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AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 1

Thema 8: Theorien und Methoden der (afrikanischen) Literaturwissenschaft


Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN WS 2011

Literaturtheorie

Horst Turk1 schreibt in der Einleitung zu „Klassiker der Literaturthoerie“ (S.7):


„Der Begriff der Literaturtheorie ist eine Neuschöpfung des 20. Jahrhunderts.
Während der Begriff der Literatur (neben Poesie und Dichtkunst) bereits um die Mitte
des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte, als sich das theoretische Interesse
an der schönen Literatur zunächst in der Form der Literaturkritik ausbildete, setzt der
Begriff der Literaturtheorie die Etablierung der Philologien als historischer
Wissenschaften im 19. Jahrhundert voraus.“

Zuerst hatte man versucht, eine Funktionsbestimmung der Dichtung


vorzunehmen oder Anleitungen zum Dichten zu geben. Erst Anfang des 19.
Jahrhunderts sah man Dichtung als Teil der Kunst, die man wiederum als „eine
in sich berechtigte Gestalt des Wahren“ (Turk S.8) zu erkennen meinte.
Philologie und Historismus relativierten bald den Wahrheitsanspruch der Kunst
und die Literaturwissenschaft begann, „ihre Gegenstände als Objektivationen
des menschlichen Geistes zu sehen“ (Turk S.8).
„Die Literaturtheorie war in ihren Anfängen eine Erkenntnis der literarischen
Darstellungstechniken gewesen. Sie kehrt im 20. Jahrhundert – unter veränderten
Bedingungen (des Formalismus, des Strukturalismus und der Psychoanalyse) – zu
einer Funktionsbestimmung und Deutung der literarischen Techniken zurück.“ (S.8)

Im 20. Jahrhundert wurde der Einfluss der Linguistik auf die Literaturtheorie
immer wichtiger. Die Sprache, mit deren Hilfe in Texten innere oder äußere
Realitäten wiedergegeben werden, wurde in ihrer konstitutiven Bedeutung
erkannt. Es wurde nicht mehr nur von der Grundlage der philosophischen
Ästhetik aus gearbeitet, sondern Linguistik und Semiotik 2 erlangten immer
größere Bedeutung.3

Charles Angmor (1987:180) unterscheidet zwischen Literaturtheorie (critical


or literary theory), die sich mit den Grund legenden Themen und Aspekten von
Literatur auseinandersetzt und Literaturkritik (literary criticism), das ist die
praktische Analyse und (Be)Wertung literarischer Werke.

Es werden Kategorisierungen vorgenommen und die Funktion von Literatur


wird erforscht. Literaturtheorie sucht einerseits Normen für die Schaffung von
literarischen Kategorien aufzustellen und andererseits die Beziehungen
zwischen Literatur und anderen Disziplinen zu erforschen.

1
vgl. Horst Turk (ed) 1979. Klassiker der Literaturtheorie. München: C.H. Beck. (GO-OG)
2
griech. Semeion „Kennzeichen“; Semiotik beschäftigt sich mit der Entstehung, dem Wesen
und dem Gebrauch von Zeichen;
3
vgl. Turk 1979:8. (GOOG)
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Man darf Literaturtheorie nicht mit Literaturkritik verwechseln oder vermengen.


Was nicht heißen soll, dass ein Kritiker nicht als Theoretiker arbeiten kann/ darf/
soll. Es geschieht sogar immer wieder, dass sich aus literaturkritischer
Auseinandersetzung mit literarischen Werken, d.h. literaturkritischer Tätigkeit,
Literaturtheorien entwickeln.

Murray Krieger4 (1976:3/4) betont:

„... we begin, as readers, with the literary work; the rationalization of our reading of,
and response to the work results in the individual work of criticism; and, in time, the
coherent attempt to rationalize our discret commentaries grows into our literary
theory.“

Das bedeutet, über das Lesen und die literaturkritische Auseinandersetzung mit
literarischen Werken können wir zur Entwicklung einer Literaturtheorie
gelangen. Diese wiederum bildet die Grundlage für literaturkritisches Arbeiten.

Manon Maren-Grisebach stellt im Buch Methoden der Literaturwissenschaft5


acht Methoden vor, mit deren Hilfe Literatur interpretiert werden kann.
Positivistische (S.10-22)
Geistesgeschichtliche (S.23-38)
Phänomenologische (S.39-52)
Existentielle (S.53-67)
Morphologische (S.68-79)
Soziologische (S.80-95)
Statistische (S.96-100)
Strukturalistische (S.101-123)

Methode wird hier als der Weg zu einem Ziel bezeichnet, als die Art und
Weise, etwas noch nicht Realisiertes in Realität umzusetzen. Dabei wird aus
dem Unerkannten gegenüber etwas Erkanntes zu machen sein. Methode muss
weiters als planmäßiges Verfahren definiert werden, das die Wissenschaft
kennzeichnet. Die Anwendung der acht angeführten Methoden, die sich seit der
Mitte des 19. Jahrhunderts zur Literaturinterpretation entwickelt haben, ist selten
in der anschließend gezeigten Reinheit erfolgt. Wiederholt kommt es zu einer,
zumindest leichten Vermischung mehrerer Ansätze, eine völlige Trennung ist
meist nicht realisiert.

4
vgl. Murray Krieger 1976. Theory of Criticism: a tradition and its system. London &
Baltimore: John Hopkins Univ. Press.
5
vgl. Manon Maren-Grisebach 1985 (1970). Methoden der Literaturwissenschaft. 9.Aufl.
Tübingen: Francke Verlag. (S.7.0.30.); siehe auch: H.L. Arnold (ed) 2005. Grundzüge der
Literaturwissenschaft. München: dtv. (S.7.0.87.)
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Allkemper/ Eke6 verstehen unter Interpretation die Erklärung, Deutung oder


Auslegung von literarischen Texten (S.151). Besonders in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts setzten sich zahlreiche und namhafte WissenschafterInnen
kritisch mit der Interpretation auseinander. Zu erwähnen wäre Susan Sontag
(1933-2004), die 1964 im Artikel „Against Interpretation“ den Vorwurf erhebt,
dass Interpretation sich vor allem um den Inhalt eines Kunstwerkes kümmere
und nicht um dessen Form. Sontag geht sogar so weit, Interpretation als eine
Vergewaltigung der Kunst durch den Intellekt zu bezeichnen, was sie unter
anderem am Beispiel von Franz Kafka „Der Prozeß“ deutlich macht.7

Heute besteht Einigkeit darin, dass literaturwissenschaftliche Interpretation


sich dadurch auszeichnet,
„dass sie keine eindeutig fixierten Bedeutungszuweisungen formuliert, sondern
argumentativ und logisch widerspruchsfrei die vielfältigen Bedeutungsdimensionen
von Literatur erkenn- und erfahrbar machen will. Dazu hat die Literaturwissenschaft
sogenannte Methoden des Verstehens und Analysierens von Texten entwickelt, die
unterschiedlich ansetzen (beim Autor, beim Werk, beim Leser, bei der Gesellschaft)
und die theoretisch ebenfalls unterschiedlich begründet werden.“ (Allkemper/Eke
2004: 176)

Allkemper/ Eke (2004:156 ff) führen, nach der Entstehungszeit chronologisch


geordnet, folgende zehn Methoden der Literaturwissenschaft an:
Hermeneutik (S.156-159)
Literaturwissenschaftlicher Positivismus (S.159-163)
Geistesgeschichte (S.163-164)
Werkimmanente Interpretation (S.164-165)
Formalismus, Strukturalismus (S.165-167)
Literatursoziologie (S.167-169)
Rezeptionsästhetik (S.169-170)
Literaturpsychologie (S.171-172)
Feministische Literaturwissenschaft (S.172-174)8
Poststrukturalismus (S.174-176)

6
vgl. Alo Allkemper/ Norbert O. Eke 2004. Literaturwissenschaft. Paderborn: Fink.
(Aufbaumodul 3: Methoden der Literaturwissenschaft. S. 151-177.)(GOOG)
7
vgl. Susan Sontag 1968. Gegen Interpretation. In: S Sontag Kunst und Antikunst. Reinbek:
Rowohlt. S.13. nach: Allkemper / Eke 2004: 154-156. (GOOG)
8
siehe auch: R Becker-Schmidt/ G-A Knapp 2001. Feministische Theorien zur Einführung.
Hamburg: Junius. (Q.5.0.126.); Tuzyline Jita Allan 1996. Womanist and feminist aesthetics: a
comparative review. Athens: Ohio UP. (Q.5.0.91.); A Cornwall u.a.(eds) 2007. Feminism in
development: contradictions, contestations and challenges. London : Zed Books.
(Q.5.0.163.); Susan Arndt 2000. Feminismus im Widerstreit: afrikanischer Feminismus in
Gesellschaft und Literatur. Münster: Unrast-Verlag. (S.6.0.92.)
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Jonathan Culler9 setzt sich in seinem Buch mit der Frage „What is theory?“
(S.1-17) und „What is Literature and Does it Matter?“ (S.18-41) auseinander.

Culler (S.5-9) geht auf Michel Foucaults10 „Geschichte der Sexualität“ ein, in
der dieser zeigen will, dass der Versuch, die Wahrheit über die Menschen
herauszufinden dazu geführt hat, dass „Sex“ als Geheimnis der menschlichen
Natur gesehen wird. Foucault selbst behandelt in seiner Analyse Sex eher als
Ergebnis, denn als Ursache- als Produkt von Diskursen, die versuchen zu
beschreiben, zu analysieren und die Aktivitäten der Menschen zu regulieren11.
Literatur ist nun, nach Foucault, einer der Plätze, wo diese Idee über Sex
konstruiert wird (siehe Culler S.8). Für Foucault sind Sex, Strafe, Wahnsinn
„historische Konstruktionen“, von den bis dahin nicht angenommen worden
war, dass sie eine „Geschichte“ besitzen würden.

Ein weiterer französischer Philosoph, mit dem sich J. Culler (S.9f) befasst, ist
Jacques Derrida12. Dieser setzt sich mit den Begriffen „Zeichen“ (signe) und
„Text“ (texte) auseinander. Er liefert uns Textinterpretation am Beispiel von J.J.
Rousseaus (18.Jhdt.) „Confessions“ (Bekenntnisse), der Schreiben als
„inessentielles Extra“ bezeichnete. Trotzdem werde es gebraucht, da die
„Sprache“ (parole) falsch interpretiert werde. Westliche Philosophen hatten
Wirklichkeit von Erscheinung unterschieden, Dinge von Darstellung, Gedanken
von Zeichen. Derridas berühmter Satz lautet: ‚Il n’y a pas de hors-texte’ „Es
gibt kein Außerhalb des Textes.“ Foucault und Derrida werden oft als Post-
Strukturalisten bezeichnet, letzterer als Gründer der Methode der
Dekonstruktion. Derrida beansprucht uns darzulegen, wie theoretisch
literarische Arbeiten sind, was die Texte von Rousseau sagen und zeigen
können. Foucault hingegen beansprucht es, einen bestimmten historischen
Moment zu analysieren und zu zeigen, wie kreativ produktiv die „Diskurse der
Erkenntnis“ sind.

Culler (1997:14) argumentiert nun, dass Theorie interdisziplinär sei, dass sie
analytisch und spekulative Praxis beinhalte, dass sie Kritik des Hausverstandes
sei und nicht zuletzt „reflexive, thinking about thinking, enquiry into the
categories we use in making sense of things.“ Das, was als natürlich angesehen

9
vgl. Jonathan Culler 2000(1997). Literary Theory. A Very Short Introduction. Oxford: OUP.
(GOOG)
10
siehe auch: Hannelore Bublitz (ed) 1999. Das Wuchern der Diskurse: Perspektiven der
Diskursanalyse Foucaults. Frankfurt: Campus-Verlag. (H.4.0.132.)
11
man könnte Foucaults Analyse als spekulativ bezeichnen, meint Culler.
12
siehe auch: J D Culler 1994. Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische
Literaturtheorie. Reinbek: Rowohlt. (S.5.0.41.)
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wird, ist in Wahrheit ein historisch-kulturelles Produkt.13 Er stellt weiters fest,


dass heute eines der frustrierendsten Merkmale von Theorie ihre Endlosigkeit
sei und dass ihr Nichtbeherrschen ein Hauptgrund für den Widerstand dagegen
sei.

Die Auseinandersetzung mit Literaturtheorien und Literaturkritik setzt eines


voraus- dass Literatur/ Dichtung konsumiert wird, durch Lesen – Zuhören –
Zusehen. Diese differenzierte Sicht auf die Literaturkonsumation ist gerade in
Bezug auf Afrika wichtig, wie wir in der Stunde über die Bedeutung der
Modernen Medien und Rezeption von Afrikanischer Literatur gesehen haben.

Lektüre/ Lesen könnte man nun als Sinn gebende Tätigkeit bezeichnen,
Literaturkritik als kommunikative Handlung und
Literaturinterpretation (mit Hilfe der Literaturtheorie) als besondere Form der
geistigen Arbeit.

Das Lesen literarischer Werke ist eine besondere Form der Aneignung der
Wirklichkeit (sowohl des Selbst, wie der Welt schlechthin) auf dem Weg der
ästhetischen Erfahrung. Die Formen des Lesens bzw. der Zweck, den die Leser
damit verbinden, sind sehr unterschiedlich. Eine Gemeinsamkeit ist jedoch, dass
alle eine Vermittlung zwischen der Tätigkeit des Lesens und dem literarischen
Text versuchen. Man könnte sagen: „Das Lesen erzeugt die Wirklichkeit des
Textes.“ (Schutte 1993:6) Wobei der Leser seine eigenen Erfahrungen, sein
Gefühl, seine Phantasie, seinen Verstand einsetzt.

Somit sind Lese-Erfahrungen das Ergebnis einer Vermittlung von literarischem


Text und subjektiver Tätigkeit der LeserInnen. „Das Lesen von
(literarischen) Texten ist ja nicht nur Flucht aus dem Alltag, Abenteuer,
Zerstreuung, sondern vor allem anderen ein Weg zur Erkenntnis, ein Zugang zur
Wirklichkeit und zur Möglichkeit ihrer Veränderung durch kollektives
Handeln.“ (Schutte 1993:7)

Der Begriff Kritik14 bezeichnet, wie der des Lesens oder der Interpretation,
einen praktischen und einen institutionellen Aspekt. In praktischer Hinsicht kann
man Kritik als reflektierte, wertende Stellungnahme bezeichnen und zwar die
ästhetische Erfahrung der Lektüre betreffend- in der Absicht, mit Interessierten
in Kommunikation zu treten. Kritik ist Bestandteil jeder Lektüre und nicht nur
die Tätigkeit von Professionalisten. Kritik äußert sich über die eigene Lese-

13
Aretha Franklins Textzeile „You make me feel like a natural woman“ sage aus, dass
„natural woman“ ein kulturelles Produkt sei, meint Culler (2000:14).
14
vgl. Jürgen Schutte 1993:7-10; Heinrich Vormweg 1981. Literaturkritik. In:
Literaturwissenschaft. Grundkurs 2. S.237-252. nach Schutte 1993: 9. (S.7.0.62.)
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Erfahrung, sie ist somit auch eine Feststellung über den Wahrheitsgehalt eines
Werkes- der Aussagewert dabei kann aber nur relativ gesehen werden.
Besonders als europäische Leser afrikanischer Texte müssen wir diese Tatsache
beachten.

Leo Kreutzer15 spricht von Interpretation als einer „Inszenierung der eigenen
Lese-Erfahrung.“ Interpretation versieht die Lese-Erfahrung und die kritische
Stellungnahme mit Begründungen. Interpretation fragt nach den Ursachen der
literarischen Wirkung und verbindet dadurch den Text mit der Realität von
Autor und Leser. Der Vorgang des Verstehens wird dabei methodisch
rekonstruiert. Interpretation definiert den Text und ist gleichzeitig eine
Selbstdefinition des Interpretierenden16, indem sie die Übereinstimmung und die
Distanz von Text und Leser wechselseitig auslegt. Dabei zeigt sich, dass die
Literaturinterpretation nicht ohne eine theoretische und eine hermeneutische
Reflexion auskommt. Mit anderen Worten:

Die literaturwissenschaftliche Arbeit entwickelt eine Theorie des Gegenstandes


(Literaturtheorie) und eine des Verstehens (Hermeneutik).

Dabei stellt sich die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Interpretation.
Diese hat zu langen Diskussionen geführt und ist bis heute nicht abgeschlossen.
Hauptfrage ist und bleibt dabei: Ob ein möglicher Widerspruch zwischen der
Subjektivität der ästhetischen Erfahrung bzw. des Verstehens literarischer
Werke und der geforderten Objektivität ihrer Kategorisierung und Auslegung
besteht. Unbedingt erforderlich ist eine Aussage über die eigene Stellungnahme
zum Text bzw. dass diese Aussage durch überprüfbare Argumente in ihrer
Gültigkeit untermauert wird.

Wie die „Wirklichkeiten“ und „Wirksamkeiten“ eines literarischen Textes


wahrgenommen werden, ist in jeder Epoche unterschiedlich und auch von Leser
zu Leser verschieden. Jede(r) LeserIn bringt ja seine/ ihre Wirklichkeit mit,
daher bedarf es einer so weit wie möglich objektivierten, nachvollziehbaren und
wissenschaftlich fundierten Interpretation. Dies trifft in besonderem Maß auf
Werke zu, die sich außerhalb unseres eigenen Erfahrungshorizontes befinden.

15
vgl. Leo Kreutzer 1983. Für ein Regietheater in der Literaturwissenschaft. In: Literatur
und Erfahrung Nr.12/13: 20-28. nach Schutte 1993: 10. (S.7.0.62.)
16
vgl. Wolfgang Babilas 1961. Tradition und Interpretation. Gedanken zur philosophischen
Methode. München: Hueber. nach: Schutte 1993:11. (S.7.0.62.)
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Die Hauptaufgabe der Literaturwissenschaft ist es daher, „literarische Texte zu


verstehen, sie zu deuten, auszulegen oder – mit einem lateinischen Lehnwort-
sie zu interpretieren.“ (Allkemper/ Eke 2004: 151)

Zusammengefasst könnte man sagen: „Interpretation sagt etwas über die


Wirklichkeit im Text, über die Vermittlung der Wirklichkeit durch den Text
und über die „Wirklichkeit“, das heißt die aktuelle Wirksamkeit des Textes.“
(Schutte 1993: 13)

Analyse von Oratur 17

Nwahunanyan spricht davon, dass die Analysemethoden für die Oratur dem
literarischen Aspekt bislang nicht genug Rechnung trugen. Der Autor nennt drei
Grundrichtungen welche die sog. "Folklore" analysieren: "... the ethnological,
the cognitionist, and the taxonomist traditions." (S.160) Der Autor will in seiner
Abhandlung Möglichkeiten aufzeigen, die dem ästhetischen Wert von Mythen
und anderen Formen der "Folklore" (S.161) gerecht werden. Zuerst stellt er die
drei Richtungen vor:

1.) Ethnologische Tradition


(Ethnographen, Anthropologen)
"... they look at myth from the point of view of the matter of which the tales are
composed, i.e. the content of the stories and the light these shed on the societies
from which the stories originate." (S.161)
Evolutionismus (Euphemerismus, Solarismus, Naturalismus)
Funktionalismus

1a) Evolutionisten
diachronischer Ansatz; viel von den biologischen Theorien Charles Darwins
übernommen (dieser geht davon aus, dass die Entwicklung von niederen zu
höheren Formen stattgefunden hat) - diese Hypothese wird auf gesellschaftliche
Entwicklungen übertragen; dabei unterschiedliche Geschwindigkeit - daher
befinden sich manche Gesellschaften noch heute auf einer barbarischen
("savage") Ebene, andere bereits auf einer zivilisierten; analog dazu geht die
intellektuelle Entwicklung eines Volkes vor sich; - diejenigen, die sich auf
derselben intellektuellen Stufe befinden, haben gleiche Bräuche, gleiche
Wertvorstellungen etc.; - egal in welchem Teil unseres Planeten sie sich

17
vgl. Chinyere Nwahunanyan 1987. Towards a Literary Approach to the Oral Narrative. in:
R. Vanamali et.al. (eds). Critical Theory and African Literature. Ibadan: HEB (Calabar
Studies in African Literature, Nr. 3. General Ed: Ernest E. Emenyonu) S. 160-176. (S.5.3.4.)
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befinden. Frazers (1854-1941) Theorie18 "is embodied in that monument of


evolutionist scholarship - The Golden Bough. Here, myth is approached as a
mistaken explanation of natural phenomena, and we have within the work, the
germ of the myth and ritual theory." (S.161)

Für Frazer waren die unterschiedlichen Versionen eines Mythos Spiegelbild der
diversen Stadien und Ebenen der kulturellen und intellektuellen Entwicklung der
Menschheit. Frazer folgend, entstand die so genannte "Cambridge School", mit
E.R.Leach als einem ihrer Hauptvertreter, der behauptete "myth implies ritual,
ritual implies myth, they are one and the same" 19

1b) Funktionalisten
Dieser Ansatz entsprang einer Meinungsverschiedenheit zwischen den
Anhängern von Frazers Methodologie zur Mythenanalyse und führte schließlich
zu einer völligen Ablehnung derselben. Als "Vater" des traditionellen
Funktionalismus gilt Bronislaw Malinowski (1884-1942). Er vertrat die
Meinung, dass die Ergebnisse der Evolutionisten ohne direkten Kontakt zu den
betreffenden Gruppen erarbeitet wurden und daher mangelhaft seien.
Malinowsks Feldforschung bei den Trobriand Insulanern überzeugte ihn, dass
Mythen nur bedeutungsvoll waren, wenn sie zum gegenwärtigen Leben der
Menschen, in deren Gesellschaft sie ihren Ursprung hatten, in Beziehung gesetzt
wurden. Er war überzeugt, dass Mythen nur überleben konnten, wenn sie für die
heute lebende Gemeinschaft eine funktionelle Bedeutung haben. Malinowski
ging so weit, dass er behauptete, die Erzählungen reflektierten das gegenwärtige
Leben der Leute und deren Weltsicht: "... an intimate connection exists between
the word, mythos, the sacred tales of a tribe on one hand, and their ritual acts,
their moral deeds, their social organisation, and even their practical activities on
the other." 20

Malinowski setzt somit anstelle von Frazers "psychischer Einheit" die


"funktionale Einheit" der Gesellschaft, die aus der Summe sämtlicher
unterschiedlicher Funktionen der Mythen einer speziellen Gesellschaft besteht,
wobei er die Varianten eines Mythos als Ausdruck der kulturellen
Verschiedenheit der menschlichen Gesellschaften sieht. Malinowski vertrat auch
die Meinung, dass wirtschaftliche und klimatische Unterschiede andere
Bedürfnisse der Menschen bedingen und diese wiederum sich in den Mythen
und Erzählungen manifestieren.

18
vgl. James Frazer 1890. The Golden Bough. 2 vols. /1915 (3rd.ed.) 12 vols./ Er entwickelte
die Theorie der "psychic unity" der Menschheit;
19
vgl. E.R. Leach 1964/1954/. Political Systems of Highland Burma.
20
siehe: Bronislaw Malinowski 1967/1926/. Myth in Primitive Psychology. Westport,
Connecticut: Negro University Press. S. 11.
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Eine Abwandlung des traditionellen Funktionalismus entstand mit dem


strukturellen Funktionalismus von T. O. Beidelmann und Jack Goody, die im
Gegensatz zu Malinowski der Ansicht sind, dass Mythen die gegensätzlichen
Interessen einer Gemeinschaft widerspiegeln.

2.) Taxonomistische Tradition


(Diffusionisten, Formalisten)
Diffusionismus anerkennt die Idee der Kulturgleichheit, führt diese aber auf
Übernahme durch Kulturkontakte zurück (ungleich den Evolutionisten, die von
unilinearer und paralleler Entwicklung aufgrund der psychischen Einheit der
Menschheit ausgehen)

2 a) Diffusionisten
Wurzeln in den philologischen Studien, vor allem des 19. Jahrhunderts, wobei
die wissenschaftliche Befassung mit Mythologie von Max Müllers Arier-
Hypothese ausgeht (alle europäischen Stämme kamen aus fernen Osten; Kultur
u. Sprache erlitt Veränderungen; Erzählungen versuchen auf versch. Weise die
verlorene Kultur zu erklären!!). "Muller's Aryan hypothesis anticipates Antti
Aarne and Stith Thompson because it is based on cultural assumptions of a
diffusionist nature". (S.163)

Die Diffusionisten (= Historisch-Geographische Schule) waren, so wie vorher


die Funktionalisten als Reaktion auf Frazers evolutionistische Annahmen
aufgetreten und hatten ihr Zentrum in Finnland, wo Julius Krohn (1835-1888)21,
dessen Sohn Kaarle Krohn (1863-1933)22und Antti Aarne (1867-1925)23unter
dem Namen Finnische Schule bekannt wurden. Stith Thompson (1885-1976)24
machte diesen Ansatz später sehr bekannt und vertrat die Ansicht "that each tale
(or other folklore item) has had its own history and must be investigated
independently. General conclusions as to the origin and migration of all or great
groups of tales await the accumulation of monographic treatments of man story
types."25

Angeregt durch die Sammlungen und Vergleiche (indische und europäische


Märchen) der Brüder Jakob und Willhelm Grimm kam man zu dem Schluss,
dass Gleichheiten nur durch Kulturkontakt zu erklären seien. Aarne und seine

21
siehe u.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Krohn
22
siehe u.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Kaarle_Krohn
23
siehe u.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Antti_Aarne
24
siehe u.a.: http://en.wikipedia.org/wiki/Stith_Thompson
25
siehe: S Thompson 1972. Historical-Geographic Method. in: M Leach (ed). Standard
Dictionary of Folklore, Mythology and Legend. New York: Funk & Wagnalis. S. 498.
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Kollegen stellten 530 "tale types" auf!! Thompson, ein Schüler Aarnes
entwickelte einen neuen Klassifikationsmodus der nicht mehr auf Typen
sondern auf Motiven basierte. So fand er bei einer Erzählung
nordamerikanischer Indianer 86 Varianten, die er in seiner Analyse auf
gemeinsame Motive hin untersuchte "to establish an archetype and sub-types
and to arrive at a probable life history of the tale."26 Thompson teilt die Erde in
Kulturzonen ein, wobei die geographische Ansiedlung für ihn besondere
Bedeutung hat, da er hofft, dass Erzählvarianten durch Kontakte erklärbar
wären. Seine Forschungen sind in dem sechsbändigen Werk "Motif-Index of
Folk-Literature" (1922-37) festgehalten, es gelingt ihm aber nicht, den
Ursprungsort oder ein festes Datum für seine Erzählungen zu fixieren.

2 b) Formalisten
Die Entstehung dieser Gruppe ist wiederum eine Reaktion auf die
diffusionistische Schule. Vladimir Propp (1895-1970) 27 das erste Mitglied
dieser Schule, befasste sich mit den Invariablen eines Märchens und entdeckte
dabei, dass die Struktur von diesen Invariablen (invariants) bestimmt war und
deren Beziehung innerhalb einer Erzählung.
Die Einheiten, die von den Diffusionisten Motive genannt wurden, bezeichnet
Propp als Funktionen. In seinen Märchenforschungen entdeckte Propp 31
solcher Funktionen, die natürlich nicht immer alle in jeder Erzählung auftreten,
aber doch in vorhersagbaren Kombinationen. "... they constitute a system of
composition, and this system /is/ extremly stable and widespread". 28 Propp
nennt die Einheiten wohl Funktionen, weil jedes der Motive eine spezifische
Rolle innerhalb der Handlung zu erfüllen hat. Propp war derjenige, der als erster
gezeigt hatte, dass "die Besonderheit der Märchen nicht auf Motiven basiert
(eine Vielzahl von Motiven findet sich auch in anderen Genres, aber an
bestimmten strukturellen Einheiten um welche die Motive gruppiert sind." (S.
166)

3.) Kognitionistische Tradition


Die kognitionistische Tradition des Studiums der Mythen teilt sich in
Psychoanalyse und Symbolismus. Beide Methoden setzen sich mit den
psychischen Reaktionen des Menschen bei der Verwendung von Mythen
auseinander.

26
siehe: S Thompson 1972: 418.
27
http://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Jakowlewitsch_Propp
28
siehe: V Propp 1928. Transformations in Fairy Tales (transl. Petra Morrison). in: Pierre
Maranda (ed) 1972. Mythology. Penguin. S. 139.
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3 a) Psychoanalyse
Sigmund Freud (1856-1939) und Carl Gustav Jung (1875-1961) ragen in der
psychoanalytischen Schule heraus.
Freuds Ausgangspunkt waren Experimente mit seinen Patienten, bei denen er
diese mit Hilfe der Methode der "freien Assoziation" ermutigte, ihm alles zu
erzählen was sie zu ihrer mentalen Verwirrung geführt hatte. Freuds Einteilung
in Bewusstsein und Unterbewusstsein wird auf die Analyse von Mythen
übertragen. Mythen und Träume arbeiten nach Ansicht Freuds auf dieselbe Art.
Mythen sind seiner Meinung nach das "Traumdenken der Menschen" und sie
bewahren auf diese Weise "die unbewussten Beschäftigungen des Frühstadiums
einer Rasse". Mythen sind "die Träume der jungen Menschheit". Für Freud sind
Mythen und Erzählungen einfach Dinge, die auf einer unbewussten mentalen
Ebene ausgedacht werden.
Carl Gustav Jung trennte sich von Freud und kam zu der Erkenntnis, dass es das
so genannte "kollektive Unterbewusste" geben müsse, das auf den Archetypen
aufbaut. Wie Freud meinte auch Jung, dass Mythen und Träume versch. Aspekte
des Unbewussten freilegen könnten, sah dies aber als Enthüllungen des
kollektiven Unterbewusstseins, ererbt aus der Vergangenheit und mit
bestimmten Schlüsselsymbolen versehen. Diese Symbole treten in Form der
"Archetypen" in Erscheinung. Wobei Jung zwischen primitivem und
wissenschaftlichem Denken unterscheidet (S. 168)

3b) Symbolisten
Nach Ernst Cassirer (1874-1945)29 einem Vertreter der symbolistischen Schule,
besitzt der Mensch ein symbolistisches System innerhalb dessen wir die
Wurzeln jener Aktivitäten entdecken können, die zum Entstehen der Mythen
führen. Auch er vertritt wie Jung die Meinung, dass man zw. primitivem und
symbolischem (= wissenschaftlichem) Denken unterscheiden kann und
identifiziert drei Stadien in der Geschichte der kulturellen Aktivitäten der
Menschheit. Wobei Mythen im zweiten Stadium entstehen und als symbolische
Formen des Ausdrucks gesehen werden, eher als Produkt der Emotionen als des
Verstandes. Cassirer sieht die mythologische Denkweise als primitiv an.

In der Folge beschäftigten sich Wissenschafter wie Levi-Strauss (1908-2009)30


mit der Struktur traditioneller Mythen. In Anlehnung an den strukturalistisch
arbeitenden Linguisten Roman Jakobson (1896-1982)31 vertritt er die Meinung,
dass zwischen den Menschen ein Verstehenscode existieren müsse und dass
aufgrund eines Transformationsprozesses auf unbewusster Ebene Verständigung
erst möglich sei. Levi-Strauss meinte, dass Mythen nicht isoliert untersucht

29
Siehe u.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Cassirer
30
siehe u.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_Lévi-Strauss
31
siehe u.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson
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werden sollten, sondern nur in Beziehung zu anderen Erzählungen einer


Gemeinschaft. Eine Geschichte müsse immer in Einheiten geteilt werden, damit
die diversen Motive (mythemes bei Levi-Strauss) aus denen sich eine Erzählung
zusammensetzt, verstanden werden könnten. In seinem bedeutenden
vierbändigen Werk Mythologiques (1964-1971) zeigt er die Kategorien von
Kultur und Natur auf, die sich nach seiner Meinung in den Mythen bildenden
Kategorien des verwesten (Natur) bzw. gekochten (Kultur) manifestieren. Für
Levi-Strauss besteht der Zweck der Mythen darin, ein logisches Modell zu
entwickeln, das es ermöglicht, Widersprüche zu bewältigen. Claude Levi-
Strauss gilt als der Begründer des ethnologischen Strukturalismus.

Nwahunanyan vertritt die Ansicht, dass alle angeführten Schulen positive


Beiträge zur Erforschung des Menschen und seiner Kulturgeschichte geliefert
hätten. Dass gewisse Mythen in Beziehung zu gewissen Ritualen stehen, wie
Frazer erkannte; dass Mythen Funktionen in der Gesellschaft besitzen, wie
Malinowski feststellte; dass sich Mythen und "Folktales" über Kulturen hinweg
verbreiten, wie Aarne sagte und dass sie eine innere Struktur besitzen, die sich
in Motiven äußert (Thompson) oder in Funktionen (Propp); dass Mythen
symbolisch sein können (Cassirer) oder dass sie Produkte eines unbewussten
Teils des menschlichen Geistes sind (Freud, Jung).

Alle diese Theorien besitzen bis zu einem gewissen Grad Wert und Gültigkeit
für die Erforschung der Oralliteratur. Obwohl man in den wissenschaftlichen
Untersuchungen eine graduelle Bewegung vom soziologischen zum struktur-
analytischen und nicht zuletzt zum oral narrativen Ansatz feststellen kann,
muss man bei allen Ansätzen ein Ignorieren des kreativen Elementes erkennen.
Frazer z.B. zog den Schluss, dass aufgrund der Tatsache, dass Mythen mit
Ritualen verbunden sind, die auf eine ganze Gemeinschaft Auswirkungen
haben, solche Mythen einen kommunalen (gemeinschaftlichen) Ursprung
besitzen müssten. In der Folge machte er jedoch keine Versuche, die Rolle des
Erzählers und seines Publikums zu untersuchen und ignorierte die literarischen
Qualitäten der Oralliteratur völlig. Thompsons komparative Arbeitsweise
befasste sich mit der Rolle des Künstlers bei der Entwicklung von Erzählungen
und deren Vielzahl an Varianten. Thompson räumte mit dem Irrglauben auf,
dass Oralliteratur wortgetreu über Generationen tradiert sei; andrerseits kam es
bei ihm durch die intensive Beschäftigung mit dem Ursprung der Erzählungen
zu einer Vernachlässigung der inneren Struktur derselben.

Die Missachtung der literarischen Qualitäten der Oratur "is the result of a
monolithism that almost borders on dogmatism in folkloristic studies:"
(Nwahunanyan 1987:171)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 13
Thema 8: Theorien und Methoden der (afrikanischen) Literaturwissenschaft
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN WS 2011

Sie lässt sich aber auch daraus erklären, dass die unterschiedlichsten
wissenschaftlichen Disziplinen (Anthropologie, Linguistik, Ethnologie,
Psychologie, Soziologie etc.) Oralliteratur, d.h. mündlich überlieferte Texte für
ihre jeweiligen Forschungen herangezogen haben. Dabei wurde auf die
„literarische Qualität“ der Oratur kein besonderes Augenmerk gelegt.

Die konservative Literaturwissenschaft wiederum hat sehr lange weder Oratur


noch Trivial (Populär)- Literatur als Untersuchungsgegenstand akzeptiert.
Erstere nicht, weil Schriftlichkeit eine der vier Prämissen (neben Fiktionalität,
Literarizität, Polysemie) literaturwissenschaftlicher Untersuchungen darstellt
und somit mündliche Dichtung ausgeschlossen blieb, zweitere nicht, weil
Trivialität als Gegenteil/ Widerspruch von und zu Kunst angesehen wurde.

Hier bedurfte es neuer Generationen von Wissenschaftern, die diesen


festgeschriebenen Kanon aufbrachen. Man hatte erkannt, dass es einen klaren
Widerspruch zwischen dem normativen Kanon (dem was zu lesen sei) und dem
empirischen Kanon (dem was tatsächlich gelesen wird) gibt und dass gerade die
sog. Trivialliteratur (zu der von konservativen Wissenschaftern auch die
afrikanische Literatur gerechnet wurde und zum Teil bis heute wird) über die
Stimmung in einer bestimmten Epoche und Gesellschaft sehr viel aussagen
kann. Rückblickend scheint es kein Zufall zu sein, dass der Beginn der
Trivialliteraturforschung in Europa in den 1960er Jahren mit der verstärkten
Erforschung afrikanischer Literatur und Oratur zusammenfällt.

Zu einem Grund legenden Umdenken insbesondere die Erforschung der


afrikanischen Oralliteratur/ Oratur betreffend, führte aber erst das Auftreten von
afrikanischen Wissenschaftern. Diese waren mit der mündlichen Dichtung von
Kindheit an vertraut und waren bald auch nicht mehr bereit, eine Trennlinie
zwischen schriftlicher Literatur und mündlicher Dichtung zu ziehen.

Wissenschafter wie Isidore Okpewho 32 oder G.S. Krik haben versucht, die
früheren Schulen zu erweitern. Die Erkenntnis, dass keine Mythentheorie jemals
wirklich alle Blickwinkel erfassen kann und dass es am sinnvollsten wäre, aus
jeder Methode die besten Aspekte herauszunehmen und gleichsam einen neuen
Ansatz zu schaffen, hat dazu geführt, dass heutige Wissenschafter Mythen und
Oralliteratur aus allen möglichen Blickwinkeln betrachten, einschließlich des
literarischen Aspektes.

"Such an ecclectic approach may of course have its problems, but it tries at least
to avoid the pitfalls of dogmatic scholarship characteristic of previous

32
siehe u.a. http://www.binghamton.edu/africana/okpewho.html
http://www.binghamton.edu/africana/okpewho-books.html
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 14
Thema 8: Theorien und Methoden der (afrikanischen) Literaturwissenschaft
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN WS 2011

approaches." Nwahunanyan (S. 172) nennt diesen Ansatz den composite


literary approach.

Hier wird das ästhetisch-kreative Element ebenso beachtet wie der Kontext der
Aufführung oder die Bedeutung der Erinnerung in der kreativen Gestaltung
durch den Künstler. Verworfen wird hingegen die Vorstellung, dass
Erzählungen wortwörtlich übertragen werden zwischen den Kulturen oder
innerhalb von Kulturen. Hauptaugenmerk wird auf Fakten und Fiktion in der
Bestimmung des ästhetischen Wertes eines mündlichen Werkes gelegt. "This
approach explores the tidal interplay of fact and fiction with an emphasis on the
fortunes of the teller." (S.173)

Nach Okpewho33 ist das kreative Element in Mythen abhängig vom Grad der
fiktionalen Intrusion in den Fakten-Inhalt einer Geschichte. Die Gefahr liegt
hier in der Überbetonung des kreativen Elementes, des ästhetischen Aspekts,
was wiederum zu einem Ignorieren der Tatsache führen könnte, dass Mythen
immer auch Reflexionen gewisser Aspekte der Gesellschaft sind, aus der sie
kommen; dass sie gewisse Funktionen erfüllen und dass sie symbolisch sein
könnten.

Soziologie oraler Literatur34


(engl. sociology of oral literature; frz. sociologie de la littérature orale)

Wie wir bis jetzt sehen konnten, dominierte lange die Ansicht, dass mündliche
Überlieferungen (Oralliteratur, afrikanische Wortkunst, Folklore, Oratur - wie
auch immer die mündliche Dichtkunst Afrikas bezeichnet wurde und wird)
„natürlich“ seien und das Ergebnis passiver Tradierung aus einer fernen
Vergangenheit. Heute herrscht Übereinstimmung darin, dass orale Literatur ein
soziales Produkt ist, in dieselben Fragen eingebettet wie jede andere
gesellschaftliche Aktivität innerhalb einer gegebenen Struktur. Die Soziologie
oraler Literatur ist für die diversen Ansätze offen, die auch in der allgemeinen
Soziologie angewendet werden.

In den Vordergrund treten heute bei der wissenschaftlichen Erforschung und


Dokumentation Fragen der Produktion und Rezeption oraler Literatur.
Wer verfasst mündliche Werke?
Wer führt sie auf?
Welche Ausbildung erfolgt für wen?

33
siehe u.a. seine Werke: 1983. Myth in Africa: A Study of its Aesthetic and Cultural
Relevance. 1998. Once Upon a Kingdom: Myth, Hegemony, and Identity.
34
siehe: W J G Möhlig/ H Jungraithmayr (eds) 1998. Lexikon der afrikanistischen
Erzählforschung. Köln: Köppe, S.204-205. (S.10.0.47.)
AFRIKANISCHE LITERATURWISSENSCHAFT 15
Thema 8: Theorien und Methoden der (afrikanischen) Literaturwissenschaft
Anna GOTTSCHLIGG-OGIDAN WS 2011

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Fragen die sich mit Zusammensetzung und
Verhalten des Publikums beschäftigen. Die Erforschung des so genannten
Patronatssystems wird in neueren Studien aufgegriffen. Dieses regelt einerseits
die Rolle der einzelnen Dichter/ Erzähler/ Schauspieler und andererseits die
Entlohnung (muss nicht in Form von Geld erfolgen) für die Aufführenden.

Es gibt eine Reihe von Ansätzen, die neuere literaturtheoretische Methoden


aufgreifen. Dies sind unter anderem der Funktionalistische, Marxistische,
Strukturalistische, Post-strukturalistische, Ethnographische und Feministische
Ansatz und die Interaktions-Soziologie. Alle genannten Ansätze tragen zur
Erforschung der afrikanischen Dichtung bei, das heißt sie untersuchen die
Funktion, Bedeutung, Struktur und Position von Dichtung und Dichtern in den
afrikanischen Gesellschaften.

Die Fragen nach Funktion und / oder Bedeutung bestimmter Elemente werden
verschieden aufgearbeitet. Heute geht die Tendenz weg von vereinfachenden
oder reflektierenden Ansätzen hin zur Bewusstmachung, dass die orale Literatur
Afrikas durch Multi-Funktionalität, unterschiedliche Ebenen und (oft
umstrittene) Mehrdeutigkeit gekennzeichnet ist. Politische Aspekte von Oratur
und deren Einsatz zum Zweck von Wandel oder Provokation in der Gegenwart
werden ebenfalls zunehmend anerkannt und untersucht.