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Barbara Martin

Gisela Kuhn, wiederverheiratete Januszewska, als Ärztin in Banja Luka (1899-1912)

Übersicht
Vorspann S. 1
Ausbildung und erste Berufstätigkeiten Kuhns S. 4
Einrichtung einer Amtsärztinnenstelle in Banja Luka und Besetzung der Stelle mit Kuhn S. 6
Als Amtsärztin in Banja Luka (Mitte 1899 bis Herbst 1900) S. 8
Scheidung, Wiederverheiratung und Wechsel zur Privatärztin S. 16
Als Privatärztin in Banja Luka (1900 bis 1912) S. 18
 Allgemeinmedizinische und geburtshilfliche Tätigkeit im Rahmen der Privatpraxis in Banja Luka S. 19
 Leitung des städtischen Frauenambulatoriums „D. Šeher“ S. 27
 Im besonderen Fokus Januszewskas: Die Osteomalazie S. 35
 Kleinere Tätigkeiten als Badeärztin, Waisenhausärztin und Lehrerin für Hygiene S. 45
Abschied von Banja Luka und weiterer Berufs- und Lebensweg Januszewskas S. 51
Schlussbemerkungen S. 54
Erläuterungen zu den Zitaten im vorliegenden Text S. 55
Abkürzungen S. 55
Anmerkungen S. 55

Vorspann

Gisela Januszewska wurde 1899 als Gisela Kuhn, ihrem Namen aus erster Ehe, zur Amtsärztin
in Banja Luka berufen. Sie war eine von insgesamt 9 Amtsärztinnen¹, die Österreich-Ungarn
zwischen 1892 und 1918 zur medizinischen Versorgung der weiblichen Bevölkerung, vor al-
lem der Musliminnen, in Bosnien-Herzegowina² eingesetzt hat. Die Institution der Amtsärz-
tinnen für Bosnien-Herzegowina verdankte ihre Existenz in erster Linie Benjamin Kállay³, der
von 1882 bis 1903 Gemeinsamer Finanzminister der k. u. k. Monarchie und damit zugleich
oberster Verwalter der beiden 1878 okkupierten, ehemals osmanischen Provinzen Bosnien
und der Herzegowina war. Sein Engagement für den Einsatz von Amtsärztinnen in Bosnien-
Herzegowina war Teil der von ihm betriebenen Politik einer „Kulturmission“ Österreich-Un-
garns gegenüber Bosnien-Herzegowina, in deren Zuge unter anderem das Gesundheitswe-
sen Bosnien-Herzegowinas auf eine neue, damaligen Prinzipien der mitteleuropäischen Me-
dizin entsprechende Grundlage gestellt und erheblich ausgebaut wurde. Für die Entwicklung
hin zu einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen Leben war Kállays
Politik des Einsatzes von Ärztinnen in Bosnien-Herzegowina von großer Bedeutung, öffnete
sich doch damit für Frauen in der Doppelmonarchie ein, wenn auch zunächst nur auf die bei-
den okkupierten Provinzen beschränkter Weg zur Berufstätigkeit als Ärztinnen. Innerhalb
Österreichs wie auch Ungarns aber sollte Frauen der Zugang zum Medizinstudium und zum
Ärztinnenberuf noch jahrelang verwehrt bleiben.⁴

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Entwicklung der Institution der Amtsärztinnen
spielte Isidor Neumann (1832-1906), Dermatologe und Syphilisspezialist an der Wiener Uni-
versität. Wie Kállay war auch er von der Idee der „Kulturmission“ Österreich-Ungarns gegen-
über Bosnien-Herzegowina durchdrungen.⁵ Im Auftrag des Gemeinsamen Finanzministeri-

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ums führte er 1890 eine Reise durch Bosnien-Herzegowina durch, die der Erforschung der
Syphilis und verschiedener Hautkrankheiten diente.⁶ Von dieser Reise kehrte er mit einer
Reihe unterschiedlicher Empfehlungen an das Ministerium zurück, die die weitere Ausgestal-
tung des bosnisch-herzegowinischen Gesundheitswesens zum Ziel hatten. In einer der Emp-
fehlungen regte er an, Ärztinnen für die Gesundheitsversorgung der weiblichen Bevölkerung
Bosnien-Herzegowinas, vornehmlich der muslimischen Frauen, heranzuziehen.⁷ Bei dieser
Empfehlung stand für ihn die Bekämpfung der Syphilis im Vordergrund – einer Krankheit, die
damals in einflussreichen politischen und medizinischen Kreisen Österreich-Ungarns für eine
in der muslimischen Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas grassierende „Volksseuche“ gehal-
ten wurde und mit Befürchtungen hinsichtlich einer „Degeneration“ weiter Bevölkerungs-
kreise verknüpft war.⁸

Im damaligen Bosnien-Herzegowina trat die Syphilis weit überwiegend als endemische, nicht
sexuell übertragene Krankheit auf. Zu ihrer Verbreitung gerade in der muslimischen Bevölke-
rung trug wesentlich die Gewohnheit der gemeinschaftlichen Nutzung von Essschüsseln, Ess-
löffeln und Wasserkrügen in den Familien bei.⁹ Zur wirksamen Bekämpfung der Syphilis hielt
Neumann es daher für notwendig, Einfluss auf das Gesundheitsverhalten muslimischer Frau-
en und damit zugleich auf die Gesundheitsverhältnisse innerhalb der Familien zu nehmen.
Das aber war nur über den Einsatz von Ärztinnen möglich, da die Behandlung muslimischer
Frauen durch (männliche) Ärzte aus religiösen Gründen im Prinzip abgelehnt wurde.

Abgesehen vom Einsatz von Ärztinnen in Bosnien-Herzegowina stand Neumann, der zu ei-
nem der wichtigsten Berater des Gemeinsamen Finanzministeriums in Sachen Amtsärztinnen
werden sollte, der Öffnung des Arztberufs für Frauen eher reserviert gegenüber. Immerhin
sprach er sich, wenn auch nur halbherzig, für gewisse Fortschritte auf dem Weg von Frauen
zum Studium der Medizin und zur Berufstätigkeit als Ärztinnen in Österreich-Ungarn aus.¹⁰

Zur ersten Amtsärztin wurde die aus Böhmen (Tschechien) stammende Anna Bayerová be-
rufen, die Anfang 1892 ihre Arbeit im Kreis Dolnja (oder D.) Tuzla, einem der 6 damaligen
Verwaltungskreise Bosnien-Herzegowinas, aufnahm. Sie wechselte schon nach kurzer Zeit
nach Sarajevo und legte aufgrund widriger bürokratischer Umstände bereits Ende 1892 ihr
Amt nieder.¹¹ Trotz dieses offenkundigen Misserfolgs beim Start des Einsatzes von Ärztinnen
für Bosnien-Herzegowina setzte sich Kállay für die Fortführung des Einsatzes ein, ja er ver-
stärkte ihn sogar noch. So erhielten 1893 gleich zwei Amtsärztinnen eine Anstellung, die Po-
lin Teodora Krajewska für den Kreis Dolnja Tuzla und die wie Bayerová aus Böhmen stam-
mende Bohuslava Kecková für den Kreis Mostar. Beide Amtsärztinnen erfreuten sich schon
bald des wachsenden Vertrauens und Zuspruchs von Seiten der weiblichen Bevölkerung,
nicht zuletzt der Musliminnen, sowie der Anerkennung der Landesregierung und des Ge-
meinsamen Finanzministeriums.¹² Daraufhin wurden 1899 zwei weitere Amtsärztinnen ein-
gestellt, die Polin Jadwiga Olszewska für den Kreis Dolnja Tuzla (Krajewska wurde gleichzeitig
nach Sarajevo versetzt) und Gisela Kuhn, spätere Januszewska, für den Kreis Banja Luka.

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In der Forschung hat sich als erster Ctibor Nečas ausführlicher mit Januszewskas Tätigkeit in
Banja Luka beschäftigt, und zwar im Rahmen zweier Studien, die als Gesamtdarstellungen
der Tätigkeit der Amtsärztinnen angelegt sind. Der jüngeren, ausführlicheren Studie, die
1992 erschien und den Titel „Mezi muslimkami. Působení úředních lékařek v Bosnĕ a Herce-
govinĕ 1892-1918“ (Unter Musliminnen. Das Wirken der Amtsärztinnen in Bosnien und Her-
zegowina 1892-1918)¹³ trägt, ging eine kürzere Fassung voraus, die unter dem Titel „Delat-
nost službenih lekarki u Bosni i Hercegovini 1892-1918 (Die Tätigkeit der Amtsärztinnen in
Bosnien und Herzegowina ...) 1988 erschienen ist.¹⁴

Gemeinsam ist beiden Studien, dass die vier ersten, aus Tschechien und Polen (dem damali-
gen russischen Teilungsgebiet Polens) stammenden Ärztinnen, Anna Bayerová, Bohuslava
Kecková, Teodora Krajewska und Jadwiga Olszewska, relativ ausführlich behandelt werden,
während spätere Ärztinnen, d. h. Gisela Januszewska, Rosa Bloch-Einhorn und Kornelija Ra-
kić, vergleichsweise kurz und die beiden zuletzt eingesetzten Ärztinnen Rosalie Sattler-Feu-
erstein und Rachel Weissberg gar nicht abgehandelt werden. Beide Studien beruhen auf
gründlichen, zu einem nicht geringen Teil in einschlägigen Archiven, unter anderem dem Ar-
chiv Bosnien und Herzegowinas (ABH) in Sarajevo, durchgeführten Recherchen. Bezogen auf
die Gesamtdarstellung, aber auch auf die Darstellung Januszewskas ist die jüngere der älte-
ren Studie wegen ihrer größeren Ausführlichkeit und der erfolgten Eliminierung des einen
oder anderen sachlichen Fehlers vorzuziehen. Bedauerlicherweise wurde Nečas´ Studie von
1992 längere Zeit in der Forschung kaum zur Kenntnis genommen.

Mit der 2014 veröffentlichten Studie „Gizela Januševski – prva diplomirana doktorica“ (Gize-
la Januševski – die erste diplomierte Doktorin) von Milena Karapetrović hat zum ersten Mal
eine Forscherin aus Bosnien-Herzegowina eine Studie über Januszewska vorgelegt. Die Dar-
stellung ist Teil des Buches „Banja Luka. Znamenite žene u istoriji grada“ (Banja Luka. Bedeu-
tende Frauen in der Geschichte der Stadt), das aus einer Teamarbeit von AutorInnen unter
der Federführung von Biljana Panić Babić hervorgegangen ist.¹⁵ In der Studie von Karapetro-
vić werden Leben und Tätigkeit Januszewskas vor dem Hintergrund von Emanzipationsbe-
strebungen von Frauen allgemein und der Bildungssituation von Frauen speziell in Bosnien-
Herzegowina detailliert geschildert.

Brigitte Fuchs hat 2016 im Rahmen ihrer Studie „´Ärztinnen für Frauen´. Eine feministische
Kampagne zwischen Wien, Prag und Sarajewo“ eine Kurzdarstellung Januszewskas vorgelegt
und jüngst gemeinsam mit Husref Tahirović einen ausführlichen Artikel zu Januszewskas Tä-
tigkeit in Banja Luka veröffentlicht, der unter dem Titel „Gisela Januszewska (neé Rosenfeld),
an Austro-Hungarian ´Woman doctor for women´ in Banja Luka, 1899-1912“ in der Zeit-
schrift Acta medica academica erschienen ist.¹⁶ Der Artikel enthält interessante Informatio-
nen und Überlegungen zum Wirken Januszewskas in Banja Luka und stellt zugleich einen
wichtigen Beitrag zur Forschung über die Tätigkeit der ersten Ärztinnen in Bosnien-Herzego-
wina dar.

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Zwei Forschungsarbeiten, denen grundlegende Informationen über Leben und Wirken Ja-
nuszewskas vor bzw. nach ihrer Bosnien-Phase zu entnehmen sind, seien hier noch kurz er-
wähnt. Es handelt sich um die 1993 erschienene Monographie Beate Ziegelers „Weibliche
Ärzte und Krankenkassen. Anfänge ärztlicher Berufstätigkeit von Frauen in Berlin 1893-
1935“, die einige Ausführungen über die Tätigkeit Januszewskas zwischen 1898 und 1899 in
Remscheid, Deutschland, enthält, und um die 1979 publizierte Studie Reinhold Aigners „Die
Grazer Ärztinnen aus der Zeit der Monarchie“, in der sich der Verfasser u. a. mit Januszewska
befasst, wobei er besonders die Zeit ab 1912 in Graz beleuchtet, wo Januszewska noch viele
Jahre gelebt und gearbeitet hat, bevor sie im Konzentrationslager Theresienstadt umkam.¹⁷

Die vorliegende Arbeit knüpft vor allem an Nečas´ Studie von 1992 und die darin enthalte-
nen Ausführungen über Januszewska an. Der Verfasserin der Arbeit gelang es aber, bei eige-
nen Recherchen im Archiv Bosnien und Herzegowinas weitere als die von Nečas genutzten
Dokumente zu Januszewska zu finden, von denen insbesondere Tätigkeitsberichte aus der
Hand der Ärztin von großem Interesse sind. Darauf basierend ist es möglich, ein genaueres
Bild von den vielfältigen Tätigkeiten Januszewskas während ihrer Zeit in Banja Luka zu zeich-
nen und einen gewissen Eindruck von der Art und Weise zu vermitteln, wie sie ihre Umwelt
wahrnahm und ihre Rolle als Ärztin sah. Die Tätigkeitsberichte, die eingesehen werden konn-
ten, sind in einem flüssigen, prägnanten Stil geschrieben und lesen sich von daher sehr gut.
Selbstverständlich aber gilt es immer zu berücksichtigen, dass es sich um quasi-amtliche Be-
richte handelt, d. h. um Berichte, die in der Regel über untere Behörden an die Landesregie-
rung gingen, mithin einen offiziellen Anstrich hatten und keinen allzu großen Spielraum für
persönliche Einschätzungen und Beurteilungen ließen.

Umso bedauerlicher ist, dass es neben diesen Quellen keine schriftlichen Zeugnisse der per-
sönlichen Art zu geben scheint. So liegen etwa keine Memoiren oder Briefsammlungen von
Januszewska vor. Dabei ist anzunehmen, dass sie mit Mitgliedern ihrer Familie in vielfältigem
Briefkontakt stand und den Eltern und Geschwistern manch interessantes Detail aus ihrem
Leben und ihrer Arbeit in Banja Luka berichtet hat.

Ausbildung und erste Berufstätigkeiten Januszewskas

Gisela Januszewska, mit Mädchennamen Rosenfeld-Roda, wurde am 22. Januar 1867 im


mährischen Drnowitz geboren (damals zu Österreich-Ungarn, heute als Drnovice zu Tsche-
chien gehörend) und entstammte einer jüdischen Familie.¹⁸ Ihr Vater, Leopold Rosenfeld
(1828-1901), kam, nachdem er Soldat und Gendarm gewesen war, in den Besitz eines klei-
nen Landgutes in Mähren und wurde später Gutsverwalter in Slawonien; ihre Mutter, Rosa-
lie Stein (1842-1920), war die Tochter eines Tuchhändlers in Wischau in Mähren (Vyškov,
Tschechien).¹⁹ Die Eltern hatten außer Gisela noch zwei Töchter, Maria und Olga, sowie zwei
Söhne, Julius (Gyula) und Sándor Friedrich, von denen letzterer unter dem Namen Alexander
Roda Roda Berühmtheit erlangen sollte.²⁰

Januszewska besuchte die Töchterschule in Brünn²¹ (heute Brno, Tschechien), heiratete 1887
den wohlhabenden, 45 Jahre alten Heinrich Kuhn²², der Mitbesitzer einer Brünner Tuchfabrik
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war, und lebte zunächst mit ihm in Brünn.²³ Anfang der 1890er Jahre kam es zu größeren
Veränderungen im Leben des Ehepaares. Heinrich Kuhn schied 1892 aus der Tuchfabrik aus
und ließ sich seinen Anteil an der Firma auszahlen.²⁴ Gisela Kuhn, die noch keinen Schulab-
schluss hatte, entschied sich, die Matura als Privatistin in der Schweiz zu machen und dort
auch Medizin zu studieren. Aigner zufolge maturierte sie 1894 von Küssnacht aus, nahm aber
bereits im Sommersemester 1893 das Studium der Medizin an der Universität Zürich auf.²⁵
Ein Medizinstudium in Österreich-Ungarn kam noch nicht in Betracht, da Frauen dort die To-
re der Universität noch verschlossen waren.²⁶

Anders als bisher vielfach behauptet, führte Gisela Kuhns Absicht, sich in die Schweiz zu be-
geben, um die Matura abzulegen und zu studieren, nicht zu einer Lösung der Bindung zu
Heinrich Kuhn oder gar zu einer Scheidung.²⁷ Vielmehr lebte das Ehepaar zusammen in Zü-
rich und hatte laut einer regierungsamtlichen Quelle „beiderseitig genügend Privatmittel“,
um davon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.²⁸ Kuhn absolvierte ihr gesamtes Studium an
der Universität Zürich und wurde dort am 12. April 1898 zum Doktor der gesamten Heilkun-
de promoviert. Das Thema ihrer Dissertation lautete: „Über Tracheitis membranacea“.²⁹
Nach der Promotion war Kuhn noch kurze Zeit als Volontärassistentin an der geburtshilfli-
chen Frauenklinik in Zürich tätig³⁰, bevor sie die Stadt verließ, um Anfang Juni 1898 eine Stel-
le bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Remscheid anzutreten.³¹

Ihre Aufgabe bei der Kasse bestand darin, die 654 weiblichen Kassenmitglieder und deren
Kinder zu betreuen.³² Mit Kuhn hatte die Kasse zum ersten Mal überhaupt eine Ärztin einge-
stellt und war damit einer Anregung ihres sozialdemokratischen Vertrauensarztes Friedrich
Landmann gefolgt, der ein eigenes Konzept für die ärztliche Versorgung der Kassenmitglie-
der entwickelt hatte, das im Interesse der weiblichen Mitglieder auch die Beschäftigung von
Ärztinnen vorsah.³³ Fragt man nach den Gründen, die Kuhn bewogen haben könnten, die
Stelle als Kassenärztin bei der AOK Remscheid anzustreben, bietet sich als Erklärung an, dass
es vielleicht neben der ausschließlichen Ausrichtung der Tätigkeit auf Frauen und Kinder ge-
rade auch der Pioniercharakter der Stelle war.

Doch statt auf der neuen Stelle richtig Fuß fassen zu können, sah sich Kuhn schon bald mit
unüberwindlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Zum einen geriet sie in einen Konflikt, der
sich daraus ergab, dass die Kasse in Abänderung des bisher von ihr praktizierten Systems die
Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten aufgeben und stattdessen mit festangestell-
ten Ärzten arbeiten wollte. Im Zuge der Durchsetzung dieses neuen Systems hatte die Kasse
die Zusammenarbeit mit einigen niedergelassenen Ärzten aufgekündigt und Kuhn fest ange-
stellt, was diese ganz ohne ihr Zutun zu einer Kontrahentin all jener Ärzte werden ließ, die an
dem alten System der Zusammenarbeit mit der Kasse festhalten wollten.³⁴

Das andere Problem, dem sich Kuhn gegenübersah, bestand darin, dass die zuständige Auf-
sichtsbehörde ihr bereits wenige Wochen nach ihrer Arbeitsaufnahme die Kassenpraxis un-
tersagt hatte. Der Grund dafür war, dass Kuhn zwar die Schweizer, nicht aber die deutsche
Approbation besaß, dabei war Frauen in Deutschland die Approbation damals noch gar nicht

5
zugänglich – wie Beate Ziegeler, die sich intensiv mit der damaligen Lage der weiblichen Kas-
senärzte in Deutschland befasst hat, lakonisch feststellt.³⁵ Kuhn ließ sich durch das Verbot
aber nicht völlig von der Ausübung ihres Berufs abhalten, sondern arbeitete danach noch ei-
ne Weile als Ärztin mit Privatpraxis in Remscheid.³⁶

Um wenigstens ihren Doktortitel führen zu können, machte Kuhn eine Eingabe, mit der sie
ihr entsprechendes Recht auch erfolgreich durchsetzte.³⁷ Ohne Erfolg blieb aber ihr Versuch,
eine Wiederanstellung bei der AOK Remscheid zu erreichen. In der Hoffnung, ihre Zulassung
als Kassenärztin doch noch zu erlangen, hatte sie im Oktober 1898 bei dem zuständigen Han-
delsminister eine entsprechende Eingabe gemacht. Diese wurde im März 1899 abschlägig
beschieden³⁸, doch da hatte sie – der widrigen Arbeitsumstände in Remscheid sicherlich leid
– ihre Bewerbung um eine Amtsärztinnenstelle in Banja Luka wohl schon eingereicht. Ziege-
ler zufolge verließ sie Ende März Remscheid.³⁹

Bei der Frage, was Kuhns Interesse an einer Stelle in Bosnien-Herzegowina geweckt haben
könnte, bewegt man sich im spekulativen Raum. Als ziemlich sicher kann aber gelten, dass
Kuhn von der Tätigkeit der ebenfalls aus Tschechien stammenden Ärztinnen Anna Bayerová
und Bohuslava Kecková in Bosnien-Herzegowina wusste – beide hatten ja auch wie Kuhn sel-
ber in Zürich studiert –, und sie könnte sich insbesondere von Nachrichten über Kecková und
deren erfolgreiches Wirken in Mostar bestärkt gefühlt haben, sich für eine Tätigkeit in Bosni-
en-Herzegowina zu entscheiden. Außerdem könnte eine Rolle gespielt haben, dass es sich
bei der angestrebten Stelle auch wieder – ähnlich wie schon bei der Stelle in Remscheid –
um eine Tätigkeit handelte, die sich im Wesentlichen um Frauen und Kinder drehte und die
Pioniercharakter hatte, da es vorher in Banja Luka noch keine Ärztin gegeben hatte.

Einrichtung einer Amtsärztinnenstelle in Banja Luka und Besetzung der Stelle mit Kuhn

Seit Beginn der 1890er Jahre war es Ziel der Amtsärztinnenpolitik Österreich-Ungarns, nach
und nach in allen 6 Verwaltungskreisen Bosnien-Herzegowinas eine Amtsärztin einzusetzen.
In diesem Sinn hatten sich Kalláy wie auch Neumann ausgesprochen.⁴⁰ Im Zuge dieser Politik
hatten die Kreise D. Tuzla und Mostar in den 1890er Jahren je eine Amtsärztinnenstelle er-
halten, in Banja Luka aber war gegen Ende des Jahrzehnts noch keine entsprechende Stelle
vorhanden. 1892, im Zusammenhang mit der Berufung Bohuslava Keckovás, war zwar kurz-
zeitig überlegt worden, diese nach Banja Luka oder Mostar zu entsenden, doch die Entschei-
dung fiel damals für Mostar und gegen Banja Luka.⁴¹ Danach stellte sich die Frage der Errich-
tung einer Amtsärztinnenstelle in Banja Luka offenbar jahrelang nicht mehr.

Erst gegen Ende der 1890er Jahre kam es im Zusammenhang mit der Umsetzung der Amts-
ärztin Krajewska nach Sarajevo und der dadurch bedingten Neubesetzung der Stelle in D.
Tuzla zu einer Situation, in der das Gemeinsame Finanzministerium kurzerhand entschied,
auch eine Amtsärztinnenstelle in Banja Luka einzurichten, ohne dass dafür bereits eine kon-
krete Planung existiert und eine gesonderte Ausschreibung für eine solche Stelle stattgefun-
den hätte.⁴² Wie sich die Entwicklung von den Plänen zur Umsetzung Krajewskas bis zur Be-

6
setzung der neu geschaffenen Stelle in Banja Luka mit Gisela Kuhn im Einzelnen abspielte,
soll im Folgenden geschildert werden.

Den Ausgangspunkt bildete das Interesse der Landesregierung an der Wiederbegründung


einer Amtsärztinnenstelle in der Landeshauptstadt, nachdem die Stelle seit der Demission
Bayerovás, Ende 1892, jahrelang vakant geblieben war. In einem Schreiben vom Oktober
1897 wies die Landesregierung das Gemeinsame Finanzministerium dann auf die Notwen-
digkeit des Wiedereinsatzes einer Amtsärztin in Sarajevo hin und machte zugleich geltend,
dass für die Tätigkeit in Sarajevo aber nur eine erfahrene, mit den Landesverhältnissen be-
reits vertraute Ärztin in Frage käme.⁴³ Nach Ansicht der Regierung entsprach die schon seit
1893 erfolgreich in D. Tuzla amtierende Ärztin Teodora Krajewska diesen Anforderungen in
hervorragender Weise, und so schlug die Regierung denn vor, Krajewska nach Sarajevo zu
versetzen und für die dadurch frei werdende Stelle in D. Tuzla eine Ärztin mittels Ausschrei-
bung zu suchen.⁴⁴

Das Ministerium stimmte dem zu⁴⁵, und die Stelle in D. Tuzla wurde noch 1897 ausgeschrie-
ben.⁴⁶ Da sich innerhalb der ziemlich kurz bemessenen Bewerbungsfrist aus Sicht des Ge-
meinsamen Finanzministeriums und der Landesregierung keine geeigneten Bewerberinnen
gemeldet hatten, wurde die Bewerbungsfrist verlängert. In dieser Phase nun reichte Jadwiga
Olszewska, die spätere Amtsinhaberin, ihre Bewerbung für die Stelle ein (im Juni 1898).⁴⁷ Al-
lerdings kam es bei ihrem Einstellungsverfahren zu gewissen Verzögerungen, u. a. deswegen,
weil sie noch nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besaß.⁴⁸ Vermutlich in der Phase
der verlängerten Bewerbungsfrist ist es dann auch zu einem Kontakt zwischen Isidor Neu-
mann, den das Gemeinsame Finanzministerium um Mitwirkung bei der Suche nach einer ge-
eigneten Kandidatin für die Neubesetzung der Stelle in D. Tuzla gebeten hatte, und Gisela
Kuhn gekommen.⁴⁹ Dabei stellte Neumann fest, dass sich Kuhn nicht so sehr für die Stelle in
D. Tuzla als vielmehr für die in Sarajevo interessierte⁵⁰, für welche die Landesregierung je-
doch, wie erwähnt, andere Pläne hatte.

Es dürfte dann aber – so die naheliegende Vermutung – zu weiteren Kontakten zwischen


Neumann und Kuhn gekommen sein, in deren Verlauf sich Kuhn nicht mehr ausschließlich
für Sarajevo als möglichen Einsatzort aussprach, sondern ihr prinzipielles Interesse an einer
Beschäftigung als Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina zum Ausdruck brachte. Neumann sei-
nerseits könnte im Laufe der Kontakte mit Kuhn immer mehr zu der Überzeugung gelangt
sein, dass es sich bei ihr um eine hervorragend qualifizierte Ärztin handelte, die für eine
Amtsärztinnentätigkeit in Bosnien-Herzegowina bestens geeignet war. In diesem Sinne
könnte er auf das Gemeinsame Finanzministerium eingewirkt haben, das sich dann ange-
sichts der Situation, dass der Posten in Sarajevo schon Krajewska zugesagt war und der Pos-
ten in D. Tuzla eigentlich an Olszewska gehen sollte, kurzentschlossen für die Einrichtung ei-
ner weiteren, einer vierten Amtsärztinnenstelle entschied.

Von einer solchen Stelle und deren möglicher Besetzung mit Gisela Kuhn ist in den vorliegen-
den Dokumenten zum ersten Mal in einem Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums

7
an die Landesregierung vom 2. März 1899 die Rede.⁵¹ Dort heißt es, dass das Ministerium
„die Anstellung einer weiteren Amtsärztin in Banjaluka in Aussicht genommen“ habe, falls
Olszewska die Bedingungen für ihre Ernennung als Amtsärztin in D. Tuzla erfüllen werde.⁵²
Um den Posten in Banja Luka habe sich die Ärztin Dr. Gisela Kuhn beworben, deren Bewer-
bungsunterlagen der Landesregierung mit gleicher Post zugeleitet würden. Leider ließ sich
das Bewerbungsschreiben selber im Archiv Bosnien und Herzegowinas nicht auffinden, doch
als Zeitpunkt seiner Einreichung dürfte aufgrund des ministeriellen Schreibens Februar 1899
vermutet werden.

In seinem Schreiben informierte das Ministerium die Landesregierung im Übrigen darüber,


dass es die erforderliche „amtliche Erkundigung“ über Kuhn einleiten werde und forderte die
Regierung auf, ihrerseits die Bewerbung Kuhns unverzüglich dem Landessanitätsrat Bosnien-
Herzegowinas zur Begutachtung der fachlichen Eignung der Bewerberin vorzulegen, damit
die Ernennung „im Falle als die übrigen Vorbedingungen [bei Kuhn] zutreffen, keine Verzöge-
rung erleide.“

Wie sich bei der „amtlichen Erkundigung“ über die Lebensverhältnisse Gisela Kuhns zeigte,
waren diese einwandfrei. Nach Auskunft von Seiten des k. k. Ministerpräsidenten beabsich-
tigte das Ehepaar Kuhn, das auch in Remscheid zusammengelebt hatte, „gemeinschaftlich
nach Bosnien zu übersiedeln, wenn Frau Dr. Kuhn dort die gebetene Stelle erhalten sollte.“⁵³
Und von Seiten des k. k. Ministeriums des Äußern hieß es, dass sich der Oberbürgermeister
von Köln über „das Verhalten und die Verwendbarkeit der Dr. Gisela Kuhn während ihres
Aufenthaltes in Remscheid sehr günstig ausgesprochen“ und dazu bemerkt habe, „dass sie
nur deshalb ihren dortigen Posten bei der Krankenkasse aufgeben musste, weil es nach der
Lage der Gesetzgebung nicht möglich war, denselben einem weiblichen Arzte zu verlei-
hen.“⁵⁴

Nachdem auch die Regierungskonferenz, ein Beratungsgremium der Landesregierung, ihre


Zustimmung gegeben hatte, wurde Kuhn am 24. Mai 1899 zur Amtsärztin in Banja Luka be-
rufen, obwohl das Gutachten des Landessanitätsrats noch nicht vorlag.⁵⁵ Am selben Tag wie
Kuhn erhielt übrigens auch Olszewska ihre Ernennung zur Amtsärztin in D. Tuzla.⁵⁶ Kuhn leis-
tete dann am 9. Juli 1899 den Eid auf Kaiser Franz Joseph I. und trat am 10. Juli ihren Dienst
an.⁵⁷

Als Amtsärztin in Banja Luka (Mitte 1899 bis Herbst 1900)

Um einen allgemeinen Eindruck von Banja Luka zu vermitteln, der Stadt, in welcher sich 13
Jahre lang Kuhns Leben abspielen sollte, sei zunächst kurz auf Lage, Bevölkerungsstruktur
und einige herausragende Einrichtungen der Stadt eingegangen. Banja Luka, im Nordwesten
Bosnien-Herzegowinas am Fluss Vrbas gelegen, ist im Süden von Bergmassiven umgeben, die
sich wie ein Halbkreis um die Stadt legen. Nach Norden hin öffnet sich die Landschaft und
flacht sich zum Fluss Save hin ab. In zeitgenössischen Berichten wird der grüne Charakter der
Stadt besonders hervorgehoben. Vielfach ist die Rede von Banja Luka als einer Garten- und
Parkstadt. Milena Preindlsberger-Mrazović beispielsweise beschreibt in ihrem „Bosnischen
8
Skizzenbuch. Landschafts- und Kulturbilder aus Bosnien und der Hercegovina“ aus dem Jahr
1900 die Stadt als durch „Gärten, weite Plätze und breite Gassen auseinander gerissene,
kaum lose aneinandergereihte Stadtviertel mit viel Luft und Sonne, Gartenduft und fließen-
dem Wasser“.⁵⁸ Und etwas weiter in ihrem Skizzenbuch heißt es: „Alles ist grün in dieser
Gartenstadt, und grün ist auch der Vrbas mit seinen hohen von Weiden verdeckten Uferbö-
schungen.“⁵⁹ Auch Heinrich Renner hebt in seinem 1896 erschienenen Werk „Durch Bosnien
und die Hercegovina kreuz und quer. Wanderungen“ die in Banja Luka weit verbreitete Gar-
tenkultur hervor. Er sieht sie an vielen Stellen in der Stadt repräsentiert, etwa in den „neu
angelegten üppigen Gärten“ und den von Bäumen begrenzten Promenadenwegen im Um-
kreis des Militärspitals, in dem Offiziersgarten in der Kastellanlage, einem „wirklich schatti-
gen Punkt“ „mit üppiger Vegetation“ oder in den Gärten der höher gelegenen türkischen
Wohnviertel auf der rechten Seite des Vrbas, in der Nähe der aus der Römerzeit stammen-
den Bäder.⁶⁰

Nach Renners Darstellung gliederte sich Banja Luka „in eine echt türkische, eine gemischte
und eine ganz europäische Stadt“, wovon der europäische und der gemischte Teil ganz bzw.
teilweise in der Ebene lagen, während sich der „türkische“ Teil, d. h. die „echt mohammeda-
nischen Viertel“, in die Berge hinaufzogen, die die Stadt im Süden umgeben.⁶¹ Trotz des „vie-
len Europäischen und Halbeuropäischen“, das er vorfand, erschien Renner Banja Luka als „ei-
ne noch echt bosnische Stadt“. Und in der Tat bildeten Muslime und Musliminnen damals
die weitaus größte Bevölkerungsgruppe der Stadt, die nach Sarajevo und Mostar bevölke-
rungsmäßig die drittgrößte Bosnien-Herzegowinas war.⁶² Der Bevölkerungsstatistik von 1895
zufolge waren von den 13566 BewohnerInnen der Stadt Banja Luka 7524 (55,48%) Muslime
und Musliminnen, 2882 (21,25%) gehörten der römisch-katholischen Konfession an, 2775
(20,46%) der „orientalisch-orthodoxen“, d. h. der serbisch-orthodoxen Konfession, und die
Zahl der Juden und Jüdinnen betrug 336 (2,47%), um nur die zahlenmäßig größten konfessi-
onellen Gruppen zu nennen.⁶³

Dem hohen muslimischen Anteil an der Bevölkerung entsprechend gab es in Banja Luka eine
große Zahl an Moscheen. Im „Bosnischen Boten“ für 1901 wird ihre Zahl mit 46 angegeben.⁶⁴
Für andere, in der Stadt vertretene Gruppen von Gläubigen existierten derselben Quelle zu-
folge zwei katholische und zwei serbisch-orthodoxe Kirchen sowie eine evangelische Kirche
und zwei Synagogen (eine für die „Österr.- ungar. israelit. Cultusgemeinde“ und eine für die
„Spaniolische Gemeinde“).

Laut offiziellem Auftrag hatte sich Kuhn als Amtsärztin besonders um die weibliche Bevölke-
rung Banja Lukas, und darunter wiederum schwerpunktmäßig um die Musliminnen zu küm-
mern. Da der Anteil der weiblichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung der Stadt 6569
(48,42%) betrug, jener der männlichen Bevölkerung 6997 (51,58 %), ist also davon auszuge-
hen, dass Kuhns potentielle Klientel insgesamt 6569 Personen umfasste und – nimmt man
nur die Musliminnen – grob geschätzt bei 3600 lag.⁶⁵

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Banja Luka konnte auf eine jahrhundertealte Tradition als Handels- und Verwaltungszentrum
zurückblicken. In der österreichisch-ungarischen Periode war die Stadt Kreisstadt, d. h. Sitz
der Kreisbehörde Banja Luka. Außerdem befanden sich in der Stadt die Verwaltungen des
Stadt- wie auch des Landbezirks Banja Luka und weitere Behörden. Im Gesundheits- und Bil-
dungsbereich entstanden in jener Zeit in Banja Luka einige wichtige Einrichtungen, von de-
nen hier nur das Gemeindekrankenhaus (eröffnet 1892)⁶⁶ und die staatliche Höhere Mäd-
chenschule (eröffnet 1898/99)⁶⁷ hervorgehoben werden sollen, weil sich an ihnen ein gewis-
ser Teil von Kuhns Tätigkeit abspielte.

Wie erwähnt, nahm Kuhn ihre Arbeit als Amtsärztin am 10. Juli 1899 auf. Vorher musste sie
allerdings noch ihren Umzug von Remscheid nach Banja Luka organisieren, eine passende
Wohnung finden und diese einrichten. Bei alldem bildete eine besondere Schwierigkeit, dass
sie als Amtsärztin verpflichtet war, in ihrer Wohnung auch ein Ambulatorium zu betreiben.
Diese Verpflichtung war in der „Instruktion für die Amtsärztinnen in Bosnien und der Herze-
gowina“ festgehalten, die 1892 zunächst provisorisch eingeführt worden war, aber noch vie-
le Jahre einen verbindlichen Charakter hatte.⁶⁸ Eine Dienstwohnung bekamen die Amtsärz-
tinnen trotz der Verpflichtung zur Unterhaltung eines Ambulatoriums nicht gestellt, vielmehr
mussten sie sich auf eigene Faust eine Wohnung suchen, die ihren privaten Wohnbedürfnis-
sen entsprach und zugleich den Betrieb eines Ambulatoriums in einem Raum der Wohnung
ermöglichte. Für ihre Wohnung (das Ambulatorium eingeschlossen) erhielten sie ein Quar-
tiergeld in Höhe von 200 Gulden jährlich, das seit der Einstellung Anna Bayerovás 1891/92
keine Erhöhung erfahren hatte.⁶⁹ Eine spezielle Zulage zu ihrem Ambulatorium bekamen die
Amtsärztinnen lange Zeit nicht. Im September 1898 jedoch wurde Krajewska „wegen ihrer
bisherigen verdienstvollen Leistungen“ ein jährlicher Zuschuss von 200 Gulden zur Erhaltung
ihres Ambulatoriums bewilligt⁷⁰, was 400 Kronen entsprach. (Nach einer 1892 erfolgten
Währungsumstellung von Gulden auf Kronen, bei der das Verhältnis vom Gulden zur Krone
auf 1 zu 2 festgelegt wurde, wurden Geldbeträge noch mehrere Jahre lang entweder in der
einen oder der anderen Währung angegeben, so auch in zahlreichen Dokumenten, welche
die Amtsärztinnen betreffen.)

Wohl im Hinblick auf die Verpflichtung zum Betrieb eines eigenen Ambulatoriums hatte
Kuhn entschieden, neben einem Teil ihrer privat genutzten Möbel auch Einrichtungsgegen-
stände und medizinische Instrumente aus ihrer Praxis in Remscheid nach Banja Luka zu über-
führen. Wie sie aber feststellen musste, war das Gemeinsame Finanzministerium nicht be-
reit, die Kosten für den Transport der Möbel und der für das Betreiben eines Ambulatoriums
erforderlichen medizinischen Instrumente zu übernehmen. Vielmehr erklärte es im Juni
1899, dass nur die Kuhn entstandenen Reisekosten von 107 Gulden, nicht aber die Möbel-
transportkosten von 540 Gulden erstattet werden könnten. Allerdings stellte es der Ärztin
noch in Aussicht, dass ihr ein einmaliger Zuschuss von 200 Gulden zur Einrichtung ihres Am-
bulatoriums gewährt werden könne, sofern die Landesregierung einen entsprechenden An-
trag stellen würde.⁷¹

10
Sicherlich wird Kuhn die Landesregierung daraufhin gebeten haben, einen solchen Antrag bei
dem Gemeinsamen Finanzministerium einzureichen. Und auch Olszewska, die für ihre Tätig-
keit in D. Tuzla ebenfalls ein Ambulatorium einrichten musste, wandte sich, möglicherweise
durch ihre Amtsvorgängerin, Krajewska, dazu ermuntert, mit der Bitte an die Landesregie-
rung, ihr die bei der Einrichtung des Ambulatoriums entstandenen Kosten von 140 Gulden zu
erstatten.⁷² Die unterschiedlichen Gesuche der beiden neueingestellten Ärztinnen wie auch
die erwähnte, bereits erfolgte Gewährung eines regelmäßigen jährlichen Ambulatoriumszu-
schusses an Krajewska im Jahr zuvor führten bei der Landesregierung offenbar zu der Er-
kenntnis, dass es notwendig sei, eine einheitliche Handhabung des Ambulatoriumszuschus-
ses der Amtsärztinnen herbeizuführen und so unterbreitete sie denn dem Gemeinsamen Fi-
nanzministerium den Vorschlag, allen vier damals tätigen Amtsärztinnen gleichermaßen ei-
nen jährlichen Zuschuss von 200 Gulden zur Unterhaltung des Ambulatoriums zu bewilligen.

Zur Begründung ihres Vorschlags führte die Landesregierung aus, dass die Hauptaufgabe der
Amtsärztinnen bekanntlich in der „Behandlung einheimischer Frauen, insbesondere der in
den Domizilsorten der Amtsärztinnen zahlreich vorhandenen Mohamedanerinnen“ bestehe.
Schon die einheimischen Frauen im allgemeinen seien „schwer zu bewegen, sich in ein Spi-
talsambulatorium zu begeben“, in ganz hervorragendem Maße aber sei dies bei den „Moha-
medanerinnen“ der Fall, welche oft eher auf die ärztliche Behandlung verzichteten, als sich
zu entschließen, „einen Spitalsraum zu betreten“. Es sei daher für die Amtsärztinnen uner-
lässlich, in ihren Privatwohnungen ein Zimmer als Ambulatorium für Frauen und Kinder ein-
zurichten. Durch „die hierdurch bedingte Erhaltung einer größeren Wohnung, für die An-
schaffung und Erhaltung von einem Untersuchungstische, Waschgeräte, sonstigen Requisi-
ten und Instrumenten“ würden den Amtsärztinnen „ständige und namhafte Auslagen“ er-
wachsen, „deren Tragung aus ihren fixen Bezügen denselben nicht gut zur Pflicht gerechnet
werden“ könne. „Nach hieramtligem Dafürhalten“ – so das Fazit der Landesregierung –
„wäre es daher nur recht und billig, den Amtsärztinnen für diese Zwecke eine ständige Un-
terstützung beziehungsweise einen angemessenen Beitrag aus Landesmitteln zu gewähren,
welcher in der Höhe von 200 fl [Gulden] jährlich bemessen nicht als zu hoch gegriffen erach-
tet werden kann.“⁷³

Die Landesregierung erkannte also nicht nur die Notwenigkeit an, allen amtierenden Ärztin-
nen gleichermaßen einen jährlichen Zuschuss von 200 Gulden für den Betrieb des Ambulato-
riums zukommen zu lassen, sondern sie sah offenbar auch einen genügend großen finanzi-
ellen Spielraum zur Realisierung dieses Vorhabens. Das Gemeinsame Finanzministerium aber
zeigte sich unbeeindruckt von dem Vorschlag der Regierung und entschied in dem Erlass
9353 vom 7. September 1899, der von Kállay selber unterschrieben war, dass nur Krajewska
weiterhin einen jährlichen Zuschuss von 200 Gulden für ihr Ambulatorium bekommen sollte.
Kecková hingegen, die ähnlich große Verdienste als Amtsärztin vorweisen konnte wie Kra-
jewska, wurde lediglich ein jährlicher Zuschuss zu ihrem Ambulatorium von 100 Gulden zu-
gesprochen. Kuhn wurde ein einmaliger Zuschuss zur Errichtung ihres Ambulatoriums von
200 Gulden bewilligt, und auch für Olszewska wurde nur ein einmaliger Zuschuss vorgese-
hen, wobei sie aufgefordert wurde, genau nachzuweisen, was sie als Nachfolgerin von Kra-
11
jewska in D. Tuzla überhaupt noch an Gegenständen für ihr Ambulatorium benötige.⁷⁴ Kurze
Zeit später sprach sich das Gemeinsame Finanzministerium dann aber auch in ihrem Fall für
die Gewährung eines einmaligen Zuschusses zur Einrichtung des Ambulatoriums in Höhe von
200 Gulden aus.⁷⁵

Angesichts der unbestreitbaren Bedeutung, die die Ambulatorien der Amtsärztinnen damals
für die überwiegend arme und zu traditionellen Heilweisen neigende Bevölkerung Bosnien-
Herzegowinas im Prinzip hatten, erscheint die geschilderte Position des Gemeinsamen Fi-
nanzministeriums bezüglich der Finanzierung der Ambulatorien kleinlich und der Rolle, die
die Amtsärztinnen im Rahmen der Kulturmission Österreich-Ungarns gegenüber Bosnien-
Herzegowina spielen sollten, wenig angemessen.

Wie Kuhn 1899 in Banja Luka aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. Einen so spektakulä-
ren Empfang, wie er der ersten Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina, Anna Bayerová, 1892 in
D. Tuzla zuteil wurde⁷⁶, wird sie vermutlich nicht mehr bekommen haben. Aber als erster
Ärztin überhaupt in Banja Luka dürfte ihr Auftreten doch einige Aufmerksamkeit auf sich ge-
zogen haben.

Ein enger Kontakt war auf jeden Fall zur Kreisbehörde Banja Luka gegeben, der sie gemäß
der schon erwähnten „Instruktion für die Amtsärztinnen in Bosnien und der Herzegowina“
unmittelbar unterstellt war.⁷⁷ Vom Kreisvorsteher Banja Lukas bekam sie anlässlich ihres
Amtsantritts die „Instruktion“ ausgehändigt, in der Stellung und Pflichten der Amtsärztinnen
in Grundzügen festgelegt waren.⁷⁸ Laut der „Instruktion“ hatte sie sich um die weibliche, ins-
besondere muslimische Bevölkerung der Kreisstadt wie auch deren nächster Umgebung zu
kümmern. Ihre Dienste waren für die Patientinnen, die sie entweder in deren Wohnungen
oder in ihrem Ambulatorium zu behandeln hatte, unentgeltlich, da sie als Amtsärztin ein
staatliches Gehalt bezog. Dieses betrug – wie schon zu Zeiten Anna Bayerovás 1891/92 –
1600 Gulden, die sich aus 1000 Gulden Grundgehalt, 400 Gulden Aktivitätszulage und 200
Gulden Quartiergeld zusammensetzten.⁷⁹ (Gemäß der erwähnten Währungsumstellung wa-
ren das 2000 K(ronen) Grundgehalt, 800 K Aktivitätszulage und 400 K Quartiergeld, zusam-
men 3200 K.)

Auf Aufforderung der Kreisbehörde hatte Kuhn wie alle Amtsärztinnen „von Zeit zu Zeit“ auf
Staatskosten Dienstreisen innerhalb ihres Kreises zu unternehmen und in den größeren Or-
ten des Kreises, d. h. in den Bezirksstädten, kranke Frauen medizinisch zu versorgen. Zu ih-
ren Verpflichtungen gehörte ferner, in Krankenhäusern (in der Kreisstadt und unter Umstän-
den auch in den Bezirksstädten) Musliminnen zu behandeln, falls dies verlangt wurde. Wie
alle Amtsärztinnen war Kuhn ferner verpflichtet, „bei Entbindungen zu intervenieren und auf
strenge Antiseptik zu achten“. Außerdem hatte sie dafür zu sorgen, „dass die künstliche Er-
nährung des Säuglings zweckmäßig erfolge“.

Über Kuhns konkrete Tätigkeit in der etwas mehr als ein Jahr dauernden Zeit als Amtsärztin
lässt sich aufgrund der dürftigen Quellenlage nur wenig sagen. Tätigkeitsberichte für die Lan-
desregierung, zu deren Abfassung sie als Amtsärztin gemäß der „Instruktion“ verpflichtet
12
war, waren im Archiv Bosnien und Herzegowinas nicht zu finden. Das ist besonders bedauer-
lich in Bezug auf ihren Jahresbericht als Amtsärztin, der zwar in verschiedenen Dokumenten
erwähnt ist, im Archiv Bosnien und Herzegowinas aber nicht auffindbar war.⁸⁰ Gäbe es nicht
ihren interessanten Bericht, den sie Jahre später, als sie schon längst Privatärztin war, noch
kurz vor dem Verlassen Bosnien-Herzegowinas 1912 verfasste und der einen Rückblick auf
ihre gesamte Tätigkeit in 13 Jahren als Ärztin in Banja Luka enthält, würden wir kaum etwas
über das Jahr ihrer Amtstätigkeit wissen.⁸¹ So aber ist es vor allem anhand dieses Berichts –
im Verlauf der vorliegenden Arbeit meist als Rückblicksbericht bezeichnet – möglich, den An-
fang ihrer Tätigkeit in Banja Luka wenigstens in groben Zügen zu schildern.

Selber mit Lebensweise und Gesundheitsverhalten der einheimischen Frauen noch kaum
vertraut, musste Kuhn sich bemühen, die Frauen, denen die damalige westliche Schulmedi-
zin meist völlig fremd war, von ihren Behandlungsmethoden zu überzeugen und das Vertrau-
en der Frauen zu gewinnen. Jahrhundertelang hatte fast die gesamte Bevölkerung Bosnien-
Herzegowinas ohne medizinische Betreuung durch Ärzte leben müssen und sich Hilfe bei der
Volksmedizin, bei Geistlichen, zum Teil auch bei bloßen Kurpfuschern gesucht.⁸² Diese Tradi-
tion prägte auch noch weitgehend das Verhalten der einheimischen Frauen um die Wende
des vorletzten Jahrhunderts, wie aus vielen Berichten der Amtsärztinnen hervorgeht.

Über ihre bei Dienstantritt noch unzureichenden Kenntnisse in Bezug auf die Lebensweise
der einheimischen Frauen und über das Verhalten der Frauen einer Ärztin gegenüber äußert
sich Kuhn in ihrem Rückblicksbericht kurz und prägnant folgendermaßen: „Ich hatte damals,
unbekannt mit Land und Leuten, sowie mit deren Sitten und Gebräuchen – der Sprache nur
mangelhaft mächtig – begreiflicherweise mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. [Absatz]
Wohl hatte ich eine längere Praxis an Zürcher Kliniken sowie eine längere, mehrseitig belob-
te Tätigkeit als Krankenkassenärztin in Remscheid (Rheinprovinz) hinter mir. Alle die ge-
machten Erfahrungen mussten mich aber im Stiche lassen einer Klientel gegenüber, die mei-
ne Hilfe damals eigentlich erst als ultimum refugium in Anspruch nahm, nachdem der Spani-
ole Kalamiko, der Hodža und der Franziskaner und wer die Nothelfer sonst gewesen sind –
nichts ausgerichtet.“⁸³

War unter den von Kuhn angedeuteten Bedingungen ihre Arbeit in Banja Luka anfangs sicher
schon schwierig genug, so kam als weitere Schwierigkeit hinzu, dass in Bosnien-Herzegowina
Ende der 1890er Jahre wieder einmal eine Pockenepidemie herrschte. Pockenepidemien
hatte es im Laufe der Zeit immer wieder gegeben.⁸⁴ Diesmal waren es besonders die Kreise
Banja Luka, Bihać, Travnik und Dolnja Tuzla, die unter der Epidemie zu leiden hatten.⁸⁵ Zur
Bekämpfung der Epidemie wurden auch die Amtsärztinnen Kuhn (in den Kreisen Banja Luka
und Bihać), Olszewska (im Kreis Dolnja Tuzla) und Krajewska (hauptsächlich im Kreis Travnik,
den sie neben dem Kreis Sarajevo, für den sie eigentlich zuständig war, vorübergehend mit
zu betreuen hatte) herangezogen. Mit großem physischem Einsatz führten sie massenhaft
Notimpfungen unter der weiblichen Bevölkerung der betroffenen Regionen durch.

13
Kuhns Einsatz erstreckte sich zunächst auf die Stadt Banja Luka, dann aber auch auf den
gleichnamigen Kreis. Dazu schreibt sie in ihrem Bericht von 1912: „Bald nach meinem Ein-
treffen in Banja Luka trat dann die Blatternepidemie (August 1899) auf. Ich beteiligte mich in
Banja Luka an Notimpfungen sowohl als auch am Epidemiedienste, dem ich als Frau, der die
Häuser der Muselmanen offen stehen mussten, aus diesem Grunde intensiver obliegen
konnte. [Absatz] Nach Abdämpfung der Epidemie in Banja Luka wurde ich zur Notimpfung im
ganzen Kreise Banjaluka ausgesendet, wobei ich in Bos. Dubica [Bosnisch oder Bosanska Du-
bica, heute Dubica], wo momentan gar kein Arzt domizilierte, den ganzen Epidemiedienst
selbständig einleitete und versah.“⁸⁶

Außer nach Bos. Dubica wurde Kuhn auch nach Prijedor und wahrscheinlich auch in andere
Orte des Kreises Banja Luka geschickt, um Notimpfungen durchzuführen.⁸⁷ Mit der Zeit ver-
lagerte sich ihr Einsatzgebiet vom Kreis Banja Luka auf den Nachbarkreis Bihać. Dazu heißt es
in ihrem Bericht von 1912: „Im Frühjahr 1900 wurde ich in den Kreis Bihać zur Absolvierung
der Notimpfungen exmittiert.“⁸⁸ Dass sie in diesem Nachbarkreis nicht nur bei der Bekämp-
fung der Pocken, sondern auch beim Auftreten anderer Krankheiten herangezogen werden
konnte, und zwar immer dann, wenn die Kreisbehörde, der sie unterstand, oder auch die
Landesregierung dies für notwendig hielten, war vom Gemeinsamen Finanzministerium
schon bei ihrer Anstellung festgelegt worden. Damals hatte Kállay verfügt, „dass die Amts-
ärztin von Banjaluka von Zeit zu Zeit wenn nötig auch in den Bihaćer Kreis … entsendet wer-
den kann“.⁸⁹ Auf diese Weise sollte offensichtlich das Fehlen einer Amtsärztin in Bihać über-
brückt und dem Staat Geld gespart werden – der Kreis Bihać bekam erst 1908 eine Amtsärz-
tinnenstelle. Für Kuhn aber bedeutete diese Regelung besonders während der Pockenepide-
mie eine immense Belastung.

Im März 1900, nachdem sie in einigen Bezirksstädten des Kreises Bihać Notimpfungen vor-
genommen hatte, war sie so erschöpft, dass sie sich von Velika Kladuša aus mit einem Tele-
gramm direkt an die Landesregierung und nicht an die für sie primär zuständige Kreisbehör-
de Banja Luka wandte und um einen 14tägigen Erholungsurlaub bat.⁹⁰ Vor ihrer Bitte hatte
sie in der Kreisstadt Bihać sowie in den Bezirksstädten Bosanska Krupa, Sanski Most und
Cazin des Kreises Bihać Notimpfungen durchgeführt, und zwar 5409, wie sie in ihrem Tele-
gramm mitteilte. Sie habe sich bei „schlechter Witterung“, „schlechten Wegen“ und
„schlechter Unterkunft“ erkältet, sei völlig übermüdet und könne ihrem Dienst nicht nach-
gehen, ließ sie die Landesregierung wissen. In der Stadt Cazin, wo sie sich im Mai 1900 wie-
der einmal zu Notimpfungen aufhielt, ging ihr Einsatz bei der Bekämpfung der Pockenepide-
mie im Kreis Bihać schließlich zu Ende.⁹¹

Das Fazit ihres Einsatzes zur Pockenbekämpfung in den Kreisen Banja Luka und Bihać, das sie
in ihrem Bericht von 1912 zog, lautete: „So habe ich in beiden Kreisen über 14.000 Impfun-
gen vorgenommen; im Winter bei hohem Schnee in allen Unbilden der Witterung! Für diese
Leistungen wurde mir von der hohen Landesregierung eine Anerkennung sowie Remunera-
tion von 200 K[ronen] zuerkannt mit Erlass Z=72158/I am 13. Mai 1901.“⁹²

14
Neben die Bekämpfung der Pocken trat als weitere große Herausforderung Kuhns ein häu-
figer Dienst im Gemeindekrankenhaus von Banja Luka. Diesen Dienst, bei dem sie vormittags
in der Ambulanz arbeitete und bisweilen auch bei Operationen mitwirkte, konnte sie selbst-
verständlich nur versehen, wenn sie nicht gerade auf Dienstreise war. Oft habe sie, so
schreibt sie in dem Bericht von 1912, in dem Gemeindekrankenhaus auch ganz allein Dienst
tun müssen, da der Stadtarzt, dessen Aufgabe u. a. in der Führung des Krankenhauses be-
stand, immer wieder durch andere ärztliche Pflichten verhindert gewesen sei.⁹³

Wenn Kuhn in Banja Luka war, dürfte sie nach ihrem Dienst im Krankenhaus an den Nach-
mittagen Kranke entweder in deren Wohnungen oder im eigenen Ambulatorium behandelt
haben. Genaueres darüber ist nicht bekannt, da – wie erwähnt – ihr Bericht über das Jahr
ihrer Amtsärztinnentätigkeit nicht aufgefunden werden konnte. Einige Angaben aus ihrem
Jahresbericht, die die Zahl ihrer Patientinnen (und verhältnismäßig wenigen Patienten) sowie
die Häufigkeit der behandelten Krankheiten betreffen, sind aber in eine von offizieller Seite
zusammengestellte Tabelle zur Tätigkeit sämtlicher damaliger Amtsärztinnen (Kecková, Kra-
jewska, Olszewska und Kuhn) eingegangen.⁹⁴

Danach betrug die Zahl ihrer Patientinnen und Patienten im Zeitraum vom 10. Juli 1899 bis
20. Juli 1900 1431 und liegt damit um einiges über der Zahl der Patientinnen und Patienten
der übrigen Amtsärztinnen. Von den 1431 behandelten Personen waren 936 Frauen, 479
Kinder weiblichen und männlichen Geschlechts und 16 Männer. Der Konfession nach war
ihre Klientel zu 46.26% muslimisch, zu 30,32% serbisch-orthodox, zu 19,56% römisch-katho-
lisch, zu 3,63% jüdisch, und 3 Patientinnen waren evangelisch.

Den ebenfalls in der Tabelle enthaltenen Angaben über Art und Anzahl der von Kuhn behan-
delten Krankheiten liegt das ziemlich grobe Einteilungsschema zugrunde, nach dem alle
Amtsärztinnen ihre Statistiken anzufertigen hatten. In dem Schema sind die Krankheiten
meist zu größeren Gruppen zusammmengefasst und so lässt sich den Angaben der Ärztin-
nen, Kuhn eingeschlossen, nicht allzuviel entnehmen.

Wenn hier dennoch einige Zahlen angeführt werden, so nur, um einen groben Eindruck von
den Krankheiten zu geben, mit denen Kuhn es hauptsächlich zu tun hatte. An erster Stelle
stehen mit 221 Fällen (15,4%) „Infektiöse Krankheiten“, bei denen sicher die Pockenepide-
mie besonders zu Buche schlug. Dicht dahinter folgen „Krankheiten der Verdauungsorgane“
mit 210 Fällen (14,7%). Am dritthäufigsten sind „Chirurgische Fälle“, die sich auf 184 (12,8%)
belaufen. Ziemlich häufig sind „Krankheiten der Geschlechtsorgane“ mit 139 Fällen (9,7%)
und „Krankheiten des Stoffwechsels“ mit 134 Fällen (9,3%). Besonders erwähnenswert sind
noch die Fälle von „Geburtshilfe und Krankheiten im Wochenbett“, die mit 64 (4,5%) ange-
geben sind, sowie die Fälle von Tuberkulose und Syphilis, die 55 (3,8%) bzw. 53 (3,7%) aus-
machen.

Nach etwas mehr als einem Jahr der Amtsärztinnentätigkeit kam es dann in der zweiten
Hälfte des Jahres 1900 zu einschneidenden Veränderungen im privaten Leben Kuhns, die
auch von großem Einfluss auf ihre berufliche Tätigkeit sein sollten.
15
Scheidung, Wiederverheiratung und Wechsel zur Privatärztin

Allem Anschein nach hat Gisela Kuhn in Banja Luka zunächst noch gemeinsam mit ihrem
Ehemann Heinrich Kuhn gelebt.⁹⁵ Doch schon bald scheint sich aus dem intensiven beruf-
lichen Kontakt, der zwischen ihr als Amtsärztin und dem ihr übergeordneten Kreisarzt von
Banja Luka, Dr. Ladislaus (Władysław) Januszewski, bestand, eine enge persönliche Verbin-
dung entwickelt zu haben. Es kam zur Scheidung von Heinrich Kuhn, und im August (vermut-
lich am 8. August) 1900 heiratete Gisela Kuhn den bisher ledigen Januszewski und hieß von
da an Januszewska.⁹⁶ Von ihr selber gibt es in den vorliegenden Dokumenten keine konkre-
ten Hinweise auf das Datum der Scheidung, wohl aber von Heinrich Kuhn. Dieser wandte
sich mit einem grotesk anmutenden Schreiben vom 8. Juli 1900 aus Brünn an die Landesre-
gierung, in welchem er sich über das Verhalten des Kreisarztes und seiner vor kurzem von
ihm geschiedenen Ehefrau beschwerte.⁹⁷ Er habe sich von beiden hintergangen gefühlt, bei-
de hätten sich ehrenrührig verhalten und er fordere die Landesregierung auf, irgendetwas
gegen beide zu unternehmen.

Nun wird man diesem Schreiben eines sich betrogen fühlenden Ex-Ehemannes nicht allzu
viel Glauben schenken können, doch enthält es einige Hinweise, die vermutlich den Tatsa-
chen zumindest nahe kommen. Danach hat Gisela Kuhn die Ehescheidung verlangt, nachdem
sich das Ehepaar seit Anfang 1900 zunehmend auseinandergelebt hatte. Auch Heinrich Kuhn
selber habe das Zusammenleben zuletzt als unerträglich empfunden, in die Scheidung einge-
willigt und Banja Luka verlassen. Die Ehe sei dann am 22. Mai 1900 gesetzlich geschieden
und die „Vermögensverhältnisse geordnet“ worden.

Über Gisela Kuhns Situation unmittelbar nach der Scheidung lassen sich der 1992 publizier-
ten Studie von Ctibor Nečas einige Details entnehmen. Danach nahm sie den Namen der
tschechischen Schutzheiligen Ludmila an, kehrte für kurze Zeit zu ihrem Mädchennamen
zurück, trat zum katholischen Glauben über und heiratete als Gisela-Ludmila Rosenfeld den
Kreisarzt Januszewski, der Katholik war.⁹⁸ Ihr Übertritt zum katholischen Glauben erscheint
insofern weniger erstaunlich, als auch ihr Bruder Sándor Friedrich Rosenfeld, mit Künstlerna-
men Alexander Roda Roda, einige Jahre zuvor einen ebensolchen Schritt vollzogen hatte.⁹⁹ In
der Familie Rosenfeld wurden derartige Entscheidungen offenbar toleriert.

Januszewski, 1844 geboren, war 23 Jahre älter als Januszewska und im Jahr der Heirat 56
Jahre alt.¹⁰⁰ Er stammte, wie viele Ärzte im damaligen Bosnien-Herzegowina, aus Galizien,
das damals zum österreichischen Teilungsgebiet Polens gehörte, hatte in Wien studiert und
dort 1872 promoviert. Seit 1880 stand er im Dienst der Landesregierung Bosnien-Herzego-
winas. In Banja Luka war er ab 1882 tätig, ab 1884 als Kreisarzt. In Anerkennung seiner be-
ruflichen Verdienste wurde er 1903, wenige Jahre nach seiner Heirat, zum Sanitätsrat beru-
fen und war dann viele Jahre neben seiner Tätigkeit als Kreisarzt Mitglied des Landessani-
tätsrats von Bosnien-Herzegowina. Für ihn hatte die Heirat also keinerlei negative berufliche
Konsequenzen.

16
Anders sah es für Januszewska aus. Ihre berufliche Position als Amtsärztin geriet durch die
Heirat ins Wanken. Nachdem Landesregierung und Gemeinsames Finanzministerium von der
Heirat erfahren hatten, kam es zu einem interessanten Meinungsaustausch zwischen ihnen
darüber, ob Januszewska ihren Posten als Amtsärztin behalten könne oder nicht. Den Anfang
machte die Landesregierung mit einem Schreiben vom 11. September 1900, unterzeichnet
vom Civil-Adlatus von Kutschera im Namen des Chefs der Landesregierung.¹⁰¹ Darin ließ die
Regierung erkennen, dass sie es für wünschenswert hielt, Januszewska in ihrem Amt zu be-
lassen, denn diese sei in dem einen Jahr ihrer Amtstätigkeit „sehr zufriedenstellend“ tätig ge-
wesen. Noch sei sie nur provisorisch angestellt und wenn es dabei bliebe, sei gegen ihre Wei-
terbeschäftigung insofern nichts einzuwenden, als „die Amtsärztinnen (laut provisorischer
Instruktion für dieselben) vorwiegend die Aufgabe“ hätten, „die weibliche Bevölkerung, ins-
besonders die Mohamedanerinnen zu behandeln und in keine Diäten-Classe eingereiht,
demnach exceptionell gestellt“ seien.

Sicher ließ sich die Landesregierung bei ihren Überlegungen von der anerkennenswerten Ab-
sicht leiten, Januszewska als Amtsärztin weiter zu beschäftigen, doch hatte ihr entsprechen-
der Vorschlag den Nachteil, dass sich Januszewska bei Beibehaltung des provisorischen Sta-
tus als Amtsärztin mit dem Verlust der Pensionsberechtigung hätte abfinden müsen. Zudem
war der Vorschlag nicht dazu geeignet, das Problem des Abhängigkeitsverhältnisses zwi-
schen Kreisarzt und Amtsärztin, das aufgrund der ehelichen Verbindung zwischen beiden ge-
geben war, zu lösen.

Besonders bemerkenswert an der Position der Landesregierung erscheint noch die Bezug-
nahme auf den Sonderstatus der Amtsärztinnen, die in der Tat nicht in das Rangklassensys-
tem der Beamten integriert waren, weswegen sie im Laufe der Jahre erhebliche Nachteile im
Hinblick auf Anrechte (etwa das Recht auf Höhergruppierung nach einer bestimmten Anzahl
von Dienstjahren) und auf die Höhe der Vergütung in Kauf nehmen mussten, wogegen sie
sich verschiedene Male zur Wehr setzten.¹⁰² Im vorliegenden Fall nun versuchte die Landes-
regierung den Sonderstatus der Amtsärztinnen, der sich für diese meist nachteilig auswirk-
te, als Argument zu nutzen, um Januszewska die Weiterbeschäftigung als Amtsärztin zu er-
möglichen.

In seiner Entgegnung auf das Schreiben der Landesregierung stellte das Gemeinsame Fi-
nanzministerium zunächst fest, „dass die Stellung einer Amtsärztin mit der einer Gattin des
als Sanitätsreferent bei der Kreisbehörde fungierenden Kreisarztes nach den allgemeinen
dienstpragmatischen Grundsätzen und auch aus praktischen Dienstesrücksichten nicht ver-
einbar erscheint.“¹⁰³ Doch auch das Ministerium war offenbar bestrebt, Januszewska etwas
entgegenzukommen, und es beschied daher die Landesregierung, sie solle die „nunmehrige
Frau Dr. Januszewski auffordern, ihre Demission einzureichen, wobei ihr übrigens zu eröff-
nen“ sei, „dass ihr die Ausübung der Privatpraxis in Banjaluka gestattet werden“ könne.

Die Landesregierung benachrichtigte Januszewska entsprechend, woraufhin diese sich mit


der vom Gemeinsamen Finanzministerium vorgesehenen Regelung einverstanden erklärte.

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In einem Schreiben an die Landesregierung vom 17. Oktober 1900 erklärte sie dazu: „In Be-
folg des hohen Erlasses unter Z 147.961/I vom 29.IX.1900 verzichte ich auf den Posten einer
bos. herc. Amtsärztin und erlaube mir ergebenst zu bitten, die hohe Landesregierung geruhe
mir die in Aussicht gestellte Genehmigung zur Ausübung der ärztlichen Praxis im Okkupa-
tionsgebiete, mit dem Wohnsitz in Banjaluka, zukommen lassen zu wollen.“¹⁰⁴

Dass Januszewska sich auch innerlich mit dem Verlust der Amtsärztinnentätigkeit abfand,
lässt eine Bemerkung in ihrem Rückblicksbericht von 1912 vermuten, die lautet: „Da ich mich
im August 1900 mit meinem direkten Vorgesetzten verheiratete, legte ich den Posten einer
Amtsärztin nieder und verblieb als Privatärztin in Banjaluka...“.¹⁰⁵ Nach großem Bedauern
über den Wechsel von der Amts- zur Privatärztin klingt dieser, etliche Jahre später niederge-
schriebene Satz nicht. Es ist sogar denkbar, dass Januszewska selber damals, als ihr die Nie-
derlegung ihres Amtes nahegelegt wurde, eine Konstellation als ungut empfunden hat, in
welcher ihr Vorgesetzter zugleich ihr Ehemann war. Der Abschied von der Amtsärztinnen-
tätigkeit dürfte ihr im Übrigen insofern leichter gefallen sein, als es in dem sie betreffenden
Entlassungsdekret der Landesregierung vom 26. Oktober 1900 ausdrücklich hieß, dass ihr „in
Anbetracht ihrer ersprießlichen Dienstleistung“ gerne die „Bewilligung zur Ausübung der
ärztlichen Praxis“ in ganz Bosnien-Herzegowina erteilt werde.¹⁰⁶ Der Termin der Amtsent-
hebung wurde auf Ende Oktober 1900 festgelegt.¹⁰⁷

Anders als Januszewska erging es der Amtsärztin Rosa Einhorn in Travnik, als sie gegen Ende
1903 die Absicht bekundete, den dortigen Kreisgerichtsrat Sigmund Bloch zu heiraten. Ihr
gegenüber erklärte das Gemeinsame Finanzministerium, dass sie im Falle der Verehelichung
mit dem Gerichtsbeamten Bloch zur Wahrung des Prinzips der uneingeschränkten Objektivi-
tät eines richterlichen Beamten aus ihrem Amt entlassen und auch keine Genehmigung zur
Eröffnung einer Privatpraxis erhalten würde.¹⁰⁸ Sie wurde dann tatsächlich gegen Ende 1904
ihres Amtes enthoben – eine Entscheidung, bei der allerdings andere Gründe als die noch
nicht vollzogene Eheschließung mit Sigmund Bloch geltend gemacht wurden. Die Erlaubnis
zur Eröffnung einer Privatpraxis in Travnik konnte sie sich zwar noch mit Hilfe eines Majes-
tätsgesuchs erkämpfen, doch waren weder die damaligen Voraussetzungen für eine Privat-
praxis in Travnik günstig, noch fand sie sich mit dem Verlust der Amtsärztinnentätigkeit
ab.¹⁰⁹

Januszewska hingegen erschloss sich nach dem Wechsel zur Privatärztin, der ersten über-
haupt in Bosnien-Herzegowina¹¹⁰, ein breites Feld von Aktivitäten, bei denen sie in bemer-
kenswerter Weise private, teils honorierte, teils unentgeltliche Behandlungen mit Tätigkei-
ten verband, die im öffentlichen Interesse lagen und von der öffentlichen Hand finanziert
wurden.

Als Privatärztin in Banja Luka (1900 bis 1912)

Noch im Jahr 1900 hat Januszewska als privat praktizierende Ärztin in Banja Luka zu arbeiten
begonnen und daneben eine Tätigkeit als Badeärztin im Badeort Slatina (auch Slatina-Ilidže
genannt) aufgenommen, bei der sie, wie sie später einmal bemerkte, in den Sommermona-
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ten „zweimal wöchentlich Ambulanz für Frauen und Kinder“ abhielt.¹¹¹ Außerdem betreute
sie seit 1902 im Auftrag der Landesregierung einmal monatlich Kinder im Waisenhaus des
Klosters Nazareth, das nahe bei Banja Luka lag. Ab 1903 leitete sie im Auftrag der Stadt Banja
Luka das im selben Jahr gegründete, hauptsächlich auf muslimische Frauen und ihre Kinder
ausgerichtete städtische Ambulatorium „D. Šeher“, an dessen Kosten sich auch die Landes-
regierung beteiligte, indem sie einen Zuschuss zur Vergütung der Leitungstätigkeit Janu-
szewskas leistete. 1903 und in einigen darauffolgenden Jahren übte Januszewska auch eine
Tätigkeit als Gutachterin vor Gericht aus, worüber aber nichts Genaueres bekannt ist. 1904
übernahm sie schließlich noch den Hygieneunterricht an der staatlichen Höheren Mädchen-
schule in Banja Luka.

Die engen auftragsmäßigen und finanziellen Beziehungen zur Landesregierung und zur Stadt
Banja Luka bedingten, dass Januszewska kontinuierlich Berichte über ihre von diesen Stellen
geförderte Tätigkeit zu verfassen hatte, wobei sie meist auch ihre privatärztliche Tätigkeit
einbezog. Es handelt sich in der Regel um Jahresberichte, die den Dienstweg durchliefen, ob-
wohl Januszewska keine Amtsärztin mehr war. Die Berichte gingen zunächst an das Stadtbe-
zirksamt bzw. das Landbezirksamt Banja Luka (an letzteres, wenn die Berichte speziell Janu-
szewskas Tätigkeit im Waisenhaus des Klosters Nazareth betrafen) und von dort über die
Kreisbehörde Banja Luka an die Landesregierung, die sie ihrerseits wohl meist noch an das
Gemeinsame Finanzministerium weiterleitete. Leider sind die Jahresberichte im Archiv Bos-
nien und Herzegowinas nicht lückenlos vorhanden¹¹², doch auch so stellen sie eine wichtige
Quelle für Januszewskas vielseitige Tätigkeit in ihrer Zeit als Privatärztin dar.

Allgemeinmedizinische und geburtshilfliche Tätigkeit im Rahmen der Privatpraxis in Banja


Luka

Die Tätigkeit als privat praktizierende Ärztin in Banja Luka umriss Januszewska einmal als
jenen Teil ihrer Arbeit, der sich in den Häusern der Kranken sowie in ihrem Privatordinati-
onszimmer abspiele.¹¹³ Inhaltlich gesehen umfasste die Tätigkeit, die sie im Rahmen ihrer
Privatpraxis leistete, eine breite Palette allgemeinärztlicher Tätigkeiten und schloss auch die
Geburtshilfe ein. Insofern knüpfte Januszewska mit ihrer Tätigkeit als privat praktizierende
Ärztin ziemlich nahtlos an ihre frühere Tätigkeit als Amtsärztin an, bei der sie laut „Instruk-
tion für die Amtsärztinnen in Bosnien und der Herzegowina“ kranke Frauen in ihrem Ambu-
latorium sowie in deren Wohnungen zu behandeln hatte und ausdrücklich auch verpflichtet
war, bei Geburten zu intervenieren.¹¹⁴

Zum Charakter ihrer Tätigkeit nach dem Ausscheiden aus dem Amtsdienst äußerte sich Ja-
nuszewska später einmal folgendermaßen: „Von nun an arbeitete ich in Banjaluka als prakti-
sche Ärztin, wobei ich den Armendienst, hauptsächlich in den Häusern der muselmanischen
Bevölkerung, unentgeltlich versah, und beteiligte mich auch jeweils am Epidemiedienste
(z.B. bei einer Typhusepidemie).“¹¹⁵ Wie sich ihre Tätigkeit im Rahmen der Privatpraxis ge-
staltete, d. h. wie groß ihre Klientel war und welcher Art die Krankheiten waren, die sie be-
handelte, lässt sich bis zu einem gewissen Grad an den Statistiken ablesen, die sie Jahr für

19
Jahr zu ihrer Privatpraxis anfertigte und die den Jahresberichten beigefügt sind.¹¹⁶ Weitere
Informationen lassen sich den Textteilen ihrer Jahresberichte entnehmen.

Aus den Statistiken ergibt sich, dass die Klientel der Privatpraxis in der Hauptsache aus Frau-
en bestand, dazu kamen Mädchen und – in geringerer Zahl – Jungen sowie eine verschwin-
dend kleine Zahl von Männern, weswegen im Folgenden meist von Patientinnen die Rede ist.
Die Gesamtzahl der Patientinnen der Privatpraxis bewegte sich in den Jahren 1903 bis 1912
zwischen etwa 500 und 750.¹¹⁷ Diese relativ gering anmutende Zahl erklärt sich vor allem da-
raus, dass Januszewska neben ihrer Privatpraxis immer auch eine Reihe anderer ärztlicher
Tätigkeiten ausübte, wobei besonders die zeit- und kräftemäßig anspruchsvolle Leitung des
Ambulatoriums „D. Šeher“ hervorzuheben ist. Außerdem bildeten Hausbesuche, die natür-
lich mit einem relativ hohen Zeitaufwand verbunden waren, einen großen Teil der Tätigkeit,
die Januszewska über ihre Privatpraxis leistete. Die Hausbesuche dienten der allgemeinärzt-
lichen Versorgung, waren aber auch der Rahmen für geburtshilfliche Interventionen von Sei-
ten Januszewskas.

In den frühen 1900er Jahren scheint die Zahl der muslimischen Patientinnen an der Privat-
praxis noch verhältnismäßig gering gewesen zu sein, jedenfalls erheblich geringer als jene
der andersgläubigen, d. h. der römisch-katholischen, serbisch-orthodoxen und jüdischen Pa-
tientinnen zusammengenommen.¹¹⁸ Doch das änderte sich offenbar mit der Zeit. Denn 1908
entsprach der Anteil der muslimischen Patientinnen mit 49,8% nahezu jenem der nichtmus-
limischen, um ihn 1910 und 1911 mit 57,5% bzw. 67,2% deutlich zu überwiegen.¹¹⁹ Diese Ent-
wicklung ist vermutlich vor allem darauf zurückzuführen, dass Januszewska durch die Leitung
des 1903 eröffneten städtischen Ambulatoriums „D. Šeher“, das vorrangig der Gesundheits-
versorgung muslimischer Frauen dienen sollte und von diesen auch in wachsendem Maße
genutzt wurde, in muslimischen Bevölkerungskreisen immer bekannter wurde und dass sie
von daher auch im Rahmen ihrer Privatpraxis von immer mehr Musliminnen in Anspruch ge-
nommen wurde. Doch auch als der Anteil der Musliminnen mit 50 und mehr Prozent (zuletzt
67%) an der Privatpraxis relativ hoch war, war die Klientel der Privatpraxis in konfessioneller
Hinsicht wohl immer etwas gemischter als jene des Ambulatoriums, die nach Angaben für
das Jahr 1903 aus ca. 90% Musliminnen bestand.¹²⁰

Wie den jährlichen Statistiken zu entnehmen ist, behandelte Januszewska an ihrer Privatpra-
xis ein breites Spektrum von Krankheiten, das u. a. Krankheiten des Zirkulationsapparats, des
Respirations- und Verdauungsapparats, Krankheiten des Stoffwechsels, der Geschlechtsorga-
ne und der Sinnesorgane, Infektionskrankheiten, parasitäre Krankheiten, Hautkrankheiten,
Lues bzw. Syphilis, Tuberkulose und Skrofulose, Osteomalazie und Rachitis, chirurgische und
zahnärztliche Fälle umfasste. Davon waren Infektionskrankheiten, Krankheiten der Verdau-
ungsorgane, des Stoffwechsels und der Geschlechtsorgane sowie chirurgische Fälle beson-
ders häufig.¹²¹

Im Folgenden interessiert besonders, welche quantitative Rolle die Krankheiten Osteomala-


zie, Tuberkulose und Syphilis unter den Patientinnen der Privatpraxis spielten. Mit allen drei

20
Krankheiten hat sich Januszewska intensiv, wenn auch in unterschiedlichem Maß, beschäf-
tigt, weil sie in ihnen eine besondere Gefahr für die Gesundheit von Frauen in Banja Luka
sah. Fälle von Syphilis, einer Krankheit, die in Bosnien-Herzegowina meist in endemischer,
nicht sexuell übertragener Form auftrat und deren Bekämpfung in der Gesundheitspolitik
der Landesregierung einen hohen Stellenwert hatte¹²², waren unter den Patientinnen der
Privatpraxis ziemlich selten. Und ihre Zahl nahm, relativ zur jeweiligen Zahl der Gesamtklien-
tel der Privatpraxis, im Laufe der Jahre tendenziell weiter ab. Um einige Zahlen zu nennen –
im Jahr 1903 betrug die Zahl der Syphilis-Fälle an der Privatpraxis bei 594 Patientinnen 14
(2,3%), 1908 bei 555 Patientinnen 12 (2,2%), 1909 bei 617 Patientinnen 14 (2,3%) (zu 1910
liegt keine entsprechende Angabe vor) und 1911 bei 507 Patientinnen 6 (1,2%).¹²³ Am Ambu-
latorium „D. Šeher“, auf das in einem weiteren Teil dieser Arbeit genauer eingegangen wird,
war die Zahl der Syphilis-Fälle aber wohl deutlich größer.

Die Tuberkulose, die einer offiziellen Quelle zufolge „im ganzen Land ziemlich weit verbrei-
tet“ war, und zwar insbesondere „unter dem weiblichen Teile der muhamedanischen Bevöl-
kerung der geschlossenen Orte“, aber auch „unter der christlichen, besonders unter der ori-
entalisch-orthodoxen Bevölkerung“¹²⁴, kam auch unter den Patientinnen der Privatpraxis re-
lativ häufig vor. Allerdings sind in der Statistik Fälle von Tuberkulose (Lungentuberkulose)
mit Fällen für Skrofulose (ein früher verwendeter Begriff für eine Art Hauttuberkulose) bis-
weilen zusammengefasst, so dass sich hinsichtlich der Häufigkeit beider Krankheitsformen
kein ganz klares Bild ergibt. Was sich feststellen lässt, ist, dass die Zahl der Tuberkulose-Fälle
(wenn nur die Tuberkulose und nicht auch die Skrofulose gemeint ist) im Jahr 1903 bei einer
Gesamtzahl von 594 Patientinnen 29 (4,9%) betrug und im Jahr 1909 bei einer Gesamtzahl
von 617 Patientinnen 58 (9,4%).¹²⁵ In den Jahren, in welchen Tuberkulose und Skrofulose in
der Statistik zusammengefasst sind, 1908, 1910 und 1911, lag der Anteil beider Krankheits-
formen zusammengenommen bei 8,6%, 6,5% und 6,7% der jeweiligen Gesamtzahl der Pati-
entinnen.¹²⁶ Das Auftreten der Tuberkulose unter ihren Patientinnen beunruhigte Januszew-
ska stark, doch davon soll erst weiter unten, im Zusammenhang mit Januszewskas Tätigkeit
am Ambulatorium „D. Šeher“, ausführlicher die Rede sein.

Der Osteomalazie, einer Krankheit, die sich als Knochenerweichung äußert und in mancher
Hinsicht Parallelen zur Osteoporose, dem Knochenschwund, aufweist, galt Januszewskas be-
sondere Aufmerksamkeit. Schon bald nach Beginn ihrer Tätigkeit in Banja Luka stellte sie
fest, dass die Krankheit unter muslimischen Frauen relativ weit verbreitet war.¹²⁷ Und im
Laufe der Zeit machte sie die Erfahrung, dass die Krankheit, wenn sie ein fortgeschrittenes
Stadium erreichte, in zweifacher Hinsicht fatale Folgen für die betroffenen Frauen haben
konnte. Zum einen stellte sich in der Regel ein weitgehender Verlust der Bewegungsfähigkeit
ein – die Frauen waren gezwungen, in hockender Stellung zu leben, weswegen sie in der Be-
völkerung als „Džuturrime/Hockende“ bezeichnet wurden¹²⁸ –, zum anderen kam es bei den
Frauen häufig zu einer Beckenverengung, die im Falle von Geburten zu erheblichen Schwie-
rigkeiten führen konnte.¹²⁹

21
Wie weit die Osteomalazie unter Frauen in Banja Luka verbreitet war, zeigte sich sehr viel
deutlicher am Ambulatorium „D. Šeher“ als an Januszewskas Privatpraxis. Als Beispiel für die
hohe Zahl von Osteomalazie-Fällen an dem Ambulatorium sei hier angeführt, dass 1909 un-
ter den insgesamt 2218 Patientinnen 564 Fälle von Osteomalazie waren, der Anteil also bei
25,4% lag.¹³⁰ Verglichen damit war der Anteil der Osteomalazie-Patientinnen an der gesam-
ten Klientel der Privatpraxis nicht besonders auffällig. Allerdings lässt sich dies nur lücken-
haft belegen, da Januszewska in den Statistiken zu ihrer Privatpraxis nicht durchgängig die
Kategorie „Osteomalazie“ verwendete. Vielmehr scheint sie Fälle von Osteomalazie biswei-
len unter der Kategorie „Krankheiten der Knochen“ oder „Krankheiten des Knochengerüsts“
subsumiert zu haben. Außerdem hat sie Fälle von Osteomalazie mal getrennt von und mal
zusammen mit Fällen von Rachitis erfasst, einer der Osteomalazie verwandten Krankheit, die
besonders bei Kindern auftritt und sich auch in einer Knochenerweichung manifestiert. In
den Jahren, in welchen Osteomalazie als gesonderte Kategorie auftaucht, nämlich 1909,
1910 und 1911, lag die Zahl der Osteomalazie-Fälle bei 18, 20 und 22, was einem Anteil von
2,9%, 3,8% und 4,3% an der jeweiligen Gesamtzahl der Patientinnen von 617, 520 und 507
entsprach.¹³¹

Außer den Angaben, die sich den Statistiken zur Privatpraxis entnehmen lassen, gibt es auch
in dem einzigen Artikel, den Januszewska publiziert und in welchem sie sich ausführlich mit
der Osteomalazie befasst hat¹³², eine interessante Angabe über die Zahl der Osteomalazie-
Fälle an der Privatpraxis. Die Angabe besagt, dass Januszewska in den 10 Jahren von 1900 bis
1909 332 Osteomalazie-Kranke „in ihren Häusern“ aufgesucht habe.¹³³ Die hier von Janu-
szewska gewählte Formulierung lässt nicht auf den ersten Blick erkennen, dass es sich bei
dem Aufsuchen der Kranken in deren Häusern um einen Dienst handelt, den Januszewska im
Rahmen ihrer Privatpraxis geleistet und für den sie – nebenbei gesagt – meistenteils wohl
keine Bezahlung verlangt hat. Die Zuordnung von Hausbesuchen zu ihrer Privatpraxis ergibt
sich aber eindeutig aus Januszewskas Umschreibung dessen, was ihre Privatpraxis ausmach-
te, und aus dem Umstand, dass im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit am Ambulatorium „D.
Šeher“ nirgends von der Durchführung von Hausbesuchen die Rede ist.¹³⁴ Die Angabe von
332 Hausbesuchen bei Osteomalazie-Kranken in der Zeit von 1900 bis 1909, was einer durch-
schnittlichen jährlichen Zahl von 33 Kranken entspricht, könnte übrigens ein Hinweis darauf
sein, warum die Zahl der Osteomalazie-Kranken laut der jährlichen Statistik zu Januszewskas
Privatpraxis nicht besonders hoch war, handelte es sich doch offenbar ausschließlich um
Kranke, die eines Hausbesuchs bedurften, weil sie schwerkrank waren.

Außer osteomalazischen Frauen – wahrscheinlich vornehmlich solchen mit einer fortge-


schrittenen Osteomalazie – dürften Januszewskas Hausbesuche ganz allgemein schwer er-
krankten Frauen gegolten haben. Hausbesuche waren darüber hinaus auch im Rahmen der
Geburtshilfe notwendig, die Januszewska in relativ großem Umfang geleistet hat. Bei der Ge-
burtshilfe zeigte sich ihr das oben angedeutete Problem schwierigster Geburten bei hochgra-
diger Osteomalazie und damit häufig verbundener Beckenverengung in aller Schärfe. Von
der Geburtshilfe, die neben der allgemeinmedizinischen Versorgung einen wichtigen Teil der
Privatpraxis Januszewskas ausmachte, soll im Folgenden eingehender die Rede sein.
22
Aufgrund jahrhundertealter Traditionen und eines noch wenig entwickelten Gesundheitswe-
sens in Bosnien-Herzegowina fanden Geburten zur damaligen Zeit fast ausnahmslos in den
Häusern der schwangeren Frauen statt, und zwar so, dass die Frauen meist auf sich selbst
gestellt und ohne fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen niederkamen.¹³⁵ Bisweilen wurden
kundige Frauen, die zum Teil über seit Generationen weitergegebenes geburtshilfliches Wis-
sen verfügten und von wissenschaftlich ausgebildeten MedizinerInnen vielfach abschätzig¹³⁶,
in seltenen Fällen aber durchaus respektvoll¹³⁷ als „alte Weiber“ bezeichnet wurden, zu einer
Niederkunft hinzugezogen. Geschulte Hebammen, von denen es ohnehin erst sehr wenige
gab¹³⁸, wurden allenfalls in Anspruch genommen, wenn sich Komplikationen bei der Nieder-
kunft ergaben. Besonders in Kreisen der muslimischen Bevölkerung kam das Herbeirufen
eines Arztes nur in außerordentlich kritischen Geburtssituationen in Frage, d. h. wenn das
Leben der Gebärenden auf dem Spiel stand.¹³⁹ Krankenhäuser wurden von muslimischen
Frauen damals in der Regel noch gemieden.¹⁴⁰ Davon abgesehen war ihre Zahl aber auch
noch so gering, dass von einer guten Erreichbarkeit für kranke oder schwangere Frauen
keine Rede sein konnte. Über spezielle gynäkologische und geburtshilfliche Abteilungen ver-
fügten die wenigen vorhandenen Krankenhäuser noch nicht. Einzige Ausnahme bildete län-
gere Zeit das Landeskrankenhaus in Sarajevo, das 1894 eröffnet wurde und von Beginn an
eine Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe besaß.¹⁴¹ Unter den geschilderten Umstän-
den war die Geburtshilfe, die Januszewska im Rahmen ihrer Privatpraxis leistete und bei der
sie Gebärende in Problemfällen – oft handelte es sich um Frauen mit Osteomalazie schwers-
ten Grades – in ihren Wohnungen medizinisch versorgte, von großer Bedeutung.

Beratung, Untersuchung und Behandlung während der Schwangerschaft und zum Teil auch
in der Wochenbettphase hat Januszewska außer in ihrer Privatpraxis sicherlich auch im Am-
bulatorium „D. Šeher“ und bei ihren Sprechstunden im Bad Slatina durchgeführt, doch bei
schwierigen Geburten zu intervenieren, blieb dem hausärztlichen Dienst als Teil ihrer Privat-
praxis vorbehalten. Keinerlei Anhaltspunkte gibt es für die Annahme von Brigitte Fuchs, dass
Januszewska im Auftrag des Magistrats am Gemeindekrankenhaus in Banja Luka eine Entbin-
dungsstation eingerichtet habe.¹⁴² Wäre das der Fall gewesen, hätten sich Spuren davon in
Dokumenten von und zu Januszewska finden lassen müssen. Nicht ausgeschlossen ist aller-
dings, dass Januszewska an dem Gemeindekrankenhaus in Banja Luka, an dem sie noch in
ihrer Funktion als Amtsärztin des Öfteren Dienst getan hatte, auch in ihrer Zeit als Privatärz-
tin manchmal Entbindungen durchgeführt bzw. an Entbindungen mitgewirkt hat. Konkrete
Hinweise darauf gibt es aber nicht.

Nach der Statistik, die Januszewska zu ihrer Privatpraxis führte, betrug die Zahl geburtshilfli-
cher Fälle im Jahr 1902 48, 1903 37, 1905 43, 1908 33, 1909 34, 1910 51, 1911 55 und 1912,
in der ersten Jahreshälfte, 25.¹⁴³ Unter diesen Fällen war immer auch eine ganze Reihe
schwieriger Entbindungen, die operative Eingriffe erforderten. Mit ihrer geburtshilflichen Tä-
tigkeit stieß Januszewska schon bald auf ein positives Echo. In ihrem Bericht zum Jahr 1902
bemerkte sie dazu: „Mehr und mehr kommen Muhamedanerinnen [mir] auch bei schweren
Geburten mit Vertrauen entgegen...“.¹⁴⁴ Und das Gemeinsame Finanzministerium beschei-
nigte Januszewska einmal im Hinblick auf ihre 1905 geleistete Geburtshilfe „nichts weniger
23
als glänzende Resultate“.¹⁴⁵ Bohuslava Kecková, diejenige der Amtsärztinnen, die als ausge-
bildete Hebamme schon vor ihrer Zeit in Bosnien-Herzegowina jahrelang den Hebammen-
beruf ausgeübt hatte und als Amtsärztin in Mostar einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf die
Geburtshilfe legte, hatte 1905 verglichen mit Januszewskas 43 Fällen zwar wesentlich mehr
Fälle von Geburtshilfe, nämlich 199, außerdem noch 65 Fälle von Hilfe in der Schwanger-
schaft und 76 Fälle von Hilfe im Wochenbett.¹⁴⁶ Doch mindert das keineswegs die Bedeu-
tung, die Januszewskas geburtshilfliche Tätigkeit für Frauen in und um Banja Luka hatte.

Bei den chirurgischen Eingriffen Januszewskas im Zusammenhang mit schwierigen Geburten


handelte es sich häufig um Wendungen des kindlichen Körpers, Plazentalösungen und Küret-
tagen, nicht selten auch um Perforationen des kindlichen Schädels. Letzteres erwies sich
dann als notwendig, wenn bei der Gebärenden, bedingt durch Osteomalazie, eine starke
Beckenverengung vorlag. In ihren Jahresberichten ging Januszewska meist auch detailliert
auf die von ihr geleistete Geburtshilfe ein. Zwei Beispiele mögen das belegen. Im Jahresbe-
richt 1902 erklärte sie: „... auch im Berichtsjahr hatte ich Gelegenheit, sechsmal bei osteo-
malazischen Becken die Perforation zu machen und einmal Wendung und Extraktion. [Ab-
satz] Wenn auch bei all diesen Fällen – auch bei dem letztgenannten, da ich zu spät gerufen
wurde – das kindliche Leben verloren ging, so hatte ich doch keinen einzigen Todesfall unter
den Wöchnerinnen, die sich im Gegenteil überraschend schnell erholten.“¹⁴⁷ Und im Jahres-
bericht 1910 heißt es: „Im Allgemeinen habe ich die Fälle von Osteomalazie III [Januszewska
unterschied dem Schweregrad nach drei Stufen der Osteomalazie, beginnend mit der Stufe I]
auf ein Minimum herabgedrückt, so dass ich beispielsweise im Berichtsjahre nur 2 mittelst
Perforation des kindlichen Schädels am lebenden Kinde wegen osteomalazischer Beckendif-
formitäten der Mutter entbinden musste. [Absatz] Die anderen geburtshilflichen Eingriffe
bezogen sich teils auf Wehenschwäche, teils endlich auf Placenta adhaerens.“¹⁴⁸

Zwischen 1899 und 1910 hat Januszewska ihrer Aussage nach bei „osteomalazischen Frauen
im Ganzen 58 geburtshilfliche Operationen vorgenommen, und zwar 52 Perforationen am
kindlichen Schädel bei Schädellagen, 4 prophylaktische Wendungen auf den Fuß und 2 Per-
forationen des nachfolgenden Kopfes bei Fußlagen“.¹⁴⁹ Zu einer Perforation des kindlichen
Schädels, insbesondere dann, wenn das Ungeborene noch lebte, wird sie sich sicher nur im
äußersten Notfall entschlossen haben. Vorrang hatte für sie letztlich aber eindeutig die Er-
haltung des Lebens der Frau.

Zum Mittel des Kaiserschnitts scheint Januszewska bei ihrer Geburtshilfe nicht gegriffen zu
haben, womöglich aus Furcht vor einer Infektion der Gebärenden. In ihren Berichten, soweit
sie vorliegen, ist nur einmal von einem Kaiserschnitt die Rede, der aber nicht von ihr und
auch nicht in der Wohnung der Gebärenden, sondern während ihrer urlaubsbedingten Ab-
wesenheit im Gemeindekrankenhaus in Banja Luka von einem Arzt durchgeführt wurde.¹⁵⁰ In
dem schon erwähnten Artikel über die Osteomalazie, den sie 1910 publiziert hat, geht sie
noch auf den Fall einer Patientin mit hochgradiger Osteomalazie und starker Beckenveren-
gung ein, bei der sie sich gezwungen sah, in mehreren aufeinander folgenden Jahren bei
Geburten eine Perforation des kindlichen Schädels vorzunehmen. Dieser Patientin habe sie
24
schließlich empfohlen, sich in dem Landeskrankenhaus in Sarajevo einer Porro-Operation zu
unterziehen, d. h. einem Kaiserschnitt mit nachfolgender Entfernung des Uterus, der Eierstö-
cke und der Eileiter.¹⁵¹

Bei der von ihr selbst geleisteten Geburtshilfe hat Januszewska also offenbar das Mittel des
Kaiserschnitts nicht eingesetzt. Der Weg, den sie stattdessen konsequent beschritt, war ein
prophylaktischer, der darin bestand, sich vor allem über das Ambulatorium „D. Šeher“ für
eine systematische Eindämmung der Osteomalazie einzusetzen und damit zugleich die Zahl
hochgradig osteomalazischer Frauen, bei denen es zu äußerst riskanten Geburten kommen
konnte, zu verringern.

Die Geburtshilfe in den Wohnungen der Gebärenden musste Januszewska vielfach unter Be-
dingungen durchführen, die für operative Eingriffe völlig ungeeignet waren. Solche Bedin-
gungen fand sie insbesondere dann vor, wenn sie zu Gebärenden aus den „unteren und mitt-
leren Schichten der Bevölkerung“ gerufen wurde, weil bei diesen Frauen „das Lager nur aus
einer Stroh- oder Wollmatratze“ bestand und sie daher gezwungen war, „auf der glatten Er-
de zu operieren“.¹⁵² In dem Fall einer besonders schweren Entbindung im Jahr 1909 war sie
nach drei Stunden Tätigkeit so erschöpft, dass sie sich gezwungen sah, einen Kollegen, Dr.
Kornfeld, hinzuzuziehen, was damals in Bosnien-Herzegowina, besonders in muslimischen
Kreisen, noch keineswegs selbstverständlich war, wofür sie aber in diesem konkreten Fall die
Einwilligung des Ehemannes der Gebärenden bekommen hatte.¹⁵³ Überhaupt – so bemerkte
sie dazu – käme es inzwischen immer öfter vor, dass ihr von Ehemännern muslimischer Frau-
en gestattet werde, bei besonders schweren Fällen von Geburten männliche Ärzte hinzuzu-
ziehen.¹⁵⁴ Derartige kleine Veränderungen sah sie auch in einem größeren politischen Zu-
sammenhang, den sie folgendermaßen umriss: „Damals [1899, zu Beginn ihrer Tätigkeit in
Banja Luka] waren die Frauen und Mädchen der Muselmanen wirklich einzig auf weibliche
Ärzte angewiesen. Erst viel später, durch den Abglanz der jungtürkischen Emanzipationsver-
suche [gelang es] den Muselmaninnen..., auch hier und da einen Arzt herbeizurufen.“¹⁵⁵ Ein-
schränkend fügte sie allerdings hinzu: „Es ist aber auch heute noch eine Seltenheit, dass die
Behandlung von Haus aus einem Arzte übertragen wird.“¹⁵⁶

Doch auch Januszewska als Frau und Ärztin musste noch des Öfteren die Erfahrung machen,
dass sie bei Problemgeburten muslimischer Frauen erst relativ spät gerufen wurde, wenn
sich die Situation schon sehr verschlimmert hatte.¹⁵⁷ Die wenigen Hebammen, die es damals
in Banja Luka gab¹⁵⁸, wurden, wenn überhaupt, ebenfalls meist sehr spät zu schwierigen Ge-
burten hinzugezogen, und bisweilen riefen sie dann ihrerseits noch Januszewska zu Hilfe.¹⁵⁹
Den Fall einer schwierigen Geburt im Haus einer muslimischen Frau, bei dem vor ihrem Ein-
greifen keine Hebamme gerufen worden war, nahm Januszewska einmal zum Anlass, um die
aus ihrer Sicht notwendige Ausbildung und Beschäftigung von Hebammen aus der muslimi-
schen Bevölkerung zu betonen. „Es wäre doch ein Segen“, so erklärte sie in ihrem Jahresbe-
richt 1908, „wenn muhamedanische Frauen könnten zum Hebammendienst herangebildet
werden!“, und sprach damit einen wichtigen Punkt an, dass nämlich (mehr) Hebammen mit
muslimischem Hintergrund im Hinblick auf die Arbeit unter muslimischen Frauen gebraucht
25
wurden.¹⁶⁰ „Zwar fürchtet man“, so führte sie weiter aus, „in ihnen sich Kurpfuscherinnen
heranzubilden – aber es ist von 2 Übeln das kleinere, wenn man Kurpfuscherinnen hat, die
etwas [Unterstreichung durch Januszewska] verstehen und von Aseptik einen Begriff haben,
als solche, die gar nichts wissen und während der Entbindung Bäder von Pferdemist verord-
nen.“¹⁶¹

Leicht ironisch kommentierte sie den Einsatz von Pferdemist als Mittel zur Wehenbeschleu-
nigung mit den Worten: „Die Volksmedizin bewegt sich hier eben in ganz merkwürdigen Bah-
nen!“¹⁶² Als wissenschaftlich ausgebildete Medizinerin stand sie, wie nicht anders zu erwar-
ten, der Volksmedizin weitgehend ablehnend gegenüber. So stellte sie in ihrem Jahresbe-
richt 1908 z. B. fest: „Das Rationellste, was ich von Volksmedizin hier bisher gesehen habe,
ist die Behandlung von Brandwunden. Man begießt sie mit Öl und bestreut [sie] mit fein pul-
verisierter, frisch gebrannter Lindenholzkohle. [Absatz] Die andern Volksmittel sind teils
abergläubisch – wie das Knüpfen von Fieberfaden – teils unappetitlich wie das Auflegen von
frischem Kuhmist auf Erysipel [Wundrose], und noch dazu gefährlich und jeder gewöhnli-
chen Reinlichkeit, umso mehr der Aseptik und Hygiene, hohnsprechend. Aber das Volk!
Trotzdem ihm Ambulatorien mit geschulten Ärzten unentgeltlich zur Verfügung stehen, lau-
fen die Leute doch zu Barbieren, um ihre Zähne mit rostigen Schlosserzangen extrahieren zu
lassen…“.¹⁶³

1912, in ihrem letzten Bericht für die Landesregierung, kam Januszewska noch einmal auf
das von ihr zutiefst verabscheute Baden einer niederkommenden Frau in aufgelöstem Pfer-
demist zu sprechen und erinnerte zugleich an die riskanten, gesundheitsgefährdenden Be-
dingungen, unter denen sie immer wieder operative Eingriffe bei Geburten vornehmen
musste. All dies vor Augen erklärte sie, dass wohl nur deswegen so wenige Frauen bei der
Niederkunft ihr Leben lassen mussten, weil „dieses Naturvolk [sich] so außerordentlich wi-
derstandsfähig gegen Wundinfektions-Krankheiten…erwiesen hat.“¹⁶⁴ Nicht ohne ein Gefühl
der Genugtuung über das von ihr bei der Geburtshilfe Geleistete fügte sie noch hinzu:
„…meine geburtshilfliche Tätigkeit und die in die Augen springenden günstigen Resultate
derselben [haben] viel dazu beigetragen, mich bei der musulmanischen Bevölkerung so po-
pulär zu machen, wie ich es de facto geworden bin.“

Zum Abschluss des Teils über die Privatpraxis Januszewskas sei noch kurz die materielle Seite
ihrer Tätigkeit in diesem Bereich berührt. In Bezug auf ihre Hausbesuche hat sich Januszew-
ska – wie erwähnt – rückblickend einmal dahingehend geäußert, dass sie Hausbesuche, ins-
besondere bei ärmeren muslimischen Frauen, unentgeltlich durchgeführt habe – eine Aussa-
ge, die wohl so zu verstehen ist, dass sie auch für Hausbesuche bei ärmeren Frauen aus der
nichtmuslimischen Bevölkerung des Öfteren keine Bezahlung verlangt hat. Völlig offen ist
aber die Frage, wie Januszewska bei Behandlungen in ihrem „Privatordinationszimmer“ ver-
fuhr, d. h. ob sie sich diese vergüten ließ. Darüber sagen die vorliegenden Dokumente nichts
aus, doch ist wohl davon auszugehen, dass sie sich fallweise entschied, ob sie eine Bezahlung
verlangen sollte, und dass sie sich dabei hauptsächlich von sozialen Gesichtspunkten leiten
ließ. Als bloße Annahme, für die es keinerlei Belege gibt, sei hier noch geäußert, dass unter
26
den Patientinnen der Privatpraxis neben vielen Frauen aus ärmeren Verhältnissen vielleicht
auch einige waren, Musliminnen wie Nichtmusliminnen, die aus etwas wohlhabenderen
Kreisen stammten und das Geld für Januszewskas Behandlungen aufbringen konnten.

Leitung des städtischen Frauenambulatoriums „D. Šeher“

Etwa gleichzeitig mit der Eröffnung ihrer Privatpraxis in der zweiten Hälfte des Jahres 1900
begann Januszewska auch mit Sprechstunden für Frauen und Kinder im Bad Slatina, und
1902 nahm sie noch die Betreuung der Kinder des Waisenhauses im Kloster Nazareth auf.
Die Tätigkeiten im Bad Slatina und im Waisenhaus des Klosters Nazareth hatten eher den
Charakter von Nebentätigkeiten, mit der Leitung des 1903 gegründeten Ambulatoriums „D.
Šeher“ erschloss sich Januszewska dann aber neben der Privatpraxis ein zweites Hauptbetä-
tigungsfeld. Der Zahl der Patientinnen nach übertraf das Ambulatorium die Privatpraxis
schon bald erheblich, doch bildete letztere eine wichtige und notwendige Ergänzung zu dem
Ambulatorium, da sich dessen Leistungen nicht auf Hausbesuche erstreckten. Diese wickelte
Januszewska, wie schon erwähnt, über ihre Privatpraxis ab, was auch für die Geburtshilfe
galt. Zwei wichtige Voraussetzungen dafür, dass sie am Ambulatorium schon bald über 1000,
später über 2000 Patientinnen jährlich behandeln konnte, waren die günstigen räumlichen
Bedingungen – ein ganzes Haus stand zur Verfügung – und der Umstand, dass die Behand-
lungen und wohl auch die Medikamente für die Patientinnen kostenlos waren.

Als städtische Gesundheitseinrichtung mit besonderer Ausrichtung auf muslimische Frauen


und Kinder stellte das Ambulatorium in Erscheinungsweise und Funktion eine im damaligen
Bosnien-Herzegowina einzigartige und einmalige Institution dar.¹⁶⁵ Wegen des hohen Stel-
lenwertes, den es im Schaffen Januszewskas einnahm, und der Bedeutung, die es für die Ge-
sundheitsversorgung von Frauen in Banja Luka hatte, soll es im Folgenden genauer beschrie-
ben werden.

Entsprechend seinem Zweck, die Gesundheitsversorgung vor allem muslimischer Frauen und
ihrer Kinder zu verbessern, wurde das Ambulatorium in einem Stadtteil Banja Lukas, Dolnji
Šeher (Nieder-Šeher), abgekürzt D. Šeher, gegründet, der eine überwiegend muslimische Be-
völkerung aufwies.¹⁶⁶

Zur Entstehungsgeschichte des Ambulatoriums äußerte sich Januszewska in ihrem Bericht


von 1912 rückschauend einmal folgendermaßen: „Ich erwarb mir das Vertrauen der Bevölke-
rung so weit, dass die Gemeindevertretung Anfang 1903 mit dem Ansuchen an mich heran-
trat, ein ´Gemeindeambulatorium´ zu errichten und zu leiten. Die Gemeinde votierte eine
Remuneration von 1000 K [anfangs waren es wohl nur 800 und erst später 1000 K] für die
Leitung und die hohe Landesregierung eine solche von 600 K pro Jahr. Das Ambulatorium
wurde in einem muselmanischen Privathause in D. Šeher untergebracht, mit 1000 K Erhal-
tungskosten seitens der Gemeinde dotiert, eine Muselmanin als Dienerin bestellt und am 20.
März eröffnet, so dass es im zehnten Jahre funktioniert.“¹⁶⁷

27
Wenn Januszewska in ihrer Rückschau auf 1903 auch betonte, dass die Gemeindevertretung
wegen der Errichtung und Leitung eines auf muslimische Frauen ausgerichteten Ambulatori-
ums an sie herangetreten sei, so erscheint es doch ziemlich unwahrscheinlich, dass die Idee
zur Gründung einer solchen Einrichtung von der Gemeindevertretung Banja Lukas ausging,
die aus lauter – vermutlich sehr konservativen – Männern bestand. Vielmehr dürfte es Janu-
szewska selber gewesen sein, die diese Idee hatte und mit tatkräftiger Unterstützung ihres
Gatten, des Kreisarztes von Banja Luka, bei der Umsetzung der Idee in die Wirklichkeit rech-
nen konnte. Für Januszewska lag es aufgrund ihrer Amtsärztinnentätigkeit, bei der sie ja
auch – wie weiter oben ausgeführt – ein Ambulatorium in ihrer Wohnung zu betreiben hat-
te, nahe, den gedanklichen Sprung von einem solchen kleinen Ambulatorium zu einer grö-
ßeren, städtischen Einrichtung zu machen. Und es gelang ihr offenbar, bei der Gemeindever-
tretung Banja Lukas, der zuständigen Kreisbehörde wie auch der Landesregierung Gehör für
ihre Idee zu finden.

Vielleicht wäre die Idee eines städtischen Ambulatoriums mit besonderer Orientierung auf
muslimische Frauen bei der Gemeindevertretung Banja Lukas, aber auch bei der Kreisbehör-
de sowie der Landesregierung auf weniger fruchtbaren Boden gefallen, wenn es im Gesund-
heitswesen Bosnien-Herzegowinas nicht die 1897 einsetzenden starken Bestrebungen zur
Einrichtung von Gemeinde-Ambulatorien gegeben hätte. Diese Ambulatorien waren als Er-
gänzung zu der noch viel zu geringen Zahl an Krankenhäusern gedacht. Mit ihren unentgelt-
lichen Diensten sollten sie insbesondere ärmeren Schichten der Stadt- und Landbevölkerung
die Möglichkeit bieten, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.¹⁶⁸ Für ärmere muslimische
Frauen aber dürften selbst solche Einrichtungen, da sie allgemein zugänglich waren und
wahrscheinlich überwiegend von Männern genutzt wurden, kaum in Betracht gekommen
sein, um sich ärztliche Hilfe zu suchen. In einem Ambulatorium nur für Frauen, geleitet von
einer Ärztin und betreut von einer Muslimin als „Dienerin“, hingegen konnten sie sich mit
ihren religiös begründeten Bedürfnissen nach Abgeschiedenheit von fremden Männern eher
wiederfinden, wie der ständig wachsende Zuspruch bezeugt, den das Ambulatorium im Lau-
fe der Jahre fand.

Zu den ersten Erwähnungen des Ambulatoriums „D. Šeher“ in Dokumenten, die sich im
Archiv Bosnien und Herzegowinas finden ließen, gehören Ausführungen über eine Sitzung
des Gemeinderats von Banja Luka am 4. März 1903. Daraus geht hervor, dass der Rat ein-
stimmig beschloss, „der Leiterin des Ambulatoriums ´Preko Vrbasa´ [Jenseits des Vrbas]¹⁶⁹,
Frau Dr. Gisela Januszewsky, eine jährliche Vergütung von insgesamt 800 K zu gewähren,
und zwar als Vergütung für die Leitung dieses Ambulatoriums 600 K und, unter Berücksich-
tigung der ziemlich großen Entfernung des Ambulatoriums vom Zentrum der Stadt, 200 K als
Pauschale für Fahrten mit dem Fiaker“.¹⁷⁰ (Übers. von B. M.)

Aus einem Schreiben, mit dem die Kreisbehörde von Banja Luka dann im Juni 1903 die Lan-
desregierung über den Beschluss des Gemeinderats informierte, sind weitere interessante
Details über die Bezahlung Januszewskas und über das Ambulatorium zu erfahren. So enthält
das Schreiben z. B. die Bitte der Kreisbehörde, die Landesregierung möge den von ihr für
28
Januszewskas Leitungstätigkeit „in Aussicht gestellten Beitrag von 600 K [jährlich] aus Lan-
desmitteln ab 20. März [1903] als dem Eröffnungstage des fraglichen Ambulatoriums“ dem
Steueramt in Banja Luka überweisen.¹⁷¹ Ferner ist dem Schreiben zu entnehmen, dass sich
das Ambulatorium in einem einstöckigen, solide gebauten Haus befand. Für die anfallenden
Arbeiten – so die Ausführungen von Seiten der Kreisbehörde – sei eine Dienerin eingestellt
worden, und das Ambulatorium sei täglich von 3-5 Uhr nachmittags geöffnet, mit Ausnahme
von Mittwoch und Sonntag. Auf eine Hausapotheke sei erst einmal verzichtet worden.¹⁷² Die
Kosten für die Einrichtung des Ambulatoriums und seine laufende Unterhaltung würden von
der Stadtgemeinde getragen, die dafür zunächst 1000 K veranschlagt habe, von denen, ne-
ben den Einrichtungskosten, 120 K auf die (jährliche) Miete des Hauses, 120 K (pro Jahr) auf
die angestellte Dienerin und eine gewisse Summe auf Reinigung und Beleuchtung des Hau-
ses entfielen. Dazu kämen noch „etwaige Ausgaben für die Anschaffung von chirurgischen
und geburtshilflichen Instrumenten und Behelfen“.

Zwei weitere Dokumente aus dem Jahr 1903 enthalten ergänzende Informationen über das
Ambulatorium und seine Ausstattung. Es handelt sich dabei um ein Inventarverzeichnis („In-
ventar über im Ambulatorium ´Dol. Varoš (Šeher)´ befindliche Einrichtungsstücke, chirurgi-
sche Instrumente und ärztliche Utensilien, angelegt 1903“) und einen „Auszug aus dem Con-
tierungsbuche des Ambulatoriums ´Dolnji Šeher´ in Banja Luka“ für die Zeit von Ende März
bis Ende September 1903. Das zuerst genannte Dokument besagt, dass das Ambulatorium
aus einem Warteraum und einem Ordinationszimmer bestand, außerdem enthält es Details
über die medizinische Ausrüstung in letzterem.¹⁷³ In dem Auszug aus dem Rechnungsbuch ist
aufgelistet, welche Dinge Januszewska für die Behandlung der Patientinnen benötigte, wo
sie diese gekauft hat und was sie gekostet haben.¹⁷⁴

Auch wenn der weitaus größte Teil der Klientel des Ambulatoriums aus Musliminnen be-
stand, so haben doch auch Frauen anderer Konfessionen Rat und Hilfe im Ambulatorium ge-
sucht und gefunden. Die wenigen genaueren Statistiken Januszewskas zum Ambulatorium,
über die wir verfügen, belegen dies klar. Nach der Statistik über die Zeit von der Eröffnung
des Ambulatoriums am 20. März bis Ende Juni 1903, grob gesagt also zum zweiten Quartal
des Jahres 1903, behandelte Januszewska am Ambulatorium 430 PatientInnen, davon 393
Frauen und Mädchen sowie 37 Jungen unter 10 Jahren.¹⁷⁵ Von der Gesamtzahl der Patien-
tinnen (unter der weiblichen Form sind von nun an meist auch die relativ wenigen Jungen
subsumiert) waren der Konfession nach 407 muslimisch, 18 serbisch-orthodox und 5 rö-
misch-katholisch. Laut der zweiten Statistik, welche die Zeit von Anfang Juli bis Ende Sep-
tember 1903, also das dritte Quartal des Jahres, umfasst, betrug die Gesamtzahl der neuen
Patientinnen 259 (239 weiblichen und 20 männlichen Geschlechts, d. h. Jungen). Zusammen
mit den aus dem vorhergehenden Quartal verbliebenen Patientinnen waren es 328. Von den
259 neuen Patientinnen waren 218 muslimisch, 30 serbisch-orthodox und 11 römisch-katho-
lisch.¹⁷⁶ Fasst man die beiden Quartale zu einem halben Jahr zusammen und berücksichtigt
bei dem dritten Quartal 1903 nur die neuen Patientinnen, so kommt man auf eine Zahl von
689 Patientinnen, von denen 90,7% muslimisch, 7% serbisch-orthodox und 2,3% römisch-ka-
tholisch waren.
29
In der Folgezeit blieb es offenbar dabei, dass das Ambulatorium weit überwiegend von mus-
limischen Patientinnen genutzt wurde. Dafür spricht eine Bemerkung Januszewskas in ihrem
Jahresbericht 1911, wonach „das Hauptkontingent [der Patientinnen des Ambulatoriums]
…wie selbstverständlich die muslimanischen Frauen“ stellten.¹⁷⁷ Zu der konfessionellen Zu-
sammensetzung der Klientel des Ambulatoriums finden sich dementsprechend auch keine
weiteren Angaben in den Jahresberichten. Was Januszewska aber genau festhielt, war das
Anwachsen der Klientel im Laufe der Jahre. Nach ihren Angaben betrug die Zahl ihrer Patien-
tinnen am Ambulatorium
1903 845,
1904 1203,
1905 1604,
1906 1541,
1907 1641,
1908 1828 und
1909 2218.¹⁷⁸

Ende 1909 kam es zu einem Umzug des Ambulatoriums, über den Januszewska in ihrem Jah-
resbericht 1909 folgendes berichtet: „Das Ambulatorium „D. Šeher“, das in den 7 Jahren sei-
nes Bestehens … so prosperiert, dass der Besuch sich fast verdreifacht hat, musste Ende des
Jahres 1909 in ein anderes, übrigens gleich gut gelegenes Haus verlegt werden, da das Ge-
bäude, in welchem es bisher untergebracht war, den Besitzer gewechselt hat und der neue
Eigentümer es allein bewohnen will.“¹⁷⁹ In ihrem Jahresbericht 1910 teilt sie dazu noch mit,
dass das Haus „wegen Auswanderung der Besitzerin“ verkauft wurde, dass aber die Verle-
gung des Ambulatoriums in ein anderes Haus den Betrieb nicht ernsthaft gestört habe, „da
die neue Behausung in derselben Mahala [Viertel, Kietz] gelegen und nur wenige Schritte
von der alten entfernt“ sei.¹⁸⁰

Nach der Beschreibung Januszewskas hatte das neu bezogene Haus „ein Wartezimmer, ein
Ordinationszimmer, einen Raum zur Aufbewahrung der Hausapotheke sowie ein Zimmer
und Küche für die Ambulatoriumsdienerin im ersten Stockwerk“. Außerdem besaß es einen
Garten, der der Dienerin zur Benutzung überlassen war. Das Haus – so Januszewska – sei „im
landesüblichen Stile und solid gebaut“, die Fenster nach der Straßenseite seien „mit Holzgit-
tern versehen, jedoch so, dass genügend Luft einfallen kann“. Weiter heißt es in der Be-
schreibung: „Das Ordinationszimmer besitzt 4 Fenster und zwar 2 nach der Gartenseite, wel-
che keine Mušebki [Fenstergitter] besitzen. [Absatz] Das Ordinationszimmer ist eingerichtet
mit einem Instrumentenschrank, einem Untersuchungstisch, einem Holztisch für Waschre-
quisiten, einem Holztisch für Schreibrequisiten und 3 Holzstühlen. Das Wartezimmer ist nur
mit den landesüblichen Sitzgelegenheit[en] versehen.“¹⁸¹

Zur finanziellen Situation des Ambulatoriums stellte Januszewska in ihrem Jahresbericht


1909 noch fest, dass die Summe von 1000 K, die von der Stadt Banja Luka nach wie vor jähr-
lich für die Unterhaltung des Ambulatoriums gewährt wurde, ausreichend sei.¹⁸² Die Miete
für das Haus sei allerdings „durch die allgemeine Teuerung“ um 10 K auf 40 K pro Monat er-
30
höht worden. Mit Wirkung ab 1912 setzte dann die Stadt Banja Luka ihrerseits die Summe
für die Unterhaltung des Ambulatoriums wegen der höheren Mietkosten des Hauses von
1000 auf 1200 K herauf.¹⁸³

In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass die jährliche Vergütung, die Januszewska
für ihre Tätigkeit im Ambulatorium „D. Šeher“ seitens der Stadt Banja Luka bezog und die
1903 einmal 800 K jährlich (600 für die reine Tätigkeit und 200 für den benötigten Fiaker)
betragen hatte, im Laufe der Jahre offenbar auf 1000 K erhöht wurde.¹⁸⁴ Was allerdings die
jährliche Vergütung Januszewskas durch die Landesregierung (600 K seit 1903) angeht,
scheint diese trotz der allgemeinen Verteuerung des Lebens bis 1912 gleichgeblieben zu
sein.¹⁸⁵ Auch wenn die Vergütung, die Januszewska von der Stadt Banja Luka und der Landes-
regierung erhielt, irgendwann 1600 K (einschließlich des benötigten Fiakers) betrug, war sie
doch mehr als bescheiden, denn mit Sicherheit hat Januszewska mehr als drei Stunden täg-
lich mit Ausnahme von Mittwoch und Sonntag für die Leitung des Ambulatoriums aufbringen
müssen. Dazu kam ja noch die Zeit, die sie brauchte, um die Behandlungen, die sie während
der Öffnungszeiten durchführte, vor- und nachzubereiten und um für das Funktionieren der
Einrichtung zu sorgen. Der Stadt Banja Luka und besonders der Landesregierung war aber of-
fensichtlich daran gelegen, die Ausgaben für Januszewskas Tätigkeit so gering wie möglich zu
halten (die Summe entsprach übrigens etwa der Hälfte der viele Jahre lang gültigen Amtsärz-
tinnenvergütung, selbstverständlich ohne Pensionsanspruch u. dgl. m.).¹⁸⁶ So, wie die Vergü-
tung festgelegt war, hätte Januszewska zusammen mit den ausgesprochen geringen Einnah-
men aus ihrer Privatpraxis (ganz zu schweigen von denen aus ihren kleineren Nebentätigkei-
ten) wohl kaum über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, um ein eigenständiges Leben als
Ärztin führen zu können. Nur die Ehe mit einem als Kreisarzt relativ gut verdienenden Beam-
ten sicherte ihr letztlich ein von finanziellen Sorgen freies Leben.

Auch nach dem Umzug nahm die Inanspruchnahme des Ambulatoriums weiter deutlich zu.
Waren es 1909 noch 2218 Patientinnen gewesen, so betrug ihre Zahl
1910 2644,
1911 2652 und
1912 1803 allein im ersten Halbjahr, d. h. bis zum Weggang Januszewskas aus Bosnien-Her-
zegowina.¹⁸⁷

In ihrem Jahresbericht 1910 kommentierte Januszewska diese Entwicklung mit den Worten,
dass sich das Ambulatorium „eines von Jahr zu Jahr steigenden Zuspruches“ erfreue. Sogar
1910 sei die Zahl der Patientinnen wieder gestiegen, obwohl nach der Annexion Bosnien-
Herzegowinas durch Österreich-Ungarn 1908 eine „ziemlich starke Auswanderung von den
ärmeren Kreisen der muselmanischen Bevölkerung angehörenden Familien vor sich gegan-
gen“ sei.¹⁸⁸ Und „diese erhöhte Frequenzziffer“ – so Januszewska – beweise, „wie sehr das
Vertrauen zu der ärztlichen Hilfe in den diesem Glauben bisher verschlossen gebliebenen
Kreisen, insbesondere der muselmanischen Bevölkerungsgruppe, Platz gegriffen“ habe.

31
Die Zahlen über die jährliche Nutzung des Ambulatoriums sind zweifellos eindrucksvoll. Sie
umfassen, wie früher ausgeführt, im Wesentlichen muslimische Frauen und Mädchen sowie
Jungen unter 10 Jahren, aber auch einige Frauen anderer Konfessionen mitsamt ihren Kin-
dern. Will man versuchen, die Nutzungszahlen in ihrer Bedeutung einigermaßen einzuschät-
zen, so könnte als grober Anhaltspunkt die in Anlehnung an die Volkszählung von 1895 ge-
schätzte Zahl von 3600 für alle muslimischen Bewohnerinnen (also Frauen und Mädchen)
der Stadt Banja Luka dienen.¹⁸⁹ Gemessen an dieser Zahl erscheinen die Zahlen über die Nut-
zung des Ambulatoriums durch muslimische Frauen und Mädchen ausgesprochen hoch, d. h.
dass es tatsächlich gelungen ist, über das Ambulatorium einen erheblichen Teil von ihnen zu
erreichen.

Während relativ genaue Zahlen über die Zunahme der jährlichen Nutzung des Ambulatori-
ums vorliegen, erlaubt die Quellenlage keinen detaillierten Einblick in Art und Zahl der am
Ambulatorium behandelten Krankheiten. Statistiken darüber gibt es mit Ausnahme der bei-
den erwähnten Quartalsstatistiken zu 1903 nicht. In späteren Jahren ist bei Januszewska
noch mehrfach die Rede von „Ambulatoriumsprotokollen“, die wahrscheinlich auch Daten
über die Patientinnen des Ambulatoriums und ihre Krankheiten enthielten, doch scheinen
diese Protokolle nicht überliefert zu sein.¹⁹⁰

Obwohl die beiden Quartalsstatistiken zu 1903 selbstverständlich nur einen sehr begrenzten
Aussagewert haben, können sie aber doch bei einem Vergleich mit Daten in den Jahresstatis-
tiken zu Januszewskas Privatpraxis und unter Heranziehung einzelner Äußerungen Januszew-
skas in ihren Jahresberichten einige interessante Hinweise auf Art und Häufigkeit der bei den
Patientinnen des Ambulatoriums aufgetretenen Krankheiten liefern. Schon ein erster, flüch-
tiger Blick auf die Quartalsstatistiken zeigt, dass das Spektrum der von Januszewska behan-
delten Krankheiten am Ambulatorium ebenso breit war wie an ihrer Privatpraxis. Was die
vier größten Gruppen von Krankheiten an der Privatpraxis anbelangt, Infektionskrankheiten,
Krankheiten des Verdauungsapparats, Stoffwechselkrankheiten und Krankheiten der Ge-
schlechtsorgane, zeigt sich, dass Krankheiten des Verdauungsapparats auch am Ambulatori-
um sehr zahlreich waren.¹⁹¹ Hinsichtlich der Infektions- und der Stoffwechselkrankheiten ist
ein Vergleich zwischen Privatpraxis und Ambulatorium nicht möglich, da Januszewska in den
beiden Quartalsstatistiken zu 1903 für diese Krankheiten keine gesonderten Kategorien ver-
wandt hat. In Bezug auf die vierte Gruppe, die Krankheiten der Geschlechtsorgane, deuten
die Angaben aus den beiden Quartalsstatistiken darauf hin, dass der Anteil der entsprechen-
den Krankheitsfälle am Ambulatorium deutlich geringer war als an der Privatpraxis.¹⁹² Viel-
leicht lässt das auf eine 1903 noch relativ geringe Bereitschaft bei den Patientinnen des Am-
bulatoriums schließen, sich gynäkologisch untersuchen und behandeln zu lassen. Die Bereit-
schaft nahm aber offenbar mit den Jahren zu. Denn in ihrem Jahresbericht 1911 stellte Janu-
szewska fest, dass sich die muslimischen Patientinnen im Ambulatorium inzwischen so weit
eingewöhnt hätten, „dass sie ganz unbefangen erscheinen und allbereits die in früheren Jah-
ren meist verweigerte gynäkologische Untersuchung und lokale Behandlung nicht nur ge-
statten“, sondern sogar verlangen würden.¹⁹³

32
Unter allen Krankheiten, die Januszewska am Ambulatorium behandelte, nahm die Osteo-
malazie den wichtigsten Platz ein, und das Ambulatorium entwickelte sich schon bald nach
seiner Gründung zum Zentrum von Januszewskas Bemühungen zur Eindämmung dieser
Krankheit, an der fast ausschließlich Musliminnen litten. Aufgrund der großen Akzeptanz, die
das Ambulatorium von Seiten muslimischer Frauen erfuhr, gelang es Januszewska nach und
nach zu erreichen, dass sich viele dieser Frauen schon in einem frühen Stadium der Krank-
heit behandeln ließen. Dadurch kam es immer weniger zu den bereits erwähnten gesund-
heitlichen Konsequenzen (weitgehender Bewegungseinschränkung und höchst problemati-
schen Geburtssituationen). In ihrem Jahresbericht 1908 wies Januszewska mit einer gewis-
sen Befriedigung auf diese Entwicklung hin und erklärte, dass die Zahl der schwer an Osteo-
malazie erkrankten Frauen, die in der Bevölkerung als „Hockende“ („Džuturrime“) bezeich-
net wurden, im Bereich der Stadt mittlerweile auf 5 zurückgegangen sei.¹⁹⁴ Zwei Jahre spä-
ter, in ihrem Jahresbericht 1910, zeigte sie sich besonders erfreut darüber, dass die hochgra-
dige Osteomalazie nur noch selten bei jüngeren Frauen vorkam. Dazu führte sie aus: „Dieser
beklagenswerte Endzustand der Osteomalazischen [die Osteomalazie 3. Grades] wird aber
jetzt glücklicherweise sehr selten mehr angetroffen, wenigstens ist dies bei jüngeren Frauen
nicht mehr so oft der Fall, weil die Frauen es sich angewöhnt haben, gleich in den Anfangs-
stadien des Leidens und wiederum bei jedem Rezidive das Ambulatorium aufzusuchen.“¹⁹⁵
Und rückblickend auf ca. 10 Jahre der Existenz des Ambulatoriums und ihrer Bemühungen
um die Bekämpfung der Osteomalazie stellte Januszewska 1912 fest: „Wie stark das Ambula-
torium, welches den Frauen Gelegenheit bietet, bei den ersten Anfängen ihres Leidens un-
entgeltlich Hilfe und Medikamente zu erhalten, mit der Osteomalazie in Banjaluka aufge-
räumt hat, erhellt am besten daraus, dass ich heuer keine einzige Entbindung wegen Osteo-
malazie der Wöchnerin vorzunehmen Gelegenheit hatte.“¹⁹⁶

Dass die Bekämpfung der Osteomalazie einen Schwerpunkt in der Tätigkeit des Ambulatori-
ums bildete, zeigte sich schon unmittelbar nach dessen Gründung. Denn bereits im ersten
halben Jahr seines Bestehens (vom 20. März bis zum 30. September 1903) waren unter den
632 Patientinnen (berücksichtigt sind nur Frauen und Mädchen, nicht aber Jungen, und be-
züglich des dritten Quartals 1903 nur die neu hinzugekommenen Patientinnen) 101 (16%),
die wegen Osteomalazie behandelt wurden.¹⁹⁷ Und 1909 waren, wie schon an früherer Stelle
dieser Arbeit erwähnt, unter den insgesamt 2218 Patientinnen 564 (25, 4%) Osteomalazie-
Fälle.¹⁹⁸ Bezogen auf die Jahre von 1903, dem Gründungsjahr des Ambulatoriums, bis Ende
1909 findet sich bei Januszewska eine weitere aufschlussreiche Angabe über die Bedeutung
des Ambulatoriums bei der Bekämpfung der Osteomalazie. Danach wurden am Ambulato-
rium in dem genannten Zeitraum von 7 Jahren 2969 Osteomalazie-Patientinnen behandelt,
d. h. im Durchschnitt jährlich 424.¹⁹⁹ Diese Zahl kennzeichnet besser als jede andere, worin
die Besonderheit von Januszewskas Weg bei der Bekämpfung der Osteomalazie bestand,
nämlich in der Beratung und Behandlung möglichst vieler Musliminnen am Ambulatorium
„D. Šeher“.

Verglichen mit der Osteomalazie war die Syphilis, die wie erwähnt in Bosnien-Herzegowina
meist als endemische, nicht sexuell übertragene Krankheit auftrat und in der muslimischen
33
Bevölkerung weit verbreitet war, unter den Patientinnen des Ambulatoriums zahlenmäßig
weniger stark vertreten. Doch war ihr Anteil dort offenbar deutlich höher als an der Privat-
praxis, wie die folgenden Zahlen vermuten lassen. Am Ambulatorium waren im ersten hal-
ben Jahr seines Bestehens unter den 689 Patientinnen 51 Syphilis-Fälle (7,4%)²⁰⁰, an der Pri-
vatpraxis dagegen im Jahr 1903 unter den insgesamt 594 Patientinnen nur 14 (2,3%).²⁰¹

Nach Andeutungen Januszewskas hatte es früher, vor Aufnahme ihrer Arbeit in Banja Luka,
unter den dortigen muslimischen Frauen relativ viele Fälle von Syphilis gegeben. Inwischen
sei es aber gelungen, die Krankheit erheblich zurückzudrängen. Auf diese Entwicklung geht
Januszewska in ihrem Jahresbericht 1911 einmal etwas genauer ein. Dort heißt es: „Die Lues
[so die Bezeichnung, die Januszewska meist für die Syphilis verwandte] hat aufgehört, eine
Volksseuche zu sein. Es kommen in der Stadt Banja Luka nur mehr sporadische Fälle vor und
auch im Bezirke [gemeint ist offenbar der Landbezirk Banja Luka] ist sie ja dank der heuer
vom Amtsarzte vorgenommenen Luesforschung ausgetilgt worden. Früher gab es im Stadt-
teil Novoselje und Grab ganze Luesfamilien.“²⁰² Zur Eindämmung der Krankheit in Banja Luka
hat Januszewska durch ihr Wirken am Ambulatorium wesentlich beigetragen. Sie war sich
dessen auch sehr wohl bewusst, wie aus einer Bemerkung in ihrem Rückblicksbericht von
1912 hervorgeht. Dort heißt es zum Ambulatorium: „Der Erfolg ist ein überraschender, was
die Frequenz [der Nutzung] als auch die Ausrottung der Osteomalazie und der Lues, dieser 2
Geißeln der muselmanischen Frau, anbelangt.“²⁰³

In ihren späteren Jahresberichten beschäftigte sich Januszewska neben der Osteomalazie


mehr und mehr mit der Tuberkulose. Ob damit zugleich auch eine relativ hohe Anzahl an
Tuberkulose-Patientinnen am Ambulatorium einherging, lässt sich mangels einschlägiger
Daten nicht sagen. Die Angaben aus den beiden Quartalsstatistiken zum Ambulatorium deu-
ten für 1903 eher auf eine verhältnismäßig kleine Anzahl an Tuberkulose-Fällen hin, insbe-
sondere bei der Lungentuberkulose, Fälle von Skrofulose (einer Art Hauttuberkulose) waren
etwas häufiger.²⁰⁴ Dieses Bild kann sich aber noch verändert haben, und ein vergleichender
Blick auf die Privatpraxis zeigt, dass dort die Zahl der Tuberkulose-Patientinnen viele Jahre
lang nicht gerade gering war.²⁰⁵ Von der relativen Häufigkeit der Krankheit unter ihren Pati-
entinnen zeigte sich Januszewska jedenfalls in ihren späteren Jahresberichten sehr beunru-
higt. Im Jahresbericht 1910, in welchem sie sich ausführlich zu den Ursachen der Krankheit
äußerte, kommt ihre Beunruhigung deutlich zum Ausdruck. Dort heißt es: „Das nasskalte
Frühjahr des Berichtsjahres hat auch eine etwas erhöhte Anzahl von Tuberkulose-Fällen ge-
zeitigt, und leider ist die Tuberkulose gerade der ärmeren Volksschichten, insbesondere aber
bei den Muselmanen, ein Übel, dem man machtlos gegenübersteht. Auch hier trägt der bei-
nahe völlige Abschluss von direktem Sonnenlicht und frischer, freier Luft nicht wenig zur
Ausbreitung des Übels bei, die noch durch die Unterernährung begünstigt wird. Die Unterer-
nährung ist eine Folge der irrationellen Lebensweise der muselmanschen Frauen im Allge-
meinen, insbesondere natürlich wiederum der ärmeren Volksschichten. Durch die Fleisch-
teuerung wird die Unterernährung, das heißt Verarmung an Eiweiß des Körpers bei den
meisten gewiss noch gesteigert werden. Die Wohnungsverhältnisse sind ebenfalls desolate,
indem viele Personen in dem oft nur aus einem Wohnraume bestehenden, feuchten und
34
wegen der Muschebki [Fenstergitter] auch dumpfen Häuschen eingepfercht wohnen und
schlafen. [Absatz] Diese Wohnungsverhältnisse bringen es dann mit sich, dass ein Mitglied
der Familie, das eventuell auswärts Tuberkulose akquiriert hat, durch dieses enge Beieinan-
der die Krankheit auf andere Mitglieder des Haushaltes überträgt. [Absatz] Auf diese Art
kann man bei längerer Bekanntschaft das Aussterben ganzer Familien an Tuberkulose be-
obachten.“²⁰⁶

Sucht man nach einer Erklärung für den beeindruckenden Erfolg des Ambulatoriums, wird
man sicher auf die große räumliche Nähe zu den muslimischen Patientinnen im Viertel D.
Šeher verweisen können. Zudem kamen die Stadtverwaltung wie auch Januszewska mit der
Wahl eines muslimischen Hauses, der Einstellung einer muslimischen Gehilfin sowie der Ge-
staltung des Wartezimmers im Stil eines einfachen muslimischen Wohnraums der gewohn-
ten, religiös und kulturell geprägten Lebenswelt muslimischer Frauen entgegen. Von großer
Bedeutung war außerdem, dass die medizinische Beratung und Behandlung sowie die Aus-
gabe von Medikamenten im Ambulatorium für die gesamte Klientel kostenlos war. Zum Er-
folg des Ambulatoriums trugen aber auch Januszewskas Persönlichkeit und speziell ihr Um-
gang mit den Patientinnen bei, der von dem Bemühen ihrerseits gekennzeichnet war, das
Vertrauen der Patientinnen zu gewinnen. Davon, wie wichtig ihr dieses Vertrauen war, zeu-
gen mehrere Stellen in ihren Berichten. Ein nicht zu unterschätzendes Moment für die Ak-
zeptanz des Ambulatoriums stellte schließlich auch die Kontinuität der Gesundheitsversor-
gung dar, d. h. die Möglichkeit des kontinuierlichen Kontaktes zwischen Januszewska und
den Rat und Hilfe suchenden Frauen. Dieses Moment erhält seine besondere Bedeutung bei
einem vergleichenden Blick auf die Tätigkeit der Amtsärztinnen. Kennzeichnend für deren
Wirken war, dass sie verstärkt seit etwa 1900 auf wochenlange Dienstreisen in Bezirksstädte
und kleinere Orte ihres jeweiligen Kreises geschickt wurden, um u. a. Impfaktionen gegen
Pocken oder Aktionen zur „Syphilisdurchforschung“ unter Frauen, vor allem Musliminnen,
durchzuführen.²⁰⁷ Ihre eigentlich vorrangige Aufgabe, Frauen (auch hier wieder in erster Li-
nie Musliminnen) in der jeweiligen Kreishauptstadt, in welcher sie ihren Amtssitz hatten, ge-
sundheitlich zu betreuen, musste darunter immer wieder leiden. Anders als die Amtsärztin-
nen sah sich Januszewska als Privatärztin, die sie ab Herbst 1900 war, nicht einer solchen
Doppelbeanspruchung gegenüber, sondern konnte sich kontinuierlich der Gesundheitsver-
sorgung von Frauen in Banja Luka und seiner unmittelbaren Umgebung widmen und auch
dadurch dem Ambulatorium zu jener großen Wirkung verhelfen, die es erzielt hat.

Im besonderen Fokus Januszewskas: Die Osteomalazie

Wie die Ausführungen über Januszewskas Privatpraxis und das Ambulatorium „D. Šeher“ ge-
zeigt haben, bildeten Musliminnen die Hauptgruppe ihrer Patientinnen. Im Ambulatorium
stellten sie von Anfang an das Gros der Patientinnen, und in der Privatpraxis nahm ihr Anteil,
der zunächst noch relativ gering war, ständig zu, um (spätestens) 1908 dem der nichtmusli-
mischen Patientinnen zu entsprechen und ihn danach deutlich zu überwiegen. Unter den
muslimischen Patientinnen war die Osteomalazie stark verbreitet, was sich vor allem am
Ambulatorium zeigte. Hier war Januszewska nahezu täglich mit der Krankheit konfrontiert,
35
und hier konnte sie daher auch besonders viele Erfahrungen über die Krankheit sammeln. An
den Auswirkungen der Osteomalazie hat sie neben der starken Bewegungseinschränkung,
die sich bei fortgeschrittener Krankheit einstellte, vor allem die mit einer möglichen Becken-
verengung einhergehende Gefährdung von Mutter und Kind im Falle der Geburt beschäftigt.
Gerade letzteres war – so scheint es – ein starkes Motiv für ihre intensive Auseinanderset-
zung mit der Krankheit.

Mit ihrem großen Interesse an der Osteomalazie, das ihr gesamtes Wirken als Privatärztin
spätestens ab 1903, dem Gründungsjahr des Ambulatoriums, prägte, nahm Januszewska ne-
ben der Amtsärztin Teodora Krajewska einen besonderen Platz unter den ersten Ärztinnen in
Bosnien-Herzegowina ein.²⁰⁸ Bei Krajewska hatte das Interesse an der Osteomalazie schon
bald nach ihrer Berufung zur Amtsärztin im Kreis Dolnja Tuzla 1893 eingesetzt.²⁰⁹ Vor ihrem
Erscheinen in Tuzla hatte noch kaum jemand Notiz vom Vorkommen dieser Krankheit in Bos-
nien-Herzegowina genommen, was Krajewska darauf zurückführte, dass sich die Krankheit
auf muslimische Frauen konzentrierte, die aus Gründen der religiösen Tradition den Kontakt
mit männlichen Ärzten mieden.²¹⁰ In der Tat bedurfte es erst der Tätigkeit von Ärztinnen, um
das Ausmaß und die Schwere dieser Krankheit unter Frauen Bosnien-Herzegowinas zu erken-
nen.

Einen großen Schritt auf dem Weg zu konkretem Wissen über die Osteomalazie in Bosnien-
Herzegowina und einer erfolgreichen Behandlung der Krankheit stellte eine Publikation Kra-
jewskas dar, die 1900 unter dem Titel „Osteomalazie (Kreis Dolnja Tuzla)“ erschien.²¹¹ In der
Studie berichtete Krajewska ausführlich über ihre mehrjährige Erfahrung mit der Krankheit.
Januszewska hat von dieser Studie wahrscheinlich schon bald nach deren Erscheinen Kennt-
nis erhalten und sich in nicht geringem Maße von ihr beeinflussen lassen.

Sie hat sich dann ihrerseits jahrelang praktisch und auch theoretisch mit der Krankheit aus-
einandergesetzt und 1910 in der Zeitschrift „Klinisch-therapeutische Wochenschrift“ ihre Ar-
beit „Über Osteomalazie – mit Anhang über Tetanie“ veröffentlicht.²¹² Die Umstände, wie es
zur Veröffentlichung der Arbeit kam, sind besonders erwähnenswert und sollen hier kurz ge-
schildert werden. Januszewska hatte laut ihren Ausführungen im Jahresbericht 1909 der Lan-
desregierung eine Abhandlung („Monographie“) über die Osteomalazie mit der Bitte vorge-
legt, diese unter der Ärzteschaft Bosnien-Herzegowinas verteilen zu lassen.²¹³ Über Zweck
und Charakter der Abhandlung heißt es bei ihr: „Was ich mit dieser Monographie angestrebt
habe, war, meine rein praktischen Erfahrungen zu verwerten und denjenigen Praktikern in
Bosnien, welche auf diesem Gebiete weniger Erfahrungen sammeln können, das ist den Her-
ren Ärzten, die vermöge der Stellung der muselmanschen Frauen mit denselben noch immer
verhältnismäßig wenig in Kontakt zu kommen Gelegenheit haben, nutzbar zu machen.“²¹⁴
Die Landesregierung ging jedoch auf den Vorschlag – aus welchen Gründen auch immer –
nicht ein, teilte Januszewska aber mit, dass es ihr völlig freistehe, die Arbeit in einer wissen-
schaftlichen Zeitschrift zu veröffentlichen, was diese denn auch tat, wobei manches darauf
hindeutet, dass sie an der ursprünglichen praktischen Ausrichtung der Arbeit festhielt.²¹⁵

36
Krajewska, die sich auch als Amtsärztin im Kreis Sarajevo (seit 1899) weiterhin intensiv mit
der Osteomalazie beschäftigt hatte, hielt Jahre nach ihrer Studie von 1900 auf dem „16. In-
ternationalen Kongress für Medizin“ in Budapest ein Referat unter dem Titel „La tétanie des
femmes ostéomalaciques“, in welchem sie sich mit den von ihr im Kreis Sarajevo behandel-
ten Osteomalazie- und Tetanie-Fällen auseinandersetzte. Das Referat wurde 1910, ein Jahr
nach Abhaltung des Kongresses, im Rahmen der Kongressdokumentation publiziert.²¹⁶ Im
Unterschied zu Januszewskas Abhandlung, die dezidiert als Praxishilfe für Ärzte gedacht war,
zeugen sowohl die Studie Krajewskas von 1900 als auch ihr Fachvortrag von 1909 von eher
wissenschaftlichen Ambitionen. Doch wie unterschiedlich auch immer die Publikationen der
beiden Ärztinnen ausgerichtet waren, eines hatten sie gemeinsam: in dem männerdominier-
ten Diskurs, der damals in der mitteleuropäischen medizinischen Fachwelt über die Osteo-
malazie geführt wurde, stellten sie als Äußerungen von Frauen eine ausgesprochene Rarität
dar.²¹⁷

Bevor weiter unten genauer auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Position beider
Ärztinnen zur Osteomalazie eingegangen wird, soll hier zunächst ein Abriss der Position Ja-
nuszewskas gegeben werden. In ihrer Publikation wie auch in einzelnen ihrer Jahresberichte
unterschied Januszewska in Anlehnung an Carl Litzmann, Professor für Gynäkologie und Ge-
burtshilfe, zwei Formen der Osteomalazie, die puerperale und die nichtpuerperale oder
rheumatoide. Bei der puerperalen Osteomalazie sah sie einen engen Zusammenhang mit
Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Wochenbett als gegeben an; die nichtpuerperale oder
rheumatoide Osteomalazie war in ihren Augen entweder eng mit einer bestimmten Jahres-
zeit (vornehmlich November bis April) und der entsprechenden Wetterlage verbunden, oder
sie zeigte sich bei Frauen, die keine Kinder geboren hatten.²¹⁸

In Bezug auf grundlegende Ursachen der Krankheit unterschieden sich beide Formen der
Osteomalazie Januszewskas Ansicht nach nicht. Gemeinsam sei beiden, dass die Krankheit
hauptsächlich „in armen Schichten der muselmanischen städtischen Bevölkerung“ vorkom-
me und dass ihre Entstehung auf dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren beruhe.²¹⁹ Zu die-
sen zählte sie die schlechten Wohnverhältnisse, eine mangelhafte Ernährung sowie die reli-
giös begründete Tradition, nach der Musliminnen nur selten ihr Haus zu verlassen und sich
dann mit einem „schweren schwarzen Tuchmantel (Feredža)“ sowie einem “Kopf- und Ge-
sichtsschleiertuch (Jašmak)“ zu verhüllen pflegten. Die Wohnungen der Patientinnen seien
meist kalt und feucht, was besonders für die Wohnungen in den dicht am Fluss Vrbas gele-
genen Häusern gelte. Wegen der Holzvergitterung der Fenster mangele es den Wohnungen
außerdem an Sonnenlicht. Die Ernährung umfasse zu wenig eiweißhaltige Kost und bestehe
in zu hohem Maße aus „schwer verdaulichen Vegetabilien und schwarzem Kaffee“.

Bei der puerperalen Osteomalazie kamen Januszewska zufolge zu den grundlegenden Ursa-
chen als weitere, die Krankheit begünstigende Faktoren die frühzeitige Eheschließung (oft
mit 15 oder 16 Jahren), die frühen und häufigen Geburten (nicht selten 10, 12, ja 16 Gebur-
ten) und das lange Stillen hinzu. „Solchen Lasten“ – so stellte sie fest – „ist natürlich der jun-
ge, unentwickelte, schlecht genährte Körper nicht gewachsen, und wir sehen häufig die be-
37
ginnende Osteomalazie schon bei der zweiten Gravidität auftreten und bei jeder neuen rezi-
divieren.“²²⁰

Bei beiden Formen der Osteomalazie, der puerperalen wie der nichtpuerperalen oder rheu-
matoiden, ließen sich Januszewskas Auffassung nach jeweils drei Grade der Krankheit fest-
stellen. Als charakteristische Symptome der Krankheit 1. wie 2. Grades sah sie rheumatoide
Schmerzen in den Rippen, dem Kreuz- und vielfach auch dem Darmbein an.²²¹ Bei dem 2.
Grad der Krankheit komme es außerdem zu dem von einigen Forschern wie z. B. Adolf von
Strümpell, Professor für Innere Medizin und Fachmann für spezielle Pathologie und Thera-
pie, so bezeichneten watschelnden Gang oder auch „Entengang“.²²² Der 3. Grad sei durch
Verbiegungen der erweichten Knochen gekennzeichnet, meist zunächst im oberen Bereich
der Wirbelsäule, später auch im Beckenbereich, was zu der Herausbildung des „oft und viel
beschriebenen Kartenherzbecken[s] der Osteomalazischen“ führe.²²³ Mit dem aus dem Kar-
tenspiel entlehnten Bild wird ein kartenherzförmig deformiertes Becken bezeichnet, das im
Beckeneingang beidseitig verengt ist. Eine solche Beckenverengung konnte zu enormen
Schwierigkeiten bei Entbindungen führen, was z. B. aus einem der 6 Fallbeispiele hervorgeht,
die Januszewska in ihrer Abhandlung schilderte.²²⁴

In verschiedenen ihrer Jahresberichte an die Landesregierung ist von derartigen Schwierig-


keiten relativ oft und ausführlich die Rede, wie im Zusammenhang mit Januszewskas Ge-
burtshilfe schon dargelegt wurde. Liest man diese Berichte, drängt sich der Eindruck auf,
dass Entbindungen bei Frauen mit hochgradiger Osteomalazie in der Regel sehr problema-
tisch waren. Doch in ihrer Abhandlung erklärt Januszewska es sogar für ein „häufiges“ Phä-
nomen, „dass Frauen, deren Osteomalazie den dritten Grad erreicht hat, noch spontan, oh-
ne Kunsthilfe entbinden können, so dass also am Becken keine nennenswerten Veränderun-
gen vorliegen müssen, wenn auch die Wirbelsäule starke Kyphose aufweist.“²²⁵ Wie dem
auch sei, mit der Zeit nahm die Zahl schwierigster Entbindungen aufgrund hochgradiger Os-
teomalazie überhaupt ab, wofür – wie schon früher erwähnt – Januszewska als Grund an-
führte, dass sich Frauen immer häufiger rechtzeitig behandeln ließen, vor allem im Ambula-
torium „D. Šeher“.²²⁶

Als Therapie bei Patientinnen mit Osteomalazie scheint Januszewska in der Regel die Verab-
reichung von Phosphor-Lebertran (im Verhältnis 0,01 zu 100 g) angewandt zu haben, und
zwar sowohl bei den beiden leichteren Graden der Krankheit, die sie als Osteomalazie 1. und
2. Grades bezeichnete, als auch im Falle des mit großen gesundheitlichen Problemen einher-
gehenden, von ihr als Osteomalazie 3. Grades eingestuften Zustands. Zur Wirkung dieser
Therapie äußerte sie sich in ihrer Abhandlung folgendermaßen: „Da bei Osteomalazie I. und
II. Grades noch keine Knochenverbiegungen eingetreten sind, gelingt es, sie durch Darrei-
chung von Phosphorlebertran zu heilen, wobei freilich immer und immer Rezidive auftreten,
die durch abermalige Darreichung zum Rückgang gebracht werden können. Bei Osteomala-
zie III. Grades können nur die Schmerzen beseitigt werden, während die einmal eingetrete-
nen Knochenverbiegungen bestehen bleiben.“²²⁷

38
Bei der Behandlung ihrer Osteomalazie-Patientinnen war Januszewska im Laufe der Zeit im-
mer wieder auf das Phänomen des engen Zusammenhangs zwischen Osteomalazie und Te-
tanie gestoßen. Zwar trat die Tetanie, die sich hauptsächlich in einem tonischen Krampf der
Fingermuskeln äußert, ihrer Erfahrung nach sehr viel seltener auf als die Osteomalazie (zwi-
schen 1900 und 1909 betrug die Zahl der Tetaniefälle 338 gegenüber 3510 Fällen von Oste-
omalazie), doch wenn sie sich zeigte, war sie in den allermeisten Fällen eng mit der Osteo-
malazie verknüpft.²²⁸ Das führte Januszewska darauf zurück, dass auch die Tetanie-Patien-
tinnen ähnlich wie die Osteomalazie-Patientinnen aus ärmlichen muslimischen Kreisen
stammten und auch an Mangelernährung litten. Dazu kam ihrer Ansicht nach noch eine ner-
vöse Disposition bei den Tetanie-Patientinnen. Im Einzelnen konnte Januszewska nachwei-
sen, dass die Tetanie meist in Kombination mit der rheumatoiden Form der Osteomalazie
auftrat, und zwar dann, wenn diese die Symptome des 1. und 2. Grades aufwies. Als Thera-
pie empfahl sie – wie im Fall der Osteomalazie – die Einnahme von Phosphor-Lebertran. Bei
adäquater Behandlung – so Januszewska – könne die Tetanie, die in Bosnien-Herzegowina
„absolut gutartig sei“, in 6 bis 8 Wochen vorübergehen; Rezidive könnten aber immer wieder
auftreten.²²⁹

Etwas erstaunlich mutet die Tatsache an, dass Januszewska ihre Abhandlung über die Oste-
omalazie mit ergänzender Behandlung der Tetanie in demselben Jahr bei der Landesregie-
rung einreichte, in dem Krajewska ihren Vortrag über die Tetanie bei osteomalazischen Frau-
en auf dem Internationalen Kongress für Medizin in Budapest hielt, nämlich 1909. Über die
Hintergründe dieser eigenartigen zeitlichen und thematischen Koinzidenz ist jedoch nichts
bekannt. Auch muss offen bleiben, ob es jemals einen direkten Austausch zwischen beiden
Ärztinnen über ihre Vorstellungen bezüglich der Osteomalazie gegeben hat. Fragt man nach
Übereinstimmungen beziehungsweise Unterschieden in den Positionen beider Ärztinnen zur
Osteomalazie, ist man insofern auf eine vergleichende Betrachtung ihrer einschlägigen Publi-
kationen und ihrer Jahresberichte (soweit diese vorliegen) angewiesen.

Gemeinsam war beiden Ärztinnen, dass sie die Osteomalazie für eine Krankheit hielten, die
in den jeweiligen Gegenden Bosnien-Herzegowinas, in denen sie tätig waren, relativ häufig
auftrat, allerdings fast nur muslimische Frauen betraf, und zwar solche, die den ärmeren
Schichten der muslimischen Bevölkerung angehörten.²³⁰ Krajewska verortete das Auftreten
der Krankheit vor allem in bergigen Gegenden: in ihrer Tuzlaer Zeit besonders in kleineren
Bezirksstädten wie Vlasenica oder Kladanj im südlichen, gebirgigen Teil des Kreises D. Tuzla;
in ihrer Sarajevoer Zeit zum einen in der Stadt Sarajevo, und zwar an den nach Norden aus-
gerichteten Abhängen des Bergmassivs Trebević, zum anderen in kleineren, in den Bergen
gelegenen Städten des Kreises Sarajevo wie etwa Kreševo oder Fojnica.²³¹

Wie Krajewska hervorhob, mangelte es in den bergigen Gegenden den Häusern der meist
ärmlichen muslimischen Bevölkerung aufgrund der Anlage der Häuser – sie waren häufig eng
an einen Abhang gelehnt – an Licht und Sonne, weswegen es im Innern der Häuser dunkel,
kühl und feucht war.²³² Dazu komme, dass sich die Frauen aufgrund ihrer Tradition nur we-
nig im Freien bewegen würden und auch deswegen kaum dem Licht und der Sonne ausge-
39
setzt seien.²³³ In ihrer Studie von 1900 über die Osteomalazie im Kreis D. Tuzla entwickelte
sie außerdem noch den Gedanken, dass Sitten und Gebräuche der im südlichen, gebirgigen
Teil des Kreises überwiegend in sehr ärmlichen Verhältnissen lebenden muslimischen Bevöl-
kerung besonders konservativ waren, womit sie vor allem auf das Verhältnis zwischen Mann
und Frau und die untergeordnete und abhängige Stellung der Frauen abhob.²³⁴ Darin sah sie
mit eine Ursache für das relativ starke Vorkommen der Osteomalazie in einigen Bezirken die-
ser Region. Dem stellte sie ziemlich pauschal die ihrer Ansicht nach weniger konservativen,
durch mehr Fortschrittlichkeit gekennzeichneten Lebensverhältnisse der muslimischen Be-
völkerung in Städten im hügeligen mittleren Teil des Bezirks und in der sich weiter nördlich
anschließenden Tiefebene gegenüber, wo die Osteomalazie eher selten vorkomme.²³⁵ An
den hier dargelegten Ansichten Krajewskas zeigt sich, dass ihre Vorstellungen über die Os-
teomalazie eng verknüpft waren mit ihrer Konzeption von Fortschritt in der muslimischen
Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas, einer Konzeption, die eine allmähliche Entwicklung von
einer teilweise noch sehr konservativen, traditionsverhafteten Lebensweise hin zur „europä-
ischen Zivilisation“ oder „abendländischen Kultur“ implizierte – beides Begriffe, die Krajew-
ska verwandte.²³⁶

Viele Jahre lang hat Krajewska mit ihren Vorstellungen über die Gegenden und Orte im Kreis
D. Tuzla, in denen sie die Osteomalazie besonders häufig angetroffen hatte, und über den
soziokulturellen Hintergrund, der ihrer Ansicht nach die Krankheit in besonderer Weise be-
günstigte, das Bild der Osteomalazie in Bosnien-Herzegowina geprägt. 1910 hat dann Janu-
szewska ihre Abhandlung publiziert, in der sie von ihren Erfahrungen mit einer großen Zahl
von Osteomalazie-Fällen in Banja Luka berichtete. Mit ihrer Publikation hat Januszewska das
von Krajewska gezeichnete Bild vom Vorkommen der Osteomalazie in Bosnien-Herzegowina
in geographischer Hinsicht deutlich erweitert und zugleich den Blick dafür geöffnet, dass die
Fälle von Osteomalazie in Bosnien-Herzegowina viel zahlreicher waren, als die 50 von Kra-
jewska in ihrer Studie von 1900 nachgewiesenen und detailliert beschriebenen Fälle der
Krankheit vermuten ließen.

Januszewskas Abhandlung stellt insgesamt eine ziemlich pragmatische Beschreibung der Os-
teomalazie dar, wie sie sie über Jahre hinweg in Banja Luka beobachtet hatte. Von einer Ein-
bettung des Phänomens der Krankheit in eine allgemeinere Konzeption von Entwicklung in-
nerhalb der muslimischen Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas, wie sie kennzeichnend für
Krajewskas Studie von 1900 ist, ist bei Januszewska nichts zu finden. Womit sich Januszew-
ska in ihrer Abhandlung aber eingehend auseinandersetzte, war die Frage, wie das Phäno-
men zu erklären sei, dass von der Osteomalazie in Banja Luka fast ausschließlich Muslimin-
nen betroffen waren (unter den 3510 Fällen, die sie im Zeitraum von 1900 bis 1909 festge-
stellt hatte, waren lediglich 12 Frauen, die nicht der muslimischen Bevölkerungsgruppe an-
gehörten).²³⁷ Ansätze, die sich zur Erklärung dieses Phänomens auf die Begriffe „Rassen-
krankheit“ oder Endemizität stützen würden, wies Januszewska aber entschieden zurück.

Von einem endemischen Auftreten der Osteomalazie in Banja Luka konnte ihrer Ansicht
nach insofern keine Rede sein, als sich beim Vorliegen eines „endemischen Agens“ unter den
40
von ihr festgestellten Osteomalazie-Fällen nicht nur zahlreiche muslimische, sondern auch
viele nichtmuslimische Frauen hätten befinden müssen, was ja aber nicht der Fall war.²³⁸ Ob
sich Januszewska mit ihrem Verständnis von Endemizität von Krajewska absetzen wollte, die
ihrerseits vielfach von einem endemischen Auftreten der Krankheit gesprochen hat, muss of-
fen bleiben. Auf jeden Fall lässt sich bei Krajewska ein anderer Umgang mit dem Begriff ´en-
demisch´ feststellen als bei Januszewska. So hatte Krajewska etwa in ihrer Osteomalazie-Stu-
die von 1900 erklärt, dass die Osteomalazie in Bosnien relativ häufig vorkomme und in eini-
gen gebirgigen Bezirken des Kreises D. Tuzla endemisch sei, während sie in anderen nur spo-
radisch auftrete, und sie hatte hinzugefügt, dass alle 50 Fälle von Osteomalazie, von denen
sie im Laufe ihrer Amtszeit im Kreis D. Tuzla Kenntnis erhalten habe, ausschließlich muslimi-
sche Frauen betroffen hätten.²³⁹ Letzteres erklärte Krajewska nicht zuletzt damit, dass diese
Frauen aufgrund ihrer Lebensweise kaum „dem Einflusse der Sonne und der freien Luft aus-
gesetzt“ seien.²⁴⁰ In ihrer späteren Studie über die Tetanie bei osteomalazischen Frauen, in
welcher sie ihre jahrelangen Erfahrungen als Amtsärztin im Kreis Sarajevo darlegte, ver-
wandte Krajewska auch wieder den Begriff der Endemizität und stellte fest, dass die Osteo-
malazie in Bosnien-Herzegowina so häufig sei, dass man sie in dem Land für endemisch hal-
ten könne. Mit ihrer Sarajevoer Erfahrung im Hintergrund konstatierte sie nun, dass nicht
ausschließlich muslimische Frauen an der Krankheit leiden würden, sondern auch – wenn
auch nur selten – die anderen einheimischen Frauen.²⁴¹

Auch den Begriff der „Rassenkrankheit“ lehnte Januszewska entschieden ab. Ob sie bezüg-
lich seiner Verwendung bestimmte Kreise oder Personen im Auge hatte, geht aus der Ab-
handlung nicht hervor. Für ihre Ablehnung des Begriffs führte sie zwei Argumente an. Das
erste bestand in dem Hinweis, dass es sich bei der bosnisch-muslimischen Bevölkerung um
eine slawische Bevölkerung handele, um eine Bevölkerung also, die zu den „serbo-kroati-
schen Volksstämmen“ gehöre.²⁴² In einigen ihrer Jahresberichte sprach sie sich statt des Be-
griffs der „Rassenkrankheit“ für den Begriff der Volkskrankheit aus und definierte diese als
eine in dem weiblichen Teil der muslimischen Bevölkerung weit verbreitete Krankheit.²⁴³ Das
zweite, nicht weniger wichtige Argument, das Januszewska gegen den Begriff der „Rassen-
krankheit“ ins Feld führte, gründete auf ihrer Erfahrung, dass nicht sämtliche Musliminnen
von der Osteomalazie betroffen waren. So hatte sie im Laufe ihrer Tätigkeit im Bezirk Cazin,
Kreis Bihać, festgestellt, dass die dortige Ackerbau treibende, muslimische Bevölkerung so
lebte wie die „andersgläubige bosnische Bauernbevölkerung“.²⁴⁴ Und bei den muslimischen
Frauen dieser Gegend hatte sie beobachtet, dass sie mit das Feld bestellten, sich viel im Frei-
en bewegten, ihre Gesichter nicht verhüllten und keine Feredža trugen. Auf diese Weise sei-
en sie viel der frischen Luft und dem Sonnenlicht ausgesetzt, würden sich körperlich abhär-
ten und eine bessere Verdauung und Verwertung der Nahrung erfahren. Unter diesen Frau-
en – so Januszewska – gäbe es aufgrund ihrer Lebensweise kaum Fälle von Osteomalazie.
Eine ähnliche Beobachtung wie Januszewska im Bezirk Cazin hatte übrigens auch Krajewska
einmal gemacht, und zwar in dem Dorf Striževo. Wie sie in ihrem Jahresbericht 1902 er-
wähnt, war sie dort bäuerlich lebenden Musliminnen begegnet, die viel im Freien arbeite-

41
ten, Licht und Sonne ausgesetzt waren und deswegen – so Krajewska – kaum an Osteoma-
lazie litten.²⁴⁵

Wenn sich Januszewska in ihrer Abhandlung ausführlich zur Lebensweise der bäuerlich le-
benden Musliminnen im Bezirk Cazin äußerte, so nicht zuletzt deswegen, weil sie in deren
Lebensweise eine Bestätigung ihrer Überlegungen über die grundlegenden Ursachen der
Osteomalazie sah, zu denen sie vor allem die fehlende Bewegung im Freien und den Mangel
an frischer Luft, Licht und Sonne, aber auch das Wohnen in kalten, dunklen, feuchten Räu-
men und die qualitativ unzureichende Ernährung zählte.²⁴⁶ Das waren im Grunde genommen
aber auch die wichtigsten, von Krajewska als prädisponierende Ursachen der Osteomalazie
bezeichneten Faktoren.²⁴⁷ Insoweit lässt sich also eine gewisse Nähe in den Überlegungen
beider Ärztinnen konstatieren.

Zu den grundlegenden Ursachen (Januszewska) bzw. den prädisponierenden Ursachen (Kra-


jewska) der Krankheit kamen im Verständnis beider Ärztinnen bei der puerperalen Form der
Osteomalazie, der beide große Bedeutung beimaßen, als weitere, wesentliche Ursachen der
Osteomalazie bei muslimischen Frauen – von Krajewska als determinierende Ursachen be-
zeichnet – die frühzeitigen Eheschließungen, die häufigen Geburten und das lange Stillen
hinzu.²⁴⁸ Krajewska fügte dem als weiteres Moment noch den „anstrengenden und oft mit
den schon kranken Frauen ausgeübten Koitus“ hinzu und sprach in Bezug auf alle diese Mo-
mente von „einer krankhaft gesteigerten Tätigkeit der Geschlechtsorgane“.²⁴⁹ Ihre Überle-
gungen über die Auswirkungen der übermäßigen sexuellen Beanspruchung der Frauen auf
die Entstehung und weitere Entwicklung der Osteomalazie fasste sie einmal wie folgt zusam-
men: „Die Gravidität bedeutet für die Sexualorgane die größte physiologische Leistung und
sie ist auch die am leichtesten nachweisbare Gelegenheitsursache für die Entstehung der
Krankheit selbst oder deren Rezidiven. Nichtsdestoweniger bilden auch die anderen Funkti-
onen der sexuellen Sphäre (geschlechtlicher Verkehr, Menstruation, Laktation) Ursachen,
welche, wiederholt oder konstant wirkend, dieselben Symptome hervorrufen oder die be-
reits vorhandenen verschlimmern können.“ ²⁵⁰ Derart weit ausholende Überlegungen stellte
Januszewska in ihrer Abhandlung nicht an, vielleicht weil sie der Ansicht war, dass diese in
einer Handreichung zur Behandlung der Osteomalazie nichts zu suchen hatten, vielleicht
aber auch deshalb, weil es ihr fern lag, sich ähnlich kritisch, ja feministisch wie Krajewska
über das Geschlechterverhältnis und den Geschlechtsverkehr zwischen muslimischen Ehe-
männern und ihren Ehefrauen zu äußern.²⁵¹

Neben der puerperalen Osteomalazie unterschied Krajewska noch die senile Form der Krank-
heit und Januszewska, wie erwähnt, die nichtpuerperale oder rheumatoide. Der puerperalen
Form aber gehörte bei beiden Ärztinnen wahrscheinlich das Gros der Osteomalazie-Patien-
tinnen an. Krajewska erwähnt, dass von den 50 in ihrer Osteomalazie-Studie des Jahres 1900
beschriebenen Osteomalazie-Fällen nur 7 zur Kategorie der senilen Osteomalazie zählten.²⁵²
Und in ihrer Studie zur Tetanie bei osteomalazischen Frauen (publiziert 1910) berichtet sie,
dass von den 150 Osteomalazie-Fällen, die sie im Kreis Sarajevo von 1899 an konstatiert ha-
be, 34 nicht der puerperalen Form der Osteomalazie zuzurechnen waren. Diese 34 verteilten
42
sich auf Fälle seniler Osteomalazie und auf unklare Fälle der puerperalen Osteomalazie.²⁵³
Von Januszewska, die in den 10 Jahren von 1900 bis 1909 eine viel größere Zahl an Osteoma-
lazie-Fällen hatte als Krajewska, nämlich 3510, gibt es keinerlei Angaben darüber, wie groß
der Anteil der verschiedenen Formen der Osteomalazie (der puerperalen einerseits und der
nichtpuerperalen oder rheumatoiden andererseits) an der Gesamtzahl der Osteomalazie-Pa-
tientinnen war.²⁵⁴ Wahrscheinlich überwog aber auch bei ihren Osteomalazie-Patientinnen
der Anteil der puerperalen Fälle jenen der nichtpuerperalen oder rheumatoiden. Dass sich
die wohl größte Gruppe der Osteomalazie-Fälle bei beiden Ärztinnen aus Frauen mit puerpe-
raler Osteomalazie zusammensetzte, lässt sich aus der damaligen Situation muslimischer
Frauen erklären, die in hohem Maße durch früh einsetzende und häufige Schwangerschaften
gekennzeichnet war.

Mit den verschiedenen Graden der Osteomalazie und den dafür charakteristischen Sympto-
men haben sich beide Ärztinnen intensiv beschäftigt, und beide haben in ihren Publikationen
von 1910 ein 3-Grade-Modell vorgelegt. Krajewska war zwar auch schon in ihrer Studie von
1900 detailliert auf verlaufstypische Symptome der Osteomalazie eingegangen, doch sprach
sie da noch etwas vage von Anfangsstadien und einer „letzten Phase“ bzw. einem „höchsten
Grad“ der Krankheit; erst in ihrer Studie von 1910 ist dann klar von drei Graden die Rede.²⁵⁵
Januszewska erwähnt in ihrem Jahresbericht 1908, dass sie schon in früheren Berichten ihre
Vorstellungen über ein 3-Grade-Modell dargelegt habe.²⁵⁶ Die 3-Grade-Modelle der beiden
Ärztinnen weisen zwar manche Unterschiede auf, doch lassen sich auch gemeinsame Grund-
linien erkennen. So gehen beide Modelle davon aus, dass die Osteomalazie mit Schmerzen in
den Rippen beginnt, die sich bis zum Kreuz hin ausdehnen (1. Grad), diese Schmerzen neh-
men zu, und die Bewegungsfähigkeit der Kranken wird erheblich eingeschränkt (2. Grad),
schließlich kommt es zu Verbiegungen und Deformationen der Wirbelsäule, zunächst im
Brust-, dann auch im Beckenbereich (3. Grad).²⁵⁷ Nach dem Dafürhalten beider Ärztinnen
war der 3. Grad meist durch so massive Bewegungsprobleme gekennzeichnet, dass die Kran-
ken sich nur noch äußerst mühsam oder fast gar nicht mehr bewegen konnten, und er war
häufig mit einer Beckenverengung verbunden, die große Probleme bei Geburten hervorrufen
konnte. Krajewska wies noch darauf hin, dass bei dem dritten Grad der Krankheit bisweilen
ein allgemeines Siechtum der Kranken einsetzte und sich weitere Krankheiten wie etwa Ma-
gen-Darm-Entzündungen oder schwere Bronchiten einstellten.²⁵⁸

Bei der Therapie der Osteomalazie setzten beide Ärztinnen als einfaches, aber wirksames
Mittel eine Phosphor-Lebertran-Lösung im Verhältnis 0,01 zu 100 g ein, mit der sie erklär-
termaßen gute Erfolge bei den meisten Patientinnen hatten.²⁵⁹ Januszewska erwähnt zwar
neben der Phosphor-Lebertran-Therapie noch, dass sie auch einmal in einem besonders gra-
vierenden Fall von Osteomalazie mit starker Beckenverengung einer Patientin, die immer
wieder schwanger geworden war, geraten habe, das Landeskrankenhaus in Sarajevo aufzu-
suchen, um sich einer Porro-Operation, einem Kaiserschnitt mit anschließender Entfernung
des Uterus, der Eierstöcke und der Eileiter, zu unterziehen.²⁶⁰ Doch enthielt sie sich, anders
als Krajewska, die neben der Phosphor-Lebertran-Therapie auch die weibliche Kastration als
mögliches „prophylaktisch-kuratives“ Mittel bei Osteomalazie für bedenkenswert hielt, jegli-
43
cher weiter gehender Therapie-Überlegungen.²⁶¹ Krajewska konnte bei ihrer Überlegung in
Richtung weiblicher Kastration aber auch konkret davon ausgehen, dass für die Durchfüh-
rung eines solchen Eingriffs das Landeskrankenhaus in Sarajevo mit seiner modernen Abtei-
lung für Gynäkologie und Geburtshilfe zur Verfügung stand. Das waren jedoch Voraussetzun-
gen, die andernorts in Bosnien-Herzegowina, Banja Luka eingeschlossen, nicht gegeben wa-
ren.²⁶²

So erfreulich auch in den Augen beider Ärzinnen die Erfolge bei der Anwendung der Phos-
phor-Lebertran-Therapie und überhaupt bei der Eindämmung der Osteomalazie waren, an
den gesellschaftlichen Ursachen, die mitentscheidend für das häufige Auftreten der Osteo-
malazie unter muslimischen Frauen waren und auf die beide Ärztinnen viele Male in ihren
schriftlichen Zeugnissen hingewiesen haben (die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse,
die traditionsbedingte Eingeengtheit des Lebens der Frauen), änderten sie nichts. Wie beide
Ärztinnen ihrer Erfahrung mit den starr und unverrückbar erscheinenden Verhältnissen Aus-
druck verliehen, dafür stehen zwei Äußerungen, die hier wiedergegeben werden sollen. Ja-
nuszewska äußerte sich in ihrem Jahresbericht 1910 nicht ohne eine gewisse Resignation wie
folgt: „Von den in der Stadt Banjaluka besonders unter dem weiblichen Teil der muselmani-
schen Bevölkerung vorkommenden Volkskrankheiten ist die häufigste noch immer die Oste-
omalazie, trotzdem meine Bemühungen seit 11 Jahren mit Erfolg darauf gerichtet sind, diese
Geißel des muselmanischen Frauengeschlechtes einzuschränken, da sich das Ausrotten der
Krankheit unter den desolaten Ernährungs- und Wohnungszuständen, unter welchen diese
Bevölkerungsgruppe zu leben gezwungen ist, als unmöglich erweist. [Absatz] Ist ja doch der
Abschluss von Luft und Licht sowie die mangelnde Bewegung in freier Luft die Quelle des
Übels und wird diese Absperrung von Luft und Licht durch die religiösen Gebräuche bedingt,
welche ja hierzulande für den Arzt sowohl als auch für die Verwaltungsorgane ein noli me
tangere bilden müssen.“²⁶³

Krajewska wiederum beschwor an einer Stelle ihrer Osteomalazie-Studie von 1900, an der
sie zunächst auf die unerträglichen Zustände in der Gegenwart einging, eine hellere, lebens-
wertere Zukunft und erklärte: „Die Osteomalazie, welche die mohammedanischen Frauen
mit den ärgsten Leiden heimsucht und sie zwingt, wie ein Tier auf allen Vieren zu kriechen,
ist eine Krankheit, welche bei schlechter Ernährung der Frau im Dunkeln gedeiht und durch
die mangelhafte Schonung der leidenden Frau zum Ausbruche kommt. Sie verschwindet un-
ter dem wohltätigen Einflusse des Lichtes, der frischen Luft, der Hygiene, Pflege, Therapie
und der besseren gesellschaftlichen Stellung der Frau.“²⁶⁴

Der Vergleich zwischen den Vorstellungen Januszewskas und Krajewskas über die Osteoma-
lazie zeigt viele wichtige Übereinstimmungen.²⁶⁵ Bestehende Unterschiede sind vor allem in
der jeweils eher pragmatischen bzw. wissenschaftlichen Herangehensweise an die Krankheit
begründet. Außerdem fließen bei Krajewska, anders als bei Januszewska, allgemeinere Vor-
stellungen über Weg und Ziel des gesellschaftlichen Fortschritts unter den MuslimInnen Bos-
nien-Herzegowinas sowie prinzipielle Ansichten über die Gleichberechtigung der Frau in das
Bild der Osteomalazie ein. Unabhängig aber von solchen Unterschieden war das praktische
44
und eng damit verbundene theoretische Engagement beider Ärztinnen in Bezug auf die
Eindämmung der Osteomalazie für Frauen in Bosnien-Herzegowina sicher von unschätzba-
rem Wert.

Kleinere Tätigkeiten als Badeärztin, Waisenhausärztin und Lehrerin für Hygiene

Noch im Jahr 1900, etwa gleichzeitig mit der Eröffnung ihrer Privatpraxis in Banja Luka, hat
Januszewska mit Sprechstunden für Frauen und Kinder in dem knapp 20 km nördlich von
Banja Luka gelegenen Bad Slatina, einem viel frequentierten Thermalbad, das heute Teil der
Gemeinde Laktaši ist, begonnen. Ihre Sprechstunden als Badeärztin, die wahrscheinlich in
Räumen der Badeanlage stattfanden, hielt sie in den Sommermonaten zweimal wöchentlich
ab. Es handelte sich dabei um eine kleinere Nebentätigkeit, die sie bis Ende 1909 beibehielt.

Die auf den ersten Blick etwas erstaunlich anmutende Aufnahme der Tätigkeit einer Bade-
ärztin erklärt sich wohl hauptsächlich aus der ehelichen Verbindung mit dem Kreisarzt Janu-
szewski. Diesem oblag neben seinen anderen Verpflichtungen die ärztliche Versorgung der
Kurgäste im Bad Slatina, und er kümmerte sich außerdem um die Verwaltung der Badeanla-
ge.²⁶⁶ Die Kurbäder Bosnien-Herzegowinas befanden sich damals weitgehend in der Zustän-
digkeit der Landesregierung und diese beauftragte Landesbeamte wie etwa den Kreisarzt Ja-
nuszewski mit der ärztlichen Betreuung der Bäder oder setzte, wie im Fall des damals mo-
dernsten und berühmtesten bosnisch-herzegowinischen Kurbades, dem in unmittelbarer Nä-
he von Sarajevo gelegenen Ilidže, eigens einen Kurarzt ein.²⁶⁷

Wie aus einschlägigen Quellen hervorgeht, nahm der Besuch des Bades Slatina mit der Zeit
beträchtlich zu. Infolgedessen stieg auch die Belastung Januszewskis als Badearzt und Quasi-
Verwaltungsdirektor des Bades erheblich an.²⁶⁸ Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung
kam es offensichtlich noch 1900 zu einer mündlichen Vereinbarung zwischen dem damaligen
Kreisvorsteher von Banja Luka, Pius von Lazarini, dem Kreisarzt und Januszewska darüber,
dass letztere zur Entlastung ihres Gatten die ärztliche Betreuung der weiblichen Kurgäste
übernehmen und auf die im Bad weilenden Musliminnen ausdehnen sollte, „welche be-
kanntlich nur dem weiblichen Arzte zugänglich sind“, wie es zur Begründung in einem offizi-
ellen Schreiben hieß.²⁶⁹

Eine Vergütung für Januszewskas Sprechstunden im Bad Slatina wurde bei der mündlichen
Abmachung nicht vereinbart²⁷⁰, und so arbeitete Januszewska denn offenbar jahrelang in
der Weise, dass sie ärmere weibliche Kurgäste samt Kindern unentgeltlich behandelte und
sich von wohlhabenderen honorieren ließ.

Nach der offiziellen Darstellung des Sanitätswesens von Bosnien-Herzegowina in den Jahren
1878 bis 1901 verfügte das Bad Slatina über eine mächtige Therme mit Wasser, das reich an
Mineralstoffen und um die 40° warm war.²⁷¹ Den Kurgästen boten sich verschiedene Arten
von Bädern an – ein „Wannenbad“ mit 8 Kabinen, ein „Volksbad“ mit zwei Bassins, getrennt
nach Männern und Frauen, und ein „Schlammbad“. Den Bädern wurde eine heilsame Wir-
kung bei „rheumatischen Erkrankungen, Gicht und manchen Knochenkrankheiten“ nachge-

45
sagt, und das „Trinken des Thermalwassers (mit Zusatz von Karlsbader Salz)“ galt als hervor-
ragendes Mittel zur Linderung von „Magen-, Leber-, Nieren- und Blasenleiden im vorgerück-
ten Stadium“. Das Bad mit seinen Anlagen war jährlich von Anfang Mai bis Mitte Oktober ge-
öffnet, wobei sich der Hauptbadebetrieb auf die Sommermonate Juli und August konzen-
trierte. Die BesucherInnen kamen nicht nur aus dem Stadt- und Landbezirk Banja Luka, son-
dern auch aus entfernteren Bezirken des gleichnamigen Kreises wie auch aus anderen Krei-
sen Bosnien-Herzegowinas und darüber hinaus aus Slawonien und Kroatien. Im Jahr 1901
betrug die Zahl der Besucherinnen 1499 und lag damit leicht über jener der männlichen Be-
sucher mit 1390.²⁷²

Die Zahl der von Januszewska in Slatina in den Sommermonaten behandelten Frauen betrug
nach eigener Darstellung im Jahr 1900 108, wurde allmählich größer und machte 1909 367
aus, wobei sie Kinder, die sie ja auch behandelte, in ihrer Aufstellung nicht berücksichtig-
te.²⁷³ Über die Musliminnen unter ihren Patientinnen äußerte sich Januszewska in ihrem Be-
richt zum Jahr 1902 einmal dahingehend, dass deren Zahl schon in den ersten Jahren ihrer
Tätigkeit im Bad Slatina deutlich zugenommen habe. Sie seien „aus ganz Bosnien“ gekom-
men, nachdem sie erfahren hätten, „dass sie im Bade nicht nur die altbekannten Thermen,
sondern auch ärztliche Hilfe“ fänden.²⁷⁴ Doch bildeten Musliminnen keineswegs die Mehr-
heit von Januszewskas Patientinnen im Bad Slatina. Vielmehr waren beispielsweise 1900 von
den insgesamt 108 Patientinnen nur 24 und 1909 von den insgesamt 367 Patientinnen nur
49 muslimisch.²⁷⁵ Die Gruppe der nichtmuslimischen Patientinnen setzte sich Januszewskas
Angaben nach aus „christlichen“, d. h. serbisch-orthodoxen und römisch-katholischen Pati-
entinnen zusammen, deren jeweiliger Anteil an der Klientel der Sprechstunden aber nicht
bekannt ist.

Unter den von Januszewska im Bad Slatina behandelten Krankheiten ragen zahlenmäßig sol-
che der Verdauungsorgane, des Stoffwechsels, der Knochen (vermutlich u. a. Osteomalazie)
und der Geschlechtsorgane heraus.²⁷⁶ Auch einige Fälle von Tuberkulose waren darunter.
Dass es Frauen (und wohl auch Männer) gab, die sich trotz einer Erkrankung an Tuberkulose
einer Kur im Bad Slatina unterzogen, hielt Januszewska für besorgniserregend und sie be-
merkte dazu kritisch gegenüber der Landesregierung: „ ... zu den seit alters her bekannten
Bädern hat das Volk großes Vertrauen und gebraucht sie für alle Krankheiten ohne Unter-
schied, unternimmt auch seine Badereisen, die freilich höchstens [einen] 5-6 tägigen Auf-
enthalt bedingen, ohne vorher einen Arzt zu befragen. [Absatz] So werden mit Vorliebe die
heißen Thermen von Slatina Ilidže aufgesucht von Leuten, bei deren Leiden sie direkt kont-
raindiziert sind, und nur mit Mühe kann man die Tuberkulösen von den gefährlichen heißen
Moorbädern abhalten.“²⁷⁷

Januszewska, die sich auch im Rahmen ihrer Tätigkeit an der Privatpraxis und am Ambulato-
rium große Sorgen wegen der Tuberkulose unter ihrer Klientel machte, beließ es aber nicht
bei diesen kritischen Äußerungen über das Verhalten der Kranken im Bad Slatina, sondern
regte bei der Landesregierung auch Maßnahmen zu einer besseren gesundheitlichen Versor-
gung Tuberkulosekranker an. Es müssten, so ihr Vorschlag, „Orte wie Skender Vakuf und
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Sitnica“²⁷⁸ durch Straßen zugänglich gemacht „und den Kranken dortselbst Unterkunftshäu-
ser“ errichtet werden. Für die muslimischen Familien würden sich „solche [Unterkunftshäu-
ser], wie eines in Slatina besteht und gern frequentiert wird“, am besten eignen.²⁷⁹ Das Haus
in Slatina, das ihrer Ansicht nach als Vorbild für muslimische Familienhäuser in neu zu schaf-
fenden Kuranlagen für Tuberkulosekranke dienen sollte, beschreibt Januszewska dann noch
detailliert.²⁸⁰ Wie aber die ärztliche Versorgung an den von ihr genannten Orten aussehen
sollte, dazu äußerte sie sich nicht weiter. Und ob ihre Anregungen bei der Landesregierung
und der Kreisverwaltung Banja Luka auf fruchtbaren Boden fielen, ist nicht bekannt.

Mit Ablauf des Jahres 1909 stellte Januszewska ihre Tätigkeit im Bad Slatina ein. Ausschlag-
gebend dafür dürfte der Umstand gewesen sein, dass die Pensionierung ihres Gatten im Jahr
1910 bevorstand.²⁸¹ Mit ihm hatte sich vermutlich in Bezug auf die beiderseitige Tätigkeit im
Bad Slatina eine enge Zusammenarbeit entwickelt, die so mit einem Nachfolger Januszewskis
möglicherweise nicht hätte fortgesetzt werden können. Außerdem geht aus vorliegenden
Dokumenten hervor, dass mit der bevorstehenden Pensionierung Januszewskis und seinem
schon zu Ende 1909 erfolgenden Ausscheiden aus der Verwaltungstätigkeit für das Bad Slati-
na auch eine Reorganisation der Badverwaltung und überfällige Instandsetzungsarbeiten in
Angriff genommen sowie Pläne für eine größere Umgestaltung des Bades ausgearbeitet wer-
den sollten – eine Entwicklung, die für Januszewskas Tätigkeit in dem Badeort einiges an Ver-
änderungen mit sich gebracht hätte, denen sie vermutlich aus dem Weg gehen wollte.²⁸²

Nach mehr als 8 Jahren Tätigkeit im Bad Slatina scheint sich Januszewska schließlich einmal
an die Kreisbehörde Banja Luka mit der Bitte um eine offizielle Vergütung ihrer Arbeit ge-
wandt zu haben. Jedenfalls beantragte die Kreisbehörde im März 1908 bei der Landesregie-
rung, „eine angemessene Remuneration für Frau Dr. Januszewska für ihre 8jährige ersprieß-
liche ärztliche Tätigkeit im genannten Bade und vom Jahr 1908 angefangen ein Pauschale per
250 K jährlich für ihre Mühemachung“ und fügte hinzu, dass „die betreffenden Beträge“ aus
dem Ertrag des Bades von 1908 genommen werden könnten.²⁸³

Der Landesregierung erschien die von der Kreisbehörde ins Auge gefasste, nachträgliche Ver-
gütung für Januszewskas Tätigkeit im Bad Slatina offenbar etwas zu großzügig. Dieser Ein-
druck ergibt sich jedenfalls aus einem Schreiben der Regierung an das Gemeinsame Finanz-
ministerium vom Juni 1912. Darin legt die Regierung dem Ministerium dar, dass Januszew-
ska unter Berücksichtigung des Umstandes, dass sie von wohlhabenderen Patientinnen ho-
noriert worden sei, rückwirkend nur eine jährliche Zuwendung von 50 K erhalten sollte, d.h.
für die Jahre 1900 bis 1909 einschließlich insgesamt 500 K.²⁸⁴ Das Ministerium war damit
offenbar einverstanden, obwohl es sich noch daran stieß, dass Januszewskas Tätigkeit im
Bad Slatina nur auf mündlichen Absprachen mit den jeweiligen Kreisvorstehern in Banja Luka
beruht habe und nicht auf einem schriftlichen Vertrag.²⁸⁵ Aus verschiedenen Gründen (z. B.
wegen abrechnungstechnischer Schwierigkeiten oder Zweifeln an einem ausreichenden Er-
trag des Bades, aus dem die Zuwendung ja bestritten werden sollte) verzögerte sich die Aus-
zahlung des Geldes monatelang, und das verständlicherweise zum Unmut Januszewskas, die
sich 1912 sogar gezwungen sah, den Oberbezirksarzt Dr. Eduard Herzmann, der wahrschein-
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lich seinen Amtssitz in Banja Luka hatte, zu bitten, sich bei einem Aufenthalt in Sarajevo bei
der Landesregierung für die Auszahlung des Geldes einzusetzen.²⁸⁶ Letzten Endes scheint
Januszewska die Zuwendung von 500 K für ihre Tätigkeit im Bad Slatina aber noch erhalten
zu haben, wenn schon nicht vor, so doch noch nach ihrem Weggang aus Bosnien-Herzego-
wina.²⁸⁷

Der nicht gerade üppigen Zuwendung von 500 K steht auf Januszewskas Seite eine bemer-
kenswerte Leistung gegenüber: die Gesundheitsversorgung einer wachsenden Zahl von Frau-
en, im Jahr 1909 waren es nahezu 370, und ihrer Kinder. Rein quantitativ gesehen hat Janu-
szewska im Bad Slatina zwar weniger Patientinnen ärztlich betreut als in ihrer Praxis in Banja
Luka und sogar viel weniger als im Ambulatorium „D. Šeher“, doch wird sie sich der Aufgabe
als Badeärztin mit dem gleichen Engagement gewidmet haben wie den beiden anderen Auf-
gaben.

1902 nahm Januszewska neben ihrer Privatpraxis und den Sprechstunden im Bad Slatina
noch eine Tätigkeit als Waisenhausärztin, d. h. als Ärztin am Waisenhaus des Klosters Naza-
reth auf, die sie im Auftrag der Landesregierung versah.²⁸⁸ Gemäß dem Auftrag hatte sie mo-
natliche Untersuchungen der Kinder des Waisenhauses durchzuführen und die Räume, in de-
nen sich die Kinder aufhielten (Schulräume, Schlafsäle, Speisesaal und die Einzelkrankenzim-
mer), zu inspizieren.²⁸⁹ Über die Untersuchung und Behandlung der Kinder, es handelte sich
ausschließlich um Mädchen, legte sie jeweils nach Ablauf eines Jahres einen Gesamtbericht
mit genauer Auflistung der monatlich durchgeführten Maßnahmen vor. Die Berichte gingen
in der Regel über das Landbezirksamt Banja Luka, in dessen Zuständigkeitsbereich das Klos-
ter offenbar lag, an die Kreisbehörde Banja Luka und von dort weiter an die Landesregie-
rung, die die Kosten für Januszewskas Waisenhaustätigkeit trug.²⁹⁰

Das Kloster Nazareth (Samostan Nazaret) befand sich in Budžak, einer Ansiedlung ca. 4 km
nördlich von Banja Luka. Heute gehört Budžak unter dem Namen Lazarevo zur Gemeinde
Banja Luka. Das Kloster war Ende der 1870er Jahre von einigen Schwestern des Ordens der
„Anbeterinnen des Blutes Christi“ (Klanjateljice Krvi Kristove) gegründet worden.²⁹¹ Schon
bald nach ihrer Ankunft hatten die Ordensfrauen auf dem Gelände des Klosters ein Waisen-
haus und eine Grundschule (osnovna škola) gegründet, einige Jahre später auch eine Höhere
Mädchenschule (viša djevojačka škola).²⁹² Die Kinder, die Januszewska im Kloster Nazareth
untersuchte und gegebenenfalls behandelte, waren mehrheitlich zwischen 6 und 11 Jahre
alt, d. h. im Grundschulalter, nur einige der Kinder waren jünger bzw. älter. Die älteren Mäd-
chen waren wahrscheinlich Schülerinnen der Höheren Mädchenschule.

Wie viele Kinder insgesamt im Kloster Nazareth lebten, geht aus Januszewskas Berichten
nicht klar hervor. Zum Jahr 1906 heißt es einmal, dass sie „sämtliche 78 Kinder, namentlich
in Bezug auf Augenerkrankungen untersucht“ habe.²⁹³ Das könnte ein Hinweis auf die Ge-
samtzahl der Kinder auch in den anderen Jahren der Tätigkeit Januszewskas an dem Waisen-
haus sein. Die Zahl der monatlich untersuchten Kinder variierte stark, 1906 waren es bei-
spielsweise mal um die 20, mal um die 10, mal aber auch nur 4 oder 5. Für das Jahr 1906 gibt

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Januszewska die Zahl der insgesamt vorgenommenen Untersuchungen bzw. Behandlungen
im Kloster Nazareth mit 131 an.²⁹⁴

Eine besonders wichtige Rolle bei Januszewskas Tätigkeit im Kloster Nazareth spielten Imp-
fungen, wobei es sich um die üblicherweise erforderlichen Impfungen gehandelt haben dürf-
te, also Impfungen gegen Pocken, Masern, Keuchhusten u. dgl. m. Von den unter den Kin-
dern aufgetretenen Krankheiten kann man sich insofern ein gewisses Bild machen, als Janu-
szewska in ihren Berichten genau festhielt, welches Mädchen woran erkrankt war. Nach den
Berichten zu den Jahren 1902, 1903 und 1906 waren Katarrh, Bronchitis, Bindehaut- und Au-
genlidentzündung, Mittelohrentzündung, Skrofulose, Anämie, Ekzeme, Zahnkaries relativ
häufig, Meningitis, Veitstanz, Rachitis, Malaria, Rheumatismus, Scabies hingegen selten.²⁹⁵

Mit Ablauf des Jahres 1909 beendete Januszewska die Tätigkeit im Kloster Nazareth, weil es
ihrer Erklärung nach zu Differenzen mit der Klosterleitung gekommen war.²⁹⁶ Bis dahin aber
hat sie bestimmt viel zu einer besseren Gesundheit der im Kloster lebenden Kinder beigetra-
gen. Ihre Funktion im Kloster Nazareth war im Grunde genommen die einer Schulärztin –
eine Funktion, die im damaligen Bosnien-Herzegowina noch wenig entwickelt war. Was die
Amtsärztinnen angeht, wissen wir, dass sie des Öfteren schulärztliche Aufgaben übertragen
bekamen, wobei es sich meist um das Impfen von Mädchen an verschiedenen Arten von
Schulen handelte.²⁹⁷ Aber von einer regelmäßigen schulärztlichen Betreuung einmal im Mo-
nat, wie sie Januszewska über Jahre hinweg wahrgenommen hat, ist in Bezug auf die Amts-
ärztinnen nichts bekannt. Einen schulärztlichen Dienst gab es zunächst wohl nur in Sarajevo.
So berichtet etwa die Ärztin Bronisława Prášek-Całczyńska, eine ausgebildete Kinderärztin,
die zusammen mit ihrem Gatten, dem Bakteriologen Emil Prášek, Anfang 1915 nach Sarajevo
gekommen war, dass dort bereits vor dem Ersten Weltkrieg zwei Ärzte einen schulärztlichen
Dienst versahen.²⁹⁸ Einer der beiden Ärzte wurde, möglicherweise kriegsbedingt, aus dem
Dienst abgezogen, und Prášek-Całczyńska machte sich daraufhin Hoffnung, die frei geworde-
ne Stelle zu bekommen. Sie musste aber noch etwa zwei Jahre warten, bis sie eine Anstel-
lung als Schulärztin in Sarajevo erhielt und damit die erste Schulärztin überhaupt in Bosnien-
Herzegowina wurde.²⁹⁹

Zusätzlich zu allen anderen Aufgaben nahm Januszewska vermutlich im Jahr 1904 noch eine
Tätigkeit als Lehrerin im Fach Hygiene an der zum Schuljahr 1898/99 eröffneten staatlichen
Höheren Mädchenschule in Banja Luka auf.³⁰⁰ Die näheren Umstände, wie es zu ihrer Ernen-
nung kam, sind unbekannt. Vielleicht ging die Initiative von der Landesregierung aus, die,
nachdem sie um 1900 schon die Amtsärztinnen Krajewska und Kecková mit dem Hygieneun-
terricht an den staatlichen Höheren Mädchenschulen in Sarajevo bzw. Mostar beauftragt
hatte, nun das Fach Hygiene auch an der staatlichen Höheren Mädchenschule in Banja Luka
unterrichtet sehen wollte.³⁰¹ Vielleicht aber hatte auch die Schule, die damals von der be-
kannten Pädagogin, Schriftstellerin und Publizistin Jagoda Truhelka geleitet wurde, die Initia-
tive ergriffen und bei der Landesregierung die Beauftragung Januszewskas angeregt.³⁰² Wie
dem auch sei, mit Januszewska, der die Lebens- und Gesundheitssituation von Frauen in
Banja Luka wohl vertraut war, kam der Hygieneunterricht in beste Hände.
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Bosnien-Herzegowina stand damals noch am Anfang einer Mädchenschulbildung, und staat-
liche Höhere Mädchenschulen gab es zunächst nur in Sarajevo, Mostar und Banja Luka.³⁰³
Schulen dieses Typs bauten auf der vierjährigen Grundschule (osnovna škola) auf, umfassten
in einem frühen Stadium der Entwicklung 3 Schuljahre, um dann auf 4, schließlich auf 5
Schuljahre erweitert zu werden.³⁰⁴ Sie hatten interkonfessionellen Charakter, wurden aber
von muslimischen Mädchen zunächst noch kaum besucht.³⁰⁵ Ziel dieser Schulen war es,
Mädchen durch die Vermittlung entsprechender Kenntnisse und Fertigkeiten zu guten Haus-
frauen und Müttern heranzubilden.

Über den Umfang des Hygieneunterrichts an den staatlichen Höheren Mädchenschulen gibt
es unterschiedliche Angaben. Dem Bildungsforscher Mitar Papić zufolge war für das Fach Hy-
giene um die Mitte der 1890er Jahre, als die staatliche Höhere Mädchenschule in Sarajevo
und Mostar 5 Schuljahre umfasste, in der 5. Klasse ein Anteil von einer Stunde pro Woche
vorgesehen.³⁰⁶ Den Tätigkeitsberichten Keckovás, die ihren Hygieneunterricht 1900 aufge-
nommen hatte, ist allerdings zu entnehmen, dass sie das Fach Hygiene mehrere Jahre lang
mit jeweils einer Stunde pro Woche in der 4. und 5. Klasse unterrichtete.³⁰⁷ 1908 kam es zu
einer Reform der staatlichen Höheren Mädchenschule, bei der dieser Schultyp in einen all-
gemeinen (4jährigen) und einen fachlichen (6jährigen) Zweig unterteilt wurde.³⁰⁸ Von da an
unterrichtete Kecková das Fach Hygiene in beiden Zweigen.³⁰⁹ In welchen Klassen Januszew-
ska Hygieneunterricht erteilte, ist nicht bekannt.

Aus den vorliegenden Dokumenten geht auch nichts über den Inhalt von Januszewskas Hygi-
eneunterricht hervor. In ihrem Rückblicksbericht von 1912 erwähnt sie lediglich einmal kri-
tisch das Fehlen geeigneter Unterrichtsmaterialien und bemerkt dazu: „In den letzten 8 Jah-
ren habe ich in der hierortigen höheren Mädchenschule den Unterricht in der Hygiene gelei-
tet, was umso mühevoller war, als kein brauchbarer Leitfaden existierte, so dass ich die Vor-
träge alle selbst konzipieren musste.“³¹⁰ Als einzige der drei Ärztinnen Krajewska, Kecková
und Januszewska hat sich Kecková etwas genauer zur Thematik ihres Unterrichts geäußert.
Ihren Angaben zufolge umfasste ihr Unterricht in der 4. Klasse die „Anthropologie“ (Čovjeko-
slovje) und in der 5. Klasse „Die Krankenpflege im Hause“ (Njegovanje bolesnika kod kuće).³¹¹
Nachdem die staatliche Höhere Mädchenschule 1908 reformiert worden war, unterrichtete
sie dann auch noch den Themenkreis „Hauptbestandteile des menschlichen Körpers. Kno-
chengerüst. Haut und Muskeln. Pflege der Haut“ (Glavni sastavni dijelovi čovječjega tijela.
Kostur, koža i mišice. Njegovanje kože), und zwar bei den „Fachschülerinnen der 3. Klas-
se“.³¹² Sicher hat Januszewska bei der Thematik ihres Hygieneunterrichts eigene Akzente
gesetzt, doch einige Gemeinsamkeiten mit der von Kecková gewählten Thematik scheint es
auch gegeben zu haben, wie z. B. die Pflege kranker Angehöriger zuhause.

Trotz mancher Schwierigkeiten, die Januszewskas Lehrtätigkeit begleiteten, hat sie das Un-
terrichten im Fach Hygiene aber offensichtlich mit Befriedigung erfüllt, denn in ihrem Bericht
von 1912, dem letzten vor ihrem Weggang aus Banja Luka, hält sie rückblickend fest, dass es
ihr „eine große Genugtuung“ gewesen sei, „gelegentlich konstatieren zu können“, dass ehe-

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malige Schülerinnen die Lehren, die sie aus ihrem Unterricht geschöpft hätten, „bei eventu-
ellen Krankheitsfällen in der Familie und in der Kinderpflege sehr wohl beherzigten.“³¹³

Abschied von Banja Luka und weiterer Berufs- und Lebensweg Januszewskas

Januszewska hatte sich, wie gezeigt, in ihrer Zeit als Privatärztin ein breit gefächertes Aufga-
bengebiet erschlossen und konnte 1912, als sie mit ihrem Ehegatten Bosnien-Herzegowina
verließ, auf eine ausgesprochen erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Sie genoss großes An-
sehen bei der Stadtverwaltung Banja Lukas, der Kreisbehörde und auch der Landesregierung.
Im Laufe der Jahre hatte sie viele Frauen und Kinder in Banja Luka behandelt und wurde, wie
anzunehmen ist, von der Bevölkerung als Ärztin sehr geschätzt.

Ihr Gatte, langjähriger Kreisarzt in Banja Luka, in den letzten Jahren dort Sanitätsinspektor,
außerdem seit 1903 Sanitätsrat, war auf Kreis- wie auch auf Landesebene ein hochgeachte-
ter Mediziner.³¹⁴ Das Ehepaar hätte sicherlich auch weiterhin wohlsituiert und überaus res-
pektiert in Banja Luka leben können – er seit 1910 als Pensionär³¹⁵ und sie wie bisher als tat-
kräftige und sozial engagierte Ärztin.

Was Januszewska trotzdem dazu bewogen haben mag, Banja Luka mit ihrem Ehemann zu
verlassen und sich selber im Alter von 45 Jahren in Graz eine in vieler Hinsicht neue berufli-
che Existenz aufzubauen, darüber lässt sich nur spekulieren. So befriedigend ihr Leben in
Banja Luka auch war, es bot keine größeren beruflichen Herausforderungen mehr. Entweder
hätte sie Privatärztin mit einem beachtlichen Wirkungskreis bleiben oder vielleicht versu-
chen können, nach der Pensionierung ihres Gatten wieder Amtsärztin in Banja Luka zu wer-
den. Beides aber scheint sie nicht mehr besonders gereizt zu haben. Wie des Öfteren in ih-
rem früheren Leben war sie offenbar auch um 1912 bereit und willens, sich neuen Heraus-
forderungen zu stellen. Dafür spricht ihre Entscheidung, schon bald nach ihrer Ankunft in
Graz die nötigen Rigorosa zu absolvieren und die Nostrifikationspromotion abzulegen, um als
Ärztin in Österreich arbeiten zu können.³¹⁶

Dass ihr Weggang aus Banja Luka aber eine große Lücke in der Gesundheitsversorgung von
Frauen und Kindern in der Stadt hinterlassen würde, war Januszewska sicher nur zu bewusst.
Deswegen setzte sie sich vor ihrem Weggang noch mit allen ihr zur Verfügung stehenden
Mitteln für die Gewinnung einer neuen Ärztin ein. Mit diesem Ziel vor Augen scheint sie sich
an Vertreter des Gemeinderats, vielleicht auch an Mitglieder des Magistrats von Banja Luka
mit der Bitte gewandt zu haben, die Gemeinde möge sich bei der Landesregierung für die
Einstellung einer neuen Amtsärztin einsetzen. Wie sie im Einzelnen vorging, um ihrer Bitte
Gehör zu verschaffen, ist nicht bekannt. Aus den vorliegenden Dokumenten geht aber her-
vor, dass der Gemeinderat auf seiner Sitzung am 29. April 1912 auf Vorschlag des Magistrats
zu dem Anliegen Januszewskas positiv Stellung bezog.

Doch zunächst ging es auf der Sitzung des Rats um die Frage einer Belohnung Januszewskas
für ihre zum Wohle der weiblichen Bevölkerung Banja Lukas geleistete Arbeit. Dazu wurde
von Magistratsseite der Vorschlag eingebracht, Januszewska eine Belohnung von 1000 K

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zukommen zu lassen, und zwar zum einen für die erfolgreiche Leitung des Ambulatoriums
„D. Šeher“, in dem von 1903 bis in das Jahr 1912 hinein „17412 Kranke behandelt worden
seien, die Mehrzahl davon aus der ärmsten Schicht der Bevölkerung aller Konfessionen“.³¹⁷
(Übers. dieses und der folgenden Zitate aus dem Protokoll der Gemeinderatssitzung von B.
M.) Zum anderen sollten mit der Belohnung Januszewskas Dienste außerhalb des Ambulato-
riums gewürdigt werden, wobei besonders hervorgehoben wurde, dass sie häufig „arme
Kranke“ besucht und ihnen „bei schweren Geburten kostenlose ärztliche Hilfe geleistet ha-
be“.

Bezüglich der Bitte Januszewskas, die Gemeinde Banja Luka möge sich für eine Nachfolgerin
einsetzen, empfahl der Magistrat dem Gemeinderat, einen Beschluss zu fassen, mit dem die
Landesregierung gebeten werden sollte, in der Stadt Banja Luka erneut die Stelle einer Amts-
ärztin einzurichten, „damit auch in Zukunft besonders muslimische Frauen“ ärztliche Hilfe
bekämen, „Frauen, welche die Wohltat ärztlicher Betreuung schon mit der Anstellung der
ersten Ärztin, die nun Banjaluka verlässt, kennengelernt hätten und welche diese Wohltat
von Tag zu Tag mehr annähmen, besonders aber Frauen einer ärmeren Gesellschaftsschicht,
die auf keine ärztliche Hilfe hoffen könnten, wenn ... [der] Stadt keine Amtsärztin zugeteilt
würde, denn der Stadt wäre es nicht möglich, eine solche Ärztin aus eigenen Mitteln zu be-
zahlen“.

Der Gemeinderat nahm daraufhin mit der weit überwiegenden Zahl der Stimmen die Vor-
schläge des Magistrats an und fasste den Beschluss, Dr. Gisela Januszewska eine Belohnung
in Höhe von 1000 K zu geben und außerdem die Landesregierung um eine Amtsärztin zu bit-
ten, der auch das städtische Ambulatorium in D. Šeher anvertraut werden sollte.³¹⁸ Weniger
großzügig als Magistrat und Gemeinderat zeigte sich, nebenbei gesagt, die Landesregierung
im Hinblick auf ihren Zuschuss zu Januszewskas Leitung des Ambulatoriums. Die Bitte der
Kreisbehörde Banja Luka, den Zuschuss im Jahr 1912 als Zeichen der Anerkennung für die
von Januszewska geleistete Tätigkeit von 600 auf 1000 K zu erhöhen, lehnte sie ab und er-
klärte lediglich: „Die p.t. [Petentin] wird eingeladen, der Frau Dr. Gisela Januszewska für ihre
langjährige, musterhafte Führung des weiblichen Ambulatoriums Preko Vrbasa die volle Zu-
friedenheit und Anerkennung der Landesregierung auszusprechen.“³¹⁹

Als sich kurze Zeit nach der Sitzung des Gemeinderats das Gemeindeamt (obćinski ured) mit
einem Schreiben an das Stadtbezirksamt Banja Luka wandte und um Unterstützung bei der
Durchführung des Gemeinderatsbeschlusses bat, war nicht mehr nur allgemein von dem
Wunsch nach einer Amtsärztin als Nachfolgerin Januszewskas die Rede, sondern schon ganz
konkret davon, dass sich die ganze Stadt Banja Luka als neue Ärztin die damals noch in Bihać
tätige Amtsärztin Kornelija Rakić wünsche, die sich dort eines guten Rufes erfreue.³²⁰ Der Er-
wähnung von Rakić in diesem Dokument, die auf einen entsprechenden Hinweis von Janu-
szewska zurückzuführen sein dürfte, war vermutlich ein persönlicher Kontakt zwischen den
beiden Ärztinnen vorausgegangen, bei dem sich herausgestellt haben könnte, dass nicht nur
Januszewska sehr an einer Nachfolgerin in Banja Luka gelegen war, sondern dass auch Rakić

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wegen eines Konflikts mit ihren Kollegen oder ihrem Vorgesetzten großes Interesse daran
hatte, ihren Posten in Bihać aufzugeben.³²¹

Die Landesregierung befürwortete dann im September 1912 gegenüber dem Gemeinsamen


Finanzministerium die Bitte um Wiedereinsetzung einer Amtsärztin in Banja Luka, die von
verschiedenen Ämtern in Banja Luka (dem Stadtbezirksamt und der Kreisbehörde) an sie
herangetragen worden war, und schlug zugleich die Versetzung der Amtärztin Kornelija Rakić
von Bihać nach Banja Luka vor.³²² Nachdem die Versetzung mit Dekret der Regierung vom
3.10.1912 besiegelt worden war, trat Rakić am 16.12.1912 ihr neues Amt an³²³ und wurde
damit gewissermaßen zur Nachfolgerin Januszewskas. Deren nachdrücklich geäußerter
Wunsch, dass auch nach ihrem Fortgang die Betreuung von Frauen und Kindern in Banja
Luka durch eine Ärztin gewährleistet sein möge, ging damit also in Erfüllung.

Formal gesehen, war die Position der beiden Ärztinnen verschieden, Januszewska war seit
1900 Privatärztin und Rakić war Amtsärztin. Bezogen auf den Inhalt ihrer Tätigkeit gab es
aber gewisse Überlappungen. Diese bestanden darin, dass auch Rakić, und zwar qua Amt,
vor allem muslimische Frauen und Kinder zu betreuen und sich besonders um Frauen und
Kinder aus ärmeren Schichten der Bevölkerung zu kümmern hatte. Ein wichtiger Unterschied
in der Arbeit beider Ärztinnen dürfte sich aber schon bald nach dem Amtsantritt von Rakić
gezeigt haben. Hatte der Schwerpunkt der Tätigkeit Januszewskas in ihrer Zeit als Privatärz-
tin eindeutig auf der ärztlichen Versorgung von Frauen und Kindern in der Stadt Banja Luka
und ihrer näheren Umgebung gelegen, so musste sich Rakić als Amtsärztin zwar auch um
diese Klientel kümmern, wurde aber zu einem nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit auf Dienst-
reisen geschickt, um diverse ärztliche Dienste zu versehen. So wurde sie beispielsweise bei
einer in Bosnien-Herzegowina 1914/1915 herrschenden Cholera-Epidemie sowohl im Kreis
Banja Luka als auch im Kreis Travnik eingesetzt und während des Ersten Weltkriegs verschie-
dene Male zur Leitung des Bezirkskrankenhauses in Kotor–Varoš, einer Bezirksstadt im Kreis
Banja Luka, herangezogen.³²⁴ Leider lässt sich aufgrund der dürftigen Quellenlage nicht klä-
ren, ob Rakić, zumindest noch für eine gewisse Zeit, das Ambulatorium „D. Šeher“, das Janu-
szewska gegründet und geleitet hatte, fortgeführt hat; auch was die Fortführung des Hygie-
ne-Unterrichts an der staatlichen Höheren Mädchenschule betrifft, den Januszewska seit
1904 erteilt hatte, herrscht Unklarheit.³²⁵

Wann genau Januszewska Banja Luka verließ, muss offen bleiben, wahrscheinlich irgend-
wann im August oder September 1912.³²⁶ Wie sich ihr weiterer Berufs- und Lebensweg ge-
staltete, hat am gründlichsten Reinhold Aigner erforscht, auf dessen Darstellung die folgen-
den Ausführungen basieren.³²⁷ Nachdem Januszewska an der Universität Graz das zweite
und dritte medizinische Rigorosum abgelegt hatte, fand dort am 24. Februar 1915 ihre No-
strifikationspromotion statt. Nach dem Tod des Gatten 1916 trat Januszewska freiwillig in
den Militärsanitätsdienst ein und war bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs nacheinander in
zwei verschiedenen Militärreservespitälern tätig, wofür sie hohe Auszeichnungen erhielt.
Ende 1918 wurde ihr gekündigt, und mit Wirkung vom 11. Januar 1919 ließ sie sich in Graz
als praktische Ärztin mit eigener Praxis nieder. Bis 1933 war sie zugleich Kassenärztin beim
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Verband der Krankenkassen für Steiermark (und Kärnten). Notleidende Patientinnen und
Patienten behandelte sie häufig unentgeltlich. 1928 wurde sie – als zweite Ärztin in Öster-
reich – mit dem Titel eines Medizinalrates ausgezeichnet. Nach etwas mehr als eineinhalb
Jahrzehnten als niedergelassene Ärztin gab sie Ende 1935 ihre Praxis auf. 1937 wurde ihr das
Ritterkreuz des Österreichischen Verdienstordens verliehen – eine Auszeichnung, die sie sel-
ber für die Krönung ihres arbeitsreichen Lebens hielt, so Aigner.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde Januszewska im Zuge
der nationalsozialistischen Rassenpolitik gezwungen, ihre Grazer Wohnung Anfang 1940 auf-
zugeben und nach Wien zu „übersiedeln“.³²⁸ Von dort wurde sie am 28. Juni 1942 in das
Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 2. März 1943 umkam.³²⁹

Schlussbemerkungen

Während ihrer 13jährigen Tätigkeit in Banja Luka galten Januszewskas ärztliche Bemühungen
vor allem Musliminnen und ihren Kindern, doch auch Frauen der übrigen, in Bosnien-Herze-
gowina vertretenen Konfessionen konnten zusammen mit ihren Kindern auf Januszewskas
Hilfe rechnen. Ohne dass darüber genauere Angaben vorlägen, ist davon auszugehen, dass
die meisten Patientinnen sowohl am Ambulatorium „D. Šeher“ als auch an Januszewskas Pri-
vatpraxis aus ärmeren Schichten der Bevölkerung stammten. Für deren unentgeltliche Be-
handlung am Ambulatorium war gesorgt, da es sich bei dem Ambulatorium um eine soziale,
städtische Einrichtung handelte. Anders hätte es für arme Patientinnen an Januszewskas Pri-
vatpraxis aussehen können, hätte Januszewska nicht bei diesen vielfach auf eine Bezahlung
ihrer Behandlung aus sozialen Gründen verzichtet. Über die hierin zum Ausdruck kommende
soziale Grundeinstellung hinaus erwies sich Januszewska auch als sozialkritische Beobachte-
rin der Verhältnisse in Banja Luka, zum Teil auch in ganz Bosnien-Herzegowina, wovon ihre
Berichte an die Landesregierung zeugen.

Drei Aspekte der verschiedenen Tätigkeiten Januszewskas als Ärztin in Banja Luka sind be-
sonders bemerkenswert: ihre nachdrücklichen Bemühungen um die Eindämmung der Oste-
omalazie unter muslimischen Frauen, ihr großes Engagement in der Geburtshilfe, geleistet
überwiegend bei muslimischen Frauen, und ihr Einfluss auf das Zustandekommen des städti-
schen Ambulatoriums „D. Šeher“, das hauptsächlich muslimischen Frauen und ihren Kindern
zugutekam, sowie die langjährige Leitung dieser Einrichtung. Einigermaßen erstaunlich ist,
dass die alte Frauenbewegung und besonders frauenbewegte Kreise in Prag und Wien offen-
bar kaum Notiz von einer für damalige Verhältnisse so außergewöhnlichen Institution wie
dem Ambulatorium genommen haben.³³⁰ Allerdings gibt es auch auf Seiten Januszewskas
keine Anzeichen für eine besondere Verbindung zu eben diesen Kreisen.

Ob Januszewskas Nachfolgerin als Ärztin in Banja Luka, die Amtsärztin Kornelija Rakić, tat-
sächlich noch damit beauftragt wurde, die Leitung des Ambulatoriums zu übernehmen, ob
das Ambulatorium überhaupt noch einige Zeit bestehen blieb, ist fraglich. Spätestens mit
dem Beginn des Ersten Weltkriegs aber, also etwa zwei Jahre nach dem Fortgang Januszew-
skas aus Bosnien-Herzegowina, dürfte dem Ambulatorium das Aus gedroht haben, denn Bos-
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nien-Herzegowina war von dem Kriegsgeschehen stark betroffen, und es ist schwer vor-
stellbar, dass unter den Bedingungen des Krieges noch die nötigen finanziellen Mittel für
eine ausschließlich auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Frauen abzie-
lende Einrichtung wie das Ambulatorium bereitgestellt wurden. Kennzeichnend für die
Kriegssituation ist eher, dass die Amtsärztin Rakić im Laufe des Krieges mehrfach zur Sub-
stitution der Leitung des Bezirkskrankenhauses in Kotor-Varoš herangezogen wurde, weil
wahrscheinlich der bisherige Leiter Kriegsdienst leisten musste.

Trotz der vielen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche, die Bosnien-Herzegowina in


den letzten rund 100 Jahren erlebt hat, ist Januszewska und ihr Wirken in Banja Luka nicht in
Vergessenheit geraten. Vielmehr haben sich vor allem Frauen seit einigen Jahren der intensi-
ven Erforschung der Bedeutung von Frauen für die Entwicklung der Stadt gewidmet und da-
bei auch die Rolle Januszewskas gewürdigt. Das eingangs erwähnte Gemeinschaftswerk
„Banja Luka. Bedeutende Frauen in der Geschichte der Stadt“ ist ein beredter Beweis dafür.
Im Rahmen dieses gewachsenen lokalhistorischen und –kulturellen Interesses haben Frauen
vor Ort außerdem eine feministische Stadttour zum Leben und Wirken von Frauen in der
Vergangenheit Banja Lukas entwickelt, bei der auch Januszewskas gedacht wird.³³¹ Auf diese
Art und Weise findet Januszewskas großes soziales Engagement als Ärztin auch in der Erinne-
rungskultur Banja Lukas seinen angemessenen Platz.

_________________________________________

Erläuterungen zu den Zitaten im vorliegenden Text

Bei Zitaten aus zeitgenössischen Dokumenten wie etwa den Berichten Januszewskas wurde die zum Teil alter-
tümliche Schreibweise der heutigen mitunter leicht angepasst. Wenn in zitierten Passagen der Verständlichkeit
wegen in einigen Fällen Einschübe gemacht wurden, sind diese immer durch ekige Klammern kenntlich ge-
macht. Übersetzungen von Stellen aus fremsprachigen Dokumenten sind in jedem Fall gekennzeichnet.

Abkürzungen

ABH Arhiv Bosne i Hercegovine (Archiv Bosnien und Herzegowinas)


B. H. Bosna (i) Hercegovina (Bosnien und Herzegowina)
ZMF Zajedničko ministarstvo finansija (Gemeinsames Finanzministerium)
ZSD Zbirka službeničkih dosijea (Sammlung der Beamtendossiers)
ZVS Zemaljska vlada Sarajevo (Landesregierung Sarajevo)

Anmerkungen

1. Eine Liste der 9 Amtsärztinnen, die zwischen 1892 und 1918 in Bosnien-Herzegowina tätig waren, ist auf der
Internet-Plattform Scribd unter https://de.scribd.com/document/336593969 zugänglich.
2. In der vorliegenden Arbeit wird die hierzulande in Publizistik und Wissenschaft häufig gebrauchte Binde-
strich-Form ´Bosnien-Herzegowina´ verwendet. Zur Zeit der Herrschaft Österreich-Ungarns über Bosnien-Her-
zegowina war oft von den beiden Provinzen Bosnien und der Herzegowina die Rede und die Landesbezeich-

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nung lautete „Bosnien und die Herzegowina“. Der heutige Staatsname ist „Bosna i Hercegovina“ (Bosnien und
Herzegowina).
3. Die Schreibweise des Kállayschen Namens variiert. Neben der hier verwendeten Form Benjamin Kállay gibt
es die Form Benjamin von Kállay. Das Österreichische Biographische Lexikon der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften gibt den Namen mit „Béni Kállay von Nagy-Kálló“ an.
4. Erst ab dem Jahr 1900 waren medizinische Fakultäten an österreichischen Universitäten für Frauen zugäng-
lich. Vgl. Waltraud Heindl, Zur Entwicklung des Frauenstudiums in Österreich, in: „Durch Erkenntnis zu Freiheit
und Glück...“. Frauen an der Universität Wien (ab 1897), hrsg. von Waltraud Heindl und Marina Tichy (Schrif-
tenreihe des Universitätsarchivs, Universität Wien, 5) Wien, 1990, S. 17. In Ungarn stimmte der Staat dem Zu-
gang von Frauen zum Medizinstudium an Universitäten etwas früher, 1895, zu, allerdings nur unter ziemlich re-
striktiven Bedingungen wie etwa einem überdurchschnittlichen Gymnasialabschluss. Vgl. Claudia Papp, „Die
Kraft der weiblichen Seele“: Feminismus in Ungarn, 1918-1941, Münster, 2004 (Schriftenreihe der Stipendiatin-
nen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, 25), S. 115.
5. In einem Schreiben, das Neumann am 22.5.1892 an das Gemeinsame Finanzministerium richtete und in dem
er sich zur Tätigkeit der ersten Amtsärztin Anna Bayerová wie auch allgemein zu Aufgaben, Stellung und Rolle
der Amtsärztinnen äußerte, gab er seiner Übereinstimmung mit der vom Ministerium verfolgten „Kulturmissi-
on“ Ausdruck, indem er erklärte: „Es steht zu hoffen, dass auf diese Weise [durch die Gewinnung einer genü-
gend großen Zahl von Bewerberinnen für in Bosnien-Herzegowina zu schaffende Amtsärztinnen-Stellen] ein
weiterer Schritt zur Assanierung des Landes getan wird und dass es somit dem hohen Ministerium gelingen
werde, entsprechend der zivilisatorischen Mission Österreichs im Oriente Fortschritt und Gesundung in die der-
zeit noch in mancher Beziehung arg darniederliegenden Provinzen zu tragen.“ (ABH, ZMF 5447, B. H., 1892)
6. Die Studienreise Neumanns fand vom 12. bis zum 26. Mai 1890 statt und führte ihn nach Sarajevo und in al-
le Kreisstädte Bosnien-Herzegowinas mit Ausnahme von Bihać sowie in eine ganze Reihe von Bezirksstädten.
Überall wurde er auf Geheiß der Landesregierung von den örtlichen Behörden und der Ärzteschaft in vielerlei
Hinsicht unterstützt. Zu Details der Reise vgl. ABH, ZMF 6771 in Verbindung mit 8300, B. H., 1890.
7. Den Reisebericht sowie die damit zusammenhängenden Empfehlungen Neumanns an das Gemeinsame Fi-
nanzministerium konnte die Verfasserin der vorliegenden Arbeit im Archiv Bosnien und Herzegowinas in Sara-
jevo im Original nicht finden, wohl aber eine Wiedergabe der Empfehlungen Neumanns durch den hohen Be-
amten im „Bureau für die Angelegenheiten Bosniens und der Herzegowina“, Carl Ritter von Sax. Das „Bureau“
war angesiedelt im Gemeinsamen Finanzministerium, und das Schreiben, in dem von Sax die Empfehlungen
Neumanns offensichtlich ziemlich genau wiedergab und mit seinen Kommentaren versah, war an die Landesre-
gierung gerichtet und trägt das Datum 27. Oktober 1890. Bei dem Schreiben handelt es sich zwar um einen
noch an manchen Stellen korrigierten, handschriftlichen Entwurf, es ist aber davon auszugehen, dass die korri-
gierte Fassung, nachdem sie neu geschrieben worden war, der Landesregierung zugeleitet wurde. In der Einlei-
tung zu seinem Schreiben erklärt von Sax: „Dr. Neumann erstattet in diesem Referate [gemeint ist der Bericht
Neumanns über seine Reise und seine darauf basierenden Empfehlungen] unter Vorlage der von ihm aufge-
nommenen Protokolle zuerst Bericht über die von ihm dortlands vorgenommenen Reisen und gemachten Be-
obachtungen, er zieht daraus seine Schlüsse, welche es als dringend notwendig erscheinen lassen, dass zur Be-
kämpfung der Syphilis und verschiedener folgenschwerer Hautkrankheiten umfassende Maßregeln ergriffen
werden, und er knüpft hieran verschiedene Anträge, welche ich, da sie in dem Referate nicht zusammenhän-
gend vorkommen, hier übersichtlich rekapitulieren will.“ Es folgen dann 10 Punkte, wovon der Punkt 8 besagt,
dass „weibliche Ärzte (Doctorinnen) für die weibliche, besonders mohammedanische Bevölkerung“ herangezo-
gen werden sollten. Diesen Punkt kommentiert von Sax in seinem Schreiben folgendermaßen: „Sehr wichtig er-
scheint mir auch der Punkt 8, welcher die Anstellung weiblicher Ärzte betrifft; denn es steht außer Frage, dass
man nur durch solche auf einen großen Teil der Bevölkerung, nämlich auf die weibliche Hälfte derselben und
insbesondere auf die Mohammedanerinnen genügend einwirken kann; und es ist nicht zu übersehen, dass
weibliche Ärzte dortlands überhaupt einen heilsamen Einfluss in sozialer Beziehung ausüben könnten. Nach
dem Antrage Neumanns, welcher zu diesem Behufe bereits Schritte eingeleitet hat, würde mit der Anstellung
einer Ärztin in D. Tuzla zu beginnen sein.“ (Vgl. ABH, ZMF 8328, B. H., 1890)

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8. Vgl. Brigitte Fuchs, Orientalising disease. Austro-Hungarian policies of ´race´, gender, and hygiene in Bosnia
and Hercegovina, 1874-1914, in: Health, hygiene and eugenics in Southeastern Europe to 1945. Ed. by Christian
Promitzer et al., Budapest, New York, 2011 (CEU Press studies in the history of medicine, II), S. 58/59 und S.
69/70.
9. In einer offiziellen zeitgenössischen Quelle heißt es zum Auftreten der Syphilis in Bosnien-Herzegowina: „Im
sexuellen Wege wird diese Krankheit verhältnismäßig selten erworben, denn es gelangen nur in wenigen Fällen
frische Genitalsklerosen zur Behandlung; der häufigste Ansteckungsweg ist der außergeschlechtliche, und spie-
len hiebei die Schleimhäute der Mundhöhle eine große Rolle.“ Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Her-
cegovina 1878-1901. Herausgegeben von der Landesregierung für Bosnien und die Hercegovina, Sarajevo,
1903, S. 136. Auf den Zusammenhang zwischen der Tradition der gemeinschaftlichen Nutzung von Gebrauchs-
gegenständen in muslimischen Familien und der Verbreitung der Syphilis weist die Amtsärztin Teodora Krajew-
ska in mehreren ihrer offiziellen Berichte an die Landesregierung hin. In ihrem publizierten Jahresbericht 1897
führt sie beispielsweise aus: „Das Übertragen …[von Hautkrankheiten] von einem Mitgliede der Familie auf das
andere wird dadurch ermöglicht, dass oft alle dasselbe Handtuch benützen, aus derselben Schüssel essen und
aus demselben Handkruge (´Ibrik´) trinken. Von dem größten Nachteile ist dieser Gebrauch dann, wenn ein
Mitglied der Familie an Syphilis erkrankt ist, deswegen ist auch die Mund- und Rachensyphilis die häufigste Lo-
kalisation dieser Affektion bei den Mohamedanern.“ Vgl. Jahresbericht der Amtsärztin Dr. T. Krajewska in D.-
Tuzla für das Jahr 1897, in: Wiener klinische Rundschau, 1898, 35, S. 566.
10. Aufgrund der damals in Österreich-Ungarn heftig geführten Debatte um den Zugang von Frauen zum Medi-
zinstudium und wegen der Widerstände aus konservativen Kreisen der Medizinprofessoren gegen die Politik
der Einstellung von Amtsärztinnen in Bosnien-Herzegowina sah sich Neumann als exponierter Unterstützer die-
ser Politik wenige Jahre nach Entsendung der ersten Ärztin, Anna Bayerová, einmal zu einer grundsätzlichen
Rechtfertigung seiner Position in diesen Auseinandersetzungen genötigt. Aus dieser Situation heraus entstand
sein Artikel „Sollen Frauen zum Studium der Medizin zugelassen werden?“, den er im Feuilleton der Zeitschrift
„Wiener klinische Wochenschrift“, 7, 1894, 13, S. 238-240, veröffentlichte. In seinem Artikel zeigt sich Neu-
mann als Mann mit einem ausgesprochen konservativen Frauenbild (Frauen gehören ins Haus und an den
Herd, S. 238) und als Mediziner, der Frauen als Ärztinnen bescheinigt, durch Jahrhunderte „in wissenschaftli-
cher und praktischer Beziehung“ keine „positiven, greifbaren Leistungen“ hervorgebracht zu haben, aufgrund
derer sie „Ansprüche und Förderungen [sic] erheben“ könnten. (S. 240) Nur in gewissen Situationen könne man
Frauen als Ärztinnen eine „ersprießliche Tätigkeit“ nicht absprechen. Dazu zählt er zum einen eine Tätigkeit in
Österreich „auf dem flachen Lande“ und „in solchen Gegenden, woselbst erfahrungsgemäß männliche Ärzte
des kargen Erwerbes wegen sich nur schwer niederlassen“, zum anderen eine Tätigkeit „in den okkupierten
Provinzen, wo Mohammedanerinnen ihren rituellen Satzungen gemäß den männlichen Arzt in der Regel ableh-
nen“. (S. 239) In dem einen Fall könne dem „in einzelnen Teilen der Monarchie so fühlbaren Mangel an wissen-
schaftlich geschulten Ärzten“ abgeholfen werden und im anderen Fall sei es möglich, „für die weibliche mo-
hammedanische Bevölkerung von Bosnien und der Hercegovina jene gesundheitlichen Bedingungen zu schaf-
fen, wie sie die gewaltigen Fortschritte der Hygiene gebieterisch und unabweisbar von jeder Regierung erhei-
schen“. (S. 240) Die im Titel zu seinem Artikel gestellte Frage beantwortet Neumann mit einem in mehrfacher
Hinsicht eingeschränkten ´ja´. Zu den seiner Ansicht nach notwendigen Einschränkungen gehörte, Frauen, die in
Österreich Medizin studieren wollten, nicht an der Wiener Universität zuzulassen, sondern sie „an die Provinz-
Universitäten zu dirigieren, etwa nach Graz und Innsbruck“. (S. 240)
11. Zu den Problemen, die Bayerová zur Aufgabe ihres Amtes veranlassten, vgl. Ctibor Nečas, Anmerkung 13,
op. cit., S. 42-46.
12. Mit offenkundiger Befriedigung über das Wirken Keckovás in Mostar berichtete der Chef der Landesregie-
rung, Johann von Appel, in einem Schreiben vom 28.5.1894 dem Gemeinsamen Finanzministerium, dass die
Amtsärztin „den besten Willen und das eifrige Streben an den Tag gelegt [habe], der ihr vorgeschriebenen Auf-
gabe mit Einsetzung ihres ganzen Wissens und Könnens zu entsprechen“, und dass es ihr gelungen sei, „binnen
kurzer Zeit das Vertrauen und die Sympathie jener Kreise der Bevölkerung zu erwerben, in welchen sie ihr heil-
sames Wirken zu entfalten berufen ist.“ Insbesondere erfreue sie sich „unter den mohamedanischen Frauen in
Mostar und Umgebung großer Beliebtheit“ und werde „von diesem Teile der Bevölkerung vielfach in Anspruch

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genommen“. In den Mostarer Gesellschaftskreisen genieße sie „ein ihrer Bildung und Stellung entsprechendes
Ansehen“. (Zu dem Schreiben vgl. ABH, ZMF 6712, B. H., 1894) Über Krajewska berichtete der Chef der Landes-
regierung in demselben Schreiben, dass sie „im Sinne der erhaltenen Weisungen mit sehr befriedigenden Erfol-
gen“ wirke und ihre Klientel fortwährend vermehre. „Frau Dr. Krajewska“ – so wird in dem Schreiben weiter
ausgeführt – „vereinigt mit einer gediegenen geistigen Durchbildung ein lebendiges und verständnisvolles In-
teresse für das hierländige Volkswesen. Durch ihre distinguierte gesellschaftliche Erziehung, welche in einer
schlicht vornehmen Weise zu Tage tritt, vermag sie sich in den vielgestaltigen Verhältnissen des sie umgeben-
den gesellschaftlichen Lebens schnell und sicher zurecht zu finden. [Absatz] Vermöge dieser Eigenschaften und
ihrer regen ärztlichen Tätigkeit ist Frau Dr. Krajewska heute in der Stadt und im Kreise D. Tuzla eine geachtete
und allerseits verehrte Persönlichkeit. [Absatz] Dem Vorangeführten geruhe das hohe Ministerium zu ersehen,
dass durch die Tätigkeit der beiden genannten Amtsärztinnen, insbesondere aber durch Frau Dr. Krajewska, die
hochdortigen Intentionen ihre Erfüllung in vollem Maße finden.“
13. Vgl. Ctibor Nečas, Mezi muslimkami. Působení úředních lékařek v Bosnĕ a Hercegovinĕ v letech 1892-1918
(Unter Musliminnen. Das Wirken der Amtsärztinnen in Bosnien und Herzegowina 1892-1918), Brno, Masaryk-
ova univerzita, 1992 (Vĕda do kapsy, 4). Die Studie von Nečas liegt auch als Digitalisat vor, angeboten von der
Digital Library of the Faculty of Arts, Masaryk University, Brno, Czech Republic:
https://digilib.phil.muni.cz/handle/11222.digilib/132102, aufgerufen am 16.10.2020. Zu den Ausführungen
über Januszewska vgl. S. 102-104.
14. Vgl. Ctibor Nečas, Delatnost službenih lekarki u Bosni i Hercegovini 1892-1918 (Die Tätigkeit der Amtsärz-
tinnen in Bosnien und Herzegowina ...), in: Istorijski zbornik, 9, 1988, 9, S. 91-110. Die Ausführungen über Ja-
nuszewska befinden sich auf S. 107/08. Der Gesamtdarstellung von 1988 waren zwischen 1983 und 1987 Ein-
zelstudien zu den Ärztinnen Anna Bayerová, Bohuslava Kecková, Teodora Krajewska und Jadwiga Olszewska
vorausgegangen.
15. Vgl. Banja Luka. Znamenite žene u istorii grada. Bearb. von einem Autorenteam unter der Leitung von Bil-
jana Panić Babić, Banja Luka, 2014. Die Ausführungen von Milena Karapetrović über Januszewska (Gizela Janu-
ševski – prva diplomirana doktorica) befinden sich auf S. 51-62.
16. Vgl. Brigitte Fuchs, ´Ärztinnen für Frauen´. Eine feministische Kampagne zwischen Wien, Prag und Sarajewo,
in: ´Wir wollen der Gerechtigkeit und Menschenliebe dienen…´. Frauenbildung und Emanzipation in der Habs-
burger Monarchie – der südslawische Raum und seine Wechselwirkung mit Wien, Prag und Budapest. Hrsg. von
Ilse Korotin, Vesela Tutavac, Wien, 2016 (biografiA. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung, 18), S. 94-
127. Vgl. außerdem Brigitte Fuchs, Husref Tahirović, „Gisela Januszewska (neé Rosenfeld), an Austro-Hungarian
´Woman doctor for women´ in Banja Luka, 1899-1912“, in: Acta medica academica, 49, 2020, 1, S. 75- 83. Die
Zeitschrift trägt den Untertitel „Journal of Department of Medical Sciences of Academy of Sciences and Arts of
Bosnia and Herzegovina“ und ist im Internet frei zugänglich.
17. Es handelt sich um die Studie von Beate Ziegeler, Weibliche Ärzte und Krankenkassen. Anfänge ärztlicher
Berufstätigkeit von Frauen in Berlin 1893-1935, Weinheim, 1993 (Ergebnisse der Frauenforschung, 31), mit
Ausführungen über Gisela Kuhn auf S. 78-81, und um die Studie von Reinhold Aigner, Die Grazer Ärztinnen aus
der Zeit der Monarchie, in: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, 70, 1979, S. 5-70. Zu Gisela Ja-
nuszewska siehe S. 59-62.
18. Zu den Angaben über Gisela Januszewska vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 102. Was den Geburtsna-
men Januszewskas betrifft, gibt es die beiden Varianten Rosenfeld-Roda und einfach nur Rosenfeld. Bei Nečas
ist z. B. von Rosenfeld-Roda die Rede. Das gilt übrigens auch für das Beamtendossier Januszewskas, das für sie
als Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina angelegt wurde. (Vgl. Dienst- und Qualifikations-Tabelle der Dr. med.
Gisela Kuhn, geb. Rosenfeld-Roda, provisorische bosnisch-herzegow. Amtsärztin in Banjaluka, in: Zbirka službe-
ničkih dosijea (ZSD) (Sammlung der Beamtendossiers) im Archiv Bosnien und Herzegowinas (ABH), Sarajevo).
Aigner dagegen spricht von Gisela Rosenfeld, ohne den Zusatz „Roda“ zu verwenden, aber den Namen von Ja-
nuszewskas Vater gibt er mit „Leopold Rosenfeld, dann Roda“ an. (Vgl. Aigner, Anmerkung 17, op. cit., S. 60).
Januszewskas Bruder Sándor Friedrich (1872-1945) trug bis 1899 den Namen Rosenfeld, von 1899 bis 1906 den
Namen Roda, dann nannte er sich Alexander Roda Roda.
19. Zu Vater und Mutter Januszewskas vgl. den Eintrag unter Alexander Roda Roda in der Deutschen Biogra-
phie, zugänglich unter: https://www.deutsche-biographie.de/sfz106151.html#ndbcontent, aufgerufen am
58
16.10.2020. In der Deutschen Biographie wird das Geburtsjahr von Januszewskas Vater, Leopold Rosenfeld, mit
1829 angegeben, in anderen wichtigen Quellen mit 1828.
20. Zu den Geschwistern Gisela Januszewskas vgl. ibid., zu Sándor Friedrich Rosenfeld bzw. Alexander Roda Ro-
da vgl. außerdem Anmerkung 18 der vorliegenden Arbeit.
21. Vgl. Aigner, Anmerkung 17, op. cit., S. 60.
22. Der erste Ehemann Januszewskas hieß übrigens mit Vornamen definitiv Heinrich (tschech. Jindřich)
und nicht Joachim, wie vielfach behauptet. Zu diesem Missverständnis ist es wohl insofern gekommen, als Aig-
ner Ausführungen von Alexander Roda Roda über seinen Schwager, den Ehemann von Gisela Kuhn, in seinem
Roman „Roda Rodas Roman“ (erschienen 1924), wortwörtlich genommen hat. Alexander Roda Roda hegte of-
fenbar keine besondere Sympathie für den Schwager und so heißt es denn an einer Stelle seines Romans: „Joa-
chim, das war unser verhaßter Schwager, Gisels Gatte.“ (Ausgabe des Romans von 1958, Hamburg, Wien, Verl.
Zsolnay, S. 145). Vielleicht konnte oder wollte er sich später nicht mehr an den richtigen Voramen des ersten
Ehemannes seiner Schwester Gisela erinnern.
23. Zu den Angaben über das Jahr der Eheschließung Kuhns, die Beteiligung Heinrich Kuhns an einer Brünner
Tuchfabrik sowie das Zusammenleben des Ehepaars Kuhn in Brünn, Alleegasse 3, vgl. Schreiben des k. k. Minis-
terpräsidenten vom 8.4.1899 an das Gemeinsame Finanzministerium. Das Ministerium reichte das Schreiben, in
dem es um die Lebensverhältnisse von Gisela Kuhn vor ihrer Bewerbung um die Amtsärztinnenstelle in Banja
Luka geht, mit einem eigenen Schreiben vom 12.4.1899 an die Landesregierung weiter. Beide Schreiben befin-
den sich unter ABH, ZMF 3787, B. H., 1899.
24. Vgl. ibid. (Schreiben des k. k. Ministerpräsidenten vom 8.4.1899 an das Gemeinsame Finanzministerium)
25. Vgl. Aigner, Anmerkung 17, op. cit., S. 60.
26. Vgl. dazu Anmerkung 4.
27. Abgesehen von Nečas, der in seinen Ausführungen zu Januszewska in der Studie „Mezi muslimkami….“ (vgl.
Anmerkung 13, op. cit., S. 102) erklärt, dass Gisela Kuhn zusammen mit ihrem Ehemann nach Zürich zog, sind
längere Zeit fast alle Darstellungen über Leben und Tätigkeit Januszewskas Aigner gefolgt, der in seiner Studie
„Die Grazer Ärztinnen…“ schreibt: „Da sie [Kuhn] sich in ihrem bildungsmäßigen Weiterstreben von einer ers-
ten Ehe mit dem wesentlich älteren und vermögenden Joachim Kuhn gefesselt fühlte, machte sie sich von die-
ser Bindung los und ging in die Schweiz…“. (Vgl. Aigner, Anmerkung 17, op. cit., S. 60) Was die angebliche Loslö-
sung bzw. Scheidung Kuhns von ihrem Gatten Heinrich Kuhn anbelangt, hat Aigner offensichtlich auch in die-
sem Fall eine Stelle im Roman Alexander Roda Rodas („Roda Rodas Roman“) fälschlicherweise für bare Münze
genommen, an der es heißt: „… meine ältere Schwester, Gisl, telegraphierte: sie habe die Stricke ihrer Ehe zer-
schnitten und sich auf die medizinische Fakultät zu Zürich eingeschrieben.“ (Vgl. S. 194 der in Anmerkung 22 zi-
tierten Ausgabe des Romans von Alexander Roda Roda.)
28. Vgl. Schreiben des k. k. Ministerpräsidenten vom 8.4.1899 an das Gemeinsame Finanzministerium, erwähnt
in Anmerkung 23.
29. Vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 102.
30. Vgl. Aigner, Anmerkung 17, op. cit., S. 60.
31. Vgl. Ziegeler, Anmerkung 17, op. cit., S. 78.
32. Vgl. ibid.
33. Vgl. Ziegeler, Anmerkung 17, op. cit., S. 78, und Beate Ziegeler, ´Zum Heile der Moral und der Gesundheit
ihres Geschlechtes...´. Argumente für Frauenstudium und Ärztinnen-Praxis um 1900, in: Weibliche Ärzte. Die
Durchsetzung des Berufsbildes in Deutschland. Hrsg. Von Eva Brinkschulte [etc.], Berlin, 1993, S. 33.
34. Vgl. Ziegeler, Anmerkung 17, op. cit., S. 78.
35. Vgl. Ziegeler, ´Zum Heile der Moral...´, Anmerkung 33, op. cit., S. 33.
36. Vgl. Ziegeler, Anmerkung 17, op. cit., S. 78. In ihrer Studie ´Zum Heile der Moral...´, zitiert in Anmerkung 33,
S. 33, spricht Ziegeler davon, dass Kuhn „noch einmal kurze Zeit gewissermaßen ´illegal´ als Kassenärztin“ gear-
beitet habe.
37. Vgl. Ziegeler, Anmerkung 17, op. cit., S. 79.
38. Vgl. ibid.
39. Vgl. Ziegeler, Anmerkung 17, op. cit., S. 80.
59
40. Kállay und Neumann gingen zu Beginn der 1890er Jahre von der Vorstellung aus, nach und nach für alle 6
Verwaltungskreise Bosnien-Herzegowinas je eine Amtsärztin einzusetzen. Kállay soll diese Absicht bei einer
Audienz geäußert haben, die er der ersten Amtsärztin, Anna Bayerová, vor ihrer Abreise nach Bosnien-Herze-
gowina und der Arbeitsaufnahme in D. Tuzla gewährte. (Vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 29) Von Profes-
sor Neumann, der von 1890 an mehr als ein Jahrzehnt zu den wichtigsten Beratern des Gemeinsamen Finanz-
ministeriums in Sachen Amtsärztinnen gehörte, gibt es zwei Äußerungen, denen zu entnehmen ist, dass auch er
von der Einsetzung je einer Amtsärztin in den 6 Verwaltungskreisen Bosnien-Herzegowinas ausging. Zum einen
handelt es sich um ein Schreiben an das Gemeinsame Finanzministerium, in dem Neumann seine Überlegungen
und Empfehlungen zum Einsatz der Amtsärztinnen in Bosnien-Herzegowina darlegt und sich über die Zahl der
Ärztinnen in Abhängigkeit von der Gesundheitssituation muslimischer Frauen wie folgt äußert: „Über die Häu-
figkeit der Erkrankung bei dieser Bevölkerung [den Musliminnen] sind wir bis jetzt noch ganz im Unklaren. Dies
wäre erst festzustellen, wenn in jedem Kreise eine Ärztin feststellen könnte, wie viel und welche Mohamme-
danerinnen krank sind, an welcher Krankheit dieselben leiden, wie groß die Zahl der Geburten, der Todesfälle
ist, und erst aus diesen Berichten, welche an die Kreisbehörde rpve. [respektive] an die Landesregierung und
von dieser an´s Ministerium geleitet werden, könnte man die notwendige Zahl der erforderlichen Ärztinnen be-
stimmen.“ (Vgl. das Schreiben Neumanns vom 22. Mai 1892 an das Gemeinsame Finanzministerium in dem
Konvolut ABH, ZMF 5447, B. H., 1892). Zum anderen ist auf ein Standardschreiben Neumanns vom 18. Juni
1892 an eine Reihe von Professoren zu verweisen, denen er mitteilte, dass das Gemeinsame Finanzministerium
nach Anna Bayerová weitere Amtsärztinnen in Bosnien-Herzegowina einzusetzen beabsichtige. Im Hinblick auf
die geplante Ausschreibung der Stellen bat er die Professoren um Unterstützung bei der Suche nach geeigneten
Bewerberinnen. Das Schreiben beginnt mit den Worten: „Euer Hochwohlgeboren! Wie Ihnen bekannt sein
dürfte, hat das Gemeinsame Ministerium mit der Anstellung weiblicher Ärztinnen in Bosnien-Hercegovina be-
reits den Anfang gemacht. Dasselbe beabsichtigt, noch weitere 5 Ärztinnen in 5 Kreisstädten zu engagieren,
und hat mich beauftragt, hiebei zu intervenieren.“ (Vgl. das Konvolut ABH, ZMF 5447, B. H., 1892). Interessant
ist schließlich auch die 1892 erfolgte Ausschreibung, mit der Bewerberinnen für weitere Amtsärztinnenstellen
gesucht wurden. Der Ausschreibungstext wurde in verschiedenen medizinischen Fachzeitschriften unter der
Überschrift „Konkurs für weibliche Amtsärzte in Bosnien und der Herzegovina“ veröffentlicht. „Von der bosni-
schen Landes-Regierung“ – so der Eingangssatz der Ausschreibung – „wird in den Kreisstädten Bosniens und
der Herzegovina im Interesse der weiblichen Bevölkerung je eine Ärztin mit dem Titel ´Amtsärztin´ angestellt...“
(Vgl. z. B. Internationale klinische Rundschau, 6, 1892, 30, S. 1248)
41. Vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 56/57.
42. Die einzige Ausschreibung für eine Amtsärztinnenstelle, die es in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre ge-
geben hat, war eine Ausschreibung von 1897 für die Stelle in D. Tuzla (vgl. dazu Anmerkung 46). Von einer
Ausschreibung für eine Amtsärztinnenstelle in Banja Luka ist in den Dokumenten, die die Verfasserin der vor-
liegenden Arbeit im Archiv Bosnien und Herzegowinas einsehen konnte, an keiner Stelle die Rede.
43. Vgl. Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium vom 11.10.1897, unterzeichnet
vom Chef der Landesregierung, Johann von Appel, in dem Konvolut ABH, ZMF 11153, B. H., 1897.
44. Vgl. ibid.
45. Vgl. Schreiben von Seiten des Gemeinsamen Finanzministeriums vom 21.10.1897 in dem Konvolut ABH,
ZMF 11153, B. H., 1897.
46. Der Text der Ausschreibung für die Amtsärztinnenstelle in D. Tuzla, der in handschriftlicher, aber offen-
sichtlich endgültiger Form vorliegt, ist überschrieben mit: „Concurs für die Stelle einer Amtsärztin in Bosnien“,
und der Einleitungssatz der Anzeige lautet: „In der Kreisstadt D. Tuzla (Bosnien) gelangt demnächst im Interesse
der weiblichen Bevölkerung dieser Stadt und des zugehörigen Kreises die Stelle einer Amtsärztin zur Beset-
zung.“ Zur Vergütung der Tätigkeit wird ausgeführt: „Mit dieser Stelle ist ein jährliches fixes Gehalt von 1000 fl.
[Gulden], eine Aktivitäts-Zulage von 400 fl. und ein Quartiergeld von 200 fl., zusammen 1600 fl., aus Landesmit-
teln verbunden.“ (Die Angabe der Vergütung ist hier noch in Gulden erfolgt, obwohl schon 1892 eine Umstel-
lung der Währung von Gulden auf Kronen im Verhältnis 1 zu 2 stattgefunden hatte. Einige Jahre lang existierten
beide Währungseinheiten – Gulden und Krone – aber noch parallel. In Kronen ausgedrückt sollte die Vergütung
für die ausgeschriebene Stelle also insgesamt 3200 K betragen.) Gegen Ende des Anzeigentextes werden die

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Bewerberinnen aufgefordert, die Bewerbung an die bosnisch-herzegowinische Landesregierung zu adressieren
und beim Gemeinsamen Finanzministerium in Wien einzureichen. Zum Text der Anzeige, die in verschiedenen
medizinischen Fachzeitschriften (u. a. in der Klinischen Wochenschrift, der Medizinischen Presse und der Inter-
nationalen klinischen Rundschau), in „einigen der wichtigeren Tagesblätter“ sowie in den in Bosnien-Herzego-
wina erscheinenden Zeitungen „Bosnische Post“ und „Sarajevski list“ veröffentlicht werden sollte, vgl. das Kon-
volut ABH, ZMF 11153, B. H., 1897. Außerdem wurde Professor Neumann von dem Gemeinsamen Finanzminis-
terium gebeten, sich für die Verbreitung der Stellenausschreibung an verschiedenen medizinischen Fakultäten
(u. a. in Bern, Zürich und Prag) und gynäkologischen Kliniken in Wien, Berlin und Leipzig einzusetzen. (Vgl. dazu
das in Anmerkung 45 zitierte Schreiben des Ministeriums.)
47. Olszewska hatte sich mit Schreiben vom 14.6.1898 um die Amtsärztinnenstelle in D. Tuzla beworben, wie
aus einem Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an das Ministerium des Äußern vom 13.12.1898
hervorgeht. (Vgl. ABH, ZMF 12712, B. H., 1898)
48. Eine Vorbedingung für die Einstellung von Amtsärztinnen war, dass die Kandidatinnen die österreichische
oder ungarische Staatsbürgerschaft oder die Landesangehörigkeit von Bosnien-Herzegowina erwerben muss-
ten, sofern sie noch nicht im Besitz einer dieser rechtlichen Eigenschaften waren. Olszewska, der die entspre-
chende Voraussetzung noch fehlte, strebte die österreichische Staatsbürgerschaft an. Verzögerungen bei ihrem
Einstellungsverfahren ergaben sich zunächst schon durch die schleppende Behandlung ihrer Bewerbung auf
Seiten der Landesregierung, dann aber auch noch aufgrund des Verfahrens zum Erwerb der neuen, österrei-
chischen Staatsbürgerschaft, das sich vermutlich vom Februar/März bis zum Mai 1899 hinzog. In Dokumenten
zur Einstellung von Kuhn findet sich verschiedentlich der Hinweis, dass deren Einstellung in Banja Luka vor-
aussetze, dass die Staatsbürgerschaftsfrage bei Olszewska geklärt sei. Andernfalls hätte Kuhn wohl in D. Tuzla
statt in Banja Luka eingesetzt werden sollen. (Vgl. dazu ABH, ZMF 2168, B. H., 1899, und ABH, ZMF 3787, B. H.,
1899, sowie ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/11)
49. Vgl. Anmerkung 46
50. Darüber, dass Professor Neumann in eine Korrespondenz mit Kuhn eingetreten war, und über Kuhns Präfe-
renzen hinsichtlich des zu besetzenden Amtsärztinnenpostens in Sarajevo, informierte das Gemeinsame Fi-
nanzministerium die Landesregierung mit Schreiben vom 12. Oktober 1898. (Vgl. ABH, ZMF 10322, B. H., 1898)
51. Zum Schreiben des Gemeinsamen Finanzministers in handschriftlicher Entwurfsform vgl. ABH, ZMF 2168, B.
H., 1899. Das Schreiben liegt auch In maschinenschriftlicher Form vor. (Vgl. dazu ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52
8/4)
52. Zu den Anstellungsbedingungen bei Olszewska vgl. Anmerkung 48.
53. Vgl. Schreiben des k. k. Ministerpräsidenten an das Gemeinsame Finanzministerium vom 8.4.1899 über die
Lebensverhältnisse von Kuhn vor ihrer Bewerbung um die Amtsärztinnenstelle in Banja Luka. Das Schreiben ist
zitiert in Anmerkung 23.
54. Vgl. Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums vom 5. April 1899, mit dem die Landesregierung über
die Auskunft des Ministeriums des Äußern bezüglich der Arbeitssituation Kuhns in Remscheid informiert wur-
de. Zu dem Schreiben vgl. ABH, ZMF 3422, B. H., 1899.
55. Die Ernennung Kuhns zur Amtsärztin in Banja Luka wurde mit einem Schreiben der Landesregierung (verse-
hen mit der Nr. 72549/I) vom 24. Mai 1899, unterzeichnet vom Zivil-Adlatus Bosnien-Herzegowinas, Hugo Frei-
herr von Kutschera, besiegelt. Das entsprechende Dekret wurde dann dem Gemeinsamen Finanzministerium
vorgelegt, das seine Weiterleitung an Kuhn veranlasste. Das Schreiben der Landesregierung findet sich in ma-
schinenschriftlicher Form als Beilage zu einem Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landes-
regierung vom 16. Juni 1899. Beide Dokumente sind Teil des Konvoluts ABH, ZMF 5595, B. H., 1899. Wie aus
dem Schreiben der Landesregierung hervorgeht, erfolgte die Ernennung Kuhns tatsächlich noch vor Abgabe des
Votums des Landessanitätsrats, dessen Zustimmung man sich aber offenbar sicher war.
56. Mit dem in Anmerkung 55 erwähnten Schreiben der Landesregierung vom 24. Mai 1899 und dem entspre-
chenden Dekret erhielt auch Olzewska ihre Ernennung zur Amtsärztin in D. Tuzla. Zugleich wurde die Verset-
zung Krajewskas nach Sarajevo verfügt.
57. Zu Vereidigung und Amtsantritt Kuhns vgl. ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/37.

61
58. Vgl. Milena Preindlsberger-Mrazović, Bosnisches Skizzenbuch. Landschafts- und Kulturbilder aus Bosnien
und der Hercegovina. Dresden, Leipzig, 1900. Hier wird das Digitalisat der Bibliothek der Universität Michigan,
Ann Arbor, von 2005 benutzt, dem die zitierte Ausgabe von 1900 zugrundeliegt:
https://quod.lib.umich.edu/b/bosnia/AJK7557.0001.001?view=toc, S. 180, aufgerufen am 16.10.2020.
59. Vgl. ibid., S. 182
60. Vgl. Heinrich Renner, Durch Bosnien und die Hercegovina kreuz und quer. Wanderungen. Berlin, 1896, S.
431, 435 und 437. Das Werk liegt auch als Digitalisat der Bibliothek der Universität Michigan, Ann Arbor, vor
und ist zugänglich unter https://quod.lib.umich.edu/b/bosnia/AGW0179.0001.001?view=toc, aufgerufen am
11.11.2020.
61. Vgl. ibid., S. 428
62. Nach Iljas Hadžibegović hatte Banja Luka 1895 13560 BewohnerInnen (nach der offiziellen Volkszählung von
1895, zitiert in Anmerkung 63, waren es 13566), Sarajevo 38083 und Mostar 14370. Vgl. Iljas Hadžibegović, Bo-
sanskohercegovački gradovi na razmeđu 19. i 20. stoljeća (Bosnisch-herzegowinische Städte an der Scheide des
19. und 20. Jahrhunderts), Sarajevo, 2004 (Historijske monografije, 1), S. 34.
63. Vgl. Hauptresultate der Volkszählung in Bosnien und der Hercegovina vom 22. April 1895, nebst Angaben
über territoriale Einteilung, öffentliche Anstalten und Mineralquellen. Zusammengestellt vom Statistischen De-
partement der Landesregierung. Mit einer Übersichtskarte. Herausgegeben von der Landesregierung für Bos-
nien und die Hercegovina, Sarajevo, 1896, S. 152/153.
64. Vgl. das periodische Nachschlagewerk „Bosnischer Bote“ (auch „Bosanski glasnik“), Universal-Hand- und
Adressbuch für Bosnien-Hercegovina, Sarajevo, 5. Jahrgang, 1901, S. 207.
65. Zur Zahl der weiblichen Bevölkerung der Stadt Banja Luka vgl. Hauptresultate der Volkszählung in Bosnien
und der Hercegovina vom 22. April 1895, Anmerkung 63, op. cit., S. 152/53. Die Zahl von ca. 3600 potentiellen
muslimischen Patientinnen ergibt sich, wenn man den Gesamtanteil der Muslime und Musliminnen an der Be-
völkerung Banja Lukas, 7524, halbiert und den Anteil der Frauen dann etwas niedriger ansetzt als den der Män-
ner, was einigermaßen realistisch ist.
66. Anstelle einiger Vorläufer wurde am 1. Juli 1892 ein „neues, einstöckiges Spitalsgebäude“ in Banja Luka er-
öffnet, das im Normalbetrieb Platz für 60 Patienten bot. Das Spital verfügte u. a. über zwei Ambulatorien, ein
Operationszimmer, und – besonders erwähnenswert – einen Raum „als Visitezimmer für weibliche Kranke“.
Außerdem hatte es „eine kleine Handapotheke“. Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-
1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 243/244.
67. Zur Eröffnung der staatlichen Höheren Mädchenschule in Banja Luka im Schuljahr 1898/99 und zum Cha-
rakter dieses Schultyps vgl. S. 50 der vorliegenden Arbeit.
68. Die Punkte 2 und 3 der handschriftlich überlieferten „Instruktion für die Amtsärztinnen in Bosnien und der
Herzegowina“ lauteten: [Punkt 2] „Die Aufgabe derselben [der Amtsärztin] ist die Behandlung der weiblichen,
namentlich mohammedanischen Bevölkerung in der Stadt, woselbst sie ihren Amtssitz hat, gleichwie in deren
nächster Umgebung.“ [Punkt 3] „Diese erkrankten Frauen muss sie im Gemeinde-Gebiete der Stadt unentgelt-
lich behandeln, gleichwie sie zur Abhaltung eines Ambulatoriums verpflichtet ist.“ Zur Instruktion vgl. das Kon-
volut unter ABH, ZMF 5447, B. H., 1892.
69. Zu Anna Bayerová und ihren Bezügen, darunter auch das Quartiergeld von 200 Gulden, vgl. das Dekret des
Gemeinsamen Finanzministeriums vom 30. Dezember 1891 (ABH, ZMF ad 11024, B. H., 1891, Anlage zu ZMF
11024, B. H., 1891). In der Ausschreibung der Amtsärztinnenstelle in D. Tuzla von 1897 ist weiterhin von einem
Quartiergeld in Höhe von 200 Gulden die Rede. Vgl. dazu Anmerkung 46.
70. Zu dem regelmäßigen jährlichen Zuschuss, der Krajewska am 19. September 1898 zum Zwecke der Erhal-
tung ihres Ambulatoriums gewährt wurde, vgl. das Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanz-
ministerium vom 25. August 1899 (im Konvolut unter ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/39).
71. Das Gesuch Kuhns ist an die Landesregierung Bosnien-Herzegowinas gerichtet, weist kein Datum auf und ist
offenbar auf dem Weg nach Banja Luka bei einem Zwischenaufenthalt in Budapest verfasst worden, wo inzwi-
schen Kuhns Eltern lebten. Aus einem Erlass des Gemeinsamen Finanzministeriums vom 21. Juni 1899 geht her-
vor, dass das Gesuch am 14. Juni 1899 bei dem Ministerium eintraf. Die Erstattung der nicht unbeträchtlichen
Umzugskosten in Höhe von 540 Gulden lehnte das Ministerium mit der Begründung ab, „dass dem zureisenden

62
bosnischen Beamten normalmässig nur die eigentlichen Reisekosten (Fahrbillets, Wägen, Reisegepäcksfracht),
aber nicht die eventuellen Möbeltransportkosten ersetzt werden“ könnten. (Vgl. das Konvolut unter ABH, ZVS
1899, kut. 279, š. 52 8/39)
72. Zum Gesuch Olszewskas vom 11. August 1899 um einen Zuschuss zur Einrichtung ihres Ambulatoriums in D.
Tuzla in Höhe von 140 Gulden vgl. das Konvolut unter ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/39.
73. Zu den Ausführungen der Landesregierung vgl. das Schreiben an das Gemeinsame Finanzministerium, da-
tiert vom 25. August 1899 (im Konvolut ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/39).
74. Vgl. den Erlass 9353 des Gemeinsamen Finanzministeriums vom 7. September 1899 unter ABH, ZVS 1899,
kut. 279, š. 52 8/41.
75. Vgl. den Erlass 11026 des Gemeinsamen Finanzministeriums vom 18. Oktober 1899 unter ABH, ZVS 1899,
kut. 279, š. 52 8/47.
76. Über Bayerová heißt es bei Nečas, dass sie am 8. Januar 1892 in D. Tuzla unter großer Aufmerksamkeit der
einheimischen und ausländischen Presse feierlich in ihr Amt eingeführt wurde. (Vgl. Nečas, Anmerkung 13, op.
cit., S. 30)
77. Vgl. Punkt 1 der in Anmerkung 68 zitierten „Instruktion“.
78. In ihrem Schreiben vom 24. Mai 1899 teilte die Landesregierung dem Gemeinsamen Finanzministerium die
Ernennung Olszewskas, Kuhns und Krajewskas zu Amtsärtzinnen in D. Tuzla, Banja Luka und Sarajevo mit und
berichtete dem Ministerium außerdem, dass die Kreisbehörden von D. Tuzla und Banja Luka angewiesen wur-
den, den Ärztinnen Olszewska und Kuhn „gleich nach ihrem Eintreffen eine Abschrift der in Geltung stehenden
provisorischen Dienst-Instruktion für die Amtsärztinnen zur Darnachhaltung einzuhändigen“. Der Kreisbehörde
Banja Luka sei zu diesem Zweck „eine ihr bisher noch nicht zugekommene derartige Instruktion“ übermittelt
worden. (Das Schreiben ist Teil des Konvoluts ABH, ZMF 5595, B. H., 1899.)
79. Zur Höhe der Vergütung von Januszewska liegt keine unmitttelbare Angabe vor. Die Vergütung ergibt sich
aber aus dem Text der Ausschreibung für die Amtsärztinnenstelle in D. Tuzla 1897. Die dort enthaltene, noch in
Gulden angegebene (Gesamt)Vergütung von 1000 Gulden Grundgehalt, 400 Gulden Aktivitätszulage und 200
Gulden Quartiergeld war seit der Zeit Bayerovás 1891/92 unverändert geblieben (zu Bayerová vgl. Nečas, An-
merkung 13, op. cit., S. 16/17, zu Keckovás und Krajewskas Anfangsvergütung vgl. ibid., S. 58 bzw. S. 74). Erst
1904/05 kam es zu einer Erhöhung der Amtsärztinnenvergütung. Dazu hatte es eines Gesuchs der Amtsärztin-
nen Krajewska und Kecková bedurft. Diese hatten in einer Petition vom 19. September 1900 die Landesregie-
rung um eine angemessene Einreihung in das Rangklassensystem für die Beamtenschaft Österreich-Ungarns
und eine bessere Vergütung gebeten. (Vgl. das Gesuch unter ABH, ZVS 1904, kut. 35, š. 38 281/2) Die Landesre-
gierung hatte das Gesuch allerdings lange Zeit nicht weitergegeben, bis das Gemeinsame Finanzministerium
schließlich 1904 von dessen Existenz erfuhr und erklärte: „Die Amtsärztinnen sind also mit ihren fixen Bezügen
von 3200 K[ronen] weit zurückgeblieben.“ (Vgl. Schreiben an die Landesregierung vom 17. Juni 1904 mit der
Kennzeichnung z. 5700, B. H., 1904, zu finden unter ABH, ZVS 1904, kut. 35, š. 38-281.) Die fragwürdige Begrün-
dung der Landesregierung für die Nichtweitergabe des Gesuchs lautete sinngemäß, man habe seinerzeit nicht
erwartet, dass das Gesuch bei dem Ministerium auf offene Ohren stoßen würde. (Vgl. Schreiben der Landesre-
gierung vom 30. November 1904/Z. 95921/I, das sich unter ABH, ZMF 12542, B. H., 1904, befindet.) Die Neure-
gelung, die dann geschaffen wurde, sah eine gewisse Verbesserung der Vergütung bei den schon längere Zeit
beschäftigten Amtsärztinnen vor, neu einzustellende Amtsärztinnen aber sollten ein Anfangsgehalt in Höhe der
bisherigen (Gesamt)vergütung der Amtsärztinnen von 3200 K erhalten. Mit der Neuregelung wurde auch ein
speziell auf die Amtsärztinnen zugeschnittenes, dreistufiges „Gebührenschema“ eingeführt. (Zur Neuregelung
der Amtsärztinnenvergütung 1904/05 vgl. ABH, ZMF 1929, B. H., 1905.)
80. Erwähnt ist Kuhns Jahresbericht z. B. in dem Entwurf für ein Schreiben der Landesregierung an das Gemein-
same Finanzministerium vom 13.1.1901. (Vgl. ABH, ZVS 1900, kut. 238, š. 52 10/37)
81. Es handelt sich um den „Bericht über die ärztliche Tätigkeit der Dr. Gisela Januszewska, Privatärztin und
Leiterin des Ambulatoriums ´D. Šeher´, über das erste Halbjahr 1912“, den Januszewska am 5. Juli 1912 ver-
fasst, mit einem „Verzeichnis der in Privatordination und in ihren Häusern behandelten Kranken im I. Semester
1912“ versehen und an die Landesregierung adressiert hat. Diese erhielt ihn auf dem Dienstweg, nachdem er
das Stadtbezirksamt Banja Luka und die Kreisbehörde Banja Luka passiert hatte. Der Bericht umfasst die Tätig-

63
keit Januszewskas im ersten Halbjahr 1912 sowie eine relativ ausführliche Rückschau auf ihre gesamte Tätigkeit
in Banja Luka. (Vgl. ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/5)
82. Der Arzt Leopold Glück, der aus Polen stammte und im Gesundheitswesen Bosnien-Herzegowinas in der
österreichisch-ungarischen Periode eine wichtige Rolle spielte, umriss die Art und Weise, wie die Mehrheit der
Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas jahrhundertelang mit den traditionellen Heilweisen gelebt hatte, 1890 ein-
mal folgendermaßen: „Wir [d. h. die Ärzte, die eine Tätigkeit in Bosnien-Herzegowina aufgenommen hatten]
betraten ein Gebiet, welches der öffentlichen Fürsorge um körperliches Wohl nahezu gänzlich entbehrte und
dessen Bevölkerung zum größten Teile wenigstens von der Existenz studierter Ärzte keine Ahnung hatte. [Ab-
satz] Auf sich selbst angewiesen, suchte das Volk bei alten Weibern, berufsmäßigen Kurpfuschern und nicht
zum geringsten Teile auch bei der Geistlichkeit in Krankheitsfällen Rat und Hilfe. Die spärlich gesäten ottomani-
schen Militärärzte, Chirurgen und Apotheker, welche nur in größeren Garnisonsorten disloziert waren, waren
für das Volk im Ganzen und Großen kaum zugänglich.“ (Vgl. Leopold Glück, Die volkstümliche Behandlung der
Syphilis in Bosnien und der Herzegowina, in: Wiener medizinische Wochenschrift, 1890, 8, S. 300)
83. Zu dem Zitat vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in
Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81. Mit „dem Spaniolen Kalamiko“, „dem Hodža“ und „dem Franziskaner“
spielt Januszewska auf drei wichtige Instanzen an, die von der weiblichen Bevölkerung in und um Banja Luka
bei Krankheiten gerne in Anspruch genommen wurden. Mit „dem Spaniolen Kalamiko“ ist offensichtlich Kalmi
Altarac (1850-1933), genannt Kalmiko oder Kalamiko, gemeint, ein sephardischer Jude, der von dem jüdischen
Arzt Isak Papo-Papić angelernt worden war und in Banja Luka wirkte. (Vgl. dazu Samuel Elazar, Narodna me-
dicina sefardskih jevreja u Bosni (Die Volksmedizin der sephardischen Juden in Bosnien), zuletzt bearbeitet am
5. Juli 2010, S. 1 von 5, erschienen auf dem Portal ´El mundo sefarad´, zugänglich unter:
http://www.elmundosefarad.wikidot.com/narodna-medicina-sefardskih-jevreja-u-bosni, aufgerufen am
16.10.2020. „Der Hodscha“ steht für islamische Religionsgelehrte und „der Franziskaner“ für Mönche des Fran-
ziskanerordens, der in Bosnien-Herzegowina schon seit Jahrhunderten vertreten war.
84. Zu den immer wiederkehrenden Pocken-Epidemien in Bosnien-Herzegowina vgl. etwa „Das Sanitätswesen
in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901“, Anmerkung 9, op. cit., S. 93.
85. Zur Pocken-Epidemie in den Kreisen Banja Luka, Bihać, Dolnja Tuzla und Travnik zwischen 1899 und 1901
vgl. ibid., S. 96/97.
86. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.
87. Dass Kuhn auch in Prijedor zur Pockenbekämpfung eingesetzt war, geht aus einer Anweisung der Landesre-
gierung an das Bezirksamt Prijedor vom 13.3.1900 hervor, in der es heißt, dass Kuhn „nach vollzogener Notimp-
fung der dortigen weiblichen mohamedanischen Bevölkerung“ zur Erholung nach Banja Luka zurückgeschickt
werden solle. (Vgl. ABH, ZVS 1900, kut. 244, š. 52 196/2)
88. Vgl. den Bericht Januszewskas zum ersten Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.
89. Vgl. die Anweisung des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregierung vom 16. Juni 1899 (ABH,
ZMF 5595, B. H., 1899). Die Anweisung befindet sich auch im Konvolut ABH, ZVS 1899, kut. 279, š. 52 8/24. Eine
entsprechende Regelung wie für den Kreis Bihać enthielt die Anweisung des Finanzministeriums auch für den
Kreis Travnik. Um diesen Kreis sollte sich nötigenfalls die Amtsärztin des Kreises Sarajevo kümmern.
90. Zu Kuhns Telegramm und dem darauf Bezug nehmenden Schreiben der Landesregierung an die Kreisbehör-
den in Bihać und Banja Luka vgl. ABH, ZVS 1900, kut. 244, š. 52 196/6.
91. Vgl. den Bericht der Kreisbehörde Bihać an die Landesregierung vom 10.5.1900 unter ABH, ZVS 1900, kut.
244, š. 52 196/7.
92. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.
93. Vgl. ibid.
94. Zu den folgenden Angaben über die Zahl der Patientinnen und Patienten Kuhns und über die Häufigkeit der
von Kuhn behandelten Krankheiten vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmer-
kung 9, op. cit., S. 243/44. Dem Sanitätsdepartement der Landesregierung hat der Bericht Kuhns über das eine

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Jahr ihrer Amtsärztinnentätigkeit mit Sicherheit vorgelegen, und von dieser Regierungsstelle haben die Verfas-
ser des zitierten grundlegenden Werkes über das bosnisch-herzegowinische Gesundheitswesen, als dessen
Herausgeber die Landesregierung zeichnete, bestimmt alle wichtigen Tätigkeitsberichte der Amtsärztinnen,
Kuhn eingeschlossen, zur Verfügung gestellt bekommen.
95. Wie auf S. 8 der vorliegenden Arbeit erwähnt, hatten offizielle Erkundigungen über das Leben Kuhns, die im
Zusammenhang mit ihrer Bewerbung auf die Amtsärztinnenstelle in Banja Luka standen, ergeben, dass Kuhn
plante, gemeinsam mit ihrem Gatten Heinrich Kuhn nach Bosnien zu ziehen, wenn sie dort eine Anstellung be-
käme. Einen weiteren Hinweis auf ein anfängliches gemeinsames Leben Gisela Kuhns mit ihrem Ehemann Hein-
rich Kuhn in Banja Luka liefert ein Schreiben Heinrich Kuhns an die Landesregierung, in welchem sich dieser
über das Verhalten des Kreisarztes Januszewski und seiner Ex-Ehefrau Gisela Kuhn beschwert. (Zum Schreiben
Heinrich Kuhns vom 8.7.1900 an die Landesregierung vgl. ABH, ZVS 1900, kut. 244, š. 52 196/8.)
96. In dem Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka (zi-
tiert in Anmerkung 81) ist die Rede davon, dass die Verehelichung mit Januszewski im August 1900 erfolgte,
nach dem Beamtendossier zu Januszewski war es wohl der 8.8.1900 (das Datum ist nicht eindeutig zu entzif-
fern). (Vgl. Dienst- und Qualifikations-Tabelle des Kreisarztes I. Klasse Dr. Ladislaus Januszewski, unter ABH,
Zbirka službeničkih dosijea (ZSD) (Sammlung der Beamtendossiers)
97. Vgl. das in Anmerkung 95 zitierte Schreiben Heinrich Kuhns vom 8.7.1900 an die Landesregierung.
98. Zu den Umständen der Wiederverheiratung Gisela Kuhns vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 104.
99. Zu Alexander Roda Rodas Übertritt zum Katholizismus vgl. den Eintrag unter Alexander Roda Roda in der
Deutschen Biographie, zugänglich unter: https://www.deutsche-biographie.de/sfz106151.html#ndbcontent,
aufgerufen am 16.10.2020.
100. Zu allen Angaben über Januszewski in diesem Absatz vgl. dessen Beamtendossier, zitiert in Anmerkung 96.
101. Zum Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium vom 11.9.1900 vgl. ABH, ZMF
10450, B. H., 1900.
102. Die Nachteile, die den Amtsärztinnen im Laufe der Jahre durch ihren Sonderstatus, d. h. die Nichteinglie-
derung in das Rangklassensystem der Beamtenschaft, im Hinblick auf ihre Vergütung wie auch auf bestimmte
Versorgungsansprüche entstanden sind, haben dazu geführt, dass sie gemeinsam und auch einzeln immer wie-
der Petitionen einreichten, in welchen sie um Verbesserungen ihres Status und ihrer Vergütung baten. Diese
Seite der Geschichte der Amtsärztinnen ist noch wenig aufgearbeitet, lediglich Nečas hat sich damit schon an-
satzweise befasst, und seine Ausführungen lassen erahnen, wie sehr die Amtsärztinnen um eine ihrer Leistung
angemessene Vergütung und Eingliederung in das Rangklassensystem der Beamten ringen mussten. (Zu Nečas
vgl. Anmerkung 13, op. cit., u. a. S. 17 und 75.) Zur wahrscheinlich ersten einschlägigen Petition der Amtsärz-
tinnen, der gemeinschaftlich von Krajewska und Kecková verfassten Petition von 1900, vgl. Anmerkung 79 der
vorliegenden Arbeit. Noch 1912 sahen sich die Amtsärztinnen gezwungen, in einer gemeinschaftlich von Kra-
jewska, Olszewska und Rakić verfassten Petition erneut um eine gerechte Rangklasseneinstufung und Vergü-
tung mit entsprechendem Versorgungsanspruch zu bitten. In der Petition heißt es u. a.: „Da die Amtsärztin in
keine Rangsclasse eingereiht ist, so kann sie, wenn sie auch lange dienstfähig bleibe, nach dem zwanzigsten
Dienstjahre keine weitere Erhöhung ihrer Bezüge mehr erwarten. [Absatz] Aufgrund des Obgesagten erlauben
sich die Gefertigten an das Wohlwollen der hohen Landesregierung zu appellieren und um die hochgeneigte
Berücksichtigung der auf die Verbesserung ihrer materiellen Lage abzielenden Wünsche zu bitten, und zwar:
[Absatz] Die hohe Landesregierung geruhe in gerechter Würdigung der obangeführten Gründe die Amtsärztin-
nen mit den Bezirksärzten bezüglich der Einreihung in eine Rangsclasse, der damit verbundenen Bezüge und
der Anwartschaft auf Vorrückung gleich[zu]stellen.“ (Zur Petition von 1912 vgl. das Konvolut unter ABH, ZV
2268, prez.[idijal], B. H., 1913.)
103. Zum Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregierung vom 22.9.1900 vgl. ABH,
ZMF 10450, B. H., 1900.
104. Zum Schreiben Januszewskas vom 17.10.1900 vgl. ABH, ZVS 1900, kut. 244, š. 52 184/5.
105. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.

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106. Das Dekret der Landesregierung über die Demission Januszewskas vom 26. Oktober 1900 (162495/I) ließ
sich im Archiv Bosnien und Herzegowinas nicht auffinden. Die Zitate stammen aus der Wiedergabe von Teilen
des Dekrets durch Januswzewska in ihrem Bericht von 1912, der in Anmerkung 81 zitiert ist.
107. Der Termin der Amtsenthebung Januszewskas (Ende Oktober 1900) geht aus einem Schreiben der Landes-
regierung an das Gemeinsame Finanzministerium vom 19.11.1900 hervor. (Vgl. ABH, ZMF 13246, B. H., 1900)
108. Zu den Problemen Rosa Einhorns, verh. Bloch-Einhorn, vgl. Barbara Martin, Als Ärztin in Bosnien-Herzego-
wina – zur Tätigkeit Rosa Bloch-Einhorns in Travnik von 1902 bis 1917(?), zugänglich auf der Internet-Plattform
Scribd unter: https://de.scribd.com/document/386555172/Als-Arztin-in-Bosnien-Herzegowina-zur-Tatigkeit-
Rosa-Bloch-Einhorns-in-Travnik-von-1902-bis-1917, S. 21-22.
109. Vgl. ibid., S. 26-29
110. Zwar waren auch die Amtsärztinnen schon laut der für sie geltenden „Instruktion“ im Prinzip berechtigt,
sich auch privatärztlich zu betätigen, doch hatten sie selbstverständlich in erster Linie ihre Amtsärztinnenpflich-
ten zu erfüllen, vgl. Punkt 4 der in Anmerkung 68 zitierten „Instruktion“. Der Spielraum, den sie daneben für die
Privatordination hatten, war häufig zeitlich so begrenzt, dass sie das entsprechende Recht, das ihnen theore-
tisch die Möglichkeit bot, zu ihrem Gehalt als Amtsärztinnen etwas hinzuzuverdienen, gar nicht nutzen konn-
ten. Als zweite Ärztin nach Januszewska erhielt Rosa Bloch-Einhorn 1905 die Genehmigung zur Eröffnung einer
Privatpraxis in Bosnien-Herzegowina. Doch sie musste die Erfahrung machen, dass die sozialen und ökonomi-
schen Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Privatärztin im damaligen Bosnien-Herzegowina nicht sehr günstig
waren, vgl. dazu Martin, Als Ärztin in Bosnien-Herzegowina…, Anmerkung 108, op. cit., S. 34-35.
111. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.
112. Zu den Jahren 1900 und 1901 konnten im Archiv Bosnien und Herzegowinas keine Berichte Januszewskas
gefunden werden. Zu 1902 ließ sich ein verkürzter Bericht zu ihrer privatärztlichen Tätigkeit in Banja Luka und
ihrer Sprechstunde im Bad Slatina finden, außerdem ein Jahresbericht speziell zu ihrer Tätigkeit im Kloster Na-
zareth. Zu 1903 liegen zwei Quartalsberichte zu dem Ambulatorium „D. Šeher“ vor. Ferner gibt es für 1903
einen Bericht Januszewskas über ihre Tätigkeit im Kloster Nazareth sowie 3 Statistiken (u. a. zur Privatpraxis
und zu den Sprechstunden im Bad Slatina), bei denen es sich um Beilagen zu einem nicht auffindbaren Jahres-
bericht 1903 handelt. Zu 1904 ließ sich kein Bericht finden. Zu 1905 liegt eine nur wenige Zahlenangaben um-
fassende, vom Gemeinsamen Finanzministerium angefertigte Wiedergabe des Tätigkeitsberichts von Januszew-
ska vor. Zu 1906 konnte nur ein Einzelbericht Januszewskas über ihre Tätigkeit im Kloster Nazareth entdeckt
werden, und zu 1907 ließen sich keinerlei Berichte finden. Die Zeit von 1908 bis 1912 ist erfreulicherweise lü-
ckenlos durch die entsprechenden Jahresberichte abgedeckt. Dass es aber auch von 1900 bis einschließlich
1907 durchgehend Jahresberichte gegeben hat, ergibt sich aus dem Titelzusatz zu Januszewskas einzigem Zeit-
schriftenaufsatz „Über Osteomalazie – mit Anhang über Tetanie“. (Aus meinen Jahresberichten an die bosn.-
herz. Landesregierung 1900 bis inklusive 1909). Der Aufsatz ist vollständig zitiert in Anmerkung 212.
113. Vgl. dazu den „Jahresbericht über die ärztliche Tätigkeit im Jahre 1910 von Dr. Gisela Januszewska“ unter
ABH, ZVS 1911, kut. 271, š. 96 190/2.
114. Die „Instruktion...“, auf deren Punkte 2, 3 und 9 hier Bezug genommen wird, ist in Anmerkung 68 zitiert.
115. Zu den Anfängen ihrer Privatärztinnentätigkeit vgl. Januszewskas Bericht zum 1. Halbjahr 1912 und zu ih-
rer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81.
116. Statistiken zu den PatientInnen der Privatpraxis und ihren Krankheiten befinden sich als Beilagen zu den
folgenden Berichten Januszewskas: Bericht 1902 (da sind die Angaben zur Privatpraxis allerdings mit denen zu
den Sprechstunden im Bad Slatina zusammengeführt). Zu dem Bericht vgl. „Jahresbericht pro 1902 der Dr. Gi-
sela Januszewska über ihre Tätigkeit“ (ABH, ZVS 1903, kut. 137, š. 52 10/5); Bericht 1903: Adressiert „An das
löbliche Stadtbezirksamt Banja Luka. – Dr. Gisela Januszewska mit Jahresbericht über die ärztliche Tätigkeit im
Jahre 1903“. Der eigentliche Jahresbericht scheint im Archiv Bosnien und Herzegowinas nicht vorhanden zu
sein, es liegen nur 3 Statistiken vor, u. a. zur Privatpraxis und zu den Sprechstunden im Bad Slatina (ABH, ZVS
1904, kut. 37, š. 38 300/5); Bericht 1908: „Dr. Gisela Januszewska mit Jahresbericht 1908 über [ihre] ärztliche
Tätigkeit samt 2 Beilagen“, adressiert „An die Landesregierung, Sarajevo, im Wege der Kreisbehörde Banjaluka“
(ABH, ZVS 1911, kut. 271, š. 96 190/3); Bericht 1909: „Jahresbericht pro Jahr 1909 von Dr. Gisela Januszewska“,

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adressiert „An die Landesregierung in Sarajevo – [auf dem] Dienstweg vorgelegt“ (ABH, ZVS 1910, kut. 209, š.
96-5); Bericht 1910: der Bericht ist zitiert in Anmerkung 113; Bericht 1911: „Jahresbericht über die ärztliche
Tätigkeit der Dr. Gisela Januszewska, Leiterin des Ambulatoriums ´D. Šeher´, für das Jahr 1911“, adressiert „An
die Landesregierung in Sarajevo – [auf dem] Dienstweg vorgelegt“ (ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96-191); Bericht
1912: Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zitiert in
Anmerkung 81.
117. Zur Anzahl der Patientinnen der Privatpraxis in den Jahren 1903 bis 1910 vgl. Januszewskas Jahresbericht
1910, zitiert in Anmerkung 113. Danach betrug die Zahl 1903 552 (an anderer Stelle, im Jahresbericht 1903, zi-
tiert in Anmerkung 116, ist von 594 Patientinnen die Rede), 1904 548, 1905 663; 1906 732; 1907 592; 1908
607; 1909 617; 1910 520. Im Jahr 1911 machte die Zahl der Patientinnen 507 aus und im ersten Halbjahr 1912,
also bis zur Beendigung von Januszewskas Tätigkeit in Banja Luka, 276. (Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu
1911, zitiert in Anmerkung 116, und den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit
als Ärztin in Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81.) In ihrem Jahresbericht 1910 gibt Januszewska auch die Zahl
ihrer Patientinnen an der Privatpraxis für die Jahre 1900 (463), 1901 (646) und 1902 (449) an. Diese Zahlen las-
sen sich allerdings nicht in Einklang bringen mit Angaben, die sie in ihrem Jahresbericht 1902 gemacht hat. Dort
ist die Zahl der Patientinnen der Privatpraxis wie auch der Sprechstunden im Bad Slatina zusammengefasst und
für die Jahre 1900, 1901 und 1902 mit 946, 732 und 848 angegeben. (Der Bericht 1902 ist zitiert in Anmerkung
116.) Da die Zahl der Patientinnen im Bad Slatina laut Angaben, die Januszewska an anderer Stelle gemacht hat,
1900 108, 1901 129 und 1902 163 betrug, ergeben sich unter Berücksichtigung dieser Angaben für die Zahl der
Patientinnen an der Privatpraxis folgende Werte: für 1900 838, für 1901 603 und für 1902 685. (Zu Januszew-
skas Angaben über ihre Klientel im Bad Slatina vgl. Anlage zum Schreiben der Landesregierung an das Ge-
meinsame Finanzministerium, das dem Juni 1912 zuzuordnen ist und sich unter ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96
191/7, befindet.) Gründe für das Vorliegen der sehr unterschiedlichen Zahlen über die Patientinnen von Janu-
szewskas Privatpraxis in den Jahren 1900 bis 1902 sind nicht erkennbar. Die Zahlen, die in dem Jahresbericht
1902 enthalten sind, sind aber sicher nicht ganz von der Hand zu weisen, und sie sind insofern von besonde-
rem Interesse, als sie gewisse Rückschlüsse auf die konfessionelle Zusammensetzung der Klientel der Privatpra-
xis in der Zeit von 1900 bis 1902 erlauben. (Näheres dazu siehe Anmerkung 118)
118. Dass die Zahl der muslimischen Patientinnen an der Privatpraxis Januszewskas in den Jahren 1900 bis 1902
noch relativ gering war ist eine Vermutung, die auf Angaben beruht, die Januszewska in ihrem Jahresbericht
1902 gemacht hat. Diese Angaben sind, wenn auch etwas fragwürdig, so doch sicher nicht aus der Luft gegrif-
fen. (Vgl. dazu Anmerkung 117) Den Angaben zufolge betrug die Zahl der Patientinnen der Privatpraxis und der
Sprechstunden im Bad Slatina zusammengenommen 1900 946, 1901 732 und 1902 848, und der Anteil der
Musliminnen daran belief sich 1900 auf 186, 1901 auf 232 und 1902 auf 314. Da auch die Zahlen über die Ge-
samtklientel der Sprechstunden im Bad Slatina wie auch über den Anteil der Musliminnen daran für die Jahre
1900 bis 1902 vorliegen – 1900 waren es insgesamt 108 Patientinnen, darunter 24 Musliminnen, 1901 insge-
samt 129 Patientinnen, darunter 25 Musliminnen und 1902 insgesamt 163 Patientinnen, darunter 56 Musli-
minnen – lässt sich mit diesen Angaben sowohl die Gesamtzahl der Patientinnen der Privatpraxis wie auch der
Anteil der Musliminnen daran ermitteln. Demnach betrug die Zahl der Patientinnen an der Privatpraxis (ohne
die Patientinnen im Bad Slatina) 1900 838, 1901 603 und 1902 685. Davon waren 1900 162 (19,3%), 1901 207
(34,3%) und 1902 258 (37,7%) Musliminnen. (Zu den Angaben über die Zahl der Patientinnen in den Sprech-
stunden im Bad Slatina vgl. das in Anmerkung 117 zitierte Dokument.) Aufgrund dieser Werte wird man wohl
davon ausgehen können, dass die Zahl der nichtmuslimischen Patientinnen (vor allem der serbisch-orthodoxen
und katholischen Patientinnen) in den ersten Jahren der Privatpraxis tatsächlich jene der muslimischen Patien-
tinnen deutlich überwog.
119. Für 1908, (1909 ist ohne entsprechende Angaben) 1910 und 1911 weisen Januszewskas Statistiken zu den
Patientinnen ihrer Privatpraxis 550, 520 bzw. 507 Patientinnen aus. Die Musliminnen bildeten jeweils die größ-
te Gruppe (274, 299 bzw. 341), mit deutlichem Abstand gefolgt von den römisch-katholischen (208, 110 bzw.
87), serbisch-orthodoxen (36, 78 bzw. 21) und jüdischen Patientinnen (32, 33 bzw. 15). Die Jahresberichte 1908
und 1911 sind zitiert in Anmerkung 116, zum Jahresbericht 1910 vgl. Anmerkung 113.

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120. Zu dem Anteil von Musliminnen an der Gesamtklientel des Ambulatoriums „D. Šeher“ im Jahr 1903, der
ca. 90% ausmachte, vgl. S. 29/30 der vorliegenden Arbeit.
121. Hier seien beispielhaft die Angaben zu den Jahren 1903, 1908 und 1911 angeführt: 1903 behandelte Ja-
nuszewska in ihrer Privatpraxis insgesamt 594 Patientinnen, davon 60 (10,1%) wegen (akuter) Infektionen, 47
(7,9%) wegen Krankheiten des Verdauungstrakts, 31 (5,2%) wegen Stoffwechselkrankheiten und 58 (9,8%)
wegen Krankheiten der Geschlechtsorgane, an chirurgischen Fällen gab es 23 (3,9%); 1908 waren es insgesamt
555 Patientinnen, von denen 70 (12,6%) wegen (akuter) Infektionen, 53 (9,5%) wegen Krankheiten des Verdau-
ungstrakts, 31 (5,6%) wegen Stoffwechselkrankheiten und 42 (7,6%) wegen Krankheiten der Geschlechtsorgane
behandelt wurden, die Zahl der chirurgischen Fälle lag bei 63 (11,3%); 1911 waren es insgesamt 507 Patientin-
nen, von denen 45 (8,9%) wegen (akuter) Infektionen, 55 (10,8%) wegen Krankheiten des Verdauungstrakts, 41
(8,1%) wegen Stoffwechselkrankheiten und 63 (12,4%) wegen Krankheiten der Geschlechtsorgane behandelt
wurden, die Zahl der chirurgischen Fälle betrug 48 (9,5%). Zu den Angaben vgl. die Jahresberichte 1903, 1908
und 1911, zitiert in Anmerkung 116.
122. Zur Bedeutung, die die Landesregierung der Bekämpfung der Syphilis schon bald nach der Okkupation Bos-
nien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn beimaß, heißt es in dem offiziellen Werk zum Gesundheitswesen
Bosnien-Herzegowinas in den Jahren 1878-1901: „Die Syphilis, welche der hierländigen Bevölkerung unter dem
Namen ´Frenjak´ bekannt ist, hat gleich nach Einführung der österreichisch-ungarischen Verwaltung die Auf-
merksamkeit der Behörden sowie der Zivil- und Militärärzte in viel höherem Grade in Anspruch genommen als
andere endemische Krankheiten.“ Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmer-
kung 9, op. cit., S. 135.
123. Vgl. die Jahresberichte Januszewskas zu 1903, 1908, 1909 und 1911, zitiert in Anmerkung 116.
124. Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 133/34.
125. Vgl. die Jahresberichte Januszewskas zu 1903 und 1909, zitiert in Anmerkung 116.
126. Vgl. die Jahresberichte Januszewskas zu 1908 und 1911, zitiert in Anmerkung 116, und den Jahresbericht
zu 1910, zitiert in Anmerkung 113.
127. In ihrem Jahresbericht 1908 erklärt Januszewska, dass es vor Errichtung des Ambulatoriums „D. Šeher“ im
Jahr 1903 Dutzende von schwer an Osteomalazie erkrankten muslimischen Frauen in Banja Luka gegeben habe.
Vgl. den Bericht, zitiert in Anmerkung 116.
128. Zu der Bezeichnung „Džuturrime/Hockende“ vgl. ibid. Die Bezeichnung taucht an anderen Stellen bei Ja-
nuszewska in leicht abgewandelter Form auf. So findet sich etwa in ihrem Jahresbericht 1911, zitiert in Anmer-
kung 116, die Form „Džturuma“ (für eine einzelne Frau).
129. Über den Zusammenhang zwischen hochgradiger Osteomalazie, Beckenverengung und schwerer Entbin-
dung äußerte sich Januszewska u. a. in ihrem Rückblicksbericht von 1912. Dort heißt es: „Da die Osteomalazie
damals [zu Beginn der Tätigkeit Januszewskas in Banja Luka] sehr ausgebreitet war und mangels ärztlicher Hilfe
bei den musulmanischen Frauen sehr häufig die Stufe erreichte, welche ich später als III. Grad bezeichnete, wa-
ren schwere Entbindungen der Beckenverengerung wegen an der Tagesordnung.“ Vgl. den Bericht Januszew-
skas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81.
130. Vgl. Januszewskas Jahresbericht zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
131. Die Jahresberichte 1909 und 1911 sind zitiert in Anmerkung 116, der Jahresbericht 1910 ist zitiert in An-
merkung 113.
132. Januszewskas Artikel „Über Osteomalazie – mit Anhang über Tetanie…“ ist zitiert in Anmerkung 212.
133. Vgl. Januszewska, „Über Osteomalazie..., Anmerkung 212, op. cit., Spalte 503.
134. Von Hausbesuchen ist bei Januszewska nur im Zusammenhang mit ihrer Privatpraxis die Rede. (Zu Hausbe-
suchen als Teil ihrer Privatpraxis vgl. S. 19 der vorliegenden Arbeit.) In den vorliegenden Dokumenten zu ihrer
Ambulatoriumstätigkeit finden sich hingegen keinerlei Hinweise auf Hausbesuche. Geregelt ist in den einschlä-
gigen Dokumenten lediglich ein ambulatoriumsinterner Dienst Januszewskas, der auf drei Stunden täglich mit
Ausnahme von Mittwoch und Sonntag festgelegt war. (Vgl. dazu S. 29 dieser Arbeit.)
135. Hinweise auf die damalige Gewohnheit insbesondere muslimischer Frauen, auf sich selbst gestellt zu gebä-
ren, finden sich zahlreich bei den Amtsärztinnen. Hier sei auf die Memoiren Krajewskas verwiesen: Teodora z
Kosmowskich Krajewska, Pamiętnik (Memoiren). Przygotowała do druku: Bogusława Czajecka. Kraków, Krajowa

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Agencja Wydawnicza, 1989, S. 99. Die Memoiren Krajewskas liegen auch in kroatischer Übersetzung vor: Zdrav-
ka Zlodi, Tomek J. Lis, Bosna u uspomenama poljske liječnice Teodore Krajewske z Kosmowskich (1854.-1935.),
Zagreb, 2015 (Biblioteka hrvatska povjesnica, Monografije i studije III/68).
136. Als Beispiel für eine eher abschätzige Verwendung des Begriffs „alte Weiber“ in medizinischen Veröffentli-
chungen sei hier auf den Mediziner Leopold Glück verwiesen, der hohe Ämter im Gesundheitswesen Bosnien-
Herzegowinas bekleidete. In seinem Artikel „Die volkstümliche Behandlung der Syphilis in Bosnien und der Her-
zegowina“ ging er darauf ein, wie sich die Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina jahrhundertelang bei Krankhei-
ten zu helfen versuchte und erwähnte in dem Zusammenhang „alte Weiber“ zusammen mit „berufsmäßigen
Kurpfuschern“ und der „Geistlichkeit“. An einer anderen Stelle seines Artikels reihte er die „alten Weiber“ un-
ter die „Medicaster“ ein. Vgl. Glück, Anmerkung 82, op. cit., Spalte 300 und 303.
137. Einen bemerkenswert differenzierten Standpunkt in der Frage der „alten Weiber“ nahm Bohuslava Kecko-
vá, Amtsärztin in Mostar, ein. In ihrem sehr lesenswerten Bericht über die ersten zehn Jahre ihrer Tätigkeit er-
klärte sie: „Die Tätigkeit der alten Weiber besteht im Verschwören [sic] von Krankheiten, sie verabreichen ver-
schiedene Kräutergattungen, Kräuter-Wurzel-Absude, Salben, Pflaster, Latwerge [eingedickter Saft-Honig-Brei,
mit Arzneimitteln vermischt] und Leckbrei, den sog. Mehlem. Bei vorkommenden Frauenleiden pflegen sie eine
Art von Massage vorzunehmen, nachher wird der Unterleib fest eingefatscht und die betreffende Frau muss
sich 24 Stunden streng ruhig verhalten und die ganze Zeit am Rücken liegenbleiben. Auch das Anräuchern, Ein-
schmieren mit verschiedenen Essenzen und Salben, das feste Kneten der Gliedmaßen, heiße Bäder von aroma-
tischen Kräuteraufgüssen, im Sommer heiße Sandbäder etc. stehen beim bosnischen Volke im hohen Ansehen.
[Absatz] Die alten mohamedanischen Weiber pflegen auch als freiwillige Geburtshelferinnen den hilfsbedürfti-
gen einheimischen Frauen, insbesondere den Türkinnen, beizustehen…, und viele von ihnen können unseren
Hebammen, wenigstens unseren Landhebammen gleichgestellt werden, denn sie haben etliche Kenntnisse von
dem Verlaufe der Geburt und des Wochenbetts. Diese Kenntnisse werden gewöhnlich in einem bestimmten
Stande kultiviert, sie vererben sich von einer diesbezüglichen Familie zur nachfolgenden. Als freiwillige Geburts-
helferinnen verdienen diese alten Frauen entschieden den Vorzug vor unseren Landhebammen, sie greifen
nämlich niemals eigenhändig in den Geburtsakt ein – einige intelligentere unter ihnen pflegen bei schweren
Geburten ein rechtzeitiges Inanspruchnehmen meiner ärztlichen Hilfe zu veranlassen.“ (Vgl. Bericht der Amts-
ärztin Dr. Bohuslava Keck über ihre 10jährige Tätigkeit in Mostar, vom 1. Jänner 1893 – 31. Dezember 1902,
unter ABH, ZVS 1904, kut. 36, š. 38 283/6)
138. In ganz Bosnien-Herzegowina gab es 1901 90 Hebammen, zum Vergleich: in Kroatien und Slavonien (im
Jahr 1900) 799 und in Dalmatien (1898) 231. Auf 10000 Geburten (Lebend- und Totgeburten) entfielen in Bos-
nien-Herzegowina 1901 14,6 Hebammen, in Kroatien und Slavonien 1900 80,6 und in Dalmatien 1898 107,3.
Anders ausgedrückt, war In Bosnien-Herzegowina 1901 1 Hebamme pro 17423 EinwohnerInnen vorhanden, in
Kroatien und Slavonien 1900 1 Hebamme pro 3005 EinwohnerInnen und in Dalmatien 1898 1 Hebamme pro
2483 EinwohnerInnen. Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op.
cit., S. 29.
139. In ihrem Jahresbericht 1902 ging Teodora Krajewska, zu jener Zeit Amtsärztin in Sarajevo, einmal ausführ-
licher auf die Problematik ein, dass muslimische Frauen sich aufgrund ihrer religiösen Tradition im Prinzip einer
Behandlung durch männliche Ärzte verweigerten, dass aber in lebensbedrohlichen Situationen, etwa bei Ge-
burten, wenn das Leben der Gebärenden in Gefahr war, von diesem Prinzip abgewichen werden konnte und
wurde. Dazu erklärte sie: „Die gynäkologische Untersuchung ist fast nie gestattet, obgleich bei schweren Ge-
burten (in lebensgefährlichen Fällen) die Intervention eines männlichen Arztes erlaubt ist und öfters in An-
spruch genommen wird.“ Vgl. Jahresbericht der Amtsärztin Dr. T. Krajewska in Sarajevo für das Jahr 1902, in:
Wiener medizinische Wochenschrift, 1903, 38, Spalte 1778.
140. In den Berichten der Amtsärztinnen ist immer wieder die Rede davon, dass Musliminnen im Prinzip einer
Behandlung im Krankenhaus ablehnend gegenüberstanden. So heißt es etwa im Jahresbericht Teodora Krajew-
skas zu 1897, als sie noch in D. Tuzla amtierte, im Zusammenhang mit der Notwendigkeit chirurgischer Behand-
lungen bei ihren Patientinnen: „Die Mohamedanerinnen gehen nicht gerne ins Spital; wenn sie als ambulante
Kranke ins Spital kommen, wollen sie sich nicht gerne operieren lassen und längere Zeit dort verbleiben. [Ab-
satz] Jedoch ist es ausnahmsweise vorgekommen, dass sich einzelne Patientinnen, meinen Ratschlägen fol-

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gend, entschlossen haben, wegen schwerer Leiden sogar nach Sarajevo ins Landesspital zu fahren.“ Vgl. Jahres-
bericht der Amtsärztin Dr. T. Krajewska in D.-Tuzla für das Jahr 1897 (Schluss), in: Wiener klinische Rundschau,
1898, 36, S. 581. Wegen der unter ihren muslimischen Patientinnen in D. Tuzla noch weit verbreiteten prinzipi-
ellen Abneigung gegen eine Krankenhausbehandlung, die die Patientinnen auch vor einer konkreten Behand-
lung im damaligen Tuzlaer Gemeindekrankenhaus zurückschrecken ließ, unterbreitete Krajewska in ihrem Jah-
resbericht 1898 den bemerkenswerten Vorschlag, zur effektiveren Behandlung (Krajewska sprach von „konsti-
tutioneller Behandlung“) bei verschiedenen Krankheiten entweder im Gemeindekrankenhaus von Tuzla oder
auch bei ihrem Ambulatorium „ein bis zwei Zimmer mit einigen Betten einzurichten und ausschließlich für Mo-
hammedanerinnen zu reservieren“. Der Wunsch nach einer solchen Unterbringung – so Januszewska – sei aus
muslimischen Kreisen an sie herangetragen worden. Ein Nachdenken oder gar eine positive Reaktion der Be-
hörden löste Krajewska mit ihrem Vorschlag freilich nicht aus, vielmehr versah der für D. Tuzla zuständige Kreis-
vorsteher, Friedrich von Foglar, Krajewskas Ausführungen mit dem Vermerk: „Dieser Vorschlag erscheint mir
noch verfrüht, und zweifle ich auch, dass man damit Erfolg hätte.“ Vgl. Jahresbericht der Amtsärztin Dr. T. Kra-
jewska in Dolnja Tuzla für das Jahr 1898, unter ABH, ZVS 1900, kut. 238, š. 52 10/11.
141. Zum Landeskrankenhaus in Sarajevo vgl. Izet Mašić, Korijeni medicine i zdravstva u Bosni i Hercegovini
(Die Wurzeln der Medizin und Gesundheit in Bosnien und Herzegowina), Sarajevo, 2004 (Biblioteka Biomedi-
cinske publikacije, 19), S. 114. Es sollte noch einige Zeit dauern, bis außer dem Landeskrankenhaus auch andere
Krankenhäuser in Bosnien-Herzegowina Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe bekamen. Bis dahin nah-
men Ärzte an Gemeinde- oder Bezirkskrankenhäusern, ohne Spezialisten für Gynäkologie und Geburtshilfe zu
sein, in Notfällen geburtshilfliche Eingriffe vor. Auf zwei solcher Fälle im Gemeindekrankenhaus von Banja Luka
geht Januszewska in ihrem Jahresbericht 1908 ein, der in Anmerkung 116 zitiert ist. Zu der bis 1901 noch relativ
kleinen Zahl sowie zu den Standorten der Gemeindekrankenhäuser und Bezirkskrankenhäuser vgl. Das Sanitäts-
wesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 243-249 und S. 324.
142. In ihrer Studie „´Ärztinnen für Frauen´. Eine feministische Kampagne zwischen Wien, Prag und Sarajewo“,
zitiert in Anmerkung 16, S. 118/19, behauptet Brigitte Fuchs Folgendes: „Vor dem Hintergrund eines internati-
onalen Trends zu ´Mutterschutz´ und Medikalisierung der Geburtshilfe entschloss sich in der Folge die österrei-
chisch-ungarische Verwaltung Bosniens und der Herzegowina, anders als in Österreich oder Ungarn, zum Aus-
bau des Ärztinnen-Amtes zu einer gynäkologischen und geburtshilflichen Institution: Zum einen…, zum anderen
wurde erwartet, dass sie [die Amtsärztinnen] an den vorhandenen öffentlichen Krankenanstalten Entbindungs-
stationen einrichteten. Diese Arbeit übernahm – möglicherweise nach dem Vorbild Keckovás in Mostar – Kra-
jewska für das Landeskrankenhaus Sarajewo (um 1900), Olszewska für das Bezirksspital in Tuzla, Einhorn für
das Bezirksspital in Travnik und Januszewska im Auftrag des Magistrats für Banja Luka.“ Für Januszewska trifft
die nicht näher begründete Behauptung von Fuchs nicht zu. Dass Fuchs´ Behauptung auch für Rosa Bloch-Ein-
horn und die anderen, von Fuchs genannten Amtsärztinnen kaum zutreffen dürfte, dazu vgl. Martin, Als Ärztin
in Bosnien-Herzegowina…, Anmerkung 108, op. cit., S. 14/15. In dem 2020 erschienenen Artikel „Gisela Janu-
szewska (née Rosenfeld), an Austro-Hungarian ´Woman doctor for women´ in Banjaluka, 1899-1912“, den Bri-
gitte Fuchs zusammen mit Husref Tahirović verfasst hat, wird die fragwürdige Behauptung, Januszewska habe
im Auftrag des Magistrats am Gemeindekrankenhaus von Banja Luka eine Entbindungsstation errichtet, nicht
aufrecht erhalten. Der Artikel ist zitiert in Anmerkung 16.
143. Die Angaben über die Zahl der geburtshilflichen Fälle sind fast alle den Jahresberichten Januszewskas ent-
nommen. Die Jahresberichte 1902, 1903, 1908, 1909 und 1911 sind in Anmerkung 116 zitiert, zum Jahresbe-
richt 1910 vgl. Anmerkung 113, zum Bericht zur ersten Jahreshälfte 1912 vgl. Anmerkung 81. Januszewskas Jah-
resbericht 1905 liegt nur in Form einer kurzen Zusammenfassung, angefertigt von Seiten des Gemeinsamen Fi-
nanzministeriums, vor. In der Zusammenfassung ist auch die Angabe über die 43 Fälle von Geburtshilfe im Jahr
1905 enthalten. Vgl. Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregierung vom 25.7.1906
unter ABH, ZMF 8201, B. H., 1906.
144. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1902, zitiert in Anmerkung 116.
145. Vgl. das in Anmerkung 143 zitierte Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregie-
rung vom 25.7.1906.

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146. Die Zahlen zu Keckovás Geburtshilfe und Hilfe in der Schwangerschaft sowie während des Wochenbetts
im Jahr 1905 sind enthalten in dem Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregierung
vom 25.7.1906, zitiert in Anmerkung 143.
147. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1902, zitiert in Anmerkung 116.
148. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1910, zitiert in Anmerkung 113.
149. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.
150. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116.
151. Vgl. Januszewska „Über Osteomalazie…“, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 508. Zu dem Fall dieser Patientin
vgl. auch Anmerkung 260.
152. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1911, zitiert in Anmerkung 116. 1912 fasste sie ihre langjährigen
Erfahrungen bezüglich der Operationssituation in den Häusern der niederkommenden Frauen zusammen und
konstatierte, dass sie häufig „in engen, stickigen, schmutzigen Zimmern und in denkbarst unbequemer Stellung,
da nirgends ein Bett vorhanden war,… auf dem Boden kniend operieren musste“. Vgl. den Bericht Januszew-
skas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81.
153. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
154. Vgl. ibid.
155. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.
156. Vgl. ibid.
157. Dass Janusezwska häufig erst sehr spät zu schwierigen Entbindungen gerufen wurde, geht aus fast allen
ihren Berichten hervor, als Beispiel sei auf den Jahresbericht 1902 verwiesen, der in Anmerkung 116 zitiert ist.
158. Die Zahl der Hebammen in Banja Luka lag 1901 bei 4. Vgl. das periodische Nachschlagewerk „Bosnischer
Bote“ pro 1901, zitiert in Anmerkung 64, S. 209. Im gesamten Kreis Banja Luka gab es 1901 17 Hebammen, da-
runter keine vom Staat angestellte, 10 von der Gemeinde bezahlte und 7 „sonstige“ Hebammen. Vgl. Das Sani-
tätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 25.
159. In ihrem Jahresbericht 1908, zitiert in Anmerkung 116, erklärt Januszewska, dass Musliminnen mit weni-
gen Ausnahmen keine geschulten Hebammen zu ihren Entbindungen rufen würden. Diese Feststellung wieder-
holt sie sinngemäß in ihrem Jahresbericht 1911. Einen Fall, in welchem eine Hebamme erst sehr spät bei einer
Problemgeburt herangezogen wurde, die dann ihrerseits wegen einer Plazentaretention Januszewska holen
ließ, beschreibt Januszewska in ihrem Jahresbericht 1911, zitiert in Anmerkung 116.
160. Vgl. den Bericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116.
161. Vgl. den Bericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116. Das Plädoyer für eine vermehrte Ausbil-
dung und Beschäftigung von Hebammen aus der muslimischen Bevölkerung wirft zwar ein bezeichnendes Licht
auf Januszewskas Einstellung, praktische Konsequenzen aber hatte es sehr wahrscheinlich nicht.
162. Vgl. ibid.
163. Vgl. ibid.
164. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.
165. Dem Ambulatorium „D. Šeher“ vergleichbare Einrichtungen gab es in Bosnien-Herzegowina zur Zeit der
österreichisch-ungarischen Herrschaft nicht. Allerdings scheint sich bei der Kreisbehörde Sarajevo 1904 einmal
kurzzeitig die Frage der Gründung einer ähnlichen Einrichtung gestellt zu haben. So existiert ein Schreiben des
Kreisvorstehers in Sarajevo, Franz Mollinary von Monte-Pastello, gerichtet an die Landesregierung und datiert
vom 10. Juni 1904, in welchem dieser von der Bitte der Sarajevoer Amtsärztin Teodora Krajewska berichtete,
sie bei der Suche nach einem größeren Ambulatorium zu unterstützen, da ihr bisheriges für die sehr zahlreiche
Klientel nicht ausreiche. Der Kreisvorsteher verschloss sich der Bitte nicht, wie er zu verstehen gab, machte
aber geltend, dass in dem gegebenen Fall die Stadt Sarajevo tätig werden müsse. „Mit Rücksicht darauf, dass
die Ambulantinnen [die Patientinnen in Krajewskas Ambulatorium] der ärmsten Klasse der muslimanischen Be-
völkerung der Stadt Sarajevo angehören“ – so erklärte er – „wäre es der Ansicht der Kreisbehörde nach billig
und gerecht, wenn die Stadtgemeinde auf ihre Kosten ein allen Zwecken entsprechendes Ambulatorium in ge-

71
eignetem Stadtteile errichten und der Amtsärztin zur Verfügung übergeben möchte.“ Bei seinen Überlegungen
scheint dem Kreisvorsteher so etwas wie das Ambulatorium „D. Šeher“ vorgeschwebt zu haben. Letztlich ist es
aber wohl nicht zur Gründung einer entsprechenden Einrichtung in Sarajevo gekommen, was u.a. daran gele-
gen haben dürfte, dass sich die Institution der Amtsärztinnen, für die ein enger Bezug zu einer Kreisbehörde
konstitutiv war, nicht so ohne weiteres mit einem in städtischer Regie befindlichen, auf Frauen bzw. Muslimin-
nen ausgerichteten Ambulatorium vereinbaren ließ. Im Falle des Ambulatoriums „D. Šeher“ konnte eine Lösung
insofern gefunden werden, als Januszewska ja schon seit 1900 Privatärztin war und nicht mehr als Amtsärztin
fungierte. Zu dem Schreiben des Kreisvorstehers vgl. ABH, ZVS 1904, kut. 36, š. 38 282/11.
166. Der Bevölkerungsstatistik von 1895 zufolge war Dolnji Šeher der größte Stadtteil Banja Lukas und hatte
eine „ortsanwesende Zivilbevölkerung“ von 7592 Personen, davon 3925 männlichen und 3667 weiblichen Ge-
schlechts. Der Konfession nach waren von der Gesamtbevölkerung des Stadtteils 5162 (68%) Personen musli-
misch, 1239 (16,3%) serbisch-orthodox, 1049 (14%) römisch-katholisch und 131 (1,7%) jüdisch, um nur die
größten konfessionellen Gruppen zu nennen. Vgl. Hauptresultate der Volkszählung in Bosnien und der Hercego-
vina vom 22. April 1895..., Anmerkung 63, op. cit., S. 152-153.
167. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.
168. In der offiziellen Darstellung des Sanitätswesens von Bosnien-Herzegowina in der Zeit von 1878 bis 1901
heißt es zu den Gemeinde-Ambulatorien: „Um der nicht oder wenig bemittelten Bevölkerung die Inanspruch-
nahme der ärztlichen Hilfe in höherem Maße zu ermöglichen, als dies bisher der Fall war, hat die Landesregie-
rung mit dem an alle Kreisbehörden gerichteten Erlasse vom 22. Jänner 1897 ..., vor allem in jenen Bezirks- und
Expositursorten, wo es Ärzte, aber keine Spitäler gab, die Errichtung von Gemeinde-Ambulatorien angeordnet.“
Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 389 ff. Durch den
Erlass vom Januar 1897 wurde zwar sehr wahrscheinlich die Gründung des Ambulatoriums „Dolnji Šeher“ be-
günstigt, eine Reorganisation der Aufgaben der österreichisch-ungarischen Amtsärztinnen, wie von Brigitte
Fuchs und Husref Tahirović angenommen, war aber nach Einschätzung der Verfasserin der vorliegenden Arbeit
mit dem Erlass nicht verbunden. Jedenfalls ließen sich bei den eigenen Recherchen keinerlei Hinweise dafür fin-
den. Die nicht weiter belegte Annahme von Fuchs und Tahirović lautet: „The outpatient clinic system [gemeint
sind die Gemeinde-Ambulatorien] was also established as the framework for the office of female doctors,
which was expanded by two posts in Banjaluka and Sarajevo 1899. The newly recruited official female physi-
cians were expected to work predominantly as ´woman doctors for women´ in public outpatient clinics. [Ab-
satz] Against this background of the reorganisation of the office of an AH [Austro-Hungarian] female physician
in BH, the biography and professional activities of Gisela Januszewska, recruitet in 1899, are discussed.“ Vgl.
Fuchs, Tahirović, Gisela Januszewska..., Anmerkung 16, op. cit., S. 76.
169. Bei Januszewska hat das Ambulatorium durchweg den Beinamen „Dolnji Šeher“ oder abgekürzt „D. Še-
her“. In Dokumenten der Behörden taucht als Beiname des Ambulatoriums bisweilen „Preko Vrbasa“ auf. Der
Beiname spielte darauf an, dass sich das Ambulatorium nicht wie das Zentrum von Banja Luka auf der linken
Seite des Vrbas befand, sondern auf der gegenüberliegenden Seite. In manchen offiziellen Dokumenten ist
auch die Rede von „Gornji Šeher“ [Oberes Šeher] als Sitz des Ambulatoriums. In dieser Arbeit wird durchgängig
die von Januszewska benutzte Bezeichnung für das Ambulatorium, also „D. Šeher“, verwendet.
170. Die zitierte Stelle stammt aus einem Auszug des Protokolls der Sitzung des Gemeinderats von Banja Luka
vom 4.3.1903. (Vgl. ABH, ZVS 1903, kut. 139, š. 52 235/3)
171. Zum Schreiben der Kreisbehörde an die Landesregierung vom 16. 6.1903 vgl. ABH, ZVS 1903, kut. 139, š.
52 235/3.
172. Einige Zeit später kam zu der Ausstattung des Ambulatoriums aber doch auch eine Hausapotheke dazu.
(Vgl. S. 30 des vorliegenden Textes)
173. Bei dem Inventarverzeichnis handelt es sich um die Anlage zu einem Schreiben der Kreisbehörde Banja
Luka an die Landesregierung vom 20.7.1903. Das Verzeichnis enthält die Einrichtungsgegenstände für den
Warteraum und das Ordinationszimmer sowie eine Liste medizinischer Instrumente wie etwa Zahnspangen,
Scheidenspekula, Kehlkopfspiegel mit Griff, Ohrenspiegel und Pessare (12 an der Zahl). (Vgl. ABH, ZVS 1903,
kut. 139, š. 52 235/3)

72
174. Die Liste der von Januszewska für die Behandlung ihrer Patientinnen benötigten Dinge weist u. a. folgende
Posten auf: „dem Apotheker Löschner für die Medikamente und ärztlichen Utensilien“ 33 K, 31 Heller, „dem
Spitzer für einen Untersuchungstisch“ 31 K, „dem Windler Berlin für verschiedene Instrumente, und zwar 7
Stück Zahnzangen, 4 Stück Scheidenspiegel, 1 Stück Schwarmzange [u.s.w.]“ 123 K, 01 Heller. Außerdem verrät
der Auszug aus dem Rechnungsbuch den Namen der Dienerin – Djula Djanić. Den Auszug aus dem Rechnungs-
buch übermittelte Januszewska zusammen mit einer Übersicht über die Krankheiten der im 3. Quartal 1903 im
Ambulatorium behandelten Patientinnen dem Stadtbezirksamt Banja Luka. (ABH, ZVS 1903, kut. 139, š. 52
235/3)
175. Zur ersten Statistik Januszewskas (März bis Ende Juni 1903) vgl. „Ausweis über die im Zeitraum vom 20.
März bis 30. Juni 1903 im Ambulatorium Banja Luka, Dolnji Šeher, behandelten Personen“. (ABH, ZVS 1903, kut.
139, š. 52 235/3)
176. Zur zweiten Statistik Januszewskas vgl. „Ausweis über die im III. Quartale 1903 im Ambulatorium „Dolnji
Šeher“, Banja Luka, behandelten Personen“. (ABH, ZVS 1903, kut. 139, š. 52 235/3)
177. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1911, zitiert in Anmerkung 116.
178. Zu den Zahlenangaben über die Klientel des Ambulatoriums „D. Šeher“ zwischen 1903 und 1909 vgl. den
Jahresbericht Januszewskas zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
179. Vgl. ibid.
180. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1910, zitiert in Anmerkung 113. Leider ließ sich aus allen vorlie-
genden Dokumenten weder die Adresse des ersten noch die des zweiten Sitzes des Ambulatoriums „D. Šeher“
ermitteln.
181. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
182. Vgl. ibid.
183. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1911, zitiert in Anmerkung 116.
184. Zur anfänglichen Bezahlung Januszewskas für ihre Tätigkeit im Ambulatorium „D. Šeher“ von Seiten der
Stadt Banja Luka vgl. S. 28 der vorliegenden Arbeit. Ab wann genau Januszewska von der Stadt Banja Luka statt
der ursprünglich gewährten 800 K für ihre Tätigkeit am Ambulatorium die von ihr selber erwähnten 1000 K (vgl.
S. 27 dieser Arbeit) bekam, ist nicht bekannt.
185. Dass Januszewska für ihre Tätigkeit im Ambulatorium „D. Šeher“ von der Landesregierung bis 1911 un-
verändert nur 600 K erhielt, geht aus einer Mitteilung der Regierung an die Kreisbehörde Banja Luka vom
21.12.1911 hervor. (Vgl. ABH, ZVS 1911, kut. 271, š. 96 190/3). Für 1912 scheint sie dann auch noch 600 K von
der Landesregierung erhalten zu haben, obgleich sie nur noch ein halbes Jahr am Ambulatorium tätig war. Vgl.
dazu die Mitteilung der Landesregierung an die Kreisbehörde Banja Luka vom 11.6.1912, unter ABH, ZVS 1912,
kut. 309, š. 96 191/5.
186. Januszewskas Vergütung als Amtsärztin hatte 1899/1900 3200 K im Jahr betragen, die sich aus 2000 K
Grundgehalt, 800 K Aktivitätszulage und 400 K Quartiergeld zusammensetzten, vgl. S. 12 dieser Arbeit. Auch bei
der Einstellung von Kornelija Rakić als Amtsärztin in Bihać 1908 betrug die Vergütung noch 3200 K, wobei es
sich dann allerdings um die unterste von drei Vergütungsstufen handelte, die 1904/05 speziell für die Amtsärz-
tinnen geschaffen worden waren. Zur Vergütung von Rakić vgl. das Schreiben der Landesregierung an das Ge-
meinsame Finanzministerium vom 27. Januar 1908, Zahl 149.745 ex 1907, unter ABH, ZMF 1462, B. H., 1908. Zu
den drei Vergütungsstufen, die 1904/05 für die Amtsärztinnen eingeführt wurden (dem neu geschaffenen drei-
stufigen „Gebührenschema“, vgl. Anmerkung 79.
187. Die Angaben zur Zahl der Patientinnen in den Jahren 1910 bis 1912 stammen aus Januszewskas Bericht
zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81. Kleine Abwei-
chungen bei der Zahl der Nutzerinnen des Ambulatoriums „D. Šeher“, die die verschiedenen Übersichten Janu-
szewskas aufweisen, erscheinen unerheblich.
188. Zu den Ausführungen Januszewskas vgl. ihren Jahresbericht 1910, zitiert in Anmerkung 113.
189. Zur Zahl der weiblichen Bevölkerung Banja Lukas im Jahr 1895 und zur geschätzten Zahl der Musliminnen
unter der weiblichen Bevölkerung vgl. S. 9 der vorliegenden Arbeit. Bis 1910, als die nächste große Volkszäh-
lung stattfand, wuchs die (zivile) Gesamtbevölkerung Banja Lukas leicht von 13566 auf 14800 an, die Zahl der
Muslime und Musliminnen nahm aber ab, und zwar von 7524 auf 6588. Davon waren 3140 weiblichen Ge-
schlechts, d. h. auch die Zahl der Musliminnen war 1910 etwas kleiner als 1895, als sie geschätzte 3600 betrug.
73
Zu den Bevölkerungszahlen zu 1910 vgl. Die Ergebnisse der Volkszählung in Bosnien und der Hercegovina vom
10. Oktober 1910. Zusammengestellt vom Statistischen Departement der Landesregierung. Hrsg. v. d. Landes-
regierung für Bosnien u. d. Hercegovina, Sarajevo, 1912. II. Abschnitt. Ortschaftstabellen. Banjaluka, S. 148/49.
190. Im Hinblick auf das Jahr 1909 ist bei Januszewska mehrfach die Rede von einem „Ambulatoriumsproto-
koll“, das sie vermutlich jahrelang geführt hat. Vgl. z. B. den in Anmerkung 212 zitierten Artikel Januszewskas,
Über Osteomalazie…, Spalte 504.
191. Fasst man die Daten der beiden Quartalsstatistiken zusammen, so ergibt sich eine Zahl von 689 Patientin-
nen, wenn bei dem dritten Quartal 1903 nur die neu hinzugekommenen Patientinnen berücksichtigt werden.
Von diesen 689 behandelte Januszewska 90 (13%) wegen Krankheiten der Verdauungs- und adnexer Organe.
Vgl. die beiden Quartalsstatistiken zu 1903, zitiert in den Anmerkungen 175 und 176.
192. Laut den beiden Quartalsstatistiken lag die Zahl der Patientinnen bei 689 (zu dieser Zahl vgl. Anmerkung
191). Unter diesen 689 waren 42 (6%), die wegen Krankheiten der Sexualorgane behandelt wurden. Vgl. die
beiden Quartalsstatistiken zu 1903, zitiert in den Anmerkungen 175 und 176. An der Privatpraxis hingegen be-
trug die Zahl der Patientinnen mit Krankheiten an den Sexualorganen 1903 58 von insgesamt 594 (9,7%), 1908
42 von 555 (7,5%), 1909 65 von 617 (10,5%) und 1911 63 von 507 (12,4%). Vgl. die betreffenden Jahresberich-
te, zitiert in Anmerkung 116.
193. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1911, zitiert in Anmerkung 116.
194. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116.
195. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1910, zitiert in Anmerkung 113.
196. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zi-
tiert in Anmerkung 81.
197. Vgl. die beiden Quartalsstatistiken 1903, zitiert in den Anmerkungen 175 und 176. Im zweiten Quartal
1903 waren unter den 393 Patientinnen (berücksichtigt sind nur Frauen und Mädchen, nicht die Jungen) 73 Fäl-
le von Osteomalazie, im dritten Quartal unter den 239 neu hinzugekommenen Patientinnen (berücksichtigt
sind wiederum nur Frauen und Mädchen) 28 Osteomalazie-Fälle.
198. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
199. Vgl. Januszewska, „Über Osteomalazie…“, zitiert in Anmerkung 212, Spalte 503.
200. Bei den angegebenen Zahlen sind die Angaben aus beiden Quartalsstatistiken zusammengefasst, in Bezug
auf das dritte Quartal 1903 wurden aber nur die neu hinzugekommenen Patientinnen berücksichtigt. Zu den
beiden Quartalsstatistiken vgl. die Anmerkungen 175 und 176.
201. Zu den Zahlen aus der Jahresstatistik 1903 für die Privatpraxis vgl. den in Anmerkung 116 zitierten Jahres-
bericht 1903 Januszewskas.
202. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1911, zitiert in Anmerkung 116.
203. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.
204. Fasst man die Angaben aus den beiden Quartalsstatistiken zusammen und berücksichtigt bezüglich des
dritten Quartals 1903 nur die neu hinzugekommenen Patientinnen, zeigt sich, dass die Zahl der Fälle von Lun-
gentuberkulose bei 5 (0,7%) lag, die der Skrofulose bei 13 (1,9%) und die der Knochentuberkulose (Januszewska
spricht von gibbus Potti) bei 2. Die Gesamtzahl der berücksichtigten Patientinnen betrug 689. Vgl. die beiden
Quartalsstatistiken 1903, zitiert in den Anmerkungen 175 und 176.
205. Zu den Tuberkulose-Fällen an der Privatpraxis vgl. S. 21 der vorliegenden Arbeit.
206. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1910, zitiert in Anmerkung 113.
207. In der schon mehrfach erwähnten „Instruktion für die Amtsärztinnen in Bosnien und der Herzegowina“
von 1892 sah der Punkt 6 vor, dass die einzelne Amtsärztin verpflichtet war, „im Einvernehmen mit der Kreis-
behörde von Zeit zu Zeit auf ärarische Kosten [auf Staatskosten] ihren Amtsbezirk zu bereisen und in den grö-
ßeren Orten desselben sich der kranken weiblichen Bevölkerung zur Verfügung zu stellen; ferner in solchen Or-
ten, wo ihr von der Kreisbehörde besonders zu behandelnde Kranke angegeben werden, diese letzteren aufzu-
suchen und zu behandeln“. (Die „Instruktion“ ist in Anmerkung 68 zitiert.) Zu dieser generellen Regelung kam
1899 für die Amtsärztinnen in den Verwaltungskreisen Sarajevo und Banja Luka noch die ausdrückliche Ver-
pflichtung, im Notfall in den Kreisen Travnik und Bihać auszuhelfen. (Vgl. die Anweisung des Gemeinsamen

74
Finanzministeriums an die Landesregierung vom 16. Juni 1899, zitiert in Anmerkung 89.) All diese Verpflichtun-
gen führten dazu, dass die Amtsärztinnen immer wieder für längere Zeit außerhalb der jeweiligen Kreishaupt-
stadt, in welcher sie ihren Amtssitz hatten, eingesetzt waren. Das betraf auch Januszewska in ihrer Zeit als
Amtsärztin, wie auf S. 13/14 der vorliegenden Arbeit dargelegt ist. In den beiden bemerkenswerten Petitionen
der Amtsärztinnen von 1908 (beteiligt: Krajewska, Kecková, Olszewska und Rakić) und 1912 (beteiligt: Krajew-
ska, Olszewska und Rakić), in denen es wieder einmal um eine gerechtere Einstufung in das Rangklassensystem
der Beamten und eine angemessene Vergütung ging, wurde eindringlich auf die Problematik der zum Teil ziem-
lich langen Abwesenheit der Ärztinnen von der jeweiligen Kreisstadt hingewiesen. Dies geschah allerdings nicht
unter dem Aspekt, dass unter den langen Abwesenheitszeiten die Patientinnen in der Kreisstadt zwangsläufig
leiden mussten (was den Ärztinnen zweifellos bewusst war, in der Petition aber nicht zur Debatte stand), son-
dern unter dem Aspekt, dass sie, die Ärztinnen, wegen der langen Abwesenheitszeiten neben ihrer Amtsärztin-
nenvergütung keinen zusätzlichen Verdienst durch privatärztliche Tätigkeit hatten, die ihnen unter der Bedin-
gung gestattet war, dass darunter ihre Amtsärztinnenpflichten nicht vernachlässigt werden durften. In der Peti-
tion von 1908 heißt es über die Konsequenzen der längeren Abwesenheitszeiten: „Da wir zur Bekämpfung der
Epidemien (Cholera, Blattern) wiederholt zugezogen waren und jetzt bei der Luesaktion stets am Lande tätig
sind, so erschöpft diese Tätigkeit so völlig unsere Zeit und nimmt unsere geistigen und körperlichen Kräfte so
völlig in Anspruch, dass von der Ausübung der sogenannten privat Praxis kaum die Rede sein kann.“ Und in der
Petition von 1912 ist zu lesen: „…dieselbe Ärztin [Krajewska] wurde im J. 1901 vom 27. Jänner bis Ende Novem-
ber zuerst in 6 Bezirke und 3 Exposituren des Kreises Sarajevo, dann in alle Bezirke des Kreises Travnik exmit-
tiert.“ Etwas weiter unten heißt es dann noch: „Seit dem J. 1907 wurden dieselben zwei Amtsärztinnen in Tuzla
[Olszewska] und Sarajevo [Krajewska] wie auch die neu angestellte Amtsärztin in Bihać [Rakić] zu der regelmä-
ßigen Luestilgungsaktion – wie die Amtsärzte – zugezogen. Wegen der Durchforschung auf Lues und Behand-
lung der weiblichen muslimanischen Bevölkerung bereisten die Amtsärztinnen 3-6 Bezirke im Laufe des Jahres.
[Absatz] Die Zahl der Reisetage beträgt bei der Bekämpfung der Epidemien (Blattern u. Notimpfungen) wie
auch bei der Luestilgung 100 bis 200 im Jahre.“ Auch in dieser Petition wird wieder darauf hingewiesen, dass
die Amtsärztinnen wegen der vielen und zum Teil ausgedehnten Dienstreisen kaum dazu kämen, privatärztliche
Dienste in der jeweiligen Kreishauptstadt, wo sie ihren Amtssitz hatten, anzubieten und dadurch Nebenein-
künfte zu erzielen. Zur Petition von 1908 vgl. ABH, ZVS 1908, kut. 140, š. 96-78, zur Petition von 1912 vgl. das
Konvolut ABH, ZV 2268, prez.[idijal], B. H., 1913.
208. Außer Krajewska und Januszewska scheint sich keine der Amtsärztinnen besonders intensiv mit der Oste-
omalazie befasst zu haben. Zwar ist anzunehmen, dass alle Amtsärztinnen nach dem Erscheinen der in Anmer-
kung 211 zitierten Studie Krajewskas über die Osteomalazie (1900) dem Auftreten der Krankheit unter ihren
Patientinnen erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet haben, doch gehen sie in ihren Berichten an die Landesregie-
rung nur selten, wenn überhaupt, auf die Osteomalazie ein. Das gilt auch für Bohuslava Kecková, Amtsärztin in
Mostar, die in ihrem interessanten, etwa 35 handschriftliche Seiten umfassenden 10-Jahresbericht (1893-1902)
die Osteomalazie an keiner Stelle erwähnt, während sie sich zu anderen Krankheiten relativ ausführlich äußert.
(Der Bericht ist in Anmerkung 137 zitiert.) Zu Krajewskas Auseinandersetzung mit der Osteomalazie vgl. auch
den unlängst erschienenen Aufsatz von Brigitte Fuchs und Husref Tahirović, Teodora Krajewska. Official female
doctor of Tuzla and Sarajevo: Medical practitioner, woman of science, Polish patriot and feminist, in: Acta me-
dica academica, 48, 2019, 3, dort besonders S. 324/25.
209. Über ihre frühesten Beobachtungen der Osteomalazie im Kreis D. Tuzla berichtete Krajewska auf dem II.
Internationalen Kongress für Gynäkologie 1896 in Genf. Vgl. Krajewska, Pamiętnik, Anmerkung 135, op. cit., S.
16 und 101.
210. Über die Unkenntnis, die in Bosnien-Herzegowina bezüglich der Osteomalazie herrschte, äußert sich Kra-
jewska in ihren Memoiren wie folgt: „Vor meiner Ankunft in Bosnien war die Osteomalazie unbekannt, was sich
leicht dadurch erklären lässt, dass die muslimischen Frauen von der Außenwelt isoliert waren und dass männli-
chen Ärzten die Behandlung von Musliminnen nicht gestattet war.“ (Übers. von B. M.) Vgl. Krajewska, Pamięt-
nik, Anmerkung 135, op. cit., S. 102.
211. Vgl. Theodora Krajewska, Osteomalazie in Bosnien (Kreis Dolnja Tuzla). Die Studie ist in der Zeitschrift
„Wiener medizinische Wochenschrift“, 50, 1900, erschienen, und zwar fortlaufend ab Nr. 50, 1900, 38, Spalte

75
1785-1788 (1). Zu den Fortsetzungen vgl. die Ausgaben 50, 1900, 39, Spalte 1824-1827 (2); 50, 1900, 40, Spalte
1893-1895 (3); 50, 1900, 41, Spalte 1930-1935 (4); 50, 1900, 42, Spalte 1982-1986 (5); 50, 1900, 43, Spalte
2022-2024 (6); 50, 1900, 44, Spalte 2074-2078 (7); 50, 1900, 45, Spalte 2134-2138 (8).
212. Vgl. Gisela Januszewska, Über Osteomalazie – mit Anhang über Tetanie. (Aus meinen Jahresberichten an
die bosn.-herz. Landesregierung 1900 bis inklusive 1909), in: Klinisch-therapeutische Wochenschrift, 17, 1910,
21, Spalte 503-510.
213. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
214. Vgl. ibid. Über ihre Arbeit, die sie der Landesregierung vorgelegt hatte, führte Januszewska in ihrem Jah-
resbericht 1909 noch folgendes aus: „Über die mich so sehr interessierenden Volkskrankheiten Osteomalazie
und Tetanie habe ich separat eine Abhandlung verfasst, welche, da sie in Ermangelung von Sektionen und
Harnanalysen weder über die anatomischen noch Stoffwechselvorgänge Auskunft erteilt, keinen Anspruch auf
Vollständigkeit erheben kann, folglich nur wenig wissenschaftlichen Wert besitzt.“
215. Die Reaktion der Landesregierung auf den Vorschlag Januszewskas geht aus einem Schreiben der Regie-
rung an die Kreisbehörde Banja Luka vom 21.3.1910 hervor, das sich bei Januszewskas Jahresbericht 1909 be-
findet. Dieser ist zitiert in Anmerkung 116.
216. Das Referat Krajewskas ist abgedruckt in: XVIe Congrès international de médecine. Budapest: Août-sep-
tembre 1909. Compte-rendu. Budapest, 1910, Section XI: Neuropathologie, S. 418-428.
217. Zu dem männerdominierten Diskurs über die Osteomalazie vgl. Brigitte Fuchs, Osteomalacia: Femininity
and the „Softening of Bones“ in Central European Medicine (1830-1920), in: Bodily subjects: essays on gender
and health, 1800-2000, hrsg. von Tracy Penny Light [u. a.], Toronto [u. a.], 2015 (McGill-Queen´s Associated
Medical Services studies in the history of medicine, health and society, 42), S. 131 ff.
218. Vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 504-506.
219. Zu allen Aussagen und Zitaten dieses Absatzes vgl. ibid., Spalte 505.
220. Vgl. ibid., Spalte 505/06
221. Vgl. ibid., Spalte 506
222. Vgl. Ibid.
223. Vgl. ibid.
224. Es handelt sich um den Fall VI, in welchem die Situation der Patientin Bissera Tabaković geschildert wird.
Vgl. ibid., Spalte 508
225. Vgl. ibid, Spalte 506. Januszewska weist hier auf den Fall einer etwa 40 Jahre alten muslimischen Patientin
namens Nafa Islamović hin, die an Osteomalazie 3. Grades erkrankt war. Über sie äußert sie sich wie folgt: „Ihre
Gestalt ist durch starke Verbiegung des Rückgrates verkleinert, ihr Kinn dem Sternum genähert, sie bewegt sich
mühsam mit zwei Stöcken, zeitweise ist sie überhaupt bewegungsunfähig. In diesem Zustande entband sie
spontan ohne Kunsthilfe ein gesundes, lebendes, kräftiges männliches Kind.“
226. Vgl. S. 33 der vorliegenden Arbeit.
227. Vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 507.
228. Vgl. ibid., Spalte 508/09
229. Vgl. Ibid., Spalte 509/10
230. Zu Januszewska vgl. S. 37 der vorliegenden Arbeit, zu Krajewska vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie
von 1900 (1), Spalte 1785.
231. Zu Krajewskas Ausführungen über Fälle von Osteomalazie in Vlasenica und Kladanj vgl. die in Anmerkung
211 zitierte Studie von 1900 (1), Spalte 1786. Zu den Ausführungen über Fälle von Osteomalazie in Sarajevo,
und zwar an den nach Norden ausgerichteten Abhängen des Bergmassivs Trebević, vgl. die Studie von 1910,
zitiert in Anmerkung 216, S. 419/20, zu den Fällen in den Bezirksstädten Kreševo und Fojnica des Kreises Sara-
jevo vgl. Krajewska, Pamiętnik, Anmerkung 135, op. cit., S. 135/36.
232. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (1), Spalte 1787, und 1900 (3), Spalte 1894,
sowie Krajewskas Studie von 1910, zitiert in Anmerkung 216, S. 419/20.
233. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (1), Spalte 1786, und 1900 (3), Spalte 1894.
In ihrer Studie von 1910 betont Krajewska, dass die muslimischen Frauen in den Bergorten ihre Zeit „in feuch-

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ten, dunklen und schlecht belüfteten“ Wohnräumen verbringen und da ein „sitzendes Leben“ führen würden.
Vgl. die Studie von 1910, zitiert in Anmerkung 216, S. 420.
234. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (3), Spalte 1894. Dort heißt es: „Die Bevöl-
kerung der Gebirgsorte ist am ärmsten und am meisten konservativ.“ Und etwas weiter unten heißt es: „In den
kleinen armen Gebirgsorten herrschen noch exklusiv die türkischen Sitten.“ Der Einfluss der „europäischen Zivi-
lisation“ und der „abendländischen Kultur“ sei dort noch sehr gering, viel geringer als in den Städten des mitt-
leren und nördlichen Teils des Kreises D. Tuzla.
235. Als Städte, in denen die muslimische Bevölkerung fortschrittlicher eingestellt sei und Musliminnen weni-
ger von der Osteomalazie betroffen wären, nennt Krajewska „Bjelina, Brčka, Šamac, Tuzla“, von denen die drei
erstgenannten in der nördlichen Tiefebene des Kreises D. Tuzla und die Stadt Tuzla in dem hügeligen mittleren
Teil des Kreises liegen. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (1), Spalte 1786. In die-
sen Städten, so führt Krajewska an anderer Stelle aus, mache „die mohamedanische Bevölkerung von Tag zu
Tag Fortschritte“ und nähme „an den Errungenschaften der abendländischen Kultur“ mehr teil als die muslimi-
sche Bevölkerung der armen kleinen Gebirgsorte im Süden des Kreises D. Tuzla. Über die Städte des mittleren
und nördlichen Teils des Kreises D. Tuzla heißt es noch weiter: „In den Städten, welche dem Einflusse der euro-
päischen Zivilisation zugänglicher sind, wo die gebildeten mohammedanischen Männer gesellschaftliche Zer-
streuung und eine angemessene Wirksamkeit finden, ist auch in der Stellung und in der Hygiene der moham-
medanischen Frau ein großer Fortschritt bemerkbar, weil diese gebildeten Elemente in ihren Frauen ihresglei-
chen sehen.“ Zu den Zitaten über den Fortschritt in den Städten vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Kra-
jewskas von 1900 (3), Spalte 1894.
236. Vgl. dazu die Anmerkungen 234 und 235.
237. Vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 503.
238. Vgl. ibid., Spalte 505. Nach Januszewskas Verständnis hätte von einem „endemischen Agens“ in Bezug auf
die Osteomalazie nur dann gesprochen werden können, wenn innerhalb Banja Lukas, also eines bestimmten
Gebietes, alle konfessionellen Gruppen der (weiblichen) Bevölkerung von der Krankheit im Prinzip gleich stark
betroffen gewesen wären. Am Rande sei bemerkt, dass Januszewskas Verständnis von Endemizität zwar nach-
vollziehbar ist, aber doch etwas unüblich erscheint.
239. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (3), Spalte 1895, ähnliche Ausführungen
finden sich in 1900 (1), Spalte 1785. Krajewska gebraucht den Begriff ´endemisch´ in Bezug auf die Osteomala-
zie also zur Feststellung, dass die Krankheit in einem bestimmten Gebiet relativ häufig vorkommt. Damit ver-
bunden ist bei ihr der Aspekt, dass die Krankheit ausschließlich bzw. fast ausschließlich muslimische Frauen be-
trifft, und zwar aufgrund von spezifischen Zügen in deren Lebensweise, die sie von serbisch-orthodoxen und
römisch-katholischen Frauen unterscheiden würden. Unter den spezifischen Zügen spielte der Mangel an Licht,
frischer Luft und Bewegung im Freien Krajewska zufolge eine wesentliche Rolle.
240. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (2), Spalte 1826 und 1900 (3), Spalte 1895.
241. Vgl. die in Anmerkung 216 zitierte Studie Krajewskas von 1910, S. 418.
242. Vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 505. An Krajewska dürfte Janu-
szewska nicht gedacht haben, als sie sich gegen die Verwendung des Begriffs der „Rassenkrankheit“ verwahrte.
Denn diese hatte sich in ihrer Osteomalazie-Studie von 1900 klar dahingehend geäußert, dass im Hinblick auf
die muslimische Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas nicht von „Rasse“ gesprochen werden könne. Und sie
hatte dazu weiter ausgeführt, dass sich die drei Hauptbevölkerungsgruppen des Landes, die „Katholiken, Grie-
chisch-Orthodoxen und Mohammedaner“ zwar der Religion nach unterscheiden würden, aber allesamt slawi-
schen Ursprungs seien. Die zum Teil erheblichen Unterschiede zwischen ihnen seien „in der Lebensweise, in
Sitten, Gebräuchen und in der Hygiene“ zu suchen. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von
1900 (1), Spalte 1786.
243. Von der Osteomalazie als einer Volkskrankheit sprach Januszewska u. a. in ihren Jahresberichten 1909 und
1911. In dem Bericht zu 1911 heißt es: „Die Krankheit [die Osteomalazie] ist in der muselmanischen Bevölke-
rung so verbreitet, dass man sie sehr wohl als Volkskrankheit, nicht aber als Rassenkrankheit [sie benutzt hier
das Wort Racekrankheit] bezeichnen kann.“ Beide Jahresberichte sind zitiert in Anmerkung 116.
244. Vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 505.

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245. Ihre Beobachtungen in Bezug auf bäuerlich lebende Musliminnen, denen sie bei Impfaktionen begegnet
war, fasste Krajewska in ihrem Jahresbericht 1902 wie folgt zusammen: „In einigen Dörfern, z. B. Striževo, ge-
hen die Mohammedanerinnen im Freien herum und arbeiten, ohne sich zu verhüllen; schön gebaut, von gera-
der Haltung, mit abgebrannten Gesichtern und muskulösen Armen und Händen, mit weißen gesunden Zähnen
sind sie ihren zuhause hockenden, anämischen oder osteomalazischen Glaubensgenossinnen aus den Städten
gar nicht ähnlich.“ Vgl. Teodora Krajewska, Jahresbericht der Amtsärztin Dr. T. Krajewska in Sarajevo für das
Jahr 1902, in: Wiener medizinische Wochenschrift, 38, 1903, 38, Spalte 1926.
246. Zu Januszewskas Vorstellungen über die grundlegenden Ursachen der Osteomalazie vgl. S. 37 der vorlie-
genden Arbeit.
247. In ihrer Osteomalaziestudie von 1900 spricht Krajewska von der ersten (prädisponierenden) und der letz-
ten (determinierenden) Ursache für die Osteomalazie. Zu der erstgenannten zählt sie als Hauptmomente in der
Lebensweise muslimischer Frauen (gemeint sind die ärmeren) den Mangel an Luft und Sonne, die schlechte Er-
nährung und die Feuchtigkeit der Wohnungen. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900
(2), Spalte 1826/27. In der Studie von 1910 ist auch von den prädisponierenden Ursachen („causes prédispo-
santes“) die Rede, zu denen Krajewska nun die schlechte Ernährung, das Wohnen in feuchten, dunklen und
schlecht gelüfteteten Räumen sowie die mangelnde Bewegung zählt. Vgl. die in Anmerkung 216 zitierte Studie
Krajewskas von 1910, S. 420. Zu Krajewskas Verständnis der „determinierenden Ursachen“ vgl. Anmerkung
248.
248. Zu den entsprechenden Vorstellungen Januszewskas vgl. S. 37 der vorliegenden Arbeit. Zu Krajewska vgl.
die in Anmerkung 211 zitierte Studie von 1900 (2), Spalte 1827. Dort erklärt Krajewska: „Indem ich den schwa-
chen anämischen Organismus der mohammedanischen Frau als einen guten Boden für die Entstehung der Os-
teomalazie ansehe und die Feuchtigkeit [der Wohnungen] und den Mangel an Luft und Sonne für die Haupt-
bedingungen der Krankheit halte, scheint mir in der übermäßigen Betätigung der sexuellen Funktionen die be-
stimmende Ursache der Krankheit zu liegen.“ Auch in ihrer Studie von 1910 spricht Krajewska wieder von der
determinierenden Ursache („cause déterminante“) der Osteomalazie und zählt dort die frühen Heiraten, die
häufigen Schwangerschaften und das lange Stillen dazu. Vgl. die in Anmerkung 216 zitierte Studie Krajewskas
von 1910, S. 420.
249. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (2), Spalte 1827.
250. Vgl. ibid.
251. An dem bestehenden Geschlechterverhältnis zwischen muslimischen Männern und Frauen kritisierte Kra-
jewska scharf die Herrschaftsstellung der Ehemänner gegenüber ihren Ehefrauen, die sich u. a. in dem von den
Ehemännern ausgeübten Zwang zu häufigem Geschlechtsverkehr ausdrücke. Über diesen Zwang äußerte sie
sich verschiedentlich in ihrer Osteomalazie-Studie von 1900 sehr kritisch. Außer der bereits erwähnten Stelle
über den „anstrengenden, oft mit den schon kranken Frauen ausgeübten Koitus“ sei hier noch auf die folgende
Stelle verwiesen, an der es heißt: „Im allgemeinen sind die mohammedanischen Familien fruchtbar. Diese Ferti-
lität scheint mir jedoch im engen Zusammenhange mit der Gelegenheit zur Konzeption zu stehen, wie sie das
eheliche Leben einer mohammedanischen Frau mit sich bringt. In vielen Fällen gaben mir die Frauen an, dass
sie viel häufiger von ihrem Gatten zum Koitus gezwungen werden, als sie selbst es verlangen würden.“ (Zu den
beiden Stellen vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas 1900 (2), Spalte 1827, und 1900 (3), Spalte
1895.) Krajewska sah sich selber nicht als Feministin. In ihren Memoiren erklärt sie einmal sinngemäß, dass sie
wohl für das Recht von Frauen auf Arbeit eintrete, aber keine Feministin im engeren Sinne des Wortes sei. (Vgl.
Krajewska, Pamiętnik, Anmerkung 135, op. cit., S. 156) Doch sowohl ihr vielfaches Befürworten des Rechts von
Frauen auf Berufsarbeit als auch ihre kritischen Äußerungen über das ungleiche Rechts- und Machtverhältnis
zwischen muslimischen Ehemännern und ihren Ehefrauen im damaligen Bosnien-Herzegowina lassen sie zwei-
fellos als Feministin erscheinen. Ihr kritisch-feministischer Blick auf das Geschlechterverhältnis in der muslimi-
schen Gesellschaft Bosnien-Herzegowinas um 1900 verleitet Krajewska bisweilen aber auch zu einer Ausdrucks-
weise, die ein hohes Maß an mitteleuropäischer Kulturarroganz erkennen lässt. So spricht sie z. B. in ihrer Oste-
omalazie-Studie von 1900 einmal von „prophylaktischen Maßregeln“ in Bezug auf die Osteomalazie und zählt
dazu die „Besserung der hygienischen Verhältnisse und die Erlösung der mohammedanischen Frau aus dem

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Reiche der Finsternis und der Rohheit, in welchem sie ihrem Manne als ein Tier dient“. (Vgl. die in Anmerkung
211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (3), Spalte 1895)
252. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (1), Spalte 1787/88. Zur senilen Osteomala-
zie zählte Krajewska jene Fälle, die „außer der Gravidität und außer dem Puerperium, jedoch vor der Menopau-
se“ begannen. Die zu dieser Gruppe zählenden Frauen der Studie, waren zwischen 40 und 60 Jahre alt.
253. Vgl. die in Anmerkung 216 zitierte Studie Krajewskas von 1910, S. 218.
254. Es gibt nur einen kleinen Hinweis auf die Verteilung der verschiedenen Formen der Osteomalazie unter
den Patientinnen Januszewskas, und das ist die Kurzbeschreibung von 6 Fällen in der Abhandlung von 1910.
Von diesen 6 entfallen drei eindeutig auf die puerperale Osteomalazie und drei auf die nichtpuerperale oder
rheumatoide Osteomalazie (davon gehört wiederum ein Fall zur nichtpuerperalen Osteomalazie, und zwei Fälle
gehören zur rheumatoiden Osteomalazie). Bei der Kurzbeschreibung der Fälle kam es Januszewska aber wahr-
scheinlich darauf an, dass jede der verschiedenen Formen der Osteomalazie mindestens einmal vertreten war.
Insofern ist die sich aus den Fallbeschreibungen ergebende Verteilung der Fälle vermutlich nicht repräsentativ.
Zu den Fallbeschreibungen vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 507/08.
255. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (2), Spalte 1825/26, sowie die in Anmer-
kung 216 zitierte Studie von 1910, S. 422-424.
256. Vgl. den Jahresbericht Januzewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116.
257. Zu den Symptomen des 1. bis 3. Grades nach Krajewska vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie von 1900
(2), Spalte 1824-1826, sowie die in Anmerkung 216 zitierte Studie von 1910, S. 422/23, zu den Symptomen der
drei Grade nach Januszewska vgl. S. 38 der vorliegenden Arbeit.
258. Vgl. die in Anmerkung 216 zitierte Studie Krajewskas von 1910, S. 423.
259. Zur Anwendung der Phospor-Lebertran-Therapie durch Januszewska vgl. S. 38 der vorliegenden Arbeit, zur
Anwendung durch Krajewska vgl. z. B. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (3), Spalte
1894/95, und 1900 (4), Spalte 1932-1934. Krajewska berief sich bei dieser Therapie auf Max Kassowitz, Kinder-
arzt und Universitätsprofessor. Vgl. die in Anmerkung 216 zitierte Studie Krajewskas von 1910, S. 427.
260. Zu diesem Fall einer Patientin, auf den auch schon im Zusammenhang mit Januszewskas Geburtshilfe kurz
eingegangen wurde, vgl. Januszewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 508.
261. Zu Krajewskas Befürwortung der weiblichen Kastration als „prophylaktisch-kuratives Mittel bei der Oste-
omalazie“ vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie von 1900 (3), Spalte 1895.
262. Welche Rolle das Landeskrankenhaus in ihrer Zeit als Amtsärztin in Sarajevo spielen sollte, ahnte Krajew-
ska bereits bei ihrem Abschied von D. Tuzla, wo sie bisher amtiert hatte. Bei dem Abschied, der ihr ausgespro-
chen schwerfiel, tröstete sie sich u. a. mit dem Gedanken, dass das Landeskrankenhaus in Sarajevo ihr „in vie-
len Fällen die Rettung von Frauen, die an Osteomalazie litten, erleichtern würde“. Vgl. Krajewska, Pamiętnik,
Anmerkung 135, op. cit., S. 108.
263. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1910, zitiert in Anmerkung 113.
264. Vgl. die in Anmerkung 211 zitierte Studie Krajewskas von 1900 (3), Spalte 1895.
265. Die in dieser Arbeit vorgelegten Ergebnisse des Vergleichs zwischen den Osteomalazievorstellungen Ja-
nuszewskas und Krajewskas unterscheiden sich in mancher Hinsicht von der Einschätzung von Brigitte Fuchs
und Husref Tahirović, wonach sich Januszewska in ihrer Abhandlung über die Osteomalazie zwar nicht direkt
auf Krajewskas Konzeption der Osteomalazie als einer Krankheit bosnisch-muslimischer Frauen beziehe, sie
aber Punkt für Punkt widerlege. Vgl. Fuchs, Tahirović, Gisela Januszewska…, Anmerkung 16, op. cit., S. 80-82.
266. Vgl. Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium, das dem Juni 1912 zuzuord-
nen ist und sich unter ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/7, befindet.
267. Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 422. Dort
heißt es über das Kurbad Ilidže: „Die Hotels und Bade-Etablissements werden von der Landesverwaltung, die
auch einen Kurarzt daselbst angestellt hat, in eigener Regie geführt."
268. Vgl. das in Anmerkung 266 zitierte Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium
vom Juni 1912.
269. Vgl. ibid.
270. Vgl. ibid.

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271. Vgl. Das Sanitätswesen in Bosnien und der Hercegovina 1878-1901, Anmerkung 9, op. cit., S. 424/25.
272. Vgl. ibid., S. 425.
273. Nach einer Aufstellung Januszewskas vom 18. Februar 1910 betrug die Zahl der behandelten Frauen im
Bad Slatina 1900 108; 1901 129; 1902 163; 1903 201; 1904 248; 1905 137; 1906 239; 1907 200; 1908 246 und
1909 367. Die Aufstellung ist einer Anlage zu dem Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanz-
ministerium vom Juni 1912 zu entnehmen, das in Anmerkung 266 zitiert ist.
274. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1902, zitiert in Anmerkung 116.
275. In den 10 Jahren von Januszewskas Tätigkeit als Badeärztin (1900 bis Ende 1909) war die Zahl der nicht-
muslimischen Patientinnen immer erheblich größer als die der muslimischen. Das Verhältnis betrug 1900 84 zu
24; 1901 104 zu 25; 1902 107 zu 56; 1903 176 zu 25; 1904 197 zu 51; 1905 110 zu 27; 1906 188 zu 51; 1907 130
zu 70; 1908 210 zu 36; 1909 318 zu 49. Vgl. die Aufstellung Januszewskas in der Anlage zu dem Schreiben der
Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium vom Juni 1912, zitiert in Anmerkung 266.
276. In einer Tabelle über die „Anzahl der in Slatina behandelten Kranken“ in den Monaten Mai bis einschließ-
lich August 1903 (d. h. den Monaten, in denen Januszewska in Slatina Sprechstunden abhielt), die dem Jahres-
bericht zu 1903 beigefügt ist, nimmt der „Stoffwechsel“ mit 55 Betroffenen unter den insgesamt 191 (an ande-
rer Stelle spricht Januszewska von 201) behandelten Patientinnen den ersten Platz ein. Auf Platz 2, 3 und 4 fol-
gen „Krankheiten des Verdauungsapparats“ (42 Patientinnen), „Krankheiten der Geschlechtsorgane“ (30 Pati-
entinnen) und „Krankheiten der Knochen“ (vermutlich überwiegend durch Osteomalazie bedingt) (25 Patien-
tinnen). Hier wurden nur die in Januszewskas Aufstellung häufigsten Krankheiten herausgegriffen. Zu den weni-
ger häufigen Krankheiten zählten Tuberkulose (4 Patientinnen) und Syphilis (2 Patientinnen). (Vgl. den Jahres-
bericht Januszewskas zu 1903, zitiert in Anmerkung 116.) Im Folgenden seien auch noch die Werte zu 1909 an-
geführt. Laut „Verzeichnis über die im Bade Slatina im Jahre 1909 behandelten Patienten“ hatten von insge-
samt 367 Patientinnen die meisten (121) Verdauungsbeschwerden, gefolgt von 88 Patientinnen mit Stoffwech-
selkrankheiten, 35 mit Krankheiten der weiblichen Geschlechtsorgane, 27 mit akuten Infektionskrankheiten
(die nicht weiter spezifiziert sind), 18 mit Tuberkulose, um nur die häufigsten Krankheiten zu nennen. Die Zahl
der Osteomalazie-Fälle belief sich auf 12 und die der Syphilis-Fälle (Lues) auf 6. (Vgl. den Jahresbericht Janu-
szewskas zum Jahr 1909, zitiert in Anmerkung 116.) Zur Zahl der Osteomalazie-Patientinnen in ihren Sprech-
stunden im Bad Slatina hat sich Januszewska auch in ihrer 1910 publizierten Abhandlung über die Osteomalazie
geäußert. Dort konstatiert sie, dass die Zahl in den 10 Jahren zwischen 1900 und 1909 209 betrug. Vgl. Janu-
szewska, Über Osteomalazie…, Anmerkung 212, op. cit., Spalte 503.
277. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116.
278. Bei Skender Vakuf und Sitnica handelt es sich jeweils um Orte in gebirgiger, wald- und wasserreicher Ge-
gend. Skender Vakuf, heute Kneževo, befindet sich ca. 50 km südöstlich von Banja Luka. Sitnica, heute Teil der
Gemeinde Ribnik, liegt etwa 70 km südwestlich von Banja Luka.
279. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung 116.
280. Das Unterkunftshaus im Bad Slatina, das nach ihrer Ansicht von muslimischen Familien viel frequentiert
wurde, beschreibt Januszewska folgendermaßen: „Es enthält 12 Zimmer mit je einem Holztisch, der als Mindar
[minder, eine Art Bank] mit mitgebrachten Teppichen und Matratzen belegt wird. Die Türen öffnen sich auf ei-
nen gedeckten Gang in den Hof. Im Hof befindet sich eine Küche mit landesüblichen Herden und ein Pump-
brunnen. Zum Hause gehört auch ein eingeplangter [eingezäunter] Garten für die muselmanischen Frauen. Die
Fenster sind durch Holzgitter verwahrt.“ Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1908, zitiert in Anmerkung
116.
281. Zur Pensionierung Januszewskis 1910 vgl. Anmerkung 315.
282. Zu den verschiedenen Veränderungen im Bad Slatina wie der Reorganisation der Verwaltungstätigkeit,
den erforderlichen Instandsetzungsarbeiten sowie den Plänen für eine Umgestaltung der Badeanlagen vgl.
„Motivenbericht zum Präliminare des landesärarischen Bades Slatina-Ilidže für das Jahr 1910“, erstellt von der
Kreisbehörde Banja Luka und datiert vom 30. März 1910, unter ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/3ad.
283. Die Position der Kreisbehörde ergibt sich aus dem Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame
Finanzministerium vom Juni 1912, zitiert in Anmerkung 266.

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284. Zur Position der Landesregierung in der Frage einer Zuwendung für Januszewskas Tätigkeit im Bad Slatina
vgl. das Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium vom Juni 1912, zitiert in Anmer-
kung 266.
285. Zur Rückfrage von Seiten des Gemeinsamen Finanzministeriums bezüglich der Rechtsgrundlage für die Tä-
tigkeit Januszewskas im Bad Slatina vgl. das Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministe-
rium vom Juni 1912, zitiert in Anmerkung 266. Seine prinzipielle Bereitschaft, Januszewska für ihre Tätigkeit im
Bad Slatina eine Zuwendung in Höhe von 500 K zukommen zu lassen, bekundete das Gemeinsame Finanzminis-
terium in dem Dekret vom 28. August 1912 (ABH, ZMF 12368, B. H., 1912).
286. Zu den Umständen um das Vorsprechen des Oberbezirksarztes Dr. Eduard Herzmann bei der Landesregie-
rung in Sarajevo heißt es in einem Dokument der Landesregierung, das mit „Amtserinnerung!“ überschrieben
ist und den Vermerk „Terminierung I.VI.1912“ enthält: „Frau Dr. Januszewska in Banjaluka ersucht durch den
hier erschienenen Oberbezirksarzt Dr. Herzmann, aufgrund eines Briefes des Herrn Hofrates Dr. Kobler, um die
seit 2 Jahren ausständige Remuneration für die Behandlung der weiblichen Kranken im Bade Slatina-Ilidže in
der Zeit von 1900-1910.“ (Vgl. ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/2.) Und in einem weiteren Vermerk heißt es:
„Nachdem die Frage der Remuneration der Frau Dr. Januszewska seit diesbezüglichem Antrage vom 30.3.08
...bzw. vom 30.8.09... sich hinzieht und teils wegen Feststellung der Ersparnisse des jeweiligen Gebahrungsjah-
res [Rechnungsjahres] nicht zum Abschlusse gelangen kann, da die Schlussrechnungen so spät und unvollstän-
dig einlangen, dass bei Überprüfung derselben inzwischen die Gebahrungszeit verstrichen ist; ferner die ge-
nannte Ärztin im Herbst l.[aufenden] J.[ahres] das Land verlässt, so wäre die Angelegenheit endlich zu finalisie-
ren und hätte demnach zu erfolgen.“ Das Dokument enthält ferner das Exposé für ein Schreiben an die Kreisbe-
hörde Banja Luka, in welchem diese gebeten wird, die Landesregierung umgehend darüber zu informieren, ob
das Bad Slatina-Ilidže im Jahr 1912 einen solchen Gewinn erzielen werde, dass davon die Zuwendung für Janu-
szewska in Höhe von 500 K bestritten werden kann.
287. Aus einem Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzministerium, das vermutlich vom
Dezember 1912 stammt, geht hervor, dass die Auszahlung der Zuwendung an Januszewska für ihre Tätigkeit im
Bad Slatina noch immer nicht erfolgt war. Vgl. ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/9.
288. Januszewska bezeichnete sich selber manchmal als „Waisenhausarzt“, so z. B. in ihrem Jahresbericht zu
1910, zitiert in Anmerkung 113. Sie war per Erlass der Landesregierung Z 150098 vom 2.10.1901 – in einem
anderen Regierungsdokument ist das Datum des Erlasses mit 20.10.1901 angegeben – mit der Aufgabe im
Waisenhaus Nazareth betraut worden. Vgl. „Jahresbericht für 1903 der Dr. Gisela Januszewska über die im
Waisenhaus Nazareth vorgenommenen Visitierungen nach Befolg des hochdortigen Auftrages vom 2.10.1901
sub Z 150098/I“ (ABH, ZVS 1904, kut. 37, š. 38 300/2).
289. Vgl. ibid.
290. Der in Anmerkung 288 zitierte Bericht Januszewskas über ihre Tätigkeit im Kloster Nazareth im Jahr 1903
ist z. B. adressiert „An das löbl. Landbezirksamt Banjaluka“ und ist außer mit dessen Eingangsstempel auch mit
den Eingangsstempeln der Kreisbehörde und der Landesregierung versehen.
291. Der Orden der „Anbeterinnen des Blutes Christi“ (Adoratrices Sanguinis Christi/ASC) stammte aus Italien
und widmete sich schon in seinen Anfängen der Erziehung und Bildung, vor allem von Mädchen. 1879 kamen
einige der Ordensfrauen unter der geistlichen Führung von Hermine (im bosnisch-kroatisch-serbischen Sprach-
raum Hermina) Gantert (1839-1882), einer Deutschen aus Baden, nach Banja Luka und gründeten, unterstützt
vom (Männer)Orden der Trappisten, die bereits das nahe bei Banja Luka gelegene Kloster „Marija Zvijezda“
(Maria Stern) betrieben, in Budžak das Kloster Nazareth. Vgl. Viktoria Košak, Povijest škola sestara Klanjateljica
Krvi Kristove u BiH (1810.-1945.) (Geschichte der Schulen der Schwestern vom Orden der Anbeterinnen des
Blutes Christi ...), Zagreb, 2013 (Doktorski rad. Sveučilište u Zagrebu. Hrvatski studiji), S. 61-64. Online zugäng-
lich über die Universität Zagreb unter
https://repozitorij.hrstud.unizg.hr/islandora/object/hrstud%3A1519/datastream/PDF/view, aufgerufen am
16.10.2020.
292. Mit der Gründung eines Waisenhauses begannen die Ordensfrauen unmittelbar nach ihrer Ankunft in
Budžak, ibid., S. 88/89, die Grundschule wurde im Herbst 1880 eröffnet, ibid., S. 92-94. 1891 erfolgte die Grün-
dung der Höheren Mädchenschule im Kloster, ibid., S. 138/39.

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293. Zu dem Bericht 1906 vgl. „Relation über die im Jahre 1906 im Auftrag der hoh. [hohen] Landesregierung
unter Zahl 156098 [bisweilen auch 150098] vom 2.X.1901 nach dem Kloster Nazareth unternommenen Dienst-
reisen der Dr. Gisela Januszewska“, unter ABH, ZVS 1907, kut. 51, š. 38-41.
294. Vgl. ibid. Aus einer Aufstellung Januszewskas über die von ihr im Kloster Nazareth zwischen 1900 und
1909 behandelten Kinder geht hervor, dass sie sogar noch bevor sie den offiziellen Auftrag für die Tätigkeit in
dem Kloster erhielt, dort schon Kinder untersucht und behandelt hat. Die Aufstellung enthält folgende Angaben
über die Anzahl der jährlichen Behandlungen: 1900 82; 1901 26; 1902 27; 1903 32; 1904 74; 1905 194; 1906
131; 1907 140; 1908 93; 1909 49. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1909, zitiert in Anmerkung 116.
295. Zum Bericht 1902 vgl. „Jahresbericht für 1902 über die im Kloster Nazareth abgehaltenen Visitierungen
der Klosterschule durch die Ärztin Dr. Gisela Januszewska“, unter ABH, ZVS 1903, kut. 139, š. 52-235. Zu den
Berichten 1903 und 1906 vgl. Anmerkung 288 bzw. 293.
296. Vgl. den Jahresbericht Januszewskas zu 1910, zitiert in Anmerkung 113.
297. Vgl. etwa den 10-Jahresbericht Keckovás (1893-1902), in dem es heißt: „Im April, Mai und Juni 1902 habe
ich bei der von mir vorgenommenen Impfung 171 Mädchen, und zwar mit Erfolg geimpft: in der höh. staatl.
Mädchenschule 56 Mädchen, worunter waren 38 katholisch, 16 orient. orthodox und 3 Jüdinnen. Die Zahl der
von mir geimpften mohamedanischen Kinder weist die Summe von 115 Fällen auf: In den weiblichen mohame-
danischen Mejtef [mekteb, islamische Grundschule mit Unterricht auf der Basis des Koran, vielfach durch einen
Hodža] 77…“. Der 10-Jahresbericht Keckovás ist zitiert in Anmerkung 137.
298. Vgl. Bronisława Prašek-Całczyńska, Memoari jedne liječnice (Memoiren einer Ärztin), Zagreb, 2005², S.
50/51.
299. Prášek-Całczyńska arbeitete nach ihrer Ankunft in Sarajevo zunächst als Aushilfsärztin in der Abteilung für
Gynäkologie und Geburtshilfe des Landeskrankenhauses in Sarajevo, wo es einige Plätze für die Behandlung
von Kindern gab. (Vgl. ibid., S. 37). In der zweiten Hälfte 1915 beteiligte sie sich an der Seite ihres Mannes an
der Bekämpfung einer schweren Cholera-Epidemie im Norden Bosnien-Herzegowinas. (Vgl. ibid., S. 38-40 und
47 ff.) Danach wurde ihr eine Stelle im schulärztlichen Dienst in Sarajevo inoffiziell in Aussicht gestellt. In der
Hoffnung, dass ihr der Posten bald übertragen würde, begann sie schon ohne Vertrag und Bezahlung als Schul-
ärztin zu arbeiten. Erst knapp zwei Jahre später wurde sie dann offiziell als Schulärztin in Sarajevo angestellt.
(Vgl. ibid., S. 50/51)
300. Januszewska schreibt in ihrem 1912 verfassten Rückblicksbericht, dass sie ihren Hygieneunterricht vor 8
Jahren aufgenommen habe, das könnte also 1904 oder 1905 gewesen sein, möglicherweise war es im Herbst
1904. (Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.) Zur Eröffnung der staatlichen Höheren Mädchenschule in Banja Luka 1898/99 vgl. Mi-
tar Papić, Školstvo u Bosni i Hercegovini za vrijeme austrougarske okupacije (1878-1918) (Das Schulwesen in
Bosnien und Herzegowina zur Zeit der österreichisch-ungarischen Okkupation (…), Sarajevo, 1972 (Biblioteka
kulturno nasljeđe), S. 141.
301. Teodora Krajewska unterrichtete das Fach Hygiene an der staatlichen Höheren Mädchenschule in Sarajevo
im Auftrag der Landesregierung ab dem Schuljahr 1899/1900; außerdem gab sie Unterricht in Hygiene auch an
anderen Schulen in Sarajevo. (Vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 87.) Krajewska versah diese Aufgabe bis et-
wa 1917, als sie sie wegen einer Augenkrankheit aufgeben musste und die Kinderärztin Bronisława Prášek-Cał-
czyńska, die eine Stelle als Schulärztin in Sarajevo bekommen hatte, die Aufgabe übernahm. (Vgl. Prášek-Cał-
czyńska, Anmerkung 298, op. cit., S. 51/52.) Bohuslava Kecková wurde zum Schuljahr 1900/1901 von der Lan-
desregierung mit dem Hygieneunterricht an der Mostarer staatlichen Höheren Mädchenschule betraut. (Vgl.
Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 68.) Kecková erwähnt diesen Unterricht auch meist in ihren Berichten an die
Landesregierung. Ihrem letzten Jahresbericht, zum Jahr 1910, ist zu entnehmen, dass sie zum Oktober 1910 von
dieser Aufgabe entbunden wurde – wahrscheinlich auf ihren Wunsch hin, da sie schon sehr krank war. Vgl. Jah-
resbericht der Amtsärztin Dr. B. Keck über ihre Amtstätigkeit in Mostar pro Jahr 1910, unter ABH, ZVS 1911,
kut. 270, š. 96-77.
302. Jagoda Truhelka war 1901 zur Direktorin der staatlichen Höheren Mädchenschule in Banja Luka berufen
worden und übte diese Funktion vermutlich bis 1910 aus, als sie nach Sarajevo versetzt und mit der Leitung der
dortigen staatlichen Höheren Mädchenschule betraut wurde. Ihre Ansichten waren stark vom Feminismus ge-

82
prägt. (Vgl. Sanja Ljubišić, Jagoda Truhelka (1864-1957), in: Banja Luka. Znamenite žene u istorii grada, Anmer-
kung 15, op. cit., S. 94-97.) An der staatlichen Höheren Mädchenschule in Sarajevo traf Truhelka dann mit Kra-
jewska zusammen, die dort seit dem Schuljahr 1899/1900 Lehrerin für Hygiene war (vgl. Anmerkung 301). Bei-
de Frauen verband mit der Zeit außer literarischen Interessen auch eine enge Freundschaft. Vgl. dazu Krajew-
ska, Pamiętnik, Anmerkung 135, op. cit., S. 19.
303. Von den drei genannten staatlichen Höheren Mädchenschulen war als erste diejenige in Sarajevo gegrün-
det worden. Ihre Anfänge gingen auf das Jahr 1883 zurück. Sie umfasste 1893 drei Klassen, 1894 vier und zwei
Jahre später fünf. Die Höhere Mädchenschule in Mostar nahm als zweite Schule dieses Typs ihre Arbeit im
Schuljahr 1893/94 auf und als dritte wurde im Schuljahr 1898/99 die entsprechende Einrichtung in Banja Luka
eröffnet. Vgl. Papić, Anmerkung 300, op. cit., S. 141.
304. Vgl. ibid.
305. Vgl. ibid., S. 143
306. Vgl. ibid., S. 142
307. In Keckovás 10-Jahresbericht (die Jahre 1893 bis 1902 umfassend) ist – bezogen auf die Jahre 1900 bis
1902 – und erneut in ihrem Jahresbericht 1903 die Rede davon, dass sie Hygieneunterricht in der 4. und 5.
Klasse gab. Der 10-Jahresbericht Keckovás ist zitiert in Anmerkung 137. Zum Jahresbericht 1903 („Jahresbericht
der Amtsärztin Dr. Bohuslava Keck über ihre Tätigkeit in Mostar vom 1. Jänner bis zum 31. Dezember 1903“)
vgl. ABH, ZVS 1904, kut. 37, š. 38 300/6.
308. Im Zuge der Reform von 1908 wurde die staatliche Höhere Mädchenschule in nationale Höhere Mädchen-
schule (narodna viša djevojačka škola) umbenannt. Zugleich wurde sie in einen allgemeinen Zweig (opšti smjer
mit 4jährigem Schulbesuch) und einen fachlichen Zweig (stručni smjer mit 6jährigem Schulbesuch) unterglie-
dert. In den ersten beiden Schuljahren wurden die Schülerinnen beider Zweige gemeinsam unterrichtet. Vgl.
Papić, Anmerkung 300, op. cit., S. 142.
309. Dass Kecková das Fach Hygiene ab 1908, als es zu der Reform der Höheren Mädchenschule kam, in beiden
Zweigen der Schule, dem allgemeinen und dem fachlichen, unterrichtete, lässt sich aus ihren Tätigkeitsberich-
ten zu 1908 und 1909 schließen. Dort spricht sie wie in ihren früheren Berichten davon, dass sie Hygieneunter-
richt in der 4. und 5. Klasse erteilt hat. Außerdem ist aber nun bei ihr auch die Rede von einem Hygieneunter-
richt für „Fachschülerinnen der 3. Klasse“. Zu Keckovás Jahresbericht 1908 vgl. „Jahresbericht der Amtsärztin
Dr. B. Keck über ihre Amtstätigkeit in Mostar vom 1. Jänner bis zum 31. Dezember 1908“ (ABH, ZVS 1910, kut.
210, š. 96-75), zum Jahresbericht 1909 vgl. „Jahresbericht der Amtsärztin Dr. Bohuslava Keck über ihre Amtstä-
tigkeit in Mostar vom 1. Jänner bis zum 31. Dezember 1909“ (ABH, ZVS 1910, kut. 210, š. 96-75).
310. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.
311. Zur Thematik des Hygieneunterrichts von Kecková im 4. und 5. Schuljahr der staatlichen Höheren Mäd-
chenschule in den Jahren 1900 bis 1902 vgl. den in Anmerkung 137 zitierten 10-Jahresbericht Keckovás, zu
1903 vgl. den in Anmerkung 307 zitierten entsprechenden Jahresbericht. Auch in den Jahresberichten 1908 und
1909, zitiert in Anmerkung 309, ist von derselben Thematik des Hygieneunterrichts für das 4. und 5. Schuljahr
die Rede, wobei nicht ganz klar ist, ob sich dieser Unterricht an dem 1908 neu gebildeten, allgemeinen Zweig
der staatlichen Höheren Mädchenschule abspielte.
312. In ihren Jahresberichten 1908 und 1909, zitiert in Anmerkung 309, spricht Kecková ausdrücklich von den
„Fachschülerinnen der 3. Klasse“, bei denen sie die Thematik „Hauptbestandteile des menschlichen Körpers.
Knochengerüst, Haut und Muskeln. Pflege der Haut“ behandelt habe. Ob es sich bei den von Kecková als „Fach-
schülerinnen“ bezeichneten Schülerinnen, um Mädchen handelte, die dem im Zuge der Reformierung der
staatlichen Höheren Mädchenschule 1908 neu entstandenen fachlichen Zweig der Schule, der 6 Schuljahre
umfasste, zuzuordnen sind, muss offen bleiben. Gewisse thematische Ähnlichkeiten legen übrigens die Vermu-
tung nahe, dass der Hygieneunterricht Keckovás, der 1900 einsetzte, eine Art Grundlage für die 1905 beginnen-
de Serie von gesundheitserzieherischen Beiträgen Keckovás in der Zeitschrift „Osvit“ (Morgendämmerung) bil-
dete. Zu diesen Veröffentlichungen Keckovás vgl. Nečas, Anmerkung 13, op. cit., S. 66/67, und Husref Tahirović,
Brigitte Fuchs, Boguslava Kecková: An official female doctor in Bosnia and Herzegovina, 1893-1911, in: Acta me-
dica academica, 48, 2019, 2, S. 238 und 240-249.

83
313. Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka,
zitiert in Anmerkung 81.
314. Im „Hof- und Staatshandbuch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. 1874-1918“ wird Januszewski
ab 1908 nicht mehr als Kreisarzt, sondern als Sanitätsinspektor geführt. (Vgl. die Online-Version des Hand-
buchs, erstellt von der Österreichischen Nationalbibliothek und Teil der Sammlung „Alex, Historische Rechts-
und Gesetzestexte Online, zugänglich unter http://alex.onb.ac.at.) Januszewskis Aufgaben als Sanitätsinspektor
dürften aber weitgehend denen eines Kreisarztes entsprochen haben. Zusätzlich zu seinen Aufgaben als Kreis-
arzt bzw. Sanitätsinspektor in Banja Luka hatte Januszewski seit 1903 noch die herausgehobene Funktion eines
Mitglieds des Landessanitätsrats in Bosnien-Herzegowina und trug den Titel Sanitätsrat. (Vgl. das Beamtendos-
sier zu Januszewski im Archiv Bosnien und Herzegowinas ABH, Zbirka službeničkih dosijea (ZSD). Anlässlich sei-
ner „Versetzung in den dauernden Ruhestand“ bekam er noch „den Titel und Charakter eines Regierungsra-
tes“ verliehen. (Vgl. Schreiben des Gemeinsamen Finanzministeriums an die Landesregierung vom 6. Juni 1910
unter ABH, ZVS 1910, kut. 211, š. 96-192. Aus dem Kopf des Schreibens geht hervor, dass es sich um den Erlass
des Gemeinsamen Finanzministeriums mit der Kennzeichnung 7205, B. H., 1910, handelt.)
315. Mit Schreiben vom 23. März 1910 wandte sich Januszewski mit folgender Bitte an die Landesregierung:
„Im Hinblicke auf mein vorgerücktes Alter, welches mich an der Erfüllung meiner dienstlichen Obliegenheiten
hindert, bitte ich um die Versetzung in den dauernden Ruhestand.“ Um einen gewissen Einblick in sein anstren-
gendes Berufsleben zu geben, sei hier noch folgender Passus aus seinem Gesuch um Pensionierung zitiert:
„...das hohe Präsidium [der Landesregierung] [möge] mir im Hinblicke auf das Vorangeführte und die Tatsache,
dass ich mein ganzes Leben im Dienste der öffentlichen Sanitätspflege unter den schwierigsten Verhältnissen
und aufreibenden Strappazen [sic] und oft unvermeidlicher Lebensgefahr zugebracht, hiebei die größten Ent-
behrungen ertragen habe, die mich auch vorzeitig dienstunfähig gemacht haben – den vollen Activitätsgehalt
als Pension gnädigst gewähren.“ Mit seinem Gesuch um Pensionierung verband Januszewski die Bitte, bis zur
Erledigung seines Gesuchs Urlaub nehmen zu dürfen. (Zu Januszewskis Gesuch vgl. ABH, ZVS 1910, kut. 211, š.
96-192.) Die Entscheidung des Gemeinsamen Finanzministers bezüglich des Gesuchs von Januszewski, die der
Landesregierung mit Schreiben vom 6. Juni 1910 mitgeteilt wurde, sah die Versetzung Januszewskis in den dau-
ernden Ruhestand „taxfrei“ und mit dem „Titel und Charakter eines Regierungsrates“ vor. Außerdem verfügte
der Minister Folgendes: „Indem ich nun den Obgenannten in den dauernden Ruhestand zu versetzen finde, la-
de ich die Landesregierung ein, Januszewski die Pension jährlicher 4455 K[ronen] vom 1. Juli l.[aufenden]
J.[ahres] angefangen flüssig zu machen und die allerhöchste Auszeichnung des Genannten [gemeint ist wohl die
Verleihung des Titels eines Regierungsrates], sowie dessen Pensionierung im Sarajevski list [Sarajevoer Tage-
blatt] in der am 18.d.Mts. erscheinenden Nummer zu publizieren.“ (Das Schreiben des Gemeinsamen Finanz-
ministeriums an die Landesregierung vom 6. Juni 1910 ist in Anmerkung 314 zitiert.)
316. Zu den genannten Stationen auf dem weiteren Berufsweg Januszewskas vgl. Aigner, Anmerkung 17, op.
cit., S. 61.
317. Zur Sitzung des Gemeinderats am 29. April 1912 und dem Protokoll dazu vgl. das Konvolut ABH, ZVS 1912,
kut. 309, š. 96 191/3. Die von Januszewska in ihrem Bericht von 1912 angegebene Zahl über die Frequenz des
Ambulatoriums D. Šeher zwischen 1903 und 1912 ist etwas größer als die auf der Sitzung des Gemeinderats ge-
nannte Zahl und beträgt knapp 18000 (genau 17991). (Vgl. den Bericht Januszewskas zum 1. Halbjahr 1912 und
zu ihrer gesamten Zeit als Ärztin in Banja Luka, zitiert in Anmerkung 81.)
318. Zu dem Beschluss, den der Gemeinderat auf seiner Sitzung vom 29. April 1912 fasste, vgl. das Konvolut
ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/3.
319. Zum Schreiben der Landesregierung an die Kreisbehörde Banja Luka (abgezeichnet mit Datum vom
24.8.1912) vgl. ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/5. Dem war ein Schreiben der Kreisbehörde Banja Luka an
die Landesregierung vom 11.6.1912 vorausgegangen, in welchem es heißt: „Da Frau Dr. Gisela Januszewska mit
Mitte August Banjaluka für immer verlassen wird, erlaubt sich die Kreisbehörde in Anbetracht der großen Ver-
dienste, die sich die genannte Ärztin durch ihr langwährendes Wirken im Allgemeinen und unter den muhame-
danischen Frauen im Besonderen erworben hat, zu beantragen, dass derselben der Dank und die Anerkennung
seitens der Regierung ausgesprochen und die derselben jährlich für die Leitung des weiblichen Ambulatoriums
„Preko Vrbasa“ zukommende Remuneration von 600 K. diesmal auf 1000 K. erhöht werde.“ (Vgl. ibid.) Immer-

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hin bekam Januszewska auch 1912 noch den vollen jährlichen Zuschuss der Landesregierung für die Leitung des
Ambulatoriums in Höhe von 600 K, obwohl sie da nur noch etwa ein halbes Jahr für das Ambulatorium tätig
war.
320. Zum Schreiben des Gemeindeamtes an das Stadtbezirksamt Banja Luka vom 29. April 1912, das bei diesem
am 4. Mai 1912 einging, vgl. das Konvolut ABH, ZVS 1912, kut. 309, š. 96 191/3.
321. Ein direkter Kontakt zwischen Januszewska und Rakić, in dessen Verlauf letztere ihr Interesse an einem
Wechsel nach Banja Luka bekundet haben könnte, ist zwar nicht nachweisbar, aber wahrscheinlich. Rakić hatte
in Bihać große Schwierigkeiten mit ihrem Vorgesetzten, Sanitätsinspektor Dr. Martin Bleicher, bekommen, wo-
rauf eine Bemerkung schließen lässt, die dieser in einer Beurteilung von Rakić abgegeben hat. Wegen dieser
Schwierigkeiten könnte sich Rakić, so die naheliegende Vermutung, für einen Wechsel nach Banja Luka interes-
siert haben. (Zu dem möglichen Kontakt zwischen Januszewska und Rakić vgl. auch Barbara Martin, Zur Tätig-
keit von Kornelija Rakić als Amtsärztin in Bosnien-Herzegowina (1908-1918). Eine Spurensuche, S. 11 und 14.
Die Arbeit wurde im Oktober 2017 auf der Internet-Plattform Scribd publiziert (aktualisiert im August 2018)
und ist zugänglich unter https://de.scribd.com/document/360574359/Zur-Tatigkeit-von-Kornelija-
Raki%C4%87-als-Amtsarztin-in-Bosnien-Herzegowina).
322. Die Befürwortung der Wiedereinrichtung einer Amtsärztinnenstelle in Banja Luka und die Empfehlung zur
Besetzung der Stelle mit Rakić gehen aus einem Schreiben der Landesregierung an das Gemeinsame Finanzmi-
nisterium vom 7.9.1912 hervor. (Vgl. ABH, ZMF 13291, B. H., 1912)
323. Durch Dekret der Landesregierung vom 3.10.1912 (224108 I – F) wurde Rakić mit Wirkung vom 1.11.1912
nach Banja Luka versetzt. (Vgl. Beamtendossier zu Kornelija Rakić im Archiv Bosnien und Herzegowinas ABH,
Zbirka službeničkih dosijea (ZSD). Das Datum des Dienstantritts geht ebenfalls aus dem Beamtendossier von
Rakić hervor.
324. Vgl. Martin, Zur Tätigkeit von Kornelija Rakić…, Anmerkung 321, op. cit., S. 17.
325. Vgl. ibid., S. 14/15
326. Im Schreiben der Kreisbehörde Banja Luka an die Landesregierung vom 11.6.1912 ist von Mitte August
1912 als Termin für den Weggang Januszewskas aus Banja Luka die Rede. (Das Schreiben der Kreisbehörde ist
zitiert in Anmerkung 319.) Laut Protokoll der Sitzung des Gemeinderats vom 29.4.1912 sollte der Weggang im
September, spätestens am 1. Oktober 1912 erfolgen. (Zum Protokoll der Sitzung des Gemeinderats vgl. Anmer-
kung 317.)
327. Zu den Details über Januszewskas Tätigkeit in Graz vgl. Aigner, Anmerkung 17, op. cit., S. 61/62.
328. Vgl. ibid., S. 62
329. Zu den Todesumständen Gisela Januszewskas vgl. „Database of victims“ auf dem tschechischen Portal zum
Holocaust: https://www.holocaust.cz/en/database-of-victims/victim/52565-gisela-januszewska/, aufgerufen
am 16.10.2020. Die Umstände der Deportation Gisela Januszewskas von Wien in das Konzentrationslager The-
resienstadt gehen aus einer Mitteilung hervor, die die Verfasserin der vorliegenden Arbeit auf Anfrage von den
„Arolson Archives“, International Center on Nazi Persecution, Bad Arolson, Deutschland, am 27.6.2019 erhielt.
Danach wurde Januszewska, zuletzt wohnhaft in Wien, Seegasse 16, am 28.6.1942 durch die Geheime Staats-
polizei Wien zum Konzentrationslager Theresienstadt, in dem entsprechenden Dokument der Gestapo Wien als
Ghetto Theresienstadt bezeichnet, deportiert.
330. Die Vermutung, dass das städtische Frauenambulatorium „D. Šeher“ in der alten Frauenbewegung kaum
Beachtung gefunden hat, basiert vor allem auf einer flüchtigen Prüfung der tschechischen Zeitschrift „Ženské
listy“ (Frauenblätter), die etwa dem Wirken Keckovás in Mostar große Aufmerksamkeit geschenkt hat. Bei der
Prüfung fanden sich nur zwei kurze Hinweise darauf, dass „Gisela Kuhnová“ Ärztin in Banja Luka war. Vgl. Žen-
ské listy, 31, 1903, 2, S. 34, und 31, 1903, 4, S. 71. Die Zeitschrift ist zugänglich über die kostenpflichtige Daten-
bank: The Gerritsen Collection – Women´s History Online. Der Verfasserin der vorliegenden Arbeit war der Zu-
gang zu dieser Datenbank über die Staatsbibliothek zu Berlin möglich.
331. Zur feministischen Stadttour, die im Rahmen der Nichtregierungsorganisation „Helsinški parlament
građana Banja Luka“ (Helsinki-Bürgerparlament Banja Luka) entwickelt worden ist und angeboten wird, vgl.
Feministička tura Banjaluke: http://hcabl.org/projekti/tekuci-projekti/ozivimo-javne-prostore/feministicka-
tura/#, aufgerufen am 16.10.2020.

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Publiziert im Dezember 2020 auf der Internet-Plattform Scribd (2., mit kleineren Korrekturen hauptsächlich
formaler Art versehene Fassung vom Dezember 2020)

Keywords
Kuhn, Gisela; Januszewska, Gisela; Rosenfeld-Roda, Gisela, verh. Kuhn, wiederverh. Januszewska; Krajewska,
Teodora; Kecková, Bohuslava; Einhorn, Rosa; Bloch-Einhorn, Rosa; Rakić, Kornelija; Olszewska, Jadwiga;
Januszewski, Ladislaus; Januszewski, Władysław; Amtsärztinnen; female doctors; female health officers;
women doctors; health care; public health; women´s health; Gesundheitswesen; Banja Luka; Bosnien und
Herzegowina; Bosnia and Herzegovina; Österreich-Ungarn; Austria-Hungary; Osteomalazie; Tuberkulose;
Syphilis; Geburtshilfe

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