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1.

Deutschstunde (2015) Bob Blume


„Der Einstieg der Kurzgeschichte ist immer plötzlich, merkt euch das!“ Die Kälte war aus den
undichten Fenstern in seinen Nacken gekrochen. Ganz hinten, wo er und Jana saßen, war es
besonders schlimm. In den Augenwinkeln sah er, dass auch sie fror. Die hellen Haare auf
ihren Armen standen nach oben.

„Was habe ich gerade gesagt?“


Herr Sternbergers Brust bebte. Er schritt gemächlich nach hinten, den Blick nicht von ihm
gelassen. Seine Cordhose sah aus wie drei Erdschichten.

„Brauchen Sie eine Extraeinladung?“

Paul blickte am Lehrer vorbei, auf die Tafel. Sie war mit unleserlichen Zeichen beschriftet.
Etwas Mathe vom Vortag, ein paar englische Vokabeln. Sternbergers Gesicht strahlte
fröhlich. Kleine Äderchen zogen sich über die roten Backen vorbei bis zur furchigen Stirn.
Die Augen verdrehten sich immer leicht, wenn er versuchte, ein Ziel zu fixieren. Deshalb
fokussierte er immer nur wenige Sekunden, um sich dann scheinbar aus Zufall wieder
wegzudrehen. Tat er dies, lachten die Schüler ihn aus und taten so, als habe jemand einen
Witz gemacht.

Paul konnte seinen Atem sehen, als er ansetzte.

„Plötzlich!“, sagte Paul wie gehaucht.

„Seien Sie lauter, Mensch. Alle wollen hören, was Sie gesagt haben.“

Die anderen hören nichts. Sie starren gelangweilt auf kleine Kritzeleien vor ihnen, die sie
während Sternbergers Monolog angefertigt haben. Nur Kreise und Ecke, mal eine unzüchtige
Figur dazwischen, nichts Weltbewegendes.

„Plötzlich, Herr Sternberger! Kurzgeschichten beginnen plötzlich.“

„Warum denn nicht gleich so, Lustig?“, fragte Sternberger aber wartet die Antwort schon
nicht mehr ab. Er betont den Namen, wie er es mag. Meistens, als habe er damit einen Witz
gemacht. Er beginnt langsam und geschwollen, mit viel Schwere auf der ersten Silbe, danach
gleitet seine Stimme nach oben, als wolle er ihm eine Frage stellen.

„Was will der Autor mit diesem Einstieg erreichen?“

Die Blicke der Klasse schweifen ins Leere. Jana sitzt weiter neben ihm und friert. Fror schon
immer. Viele sagen, dass sei so bei Mädchen. Aber auch er friert. Er fixiert Sternberger, um
sich abwenden zu können.

„Sprecht darüber mit euren Nachbarn.“


Paul schielt herüber. Aber Jana hat sich schon zu einer Dreierreihe gedreht. Es würde nicht
lohnen, sich anzuschließen. Vielleicht wäre es wärmer? Er dreht sich zum Fenster.

Der Schnee liegt auf den Bäumen wie ein Meer von Blüten aus einer Welt, in der es kein
Dunkel gibt. Die Häuser stehen fest im Boden und stoßen Leben aus. Der Rauch vor dem
Schnee – eine Schattierung von Menschen. Aber ohne sie? Die Bäume weiter hinten sind in
weiß getaucht. Sie suchen sich, stehen nah beieinander. Aber man sieht nicht, welches der
wichtigste Baum ist. Alle sind gleich. Dunkeltannengrün. Wenn man jetzt durch den Wald
streifen würde, wäre es sehr still. Schnee schluckt die Farben und die Töne. Die Tiere des
Waldes sind im Winterschlaf oder im Süden. Der Weg ihrer Freiheit.

„Zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen? Paul Witzig?“

Eine Gruppe ansprechen und einen meinen. Lehrerfolter. Herr Sternberger steht breitbeinig
und lächelt ins nichts. Einige drehen sich weg, lachen. Er denkt, er sei lustig. Alle wissen: Er
ist es nicht.

„Ich habe noch nicht zu Ende gedacht“, sagt Paul. Janas Gesicht neben ihm verzerrt sich. Sie
prustet gleich los, darf es sich nicht erlauben.

„So wird das nichts mit dem Abschluss“, sagt Sternberger und fügt an: „So kann das nichts
werden.“

Paul sagt nichts. Er hofft, dass er nun für den Rest der Woche seine Ruhe hat. Dass er nicht
gefragt wird, von Sternberger und all den anderen, die ihm sagen, dass das nichts wird. Als er
noch Fragen hatte über alles, was ihn interessierte, da war es anders. Aber die Fragen waren
weg. Oder bei anderen. Und Antworten hatte er noch nie gehabt.

Die Klingel riss alle wie mit einer durchsichtigen Schnur nach oben. Sie fielen wie im Sturz
aus der Klasse heraus, laut tönend und tollend, was nun, endlich, da die Schule vorbei sei,
anstünde.

Paul atmete tief durch und verfolgte den Atemhauch, der es bis über den Tisch schaffte, ehe er
sich auflöste. Er stand auf, langsam, als müsse er sich in Zeitlupe bewegen.

Sternberger musste noch etwas auf die Tafel geschrieben haben, dass ihm zuvor entgangen
war. „Der Schluss…“ hieß es dort.

Paul packte seine Sachen ein und ging näher an die Tafel. „Der Schluss ist meistens offen.“
Was sollte das bedeuten. Offen. Es gibt also kein Ende? Kein Happy End? Keine Auflösung.

Ein plötzlicher Beginn und keine Auflösung am Ende. Zum ersten Mal an diesem Tag, nein,
in dieser Woche, musste Paul grinsen. Die Merkmale der Kurzgeschichte entsprachen nicht
nur Sternbergers Schulstunden.

Eigentlich entsprachen sie dem ganzen Leben.


Schade, dass es das niemandem mitteilen würde. Es würde keiner zuhören wollen. Nur
Gelächter, Blicke, kleine Zeichnungen auf Papier.

Das dunkle Brechen unter seinen Schritten begleitete seinen Gang durch den Schnee. Er
klopfte an der Haustür, wo seine Oma die Arme ausbreitete. Ein kleiner Punkt auf der Schürze
verriet ihm, dass es Gulasch geben würde. Das machte ihn glücklich.

„Gulasch!“, sagte er freudig.

„Weißt du, mein Paulchen“, sagte seine Oma. Ich glaube ich kennen keinen, der so gut
beobachten kann wie du.“

2. Rückkehr (2006) Botho Strauss


Da gab es den Bäckermeister Alwin, der eines Morgens nicht mehr in seine Backstube kam,
seine Frau Myriam verließ und nach Mexiko auswanderte. Dort kaufte er sich in eine
Papierfabrik ein und wurde ein erfolgreicher Fabrikant. Schließlich gehörten ihm zwölf
Papierfabriken in ganz Lateinamerika. Nach fünfundzwanzig Jahren kehrte er nach Hannover
zurück. Dort lebte seine Frau immer noch in der kleinen Wohnung am Rande der Eilenriede.
Sie war inzwischen fünfzig Jahre alt und litt eine bittere Armut. Als ihr Mann davon erfuhr,
nahm er sich ein Herz und besuchte seine Frau in ihrer beider alten Bleibe. Die Frau saß bei
einem Glas Pfirsichlikör an ihrem Tisch, an dem sie immer gesessen hatte, wenn die
Küchenarbeit beendet war. Sie blickte auf, als ihr Mann plötzlich wieder neben ihr stand, und
sah dann zurück auf die Tischplatte. Sie hörte, welch ein Angebot er ihr machte und welche
Unterstützung er ihr versprach. Doch sie schüttelte den Kopf und bat ihn, sie wieder mit ihm
allein zu lassen.
3. Eine Sucht / Monika Pelz
Ferdi Waldmüller, genannt Waldo (der Name ist aus Gründen der Anonymität geändert), war
dafür berüchtigt, dass er Insekten ass, wenn man ihm Geld dafür gab. Man durfte dann
zusehen, wie Waldo eine Fliege oder einen Käfer in den Mund steckte, zerbiss, zerkaute und
hinunterschluckte. Bei kleinen Insekten kostete es weniger, bei grossen Brummern verlangte
Waldo mehr für die Vorführung. Und immer fand sich einer, der zahlte. Um gratis in den
Genuss dieses haarsträubenden Schauspiels zu kommen, machten wir für ihn
Schlepperdienste und priesen ihn an: Du, ich kenne einen, der frisst den dicksten Käfer, wenn
man ihm dafür fünfzig Schilling zahlt. Waldo überwand sich dazu nur, weil er ständig Geld
brauchte. Von seinen Eltern bekam er nämlich keinen Schilling. Dass die Geldnot ihn zwang,
etwas derart Ekliges zu tun, machte ihn beinahe zum Helden und Märtyrer. Keiner von uns
anderen hätte das Zeug dazu gehabt. Kam Waldo dann mit irgendeiner neuen Erwerbung
daher, einer Baseballmütze oder einer teuren Doppel-CD, so fingen wir unwillkürlich an
nachzurechnen, wie viele Insekten er dafür wohl hatte hinunterwürgen müssen.

Ich vermute, die Kids heutzutage machen sich keinen Begriff davon, wie abartig uns Waldos
Nummer vorkam. Heute gibt es Fliegen in den Lollis und Spinnen in der Limonade. Alles,
was ich dazu sage, ist: Diese Fliegen und Spinnen sind mausetot, während Waldos
Krabbeltiere noch lebten. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

Bis eines Tages die unerhörte Meldung kam und sich wie ein Lauffeuer verbreitete, dass
Waldo von seinen Alten ausreichend Taschengeld kriegte und dass alles, was er darüber
erzählte, erstunken und erlogen war. Dass er mit anderen Worten nicht den geringsten Grund
hatte, sich zur Insektenfresserei zu zwingen. Sie schmeckten ihm, das war alles. Seine kleine
Schwester hatte es ausgeplaudert: Selbst, wenn Waldo allein war und garantiert keiner ihm
zusah, geschweige denn bezahlte, frass er Käfer, kleine und grosse, gepunktete und grün
schillernde. Er war in Wahrheit ganz süchtig nach ihnen. Unsere mit Grauen gemischte
Bewunderung für Waldo erlosch schlagartig. Wir kamen uns total reingelegt vor. Über Nacht
hatte Waldo sich vom Helden zum hinterhältigen Ekelmonster verwandelt. Später soll er
übrigens ganz normal geworden sein und sich auf Gummibärlis, Kaugummis und
Schokoriegel verlegt haben. Wir verloren ihn aus den Augen, weil seine Eltern in eine andere
Stadt zogen. Dann kam diese Maturafeier. So ziemlich die Hälfte der Klasse war damals in
Sissy Kratky verliebt, die andere Hälfte bestand aus uns Mädchen. Die Knaben standen
andachtsvoll um Sissy herum und Sissy flirtete mit ihnen. Aus purer Freundlichkeit, wie ich
wusste, denn in Wirklichkeit hielt sie alle für ziemlich kindisch. Und dann tauchte auf einmal
ein Junge auf, der exakt so aussah wie Brad Pitt, nur hübscher, und naturgemäss waren auf
einmal alle anderen Luft für Sissy Kratky. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und das sei, als
ob der Blitz einschlüge. Sissy und der fremde Junge – ich hielt ihn übrigens aus irgendeinem
Grund für den Sohn von Direktor Schillhammer – klebten förmlich aneinander. Sie lächelte
geheimnisvoll, sie flüsterten, sie schwiegen. Es sah ganz so aus, als wollten sie den Rest des
Lebens miteinander verbringen. Wie sie das so zusammen sassen und auch schon unauffällig
Händchen hielten, verbreiteten sie eine Aura der Vollkommenheit und des Glücks, sodass
man sich neben ihnen irgendwie ganz misslungen vorkam. Bis Professor Hirsch, unsere
Zeichenlehrerin, den jungen Mann als Einzige wiedererkannte: „Du bist der Waldmüller!“
Aus war es und vorbei, Wer die alte Geschichte nicht kannte, dem wurde sie erzählt. Sissy
schloss sich auf dem Klo ein und kam erst nach langem Zureden wieder heraus. Mit dem
Ekelmonster Waldo wollte sie kein Wort mehr reden, nicht ein einziges klitzekleines Wort!
Obwohl er angeblich schon seit Jahren keine Käfer mehr ass.

„Stellt euch vor“, pflegte Sissy schaudernd zu sagen, „ich hätte ihn damals schon beinahe
geküsst!“
4. Streuselschnecke (2000) Julia Frank
Der Anruf kam, als ich vierzehn war. Ich wohnte seit einem Jahr nicht mehr bei meiner
Mutter und meinen Schwestern, sondern bei Freunden in Berlin. Eine fremde Stimme meldete
sich, der Mann nannte seinen Namen, sagte mir, er lebe in Berlin, und fragte, ob ich ihn
kennen lernen wolle. Ich zögerte, ich war mir nicht sicher. Zwar hatte ich schon viel über
solche Treffen gehört und mir oft vorgestellt, wie so etwas wäre, aber als es soweit war,
empfand ich eher Unbehagen. Wir verabredeten uns.

Er trug Jeans, Jacke und Hose. Ich hatte mich geschminkt. Er führte mich ins Cafe Richter am
Hindemithplatz, und wir gingen ins Kino, ein Film von Rohmer. Unsympathisch war er nicht,
eher schüchtern. Er nahm mich mit ins Restaurant und stellte mich seinen Freunden vor. Ein
feines, ironisches Lächeln zog er zwischen sich und die anderen Menschen. Ich ahnte, was das
Lächeln verriet.

Einige Male durfte ich ihn bei seiner Arbeit besuchen. Er schrieb Drehbücher und führte
Regie bei Filmen. Ich fragte mich, ob er mir Geld geben würde, wenn wir uns treffen, aber er
gab mir keins, und ich traute mich nicht, danach zu fragen. Schlimm war das nicht, schließlich
kannte ich ihn kaum, was sollte ich da schon verlangen? Außerdem konnte ich für mich selbst
sorgen, ich ging zur Schule und putzen und arbeitete als Kindermädchen. Bald würde ich alt
genug sein, um als Kellnerin zu arbeiten, und vielleicht wurde ja auch noch eines Tages etwas
Richtiges aus mir.

Zwei Jahre später, der Mann und ich waren uns noch immer etwas fremd, sagte er mir, er sei
krank. Er starb ein Jahr lang, ich besuchte ihn im Krankenhaus und fragte, was er sich
wünsche. Er sagte mir, er habe Angst vor dem Tod und wolle es so schnell wie möglich hinter
sich bringen. Er fragte mich, ob ich ihm Morphium besorgen könne. Ich dachte nach, ich hatte
einige Freunde, die Drogen nahmen, aber keinen, der sich mit Morphium auskannte. Auch
war ich mir nicht sicher, ob die im Krankenhaus herausfinden wollten und würden, woher es
kam. Ich vergaß seine Bitte.

Manchmal brachte ich ihm Blumen. Er fragte nach dem Morphium, und ich fragte ihn, ob er
sich Kuchen wünsche, schließlich wusste ich, wie gerne er Torte aß. Er sagte, die einfachen
Dinge seien ihm jetzt die liebsten – er wolle nur Streuselschnecken, nichts sonst. Ich ging
nach Hause und buk Streuselschnecken, zwei Bleche voll. Sie waren noch warm, als ich sie
ins Krankenhaus brachte. Er sagte, er hätte gerne mit mir gelebt, es zumindest gern versucht,
er habe immer gedacht, dafür sei noch Zeit, eines Tages – aber jetzt sei es zu spät.

Kurz nach meinem siebzehnten Geburtstag war er tot. Meine kleine Schwester kam nach
Berlin, wir gingen gemeinsam zur Beerdigung. Meine Mutter kam nicht. Ich nehme an, sie
war mit anderem beschäftigt, außerdem hatte sie meinen Vater zu wenig gekannt und nicht
geliebt.
5. San Salvador (1963) Peter Bichsel
Er hatte sich eine Füllfeder gekauft.

Nachdem er mehrmals seine Unterschrift, dann seine Initialen, seine Adresse, einige
Wellenlinien, dann die Adresse seiner Eltern auf ein Blatt gezeichnet hatte, nahm er einen
neuen Bogen, faltete ihn sorgfältig und schrieb: „Mir ist es hier zu kalt“, dann „ich gehe nach
Südamerika“, dann hielt er inne, schraubte die Kappe auf die Feder, betrachtete den Bogen
und sah, wie die Tinte eintrocknete und dunkel wurde (in der Papeterie garantierte man, dass
sie schwarz werde), dann nahm er seine Feder erneut zur Hand und setzte noch großzügig
seinen Namen Paul darunter.

Dann saß er da.

Später räumte er die Zeitungen vom Tisch, überflog dabei die Kinoinserate, dachte an
irgendetwas, schob den Aschenbecher beiseite, zerriss den Zettel mit den Wellenlinien,
entleerte seine Feder und füllte sie wieder. Für die Kinovorstellung war es jetzt zu spät.

Die Probe des Kirchenchores dauert bis neun Uhr, um halb zehn würde Hildegard zurück
sein. Er wartete auf Hildegard. Zu all dem Musik aus dem Radio. Jetzt drehte er das Radio ab.

Auf dem Tisch, mitten auf dem Tisch, lag nun der gefaltete Bogen, darauf stand in
blauschwarzer Schrift sein Name Paul.

„Mir ist es hier zu kalt“, stand auch darauf.

Nun würde also Hildegard heimkommen, um halb zehn. Es war jetzt neun Uhr. Sie läse seine
Mitteilung, erschräke dabei, glaubte wohl das mit Südamerika nicht, würde dennoch die
Hemden im Kasten zählen, etwas müsste ja geschehen sein.

Sie würde in den „Löwen“ telefonieren.

Der „Löwen“ ist mittwochs geschlossen.

Sie würde lächeln und verzweifeln und sich damit abfinden, vielleicht.

Sie würde sich mehrmals die Haare aus dem Gesicht streichen, mit dem Ringfinger der linken
Hand beidseitig der Schläfe entlangfahren, dann langsam den Mantel aufknöpfen.

Dann saß er da, überlegte, wem er einen Brief schreiben könnte, las die Gebrauchsanweisung
für den Füller noch einmal - leicht nach rechts drehen - las auch den französischen Text,
verglich den englischen mit dem deutschen, sah wieder seinen Zettel, dachte an Palmen,
dachte an Hildegard. Saß da.

Und um halb zehn kam Hildegard und fragte: „Schlafen die Kinder?“. Sie strich sich die
Haare aus dem Gesicht.
6. Spagetti für zwei (1986) Federica de Cesco
Heinz war bald 16 und fühlte sich sehr cool. In der Klasse und auf dem Fußballplatz hatte er
das Sagen. Aber richtig schön würde das Leben erst werden, wenn er sein Töff bekam und
den Mädchen zeigen konnte, was für ein Kerl er war. Er mochte Monika, die mit den langen
Haaren von der anderen Schule und ärgerte sich über seine entzündeten Pickel. Im Unterricht
machte er gern auf Verweigerung, die Lehrer sollten bloß nicht auf den Gedanken kommen,
dass er sich anstrengte. Mittags konnte er nicht nach Hause, weil der eine Bus zu früh, der
andere zu spät abfuhr. So aß er im Selbstbedienungsrestaurant.

„Italienische Gemüsesuppe" stand im Menü. Ein schwitzendes Fräulein schöpfte die Suppe
aus einem dampfenden Topf. Heinz nickte zufrieden, der Teller war ganz ordentlich voll. Er
setzte sich an einen freien Tisch. Da merkte er, dass er den Löffel vergessen hatte. Heinz
stand auf und holte sich einen. Als er zu seinem Tisch zurück stapfte, traute er seinen Augen
nicht: Ein Schwarzer saß an seinem Platz und aß seelenruhig seine Gemüsesuppe!

Heinz stand mit seinem Löffel fassungslos da, bis ihn die Wut packte. Zum Teufel mit diesen
Asylbewerben! Der kam irgendwo aus Uagadugu, und jetzt fiel ihm nichts Besseres ein, als
ausgerechnet seine Gemüsesuppe zu verzehren! Schonmöglich, dass das den afrikanischen
Sitten entsprach, aber hierzulande war das eine bodenlose Unverschämtheit! Heinz öffnete
den Mund, um diesem Menschen lautstark seine Meinung zu sagen, als ihm auffiel, dass die
Leute ihn schon komisch ansahen. Heinz wurde rot. Er wollte nicht als Rassist gelten. Aber
was nun?

Plötzlich fasste er einen Entschluss. Er zog einen Stuhl zurück und setzte sich dem Schwarzen
gegenüber. Dieser hob den Kopf, blickte ihn kurz an und schlürfte dann ungestört die Suppe
weiter. Heinz presste die Zähne zusammen, dass seine Kinnbacken schmerzten. Dann packte
er energisch den Löffel, beugte sich über den Tisch und tauchte ihn in die Suppe. Der
Schwarze hob abermals den Kopf. Sekundenlang starrten sie sich an. Heinz führte mit leicht
zitternder Hand den Löffel zum Mund und tauchte ihn zum zweiten Mal in die Suppe. Seinen
vollen Löffel in der Hand, fuhr der Schwarze fort, ihn stumm zu betrachten. Dann senkte er
die Augen auf seinen Teller und aß weiter.

Eine Weile verging. Beide teilten sich die Suppe, ohne dass ein Wort fiel. Heinz versuchte
nachzudenken. „Vielleicht hat der Mensch kein Geld, muss schon tagelang hungern.
Vielleicht würde ich mit leerem Magen ähnlich reagieren? Und Deutsch kann er anscheinend
auch nicht. Ist doch peinlich. Ich an seiner Stelle würde mich schämen. Ob Schwarze wohl rot
werden können?" Das leichte Klirren des Löffels, den der Afrikaner in den leeren Teller legte,
ließ Heinz die Augen heben.

Der Schwarze hatte sich zurückgelehnt und sah ihn an. Heinz konnte seinen Blick nicht
deuten. In seiner Verwirrung lehnte er sich ebenfalls zurück. Schweißtropfen perlten auf
seiner Oberlippe, sein Pulli juckte, besonders am Hals. Er versuchte, den Schwarzen
abzuschätzen. „Junger Kerl. Etwas älter als ich. Vielleicht sechzehn oder sogar schon
achtzehn. Normal angezogen: Jeans, Pulli, Windjacke. Sieht eigentlich nicht aus wie ein
Obdachloser. Immerhin, der hat meine halbe Suppe aufgegessen und sagt nicht einmal danke!
Au Mann, ich hab noch Hunger!" Der Schwarze stand auf. Heinz blieb der Mund offen.
„Haut der jetzt tatsächlich ab? Jetzt ist aber das Maß voll! So eine Frechheit! Der soll mir
wenigstens die halbe Gemüsesuppe bezahlen!" Er wollte aufspringen und Krach schlagen. Da
sah er, wie sich der Schwarze mit einem Tablett in der Hand wieder anstellte. Heinz fiel
unsanft auf seinen Stuhl zurück.

„Also doch: Der Mensch hat Geld! Oder bildet der sich vielleicht ein, dass ich ihm den
zweiten Gang bezahle?" Heinz griff hastig nach seiner Schulmappe. „Bloß weg von hier,
bevor er mich zur Kasse bittet! Aber nein, sicherlich nicht. Oder doch?" Heinz ließ die Mappe
los und kratzte nervös an einem Pickel. Irgendwie wollte er doch wissen, wie es weiterging.
Jetzt stand der Schwarze vor der Kasse und - tatsächlich - er bezahlte. Heinz schniefte.
„Verrückt!" dachte er. „Total gesponnen!"

Da kam der Schwarze zurück. Er trug das Tablett, auf dem ein großer Teller Spagetti stand,
mit Tomatensauce, vier Fleischbällchen und zwei Gabeln. Immer noch stumm, setzte er sich
Heinz gegenüber, schob den Teller in die Mitte des Tisches, nahm eine Gabel und begann zu
essen. Dieser Typ forderte ihn tatsächlich auf, die Spagetti mit ihm zu teilen! Heinz brach der
Schweiß aus. Was nun? Sollte er essen? Nicht essen? Seine Gedanken überstürzten sich.
Wenn der Mensch doch wenigstens reden würde! „Na gut, er hat die Hälfte meiner Suppe
gegessen, jetzt esse ich die Hälfte seiner Spagetti, dann sind wir quitt!" Wütend und beschämt
griff Heinz nach der Gabel, rollte die Spaghetti auf und steckte sie in den Mund. Schweigen.
„Eigentlich nett von ihm, dass er mir ne Gabel mitgebracht hat“, dachte Heinz. „Da komm ich
noch zu einem guten Spaghettiessen, dass ich mir heute nicht geleistet hätte. Aber was soll ich
jetzt sagen? Danke? Saublöd!“

Die Portion war sehr reichlich. Bald hatte Heinz keinen Hunger mehr. Dem Schwarzen ging
es ebenso. Er lehnte sich zurück, schob die Daumen in die Jeanstaschen und sah ihn an. Heinz
kratzte sich unter dem Rollkragen, bis ihm die Haut schmerzte. „Wenn ich nur wüsste, was er
denkt!" Verwirrt, schwitzend und erbost ließ er seine Blicke umherwandern. Auf dem
Nebentisch, an den sich bisher niemand gesetzt hatte, stand - einsam auf einem Tablett - ein
Teller kalter Gemüsesuppe. Heinz erlebte den peinlichsten Augenblick seines Lebens. Am
liebsten hätte er sich in ein Mauseloch verkrochen. Es vergingen zehn volle Sekunden, bis er
es endlich wagte, dem Schwarzen ins Gesicht zu sehen. Der saß da, völlig entspannt und
cooler, als Heinz es je sein würde, und wippte leicht mit dem Stuhl hin und her. „Äh ...",
stammelte Heinz, feuerrot im Gesicht. „Entschuldigen Sie bitte. Ich ..."

Er sah die Pupillen des Schwarzen aufblitzen. Auf einmal warf dieser den Kopf zurück, brach
in dröhnendes Gelächter aus. Eine Weile saßen sie da, von Lachen geschüttelt. Dann stand der
Schwarze auf, schlug Heinz auf die Schulter. „Ich heiße Marcel", sagte er in bestem Deutsch.
„Ich esse jeden Tag hier. Sehe ich dich morgen wieder? Um die gleiche Zeit?" „In Ordnung!
Aber dann spendiere ich die Spagetti."

7. Die Tochter (1964) Peter Bichsel


Abends warteten sie auf Monika. Sie arbeitete in der Stadt. Die Bahnverbindungen sind
schlecht. Sie, er und seine Frau, saßen am Tisch und warteten auf Monika. Seit sie in der Stadt
arbeitete, aßen sie erst um halb acht. Früher hatten sie eine Stunde eher gegessen. Jetzt
warteten sie täglich eine Stunde am gedeckten Tisch, an ihren Plätzen, der Vater oben, die
Mutter auf dem Stuhl nahe der Küchentür, sie warteten vor dem leeren Platz Monikas. Einige
Zeit später dann auch vor dem dampfenden Kaffee, vor der Butter, dem Brot, der Marmelade.

Sie war größer gewachsen als sie, sie war auch blonder und hatte die Haut, die feine Haut der
Tante Maria. «Sie war immer ein liebes Kind», sagte die Mutter, während sie warteten. In
ihrem Zimmer hatte sie einen Plattenspieler, und sie brachte oft Platten mit aus der Stadt, und
sie wusste, wer darauf sang. Sie hatte auch einen Spiegel und verschiedene Fläschchen und
Döschen, einen Hocker aus marokkanischem Leder, eine Schachtel Zigaretten.

Der Vater holte sich seine Lohntüte auch bei einem Bürofräulein. Er sah dann die vielen
Stempel auf einem Gestell, bestaunte das sanfte Geräusch der Rechenmaschine, die
blondierten Haare des Fräuleins, sie sagte freundlich "Bitte schön", wenn er sich bedankte.

Über Mittag blieb Monika in der Stadt, sie aß eine Kleinigkeit, wie sie sagte, in einem
Tearoom. Sie war dann ein Fräulein, das in Tearooms lächelnd Zigaretten raucht.

Oft fragten sie sie, was sie alles getan habe in der Stadt, im Büro. Sie wusste aber nichts zu
sagen. Dann versuchten sie wenigstens, sich genau vorzustellen, wie sie beiläufig in der Bahn
ihr rotes Etui mit dem Abonnement aufschlägt und vorweist, wie sie den Bahnsteig
entlanggeht, wie sie sich auf dem Weg ins Büro angeregt mit Freundinnen unterhält, wie sie
den Gruß eines Herrn lächelnd erwidert.

Und dann stellten sie sich mehrmals vor in dieser Stunde, wie sie heimkommt, die Tasche und
ein Modejournal unter dem Arm, ihr Parfum; stellten sich vor, wie sie sich an ihren Platz
setzt, wie sie dann zusammen essen würden.

Bald wird sie sich in der Stadt ein Zimmer nehmen, das wussten sie, und dass sie dann wieder
um halb sieben essen würden, dass der Vater nach der Arbeit wieder seine Zeitung lesen
würde, dass es dann kein Zimmer mehr mit Plattenspieler gäbe, keine Stunde des Wartens
mehr. Auf dem Schrank stand eine Vase aus blauem schwedischem Glase, eine Vase aus der
Stadt, ein Geschenkvorschlag aus dem Modejournal.

"Sie ist wie deine Schwester", sagte die Frau, "sie hat das alles von deiner Schwester.
Erinnerst du dich, wie schön deine Schwester singen konnte?"

"Andere Mädchen rauchen auch", sagte die Mutter.

"Ja", sagte er, «das habe ich auch gesagt."

Ihre Freundin hat kürzlich geheiratet", sagte die Mutter.

Kürzlich hatte er Monika gebeten: "Sag mal etwas auf Französisch." - "Ja', hatte die Mutter
wiederholt, «sag mal etwas auf Französisch». Sie wusste aber nichts zu sagen. Stenografieren
kann sie auch, dachte er jetzt.

"Für uns wäre das zu schwer", sagten sie oft zueinander.


Dann stellte die Mutter den Kaffee auf den Tisch. "Ich habe den Zug gehört", sagte sie.
8. Mark Zwollich / Die Entscheidung
Es war wieder einer dieser fürchterlichen Tage. Er hatte noch bis in die Nacht hinein an der
Planung der Unterrichtsstunde in der 8a gesessen. Wieso musste er auch gerade diesen
Fachleiter als Ausbilder bekommen, der einfach keinen Fehler übersah. Wenn man ihn dann
erschrocken oder gar verzweifelt ansah, hieß es nur: „Da müssen Sie durch. Später sind Sie
als Lehrer ganz auf sich allein gestellt. Also lieber jetzt leiden als später!“.

Was aber war, wenn man vielleicht doch für einen solchen Beruf nicht geschaffen war.
Manchmal hatte er Lust, alles hinzuschmeißen und einfach in der Schule anzurufen und zu
sagen: Er sei auf dem Weg nach Panama. Sie müssten schon ohne ihn klarkommen. Diese
kleine Anspielung auf eine Kurzgeschichte von Peter Bichsel fand er witzig - er hatte nun mal
viel Spaß an Literatur, konnte sich richtig in sie versenken. Musste man dann aber gleich
Deutschlehrer werden? Nun - in zwei Stunden würde er es wissen. Heute sollte nach der
Besuchsstunde - so wurde dieser Stresstest beschönigend genannt - die Zwischennote
verkündet werden.

Als er leicht verschwitzt und mit immer noch leicht schmerzendem Magen in der Schule
ankam, war er ganz überrascht, dass einige Schüler aus der 8a ihn sogar im Vorbeigehen
freundlich begrüßten. Dann hatte es wohl doch etwas bewirkt, dass er ihnen letztens mal
klargemacht hatte, Lehrer seien auch Menschen und so könne man ihnen gegenüber doch
auch ein bisschen nett sein. Tim, der Klassensprecher hatte dann großzügig gesagt: “Ist schon
okay, sonst hören Sie nachher noch vorzeitig auf und wir haben wieder nur Dr. Harkort. Das
war der eigentlich zuständige Deutschlehrer der Klasse. Glücklicherweise war er in der
Stunde nicht mit dabei - und so gab es keine peinliche Situation.

Auf dem Weg ins Lehrerzimmer traf er dann noch Guido Bockhorst, den Fachvorsitzenden:
“Danke noch mal, dass Sie in der letzten Fachsitzung spontan eingesprungen sind und das
Referat über die neuen Leistungsstandards übernommen haben.” Er selbst fand das gar nicht
so großartig. So was machte er eigentlich gerne, auch wenn ihn das einen Tag bei der
Vorbereitung dieser Besuchsstunde gekostet hatte.

Dann sah er auch schon seinen Fachleiter, der ihn freundlich begrüßte. In der Stunde selbst
saß er dann aber wieder wie eine Statue in der letzten Reihe. Sein Prinzip war: “Ich möchte
mich möglichst unsichtbar machen. Es soll ja Ihre Stunde sein.“ Ansonsten klappte alles recht
gut - seine Nervosität sah man ihm glücklicherweise meistens nicht an. Dann die
Enttäuschung: “Die Besprechung der Stunde müssen wir leider verschieben. Ich muss noch
schnell zu einer anderen Schule.“ Die Ungewissheit und die damit verbundene Anspannung
würde also noch einige Zeit anhalten.

Mittags hätte er gerne ein bisschen Nachtschlaf nachgeholt, aber erst mal wartete Tim auf ihn.
Der war zwar als Klassensprecher wirklich toll - mit der Analyse von Texten tat er sich aber
schwer. Also ging er das nach Schulschluss noch einmal mit ihm durch - und tatsächlich, am
Ende schien er es verstanden zu haben.
Die Schule völlig vergessen konnte er dann beim abendlichen Training. Er spielte seit einiger
Zeit in einem Fußballverein mit. Mit den Jungs verstand er sich echt gut. Aber heute waren
sie doch etwas geschockt, als er sagte, am Samstag könne er nicht spielen. “Ich brauche das
Wochenende unbedingt für die Vorbereitung der nächsten Unterrichtsreihe.” Als ihr Trainer
dann aber erklärte, sie müssten gar nicht 100 km fahren, das Spiel finde auf dem eigenen Platz
statt, wurde er doch schwankend. Den Ausschlag gab dann die Bemerkung von Mirko: “Jan,
wir brauchen dich dringend in diesem Spiel, du bist derjenige, der die beste Spielübersicht
hat. Ohne dich laufen wir doch nur die Hühner auf dem Rasen rum.” Das war natürlich
deutlich übertrieben und auch nicht fair gegenüber den Hühnern, aber die Entscheidung war
damit gefallen. Er sagte zu.

Als er nach Hause kam, hatten ihn die Schulprobleme wieder eingeholt. Glücklicherweise war
seine Lieblingsschwester Nadja gekommen. Sie studierte nicht nur Psychologie, sondern
beeindruckte ihn auch immer mit ihrer Gelassenheit und ihrem schnellen Durchblick.

Als er den ersten Frust los geworden war, sagte sie zunächst mal gar nichts, dann nahm sie
einen Zettel und sagte: “Erzähl mal genau, wie heute dein Tag abgelaufen ist.” Als er damit
fertig war, drehte sie das Blatt einfach um und malte auf die Rückseite ein großes
Ausrufezeichen.

Als er fragte, was das denn sollte, meinte sie nur: “Du hast dir die Antwort, ob du Lehrer
werden solltest, selbst gegeben!” Als er sie fragend anblickte, drehte sie das Blatt wieder um,
bat ihn um einen Textmarker und strich einige Stellen an. Erst jetzt merkte er, dass sie gar
nicht das notiert hatte, was er ihr erzählt hatte, sondern dort standen Wörter wie: “Mag
Literatur“, Ist beliebt», «springt ein”, „hat Plan“ und so weiter.

Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er war den ganzen Tag auf seine angeblichen
Schwächen und Ängste konzentriert gewesen und hatte gar nicht seine Stärken mitbekommen.
Er guckte seiner Schwester in die Augen, sagte nur “Danke”, nahm den Zettel an sich und
schlug vor, dass sie jetzt noch gemeinsam in die Stadt fahren sollten, um sich irgendeinen
schönen Film im Kino anzugucken.
9. Björn Lanker / Alles zu seiner Zeit
Heute konnten sie ausnahmsweise mal gemeinsam in Ruhe frühstücken. Tom fing sowieso
immer erst am Dienstag in der dritten Stunde an. Bei ihm selbst war sein Kurs auf Fahrt und
er musste ausnahmsweise mal keinen Vertretungsunterricht geben.
Leider wurde Das Gespräch zwischen Vater und Sohn dann nicht so harmonisch, wie er sich
das gewünscht hätte. Denn sie hatten sich am Tag vorher gar nicht mehr gesehen und
offensichtlich bestand Redebedarf:
«Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie das gestern mit der Besprechung der Klausur
abgelaufen ist.»

Welche Klausur?

«Natürlich die in Deutsch. Da hatten wir so eine seltsame Warzengeschichte bekommen und
sollten die analysieren.»

Als Deutschlehrer kannte er natürlich die Kurzgeschichten, die am häufigsten drankamen:


«Ach, du meinst Flitterwochen, dritter Tag von Gabriele Wohmann?»

«Ja, kann schon sein. So ähnlich hieß die Frau wohl.»

«Ja, und wo ist das Problem? Das ist doch eine Kurzgeschichte, die immer wieder eingesetzt
wird.»

«Um so schlimmer. Da geht es um Dinge, die erstens ganz schlecht dargestellt sind und von
denen wir zweitens gar keine Ahnung haben.»

«Wieso habt ihr keine Ahnung, wenn Leute irgendwie nicht vernünftig kommunizieren
können. Das kommt doch in den besten Familien vor.»

«Ja, aber dann geht es um Probleme, die wir miteinander haben, und nicht um irgendwelche
Eheprobleme.»

«Es schadet doch nicht, wenn man sieht, welche Probleme auch Erwachsene haben.»

«Darüber kann man ja sprechen, aber das ist sicherlich kein gutes Thema, wenn man in einer
Klausur den Text erst mal verstehen muss.»

«Und was war in dem Text zum Beispiel unverständlich?»

«Naja, da wollte der Mann irgendwie nicht, dass seine Frau demnächst weiterarbeitet. Und
dann standen in dem sogenannten Erwartungshorizont Begriffe wie Autonomie,
Fremdbestimmung und Geschlechterverhältnis. Wie soll ich mir vorstellen, was es für die
Frau bedeutet, wenn sie demnächst nicht mehr arbeiten soll?!»

«Ja, vielleicht solltest du erst mal eine Runde arbeiten und dir selbst dein Geld verdienen,
dann würdest du begreifen, was es bedeutet, wenn man zu Hause nur rumsitzt und sich fragt,
wie man dem Mann einen schönen Abend machen kann.»
«Siehst du, jetzt habe ich dich: Diese Geschichte ist etwas, was man besprechen kann, wenn
man selbst in der entsprechenden Situation ist. Soweit ich weiß, ist bis jetzt kein einziger aus
dem Kurs in Flitterwochen gewesen.»

Das saß. Da unterrichtete er schon zehn Jahre lang Oberstufenkurse in Deutsch. Aber er
konnte sich nicht erinnern, dass ihn mal ein Schüler so zum Nachdenken gebracht hätte.

10. Lars Krüsand, Pannen auf dem Weg zum


Praktikum
Alles begann damit, dass eigentlich gar nichts so richtig begann, zumindest nicht bei Ben.
Nachdem in der Schule erklärt worden war, worum es beim Praktikum geht und wie man am
besten einen interessanten Platz findet, verschwand das Thema erst mal wieder. Er war nur
etwas erstaunt, als zwei Wochen später einige seiner Mitschüler fragten, wie man eine
Bewerbung denn nun schreiben sollte. Da wurde dann auch einiges gesagt, aber er
interessierte sich zu der Zeit einfach mehr für Lisa. Was interessierten ihn da andere
Bewerbungen. Einige Monate später ging das alte Schuljahr langsam zu Ende – und plötzlich
wurde eine Liste reingereicht, in der sich jeder mit seinem Praktikumsplatz eintragen sollte.
Da die Sache mit Lisa sich inzwischen erledigt hatte, hatte Ben auch ein offenes Ohr für diese
Frage, aber deswegen noch keine große Lust, nun aktiv zu werden. Glücklicherweise ging das
anderen auch so – und so konnte man die Sache noch mal wieder ein bisschen
hinausschieben.
Dann ging es aber plötzlich Schlag auf Schlag. Es stellte sich heraus, dass er am Tag vor den
Zeugnissen der Einzige war, der nicht die geringste Ahnung hatte, wo er vielleicht
unterkommen konnte. Als er dann hörte, dass man die 14 Tage Praktikum auch beim
Hausmeister der eigenen Schule mit dem Säubern des Schulhofes verbringen konnte, wurde
es brenzlig. Glücklicherweise war sein Vater Chef einer kleinen Werbefirma und auch bereit,
ihn da ein bisschen was machen zu lassen.
Am Tag darauf war es damit aber auch schon wieder nichts mehr, denn als Ben seinem Lehrer
stolz von seinem Blitzerfolg erzählte, bekam er nur zur Antwort, ein Praktikumsplatz in der
eigenen Familie, das ginge überhaupt nicht. Auf seine Frage, warum nicht, bekam er nur den
Hinweis auf die schulinternen Richtlinien. Also stand er wieder vor dem Nichts. Aber
immerhin hatte er jetzt ja schon mal eine Idee und es gab ja auch noch ein zweites Werbebüro
am Ort. Sein Vater guckte zwar ein bisschen schräg, aber diesmal wollte Ben das alles ganz
selbstständig erledigen.
Kaum war er am Tag der Zeugnisausgabe früh nach Hause gekommen, suchte er sich einfach
die Telefonnummer der Firma raus und rief dort an. Dann wurde es ein bisschen schwierig,
weil er als erstes gefragt wurde, wann denn das Praktikum stattfinden sollte. Das war zwar im
Unterricht besprochen worden, aber eben auch lange her, Also keine Ahnung, also auch eine
etwas komische Reaktion auf der anderen Seite und der hilfreiche, leider etwas ironisch
abgetönte Hinweis, er könnte sich ja erst mal erkundigen. Also rief er bei Jan, seinem besten
Freund an und schon hatte er den Termin. Also ein zweiter Versuch und diesmal das
endgültige Aus an dieser Stelle. Denn als die Sekretärin am Telefon hörte, dass das Praktikum
bereits in einem halben Jahr sein sollte, hieß ist nur noch, sie seien bereits zwei Jahre
ausgebucht. Also stand er wieder vor dem Nichts. Jetzt war er es leid.
Wozu gab es in der Nachbarschaft diese Baufirma, die ihnen letztens die neue Garage
hingesetzt hatte. Also nichts wie hin. Er hatte auch Glück, dass der Chef gerade da war und
sich etwas Zeit für ihn nahm. Das mit dem Praktikum sei kein Problem, Er solle einfach
vorbeikommen, dann würde man schon sehen. Mehr gab es nicht, ein anscheinend wichtiger
Telefonanruf kam rein und Ben war bald wieder zu Hause – mit sich und der Welt sehr
zufrieden. Von wegen Bewerbungen schreiben, vielleicht sogar noch einen Lebenslauf.
Sollten sich die anderen doch abstrampeln – ihm lag die Welt zu Füßen, wenn er nur wollte.
Nach den Ferien ergänzte er dann einfach die noch fehlende Information in der Klassenliste
und vergaß die Angelegenheit wieder. Schließlich war es soweit, der letzte Schultag vor dem
Beginn des Praktikums war vorbei und er konnte sich noch einen schönen Nachmittag
machen.
Als er am nächsten Tag pünktlich um 8:00 Uhr bei der Baufirma erschien, wunderte er sich
etwas, weil irgendwie nichts lief. Aber immerhin gab es eine Sekretärin, die ihm sagte, dass
die einzelnen Arbeitsgruppen morgens um sieben zu den Baustellen rausfahren würden. Der
Chef sei auch auf einer Baustelle und komme erst so gegen Mittag wieder. So saß er also ein
paar Stunden im Aufenthaltsraum und schaute sich verschiedene Zeitungen an. Als der Chef
dann mittags zurückkam, war er etwas erstaunt, er hatte die ganze Angelegenheit völlig
vergessen, erinnerte sich aber dunkel an die Absprache.
An diesem Tag ließ sich nicht mehr viel machen, er selbst habe gleich noch einen wichtigen
Termin bei einem Rechtsanwalt, zu dem er ihn nicht mitnehmen könne. Er solle doch einfach
am nächsten Tag wieder vorbeikommen, Dann aber pünktlich morgens um 06:30 Uhr. Ben
traf das wie ein Schlag – er mochte gar nicht fragen, wann er denn abends wieder zu Hause
sein könnte. So stellte er sich sicherheitshalber für den nächsten Morgen gleich zwei Wecker
und war auch pünktlich da.
Auf dem Hof wurden die verschiedenen Werkstattwagen auch schon fertig gemacht. Er wurde
einem älteren Mann zugeteilt, der ihn allerdings etwas seltsam anschaute, sonst aber nicht viel
sagte. Eine Stunde später wusste Ben dann, was jetzt schon wieder schiefgelaufen war.
Vielleicht hätte er sich doch anders anziehen sollen – und auf der Riesenbaustelle gab es alles,
nur keine Mensa ...