tun, als der Palast sie zur Frau des neuen
Oba („the ruler of Makoku“32) ernennen will:
“He [Arikes Vater] asked, ‘What? You disobey me twice? […] You
refused to marry the man I chose for you and now you refuse the
palace? What kind of daughter is this? This one wants to stay in
our compound until she becomes old. Too proud, this one, yet she
is not even that beautiful or graceful.’”33
Mit Hilfe ihrer verwitweten Tante, die einen Aufstand anzettelt, kann sie jedoch doch
noch Ajao heiraten.
3.6. Beruf
Eine weitere wichtige Determinante neben der Tradition ist ihr Beruf als Sekretärin bei
der The Federal Community Bank. Als Rose ihren Job verliert, übernimmt Tolani ihre
Stelle als Sekretärin von Mr. Salako, welcher schon Rose nicht respektvoll behandelt
hat. Mr. Salako respektiert auch Tolani nicht und berührt sie ungebührlich. Es geht
sogar so weit, dass sich Tolani selbst die Schuld für die Belästigung gibt, denn „I was
at fault in some way: the sexy shoes I liked and the fashionable clothes I wore?“34 Ihr
Vorgesetzter versucht sie gewaltsam in ein vorgefertigtes Rollenbild zu drängen,
welches Tolani zu einer schwachen, hilflosen und passiven Frau machen würde. Sie

31
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 90
32
ebd. S. 89
33
ebd. S. 93
34
ebd. S. 88
11

wehrt sich jedoch dagegen. Doch als Tolani die Belästigung durch Mr. Salako melden
will, nimmt dies keiner ernst und sie wird sogar suspendiert. „,Mr. Salako, you
assaulted me. You did, Mr. Salako.’ He was silent for a moment and then he said, ,I
am suspending you, Miss Ajao. For insubordination.”35 Das Problem ist, dass Tolani
existenziell von ihrem Beruf abhängig ist und sich daher nicht wehren kann. Bis Rose
sich für ihren Weg entscheidet. Dies ist die Wende und Tolani beginnt sich an ihrem
Chef zu rächen. Daraufhin verlässt sie die Bank und reist in ihr Heimatdorf zu ihrer
Mutter, nachdem sie erfahren hat, dass Rose gestorben ist.
4. Conclusio
Sefi Atta zeichnet mit ihrem Werk Swallow die Lebensgeschichte einer Frau in Nigeria
nach. Eine moderne, junge Frau und deren Probleme und die damit im
Zusammenhang stehendenden Ausschnitte des Lebens ihrer Mutter, welche als
Vergleiche und zur Betonung herrschender Umstände dargestellt werden. Die
Erzählabschnitte von Arike dienen als Vergleich zu Tolanis Leben. Damit betont die
Autorin die Entwicklung z.B. im Bezug auf Traditionen oder im Bezug auf die Frauen in
der Gesellschaft. Die Rollenbilder beherrschen Tolani stark und sie ist auf der Suche
nach ihrer Identität in diesem Spektrum. Durch ihre Unsicherheit bezüglich ihres
biologischen Vaters, werden ihre Probleme und Unsicherheiten in ihrem Leben
widergespiegelt. Wie bereits erwähnt, könnte man die anderen weiblichen Figuren als
Beispiele lesen, welche Tolani vorgeführt werden. Der Wendepunkt ist der Tod von
Rose. Die Autorin stellt ein umfassendes Bild von weiblichen Rollenfiguren und den
Determinanten, die Frauen prägen können, dar. Allen voran die männlichen Figuren,
welche den Weiblichen entgegengestellt werden und natürlich die anderen weiblichen
Figuren im Leben der Protagonistin. Wichtig ist anzumerken, dass Sefi Atta auch viele
historische Begebenheiten, wie z.B. den Kolonialismus und dessen Einwirkung auf
das Leben Arikes und Ähnliches, in die Geschichte einflechtet. Auch die Problematik
der Religionen und der Sprachen in Afrika bemerkt die Autorin, „How could I receive a
message properly if it didn’t come in exactly the way I spoke, […]?“36 Zudem wird der
vorherrschende Tribalismus angesprochen, so war „Rose [..] a total tribalist. She did
not trust Mama Chidi’s family because they were Igbo people.“37
Sefi Atta bietet mit ihrem Werk eine umfassende Darstellung der Herkunft und des
Lebens Tolanis als Frau in Nigeria.

35
Atta, Sefi (2010): Swallow, S. 186
36
ebd. S. 226
37
ebd. S. 242
12

5. Literatur

Primärliteratur:

Atta, Sefi (2010): Swallow. Massachusetts: Interlink Books.

Sekundärliteratur:

Aidoo, Ama Ata (1998): Literature, Feminism, and the African Woman Today. In:
Podis, Leonard A. und Yakubu, Saaka (Ed.) (1998): Challenging Hierarchies. Issues
and Themes in Colonial and Postcolonial African Literature. New York [u.a.]: Peter
Lang (Society and Politics in Africa, Vol. 5), S. 15-36

Arndt, Susan (2002): The Dynamics of African Feminism. Defining and Classifying
African-Feminist Literatures. (Translated by Isabel Cole). Trenton, NJ: Africa World
Press.

Arndt, Susan (2007): Kritische Distanz. Konzepte des afrikanischen Feminismus in


Theorie und Literatur. In: Akzente/104. Konzepte des afrikanischen Feminismus
(Frauensolidarität), Nr. 100, 2/07. (Letzer Zugriff: 14.07.2011;
http://www.schattenblick.de/infopool/bildkult/litera/bklak104.html)

Becker-Schmidt, Regina (1993): Geschlechterdifferenz – Geschlechterverhältnis:


Soziale Dimension des Begriffs „Geschlecht“. In: Zeitschrift für Frauenforschung 11,
Heft 1/2, S. 37-46. In: Hark, Sabine (Ed.)(2001): Dis/Kontinuitäten: Feministische
Theorie. Opladen: Leske + Budrich. (Lehrbuchreihe zur sozialwissenschaftlichen
Frauen- und Geschlechterforschung der Sektion Frauenforschung in der Deutschen
Gesellschaft für Soziologie, Band 3)

Nfah-Abbenyi, Juliana Makuchi (1997); Gender in African women’s writing: identity,


sexuality, and difference. Bloomington, Indianapolis: Indiana University Press.

Nünning, Vera und Ansgar Nünning (Hrsg.) (2010): Methoden der literatur- und
kulturwissenschaftlichen Textanalyse. Ansätze – Grundlagen – Modellanalysen.
Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler.