Sie sind auf Seite 1von 29

AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011

Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation


Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 1

Begriffe – Termini

Pidgin1
bezeichnet Sprachen mit reduzierter grammatischer Struktur, Lexikon und
Funktionalstilen. Bis vor kurzem war Pidgin keine Muttersprache (Berichten zu
Folge soll es heute in Lagos/Nigeria jedoch Menschen geben, die Pidgin als
solche verwenden). Bislang war es so, dass Sprecher verschiedener Sprachen auf
ein drittes Medium auswichen, d.h. über eine dritte Sprache miteinander
kommunizieren. In Afrika vor allem mit Englisch; aber in Nordnigeria z.B. als
„Pidgin-Ful“; Pidgin wird häufig als Verkehrssprache (lingua franca) verwendet;
die UNESCO spricht von Family language- Community language- Lingua
franca;

Kreolsprache2
ist eine Pidgin-Sprache, die zur Muttersprache eine Sprachgemeinschaft wurde.
Bei der Kreolisierung wird die Struktur, der Stil, Wortschatz der zugrunde
liegenden Pidginsprache erweitert, sodass diese in ihrer funktionalen und
formalen Komplexität anderer Sprachen vergleichbar wird. z.B. Krio (Sierra
Leone), Crioulo (Guinea Bissau, Kap Verde); De-Kreolisierung setzt ein, wenn
die Standardsprache beginnt, Einfluss auf ihre Kreol-Version auszuüben, sodass
sich schließlich zwischen beiden ein post-kreolisches (dialekt.) Kontinuum
entwickelt.

Ajami3
als Begriff wird im Besonderen in Nigeria für Ful-Schriftliteratur verwendet;
ajami kommt aus dem Arabischen und bedeutet barbarisch, nicht-arabisch;
„Ajamiya“ wird vor allem in der europäischen Beschreibung der in arabischer
Schrift verfassten Literatur verwendet. In Nigeria selbst sagt man eher
„Islamiya“ im Gegensatz zu „booko“ (latein. Schrift, „English script“);

Zöglingsliteratur4
Anfänge im späten 19., frühen 20. Jahrhundert (in Südafrika in Landessprachen;
im Senegal in Französisch;)
In einem typischen Roman der Zöglingsliteratur sind die auftretenden Christen
edel, gut, hilfreich und verständnisvoll. Die „braven“ Heiden werden als naiv,
verängstigt und hungrig nach der Erlösung durch die christliche Religion
1
Siehe u.a. Adler Max K 1977. Pidgins, Creoles and lingua francas, a sociolinguistic study.
Hamburg: Buske. (H.0.1.34.); Gilbert G G (ed) 2002. Pidgin and creole linguistics in the
twenty-first century. New York, Vienna u.a.: Lang. (H.0.1.21.)
2
siehe u.a. McWhorter J H 2005. Defining creole. New York u.a.: Oxford UP. (H.1.0.15.)
3
siehe u.a. Pilaszewicz Stanislaw/ Alhaji Umaru 2000. Hausa prose writing in Àjàmi by
A.U. Berlin: Reimer. /Sprache und Oralität in Afrika. 22./ (E.7.1.137.)
4
vgl. Jahnheinz Jahn 1966. Geschichte der Neoafrikanischen Literatur. S. 216ff. (S.7.0.6.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 2

beschrieben. Treten „intelligente“ Heiden auf sind diese verschlagen, böse,


hinterlistig, blutrünstig (trifft vor allem auf Werke im südlichen Afrika zu; im
frankophonen Raum besondere Hervorhebung der französ. Schulbildung;)

Der Großteil der Werke der Zöglingsliteratur in europäischen Sprachen blieb in


seiner literarischen Qualität mittelmäßig. Als Ausnahmen wären hier Joseph
Danquah5, Gladys Casely-Hayford6 und Paul Hazoumé7 zu nennen.

Oralliteratur8

Übergangsliteratur9
(engl. transitional texts; frz. textes transitaires)
ist eine literarische Gattung, die aus dem Spannungsfeld zwischen Oralität und
Literalität entstanden ist.
Texte dieser Art sind zwar der Form nach geschrieben, bedienen sich aber sonst
der stilistischen und inhaltlichen Merkmale der oralen Literatur.
1) Gebrauch einer auktorialen Erzählsituation, d.h. der Autor wendet sich
unmittelbar an seine Leser
2) Alle Dialoge werden in der indirekten Rede geschrieben
3) Auf der narrativen Ebene kommen zahlreiche Wiederholungen,
Ideophone, Sprichwörter, rituelle Dialoge und Lieder zum Einsatz
4) Chronologischer, nicht unterbrochener Handlungsablauf (der Autor setzt
keine Rückblenden ein)
5) Didaktische Intention
6) Charakterisierung von außerhalb, d.h. keine oder fast keine inneren
Monologe; das Individuum wird als Teil einer größeren Gruppe
geschildert, die wichtiger ist als der Einzelne
7) Unter der Oberfläche liegen traditionelle Erzählmuster vor (z.B. Happy
End, ...)

Der Übergang von mündlicher Dichtung zu Schriftliteratur wird in Afrika zum


Teil sehr gelungen realisiert. So von Aniceti Kitereza (Tanzania, 1896-
20.4.1981) in seinen auf Suaheli erzählten Werken, die erst nach seinem Tod im
Tanzania Publishing House 1981 auf Suaheli erschienen, unter dem Titel:
Bwana Myombekere na Bi. Bugonoka na Ntulanalwo na Bulihwali. (Dt. Die
Kinder der Regenmacher, 1991 und Der Schlangentöter, 1993). Erklärtes Ziel
5
wichtiger Politiker und Denker aus Ghana, damals Goldküste; z.B. mit dem Theaterstück
1943. „The Third Woman.“
6
Mutter: Adelaide Casely-Hayford (Sierra Leone), Vater: Joseph E. Casely-Hayford (Ghana);
Kurzgeschichten in Englisch; Gedichte in Englisch und Krio;
7
Aus Benin, damals Dahomey; mit dem historischen Roman 1935 „Doguicimi“
8
siehe Bibliografien zu den Themen 1, 2, 3.
9
vgl. Möhlig/ Jungraithmayr (eds)1998: 232. (S.10.0.47.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 3

von Kitereza war es, mit seiner Erzählung für nachfolgende Generationen das
vorkoloniale Afrika zu bewahren.

Bereits im Jahr 1959 wurde in Paris auf dem 2. Kongress der schwarzen
Autoren und Künstler eine Resolution verabschiedet, die eine Theorie von
einer Literatur des Übergangs propagierte. Diese sollte eine Kontinuität
zwischen der oralen Literatur und der neuen Schriftliteratur etablieren.

African-American Literature (AAL)10


AAL beginnt mit der oralen Performance mit Hilfe derer die afrikanischen
Sklaven die schrecklichen Lebenserfahrungen zu verarbeiten suchten.
Geschriebene Literatur entstand erst im 18. Jahrhundert, vor allem weil es
Sklaven verboten war, lesen und schreiben zu lernen.

Die erste geschriebene Literatur kommt aus den nördlichen und östlichen
Bundesstaaten wo Bildungsmöglichkeiten früher gegeben waren (Haussklaven
in reichen Bürgerhäusern). Die erste von Kritikern anerkannte afrikanisch-
amerikanische Autorin war Phillis Wheatley (ca. 1753-84) deren Elegien und
Gedichte unter dem Titel Poems on Various Subjects, Religious and Moral“
(1773) veröffentlicht wurden.

Wheatley, wie auch andere frühe Autoren (unter anderem Jupiter Hammon)
erkannten, dass jegliche Kritik der Sklaverei ihnen das Wohlwollen ihrer
Besitzer entziehen würde. Man appelliert, die Menschlichkeit der Afrikaner
anzuerkennen, manchmal wird mit Hilfe von Symbolismen unterschwellig auf
europäische Vorurteile hingewiesen.

Ab dem späten 18. Jahrhundert kommt es zu einer merkbaren Zunahme von


Werken AAL. Lebensberichte ehemaliger Sklaven machen den Großteil der
Beiträge aus.
Berühmtes Beispiel ist Olaudah Equiano (ca. 1745-97), mit seinem
Lebensbericht „The Interesting Narrative of O.E. or Gustavus Vassa, the
African, Written by Himself.“ (1789) und Frederick Douglass mit seiner
Autobiografie „Narrative of the Life of Frederick Douglass,an American Slave.“
(1845)

Im 19. Jahrhundert entstanden erste Romane und Theaterstücke, die William


Wells Brown veröffentlichte:
1853. Clotel; or the President’s Daughter (R)
1858. The Escape. (Th)

10
vgl. Killam/ Rowe (eds) 2000: 6-8. (S.0.0.32.); früher waren die Bezeichnungen „Black-
American“ und „Afro-American“ üblich;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 4

wobei die Übel der Sklaverei im Mittelpunkt des Interesses des Autors stehen.
Einer der bekanntesten Poeten und Romanciers des ausgehenden 19.
Jahrhunderts war Paul Laurence Dunbar, der vor allem wegen seiner
komischen Dialektgedichte (1892) bekannt geworden war, ebenso wegen seiner
romantischen Themen und wegen der künstlerischen Auseinandersetzung mit
seiner „Black Heritage“.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte sich eine Afrikanisch-
Amerikanische Mittelschicht und Intelligenzia. Es gab massive Afrikanisch-
Amerikanische Migrationsbewegungen in die Städte und politische Aktivisten
wie W.E.B. Du Bois und James Weldon Johnson, die auch literarische Werke
publizierten.

Ein neues Bewusstsein entstand- heute unter dem Namen Harlem


Renaissance11 (1920er, 1930er Jahre) bekannt. Mit der Entwicklung der Harlem
Renaissance, den realistischen Romanen der 1940er und 1950er Jahre, der
Bürgerrechtsbewegung und der Black Consciousness-Bewegung der 1960er und
1970er Jahre und der Literatur der letzten Jahrzehnte werden wir uns näher bei
Themen und Einflüsse befassen.

African-British-Literature (ABL)12
ABL nahm ihren Anfang im 18. Jahrhundert- mit Autobiografien befreiter
Sklaven. Literatur im engeren Sinn setzt verstärkt ab der Mitte des 20.
Jahrhunderts ein. Dabei nimmt Rap und Dub-Poetry Afro-Karibischer Briten
eine Sonderstellung ein, da hier nachgewiesen wurde, dass den Ausgangspunkt
afrikanische Oralliteratur (African Oral Tradition) bildet.

Die frühen autobiografischen Werke geben uns Einblick in die unmenschlichen


Grausamkeiten der Sklaverei, aber auch in die Scheinheiligkeit der sich als
bekennende Christen deklarierenden Sklavenhalter und nicht zuletzt in das
schwere Los, als Afrikaner im Großbritannien des 18. und 19. Jahrhunderts

11
damals unter dem Begriff „New Negro Movement“ bekannt; dieser Terminus geht auf das
Werk The New Negro: An Interpretation /1925/ von Alain LeRoy Locke (1885-1964)
zurück; Locke wird auch als „Vater der Harlem Renaissance“ bezeichnet und veröffentlichte
unzählige Artikel und zahlreiche Bücher (siehe u.a. Harlem: Mecca of the New Negro. In:
Survey Graphic 6.6 /1925/; Locke selbst erlebte Rassendiskriminierung „hautnah“ u.a. wurde
er an versch. Oxford Colleges abgewiesen, ehe er an der Howard University eine Professur
für Englisch erhielt.
12
vgl. Killam/ Rowe(eds) 2000: 8-10. (S.0.0.32.); heute „Black British Literature“, siehe
dazu u.a. Mark Stein 2004. Black British Literature. Novels of Transformation. B & T; Kadija
Sesay (ed) 2005. Write Black, Write British: from Post Colonial to Black British Literature.
Hansib Publications.
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 5

leben zu müssen. Einem Großbritannien, das unter anderem durch die Arbeit der
Afrikaner immer wohlhabender wurde.
Ukawsaw Gronni Osaw, Ignatius Sancho
Ottobah Cugoano, Olaudah Equiano
Mary Prince, Mary Seacole wären als frühe AutorInnen zu nennen.
Ihre Erzählungen hatten besondere Bedeutung, da man noch im Zeitalter der
Aufklärung ungeniert die Frage aufwerfen konnte, ob Schwarze denn Menschen
seien.

John Newton beschrieb, wie die Sklaven in den Sklavenschiffen auf ihrem Weg
nach Amerika verpackt waren „like books upon a shelf“. Diese Bedeutung der
Transformation von „shelved books“zu „creators of books“ wurde von vielen
frühen Autobiografen erkannt. Sie nannten sich stolz African, Negro oder
African Slave und betonten, dass die Werke von ihnen selbst 13 verfasst wurden.

Die frühen Erzählungen haben auch Bedeutung als Vorläufer für die Periode der
Selbstbejahung, die afrikanische Autoren in den nationalistisch geprägten
1950er und 1960er Jahren beschäftigte. Die Ex-Sklaven redefinierten ihr
afrikanisches Selbst durch Lebensbejahung und weniger durch Negation- sie
sahen sich als black und weniger als non-white, als African und nicht als non-
European. Schon Equiano kehrt die Farbsymbolik um, indem er bemerkt, dass
in seiner Igbo-Kultur die Europäer mit ihrer „albino“-Hautfarbe diejenigen sind,
die als abnormal angesehen werden.

African-Canadian-Literature (ACL)14

In Kanada wurden die letzten rassistischen Gesetze erst 1967 abgeschafft. Bis
dahin gab es ein Einwanderungsgesetz, das die Immigration von „Schwarzen“
verbot (anti-black immigration laws). Trotzdem wurde bis zu diesem Zeitpunkt
Literatur von Afro-Kanadiern verfasst. Es waren Nachkommen von aus Afrika
verschleppten Menschen, die zum Teil schon im 18. Jahrhundert auf sich
aufmerksam machten.

Dies waren unter anderen David George (Baptist) und Boston King
(Methodist), zwei religiöse Führer, die während des amerikanischen
Bürgerkrieges der Sklaverei entflohen waren. Zusammen mit 3500 Anhängern
wurden sie nach dem Sieg Amerikas in Nova Scotia (1783) angesiedelt. 9 Jahre
später reisten David George und andere nach Sierra Leone, wie wir in Georges

13
„written by himself“, vgl. O. Equiano (1745-1797) The Interesting Narrative of the Life of
Olaudah Equiano or Gustavus Vassa the African, written by himself. 9. erw. Aufl. London.
1794. (U.3.5.5.)
14
vgl. Killam/ Rowe (eds) 2000: 10-13. (S.0.0.32.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 6

Werk aus dem Jahr 179315 nachlesen können. Fünf Jahre später, 1798 erschien
„Memoirs of the Life of Boston King, a Black Preacher, Written by Himself
during His Residence at Kingswood School.“ Beide Werke geben Zeugnis über
diese unrühmliche Periode europäisch-amerikanischer Geschichte.

In den 1920er Jahren finden wir Einflüsse der „Universal Negro Improvement
Association“ des Jamaikaners Marcus Garvey, dessen Slogan „Africa to the
Africans“ viele begeisterte16.

Pan-Afrikanismus17 und Afro-Zentrismus18 sind zwei Begriffe, die auf diese


Zeit zurückgehen. Unter Pan-Afrikanismus verstand man die geistige Einheit
und Solidarität von Menschen afrikanischer Herkunft, der sich besonders im
nationalistischen Ideal des Afro-Zentrismus niederschlug und als
Gegenbeweung zu Eurozentrismus und Rassismus zu sehen ist. Dessen
Forderung war: die kulturelle, philosophische und religiöse Erziehung/ Bildung
von Menschen afrikanischer Abstammung müsse auf ihr afrikanisches Zentrum
(essence) gerichtet sein. Ägypten spielte dabei als Wiege der afrikanischen
Philosophie eine besondere Rolle. In den letzten Jahrzehnten setzen sich afro-
zentrische TheoretikerInnen verstärkt mit dem Eurozentrismus auseinander und
stellen diesen in Frage.

Frantz Fanon gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der pan-
afrikanischen/ „schwarzen“ nationalistischen Bewegung und hat bis heute
großen Einfluss. Seine Werke „Peau noire, masques blancs“ (1952) und „Les
damnés de la terre“ (1961) sind für viele afrikanische und afro-kanadische
Autoren von prägender Bedeutung geworden.

Austin Clarke arbeitet in einem Essay (1992) die Antipathie der Afro-Kanadier
gegen den „höflichen“ Rassismus der Kanadier heraus. In seinem Kurzroman
„Nine Men Who Laughed“ (1986) bezeichnet er moderne Immigranten als
„Pseudo-Sklaven“.

15
An Account of the Life of Mr. David George, from Sierra Leone in Africa.
16
Der bereits erwähnte Alain LeRoy Locke hatte es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht,
afrikanisch-amerikanische Künstler, Musiker und Schriftsteller zu ermuntern, sich bei ihren
Arbeiten von Afrika inspirieren zu lassen.
17
Siehe u.a. Opoku Agyeman 1997. Pan-Africanism and its detractors. Lewiston u.a.: Mellen;
Hakim Adi/ Marika Sherwood 2003. Pan-African history. Political figures from Africa and
the diaspora since 1787. London u.a.: Routledge;
18
Siehe u.a. Black Athena (3 Vols. 1987, 1991, 2006) von Martin Bernal, Civilisation et
barbarism von Cheikh Anta Diop;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 7

Der Pan-Afrikanismus hat sich in der afro-kanadischen Literatur unter anderem


auf religiösem Weg manifestiert:
- in einem anti-westlichen Islam
- in der Aufnahme traditioneller afrikanischer Gottheiten
- in der Integration des Rastafarianismus (Dieser hat seinen Ursprung in
Jamaika und sieht Haile Selassie von Äthiopien als „Messias“ an und
Afrika als „Gelobtes Land“. Das zeigt sich in den Gedichten von Dub-
Poeten und „Oral-Performance“-Dichtern.)

Der afrikanische Kontinent und die Geschichte Afrikas findet ebenfalls Eingang
in die afro-kanadische Literatur. Seit Mitte der 1970er Jahre findet die afro-
kanadische Literatur auch in Anthologien Verbreitung. So in dem Band „One
Out of Many: A Collection of Writings by 21 Black Women in Ontario.“ (1975)
Fantasie-Autor Charles R. Saunders schrieb in den 1980er Jahren drei Romane
um den Helden Imaro, der mit Kräften wie Herkules ausgestattet ist und
gleichsam dessen afrikanischer Gegenpol. 1992 wurde „Voices: Canadian
Writers of African Descent“ von Ayanna Black herausgegeben.

African-Caribbean-Literature (ACbL)19
Die kulturellen Beziehungen zwischen Afrika und der Karibik sind sehr eng,
wobei drei Faktoren beim Studium beachtet werden sollten:
- Sowohl Sklaverei als auch Kolonialismus attackierten die afrikanische
kulturelle Identität über hunderte von Jahren systematisch. Man ging so
weit, dass man Menschen afrikanischer Herkunft, die die Ablehnung
Afrikas bereits internalisiert hatten, hierzu engagierte.
- Distanz und Trennung verursachen kulturelle Veränderung- sogar wenn
die ursprüngliche kulturelle Identität nicht angegriffen wird.
- Die Karibik ist eine Region multikultureller Prägung, wo Synkretismus
und reine „Erfindung“ alle kulturellen Elemente geprägt haben.

Aber: Afrikanische Identität und afrikanische Kultur bilden die Grundlage, die
der armen und entrechteten afrikanischen Mehrheit in der Karibik Kraft gab, zu
widerstehen und Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus und Armut zu überleben.
Trotzdem schrieb der aus Barbados stammende Autor George Lamming im
Jahr 1966, dass das „Konzept Afrika“ noch nicht in das Bewusstsein der
Intellektuellen der Westindischen Inseln gedrungen sei.

Black Literature
Dieser Terminus wurde im deutschen Sprachraum durch das gleichnamige Werk
von E. Breitinger20 bekannt.
19
Vgl. Killam/ Rowe (eds) 2000: 13-15. (S.0.0.32.)
20
siehe: E. Breitinger 1979. Black Literature. München: Finke.
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 8

Er versteht darunter die „schwarzen“ Literaturen Afrikas, der USA und der
Westindies. Nach Meinung Breitingers sind alle Schwarzen kulturell
miteinander verbunden. Er definiert „Black Literature“ anhand des Konzeptes
des Panafrikanismus. Weitere wichtige Gemeinsamkeit ist seiner Meinung
nach die Auseinandersetzung mit der „weißen“ Kultur und die versuchte
Abgrenzung zu dieser. Wobei sowohl in Afrika wie auch in den USA und
Westindien „Black Literature“ zunächst orale Literatur gewesen war. Ende des
19. Jahrhunderts begannen Autoren „schwarzer“ Hautfarbe schriftliche Werke
zu schaffen.21 Wobei die „afrikanische Kultur“ von afro-amerikanischen und
westindischen Autoren in ihre Werke eingearbeitet wird, umgekehrt von
afrikanischen Autoren selten. Die regionalen Besonderheiten zeigen sich sowohl
in der Thematik, in der Gestaltung der Charaktere und nicht zuletzt in der Wahl
der Schauplätze.

Pan-Afrikanismus22
Eine erste Konferenz wurde von Henry Sylvester Williams (1869-1911,
Trinidad) im Jahr 1900 in London einberufen.23 Mehreren Themen wurde dabei
mit besonderer Aufmerksamkeit herausgearbeitet.

- Protest gegen die Aggressionen der weißen Kolonisatoren


- Appell an Missionare und Abolitionisten (Sklavereigegner), die Afrikaner
zu beschützen
- Menschen afrikanischer Herkunft sollten in der ganzen Welt einander
näher gebracht werden; eine bessere Beziehung zwischen Asiaten und
Afrikanern sei herzustellen
- Beginn einer Bewegung, die allen Afrikanern volle Rechte zusichert

Sowohl Protest- wie Befreiungsthemen wurden von dem aus Jamaika


stammenden Marcus Garvey (1887-1940) mit seiner „African-Redemption“-
Bewegung aufgegriffen und verfolgt. „I know no national boundary where the

21
in Afrika begünstigt durch die Aktivitäten der christlichen Missionare, in den USA und
Westindien nach der Abschaffung der Sklaverei;
22
Die Aktualität der Panafrikanismus-Diskussion zeigt der Vortrag von Paul Tiyambe
Zeleza, „Pan-Africanism in the Age of Obama“ der 2009 am International African Institute,
London im Rahmen der „Lugard Lectures“ gehalten wurde;
http://internationalafricaninstitute.org/downloads/Lugard lecture 2009 Pan-Africanism in the
Age of Obama.pdf (24.10.2010)
23
Williams hatte bereits 1897 die African Association gegründet, die später in Pan African
Association umbenannt wurde; auch WEB Du Bois hatte an dieser ersten Konferenz
teilgenommen und dort den später berühmten Satz „the problem of the 20th century is the
problem of the colour line“ gesagt, der als wichtigste Statement dieser ersten Konferenz
gesehen wird;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 9

Negro is concerned. The whole world is my province until Africa is free.“ sagte
er provokativ.

Ab 1919 24 wurden weitere Konferenzen von W.E.B. Du Bois (1868-1963)


organisiert. Die Synthese der verschiedenen Ideen erfolgte auf der Konferenz in
Manchester, 1945. Du Bois und Garvey waren gegensätzliche Persönlichkeiten,
wobei ersterer ein Gelehrter und Wissenschafter war, zurückhaltend und
diplomatisch agierte. Garvey hingegen war Autodidakt, ein großer Orator und
Showman, herausfordernd und der Führer einer Massenbewegung.

Aber nicht nur die Persönlichkeiten waren Grund verschieden, sondern auch
deren politischen Ziele:
Du Bois zielte auf die Beteiligung der Afrikaner in den Regierungen der
jeweiligen Länder bzw. für Treuhandschaft, wo die Menschen als noch nicht
bereit für Selbstregierung angesehen wurden.
Garvey dagegen wollte alle „Afrikaner“ in der ganzen Welt vereinen und auf
diese Weise den Kolonialismus bekämpfen bzw. Afrika nach dem Beispiel der
USA zu einer Vereinten Nation machen, wobei er vier Grundprinzipien vertrat:
- Gemeinsame Abstammung aller Afrikaner und der Wunsch nach einer
Einheit des Kontinents als Voraussetzung für die Lösung von Problemen
- Garvey spricht von Negro oder African Personality
- Ablehnung jeder Fremdherrschaft und deren Auswirkungen, die die
Entwicklung aller Afrikaner behindert
- Gefordert wird sozialer Wandel, einschließlich der kulturellen
Regeneration und Reaktivierung der Kulturen der Welt

Garvey sah in der Römisch-Katholischen Kirche das Ideal des Universalismus,


den er auch für die „Negroes“ forderte (S.38). Er betonte wiederholt sein
“Negro“-Sein und beeinflusste Männer wie Kwame Nkrumah25 nachhaltig!

Für Du Bois bedeutete Pan-Afrikanismus Selbstbestimmung aller Afrikanischen


Völker und er hatte sich in der Folge bald mit der Gegnerschaft Garveys
auseinanderzusetzen. Garveys Konferenzen wurden „Conventions“ oder
„Parliaments“ genannt, die erste fand im August 1920 in New York statt. Im
selben Jahr wurde in Lagos die „Universal Negro Improvement Association“.

24
verschiedene Quellen bezeichnen die Konferenz von 1919 als den 1. Pan-Afrikanischen
Kongress; 1921, 1923, 1927 und 1945 folgten weitere;
25
Nkrumah war eher ein Vertreter des „Pan-Kontinentalismus“ im Gegensatz zu Senghor, der
in seiner Négritude eher einen „Pan-Subkontinentalismus“ vertritt; vgl. V.B. Thompson
1969. Africa and Unity. The Evolution of Pan-Africanism (O.0.0.4.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 10

Für Garvey war Du Bois ein Verräter, ein „White Man’s Nigger“, während Du
Bois Garvey als „verrückt“ bezeichnete. Als Garveys Versuche einer
Wiederansiedlung von Afro-Amerikanern in Liberia scheiterten und in der Folge
seine Bewegung im Jahr 1925 zerbrach, fand Du Bois auch Worte des Lobes für
seinen politischen Gegner. Garvey jedoch warf Du Bois 26 Sabotage vor.
Ungeachtet der politischen und persönlichen Differenzen waren mit Garvey und
Du Bois zwei pan-afrikanistische Ideen geboren:
die des Vereinigten Afrika bzw. die der Unabhängigen Staaten Afrikas.

Du Bois27 schreibt:
„The idea of one Africa to unite the thought and the ideals of the dark
continent belongs to the twentieth century and stems naturally from the
West Indies and the United States. Here various groups of Africans, quite
separate in origin, became so united in experience and so exposed to the
impact of new cultures that they began to think of Africa as one idea and
one land.“ (S.7)

Garvey spricht davon „to help the Negro to help himself“. In New York ruft er:
„Wake up, Ethiopia! Let us work towards the one glorious end of a free,
redeemed and mighty nation.“

Black Atlantic28
bedeutet als Begriff die breite Kulturzone, die den Atlantischen Ozean umfasst
und in dem Menschen afrikanischer Herkunft leben.

Black Atlantic umschließt den Großteil des Sub-Saharanischen Afrika, viele


Regionen Südamerikas, die gesamte Karibik, große Teile Nordamerikas und
mehrere Teile Westeuropas. Das Konzept „Black Atlantic“ dient auch als Label
für Erscheinungen (items) in dieser Zone, z.B. „Black Atlantic Writer“, „Black
Atlantic Novel“.

Die erwähnten fünf Regionen waren bis um 1400 n. Chr. voneinander isoliert.
Spürbare Änderung brachte die „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus im
Jahr 1492, noch viel stärkere Auswirkungen hatte aber der 1516 einsetzende
Sklavenhandel in die „Neue Welt“. Es dürften im Lauf der nächsten 300 Jahre
mindestens 10 Millionen Afrikaner nach Nord- und Südamerika bzw. in die
Karibik verschleppt worden sein, die in den jeweiligen Gebieten eine eigene
Diaspora-Kultur entwickelten.

26
er hatte Liberia im Jahr 1924 besucht
27
in: The World and Africa. 1946. (.0.0.32.)
28
vgl. Killam/ Rowe (eds) 2000: 44-45. (S.0.0.32.);
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 11

Einflüsse nach Afrika setzten erst im 20. Jahrhundert ein, Langston Hughes,
der Poet der Harlem-Renaissance wurde wichtig für die Dichter der Négritude,
der aus Martinique stammende Frantz Fanon spielte eine wichtige Rolle in der
pan-afrikanischen politischen Diskussion.

Trotz der nunmehr verstärkten Beziehungen sah man die fünf Regionen nach
wie vor als relativ isoliert voneinander. Dies änderte sich 1993 mit der
Veröffentlichung des Buches The Black Atlantic durch den schwarzen
britischen Soziologen Paul Gilroy (*1956), der forderte, „that this massive area
should be thought of as a single space.“ Wobei Gilroy betont, dass er sich nicht
auf die „schwarze Welt“ beschränken wolle, da Schwarze und Weiße im Raum
des Atlantic „are unthinkable without each other“. Ein weiteres wichtiges
Merkmal von Gilroys Atlantic-Konzept ist die Tatsache, dass es kein Zentrum
gibt. Er geht vielmehr davon aus, dass jeder Teil- in unterschiedlichem Ausmaß-
Einfluss auf die anderen habe.

Als Beispiele wären zu erwähnen:


Pablo Picasso und zentralafrikanische Skulpturen
V.Y. Mudimbe und die griechischen und lateinischen Klassiker
Solomon Plaatje und W.E.B. DuBois
Ngugi wa Thiong’o und Frantz Fanon
Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor
Miles Davies und Hugh Masekela
Négritude und Surrealismus

Ob und wie lange sich das Konzept halten wird, ist fraglich. Befürworter lobten
unter anderem die tief gehende Auseinandersetzung Gilroys mit wichtigen
Persönlichkeiten in den verschiedenen Regionen, seine Ablehnung des
Ethnozentrismus, das Aufzeigen von Verbindungen zwischen Schwarzen und
Juden, die Analyse der modernen Musik etc.
Kritiker warfen Gilroy vor, sich zu sehr mit Ästhetik und Philosophie und zu
wenig mit dem Leid der Schwarzen auseinandergesetzt zu haben29. Auch sei der
wirtschaftliche Aspekt zu kurz gekommen und nicht zuletzt die Verurteilung der
Ungleichheiten, die immer noch existierten.
Aus afrikanischer oder afrikanistischer Sicht ist das wichtigste Faktum, dass
Gilroy Afrika selbst zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Er diskutiert die
USA, GB und die anglophone Karibik, bedauert die Vernachlässigung der
südamerikanischen Diaspora, der Ausschluss Afrikas verursacht ihm dabei kein
Unbehagen. Obwohl Afrika natürlich der Ausgangspunkt der ganzen Diskussion
sein sollte, da das Konzept „Black Atlantic“ ohne Afrika gar nicht existieren
würde.
29
ein Vorwurf, der auch gegenwärtigen Theoretikern des Afrozentrismus gemacht wird;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 12

Toni Morrison30 verwendet in ihrem Essayband den Terminus „Africanism“


um die europäische Erfindung (invention) von „Afrika und den Schwarzen“ in
einen Zusammenhang zu bringen. Die Autorin streicht heraus, dass jede Analyse
hegemonischer Muster notwendigerweise an ihre Grenzen stößt, wenn sie nicht
ausschließlich auf ihre Objekte/ Opfer konzentriert ist. Es sei notwendig „to
avert the critical gaze from the racial object to the racial subject; from the
described and imagined to the describers and imaginers; from the serving to the
served.“

Durch KritikerInnen wie Morrison inspiriert, etablierten sich in den 1990er


Jahren in den USA und Großbritannien die so genannten „Whiteness Studies31“.

A central tenet of whiteness studies is a reading of history and its effects on the
present, inspired by postmodernism and historicism, in which the very concept
of race is said to have been socially constructed in order to justify
discrimination against non-whites. Since the 1800s, critics of the concept of race
have questioned if human races even exist and pointed out that arbitrary
categories based on phenotypical characteristics are chosen, and that the idea
of race is not about important differences within the human species.“32

Commonwealth-Literature33
beschränkt sich auf das Englische als Literatursprache, da CL in den
(mittlerweile z.T. ehemaligen) Ländern des „Commonwealth of Nations“ zu
finden ist, die als „unabhängige“ Staaten (allen voran Indien im Jahr 1947) eben
diesem Commonwealth beitraten, wobei auch die englischsprachigen
afrikanischen Literaturen hier einbezogen wurden.

Während der Phase der Dekolonisierung war das Interesse von Europäern an
Werken aus Afrika (die später in die „Third World Literature“ eingeordnet
wurden) immer stärker geworden. Die AutorInnen außerhalb Europas, auch jene
die dem Commonwealth angehörten, begannen eine neue Herausforderung zu

30
in: Toni Morrison 1992. Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination.
Cambridge, Mass., & London: Harvard University Press.
31
vgl. u.a. F. Fishkin 1995. Interrogating ‚Whitness’, complicating ‚Blackness’. Remapping
American Culture. In: American Quarterly 47-3: 428-466. Im deutschen Sprachraum setzt
man sich inzwischen in Werken wie: Weiß-Weißsein-Whiteness: Kritische Studien zu Gender
und Rassismus, Hrsg. Martina Tissberger u.a. /2009/ mit dem Thema auseinander;
32
vgl: http://en.wikipedia.org/wiki/Whiteness_studies (30.10.2008); weiters u.a. Ina Kerner
2007. Challenges of Critical Whiteness Studies. http://translate.eipcp.net/strands/03/kerner-
strands01en (30.10.2008), deren Artikel eine hilfreiche Bibliografie zum Thema liefert;
33
Der Ausdruck wird heute z.T. hinterfragt; wir finden u.a. „New Literatures in English“;
„Modern Literatures of the Non-Western World“ (vgl. Jayana Clerk & Ruth Siegel 1995);
siehe u.a. http://mural.uv.es/maloma/common.htm
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 13

erkennen- um einerseits eurozentrische Vorurteile abzubauen und andererseits


Verständnis für ihre Anliegen in der europäischen Leserschaft zu wecken.
Literarische Texte afrikanischer AutorInnen wurden allmählich auch in Europa
als sprachliche Kunstwerke wahrgenommen.

ACLAS (The Association for Commonwealth Literature and Language Studies)


war im Jahr 1964 während einer Konferenz an der Universität von Leeds
gegründet worden. Ziele waren und sind die Abhaltung von Seminaren,
Workshops, Konferenzen- immer unter reger Teilnahme von AutorInnen aus
den „Commonwealth-Ländern“34. Eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung mit der CL spielt The Journal of Commonwealth
Literature35, welches 1966 zum ersten Mal herausgegeben wurde.

Dichtung - Literatur
Darstellende Kunst: Musik- Dichtung - Tanz

Was ist Dichtung?


Definiert wird Dichtung als:
1.) sprachliches Kunstwerk: lyrische, epische, dramatische Dichtung
Dichtkunst
1.) wird als das dichterische Schaffen einerseits/ als die Fähigkeit, ein dichterisches
Kunstwerk hervorzubringen, andererseits definiert
2.) die Dichtung, Poesie als Kunstwerk
Literatur36
wird definiert als Künstlerisches Schrifttum, Belletristik37
Literaturgeschichte
Unter Literaturgeschichte versteht man
a) die Geschichte der Literatur
b) ein Werk, das die geschichtliche Darstellung der Literatur enthält
Literaturwissenschaft
wird definiert als Wissenschaft, die sich mit der Literatur einer oder mehrerer
Sprachen im Hinblick auf
Geschichte, Form, Stilistik, Interpretation, Rezeption, soziale Voraussetzungen
etc. befasst

34
siehe u.a. http://www.aclals.ulg.ac.be/ Im Aug. 2007 hatte in Vancouver die letzte
Konferenz stattgefunden, Tagungsort der nächsten (im Juni 2011) wird Nikosia sein;
35
http://jcl.sagepub.com/
36
Vgl. J P Sartre 1948. Was ist Literatur? In: Orphée Noir. Vorwort zu L S Senghor (ed)
Anthologhie de la nouvelle poésie nègre et malgache de langue française. Paris. (V.0.0.8b)
37
die man auch als „schöngeistige Literatur“ bezeichnet (siehe z.B. www.christian-von-
kamp.de/Literatur/Definitionen-Literatur.htm ;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 14

Afrikanische Literatur38

Die überlieferte Dichtung Afrikas ist die so genannte Oralliteratur, das heißt,
die von Generation zu Generation mündlich überlieferte Dichtung. Wir finden
sie bei allen Völkern und in allen Sprachen des afrikanischen Kontinents. Wir
werden uns besonders bei Thema 2 (Dokumentation und Erforschung) mit der
mündlichen Dichtung Afrikas beschäftigen.

Seit Afrikaner mit den arabischen und den westlichen Kulturen in Kontakt
kamen, verfassten sie schriftliche Werke, wobei erstere eine viel längere
Tradition in Afrika haben. Seit dem 16. Jahrhundert wird in europäischen
Sprachen geschrieben- von ehemaligen Sklaven, die nach Europa oder Amerika
verschleppt wurden und später ihre Freiheit erhielten. Mit der Errichtung von
Schulen durch Missionare entstanden auch in Afrika selbst geschriebene
literarische Werke in afrikanischen und europäischen Sprachen.

Die Schriftliteraturen Afrikas entstanden im Überschneidungsbereich von drei


Kulturgebieten: den afrikanischen, islamisch-arabischen und westlichen.

Jahnheinz Jahn (1966:16) nennt die Literatur im Überlappungsbereich der


afrikanischen (bei ihm agisymbisch) und der islamisch-arabischen Kulturen die
afro-arabische Kultur. Die Literatur, die im Schnittpunkt afrikanischer und
westlicher Kulturen zu finden ist, nennt er neoafrikanische Literatur. Die
neoafrikanische Literatur ist nach Janheinz Jahn Erbe zweier Traditionen: der
traditionell afrikanischen Literatur (damit meint er die Oralliteratur) und der
westlichen Literatur. Sie ist nach Jahn Schriftliteratur und kann sowohl in
afrikanischen als auch in europäischen Sprachen verfasst sein.
Jahns Aufbau wäre heute insoweit zu ergänzen, als die neoafrikanische Literatur
nicht zwangsläufig schriftlich sein muss, sondern ebenso mündlich geschaffen
und weitergegeben werden kann. Anders ausgedrückt, könnten wir den
Ausdruck „traditionell“ hinterfragen.

Definition – Afrikanische Literatur(en)

Wenn wir „Afrikanische Literatur“ definieren wollen, ist zu bedenken, dass in


diesen Terminus die Dichtkunst eines ganzen Kontinents gefasst werden soll.
Gehen wir von der gegenwärtigen Situation aus, ist dies die Dichtung in über 50
Staaten in mindestens 2000 Sprachen. Die Vielzahl der mündlichen und
schriftlich verfassten Werke ist heute nicht mehr überschaubar. Diese Tatsache
hatte zur Folge, dass im Laufe der Forschungsgeschichte der afrikanischen

38
Sekundärliteratur dazu siehe: Bibliografie
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 15

Literatur eine Reihe von Betrachtungsweisen und Analysemethoden zur


Anwendung kamen.

Generalisierungen wurden und werden gemacht- man darf aber nicht übersehen,
dass es eine Vielzahl von Aspekten gibt, unter denen wir „Afrikanische
Literatur“ betrachten können und dass die Literatur selbst ebenso
unterschiedlich und vielfältig ist.

Lewis Nkosi (1981:7) bemerkt, dass es problematisch sei, von „Afrikanischer


Literatur“ zu sprechen. Er stellt die provokante Frage „What is so African
about this literature?“

Bei ersten Konferenzen in den 1950er Jahren (u.a. an der Makerere-Universität,


Uganda, 1952) wurde immer wieder versucht, den Terminus „Afrikanische
Literatur“ näher zu bestimmen.
Wiederholt stellten sich die versammelten Autoren und Künstler dieselben
Fragen:
Sollte „Afrikanische Literatur“ Afrika zum Thema haben, oder könne sie jedes
Thema aufgreifen?
Müsse der Verfasser afrikanischer Herkunft sein?
Oder genüge es, wenn die Literatur in Afrika produziert werden würde?
Sollte afrikanische Literatur in einer afrikanischen Sprache verfasst sein oder
könnte sie auch in (damals) Kolonialsprachen geschrieben werden?

Beim „Congress of African Artists“ in Accra (1962) gab es heftige Debatten


bezüglich der Definition des Begriffes „Afrikanische Literatur“.
Chinua Achebe wollte auf eine Definition überhaupt verzichten,
Obi Wali stellte die Forderung auf, dass Afrikanische Literatur ausschließlich in
afrikanischen Sprachen verfasst werden müsse.
Dies führte zu heftigen Reaktionen sowohl anglophoner wie frankophoner
Autoren, deren Werke nach Walis Ansicht nicht mehr zur Afrikanischen
Literatur zu rechnen wären39.

Im Jahr 1963 wurde bei einer weiteren Konferenz am Fourah Bay College in
Freetown (Sierra Leone) folgende Definition erarbeitet: „... any work in which
an African setting is authentically handled or to which experiences which
originate in Africa are integral.“ (Nkosi 1981:9)

39
Diese 1962 noch zu radikale Forderung sollte erst in den späten 1970er Jahren durch den
Kenianer Ngugi wa Thiong’o einen Wort- und Schrift gewaltigen Vertreter erhalten; Ngugi
bezeichnet afrikanische Literatur in europäischen Sprachen als „Euro-African-Literature“;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 16

Eine solche Definition schließt Werke von „Nicht-Afrikanern“, die ihren


Handlungs- oder Themen- Schwerpunkt in Afrika haben, ein. Dies ist
anzuzweifeln bzw. abzulehnen (Vergleiche mit „österreichischer Literatur“ oder
„französischer“ etc. drängen sich auf). Der Roman eines afrikanischen
Schriftstellers, der wie Dadies „Un nègre a Paris“ in Europa handelt, wäre nach
einer solchen Definition nicht der „Afrikanischen Literatur“ zuzuordnen! Der
Terminus „authentisch“ würde andererseits Literatur, die durch
außerafrikanische Kontakte entstand, ausschließen (ein ebenfalls nicht
akzeptabler Vorschlag), wenn diese Kontakte und deren Auswirkungen
Hauptthema des Werkes bilden würden.

Waestberg (1968:11) greift der Diskussion während einer Konferenz in


Skandinavien bereits weit vor, wenn er sagt:
„... you cannot define African literature as one single unit with certain
characteristics. One is forced to use the term ‚African literature’ in a
deliberately loose way, remembering that what constitutes African
literature is a number of national and ethnic literatures throughout Africa.“

Der nigerianische Autor Chinua Achebe40 vertritt ebenfalls die Meinung, dass
der Begriff der „Afrikanischen Literatur“ nicht zu eng gesehen werden sollte. Er
selbst unterscheidet zwischen nationaler Literatur, die in nationalen Sprachen
verfasst wird und ethnischer Literatur, die z.B. nigerianische Sprachen wie
Yoruba, Igbo, Hausa etc. beinhaltet. Achebe vertritt weiters die Auffassung,
dass Afrikaner ohne weiteres in der Lage seien, in Englisch zu schreiben.
Englisch sei eine Weltsprache, spreche in Afrika mehr Leser an als jede
afrikanische Sprache und gebe den Autoren zusätzlich die Möglichkeit, über die
Grenzen des Kontinentes hinaus Publikum zu finden. Wobei nicht notwendig
sei, wie ein „native speaker“ zu schreiben, vielmehr sollten afrikanische
Schriftsteller ihre eigene authentische Sprache finden.

Wie bei den Literaturen anderer Kontinente können wir auch in Afrika davon
ausgehen, dass „Afrikanische Literatur“ einen eigenen, autonomen Status hat.
Wenn wir „Afrikanische Literatur“ in einer afrikanischen Sprache betrachten,
verfasst von einem Afrikaner (einer Afrikanerin), für ein afrikanisches
Publikum, egal ob diese Werke schriftlich oder mündlich geschaffen
wurden/werden - gibt es bei der Definition des Begriffes „Afrikanische
Literatur“ kaum Schwierigkeiten. Wenn ein Autor sich jedoch einer
Literatursprache bedient, die nicht seine Muttersprache ist, so besteht die
Möglichkeit, dass er sich durch sein literarisches Werk in die betreffende
Literatur integriert. Es stellt aber eine grobe Vereinfachung dar, dies als

40
Vgl. Chinua Achebe 1981/1975/ mit seinem Werk „Morning Yet on Creation Day“, wo er
in dem Artikel „The African Writer and the English Language“ auf dieses Problem eingeht.
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 17

Regelfall zu betrachten und damit das kulturelle Umfeld von Autor und
Publikum zu ignorieren.

Adrian Roscoe (1977/71/:X) beispielsweise gesteht der afrikanischen Literatur


in englischer Sprache keine Eigenständigkeit zu, wenn er schreibt: „If an African
writes in English, his work must be considered as belonging to English letters as
a whole, and can be scrutinised accordingly.“ Roscoe fordert hier die
Unterwerfung afrikanischer Schriftsteller unter die „ehemalige Kolonialsprache“
und gestattet den AutorInnen Afrikas nicht, diese kreativ einzusetzen oder sie
auch zu „afrikanisieren“ wie dies u.a. Achebe fordert.

Aussagen wie die von Roscoe riefen eine Reihe von Reaktionen unter den
AutorInnen Afrikas hervor, die gegen eine solche „eurozentrische“
Argumentation auftraten. So betonen Cosmo Pieterse und Donald Munro41,
dass (Afrikanische) Literatur für sie etwas Lebendiges sei, ein menschliches
Produkt, das sowohl Aktionen als auch Reaktionen auslösen sollte und in der
jeweiligen Gemeinschaft einen fixen Platz habe. Genau aus diesem Grunde
sollte Literatur von Akademikern an den Universitäten nicht „wie ein
Ausstellungsstück in einem Museum“ analysiert und klassifiziert werden.
Dadurch verliere die Literatur nämlich ihre Lebendigkeit und Dynamik und
werde zu einem Nebenprodukt in der Gemeinschaft.

Auch Aloys Ohaegbu42 tritt in seiner Auseinandersetzung mit den Begriffen


Kultur und kulturelle Identität als Gegenspieler Roscoes auf. Er beruft sich in
seiner Definition auf Nida und Malinowski und vertritt die Ansicht, dass Kultur
aus unterschiedlichen Perspektiven 43 betrachtet werden kann, dass Kultur an
Menschen gebunden ist, denen sie dient und die sie gleichzeitig auch
charakterisiert und nicht zuletzt, dass Kultur pluralistisch ist, weshalb keine
Kultur einer anderen überlegen sei. Ohaegbu hebt besonders die Rolle des
afrikanischen Schriftstellers hervor, der dem „Westen“ vor Augen führen sollte,
dass die Kulturen Afrikas mit ihren eigenen Traditionen und Institutionen
anderen Kulturen gegenüber nicht minderwertig seien.

Der Überlegenheitsanspruch der Europäer gegenüber Afrika hat eine lange


Tradition und hält bis in die Gegenwart an. Zusätzlich werden wirtschaftliche
Forderungen z.B. der WTO, von den USA ausgehend, auch auf Europa, Europas
Kulturen und damit auch auf die Literaturen Europas übertragen. Ziel dieser

41
Vgl. C. Pieterse/ D Munro (eds) 1971. Protest and Conflict in African Literature.
Introduction S. IX-XII.
42
vgl. A Ohaegbu 1977. The African Writer and the Problem of Cultural Identity. In:
Présence Africaine Vol. 101/102: S. 25-37. (Z.3.3.101/102)
43
Künstlerischen, historischen, sozialen, anthropologischen, ideologischen, religiösen
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 18

profitorientierten Aktivitäten ist die Vereinheitlichung von Kunst und damit


Kultur bzw. die Eliminierung unprofitabler (Literatur)- Produktionen, welche
die UNESCO zu Reaktionen bewogen hat44.

Ohaegbu (1977:25) hatte diese Gefahr bereits erkannt, wenn er schreibt: „ In


fact, a people without culture is a people without identity and personality, and
therefore bound to face the danger of being swallowed up by a foreign, dynamic
and dominant culture.“ Die Ironie der Geschichte zeigt uns, dass wir Europäer
uns heute mit den USA in einer ähnlichen Situation befinden.

Als Kritiker eurozentrischer Ansichten wären auch die nigerianischen Autoren


Chinweizu/ Jemie/ Madubuike (1980:14) zu nennen, die zu Recht bemerken:
„Just because an African or Afro-American plays piano- a European invention-
does not at all mean that the highlife or jazz he produces on it is European
music, which therefore should be judged by the same standards as European
music.“

Übertragen auf unser Thema afrikanische Literatur ist die Schlussfolgerung


berechtigt, Sprache als Instrument zur Schaffung von Kunst- in diesem Fall von
literarischen Werken- anzusehen.

In der Diskussion der 1980er Jahre begannen einige afrikanische Autoren erneut
dahingehend zu argumentieren, dass sie an ihre KollegInnen die Forderung
stellten, afrikanische Literatur müsse in einer afrikanischen Sprache verfasst
sein, sonst sei sie als „Euro-African Literature“ (vgl. Ngugi was Thiong’o) zu
definieren.

Die Frage lautete nicht mehr, ob der Literatur eines Kolonialvolkes bzw. der
Literatur der kolonialen Eliten ein autonomer Status im Rahmen eines
politischen, kulturellen oder linguistischen Imperiums zuzubilligen sei, sondern
ob und wie sich die Literaturen der einzelnen, nunmehr politisch unabhängigen
Staaten Afrikas gruppieren lassen und ob sie möglicherweise ein homogenes
Ganzes bilden.

Sandra Barkan (1982: 27) zieht nach einer Umfrage unter Mitgliedern der
„African Literature Association“ (ALA) den Schluss: „Changes in definitions of
African literature reflect and respond the political and social realities, trends in
literary criticism, and changes within the texts themselves.“

44
siehe u.a. „Das Nara-Dokument zur Echtheit“ (1994), welches sich für eine „eine größere
Achtung der Vielfalt der Kulturen und des Erbes in der Erhaltungspraxis“ ausspricht.
http://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bibliothek/Welterbe-
Manual_DUK_2009/Welterbe-Manual_2_Aufl_293-298.pdf (23.10.2010)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 19

Diese Feststellung lässt sich gut auf Holger Ehling und Peter Ripken, die
Herausgeber des Werkes „Die Literatur Schwarzafrikas. Ein Lexikon der
Autorinnen und Autoren.“ anwenden.
Obwohl im Jahr 1997 erschienen, verwenden Ehling/ Ripken den Terminus
„Schwarzafrika“, den man mittlerweile als Kriterium zur Klassifikation der
Literaturen Afrikas als überholt und nicht mehr adäquat ansehen kann. Dem
nicht genug, nehmen sie „Weiße“ AutorInnen wie Nadine Gordimer und André
Brink in ihr Werk auf und auch den Ägypter („Nicht-Schwarzafrikaner“)
Naguib Machfuz, ohne diesen Widerspruch zu kommentieren. Die Herausgeber
sprechen weiters immer noch von „kolonialen“ Sprachen, in denen afrikanische
Schriftsteller mangels afrikanischer Buchmärkte schreiben müssten. Hier sehen
wir, dass die Defintion bzw. Nicht-Defintion Afrikanischer Literatur auch in der
Gegenwart von „eurozentrischen“ Ansätzen geprägt sein kann.

Michael Chapman (2003) setzt sich in seinem Artikel „African Literature,


African Literatures: Cultural Practice or Art Practice?45 mit der Problematik
auseinander.
Auch er spricht von der Vielfalt der Literaturen des afrikanischen Kontinents
und betont, dass Politik und Kunst in Afrika nicht polarisiert werden dürften. Im
Gegenteil- „it is in the dialogues of text and event that the African voice finds its
own power of speech.“ (S.8) Chapman spricht sich aber gegen so genannte
„Nationale Literaturen“ in Afrika aus, da wir es seiner Meinung nach nicht mit
Nationalstaaten zu tun hätten, da die Grenzen durch Kolonialmächte- ohne
Rücksicht auf sprachliche oder ethnische Zugehörigkeit- gezogen wurden.
Wobei Chapman zwischen der literarischen Elite (hierzu rechnet er Autoren
wie Ngugi und Achebe), populären Autoren und den Traditionalisten
unterscheidet. Letztere versuchen, orale Traditionen als lebendes literarisches
Erbe zu bewahren.

Auch Chinua Achebe (1981/75/: 56) spricht sich gegen eine zu enge Sicht des
Begriffes „Afrikanische Literatur“ aus, wenn er schreibt: „I do not see African
literature as one unit but as a group of associated units ...“

Die Diskussion der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass man den Terminus
„Afrikanische Literatur“ nur mehr als Hilfsbegriff verwendet, immer mit dem
Wissen, dass es keine einheitliche „afrikanische Literatur“ gibt und man besser
von Literaturen Afrikas sprechen sollte. Meiner Meinung nach verliert das
Problem der Abgrenzung afrikanischer Literatur von außerafrikanischer
Literatur immer mehr an Bedeutung angesichts der Tatsache, dass sich innerhalb

45
In: Research in African Literatures. Vol. 34-1: 1-10. (Z.3.4.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 20

der rasch anwachsenden literarischen Produktion die nationalen Literaturen46


sehr leicht voneinander abgrenzen lassen.

Mit Dan Izevbaye47 können wir die Definitions-Diskussion gleichsam zu einem


ersten Abschluss bringen: „The answer to the question, ‚what is African
Literature?’ is simply, ‚the literature of Africa!’“

Klassifikation – Afrikanische Literatur(en)

Hauptproblem bei der Einteilung der afrikanischen Literatur ist die


Gepflogenheit, die Dichtung eines Kontinents als Einheit zu betrachten.
Ähnliche Probleme würden bei einem Terminus „europäische Literatur“ oder
„asiatische Literatur“ entstehen, versuchte man nicht, auf die Gegebenheiten der
einzelnen, heute vorhandenen Staaten einzugehen.

1. Schriftlichkeit als Kategorie


Eine erste Kategorisierung der Afrikanischen Literatur erfolgt(e) über die
Schrift. Das heißt, es wurde/wird zwischen mündlicher Dichtung (heute
Oralliteratur oder Oratur genannt48) und Schriftliteratur unterschieden.

Wobei bis in die Gegenwart fast ausschließlich Schriftliteratur unter dem


Terminus „Afrikanische Literatur“ verstanden wird. Wenn wir uns als
Afrikanisten jedoch seriös mit Afrikanischen Literaturen auseinander setzen
wollen, ist es unumgänglich die mündliche Dichtung an den Ausgangspunkt der
Betrachtung zu stellen.

Oratur49

Wenn man eine Untergliederung der mündlichen Dichtung Afrikas vornimmt,


ist sie vorerst in Lyrik – Prosa – Drama zu gliedern. Die Klassifikation ist für die
wissenschaftliche Auseinandersetzung wichtig, sagt aber wenig aus, was Zweck,
Ausdruckskraft und Vergnügen der mündlichen Dichtkunst Afrikas betrifft.

Ruth Finnegan veröffentlichte eine der ersten umfassenden wissenschaftlichen


Abhandlungen zur afrikanischen Oralliteratur. Der Situation Rechnung tragend,
erweiterte sie die klassische Einteilung in Lyrik-Prosa-Drama und ergänzte sie

46
dies im Gegensatz zu Chapman, der ja keine „Nationalstaaten“ anerkennt.
47
vgl. Degen Chr.1984. Gesellschaftskritik im anglophonen Gegenwartsroman Afrikas. S. 8.
48
weitere Begriffe wie „Afrikanische Erzählkunst“, „Oral literature“, „Sahelian Literatures“
„Littératures Nègres“ etc.; siehe auch Bibliografie zu Thema 1: Begriffsbestimmung/
Definition/ Klassifikation;
49
vgl. Killam/ Rowe 2000: 204. (S.0.0.32.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 21

durch besondere und einzigartige Formen der mündlichen afrikanischen


Dichtkunst.

Poesie: panegyric- elegiac- lyric- epic- religious- children’s- political- „special


purpose“ poetry – songs – chants
Prosa: mythic- legendary - historical narratives
Drama
Sprechgesänge (oratory)
Rätsel- Sprichwörter- „puns50

In den Anfängen der Erforschung afrikanischer Dichtung bestand besonderes


Interesse an der Klassifikation der Oratur, wobei in der Vergangenheit das
Augenmerk der WissenschafterInnen vor allem auf gemeinschaftlichen
Kompositionen lag, wie z.B. auf den Jagdgesängen der Yoruba (Ijala).

Eine Reihe von afrikanischen Wissenschaftern51 setzt sich seit den 1960er
Jahren mit Oratur auseinander und hat dazu Beiträge geliefert. Da sie gleichsam
„Insider“ sind, sind sie mit dem Vortrag, der Performance und der afrikanischen
Sprache von vorne herein vertraut und haben gegenüber außerafrikanischen
WissenschafterInnen einen gewissen Vorteil. Seit den 1980er Jahren hat sich das
wissenschaftliche Interesse besonders auf die Transkription, Übersetzung und
Analyse von Texten verlagert. Als wichtig erkannt wurde in den letzten
Jahrzehnten sowohl die Performance als auch auf die Qualität des Vortrages und
nicht zuletzt die Beziehung der Künstler zur Zuhörerschaft. Heute gibt es auf
dem Gebiet der Komposition und Performance interessante Ergebnisse-
erforscht werden sowohl öffentliche wie private Aktivitäten der Künstler,
Barden, Poeten und Komponisten.

Gegenwärtig sucht man unter anderem das formelle und informelle Training der
Künstler zu erforschen- egal ob sie privat oder öffentlich auftreten. Die
formalen Aspekte der einzelnen Gattungen werden untersucht und analysiert,
wobei die Erkenntnis einfließt, dass diese Aspekte Auswirkungen auf
Performance und Interaktion zwischen Publikum und Künstlern haben.
Stilistische Besonderheiten der Oratur, so z.B. Wiederholungen, spezielle
Wortwahl, Formeln, Ideophone etc. werden als wichtige Elemente erkannt, die
besondere Stimmungen erzeugen können bzw. im Publikum bestimmte
Reaktionen hervorrufen.

50
siehe u.a. Ruth Finnegan (1970) Oral Literature in Africa.
51
siehe u.a. Y. Ogunbiyi (1981), J.P. Clark (1981), die sich mit der Klassifikation des
nigerianischen Theaters auseinandersetzen (S.6.2.2.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 22

Der Einfluss der Oratur zeigt sich auch in den schriftlichen Werken moderner
afrikanischer AutorInnen (vgl. Literalisierung oraler Elemente).

Oralität52 (engl. orality; frz. oralité)


umfasst in Anlehnung und Abgrenzung zum Begriff Literalität alle
soziologischen, kognitiven und ökonomischen Aspekte mündlicher
Kommunikation in Kulturen, die bis zum Kontakt mit europäischen und
arabischen Kulturen weitgehend ohne Schrift waren. Ob Oralität als Prozess
oder als kulturelles Produkt gesehen wird, hängt von der jeweiligen Schule, die
sich mit ihr auseinandersetzt, ab.

Ong53 geht davon aus, dass auch in literaten Gesellschaften orale Ereignisse
stattfinden. Er führt daher den Begriff der sekundären Oralität ein, die durch
Schrift oder andere Medien (z.B. TV, Radio) vermittelt wird. Der Autor grenzt
davon den Begriff der primären Oralität ab, mit dem Oralität in völlig
schriftlosen Kulturen erfasst werden kann. Die Ansicht, dass Literalität der
Oralität überlegen ist, beruht auf eurozentrischen Konzepten wird aber von
zahlreichen Wissenschaftern nicht weiter hinterfragt, was sich besonders darin
zeigt, dass nach wie vor „westliche“ Kriterien bei der Analyse sowohl von
Oratur wie Schriftliteratur Afrikas überwiegen. Eine umfassende Theoriebildung
ist noch nicht wirklich erfolgt.
Orale Literatur, Oralliteratur54 (engl. oral literature; frz. littérature orale)
Dieser Terminus wird von vielen Wissenschaftern verwendet um die Produkte
afrikanischer Wortkunst zu bezeichnen. Dieser Begriff beinhaltet Werke in allen
drei Gattungen – Lyrik, Prosa, Drama – die bei den unterschiedlichsten
Gelegenheiten vorgetragen werden. Aufführungsorte sind sowohl Dörfer wie
Städte, die Darbietung reicht von Orakeltexten bis zu Preisgedichten, die zu
Ehren eines Gewerkschaftsbosses deklamiert werden.

Nach wie vor umstritten ist die Zuordnung zu den literarischen Gattungen bzw.
die Unterscheidung zwischen Prosa und Lyrik oder auch zwischen mündlicher
und schriftlicher Dichtung derselben Gattung. Ein weiterer Diskussionspunkt ist
der Status epischer Lyrik (* Epos) in Afrika. Selbst das Konzept Orale
Literatur ist nicht unumstritten. Manche Wissenschafter sehen den Begriff als
irreführend bzw. widersprüchlich an. Begriffe wie *Wortkunst, *Folklore, orale
Tradition oder *Oratur wurden eingeführt.

52
vgl. Möhlig/ Jungraithmayr (eds) 1998: 173-175. (S.10.0.47.)
53
1987. Oralität und Literalität. Die Technologie des Wortes. Opladen. /engl. Orig. 1982/
54
vgl. Möhlig/ Jungraithmayr (eds) 1998: 170/171. (S.10.0.47.) siehe auch: Kesteloot
Lilyan/ Bassirou Dieng 1997. Les épopées d’Afrique noire. Paris: Karthala.
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 23

Diejenigen, die den Begriff Orale Literatur oder Oralliteratur verwenden, tun
dies, weil sowohl das kreativ-ästhetische als auch das persönliche Element vieler
oraler Formen und die grundsätzliche Vergleichbarkeit mit Produkten der
Schriftliteratur gegeben ist55. Die Annahme, dass afrikanische orale Literatur
traditionell und/ oder ohne individuelle Kreativität ist, wird von modernen
Forschern abgelehnt.

Die Besonderheit der Trommeldichtung56 wäre hier ebenfalls zu erwähnen.

Oralistik 57 (engl. study of oral literature; frz. l’étude de la littérature orale)


Darunter versteht man die Sammlung literarischer Analysen und vergleichende/
komparatistische Auswertung von * oraler Literatur. In der Afrikanistik ist
dieser Terminus erst seit den 1980er Jahren in Verwendung. Hinter dem Begriff
Oralistik steht die Idee der Abgrenzung einerseits von der Linguistik, besonders
der Text-Linguistik, andererseits von der Literaturwissenschaft. Wichtiger als
der Aspekt der Abgrenzung ist jedoch die wissenschaftliche Auseinandersetzung
mit dem Phänomen der afrikanischen *Wortkunst, die neben der darstellenden
Kunst zum wichtigsten Kulturerbe Afrikas zählt.58

Wortkunst59 (engl. verbal art; frz. art verbal)


Der Begriff geht auf den gleichnamigen Artikel von W. Bascom (1955) zurück.
Der Terminus soll alle Gattungen der „Folklore“ (Bascom) zusammenfassen.
Das Konzept ist dabei weiter gefasst als orale Literatur oder Oratur. Einerseits
werden auch rhetorische und ästhetische Formen der gehobenen Sprache und
andererseits auch verbale Kunst im wörtlichen Sinne (wie Schlagfertigkeit und
Zungenbrecher) einbezogen.

Hedda Jason (1977) fasst die weltweite Wortkunst unter dem Terminus
Ethnopoetry zusammen. Sie versteht sowohl gebundene Wortkunst (also
Poesie/ Lyrik im engeren Sinn) darunter, als auch ungebundene Sprachkunst
(Prosa)60.
Jede Erzählung setzt letztlich die kultureigene Weltsicht in Szene, die jeweiligen
ZuhörerInnen spiegeln sie wider. „Das Universum stellt den Menschen dar und
der Mensch seinerseits das Universum.“ (1991)

55
vgl. Möhlig/ Jungraithmayr (eds) 1998: 171. (S.10.0.47.)
56
siehe u.a. Nketia J H 1963. Drumming in Akan Communities of Ghana. Legon, Accra:
University of Ghana.; Carrington (GOOG)
57
vgl. Möhlig/ Jungraithmayr (eds) 1998: 173. (S.10.0.47.)
58
vgl. Finnegan Ruth 1992. Oral traditions and the verbal arts. London/ N.Y. Routledge.)
59
vgl. Möhlig/ Jungraithmayr (eds) 1998: 245. (S.10.0.47.)
60
Lindfors verwendet für die mündliche Dichtung Afrikas den Terminus Folklore. vgl:
Lindfors Bernth (ed) 1977. Forms of Folklore in Africa: narrative, poetic, gnomic, dramatic.
Austin & London: University of Texas Press.
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 24

2. Sprache als Kategorie


In den Anfängen der Erforschung afrikanischer Literatur war es üblich, von
frankophoner, anglophoner und lusophoner 61 Afrikanischer Literatur zu
sprechen, also Sprache als Einteilungskriterium62 heranzuziehen.

Die mündliche Dichtung (Oralliteratur, Oratur) wurde dabei ausgeschlossen


(sie war Forschungsobjekt von Linguisten, Ethnologen etc.) und wurde zuerst
von Missionaren u. a. Afrika- Reisenden gesammelt und niedergeschrieben.63

Ebenfalls ausgeschlossen bei der Einteilung nach verwendeter


Literatursprache- in franko, anglo- und lusophone Afrikanische Literatur- wurde
die Literatur in afrikanischen Sprachen, die während der Kolonialzeit nicht
so umfangreich war wie heute, jedoch zum Teil schon seit der ersten Hälfte des
19. Jahrhundert im südlichen Afrika zu finden ist, in Äthiopien und Ostafrika
(Suaheli) ungleich länger. Wobei hier wiederum als Schriftliteratur nur
(an)erkannt wurde, was in lateinischer Schrift und nicht in arabischer Schrift
verfasst wurde.

Besonders problematisch für die ersten Generationen von afrikanischen


Schriftstellern war die Tatsache, dass die von ihnen als Literatursprache
verwendete Fremdsprache zugleich die Sprache der jeweiligen kolonialen
Unterdrücker war. Für die Autoren bedeutete dies zum Teil fast unlösbare
Probleme und psychische Belastung, insbesondere da sie sich als Sprecher der
unterdrückten Bevölkerung sahen und ihre Verantwortung als Künstler
wahrzunehmen versuchten.

Die Schriftliteratur Afrikas in europäischen Sprachen war (und ist zum Teil
bis heute) vorwiegend Forschungsgegenstand für Romanisten, Anglisten und
Literaturwissenschafter. Die Werke afrikanischer AutorInnen werden in diesen
Disziplinen jedoch meist losgelöst von ihrem Entstehungshintergrund betrachtet
und interpretiert bzw. analysiert. Hier liegt eines der Aufgaben- und
Forschungsgebiete der Afrikanistik: Die Dichtung Afrikas ist nicht in mündliche
und schriftliche Werke zu trennen, sondern die Dichtung der einzelnen Länder
sollte in ihrer Gesamtheit betrachtet und erforscht werden. Dadurch wäre die

61
siehe u.a. Chabal Patrick u.a. 1996. The post-colonial literature of Lusophone Africa.
London: Hurst & Company.
62
Siehe auch: Gérard Albert S 1986. European-Language writing in Sub-Saharan Africa. 2
Bde. Budapest: Akadémiai Kiadó.; Abu-Haidar Farida (ed)1997. Special Issue: Arabic
Writing in Africa. Research in African Literatures. Vol.28-3. Bloomington: Indiana Univ.
Press. (Z.3.4.28-3.)
63
daraus entstehende Probleme der Verfälschung etc. werden bei Thema 2: „Dokumentation“
behandelt; ebenso die Problematik der Erforschung der Schriftliteratur in Afrika, von der zum
Teil bis in die Gegenwart z.B. „Ajami-Literatur“ ausklammert wird;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 25

gegenseitige Beeinflussung von Oratur und Schriftliteratur besser sichtbar zu


machen.

Außerafrikanische Literaturkritiker neigen dazu, Einflüsse der Autoren vor


allem in Europa und Amerika zu suchen und den afrikanischen Hintergrund zu
ignorieren oder sogar zu bestreiten. Wiewohl westliche Schulbildung, die häufig
früh erfolgte Trennung von Familie und Gemeinschaft zu einer Distanzierung
und Entwurzelung bei den Schriftstellern führte und führt- der Entwurzelung
wurde jedoch eine Zeit lang zu viel Bedeutung beigemessen.

Die kontinuierliche Entwicklung der Dichtung der einzelnen afrikanischen


Länder zu erforschen und das schriftlich fixierte Material aufzuarbeiten, würde
die Koordination mehrerer Forschungszweige notwendig machen (so der
Afrikanisten, Linguisten, Historiker, Ethnologen und Literaturwissenschafter).
Die heute noch lebendige Oratur ist aufzuzeichnen und zu dokumentieren, deren
Einfluss auf das Schaffen der Schriftsteller zu untersuchen.

Inzwischen finden wir Bezeichnungen wie „African Europhone literature“


(hier finden wir franko-, anglo- und lusophone Literatur zugeordnet) und „Non-
Europhone African literature“, wobei zu letzterer Schriftliteratur in Yoruba,
Wolof etc. gerechnet wird.

3. Geographie als Kategorie


Eine weitere Klassifikationsmöglichkeit für Afrikanische Literatur wird darin
gesehen, eine geographische Gliederung64 vorzunehmen.

Man spricht von West-, Zentral-, Ost- und Südafrikanischer Literatur. In


Afrika haben durch die Kolonialherrschaft der Briten, Franzosen und
Portugiesen oft mehrere Länder- aufgrund der gemeinsamen
Kolonialverwaltung und des gemeinsamen Bildungssystems- eine ähnliche
Entwicklung durchgemacht. So fand z.B. höhere Bildung in den britischen
Kolonien Westafrikas für alle gemeinsam am Fourah Bay College in Sierra
Leone statt. D.h. Mitglieder der so genannten „Bildungselite“ trafen dort
aufeinander und kamen aus Nigeria, der Goldküste (heute Ghana) und aus
Gambia.
Besonders während der Kolonialzeit sprach man daher von der Literatur
Westafrikas, Ostafrikas, Zentralafrikas und Südafrikas. Nordafrika wurde (und
wird zum Teil bis in die Gegenwart) von der Betrachtung ausgeschlossen,
einerseits wegen des islamischen Einflusses, andererseits wegen der
Verwendung des Arabischen (beides Forschungsgegenstand anderer
Wissenschaftsdisziplinen, unter anderem der Orientalistik).
64
vgl. auch Begriffe wie: „Sahelian Literatures“, „African Literature South of the Sahara“etc.;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 26

Diese Kategorisierung der afrikanischen Literatur nach geographischen


Kriterien ist weiterhin ein Streitpunkt afrikanischer und außerafrikanischer
Forscher und Schriftsteller. Wobei manche Kritiker unter dem Terminus
Afrikanische Literatur die Literatur des gesamten Kontinents betrachten;
andere verstehen darunter nur die Literatur von „Afrika südlich der Sahara“.

4. „Rasse“ als Kategorie


Afrika südlich der Sahara wird wiederholt als „Schwarzafrika“65 bezeichnet.
Vor dem Hintergrund alter geschichtlicher Zusammenhänge zwischen
Weißafrika und Schwarzafrika, der gemeinsamen Erfahrung des europäischen
Kolonialismus und dessen Überwindung, sowie panafrikanischer Bestrebungen
verliert diese Klassifikation zusehends als Einteilungskriterium an Geltung.
Wiewohl es bis in die Gegenwart Autoren im deutschen Sprachraum gibt, die
von „schwarzafrikanischer“ Literatur sprechen66. Diese heute auf Grund der
Rassismusdiskussio67 als überholt anzusehende Einteilung in Weißafrikanische
und Schwarzafrikanische Literatur ist eine Kategorisierungsmöglichkeit, die
jedoch als unwissenschaftlich und gefährlich anzusehen ist.68

5. Geschichte/ Politik als Kategorie


Frantz Fanon69 setzte sich in mehreren Werken mit der Beziehung zwischen
Kolonisator und Kolonisierten auseinander. Er teilt die Literatur des
Kolonialvolkes in drei Gruppen:
1. Der Kolonisierte kopiert die Literatur der Kolonialherrscher, ahmt nach
und schafft noch keine Kritik oder Distanz gegenüber den Werten der
Kolonialmacht70.
2. Der Kolonisierte erinnert sich seiner eigenen Tradition und interpretiert
sie neu. Aber immer noch mit Hilfe der vom Kolonisator übernommenen
Ästhetik und immer noch mit Lesern in der Metropole als Zielgruppe.
Dieser Gruppe wird die Négritude-Dichtung und die Protestliteratur
zugeordnet.

65
siehe u.a. Seiler-Dietrich, Breitinger, Chevrier etc.; weiters: Shepherd R H W (1955).
Bantu Literature and Life. The Lovedale Press.; Jabavu Davidson D T 1973/1923/. Bantu
Literature. Classification and Reviews. Nendeln: Kraus Reprint.
66
vgl. John O. Egbulefu 1981. Die Schwarzafrikanische Literatur. Ihre Originalität und das
Problem ihrer Beziehung zu Europa. Darmstadt.; Ehling/ Ripken 1997;
67
AutorInnen wie R. Barth, A. JanMohamed, E. Said, T. Morrison lieferten dazu wertvolle
Beiträge (siehe Bibliografie: Thema 10); Gedicht von R. Kipling!!
68
Wie bereits aberwähnt aber im deutschen Sprachraum immer nocht Verwendung findet;
vgl. Barkan 1983: 41. Emerging Definitions of African Literature. In: Arnold (ed): 27-46.
(S.6.0.37.)
69
u.a. in „Les damnés de la terre“ 1961 (dt. 1981. Die Verdammten dieser Erde. /M.3.0.35b./)
70
J. Jahn bezeichnet diese als „Zöglingsliteratur“
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 27

3. In dieser Phase entstand die so genannte Kampfliteratur, in welcher die


Autoren und Dichter ihre Völker wachzurütteln versuchten, zur Revolte
aufriefen und sich gezielt an die Bevölkerung in ihren eigenen Ländern
und in Afrika wandten.
Es war die Zeit des Kampfes um die politische Unabhängigkeit von der
jeweiligen Kolonialmacht, die in den französischen Kolonien in den 1950er
Jahren ihren Höhepunkt erreichte, in den portugiesischen Kolonien erst Mitte
der 1970er Jahre ein Ende fand.

Janheinz Jahn 71 kritisierte die Einteilung Fanons als zu schematisch und


betonte, dass die Schriftliteratur Afrikas immer Elemente des Protestes und
Kampfes enthalten habe. Sowohl die Zöglingsliteratur als auch die Dichtung der
Négritude enthielten nach Meinung Jahns das Streben nach „Unabhängigkeit“
als wichtiges Anliegen- wiewohl in den ersten beiden Phasen unter der
Patronanz der jeweiligen Kolonialmacht.

In den letzten Jahrzehnten hat sich eine, von politisch engagierten


WissenschafterInnen verwendete Einteilung der Literatur ehemaliger
Kolonialstaaten in Kolonialliteratur und Postkoloniale Literatur 72
durchgesetzt. Das bedeutet, Geschichte und Politik werden zum Faktor der
Kategorisierung der Literatur ehemaliger Kolonialvölker, so auch der Völker
und Staaten Afrikas.
Stellvertretend sei hier C. A. Ibitoye 73 kurz erörtert, der erkennt, dass rein
„historische“ oder „regionale“ Ansätze in der Klassifikation der afrikanischen
Literatur der komplexen Entwicklung dieser nicht gerecht würden. Ibitoye
(1994:S.76) teilt die afrikanische Literatur in Koloniale, Nationalistische/
Antikolonialistische und Neokoloniale Literatur ein.

„The Pre-Colonial stage is left out deliberately because the writer considers the
Euro-centric idea that Africa had no worthwile literature before the coming of
the whiteman an over-flogged issue.“ (S.76)

Im ersten Stadium (vgl. 78f) gab es nach Ibitoye „ruhige Einwilligung und
Lässigkeit“ von Seiten der Autoren. Literatur dieser Epoche ist von Weißen
dominiert- Joyce Carey (Mister Johnson), Joseph Conrad (The Heart of

71
vgl. „Geschichte der neoafrikanischen Literatur“. S. 266ff
72
Zum Begriff und Thema „Postkoloniale Literatur“ gibt es inzwischen eine Vielzahl von
Artikeln und Büchern. Die Einträge im Internet sind für den Einzelnen beinahe nicht mehr
überschaubar. Mit „Postcolonial Studies“ werden wir uns genauer bei den Themen 8+9
befassen.
73
1994. Stages of Development of African Literature. In: O Obafemi (ed). New Introduction
to Literature. Ibadan: Y-Books. S.75-83.
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 28

Darkness), Sir Rider Haggard (King Solomon’s Mines) gehören zu den


wichtigen Werken.
Aus Afrika rechnet der Autor William Conton (The African) aus Sierra Leone
und Amos Tutuola (The Palmwine Drinkard) aus Nigeria dazu. Es gibt in dieser
Phase laut Ibitoye kein Bewusstsein, die Übel des Kolonialismus betreffend,
das heißt, wir finden unter den damaligen Schriftstellern Afrikas keine
signifikante Reaktion gegen die koloniale Unterdrückung (es finden sich hier
Werke, die Jahn der „Zöglingsliteratur“ zurechnet;).

Das zweite Stadium (vgl. S. 79f) ist von „Reaktion“ gekennzeichnet, durch die
„Kinder“ der ersten Generation „gebildeter“ Afrikaner.
Ibitoye vergleicht die Werke mit Onkel Toms Hütte und rechnet Herbert
Dhlomo (1935, The Girl Who Killed to Save) aus Südafrika und Chinua Achebe
(1958, Things Fall Apart) aus Nigeria zu dieser Gruppe. Wobei Achebes Roman
als Antwort auf Joyce Careys „Mr. Johnson“ gewertet wird. Neben Achebe
werden Ngugi wa Thiong’o aus Kenia und Ayi Kwei Armah aus Ghana dieser
Stufe74 in der Entwicklung der afrikanischen Literatur zugerechnet.

Hauptanliegen der afrikanischen Autoren war es jetzt, ihren Landsleuten die


gezielte koloniale „miseducation“ (sie selbst und ihre Vergangenheit betreffend)
aufzuzeigen und die Welt im Allgemeinen über den „black man“ aufzuklären.
Die zweite Periode wird durch passiven Widerstand gekennzeichnet und ist
wenig erfolgreich, weil sie dem Unterdrücker zeigt, was dieser ohnehin schon
weiß und nicht ändern will. Afrikanische Literatur zeigte in dieser Phase eine
Vorliebe für bzw. eine Verteidigung der afrikanischen Vergangenheit und
erweckte besonders bei Anthropologen und Ethnographen großes Interesse.

Die dritte Stufe ist laut Ibitoye (vgl. S.80 ff) das revolutionäre Stadium,
wobei die Übergänge fließend und zeitlich verschoben sein können. Ibitoye teilt
hier in nationalistische/antikoloniale und neo-koloniale (post-koloniale)
Literatur ein.
In dieser Phase ist zusätzlich die Erweiterung der Themen und die Änderung des
Stils der einzelnen AutorInnen zu beobachten75. Besonders am Theatersektor
gibt es viele unterschiedliche Entwicklungen76, wobei das revolutionäre Theater
das bürgerliche Theater ablehnt. Dramatiker dieser Gruppe orientieren sich
74
vgl. die zweite Stufe bei Frantz Fanon
75
Wole Soyinka aus Nigeria entwickelte sich von einem Autor, der beinahe der Gruppe L’art
pour l’art zuzurechnen war, zu einem beinahe revolutionärem Schriftsteller; Ngugi (James)
wa Thiong’o von einem Autor der Anfangs ein Stück wie Black Hermit und später Ngaahika
Ndeenda verfasste.
76
Ahmadu Bello Universität in Zaria// Olu Obafemi gründete 1977 das„Agitational Theatre“;
University of Ife (heute O. Awolowo U.)// „Emergent Group“ um Osofisan, Iyayi und
Sowande entstand, mit dem „Guerilla Theatre“;
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1 WS 2011
Thema 1: Begriffsbestimmung, Definition, Klassifikation
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN 29

vielmehr an Bertold Brechts (1898-1956) Theater und fügen in dieses


„Brechtsche Theater“ Elemente des so genannten Totalen Afrikanischen
Theaters (African Total Theatre). Auch Einflüsse südamerikanischer
Theatermacher und -theoretiker wie Augusto Boal (1931-2009) und Paulo
Freire (1921-1997) sind unübersehbar.

Die genannten Kategorisierungen der Afrikanischen Literatur nach


Sprache, Schriftlichkeit, Geographie, Ideologie (Rasse) und Geschichte/Politik

sind als Hilfskriterien bei der Erforschung der Dichtung/Literatur Afrikas


anzusehen. Nur so kann die schwer zu bewältigende Fülle an dichterischem
Schaffen in eine erste Ordnung, und damit erst mögliche Überschaubarkeit,
gebracht werden. Der meiner Ansicht nach adäquateste Weg wäre es, die
Dichtung/Literaturen Afrikas in den einzelnen Staaten zu betrachten und
innerhalb der heute gültigen Grenzen (auch wenn hier die koloniale
Grenzziehung Völker auseinander gerissen hat), nach den Anfangs dargestellten
literarischen Kriterien zu gliedern und zu erforschen. Der Begriff
„Dichtung“77 wäre dabei dem der „Literatur“ eventuell vorzuziehen.

77
hier haben wir in der deutschen Sprache mit den Begriffen Dichtung/Literatur einen Vorteil
z.B. gegenüber der englischen Sprachen, wo für beide Begriffe der Ausdruck „Literature“
verwendet wird;