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(1779)

WIELAND
C. M. WIELAND (1779)
Gemälde von G. 0. May
FRIEDRICH SENGLE

WIELAND
Mit 23 Bildern und Beilagen

]. B. METZLERSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG

STUTTGAR T 1949
ISBN 978-3-476-99864-4
ISBN 978-3-476-99863-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-99863-7
Du würdest ebenso leicht einen Mohren durch Waschen weiß
machen, als einem Menschen die Vorzüge der Kultur einimp-
fen, ohne ihm mit jeder Geschicklichkeit einen Fehler, mit
jeder Wahrbei t einen Irrtum, mit jeder Tugend ein Laster mit-
zuteilen. Weit gefehlt, daß die Vernunft die Grenzen ihrer
Herrschaft immer weiter ausdehnen und ihre ewigen Feinde,
Unwissenheit, Trägheit des Geistes, Willkürlichkeit und Ego-
isterei, endlich gänzlich verdrängen werde: haben wir nicht
stets gesehen, daß der Zeitpunkt der höchsten Verfeinerung
und der äußersten sittlichen Verderbnis immer ein und der-
selbe war? daß die Epoche der höchsten Aufklärung immer
diejenige war, worinalleArten von Spekulation, Wahnsinn und
praktischer Schwärmerei am stärksten im Schwange gingen?
Unfähig, in irgend etwas das Mittel zu halten, schweifen die
Menschen bald diesseits, bald jenseits über die Linie des Wah-
ren hinaus; und da es in jeder Sache nur eine Weise, recht zu
verfahren, und dagegen unzählige Wege zu fehlen gibt: wer
wollte sich darüber ereifern, wenn so schwache und unhaltbare
Geschöpfe, wie dieses Töpferwerk des Prometheus, in irgend
einer schweren Probe, worauf das Schicksal ihre Weisbei t und
Tugend setzt, übel bestehen?

C. M. WIELAND
VORWORT

Während die Erforschung Klopstocks, Lessings und Herders in Deutsch-


land liebevoll betrieben wurde und in runden, gewichtigen Monogra-
phien zusammenfassenden Ausdruck fand, macht die bisherige Wie-
land-Forschung den Eindruck eines Trümmerfeldes. Zwar konnte der
historischen Wissenschaft die Bedeutung des einst so berühmten Dich-
ters nicht entgehen. Sie sammelte Material zu seiner Biographie, klärte
da und dort die ideengeschichtlichen oder literarhistorischen Zusammen-
hänge und begann sogar eine historisch-kritische Ausgabe seiner
Werke, Briefe und Übersetzungen. Viel gelehrte Arbeit wurde pflicht-
gemäß abgeleistet. Aber eine Vollendung dieser Ansätze, auch in dem
vorläufigen Sinn, der allen geschichtswissenschaftliehen Leistungen
eigen kam nicht zustande; denn es fehlte die Beziehung zum Mittel-
punkte des Dichters, der unmittelbare Antrieb, der auch für wissen-
schaftliche Arbeiten entscheidend ist. Es gab immer wieder einzelne
Forscher, besonders schweizerischer, österreichischer oder französischer
Herkunft, die sich darum bemühten, Wieland einen geachteten Platz
im Kreise der deutschen Dichtung zu verschaffen. Aber das Echo aus
Deutschland blieb aus. Wieland blieb geächtet und der literarischen
Öffentlichkeit, ja selbst der Fachwelt fast ganz unbekannt. Wie erklärt
sich diese oft bemerkte Tatsache? Gab es hier ganz einfach nichts, was
der Erinnerung wert war, oder wirkten sekundäre Faktoren?
Die Antwort auf diese Frage kann nicht von einem einzelnen Forscher,
sondern nur durch die Geschichte selbst gegeben werden. Aber es sei
darauf aufmerksam gemacht, daß gerade bei Wieland ganz bestimmte
Tendenzen im Spiele waren, welche die objektive Begründung seines
schlechten Rufes als Dichter und Charakter zweifelhaft erscheinen las-
sen. Seit der "germanischen" Wendung des deutschen Geistes, die sich
mit romantisch-christlichen Ideen eigentümlich verband, das heißt seit
Klopstock und Göttinger Hain, seit Sturm und Drang und Romantik,

9
Vorwort

gilt Wieland für die herrschende Meinung in Deutschland als undeutsch,


unsittlich und unchristlich. Diese Etiketten wurden von den späteren
Generationen ungeprüft übernommen, wie ja überhaupt der romanti-
sche Kanon in der Literaturwissenschaft bis heute von großem Einfluß
ist. Wenn der Verfasser gefragt wurde, woran er arbeite, und er auf
Wieland hinwies, so war beim durchschnittlich Gebildeten ein schlecht
verhehlter Abscheu zu bemerken, obwohl in den wenigsten Fällen ir-
gendeine Kenntnis des Dichters bestand. Man achtet Hans Sachs höher
als Wieland, nicht weil er ein größerer Dichter ist, sondern weil er vom
jungen Goethe bis Richard Wagner zum Symbol eines echt deutschen
Dichterturns erhoben wurde. Auch Wieland war ein Symbol, aber ein
negatives.
Es kann sich in diesem Buche nicht darum handeln, Wieland gegen alle
nationalen oder sittlich-religiösen Vorwürfe zu verteidigen und den
armen Mohren in einen blonden Siegfried oder, wie es der augenblick-
lichen Mode entspräche, in einen passablen Christen umzudeuten. Für
die Frage nach Wielands Wert und Charakter sind die gängigen Schlag-
worte zu grob, da man sich keineswegs darüber einig ist, was eigentlich
christlich oder was deutsch sei. Es genügt mir,die Etiketten als Etiketten
sichtbar zu machen, ohne sie durch neue zu ersetzen, und wäre es auch
durch die für den gleichmäßigen Verehrer von Lucian und Horaz, Ariost
und Cervantes, Voltaire und Sterne besonders naheliegende des Euro-
päischen.
Denn es ist die vordringlichste Aufgabe, Wieland möglichst nah aus dem
Kern seiner Persönlichkeit zu erfassen, um in dem mannigfaltigen
Schwanken, in dem unheimlichen Flimmern seines Lebenslaufes und
Werkes, in der endlosen Ironisierung und Komplizierung seiner Gegen-
stände nicht alle Orientierung zu verlieren. Viel schwerer als der Vor-
wurf eines unchristlichen oder undeutschen Charakters könnte der wie-
gen, daß er überhaupt keinen hat. Sein Wesen spaltet sich in so viele
Bezüge, Neigungen, "Einflüsse", daß von ihm selbst nichts übrig zu
bleiben scheint - scheint, denn weiß jeder Wielaucl-Liebhaber nicht
doch, daß es etwas spezifisch Wielandisches gibt?
Dieser Wieland soll, eben weil er bei aller Einheit so vielgestaltig ist,
nicht definiert, sondern in einer sorgfaltigen Darstellung seiner Ge-
schichte sichtbar gemacht werden. Ein solches Verfahren hat sich der

ro
Vorwort

Dichter selbstgewünscht,dennerwußtewohl, daß sein Werk und Leben


in einzelnen Punkten sprunghaft oder undicht war und doch des Zu-
sammenhangs nicht entbehrte. Dabei kann es sich freilich nicht darum
handeln, die positivistische Wieland-Biographiemit ihrem Prinzip einer
gleichmäßigen Entfaltung des gesamten Materials nachzuholen. Dies
ist nicht nur wegen des heutigen Mangels an Papier und Zeit, sondern
auch aus inneren Gründen unmöglich. Beabsichtigt ist kein Werk, das
schon bei seinem Erscheinen nu:c ein Handbuch zum Nachschlagen wäre,
sondern ein als Ganzes lesbarer Überblick, der unter maßvoller An-
wendung des Auswahlprinzips die Kernsphäre des Dichters hervorhebt
und das Periphere als solches kennzeichnet, um den Aufbau der Ge-
samtgestalt möglichst kräftig hervortreten zu lassen.
Es gehört vielleicht zur Sache selbst, festzustellen, daß meine Wieland-
Darstellung nicht erst in der französischen Zone, sondern schon im
Krieg unter den trübseligsten Verhältnissen beschlossen und begonnen
wurde. Man stellte sich damals die Frage, warum man in großer Not
Mozart besser hören könne als Wagner oder selbst Beethoven, und fand
die Antwort, daß der Schrei, den die Expressionisten noch so sehr lieb-
ten, uns ganz fremd und töricht geworden sei, während eine große bis
in den Tod unbesiegbare Heiterkeit uns wohl verständlich und mehr als
alles verehrenswürdig erschien. Es ist das Zurückgehen hinter Sturm
und Drang und Romantik, die neue Wendung zum Objektiven, was uns
auch Wieland näher treten läßt, und die Auseinandersetzung mit dem
Romantischen, die sich in und um Wieland vollzieht, macht seine Ge-
stalt den Heutigen nur um so denkwürdiger, ja in Manchem tief ver-
traut. Doch hätte dies Buch seinen Sinn verfehlt, wenn es unkritisch
wäre. Wieland hat nicht die Lebens- und Todesfülle Mozarts, er bleibt
in allen Metamorphosen seines langen Lebens ein Vorläufiger und Un-
vollendeter, ihn kennzeichnet nicht die Unbeirrbarkeit, welche den ganz
Großen eigen ist; aber wennirgendwo in deutscher Dichtung die Leich-
tigkeit des Rokoko etwas von klassischer Reife und Süße in sich aufge-
nommen hat, so ist es bei Wieland. Er war von Natur nicht weniger
zwiespältig, wandlungsbegierig und "deutsch" als die Romantiker, aber
er machte aus der Not noch keine Tugend, sondern klärte geistig das
Düstere in sich zu einem Lächeln, das die Natur überwand. Wir sollten
uns nicht daran stoßen, wenn dies Lächeln manchmal etwas von der

II
Vorwort

Überlegenheit des Diagnostikers an sich hat und viel liebgewordenes


Pathos in sich zusammensinken läßt. Die frohen und wirklich weisen
Schriftsteller sind in unserm Volk so selten geworden, daß wir jeden
doppelt achten sollten, wenn wir von dem verfälschten Ideenkult, von
der Maßlosigkeit und Phantastik, welche unser Jahrhundert nicht nur
in Deutschland kennzeichnen, genesen wollen. Dies Buch stellt einem
anspruchsvollen, von seinen Leidenschaften oder Meinungen beses-
senen Zeitalter das Bild eines bescheidenen, versöhnlichen und immer
heiteren Geistes entgegen.

Tübingen, 15. Oktober 1948.

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I. HERKUNFT UND ERSTE JUGEND

1. Vaterstadt und Vaterhaus

ChristophMartin Wieland ist am 5· September 1733 im Gebiet der ober-


schwäbischen Reichsstadt Biberach geboren. Er war ein Schwabe, aber
kein Württemberger. Das ist wichtiger für die Bildung seines Charakters
und die Gestalt seines Schicksals gewesen, als es zunächst scheinen mag.
Er hat sich in späteren Jahren gerne darauf berufen, daß seine Vor-
fahren wichtige Stellungen in der kleinen Republik innehatten und da-
durch halbe Patrizier waren. Er fühlte sich als freier Reichsstädter, er
hatte mit dem Kampf gegen den fürstlichen Absolutismus in Württem-
berg nichts zu tun, sofern er dem württembergischen Herzog aus dem
Wege ging; und das hat er, im Unterschied zu dem neun Jahre jüngeren
Schubart, der auch als Reichsstädter geboren war, getan. Wenn der
Biberacher Dichter der erste und der Frankfurter Goethe der zweite
Eckstein im Gebäude von Weimar werden, so liegt diesem Vorgang nicht
nur die Beziehung zwischen dem kleinen thüringischen Herzogtum und
dem freien kleinstaatliehen Westen, sondern auch die reichsstädtisch-
patrizische Gemeinsamkeit Goethes und Wielands zugrunde. Das stärk-
ste Persönlichkeitsgefühl und eine Bürgersorgfalt im Nächsten und Klei-
nen, die das vor der Türe Liegende auf sich beruhen läßt, verbindet sich
mit dem weitesten Horizont. In Abdera, selbst wenn man es liebt,
wird man leichter Kosmopolit als in den mächtigen Staaten Sparta und
Athen, die danach streben, eine Welt um sich aufzubauen. Zweifellos
hatte selbst Alt-Württemberg die Tendenz, eine solche in sich abge-
schlossene Welt zu sein, zunächst auf ständisch-kirchlicher, dann auch
auf absolutistisch-staatlicher Grundlage. Die Gefahren dieser Ab-
schließung sind uns nicht erst aus der Lebensgeschichte Schubartsund
Schillers, sondern schon aus der älteren württembergischen Geistesge-
schichte bekannt. Eine Reichsstadt konnte sich auch einmal mit der
Welt verwechseln, aber für gewöhnlich war sie, eben weil sie klein war,

I3
Vaterstadt und Vaterhaus

weltoffen, schon aus Selbsterhaltungstrieb für Handel und Wandel auf-


geschlossen und für alle Anregungen aus der Ferne empfanglich.
Nun war freilich die Riß nicht mit dem Main und Biberach nicht mit
der großen Handels- und Krönungsstadt Frankfurt zu vergleichen.
Zwar hat man mit Recht daraufaufmerksam gemacht, daß auch andere
Städte für Abdera Modell gestanden sind und daß es überhaupt nach
des Dichters Worten überall Abdera gibt. Dennoch dürfte es nicht ganz
zufällig sein, daß der große Biberacher und nicht der große Frank-
furter die "Geschichte der Abderiten" geschrieben hat. Wieland hat sich
unendlich schwer aus dem Schwanken zwischen peinlichster Enge und
peinlichster Bindungslosigkeit erhoben; noch in reiferen Jahren war er
das Ressentiment gegen die Enge nicht ganz los geworden, -bis er
es sich in den "Abderiten" lachend vom Herzen schaffte. Schiller hat
einmal mit fast neidischer Bewunderung von den idealen Bedingungen,
unter denen Goethes Entwicklung stand, gesprochen. Auch bei großer
Kraft lenkt eine allzu widerstandsreiche Selbstfindung und -befreiung
leicht vom Eigentlichsten ab, und unser Dichter hatte nicht die wuch-
tige Energie eines Schiller. Es darf uns also nicht wundern, daß Wie-
lands Weg zu sich selbst sehr ungleichmäßig und verwickelt war und
daß auch in der späteren Zeit sein Wesen mehr in der geistreich-beweg-
lichen Abwehr des FremdeQ als in unmittelbarer dichterischer Selbst-
verwirklichung gegenwärtig ist. Wenn Goethe nach den Freiheitskriegen
bemerkt, die Deutschen könnten ihm, Goethe, so gut ein Denkmal
setzen wie dem Marschall Blücher, denn er habe sie aus Philisternetzen
befreit, so ist das eine sehr bescheidene Umschreibung von den Ver-
diensten des Klassikers. Goethe hat nicht nur befreit, sondern ein neues
Vorbild gesetzt. Aber auf den Biberacher Dichter trifft das Wort recht
gut, und wenn Goethe in der Logenrede zum Andenken Wielands sogar
Verständnis für dessen gelegentliche Neigung, "die Linie des Anstän-
digen und Schicklichen zu überschreiten", findet, so beruht diese Apo-
logie auf der gemeinsamen Abwehr des Philistertums. Er wußte wohl,
was er in dieser Beziehung dem sechzehn Jahre älteren Dichter zu
danken hatte. Wieland hat früher und, weil er aus kleineren Verhält-
nissen stammte, in größerer Bedrängnis den Befreiungskampf der Per-
sönlichkeit geftihrt, welcher dem Jahrhundert aufgegeben war. Was
dem Vorläufer schwere, nie ganz vernarbende Wunden einbrachte,

I4
Pietismus

war dem nach Geburt und Weltstunde Größeren ein keckes siegreiches
Gefecht der Frühe.
Trotz ihrer ländlichen Abgeschiedenheit hatte Wielands Vaterstadt
ihren besonderen geschichtlichen Charakter, denn Biberach war eine
der wenigen Reichsstädte, die im Westfälischen Frieden paritätisch ge-
ordnet, also auf eine Zusammenarbeit der Konfessionen angewiesen
waren. Diese Verfassung gab, wie wir sehen werden, viel Anlaß zum
Streit, aber sie forderte die Biberacher von altersher auch zur Ent-
wicklung von toleranter Gesinnung und echter Herzensfrömmigkeit auf.
Eine Neigung zum Pietismus machte sich früh bemerkbar. Schon im
Jahre 1707 taucht in einer Seitenlinie des Geschlechts einMartin Wie-
land auf, der evangelischer Vikar in Biberach werden wollte, aber des
Sympathisierens Init dem Pietismus verdächtigt wurde und 1710 in
einer theologischen Schrift seine Rechtgläubigkeit zu beweisen ver-
suchte.1 Die Beziehungen zu dem Vorort des deutschen Pietismus,
Halle, waren in der Folge sehr eng. Eine Biberacherin, welche mit der
Wielandsehen Fainilie verwandt war, hatte die Ehre, zur Gattin August
Hermann Franckes er koren zu werden. Eine Predigt, die dieser be-
rühmte Gottesmann anläßtich seines Besuches in Biberach hielt, blieb für
Wielands Vater zeitlebens eine große Erinnerung.2 Pfarrer zu werden
war damals im Geschlechte der Wieland die erste Pflicht. Vater Wieland
begann Init einem juristischen Studium, aber als sein älterer Bruder,
der Theologe war, starb, mußte er zum Theologiestudium umsatteln.
Er absolvierte diesesnicht etwa in Tübingen, sondern in Halle, und wurde
infolgedessen entscheidend durch den Pietismus geprägt. Wenn er sich
auch der Aufklärungsphilosophie nicht ganz verschloß, so blieb er doch
nach den Begriffen des Graziendichters , ,ein ·äußerst formeller, ängstlich
frommer Mann". Die Urteile lauten im übrigen widersprechend über ihn.
Vielleicht durchzog heimlich schon sein Leben der Konflikt von Enge
und Weite, von Schwärmerei und Skepsis, der von dem Sohn mit solcher
Entschiedenheit öffentlich ausgetragen wurde.
Hinsichtlich der Lebenstüchtigkeit scheint das Geschlecht der Wieland
schon seinen Gipfel überschritten zu haben, als ihm der Dichter ent-
sproßt. Wieland ist in fainiliengeschichtlicher- wie in geistesgeschicht-
licher - Beziehung Ende und Anfang zugleich. Unter seinen zahl-
reichen Geschwistern war er der Einzige, der ein höheres Alter er-

15
Vaterstadt und Vaterhaus

reichte, und auch er war von sehr zarter Konstitution. Seine "Brust-
schwäche" gibt ihm den Anlaß oder doch den Vorwand, nicht Geist-
licher zu werden, und von seinem Goldschmied-Bruder, der 1764 in
Biberach starb, wird das gleiche Übel berichtet. Die staunenerregende
Vergeistigung Wielands ist die Antwort auf eine gefährdete biologische
Situation. Diese Wielands, so scheint es, waren sehr geistig, oder sie
waren nicht.
Die stolzeste Erinnerung der väterlichen Familie ist der Urgroßvater
des Dichters, Martin Wieland (1624-168s), welcher Bürgermeister in
Biberach war. Er scheint ein sehr kräftiger und geschäftstüchtiger Mann
gewesen zu sein; man weiß, daß er ein Patrizierhaus und außerhalb der
Stadt eine Mühle und Wiesen kaufte. Der Reichtum verlor sich bei dem
großen Kinderreichtum, dem wir in Wielands Familie, wie auch sonst
in älterer Zeit, begegnen, rasch. Doch scheint er dem Großvater
des Dichters noch zu einer behaglichen Existenz verholfen zu haben,
und wenn es wahr ist, daß man leichter nach dem Großvater als nach
dem Vater gerät, so scheint das bei Wieland ganz der Fall gewesen zu
sein. Schon er war ein Mann, dem die Aufregungen der Politik- und es
gab sie in Biberach so gut wie in Berlin oder Wien- äußerst zuwider
waren. Während Vater Wieland wenige Jahre nach der Geburt Chri-
stoph Martins von Oberholzheim in die Stadt zog und dort zum Senior
d. h. zum höchsten Geistlichen der kleinen Republik aufstieg, war der
Großvater vergnügt auf dieser Pfarre, etliche Stunden von der auf-
regenden Hauptstadt entfernt, sitzengeblieben. Der alte Dichter gibt
in einem Gespräch ein heiteres Charakterbild von diesem Geistlichen,
das wie eine Vorform seiner Oßmannstedter Existenz anmutet, und er
scheut sich nicht, das Wort "Lebemann" zu gebrauchen. 3 Mag sein, daß
das Porträt etwas stilisiert ist. Jedenfalls fehlt es unter den Vorfahren
des Dichters nicht an tüchtigen und heiteren Menschen.
Dies gilt auch für die mütterliche Fmnilie. Der Vater von Wielands
Mutter hatte im badischenMilitär, zuletzt als Major und "Obristwacht-
meister", gedient, und man weiß aus ihrem Konflikt mit Wielands
Braut, aus ihrem Erbschaftsprozeß und von anderen Gelegenheiten her,
daß auch sie selbst recht frisch und streitbar war. Sophie La Roche be-
wundert sie als die "lebendigste geistvollste Frau" .4 Der Sohn hat sie
sehr geliebt; er glaubt, von ihrem Charakter am meisten zu haben, und

15
Ahnen - Eltern

verschweigt nicht den Mangel, den er mit ihr teilt und gegen den er von
früh an alle guten Geister der Vernunft und Weisheit aufbieten muß.
Sie ist "viel zu lebhaft, viel zu sehr dem Spiel ihrer Phantasie unter-
tan".5 Man pflegt Wielands Eltern in ihrem Charakter mit denen Goe-
thes zu vergleichen, aber man sollte dabei nicht vergessen, daß eine
patriarchalische Verantwortlichkeit der Väter im 18. Jahrhundert noch
ganz allgemein bestand. Es handelt sich in diesem Gegensatz zwischen
den Dichtern und ihren strengen Vätern nicht nur um ein individuelles
Phänomen, sondern um eine Form des geistesgeschichtlichen Kampfes,
in dem sich die neue biegsame und "humanere" Persönlichkeit gegen
das in den objektiven Ordnungen gebundene Menschentum der älteren
Zeit durchsetzte. Pfarrer Wieland hat dem Sohne nach den Begriffen
seiner Umwelt viel Toleranz bewiesen, sogar in der Zeit, da er sich um
die "Grenzen des Anständigen und Schicklichen" am wenigsten küm-
merte. Der Dichter hat ihm mit mancher Rücksicht und mit einem
warmen Andenken gedankt. Die Mutter aber nahm er nach dem Tode
des Vaters zu sich; sie bildete noch lange einen Bestandteil des treu-
herzig schlichten und gut schwäbischen Wieland-Hauses in Weimar.
Wie bei Wielands Vaterstadt so gewinnen wir auch bei seinem Eltern-
haus den Eindruck einer engen aber keineswegs fensterlosen oder gar
kalten Welt. In der kargen Oberfläche seines heimischen Bodens ge-
wahren wir manchen Fleck, aus dem ein neues und reicheres, wenn auch
zugleich gefährdeteres Dasein emporblühen konnte.

2. Schuljahre

Was die übertriebene Strenge von Wielands Vater vor allem beweisen
soll, ist die für heutige Begriffe unfaßbar frühe geistige Ausbildung des
Sohnes. Schon Gruber, der Freund und Biograph des Dichters, meint:
"Die Gefahr, eine so schöne Natur, als in diesem Knaben sich offen-
barte, wo nicht gar im Keime zu ersticken, so doch bedenklich mißzu-
leiten, wuchs in eben dem Grade, als der Vater die geistige Bildung des
Sohnes übereilte, und den Unterricht etwas treibhausartig betrieb." 8
Auch Wieland selbst mochte später, in der Auseinandersetzung mit
Jüngeren, empfinden, daß er nicht das war, was man seit dem Sturm

Sengle, Wieland 2 I7
Schuljahre

und Drang einen ganzen "Kerl" nannte, und er suchte in seiner Jugend-
zeit nach den Ursachen für seinen Mangel. Bald waren es die Blattern,
die ihn so ungünstig beeinflußt hatten, bald ein heißes Bad, dem er, in
seine Lektüre vertieft, zu spät entstiegen war. 7 Aber gegen die Art seiner
Ausbildung hat er nie einen so schwerwiegenden Vorwurf wie Gruber
und später Seuffert erhoben.8 Auch hier wird man lernen müssen, die
Dinge historischer zu sehen. Es ließen sich vom großen Preußenkönig
bis in Wielands unmittelbare Nähe genügend Beispiele für diese ver-
frühte Ausbildung nennen. War dieses Erziehungssystem unsinnig oder
war es eine Grundlage für die Geistesblüte der Goethezeit? Zu einer
überzeitlichen Beurteilung dürfte unser Jahrhundert, das dem Geist
so sehr mißtraut, kaum geeignet sein. Man braucht nur an Mozart zu
erinnern, um zu beweisen, daß ein Training vom frühesten Alter an
nicht die Entfaltung eines Genies zu hindern brauchte.
Schon vor der Vollendung des dritten Lebensjahres begann der Unter-
richt; zuerst durch den Vater allein, dann unterstützte ihn ein Lehrer,
der nach den Methoden des Halleschen Waisenhauses unterrichtete. Im
7., nach einem andern Zeugnis im 8. las ChristophMartin den Cornelius
Nepos, "nicht bloß notdürftig, sondern mit Vergnügen". 9 Gleichzeitig
begann er zu dichten, indem er spielerisch Verse in ein niedliches Büch-
lein schrieb. Im 10. Jahr las er Horaz und Virgil und brachte schon
durch seine Fragen den Biberacher Rektor Döll, seinen Lateinlehrer, in
Verlegenheit. Es versteht sich, daß er in dem pietistischen Elternhause
"die Bibel und das Gesangbuch fast auswendig lernen"1° und aus den
zeitüblichen Erbauungsschriften vorlesen mußte. Im I I. Jahre liebte er
die Poesie schon "ungemein" und las Gottscheds Dichtkunst "unauf-
hörlich" .11 Brockes, den ihm die väterliche Bibliothek lieferte, wurde
sein "Leibautor", und er schrieb nach seinem Vorbild "eine unend-
liche Menge von Versen". 12 DerVater war unschuldig an diesem Spiel;
er sah den poetischen Furor mit wenig Vergnügen und bekämpfte ihn.
Aber der Sohn verschaffte sich durch frühzeitiges Aufstehen dennoch
Gelegenheit, seine Leidenschaft zu befriedigen. Im 12. Jahr schritt er
zu lateinischen Versen und zu größeren Gedichten fort. Es entstand
ein Gedicht vom Echo im Genre Anakreons mit 6oo Versen und ein
großes Distichengedicht "Von den Pygmäen", eine Satire auf des
Rektors Frau. 13 Und schon meldet Wieland den epischen Anspruch

I8
Frühreife

an: im 13. Jahr beginnt er ein Heldengedicht über die Zerstörung Jeru-
salems.u Er hat diese Versuche, von denen die Mutter ganze Schachteln
aufbewahrte, später alle verbrannt. Wir trauern ihnen nicht nach, aber
nur das Existieren dieser Vorübungen erklärt uns Wielands erstaun-
liches Fonnniveau in seinen ersten gedruckten Werken. Das technische
Können, das er sich so frühzeitig erworben hatte, ermöglichte schlag-
artig die reichste Produktion, als das befruchtende menschliche Erlebnis
hinzutrat.
Wieland hat sich bei der Herausgabe seiner Gesammelten Schriften
auch zu den meisten seiner gedruckten Jugendwerke nicht mehr be-
kannt, und die Herausgeber der kritischen Ausgabe trugen dieser Ent-
scheidung Rechnung, indem sie eine eigene Abteilung für sie einrichte-
ten. Dadurch entstand der Eindruck, als sei er ein spätreifer Dichter ge-
wesen. Aber seine Kindheit zeigt uns, daß dies im biologisch-psycholo-
gischen Sinne nicht der Fall war (wir werden nach einer geistigen Ur-
sache ftir die spätere Entstehung seiner "reifen" Dichtungen zu suchen
haben). Wieland war vielleicht nicht geradezu ein Wunderkind, jeden-
falls aber, wie er selbst betont, "sehr frühzeitig"1 5 • Es handelt sich bei
diesem Dichten mit 12 und 13 Jahren nicht mehr um ein kindliches,
sondern, wie es scheint, schon um ein jugendliches Schaffen. Er steht
bereits in der Distanz zu sich selbst und zur Umwelt: "Ich verbrannte
schon damals die meisten dieser saubern Werklein, die mir meine Mama
nicht rettete. Ich liebte die Einsamkeit sehr und brachte oft ganze Tage
und Sommernächte im Garten zu, die Schönheiten der Natur zu emp-
finden und abzuschildern. "16
Die poetische Leidenschaft stand, wie es dem vorromantischen Begriff
von Dichtung entspricht, der intellektuellen Entwicklung des jungen
Wieland nicht im Wege, was schon die Tatsache lateinischer Dichtung
andeutet. Auf ein philosophisches Lexikon, das ihn zum erstenmal mit
den Kosmologien der alten Philosophen bekannt machte, warf er sich
mit dem gleichen "unbeschreiblichen Entzücken"17 wie auf die Ge-
dichte des Brockes. Schon jetzt legt er den Grund zu seinem ersten bil-
dungsübersättigten Lehrgedicht.
Dem aufmerksamen Vater konnte es nicht entgehen, daß Christoph
Martin mit 14 Jahren den Biberacher Lehrern entwachsen war; auch
die im Garten verschwärmten Nächte und die erste Verliebtheit, von

I9
Schuljahre

welcher der Dichter scherzhaft erzählt18 , werden den Eltern nicht ver-
borgen geblieben sein und sie zu dem Wunsch veranlaßt haben, ihren
Sohn einer geschlossenerenund höheren Erziehung zuzuführen. Na türlieh
schaute man wieder nach Halle. Dort hatte Francke eine Vorbereitungs-
anstalt für die Universität aufgebaut und nach ihrem Muster war eine
ähnliche Schule in Klosterberge bei Magdeburg eingerichtet worden.
DerVaterentschied sich für das ländliche Internat, das damals unter der
Leitung des Abtes Steinmetz stand und dem "aus den angesehensten
Familien des In- und Auslandes" die Jünglinge zuströmten. Es bot eine
sehr vielseitige Bildung, denn es war nicht nur für künftige Akademiker,
sondern "für jede Art des Civilstandes und den Militairstand" be-
stimmt.19 Eine Vorstellung von der kavaliersmäßigen Freiheit der Zög-
linge kann man sich aus einer Episode, die Wieland von sich erzählt,
machen. Er war in einer Unterrichtsstunde zweimal herausgeplatzt und
beim zweitenmal hatte er von dem französischen Sprachlehrer eineOhr-
feige bekommen. Der Lehrer war der Liebling des Abtes; dennoch mußte
er bei seinem Schüler Abbitte leisten. Der gekränkte junge Wieland er-
schien nie wieder in seiner Stunde, sondern lernte Französisch mit Hilfe
des Wörterbuchs.zo
Erheblich geringer als die persönliche war die intellektuelle Freiheit.
Die Lektüre war sehr starken Einschränkungen unterworfen, denn der
Abt Steinmetz war nach dem späteren Urteil des Dichters zwar gut-
mütig, aber "bis zur Schwärmerei devot", d. h., wie es in Halles Umkreis
nicht anders zu erwarten war, ein strenger Pietist.n Er war vermutlich
"schwärmerischer" als Wielands Vater; aber der junge Wieland, der
sich als Theologe fühlte, nahm daran keinen Anstoß, ja, es
ereignete sich schon hier etwas für seinen Charakter sehr Bezeichnendes:
er geriet vollkommen unter den Einfluß des Abtes und konnte sich eine
Zeitlang mit frommen Andachtsübungen nicht genug tun. Bald aber
verfiel er ins andere Extrem, und das um so mehr, als das "kunstmäßige
Spalten und Zergliedern der Begriffe" nach Baumgartens Dogmatik und
Polemikn sein philosophisches Bedürfnis nicht befriedigte. Sein Geist
sehnte sich nach konkreterer Nahrung, und im 15. Lebensjahr gelang
es ihm, von Pastor Räther, dem einzigen nichtpietistischen Lehrer der
Anstalt, Ba yles Dictionnaire zu erhalten. Das war ein großes Ereignis
für die Entwicklung seines Geistes, nicht in dem Sinn, wie es Wielands

20
Philosophische Lektüre

gelehrter Mitschüler Adelung behauptet und wie es diesem leider nach-


gesprochen wurde, daß nämlich Wieland sein ganzes Leben lang nur von
Bayles Wissen gezehrt hätte. Wichtig aber war diese Lektüre als der
erste Einbruch der französischen Skepsis in seine wohlbehütete christ-
liche Vorstellungswelt. Fontenelle, d'Argens, Voltaire folgten; aber
auch Demokrit, Leibniz und Wolff traten hinzu. Er betrieb die Lektüre
der Philosophen ebenso leidenschaftlich wie früher das Dichten und
Beten. Bald stand er im Geruche der Freigeisterei, und als er es einmal
zu nächtlicher Stunde unternahm, der staunenden Welt in einer kleinen
Schrift, welche in Holland erscheinen sollte, zu beweisen, daß die Welt
ohne Gott hätte entstehen können, wurde er ertappt. 23 Das Lehrer-
kollegium war weise genug, die Not des frühreifen Dichters nicht
noch zu vergrößern; denn geistige Entwicklungsnöte waren es, ein un-
sicheres Taumeln von einer Weltanschauung zur andern. Ob der Auf-
satz wirklich ganz atheistisch war, ist nicht so wesentlich. Wieland
selbst berichtet darüber verscbieden. 2 ' Wesentlich war, wie schon Gru-
ber bemerkt 25 , der Zwiespalt zwischen den schärfsten Extremen,
zwischen einem radikalen Freidenkerturn und schwärmerischen, heili-
genmäßigen Idealen: "Wie oft, sagte er, habe ich mich in Tränen des
Schmerzes fast gebadet, fast die Hände mir wund gerieben, und die
Nächte schlaflos hingebracht!" Wieland fand in allen Nöten seiner
Internatszeit an Räther einen zweiten Vater. So berichtet er in dem
für Bodmer bestimmten autobiographischen Bericht aus dem Jahre
1752. 2s In seinem Lebensüberblick von 1787 aber sagt er an derselben
Stelle: "Übrigens war ich damals schon ein .27 Er bezeichnet
damit seinen größeren und jedenfalls seinen bleiheuderen Trost.
Schon in Klosterberge las er die ersten Gesänge des "Messias", aber sie
scheinen noch nicht den größten Eindruck auf ihn gemacht zu haben.
Tiefer dürften ihn damals Hallers Lehrgedichte, die seinen philosophi-
schen Neigungen entgegenkamen, beeinflußt haben. Auch Breitingers
Dichtkunst und viele andere kritische Schriften las er.zs Er bereitet sich
darauf vor, ein gelehrter Dichter, wie ihn sich die Aufklärung wünscht,
zu werden; aber sein Dichten selbst scheint eine Unterbrechung er-
fahren zu haben. Immer wird es so sein, wenn ihm die Einsamkeit fehlt.
Neben Französisch und Latein lernte er Hebräisch; er beherrschte es
noch lange danach so gut, daß ihm die Lektüre der Psalmen im Urtext

2I
Schuljahre

Freude machte. Griechisch und Englisch hat er erst in Tübingen und


Zürich ernsthaft getrieben. Trotzdem scheinen, wahrscheinlich in fran-
zösischen Übersetzungen, die klassischen englischen Wochenschriften,
die ihn in die Nähe Shaftesburys führten, und Xenophon, der zweite
große Freund seiner späteren Jugend, schon zu seiner Bildung beige-
tragen zu haben,2 9 "Cicero aber liebte ich am meisten",ao- noch in der
schwersten Zeit seines Greisenalters war er Wielands bester Trost. Al-
lenthalben erblickt man echten Ursprung. Man darf natürlich die wis-
senschaftliche Gründlichkeit dieser Studien nicht überschätzen, aber
darüber besteht kein Zweifel, daß der frühreife Jüngling in dieser Bil-
dungswelt schon mit größter Intensität lebte. Dabei ist bemerkens-
wert, daß eine besondere Bedeutung der lateinischen Antike zukam.
Wir werden sehen, daß Wieland stets dem Altertum näher steht, als
man im allgemeinen annimmt. Die Geringschätzung des Humanisten
Wieland konnte nur entstehen, weil die Akzentverlagerung vom La-
teinischen aufs Griechische, wie sie sich in Deutschland seit Winckel-
mann durchsetzte, seinen Humanismus altmodisch machte. Er blieb im
alten Sinne Humanist, auch als er in späterer Zeit umfassende Ein-
blicke in die Welt des Griechenturns gewann. Den Grund zu diesem
Humanismus aber hatte er bereits gelegt, als er Klosterberge verließ.
Ausdrücklich rühmt er sich, in seinem 16. Jahr "fast alle Autoren des
goldenen und silbernen Zeitalters gelesen" zu haben.31
Im Frühjahr 1749, nach einem zweijährigen Aufenthalt in Klosterberge,
sollte Wieland nach Hause zurückkehren.aa Statt dessen blieb er ein
ganzes Jahr in Erfurt bei J. W. Baumer, einem Verwandten seiner
Mutter, und immatrikulierte sich sogar an der katholischen Universität,
die sich dort befand.3 3 Er schweigt sich über die persönlichen Hinter-
gründe dieses Verhaltens aus; aber sie sind nicht schwer zu erraten.
Wahrscheinlich sollte er, nach dem Willen des Vaters, so bald wie mög-
lich das Studium der Theologie beginnen - wozu er nicht mehr ge-
sonnen war. Er erzählt später von der mageren Kost im Hause Dr. Bau-
mers, und man hat daraus, wohl mit Recht, geschlossen, daß Wielands
Vater wenig Lust bezeigte, den eigenwilligen Seitensprung seines Soh-
nes zu finanzieren. 34 In seiner bedrängten Lage mußte ihm der dreißig-
jährige Baumer als der rechte Freund und Führer erscheinen, denn die-
ser hatte, trotzgroßer Beliebtheit bei Gemeinde und Vorgesetzten, sein

22
Sprachen - Baumer

Predigeramt aus Gewissensgründen niedergelegt und noch dasStudium


der Medizin absolviert. Er war ein scharfsinniger, an Voltaire geschulter
Kopf, später Professor in Gießen, Freund und Kollege des berüchtigten
Bahrdt. Wieland hat sich in seiner Bodmer-Zeit dieses freigeistigen Be-
kannten geschämt, danach aber manches Gute von ihm gesprochen und
ihn wieder besucht, denn er war ihm ein Helfer in kritischer Stunde ge-
wesen. Wenn er freilich gemeint hatte, in ihm einen festen Halt zu finden,
so hatte er sich getäuscht. Baumer führte ihn gründlich in die Logik und
Metaphysik Wolffs ein, nicht unselbständig, denn er war radikaler als
Wolff.as Aber er erweckte in Wieland nur den Trieb, ein eigenes System
zu finden, und nach dem dialektischen Gesetz seines Geistes scheint in
dieser Umgebung das christlich-idealistische Moment wieder stärker
hervorgetreten zu sein. Die Philosophie Bruckers, welcher der Freund
und Hausphilosoph seines Vaters, ein Onkel seiner späteren Braut, aber
auch in der literarischen Öffentlichkeit hochgeschätzt war, gewann stär-
keren Einfluß auf ihn, und die Theodizee Leibnizens scheint erst in jener
Zeit entschieden auf ihn gewirkt zu haben, weil sie jetzt, wie er betont,
mit seinen eigenen Meditationen "oft coinzidierte". 36 Aus den spär-
lichen Angaben über die Lektüre dieser Zeit darfman vielleicht auf eine
gewisse Erlahmung des rezeptiven Prozesses, auf eine vorläufige Bil-
dungssaturiertheit schließen. Unser Dichter dürfte schon in diesem
Erfurter Jahr erkannt haben, daß er zum reinen Gelehrten oder Philo-
sophen nicht geschaffen war, und er beschließt später eine seiner knap-
pen Äußerungen über die Zeit bei Baumer mit den Worten: "Das Beste,
was er an mir tat, war ein sogenanntes Privatissimum, das er mir über
-den Don Quichote las." 37 Damit ist wieder einer der entscheidenden
Lebenshelfer in Wielands Besitz gekommen! Sicher war er noch weit
von der Schwärmerfeindschaft und Skepsis seines älteren Freundes und
seiner eigenen männlichen Jahre entfernt·; aber einen gewissen Abstand
zu den (theistischen und atheistischen) Schwärmereien der vergangenen
Jahre hatte er durch den unsterblichen Narrenroman gewonnen. Als er
schließlich, im Frühjahr 1750, doch nach Biberach zurückkehren "muß-
te"as, hatte er noch immer kein festes System, aber imnitten seiner
gärenden Ideen mag dem hochgebildeten siebzehnjährigen Jüngling
schon die Erkenntnis aufgedämmert sein, daß es für ihn noch etwas
Wichtigeres gab als die Logik und Metaphysik der Philosophen.

23
3· Sophie Gutermann

Wielands Leben ist schon als Leben zu einem guten Teile Literaturge-
schichte, denn es scheint ein ursprüngliches Gesetz seiner Persönlichkeit
gewesen zu sein, daß er mit den Büchern inniger und wesentlicher zu-
sammenlebte als mit den Menschen seiner Umgebung. Er war das Ge-
genteil eines Bildungsphilisters, welchem die geistige Welt nur ein deko-
ratives Anhängsel seines alltäglichen aber mächtig ernst genommenen
Daseins ist. Er war existentiell geistig, sogar noch in seinem späteren
Kampfe gegen eben diesen reinen Geist. Nur wenn man dies bedenkt,
kann man seine literarische Vielseitigkeit und Empfänglichkeit richtig
würdigen. Das Geistige war sein eigentliches Lebenselement, im Leben
aber pflegt man vielfältige wechselnde Eindrücke gerne hinzunehmen,
und, wie es die Jahre bringen, bald zu bewundern und zu lieben, bald
zu kritisieren und zu hassen. Eine Studie über seine Freundschaft mit
Xenophon, Horaz, Lucian, Shaftesbury, Voltaire, Sterne, Cicero ent-
hielte mehr von seinem Eigentlichen als die gleiche Arbeit über sein
Verhältnis zu Schinz, Zimmermann, Riede!, J acobi, Merck, Anna
Amalia, Herder, Böttiger und andern persönlichen Freunden.
In dem bisher überschauten Gange seiner Entwicklung sind wir keinem
einzigen gleichal trigenFreunde begegnet, nur Büchern und solchen, die sie
vermittelten! Man mag aus den nicht sehr freundlichen Äußerungen von
Wielands bedeutendstem Mitschüler Adelung schließen, daß seine Stel-
lung in der Schulgemeinschaft nicht die beste war. Man wird ihn sich als
ziemlich reizbar und ungesellig denken müssen. Auch nach der Rück-
kehr in die Heimat war in seinem Menschentum noch nichts von den
Ideen realisiert, die er etwa zur Überwindung seines disharmonischen
Zustandes gewonnen hatte. Er lebte einsam und hatte nur mit älteren
Männern Umgang.se Dennoch hören wir wenig von Studien oder dich-
terischen Arbeiten. Es scheint fast, als ob der Übergeistige des Geistes
etwas müde geworden sei. Er sehnt sich nach Wärme, nach einer leben-
digen Seele, nach einer solchen freilich, die seine geistige Existenz mit
zu umfassen fähig ist, die ihn gleichzeitig liebt und versteht. Nicht die
guten frommen Eltern, nicht ein beliebiges Mädchen, nur eine innerlich
verwandte, gleichzeitig schöne und gute, verständige und liebende Seele

24
SOPHIE GUTERMANN
Sophie Gutermann

könnte ihn aus seiner menschlichen Verwirrung lösen und zu sich selbst
führen. Wieland hat es immer als eine besondere Begnadung empfunden,
daß er diese Seele fand, und schon er gebrauchte neben dem anakreon-
tischen Doris für die himmlische Eine den Namen Diotima. Er hat auch
noch in späteren Jahren immer wieder versichert, daß sie ihn "plötzlich
zu einem andern Menschen "&o gemacht hat. Keiner, der weiß, wie wenig
Möglichkeit schon Wirklichkeit ist, wird die von Wieland behauptete
schicksalhafte Bedeutung dieser Liebe bezweifeln. 'Es ist nicht ausge-
schlossen, daß Wieland ohne Sophie Gutermann kein Dichter, sondern,
wie es sich für den Sohn eines Biberacher Geistlichen gehörte, ein Doctor
juris im Dienste der Vaterstadt geworden wäre. Auf diese Laufbahn
hatten sich offenbar Vater Wieland und der aus Erfurt zurückgekehrte
Mulus geeinigt. Von literarischen Ambitionen hört man nichts. Noch
1805 schreibt Wieland an Sophie: "Nichts ist wohl gewisser, als
daß ich, wofern uns das Schicksal nicht im Jahre
1750 zusammengebracht hätte, kein Dichter geworden
wäre." 41
Wieland berichtet, daß er "abwesend" mit seiner späteren Braut be-
kannt wurde.u Sophie Gutermann kam erst ein Vierteljahr nach Wie-
land, im August 1750, nach Biberach. Es ging also ein Briefwechsel
voraus, dessen Inhalt den Grund zum persönlichen Gedankenaustausch
legte. Ein neuer Hinweis darauf, wie "gewählt" diese Liebe war. Schon
die Anknüpfung der Briefverbindung wird kein Zufall, sondern ein
Versuch Wielands gewesen sein, seiner inneren Vereinsamung zu ent-
rinnen, denn er kannte Art und Schicksal des Mädchens aus den Er-
zählungen der Mutter, und Richardsons "Clarissa" gab die literarische
Folie für sein Mitleiden und seine Bewunderung.
Sophie war die Enkelin des Biberacher Hospitalverwalters und Sena-
tors Gutermann, der seinerseits ein Onkel von ChristophMartinsMutter
war und nur wenige Häuser entfernt wohnte. Wie überhaupt Wielands
mütterliche Familienbeziehungen ins spätere bayerische Schwaben wei-
sen, so hatte auch Sophies Vater in Augsburg als Stadtphysikus einen
reichen Wirkungskreis inne. Er ist wieder einer der tyrannischen Väter
des 18. Jahrhunderts, von denen man zu sagen pflegt, daß sie ihre Kin-
der zu streng und zu früh erzogen haben. Man rühmt entsprechend
Sophie Gutermann eine gute geistige Ausbildung nach.'a Wieland frei-

24
Vorgeschichte Sophies

lieh, von seinem anspruchsvollen Standpunkt aus, spottet, Dr. von


Gutermann habe die Meinung gehabt, "ein Frauenzimmer müsse außer
dem Katechismus nichts wissen".'' Wie dem auch gewesen sein mag,
jedenfalls war sie eine in patrizischen Verhältnissen aufgewachsene
Dame von Welt, und so konnte es nicht fehlen, daß sich schon in ihrem
17. Lebensjahre ein Freier mit den glänzendsten Verbindungen ein-
stellte. Er hieß Bianconi und sollte, wie aus der Winckelmann-Bio-
graphie bekannt ist, dereinst als Graf sein Leben beschließen. Damals
war er Leibarzt des Fürstbischofs von Augsburg, also ein Kollege von
Sophies Vater. Er gab seiner Braut Unterricht in Naturwissenschaften,
in Mathematik, im Italienischen, seiner Muttersprache, und sorgte auch
für einen guten Musikunterricht. Aber bei der Festsetzung des Ehe-
kontrakts kam es aus konfessionellen Gründen- der Bräutigam war
katholisch - zu Auseinandersetzungen und schließlich zum Bruch
zwischen Bianconi und Dr. von Gutermann. Eine Flucht aus demEitern-
hause lehnte Sophie, so leidenschaftlich sie liebte, ab, aber sie gelobte,
das Andenken ihres Verlobten dadurch zu ehren, daß sie nie wieder von
den Kenntnissen, die sie ihm verdankte, Gebrauch machte.
Diesen Roman hatte Sophie hinter sich, und man ermesse, wie weit sie
den jungen Philosophen an Welterfahrung überragte, zumal da sie zwei
Jahre älter und aus großzügigeren Verhältnissen war. Geistesgeschicht-
lich gesprochen: Sophie ist, als Wieland mit ihr in Verbindung tritt,
eine Rokoko-Dame, welche die Spuren Richardsonscher Empfindsam-
keit nur um so interessanter machen. Er lernt hier zum erstenmal den
geistigen und gesellschaftlichen Raum kennen, dem er später dienen,
den er aber auch dem überständischen Geist der Goethe-Zeit entgegen-
führen wird. Die Möglichkeiten dieses Bundes sind sehr groß. Es läßt
sich von hier aus eine Entwicklungsrichtung Wielands denken, die nicht
nur umwegloser und damit organischer, sondern auch im Ergebnis tiefer
und umfassender gewesen wäre, und wir werden sehen, daß der Dichter
sie zunächst einschlug. Aber es ist doch von vornherein sehr die Frage,
ob Sophie, die später "den gewandtesten Weltmenschen" geheiratet
hat 45 , den Mulus Wieland als Mann und Weltmann ganz ernst nahm, ob
es nicht bloß die Resignationsliebe eines phantasiebegabten Mädchens
war. Vorläufig ließ sie sich von dem modernen empfindsamen Kult ihres
jungen Verehrers mächtig beeindrucken und gerne gewinnen. Er war

24
Sophie Gutermann

um so reizvoller, als er auch für sie noch eine Neuheit darstellte. Sophie
wird immer auf Novitäten erpicht sein. "Ein Liebhaber, der sie um
ihrer selbst willen liebte, war ihr etwas Neues und das, was sie sich
immer gewünscht hatte ... Meine Erns thaftig kei t und Abneigung vor den
Eitelkeiten der Welt, gefielen ihr um so mehr, je neuer ihr ein solcher
Charakter an einem Jüngling war", so herich tet Wieland in jenem ersten
Lebensabriß, der für Bodmer bestimmt war; im zweiten geht er, erfahre-
ner geworden, überdiese zweideutige Liebhaberrolle rasch hinweg.
Indessen bleibt es auch so eine wunderbare Fügung für den einsamen
siebzehnjährigen Jüngling, daß er gerade eine Sophie Gutermann zur
Braut und Freundin gewann. Es gab im damaligen Deutschland nicht
]eicht ein Mädchen, das der künftigen Dich terin als Gesamterscheinung
ebenbürtig war. Auch Gruber betont ausdrücklich, daß sie keineswegs
nur in den Augen eines schwärmerischen Jünglings etwas Außerordent-
liches war'8 , und nicht ganz mitUnrecht rühmt sich der Dichter selbst,
schon mit 17 Jahren eine Geliebte gehabt zu haben, wie sie kein König
schöner und geistvoller wünschen kann. Auch hier liegt der Vergleich
mit der Diotima eines andern schwäbischen Jünglings nahe. Nicht nur
als zufällige psychologische Entbindung eines Dichtertums, sondern als
objektive Befruchtung durch ein reiferes Frauen- und Menschentum
dürfen wir diese Form der Künstlerliebe verstehen. Die verquälte und
dumpfe Unsicherheit der vergangeneu Jahre wird von Wieland ge-
nommen, indem er aus seiner Einsamkeit herausgeführt wird. Er um-
schreibt den durch Sophies Umgang neugewonnenen Zustand in der
Sprache der Aufklärung mit den Worten zärtlich, edel". Er
ist ausgeglichener und doch lebendiger geworden.
Charakteristisch für Herkunft und Situation des Dichters ist es, daß
schon die Liebeserklärung einem Weltanschauungsgespräch entspringt.
An einem prächtigen Sonntagmorgen hat Wielands Vater über den Text
"Gott ist die Liebe" gepredigt. Über der Kirche des Vaters liegt ein
mit Bäumen bestandener Höhenzug, der eine schöne Aussicht auf die
Stadt und ihre idyllische Umgebung bietet. Zu diesem "Lindele" steigt
das längst an Gedankenaustausch gewöhnte Paar nach dem Gottes-
cliens te empor, und der Freund Sophies kritisiert die Predigt des Vaters,
welche nach seiner Meinung dem gewaltigen Thema nicht gerecht ge-
worden ist. Er entwickelt seine Gedanken mit wachsender Wärme. Nie

24
Verlobung

sei er so beredt gewesen, meint er später. Man kann wohl glauben, daß
er über der Liebe immer mehr die Religion und über der schönen Be-
gleiterin immer mehr die Landschaft aus den Augen verlor; das Be-
zeichnendste aber für diese Verlobungsgeschichte ist die "Beredsam-
keit", die Dichtung, die in dieser Unio von Religion, Philosophie, Natur
und Liebe erwacht. In der gleichen Stunde, in der sich die Beiden Liebe
und Treue geloben, verpflichtet Sophie den Jüngling, seinem Weltbild
in Versen Ausdruck zu geben, und Wieland hat wenige Monate darauf,
in Tübingen, Wort gehalten. Pfarrersöhne sind es vor allem, welche in
dieser Epoche die Entwicklung der Dichtung vorwärts treiben, und unser
Beispiel zeigt ganz greifbar, wie ein Pfarrersohn das Evangelium der
Liebe und die christliche Predigt zum Liebes-Mythos, zur Liebesdich-
tung säkularisiert.
Vater Wieland scheint die poetische Verlobung seines Sohnes niemals
ganz ernst genommen zu haben; aber an der Mutter, die später am hef-
tigsten gegen Sophie auftrat, fand das zarte Verhältnis zunächst eine
Beschützerin, so daß dem jungen Liebesglück die bürgerliche Aner-
kennung nicht fehlte. Die Idylle, die "paradiesischen Tage"'7 dieses
Herbstes hat der Dichter nie vergessen und auch in seiner skeptischen
Zeit als das goldene Zeitalter seines Lebens hochgehalten. Was die
Braut an Lebenserfahrung, das hatte er an Bildung voraus. Jetzt war
der Augenblick gekommen, wo sich seine junge Weisheit an einer leben-
digen Seele bewähren durfte. Neben die Metaphysik vom Lindeie trat
mit der Zeit die Ethik. Die "Tugendlehre", welche Wieland damals für
Sophie verfaßte, hat er 1752 wieder verbrannt, und wir vermissen sie
leicht, denn inzwischen hatte er in den "Moralischen Briefen" und im
"Anti-Ovid" seiner Lebensphilosophie eine Objektivierung verliehen,
für welche die Btberacher Arbeit nur eine Vorstufe gewesen war.
Für die damaligen Verhältnisse war die Verlobung nicht ganz so sonder-
bar, wie sie heute, in Anbetracht von Wielands großer Jugend, erscheinen
mag. Die Mutter und auch die Brautleute selbst mochten hoffen, daß
Christoph Martin, bei seiner ungewöhnlichen Begabung, in zwei bis
drei Jahren mit dem juristischen Doktorhut zurückkehren und mit
Hilfe der reichen Beziehungen seiner Familie rasch eine Stellung finden
werde. Nach dem mißglückten Studium sagte er zwar, es sei ihm "be-
fohlen" gewesen, Jura zu studieren's; aber nichts läßt darauf schließen,

29
Tübingen

daß er dem verständigen Vorschlage seines Vaters ernstlich widerstand.


Das Dichten war damals noch weniger als heute ein bürgerlicher Beruf,
und Wieland ftihlte sich überhaupt noch nicht als Dichter in dem neuen
Sinne Klopstocks. Ein mythologisches Hexameter-Epos, das er in Er-
furt begonnen hatte, war liegen geblieben' 9 , und es ist sonst in den
ganzen norddeutschen Jahren von keiner Dichtung die Rede. Er hätte
sich damals gewiß als einen "Gelehrten" bezeichnet, wie es sein Lieb-
lingsdichter Haller war, der seine Dichtung ausdrücklich als Frucht
von Nebenstunden entschuldigte. In Schwaben war man noch purita-
nischer als in der Schweiz; die Stiftler durften, wie wir aus verzweifel-
ten Briefen an Bodmer wissen, um 1760 nicht einmal Klopstock lesen. 5o
Wieland konnte hoffen, seinen literarischen Neigungen neben einem be-
liebigen Studium und Berufnachkommen zu können. Sogar Hagedorn,
der in einer viel großzügigeren Umwelt lebte, tat das. Erst im Anfang
des Jahres 1751 überfiel Wieland das Dichten mit solcher Gewalt, daß
alle vernünftigen Absichten zerstoben. Er verfuhr, wie Goethe aus-
drücklich bemerkt, oft "genialisch"; aber im Gegensatz zu den Stür-
mern und Drängern war er es mehr, als daß er es sein wollte.

4· Tübingen

Im November 1750 nahm Wieland von Sophie Abschied, um das juri-


stische Studium an der Universität Tübingen aufzunehmen. Unter
wenig glänzenden Bedingungen, denn die Lage seiner
Familie war bescheiden. Er war auf Stipendien angewiesen, und die
bewilligten sie nicht in dem Maße, wie es der Vater erwartet
hatte. In Tübingen gab es neben dem bekannten "Stift", dem Colle-
gium illustre und der Bursa auch Stipendieneinrichtungen, die be-
stimmten Familien zugute kamen: den Neuen Bau, wo später Justinus
Kerner wohnte, und eine Stiftung, die ihr Dasein dem aus Biberach
stammenden Rechtsprofessor Hochmann (t 1603) verdankte. 5 1 Hier
fand der künftige Dichter einen Unterschlupf. Das Hochmannianum
oder, wie man es nach seinem damaligen Leiter auch nannte, die Faberei
ist schon der großen Tübinger Feuersbrunst von 1789 zum Opfer ge-
fallen. Der Dichter spricht von einem klosterartigen Gebäude. Auch die

24
Beginn der Produktion

Hausordnung war wohl ziemlich klösterlich, und man hat, mit Berufung
darauf, die Berichte von Wielands Gartenhäuschen auf dem Österberg
kaum zu Unrecht ins Reich der Legende verwiesen. Auch der Erzählung,
daß Wieland seine Spaziergänge nur deshalb in der Mittagshitze machte,
"um niemand zu begegnen" 51, mißtraue ich. Noch heute machen Stiftler
mittags Spaziergänge, vermutlich nicht aus Schüchternheit. Man muß
sich damit abfinden, daß man von dem Tübinger Studenten Wieland
wenig Biographisches weiß.
Auch keine neuen Liebesgeschichten. Das einzige Mädchen, das er im
"Herzogtum Württemberg" kennen lernte, 68 führt als "Ismene" in
seinen ZüricherDichtungen ein schattenhaftes Dasein. Sie war offenbar
jünger als Sophie, mit der sie im Briefwechsel stand,u vielleicht eine
andere Verwandte der ausgebreiteten Familie, jedenfalls ohne tiefere
Bedeutung für den Dichter.
Wieland versuchte es zunächst mit dem juristischen Studium56; in den
ersten drei Monaten ist vom Dichten nicht die Rede. Erst gegen Ende
des ersten Semesters scheint ihn wider Willen und Vernunft die poeti-
sche Begeisterung mit sich fortgerissen zu haben. Noch in dem Rechen-
schaftsbericht für Bodmer, als er seine ersten literarischen Erfolge längst
hinter sich hat, betont er, daß er in Tübingen "mit einigem, und vielleicht
nicht ungegründetem Widerwillen, die sterilen schönen Wissenschaften
und Philosophie zu treiben" fortfuhr. Unser Dichter war niemals eine
heroische Natur, er wäre gerne den breiten Weg gegangen; aber er war
eben durch die Liebe, deren Erfüllung er dadurch in Gefahr brachte,
zu sehr Dichter geworden, um es noch zu können. "Ich schrieb im Fe-
bruar, März, April des Jahres 1751 das Lehrgedicht, imMay den Lob-
gesang auf die Liebe, im Juni und Juli den Hermann ... "•8 Ein an-
schauliches Bild von diesemfuror poeticusgibt eine Erzählung Böttigers,
die aufmündlichen Äußerungen des alten Dichters beruht: "Zum Glück
bewohnte er eben ein Logis, wo er eine ungeheure große Stube und außen
herum eine lange Galerie hatte. Hier lief er nun Stunden lang im vollen
Paroxysmus herum, und wenn er sich nun recht durchdrungen und be-
fruchtet fühlte, schüttete er dann seine Hexameter aufs Papier. " 6 7
Alle Zeugnisse Wielands stimmen darin überein, daß er während seiner
Tübinger Jahre in völliger Zurückgezogenheit lebte. Ab und zu wird er
ins Österreichische hinübergewandert sein, nach Rottenburg am Neckar,

3I
Tübingen

zu dem Registrator Dr. jur_. Franz von Daiser, einem Verwandten seiner
Mutter. 68 Dorthin erbittet er sich nämlich bei der Absendung seiner
ersten Manuskripte die Antwort, sei es nun, weil er in der "Faberei"
möglichst wenig Aufsehen wünschte oder weil er selbstbewußt seinen
Kritikern nicht verraten wollte, daß er noch Student war. Mit seinen
Kommilitonen hatte er keinen Kontakt; er konnte die wüsten Kneipe-
reien, die damals üblich wz.ren, schon aus gesundbei tlichen Gründen
nicht mitmachen. Auch ist zu bedenken, daß die Universität des I8.Jahr-
hunderts noch sehr schulmäßig war. Man studierte in jüngeren Jahren
und kürzer. Er mochte sich der Universität schon entwachsen fühlen,
als er sie bezog. Er war so unbekannt unter den wenigen Tübinger Stu-
denten jener Zeit, daß sein junger Schriftstellerruhm zunächst auf einen
andern, sehr wenig musischen Musensohn fiel, der sein Namensvetter
und über den unverdienten Lorbeer sehr bestürzt war.G 9 Wieland hat
immer zur Einsamkeit geneigt. Trotzdem dürfte es nach seinem da-
maligen Entwicklungszustand nicht nur an ihm, sondern auch an seiner
neuen Umwelt gelegen haben, wenn er so wenig Anregung fand. Es sagt
doch sehr viel von dem alten S<>hüler Baumers, wenn er an Bodmer
sch.reibt: "Ich habe hier keine Lehrer gehabt, sondern beständig allein
studiert." 60 Es ist ein Notschrei. Der Geliebte und Zögling Sophies ist
kein prinzipieller Einsiedler mehr. Briefe und Dichtungen zeigen, daß
er sich schon in Tübingen viel gefälligeren Lebensidealen zugewandt hat.
Es ist eine Einsamkeit, die er als eine Gefahr für sich empfindet: "Der
Mangel des Umgangs mit geschickten Leuten und Freunden hat mir
sehr geschadet. Ich bin immer allein, und ich fürchte, daß mich dieses
etwas farouche und pedantisch machet, so sehr mir beydes zuwider
ist. " 81 Tübingen war nicht der Ort, wo die von Sophie eingeleitete Ent-
faltung seiner Gesamtpersönlichkeit weitergedeihen konnte; es war
menschlich eine Enttäuschung, aber das hier entstandene Werk konnte,
von dem Biberacher Erlebnis zehrend und die reiche Bildung der Schul-
jahre nützend, schon im ersten Ansturm den Besten der Zeit genügen.

Wielands Tübinger Dichtung wird in der literarhistorischen For-


schung unterschätzt und zu Unrecht mit der bodmerianischen in einen
Topf geworfen. Man pflegt dem merkwürdigen Studenten und Bräuti-
gam mitleidig auf die Schulter zu klopfen. Da man es offenbar für un-

32
Literarismes Milieu

möglich hielt, daß ein junges Genie seinen Professoren überlegen sei, ist
in positivistischer Zeit der Versuch gemacht worden, Wielands wieder-
holte Versicherungen seiner Verlassenheit anzuzweifeln oder abzu-
schwächen. Nach Seuffert soll Professor Faber, unter dessen Aufsicht
Wieland lebte, inneren Einfluß auf ihn gehabt haben. 63 Dieser Johann
Gottlieb Faber, ein Theologe, hatte nämlich zwei Jahre vor des Dichters
Ankunft in Tübingen die Professur für Geschichte, Beredsamkeit und
Dichtkunst übernommen und eine gewisse Betriebsamkeit entfaltet. Es
ist aber nichts von diesem Gelehrten bekannt, das Wieland, als er nach
Tübingen kam, nicht schon besser verstand oder aus Büchern, für die
er sein ganzes Geld ausgab, lernen konnte. Es ist z. B. viel wahrschein-
licher, daß er zu seinem antilukrezischen Erstling durch Polignacs"Anti-
Lukrez" als durch einen angeblichen Lukrezkult des Faberschen Theo-
logenkreises veranlaßt wurde; noch in seiner Züricher Literaturge-
schichte hat er sich mit Polignac auseinandergesetzt. In einer Satire des
württembergischen Freiherrn E. F. von Gemmingen, welcher mit Haller
in enger Briefverbindung stand, heißt es über Faber: "Sein Amt ist, die
öffentlichen Patente zu verfertigen, welche auf hohen Schulen bei allen
wichtigen Vorfallenheiten angeheftet werden, und den verstorbenen
Lehrern oder ihren Verwandten eine lateinische Leichenpredigt zu hal-
ten ... Dieser öffentliche Lehrer der Dichtkunst ist selbst kein Dichter,
aber eben deswegen sind seine Anweisungen desto unparteiischer und
gründlicher."es Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser trockene Lehrer
der Dichtkunst nicht das geringste Vertrauen unseres so überaus fein
empfindenden Dichters besaß; sonst hätte er doch ihn, und nicht Meier
und Bodmer, mit der Beurteilung und Unterbringung seiner Erstlinge
betraut! Er äußert sich sehr abfällig über den Faberkreis, der sich eben
damars auch an die Öffentlichkeit wagt, und fürchtet nichts so sehr, als
mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden. Auch für die Schweizer,
die seine Vergangenheit noch nicht kennen, liegt das Wunderbare seiner
Erscheinung nicht zuletzt darin, daß er als Schwabe ein solcher Dich-
ter sein kann. Das Niveau der Tübinger Dichtung ist in der Tat recht
gering; es bleibt bei Wielands Wort: "Ich habe hier keine Lehrer ge-
habt." Wohl aber wäre zu untersuchen, ob nicht das überraschende
und beschämende Auftreten des jungen Reichsstädters den Streit um
die schwäbische Dichtung erst entfachte und die Württemberger zu

Sengle, Wieland 3 33
Tübingen

einer Selbstbesinnung führte, die schließlich die schönsten Früchte zei-


tigen sollte. Schon die "Schwäbischen Gedichte" von 1751, die in der
Hauptsache ein Theologe aus dem Faberkreis verfaßt zu haben scheint,8 •
sind vielleicht in einem Wettstreit mit dem Biberacher Dichter ent-
standen, und die gute Aufnahme von Wielands Erstlingen bei den besten
Kritikern dürfte selbst Faber allmählich die Augen dafür geöffnet haben,
auf welcher Stufe man bisher in Schwaben gestanden hatte. In einer
Vorrede, die kurz nach Wielands Eintreffen in Zürich entstand, 65 recht-
fertigt Faber die Gründung seiner Dichtergesellschaft und bemerkt dabei
ganz offen: "Der Entschluß wäre um so gerechter und nötiger, als wir
Schwaben besonders Ursache haben, die alten Vorurteile aufzugeben.
Es ist wahr, die größten Geister unter uns hieltens für niederträchtig,
wenigstens überflüssig, mit Ausschmückung der Muttersprache, die
ohnehin allezeit was rauhes und unregelmäßiges behalten würde, sich
lange aufzuhalten, da man mit den Sachen und Wahrhe'iten selbst sich
viel ein edler Geschäft machen könnte." Ein erster Protest gegen den
württembergischen Puritanismus! Offenbar war selbst dieser beschei-
dene Gottsched Schwabens in den Augen seiner Kollegen ein zu eifriger
Verfechter der "überflüssigen" Dichtkunst, denn er soll seines Amtes
enthoben worden sein. 00 Vielleicht hat er sich auch freiwillig auf die
Theologie zurückgezogen.87 Jedenfalls war der Weg bis zu einer dichte-
rischen Blütezeit im konservativen Württemberg noch sehr weit. Wie-
lands Einsamkeit und sein Bestreben, von Tübingen wieder loszukom-
men, darfuns nicht wundernehmen. Eher ein Wunder ist die reiche Ent-
faltung seiner Dichtung inmitten so kleinlicher Verhältnisse: sie ist ein
Vorspiel zu denMeisterleis tungen, die er I 5 Jahre danach in der "Tar-
tarei" Biberach vollbrachte.
Für die allgemeine geistige Situation Wielands in seiner Tübinger Zeit
kann, was in der Wieland-Forschung nicht häufig ist, auf das schöne
Buch von Karl Hoppe verwiesen werden.es Hoppe stellt den Tübinger
Wieland mit Recht in den Gesamthorizont der europäischen Au f k I ä-
rung hinein. Er wehrt sich gegen die Meinung, Wieland sei in Tü-
bingen zum Christentum zurückgekehrt; er sieht, daß trotz des duali-
stischen Ausgangspunktes dessen Überwindung schon jetzt die stille
Tendenz seines Denkens ist. Auch Hoppe sieht in der Liebe zu Sophie
"die zentrale Angelegenheit" seines damaligen Lebens, keine bloße

34
Hagedorn .• Natur der Dinge"

Randerscheinung seines Dichterturns wie mancher frühere Wieland-


Forscher. Ideengeschichtlich verfahrend erkennt er Wielands innere An-
näherung an Shaftesbury, ehe er seine Schriften kennenlernte, und wehrt
den Vorwurfphantastischen Denkens vom Tübinger Wieland ab. Seine
Anschauungen bewegen sich "auf durchaus diskutablen, der Mentalität
der führenden Denker der Zeit angemessenen Wegen". 69 Er betont des
jungen Dichters Bekenntnis zur schönen Tugend, zur "stillen Grazie",
überhaupt zu Gedankeninhalten, die weit in SeineZukunft weisen. Nur
"auf die formalen Probleme im dichterischen Schaffen Wielands einzu-
gehen lohnt sich" nach seiner Ansicht in derTübinger Zeit nicht.
Demgegenüber ist zu sehen, daß auch die dichterisch-formale Entwick-
lung des Tübinger Wieland reizvoll und von einer unbe\vußten Logik ist,
die Ursprungskräfte, echtes Wachstum offenbart. Bezeichnend ist schon,
daß man von Shaftesbury und anderen Philosophen spricht und dabei
Wielands eigentlichen, dichtungsgeschichtlichen Vorgänger ganz aus
den Augen verliert, obwohl er ihn häufig apostrophiert: Hagedorn. Man
kennt ihn eben noch weniger als Wielands Tübinger Dichtung. Er wurde
damals aber sehr viel gelesen und er paßtgut in denHorizon t von Wielands
patrizischer Braut. Schon Hagedorn kennt Shaftesbury; schon für ihn ist
die Tugend eine freundliche Gottheit, und er entwickelt, wie Wieland,
das Ideal eines Weisen, der, anders als die Gelehrten und die Hofleute,
heiteren Lebensgenuß und Genügsamkeit miteinander verbindet.
Der Schritt vom würdigen Haller zum anmutigeren Hagedorn entspricht
der Lebensschule Sophies. Aber formengeschichtlich ist damit noch
nichts gewonnen, denn beide Dichter sind für den jungen Wieland vor
allem die Verfasser von Lehrgedichten. Er beginnt entsprechend mit
einem Lehrgedicht in Alexandrinern: "Die Natur der Dinge"·
(1751); aber, wie Nachahmer zu tun pflegen, er übertreibt die Form der
Meister bis zur Unmöglichkeit. Den Vorwand für die unsinnige Aus-
dehnung gibt Lukrezens Lehrgedicht "De rerum natura", dessen Wider-
legung ebenso ausführlich sein soll wie das Original. In Wahrheit will er
seine deutschen Vorgänger in jeder Beziehung übertreffen. Mit der bei
jungen Schriftstellern öfters zu bemerkenden Ökonomie reproduziert
hier Wieland die philosophischen Studien der Schuljahre unter dem Ge-
sichtspunkt seiner neuerrungeneu Liebes-Metaphysik bis in alle Einzel-
heiten, und mit demgleichen Anfängereifer entfaltet er seine virtuosen

35
Tübingen

poetischen Künste. Gemessen an den Lehrgedichten Hallers und Hage-


dorns, aber auch Lukrezens selbst, ist die Tübinger Dichtung zugleich
gelehrter und dichterischer, eine Mischung, welche bereits den Unter-
gang der Gattung ankündigt. Schon in seiner Züricher Poetik und
Literaturgeschichte erkennt Wieland deutlich die prinzipielle Problema-
tik des Lehrgedieh ts, "daß es nämlich, wenn es nicht sehr kunstvollendet
ist, den Philosophen zu seicht, den Liebhabern der Poesie zu mager und
dem Publico unverständlich ist",?o und noch später hat der Dichter
seinen Erstling nach Inhalt und- Einkleidung ausdrücklich verworfen 71 ;
aber schon Gruber macht darauf aufmerksam, daß, rein als Lehrgedicht
genommen, "Die Natur der Dinge" einen sehr hohen Rang innerhalb
des Jahrhunderts einnimmt und daß der Beifall der Besten"nichts weniger
als befremdlich" ist. 72 Es fehlt zwar die stetige Dichte, die Hallers und
Hagedorns Lehrgedichte auszeichnet: Wielands Werk ist redseliger,
unschärfer, launischer und auch in den Gedanken unverbindlicher;
aber doch schon liebenswürdig durch die weiche beseelte Form seiner
Rhetorik und die bewegliche Kunst seines Alexandriners.n
Unser Dichter mochte nach der Absolvierung des riesigen Pensums
fühlen, daß man das Eigentliche der umfangreichen Dichtung auch mit
weniger Worten hätte sagen können, und so ließ er den "Lobgesang
auf die Liebe"( I 751) in Hexametern folgen. Es ist seinerster7'undzwei-
fellos unglücklicher Versuch, mit Klopstock zu wetteifern. Es gibt hier
neben den "schönen geselligen Lippen" der Doris Äonen, welche die
Morgenröte begleiten, und Sonnen, welche mit neblichtem Schimmer
aus ihren Gewölken sich wälzen. Gewiß kam für die Entwicklung der
Dichtung alles auf die Überwindung des Gegensatzes von Anakreontik
und Seraphik an, aber eine solche Synthese war doch kaum geleistet,
wenn Wieland mit folgenden Worten von Doris sang:

"Ein stark düftender, lieblicher Atem voll kühlender Kräfte


Steigt aus ihrem Rubinenmund aus, und füllet den Luftkreis
Mit still wirbelnden Balsamgewölken, die Morgenwinde
Gaukeln um sie, ein scherzendes Heer von Euleheu und Käfern
Schwimmt von Entzückung berauscht in ihrem Wirbel und atmet."

Auch die vier Gesänge eines "Hermann" (1751) sind noch keine zu
verteidigende Leistung. Der Drang zu einem großen nationalen Epos

24
Klopstock. • Hermann"

kam nicht aus dem Dichter selbst. Bodmer, der leidenschaftliche An-
walt des erhabenen Hexameterepos, sollte mit dieser Kostprobe ge-
ködert werden. Nicht zum letztenmal zeigt sich Wielands bedenkliches
Talent, jede beliebige literarische Aufgabe mit hinreichendem Erfolg
zu erfüllen. Arminius war kein Gegenstand für den Verlobten Sophies;
es ist das einzige Tübinger Werk, das auf sie keinen Bezug hat. Als das
Fragment den Zweck, Bodmers Aufmerksamkeit zu erregen, erfüllt
hatte, verwarf der Autor sofort den Stoffund die bisherige Disposition
des Epos. Auch später, selbst in der Zeit seiner größten Bodmerabhän-
gigkeit, ließ er sich nicht dafür gewinnen, dies Werk, welches doch das
Arminius-Epos des Gottschedianers Schönaich aus dem Felde schlagen
sollte, zu vollenden. Trotz der Fremdheit und Unechtheit im Ganzen
lassen sich einige Eigenschaften des späteren Erzählers Wieland in dem
Fragmente nicht übersehen. Wielands Gesänge haben mehr Cäsuren
als die Klopstocks, sie sind kurzatmiger und behaglicher, sie halten sich
ans Nahe und Sichtbare, sie sind urbaner. Wie es dem Stoff entspricht,
ist viel von der wilden Natur die Rede; aber selbst hier verlassen den
Dichter nicht die Vorstellungen von den glänzenden Interieurs, welche
der Hauptstolz der Rokokokultur sind. Man nehme etwa die Residenz:

"Chrystallene Wände
Stiegen zur Seiten wie Spiegel empor, und gaben den Augen
In bezaubernden Bildern die waldichten Gegenden wieder,
Die sie umzogen. Hier sah man den Strom vervielfältigt schießen,
Wallend schien er selbst den Augen zu murmeln, und tausend Wälder
Strahlten aus tausend gebrochenen Spiegeln den Gästen entgegen."

Das ist die Halle der Germanen! Und natürlich erzählt, vor diesen
Kulissen, Hermann den versammelten Helden die Geschichte seiner
Liebe.
Wieland kennt weder einen epischen Stoff noch eine epische Dichtart,
welche ihn fesseln könnte, und in den Hexametern bewegt er sich nur
mühsam. So kehrt er im Herbst 1751 zu einer lehrhaften Alexandriner-
dichtung zurück; aber Thema und Dichtart sind ihm schon angemesse-
ner als in seinen bisherigen Dichtungen. Es sind "Zwölf morali-
sche Briefe in Versen" (1752). Das Vorbild sind die "Epitres diver-
ses" des westfälischen Barons Georg Ludwig von Bar, welcher dem

37
Tübingen

englischen Königshause nahestand und von Gottsched als der beste


französische Dichter Deutschlands bezeichnet wurde.n Schon hier also
unternimmt es der Dichter, die modische Kavaliersdichtung durch
eine deutschsprachliche zu ersetzen und womöglich zu übertreffen! Die
auch sonst im 18. Jahrhundert gern benützte Form der Versepistel
mochte ihm entgegenkommen, weil es hier leichter als im eigentlichen
Lehrgedicht möglich war, das Persönliche mit dem Lehrhaften zu ver-
binden. Immer wieder, besonders am Ende der einzelnen Briefe redet er
Doris oder Diotima an. Er wird, so wirkt das Biberacher Erlebnis nach,
von der Geliebten ebensoviel belehrt, als er sie lehrt. Wieland meint
in dem Zusatz von I 797 76 , der Stil des jungen Dichters sei immer besser
geworden, weil er allmählich die Geduld und Geschmeidigkeit gelernt
habe, die "Fesseln" des Alexandriners zu tragen. Aber er hat einst selbst,
in der Ausgabe von 1770, die "ausnehmende Schlechtigkeit der Poesie"
im elften, vorletzten Brief festgestellt t,Jnd diesen Teil des Werkes ge-
strichen, - nicht zu Unrecht, denn das hier behandelte Thema des
Todes paßt zu der harmonisierenden Tugendlehre besonders schlecht.
Es ist also nicht so sehr der Anfang der Dichtung oder die Fessel des
Alexandriners, wie Wieland meint, sondern die allgemeine dichterische
Unausgeglichenheit, die uns stört. Vielleicht darf man innerhalb der
einzelnen Briefe von einem gewissen Aufschwung reden. Sie fangen
meist recht abstrakt und hölzern an, um sich dann zu einer ge.,..issen
lyrischen Höhe zu erheben. Doch scheint Bars weltmännisches Vorbild
den TonKlopstacks wieder so ziemlich verdrängt zu haben. Er hatte sich
schon im "Hermann" weniger hervorgewagt als im "Lobgesang auf die
Liebe". Nicht der Enthusiasmus sondern wie bei Hagedorn die heitere
Weisheitist jetzt das höchste Ziel : die "Ieich te Wahrheit" .Von der Gelehr-
samkeit wird sie streng unterschieden. Der Weise ist kein "Pansophus
... , der vor lauter Wissen/Sokrates Kunst verlernt". Er weiß sich zu
bescheiden, er kennt die "Seelenruhe", die innere Freiheit, "des Lebens
wahre Kunst". Die Tugend ist schon in dieser Zeit für Wieland nichts
Rigoroses: "Kein Mechanismus soll die Tugend uns gebären!" Es kommt
nicht darauf an, die Begierden zu unterdrücken; auf diese Weise wird
man leicht ein Menschenfeind. Nur Toren meinen, die Tugend sei "ge-
hässig aller Lust, einsiedlerisch verwildert": Sie ist, wie auch die Weis-
heit, schön und gefällt beim ersten Anblick; "sie scherzt im Sokrates

24
.Moralisme Briefe"

bei Rosen und beim Wein." Vorbilder solcher Tugend sind nicht Ale-
xander, Cäsar, Brutus, sondern Horaz, Hagedorn und vor allem So-
krates mit Xenophon und Diotima:

"Ein Menschenfreund zu seyn und tugendhaft zu lieben,


Die schönste Wissenschaft auch glücklich auszuüben,
Lehrt ihn Diotima; die Herzen auszuspähn,
Sich und die Weisheit selbst nach jedes Trieb zu drehn,
Und die Gefälligkeit, die seinen Umgang schmückte,
Die Künste, sonder die es keinem Zeno glückte,
Tat dem gern lernenden der schönen Freundin Mund,
Der, Doris, deinem gleich, mit süßer Anmut kund.
Sie lehrt ihn das Gesetz, von dem in allen Reichen
Die folgsame Natur sich scheuet abzuweichen,
Die eine schöne Seel dem Leibe, der gefällt,
Bey Thieren und Gewächs, harmonisch zugesellt."

Wieland hat zu einem Genre gefunden, das für ihn zeitlebens bezeich-
nend bleiben wird: zur bekenntnishaften Lehrdichtung. Es fehlt noch
die Einbeziehung erzählerischer Elemente; aber wenn er von diesem
Punkte aus noch sechzehn Jahre bis zur "Musarion" benötigte, so war
das kaum geschichtliche Notwendigkeit, sondern persönlicher Umweg,
mangelnde Selbstbewährung. Er mochte schon bei Versen solcher Art
um die Zustimmung der Schweizer besorgt sein. Umsichtig fügte er eine
Widmungsode für Bodmer bei, die denn auch ihre Wirkung tat. Ent-
zückt aber war Hagedorn, wie uns ein Brief an Bodmer bezeugt. Er
bestätigt den großen Erfolg der "Moralischen Briefe" in dem gleichen
Hamburg, das sich um den "Messias" nicht kümmert. Er läßt mit
feinem Gefühl für des Dichters Stärke Wteland bitten, "die Satire, in
der er so glücklich ist, nimmer ganz zu verlassen", und er gesteht, daß
er selbst am liebsten jetzt auch moralische Briefe schreiben würde. Mit
höchster Achtung, mit dem Gefühl, in ihm seinen Meister gefunden zu
haben, spricht er von dem IgjährigenAutor, und dem gelassenen Welt-
mann entschlüpfen sogar die Worte: "Ich mögte Sie fast beneiden, daß
Sie H. Wieland itzo um sich haben." 77
In seiner Ausgabe von 1797 hat der Dichter die "Moralischen Briefe"
fast auf den halben Umfang zusammengestrichen; mit einem gewissen

39
Tübingen

Recht, denn es fehlt nicht an zahlreichen Wiederholungen. Eine iro-


nische Bemerkung im ersten Brief verrät, daß er von vornherein nicht
bei allen Lesern mit einer vollständigen Lektüre der immer noch um-
fänglichen Lehrdichtung rechnen konnte. 78 Es lag also nahe, das For-
mat, einem Gesetz der Rokokokultur folgend, noch weiter zu verklei-
nern. "Anti-Ovid oder die Kunst zu lieben" (1752) umfaßt nur
noch ein Fünftel vom Umfang des Erstlings. Wieland wird zierlicher.
Auch die Fesseln des Alexandriners hat er, mit unwillkürlicher Einsicht
in seine künstlerischen Möglichkeiten, die größere Freiheit zu ihrer Ver-
wirklichung benötigen, abgeworfen. Er gebraucht die Versart der poesies
fugitives, die in der Zeit des französischen Frührokoko aufgekommen,
aber ihm, wie ausdrücklich bezeugt wird 79 , nur in der Vermittlung seines
alten Lieblingsdichters Brackes bekannt war. Vielleicht war die Form
für seine damalige Reife schon zu frei; vielleicht hatte er noch nicht
genügend Zucht für diese mehr "innere" als äußere Form, um nicht
allzu redselig und, entgegen dem Sinn des Werkes, allzu lyrisch zu
werden. Der Dichter deutet es später selbst an und bemerkt dazu ent·
schuldigend, "Anti-Ovid" sei "in wenigen Tagen ejaculiert" worden.so
Der Untertitel der Dichtung ist bezeichnender als der für Bodmer be-
stimmte erste Titel. 81 Noch ist Wieland nicht bereit, das Ideal des
"weisen Buhkrs", der sinnlich-geistigen Harmonie, preiszugeben. Er
wendet sich gegen die Laster, auch des vornehmen Pöbels, gegen die
"buhlerischen Tücken", aber nicht gegen die Sinnlichkeit als solche:
"geheut denn die Natur dem Viehe gleich zu werden?" Menschliche,
schöne Natur heißt das Ideal. Tugend ist so viel wie Mäßigung der Be-
gierden; ihre nächsten Verwandten heißen "Geschmack" und "Anmut":

"So stimmt die Harmonienreiche Liebe


In Seelen wo sie herrscht die Triebe
Zum lieblichsten Akkord ...
In allen Neigungen lebt nur ein Geist ... "

Im Grundsätzlichen ist der Standpunkt der "Moralischen Briefe" fest-


gehalten; dennoch läßt sich eine gewisse Spiritualisierungstendenz im
sprachlichen Körper und in den Ii terarischen Anspielungen des Lehr-
gedichts nicht überhören. Die Abgrenzung gegenüber Ovid, Properz,
Tibull, Ninon, Crebillon ist sehr nachdrücklich, und andrerseits ist der

24
.Anti-Ovid"

Kreis der Vorbilder in Bodmers Sinn erweitert. Neben Hagedorn treten


Gleim, Geliert, Lange; neben Virgil Milton. Die Erörterung wird öfters
von empfindungsreichen Partien unterbrochen, Klopstacks Ton dringt
aufs neue in die Sprache des jüngeren Dichters, und schließlich endet
das seltsame Lehrgedicht in einem hymnischen Preise der Geliebten,
Gottes und der "Empfindungen" der Liebe.
Die alte Metaphysik um das Thema "Gott ist die Liebe", so könnte es
scheinen; aber die Form der Dichtung verrät uns, daß etwas sehr We-
sentliches mit dem jungen Philosophen vor sich gegangen ist. In den
beiden großen Lehrgedichten wollte der Dichter wenigstens annähe-
rungsweise einem metaphysischen und ethischen System Ausdruck
geben. Ihr Anspruch ist nicht primär dichterisch, sondern "philoso-
phisch", in dem sehr weiten Sinne der Antike und der Aufklärung. Dem
jungen Dichter war durch seine Liebe eine neue Welt aufgegangen, die
er als Wahrheit allgemein verbindlich und in anmutiger Gestalt aus-
sprechen wollte. Werke solcher Art liebte die geistvolle Sophie, und
für sie fühlte er sich mehr befähigt als für "diejenigen, worin die Dicht-
kunst herrschet". Der Aufenthalt in der Universitätsstadt aber hat ihn
seines Glaubens an die Philosophie und Wissenschaft mehr und mehr
beraubt. Schon in den "Moralischen Briefen" redet er von den "tausend
Sekten", in welche die Wissenschaft zerfällt. Wollte er ihr gegenüber
zunächst die "Weisheit" hochgehalten wissen, so erscheint ihm auch
diese allmählich als nicht eigentlich greifbar und definierbar. Wieland
wird schon jetzt, was er sein ganzes Leben lang geblieben ist: Agm•-
stiker. In einem wichtigen Brief an seinen neuen Schweizer Freund
Schinz wendet er sich gegen die hochweisen Untersuchungen über die
Ewigkeit der Welt, die Monaden usw. Etwa nach vierzig Jahren wird
man über unsere Systeme lachen. Er wird sich nie in einen Streit über
"metaphysische Subtilitäten" verwickeln lassen, "worüber man schon
etliche tausend Jahre räsonniert, und doch nicht weiter gekommen ist
als Plato und Pythagoras". Wir gla1.1ben, den alten Wieland zu hören,
und es ist erregend zu sehen, wie er schon zu diesem Zeitpunkt eine
spontane Kritik an seinem späteren Feind Plato nicht unterdrücken
kann: er ist "unstreitig ein übertriebener Philosoph, den es zuweilen zu
verdrießen scheint, daß wir Menschen smd. Seine Betrachtungen werden
sehr oft zu Phantomen und Hirngespinsten". Es ist zuweilen gut, in die

4I
Tübingen

Körperwelt zurückzukehren und sich zu erinnern, daß Plato selbst den


Anakreon einen Weisen genannt hat.sa
Der Zusammenbruch von Wielands Philosophiegläubigkeit hat weit-
reichende Folgen. Für die Dichtung zunächst die, daß er sich williger
seinen Empfindungen und Träumen überläßt und für den Eigenwert
der Dichtkunst aufgeschlossener wird. Die Philosophen sind "mit dem
Namen der Chimäre zu freigebig"; es "haben alle wohl zusammen-
hängenden Erdichtungen, die sich in das Ganze schicken, eine gewisse
Realität". "Ich halte die Kraft zu dichten fü1 eine der edelsten unserer
Seele."sa Mit dem Verständnis für Wesen und Adel des Dichterischen
wächst auch seine Bewunderung für Klopstock, und diese ist, wie es
unserm Dichter allemal zu geschehen pflegt, schließlich, am Ende der
Tübinger Zeit, so groß geworden, daß seine oigene Sprache darüber ver-
loren zu gehen droht. Der erste Blick auf die lyrischen Gedichte
Wielands, deren er nicht wenige geschrieben hat, verrät, daß er in dieser
Gattung ein talentvoller Nachahmer Klopstacks war und so lange ge-
blieben ist, als er überhaupt lyrisch sich betätigte. Man versteht zwar,
daß er mit der Abwendung von der Philosophie immer begieriger zur
Lyrik griff, aber er war im Kern seiner Persönlichkeit doch zu wenig
gefühlstief, um sich in ihr ganz erfüllen und etwas Eigenes leisten zu
können. In einer der demütigen Selbstanalysen für Bodmer spricht er
von der "Dose Kaltsinn", die seiner größten Zärtlichkeit beigemischt
ist und durch die er sich selbst zum Rätsel wird. 84 Diese seine Natur
wollte er unter dem Einfluß der mächtiger werdenden Empfindsamkeits-
bewegung nicht mehr wahrhaben, und so verlor er sich mehr und mehr
an wesensfremde Bücher und Menschen. Doch darf nicht übersehen
werden, daß er auch in der Lyrik zunächst nach einem Ausgleich von
Anakreontik und Seraphik, von Leichtigkeit und Enthusiasmus strebte.
In dem lyrischen Anhang zum "Anti-Ovid" finden sich neben den
Liebesoden im hohen Tone auch kleine anakreontische, und unter diesen
solche, welche die Möglichkeit einer "empfindsamen" Befruchtung des
spielerischen Genres deutlich ankündigen:

"Komm Doris! laß uns küssen,


Da alles scherzt und küsset,
Und die Natur empfindet.

24
Lyrik

Der Zephyr küßt die Rosen,


Der Bach die jungen Blumen,
Und ich will Doris küssen.
Wie süß sind diese Küsse?
Wie fühlt die ganze Seele ?
Wie taumelt sie in Freuden?
0 nichts gleicht deinen Küssen!
Nein, keine von den Freuden,
Um die ich sonst die Freuden
Der Toren gern entbehre.
So lieblich ist kein Zephyr,
Den wir in Rosenbüschen,
Erhitzt vom Mittag atmen.
So trunken von Entzückung
Wallt nicht mein fühlend Herz auf,
Wenn Milton Even singet,
Als wenn mich Doris küsset;
Ja seine Paradiese,
Die wären vor mich wüste,
Wenn ich in ihren Lauben
Nicht Doris küssen könnte."Bs

Kein Zweifel, daß Wieland in dieser "scherzhaften" Lyrik origineller


ist als in der odischen und hymnischen; es ließe sich von hier aus eine
lyrische Entwicklung der Anakreontik denken, die etwa dem Schritt
von Hagedorns Verserzählungen zur "Musarion" entspräche und die
Wielands späterer Freund Gleim nur unvollkommen verwirklichte. Bei
unserm Dichter wurde, wie wir sehen werden, die Fortentwicklung der
anakreontischen Lyrik, wie der Rokokodichtung überhaupt, durch Bod-
mers Machtwort unmöglich gemacht.
Mit der Abwendung vom systematisch-rationalistischen Lehrgedicht
lag es für Wieland nahe, sich in der Form des "beschrerbenden Gedieh ts' ',
die man dem philosophischen Sensualismus zuordnen darf, zu ver-
suchen. Er verfaßte nach dem Vorbild von Thomson und Ewald von
Kleist im Frühjahr 1752 die Hexameterdichtung "Der Frühling".
Man kann dem Gedicht die Erlebnisfülle nicht absprechen: Wieland

43
Tübingen

hat eigens den Frühling erwartet, um es schreiben zu können. Dagegen


weiß er von vornherein, daß es keine "Schilderung des Frühlings ent-
halten" kann wie die Dichtungen seiner Vorbilder. 86 Es fehlt ihm die zur
Beobachtung nötige Distanz. Das Gedicht ist auf einer reiferen tech-
nischen Stufe eine Wiederholung des vor einem Jahr geschriebenen
Frühlingsgedichtes und könnte wie dieses "Lobgesang auf die Liebe"
heißen. Nur mischen sich jetzt in den hellen Blütenjubel die dunk-
leren Stimmungen des gescheiterten Studenten, der bei allen dich-
terischen Erfolgen nicht weiß, wohin sein irdischer Weg weiterführen
soll. Leise, aber dringend klingt das Wort "Schicksal" auf und
muß im Aufblick zum Ewigen - und zu Klopstock - weggesungen
werden.
Die Lyrik war für den ehemaligen "Philosophen" näherliegend und
leichter als irgendeine Art von gegenständlicher Dichtung, weil Ratio-
nalismus und Empfindsamkeit als Erscheinungsformen subjektiven,
"sentimentalischen" Menschentums zusammengehören und sich gegen-
seitig zu kompensieren pflegen. Wieland entwickelte sich seit dem Zu-
sammenbruch seines philosophischen Glaubens immer stärker zu dem,
was er später als einen "Schwärmer" verlachte. Er schwang mit der
Stimmung der Zeit ins empfindsame Extrem. Aber es beweist die dich-
terische Bedeutung und den Ansatzreichtum dieser Ursprungsepoche,
daß er Tübingen nicht verließ, ohne die Dichtart erprobt zu haben, in
der er später der größte deutsche Meister werden sollte, die Verserzäh-
lung. Es liegt in seiner schmiegsamen, phantasievollen Art, daß er mit
der kargen Form der Tierfabel, wie sie die Älteren, und nach dieser Zeit
selbst Lessing, noch immer liebten, von vornherein nichts zu tun haben
will. Er unterscheidet in diesem Sinn ausdrücklich zwischen Fabel und
Erzählung: die Erzählung liebt er "ungemein". 87 Gegen Bodmer, der
auch hierin ein Rokokogegner, ein Freund des Epos und der spröden
Prosafabel ist, verteidigt er mit Leidenschaft die Erzählungen Hage-
dorns und Gellerts. Er mochte hoffen, wenigstens für Geliert Dispens
zu erhalten; "unendlich" gefallen ihm "diese naiven Annehmlichkeiten,
dieser natürliche Witz, die anmutige, einfältige Sprache der Erzäh-
lung".88 Aber Bodmer, der die unkultivierten Fabeln eines Meyer von
Knonau schätzt, findet an Geliert allerlei Fehler, und Wieland knkt
gehorsam ein. 89 Wieder ein Beispiel, wie wachstümliche Anknüpfung

44
"Erzählungen"

an die Tradition, welche unserm Dichter gemäß gewesen wäre, durch


Bodmers Autorität unterbunden wurde.
Es kommt nur zu empfindsamen "Erzählungen" (1752)90 nach dem
Vorbilde Thomsons und Rowes. Sie haben nichts vom Esprit Gellerts
oder des späteren Wieland. Sie leiden unter einer gewissen Einförmig-
keit der Gestalten, wie der Dichter sogleich selbst bemerkt.Dl Dennoch
fehlt ihnen die Anmut nicht, sie haben bei aller Gefühlsinnigkeit noch
etwas Konkretes und Naives, es sind auflange hinaus die vollendetsten
und liebenswürdigsten Dichtungen Wielands. Ihre ideale Einfachheit
macht sie zu halben Idyllen und Märchen; es gibt keine bestimmten
Gesellschaftsverhältnisse wie Lei Gellert, sondern nur eme allgemein
gehaltene "natürliche" Umwelt, keine spannenden oder pointierten
Vorgänge, sondern ein schlichtes aber seelisch stark reflektiertes Ge-
schehen, keine kunstvolle Reim- und Verstechnik, sondern gleichmäßig
fortfließende, reimlose Jamben. Ein Ehrgeiziger, der wie Grillparzers
Rustan ein ganzes schuldvolles Leben träumt und zu Hause bei seiner
Frau erwacht; ein keusches Mädchen, das einen schlechten Menschen
liebt und ins Kloster geht; ein Blinder, der so heiteren Gemütes ist, daß
er im Paradiese zu sein glaubt, als er sehend wird. Unser Dichter hat,
wie auch später, die Stoffe zu seinen Erzählungen nicht selbst erfunden,
und er bemerkt schon bei dieser Gelegenheit bescheiden, er habe "gar
wenig Erfindungskraft". 92 Seine Stärke ist schon hier, was er die "Ein-
kleidung" nennt, die gefällige Neuformung des Stoffes. Es ist nicht etwa
so, daß er seine Stoffe in die gegebene Form seines Vorbilds Thomson
stecken würde. Auf formalem Gebiet beweist er schon jetzt Selbständig-
keit. Vergleicht man seine Erzählungen mit den im Anhang von "Thir-
sis und Damons freundschaftlichen Liedern" (I 745) wiedergegebenen
von Thomson, so fällt ein großer Unterschied in die Augen. Gegenüber
den knappen ausgeschnittenen Skizzen des Engländers sind Wielands
Erzählungen etwa fünffach so lang, und zwar deshalb, weil sie den Vor-
gang innerlich durch Monologe und Dialoge verdeutlichen und seelisch
bis ins Letzte auskosten. Man mag eine gewisse Redseligkeit tadeln, aber
die gehört schon jetzt zu Wieland und bildet hier den unablöslichen
Bestandteil eines im Ganzen geglückten Werkes.
Die "Erzählungen" wurden von Lessing, Hagedorn und anderen warm
begrüßt und in der Folge ganz oder teilweise ins Französische, Eng-

45
Bodmers Einladung

lische, Italienische und Dänische übersetzt: Vorläufer von Geßners


und Wielands europäischem Ruhm. Der Dichter hat sie im Unterschied
zu seinen anderen Jugendwerken noch im Alter geliebt als das "Beste
und Korrekteste", was er vor seinem 25. Jahre geschrieben. Trotzdem
haben sie keine große Wirkung auf die deutsche Literatur gehabt. Die
Blankverserzählung nach englischem Muster blieb, anders als das Blank-
versdrama, im Ansatze stecken. Auch unser Dichter selbst nahm sie
nur ganz vereinzelt wieder auf, als er später, aus BodmersMachtbereich
entlassen, zur Verserzählung zurückkehrte. Sie hatte, bei aller Voll-
kommenheit, in ihrer Reimlosigkeit- Farblosigkeit- und Eintönig-
keit schon zu viel Zugeständnis an Bodmer mitenthalten, um dem selb-
ständig gewordenen Wieland noch verlockend erscheinen zu können,

5· Bodmers Einladung

Neben der unerftillten, immer empfindsamer, immer blasser werdenden


Liebe zur fernen Sophie und neben der war für
den Tübinger Wieland nur noch Eines von Bedeutung: seineBeziehung
zu Bodmerund dessen Freunden. Über die Vorgeschichte von Wielands
Einladung in die Schweiz geht Gruber rasch hinweg, aber ohne sie kann
seine Züricher Zeit nicht richtig beurteilt werden. Sie ist ein einschnei-
dendes, aber recht unerfreuliches Kapitel der deutschen Literaturge-
schichte, für beide Teile gleichermaßen beschämend. 98 Denn bei unbe-
fangener Prüfung des reichlich überlieferten Materials&' kann nicht ver-
borgen bleiben, daß Bodmer, auf seine literarische Machtstellung ge-
stützt, die völlige Selbstpreisgabe des Anfängers verlangt und daß dieser,
vereinsamt und wohl auch verängstigt, nach einigem Widerstand diese
geistige Kapitulation vollzieht. Daß derÄltere sich einredet, zu erziehen,
und der Jüngere sich mit beweglicher Phantasie in die Bewunderung
seines Gönners hineinempfindet, ändert nichts an der objektiven Wider-
geistigkeit des Vorgangs.
Wieland schickte im August 1751 an Bodmer den Anfang seines Armi-
nius-Epos. Wir haben gesehen, daß er schon damit Versprechungen gab,
die er ohne Selbstpreisgabe nicht erfüllen konnte. In der Tat macht er
danach einen Schritt zurück, er schreibt die "Moralischen Briefe", den

24
Geistige Kapitulation

"Anti-Ovid" und gar die anakreontischen Oden. Um gleichwohl dem


mächtigen Schweizer zu gefallen, schmückt er einmal die Briefe an Bod-
mer und an den zur Rekognoszierung vorgeschickten Pfarrer Schinz
mit den schönsten Schmeicheleien ("Sie sind unser Homer", 9 5 "Bod-
mers Name soll uns heilig sein" 96 usw.), zum andern beginnt er nach
dem Vorbild von Addisons Milton- und Meiers Klopstock-Interpreta-
tion eine umfängliche "Abhandlung von den Schönheiten des
epischen Gedieh ts: Der Noah" (1753), die keinen geringeren
Zweck verfolgt, als Bodmer neben, ja in mancher Hinsicht über Homer
und Milton zu stellen, und die mit Bodmers Einwilligung in Zürich ge-
druckt werden wird.
Wieland hatte schon in Tübingen einen sehr sicheren Geschmack, das
bemerkt man allenthalben, z. B. an seiner fast unbegrenzten Ehrfurcht
vorKlopstock und an seinengeringschätzigenUrteilen ÜberdieZöglinge
des Faberkreises, sowie über den Fabeldichter Meyer von Knonau. 9 7
Bodmer, so groß er als Kritiker war, überragte mit seiner hölzernen
Poesie die von Wieland verachteten Dichterlinge keineswegs. Schon
damals haben einsichtige Beurteiler erkannt, daß er seine kritische
Autorität, die nach dem vorläufigen Sieg über Gottsched sehr groß war,
zur Erlangung von Dichterlorbeeren mißbrauchte. Wenn man den Wie-
land von 1752 kennt, kann man mit Sicherheit sagen, daß er bei unbe-
fangener Lektüre von diesem "Noah" abgestoßen werden mußte, ja er
sagt es in einem Briefe an Bodmer eigentlich selbst: "Der Noah gehört
unter die seltenen Schriften welche desto besser gefallen je öfter man
sie liest. Beym ersten Durchlesen fandeich hier und da Zweifel ja gar
Fehler, die bei dem zweyten ganz verschwanden. Ja ich will Ihnen ge-
stehen, daß ich mich über das 5· Buch gar geärgert. Erst da ich mit
ruhigerm Gemüth das Gantze in der Verbindung aller Teile übersah
fand ich lauter Richtigkeit, Schönheit, Ordnung. Je öfter ich nun eben
dieselbe Gesänge lese desto mehr Schönes sehe ich darinn." 98 Wie-
land, das wird aus dieser gewundenen Erklärung deutlich genug,
fand sich bereit, sein natürliches Gefühl zu unterdrücken und die
"Schönheiten" des "Noah" auszuklügeln und öffentlich anzupreisen.
Schon das war eine mehr oder minder bewußte Sünde wider den
Geist, aber sie ging vielleicht noch nicht an die Substanz seines
persönlichen Dichtertums.

47
Bodmers Einladung

Bodmer forderte, wenn das Bündnis zustandekommen sollte, mehr. Die


Erfahrungen mit Klopstock, der 1750/SI in Zürich gewesen war, hatten
ihn vorsichtig gemacht. Er fürchtete, noch einmal durch den Verlust
eines berühmten Schützlings kompromittiert zu werden, und das um so
mehr, als der böse Feind, die Weltlust und Anakreontik, nach wie vor
auch im sittenstrengen Zürich zu Hause war. Junge Leute wie Salomon
Geßner unternahmen hier soeben ihre ersten keineswegs geistlichen
Flüge. Bodmer wollte, daß sein junger Freund dem verliebten Dichten
und Trachten gründlich entsage.
Dem Tübinger Dichter lag eine Dichtung wie Geßners "Nacht" ganz
fern. Wir wissen, daß es ihm um die Harmonie von geistiger und sinn-
licher Liebe ging, und mit einem feinen Geftihl für das, worin er mit dem
Dichter des "Messias" übereinstimmte, worin überhaupt die von Klop-
stock ausgegangene Geistesbewegung unwiderruflich war, versuchte er
das den Schweizern am Beispiel von Klopstacks anonym erschiene-
ner tibullischer "Elegie" klarzumachen. Gegen dieses Gedicht war in
der Züricher Zeitschrift "Crito" eine scharfe Kritik erschienen, und
Wieland nahm sich seiner an. Wenn man das als eine "Unvorsichtig-
keit" bezeichnetes, so hält man Wieland für noch berechnender und
charakterloser, als er war; es war vielmehr ein kecker Gegenangriff, der zur
eigenen geistigen Rettung und zur Erlangung eines echten Bündnisses
geführt wurde. Es ist noch eine stolze unbefangene Sprache, die der vom
ersten Ruhm umglänzte Autor führt: "Ich bin ernstlich böse auf den
ca tonischen Kritikus eines Gedichts, welches ich schon oft mit Ent-
zücken gelesen habe. Welche Schönheit! Welch ein Adel der Gedanken!
Welch eine Liebe, die darin geschildert wird! Ich glaube noch immer,
daß diese Elegie von Klopstock ist ... Ich werde mich nicht eher mit
dem Herrn Crito versöhnen, bis er in einem der künftigen Stücke wegen
dieser Elegie eine Erklärung getan haben wird, mit der ich zufrieden
sein kann." Er scheut sich nicht zu behaupten, daß der Kuß, von dem
Klopstock singt, "allerdings süßer und angenehmer ist, als eine lange
Unsterblichkeit unsers Nahmens, die mit Nachtwachen und tiefsinnigen
Arbeiten erkauft wird. " 100 Dies Bekenntnis zum neuen Lebensgefühl
war mehr, als Bodmer in seinen schlimmsten Befürchtungen erwartet
hatte. Tief enttäuscht schrieb er seinem eifrigsten Anhänger, dem Pfar-
rer Heß: "Ach! Wieland ist ein Verlorener wie Klopstock!" 101

24
ERSTE SEITE DER HANDSCHRIFT "DER FRÜHLING" (17 52)
Bodmers Einladung

Von den neuen Besprechungen im Züricher Hauptquartier, von den


Erkundigungen über Wieland und den neuen Erziehungsmaßnahmen
soll nicht die Rede sein. Genug, Wieland war seiner Persönlichkeit und
ganzen Lage nach zu schwach, um auf die Dauer Widerstand leisten zu
können. Zu dringend ist sein Wunsch, von Tübingen "erlöst zu sein" .1 os
Die letzte Krise erzeugte das Erscheinen des "Anti-Ovid". Bodmer be-
merkte ganz richtig: "Wieland ist in seiner Kunst zu lieben viel mehr
ein halber Ovid als ein Anti-Ovid, vielleicht will er sich auf den Küssen
dafür erholen, daß er nicht trinket", und drohend fügte er hinzu: "Wenn
er meine Remonstrationen, so roh sie sein mögen, nicht ertragen kann,
so wünsche ich ihn nicht in Zürich." 103 Indes scheint die nach Tübingen
entsandte Gesandschaft der drei Z üricher Heß, Hirzel und Sulzer günstig
über den jungen Schwaben berichtet haben- er war ja in seinem
persönlichen Lebensstil viel spiritualistischer, pietistischer als in der
Idealwelt seiner Dichtung-, und so erfolgte bald danach Bodmers Ein-
ladung nach Zürich. In seinem Dankbrief vom 8. Juni 1 752 10' macht
der junge Dichter einen zaghaften Versuch, seinem Gönner von dem
Wesen seines seelischen Zustandes einen Begriff zu geben. Seiner Liebe
verdankt er die glücklichsten Veränderungen seines Innern, sie ist die
"außerordentlichste Begebenheit" seines Lebens. Wie sollte er nicht
über sie entzückt sein! Und unüberhörbar ist für uns das Dringende
in der bescheidenen Bitte: "Ich weiß nicht, ob ich mich irre, wenn ich
glaube, daß man gewissen Geistern ihre Idiotismos lassen müsse." Aber
in der konkreten Sache, um die es geht, weicht Wieland vollständig
zurück: er gibt seine "lyrischen Tändeleyen" völlig preis, er versichert,
daß es ihn "sehr reut, sie gedruckt zu sehen", er wiederholt dies eifrig,
wobei er sich auch von Klopstocks Liebeslyrik distanziert, und ängstlich
fügt er noch ein Postskriptum an: "Ich kann gleichfalls den Tabak nicht
leiden, so wenig als große Gesellschaften oder Gastmahle. Ich hoffe aber,
daß dieses die kleinste Ähnlichkeit sey, die ich mit Ihnen habe." Wie-
lands Mimikry-Periode beginnt.
Man kann Wielands Selbstpreisgabe, die nicht nur in den folgenden
Jahren, sondern, als Ursache eines tiefen Ressentiments, noch viel nach-
haltiger seine menschliche und dichterische Entwicklung störte, nur be-
urteilen, wenn man sie nicht verzeiht. Gleichwohl kann man sie besser
verstehen, als im allgemeinen geschieht. Man wird kaum berechtigt sein,

so
Die Berufsfrage

Wielands Verhalten einfach aus Ehrgeiz zu erklären. Für Bodmer mag


das Bündnis mit einem zweiten Klopstock eine Sache des Ehrgeizes ge-
wesen sein; er konnte ebensogut ohne den schwäbischen Dichter
leben, forschen und dichten. Dem schwachen Partner aber schien es die
Lebensfrage seines Dichterturns zu sein. Man vergegenwärtige sich seine
Lage. Er war von der deutschen Kritik als Dichter anerkannt worden,
aber in seiner Vaterstadt, von der sein Schicksal zunächst abhing, gab
man auf diesen Titel nichts: "Meine Landsleute sind von der Art, daß
meine bisherigen Schriften mich, anstatt zu empfehlen, um allen Kredit
bringen. Einen Poeten hält man da für einen Zeitverderber und un-
nützenMenschen." Ausdrücklich betont er, daß Sophie, die Muse seiner
Dichtung, "keine Biberacherin" ist. Es fallt das Wort "Barbaren" 105 Er
ist in Biberach ein verbummelter Student, nichts weiter. Sein Vater
will ihn nach Göttingen schicken, damit er sich dort als magister legens
betätigen und später Professor werden kann. Das ist weiser gedacht,
als es zunächst scheint; denn Göttingen ist die nach englischem Muster
eingerichtete, neuesteund fortschrittlichste Universität des damaligen
Deutschland. Wennirgendwo so mußte der vorwärtsdrängende junge
Geist hier Kontakt mit dem akademischen Leben gewinnen. Der Plan
hat nur einen Fehler, aber den entscheidenden: er rechnet nicht mit
Wielands Dichtertum. Die Tübinger Zeit hat ihm gezeigt, daß er eine
wissenschaftlich-akademische Tätigkeit und das Dichten nicht mitein-
ander vereinigen kann. Er hat Grauen vor der Laufbahn eines Univer-
sitätslehrers, vor der Pflicht, "einer Menge ungezogener und wilder
Jünglinge Sachen vorzusagen, die sie zum Teil nicht verstehen, zum
Teil nicht hören, oder doch nur hören, um sie sogleich wieder zu ver-
gessen".108 Ein akademischer Lehrauftrag umfaßte damals 20 bis 30
Stunden, und der schwachorganisierte Jüngling fühlt, sicher mit Recht,
nicht die Kraft in sich, einen solchen Beruf zu erfüllen, ohne sein Dich-
terturn preiszugeben. Dazu aber ist er nicht mehr bereit! Lieber will er
sein bürgerliches Ziel niedriger stecken. Der Plan des Vaters ist zu ehr-
geizig für seine wahre Berufung, er würde sein Eigentlichstes gefährden.
Bodmer muß es besser verstehen. Nur er kann ihm helfen. Nicht Ehr-
geiz, sondern Entsagung spricht aus den Briefen an ihn, so wenn er etwa
schreibt: "Meine ernsthaftesten Absichten erstrecken sich nicht weiter
als auf ein Professorat an einem Gymnasio, und womöglich auf Um-

Sengle, Wieland 4* SI
Bodmers Einladung

stände, die mir noch einige Freyheit lassen." 107 Ein andermal will er
Tutor an dem nach englischem Vorbild eingerichteten Carolinum in
Braunschweig oder Hofmeister werden. Jedenfalls ist es immer eine
Tätigkeit, in der er "noch einige Freibei t" zu dichterischen Ar-
beiten erwarten darf. Nur einer angesehenen Persönlichkeit wie Bod-
mer kann es gelingen, den Vater von seinen Plänen abzubringen und
ihm des Sohnes literarische Absichten schmackhaft zu machen. So wirbt
er um Bodmer, immer dringender, immer abhängiger, ohne noch zu
ahnen, daß ein Dichter, auch im Mittelpunkte des literarischen Lebens
und bei der größten Muße zum Schreiben, innerlich unfruchtbar werden
muß, wenn er sich selbst untreu wird.
Die Entscheidung zum Dichterberuf gefährdete mit seiner bürgerlichen
Laufbahn auch die Erfüllung seiner Liebe zu Sophie. Im Juni 1752
kehrte er nach Biberach zurück, um, wie er dachte, im September nach
Zürich weiterzureisen. Wie oft mag er von diesen Sommermonaten, die
er endlich wieder mit der Geliebten zu verbringen gedachte, geträumt
haben. Hatte er nicht seine Versprechungen vom Lindeie mehr als er-
füllt? War er nicht ein anerkannter und fast berühmter Dichter ge-
worden? Aber Sophie kam nicht. Dr. von Gutermann mißtraute so gut
wie die Biberacher dem verunglückten Juristen; er zielte auf eine soli-
dere Versorgung seiner Tochter. Schon im Juli fühlt der Dichter, was das
Ausbleiben Sophies letztlich bedeutet, und schon jetzt zur Entsagung
gestimmt schreibt er seinem Brieffreunde Schinz: "Was meine Sophie
betrifft, so sind wir vielleicht durch außerordentliche Fügung bestimmt,
in dieser Welt getrennt zu seyn und zu leiden."l 08 Aber er möchte sie
einmal noch sehen, wenigstens ganz kurz, damit ihr Bild nicht ganz in
ihm verblaßt. Immer wieder bittet er um ihr Kommen, immer wieder
verschiebt er seine Abreise; und als sie schließlich am r 1. Oktober an-
kommt, da darf er sich nur noch wenige Tage des Wiedersehens freuen.
Schon unter dem Datum des r6. gibt er Nachricht von seiner Ankunft
an der Schweizer Grenze.

52
II. SCHWEIZER WIRRNISSE

I. In Bodmers Haus

In den letztenMonatenseines Aufenthalts in Zürich gibt Wieland seinem


Freunde Zimmermann Rechenschaft über sein bisheriges Leben. Er hat
sich innerlich schon ganz von Bodmer gelöst. Trotzdem stellt er zurück-
blickend seine Aufnahme in den Züricher Freundeskreis neben das große
Erlebnis mit Sophie als eine "neue Glückseligkeit", wie er sie nie zuvor
erfahren. 1 Wenn wir also Wielands Eintritt in Bodmers Haus undMacht-
hereich als Irrweg betrachten, so ist das nicht so zu verstehen, als ob er
von vornherein unter der äußeren und inneren Abhängigkeit von Bod-
mer gelitten hätte. Seine kontemplative Natur beherrschte ihn so un-
bedingt, daß ihm neben dem Glück, an den Quellen des Geistes zu
sitzen, jedes Opfer geringfügig erschien! Die Erfahrungen seines kurzen
Lebens hatten ihm schon gezeigt, daß er für eine alltäglich-bürgerliche
Beschäftigung wenig tauglich war, und er betrachtete das unjugendlich
strenge Leben, das ihm bei Bodmer bevorstand, als seiner Berufung ge-
mäß und von der Vorsehung bestimmt. Er versichert dem Gönner von
Biberach aus, er lebe nur mit seinen Eltern und Büchern zusammen und
werde auch in Zürich kein anderes Vergnügen kennen als den vertrauten
und lehrreichen Umgang mit Bodmerund seinen Freunden. Wie weit
seine mönchische Selbstverleugnung geht, zeigt das Versprechen: "Ich
werde bemüht sein, die Gegenwart meines Körpers so wenig als möglich
ist, merklich zu machen."•
Klopstock fragte, noch ehe er in Zürich war, nach den Mädchen, und als
er in dem Hause Bodmers wohnte, hat ihn die Aussicht auf die Straßen
der Stadt noch mehr interessiert als der Ausblick auf die erhabenen
Berge. Er hat neue Anzüge mitgebracht "und ein rotes Sommerkleid".
Er hat in der Gegenwart seines herben Gastgebers "geraucht, geschwie-
gen, an einen Ort hingesehen"; und erst in der Gesellschaft der welt-
lichen jungen Züricher wurde er gelöst und glücklich. Dann kam ihm
auch der poetische Geist, während er die besten Tagesstunden oft genug

53
In Bodmers Haus

müßig blieb. 8 Da war der 1gjährige Wieland ein besserer Zögling! Er


studierte, wie er selbst bezeugt, "Tag und Nacht". 4 Ihm war es eine
Freude, die kurzenArbeitspausen mit Bodmer, Breitinger, Heß, Blaarer
und anderen Respektspersonen zu verbringen. Er wurde nicht müde,
den Gönner zu preisen. Wenn er es allzu parteiisch tut, gibt ihm Bod-
mer, wie wir aus einem Fall wissen, ein Werk anonym zur Beurteilung.
Wieland, den Ton des Meisters sogleich erkennend, spielt schmiegsam
das eitle Spiel mit und sagt, was man von ihm hören will. Während der
ganzen eineinhalb Jahre, die er in Bodmers Haus zubringt, hält er sich
von den jungen Männern und allen Frauen der Stadt fern. Klopstock
wurde, wie Ewald von Kleist bezeugt, in Zürich geliebt. Über Wieland
spottet man. "Sie sagen", so schreibt Bodmer selbst seinem Freunde
Zellweger, "er sei ein alter Jüngling, den Bodmer bilden könne, wie er
wolle. Er lasse sich von diesem in einen Sack schieben. "5 Der Schweizer
Sinn für das Ungezwungene und Echte empört sich sogar im Umkreise
Bodmers gegen einen solchen Jüngling. Der Diakonus Waser verfaßt
für seine Freunde eine Satire über Wielands erste Züricher Dichtung,
d r berühmte Stadtarzt Dr. Hirzel "lachet dazwischen wie ein Breti-
gauer"e, und der Id ylliker Salomon Ge.(3ner, welcher im Privatleben eine
höchst witzige und gefürchtete Sprache führte, wird miteingestimmt
haben, denn er schreibt: "Wieland sitzt bei Bodmern bei einem Schreibe
Pult, sitzt da mit stolzer Zufriedenheit und überdenkt seine Hoheit
und Tugend, sitzt da und wartet auf Anbetterund Bewunderer, sie mit
gnedig segnendem Blick anzulecheln, aber es kommt kein Anbetter ...
Wieland ist ein Mensch, der in seinem ganzen Leben nichts als ein Din-
tenfaß und eine Wand voll Bücher gesehen." 7 Noch bedenklicher ist das
absprechende Urteil eines milden und reifen Menschen wie Ewald von
Kleist, der kurz nach Wielands Ankunft als Werbeoffizier in der Schweiz
weilte und ihn bei Bodmer sah. Er sei, so meint er, "ein Pinsel, der die
Welt reformieren will und noch keinen Bart hat", er schmeichle Bod-
mer "auf die niederträchtigste Art" 8 , er sei erstaunlich begabt, aber
arbeite zuviel und werde "sich ahnfehlbar bald erschöpfen oder sich
ungesund studieren; denn er denkt an gar kein relachement." 9 Erst nach
Jahren lernt Wieland aus Shaftesbury, was der geniale Kavalier ohne
Bücher weiß und was ihn Bodmer nicht lehren konnte: das Geheim-
nis eines schöpferischen Lebens.

54
Lebensweise

Es ist kein Zweifel, unser Dichter ist dem Menschenbild, wie es Horaz
und Hagedorn, aber auch Sophie Gutermann vor ihm aufgestellt haben,
ferner als je. Schon in Biberach hatten ihn die Leute, die ihn nicht näher
kannten, für einen scheuen Pedanten oder gar Menschenverächter ge-
haltenlo; und anstatt nun in Weitläufigeren Verhältnissen zum Mann
gebildet zu werden, wird er in Zürich von neuem isoliert, auf den Sockel
gestellt und mit einem Heiligenschein gekrönt. Wielands Devotion und
Produktivität erreichten die kühnsten Erwartungen des Hausherrn. Er
wird Klopstock übertreffen, denn er ist feurig und vernünftig zugleich.
Jener war zum Verdruß seines Gönners bald der erhabene Messiasdich-
ter, bald ein unreifer Jüngling; er ließ sich nicht zu der idealen Dichter-
gestalt modellieren, von der Bodmers Hirn hartnäckig träumt. Dagegen
glaubt der ehrgeizige Kritiker.in Wieland endlich das geeignete Objekt
zur Erzeugung des deutschen Homer und Milton gefunden zu haben.
Er setzt ihn ins Glashaus und beoachtet, wie der Briefwechsel mit Zell-
weger zeigt, vergnügt den guten Beginn des Experiments. Er ahnt nicht,
daß nichts als ein Homunculus-Dichter dabei herauskommen kann.
Die Opfer, welche Bodmer für Wieland gebracht hat, sind ungewöhnlich
und erklären die Größe seiner späteren Gekränktheit. Die beiden Briefe,
welche Wielands Vater an den berühmten Züricher geschrieben hat, als
sein Sohn dessen Haus betrat und verließ, geben uns das Gefühl, daß
der Gönner geradezu Vaterstelle an dem jungen Dichter vertrat. Bod-
mer war damals 54 Jahre und hatte sich, um seinen literarischen Ar-
beiten leben zu können, von den ehrenvollen Ämtern, mit denen ihn
Zürich bedachte, zurückgezogen; und diese teure Unabhängigkeit teilte
er nun mit Wieland. Er arbeitete mit seinem geistigen Sohne im gleichen
Zimmer, am gleichen Tisch und aß mit ihm aus einer SchüsseLn Das
patriarchalisch-idyllische Dasein, das er in seinen biblischen Epen so
gern darstellte, hat er in seiner Weise wirklich gelebt. Die äußerste Be-
scheidenheit seiner eigenen Lebensführung erlaubte es ihm, ein groß-
zügiger Gönner zu sein. Sogar mit Geld hat er Wieland unterstützt;
denn dieser wollte seinem ohnehin enttäuschten Vater nicht beschwer-
lich fallen. Die literarischen Einnahmen waren in jener Zeit auch bei
berühmten deutschen Schriftstellern gering, und Wieland verhielt sich
in seiner Unerfahrenheit vorläufig gegenüber den Verlegern mehr als
bescheiden. Bodmer nahm ihm alle Sorgen ab. Er scheint ihn niemals

55
In Bodmers Haus

gedrängt zu haben, sich auf eigene Füße zu stellen. Schon solche Groß-
zügigkeit muß dem schwäbischen Pfarrersohn wie ein Märchen er-
schienen sein.
Und dann die schöne Stadt mit dem See und den Bergen, Bodmers
freundliches, hochgelegenes Haus mit der Aus sich t auf all diese Herrlich-
keit und, was das Wichtigste war, mit dem Überblick über weite Teile
des geistigen Europa. Man denke, wie reich und beseligt er sich fühlte!
Allein dieses Glück war teuer erkauft. In einem Augenblick, da er die
ersten eigenen Schritte hätte tun müssen, geriet er unter die Obhut
eines zweiten Vaters, der menschlich und geistig zwar umfassender, aber
nicht weniger autoritativ als der erste war.
Den inneren Bildungseinfluß Bodmers auf Wieland hat man im allge-
meinen überschätzt. So weiß man z. B. aus einem Brief Hagedorns an
Bodmer, daß auch derZüricher Shaftesbury lobte, und man hat daraus
ein großes Wesen gemacht, obwohl er sich nach 1749 nicht mehr über
ihn äußerte. 11 Für Bodmer war Shaftesbury, wie Shakespeare und Ariost,
nur einer der unzähligen literarischen Gegenstände, die er mit kritisch-
gelehrter Neugier betastete und wieder aus der Hand legte. Gewiß, Wie-
land fand hier Gelegenheit, seine künftigen Lieblingsautoren kennenzu-
lernen; er rühmt sich, die ganze Bibliothek Bodmers gelesen zu haben, 13
was etwas heißen will. Entscheidend aber ist die Wahl, die e,· später,
zu sich selbst erwachend, unter Bodmers verwirrend reichen Bücher-
schätzen vornahm. Vorläufig mußten Bodmers Lieblingsautoren auch
die seinigen sein, und die waren nicht Shaftesbury, sondern Young, nicht
Lucian und Ariost, sondern Homer und Milton. Was Bodmer von Wie-
land erwartete, war weniger freundschaftliche Anregung als tätiger Ge-
horsam. Auch der Schweizer hat etwas vom tyrannischen Vater der
Zeit; überhaupt ist Zürich von Toleranz weit entfernt: die Zensur und
Kritik an Geßners ersten Werken beweist das zur Genüge. Die Ver-
dammung der literarischen Feinde ist bei Bodmer ebenso maßlos wie
bei Gottsched. Wer die Wahrheit besitzt- und wer besitzt sie nicht?
- hat die Pflicht, den Heuchler oder Dummkopf schonungslos zu
treffen. In sdner besten Zeit, in den 4oer Jahren, hatte der große Kriti-
ker manches Zugeständnis gemacht. Er war nicht nur mit den Mit-
arbeitern der Bremer Beiträge, sondern auch mit Hagedorn, ja sogar
mit dem üppigen Rost in Verbindung getreten, aber doch mehr aus

24
Literarische Anpassung

taktischen Gründen: um Gottsched zu isolieren. Jetzt nach seinem ver-


meintlichen Siege und gar bei seinem eigenen Schützling duldete er
keinen Widerspruch, und darin begründet sich die Unfruchtbarkeit des
Verhältnisses zutiefst. In einer Gesellschaft zu Weimar fiel einmal das
Wort von "Bodmers diktatorischem Stolze". Herderhatte es gesprochen.
Wieland stimmt ein und fügt hinzu, daß er sich in seiner späteren
ZüricherZeit "bloß darum" fast ganz von Bodmer trennte. Er gibt ein
Beispiel. Bodmer und Breitinger legten ihm einmal eine Ode vor, die
angeblich von Gottsched war. Wieland las sie und erkannte sogleich,
daß sie über Gottscheds lyrischem Niveau liege und nicht von ihm sein
könne. Sie war denn auch von Ramler. Aber Bodmer entschied, daß er
genau der gleiche "schwülstige Narr" sei, und Wieland ging ärgerlich aus
dem Haus. 11 Zu solchen Szenen kam es nicht, solange der Jüngere von
Bodmer abhängig war. Er zeigte nicht nur persönliche, sondern auch
,,poetische Gefügigkeit" 15 , was ein Widerspruch in sich selbst war.
Heute schwer nachzuerleben, aber aus der älteren normativen Ästhetik
verständlich ist das dogmatische Fixieren von bestimmten Stoffen, Gat-
tungen und Versmaßen für alle Dichtung, die ernst genommen werden
will. Besonders töricht erscheint heute der Streit zwischen den An-
hängern der gereimten und der reimlosen Poesie, welcher Jahrzehnte
mit seinem Lärm erfüllte. Bekanntlich war Bodmer mit Leib und Seele
"Hexametrist". Der Tübinger Wieland hatte auch in dieser Frage eine
mittlere Linie eingeschlagen. Der "Hermann" und die andern Versuche
mit dem Hexameter hatten ihn nicht gehindert, dem Reim treu zu
bleiben. Er gesteht dem Schweizer Literatur-Reformator, daß für ihn,
trotz des "Messias", der Reim seine eigenen musikalischen Reize be-
hält: "Ich kann nicht läugnen, daß mir die gewöhnliche Versification
der Abendländer, und sonderlich die unsrige, sehr wohl gefällt." 16 Ein
spontanes, ursprünglichesUrteil des späteren Reimkünstlers! Der Blank-
vers der "Erzählungen" darf als Mittelweg zwischen der von Bodmer
verabscheuten Reimdichtung und der Hexameterdichtung, in welcher
sich der bewegliche Wieland nicht wohl fühlte, gedeutet werden. Aber
Bodmer macht keine langen Umstände: "Er muß dann Hexameter und
keine Jamben schreiben ... die Hendekasyllaben schicken sich nur für
scherzhafte Sujets"Y Und so wird Wieland im Sommer 1752 gehorsam
Hexametrist.

57
In Bodmers Haus

Eine zweite Leidenschaft Bodmers war der geistliche Stoff. Sein Ver-
hältnis zum Christentum ist ziemlich kompliziert; es hat nicht an Kon-
flikten mit den Theologen gefehlt. Schon sein späterer Übergang vom
biblischen zum historischen Stoff deutet, wie bei Klopstock, an, daß sein
Verhältnis zur Religion nicht mehr naiv gewesen zu sein scheint. Es war
schon "romantisch", insofern wir unter diesem Begriff den sentimen-
talischen, ästhetisch-theoretischen Rückgriff auflnhalte der Vergangen-
heit verstehen dürfen. Eben darum aber erhielt das Geistliche einen
neuen Reiz als Gegenstand der Dichtung. Auch Wieland genoß diesen
sublimen Reiz mit der ganzen Intensität seiner Jugend und seines leicht
entzündlichen Künstlerbluts. Man muß sich vor Augen halten, daß in
jenen Jahren unter dem Einfluß englischer Schriftsteller in allen prote-
stantischen Ländern eine ethisch-religiöse Gefühlskultur mächtig wurde.
Sogar Lessing hat damals ein Drama geschrieben, in dem wir den kühlen
Autor von vorher und nachher kaum wieder er kennen ("Miß Sara Samp-
son" 1755). Man kann also wohl verstehen, daß Wieland nach seinen
ersten Enttäuschungen an der Welt sich von dieser Woge einer proble-
matischen Christlichkeit mitreißen ließ und lange nicht glauben konnte,
daß sie ihn aufunfruchtbaren Sand geworfen hatte.
Wir wollen nicht lange bei den mit Recht verschollenen Werken der
beiden Hexameterjahre Wielands (Mitte 1752 bis Mitte 1754) verweilen.
Schon in dem leid vollen Biberacher Sommer zwischen Tübingen und
Zürich begann er die lyrisch-didaktischen "Briefe von Vers torbe-
nen an hinterlassene Freunde" (1753). Das Neue dieser Dichtung
mag ein Vergleich des ersten dieser Briefe mit der letzten der "Erzäh-
lungen", an die er thematisch anschließt, vergegenwärtigen. In beiden
Fällen werden einem Blinden die Augen geöffnet, so daß er entzückt eine
neue Welt schaut. Ist es aber in der Erzählung die Geliebte, welche den
Freund mit Hilfe des Schutzengels zu einem schöneren Leben in dieser
irdischen Welt führt, so beschützt ihn in dem Brief umgekehrt der
Schutzengel vor den "schönen Gefahren", welche das Augenlicht für den
sündigen Menschen mit sich bringt. Noch wird grundsätzlich festge-
halten, daß "auch die Tugend schön" ist, stärker aber wird jetzt der
Gedanke, daß das Laster sich schön verkleidet, um den Menschen zu
verfuhren. Es ist besser, wenn ihm die Augen erst im Himmel geöffnet
werden. Die Dichtung schwebt, wie Klopstacks "Messias", in einem

58
.Briefe von Gestorbenen"

weiten kosmischen Himmel von Sonnen, Nebeln, Seraphim und Cheru-


bim. Die Distanz zwischen Briefschreiber und Briefempfanger sichert
diesen Briefen, im Gegensatz zu dem früheren horazischen Ideal, er-
habene Rührung und himmlische Lehre. Entzückte Monologe und Dia-
loge bestimmen noch deutlicher als in den "Erzählungen" die innere
Form der Dichtung. Das Erzählerische wird knapp gehalten und ist nur
der Rahmen für jene Formen unmittelbarer Gefühlsdarstellung. Die
seelische Erregtheit als solche ist der eigentliche Gegenstand.
Bekannt ist die Säkularisation des Geistlichen im 18. Jahrhundert. In
unserm Fall aber zeigt sich der rückläufige Prozeß, der schon im Barock
gelegentlich anzutreffen und noch zu wenig untersucht ist: die manie-
rierte Vergeistlichung einer schon ganz weltlichen Emp-
findsamkeit. Dem künstlichen Charakter von Wielands Frömmigkeit
entspricht die große literarische Abhängigkeit des Werks. Lessing hat
sogleich gesehen, wieviel der Bodmerianer Elisabeth Rowes "Friendship
in Death" verdankt. 18 Auch Bodmers Freunde sind von Geist und Ton
des Werks wenig erbaut. J. G. Sulzer, der Schweizer Außenposten in
Berlin, findet "eine kalte, wenigstens mich nicht rührende Phantasie"
am Werke,n und das Urteil des Theologen ist nicht weniger ablehnend
als das des Ästhetikers: Wasers "Briefwechsel zweierLandpfarrerüber
Wielands Briefe der Verstorbenen" 20 betrachtet schon die Idee, fingierte
Briefe aus dem Himmel zu veröffentlichen, als eine unchristliche Ko-
mödie. Der Autor ist "ein überstiegner hochmütiger Tropf" und hat
"vielleicht noch gar heimlich die böse Absicht, uns Geistliche zu be-
schimpfen und unsere alte Lehrart zu tadeln, gleichsam als wollt er
sagen: Sehet da die blinden Führer, so müsset ihr lehren, wie ich, wenn
ihr etwas ausrichten wollet. Das alte Zeug verleidet den Leuten; müsset
die Poeten reden lassen, usf.". Der modische Frömmler, diesen Vor-
wurf erhebt der Geistliche, schämt sich der alten geraden Wahrheit des
Christentums. Wieland hat später von Klopstock behauptet, daß er es
weder den Weltkindern noch den Frommen recht gemacht habe. Wie es
auch damit sei- seine eigene religiöse Dichtung hatte mit Recht dieses
Schicksal, und ich erwähne diese Zeitstimmen nur, weil sie beweisen,
daß man, auch ohne das Urteil der Geschichte abzuwarten, die Zwitter-
haftigkeit dieser religiösen Poesie oder poetischen Religion und damit
den Irrweg des Seraphikers erkennen konnte.

59
In Bodmers Haus

Aber Bodmer wollte nicht sehen. Der Dichter war eben jung und über-
schwänglich; er brauchte eine konkrete biblische Aufgabe, um etwas
Gutes zu leisten. Er wies ihm den Stoff von Isaaks Opferung zu und
machte sogar den Plan für das kleine Epos zurecht. Es war, im Rahmen
seiner Voraussetzungen, recht klug und pädagogisch gedacht. Wieland
konnte hier sein Erzählertalent zeigen und sich im Hexameter weiter-
üben, ehe er zu dem entscheidenden großen Epos schritt. So trat im
Frühling und Sommer des ersten Züricher Jahres zu Bodmers zahl-
reichen "Patriarchaden" auch eine von Wieland: "Der gepryfte
Abraham" (1753). Die Dichtung zeigt mehr Umriß und Gegenständ-
lichkeit als die "Briefe von Verstorbenen". Wielands munteres Tempe-
rament beginnt sich wieder bemerkbar zu machen. An manchen Steilen,
besonders an den märchenhaften und idyllischen, welche der Dichter
in zweiter Fassung weggestrichen hat, schaut hinter dem düsteren Vor-
wurfschon ganz deutlich die behagliche Fabulierlust des echten Wieland
hervor. Aber die vielen "Schönheiten", die man der Dichtung stets zu-
erkannte, können die Unwahrheit in den Grundlagen ihrer Entstehung
nicht wettmachen. Äußerlich repräsentierte diese Patriarchade fortan
in allen Kritiken neben dem "Messias" und dem "Noah" die seraphische
oder "heilige Poesie" der Schweizer Literaturrichtung.
Das von Bodmer ersehnte große Epos hat Wieland mit sicherem Takt
nicht geschrieben. Immer wieder drängte der Alte seinen Zögling, wenig-
stens den "Hermann" zu vollenden, um damit das erbärmliche Armi-
nius-Epos des Freiherrn und Gottschedianers von Schönaich aus dem
Felde zu schlagen. Wieder verfertigte Bodmereinen "Grundriß". Man
sieht auch hier: es kam ihm im Grunde mehr auf eine ferne ehrwürdige
Vergangenheit als auf einen geistlichen Gegenstand an. Aber Wieland
wich der Zumutung hartnäckig aus, wahrscheinlich mit Berufung auf
das Wilde und Unheilige des Stoffes. Derartige Einwände hatte er bereits
in Tübingen gegen die Vollendung des Epos geltend gemacht. Überdies
ist seine epische Begeisterung Ende 1753 schon wieder gänzlich ver-
flogen. Er kultiviert jetzt die Hexameterlyrik, die ihn weniger er-
müdet. Man findet eine Hymne auf die Sonne, eingerahmt von zwei
Hymnen auf Gott, ein "Gesicht von dem Weltgerichte", endlich "Cidli"
und "Die sterbende Rahel", zwei rührende Situationen, denen wir als
biblisch verkleideten Erlebnisgedichten wiederbegegnen werden. In

6o
.Der gepryfte Abraham". Rätsel

den beiden "pindarischen" Festoden auf die Geburt des Erlösers und
auf die Auferstehung Jesu nähert sich der Dichter unwillkürlich der
Prosa und diese erringt, als er Bodmers Haus verlassen hat, mit er-
staunlicher Schnelligkeit und Konsequenz einen vollständigen Sieg
über den Hexameter: die Hexameterpoesie verschwindet wie ein Spuk
-und wie die Begeisterung für Bodmer.
Die Ernüchterung muß für den Zwanzigjährigen tief beunruhigend ge-
wesen sein. Schon in einem Tübinger Briefe hatte er sich ein "Rätsel"
genannt. Dies Wort tritt jetzt in den Titel eines seiner letzten Hexa-
metergedichte, welches freilich bezeichnenderweise nicht veröffentlicht
worden ist. Der Mensch ist ein "Wundertier", ein "Rätsel", wie "das
Camaeleon", das die Farben immerfort wechselt: er ist "immer das
Wiederspiel von sich selber". Es ist das erste bittere Wissen um die
Irrationalität und Geschichtlichkeit des Menschen und seiner selbst,
die erste mit vollem Bewußtsein durchlebte und durch.littene Ent-
zauberung.

Bodmer war von Hause aus nicht Dichter sondern Kritiker, er hat den
Federkrieg stets geliebt und mit großer Umsicht geführt. Natürlich er-
wartete er von seinem Gast auch auf diesem Gebiete Unterstützung.
Wieland hat sich zu allen Zeiten seines Lebens als Journalist bewährt.
Er liebte es, in behaglicher Gedankenführung irgendein Problem zu um-
kreisen und durch Abwehrung der populären Irrtümer ein ungefähres
Urteil darüber zu gewinnen und andern plausibel zu machen. Aber es
war nie seine Sache, prägnante Definitionen zu geben und scharfe Tren-
nungslinien zu ziehen. Köpfen wie Lessing und Kant steht er in seinem
Okkasionalismus und Agnostizismus mißtrauisch, ja manchmal feind-
selig gegenüber. Selbst Herder, dessen Denkform der seinigen nicht so
grundsätzlich entgegengesetzt war, urteilt, in der Zeit seiner besten
Freundschaft mit Wieland, ganz schonungslos über diese Schwäche:
"Der gute Wieland schickt sich zu allem eher als zu einem Kritiker. Es
fehlt ihm hier die unerläßliche Schärfe und Präzision. Er hängt zu sehr
von augenblicklichen Eindrücken und Launen ab."2 1 So ist es schon
in seiner Jugend. Aber auch in dieser Beziehung paßt er sich an seinen
Meister an. Schon in dem Biberacher Herbst, der seiner Übersiedlung
in die Schweiz voranging, versucht er sich die Sporen als kritischer

6r
In Bodmers Haus

Parteigänger Bodmers zu verdienen,- natürlich in einem Hexameter-


gedicht: "Schreiben an Herrn xxx von der Würde und Be-
stimmung eines schönen Geistes". Der Dichter, der eben noch
den "Anti-Ovid" geschrieben hat, wendet sich hier mit äußerster
Schärfe gegen den "barbarischen Schwarm" der Reimpoeten von
Schönaich bis hinauf zu La Fontaine. An die SteHe der sinnlich-geistigen
Freude setzt er die "geistliche", an die Stelle der Weisheit die "heilige
Weisheit". Schon will er den Kampf gegen Uz eröffnen, der nicht
zur Gottsehecl-Partei gehört. Aber der Meister streicht diesen unklugen
Angriff auf die Neutralen vor der Drucklegung aus dem Manuskript.n
Es ist ein sprachlich und menschlich wenig erquickliches Kampfgedicht.
Man versteht, daß es seinen Verfasser im Kreise Hirzels und Geßners
wenig empfahl. Auch die Abhandlung über die Schönheiten des Noah,
von der schon die Rede war, gewann dem Bodmer-Schüler wenig Bewun-
derer; sie hat später als Makulatur Verwendung finden müssen. 28
Die Mißerfolge spornten ihn an, nützlicher und gefälliger zu arbeiten.
Wieland veranlaßte eine Sammlung älterer Züricher Streitschriften und
gab sie, mit einer Vorrede versehen, heraus. Er versuchte der Bodmer-
Partei neue Landschaften zu erschließen, indem er seinem alten Bundes-
genossen gegen die schwäbische "Barbarei", dem Freiherrn von Gem-
mingen, mit einer günstigen Rezension der "Briefe über das Landleben"
unter die Arme griff und die Herausgeber der "Westphälischen Be-
mühungen" wegen ihrer feigen Neutralität züchtigte. Vor allem aber
griff er zu moderneren und interessanteren Formen der Kritik, um die
Vortrefflichkeit des Dichters Bodmer zu erweisen. Die "Briefe über
die Einführung des Chemos und den Charakter Josephs
in dem Gedieh te J oseph und Zuli ka" sind das erste journalisti-
sche Meisterstück Wielands. Es geht um die bezeichnende Frage, ob
Bodmer recht daran tut, wenn er Zulika von dem bösen Dämon Chemos
zur sündigen Liebe reizen und mit den Waffen der Venus zur Verführung
Josephs ausrüsten läßt. Hat er damit nicht Joseph zu viel zugemutet
und Zulika zu einem Spiel höherer Mächte gemacht, an dem eigentlich
Gott selbst schuldig ist? Warum läßt er Zulika nicht aus eigener Ver-
antwortung schwach werden und andrerseits Joseph erst nach anfäng-
lichem Irren seine Tugend beweisen? Schon jetzt wählt Wieland die
Geschichte von Araspesund Panthea aus der Kyropädie zum Beispiel.

6r
Anfänge der Journalistik

Schon jetzt hört man mit Erstaunen die Reize tugendhafter Verfüh-
rungsszenen schildern. 2 ' Aber natürlich darf der Bodmerianer solche
Methoden "der Romandichter" nicht empfehlen: "Wenn er verliebt
sein muß, so ist er kein Joseph." Die alte Vorbild-Dichtung siegt über
die psychologische. Es wird, um den offensichtlichen Widerspruch
zwischen den Schweizer Forderungen nach dem Natürlichen und nach
dem "Wunderbaren" auszugleichen, betont, der Dämon Chemos sei
nicht "eine bloß symbolische Person", sondern "nach dem Poeten ein
wirklicher Geist, einer von den gefallenen Engeln, deren Dasein die
Offenbarung glauben lehret". Die Problematik der Schweizer Ästhetik
gewinnt durch den Radikalismus des jungen Fragers eine schlaglicht-
artige Beleuchtung. Ist das Übernatürliche ein beliebiges Kunstsymbol
oder verbindliche Wirklichkeit? Wichtig ist uns nicht die vorgeschrie-
bene Antwort, sondern die Tatsache und die Form dieses Fragens. In-
dem das Problem der "heiligen Poesie" in die Sphäre der Diskussion ge-
bracht wird, kann man auch anders antworten. Schon tendiert der
Dichter zu einer späteren Lieblingsform: zum Dialog. An die Stelle
einer langwierigen systematischen Abhandlung ist nach dem Vorbild
der Wochenschriften der fingierte Briefwechsel zweier Freunde ge-
treten, der von einem abschließenden Brief des Herausgebers gekrönt
ist. Es wird hier nicht doziert, sondern mit gewichtigen Gründen die Ein-
führung des Chemos und damit die Vortrefflichkeit der Dichtung be-
stritten, wenn auch Briefpartner und Herausgeber schließlich diese
Gründe widerlegen. Wieland hat von seinem neuen Lieblingsphilosophen
Plato dasjenige gelernt, was er auch in der Zeit seines Antiplatonismus
nicht aufhören wird zu bewundern: die Kunst, ein Problem im kon-
kreten Hin und Her der Meinungen dialektisch zu entwickeln.
Noch näher an den späteren Stil unseres Dichters heran führt das
"Schreiben eines Junkers vom Lande", welches vom gleichen
Gegenstande handelt. Schon vor seiner Züricher Zeit hat Wieland den
begabtesten Satiriker der deutschen Aufklärung, Liscow, hochgeschätzt.
In seinem Tone gibt er nun die Eindrücke eines Landjunkers beim Lesen
von "Joseph und Zulika" wieder. In köstlicher, gar nicht übertrieben
karikierter Weise werden, wie wir sagen würden, die künstlichen ba-
rocken Restbestände von Dichtung beanstandet: "Überhaupt
sehe ich nicht, wozu derChemos hier gut sein soll. Kann denn eine junge

6r
In Bodmers Haus

Frau nicht ohne eine solche Maschine in einen hübschen Kerl verliebt
sein?" Wielands faunisches Gesicht taucht hinter der Maske des sera-
phischen Schwärmers auf. Wir wissen nicht recht, ist es eine Satire
gegen den Junker oder gegen Bodmer, und der Verfasser wußte es wohl
selbst nicht. Auch hier scheint er zu dem Punkte gelangt zu sein, wo das
"Rätsel" anfing.
Es gibt noch eine dritte und wieder andersgeartete Kritik von "Joseph
und Zulika". Sehr interessant, wie hier Wieland die verschiedenen For-
men der Kritik durchspielt! Er macht sich, wie es auch später gerne
tun wird, von der Last eines geistigen Auftrags frei, indem er alle Auf-
merksamkeit auf die Darstellung konzentriert. Die verschiedenen Mög-
lichkeiten der Form werden geistreich ausgekostet. Und schon spielt
er nicht nur mit Formen, sondern auch mit Inhalten, denn wie könnte
er sonst gleichzeitig das "Gebet eines Deisten" und das "Gebet eines
Christen" verfassen? Es ist unmöglich, daß Bodmer den nach allen
Seiten beweglich und feinfühlig auslangenden Jüngling führt und hält,
zumal da er selbst für die Dynamik der Epoche nicht unempfindlich ist.
Ideen, Stoffe, Formen, die ganze mühsam festgehaltene Welt Bodmers
zerrinnt dem jungen Schwaben unter den Händen. Überall wird er auf
etwas Tieferes und Geheimnisvolleres gestoßen: auf den Menschen.
Freilich kann man von dem Zwanzigjährigen nicht erwarten, daß er
das große Rätsel in einer auch nur für ihn selbst verbindlichen Weise
lösen wird. Die 1753/54 entstandenen "Betrachtungen über den
Menschen" rubrizieren mechanisch die Menschen in fünf Stufen und
harmonisieren in konventioneller Weise die "Kultur der Seele", welche
der "Symfonie des Weltalls" entspringt, mit den Forderungen des
Christentums. Der politische Zusatz, welcher aus der Schweizer Atmo-
sphäre zu verstehen sein mag, macht den Versuch nicht reifer. Es hat
nur an unsermjungen Autor gefehlt, um der Welt zu beweisen, daß eine
"Republik von Christen" leichter zu bewerkstelligen ist als der Staat
des Lykurgus. Es sind die vagen kompromißlerischen Lösungsversuche
der modernen Problematik, in welchen sich Wieland noch einige Jahre
bewegen und die er in seinem übrigen Leben belächeln wird.

Wielands Mißvergnügen an Bodmers poetischem Laboratorium und


seine Hinwendung zum Menschen scheint durch ein Erlebnis gefördert

6r
Ende der Verlobung

worden zu sein, das allerdings geeignet war, ihn nachdenklich zu stim-


men: durch den Verlust Sophies. Der bei weitem größte Teil der
Hexameterpoesie entstand vor dem Dezember 1753, in dem ihn Sophies
Scheidebrief überraschte. Der Schlag traf ihn schwerer, als aus den
Briefzeugnissen, die durch das Ideal der Gelassenheit bestimmt sind,
zu erkennen ist. Es verrät wenig Wissen vom Geiste der Aufklärung,
wenn man aus Wielands beherrschten Antworten schließt, er habe nicht
gelitten und also Sophie niemals geliebt. Soviel allerdings ist richtig,
daß ihm die Geliebte seit der Enttäuschung des Sommers 1752 und seit-
dem er unter Bodmers Einfluß stand, fernergerückt war. Vielleicht war
sie schon an der Verzögerung ihrer Reise nach Biberach nicht ganz un-
schuldig, vielleicht begann sie im Stillen des unreifen Jünglings über-
drüssig zu werden. Andrerseits ist nicht zu übersehen, daß Wieland
selbst ein anderer geworden war. Sophie wird die asketisch-pietistische
Wendung nicht mit Freude erlebt haben, denn in dieser Entsagung lag
auch der Verzicht auf diejenige Aktivität, welche ihr Ausharren in der
merkwürdigen Brautschaft allein sinnvoll machen konnte. Sie wollte
nicht der Luxus eines Künstlerlebens werden, das nach eigenen, ihr
gänzlich fremden Gesetzen verlief. Es gibt zu denken, wenn sie in späte-
ren Jahren bemerkt, daß nur die Tübinger Dichtung Wielands ihr ge-
hörte.16 Es ist bei einer so geistigen Liebe nicht unwahrscheinlich, daß
die seltsame innere Wendung des Dichters erkältend auf sie wirkte.
Und dazu kamen äußere Widerstände, die kaum für die lebendigste
Liebe überwindbar gewesen wären. Sophie war nach Wielands Abreise
zu Bodmer in Biberach geblieben, aber vertrug sich mit der Mutter des
Dichters schlecht. Die pfarrherrlich-pietistischen und die patrizisch-
weltlichen Lebensgewohnheiten klafften allzuweit auseinander. Es war
der Mutter unbegreiflich, daß eine Braut in Abwesenheit ihres Ver-
lobten an Tänzen, Jagden und Liebhaberaufführungen teilnehmen und
sich Init einem andern Vetter amüsieren konnte. Das mußte ein lieder-
liches Frauenzimmer sein. Die Haushaltung versteht sie nicht in Ord-
nung zu halten, sie kann kein Loch im Strumpf ordnungsgemäß flicken,
sie läßt die Kleider schmutzig und fleckig werden und erzieht auch noch
das Mädchen zur Faulheit. "Wenn mein Sohn das Mensch zu seiner
Frau bekommt, so ist er sein Lebtag ein armer Mann und Märtherer, er
möchte so viel einkommen haben als er wolte, so würde sie vorher alle-

Sengle, Wieland 5 6r
In Bodmers Haus

mal mehr verliederlichen, als er ein zu nehmen hätte."2 6 Wieland, auch


der "bodmerisierte Wieland" (Gruber), verstand Sophie besser. Noch
in einer nach der Trennung geschriebenen Ode widmete er ihrer Welt-
kindschaft die schöne Strophe:

"Mitten unter der Welt wagt es ihr Helden Herz


Weis' und edel zu sein; aber der beste Teil,
Den sie lebt, ist verborgen,
Engel sehn ihn und lieben sie."

Mit dem tiefen Blick des entsagenden Dichters sah er die Schönheit und
den Sinn eines mutigen Weltlebens. Aber darum blieb für Sophie doch
die Tatsache, daß er selbst anderen Wesens und Schicksals und kein
solcher "Held" war. Schon der Verzicht auf eine Fortsetzung seiner
Juristenlaufbahn war einer Bedrohung des gemeinsamen Lebensglückes
gleichgekommen. Immerhin mochte das Mädchen hoffen, die Schweizer
Freunde werden ihm in absehbarer Zeit eine Lebensstellung verschaffen.
Man hört auch von allerlei Projekten und Angeboten. Er soll Lehrer in
Braunschweig oder an einem neu zu begründenden Erziehungsinstitut
für den brandenburgischen Adel werden.27 Gleim läßt ihn zu sich ein-
laden und verspricht ihm eine Pfarre. Aber Wieland ist sehr wählerisch.
Er behandelt die pädagogischen Projekte dilatorisch und zum Pfarr-
beruf, der nach seiner christlichen Wendung nahelag, fühlt er sich, wie
wir einer späteren Gesprächsäußerung entnehmen können, nicht ge-
eignet; er meint, "er habe das Äußerliche nicht".2 8 Kurz und gut, es ist
seine alte Scheu vor einem bürgerlichen Beruf, vor dem Kampfe in der
alltäglichen Welt. Der Braut konnte dieser Mangel an Aktivität nicht
verborgen bleiben, und es lag nahe, sie mit der ablehnenden Haltung
von Mutter Wieland in Verbindung zu bringen. Sie fühlte sich ver-
schmäht oder wenigstens nicht genug begehrt und willigte in die Ver-
lobung mit La Roche, welcher kurz darauf die Heirat folgte. Wieland
hatte nicht um die Geliebte gerungen, sondern sein Herz längst zur
Entsagung bereitet. Trotzdem traf ihn, wie auch später in ähnlichen
Fällen, der Verlust stärker, als er wahrhaben wollte. 2 v In der ersten
Antwort auf die Absage Sophies versichert er sie ganz ruhig seiner
bleibenden Freundschaft und der Freude über ihr neues Glück. Aber
schon im zweiten Briefwird der Ton persönlicher; nur schlecht verhüllt

66
Erlebnisdichtung

die Bußpredigt, die erderneuen "Freundin" hält, seinen Schmerz. Er


spricht von dem Zauberschloß seiner süßen Träume, das in der Luft zer-
floß, und bittet sie fast demütig, ihr Porträt behalten zu dürfen. so Noch
fünf Jahre später, als er längst aus der Einsiedelei Bodmers herausge-
treten ist und viele Frauen kennen und lieben gelernt hat, ist Sophie
die Königin der Frauen: "Man muß sich die Nymphen des Correge, die
Panthea des Lucian, die Arrnida des Tasso vorstellen, wenn man sich
eine Idee von ihr machen will. Das Gegenwärtige machte mich damals
so glücklich, daß ich das Zukünftige vergaß. Die lauterste und echteste
Wollust durchströmte damals mein ganzes Leben so sehr, daß ich jetzt
an jene paradiesischen Tage nur denken darf, um den Gram selbst
lächeln zu machen. Allein das Schicksal, oder das Gestirn das bei meiner
Geburt präsidierte, wirkte nirgends stärker wider mich, als bei diesem
Anlaß." 81 Wieland hat nie wieder jemand so enthusiastisch geliebt wie
Sophie Gutermann und er ist seinem Gelöbnis "ewiger Verbundenheit"
mit der Jugendgeliebten bis zu ihrem Tod treu geblieben.
Schon seit seiner Ankunft in der Schweiz nennt der Dichter seine Ge-
liebte "Serena". Auch in diesem Namen drückt sich die frühe Bereit-
schaft zur Entsagung aus, denn Serena ist in den "Erzählungen" die
Frau eines reichen Wollüstlings, die in der unerfüllbaren Liebe zu einem
edlen Freunde sich verzehrt und dahinstirbt. Die Klage um Serena gibt
einigen Gedichten der seraphischen Periode Erlebnisechtheit und Ge-
wicht. Schon in der "Ode an Serena", die vor der Trennung entstand,
vergegenwärtigt der Dichter das Bild seiner "sterbenden Freundin",
welche ihm freilich am Ende wiedergeschenkt wird. Dagegen ist das
nach der Trennung entstandene Hexametergedicht "Die sterbende
Rahel" in biblischer Verkleidung ein ergreifender Ausdruck von Wie-
lands Schmerz um die für immer verlorene Geliebte. Es ist keine kunst-
voll gefertigte epische Patriarchade, sondern nichts als das Abschieds-
gespräch zwischel!- Jakob und Rahel, die leidenschaftliche Klage des
Vereinsamten und sein Schreien zu Gott. Eine hellere Variation des
gleichen Themas gibt die kleine Hexameterdichtung "Cidli". Lazarus
klagt umCidli, die vom Tode erweckt aber von ihrer Mutter dem Herrn
geweiht und ihm also zum zweitenmal entrissen wurde. Er ringt sich
zum Gehorsam gegen den höheren Willen Gottes durch und freut sich
der neuen reineren Liebe, die ihn von nun \an mit Cidli verbinden wird.

6r
In Bodmers Haus

Unverhüllt, unter abgekürzter Nennung des wirklichen Namens, künden


zwei horazische Oden von dem Schmerz des Verlustes und vom Wieder-
finden der Geliebten in einer neuen höheren Liebe: "Sie ist, sie ist es!
Ach! sie ist wieder mein!"
Obwohl mit der Lösung des Verlöbnisses der wichtigste Grund zur Ge-
winnung einer selbständigen Lebensstellung wegfiel, drängte es unsern
Dichter nach Verhältnissen, die ihm gestatteten, Bodmers Haus zu ver-
lassen. Denn er entglitt unaufhaltsam seiner Herrschaft, und bei allen
seinen Fähigkeiten zur "doppelten Rolle" mußte er durch die unmittel-
bare GegenwartseinesMeisters doch allmählich in eine unerträgliche Span-
nung geraten. Freilich beabsichtigte er keine grundlegende Veränderung
seiner Lage, sondern, wie auch später in ähnlichen Fällen, eine Kom-
promißlösung. Trotz der guten Beziehungen, die er durch Bodmer zu
Professor Sulzerund Oberkonsistorialrat Sack in Berlin hatte, war es
vorläufig sein Wunsch, in Zürich oder wenigstens in der Eidgenossen-
schaft zu bleiben. Zu der Scheu des jungen Schwaben, in eine völlig un-
bekannte, unfreiere und größere Gesellschaft zu treten, kam die alte
Furcht vor weitläufigen Amtsverpflichtungen. Auch hing sein Herz mehr
und mehr an dem schönen und geistig ungewöhnlich lebendigen Zürich.
Bodmer war nur der expansivste, nicht der geistreichste unter einer gan-
zen Reihe von bedeutenden Züricher Köpfen. Ewald von Kleist schrieb
anläßlich seines Besuchs erstaunt von dieser Geistesblüte, die noch immer
von keinerStad t inDeu tschland übertroffen oder auch nurerreicht wurde.
Schon mit Breitinger ließ sich leichter reden als mit Bodmer, und dann
waren da Männer wie der berühmte schriftstellernde Stadtarzt Hirzel,
der Politiker Blaarer, der Maler und Kunstschriftsteller Kaspar Füßli,
der Vater Heinrich Füßlis, und vor allem der Verleger und Dichter Salo-
mon Geßner, welcher noch vor Wieland zu europäischem Ruhm ge-
langen sollte. Mit allen diesen Männern hatte er, an Bodmers Haus und
Kreis gefesselt, noch kaum Kontakt gewonnen. Au_ch mit Bodmer hoffte
der konziliante junge Mann einen neuen modum vivendi zu finden, wenn
er ihm erst, auf ein ausreichendes Einkommen und neue Freunde ge-
stützt, freier entgegentreten konnte. Alle diese Erwägungen verdichten
sich zu dem Plan, die nächsten drei Jahre dem Privatunterricht von
vier bis ftinf Patriziersöhnen, welche die elementaren Kenntnisse schon
erworben haben, zu weihen. Wieland entwickelt seine pädagogischen

68
Pädagogisches Programm

Absichtenindem"Plan von einerneuen Privatunterweisung".


Bodmer läßt den Prospekt auf seine Kosten drucken und schickt ihn
an seine Freunde in der Schweiz. Wir kennen schon aus der Tübinger
Zeit Wielands Geringschätzung der wissenschaftlichen Bildung. In den
"Betrachtungen über den Menschen" hat er den Gelehrten in der dritten
Klasse dicht über dem "sinnlichen Menschen" eingestuft; er repräsen-
tiert nicht den wahren Menschen. Besondere Ablehnung erfuhr die Na-
turwissenschaft. Die pädagogischen Auswirkungen zeigt sein jetziger
"Plan". Ausdrücklich bekämpft er die "Schulgelehrsamkeit", was, wie
aus dem Zusammenhang hervorgeht, noch ein ganz neuer Begriff ist.
In der "hochgerühmten Betreibung der Wissenschaften" herrscht "viel-
mehr Schein als Wahrheit". Die Musensöhne sind alles andere,als was der
Name sagt. Die Universitäten beladen sie mit einem "Chaos von Kleinig-
keiten und Grillen". Sie trennen die "Spekulation von der Praxis".
"Man verwahrloset daselbst die Kultur der Gemüter." Nur Polyhistoren
und Sophisten können aus dieser Bildung hervorgehen. Demgegenüber
macht sich der junge Dichter anheischig, "wahrhaft verständige und
nüzliche Leute" zu bilden. Er wird nicht vom Stoff, sondern vomMen-
sche_l, von der individuellen Beschaffenheit seiner Schüler ausgehen.
Er wird die Wissenschaften nicht in sie "hineingießen", sondern "auf
eine geschickte Art aus der Seele selbst herausloken und auswikeln".
Auch die Gegenstände des Unterrichts werden vor allem solche sein,
welche die ErkenntnisdesMenschen fördern: "philosophische Historie",
politische und physikalische Geographie, ausgewählte antike Autoren,
Religion, schöne Wissenschaften und "beim spazieren gehen" etwas
Naturkunde. Eine Trennung von Theorie und Praxis, von Moral und
Ästhetik, von Philosophie und Offenbarung kann es in diesem empfind-
samen Erziehungssystem nicht geben.
Wielands Ideen waren, wie immer, nicht zu neu und gerade neu genug,
um Anklang zu finden. Den Autor erriet man in Zürich sehr rasch. Vier,
später fünf junge Züricher aus den besten Familien wurden zu einem
Unterricht von täglich vier Stunden in seine Obhut gegeben, und so
konnte er am 25. Juni 1754 mit "bewegtem", aber doch sicher zugleich
befreitem Herzen in ein selbständigeres Leben treten, und zwar, worauf
bei seiner Zartheit so viel ankam, in ein solches, das ihn weder den
Musen entreißen noch wie bisher in ein einförmiges Stubendasein ein-

6g
Das empfindsame "Serail"

mauern konnte. Er zog zunächst zu einem Dr. Geßner, dem Schwager


Bodmers, dann aber in die Kirchgasse zu dem Vater eines Schülers, dem
Amtmann von Grebel. Dort, im sogenannten Konstanzer Haus, fand
von Anfang an der Unterricht statt, und zwar nicht nur, wie ursprüng-
lich vorgesehen, drei, sondern fünf Jahre lang. Manches auswärtige An-
gebot hat der Dichter in dieser Zeit abgelehnt, um "in aller Stille im
Schooß der Freundschaft recht glücklich zu seyn. "sa Wird ihm die emp-
findsame Idylle, von der er so gut wie Salomon Geßner träumt, in Leben
und Werk gelingen?

2. Das empfindsame "Serail". Poetische Prosa.


Forciertes Christen turn

Ermatinger, ein intimer Kenner des Schweizer Wieland, vermutet, daß


der junge Dichter kein guter Lehrer war, sondern über die Köpfe seiner
Zöglinge hinweg dozierte.ss Es ist, in der Tat, sehr wahrscheinlich, daß
der jugendliche, alles überfliegende Platoniker auch vor dem Horizont
seiner Schüler nicht haltmachte. Immerhin bleibt zu bedenken, daß der
Privatunterricht intensivere Ergebnisse erzielt, daß Wieland sich sehr
einseitig auf die Kulturwissenschaften beschränkte und daß die uns er-
haltenen Nachschriften seiner Schüler aus den späteren Jahren stam-
men, da diese nach damaligen Begriffen schon Universitätsreife hatten.
Die Vorlesungen, wie wir zur Charakterisierung der Unterrichtsdiktate
ruhig sagen können, bieten wenig Merkwürdiges und sind, im Unter-
schied zu Wielands Bildungsprogramm, auffallend stoffreich. Es verdiente
eine besondere Untersuchung, in welcher Beziehung sie von den damals
üblichen akademischen Vorlesungen abweichen. Wahrscheinlich stehen
sie der "Schulgelehrsamkeit" gar nicht so fern, jedenfalls sind sie, im
Gegensatz zu den gleichzeitigen dichterischen Arbeiten, keineswegs ein-
seitig um die "Kultur des Gemüts" bemüht. Wieland hat dem Ehrgeiz,
gelehrt zu sein, schon im Hinblick auf seine bürgerliche Zukunft, nicht
entsagt. Dagegenentsprechen die Stoffgebiete ungefähr dem Programm:
wir finden eine "Geschichte der Gelehrtheit", eine "Theorie und Ge-
schichte der Red-Kunst und Dichtkunst", eine "Einleitung in die
Kenntnis der itzigen Staaten von Europa" - auf diesem konkreten

70
Stellung in der Gesellschaft

Gebiet ist Wieland am wenigsten ausführlich- und eine "Grundlegung


der christlichen Religion". Obwohl es schon damals Wielands Ziel war,
ein Sokrates zu heißen, hören wir nichts von einem tieferen Einfluß auf
seine Zöglinge oder auf andere junge Männer Zürichs. Sie bewunderten
seine reichen Sprachkenntnisse, überhaupt die Vielseitigkeit und Be-
weglichkeit seines Geistes, aber wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir
vermuten, daß die erste Voraussetzung aller Pädagogik, die Persönlich-
keit des Lehrers, noch nicht sicher und ausgeprägt genug war, um vor-
bildhaft zu wirken.
Daß er nach Einfluß strebte, ist sicher anzunehmen, denn er war auf
einem Punkte seiner Entwicklung angelangt, da sein allzu einsam ge-
wachsener Geist nach einer Bewährung in der Gesellschaft verlangte.
Aber diesen Kreis gleichgestimmter und beeinflußbarer Menschen fand
der phantasievolle enthusiastische Schwabe eher bei den Frauen als bei
den kräftigen Männem Zürichs. Man denke, um den ganzen Gegensatz
zu empfinden, nur an den schon erwähnten urwüchsigen Dr. Hirzel, den
späteren Präsidenten der Helvetischen Gesellschaft. Solche Männer
waren von einem empfindsamen Schwärmer nicht zu beeinflussen. Aber
im Kreise der Züricher Patrizierfrauen, die unter einer strengen reli-
giösen Sitte standen, erschloß man sich seinen schöngeistig frömmelnden
Lehren und dem Ideal einer "Kultur des Gemütes" eher. Wieland wurde
für sie zu einer Art von poetischem Beichtvater. Bisher hat er "nie
genug Zeit gehabt", um die Frauen kennenzulernen, jetzt wird er "ein
Bewunderer und Verehrer des schönen Geschlechts". 3 ' Er hat die Nach-
mittage meistens frei und kann sich sehr viel Zeit nehmen, um das Ver-
säumte nachzuholen und sein durch Sophies Absage erschüttertes Selbst-
bewußtsein wiederherzustellen. Er hat das richtige Gefühl, daß es für
ihn im Augenblick nichts Wichtigeres gibt, als die Menschen kennenzu-
lemen. Zunächst meint Bodmer, der die innere Entfremdung seines
Zöglings nicht erkennt, er mache sich mit seinem Unterricht mehr als
nötig Arbeit. 8• Plötzlich aber gehen ihm die Augen auf, und er bemerkt
den wahren Grund für sein Ausbleiben: "Sie halten Wieland für einen
halben Engel, der ihnen vom Himmel gesandt worden. Wieland arbeitet
nicht viel mehr als Eillets für seine Damen. " 36
Noch waren es keine billets doux im gewöhnlichen Sinn! Wenn man
wissen will, wie sie ausgesehen haben mögen, braucht man nur die

6r
Das empfindsame .Serail"

"Sympathien" (geschrieben I 754) aufzuschlagen, denndies Buch stellt,


von wenigen Partien abgesehen, nichts anderes als eine Sammlung sol-
cher Eillets dar. Sacharissa, die zur modischen Eitelkeit neigt, wird
ihrem guten Engel empfohlen. Cyane, die allen städtischen Künsten
abhold ist, wird gepriesen. Glycera, eine sterbende Schönheit, wird auf
die heilige Weisheit verwiesen. Maja, welche die rührende Geschichte
der Clementina bei Richardson gelesen hat, wird getröstet. S.[ophie]
betet für den Jüngling, daß e1 auf seinem einsamen Weg fortgehe und
eine Schar von heiligen Engeln für die Ewigkeit sammle. Der gestorbe-
nen Ismene wird gedacht, mit "Todesgedarl.ken, die mein Herz liebt".
Auch eine vorbildlich erziehende Mutter und einige männliche Gegen-
bilder fehlen dem merkwürdigen Erbauungsbuch nicht, das, etwas un-
organisch -wahrscheinlich um auch Bodmer sein Teil zu geben-, mit
einer Apostrophe an L. abgerundet wird. Liscow,der allzu lange stumm
geblieben ist, wird aufgefordert, wieder zur Peitsche zu greifen und "die
anakreontischen Sperlinge", die törichten Kritiker des "Noah", die
"übermütigen kleinen Geister" solange mit der Satire zu züchtigen, bis
sie das Schreiben ewig verschwören.
Wieland hat in der Zeit seines "Agathon" einmal gesagt, er habe alle
seine früheren Bücher für bestimmte Personen verfaßt. Dies ist richtig;
doch die literarische Verwirklichung dieser Tendenz erfolgte in ganz
verschiedener Art. Nach der für Bodmer geschriebenen, aber ganz ob-
jektiv gehaltenen Patriarchade und nach den vermittelnden lyrischen
Dichtungen fallen die "Sympathien" dichtungsgeschichtlich gesehen
ins andere Extrem. Die Pseudo-Objektivität des bodmerianischen Epos
entpuppt sich als das, was sie ist, als eine ästhetische Laune, und Wieland
verfaßt jetzt ein Werk, das vom konkreten seelischen Leben nur ganz
ansatzweise abgelöst ist. In der Literaturgeschichte ist es wegen seiner
Monotonie berüchtigt; aber man stelle sich den Reiz der individuellen
Anspielungen und Porträts für jenen Damenkreis vor! Solche Schwär-
mereien waren ein sublimes und erregendes Gesellschaftsspiel, ja Wie-
land wurde manchmal ganz ernstlich zum Seelsorger. Wir wissen von
einem Fall, da eine Sterbende seinen Brief mit Entzücken vernahm.
Wie sollten ihn da die Damen nicht für einen "halben Engel" oder, wie
er später selbst sagte, für einen "Genius höherer Art" gehalten haben,
der nicht zur Sinnlichkeit herabsteigen konnte. 37 Er war der Seuse jenes

6r
"Sympathien •. Aspasia

Damenzirkels, und wir wundem uns nicht, ihn bald auch in mystische
Schriften alter und neuer Zeit vertieft zu finden. Pla tos klarer Idea-
lismus kann seinem verschwärmten Geist kein Genüge tun.
Wieland hat in seinen Briefen der Modellphilologie, die in diesem Falle
nichts zerstört, selbst Tür und Tor geöffnet. Trotzdem hat man die Zahl
und Art seiner Beziehungen zu den Frauen Zürichs nicht restlos klären
können.ss Wenige sind es nicht gewesen, er spricht in der Zeit seiner
Entzauberung scherzhaft von einem ganzen "Serail". Aber t:s ist klar,
daß wie alle Dinge in der Empfindsamkeit so auch diese Verhältnisse
gleitend waren. Freundschaft und Liebe sind nicht voneinander zu tren-
nen. Die Versicherungen der Zuneigung sind stets superlativisch und
sehen sich alle gleich. Manche Namen tauchen nur kurz auf und ver-
schwinden wieder, andere Beziehungen begleiten den Dichter mit wech-
selnder Intensität durch die ganzeZüricher Zeit. Es genügt uns, auf die
drei Damen, welche sich am deutlichsten herausheben, hinzuweisen. Sie
sind übrigens - ein Zeichen für die Abgeschlosserihei t des Wieland-
Kreises- miteinander verwandt.U
Am klarsten steht Frau von Grebel-Lochmann, welche der Dich-
ter seine "feurigste Liebe in Zürich" nennt,' 0 vor uns. Sie war eben in
dem Augenblick, da Wieland, um die verlorene Geliebte trauernd, Trost
bei denZüricher Frauen suchte, Witwe geworden, und wiewohl sie ihrem
kränkelnden Gatten nur Vorleserin und Pflegerin gewesen war, beweinte
sie ihn herzlich, war also selbst des Trostes bedürftig. Diesen fand "die
geistreichste und gebildetste Frau in Zürich" 41 nirgends so vollkommen
wie in den "Briefen von Verstorbenen"; sie wünschte sehnlich den Ver-
fasser selbst kennenzulemen. Dies gab sich infolge ihrer Verwandtschaft
mit Wielands Quartierwirten schnell. Nur hielt es sehr schwer, sie unter
vier Augen zu sprechen. "Zu ihr zu gehen, wäre nach Züricher Wahl-
standsgesetzen ein Staatsverbrechen gewesen. So blieb mir lang..: nichts
übrig, als sie, wenn wir uns in Gesellschaft trafen, abends nach Hause
zu führen, welche Ehre mir, als einem Fremden, niemand so leicht ab-
streiten konnte. Lange schon hatte unsere Bekanntschaft gedauert, als
ich noch nicht einmal gewagt hatte, ihr die Hand zu küssen. Und doch
hätte ich oft, wie ich sie so nach Hause führte, eine Welt darum gegeben,
um nur dieser lieben Hand einen Kuß aufzudrücken." Es muß nun
eigens ihr Neffe ein Privatissimum der Philosophie bei ihm hören, damit

73
Das empfindsame .Serail"

er sie, unter dem Vorwande ihr darüber Rechenschaft zu geben, auf-


suchen und besser trösten kann. "Indes blieb es auch bei der innigsten,
vertrautesten Verschmelzung unserer sympathetischen Gefühle doch
nur bei einem feurigen Händekuß. Dies war der einzige oberste Lohn
meiner Minne. Einmal, wo wir im zärtlichsten, stillen Genuß unserer
himmlischen Empfindungen waren, löste derselbe Gedanke auf einmal
unsrer Beider Lippen: Ach, warum können Sie mir nicht 20 Jahre geben!
sagten wir Beide zu Einer Zeit, denn diese Ungleichheit des Alters war
das unübersteiglichste Hindernis." 42 Die "jungfräuliche Witwe" war
44jährig, gerade doppelt so alt wie Wieland. Trotzdem redet der Dichter
ganz klar von Heiratsneigungen, denen er vielleicht nachgegeben hätte,
wenn er, angesichtsdes stattlichen Vermögens der Patrizierin, nicht
gefürchtet hätte, für einen Glücksritter angesehen zu werden. Nach
wenigen Trauerjahren ging Wielands Minneherrin eine zweite Ehe mit
einem ZüricherMagnaten, dem Statthalter Hirzel, ein, und sie bedurfte
dazu wohl kaum des Rates, dessen sich der Dichter rühmt. Arme Poeten
galten bei den vornehmen Zürichern nicht viel mehr als bei den
Biberachern und Augsburgern. Überdies war Wieland wohl auch per-
sönlich für eine solche Dame nicht viel mehr als ein unterhaltsames
Spielzeug. Er sagt selbst: "Meine blatternarbige, unansehnliche Gestalt
vertrieb mir auch alle Narcissusgedanken."'s
Wieland nennt dies Verhältnis "eine platonisierende Liebelei"", und
früh gesteht er in einem Briefe, daß ihn diese Frau "etliche Stunden
lang sogar in einen anakreontischen Dichterling verwandeln konnte.
Leider!" Man denke: ihn, der jahrelang noch der leidenschaftlichste
Bekämpfer der Anakreontik war! Aber gerade das Spielerische, das
Distanzierte muß dieser sonst "unmöglichen" Liebe Sinn und mensch-
liche Bedeutung verliehen haben. Die geistige Entwicklung des Dich-
ters vom Schwärmer zum heiteren Lebenskünstler verläuft nicht grad-
linig, sondern mit vielen Schwankungen und Rückschlägen. Unter dem
Einfluß dieser geistvollen Frau heitern sich zum erstenmal wieder seine
Lebensgeister auf; der "Kampf der sinnlichen Liebe mit dem über-
spanntesten Platonismus", der ihn nach seinem Bekenntnis in alldiesen
Jahren quälte 45 , mildert sich für einige Zeit. Mit Sophie war ihm in den
letzten Jahren kein freundschaftliches Zusammenleben vergönnt ge-
wesen; jetzt lernt er die Freuden eines intimen geselligen Lebens, den

74
Eine tantalisierende Fromme

Reiz eines unpedantischen geistigen Gesprächs kennen. Jetzt erst werden


ihm Shaftesburys Werke mehr als Bücher in Bodmers Bibliothek.
Unter den verschiedenen Namen für Frau von Grebel-Lochmann taucht
wie einst für Sophie Gutermann auch der Diotimas auf; ja, sie erweckt
in ihm schon das erste Bild einer Aspasia, der Idealgestalt seiner reifen
Jahre. Sie muß es verstanden haben, den Jüngling bei aller Empfind-
samkeit mit Geist und Anmut in Schranken zu halten und so ausglei-
chend, persönlichkeitsbildend aufihn zu wirken. Auch in seinen späte-
ren Jahren spricht Wieland trotz seiner Abneigung gegen alle plato-
nische Liebe mit Achtung von ihr.
Dagegen charakterisiert er das Verhalten seiner Hausfrau, der Frau
Amtmann von Gre bei, zu der er nach der Verlobung seiner Aspasia
Zuflucht genommen zu haben scheint, mit großer Bitterkeit. Sie war eine
"Devote" und erhielt von Wieland den Namen Selima aus den "Erzäh-
lungen"; d. h. sie ist diejenige, die ihm die Augen öffnete, die ihn "er-
weckte" oder "bekehrte". Aber die Frömmigkeit dieser Dame scheint
wenig aufrichtig gewesen zu sein, und die Erfahrungen mit ihr scheinen
viel zu dem späteren Desillusionismus des Dichters beigetragen zu haben.
Er erzählt, wie sie ihn durch "ihre frömmelnde Sprödigkeit oft in ver-
götternde Ekstasen, oft in Verzweiflung setzte". Dann aber fährt er fort:
"Als mir später die Schuppen von den Augen fielen, ergrimmte ich be-
sonders über diese heilige Prüderie und affektierte Züchtigkeit, und die
Marter, die mir damals jene tantalisierende Fromme, mit der ich unter
Einem Dach wohnte, angetan hatte, die Erfahrungen, die ich damals ge-
macht hatte, haben gewiß vorzüglich viel dazu beigetragen, daß ich zu
meinen Gedichten dem Anschein nach so wollüstige und IockendeThe-
men genommen ... Ich wollte gewissen Tartuffen und Keuschheitskrä-
merinnen wehetun ... "'8 Der psychoanalytische Begriff des Traumas
dürfte für die hiererlittene Seelenschädigung kaum zu vermeiden sein.
Natürlich hat man Wielands große Wandlung, die im Jahre 1756 ziem-
ll'ch rasch vor sich gegangen ist, mit erotischen Erlebnissen begründen
wollen, und man verfiel dabei auf Elisabeth, die Tochter des originellen,
wenn auch nicht sehr poetischen Fabeldichters LudwigMeyer von Kno-
nau.'7 Mir scheint die Entzauberung des jungen Schwärmers, soweit sie
überhaupt erotisch zu begründen ist, durch das oben zitierte Zeugnis
schon hinreichend er klärt zu sein. In einem Brief vom Januar 1757, der

75
Das empfindsame "Serail"

durch die ironische Bezeichnung "Serail" die beginnende Distanzierung


von seinem bisherigen Leben zur Genüge bekundet, behauptet der Dich-
ter, die Damen, mit denen er in Zürch Umgang habe, seien "alle über 40
Jahre" alt.' 8 Man hat ihm nachgewiesen, daß diese Aussage im wörtli-
chen Sinne nicht richtig ist; dasgeht schon aus den Sympathien unddem
Gedicht "Erinnerungen an eine Freundin" hervor. Aber in einem tiefe-
ren Sinn scheint mir jene Bemerkung doch zuzutreffen. Er ist in diesen
Jahren nur mit älteren Frauen intim. Die jüngeren Verehrerinnen be-
handelt er pädagogisch. Noch im Februar I7Sagesteht er Freund Zimmer-
mann, er habe einen "Ekel vor den jungen Mädchen" und die Frau,
die er sich wünsche, müsse "eher 30 als unter 20 sein". 49 Damit soll
nicht gesagt sein, daß Wieland das schlichte Landfräulein Elisabeth von
Knonau nicht herzlich gern hatte und zeitenweise fleißig besuchte, zu-
mal da ihr Vater alles das hatte, was ihm selbst zu einem "Virtuoso" fehl-
te: ein schöngelegenes Schloß, zwei Stunden von Zürich entfernt, ein Le-
ben, in dem sich künstlerische und praktische Beschäftigungen glücklich
verbanden und, wie wir aus seinen Fabeln und Briefen schließen dürfen,
recht viel gesunden Menschenverstand und heitere Mäßigung. Wieland
ging mit dem Alten sogar jagen so, was bei ihm etwas heißen will. Er er-
holte sich in jenen Übergangsjahren bewußt von der allzugroßen Vergei-
stigung der früheren Jahre, und dabei wird ihm auch Elisabeths schlich-
ter Sinn zu Hilfe gekommen sein. Aber tiefen, zwingenden Reiz übten auf
ihn damals nur refiektiertere Formen der Liebe aus, das Unmittelbare
war ihm nicht gegeben: "C'est une fille simple, ingenue, pensive, qui n'a
rien ni dans la figure ni dans l'esprit qui puisse frapper un homme tel
quemonZimmermann''.nDas scheint nicht der Ton zu sein, in demman
von Frauen spricht, die tief in unser Leben eingegriffen haben. Doch läßt
sich über diesen ganzen Fragenkomplex keine restlose Sicherheit
gewinnen.
Es ist da auch ein Fräulein Schulthess, die Sacharissa der "Sympathien",
Hallers spätere Schwiegertochter, mit der Wieland noch als Biberacher
Kanzleiverwalter korrespondierte, Regula Künzli,die Tochter eines Win-
terthurer Bodmerfreundes, zu dem der Dichter großes Vertrauen hegte,
und manche andre Dame. Aber wir übergehen diese Beziehungen, denn
wir kennen sie doch nicht alle, und sie fügen nichts Neues zu dem Bilde
des Züricher Wieland. Es ist genug, zu wissen, daß er aus der Einsamkeit

6r
Elisabeth. Erste Dialoge

seiner Studierstube herausgetreten ist und Welt und Menschen in ihrer


vielfältigen Konkretheit, in ihrer Schönheit und ihrer Häßlichkeit ken-
nen gelernt, daß er insbesondere die Reize und Schwächen der weiblichen
Seele erforscht, daß er die praktische Wirkung seiner Poesie und Lehre
erprobt, kurz daß er angefangen hat, die weltkluge, vielseitige Persön-
lichkeit zu werden, als die er durch sein späteres Leben und Werk in die
Geschichte eingegangen ist.

Für Wielands Produktion hat sich die Entfernung von Bodmer, wie wir
schon gesehen haben, zunächst so ausgewirkt, daß er sich nicht mehr um
anspruchsvolle monumentale Dichtung bemühte. Schon immer hatte er
sein eigenes Dichterturn eher unter- als überschätzt und ein Genie wie
Klopstock hoch über sich gestellt. Jetzt stieg er ganz deutlich zur Litera-
tur mit lehrhaft-geselligenZwecken herab. Auch späterhat er es nie lange
in der Sphäre "hoher" Dichtung ausgehalten. Seiner Plato- und Shaftes-
bury-Verehrung entspricht es, daß er sich bei diesem Anpassungsversuch
an die konkrete Gesellschaft nebendergeselligen Briefform und einigen
geistlichen Formen vor allem des Dialogs bediente. "Das Gespräch des
Sokra tes mi tTimoclea von der scheinbaren und wahren Schön-
bei t" ( 1755) ist, wie Wielands Vorbericht von 1798 feststellt, interessant
als "der erste Versuch des Verfassers in der dialogistischen Kunst"; es
bezeichnet "den Punkt, wovon er ausging". Eine Dame wird dem Sokra-
tes gegenübergestellt, die zwar geputzt und zum Feste bereit ist,aber sich
im weiteren Verlaufdes Gesprächs als ebenso weise und tugendhaft wie
Wielands Sokrates erweist. Der Dialog ist mehr ein Duett, ein gemein-
samer Lobpreis auf den Menschen - den idealen Menschen, in dem
Schönheit, Gesundheit und Güte eins sind- als eine dialektische Aus-
einandersetzung über ein Problem; nur im Eingang blickt zuweilen
Wielands Ironie hinter der Empfindung hervor.
Weiter fortgeschritten zeigt sich seine dialogische Kunst in "Theages
oderUnterred ung von Schönheit und Liebe", einem Fragment,
das zunächst nur in 12 Exemplaren gedruckt wurde und Frau von Gre-
bel-Lochmann gewidmet war. 63 Ein Privatissimum also, wie er es damals
zu halten liebte. Der Dichter hat dies Werk später mit Recht höher ge-
schätzt als die meisten andern Jugendarbeiten. Sein Wert, seine Wahr-
heit liegt eben darin, daß es ein Fragment ist, daß auf unwahre Abrun-

6r
77
Poetische Prosa

dung verzichtet wird. Theages wendet sich gegen die "aufgedunsenen


Moralisten", gegen die Stoa. Seine Tugendlehre ist zugleich eine Kunst
zu lieben wie Diotimas Lehre. Der Einfluß Shaftesburys wird deutlich.
Schon fällt das Wort von der "reizenden Philosophie", das später durch
"Musarion" berülunt wurde. Aber gegen diese Vermischung der beiden
Amors wendet sich die welterfahrene Aspasia mit Entschiedenheit. Man
muß sich vorsehen vor einem solchen Nebeneinander und Durcheinan-
der. "Was mich betrifft, so habe ich allezeit die stoische Gleichmütig-
kei t und Ruhe dieser seelenschmelzendenZärtlichkei t vorgezogen. "Thea-
ges opponiert gegen eine solche Ruhe: sie ist der "Tod der Seele". Man
sieht dem Fragment nicht an, ob er oder Aspasia recht behalten wird.
Wieland berichtet später an Zimmermann, das Werk sei durch eine "Di-
version", welche die "sehr philosophische Amourette" mit Frau von Gre-
bel-Lochmann erfuhr, Fragment geblie ben5 3 ; allein der Grund dürfte
noch tiefer sitzen: er kann aufdie Frage, die hier angeschnitten ist, nicht
mehr und noch nicht eine Antwort geben. Das Fragmentarische des
Werks ist ein Ausdruck seiner geistigen Verwirrung. Das empfindsame
Verwischen aller Grenzen ist ilun selbst zweifelhaft geworden; aber ist
das rigorose Trennen von sinnlicher und geistiger Liebe eine Lösung, die
standhält und für einen IebendigenMenschen möglich ist? Wieder, wie
schon in Tübingen und gründlicher, wird ilun klar, daß ilun die PhJoso-
phie nichthelfen kann, daß ihm ein klares Weltbild, ein System, bei allem
Wunsch danach, versagt bleibt.
Wie dieses Weltbild damals ungefähr aussah, zeigt uns in naiver Weise
eine Gesprächsäußerung, welche uns ein Züricher Gesprächsfreund des
Dichters, der spätere badische Prinzenerzieher Ring, in seinem Tagebuch
aufbewahrt hat: "Vom Shaftesbury und seiner Charakteristik sagte Wie-
land, daß er darin keine Gelegenheit versäume der Religion zu spotten
und das so mit dem Ernstlichen verknüpfe, daß man ihn fast nicht wi-
derlegen kann. Sein Prinzipium vom Lächerlichen hat er gewiß nicht der
Religion zum Vorteil erfunden, und ihn zu widerlegen, ist kein besser
Mittel, als die Begriffe, die er uns von der Tugend gibt, anzunelunen und zu
zeigen, daß die christliche Religion uns keine anderen beibringe." 5' Auch
andere Äußerungen verraten die Unentschiedenheit und Verschwom-
menheit von Wielands Ideen. Es war die ob er sein Denken auf
die Dauer der Unterscheidung von Welt-Weisheit und Religion, welcher

6r
Salomon Geßner

das Jahrhundert zustrebte, werde verschließen können, ob er sich nicht


für eine der beiden Kulturformen werde entscheiden müssen.
Solche Entscheidung fiel dem Biberacher Pfarrsohn, dem Zögling Bod-
mers, unendlich schwer. Gab es nicht dieMöglichkeit des Ausweichens in
eine neutrale Sphäre? In den Jahren, von denen hier die Rede ist, ent-
standen Geßners Idyllen; in dem Augenblick, da Wielands große Wand-
lung begann, erschien die erste Sammlung ( 1 756). Wir wissen, daß Geß-
ner zunächst im Gegensatz zu Bodmer stand; allmählich aber hatte er
der reinen Anakreontik zugunsten einer moralisch-empfindsamen Klein-
kunst, einer Mischung von ungeheurer Zeitwirkung, entsagt. In diesem
Augenblick mußte sich sein Weg mit Wieland, welcher sich umgekehrt
von Bodmer entfernte, kreuzen. Wir hören von Bodmer, daß es der Idyl-
lendichter "mit Wieland sehr gut kann". In einem Brief vom Dezember
1754 berichtet der Dichter selbst mit Entzücken von ein paar Idyllen,
die ihm Geßner vorlas. 55 Später gibt ihm die Geßner-Biographie Hot-
tingers Anlaß zu der Bemerkung, "daß er bei weitem den größten Teil
der Idyllen und übrigen Dichterwerke des liebenswürdigsten seiner Ju-
gendfreunde gleichsam unter seinen Augen entstehen sah"5& und anläß-
lich der Verlobung seiner Tochter Charlotte mit Geßners Sohn apostro-
phiert er den toten Dichter mit folgenden Worten: "0 mein Salomon
Geßner, Freund meiner Jugend, du, mit dem ich in den Jahren 53· 54·
55· etc. so manchen goldneu Tag, so viele selige Stunden verlebte !" 57 In
der kleinen "Abhandlung vom Naiven", die wahrscheinlich I 753 er-
schien, gilt noch Geliert als der Vertreter der "naiven" Schreibart-
nicht ganz ohne kritische Spitzen gegen dessen "satirische Parenthesen,
kleine lustige Anmerkungen etc.", die eben doch nicht ganz zu dem Ideal
eines "einfältigen ungeschmückten" Stils passen. Dagegen rühmt der
Aufsatz "Gedanken über die Idylle", der allerdings unserm Dichter
nicht mit völliger Sicherheit zugewiesen wird, Geßner als den vollkom-
menenMeister des Naiven.5s
Trotz derartiger Zeugnisse ist Wielands Verhältnis zu Gessner nicht deu t-
lich zu überblicken. Es dürfte, wenigstens in literarischer Hinsicht, um
1755 enger gewesen sein, als bisher bekannt ist. Ichdenke dabei vor allem
an die empfindsame Prosabewegung, an die Kultivierung der rhythmi-
schen Prosa, welcher sich beide mit großer Meisterschaft ergeben. Die
innere Form der Seele soll möglichst rein, ungezwungen durch Metrum

79
Poetische Prosa

oder Reim, Gestalt werden. Schon jetzt entsteht das Gefühl, daß, wie
der junge Goethe sagt, alle Form etwasUnwahres hat. Juni 1756 schreibt
Wieland, er habe sich seit zwei Jahren, d. h. also seit dem Verlassen von
Bodmers Haus, der Verse ganz entwöhnt. 59 Daß es sich hier um eine be-
wußte Wendung im Anschluß an den antiken numerus handelt, zeigt
eine von Ring überlieferte Gesprächsäußerung Wielands von Anfang
I 755: "Verse will er nur so machen, daß es keine Prosa und auch kein ge-

messenes Silbenmaß ist, sondern das, was die Alten numerum nannten,
so sei Platos Schreibart." 6 ° Keine Prosa und auch kein gemessenes Sil-
benmaß! Wie alle Unterscheidungen und Ordnungen so verwischt die
Empfindsamkeit auch den Unterschied von Vers und Prosa. Die Dauer
dieses eigentümlichen Prosakultes entspricht etwa derjenigen von Wie-
lands Empfindsamkeit überhaupt. Zwar verweist er noch im Oktober
1758, zur Rechtfertigung seiner Prosaschriften, aufdie "poetische Prose"
des "Telemaque" 61 - auch Klopstock hat ja seinen Messias zuerst nach
diesem Vorbild schreiben wollen-; aber schon im Dezember desselben
Jahres distanziert er sich auch in dieser Beziehung eindeutig vom emp-
findsamen Ideal: "Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie urteilen, mei-
ne prosaischen Schriften ... haben zu viel Poetisches."n In dem Augen-
blick, da Klopstock zu freien Rhythmen übergeht, strebt Wieland zu-
rück zu einem klaren Begriff der Form.
Die entschiedensten Beispiele poetischer Prosa findet man in den Hym-
nen und Psalmen der Jahre 1755 und 1756 und in den beiden "Gesich-
ten". Unter letzteren verdient in unserm Zusammenhang das 1755 ver-
faßte "Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen" beson-
dere Aufmerksamkeit, weil es bei aller gattungsmäßigen und sprachli-
chen Annäherung an Geßner ankündigt, daß unserm Dichter ein Aus-
weichen ins "Naive", wie es die Franzosen verstanden, ins harmlose
Kleine, in das Glück der Beschränkung nicht vergönnt war. Die Ideal-
welt Geßners entsteht durch idyllische Abgrenzung von der ganzen und
realen Welt, aber so, daß die Grenzen zwischen Ideal und Wirklichkeit
nicht gänzlich geschlossen, daß die Menschen und die Landschaftennicht
absolut utopisch sind: die Schweizer Realität trägt sie. Dagegen be-
schreibt Wieland eine abs.olut ideale Welt auf einem andern Stern, eine
Welt ohne Sündenfall. Und wenn er zum Schluß tröstet, unsere gefallene
Welt biete gegenüber jener idealen den Vorteil, daß es in ihr Tugenden

8o
Unmöglichkeit der Idylle

gebe, die nur in einer sündigen Welt möglich sind, so zeigt sichgerade dar-
in, wie unvermittelt die beiden Welten nebeneinanderstehen; das Mär-
chenhafte von Wielands idealerWeltwird deutlich. Der deutsche Dichter
will keineTeilwelt, sondern er strebt, wenn auch utopisch, zur ganzen
Welt. Das heißt ideengeschichtlich, daß er die Religion oder Philosophie,
bei allem Leiden an ihnen, nicht missen kann, formengeschichtlich, daß
ihm die größeren Dichtformen wie Drama und Epos, trotzallem Miß-
trauen gegen falsche Monumentalität, unentbehrlich sein werden. Die
Schweizer Idylle ist in jeder Beziehung keine Möglichkeit
für ihn.
Bodmer verfolgte die seltsame Entwicklung Wielands mit Schmerzen.
Während er früher an schönenAhenden mit seinem hoffnungsvollen Schü-
ler unter weisen Gesprächen an der Limmat und Sihl gewandelt war,
sah er ihn jetzt mit seinen Damen dort spazieren gehen. Wie groß seine
eifersüchtigen Ansprüche waren, zeigt ein Briefan Pfarrer Hess, in dem
er sich noch ein halbes Jahr nach Wielands Auszug darüber beklagt, daß
dieser seine Zeit jetzt zwischen ihm und seinen neuen Bekanntschaften
"t e i I e t". 63 Es kam zu Vorwürfen, Rech tfertigungsbriefen, Versöhnungen.
Wieland tat alles, um die Verstimmung Bodmers, wie auch Breitingers,
zu besänftigen und nicht der Undankbarkeit schuldig zu werden. Zwar
schreibt er ihnen im November 1754 ganz klar, daß seine "Offenherzig-
keit durch Klugheit und andere Verhältnisse ihre Schranken bekom-
men muß" 64 ; aber unverkennbar ist sein Wille, das alte Abhängigkeits-
verhältnis ohne Bruch in eine neue freiere Freundschaft überzuführen.
Schon im Dezember I 754 scheint die erste Krise überwunden zu sein, er
meldet seinem alten Freund Schinz: "Es muß Ihnen angenehm sein zu
vernehmen, daß unsere großen und unschätzbaren Freunde, Bodmerund
Breitinger, wo nicht mehr als jemals von mir geliebt, so doch von mir
kultiviert werden, und daß wir unser freundschaftliches Band so eng ge-
zogen haben, als möglich." 65 Wielandist dem hier ausgesprochenen Grund-
satze eines bewußten "Kultivierens" in der ganzenZüricherZeit,ja da-
rüber hinaus treu geblieben, und es liegt in diesem Verhalten nicht nur
Klugheit, sondern auch echte Anhänglichkeit an die alten Gönner und an
die geliebte Schweiz, deren literarische Repräsentanten sie sind. Freilich
ist dieser menschlich liebenswürdige Zug auch schuld daran, daß der Pro-
zeß seiner Selbstbefreiung durch allerlei Kompromisse und Rückschläge

Sengle, Wieland 6 Sr
Forciertes Christentum

beeinträchtigt und verzögert wurde. Wir wissen bereits, daß er im Ge-


gensatz zu den "Genies" "dämonischer" war, als er sein wollte.
Am leichtesten war ein Entgegenkommen an der Peripherie derZüricher
Welt, in der Abwehr gemeinsamer Feinde möglich, und dazu bot sich
eben damals gute Gelegenheit. Die Ergebnisse der sogenannte Seraphik,
d. h. die Dichtungen Klopstocks, Bodmers und Wielands, hatten als
Ganzes die literarische Öffentlichkeit Deutschlands ebensowenig über-
zeugt wie die Produkte der Leipziger Schule, und der Dreibund Nicolai,
Mendelssohn, Lessing, dem es bestimmt war, eine neue Epoche der deut-
schen Kritik heraufzuführen, war noch nicht gegründet. In diesem Va-
kuum erhoben sich die Gottschedianer, die Bodmer für erledigt hielt,
noch einmal zu einem Schlage gegen die Schweizer. I 754 erschien die
Kampfschrift "Neologisches Wörterbuch, oder die ganze Ästhetik in einer
Nuß", welche in vielem verständnislos, seicht, in manchem aber auch
treffend die "sehr affische"Dichtkunst geißelte. Der anonyme Verfasser
war der für sein Arminius-Epos zum kaiserlichen Poeten gekrönte Frei-
herr von Schönaich, und es dürfte kaum ein Zweifel sein, daß er für weite
KreisedesAdels unddes aufgeklärten Bürgertums in Deutschland sprach.
Wieland antwortete auf die Schrift im Namen der Schweiz mit seiner
"Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen" (1755). Erbe-
hauptet, wie Pope eine Anklageschrift gegen alle wichtigen Dunsen, d. h.
gegen die aufgeblähten elendenSkribenten, zu beabsichtigen. Dabei will
er nicht mit "Witz", sondern mit "Wahrheit" verschwenderisch sein. Die
Empfindsamkeit dringt auch in die Kritik ein. Die "Ankündigung" ist
keine Satire, sondern eine heftige, nur stellenweise ironische Anklage ge-
gen Gottsched, den "Anti-Christ des Witzes". In den rein literarischen
Fragen ist Wieland zurückhaltend geworden. Er vermeidet jetzt eine
überschwengliche Verherrlichung von Bodmers Werken. Er verteidigt
zwar den Hexameter; aber er will sich auch der Alexandrinerdichtungen
erfreuen, wenn sie gut sind. Dagegen ist er auffallend entschieden in der
Verteidigung der "christlichen Poesie". Er spricht von dem "geistlichen
Unvermögen", von der "geistlichen und poetischen Blindheit" Gott-
scheds. Heftig wettert er gegen die Schranke, die jener zwischen Reli-
gion und Poesie aufgerichtet hat; es wird aber deutlich, daß Gottsched
in diesem Punkte nicht nur viele Weltleute, sondern auch Geistliche auf
seiner Seite hat. Für den Leipziger Aufklärer sind Epen mit Engeln und

6r
"Ankündigung einer Dunciade"

Teufeln so viel wie "Hexenmärchen, Gespensterhistorien". Demgegen-


über ist nach Wielands Behauptung die Leibnizsche Theorie von den
Engeln und Geistern "zu allen Zeiten beinahe die allgemeine unter den
Gelehrten" gewesen. Er will vielleicht in einer besonderen Abhandlung
"die Rechtmäßigkeit dieses Gebrauchs der Poesie zum Dienst der Reli-
gion und die Nutzbarkeit derselben" dartun; es wird dabei nötig sein,
"vornehmlich die Schranken" zu bestimmen, "in welchen sich die Poe-
tische Freiheit halten muß, wofern sie ihre Absicht, die Wahrheiten le-
bendiger ins Herz zu drucken, nicht verfehlen will". Auch ein "festes
Band" zwischen Kunst und Ethik wird natürlich postuliert.
Auffallend ist, daß die Deutschen als ganzes Volk wegen ihrer Gottsehecl-
gefolgschaft geschmäht werden. Man sieht, wie sehr sich Wieland jetzt
als Wahlschweizer fühlt. Das Schlimmste ist, daß Gottsched noch jetzt
"den ganzen vornehmen und gemeinen Pöbel derDeutschen (den dumm-
sten Pöbel, der auf der Welt ist) auf seiner Seite" hat. "Ich fordre kühn-
lich unsre Nachbarn gegen Süden, Westen ·und Norden auf, uns einen
Duns entgegenzustellen, welcher unpoetischer, unwitziger und unden-
kender geschrieben" hat. Nur das "artige Geschlecht" nimmt der Züri-
cher Frauenritter von seinem Vorwurfe aus. Es gibt, so weitmandiedeu t-
sche Sprache redet, genug liebenswürdige Frauenzimmer, die Young,
Klopstock, Richardson nachempfinden können. Wielands Schrift ist von
besonderem literarhistorischem Reiz, weil sie die unerquickliche Situa-
tion,aus der Lessings Kritik herausführte, am anschaulichsten vergegen-
wärtigt und zugleich zum Bewußtsein bringt, wieviel für eine Klärung
und Höherentwicklung, für eine Änderung des ganzen literarischen Kli-
mas vom Erscheinen dieses geistigen Riesen abhing.
Im Stillen war unser Dichter selbst des unfruchtbaren Haderns schon
müde und darin stimmte er gewiß mit seinem neuen idyllischen Freunde
überein. Geßner kam aufdie Idee, mit norddeutschen Schriftstellern, die
nicht gottschedianisch waren, Verbindung aufzunehmen. Beide Freunde
schrieben im Januar 1755 an Gleim, den immer Freundlichen, und baten
ihn, "Pflegvater von ein paar critischen Stücken" zu sein.ee Neben Wie-
lands "Ankündigung"handelte es sich dabei vor allem um Bodmers kri-
tische Schrift "Edward Grandisons Aufenthalt in Görlitz", zu der auch
Wieland einen Brief beigesteuert zu haben scheint. Schmiegsam erteilt
der Dunsenbekämpfer Vollmacht, die Bemerkungengegen Ramler, Gleims

6r
Forciertes Christentum

Freund, zu ändern,6 7 Letzten Endes aber ging es nicht mehr um Gleim


und Ramler, sondern- es ist ein historischer Augenblick! - schon um
Lessing: "Ich habe der Sache noch mehr nachgerlach t, und finde, daß es
vielleicht nicht übel wäre, wenn Sie (dafern Sie keine besondere Einwen-
dung dagegen haben) diese Schriften dem Herrn Lessing in Berlin über-
gäben, welcher, wie mich dünkt, eben kein Feind der guten Sache ist,
oder doch eben so leicht für sie könnte in Bewegung gebracht werden.
Er scheint ein rüstiger Mann zu sein, und es sollte ihm wohl nicht viel zu
schaffen machen, eine Partie anzunehmen, bei der er seinen Vorteil fin-
den, und seinen Witz am besten anwenden könnte. Es wäre meines Er-
achtens nicht übel, wenn man diesen Mann, der seine guten Partes hat,
für die gute Sache gewinnen könnte; denn er hat alle Qualitäten zu
einem Champion."es Ein förmliches Bündnisangebot- vier Jahre vor
den Literaturbriefen! Wieland wittert den neuenMeister der Kritik und
sucht rechtzeitig Anschluß. Bodmer dürfte den Brief kaum gelesen
haben, denn sein Anhänger jammert schon darüber, daß alles, was
von Zürich kommt, mit Vorurteil betrachtet wird. Die "jüngeren
Leute in Zürich" sind nicht schuld daran. "Man muß uns nicht allein
lassen."
Man erkennt die außerordentlich günstige taktische Situation Lessings
nach dem Abwirtschaften der beiden alten Literaturparteien. Freilich
kam alles darauf an, ob er seine Unabhängigkeit wahren, sich vor Kom-
promissen hüten werde, und dazu war er allerdings der Charakter. Er hat
den Schweizern den gewünschten Verleger verschafft, aber auf eine Be-
stechlichkeit seiner Kritik hoffte man vergeblich. Er war, wie sich zeigen
wird, nicht der Mann, sich von dem empfindsamen Wieland "in Bewe·
gung bringen" zu lassen oder ihn auch nur zu schonen.
Am meisten ·dürfte den norddeutschen Aufklärern Wielands unechte
Frömmigkeit zuwider gewesen sein. Noch im gleichen Jahr, das die "An-
kündigung einer Dunciade für die Deutschen" brachte, veröffentlichte
Nicolai in seinen "Briefen über den itzigen Zustand der schönen Wissen-
schaften in Deutschland'' folgende berühmt gewordene Wielanddiagnose
und -prognose: "Die Muse des Herrn Wieland's ist einjunges Mädchen,
das auch die Betschwester spielen will und sich der alten Witwe zu Ge-
fallen in ein altväterisches Käppchen einhüllt, welches ihr doch gar nicht
kleiden will; sie bemüht sich, eine verständige erfahrene Miene anzuneh-

6r
Die Bekehrung

men, unter der ihre jugendliche Unbedachtsamkeit nur gar zu leicht her-
vorleuchtet, und es wäre einewiges Spektakel, wann diese junge Frömmig-
keitslehrerin noch wieder zu einer munteren Modeschönheit würde!" Wir
dürfen mit Sicherheit annehmen, daß Nicolais Urteil keine vereinzelte
Stimme, sondern die überwiegende Meinung der Einsichtigen, auch der
Frommen unter ihnen, war. Selbst Geliert, dem die Verbindung von Re-
ligion und Dichtung auch am Herzen lag, äußert wenig später über Wie-
lands "Empfindungen eines Christen": "Mein Herz weigert sich, seine
Sprache zu reden, wenn es mit Gott redet."
Man ist im allgemeinen der kurzen Phase in Wielands Entwicklung, die
er selbst von der "platonischen" als "mystische" unterscheidet, ver-
ständnislos gegenübergestanden, weil sie dicht vor der großen Wand-
lung von 1756 liegt und der Vorstellung einerstufenweisen Loslösung
von der Seraphik zu widersprechen scheint. Man konnte nur sekundäre
Gesichtspunkte wie die Einwirkung der Frau Amtmann von Grebel oder
die Lektüre mystischer Schriften anführen. In Wahrheit ist diese Phase
aus der Bewegung des Geistes selbst sehr wohl zu verstehen. Sie ist inso-
fern eine Vorstufe der späteren Wendung zur "Wirklichkeit" ,als auch sie,
im Gegensatz zur unverbindlichen spielerisch-ästhetischen Religion der
vorangehenden Phase, Religion als transzendente und kirchliche Wirk-
lichkeit ernstzunehmen versucht. Von innen und außen zur Entschei-
dung zwischen säkularer Kultur und wirklichem Christentum aufgeru-
fen, entscheidet sich Wieland zunächst für die Religion. An die Stelle al-
legorischer und phantastischer "Gesichte" treten Prosahymnen auf die
Gerechtigkeit und Allgegenwart Gottes, an die Stelle von platonisieren-
den Briefen und Gesprächen tritt eine große Sammlung von "Psalmen",
die er vorläufig "Emfindungen eines Christen" (1756) nennt, weil
er ihr den kirchlichen Titel noch nicht zu geben wagt. Der Vorwurf, daß
es sich in diesem ganzen Prozesse um bloße Verstellung handle, dürfte
kaum berechtigt sein. Leidend an der Spannungmit seinen Gönnern, ge-
troffen durch das Urteil der norddeutschen Kritik, enttäuscht durch das
Ende seiner "philosophischen Amourette" und erneut in die Einsamkeit
verwiesen, wendet sich der Pfarrersohn noch einmal zu dem Grunde, der
so viele seines Geschlechtes sicher durchs Leben getragen hat. Warum
soll er nicht auch ihn tragen? Wielands heitere Lebenslehre ist stets nur
das ideelle Gegengewicht gegen den "Pessimismus" seines tieferen Seins:

6r
Forciertes Christentum

das Vanitas vanitatum-Motiv klingt noch erstaunlich stark in ihm, es


liegt auch noch seinem übermütigen Rokoko-Spiel mit der "närrischen"
Welt zugrunde. In diesem Augenblick aber sind es nicht nur allgemeine
Gefühle von Vergänglichkeit, Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und
ewiger Ruhe, sondern ganz bestimmte christlich-pietistische Erlebnisse.
Eine "religiöse Frömmigkeitswut", die "schrecklichste Gewissensangst"
peinigt ihn; noch im Alter erinnert er sich daran mit Grauen.69 Die
Briefe setzen in der fraglichen Zeit fast ganz aus, nicht zufällig, denn er
zog sich aufs neue von der Welt zurück. Ein vereinzelter Brief vom Fe-
bruar 1756 richtet sich bezeichnenderweise an einen Geistlichen. Er dankt
dem Diacon Stapfer in Brugg für seine im Druck erschienene Predigt
über das Erdbeben in Lissabon. Man fühlt deutlich das Verlangen des
Dichters, der "Gemeinschaft der Heiligen" näherzukommen: "Ich habe
keinen angelegnern Wunsch, als das Werk des Herrn mit wahrem Eifer
und gründlichem Nachdruck getrieben zu sehen, und es ist darum mei-
ner Seele in ihrer Einsamkeit nichts entzückender, als immer mehr sol-
che, mit ihr befreundete, und von dem gleichen Geist getriebene Seelen
zu finden, die ihre Stärke, ihre Gewalt über andere zu einem so seligen
Zweck anwenden, als dieser ist, die Tugend, die Liebe zu Gott, den täti-
gen Glauben der göttlichen Wahrheiten und Offenbarungen zu erwecken
und zu unterhalten."7°
Die alten Stände Klerus und Adel haben im 18. Jahrhundert, auch da
wo die Aufklärung herrscht, noch größte Bedeutung. Indem sich unser
Dichter aus einer dünnen empfindsamen Scheinwelt zur Wirklichkeit
wendet, gelangt er zugleich zur gesellschaftlichen Realität. Später zu
Hof und Adel, vorläufig zu Kirche und Geistlichkeit. Man zitiert gern
seine Äußerung, er habe die "Empfindungen eines Christen" für Frau
Amtmann von Grebel gedichtet. 71 Aber auch in diesem Fall erkennt man
die umfassendere historische Begründung. Es war schon die Rede von
dem Kampfe, welche die "Ankündigung einer Dunciade für die Deut-
schen" gegen die Trennung von Religion und Dichtung führte. In der
gleichen Schrift beruft sich Wieland zur Rechtfertigung seiner Meinung
darauf, daß ja die Kirche selbst "den Gebrauch der Dichtung in Religions-
sachen" rechtfertigt: durch ihre "Kirchengesänge"! Wenn Gottscheddie
religiöse Poesie prinzipiell ablehnen will, "so mag er es mit unserer Kir-
che aufnehmen, bei welcher Lieder, die eben dadurch in seine unbewie-

86
"Empfindungen eines Christen"

sene despotische Censur fallen, in allgemeiner Hochachtung stehen".


Und noch näher rückt Wieland an die konkrete Schweizer Religion her-
an; er beruft sich auf Zwinglis Vorrede zu einer alten Pindarausgabe
und fordert "unzeitig eifrige Geistliche" auf, sich daraus zu belehren:
"Sie würden darin finden, daß er die Psalmen und andere Hymnen in der
Heiligen Schrift mit den erhabenen Oden des Pindarus in eine Klasse
setzt." Ich zweifle nicht, daß wir in diesen Gedankengängen die Keim-
zelle für die Entstehung der "Empfindungen eines Christen", später
"Psalmen" genannt, vor uns haben. Um die Verbindung von Religion
und Dichtung nicht aufgeben zu müssen, zieht sich der Dichter auf die
Formen der Hymne und des Psalms zurück, welche nach seiner Meinung
die Förderung der Kirche finden müssen. Er mochte dabei an das Vor-
bild des ehemaligen württembergischen Pfarrers Johann Jakob Spreng
denken, der 1741 eine Bearbeitung der "Psalmen Davids" veröffentlicht
hatte undjetzt Professor der Poesie und Beredsamkeit in Basel war.
Es ist der gleiche Schritt zur geselligen Zweckliteratur, den wir in den
"Sympathien" und in den Dialogen wahrnahmen, nur ist jetzt die Ge-
meinschaft, der er dienen will, ungleich bedeutender und größer. Von
hier aus gewinnt auch die allzu isoliert gesehene, berüchtigte Vorrede zu
den "Empfindungen eines Christen" neues Licht. Sie ist "an den hoch-
würdigen Herrn, Herrn A. F. W. Sack, Sr. Majestät, des Königs von
Preußen, Ober-Consistorial-Rat, und Hofprediger" gerichtet. Der Neu-
bekehrte sucht gegen seine weltlichen Feinde Verbindung mit der Kir-
che, indem er sich als Vorkämpfer der geistlichen Dichtung gebärdet,
und wahrscheinlich verknüpfen sich damit ganz konkrete Absichten,
denn Sack hat auch die Leitung des Berliner Gymnasialwesens. Es ist
nicht das letztemal in diesen Jahren, daß wir unsernDichter nach dem
aufblühenden Berlin blicken sehen.
Mit unerhörter Heftigkeit geißelt diese Vorrede die anakreontischen Sän-
ger; Wieland fordert die amtliche Stelle, an die er sich richtet, geradezu
zum Eingreifen gegen diese "Prediger der Wollust und Ruchlosigkeit"
auf. Nicht nur einer Verabsolu tierungder Kunst, sondernjeglicher Gleich-
berechtigung der ästhetischen und religiösen Werte entsagt hierder Dich-
ter; sonst könnte er nicht sagen: "Mich deucht ein jeder, der sich die
Gleichgültigkeit gegen die Religion für keine Ehre rechnet, sollte auch
die schiechtesten alten und neuern Kirchenhymnen demreizendsten Lied

6r
Forciertes Christentum

eines Uz unendlichmal vorziehen." Wieland wird gleichzeitig zum De-


nunzianten der Rokokodichter und zum Verräter an der mühsam errun-
genen Autonomie der weltlichen Kultur. Das erklärt die Empörung,
welche sich der literarischen Öffentlichkeit bemächtigte. Sein Manifest
istnicht der Ausdruckeinesstar ken, sondern eines manierierten Glaubens,
das überreizte Pamphlet eines Dichters, welcher sich in einer gefährli-
chen persönlichen und zugleich historischen Entwicklungskrise befindet.
Wie überhaupt das ausdrückliche Programm "christlicher Poesie", das
im Mittelalter unmöglich wäre, ein vergebliches Aufbäumen gegen die
wachsende Entchristlichung der Kultur bedeutet, so will hier Wieland
seine eigene unwillkürliche Entwicklung zu einerneuen geistigen Wirk-
lichkeit nicht wahrhaben und durch überlaute Betonung der alten über-
täuben. Plötzlich aber sieht er, und die Kritik sagt es ihm auch, daß sein
ganzes Unterfangen innerlich unmöglich war.
Uz hat sich verteidigt, so gut er konnte, wenn auch sein Briefwechsel mit
Gleim zeigt, daß den Jüngern Anakreons die literarischen Händel nicht
lagen. Man mag aber aus einer Äußerung in diesen Briefen ersehen, wie
groß die Gefährdung des dichterischen Niveaus durch Wielands Angriff
besonnenen Geistern erscheinen konnte. Gleim kann in allem Ernst fürch-
ten, daß Deutschland nunmehr mit ebensovielen schlechten geistlichen
Gedieh ten überschwemmt werden wird wie bishermit anakreontischen. 72
Alle Begriffe von dichterischer Qualität sind ja durch das Schweizer
Manifest annulliert! Doch es kam anders. Noch im gleichen Jahr kann
Uz dem Freunde melden: "Die Verfasser der neuen Bibliothek haben
meine Ehre sehr nachdrücklich wider Wielanden und seine Rotte geret-
tet."'3 DerDreibund ist am Werk und Lessing an seiner Spitze, eine neue
Phase der Literaturgeschichte beginnt, die Krise ist vorüber und, dies
ist tief bezeichnend, fast gleichzeitig auch die Wielands. Die "Nach-
richten des Verfassers der Empfindungen eines Christen an
die Leser der Bibliothek der Schönen Wissenschaften und
freien Künste" sind eindeutliches Rückzugsgefecht. Er beteuert etwas
kleinlaut, er habe keine bösen Absichten gehabt, er bezweifle die persön-
liche Anständigkeit von Uz nicht. Er muß zugeben, daß sich in Uzens
Gedichten auch "Loblieder auf die Tugend" finden. Natürlich sucht er
seinen Standpunkt zu wahren, aber man spürt im ganzen Ton das Be-
dauern über die Entgleisung. Künftig will er schweigen. Über den beson-

88
Rückzugsgefecht

deren Anlaß hinaus wird der Aufsatz zu einem wichtigen Dokument der
Wandlung, insofern Wieland sehr bescheiden von seinen bisherigen Schrif-
ten spricht. Man sieht, daß sie ihm schon ganz fernegerückt sind. Er hat
zuviel geschrieben, er will in Zukunft dem strengen dichterischen Ethos
seines Horaz nacheifern. Seine Kritiker braucht er nicht dazu. Auf lite-
rarische Händel wird er sich nicht mehr einlassen. Er will nur er selbst
sein. Um das zu sagen, kommt ihm plötzlich wieder ein Zitat seines alten
Freundes Hagedorn auf die Lippen:
"Wer immer sich zum Schüler macht,
Wird immer einen Meister finden."

3· Die große Wandlung

Noch am 2. September 1756 beteuert Wieland seinem neuen Freunde


Zimmermann, "daß der unfehlbare Weg, zum höchsten Grad der Glück-
seligkeit in dieser Welt zu gelangen, der Mystizismus ist, welcher, ohne
eine gänzliche Verleugnung aller irdischen Dinge und unsererSelbst nicht
bestehen kann, und daher ziemlich nahe mit dem Eremiten-Leben zu-
sammenhängt".'' Im Februar 1758 schlägt er ihm vor zu, untersuchen,
aus "was für na türliehen Ursachen die mancherlei Gattungen derLiebe ...
entspringen": "hier würden Sie unvermerkt auf die wahren Quellen des
Fanatisme und und des prätendiertenamourpur kommen
und wenn dieses letzte Sujet nur mit einer genugsam leichten Hand trac-
tiert würde, so könnte gezeigt werden, daß die mystischen Ausschwei-
fungen sehr begreifliche Ursachen haben." 75 Und im April 1758: "Jene
trouve plus du plaisir a la vie de laSte. Therese, je n'ai plus grand envie
de voyager avant le temps dans les spheres invisibles. " 76 Aus dem christ-
lichen Mystiker ist ein Ps ychoanal yti ker und lroni ker geworden; sogar die
Sprache, die er schreibt, ist eine andere! Wenn die große Lücke in der
Korrespondenz mit Zimmermann nicht wäre (Januar 1757-Januar
1758), könnten wir die Zeit der Wandlung noch genauer überblicken und
fixieren. Doch erinnern wir uns, daß schon im Januar 1757 die Stelle
über das Wielandsehe "Serail" geschrieben wurde, ja schon im Novem-
ber 1756 bittet er, bei Übersendung der "Empfindungen eines Christen",
Zimmermann möge ihnnicht "zu einem Seraph, Heiligen oder Luftgeist"

8g
Die große Wandlung

machen: "ich binganz und gar einMensch, und schäme mich dessennicht
im mindesten". 77 Er sucht gegenüber dem neuen Freund noch das Ge-
sicht zu wahren,derZusammenbruch seines Spiritualismus kam zu plötz-
lich, als daß er ihn nicht verwirren und an Wielands Charakter irre ma-
chen müßte. Er meldet ihm nichts von dem Werk, an dem er jetzt im
Geheimen arbeitet- denn es ist schon das Gewagteste, das er in der
Schweiz jemals veröffentlichen wird - ; aber wir erkennen es aus der
Äußerung vom Dezember I 756, er halte nun "auf Xenophons Menschen
mehr ... als auf alle Heilige der römischen Kirche". 78 Daß dies Bekennt-
nis zu Xenophons kynisch getöntem Menschenbild nicht nur eine Ab-
kehr vom chris tlichenM ys tizismus, sondern auch vomplatonischen Idea-
lismus bedeutet, zeigt, in deutlichem Anklang an die Tübinger Zeit, ein
Briefvom Jahre 1758 :"Plato war einst mein Liebling, jetzt ist es Xeno-
phon. Und doch nennt selbst Plato den Anakreon weise. " 78
Schon im Herbst und Winter 1756/57, d. h. nicht lange nach dem Ab-
schluß der" Empfindungen eines Christen", hat Wieland den größten Teil
seines romanhaften Dialogs "Araspes und Panthea" geschrieben.so
Seine Quelle war eine Episode in der "K yropädie". Wir übergehen die
Frage, ob ihm Xenophon wirklich schon in der frühen Jugend so viel be-
deutete, wie er behauptet hat. Man könnte aus Wielands Vorbericht zur
Übersetzung von Xenophons "Gastmahl" (r8o2) entnehmen, daß erst
Shaftesbury, dessen Hochschätzung für Xenophon er dort hervorhebt,
ihm die Augen für den geistesverwandten Griechen öffnete. Aber auch
so ist die Aufnahme Xenophons und das daraus entspringende Werk
kein bloßes Bildungserlebnis, sondern das erste entschiedene Zeichen je-
ner in Wielands Leben und Geist tiefeingreifenden Desillusionierung, die,
schmerzlich verletzend und doch schließlich befruchtend, ihn zu sich
selbst und zu den Biberacher Meisterwerken führte.
Wie im "Theages" geht es um die Frage der beiden Arten des Amor: ob
nämlich himmlische und irdische Liebe miteinander vereinigt werden
können. Während aber Wieland dort die Antwort schuldig bleiben mußte,
beabsichtigt er hier von vornherein eine Lösung, welche die beiden Arten
der Liebe voneinander trenn t 81 : die Scheinsynthese der Empfindsam-
keit wird mit Entschiedenheit abgelehnt. Der Jüngling Araspes, der im
Auftrage des Cyrus die schöne gefangene Gattin eines feindlichen Königs
bewachen muß, spottet zunächst der Gefahr, in der er nach Ansicht der

91
.Araspes und Panthea"

Erfahrenen schwebt. Aber, in einer Steigerung, die schon ganz den künf-
tigen Meister der Psychologie verrät, gerät er in die leidenschaftlichste
Verwirrung und bis an den Rand des Abgrunds. Schon hier erkennt ein
Mensch die "Wahrbei t" ,daß er "zwo ganz verschiedene Seelen" in sich hat.
Im Anfang beherrscht ihn eine reine, enthusiastische Verehrung für die
edle Frau. Doch die himmlische Freundschaft verwandelt sich bald in
Liebeswerben. Die Zurückweisung durch die Königin verstrickt ihn,
durch das süße Geheimnis, das sie stiftet, nur noch stärker in seine Lei-
denschaft. Immer hemmungsloser wird sein LiebestaumeL Er belauscht
die Schöne im Bad und setzt ihr schließlich mit ungestümen Werbungen
zu, die nicht nur moralisch verwerflich sind, sondern auch gegen den Auf-
trag verstoßen, den der Held von seinem König erhalten hat, die ihn also
in die Gefahr schmachvoller Bestrafung und, um dieser zu entgehen, in
die Versuchung des Selbstmords bringen. Arasambes, der kalte, tugend-
strenge Freund, steht der Entgleisung des Araspesverständnislos gegen-
über, aber König Cyrus selbst ist größer. Er erscheint noch im rechten
Augenblick und gibt sich selbst als dem Erfahrenen den größeren Teil
der Schuld. "Eine Seele, wie die deinige, konnte nur, von einem langen
schmerzhaften Kampf entkräftet, unterliegen." "Alles, was dir begeg-
net ist, war die natürliche Folge der Würkungen der Schönheit und
Liebe.'' Die Darstellung der Leidenschaft, die gerade durch ihren
totalen, nicht nur sinnlichen Charakter so gefährlich wird, ist sehr
kühn. Man darf bereits von einer Glorifizierung der Leidenschaft
sprechen.
Shakespeares, wahrscheinlich auch Racines 8 2Tragödie, hat auf den Dich-
ter gewirkt. Wieland nennt das in fünfTeile gegliederte Werk gelegentlich
selbst ein "Drama" .83 Natürlich ist das, wie er selbst weiß, unzutreffend.
Die breiteAusmalungdes Psychologischen undder pädagogische Rahmeu
machen die Dichtung zu einer Übergangserscheinung zwischen den Dialo-
gen der vorangehenden und den Dramen der folgenden Jahre; aber es ist
kein Zweifel, daß diese "zweideutige Gestalt" 8' unserm Dichter besser liegt
als das reine Drama: sie zeigt den Einfluß der großen Dramatiker in
einer ganz ursprünglichen ungezwungenen Form und istsomitwenigstens
im subjektiven Sinne gültig. Was sich später in Romane und Dramenbe-
bearbeitungen ausgliedert, ist als gemeinsamer Kern in "Araspes und
Panthea" schon vorhanden. Dagegen erscheint der dazwischen liegende

91
Die große Wandlung

Schritt zum eigentlichen Drama als ein äußerlich bedingter Versuch,


der Wielands Möglichkeiten überschritt.
Die Fassung von 1757 ist nicht erhalten. Man könnte vermuten, sie sei
weniger kühn in der Leidenschaftsdarstellung gewesen; aber das Gegen-
teil scheint der Fall zu sein. Die Einleitung der endgültigen Fassung
(1760) spricht von den "Fehlern, womit er [der Dialog] damals belastet
war", und eine briefliche Äußerung Julie von Bondely's verrät, daß da-
mit nicht nur technische Mängel gemeint sein können. Sie beanstandete
beim Vorlesen "un tres beau tableau, dangereux quoique decent". Wie-
land steckte das Manuskript gekränkt in die Tasche, aber in dem gedruck-
ten Werk suchte sie die Stelle vergebens. 85
Es besteht also trotz Wielands zweideutigem Verhalten in den folgenden
Jahren die Tatsache einer bestürzend plötzlichen und tiefgreifenden
Wandlung. Der letzte Grund für sie ist der Zusammenbruch des überlie-
ferten religiösen Weltbildes und daher nicht weiter ableitbar. Wir beob-
achten solche negativen Konversionen auch sonst im 18. Jahrhundert.
Sie sind die innere "Große Revolution",die der äußeren weit vorangeht.
Dennoch kann man einige Ursachen anführen, welche, einander gegen-
seitig verstärkend, die Schnelligkeit des Vorgangs erklären und insofern
uns davor bewahren können, Wielands Charakterfestigkeit noch gerin-
ger anzuschlagen, als billig ist. Er selbst hat durch seine Bemerkung, er
gleiche dem Chamäleon 86 und ähnliche Selbstanklagen ohnehin allzuwil-
lig seinen späteren Verächtern gefährliche Schlagworte geliefert.
Von dem desillusionierenden Erlebnis mit Frau von Grebel
war andeutungsweise schon die Rede.Man versteht, daß es tiefund choc-
artig in die Psyche des Dreiundzwanzigjährigen eingriff. Deutlicher faß-
bar ist der weltgeschichtliche Hintergrund, vor dem sich die Seelenge-
schichte des Dichters vollzieht und durch den sie größere Kühnheit und
Rücksichtslosigkeit gewinnt, denn es gibt für einen empfindlichen, zeit-
offenen Menschen wie Wieland kein streng abgedichtetes Privatleben,
nicht einmal in der späteren Zeit, da er es oft systematisch anstrebt. En-
de August 1756 ist Friedrich in Sachsen einmarschiert, der Siebenjährige
Krieg hat begonnen, genau also in der Zeit, welche der ersten Arbeit an
"Araspes und Panthea" vorangeht. Dazwischen, im September, liegt
eine Reise mit Breitinger nach Wintertbur und zwar zu demselben Pro-
visor Künzli, dem er ein Jahr später die Urfassung zur Beurteilung über-

92
König Friedrich. Zimmermann

gibt.s? Wahrscheinlich fällt in die Winterthurer Zeit jenes Wiederlesen


der "Kyropädie", welches Wieland in der Einleitung von 1760 aufHerbst
1756 datiert, und wahrscheinlich haben schon damals Gespräche über
eine Cyrus-Dichtung von ganz anderer Art stattgefunden, über das Cy-
rus-Epos für König Friedrich, von dem noch zu berichten sein wird. Der
Sieg des berühmten Aufklärers fordert in Wieland die Aufklärung.
Auch der Briefwechsel mit Zimmermann, dem wir fast alle Nachrich-
ten über Wielands große Wandlung verdanken, muß großen Anteil an
der plö tzlichenMetamorphose gehabt haben, denn er ist von einer bei un-
serm Dichter sehr seltenen Unmittelbarkeit und existentiellen Dichte.
Johann Georg Zimmermann stammt aus dem kleinen "Prophetenstädt-
chen" Brugg im Aargau wie jener Diaconus Stapfer, von dessen Verbin-
dung mit Wieland die Rede war. Auch den jungen Zimmermann hatte
die Zerstörung von Lissabon zu einer Dichtung veranlaßt, zu einem Lehr-
gedicht im Stile Hallers, zu dem er in einem ähnlichen Verhältnis stand
wie Wieland zu Bodmerund über den er eine Lebensbeschreibung (I 755)
veröffentlicht hatte. Zimmermanns Gedicht wurde von Bodmer und
Breitinger begeistert aufgenommen, und man ging alsbald daran, den
vielversprechenden Autor zu Hexameterdichtungen und literarkritischen
Werken im Sinne der Züricher Partei aufzufordern. Aber Zimmermann
interessierte sich mehr für Wieland, er bat um Vermittlung bei diesem:
die Solidarität der jüngeren Generation wird auch hier offenbar. Ab Mai
1756 kam ein Briefwechsel zwischen den beiden jungen Männern zu-
stande, der immer inniger wurde, obwohl oder vielmehr weil er mit schar-
fer gegenseitiger Kritik geführt wurde. Ab und zu gab es freilich Krisen,
die schmerzliche Lücken in diesem wertvollen Briefwechsel hinterlassen
haben. Aber die gegenseitige Anziehungskraft war so groß, daß die Brief-
freundschaft mehr als zehn Jahre überdauerte und, obwohl nur in der
Schweizer Zeit von spärlichen Zusammenkünften genährt, jederzeit die
persönlichen Männerfreundschaften des Dichters an Bedeutung über-
traf.
Wieland war von Zimmermanns Versen wenig entzückt, und als dieser
eine Ode auf den Preußenkönig sich abquälte, schrieb er ihm ganz offen,
er müsse mit dem Versemachen aufhören. Zimmermann gehorchte
trotzder Gegendemonstration Bodmers und begann so die Laufbahn,
die ihn zu einem der beliebtesten Prosaschriftsteller der deutschen Auf-

93
Die große Wandlung

klärung machte. In dem gleichen Sommer 1756, in welchem Wieland


noch vom Eremitenleben träumte, schrieb Zimmermann die erste Fas-
sung seines Buches "Über die Einsamkeit". Sein Ausgangspunkt ähnelt
also dem Wielands. Er leidet wie der Schwabe unter der Unzulänglich-
keit der Gesellschaft und drängt aus der Enge in die umfassendste Frei-
heit des Geistes. Auch der Charakter der beiden Schriftsteller zeigt auf-
fallende Ähnlichkeiten. Zimmermann ist wie Wieland leicht von neuen
Eindrücken verführbar, launenhaft und trotz großer Fähigkeiten zur
Darstellung nicht immer konsequent und gründlich. Es ist ergötzlich
zu sehen, wie die beiden in ihren Briefen immer darum einander so gut
zu kritisieren wissen, weil sie mit dem Freunde zugleich sich selbst
tadeln.
Es ist von großer Bedeutung, daß Wielands neuer Freund fünf Jahre
älter, Arzt und im gesellschaftlichen Leben erfahrener war. Damit
hatte er in den Dingen dieser Welt eine Überlegenheit über den schwär-
merischen Dichter, der sich dieser nicht lange entziehen konnte. Zu-
nächst schreibt Wieland, der berühmte Schriftsteller, dem literarischen
Anfänger ziemlich herablassend. Aber der Ältere läßt sich nicht ver-
blüffen; er gebraucht seine skeptische Laune und seine scharfe Feder
mit großer Geschicklichkeit. Wieland läßt die Maske allmählich fallen
und schließlich, in den späterenZüricher Jahren, haben die beiden ihre
Rollen vertauscht. Wieland wird sprühend und leichtsinnig, wie um
dem Freunde zu zeigen, daß er noch viel kühner spotten kann als er,
wenn er erst einmal will. Der spätere Herausgeber des "Teutschen Mer-
kur" ist von vomherein zu vielbeschäftigt, zu unruhig, um ein ganz
großer Briefschreiber zu sein. Auch der Briefwechsel mit Zimmermann
ist voller Entschuldigungen wegen seiner Saumseligkeit. Es gibt für ihn
zu viel Arbeiten, zu viel Zerstreuungen: "Die Stunden, da ich ein Ver-
gnügen im Briefschreiben finde, sind bei mir sehr selten. Gegen eine ein-
zige solche Stunde habe ich fünfzig, die ich lieber mit meinen Freunden
verschwatzen möchte." 88 Seine Persönlichkeit wird zu sehr von Werk
und Leben aufgesogen, um sich auch noch im Brief produktiv zu äußern,
aber in der Korrespondenz mit Zimmermann spüren wir ihn selbst und
den Zauber seines liebenswürdigen "Schwatzens".
Auch Zimmermann ist ein sehr eleganter Causeur, und Wieland hat
manches von ihm gelernt. Er hat den Erfolg des Buches "Vom National-

94
Französische Kultur

stolz" noch in Zürich erlebt; und wenn er auch über Zimmermanns


kavaliersmäßige Art zu philosophieren spottet, so ist doch unverkenn-
bar, daß sie aufihn Eindruck gemacht hat. So muß man schreiben, wenn
man Erfolg haben will! Je weniger Wielands "hohe" oder wenigstens
ernsthafte Dichtung Widerhall fand, um so mehr mußte ihm diese Art
von Schriftstellerturn verführerisch werden.
Noch schneller als durch sein Wesen wirkte Zimmermann durch seine
Bildung auf den damaligen Pietisten Wieland. Bodmers Bildungswelt
wird etwa durch die Worte Antike, Mittelalter, Renaissance, England
umschrieben. Schon in der Frage der englischen Literatur ist er nicht
so unbedingt führend innerhalb des deutschen Sprachgebiets, wie man
oft meint. Sein Briefwechsel mit Hagedorn zeigt, daß ihm darin, wie
leicht verständlich, der Hamburger weit überlegen war. Nur in dem
taktischen Ausspielen der englischen gegen die herrschende französi-
sche Literatur war er, auf der Grundlage von ält6ren Traditionen des
Schweizer Protestantismus (Muralt), viel eigensinniger und wohl auch
für Lessings entsprechende Einstellung von Bedeutung. Auch Wieland
hat seit der Bekanntschaft mit Bodmer wacker ins antifranzösische
Horn geblasen. Mit La Fontaine will er keine Zeit verderben, und Chau-
lieu ist neben Uz das Schreckgespenst des Verfassers der "Empfindun-
gen eines Christen". Von der englischen Literatur kennt er nicht nur
Shakespeare, Shaftesbury, Milton, Thomson, Young, sondern auch
Schriftsteller zweiten Grades wie Elisabeth Rowe und Henriette Byron.
Gegen Frankreich aber ist eine Mauer errichtet. Man horcht auf, wenn
gelegentlichMontaigne erwähnt wird(1753) 89 ; aber er wird, wie bekannt,
sogleichdurch Shaftesbury ausgestochen. Nicht nur die klassischen Fran-
zosen, sondern auch die großen Gesellschaftsschriftsteller der Gegen-
wart liegen außerhalb vom Gesichtskreis des frühen Züricher Wieland.
Nur von den exaltierten Schriften der Madame Guyon läßt sich der
Freund der Frau Amtmann von Grebel für einige Zeit beeinflussen.
Dagegen besaß Zimmermann eine große Belesenheit in der besten fran-
zösischen Literatur, und es ist in literarischer Beziehung sein Hauptver-
dienst, daß er jene BodmerscheMauer für Wieland weggeräumt und ihm
dadurch zu einem gesamteuropäischen Bildungshorizont verholfen hat.
Brugg, Zimmermanns Heimat, gehörte zum Berner Gebiet, und dort
stand man der französischen Kultur viel aufgeschlossener gegenüber

95
Die große Wandlung

als in Zürich, ohne deshalb französiert zu sein, was Hallers Figur zur
Genüge beweist. Wielands spätere Übersiedlung nach Bern ist auch in
nationaler Hinsicht der Versuch, sich aus Bodmers Enge zu befreien.
Noch kurz vor dem Umzug äußert er Bedenken gegen Bern als eine
"Aristokratie mit französischen Sitten". 90 Aber er entschließt sich dann
doch leichten Herzens, denn seine Auseinandersetzung mit dem fran-
zösischen Geist hat längst begonnen: 1758, etwa gleichzeitig mit dem
Übergang zur französischen Sprache im Briefwechsel. Er bittet Zimmer-
mann um seine Meinung über Maupertuis und Voltaire. Er selbst zollt
der FederVoltaires höchste Anerkennung, aber er kann den Mann nicht
lieben; auch nimmt er ihm seine Geringschätzung Shakespeares, den er
schon hochverehrt, übel.91 Dagegen bewundert er d'Alemberts großzügi
genaufgeklärten Geist: "C'est un auteur nach meinem Herzen." 92 Sehr
günstig ist auch sein Urteil über Diderot. Montesquieu steht in seinem
Akademie-Plan, von dem noch zu sprechen sein wird, an erster Stelle;
er ist neben Shaftesbury der einzige neuzeitliche Schriftsteller, dessen
Lektüre für den Unterricht vorgeschrieben wird. Gegen Ende seiner
Züricher Zeit beschäftigt er sich sogar mit dem Werk des Materialisten
Helvetius "De !'Esprit". In jeder Beziehung wird die Saat gesät,
welche einst in der Sphäre Warthausens aufgehen und blühen wird. Die
Entscheidung für den neuen Wieland fällt auch in der sekundären
Frage der Bildung schon in jenen Jahren.
Aber noch lebt er in Zürich, im christlich-deutschen Zürich, und er ist
zu tief mit der schönen Stadt verwachsen, als daß er sie jäh verlassen
könnte. Auch gehört er, so sehr er sich in den Briefen an Zimmermann
dagegen wehrt, für einen Hexametristen und Bodmerianer gehalten zu
werden, vor der Welt zur Partei Bodmers. Während er im Geheimen
"Araspes und Panthea" schreibt, wirken sich seine "Empfindungen
eines Christen" in der Öffentlichkeit erst recht aus, ja manche Werke,
deren Entstehung noch weiter zurücklag, werden erst jetzt in seiner
"Sammlung einiger prosaischer Schriften" (1758) allgemein
zugänglich. Seine Vergangenheit hält ihn davon ab, sich
selbst ganz zu verstehen und den Schritt zu tun, den er .doch ein-
mal tun muß. Wieland ist nie der Mann, harte klare Entscheidungen
zu treffen, und im jetzigen Augenblick, nach all den Wirrnissen, die er
erlebt hat, ist es kein Wunder, wenn er dem Neuen, das in ihm gärt

g6
Selbstbeurteilung

auch grundsätzlich mißtraut. Ist es nicht wieder eme neue Schwär-


merei? Soll dieses Schwanken zwischen den Extremen ewig weiter-
dauern? Er konnte sich wohl mit noch mehr Grund als früher ein "Rät-
sel" sein! "Sie kennen mich", so schreibt er dem Freund, "schon für
einen Menschen, der aus Lebhaftigkeit und Trägheit, Indolence und
Empfindlichkeit und tausend andern Widersprüchen so seltsam zu-
sammengesetzt ist wie die Bildsäule, dieNebucadnezar im Traume sah. '' 93
Immer wieder hört man ihn über die "Ungleichheit" seines Charakters
klagen. Er hat innerlich wohl niemals so tiefgelitten wie in diesem Über-
gang zwischen der Zeit der schönen Täuschungen und der Biberacher
Zeit, welche äußerlich bedrängter, aber wahrer und einheitlicher war.
Auch in die flotten Briefe des Desillusionierten dringt manchmal ein
Ton aus dem Abgrund dieser inneren Bedrängnis: "Ich schauere vor
mir selber. "e'
Er überschaut bereits sein ganzes bisheriges Leben aus großem Abstand,
und um sich besser zu verstehen und verständlich zu machen, plant
schon der Sechsundzwanzigjährige an Stelle einer Neuausgabe seiner
Jugendschriften eine "Kritische Geschichte seines Geistes und seiner
Schriften": "So ungleich Ihr Freund, mein liebster Zimmermann, sich
selbst erscheint, so viel Analogie und Zusammenhang würden Sie in
allen Entwicklungen, Ausschweifungen, Sprüngen, Flügen und Meta-
morphosen seines Geistes finden, wenn Sie eine chronologische Ge-
schichte desselben vor sich hätten. " 95 Nach "langer Überlegung" hat er
den Plan aufgegeben, in dem richtigen Gefühl, daß es nach solchen Er-
lebnissen besser sei zu schweigen. Die Beichte wäre wohl noch peinlicher
geworden als der "Anton Reiser" des Karl Philipp Moritz. Dafür hat
sich in zehnJahrenaus dem Erlebnis dieser leid vollen Metamorphose all-
mählich der erste9 6 deutsche Entwicklungsroman objektiviert, was un-
gleich fruchtbarer und folgenreicher als eine bloß private Selbstrecht-
fertigung war.

4· Klassizismus. Drama. Im Zwang der Maske

Wieland hat gegenüber den häßlichen Angriffen seiner Zeitgenossen


stets die Aufrichtigkeit seiner jugendlichen Schwärmerei geltend ge-
macht. In der Tat wird man vor "Araspes und Panthea" Lessings An-

Sengle, Wieland 7 97
Klassizismus

deutungenüber Wielands "doppelte Rolle" nicht Gehör schenken dür-


fen. Der junge Wieland hat sich auch da, wo er objektiv fehlging, mit
Haut und Haaren in seine unmöglichen Rollen hineingesteigert und
hineinempfunden. So viel Phantasie und Beweglichkeit konnte der
methodisch fortschreitende, rationalere Lessing nicht nacherleben, und
so kam es zu jener Verdächtigung. Gerade der immerwährende Wech-
sel, die "Charakterlosigkeit" des jungen Dichters zeigt, daß er sich nicht
bewußt maskierte. Dagegen muß in derspäteren Züricher Zeit zwischen
den verlorenen Geheimmanuskripten (Ur-Araspes, Der jüngere Lucian)
und den offiziellen Werken (Cyrus, Johanna Gray) eine so große Diffe-
renz bestanden haben, daß man mit einem gewissen Recht von einem
literarischen Doppelleben Wielands reden kann, - das freilich durch
seine schonungslose Selbstkritik, durch sein Mißtrauen gegenüber den
eigenen Extravaganzen verständlich und ergreifend wird. Er will nicht
mehr ruhelos zwischen Himmel und Hölle hin und her geworfen werden.
Er erfaßt, um seinen Wirren zu entgehen, entschlossen das Ideal der
Mitte. Das horazische "Dum vitant vitia, in contraria currunt" wird
ihm zur Warnung.e7 Er will jetzt maßvoll, ausgeglichen, wahrhaft
menschlich sein und schreiben. Kurzum der spätere Vollender des
literarischen Rokoko erhebt- es ist ein seltsamer, verfrühter Versuch
-eine Zeitlang klassischen Anspruch.
Als Wieland und Breitinger im September 1756 in Wintertbur eintrafen,
war Bodmer bereits anwesend. Es ist, nach dem Ausbruch des Sieben-
jährigen Krieges, eine Art Stabsbesprechung der Schweizer Literatur-
partei. Die Vorliebe des genialen Preußenkönigs für die Schweiz ist be-
kannt. Auch in Zürich war, so gut wie in der Heimatstadt Goethes, die
allgemeine Volksstimmung "fritzisch". Man darf nicht vergessen, daß
von jener Zeit Friedrich nicht nur als Soldatenkönig, sondern vor allem
auch als Philosophenkönig, als der aufgeklärteste der europäischen
Monarchen verehrt wurde. Dafür ist Voltaires Freundschaft mit dem
preußischen König das beste Sinnbild. Für Bodmer bestand noch ein
besonderer Grund, Friedrich dem Großen wohlgesinnt zu sein, denn
dieser hatte seinen Freund Sulzer nach Berlin berufen und zu hohen
Ehren erhoben. Überdies mochte dem unentwegten Literaturkämpen
Preußen zunächst als der richtige Partner in einem Zweifrontenkrieg
gegen das verhaßte Gottschedianische Sachsen erscheinen. Man gönnte

g8
"Cyrus"

den Leipzigern die preußische Besatzung von Herzen. Ein echter homo
religiosus war der Führer der Schweizerpartei wahrhaftig nicht, sondern
ein beweglicher Taktiker, und er war längst vom vielumstrittenen "hei-
ligen Epos" zum geschichtlichen übergegangen, als der Krieg ausbrach.
Schon 1753 war sein Columbus-Epos erschienen, und er ärgerte sich,
wenn es von boshaften Kritikern eine Patriarchade genannt wurde.
Auch er war also wieder dem Gesetz der Säkularisation verfallen, und
in dem Augenblick, da sein früherer Zögling aus den höheren Sphären
zurückkehrte, war die Möglichkeit einer neuen Zusammenarbeit nicht
ausgeschlossen.
In seinen Briefen an Zimmermann hat Bodmer i'm Jahre 1758 mit der
ihm eigenen Hartnäckigkeit ein geschichtliches Epos "Cyrus" für
König Friedrich gefordert, ohne, wie es scheint, etwas von Wielands Ar-
beit an einem solchen Epos zu wissen. 98 Es ist aber möglich, daß dieses
Cyrus-Projekt schon bei der Zusammenkunft vom Herbst 1756 zur
Sprache kam; Wielands Lektüre der "Kyropädie" fällt ja in diese Zeit.
Offenbar hatte Wieland damals noch keine Lust, zum Epos zurückzu-
kehren. Er war der Verse entwöhnt, überhaupt des hohen Stils über-
drüssig. Auch sonst zeigte er sich Bodmers Forderungen nicht mehr ge-
fügig. Den Briefen an Zimmermann ist zu entnehmen, daß er allen Auf-
forderungen, die angekündigte Dunciade zu verfassen, auswich. Nur
dem Revisor Künzli, dem er damals näher als Bodmer stand, kam er
mit einem "Schreiben an den Verfasser der Dunciade für
die Deutschen" zu Hilfe. Bei dem durch Lessings Aufsatz bekannt-
gewardenen Preisausschreiben der Berliner Akademie über Popes Meta-
physik war, trotzder Befürwortung durch Sulzer, Künzlis Abhandlung
nicht preisgekrönt worden, und Wieland übernahm die Aufgabe, dem
glücklicheren Gegner Künzlis tüchtig am Zeug zu flicken.
Diesem Freunde Künzli schickte der Dichter im Sommer 1757 ein großes
Fragment von "Araspes und Panthea" "verstohlener Weise" 99 , die Ur-
fassung. Wir wissen ja, daß er sich selbst zu mißtrauen begann: er war
nicht mehr weiblicher Verehrung, sondern sachlicher, männlicher Kritik
bedürftig. Die Arbeit an dem gefährlich neuen Werke war schon im
Frühling I 757 durch eine Erholungsreise ins Gebirge unterbrochen
worden, denn nicht nur Wielands Seele, auch sein Leib war in der Krisen-
zeit schwer gefährdet. 100 Nun kehrte er mit neuen Eindrücken und

99
Klassizismus

Plänen zurück und stand vor der Entscheidung, ob er "Araspes und


Panthea" vollenden oder andere Wege beschreiten solle. Künzli und
wohl auch andere Freunde versagten vor der ihnen gestellten Aufgabe,
die freilich auch eine ungewöhnliche Vorurteilslosigkeit verlangt hätte.
Sie kamen, vom Ideal der alten Vorbilddichtung befangen, über die
lebensgetreue Leidenschaftsdarstellung in Wielands kühnem Fragment
nicht hinweg,lOl und so fixierte sich der Cyrus-Plan in dem Dichter,
welcher- ein neuer Umweg für ihn war. Schon drei Jahre später wird
er klagen, er sei ihm von einem seiner Ruhe feindlichen "Dämon" ein-
gegeben worden. 102 Es war der Dämon des Ehrgeizes. Nicht in dem Sinne,
daß er durch eine billige höfische Preisdichtung die Gunst des Siegers
von Roßbach und Leuthen zu erlangen versuchte; aber er wollte durch
eine außerordentliche und überzeitlich gültige künstlerische Leistung der
Virgil dieses Augustus, der erste "Heldendichter" Deutschlands werden.
Jetzt erst wagt er, sich mit Klopstock zu messen. Seine Briefe zeigen nun
entschiedene Kritik an der hymnisch-religiösen Epik103 des Hochge-
rühmten: es ist keine Kunst, Engel darzustellen, von denen niemand
weiß, wie sie aussehen. Wo ist da ein Maßstab? Der "Messias" ist ein
"bezauberndes Ungeheuer", er wird ihn stets für ein "Abenteuer"
halten, denn der wahre Maßstab ist der Mensch. Sein Werk soll ein
"eigentlich menschliches Heldengedicht" werden und ein gültiges "stolzes
Werk": 104 "Voila unebizarre fille de muse, qui ne me laisse du repos, ni
jour ni nuit, m'obligeant de songer continuellement a l'execution d'un
poeme heroique de dix-huit chants, qu'elle pretend rendre par son in-
spiration un des plus beaux qu'on eussejamais vu, sans en excepter celui
du bon vieux pere Homere. "los
Es ist mir wahrscheinlich, daß Wielands Wiederaufnahme des Hexa-
meterepos nicht einfach eine Rückkehr zu Bodmer war- obwohl na-
türlich bei dem ehrgeizigen Spiel auch dieser Faktor in Rechnung ge-
setzt wurde-, sondern daß er in jener Zeit für einen Augenblick in die
Strahlung des Winckelmannschen Klassizismus geriet. Man kann es
freilich nicht ganz exakt nachweisen, aber wer den Dichter kennt, fühlt
die Veränderung der geistigen Atmosphäre in dieser Richtung. Winckel-
manns "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der
Malerei und Bildhauerkunst" waren 1755 erschienen, einige Stellen in
Wielands Briefen klingen an die bekannte Formel Winckelmanns an108 ,

IOO
"Cyrus"

und wir wissen, daß unser Dichter mit dem Hause Füßli bekannt war.
Schon die Gestalt des Theages, der ein großer Gemäldeliebhaber ist,
läßt sich zwangloser auf den Maler und Kunstschriftsteller Johann Ca s-
par Füßli als auf Meyer von Knonau beziehen, wie man bisher wollte.
In dem gleichen Jahr, da "Theages" entstand, erschien der erste Band
von Füßlis "Geschichte und Abbildung der besten Maler in der Schweiz"
(1755), in dem fraglichen Jahr 1757 erschien der zweite, und im Jahr
1758 setzt der Briefwechsel Winckelmanns mit dem Züricher Maler-
kreise, zu dem ja auch Geßner gehörte, ein. Es ist anzunehmen, daß
Wieland durch seine Verweltlichung diesem Künstlerkreise immer
näher kam und 1757 durch persönliche oder literarische Einflüsse un-
mittelbar in den Bannkreis des Winckelmannschen Klassizismus trat.
Jetzt erschien Bodmers Homerverehrung und die ganze verstaubte
Hexameterpoesie in einem neuen Licht.
Shaftesbury tat das Übrige, um ihm diesen Weg begehbar erscheinen zu
lassen. Cyrus soll die antikeKalokaga thie bzw. das Virtuoso-ldeal Shaftes-
burys verkörpern, die adelig schöne Seele. Er soll nicht nur ein Kriegsheld,
sondern auch ein Kenner der Werke des Friedens und ein Menschen-
freund sein.l0 7 Das im "Cyrus" aufgestellte Menschenbild ist viel "hu-
maner" als das von dem gleichzeitigen Lessing kultivierte Spartaner-
heldentum, weniger preußisch. Shaftesbury ist es auch, der unsern Dich-
ter über sein bisheriges, an Bodmer geschultes literatenhaftes Produ-
zieren emporhebt. Der "Advice to an author" belehrt den Dichter dar-
über, daß man, um gut zu schreiben, wenig schreiben muß. Wieland
hat an seinen späteren Dichtungen viel gefeilt; niemals aber mit einer
so leidenschaftlichen Geduld und Hartnäckigkeit wie am "Cyrus". Er
vergleicht die Kämpfe, welche er dabei zu bestehen hat, mit den Schlach-
ten des Siebenjährigen Krieges. "Sie können sich nicht vorstellen, wie
vielMühe mir der Stil und die Versifikation bei meinem Cyrus machen":
"Cyrus soll so vollkommen werden, als ich ihn machen kann."1os Als
er endlich dem Freunde nach mehr als einjähriger Arbeit den ersten
Gesang des Epos übersendet, geschieht es mit den emphatischen Wor-
ten: "Lesen Sie, und lesen Sie, wenn's Ihnen möglich ist, zweimal und
sprechen dann mein Urteil."l09
Auch der heutige Kritiker wird nicht leugnen können, daß die fünf aus-
geführten Gesänge des "Cvrus' 1 (1759) von vollendeter Schönheit sind.

IOI
Drama

Mit Recht durfte sich der Dichter noch in der klassischen Zeit, als die
Hexameterdichtung erneut modern wurde, dieses Werkes, besonders
der "Politur" seines Hexameters rühmen. 110 Der Abstand vom "Her-
mann" ist überwältigend, und zwar nicht nur hinsichtlich des äußeren
Stils. Während sich dort heldische und erotische Motive unerquicklich
mischen, ist hier alles aufgroße Menschlichkeit angelegt. Die Frau findet
man wie in Ewald von Kleist's "Cissides und Paches" ganz aus dem
Fragment verwiesen. Es wird kein Zugeständnis an den bürgerlichen
Geschmack gemacht, aber auch nicht, wie dort, an den barbarischen. Es
ist eine im besten Sinne adelige Dichtung. Im Vergleich mit Klopstacks
Epos fällt die schlichtere, wahrhaft epische Fügung auf, die Stetigkeit
und die Anschaulichkeit des erzählten Vorgangs. Empfindungsreiche
Partien werden nicht ganz vermieden, aber sie verselbständigen sich
nicht in lyrischer Weise.
Wenn ein solches Werk mit kaltem Stillschweigen aufgenommen wurde,
so konnte das nicht an seiner allgemeinen künstlerischen Qualität liegen.
Auch den "Messias" lasen, nach Lessings bekanntem Wort, wenige, wenn
ihn auch jeder bewunderte. Die Form des Großepos hatte trotz der
programmatischen Forderungen Gottscheds und Bodmers die innere
Berechtigung und Lebenskraft verloren, und selbst Goethe wird sie, bei
aller Bewunderung für Homer, nicht wieder zum Leben erwecken.l 11
Es war ein Glück für die deutsche Literaturgeschichte, so enttäuschend
es auch für das irdische Glücksverlangen unseres Dichters war, daß sich
kein fürstlicher Gönner fand, der durch eine Dichterpension die Fort-
setzung des "Cyrus" finanzierte, denn dadurch wäre Wieland, wie der
spätere Klopstock, aufein totes Geleis geschoben worden. So aber wurde
ein bedeutender Dichter veranlaßt, zum Publikum und zu seinen ver-
achteten Formen herabzusteigen (um sie zu heben!): zur Verserzählung
und zum Roman. Als der Berner Wieland 1760 seinen ersten Ansatz
zum Roman, "Araspes und Panthea", veröffentlichte, da lagtrotz Bod-
mers Ermunterungen, den "Cyrus" fortzusetzen, auch der ehrgeizige
Traum, ein preußischer Virgil zu werden, weit hinter ihm.
Weniger ernstgemeint war der Versuch mit dem Drama: "Johanna
Gray" (1758). In dem gleichen entscheidungsreichen Sommer 1757,
in dem er "Araspes und Panthea" liegen ließ und den "Cyrus" begann,
las er die "Jane Gray" des Engländers Nicholas Rowe. Er kam auf den

I02
.johanna Gray"

Gedanken, eine deutsche Bearbeitung des Dramas zu geben, aber schon


nach dem ersten Akt verlor er die Lust. Erst als im Winter darauf die
Ackermannsehe Truppe, durch den Krieg aus Deutschland vertrieben,
in Zürich gastierte, holte er den Entwurfwieder hervor und vollendete
ihn in wenigen Wochen. Es mußte ihn, federgewandt wie er war, reizen,
sich in der dramaturgisch rückständigen Schweiz Theaterlorbeeren zu
holen, und er ließ sich denn auch nach der Uraufführung in Wintertbur
(1757) fleißig feiern. Es handelt sich der barocken Vorlage entsprechend
um ein Märtyrerdrama. Johanna Gray läßt sich, auf den Wunsch ihrer
protestantischen Freunde, widerwillig zur Königin von England machen
und wird, weil sie ihrem Glauben treu bleibt, von der siegreichen Maria
Stuart hingerichtet. Der Verfasser selbst tadelte später, als Professor
der katholischen Universität Erfurt, die "etwas zu hoch getriebene
Religions-Parteilichkeit des Stücks" .1 12 Damals aber war sie gewiß eine
wichtige Ursache seines Erfolgs in Zürich, Basel, Winterthur, und be-
deutete eine Fortführung der innerlich längst überwundenen christ-
lichen Kulturpolitik, wie sie in den "Empfindungen eines Christen" so
laut verkündet worden war. Sein Wort von der "schlechtesten", aber
dafür geistlichen Dichtung bewahrheitete sich an seiner "Johanna Gray".
Man konnte es in Norddeutschland gar nicht glauben, daß er in der
Schweiz als Dramatiker erfolgreich gewesen, ja "beinahe vergöttert"
worden war. 11 s
Das Drama von der Märtyrerin Johanna Gray kam insofern Wielands
geistiger Lage entgegen, als auch er zu einer tragisch getönten Resi-
gnation gestimmt war. Auch er hatte ein Königreich verloren, indem er
aus einem vielversprechenden, berühmten zu einem vielgeschmähten
und an sich selbst zweifelnden Dichter geworden war. Während Jo-
hannas Verlobter Guilford an die "Harmonie der Dinge", welche kein
blinder Zufall stört, glauben kann (li, 2), spürt die Heidin selbst schon
im Glück das Verhängnis auf sich zukommen. Als es da ist, fühlt sie ihr
Wissen nur bestätigt: "Geheimnisvolles Schicksal! j Wie spielst du mit
den Menschen!- Diese schnelle Verwandlung!" (li, 6). Solche Worte
verraten ab und zu hinter dem konventionellen Aufputz den Dichter
selbst, sein neues Wissen um die rätselhafte Abhängigkeit des Menschen
von dem, was mit ihm geschieht. Die daraus entspringende Passivität,
die mangelnde "Handlung", also gerade das, was Lessing in seiner ver-

l03
Drama

nichtenden Kritik des Dramas tad.elt1 14 , verbindetden Dichter mit seiner


Heidin am tiefsten. Nicht weil er sich scheut, ein Gegenspiel von Teu-
feln auf der Bühne zu haben, wie Lessing spottet, sondern weil er in
seiner entsagungsvollen lyrischen Gestimmtheit überhaupt ein Gegen-
spiel, den "Kampf", scheut, entfernt er es von der Szene. Mit Recht
fühlt sich Michel an Wielands spätere Kultivierung des musikalischen
Dramas erinnert. 115 Er verringert die Figuren, er macht das kompliziert
und spannungsreich aufgebaute Staatsstück des Engländers zu einem
sehr schlichten Bürgerstück. Er hat, wie Lessing bemerkt, "einen präch-
tigen Tempel" zu einer "kleinen Hütte" umgebaut. Damit ist zugegeben,
daß dem Stück, trotzder Entlehnungen, die Lessing nachgewiesen hat,
ein gewisses Maß von Originalität nicht abzusprechen ist. Man sollte
also aufhören, den polemisch zugespitzten Vorwurf eines Plagiats, wel-
chen Lessing erhebt, uneingeschränkt zu wiederholen. "Johanna Gray"
ist ein echtes Kind der Empfindsamkeitsepoche. An die tiefere Schwäche
der Tragödie rührt Lessings Spott auf Wielands "liebe fromme Men-
schen". Was in den "Erzählungen" hinging, wird im Drama komisch.
Auch Lessings Hinweis auf die flüchtige Arbeit des Konjunkturdrama-
tikers ist berechtigt. Über Stil und Versmaß gleitet der große Kritiker
leider mit einem flüchtigen Lob hinweg, obwohl "Johanna Gray" das
erste deutsche Jambendrama ist, das über die Bretter ging und als sol-
ches eine gründliche Beurteilung verdient hätte. Die Verwendung des
Blankverses ist an sich nichts Auffallendes, denn Wieland konnte ihn
aus der englischen Vorlage übernehmen und hatte schon in den "Er-
zählungen" gelernt, ihn mit betörendem Wohllaut zu handhaben; doch
dürfte Lessings Gleichgültigkeit gegenüber dem Vers für Wielands
Prosa-Shakespeare wie ja auch für das Prosadrama des Sturm und
Drang verantwortlich gemacht werden. Nur die Versbearbeitung des
"Sommernach ts traum" hält die Linie, die zur "Alees te", zum "Na than"
und zur "Iphigenie" führt, fest und verrät etwas von dem unaufhör-
lichen und schließlich siegreichen Formstreben, das der Schwächere,
aller Ablenkungen ungeachtet, unwillkürlich bewährte.
Aber wie sollte ein solches Drama als Drama vor dem dramatischen
und dramaturgischen Meister im Norden bestehen! Man kann an
dem Dichter des "Cyrus" und der "Johanna Gray" beispielhaft
sehen, von welch schicksalhafter Bedeutung die Gattungen für einen

l03
Verfehlen der Gattung

Dichter sind. Der neue Wieland ist auf dem Wege, aber es fehlen
ihm die Formen, in denen er sich aussprechen könnte. Schon liebt er die
leichten Verserzählungen Priors und Ga ys 116 ; aber der Gedanke, sie
nachzuahmen, verbietet sich in dem Zürich Bodmers von selbst. Und
ebenso anrüchig ist der Roman. "Araspes und Panthea", dieser getarnte
Roman, mußte ihm auch abgesehen von den moralischen Bedenken seiner
Freunde als zweifelhaft erscheinen: durch die seltsame "Zwitterform"
mit der er kaum den Anspruch auf Dichtung erheben konnte. Um etwas
Allgemeingültiges zu leisten, greift er ehrgeizig zu den traditionellen
"höchsten" Gattungen der Dichtung: Epos und Drama. Aber er fühlt
am Ende wohl, daß er in ihnen noch weniger geleistet hat und daß ihm
überhaupt noch nichts Vollendetes gelungen ist. Ende 1758 zieht der
Fünfundzwanzigjährige in einem Brief an Zimmermann das schmerz-
liche Fazit: "Alles was ich bisher getan habe, sind Versuche, Flüge
jugendlicher Abenteuer meiner Seele, die sich zu fühlen anfängt. Ob
ich jemals fähig sein werde, etwas besseres zu machen, weiß der Him-
mel. "117

Die letzte Züricher Zeit ist, fast mehr als der Aufenthalt in Bern, die un-
mittelbare Vorstufe zu Wielands Biberacher Periode. Er liest Helvetius,
Swift, Lucian, Ariost. Das Gesicht des skeptischen Weltmanns tritt
immer klarer hervor. Im Bodmer kreis verliert man mehr und mehr das
Vertrauen zu ihm. Allerlei Klatsch läuft über ihn um. Der Jüngling, der
von früh bis spät an Bodmers Schreibtisch saß, ist nicht mehr zu er-
kennen. Er läßt es sich wohl gehen, er macht Besuche, er spielt. Er hat
durch manche bittere Erfahrung erkannt, daß man viel arbeiten, viel
Gedrucktes von sich geben und doch unfruchtbar sein kann. Aber wer
etwa dachte, Wieland könne jemals im bloßen Dasein versinken, der
täuschte sich. Auch in dieser Zeit schreibt er; nur bekommt es niemand
zu lesen außer dem vertrauten Zimmermann. Er beschwört ihn, "zu
keinem Menschen das mindeste davon transpirieren zu lassen": "Il y va
de la Das Buch sollte den Titel "Lucians des Jün-
geren wahrhafte Geschichte" tragenund waroffenbareine Satire
auf die politischen und religiösen Zustände in der Art Swifts.ll 9 Zum
erstenmal bindet Wieland die Maske des Narren um, damit die Toren
ihren Spaß und die Weisen zu lächeln haben: "je descends".l 20 Wieland

105
Im Zwang der Maske

scheint, wie wir noch sehen werden, das Manuskript in Bern vernichtet
zu haben; aber schon die bloße Nachricht von dem Werk ist wichtig,
weil sie am besten zeigt, wie deutlich in der Schweiz seine
wahre Figur unter der bodmerianischen Verhüllung sichtbar wird.
In allen diesen Jahren hat der Dichter an den Vormittagen seine Schüler
unterrichtet, und sie waren allmählich zu jungen Männern herange-
wachsen. Er mußte sich nach einer neuen Stellung umsehen, und es
wurde immer selbstverständlicher, daß das nicht in Zürich sein konnte,
wo er allzuviele Rollen gespielt hatte. Aus Preußen kam kein Ruf für
ihn, weder aus dem weltlichen noch aus dem geistlichen. Er war nach
außen hin immer noch Bodmerianer, und die geistige Entwicklung ging
in Berlin so entgegengesetzte Wege, daß selbst Sulzer nur noch mit
Mühe von König Friedrich zu halten war. Sicherlich hat die Kritik der
Berliner auch sonst im heiligen römischen Reich deutscher Nation dem
Rufe Wielands viel geschadet; er scheint im Anfang seiner Züricher Zeit
mehr Angebote erhalten zu haben als später. I 756 schien sich in Baden
eine Möglichkeit zu eröffnen. DerMarkgraf plante nach dem Muster des
Braunschweiger Carolinums eine "Ri ttera kadernie". Wieland wurde
aufgefordert, einen Plan einzureichen, abererhörte nichts mehr von der
Sache. 121 Im Sommer I 758 wird ihm eine Hofmeisterstelle bei einer
reichen protestantischen Familie in Marseille angeboten; der Wechsel
lockt ihn, doch zerschlug sich dieser Plan, wie auch das Projekt, mit
seinen Zöglingen eine Bildungsreise nach Westeuropa zu machen. Wie-
land, der Bewunderer des geistigen Frankreich, hat nie die französische
Grenze überschritten.
Am liebsten wäre ihm eine Professur in der Schweiz gewesen; noch im
Alter erzählt er von diesem Ziel als einem jahrelangen Traum. Schon
die wachsende Kultivierung seiner Freundschaften in Wintertbur und
Brugg dürfte verraten, daß er aus Zürich, aber keineswegs aus der
Schweiz herausstrebte, sofern ihm hier eine günstige Stellung geboten
wurde. Iselin, der junge vielseitige Ratsschreiber und philanthropische
Organisator in Basel, hatte mit Zimmermann dem Kreise Hallers in
Göttingen angehört und suchte nun nach neuen Institutionen und Men-
schen, um das erstarrte und allzu kaufmännische Basel zu reorgani-
sieren. Gute Wirkung versprach er sich von einer modernen überkon-
fessionellen Akademie zur Erziehung von Schweizer Patriziersöhnen.

106
Berufspläne

Schon 1744 hatte Franz Urs Balthasar in den "Patriotischen Träumen


eines Eidgenossen" derartige Gedanken erwogen; Iselin erneuerte sie
und bat auch Wieland um Unterstützung. Dieser ging mit Eifer aufdas
Projekt ein. Er schrieb zunächst den Aufsatz "Gedanken über den
patriotischen Traum, von einem Mittel, die veraltete Eid-
genossenschaft wieder zu verjüngern" (1758), in dem er die
grundsätzliche Möglichkeit einer Akademie darzulegen versuchte. Dann
folgte das pädagogische Programm unter dem Titel "Plan einer Aca-
demie zu Bildung des Verstandes und des Herzens junger
Leute" (1758), eine Bearbeitung des Badener Plans. In dem ersten
grundsätzlichen Teil erhebt der Dichter, im Gegensatz zur alten huma-
nistischen Wortgelehrsamkeit und zu allen "fürwizigen Specula tionen",
das Virtuoso-Ideal Shaftesburys bzw. das durch "Redlichkeit" ",Simpli-
zität", "Größe der Seele" bestimmte Bild der Plutarchschen Helden
zum pädagogischen Ziel. Der Erziehung zur gesellschaftlichen Brauch-
barkeit wird große Bedeutung beigemessen; dagegen ist die Religion in
den Hintergrund getreten. Der zweite Teil schildert mit bemerkens-
wertem Realismus die Einzelheiten von Lehrplan, Lehrkörper und Ein-
richtung bis hinab zum SilberlöffeL Wieland vergißt nicht, die Höh.. der
Professorengehälter festzusetzen. Iselins Plan zerschlug sich; trotzdem
wollte er den Dichter zu sich nach Basel ziehen und ihm beim Aufbau
einer Existenz als Privatdozent behilflich sein. Aber jetzt schlug bei
unserm Dichter die Abneigung gegen die Universitäten wieder durch,
zumal da ihm nach Iselins Schilderungen Basel auch sonst als eine Stadt,
"wo alles kaufmännisch denket", unsympathisch war. Bezeichnend für
die kontemplative Natur des jungen Schwaben ist der Lebensplan, den
er bei dieser Gelegenheit entwickelt: ich wünschte, daß ich "durch die
anständige Arbeit etlicher Jahre, und sollten es gleich ro oder 15 seyn,
mich in den Stand setzen könnte, mein übriges Leben, wofern ich länger
leben soll, in einer freien und philosophischen retraite anzubringen" ,1 22
"Retraite", "Asyl",das sind die Worte, mit denen er immer wieder sein
äußeres Lebensziel umschreibt. Er möchte noch immer dem Lebens-
kampf, soweit es irgend geht, ausweichen. Er denkt sogar an eine Geld-
heirat, die er freilich nicht unter jeder Bedingung eingehen will.123 Schon
tauchen journalistische Pläne auf: der Gedanke an eine hochstehende
Wochenschrift, die aber nicht seine ganze Zeit in Anspruch nehmen

107
Das Berner Zwischenspiel

dürfte. 124 Die Ratlosigkeit ist sehr groß, denn unser Dichter kennt sich
allmählich genug, um zu wissen, daß ihm jede Stellung Leiden verur-
sachen wird. Schon ergreift ihn ab und zu das Verlangen, nach Biberach
zurückzukehren, wenn er auch zweifelt, ob man ihn "in seinem kleinen
Vaterlande, welches er dennoch liebt," anstellen wird. Es bleibt immer
eine "angenehme Retraite" .12 5 Er entwirft Pläne, wie er dort Zimmer-
mann zum Stadtphysikus vorschlagen und mit ihm und seiner Frau
ein stilles Leben führen wird. Aber der Freund handelt inzwischen. Er
setzt seinen Berner Bekanntenkreis für Wieland in Bewegung, und
schließlich bietet ihm ein Patrizier eine Hofmeisterstelle an. Es ist ge-
wiß nicht das, was der Dichter gewünscht hat. Er zögert lange; erbe-
hauptet, er könne noch etliche Jahre ohne Verdienst vollkommen unab-
hängig leben. Überdies fürchtet er, es könnte bloß "eine Charite" sein.
Allein es hilft ihm nichts. Der Boden Zürichs brennt unter seinen Füßen;
er muß sich entscheiden. So verspricht er, im Juni 1759 nach Bern über-
zusiedeln, um im Hause des Landvogts Friedrich von Sinner ein paar
kleinen Buben Elementarunterricht zu geben 1 2 6
Er betrachtet die bescheidene Stellung nur als ein Sprungbrett in die
Freiheit. Er entwirft einen genauen Feldzugsplan, wie er in Bern lang-
sam seine bodmerianische Hülle abstreifen und sich mehr und mehr in
seiner wahren Gestalt zeigen wird. 127 Er sorgt für eine passende Notiz
in der Presse. 128 Nicht der Bodmerschüler, - Wieland kommt. Uner-
träglich ist ihm die doppelte Rolle geworden. Aber er hofft umsonst.
Solange er in der Schweiz ist, läßt ihn die Vergangenheit nicht los. Man
empfängt im ehrwürdigen Bern den Verehrer Ariosts, den Helvetius-
Leser, den ironischen Brieffreund Zimmermanns, den , ,jüngeren L ucian''
als einen Menschen mit einem Heiligenschein - als den Verfasser der
"Empfindungen eines Christen" .129

5· Das Berner Zwischenspiel

Berns Bedeutung für die Entwicklung Wielands wurde im allgemeinen


von der Forschung überschätzt, weil man zu chronologisch dachte und
die heimliche Geschichte seines Geistes in der späteren Züricher Zeit
nicht ernst genug nahm. Bern ist für den Dichter keine Epoche, sondern

!08
Anpassungsschwierigkeiten

eine Episode; und zwar nicht nur die erste Zeit in Sinncrs Haus, wo er,
an Heimweh nach seiner "zweiten Heimat" Zürich leidend und von
seiner pädagogischen Tätigkeit angeödet, ein pathologisches Aussehen
gewinnt 130, sondern auch die schönen Monate, die er mit Julie Bondely
wie ein Verzauberter verbringt.
Jedem, der das Intime von Wielands Individualität kennt, ist klar, daß
er unter der Veränderung schon als solcher leiden mußte. Er war das
Gegenteil eines Wanderers. Das Ansaugende, das im eigentlichen Sinne
Anhängliche seines Wesens machte ihm zu jeder Zeit seines Lebens den
Verlust von gewohnten Umgehungen und Menschen zu einem überaus
schmerzlichen Ereignis. Erst die Flucht zu Julk von Bondely heilt ihn
von seiner "Krankheit" . 131 Die Übergangsschmerzen wären auch an
andernOrten fühlbar gewesen; sie wurden aber dadurch verschärft,
daß die Atmosphäre des neuen Orts, obwohl Wieland von ihr wie immer
stark beeinflußt wurde, nicht so gewesen zu sein scheint, wie es seinem
Entwicklungszustande und seiner sich langsam festigenden Persönlich-
keit gemäß gewesen wäre. Bodmer, der seinen abtrünnigen Schüler all-
mählich kennengelernt hatte, sagt mit Recht: "Herr Wieland ist in
Bern nicht auf Wielandischem Grund und Boden." 132
Ein erstes Unglück war, daß er nicht nur seinen zehnjährigen Schüler
und dessen Freunde erstaunlich unwissend und untüchtig fand, sondern
auch fürSinner selbst, seinen Chef, wenig Sympathie aufbringen konnte.
Er hat dies Dienstverhältnis mit bemerkenswerter Entschlossenheit und
Weltklugheit rasch gelöst und sich durch philosophischen Unterricht
bei einigen älteren Patriziersöhnen eine Stellung geschaffen, welche der
Züricher, wie sie zuletzt war, ungefähr entsprach.
Auch andere Berner Bekanntschaften können nicht ganz nach seinem
Sinn und Wesen gewesen sein, wenn er auch in seiner Verlassenheit zu-
nächst dankbar und empfänglich für sie war. Am 13. Juni I 759 war er
im "Falken" zu Bern abgestiegen, und schon unter dem Datum des
25. Juni lesen wir zu unserm Erstaunen, daß er ein lehrhaftes "Gedicht
über die Agricultur in gereimten Versen angefangen" hat und im Laufe
des Sommers vollenden wird. Ein Lehrgedicht wie Hallers "Alpen"! Es
ist ein schlagendes Beispiel für dieMacht des Raumstils. Geht man näm-
lich der Sache genauer nach, so findet man, daß der neue einflußreiche
Freund Wielands, Bernhard Tscharner von Bellevue, ein Übersetzer und

l03
Das Berner Zwischenspiel

Epigone Hallers ist und 1754 ein Lehrgedicht über "Die Wässerung der
Äcker" geschrieben hat. 1 3 3 Wieland, schnell entzündet wie immer, will
sich auf die gleiche Branche legen; doch, es sei zu seiner Ehre gesagt, er
will es nur für einen Augenblick. Immerhin wirft der Vorgang ein Lieht
auf den altväterischen geistigen Raum, in dem sich der neue Freund
Swifts und Lucians bewegen mußte, wenn er nicht in eine gefährliche
Isolierung geraten wollte, und das konnte er schon aus äußeren Grün-
den nicht, denn er träumte noch immer von einer behaglichen Pro-
fessur in der Schweiz. 13' Es wollte ihm nicht möglich erscheinen, daß
so mancher Unbegabte im Leben fortkommen sollte und er nicht.
Der Dichter weilte mit Vorliebe auf Tscharners Besitztum Bellevue.
Die anmutige, zur französischen Kultur neigende Gattin des Gönners
ließ den Dichter nicht ganz unberührt. Mit Haller selbst, welcher der
Mittelpunkt des konservativen Bern war, kam er nicht in Kontakt, weil
dieser in Geschäften für die Stadt abwesend war. Aber mit andern an-
gesehenen Angehörigen der Berner Gesellschaft wurde er befreundet,
besonders mit Professor Fellenberg, einem Freunde Iselins, und mit
Professor Stapfer. Von der barocken Gesellschaftskultur war im aristo-
kratischen Bern noch viel mehr am Leben als in Zürich, wo der neue
bürgerlich-pietistische Individualismus längst Eingang gefunden hatte.
Der Einfluß des modernen Frankreich brachte nur eine Lockerung, keine
grundsätzliche Veränderung des alten Berner Zustands. Wieland emp-
fand, wie seine Briefe zeigen, den Unterschied zwischen dem gesell-
schaftlichen Bern und dem "natürlichen" Zürich sehr stark, und selbst-
verständlich war dem alten Freund der Einsamkeit dasZüricherLeben
eigentlich lieber, wie er übrigens auch die milde Landschaft Zürichs mit
dem See und den gemächlichen Spazierwegen in der strengeren Aare-
stadt vermißte. Aber er biß die Zähne zusammen und spielte das Spiel
mit, um es auch einmal zu "versuchen", um sich als der Weltmann, der
er in seinen Idealen längst geworden war, auch praktisch zu bewähren.
Er hat schon in manchen ZüricherBriefen über sein zerstreutes Leben
berichtet, doch diese ersten Monate in Bern übertreffen alles, was er
bisher an geschäftigem Müßiggang erlebt hat. Insgeheim spottet er
über die Gebildeten Berns, die so fleißig sind, nichts zu tun; ja er klagt.
Trotzdem ist er eine Weile von dem vornehmen und für ihn schmeichel-
haften Spiel gefangen. Aber schon nach zwei Monaten bricht sich mit

IIO
Julie Bondely

aller Gewalt Wielands Bedürfnis nach Stille und Einsamkeit Bahn; der
aus Berechnungen und Begierden gewobene Schleier zerreißt und er
bekennt: "Ich bin nicht für das, was man Welt heißt, gemacht. Alle
ihre Ergötzungen sind innerliche Plagen für mich, ob ich gleich aus
Gefälligkeit daran Anteil nehme, und vergnügt dabei scheine." 135 Sogar
die Aussicht auf eine Professur in Bern, ein Extraordinariat für Philo-
sophie, erscheint ihmjetzt als ein zweifelhaftes Glück, weil es ihn an Bern
fesseln würde. Schon interessiert ihn in Bern nichts mehr als diejenige,
bei der sich auch Rousseau wunderte, daß sie eine Bernerin war: "Die
letzten vierzehn Tage sind die einzigen, die ich hier gelebt habe; ich
war alle Tage bei Jungfer Bondely."
Julie Bondely hat im Unterschied zu Sophie La Roche keine Romane
geschrieben; dennoch war sie eine große Frau, noch bedeutender als
Sophie, vielleicht ein weibliches Genie, wie Wieland meint. 186 Ihre Briefe
haben nicht nur die Besten ihrer Zeitgenossen bezaubert; noch heute
strahlt aus ihnen ein solchesMaß von geistiger Selbständigkeit, Kühn-
heit und Schärfe, daß man an Frauen wie Caroline Schlegel erinnern
muß, um ihren Rang unter den Geistern anzudeuten. Sie war, wie der
Dichter wohl wußte, eher häßlich als schön, nicht reich, etwas älter als
er selbst und sehr kränklich. Dennoch geriet Wieland unter den Einfluß
ihrer klaren Persönlichkeit und ihres entschiedenen Geistes. In Zürich
war er verehrt worden; er spricht fast mit Geringschätzung von den
Damen, die er durch die Überlegenheit seines Geistes beherrschte. Hier
bei Julie durfte er selbst verehren, und zwar nicht nur mit der schön-
färbenden Phantasie des Jünglings, sondern mit der klaren Einsicht des
Mannes. Man muß es ganz deutlich sagen: Julie war dem Dichter als
Charakter und, wenn man das Wort in dem weiten Sinn der Aufklärung
nimmt, auch als "Philosophin" überlegen. Wielands erster Eindruck
von dem gescheitenMädchenwar vernichtend, weil ihn J ulie mit blitzen-
-der Beredsamkeit die Überlegenheit ihres Verstandes fühlen ließ. Er
spottete, ein Bauernmädchen aus dem Berner Oberland sei ihm lieber.
Er hätte aber nicht Wieland, der innigste Bewunderer weiblicher Gei-
stigkeit, sein dürfen, wenn er dem inneren Zauber Juliens lange wider-
standen hätte. Er verfiel dieser verehrenden Liebe, wie es seine Art war,
für einige Zeit vollkommen, und man betrachtete sich als verlobt. Sogar
der Briefwechsel mit Freund Zimmermann setzt, nicht ohne Schuld des

III
Das Berner Zwischenspiel

Dichters, ab Oktober 1759 für ein halbes Jahr aus. Aber auch dieser
Traum Wielands hält nicht stand. Schon im März 1760 spürt man ein
Aufbegehren gegen die Verlobung, und der Gedanke, Bern zu fliehen,
meldet sich dringend an: "Mich dünkt zuweilen, ich müsse bezaubert
seyn; Bern ist mir lieb, und doch weiß ich nicht, wie ich mich davon
losbinden soll. "137
Als Julie einige Jahre später vor der Entscheidung stand, ob sie den
von dernächsten Verzauberung reuig zurückkehrenden Verlobten wieder
annehmen solle, hat sie in klarer Erkenntnis des Gegebenen gezögert,
die dargebotene Hand zu ergreifen. War es denkbar, daß sie ein Paar
würden? Auch schon in Bern muß das Verhältnis der Beiden nicht un-
problematisch gewesen sein. Im Alter erzählte der Dichter, Julie habe
einmal zu ihm gesagt, "sie glaube gar nicht an seine Liebe. Sie halte dies
alles oft für eine bloße Illusion. , Sagen Sie mir', sprach sie, indem sie
mich mit einem durchbohrenden Blick anheftete, ,werden Sie nie eine
Andere mehr als mich lieben können?'" Wieland antwortet: nur wenn
er eine "noch schönere Person" in unverdientem Elend antreffen würde.l38
Es ist verständlich, daß das empfindliche Schönheitsgefühl des Dichters
über die Mängel von Julies Aussehen nicht hinwegkam, aber der Grund
für das Schwierige dieser Verlobung lag noch tiefer: in der persönlichen
Überlegenheit der Geliebten. Sie mußte lastend auf der Freiheit und
dem Schöpferturn Wielands liegen. Julie verkörpert in hohem Maße
und in bestem Sinne das Aufklärungsideal eines durch und durch sitt-
lichen und vernünftigen Menschen. Sie war später eine glühende Ver-
ehrerin Rousseaus und bekämpfte den Amoralismus des Rokoko ebenso
wie die theologischen oder pietistischen Formen des Glaubens. Durch
die Innehaltung und Verlebendigung dieses begrenzten geistigen Kreises
gewinnt ihre Gestalt eine imponierende Umrißschärfe und Sicherheit.
Nun vergegenwärtige man sich daneben den phantasievollen, beweg-
lichen Dichter, der auf dem Wege von spirituellen zu sensuellen Don-
quichoterien ihr Bereich durchquert. Wie hätte sie ihn in ihrem engen
Kreise festhalten sollen, ohne ihn in seinem schöpferischen Kern zu ver-
nichten! Als sie später seinen ersten Roman "Don Sylvio" liest, da ent-
geht ihr nicht, wie sehr er durch seine "moralische Perversion" im "Stil"
gewonnen hat 13 9, und erst jetzt dämmert ihr, welcher Künstler sich hinter
der schwankenden Persönlichkeit des Bemer Wieland verbarg. Sophie

II2
• Clementina von Porretta •

La Roche hat einmal gesagt, als ihr Gatte hätte Wieland nie den "Idris"
gedichtet. Julie hätte dies mit noch größerem Recht sagen können; und
wer Wielands Kampf gegen das Irrationale in sich, seine Bemühung
um ein sittlich-vernünftiges Leben kennt, weiß, daß Solches bei einem
andern Schicksal wirklich möglich gewesen wäre. Aber ob er dann über-
haupt etwas Eigenes Großes geschaffen hätte? Sehr tief in das Ge-
heimnis seines Schöpferturns und in das Problem dieser Verlobung läßt
eine seltsame Gesprächsäußerung blicken: "Hätte ich Julie Bondely
geheiratet, so wäre ich im ruhigen Selbstgenusse mit ihr nie der Schrift-
steller geworden, der ich bin:."ao
Julies ungünstiger Einfluß auf Wielands Produktion läßt sich auch in
dem einen Berner Jahr erkennen. Sie war es nach ihrem eigenen Be-
richte, welche durch die Kritik an "Lucians des Jüngeren wahrhafter
Geschichte" den Dichter zur Vernichtung des Manuskripts veranlaß te. 141
Die Berechtigung der Satire, überhaupt des "Witzes" im Unterschied
zur "Wahrheit" und zum "Herzen" wird im 18. Jahrhundert viel dis-
kutiert. Es ist selbst\ferständlich, daß die spätere Freundin Rousseaus
zu den Feinden einer beißenden Satire gehörte und dem Lucianischen,
Swiftischen, Voltairianischen in ihrem Verlobten verständnislos gegen-
überstand. Dazu paßt sehr gut, daß Wieland in Bern außer der Vollen-
dung der fünf Cyrus-Gesänge und der endgültigen, harmonisierenden
Fassung von "Araspes und Panthea" nur die Dramatisierung einer Epi-
sode aus Richardsons "Charles Grandison" durchgeführt hat. Mit der
Überwindung der Empfindsamkeit hatte er in den letztenZüricher Jah-
ren Richardson allmählich aus den Augen verloren; jetzt wird er für
Julie wieder hervorgeholt. Zugleich soll das Trauerspiel seinen theatra-
lischen Ruhm in der Schweiz aufrechterhalten. Dasdramaturgische Vor-
bild gibt Diderots bürgerliches Prosadrama. "Clemen tina von Por-
retta" (176o) muß Ende 1759 wie "Johanna Gray" in sehr kurzer Zeit
hingeworfen worden sein, und der theatralische Erfolg in der Schweiz
war nach Bodmers Bericht noch größer als beim ersten Drama. Daß das
Werk bei der norddeutschen Kritik keine Anerkennung finden werde,
wußten Bodmerund Wieland von vornherein.m Es ist ein Nebenwerk
ohne besonderen küns tierischen Anspruch und, wie es sich bei Wielands
gemächlicher epischer Natur von selbst versteht, dramaturgisch unzu-
länglich. Grubernennt es sogar seine "größte poetische Verirrung".ua

Sengle, Wieland 8 II3


Das Berner Zwischenspiel

Das Gefühl für die Rätselhaftigkeit des Schicksals, der Zweifel an einer
harmonisch-vernünftigen Ordnung der Welt, am Eudämonismus ist wie
bei "Johanna Gray" der Ausgangspunkt des Trauerspiels. Um was es
dem Dichter eigentlich geht, zeigt wieder nicht der auf Effekt aus-
gehende, forcierte Schluß, sondern der Anfang, etwa der Monolog
Grandisons: "Wie wunderbar ist mein Schicksal!- Von dem Tag an,
da ich meiner eigenen Führung überlassen wurde, war meine größte
Sorge, den geraden Weg der Rechtschaffenheit zu gehen, und mich nicht
durch eigene Schuld, durch Unvorsichtigkeit oder Leidenschaft in
Schwierigkeiten zu verwickeln.- Was hat es mir geholfen?- Eine un-
sichtbare Hand schien mich wider meinen Willen fortzuziehen, und un-
vermutet befinde ich mich in einem Labyrinth ohne Ausgang, ohne
daß ich mir einen vorsätzlichen Fehltritt vorzuwerfen habe." Es muß
an der tragischen Beschaffenheit der Welt liegen, daß in ihr auch tugend-
hafte und vernünftige Menschen ins "Labyrinth ohne Ausgang" geraten
können. Die "unsichtbare Hand" scheint nicht mehr für die "Vor-
sehung", sondern bereits für "Schicksal" zu stehen, wie es der Irrationa-
lismus der Goethe-Zeit verstehen wird. Insofern nun freilich in Wielands
Stück die Vernunft schließlich doch alle Widerstände besiegt, die einer
Ehe zwischen der katholischen Italienerin Clementina und dem prote-
stantischen Engländer Grandison im Wege stehen, insofem selbst die
Vertreter der römischen Kirche dem Projekt zustimmen und die lie-
bende Clementina sich nur durch eine plötzliche religiöse "Schwärme-
rei" selbst zugrunde richtet, wird die Tragik des Stücks in ihrer Ver-
bindlichkeit wieder sehr zweifelhaft. Clemen tinas plötzliche Angst, durch
die Heirat mit dem Ketzer ihre Seele zu gefährden, erscheint angesichts
der im ganzen Stücke herrschenden humanen Wertewelt als Grille, als
bloße "Ungereimtheit". Sie deutet zwar auf die "Natur", auf die Be-
schaffenheit von Welt und Menschen: so grillenhaftgeht es in der Wirk-
lichkeit zu, der Zufall beherrscht die Welt. Aber der Dichter selbst ist
im Stillen schon näher daran zu lachen als darüber zu weinen. Das
"Trauerspiel" tritt bei Wieland mit Notwendigkeit in dem Augenblick
auf, als ihm die vernünftig-schöne Ordnung der Welt als zweifelhaft er-
scheint, aber es verwandelt sich ihm alsbald ins Narrenspiel, weil ihm
eine gesetzmäßige (tragische) Unordnung noch nicht denkbar ist. Das
empfindsame Trauerspiel, eben weil es keine echte Tragödie, sondern

II4
Lessings Kritik

okkasionalistisches Rührstück ist, bildet die Vorstufe zu der satirisch-


komischen Dichtung Wielands. Die Parodie ist auf dem Marsch.
Dem Dichter selbst war die Brüchigkeit seines Zustandes bewußt. Ge-
legentliche Briefäußerungen zeigen, daß er in jener Zeit derMöglichkeit
ins Auge sah, amEndeseiner literarischen Laufbahn zu stehen. Ja sogar
öffentlich, in der Vorrede zu "Araspes und Panthea", spricht er von der
"glücklichen Dunkelheit", in der er sein Leben zu beschließen gedenkt.
Er geht an die Ausbesserung seiner poetischen Werke, um sie gesammelt
herauszugeben, und wo etwa die Hoffnung auftaucht, durch Julie zu
neuer Dichtung begeistert zu werden, da geschieht es unter dem Motto:
"keine Verse, keine Reime und keine Hexameter!" 144 "Clementina von
Porretta" ist also nicht nur infolge des äußeren Einflusses von Diderot
in Prosa geschrieben. Wieder wie 1754 ist ihm nach der Beschäftigung
mit einem Epos die Versdichtung, die hohe Dichtung, zweifelhaft ge-
worden. Trotzdem wagt er den Schritt zum Roman noch nicht: der
frömmelnde Dramatiker, der Eiferer gegen Uz darf, solange er in der
Schweiz lebt, gar nicht daran denken, so tief "herabzusteigen". Die
Berner Zeit ist ein an Ideen auffallend armes Jahr, ein konservatives
Zwischenspiel. Dem entspricht eine erneute Annäherung an Bodmer
und Breitinger. Wieland gibt Rechenschaft über seine persönlichen Um-
stände und über die journalistischen Pläne, die auch in Bern nicht
ruhen. Der nächste Grund für diese neue Sympathie ist wohl das Leiden
unter dem gemeinsamen Feind. Die Berliner Kritik hat in den Jahren
1755-1760 die Schweizer Partei, nicht anders als Gottsched, in den
Augen der öffentlichen Meinung Deutschlands so ziemlich erledigt.
Wieland ist besonders im 7.-14. der "Briefe die neueste Literatur be-
treffend" ( 1 759) von Lessing vorgenommen und übel zugerichtet worden.
Sein Privatleben, die Motive seiner christlichen Wendung und seines
Angriffes aufUz werden verdächtigt; ja Lessing geht so weit, den Vor-
wurf der Irreligiosität auf Wieland zurückzuschleudern und die Theo-
logen zu warnen, sich "in das poetische Interesse des Herrn Wieland
verwickeln" zu lassen. "Shaftesbury ist der gefährlichste Feind der
Religion, weil er der feinste ist." "Die christliche Religion istbeydem
Herrn Wieland immer das dritte Wort. -Man prahlt oft mit dem, was
man gar nicht hat, damit man es wenigstens zu haben scheine." Das
Bündnis der echten Aufklärung mit der echten Orthodoxie war nicht

IIS
Das Berner Zwischenspiel

nur taktisch bedingt, sondern entsprach der dringend notwendigen Auf-


gabe, die unechte Mischung von Religion und Kultur, wie sie die Emp-
findsamkeit erzeugt hatte, zu entwirren und zu klaren Grenzlinien zu
kommen. Dem Wieland von 1760 konnte Lessings Kritik nur eine Be-
stätigung seiner eigenen, schmerzlich gewonnenen Erfahrungen sein. Es
könnte dem oberflächlichen Betrachter merkwürdig erscheinen, daß in
der Neuausgabe seiner "Poetischen Schriften" ( 1 762) der geistliche
Charakter mancher Werke, z. B. des "Gepryften Abraham", nicht ge-
mildert, sondern erheblich verstärkt ist! Die ästhetisierenden Partien
sind gestrichen. Diese Tatsache entspricht aber dem neugewonnenen
und von da an lange festgehaltenen Grundsatz, Geistliches und Welt-
liches klar voneinander zu scheiden. In allem hat Lessings Kritik nicht
recht behalten; so ist besonders seine geringschätzige Deutung des von
Shaftesbury und Wieland herangezogenen Kalokagathie-Ideals der
Griechen nicht berechtigt und jedenfalls von der Goethe-Zei t abgelehnt
worden. Hierin blieb dem Süddeutschen die tiefere Wirkung vorbe-
halten. Und von Anfang an konnte Wieland insofern zufrieden sein,
als Lessing nur an seinem Charakter und an dem Inhalt seiner Schriften
Kritik übte, nicht aber an seinem dichterischen Talente. Wieland ist
"ohne Widerrede einer der schönsten Geister unter uns". Aus dieser An-
erkennung ergab sich die Möglichkeit einer Neubesinnung. Ich bin mit
Hettner davon überzeugt, daß Kritik letzten Endes "heilsam"
für unsernDichter war.m Zunächst aber war sie niederschmetternd und
hat zu Wielands resignierter Stimmung in Bern, zu seinem gelegent-
lichen Gefühl, am Ende zu stehen, zweifellos beigetragen. Er denkt
nicht daran, den Kampfmit Lessing aufzunehmen. Er bittet auch Bod-
mer, für dessen Sünden er allemal mitbüßen muß, "mit dem Knaben
Lessing säuberlich zu verfahren", nicht nur "weil er Hörner an der
Stirne" hat, sondern auch weil der "magistralische Ton" seinen Zweck
verfehl tU&, weil, wie er ehrlich hinzufügen könnte, ihm die alten Ideale,
nicht mehr des Kampfes wert sind. Er bekennt sich zu einer förmlichen
"Toleranz" gegenüber Gottsched, Nicolai und Lessing und rechtfertigt
die Beziehungen, die Zimmermann und andere Schweizer mit Nord-
deutschland aufgenommen haben. Er ist nach so viel Irrtum und Leid
des Haders müde: "Ich hülle mich gelassen in den philosophischen
Mantel und lasse über mich herabregnen, bis es aufhört."m

n6
Entsagung

Wieland hat seinem Ehrgeiz entsagt; aber es erhebt sich seit seiner Ver-
lobung mit doppelter Dringlichkeit die Frage, wie er, der vielumstrit-
tene Schriftsteller, zu einer bürgerlichen Existenz gelangen soll. Die
Begeisterung für König Friedrich hat unter dem Einfluß Berns und
Julies fühlbar nachgelassen; er macht jetzt keinen Unterschied mehr
zwischen den verschiedenen Nimrods und Attilas, welche die Welt mit
Kartätschen zur Bewunderung zwingen wollen. Wie sehr Bern dem Ein-
fluß Preußens entlegen war, zeigt der Umstand, daß man dort einen
"Anti-Philotas" früher zu Gesicht bekam als Lessings "Philotas".us
Auch dem Dichter selbst mußte der preußische Spartanerkult wie alles
männische Wesen zuwider sein. Dennoch zeigt die Widmung der "Cle-
mentina von Porretta" für eine Prinzessin von Preußen, daß Wieland
nicht aufgehört hat, auf die Hilfe des Berliner Hofes zu hoffen. Viel-
leicht geschieht durch die Frauenzimmer das Wunder, nachdem die
Geistlichkeit und Majestät selbst ungerührt geblieben sind! Noch viele
Jahre wird der Dichter vergeblich von der Gnade der deutschen Groß-
mächte träumen. Im Vordergrund aber steht augenblicklich ein anderer
Plan; denn die trüben Lebenserfahrungen haben ihn allmählich dazu
gebracht, mit Wenigem zufrieden zu sein. Er will, so schreibt er dem
Freunde Zimmermann, um ganz unabhängig zu sein, allem Streben
nach einer öffentlichen Verwendung entsagen und eine Buchhandlung
mit Verlag in Zofingen begründen; Tscharner und andere Freunde haben
ihn dazu aufgemuntert. Als erste Aufgabe des Verlages werden Über-
setzungen genannt, vor allem Shaftesbury und Xenophon, als zweite
die Verwirklichung seines journalistischen Plans, einer Zeitschrift mit
ausgewählten Aufsätzen und Dichtungen von den besten Geistern
Deutschlands.m An diesem letzten Punkte wird Wieland mit seinem
"Teutschen Merkur" in Weimar wieder einsetzen. Dazwischen aber
liegen 12 Jahre, in denen er sich trotz seiner Sehnsucht nach Unab-
hängigkeit gehorsam dem Joche öffentlicher Ämter unterworfen hat.
Schon zwei Tage vor dem Brief, in dem er Zimmermann seinen Verlags-
plan entwickelt, am go. April q6o, war er einstimmig zum Senator der
Reichsstadt Biberach gewählt worden.
Die Annahme des Rufes, welchen die Vaterstadt an ihn ergehen ließ, ist
nichts so Besonderes und Edelmütiges, wie oft dargestellt wird. Man
vergiBt, daß er sich drei Monate vorher ohne Erfolg um ein Amt in

II7
Das Berner Zwischenspiel

Biberach beworben hatte. 150 Der Rufwar dem Dichter viel eher ein Ge-
schenk als eine erhabene patriotische Pflicht. Freilich war er auch noch
in diesem Zeitpunkt der Überzeugung, nur eine vollkommen unabhän-
gige Stellung passe zu ihm. Aber er wußte jetzt, daß man mit einem
solchen Ausnahmeschicksal nicht rechnen darf. 151 Wenn er schon auf
ein anspruchsvolles Berufsdichterturn in der Art Klopstocks Verzicht
leisten und die Mühen eines alltäglichen Lebens auf sich nehmen mußte,
so war Biberach noch der beste Ort dafür, denn dort war seine Heimat,
dort war sein Geschlecht von alters her beliebt und angesehen. Das Ver-
lagsprojekt, dies konnte ihm nicht entgehen, war doch sehr zweifelhaft
für einen Mann seines Schlags und mußte ihn wahrscheinlich noch mehr
in das verhaßte "zerstreute" Leben führen als das Amt im geruhsamen
Biberach. Er war in die Schweiz gegangen, um sich vor dem gewöhn-
lichen Los der Sterblichen zu bewahren und ein großes freies Dichter-
leben zu führen. Aber diese Zeit war eine Kette von Donquichoterien
gewesen und hatte nicht nur ihn selbst abhängig, sondern auch sein
Dichten wurzellos und unecht gemacht. Jetzt war er gedemütigt und
bescheiden genug, um heimzukehren und das allgemeine bittere Schick-
sal der Menschen auf sich zu nehmen. Er wußte noch nicht, daß gerade
diese Entsagung ihn freimachen und seinem Geiste die ersten großen
Meisterwerke bescheren sollte.

rr8
III. SELBSTBEWÄHRUNG IN BIBERACH

Wenn in der Literaturgeschichte von der Biberacher Zeit Wielands ge-


sprochen wird, so pflegt sich die Vorstellung von einem Dichter einzu-
stellen, dessen eigentliche Heimat nicht die kleine schwäbische Reichs-
stadt, sondern der "französierte" Kreis des großen Grafen Stadion im
nahen Schloß Warthausen war. Es scheint dann so, als sei Wielands
höchster Ehrgeiz gewesen, diesem exklusiven Kreis zu gefallen und ein
zeitgemäßer "Gesellschaftsdichter" zu werden. Man kann auf einzelne
Briefäußerungen und Dichtungen hinweisen, die dieses Bild zu bestäti-
gen scheinen, aber man vergißt, daß der Biberacher Wieland nicht nur
der Verfasser der "Komischen Erzählungen", sondern auch der Ver-
ehrer und Übersetzer Shakespeares und der Schöpfer des ersten deut-
schen Erlebnisromans war, daß er die übliche Gesellschaftsdichtung
in französischer Sprache, auch wenn sie von seiner Freundin Sophie La
Roche gepflegt wurde, entschieden ablehnte, daß er sich ebenso heftig
über die kalten Weltleute in Warthausen wie über die Spießbürger
Biberachs äußerte, daß er im Gefühl seiner Andersartigkeit La Roche
und den Grafen jahrelang gemieden hat und nur durch die Vermitt-
lung der Freundin nicht ganz mit ihnen zerfallen ist.
Der wahre Grund von Wielands Biberacher Existenz ist das leiden-
schaftliche Bemühen, nach den Selbsttäuschungen und Verirrungen
der Bodmer-Zeit endlich ganz er selbst zu sein und sich, begünstigt
durch die äußerst komplizierten Verhältnisse seiner Umwelt, zwischen
den gesellschaftlichen Gruppen eine selbständige Stellung zu schaffen,
-ein kühnes Unternehmen, das, wie man zu wenig weiß, den Dichter
tief in die Einsamkeit und an den Rand des Abgrundes gebracht hat.
Auch er ist, wie Lessing und später so mancher Dichter, erst im Wagnis
und in der Bedrängnis groß geworden.
Freilich vollzieht sich Wielands Selbstbefreiung verhältnismäßig ver-
borgen. Es gibt keine Flucht aus Biberach, keine fulminanten litera-

II9
Selbstbewährung

rischen Händel, kein lautes Genietreiben. Er fügt sich, so gut es geht,


noch den Formen der Rokoko- Welt, in die er nicht nur auf Warthausen,
sondern auch in seiner verschnörkelten Vaterstadt geraten ist, er quit-
tiert den Neid und die Kleinlichkeit seiner Mitbürger am Ende mit
einem sehr dankbaren Entlassw;gsschreiben an den Rat, er beschließt
seine Liebesabenteuer mit einer sehr konventionellen Ehe und auch der
Konflikt mit dem Grafen Stadion ist nicht von Dauer. Man wird viel-
leicht sagen: er lernt es allzu gut, zwischen seinem freien geistigen Ich
und der Welt- welche er dem Narren turn überläßt -zu unterscheiden;
er zerreibt sich nicht wie Lessing im Kampf gegen die Vorurteile seiner
Umwelt. Aber man muß die Biberacher Zeit Wielands genau kennen,
um zu verstehen, welche Erlebnisse diese Haltung veranlaßten. Wenn
er überhaupt zur Gestaltung vordringen wollte- und er wollte es unr
bedingter als Lessing - , so durfte er nicht in der Sphäre des Kamp-
fes aufgehen. Wieland war kein Pionier, kein Finder neuer große-
Inhalte, sondern zuerst und vor allem ein Künstler. Aber Goethes
Wort, daß der Dichter zuerst leben müsse, um zu dichten, 'bewahrheitet
sich, in einem kräftigen Ansatze, doch auch -schon bei ihm. Nicht
nur die besten Biberacher Dichtungen, "Die Geschichte Agathons" und
"Musarion", sondern auch die beiden Meisterwerke seines zweiten Gip-
fels, "Die Geschichte der Abderiten" und weniger offensichtlich "Obe-
ron", wurzeln im Erlebnis der wenigen Jahre, in denen Wieland wirklich
einmal, in dichter Existenz, er selbst, nicht nur ein empfindsamer oder
ironischer oder lehrhafter Causeur war, und so tun wirgut daran, sein
BiberacherLeben näher zu betrachten, und zwar nicht nur die Salonge-
spräche auf Schloß Warthausen, für die er ein besonderes Gesicht auf-
setzte, sondern zunächst die Erfahrungen mit der engen Welt in seiner
Nähe, der er trotz allem tief verbunden war in Kampf und Freude,
in Liebe und Haß: er ist, als er in Biberach beginnt, fast eher der
leidenschaftliche Coriolan und Romeo Shakespeares als der über-
legene Dichter der "Abderiten".

I20
WIELANDS GARTENHÄUSCHEN IN BIBERACH
1. Die bürgerlichen Existenzgrundlagen

Spätbarocke, rokokohafte Welt umgibt ihn insofern auch in der Reichs-


stadt Biberach, als die dortigen Kämpfe konfessioneller und politischer
Art ganz aufder Ordnung des 17. Jahrhunderts beruhen. Es geht stets
um die sehr komplizierte, verzapfte Interpretation der alten Rechte;
es ist ein Zustand, den Wieland selbst als spätzeitlich und untergangs-
reif empfand und in den er sich erst nach heftiger Auflehnung zu schik-
ken lernte - um nicht, noch eher als die überlebten Zustände, selbst
unterzugehen.
Während der Reformation war ein Teil der Bevölkerung dem neuen
Glauben zugefallen, ein anderer, besonders die Patrizier, katholisch ge-
blieben. Durch den Westfälischen Frieden war dieser Zustand rechts-
kräftig geworden. Biberach gehörte in die kleine Zahl der paritätisch
geordneten Reichsstädte. Die meisten Ämter waren doppelt besetzt,
sogar zwei Apotheken gab es, eine evangelische und eine katholische,
und als die Katholiken eine Hexe verbrannten, konnten die Lutheraner
nicht umhin, es ihnen nachzutun. 1 Das "Abderitentum" Biberachs
hatte also, wie das von ganz Deutschland, ein sehr ernstes Gesicht. Der
religiöse Fanatismus und Hader, die Prozeßsucht, der Schwarm-Geist
im ursprünglichen Sinne des Wortes, waren grenzenlos. Man kann sich
kaum eine Vorstellung machen, wieviel Papier und Zeit und Leiden-
schaft verschwendet wurden, um die geringsten Fragen mit der ge-
bührenden Umständlichkeit durchzukämpfen.
Ein Beispiel, das durch seine Verewigung in der "Geschichte der Ab-
deriten" Berühmtheit erlangt hat, war der Fall Brechter. 2 Um die Zeit,
da Wieland in die Heimat zurückkehrte, waren mehrere Stellen neu
zu besetzen. Jede Stelle konnte zum Anlaß leidenschaftlicher Partei-
kämpfe werden, auch das Amt des jüngsten Diakonus, also die unterste
geistliche Stelle. Brechter, der sich als Bewerber einstellte, stammte aus
dem großstädtischen Augsburg und hatte wegen seiner philosophischen
und künstlerischen Neigungen von vornherein die Sympathien des
geistig vereinsamten Dichters. Aber auch Wielands Vater, der soeben
zum Senior, d. h. zum ersten Geistlichen der Republik, aufgerückt war,
unterstützte diesen Kandidaten, da er vor dem Biberacher Konsisto-

122
Parteikämpfe

rium ein gutes Examen abgelegt und seine Probepredigt mit großem
Erfolg gehalten hatte. Den Einwendungen eines Kollegen, der einem
seiner eigenen Schützlinge das Amt verschaffen wollte und Brechter für
nicht genügend orthodox erklärte, schenkte er keine Beachtung, ob-
wohl er theologisch nicht ganz mit dem Freunde seines Sohnes überein-
stimmte. Man sieht: er war nicht so eng, wie man aus gelegentlichen
Äußerungen des Dichters schließen könnte.
Die Feinde Brechtcrs hatten, wie die Biberacher überhaupt, gute Be-
ziehungen zu dessen Heimatstadt Augsburg, und sie förderten ein Ge-
heimnis zutage, das der Kandidat selbst sorgfältig verborgen hatte. Er
war in seiner Jugend ein Tunichtgut gewesen, ein Mädchen- und Thea-
ternarr; anstatt in der Schule oder im ehrsamen Handwerk des Vaters
seine Bürgerexistenz zu begründen, war er nach vielen Streichen zu den
Komödianten weggelaufen und hatte sich gar noch einen Spaß daraus
gemacht, mit der Truppe nach Augsburg zurückzukehren und seine
ehemaligen Genossen mit derben Hanswurstpossen zu ergötzen. Solche
Nachrichten mußten der Opposition gegen Brechter größten Auftrieb
geben. Konnte ein ehemaliger Hanswurst Pfarrer in Biberach werden?
Man kann sich vorstellen, daß die Mehrheit der evangelischen Gemeinde
diese Frage verneinte, zumal da die Komödianten noch immer als Ab-
schaum der Gesellschaft galten und hie und da auch wirklich waren.
Die Nachforschungen, welche Senat und Konsistorium über Brechter
anstellten, ließen indes erkennen, daß er längst die Torheiten seiner
Jugend bereut und zu einem anständigen Leben zurückgefunden hatte.
Sogar der ehrwürdige Brucker gab sein ausdrückliches Placet, denn
Brechter war ein guter Kopfund eine Hoffnung der theologischen Welt.
Für das Konsistorium von Biberach waren damit die Voraussetzungen
zu seiner Amtseinsetzung gegeben. Aber die Opposition gab sich nicht
zufrieden; der blaue Rock und der Haarbeutel des Kandidaten ver-
rieten allzu deutlich seine weltliche Gesinnung. Noch an dem Sonntag,
auf den Brechtcrs Ordination festgesetzt war, versuchte sie durch öf-
fentliche Demonstrationen eine Änderung des Obrigkeitsbeschlusses
zu erzwingen. Der evangelische Bürgermeister, in Begleitung des Kanz-
leiverwalters Wieland, mußte den Kandidaten höchst persönlich durch
den Tumult in die Kirche führen. Brechter wurde ordiniert; aber seine
Stellung blieb schwierig, und als ihm einige Zeit darauf ein Stellen·

I23
Die bürgerlichen Existenzgrundlagen

tausch mit dem Diakonus von Schwaigern vorgeschlagen wurde, waren


er und seine Freunde mit dieser Lösung des Konfliktes sehr zufrieden.
So ging es in den kleinen Reichsstädten des heiligen römischen Reiches
zu! Wieland hatte sich von früh an nach einem dichterischen "Asyl",
nach einer "Retraite", nach der Idylle gesehnt, aber Biberach wurde
zu seinem heißesten Kampfplatz, zumal da er das Unglück hatte, selbst
zum Objekt der Biberacher Politik zu werden.
Wielands Mutter hatte dafür gesorgt, daß Cateau Gutermann, die
äußerlich noch schöner und reizvoller als ihre Schwester Sophie gewesen
sein muß, einen älteren angesehenen Biberacher, den Kanzleiverwalter
von Hillern, zum Gatten bekam. Da konnte es nicht fehlen, daß Wie-
land zum Senator, und als von Hiliern bald darauf Bürgermeister wurde,
zu dessen Nachfolger in der Kanzlei erwählt wurde (Juli 1760). Der
Weg zu den höchsten Gipfeln der Republik stand dem Sohne des
Seniors offen, zumal da vorgesehen war, daß er, wie üblich, die Tochter
seines Vorgesetzten heirate. Das Ganze war ein Meisterstück der Wie-
landseben Hauspolitik. Die Frage war nur, ob der junge Dichter selbst
in dieser Kette ein solides und gefügiges Glied sein werde.
Schon im Jahre 1754 hatte Vater Wieland große Mühe gehabt, ein fäl-
liges Familienstipendium für seinen Sohn zu bekommen. Man hatte in
Biberach den merkwürdigen Schöngeist noch immer nicht ganz ernst
genommen und gefordert, daß er sich endlich "zu einem gewiesen dem
Publico nützlichen Studio entschließen solle". 3 Damals hatte der Vater
in einem weitläufigen Gesuch mit berechtigtem Stolze alle Einwände
gegen die "Nützlichkeit" seines Sohnes zurückgewiesen. Er hatte ein
Schreiben von Bodmer, dem Professor und "Senator der souveränen
Republique Zürich" zitiert, wonach die vornehmen Züricher demjungen
Wieland tugendhafte und patriotische Gemüter zu danken haben, und
er hatte behauptet, sein Sohn bilde sich nicht nur in der Philosophie,
sondern auch in der Jurisprudenz weiter. Der gewaltigste Trumpf aber
war das "Testimonium omni exceptione majus fide dignissimum Sr.
Hochwürdigen Magnificenz des weltberühmten Tübingischen Canzlers
herrn D. Pfaffen welches ... meinem Sohne mit den Worten erteilet
wird: ,Herr Wieland stehet beymir in großem Credit, weil ich ihn für
einen der größesten deutschen Poeten dieser Zeit und eine Zierde seiner
Vaterstadt achte.'"

I24
Wielands Prozeß

Gegen schwere Waffen hatten die Feinde des Seniors nichts einzu-
setzen gehabt, und so waren seinem Sohn die umstrittenen 200 fl. be-
willigt worden. Jetzt aber war Wieland in eine praktische Tätig-
keit, in die oberen Verwaltungsämter der Stadt eingerückt, und da
bot er der Gegenpartei hinreichend Angriffspunkte, um einen jahre-
langen Streitfall und Prozeß um ihn herum aufzubauen.
Die Stelle des Stadtschreibers oder Kanzleiverwalters war nicht doppelt
besetzt, sondern sollte nach den ursprünglichen Vereinbarungen mit
dem "Ratsadvokaten" (Stadtrichter) alternieren. Dieser Posten war
von jeher in der Hand der Katholiken gewesen, aber man konnte aus
dem alten Alternationsrecht die Bedingung ableiten, daß auch der Kanz-
leiverwalter eine juristische Ausbildung haben müsse, und man tat das
jetzt, weil der evangelische Teil dem katholischen Ratsadvokaten die
Gleichstellung im Gehalt, die ursprünglich nicht vorgesehen war, ver-
weigerte. Aus der Tatsache, daß die Katholiken von Wieland die Erwer-
bung des juristischen Doktors oder des Adels forderten, geht hervor,
daß die persönliche Beanstandung Wielands nicht in einer tatsächlichen
beruflichen Untauglichkeit begründet, sondern nur ein Vorwand war,
ein Trumpf im Spiel der Politik. Wieland versprach, um Zeit zu ge-
winnen, die Promotion nachzuholen, aber er hat es in den vier Jahren
des Streits nicht getan. Warum? Man hat schulmeisterlich genörgelt:
"Einem Manne von seinen Fähigkeiten mußte es doch ein leichtes sein,
die Forderung wegen Annahme des juristischen Doktorgrades zu er-
füllen und so dem katholischen Magistrat diese Hauptwaffe aus der
Hand zu winden."' Aber manchmal ist für einen "Fähigen" gerade das
Leichte das Unmögliche. Wieland hatte ganz einfach Wichtigeres zu
tun, als Vorwände wegzuräumen. Er war es satt, ein peripheres und
ängstliches Leben wie in der verflossenen Schweizer Zeit zu führen.
Er ging den Dingen auf den Grund. Als nach monatelangem Schrift-
verkehr von den Evangelischen noch nicht einmal eine Konferenz ge-
währt worden war, begann er, gegen alle Biberacher Spielregeln, die
Hauptschuld bei der eigenen Partei zu suchen, und kaum war ein
ganzes Jahr vergangen, da griff er schon den evangelischen Rat samt
Bürgermeister in heftiger Weise an, ja er behauptete, es sei den Evan-
gelischen "niemals ernst gewesen einen Vergleich zu treffen". Die "Har-
monie und gegenseitige Condeszenz beider Religions teile" fehlt, das ist

!25
Die bürgerlichen Existenzgrundlagen

der Kern der Sache; er fordert unter solchen Umständen die Unterwer-
fung unter eine Entscheidung des "Reichs-Oberhaupts" in Wien. 5 Das
ist ein kühner Ton für einen Biberacher Pfarrerssohn. Im Hintergrunde
winkt vieHeicht die Hilfe durch die Wiener Beziehungen des Grafen
Stadion, vorläufig aber ist die Folge seines Schrittes eine sehr gefähr-
liche Isolierung. Die evangelische Partei hatte zunächst die Auszahlung
seiner Gehälter veranlaßt, jetzt aber, da die Katholiken die Zurück-
erstattung dieser Gelder forderten, versuchte sie verärgert die Forderung
auf den rebellischen Parteigänger abzuwälzen. Es kommt zum offenen
Konflikt zwischen Wieland und dem Bürgermeister, der das Gehalt des
Kanzleiverwalters einbehält, mit der Begründung, dieser sei noch nicht
allgemein anerkannt und vereidigt. Wieland aber braucht dringend
Geld- wir werden sehen warum-, er kann über die Abderitenstreiche sei-
ner Mitbürger nicht gelassen lächeln: das Wasser geht ihm an die Kehle.
Er hat Schulden. Er greift einmal fremde Gelder an und muß in einem
demütigen Schreiben nach Warthausen um ein Darlehen bitten. Wir
verfolgen nicht den ganzen äußeren Leidensweg des Pichters; genug,
wenn wir sehen, daß er seine Freiheit und Selbständigkeit teuer er-
kaufen mußte, daß seine Existenz jahrelang in ihren Grundlagen be-
droht war. Erst dann kann man seine Rolle als Liebender und Dichter
und den Resigna tionsfrieden, den er endlich mit der Gesellschaft schloß,
richtig verstehen. Im Dezember I 763 sehen wir ihn wieder als treuen
Protestanten und Parteigänger Hillerns gegen die katholische Partei
ins Feld ziehen, ohne daß ihm das beim Reichshofrat in Wien schaden
könnte, denn auch dort sitzen Protestanten und dorthin laufen vor
allem die Beziehungen des vorurteilslosen Grafen Stadion. Im April I 764
empfängt er durch einen besonderen Entscheid die Gelder, die ihm die
Stadt schuldet, und vier Monate später kommt in Wien der Vergleich
zwischen den beiden Parteien zustande, nach dem die juristische Eig-
nung nur vom Ra tsad voka ten verlangt und das Gehalt der beiden alter-
nierenden Ämter gleichgestellt wird. Diese Lösung war naheliegend; sie
schwebte dem Dichter und den wenigen Vernünftigen seiner Partei von
vornherein vor, aber die Majorität des evangelischen Rates fand sich
für sie erst bereit, als der Prozeß, allein der evangelischen Partei, das
Vierzigfache der umstrittenen jährlichen Gehaltsdifferenzgekostet hatte.
Für die Ratsmitglieder mochte das Ganze vielleicht eine sublime Unter-

I26
Cateau von Hiliern

haltung gewesen sein, Rokoko der Politik; für Wieland aber, welcher
der Ball im Spiele und voll von anderen, schöneren Abenteuern war,
wurden die Händel erst sehr viel später zur Komödie, zu einem Bau-
stein für die "Abderiten".

2. Liebesgeschichten

War schon Wielands politisches Verhalten in den ersten Biberacher


Jahren von auffallender Selbständigkeit und Kühnheit, so waren es
seine Liebeswege noch mehr. Die Eltern wünschten sehnlich, daß er sich
eine Frau nehme, und Mutter Wieland hat in den Jahren 176o-q65
manchen Plan geschmiedet, um ihren Sohn ordnungsgemäß zu ver-
heiraten. Die gelehrte und kränkliche Julie Bondely dürfte kaum ihr
Wohlgefallen genossen haben, und es hätte bei der phantasievollen, ver-
änderlichen Natur Wielands wahrhaftig eines warmen Anwalts bedurft,
um Wieland in der Treue zu der fernen Braut zu erhalten. Kaum war
der Dichter ein paar Wochen in Biberach, da hatte er schon wieder
Feuer gefangen, und er schrieb in seiner harmlosen Offenherzigkeit sogar
Julie da von. Die Angebetete war keineswegs die Stieftochter der Ca teau
von Hillern, die ihm zugedacht war, sondern die schöne und kokette
Cateau selbst, die Schwester der einstigen Geliebten. Man hat sehr hart
über diese Verliebtheit geurteilt, man muß sich aber vor Augen halten,
daß Wieland Ca teau schon als junges Mädchen neben Sophie kennenge-
lernt und "ungemein liebenswürdig" gefunden hatte.• Seine enttäuschte
große Liebe zu Sophie war noch immer nicht verwunden, immer wieder
flammt sie in den folgenden Jahren auf. Zunächst aber ist Sophie
noch nicht da, und so überträgt sich die alte ferne Liebe in einem für
Wieland ganz E:harakteristischen Spiel der Phantasie auf deren Schwe-
ster.
Es heißt von Cateau von Hillern, daß sie eine gewaltige Politikerin in
der Reichsstadt Biberach war und daß Wieland seine Wahl zum Senator
und Kanzleiverwalter ihr ganz persönlich zu danken hatte. Sie glich der
weisen Frau Salabanda, die in Abdera machte, "was sie wollte". Er
hatte allen Grund, mit dieser in jeder Hinsicht gefährlichen Dame gut
zu stehen, aber es war sein unruhiges und ewig törichtes Herz, das ihn

l03
Liebesgeschichten

dazu trieb, der Madame von Hiliern so feurig dem Hof zu machen, daß
ihm der Bürgermeister das Haus verbot und er sich die entschiedene
Abneigung dieses heftigen und einflußreichen Mannes zuzog. Der Anteil
der schönen Frau an Wielands Feuer war sicherlich nicht gering; sie ist
später tief gesunken und im Elend gestorben. 7 Ihr Einfluß auf Wielands
Moral war vermutlich größer als der der französischen Romane. Während
Wieland zunächst recht ehrerbietig an Sophie geschrieben hatte, nehmen
seine Briefe nach einer längeren Pause plötzlich einen veränderten Ton
an, der aus der Sphäre Cateaus zu stammen scheint: "Ne vous fies pas
trop a ma philosophie; je sc;ais moi ce qui en est et je vous jure que toute
Ia philosophie du monde ne tient pas contre l'eloquence d'une bouche
de corail et d'une gorge d'albätre. Je vous declare clone ma chere
pretendue Soeur, que toute ma surete est dans votre sagesse, et que
vous seule porteres les frais de notre vertu commune. C'est h\ votre
affaire, et si le sucd:s ne repondra pas aux intentions, je m'en lave les
mains."s So schreibt Wieland, noch ehe Stadion in Warthausen ange-
kommen ist! Es bedurfte für den Verfasser von "Araspes und Panthea"
nur eines geringen Anstoßes, um die tugendhafte Maske, die er in den
letzten Schweizer Jahren noch getragen hatte, vollends zu zerreißen.
Die Frage war bereits die, ob er nicht ins andere Extrem fallen und an
die Stelle der platonischen Donquichoterie eine solche von ganz sinn-
licher Natur setzen würde. Mutter Wieland und Cateau bemühten sich
gemeinsam, dem phantasievollen Jüngling das Ehejoch recht solide und
comme il faut zu schmieden. Wieland war nicht immer abgeneigt, er
sah sich die Mädchen an, und es war da eine Mademoiselle Behringer,
die nochjahrelang so standhaft behauptete, Wieland habe ihr die Heirat
versprochen, daß man von Warthausen aus eingreifen und vermitteln
mußte. Aber der junge Dichter und Shakespeare-Übersetzer war in
seinem höchst persönlichen "Sturm und Drange" nicht zu fesseln.
Noch immer scheinen ihm die üblichen Honoratiorentöchter zu dumm
und zu langweilig gewesen zu sein. Schon nähert sich Wieland wieder
Julie Bondely, welche mit Sophie La Roche Verbindung aufgenom-
men und an ihr einen besseren Anwalt gefunden hat, als es die Mut-
ter sein konnte. Der Briefwechsel zwischen den beiden hochbegabten
Frauen ist leider verlorengegangen, aber wir wissen aus Julies Briefen
an Zimmermann, der ihr und Wielands gemeinsamer Freund war, daß

128
Loslösung von Julle Bondely

sie mit Begierde alle Nachrichten über ihren alten Bräutigam aufnahm
und weitererzählte und zwar, wie man hinzufügen muß, nicht selten in
gehässiger Weise. Es geht nicht an, alle Verantwortung für das Zer-
brechen dieses Verlöbnisses dem Dichter zuzuschieben. Julieist unge-
wöhnlich klug, geist- und charaktervoll, aber weder eine ausgesprochen
musische noch eine hingebend liebende' Frau. Als sich Wieland im
Herbst 1761 enttäuscht und tieferer Liebe bedürftig wieder ihr zu-
wendet, da antwortet sie aus gekränkter Eitelkeit sehr reserviert. Am
Jahresende schreibt sie ihm herzlicher, aber schon ist es zu spät. Wie-
land hat, vielleicht zuerst am Cäcilienfeste 1761, ein Mädchen singen
gehört, das ihn von Monat zu Monat tiefer bezaubert und dem "roman
perpetuel" seines bisherigen Lebens ein Ende zu setzen scheint.
Julie hält in dieser Zeit Wieland für einen sinkenden Stern. Sie findet,
daß sein Erstling "Die Natur der Dinge" sein bestes Werk geblieben
ist. 9 Als er im Jahre 1762 vor dem Verlust seiner Stellung zu stehen
scheint, fürchtet sie seinen Hilferuf und sein Zurückgreifen auf die
alten buchhändlerischen Pläne der Berner Zeit: er soll nicht kommen,
er hat in der Schweiz allen Kredit beim Publikum verloren. Sie bittet
Zimmermann, dem Freunde mitzuteilen, daß sie während des Sommers
nicht in Bern sein wird.1o Als sie das (falsche) Gerücht erreicht, Wieland
habe den Prozeß und seinen ganzen Besitz verloren, bittet sie den
Freund, ihm ihr Beileid auszusprechen. Sie will es, um neue Kompli-
kationen zu vermeiden, nicht tun.u Sie kehrt zu einer früheren Liebe
zurück, denn die seriösen Juristen sind den "inkonsequenten Poeten"
doch bei weitem vorzuziehen. 19 Sie erkennt allmählich eine für sie sehr
betrübliche Wahrheit, daß nämlich der Wieland, der sich ihr in Bern
zeigte, nicht der wirkliche Wieland war, sie erinnert sich an das Urteil
eines befreundeten Arztes, den Wielands ungleichmäßige Art schon
damals vermuten ließ, daß er unter dem Zwange eines angenommenen
Charakters lebe.1a Sie charakterisiert ihn geistreich: "Quand on le croit
dans l'ether, il est dans l'abime, et quand on le croit dans l'abime, il est
dans l'ether; jamais sur la terre, que lorsqu'il vise a l'imitation Socrati-
que, et Dieu le preserve lui et ses amis de ce ton-la." 11 Man wird sagen:
nicht unrichtig, aber ohne jede Liebe. Erst später, in den Jahren 1764
und 1765, nach dem doppelten Erfolge Wielands, in seinem Prozeß und
in der Dichtung, als sein Stern hell zu leuchten beginnt und seine

Sengle, Wieland 9 129


Liebesgeschkhten

Heiratsabsichten immer deutlicher zutage treten, da hat sie Wieland


eifrig verteidigt und seinem Freunde in einem peinlichen Briefe ihre
neuerwachten Reize rührend angepriesen. 15 Wieland konnte all das
nicht wissen, aber er mußte von vornherein fühlen, daß diese lebens-
sichere Frau vielleicht den erfolgreichen Schriftsteller bewundern und
heiraten, aber ihn persönlich stets geringschätzen werde. Es war in
einem tieferen Grunde doch nicht viel anders als bei den Honoratioren-
töchtern der Mutter, die einen achtenswerten Senator heiraten wollten.
So ist es kein Wunder, daß das Herz des 28jährigen Dichters endlich
einem einfachen, kaum 2ojährigen Mädchen zufiel, das nach all den
Dingen, die den andern so wichtig erschienen, nicht allzu viel fragte,
sondern ihn einfach und unbedingt liebte- so wie Julia den Romeo.
Indem wir diese theatralischen Figuren nennen, steilen wir eine Frage.
War diese Liebe ein Abenteuer, das Wieland spielte? ein spannender
Konflikt, den er, alltäglicherer Verhältnisse müde, entfesselte? Die
Frage, ob ein Künstler und gar ein Wieland in einem letzten Sinne je-
mals fähig ist nicht zu spielen, greift zu tief, um hier beantwortet
werden zu können, aber im gewöhnlichen Sinn, für das Bewußtsein Wie-
lands, muß die Ernsthaftigkeit seiner Liebe zu Christine Hagel mit aller
Entschiedenheit bejaht werden. Wir dürfen dem Dichter Glauben
schenken, wenn er der Freundin Sophie beteuert, daß es kein galantes
Abenteuer war.l 6 Man könnte auf den leichteren Ton hinweisen, in
dem die Briefe an Zimmermann gelegentlich des Verhältnisses Erwäh-
nung tun. Aber nicht der Freund, sondern die alte herzliche Freundin
genießt in dieser Sache Wielands Vertrauen. Bei dem kühlen, weltmän-
nischen Zimmermann fürchtet er, sich lächerlich zu machen. Daß diese
Interpretation zurecht besteht, beweist ein lange unterdrückter, an
entlegener Stelle veröffentlichter Brief an den Freund, in dem er die
früheren leichtfertigen Äußerungen über Bibi ausdrücklich widerruft
und gesteht, daß er sie trotz seines Antiplatonismus so unbedingt liebt,
als es nur möglich ist, und daß er noch nie so herzlich und wahr geliebt
hat,17 Es ist ein Bekenntnis, den langen leidenschaftlichen Briefen,
die er an Sophie über diese Liebe geschrieben hat, genau entspricht,
und noch deutlicher reden die Taten.
Es wäre in den damaligen Verhältnissen für Wieland ein Leichtes ge-
wesen, die ordnungswidrige Liebesgeschichte in aller Stille abzutun.

130
Christine Hagel

Die ganze Gesellschaft wäre auf seiner Seite gestanden. Aber Wieland
besaß die Stirn, gerade dieses arme Mädchen mit seiner schönen Stimme
und Gestalt, mit seinem naiven, heitren Sinn, mit seiner hingebenden
Liebe heiraten zu wollen, und das war aus mehr als einem Grunde un-
erhört, es war eine erklärte Auflehnung gegen die Gesellschaft. Zunächst
einmal: Christine Hagel war eine Katholikin, der Pfarrerssohn von
Biberach wollte eine Katholikin heiraten!
Wir wissen schon aus den Händeln um den Kanzleiverwalterposten, daß
Wieland innerlich über den Konfessionen stand, ja eine Zeitlang scheint
er sogar dem Katholizismus zugeneigt zu haben. Graf Stadion und
La Roche vertraten ihn in einer weltmännischen, ordensfeindlichen
Weise und machten ihn dadurch dem jungen Antipietisten angenehm;
überhaupt ist es nicht ausgeschlossen, daß Wieland, der in seinem
psychologischen Typus den Romantikern auffallend ähnlich war,
damals eine Phantasie-Neigung zu der älteren, milderen und sinnliche-
ren Form des christlichen Glaubens empfand. In diesen Zusammenhang
ist auch seine Liebe zu der Katholikin zu stellen. Sie löste ihn unmittel-
bar aus dem engen Horizont eines pietistisch-protestantischen Men-
schentums, wie es ihm in seiner Familie und in der Schweiz begegnet
war, und gab ihm das Erlebnis einer Welt, die ihn schon durch ihre
Neuheit fesselte. Er versprach im ersten Eifer der Mutter Christines,
sich katholisch trauen zu lassen, und ließ durch Sophie den Grafen
Stadion bitten, ihm inMainz einen Dispens zu einer heimlichen Heirat
zu erwirken. Wieland macht es sehr dringend. Christine ist längst seine
Frau, sie erwartet ein Kind, er hat ihr die Heirat versprochen. Er hat
sie längst heiraten wollen, aber seine Pflichten gegenüber dem Vater
haben das "absolut" unmöglich gemacht. Auch jetzt ist von der Ein-
willigung seiner Eltern nicht die Rede. Niemals finden wir in Wielands
Briefen die leiseste Hoffnung, seine Herzensangelegenheit dadurch in
Ordnung bringen zu können, daß er sich seinen nächsten Angehörigen
eröffnet. So unbedingt ist dieser "Konfessionalismus". Dagegen ver-
merkt Wieland im Zusammenhang mit dem Dispens ausdrücklich, daß
Christines Eltern zustimmen.1s
So stehen die Dinge am 10. Oktober I 763. Aber während man sich in
Warthausen anschickt, Wielands Wunsch zu erfüllen, hat er den Plan
einer katholischen Eheschließung wieder aufgegeben. Solche plötz-

I3I
Liebesgesdlichten

liehen Veränderungen sind nichts Ungewöhnliches bei ihm. Schon am


I 7· Oktober verkündet er seinen Entschluß, sich von einem pro te-

s tan tischenGeistlichen trauen zu lassen. Es ist der einzige Weg, die


Zustimmung seiner Eltern zu erlangen; überdies ist, so scheint es ihm
jetzt, in Biberach der Katholizismus unerträglich. Man sieht: der
ästhetisch und erotisch anempfundene Katholizismus wiegt im ent-
scheidenden Augenblick geringer als die angestammte Religionsform.
Es ist die Zeit, da er auch in seinem politischen Verhalten zur prote-
stantischen Partei zurückkehrt. Er beginnt, sich vor seinem eigenen
Mut zu fürchten. Er ist der Isolierung müde. Sein Einzelgängerturn hat
nicht etwa die Gegenpartei versöhnt, sondern beide Parteien gegen ihn
aufgebracht: "Les Lutheriens qui l'ont soutenu dans son proces, en-
ragent de cette conduite, les Catholiques sont scandalises de ses pro-
positions, les premiers l'abandonnent, les autres k persecutent, d'autant
plus quejamais il n'a meoage personne dans ses critiques. Je crainds,
qu'il ne perde son emploi ... " So sieht Frau La Roche die Dinge 18
und sie pflegt eher zu rosig als zu schwarz zu sehen. Er ist "au bord du
precipice" echot es verstärkt aus Juliens Briefen. so Sein illegitimes Ver-
hältnis, seine Pläne sind durchgesickert. Was man gegen den Poeten in-
stinktiv empfand- als Mensch der "Ordnung", als Bürger, als Katho-
lik, als Protestant- das findet man jetzt furchtbar bestätigt. Hoch-
auf schäumen die Wogen des Klatsches und der Empörung. Grund
genug für Wieland, sein schwankendes Lebensschifflein wieder nach
dem väterlichen Hafen Kurs nehmen zu lassen.
Aber, er denkt noch lange nicht daran, die Heirat mit dem katholischen
Mädchen aufzugeben. Es ist ergreifend zu hören, mit welcher Liebe
der Dichter von der Mutter seines Kindes spricht und wie glücklich und
stolz er sich trotzaller Gefährdung als künftiger Vater fühlt. Er bittet
Frau La Roche um Verhaltungsmaßregeln für die werdende Mutter,
er will ihr Bücher über die Kindererziehung zu lesen geben, ja er will
selbst eins für sie schreiben, das volkstümlicher und praktischer als
Rousseaus "Emile" ist.n Er tut alles, um seine künftige Gattin von den
Flecken zu reinigen, die ihr im gegenwärtigen Augenblick vor den Augen
der Welt anhaften müssen. Sie war unschuldig und ist es, was man auch
sagen mag, noch immer: "Ah! eile n'a commis aucun crime que de
m'aimer. J'ai cru Ia pouvoir rendre heureuse, eile seroit ruinee par

132
Christine Hagel

l'amour de moi! Que Dieu m'aneantisse, avant que cela se fasse!"•: Sie
ist ihm mehr, als seine Umwelt verstehen kann. In seiner Beziehung zu
ihr vereinigen sich zwei Verhaltungsweisen, die zu Unrecht unvereinbar
scheinen: Freundschaft und Liebe. 23 Wie revolutionär dieser Anspruch
einer ganzheitlichen Liebe für die damalige Zeit ist, erkennen wir aus
der Berichterstattung der klugen Julie, die ihn mit einem "riez en
comme moi'' an Zimmermann quittiert. 2'Man kann eine solche sinnlich-
übersinnliche Liebe nirgends verstehen und ernst nehmen.
Christines Eltern hatten natürlich schon früh die schmeichelhafte, aber
gefährliche Neigung des Kanzleiverwalters beobachtet und, weil sie
seinem Versprechen mißtrauten, schließlich ihre Tochter als Zofe zu
einer benachbarten Herrschaft gebracht. Aber das liebende Mädchen
hatte die Stelle verlassen und war samt ihrer Schwester, wohl mit Ein-
willigung der Eltern, von Wieland in sein Haus aufgenommen worden.
Dort weilte sie vom Dezember 1 762 bis September 1 763. Als die Folgen
des Verhältnisses offenbar wurden, bat Wieland Sophie La Roche, ohne
sie zunächst in den wahren Sachverhalt einzuweihen, Christinein einem
Pensionat zum Zwecke einer s taodesgemäßen Erziehung unterzubringen.
Zunächst war an ein sehr vornehmes Kloster in Straßburg gedacht, wo-
hin Frau La Roche später ihre Kinder brachte. Aber dafür reichten
WielandsMittel nicht aus. Er hatte, wie Frau La Roche vermutete und
wie man ihr gerne nachsprach, zu viel Putz an Bibi gehängt. Noch mehr
aber dürfte jene Einbehaltung der Gehälter den Kanzleiverwalter da-
mals in Geldverlegenheit gebracht haben. Schließlich fand sich in
Augsburg bei den Englischen Fräulein der gewünschte Platz, aber dort
konnte Christine wegen der künftigen Entbindung nicht allzulange
bleiben.
So lagen die Dinge, als Wieland sich plötzlich zur evangelischen
Heirat entschloß. Er wußte, daß es unter dieser Voraussetzung ganz
ausgeschlossen war, die Zustimmung vonChristinesMutter zu erhalten:
"Cette mere est encore plus brutalerneut catholique que la mienne n'est
lutherienne." 25 Sie ist ernstlich davon überzeugt, daß alle Protestanten
in die Hölle kommen! Sie wird alle Hebel gegen eine protestantische
Verheiratung Christines in Bewegung setzen. Deshalb will Wieland das
Mädchen möglichst rasch aus Augsburg holen lassen, sich heimlich mit
ihr in Memmingen oder Ulm verheiraten und sie anschließend in seinem

133
Liebesgeschichten

Haus verstecken. Die Fenster eines Zimmers sind bereits mit Papier
verkleidet, damit die Nachbarn nichts merken, die alte Floriane hat
allein Zutritt und sie ist bis in den Tod verschwiegen. So phantasiert
der unerfahrene Poet, aber als sein Abgesandter, der Schwager Flo-
rianes, nach Augsburg kommt, ist die Mutter längst dort gewesen. Sie
hat- wegen Bedrohung der Religion- großen Lärm geschlagen und
verboten, Chris tine an jemand anderen als an ihren Vater herauszugeben.
Dem guten Schmelz bleibt nichts weiter übrig, als zu warten und, als
der alte Hagel angekommen ist, Vater und Tochter ins Kloster Rot zu
begleiten, wo Christines Bruder Mönch ist und wo der Abt als Berater
der Familie waltet. Schließlich meldet er Wieland, was geschehen.
Dieser, tief bestürzt und durch den drohenden Verlust Christines ge-
ängstigt, geht zu ihrer Mutter, macht ihr Vorwürfe, leugnet seine Ab-
sicht, die Kinder evangelisch werden zu lassen, betont seine Rechte.
Die Mutter erwidert, man habe gehört, er verliere seinen Posten und
wolle mit Bibi in die Schweiz, ins Elend gehen. Überdies hätten ihr die
Priester unter Androhung der Todsünde befohlen, in keine Verbindung
mit ihm, dem Protestanten, zu willigen. Sie verweist ihn an den Abt von
Rot, ihm wird sie gehorchen.
Wieland fährt nach Rot. Er trifft Vater und Tochter nicht mehr an,
erbittet von dem Abt eine Unterredung und erhält seine Zustimmung
zur Ehe, unter der Bedingung, daß die Kinder katholisch erzogen werden.
Wieder in Biberach, erfährt er von einer großen Aufregung in der Stadt,
nicht nur bei den Protestanten; auchChristinesMutter scheint ihr Ent-
gegenkommen zu bereuen. Sie läßt nicht einmal Floriane vor. Wir ver-
stehen sehr wohl, warum. Auch eine katholische Heirat erscheint bei
näherer Überlegung nicht möglich, denn in diesem Fall verliert Wieland
sicherlich seinen Posten, welcher der protestantischen Partei vorbe-
halten ist: die Heirat bedroht entweder das zeitliche oder geistliche
Wohl ihrer Tochter! Wieland fährt verzweifelt zum zweitenmal nach
Rot, erbittet sich mitten in der Nacht eine Besprechung mit dem Abt.
Dieser sendet ihm großzügig die Schlüssel zu seinen Zimmern und be-
währt sich im Gespräch mit dem erregten Dichter als erfahrener Beicht-
vater. Er gewinnt Wielands Vertrauen, rät ihm, auf die Heirat zu ver-
zichten, da er sonst gegen beide Parteien in Biberach prozessieren und
höchstwahrscheinlich Stellung und Bürgerrecht verlieren werde. Wie-

134
Christine Hagel

land spricht mit großer Achtung von diesem Geistlichen; er scheint dem
jungen Manne nicht so sehr ein Kapitel über die Religion als über die
Weltklugheit gelesen zu haben, seine freimütige Kritik am niederen
Klerus vermerkt Wieland mit Erstaunen. Genug, der Dichter gibt
nach und verspricht, jede Verbindung mit Christine abzubrechen.
Es ist ein vollkommener Zusammenbruch, der nach den Aufregungen
der vergangeneo Tage und bei Wielands schwacher Konstitution wohl
verständlich ist. Überdies ist zu bedenken, daß der Dichter ein Jahr
intensivster Arbeit hinter sich hat. Er hatte neben den Aufregungen
des Amtes, des Prozesses und der Liebesgeschichte Tag und Nacht über-
setzt und gedichtet, nicht immer gewissenhaft, denn die Honorarfrage
war in solcher Lage allzu dringlich, aber mit anhaltendem Eifer, pausen-
los. Jetzt ist er am Ende. Die Sehnsucht nach dem Tod überkommt ihn,
"un desespoir sombre et melancholique, un engourdissement total". "Je
n'ai ni appetit ni sommeil, ma sante deperit et jene m'en soucie pas."
In solcher Verfassung sitzt er nach der Rückkehr von Rot brütend zu
Hause, wenige Schritte von der Mutter seines Kindes entfernt, die er
nicht sehen darf. Ein Zettelehen Christines erreicht ihn, mit der Frage,
ob er sie wirklich ihrem Schicksal überlassen will. Ihre Mutter kommt
und teilt ihm mit, sie werde ihre Tochter für immer aus Biberach ent-
fernen. Wieland gibt ihr für Christines Unterbringung viel Geld, de-
mütigt sich vor ihr; aber sie bleibt für alle seine Bitten um ein Wieder-
sehen taub. Er versteht Gott nicht mehr, wie er Menschen von solch
barbarischer Härte schaffen kann. Gibt es kein Mittel, ihnen zu ent-
rinnen? Schon taucht der Gedanke auf, den Grafen um Vermittlung
einer Professur an der katholischen Universität Erfurt zu bitten. Dann
könnte er katholisch heiraten und seine Biberacher Stellung aufgeben.
Aber er muß den Gedanken sofort wieder fallen lassen, er hätte nicht
einmal das Geld zur Übersiedlung. Aber kann er nicht auf alles ver-
zichten und in einer Hütte mir ihr leben? Er würde es gerne tun, wenn
er sie durch seine körperliche Arbeit vom Elend retten könnte; doch er
weiß wohl, daß er dazu nicht fähig ist: das alles sind leere Illusionen.38
Wodurch hat er sein Unglück verdient? Ist er nicht talentiert und
fleißig und hat er es mit Christine nicht ehrlich gemeint? "Quoique
ma raison me reproche beaucoup, mon coeur ne me reproche rien sur
tout cela." Ist es ein Verbrechen zu lieben? Die absolute Ausgesetztheit

135
Liebesgesdüchten

und Verzweiflung dieser Tage, das Wissen um die Erbarmungslosigkeit


der Welt und die Ferne Gottes ist nie aus Wielands Lebensgefühl ge-
wichen. Nicht Liebe und Geist, sondern Geld und Verstand herrschen
in der Welt, ja, wer mit dem Idealen wirklich Ernst macht, ist sicher,
elend zu werden. "Des ,Wechsler', des ,Grödtmeister' croissent, pro-
sperent, s'enrichissent et font enrager les honnetes-gens, et Wieland
pröne, admire et preconise pour jene sais pas quoi se trouve vis a vis de
reflexions et d'une perspective si consolantes que celles de perir de
misere. Je n'attends, quoi qu'il arrive, ni soulagemens, ni secours, ni
meme un jugement equitable des Hommes. On dira c'est un fou qui
s'est rendu malheureux par ses extravagances, et on croira avoir rai-
sonne fort juste."l7

Mit der Entfernung Christine Hagels aus Biberach hat diese Liebe, die
wir die leidenschaftlichste und unbedingteste in Wielands ganzem Leben
nennen dürfen, im Wesentlichen ihren Abschluß erreicht. Zwar hielt
sich Wieland nicht streng an das Versprechen, das er dem Abt gegeben.
Als ihm Bibi ein Briefehen schrieb, lebte die alte Liebe und die Hoffnung
auf eine Vereinigung alsbald wieder in ihm auf. Wir wissen, daß er sie
mindestens einmal in dem Ort bei Ulm, wo sie ihre Niederkunft er-
wartete, besucht hat, daß später die junge Mutter zu Fuß den weiten
Weg nach Biberach zurücklegte und ihn in der Nacht noch einmal
heimlich sah, ehe sie mit ihrem Kind die Gegend verlassen mußte, um
in Augsburg ihr Brot zu verdienen.
Aber als Christine nach dem frühen Tod der kleinen Cäcilie Sophie
Christine im Sommer 1764 wieder nach Biber-ach zurückkam, hat sie
der Dichter streng gemieden. Das Briefchen, das sie ihm wieder schreibt,
istjetzt "un tres sot billet". Er schwört Sophie La Roche, daß er nicht
den geringsten Anteil an ihrer Rückkehr hat und daß er zu teuer für
seinen ersten Roman bezahlt hat, um ihm noch einen zweiten Teil an-
fügen zu wollen. 28 Man ersieht aus diesem Briefe, wie aus vielen früheren,
daß nicht nur durch Biberach und seine Religionsparteien, sondern
auch durch Warthausen alles getan worden ist, um die ungewöhnliche
Ehe zu verhindern. Schon der eine, sorgfältig verheimlichte Besuch bei
Bibi ist dem Dichter von seiner vornehmen Freundin sehr übel ver-
merkt worden. Wielands Abkommen mit dem Abt gilt ihr als die einzig

l03
Resignation

mögliche Lösung, und er muß es streng halten, wenn er nicht ihre


Freundschaft und die Gnade des Grafen verlieren will. Schon von vorn-
herein spottet man, wie Julies Briefe zeigen, in diesen Kreisen über
Bibi. Die Konfession spielt dabei keine große Rolle- auch Sophie hat
einen Katholiken geheiratet; aber Christine Hagel istnicht s tande s-
gemäß. Wenn bis heute die biographische und geistesgeschichtliche
Bedeutung der Bibi-Episode nicht richtig gewürdigt wurde, so liegt das
daran, daß die Wieland-Literatur von Ton und Wertung der aristo-
kratischen Quellen abhängig blieb; man darf aber diese Liebe nicht
aus dem Gesichtspunkt der Gesellschaft werten, deren Opfer sie wurde.
Die Bibi-Episode zeigt, daß für Wieland das "natürliche" Menschen-
bild Shakespeares und Rousseaus keine bloß literarische Größe war.
Er wollte zunächst das neue Ideal eines ungebrochenen Lebens per-
sönlich verwirklichen, aber er war zu schwach, oder die alte Gesellschaft
noch zu stark. Forthin wurde er "klug", ein skeptischer Lebenskünstler,
für jeden "Sturm und Drang", für jede "Romantik", für jede ganze
Liebe und Begeisterung absolut immun, denn er hatte sie gründlich er-
lebt und auf seine Weise längst überwunden; er wollte die Dämonen
niemals wieder entfesselt sehen. Diese strenge Resignation machte Wie-
land weise und stark, aber es wurde durch sie auch jene letzte Größe
unmöglich gemacht, die nur der tapferen Vereinigung von "Herz" und
"Verstand" oder, wie es Goethe später nannte, von Dämon und Gesetz
entstammen konnte.
Indem Wielands ganze Liebe zugrunde geht, triumphiert die Freund-
schaft, die für die Aufklärung stets der höhere Wert ist, aufs neue. Ja,
wenn man in Zürich sagte, die "drei Grazien" Wielands hätten es durch
ihre Intrigen und Minen fertiggebracht, Wielands Eheplan zu sprengen,
so ist das nicht ganz unrichtig. Mit der Rückkehr zur protestantischen
Partei war Wieland auch wieder zum Bürgermeister von Hiliern und zu
seiner schönen Frau zurückgekehrt. Cateau war neben Sophie Wielands
Ratgeberio in der Bibi-Affäre und dürfte kaum eine ungeteilte Liebe des
Dichters begünstigt haben. Julie konnte nur brieflich und auf dem
Umweg über Zimmermann und Frau La Roche Einfluß üben, aber es ist
verständlich, daß ihr eine Ehe mit Bibi wenig angenehm war. Und selbst
Sophie war nicht frei von Eifersucht, denn Wielands Seelenliebe war ein
Pol ihrer komplizierten, "empfindsamen" Existenz. Wir wissen nicht,

137
Liebesgeschichten

ob sie im Beginn der Biberacher Zeit auf Wielands Forderung nach ge-
heimen Zusammenkünften einging, aber sie konnte es sichniemals anders
denken, als daß er der Mensch war, der ihrem Geist und Herzen am
nächsten stand. Ihr weltmännischer Gatte brachte ihr das größte Ver-
trauen entgegen. "Da ... wohnte Wieland", so erklärte sie noch im
Alter bei der Betrachtung eines Bildes von Stadions Schloß, "da da-
neben hatte ich mein Zimmer, obgleich die Wohnung des Amtmanns
(dies war eigentlich La Roche) hier in einem andern Haus im Hofe
war."29 Ihr schrieb Wieland jene kalten Worte über Christines letzten
Briefund um die gleiche Zeit eine neue, geistreich-komplizierte Liebes-
erklärung, die für seine jetzige, auf spätes Rokoko gestimmte Existenz
sehr bezeichnend ist: "Mon coeur es t le plus etrange de tous les coeurs -
il a fai t des excursions bien excen triques; mais il retourne vers son
centre et il s'y fixera pour toujours.- Bon Dieu! ne voila-t-il pas du
Sublime, si ce n'est du Galimathias?- Dites-moi, ma Souveraine, que
voules-vous faire de votre cousin? Apprenes-lui a vous aimer comme on
dit que les honnetes-gens au dessus de la Lune s'aiment; apprenes-lui a
conserver, au milieu des doux egaremens d'une ame penetree, fondue,
extasiee de votre image, cette cette tranquilli te, cet heureux
sang froid qui, s'il ne rend pas heureux, empeche au moins ces passages
de la beatitude a la damnation qu'on eprouve infailliblement en aimant
sans-amour, diroit l'ami Chaulieu." 30 Das Ideal der reizend klaren Le-
bensmeisterin, der "griechischen" Musarion dämmert herauf.
Je inniger Wielands Freundschaft mit Sophie war, um so leichterkonnte
es gelingen, ihn endlich ordnungsgemäß zu verheiraten. Seitdem I 764
sein Bruder, der ehrsame Biberacher Goldschmied, gestorben und er der
einzige Träger des Stammes ist, verlangen die Eltern immer dringender
seine Verheiratung - mit einer evangelischen und einer begüterten
Frau natürlich. Wieland ist nun in seiner Stelle bestätigt, die Honorare
fließen, aber man kann nie genug zwischen sich und die Erbarmungs-
losigkeit der Welt schieben. Nur nie wieder solche erbärmliche Not,
solche Demütigungen, solche "Übergänge von der Seligkeit zur Ver-
dammnis!" Wieland ist zur konventionellen Ehe reif. Er schaut in aller
Behaglichkeit und in allem Gleichmut um sich, mit dem klugen Blick des
Zuschauers, dem kein großes Glück, aber auch kein .großes Leid mehr
geschehen kann. Er wendet sich an seinen alten Freund und Verleger

l03
Sophie La Roche. Heiratsabsichten

Geßner, der, wie Wieland spitz bemerkt, ein Interessedaranhaben muß,


ihn gut zu verheiraten, hat er doch mit ihm in den vergangeneu Jahren
manche schwierige Verhandlung um das Honorar geführt, ja er ist ihm
einmal sogar ums schnöde Geld zu Gunsten eines zweifelhaften Ulmer
Verlags untreu geworden. 31 Geßner also soll ihm eine Gattin verschaf-
fen: "Hier findet sich keine für mich, denn ich sollte eine hübsche, ge-
scheite, muntere und womöglich eine reiche Frau haben." 32 Die Züricher
Pa trizier zögern, mit dem gründlich veränderten und schon verrufenen
Schwärmer von einst anzuknüpfen. Aber wozu soviel Umstände? Es
geht viel einfacher, denn da ist ja der Bürgermeister von Hiliern vor
einiger Zeit gestorben und Cateau frei geworden. Wieland geht flugs zu
der immer noch schönen Frau und wirbt. Er schimpft gewaltig über
den Seligen, der ihr gemeinsames Kreuz gewesen sei; dennoch gelingt
es ihm nicht, Cateau zugewinnen-nicht weil er schimpft, sondern
weil eine Bürgermeisterin keine Kanzleiverwalterin werden kann. Sicher-
lich spielte bei dieser seltsamen Werbung das ausgeprägte Form- und
Symmetriebedürfnis des Dichters eine Rolle. Wieland inmitten der
beiden Schwestern! Es wäre eine ideale Verwirklichung des rokoko-
haften Dualismus von "Freundschaft" und Ehe gewesen. Wir wissen
nicht, ob sich Wieland über diesen Korb sehr betrübte. Später war er
froh, dieser Ehe entgangen zu sein; um so wenigerCateau, als er immer
höher stieg und sie immer tiefer sank.
Man magmit einigem Recht sich empören oder auch lustig machen über
die seltsame Rolle, welche der heiratslustige Wieland spielt, aber man
muß sich vor Augen halten, daß seine jetzige Gleichgültigkeit nur die
andere Seite zu der großen Leidenschaft fürChristine ist, welche er zu
Gunsten Sophies, der Gesellschaft, der Kunst in sich ertötet hat. Ein
anderer "sonderbarer" Heiratsantrag freilich, den man ihm vorwirft, ist
ein glattes Mißverständnis und ein symptomatisches Beispiel für die
Verkennung des Biberacher Wieland. In der neuesten, sonst sehr
schönen Biographie Sophie La Roches 33 wird bewegte Klage darüber
geführt, wie fühllos und kalt Wieland mit dem Herzen seiner alten
Freundin umgeht, indem er "ganz ernsthaft" um die Hand ihrer acht-
jährigen Tochter Maximiliane (der späteren Mutter Brentanos) bat.
Wieland richtet nämlich in dem gleichen Sommer 1764, in dem er ihr
jene neuen Liebeserklärungen machte, einen Brief an Sophie La Roche,

139
Liebesgeschichten

indem er ihr mitteilt, er werde vier Jahre um ihre kleine Maxe werben
und nach der Heirat noch weitere ein bis zwei Jahre auf die Rechte
eines Gemahls verzichten. Natürlich ist dieser "Antrag" nichts anderes
als eine scherzhafte Huldigung für Sophie, ein kleines pikantes Märchen,
wie es Wieland gerne erfindet. Da er die Mutter nicht mehr heiraten
kann und ihr doch ganz nahe bleiben will, gibt er vor- natürlich "ganz
ernsthaft", sonst wäre es kein Scherz - , auf die Tochter warten zu
wollen. Ausdrücklich beschließt er den Briefmit den Worten: "Voila ce
qui est asses jase" (genug geschwatzt). Beschließt man so einen Antrag?
Der Brief ist ein spielerisches Seitenstück zu der Werbung um die
Schwester, die selbst nur eine Randerscheinung seiner Existenz ist.
Sophie ist das "Zentrum" für alle seine jetzigen menschlichen Verhält-
nisse- "Ma Souveraine".
Ihr gegenüber ist im Anfang auch die Frau, die Wieland endlich zur
Freude der Eltern heimführte, nichtssagend und ein halbes Kind. Es
ging dabei ganz nach dem Willen der Frau La Roche. In ihrem Hause
lernte er Anna Dorothea von Rillenbrand kennen, die, wie die ungleichen
Töchter Gutermann, aus Augsburg stammte; ihr Vater war ein wohl-
habender Kaufmann. Am 21. Oktober I 765 wurde das Paar vom Senior
Wieland persönlich eingesegnet, und der ehrwürdige Geistliche durfte
sich dessen mit Recht freuen, denn die alte Ordnung hatte sich ganz
entschieden wieder durchgesetzt. Aber es fehlen in dieser konventio-
nellen Eheschließung die höchst persönlichen Schnörkel ebensowenig
wie in der "antiken" Musarion oder in dem "Epos" Idris und Zenide.
Kaum hat Wieland die ihm zugedachte Braut besichtigt und ge-
nehmigt, da setzt er sich schon hin und schreibt an Sophie: "Chere
amie, je l'ai vue; c'est une bonne enfant qui n'a et n'aura jamais rien
de brillant, mais qui sous les ailes de ma tendresse et de votre amitie
developpera des vertus domestiques, et cela me suffit." 3 ' Auch über
seine ersten Eheerfahrungen erstattet Wieland sofort ausführlich Be-
richt an die Freundin. Seine Frau ist "bornee et peu vive", sie ist unge-
bildet, sie kann in der Gesellschaft nicht reden, aber sie ist gleichmäßig
und friedlich und von Hause aus an das beinahe klösterliche Dichter-
leben, das er zur Zeit führt, gewöhnt. "Je n'exige point d'esprit de ma
femme- j'en ai tant dans mes livres ... ", "je deviendrai raisonable,
meme peu a peu passable bete; mais en recompense je serai plus heu-

143
Rokokoehe
reux; j'en dormirai mieux, et j'en vivrai peut-etre plus longtemps."
Schon taucht das Bild des gleichzeitig geistvollen und (in seiner Lebens-
führung) philisterhaften Wieland von Weimar vor unsem Blicken
auf.
Selbstverständlich hat der Dichter, als die extremste Rokokolaune vor-
über war, auch zu seiner Frau ein menschlicheres Verhältnis gewonnen,
wie sich überhaupt seine Trennung von Leben und Geist unter dem
Einfluß der Epoche, welche den Namen Goethes emportrug, bis zu
einem gewissen Grade wieder milderte. Zunächst aber gewann sein
Geist gerade dadurch, daß er sich von dem natürlich-herzlichen Leben
streng distanzierte, die erstaunliche Schärfe und spielerische Kühn-
heit, die den Idris-Dichter bei Freund und Feind zu einer literari-
schen Großmacht erhob. Erst jetzt wurde der Salon seine eigentliche
geistige Sphäre. Aber es war nicht mehr der alte Salon: da er aus
einem reichen, ganz persönlich gelebten und reflektierten Leben her-
kam, brachte er genug "Erlebnis" mit sich, um die Formen des alten
"französischen" Salons mit eigenem Inhalt erfüllen und dadurch weiter-
bilden und erneuern zu können. Aus einem merkwürdigen, etwas po-
sierten Schüler des Salons wurde er durch die Lebenserfahrung der
Biberacher Jahre allmählich zu seinem Herrn und Meister. Damit sind
wir zu der Frage nach Wielands Verhältnis zu Stadions Hofe zurückge-
kehrt, die wir zunächst zurückstellen mußten. Es ist, als recht kompli-
ziert und häufig wechselnd, nicht leicht zu bestimmen, aber die Frage
selbst ist nicht nur für Wieland, sondern infolge seiner starken Wirkung
für die künftige Beziehung zwischen den deutschen Dichtem und den
Höfen ganz allgemein von größter Bedeutung.

3· Warthausen

Man darf in den 6oer Jahren des x8. Jahrhunderts Warthausen wirklich
fast einen Hof nennen, denn Graf Stadion ist nicht ein beliebiger Ver-
treter des oberschwäbischen Hochadels, sondern der langjährige und
mächtige Kanzler des ersten deutschen Kurfürstentums Mainz. Er
war nicht nur einer der einflußreichsten Politiker Deutschlands, er
ist es auch in seinem Altersasyl in Warthausen noch. Er ist noch

143
Warthausen

immer nomineller Großhofmeister von Mainz. Sein Schüler und Nach-


folger, der Baron von Groschlag, figuriert noch lange nur als Vizehof-
meister und bleibt mit dem Lehrer in ständiger, auch persönlicher
Verbindung. 35 Und mit dieser Macht verbindet sich- was so selten der
Fall ist - Geist. Stadion ist innerhalb der katholischen Territorien
einer der eindrucksvollsten Bahnbrecher der Aufklärung, eines der
Zwischenglieder zwischen der Berliner und der Wiener Aufklärung:
Joseph II. beginnt in dem Augenblick, als der Mainzer Staatsmann
endet. An Graf Stadion wendet sich Voltaire, als er mit dem König
von Preußen in Konflikt geraten ist; Stadion ist noch unbedingter als
Friedrich ein Bewunderer dieses großen kritischen Geistes. In ständiger
Auseinandersetzung mit den Jesuiten hat der Graf das geistliche Terri-
torium zu einem modernen Staat gemacht, nicht nur, indem er Paris
und London durch Förderung der Wissenschaften und Künste nach-
ahmte, sondern auch, indem er das praktische Leben nach den Grund-
sätzen der Aufklärung reformierte. Er bemühte sich um die Armen-
pflege und die Waisenversorgung. Er förderte Industrie und Handel,
veranstaltete, in Konkurrenz mit dem nahen Frankfurt, Mainzer Mes-
sen, versuchte die Bodenerträge der Bauern zu steigern. Am leiden-
schaftlichsten aber wandte er sich gegen die Mißstände, die durch den
Aberglauben bedingt waren. Schon im Jahre 1741, als er Warthausen
erbte, war eine seiner ersten Handlungen, daß er eine im Schloßgefäng-
nis untergebrachte, durch die Folter übel zugerichtete Hexe dem Arzte
übergab, die Pfarrer kommen ließ und ihnen verbot, das Volk durch
ihre Lehre in seinem Hexenwahn zu bestärken. Auch den Bischof von
Konstanz und die benachbarten Adligen bat er, Hexenprozesse nicht
mehr zu dulden. In gleichem Sinne verfuhr er während seiner Amts-
tätigkeit am Rhein; sö wissen wir, daß er 1750 bei einem Besuch in
Speyer zwei Hexen befreite. Bei einem solchen humanen Eifer ist es
nicht verwunderlich, daß er manchmal über das Ziel hinausschoß und
auch die religiösen Gefühle der Untertanen verletzte. Bei mancher Ge-
legenheit regte sich die Opposition des-Volkes unter der Führung der
Ordensgeistlichen sehr kräftig gegen ihn, aber er blieb Meister, und als
;)r endlich mit 71 Jahren Mainz verlassen mußte und sich in Wart-
hausen zur Altersruhe einrichtete, hielt er, trotzausgedehnter Lektüre
und Geselligkeit, noch immer viele Fäden der Politik in seiner Hand.

143
Graf Stadion

Das ist der große Zauberer, der, wie Wielands Tulpan im "Neuen Ama-
dis", über alle Künste verfügte und die Menschen nach seinem Willen
tanzen ließ. Einen sehr gelehrigen Schüler- Wieland gebraucht sogar
das Wort "Faktotum" -hatte er an La Roche. Die Geschichtswissen-
schaft (Asmus) hat erst im Jahre x8gg wahrscheinlich gemacht, daß
Sophies Gatte der illegitime Sohn Stadions und einer reformierten
Französin war; so dicht hatte der alte Zauberer sein Netz gesponnen.
Feindselige Kritiker, die wie die Romantiker in jeder Äußerung Wie-
lands etwas Sekundäres vermuten, könnten behaupten, er habe dem
Alten vom Berge seine Mischehentragödie nachgespielt, aber auch er
wußte nichts davon. Noch im Alter erzählt er die Stadionsehe Familien-
legende, mit welcher der wahre Sachverhalt verdeckt wurde. Man darf
sich die Verhältnisse überhaupt nicht so vorstellen, als ob Wieland der
Vertraute Stadions gewesen wäre. Wieland bewunderte diese über-
legene, mächtige Persönlichkeit in der ersten Biberacher Zeit, da er
nach einem ganzheitlichenMenschenturn strebte, mit der alten Poeten-
sehnsucht nach Kraft und Größe: "Figurez-vous un vieillard d'une
figure et d'une mine telle que celle clont Shakespeare dit: ,that Nature
might stand up and say: this is a man'." 86 Er ist im höchsten Sinn des
Wortes ein Welt-Mann. Aber persönlich bleibt zwischen Wieland und
Stadion stets der ungeheure Abstand von Gönner und Begönnertem.
Nur durch Sophie hat er Einfluß auf Stadion, denn dieser schönen,
geistvollen Frau ist der Grafsehr gewogen und vertraut. JedenMorgen
sucht ihr der Gatte Bücher heraus, damit sie den Grafen bei der Tafel
oder beim Spaziergang anregend unterhalten kann. Sophie führte Wie-
land in Warthausen ein und, wie die Briefe zeigen, gehen auch später
alle Bitten über sie zu Stadion und sogar zu La Roche. Auch hier tritt
wieder Sophie als Wielands "centre" hervor. Sie wohnt mit ihm in
Warthausen Zimmer an Zimmer, sie bleibt in der Bibi-Zeit, da er weder
Zeit noch Lust hat, um oft nach Warthausen zu gehen, seine Vertraute.
Sie begleitet er in dem Sommer, der seiner Eheschließung folgt, nach
Bad Lauchstädt, 37 sie vermittelt während des Konfliktes zwischen Wie-
land und Stadion und sie führt er schließlich als erste deutsche Roman-
schriftstellerin in die Literatur ein. Sie ist für Wieland in Warthausen
das, was ihm in Weimar die Herzogin Anna Amalia wurde. Nur in dieser
weiblichen Vermittlung und Milderung ist ihm, der stets mehr Bürger

143
Warthausen

und Humanist als Weltmann war, der Hof, und sei er noch so klein, er-
träglich. Damit aber gewinnt das Höfische, der Salon selbst ein ver-
ändertes, ein immer humaneres, intimeres Gepräge. Nicht umsonst
wurde Wielands Werk später, besonders in Wien, eine wichtige Brücke
zwischen Rokoko und Biedermeier.
Der Höhepunkt von Wielands Begeisterung für Warthausen liegt am
Anfang der Stadionsehen Tafelrunde, d. h. I761-1762. Wieland leidet
damals, wie schon in Bern, unter dem dunklen Gefühl, am Ende zu
stehen: er wird sein ganzes Leben lang Kanzleiverwalter in dieser klein-
lichen zänkischen Republik sein. 88 Ja, es kann noch schlimmer kommen,
denn er sitzt ja hier durch den Stellenstreit wie "der Vogel auf dem
Zweige". 39 In der ständigen Unruhe und Sorge seines Biberacher Lebens
schenkt ihm das Schloß, wie ein fernes Märchen, Ablenkung und Zer-
streuung: "un endroit ou je passe de temps en temps quelques jours aussi
agreablement qu'ille faut pour oublier ma situation dans ma patrie".' 0
Hier vergeht der Tag leicht und sorgenlos mit Lektüre, Konversation,
Tafelfreuden, Promenade, Konzert. "Voila la principale ressource que
j'ai actuellement contre les soucis et les embarras de mon etat a Bi-
berac." vVarthausen ist, das fällt an solchen Äußerungen auf, weniger
eine Existenz, eine Heimat als die Flucht vor der wirklichen Heimat,
vor dem Schicksal und vor sich selbst. Es besteht die Gefahr, daß Sta-
dion für den Dichter zu einem Bodmer mit umgekehrten Vorzeichen
wird, daß er es von neuem nicht wagt, seinen eigenen Weg zu gehen,
sondern daß er sich wiederum dem Geschmack und Willen eines anderen
beugt, nur weil er mächtiger ist. Wielands Biberacher Dichtung zeigt,
daß er dieser Versuchung nicht in jeder Beziehung widerstanden hat
("Komische Erzählungen"). Aber er trennt jetzt doch schärfer zwischen
den Zugeständnissen, die er macht, und dem, was eigentlich richtig ist;
die Selbstpreisgabe geht nicht mehr bis in den Kern.
Die allgemeine Richtung seines Weges wird weltlich und antiplatonisch
sein. Um das zu wissen, hat er des Grafen Stadion kaum mehr bedurft;
das wußte er schon seit den letzten Züricher Jahren, ja im Grunde
braucht er nur dahin zurückzukehren, wo er in Tübingen stand: "sans
m'etonner d'avoir ete enthousiaste, hexametriste, asd:te, prophete et
mystique, il y a bien du temps queje suis revenu, gräceaDieu,de
tout cela, et que je me trouve tout naturellement au point d'ou je suis

144
SCHLOSS WARTHAUSEN (1781)
Warthausen

parti il y a dix ans. Plato a fait place a Horace, Young aChaulieu.""


Die Bodmer-Ära, die Seraphik, der Züricher Pietismus war ein Irrweg,
aber darum braucht man noch kf'inMaterialist im Gefolge des Helvetius,
kein kalter Salonmensch, Abenteurer und Spötter zu werden, wie er es
in dieser Zeit oft zu sein scheint. Schon der Hagedorn-Jünger in Tü-
bingen wußte es besser. In derTat sehen wir, wie Wieland, in derselben
Zeit, da er das eigenartige Phänomen seiner "Rückkehr" erkennt, sich
wieder stärker auf sich selbst zurückzieht (Ende 1762). Er verspricht
Geßner (neben seinem Amt und der Arbeit am Agathon her) jährlich
neun Shakespeare-Dramen zu übersetzen !42 Er nimmt Christine in sein
Haus und läßt sich in Warthausen immer wieder durch Sophie ent-
schuldigen. Wie in Bern hat er es nicht lange im zerstreuenden Leben
der Gesellschaft ausgehalten. Schon taucht das Ideal eines armen "ky-
nischen" Lebens auf, das ihn später noch mehr beschäftigen wird.
Er ist nicht genügend närrisch, um Platoniker, nicht genügend reich,
um Epikuräer, und nicht alt genug, um Stoiker zu sein. So bleibt nur
die Sekte der Kyniker, welche uns die Vorrechte der Tiere gewährt,
ohne uns der Menschenrechte zu berauben. 48 Er hat leichtsinnig und
spielerisch den Tanz in Warthausen mitmachen und womöglich über-
bieten wollen. Aber schon ist er die Maskerade leid, er ist wieder schlich-
ter und eigentlicher geworden, so wie auch die Liebe zu Christine, die
vielleicht als galantes Abenteuer begann, mehr und mehr zu einem
ernsten Schicksal geworden ist. Dieser Wieland war als Mensch wahr-
haftig nicht so ohne weiteres der \Vieland von "Diana und Endymion"
( 1 762), wie es sich das bürgerliche Lesepublikum vors teilte und auchheute

noch vorstellt. Immer wieder spricht aus seinen Briefen an Sophie das
Gefühl, anders als die Gesellschaftsmenschen in Warthausen zu sein:
"Vous, ma chere amie, qui aves l'esprit naturellerneut juste, l'ame sen•
sible le coeur honnete et bienfaisant, vous seule etes capable de me
rendre justice." 44 Nach der Beendigung der Bibi-Affäre werden die Be-
ziehungen zu Warthausen wieder lebhafter. Wieder geht es für ihn dar-
um, Vergessen zu finden, Enthebung von einem schmerzlichen Schick-
sal. Jedes_,.Spielwerk", jeder Spott ist recht, wenn sie dazu dienen, den
Abgrund von Not und Grausamkeit zu verbergen, in den er geblickt hat.
Wieder bezaubern ihn die Zerstreuungen Warthausens. Aber schon
Anfang 1765 klagt er seinem Verleger über den Mangel an Zeit, und

147
Der Mühlenstreit

und zwar drücken ihn nicht nur die Amtsgeschäfte, die seit seiner
gültigen Einsetzung sich vergrößert haben, sondern auch die Pflichten
gegenüber Stadion. Der Graf ist an seine Gesellschaft gewöhnt, und
man kann sich nicht plötzlich von ihm zurückziehen. 45
Dazu mochte, noch im Herbst des gleichen Jahres, die Verheiratung
des Dichters manchen Grund oder doch Vorwand geben. Wieland lebte,
wie wir schon wissen, damals beinahe "klösterlich". "Die Geschichte
Agathons" rückte sehr rasch vorwärts. Aber es sollte in Wielands Ver-
hältnis zu Warthausen nicht bei dieser ungefährlichen Lockerung und
Abkühlung bleiben. Mit dem Verstande strebte der vorsichtig gewordene
Dichter sicherlich nach einer solchen Lösung, wußte er doch genau, daß
nur die Beziehungen des hochmögenden Grafen ihn aus der Tretmühle
des Biberacher Amtes erlösen konnten. Doch das "Herz" kam ihm
wieder einmal dazwischen, sein Selbstgefühl als Dichter, das durch den
guten Fortgang seines großen Romans mächtig erhöht wurde, und,
wir dürfen das nicht un.terschätzen, der Bürgerstolz des Ratsherrn von
Biberach. So kam es im Sommer 1766 zu einem Konflikt mit
hausen, dessen endgültiger Ausgleich erst nach zwei Jahren, kurz vor
dem Tode des Grafen, gelang.
Es ist ein Streit, der an die Geschichte vom alten Fritz und der Mühle
von Sanssouci erinnert. Graf Stadion hatte während seiner ertrag-
reichenMainzer Zeit allerlei Grundstücke im Biberacher Gebiet gekauft,
und es war dabei nicht ohne einen Prozeß beim Reichshofrat in Wien ab-
gegangen, der aber, bei dem mächtigen Einfluß des Mainzer Staats-
mannes, genau so wie der Kanzleiverwalterstreit, in seinem Sinn ent-
schieden worden war. Die Folge davon konnte nur sein, daß die Eiber-
aeher nicht gut auf den Grafen zu sprechen waren, obwohl sie manchen
Vorteil von der Machterweiterung des Geschlechtes Stadion hatten. Seit
der große Graf auf Warthausen saß, war nämlich Biberach noch mehr
als bisher zum Mittelpunkt und Versammlungsort der Adligen und Prä-
laten Oberschwabens geworden, wodurch viel Geld in die Stadt ffoß.
Trotzdem behielt man den stolzen, machtgewohnten Herrn genau im
Auge. Als er vom Rat bei günstiger Gelegenheit eine Verlegung der
Walk-und Schleifmühle, die in der Nähe seines Biberacher Hauses stand
und der gräflichen Muße zuwider war, forderte, stellten sich die Reichs-
städter, trotz großzügiger Entschädigungsangebote, auf die Hinter-

Sengle, Wieland 10* 147


Warthausen

beine. Wieder war Wielands dichterische Ruhe gefahrdet. Er mußte, ob


er wollte oder nicht, zwischen den Parteien wählen und er entschied sich,
einem plötzlichen Gefühl folgend, für seine Landsleute; er war mit dem
neuen Bürgermeistergut befreundet und überhaupt mit seiner Heimat all-
mählich herzlicher verbunden und verwachsen. Auf der Seite Wart-
hausens führte La Roche, auf der Seite Biberachs Wieland den Brief-
wechsel über die strittige Sache, und der Stadtschreiber war mit sol-
chem Eifer beim Kampf, daß es nicht nur zum Wirtschaftskrieg Wart-
hausens gegen Biberach und zur Abreise des Grafen auf seinen unter-
ländischen Besitz (Bönnigheim), sondern auch zu den schärfsten An-
griffen auf Wieland persönlich kam. Man warf ihm vor, das Gastrecht
mißbraucht zu haben, man trat mit seinen Gegnern in Biberach in Ver-
bindung, lud sie ein, ja man kündigte ihm die Sicherheit auf dem Gebiet
Warthausens. Besonders La Roche konnte sich nicht genug tun, seinen
Einfluß gegen Wieland spielen zu lassen und mißbrauchte sogar ein pri-
vates versöhnliches Schreiben Wielands zu dem Zweck, ihn bei seinen
Landsleuten inMißkredit zu bringen. Der Biograph von La Roche meint:
"Im Grunde genommen legt die ganze Angelegenbei t nur ein rühmliches
Zeugnis für die große Berufstreue La Roches und Wielands ab."' 8 Nun,
so sachlich war man in Rokoko-Oberschwaben noch nicht. Die beiden
Protagonisten in diesem zopfigen Kriege waren alles andere als pflicht-
treue Beamte. Rein sachliche Differenzen wären leicht zu überwinden
gewesen, denn es zeigte sich bald, daß ein Friede für beide Teile ersprieß-
licher war. Die Ursache des Streits war persönlicher und leidenschaft-
licher. Man braucht noch nicht einmal erotische Eifersucht anzunehmen,
obwohl derMühlenstreit der Badereise Wielands mit Sophie unmittelbar
folgt und die ungewöhnlicheHeftigkeitvon La Roche auffällt. Die Haupt-
sache war, daß der Dichter und Senator Wieland es einfach nicht mehr
ertrug und ertragen wollte, von den Hofmenschen als maitre de plaisir
und besserer Kammerlakai betrachtet zu werden. Der "Anfall von
Patriotismus für die Stadt Biberach", den er in einem Briefe an Zimmer-
mann ironisch eingesteht'7 , hatte den Sinn, seine Ehre und Gleichbe-
rechtigung als Bürger und als Aristokrat des Geistes gegenüber dem
"Hofe" zu ertrotzen. Nicht die kalte Pflicht, sondern wiederum sein Herz
verwickelte ihn so tiefund gefährlich in diesen Kampf; er hat selbst im
Alter geäußert, seine "Heftigkeit" habe den Bruch mit dem Grafen,

147
Kampf um Gleichberechtigung

der vermutlich kühler als La Roche war, unheilbar gemacht: "Stadion


habe immer auf die Ratsherren von Biberach gestichelt, und da sei er
einmal wütend geworden. "'S
Wieland, dessen Rationalismus überhaupt Notwehr gegen seine oft be-
klagte Launenhaftigkeit, gegen die Übermacht seiner Gefühle und
Phantastereien war, suchte frühzeitig die Folgen seiner Heftigkeit
wieder auszugleichen und zur Versöhnung mit Stadion zu gelangen.
In Sophie La Roche, die seine Vorzüge und Schwächen allmählich genau
kennengelernt hatte, war ihm eine verständige Fürsprecherin gewiß.
Aber es wird zu wenig gesehen, daß ihm auch in dieser Lage ein neuer
Verkehr mit Warthausen nur aufder Basis der Gleichberechtigung
erstrebenswert erschien, und daß er, der angeblich so Charakterlose,
Schmiegsame, unverbrüchlich an diesem Ziele festhielt. Er konnte
zwar niemals, wie der junge Goethe bei seiner Ankunft in Weimar, ein
Eroberer des Hofes werden, aber er war von nun an, bei aller Konzi-
lianz, jederzeit ein hartnäckiger Verteidiger seiner menschlichen und
dichterischen Unabhängigkeit. Er hat keineswegs nur als maitre de
plaisir zur Geltung des deutschen Dichters beigetragen. Man muß sich
bei seinem Widerstand vor Augen halten, daß der Graf ihm nicht nur
seine Gunst entzogen hatte, sondern auch mächtig genug war, um seine
Stellung in der wankelmütigen Republik Biberach zu bedrohen. Trotz-
dem schreibt er nach der indiskreten Benützung seines Versöhnungs-
schreibens durch La Roche: "Dieu sait que, si j'aurois ete encore libre,
jene les aurois pas faits ces pas et j'aurois mieux aime de risquer tout,
persuade qu'en perdant tout ici il ne me seroit pas impossible de me
proeurer de quoi vivre ailleurs." 49 So im September 1766. Und fünf
Viertel Jahre später, um die Jahreswende q67j68 betont er noch, daß
er ebensoviel zu verzeihen wie um Verzeihung zu bitten hat. Der Senator
Biberachs und Dichter des "Agathon" weiß seinen Wert, er braucht sich
vor dem großen Grafen nicht zu beugen: "Son Excellence devroit dai-
gner faire la reflexion qu'il y a quelque difference entre lamaniereclont
un Souverain pardonne a un Sujet qui a encouru sa disgrace et entre
eile ,qui n'a jamais ete mon Souverain et moi qui ne suis le sujet de
personne. J'espere que vous ne penseres pas asses petiterneut sur mon
compte pour trou ver mauvais que je fasse une reflexion si simple et que je
n'aime nullerneut les airs de grandeur qu'on se donne." 50 Es geht nicht

149
Warthausen

um kleinliche Empfindlichkei ten, sondern um die grundsätzliche Frage


der menschlichen Gleichberechtigung. Er wird mit dem Grafen gerne
sprechen, wenn er einmal nach Biberach kommt, aber er wird ohne
Einladung nicht nach Warthausen gehen, denn das käme einem Gnaden-
gesuch gleich. Zwei Jahre nach seinem ersten Versöhnungsversuch ist
noch immer die volle persönliche Aussöhnung mit Stadion nicht ge-
lungen, weil dieser sich weigert, einen Schritt entgegen zu tun. Wieland
muß fest bleiben, obwohl er fürchtet, daß die Freundin nicht mehr mit
ihm gehen wird, "que vous n'oseres plus temoigner de l'amitie pour un
plat rimailleur qui ose reclamer les droits de l'egalite naturelle contre
l'usurpation des droits du plus fort dontMessieurs les grands Seigneurs
aiment tant a se prcvaloir". 51
Endlich trifft man sich aufhalbem Wege. Wieland begegnet dem Herrn
La Roche wie zufällig im Hause seiner EItern und dem Grafen im
Schloßpark von Warthausen. Dem Dichter wird endlich ein würdiger
Friede gewährt; und wenn er jetzt nach Warthausen eingeladen ist,
sieht man oft vor der Dienstwohnung des Kanzleiverwalters die gräf-
liche Equipage warten. Der Wieland, welcher am Ende der Biberacher
Zeit in Warthausen verkehrt, ist nicht mehr der begönnerte Stadt-
schreiber und Reimeschmied von einst, sondern der geachtete deutsche
Dichter. Als kurz darauf(Oktober 1768) der Grafdas Zeitliche segnet,
sieht ihn die prächtige Leichenfeier, welche Adel und Klerus von ganz
Oberschwaben versammelt, nicht bei der Biberacher Deputation, son-
dern bei der Familie La Roche. 52 Er hat sich als Persönlichkeit wie als
Dichter einen ehrenvollen Platz in Deutschland errungen.

4· Loslösung von Biberach

Wie in Tübingen, Zürich und Bern hatte Wieland auch in Biberach


keine wirklichen Männerfreundschaften. Noch immer ist der Brief-
wechsel mit Zimmermann der einzige Ersatz dafür. Vergeblich machte
der Dichter den Versuch, seinen Freund als Arzt nach Warthausen zu
bringen. Er klagt oft über seine Einsamkeit und fürchtet, durch sie auch
geistig zu verlieren. Trotzdem mag man zweifeln, ob die alte, als Brief-
freundschaft konstituierte Beziehung durch die persönliche Nähe ge-

I5I
Winkelsehnsucht

wonnen hätte, denn die eigentliche intime Freundschaft Wielands in


seiner Biberacher Zeit war eben doch Sophie La Roche. Die Ehe änderte
daran nichts: Sophie nennt er seine erste Tochter! Überdies wissen wir
schon, daß er die Einsamkeit herzlich liebte, sich in ihr sehr glücklich
unterhielt und aus jeder Gesellschaft immer wieder gern in sie zurück-
kehrte. Man kann sich Wieland nicht als dauernden Mittelpunkt eines
"Kreises" denken. Während des Kanzleiverwalterstreits schielt er be-
ständig nach einem "ruhigen und sicheren Winkel" 53 , aber auch später,
als er durch Erfolge von mancherlei Art ermutigt nach einer gewissen
"Celebrität" strebt, behält die Maxime "qui bene latuit bene vixit" die
Oberhand. 54 Noch im Jahr 1768, als er sich, nach vorübergehender An-
passung, wieder stärker danach sehnt, aus der knechtischen und "seiner
unwürdigen" Beschäftigung in der "kleinen Tartarei" herauszukommen
und ihn Zimmermanns Ruf an den hannoveraniseh-englischen Hof auf-
horchen läßt, vergißt er nicht, seiner Bitte um Förderung die Versiche-
rung beizufügen, daß er keine großartige Stellung wünscht, sondern
"une situation obscure mais tranquille et qui me donneroit beaucoup
de loisir", "quelque coin". 55 Der sichtbare Ausdruck dieser poetischen
Winkelsehnsucht war vorläufig das Gartenhäuschen, das er sich, um
vom Schloßpark Warthausens unabhängig zu werden, nicht allzuweit
von seinem Hause entfernt, mietete. Hier weilte Wieland häufig lesend
und noch häufiger dichtend. In der damaligen Zeit gab es noch viele
Feiertage, die inzwischen verschwunden sind; auch manchen schönen
Sonntagmorgen war er hier, den Gottesdienst schwänzend, den er sonst
dem alten Vater zuliebe besuchte. Man darf überhaupt die Tätigkeit
eines schwäbischen Stadtschreibers im x8. Jahrhundert nicht mit dem
aufreibenden Dienste eines modernen Verwaltungsbeamten vergleichen.
Die Vergewaltigung des Menschen war noch nicht so weit gediehen. Wie
hätte Wieland sonst eine solche Fülle von literarischen Arbeiten vollen-
den oder wenigstens beenden können. Hören wir ihn selbst darüber und
über sein provisorisches Asyl, um eine unmittelbare Vorstellung von
dem einsam-schlichten Leben des komplizierten "Gesellschaftsdichters"
zu gewinnen: "Was meine Kanzelley betrifft, so müssen Sie sich die
Sachen aber auch nicht so gar gräßlich vorstellen. Ordentlicherweise
habe ich die meisten Nachmittage zu meiner Disposition, und meine
Geschäfte gehen mir leicht v<>n der Hand; dafür bin ich aber auch, ohne

I5I
Loslösung von Biberadl

Ruhm zu melden, einer der expeditivsten Leute im ganzen Schwaben-


land. Nur ein kleines Tuskulanum geht mir noch ab; und bis ich erben
werde (wozu vor dennächsten zwanzig Jahren wenig Hoffnung ist), sehe
ich auch keine Möglichkeit, eines zu bekommen. In Ermangelung dessen
habe ich ganz nahe an unserer Stadt, aber doch in einem etwas einsamen
Orte, ein artiges Gartenhaus gemietet, wo ich die angenehmste Land-
aussicht von der Welt habe, und so nahe es an meinem Hause in der
Stadt ist, doch völlig auf dem Lande bin. Hier bringe ich des Sommers
meine meisten müßigen Stunden zu, solus cum sola, aber ganz alleinmit
denMusen, Faunen undGrasnymphen,deren ich vonZeitzu Zeit eine im
Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht
lassen würde. Hier sehe ich Knaben baden, keine Nymphen; ich rieche
den lieblichen erfrischenden Geruch des Heues; ich sehe schneiden und
Flachs bereiten; auf der einen Seite erinnert mich aus der Feme der
Friedhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, daß ich leben soll,
so lang und so gut ich kann; - auf der andem lockt mir ein durch
Gebüsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab: daß ein halb
Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig tete levee herumgehen sehe, dar-
an hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne Höfe; ein langes
angenehmes Tal, das sich mit einem zwischen Bäumen hervorragenden
Dorfe mit einem schönen, schneeweißen Kirchturm endet, und über
demselben eine Reihe ferner, blauer Berge, aus denen im Abendstrahl
Horn, ein uraltes, seit kurzem von den jetztigen Besitzern neu aufge-
bautes Schlößchen herausglänzt. Das alles macht eine Aussicht, über
der ich alles, was mir unangenehm sein kann, vergesse, und mit diesem
Prospekt vor mir sitze ich an einem kleinen Tische und- reime."56
Das raffinierte Rokokogedicht "Idris und Zenide" und Heuhupfer, Heu-
geruch, badende Buben auf dem Hintergrunde der oberschwäbischen
Landschaft mit Mühlen, Höfen und weißen Kirchen! - Wir kennen
schon den scharfen Dualismus von Leben und Geist, zu welchem der
Dichter immer wieder Zuflucht nimmt.
Aber er wäre nicht Wieland gewesen, wenn er nicht auch die Grenzen
von Spiel und Ems t wiederum überspielt und von einer volleren, weniger
gebrochenen Gesamtexistenz geträumt hätte. So hören wir in den Brie-
fen von allerlei Veränderungswünschen, die ihn aus dem Zwiespalt er-
lösen oder doch ihn lindern sollen. Das Ersatz-Tuskulanum war, bei

I 52
Zukunftspläne

aller momentanen Befriedigung, wie die Geselligkeit von Warthausen


nicht seine volle Wirklichkeit, seine "Welt", sondern nur eine Gegen-
welt, Idylle, Märchen, und dabei konnte sich Wieland, im Unterschied
zu reinen Rokokodichtern wie Hagedorn, Gleim oder Geßner, letzten
Endes nicht beruhigen. Er träumt, wie schon früher und immer, bis zur
Verwirklichung seines Zieles im Alter, von einem wahren Tuskulanum,
von völliger Unabhängigkeit: "Il est bien sur, moneher Zimmermann,
que jene suis pas fait pour aucun emploi; l'independence m'est ainsi
necessaire que l'air." 57 "Ich kann, will und muß alles versuchen, was
mich zu einiger Unabhängigkeit führen kann." 58 Unabhängigkeit ist
das unverbrüchlich festgehaltene Lebensziel, und alle Wege, die zu ihm
führen, sind nur Mittel, die keinen Wert in sich selber haben. Seine
Shakespeare-Übersetzung bringt ihn auf den Einfall, er könnte wie
Geßner eine Unterstützung der Königin von England erhalten. 5 9 Oder er
hofft, sich durch Übersetzungswerke aus dem Griechischen eine ruhige
Existenz zu verschaffen. Ein andermal wünscht er eine "Professorstelle
an einem Gymnasio" etwa zu Berlin, Breslau oder Gotha. Vielleicht
kann er sogar Gymnasialdirektor werden, wenn er die Bekannschaft
König Friedrichs macht. 60 Noch lieber würde er Canonicus werden wie
Gleim, obwohl er nicht weiß, was das ist. 61 Während der Liebe zur
katholischen Bibi erscheint ihm eine Professur an der zum Erzbistum
Mainz gehörenden Universität Erfurt erstrebenswert. Ein andermal
verbittet er sich eine Professur, denn wenn er schon nicht ganz unab-
hängig sein kann, so möchte er wenigstens in Biberach bleiben. 62 Aber
der Titel einer berühmten literarischen Gesellschaft würde seine Stel-
lung in Biberach verbessern. 63 Kann man nicht die Schriften einträg-
licher machen? Er erreicht für den "Don Sylvio" ein beträchtliches
Honorar von einem Verleger zweiter Klasse. Er verlangt auch von Geß-
ner höhere Honorare, aber, als dieser sich weigert, ist für ihn die An-
gelegenheit wieder erledigt. Doch wie wäre es mit einer Pension der
Kaiserin Katharina- ohne nach Petersburg zu gehen ?64 So schwirren
während der ganzen Biberacher Zeit mehr oder weniger märchenhafte
Projekte durcheinander. Wieland fabuliert und phantasiert, aber er
"strebt" nicht eigentlich, sonst hätte er sich in dem Konflikt mit Wart-
hausen nicht so würdig verhalten. Man hat den Eindruck, daß er sich
ab und zu aufrafft, um ein neues Projektlein zu schmieden, denn er ist

I 53
Loslösung von Biberach

sich seiner "Indolenz" sehr bewußt- aber schon hat ihn wieder eine
neue Gegenwart mit neuen Nöten und Freuden und Träumen über-
wältigt. Man verstellt sich den Blick auf diesen kindlich-genialen Wie-
land, wenn man einzelne Äußerungen seiner Habsucht oder seiner Be-
rechnung allzu wörtlich nimmt. Er ist seit den großen Desillusionen
seines Lebens dazu geneigt, viel zu fordern und klug zu spekulieren,
weil er seiner eigenen Verträumtheit mißtraut, aber er ist auch ebenso
schnell wieder zum Verzicht bereit, wenn es sein muß. Noch im August
1768 rechnet er in aller Ergebenheit damit, daß die Biberacher Existenz
sein "unveränderliches Schicksal" ist, er wird auch so er selber sein:
"Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Versuch zu machen, ob es
nicht möglich sey, mir trotz aller dieser Umstände eine Art von Tragi-
Comico-farcicalischer Glückseligkeit zu verschaffen, für die ich niemand
als mir selbst, oder richtiger zu reden, dem der mich so wie ich bin ge-
macht hat, zu danken habe." 8 •
Als Wieland diese Worte an Zimmermann schrieb, hatte der Schweizer
Freund schon seinenRuf als Leibarzt des englischen Hofes von Hannover
erhalten. Auch des Schwaben Blicke und Träume waren längst nach
Norden gerichtet. Wielands Verleger war nicht mehr Geßner in Zürich,
sondern Reich in Leipzig, und die Sommerreise von 1766 nach Bad
Lauchstädt hatte ihn mit Gleim und J. G. Jacobi zusammengeführt.
Der am meisten kultivierte Brieffreund war aber jetzt der Professor
Riede! in Erfurt; er war für Wieland allmählich geradezu an Zimmer-
manns Stelle getreten. 66 Riedel ist ein Freund des berüchtigten, von
Lessing zerschmetterten Rokoko-Gelehrten Klotz, wie dieser mehr
Publizist als Gelehrter, der natürliche Bundesgenosse Wielands, da er
dazu neigen muß, die Partei der Unzünftigen an der Universität Er-
furt zu verstärken. Riede! kann in der "Erfurter Gelehrtenzeitung"
eine Trompete für Wieland blasen. Die entscheidende Einflußnahme
mußte freilich von dem Mainzer Oberhofmeister Baron von Groschlag,
Stadions Nachfolger, ausgehen, und Wieland hatte das Glück,
diesem großen Herrn kurz nach seiner Versöhnung mit dem Grafen
auf Schloß Warthausen zu begegnen und zu gefallen. Im Februar
I 769 erhielt er die Berufung als Erfurter Professor der Philosophie und

Mainzischer Regierungsrat mit einem befriedigenden Gehalt und, was


für Wieland nicht weniger wichtig war, mit geringen beruflichen An-

I 54
Berufung nach Erfurt

forderungen. Es geht dem ehrgeizigen und fortschrittlichen Kurfürsten


Emmerich J osef von Mainz nicht so sehr um die berufliche Leistung als
um den glänzenden Namen des Agathon-Dichters. Mit ihm will er seine
Universität zieren.
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß die Vermehrung der Kanzleiver-
waltergeschäfte, die soeben ein Reichshofrat-Conclusum verfügte, der
einzige Grund für Wielands Übersiedlung nach Erfurt war, wie es ein
oberschwäbischer Lokalforscher (Ofterdinger) glauben machen wollte.67
Der Dichter war seiner Vaterstadt gewiß tiefer verbunden, als er selber
wußte und als es seine spöttischen Bemerkungen über den "Anti-Par-
naß" Biberach erkennen lassen, noch inniger aber liebte er den Geist,
der ihn so oft in den Biberacher Nöten getröstet und der ihm soeben,
mehr als die launische Protektion Stadions, eine Stellung in Deutsch-
land errungen hatte, welche endlich das lang ersehnte "Asyl" zu unge-
störter Kontemplation zu gewähren, gleichzeitig aber auch den Weg
zur reinsten, weltweiten Wirksamkeit zu eröffnen schien.

I 55
IV. ERSTE MEISTERSCHAFT
(ERNEUERUNG DES ROKOKO)

1. Deutsche Dichtung um 1760. Shakespeare-Übersetzung.


Das "Herabsteigen" als Dichter

Das Ende der fünfzigerJahreist nicht nur für Wielands Entwicklung,


sondern auch für die Geschichte der deutschen Literatur ein wichtiger
Einschnitt. Der machtvolle Aufschwung der deutschen Aufklärung, ob
er sich nun lehrhaft oder empfindsam oder schließlich, zu Beginn des
Siebenjährigen Krieges, in einem heroischen Pathos geäußert hatte, war
plötzlich einer Ratlosigkeit und Ernüchterung gewichen. Deutschland
war seiner inneren und äußeren Verfassung nach zu konservativ, um
dem französischen Geist auf seinem Wege zum Materialismus und Libe-
ralismus eines Helvetius oder Diderot und damit in eine revolutionäre
Zukunft zu folgen. Je mehr sich Frankreich selbst vom esprit classique
loslöste- und das war in Helvetius' Aufsehen erregendem Werke "De
l'esprit" (1758) wie in Diderots bürgerlichen Dramen (1757 und 58)
soeben entschieden geschehen-, um so weniger kam für die Deutschen
eine Rückkehr zu Gottsehecis naiver Franzosennachahmung in Be-
tracht. Aber auch die tugend-und religionsselige Empfindsamkeit nach
englischenMustern hatte sich dem tiefer Blickenden bereits als Manier
entlarvt, und nicht anders war es dem verfrühten, schon von Winckel-
mann beeinftußten, antikisierenden Stil ergangen, in welchen die Emp-
findsamkeit in den ersten Jahren des Siebenjährigen Krieges überge-
kippt war und der mit seiner forcierten Ruhe und Monumentalität nur
als Gegenschlag gegen die weinerlich-gottseligen Jahre, nicht als ein
wahrhaft klassischer Ausgleich gelten konnte. Nach den verschieden-
artigsten Experimenten mit der immer beweglicher werdenden Sprache
und Dichtung befand man sich dem Ziel noch nicht viel näher als zu
jener Zeit, da Haller und Hagedorn, Gottsched und Bodmer mit dem
Aufbau einer "klassischen" deutschen Dichtung begonnen hatten. Das

I5I
Die dichtungsgeschichtliche Krise

goldene Zeitalter der deutschen Dichtung, von dem Bodmer in den


"Neuen kritischen Briefen" (1749) geträumt hatte, wartrotz Klopstock,
Geßner und dem jungen Wieland nicht erschienen, und zurück blieb
das Gefühl einer Unentschiedenheit und Leere, von dem Wielands re-
signierter Rückzug nach Biberach nur ein Ausdruck war.
Wie sehr seine persönliche Krise zugleich eine Krise der deutschen Lite-
ratur gewesen sein muß, zeigt ein Blick auf Lessing, dessen Entwick-
lung sich damals in einem auffallend ähnlichen Rhythmus bewegte, ob-
wohl er vier Jahre älter und von ganz anderer Veranlagung war. Auch
dieser männliche, kühle Dichter hatte in seiner "Miß Sara Sampson"
(1755) der ersten Empfindsamkeitsbewegung seinen Tribut entrichtet.
Dann, zu Beginn des Siebenjährigen Krieges, hatte er mit der ganzen
ungeduldigen Kraft seiner Pionier-Natur um eine heroische Tragödie
nach griechischem Muster gerungen, aber all diese Tragödienpläne
waren, genau wie Wielands anspruchsvolles Heldengedicht, Fragmente
geblieben. Auch der "Philotas", der gleichzeitig mit dem "Cyrus" ent-
stand, darf wegen seines verkümmerten Formates und Seelenraumes
kaum als etwas anderes angesprochen werden. Es folgte die resignierte
Flucht in die kleinen Formen des Epigramms und der Fabel ( 1 759): das
sächsisch-französische Rokoko Gellerts sollte während der preußischen
Besetzung von Sachsen durch ein preußisch-griechisches (spartanisches)
abgelöst werden, aber es blieb bei einem gewollten und frostigen Lakonis-
mus, der gegenüber der bescheidenen, aber stets gefälligen und anmuti-
gen Dichtung des älteren Fabeldichters eher ein Rückschritt als ein
Fortschritt war. Es mußte sogleich als widersinnig erscheinen, wenn
Lessing seinen weitausgreifenden Geist in die kleine Form der alten
äsopischen Fabel zu spannen versuchte.
Aber wo war etwas Großes in der zeitgenössischen Dichtung, das stand-
hielt? Waren nicht alles leere Ansprüche? War es nicht besser, etwas
Kleines, etwas "Nichtiges" zu tun als etwas Großes und Falsches?
An diesem Punkt wird die Erneuerung des Rokoko, welche Wieland
in dem folgenden Jahrzehnt leistete, als eine geistesgeschichtliche
Möglichkeit sichtbar. Sie ist nach dem Zusammenbruch des empfind-
samen und heroischen Enthusiasmus der fünfziger Jahre naheliegend
und zunächst nichts anderes als ein Ausdruck des bestehenden Va-
kuums.

157
Deutsche Dichtung um 1760

Lessings Reaktion auf diese Situation war nicht fruchtbarer, nur ehr-
licher und konsequenter als die Wielands. Als er sah, daß von allen großen
Plänen nichts weiter übrig blieb als das winzige Sprach- und Gedanken-
spiel seiner Fabeln und Epigramme, verstummte er. Es blieb ihm noch
die Aufgabe, dendeutschen Dichtem und gerade auch Wieland zu sagen,
wo sie mit ihren vermeintlichen Meisterwerken in Wahrheit standen.
Diese Kritik geschah 1759j6o in den "Briefen die neueste Literatur be-
treffend", die auf Wieland und viele andere niederschmetternd, aber
auch reinigend wirkten. Dann zog er sich in die bekannte praktische
Tätigkeit als Sekretär bei Tauentzien zurück- im gleichen Jahr, da
unser Dichter Kanzleiverwalter in Biberach wurde! Das Leben muß in
beiden Dichtern erwecken, was ihnen das bewußte Wollen verweigerte.
In sieben Jahren werden beide ein großes Werk vollenden, der eine den
ersten deutschen Meisterroman ("Geschichte Agathons"), der andere
das erste deutsche Meisterdrama ("Minna von Barnhelm"). Vorläufig
aber leben sie in dem Zweifel des Genies, das nicht weiß, ob und wie der
Geist aus ihm sprechen wird: Wieland beweglich und immer zum lite-
rarischen Spiel verführbar, Lessing männlich und schweigsam.
Das Wort Genie steht hier am richtigen Orte. 1759 erschienen Hamanns
"Sokratische Denkwürdigkeiten", der eigenartige Vorklang der deut-
schen Genieperiode. Das gleiche Jahr brachte den entscheidenden Vor-
stoß gegen die alte Nachahmungstheorie, Edward Youngs "Essay on
orginal composition", das schon im folgenden Jahr ins Deutsche über-
setzt und viel beachtet wurde. Lessing selbst hatte in dem berühmten
17. Literaturbrief Shakespeare als überragendes Naturgenie gepriesen,
und wenn er auch noch nicht, wie bald die Jüngeren, einer kritiklosen
Shakespeare-Nachahmung verfiel, so bewies er doch, und gerade da-
durch, sein Verständnis für "originale Komposition". Der Geniege-
danke lag bereits in der Luft.
Auch Wieland hatte nach seinen zahlreichen verfehlten Experimenten
das stärkste Bewußtsein von der persönlichen Freiheit des Dichters.
Selbst wenn er, der sehr mißtrauisch gegen jede Art von "Schwärmerei"
geworden war, die Freiheit mehr als Willkür denn als Verantwortung
gegenüber einem idealen Inhalt verstand und aus Resignation lieber
mit dem Gegebenen paktierte als etwas durch und durch Neues ver-
suchte, so blieb er doch in seinem Kern immer unabhängig und pro-

I5I
Genie. Shakespeare

duktiv. Das Gegebene war bald darauf das halbfranzösische Rokoko


Warthausens; es gewann unter Wielands Händen ein verändertes, ein
subjektiviertes und genialisches Aussehen, wie noch zu zeigen sein wird.
Zunächst aber, in dem Jahr vor der Ankunft des Grafen, bewies sich
Wielands originaler Neuanfang in den Ideen eines autobiographischen
Romans und einer vollständigen Shakespeare-Übersetzung. Beide Pläne
entstammten den ersten Biberacher Monaten. Schon am 3· 1. 1761
schreibt Geßner an Iselin: "Wieland übersetzt den Shakespeare und
schreibt, er wolle ihn so gut zu übersetzen trachten, als er wünschte,
übersetzt zu werden, wenn er Shakespeare wäre. Zugleich arbeitet er
zum Ausruhen an einer Gattung Roman, die natürliche Geschichte
eines Philosophen. "1
Die "Geschichte Agathons", wie der Roman später hieß, ist das Ergeb-
nis der großen Metamorphose des Heimgekehrten, die größte und ur-
sprünglichste Arbeit Wielands in seiner Biberacher Epoche. In der
Mitte des Jahres 1762, als schon ein Viertel fertig war, wird sie zwar
durch andere, peripherere Arbeiten beiseite geschoben, dann aber tritt
sie wieder in den Vordergrund, und nun zeigt sich, daß sie nur darum
ruhen mußte, um insgeheim zu einem Hauptwerke Wielands, zur
Summe seiner ganzen, auch der Biberacher Jugendentwicklung heran-
reifen zu können. Während die Bedeutung dieses Romans von der Lite-
raturgeschichte nicht übersehen werden konnte, steht sie seit langem
verständnislos vor seiner Shakespeare-Übersetzung (1762-66),
als deren Nebenwerk der große Erlebnisroman zunächst erscheint.
Man pflegt sowohl Wieland als Shakespeare noch immer so sehr durch
die Augen des Irrationalismus zu sehen, daß man unserem Dichter keine
echte Beziehung zu dem Renaissancedichter zutraut. Will man hierin
weiterkommen, so muß man zwei Arten von Beziehung unterscheiden,
eine historisch-reflektierte und eine unmittelbare. Von Wieland zu ver-
langen, daß er historisch versteht und andächtig über-
setzt, hieße von einem Rokokobaumeister fordern, daß er ein Renais-
sance-Gebäude pietätvoll restauriert. Ein allverstehendes romantisches
Verhältnis zu dem Gegenstand seiner Übersetzung ist bei unserem
Dichter ausgeschlossen- auch noch in seinem Alter, zur Zeit der Ro-
mantik. Aber wir kennen heute die Problematik des Historismus genug,
um darin nicht nur Nachteile zu sehen. Wieland ist eben gerade nicht

I 59
Shakespeare-

der "erste Impressionist", "der erste Übersetzer großen Stils", "eine


Biene, die aus allen Kelchen Honig sog", wie Gundolf allzu schnell mo-
dernisierend behauptet, 2 sondern noch ein Übersetzer älterer Art. Er
verfährt unhistorisch, nicht nur weil er vom Publikum ausgeht, wie
Gundolf sagt, sondern weil er in einer Kultur steht, die noch Stil hat,
einen Stil, nicht viele und keinen, wie das seit der Romantik immer
entschiedener der Fall zu sein pflegt. Das "subjektive Übersetzungs ver-
fahren" ist bei ihm noch in einer objektiven Kultur begründet, nicht
reine Willkür wie bei den Übersetzungsversuchen eines Lenz. Es ist ganz
sinnlos, Wielands Shakespeare-Übersetzung an der romantischen zu
messen; sie muß nicht nur wegen der philologisch-technischen Hilfs-
mittel, die damals noch fehlten, sondern schon wegen ihres Geistes
für nachromantische Forderungen unzulänglich sein. Aber der alte
Goethe rechtfertigt noch nach Wielands Tod seine Art zu übersetzen
durch folgende typologische Unterscheidung: "Es gibt zwei Über-
setzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Na-
tion zu uns herübergebracht werde, dergestalt, daß wir ihn als den Uns-
rigen anschauen können; die andere hingegen macht an uns die Forde-
rung, daß wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zu-
stände, seine Sprechweise, seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzüge
von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten Menschen
genügsam bekannt. Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte,
war beide zu verbinden bemüht, doch zog er als Mann von Gefühl und
Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor." 3 Für Wie-
lands erste Eindeutschung gilt das zuletzt Gesagte natürlich in be-
sonders hohem Maße; sie ist, um es auf den Begriff zu bringen, keine
Übersetzung, sondern eine Übertragung im Stil der 6oer Jahre.' Das
Ideal der Natürlichkeit und Faßlichkeit steht oben an. Das Histo-
rische, besonders das Barocke an Shakespeare, wird weitgehend ge-
opfert; das zeigt am deutlichsten die Milderung, ja Zerstörung der
hochstilisierten Bildersprache. Wenn es bei Shakespeare heißt: "An
hour before the worshipp'd sun/ Peer'd forth the golden window of
the east", kann Wieland ganz einfach übersetzen: "eine Stunde, eh' die
Sonne aufging". Gewiß, in einem solchen Fall wird die Sprache des
großen Engländers bis in ihren Kern zerstört. Wieland fühlt sich aber
nicht als ein Schulmeister, der Shakespeare korrigiert, sondern als

r6o
WIELANDS SHAKESPEARE-ÜBERSETZ
UNG (t762/66)
Shakespeare-übersetjung

ein Freund, der anstößige Ecken abschleift, um ihn als Ganzes seinen
zeitgenössischen Landsleuten nahezubringen. Das beweist die Note,
die er jener banal übersetzten Stelle beigibt: "Es ist nichts Ieichters,
als durch eine allzu wörtliche Übersetzung den Shakespeare lächer·
lieh zu machen, von der Herr Voltaire neulich mit einer Szene aus
dem Harnlet eine Probe gemacht."
Die Eigenart des Wielandsehen Shakespeare im einzelnen ist zur Ge-
nüge bekannt. Wieland verkürzte und erweiterte; er verdeutschte die
Namen und ließ sogar Schwäbisches einfließen. Die lyrischen Einlagen
gab er oft preis, angeblich weil er sie für unübersetzbar hielt, sicherlich
aber oft aus Bequemlichkeit; denn, und darin liegt nun wirklich ein
Mangel, es kann nicht bestritten werden, daß Wieland, je mehr seine
eigene Dichtung, besonders "Agathon", in den Vordergrund trat, um so
flüchtiger übersetzte; die Verpflichtung gegenüber dem Verleger drängte.
Dieser äußere Umstand und keineswegs Unempfindlichkeit gegen Shake-
speares Verssprache war wohl auch der wichtigste Grund dafür, daß er
mit Ausnahme des ersten Stücks Shakespeare in Prosa übersetzte. Die
Prosabearbeitung war für den leidenschaftlichen Verskünstler weniger
ein Prinzip als eine Not, aus der er eine Tugend machte. Trotzdem kann
Goethe noch im Jahre I8I3 sagen: "Eben diese hohe Natürlichkeit ist
der Grund, warum ich den Shakespeare, wenn ich mich wahrhaft er-
götzen will, jedesmal in der wielandischen Übersetzung lese. " 5 Goethe,
so dürfen wir vielleicht interpretieren, verkennt nicht den Wesensunter-
schied zwischen Wieland und Shakespeare und läßt sich doch die mo-
dernisierende Bearbeitung des zeitgenössischen Dichters gefallen, weil
sie ihm nicht so fremd und überwältigend gegenübertritt wie der histo-
risch echtere Shakespeare, den die Schlegels in romantischer Entselb-
s tung reproduzieren.
Ist demnach Wielands Shakespeare als Übersetzung nur von der be-
sonderen unwiederbringlichen Seelenlage des vorromantischen Men-
schen aus zu verstehen und zu rechtfertigen, so ist sein Bild Shake-
speares und das, was ihn unmittelbar zu dem großen Dichter hinzog,
vielleichter zu würdigen. Einen ersten Hinweis geben die Shakespeare-
stücke, mit denen er sich zuerst und am liebevollsten befaßte. Schon
im Januar I 76 I, also ein halbes Jahr nach seiner Heimkehr, war
Wieland zum Direktor der evangelischen Komödiantengesellschaft in

164
Wieland und Shakespeare

Biberach gewählt worden. Er hat das Amt nach einem Jahr wieder ab-
gegeben, wahrscheinlich deshalb, weil es eines kapitalkräftigeren Direk-
tors bedurfte, um die verschuldete Vereinigung leistungsfähig zu erhal-
ten; aber er hat sich als Beamter und Künstler stets der Gesellschaft
angenommen, wo er nur konnte. 8 Besonders in dem Jahr seiner Theater-
leitung mußte er die Verpflichtung fühlen, "nichts Gewöhnliches auf-
führen" zu lassen. 7 Sein Schweizer Theaterruhm war sicher nach Ober-
schwaben gedrungen; aller Augen sahen auf ihn, und in dieser Lage
entschied er sich für Shakespeares "Sturm". Er übersetzte das Stück
und führte es nach vielen Proben mit einem Erfolg auf, der auch für
das theaterfreudige Biberach ungewöhnlich war. Er bezeugt selbst,
daß diese Sturm-Aufführung der Anlaß zur Eindeutschung des ganzen
Shakespeare war.s
Er begann also mit einem von Shakespeares phantastischen Stücken,
nicht mit einer seiner Tragödien. Er ergriff, so sagt Gundolf, den eng-
lischen Dichter in seiner "äußersten, gewissermaßen schon abgekühl-
ten" Schicht; aber es bleibt doch fraglich, ob man bei einem Shake-
speare in solcher Weise zwischen Innen und Außen unterscheiden darf
und ob das Primat, das man seit dem Sturm und Drang in Deutschland
der Tragödie zubilligte, nicht eine Einseitigkeit war. Unser Dichter
griff ebenso einseitig, aber nicht minder original nach Shakespeare. Die
Übersetzung des "St. Johannis Nachts-Traum", mit der er seinen
deutschen Shakespeare verheißungsvoll eröffnete, verband ihn sehr
wohl mit dem inneren Shakespeare, mit dem Komödianten und dionysi-
schen Spieler. Die Renaissanceluft, die in diesem Drama weht, wird in
der Übersetzung nur wenig gedämpft, er atmet befreit in ihr, wie er
sich vorher und nachher in der Welt Ariosts voller Entzückung bewegt.
Der damalige Wieland darf nicht so ohne weiteres zum verzärtelten
Dichter des Rokokosalons gemacht werden. Sein Ausgangspunkt in
Biberach ist die persönliche Unmittelbarkeit und Freiheit und etwas
von dieser leidenschaftlichen Subjektivität durchdringt sein reinstes
Rokoko. Das Symbol solcher Freiheit ist aber schon für ihn, wie für die
Stürmer und Dränger, der geniale Shakespeare. Gruber, der aus seiner
Nähe zum Dichter ohne viele Begründungen oft richtiger urteilt als die
späteren Wieland-Forscher, sagt ganz schlicht und treffend, "daß Shake-
speare es war, dessen Genius dem seinen den Mut einhauchte, frei einen

Sengle, Wieland 11" 164


Shakespcare-Überse§ung

eigenen Weg zu wandeln".' Es ist nicht nur, wie Gundolf meint, ge-
schmäcklerisches Artistentum, was Wieland ursprünglich zu Shake-
speare hinzieht. Die Neigung zu Spiel und Freiheit allein könnte zwar
noch als Rokoko verstanden werden, denn immer unruhiger und "lau-
nischer" wird diese Gesellschaftskultur, je mehr sie sich dem Sturm
und Drang nähert. Die Grenzen sind keineswegs so eindeutig zu ziehen,
wie man oft meint. Was aber den Agathondichter Shakespeare am tief-
sten bewundern läßt und vom reinen Rokoko trennt, das ist die "Natür-
lichkeit" seines Menschenbildes. In diesem Ideal, dem unser Dichter
freilich nicht immer treu geblieben ist, kommt all das zusammen, was
seiner Shakespeare-Übersetzung und seinem Shakespeare-Bild die
größte oder wenigstens die am meisten vorwärtsweisende Bedeutung
gibt. Gegen die Kritiker, welche Shakespeare wegen seiner Fehler nicht
übersetzt haben wollen, macht er in seinem Schlußwort geltend, "daß
wenige das menschliche Herz besser gekannt und aufgedeckt haben
als er, daß wenige die Natur, in den mannigfaltigsten Szenen, mit so
vieler Wahrheit schildern als er". Er zitiert Warburton, nach dem
Shakespeare in der Wissenschaft, "zur Kenntnis unserer Natur" zu
kommen, "den obersten Platz" einnimmt. Es ist das alle Zeiten immer
neu überraschende Erlebnis von Shakespeares tiefer Menschlichkeit und
Wahrheit, das schon den Biberacher Wieland bewegt, den Dichter, der
endlich mit dem Mut zu sich selber gelobt hat: "Je serai vrai et hon-
nete, et jene ferai jamais la grimace pour avoir l'honneur de soutenir
mon caractere." 10 Es ist das Erlebnis von der rätselhaften Unmittelbar-
keit des Individuellen. Was kann bei einer so zentralen Beziehung das
oft zitierte Wort Wielands bedeuten, die Shakespeare-Übersetzung sei
ein "Abenteuer" gewesen? Die moderne Bedeutung dieses Wortes führt
in die Irre. Unser Dichter meint ein großes Abenteuer der Heldenzeit,
eine "herculische Arbeit", wie er selber deutlich genug sagt. "Ich habe
dabey geleistet was (zumal in den Umständen, in denen ich war ... )
möglich war. Ich schaudere selbst wenn ich zurücksehe und daran
denke, daß ich den Shakespeare zu übersetzen gewagt habe." 11 Er hat
neben der Arbeit an seinen beiden Romanen und den "Komischen Er-
zählungen", neben den persönlichen und dienstlichen Sorgen, die ge-
rade in dieser Zeit sehr groß waren, in einem halben Jahrzehnt 22 Shake-
speare-Dramen übersetzt, eine Riesenleistung, wenn auch kein Werk

164
Motive und Umstände

für die Ewigkeit. Er sieht die Unvollkommenheit sehr wohl, er erwartet


von Lessing und seinen Freunden "weder Gnade noch Gerechtigkeit" 12
Um so größer war seine Genugtuung, als der Meister den Meister er-
kannte und in der ,,Hamburgischen Dramaturgie'' die Shakespeare-Über-
setzung gegen alle gleichgültigen und kleinlichen Kritiker entschieden
und kraftvoll verteidigte. Lessing mochte dabei von dem stolzen Be-
wußtsein geleitet werden, daß die Tatsache und Art von Wielands
Shakespeare-Bearbeitung nur das erfüllte, was er im 17. Literaturbrief
selbst gefordert hatte.
Wieland hatte einen hohen Begriffvom Genie Shakespeares; von seinen
eigenen Fähigkeiten aber hielt er nach dem Zusammenbruch der
Schweizer Ambitionen nicht mehr viel. Die Herausgabe seiner ge-
sammelten poetischen und prosaischen Schriften in den ersten Eiber-
aeher Jahren sieht einem Abschied von der Literatur sehr ähnlich.
Die Übernahme der Shakespeare-Übersetzung ist ein Ausdruck solcher
Entsagung: er will von seinem Dichterthrone herabsteigen- tiefer als
er es in Wirklichkeit kann. Wir erschrecken, wenn er schon zu Beginn
der Shakespeare-Arbeit neue Übersetzungen ins Auge faßt: Ben Jon-
son, Fletscher, Suckling, als Fortsetzung Shakespeares,l8 ferner eine
Reihe von Übersetzungen aus dem Griechischen: Euripides, Theokrit,
Xenophon, Plato, Aristophanes, Lucian, Plutarch, Dion, Chrisostomos
usw. 14 Es ist die Geldnot der Bibi-Zeit, welche ihn auf solche Ideen
bringt. Immerhin zeigt sich zur Genüge, in welchem Maße der Dichter
grundsätzlich bereit ist, die zweitrangige Rolle eines Übersetzers zu
übernehmen. Der Briefwechsel mit dem Verlage Geßner verrät uns nur
allzu deutlich, daß Wieland nicht mehr daran denkt, um des Lorbeers
willen auf alle materiellen Vorteile aus der Buchproduktion zu ver-
zichten. Er verlangt oft mehr, als das solide Schweizer Geschäft geben
kann, und er macht handfeste buchhändlerische Vorschläge über Preis,
Format, Verkaufsart usw. Er versteigt sich zu ganz krassen Beteue-
rungen: "Ich muß Ihnen meine Schwachheit gestehen; lieber will ich
müßig gehen, als mein Gehirn für eine unempfindliche und undankbare
Nation aufzehren." 15 Seine Worte sind im Grunde nicht wahr, er
kann in Wirklichkeit nicht aufhören zu schreiben, aber es zeigt sich in
ihnen die Richtung seines Bewußtseins, Wieland ist kein naiver gesell-
schaftlicher SchriftsteUer wie noch Hagedorn und Gellert; schon

164
Das "Herabsteigen" als Dichter

er kehrt, nach der Phase empfindsamer Isolierung, in einer ausdrück·


lichen Wendung des Bewußtseins zum tonangebenden deut-
schen Publikum zurück, von dem seinerseits wieder bezweifelt werden
kann, ob es noch als Gesellschaft im alten Sinne anzusprechen ist: "Das
ist doch ausgemacht, daß die Zahl der Lesenden immer größer wird. " 16
Als ein Herabsteigen oder doch als eine bewußte Hinwendung zu dem
neu sich bildenden deutschen Lesepublikum darf auch die Wahl der
Romanform angesehen werden. Man muß sich vor Augen halten, daß
sie im damaligen Deutschland sehr wenig galt; bezeichnete doch noch
Schiller den Romanschriftsteller als Halbbruder des Dichters. Es war
nach den geltenden akademischen Begriffen vielleicht ehrenvoller, den
Shakespeare zu übersetzen, als in einer pöbelhaften Gattung, wie sie der
Roman seit dem Absinken der Barockkultur geworden war, selbständig
zu dichten. Der Schweizer Wieland war sich zu gut dafür gewesen, und
auch jetzt gehörte Resignation zu einem solchen Schritt. Es hörte sich
doch recht zweifelhaft an, wenn er an Geßner schrieb: "Ich sehe den
Agathon als ein Buch an, das kaum anders als einen großen Success in
der Welt haben kann; es ist für alle Art von Leuten, und das solide ist
darin mit dem ergötzenden und interessanten durchgehends gesell-
schaftet."17 Was für ein Buch konnte sich derjenige vorstellen, welcher
seinen Romanbegriff von den (der heutigen Literaturgeschichte unbe-
kannten) deutschen Unterhaltungsromanen zwischen Gellerts "Schwe-
discher Gräfin" (I 746) und Wielands "Don Sylvio" (I 764) hernahm!
Die Urteile über "Agathon" lauteten nachher ganz anders: er galt als
vornehmes und schwieriges Buch. Wielands ursprüngliches Bestreben
aber war, für alle zu schreiben; er wollte gelesen, nicht nur gelobt werden,
er war der klops tockischen Exklusi vi tä t und Erhabenbei t herzlich müde:
Agathon ist "das erste Buch, das ich für die Welt schreibe, alles Vorige
war nur für mich und etliche gute Freunde oder Freundinnen ge-
schrieben'' .18
Sicherlich verbarg sich in dieser resignierten Wendung zu einer pro-
saischen Gattung nicht nur die kalte Prosa des Gewinns, sondern auch
die unwillkürliche Lust zum Neuen, Lebendigen und "Natürlichen".
Besonders im "Agathon" verkörperte sich so viel selbsterlebte Wahrheit,
daß er gewichtiger wurde, als sein Dichter zunächst beabsichtigte. An-
statt noch weitere Übersetzungen beginnen zu können, sah er sich I765

r66
Gesellschaftliche Anpassung

vor die Entscheidung gestellt, entweder den Shakespeare oder das eigene
Werk zu vernachlässigen. Die vorzüglichste Entschuldigung für den
Shakespeare-Übersetzer Wieland ist, daß er mehr als die romantischen
Schlegels selbst ein Dichter war. Aber das weiß er zunächst noch nicht
oder nicht mehr. Er schämt sich geradezu seiner früheren Dichtungen,
besonders seiner Dramen. Als ihn Sophie La Roche im Sommer 1761 um
Übersendung seiner "Clementina von Porretta" bittet, verweigert er ihr
das Buch. Erst als sie sich verpflichtet, es niemand außer ihremGatten zu
zeigen, gibt er nach. 19 Das Singspiel, das er zur Feier des Hubertusburger
Friedens (1763) verfaßte und zu dem der Biberacher Musikus Knecht
die Musik schrieb, hat er uns nicht einmal überliefert. Ein solches Ver-
hai ten wäre in der Epoche seines Ruhmes, wo er mit äußerster 0 kono-
mie alles publizierte, nicht mehr denkbar gewesen.
Man kann sich für einen Augenblick die Frage stellen, was aus dem
Dichter geworden wäre, wenn Graf Stadion mit seinem kleinen Hofe
nicht nach Warthausen gekommen und demzufolge Wieland nicht in
die Einflußsphäre des französischen Rokoko geraten wäre. Wahrschein-
lich wären die "Komischen Erzählungen", vielleicht auch "Don Syl-
vio" nicht geschrieben worden, aber es ist doch sehr die Frage, ob
"Agathon" tiefer und vollendeter hätte werden können und ob er über
diesen Roman hinaus die Kraft und die Aufopferungsfreudigkeit zu ganz
selbständiger "großer" Dichtung gehabt hätte. Es ist möglich, daß er
im Gegenteil mehr übersetzt und die journalistische Tätigkeit, von der
er in Biberach, 20 wie zuvor in der Schweiz, träumte, schon damals be-
gonnen hätte. DieResignation beherrschte ihn, wie auchspäter in Zeiten
des Mißerfolgs, allzustark, und bis zu einem gewissen Grade entsprach
sie den tatsächlichen Grenzen seiner persönlichen und dichterischen
Substanz. Ein ganz selbständiger, zu klassisch-großer Dichtung fähiger
Geist hätte wahrscheinlich in dem ersten, fast unmerklichen Beben,
welches der Genierevolution voranging, gar nicht mitgeschwungen. Es
bedurfte dazu eines so überaus sensiblen, überbeweglichen Menschen,
wie Wieland einer war. Dieselbe Struktur, die ihn dazu befähigte, ein
hervorragender Vorläufer zu sein, verhinderte ihn auch daran, ein Dich-
ter von letzter klassischer Größe zu werden. So war das an ihm, was
sich von der Goethezeit aus gesehen als ein Neuansatz ausnimmt, zu-
gleich die obere Grenze seiner persönlichen Schöpferkraft, und das

164
Das "Herabsteigen" als Dichter

Spiel, das er in und mit der überlebten Gesellschaftskultur des Rokoko


trieb, war zugleich der Ausdruck eines persönlichen Vakuums. Dies gibt
Wielands Spätrokoko seinen ausgesprochenen Übergangscharakter,
sein zwischen Barock, Genieperiode, Klassizismus und Romantik viel-
fältig schillerndes Gepräge.
Das Urthema seiner Biberacher Dichtung, das freilich auch in sein
späteres Werk noch mannigfaltig hineinklingt, ist die Entzauberung der
"Schwärmerei". Es ist nicht nur der Zweifel an der platonischen Liebe.
Wenn dies Motiv zunächst vorherrscht und bis zur Ermüdung variiert
wird, so liegt der Grund dafür in den literarischen und gesellschaftlichen
Gepflogenheiten der Rokokokultur. Auf dem Gebiete der Erotik bewegt
man sich gefälliger und ungefährlicher als auf dem Gebiet der Politik
oder Religion. Aber es kann nicht übersehen werden, daß Wielands Ent-
zauberung von vornherein viel tiefer begründet ist. Es geht nicht nur
gegen den platonischen Eros, sondern gegen Plato, gegen die Ideen über-
haupt. ,J'ai ete oblige ou de rHormer mon Platonisme ou d'aller vivre
dans quelque desert du Tyrol. L'experience m'a desabuse d'une illusion
apres l'autre, enfinje me suis trouve au niveau. Je pense sur IeChristia-
nisme comme Mon tesquieu sur son li t de mort; sur Ia fausse sagesse des
esprits sectaires et les fausses vertus des fripons comme Lucien: sur Ia
morale speculative comme Helvetius, sur la metaphysique- rien du
tout; eile n'est pour moi qu'un objet de plaisanterie." 21 Wielands lite-
rarisches Herabsteigen, seine seelische Depression, auch seine betonte
Wendung zum Publikum finden in diesem metaphysischen Desillusionis-
mus die letzte Begründung. Seine Dichtung hat keinen idealen Inhalt
mehr, und, wie er sich auch drehen und wenden mag, sie gewinnt niemals
wieder einen, der unbedingt verbindlich wäre. Aus diesem inneren
Grund ist sie immer nahe daran, zur bloßen Form, zum Spiel zu werden:
"Spielwerk" ist der alles beherrschende Begriff, mit dem er in seinen
Briefen immer wieder seine Werke, besonders seine Versdichtungen,
charakterisiert und entschuldigt. Da man aber nicht immer allein spielen
kann, ist es oft ein Gesellschaftsspiel, und da der Zweifel das einzig
Sichere ist, so herrschen Satire und Ironie fast überall in dieser Dich-
tung. Selten stellt sich die Frage, ob ein großes künstlerisches Talent
ohne inhaltliche Bindung ein großer Dichter sein kann, so präzis wie
bei Wieland. Wer die Größe dieses Zweiflers bezweifeln will, findet genug

r68
Metaphysische Resignation

Vorarbeit von Wielands eigenem Zweifel geleistet: "Sehr oft weiß ich
selbst nicht, ob ich ein guter oder ein elender Skribent bin. Glück-
licher Gottsched! si t tibi terra levis, du warst immer mit dir selbst zu-
frieden! Sollte sich einer nicht wünschen Gottsched zu sein ?" 22 "Car en
un mot, mon ami, je sais que jene suis qu'un homme ordinaire, qui avec
un peu d'esprit et de lecture, a la folle passion de coml?oser, in fugam
vacui." 23 In den letzten Worten bezeichnet Wieland besonders scharf
die Unsicherheit und den Kompensationscharakter seines Künstlertums.
Ihm fehlt, so scheint es, zur Größe das Moment des Getragenwerdens
- von einer großen Idee oder Individualität. Indes ist nicht zu über-
sehen, daß eben dies Wissen um seine Grenze ihm eine Gefaßtheit, e:ne
Gediegenheit gibt, die von dem zerfahrenen Geniewesen der Lenz und
Klinger wohltuend absticht, daß ihn das Bemühen um das Große nie-
mals ganz verläßt, daß er, wenn auch zum Teil in fragmentarischer
Form über sich selbst hinausstrebt, die Kleinmeister des Rokoko hinter
sich zurückläßt und so in der verschiedensten Weise zum Vorläufer einer
Zeit mit neuen großen Inhalten werden kann.

2. Bemühung um das reine Rokoko


("Komische Erzählungen", "Don Sylvio")

Am wenigsten ist das in den "Komischen Erzählungen" der Fall.


Sie sind erst I 765, d. h. nach dem "Don Sylvio", erschienen, aber siebe-
ginnen in dem Augenblick zu entstehen, da der Rokokogeist Warthau-
sens den vereinsamten Dichter in seinen Bann zieht und Agathon bei·
seitegeschoben wird (1762).Man kann hier beinahe von einer Auftrags-
dichtung Warthausens sprechen, insofern der vereinsamte Dichter auf
jede Weise den Beifall seines neuen mächtigen Gönners zu erlangen
trachtet. Sowohl die Wahl der Kleinform wie die stark erotische Färbung
lassen sich darauf zurückführen. Wieland mußte, wenn er bei einem an
mondäne französische Lektüre gewohnten Herrn überhauptGehörfinden
wollte, mit pikanten Leckerbissen beginnen. Er versuchte die Funktion
eines Boccaccio, La Fontaine oder Prior zu erfüllen. Dabei fällt, wie bei
Wielands Tübinger Dichtung, auf, daß die Tierfabel keine Anziehungs-
kraft mehr besitzt. Man ist zwar weit davon entfernt, Lehre und Dich-

r6g
Bemühung um das reme Rokoko

tung grundsätzlich voneinander zu trennen, aber sie haben sich schon so-
weit differenziert, daß eine so kurzatmige Verbindung, wie sie der Fabel
entspricht, nicht mehr möglich ist, wenigstens für einen Wieland, dem
die naive Lehrhaftigkei t Gellerts ebenso fehlt wie die "logikalische Präzi-
sion", die ihm bei Lessing auffällt. 24 Zur "philosophischen" Dichtung
bedarf er größerer Formen, womöglich des Romans. In den kleineren
Dichtungen gibt er sich ungehemmt seinem spielerischen Künstlerturn
oder, wie er immer wieder selbst sagt, seiner "Laune", seinem "Furor
zu reimen" hin. Der Reim gehört zu Wielands Dichtung wie die Farbe
zur bildenden Kunst des Rokoko (im Gegensatz zum Klassizismus). Er
ist der formale Ausdruck für die neue Sinnlichkeit seiner Dichtung. Der
Hexameter Bodmers und der Dialog Shaftesburys konnten ihn schon
deshalb zu keiner Dichtung führen, die ihm ganz gemäß war, weil
dort der Reim fehlte. Der Vorgang der "Rückkehr", zur Tübinger Zeit
und zu sich selbst, ist an diesem Punkte ganz handgreiflich. Seine Dich-
tung setzt genau da wieder ein, wo sie nach dem "Anti-Ovid" durch Bod-
mers Gebot abgebrochen worden war, bei den "freien" gereimten Versen
des französischen Rokoko. Auch Klopstock hatte in den Krisenjahren,
von denen im Eingang des Kapitels die Rede war, dasantike Maß durch-
brochen und war zu "freien Rhythmen" weitergeschritten. Es ist kaum
zweifelhaft, daß beide rhythmischen Freiheiten in der allgemeinen gei-
stigen Befreiungsbewegung des Jahrhunderts begründet waren, aber es
ist bezeichnend, daß unser Dichter in dem Augenblick, da er sich selbst
wiedergegeben ist und zu einer freieren Rhythmik zurückkehrt, auch
das Instrument des Reims wieder aufnimmt und es in einer immer kunst-
volleren und betörenderen Weise zu spielen lernt. Die Bindung des Reims
ist ihm, als einem sehr musikalischen Dichter, unentbehrlich. Das blasse,
sparsame Rokoko der Uz und Gleim ist nicht sein Fall. Noch in seinem
reinsten Rokoko bedarf er eines gewissen Atemraums: das nuancen-
reiche Spiel seiner Kunst kann sich in der ganz kleinen Erzählung, wie
sie in der Renaissance und noch bei La Fontaine und Prior beliebt war,
nicht erfüllen. Der Zug zum Großen ist selbst in den "Komischen Erzäh-
lungen" fühlbar; nur ist es nicht das Klassisch-Große, das Monumen-
tale, sondern schon eher das Romantisch-Große, die Verliebtheit in das
Spiel der Klänge und das Schweifen der Phantasie. Nur ein einziges
freches Nippfigürchen von La Fontainescher Kürze hat sich erhalten:

170
Oberschwaben

"Nadine". Es ist ein Stück erotischer Gebrauchsliteratur, wie sie die Ge-
sellschaft jener Zeit zu vorgerückter Stunde liebte, geschickt und auf-
reizend gemacht und in eine recht deutliche Pointe auslaufend. Gerade
diese Ausnahme aber kann uns zum Bewußtsein bringen, wie fern unser
Dichter den Niederungen des Rokoko steht. Es läßt sich nicht denken,
daß er viele solcher Gedichte gemacht hätte. Er könnte es nicht einmal,
wenn er wollte, denn es fehlt ihm dazu die stoffliche Erfindungskraft und
die sprachliche Präzision. Auch "Nadine" ist keine selbständige Arbeit,
sondern einer Erzählung Priors, "The dove", unmittelbar nachgebildet;
dort hat Venus ihre Lieblingstaube verloren, Cupido sucht sie bei Chloe
und findet sie tief in ihrem Bette. 25
Solche Stückchen, auch wenn sie kräftig sind, liebt der alte Weltmann
aufWarthausen, und unser Dichter bemüht sich, auch in seinen "Ko-
mischen Erzählungen" kräftig gewürzte Kost zu geben. Die Frage ist
nur, ob er dies, nach seiner Herkunft und geistigen Lage, ebensogut v.ie
Boccaccio oder La Fontaine leisten kann. Man darf sich den alten Gra-
fen und seine Töchter nicht allzusehr als abgezirkelte höfische Figuren
vorstellen. Wie die französische Rokokokultur überhaupt durch einen
stark naturalistischen Zug gekennzeichnet war , 26 so ist vollends dieses
rheinisch-oberschwäbische Rokoko ziemlich derb. Ohne stark stoffliche
will sagen erotische Effekte ist Stadion nicht zufrieden. Er hat auch
die bildenden Künstler zu seiner Ergötzung bestellt. Man erzählt in
Warthausen von gewissen Wandverzierungen, die seinen Erben un-
erträglich schienen und übermalt v.-urden. Ob dadurch unersetzliche
Werte verloren gegang...n sind, darfman bezweifeln; und ob die Kritiker,
welche Wielands Produktion von komischen Erzählungen hemmten
oder deren Veränderung veranlaßten, so barbarisch v.- areTJ., ist auch nicht
ganz sicher. Die bürgerliche Welt pflegte, in Ablehnung und Verteidi-
gung, von jeher diese Produktionen viel zu ernst zu nehmen, weil sie
das Spielerische und Gesellschaftliche darin zu wenig sah und sie wie
"Agathon" für Erlebnisdichtung nahm. Die katholische Gesellschaft
in Warthausen und anderswo liebte, mit oder ohne Rokokoschnörkel,
einen tüchtigen Scherz. Das hatte mit der Religion und Lebensführung
herzlich wenig zu tun, und Wielands Empörung über die Kritiker seiner
Moral ist ganz verständlich. Er betonte später, als in Nord und Süd das
Kesseltreiben gegen ihn begann, in einem Brief nach Erfurt ausdrück-

164
Bemühung um das reine Rokoko

lieh, daß er unter seinen Nachbarn "ein paar hochgeborene Damen"


habe, "welche ahngeachtet sie Stiftsdamen sind, in seine Erzählungen
verliebt sind, und mit Sehnsucht aufMusarion warten" .27 Die beiden
ersten Stände des katholischen Oberschwaben waren nichts weniger als
pietistisch. Man denke an den prächtigen Obermarchtaler Pater Seba-
stian Sailer, der allein ein ganzes Theater mit Dramatiker, Regisseur,
Musiker und Hanswurst war und dessen Spiele noch heute in Oberschwa-
ben bekannter sind als die Werke unseres Dichters. Er verkehrte in den
Jahren 176r-65, also gerade in der Zeit von Wielands aktivster Betei-
ligung an Stadions Kreis, auf Schloß Warthausen28 , ein seltsamer, wenig
beachteter Umstand, durch den dieser Rokoko-Musenhof erst in das
rechte Licht gerückt wird. Graf Stadion, der mit seinem Spott allen
eifernden Pfaffen übelmitspiel te, scheint dengeistlichen Humoristenmit
Respekt behandelt zu haben; wenigstens hat man seine Anrede "Pa-
triarch" so gedeutet. Es ist so gut wie sicher, daß man Sailers volkstüm-
liche Stücke in Warthausen kannte und liebte; denn noch in seiner Er-
furter Zeit erbat Wieland von La Roche die Abschrift von zwei Komö-
dien "Pater Sebastians", um dem Statthalter von Erfurt aufKosten des
schwäbischen Dialekts einen Spaß machen zu können. 29 Ein kräftiger
großzügiger Geist umgab den Biberacher Pfarrersohn, sobald er die
Grenzen seiner Vaterstadt verließ. Aber es lag nicht in seinen Möglich-
keiten, aus den Elementen, die er vorfand, eine wurzelechte Rokoko-
dichtung zu schaffen. Dazu war er zu reflektiert, zu verträumt und ohne
die rechte gesellschaftlich-plastische Kraft. Seine "Komischen Erzäh-
lungen" bleiben in dem unangenehmen Zwielicht des zur Sinnlichkeit
bekehrten Pietisten stehen. Vergleicht man sie mit den Gemälden
Bouchers, mit dem Wieland durch die Wahl gleicher Motive konkurriert
(Urteil des Paris, Netz des Vulkan), so fällt in die Augen, daß dem Eiber-
aeher Dichter die helle Sinnlichkeit des Pariser Malers, in der noch ein
Hauch von Renaissance nachweht, nicht erreichbar ist. 30 Er bleibt im
Ressentiment stecken. Man stelle sich auch die Lage der beiden Künstler
vor. Im einen Fall malt der königliche Hofmaler für die Pompadour, die
anerkannte erste Mätresse von Paris. Im andern Fall gestaltet ein klein-
städtischer Poet, der soeben in größter Heimlichkeit sein erstes Liebes-
erlebnis mit einem kleinen Mädchen hinter sich gebracht hat, das Motiv.
Er träumt zu viel von Dingen, die in romanischen Ländern naiv gelebt

172
"Komisd1e Erzählungen"

werden. Er malt sich aus, wie die Liebe der großen Damen aussehen
mag, denn um solche handelt es sich ja bei diesen griechischen Göttin-
nen. Nicht der Stoff als solcher, aber der fehlende Einklang von gesell-
schaftlichem Thema und Erlebnis, von Stoff und Stoffverarbeitung rückt
die "Komischen Erzählungen" an die Peripherie von Wielands Werk.
Ein streitbarer Verteidiger, den sie kürzlich gefunden haben, tut ent-
schieden zu viel, wenn er die Reaktion auf sie zur Mündigkeitsprobe
macht. 31 Ich denke, der mündige Leser wird weder lachen noch ent-
rüstet sein, sondern nachdenklich jenen seltsamen, zwiespältigen Musen-
hofvon Warthausen vor sich sehen, mit dem diese modischen "Riens"
plötzlich kamen und ebenso plötzlich wieder verschwanden. Lassen wir
sie endlich im Frieden der Historie ruhn!
Zur Charakterisierung von Wielands Behandlungsatt bietet sich am be-
quemsten die Erzählung "Das Ur teil des Paris" als Beispiel an, denn
hier können wir nicht nur mit der antiken Quelle, sondern auch mit einer
barocken Bearbeitung des Motivs vergleichen. Weckherlin32 behan-
delt das Thema mit dem langen Atem und dem rhetorischen Pathos des
"heroisch-galanten" Zeitalters. Obwohl die Göttinnen auch hier eine
Allegorie für hochgestellte Damen sind, bleibt ein weiter Abstand zwi-
schen ihnen und dem liebesbegierigen Paris. Sie scheinen nicht nur
höher, wie bei Wieland, sondern sie sind es auch. Die ganze Natur feiert
das Fest ihrer nackten Schönheit. Paris ist "gleichsamb stum und taub".
Der Sieg derVenus ist der Sieg einer Macht, die größer und gewaltiger
als "Weisheit" und "Hochheit" ist. Paris wird nicht verführt, sondern
überzeugt. Er kann "die Wahrheit nicht verneinen", daß Venus die
höchste kosmische Kraft vertritt. Nicht Helena, sondern der Eros über-
haupt ist das Stärkste, als Idee, als metaphysische Realität; darum kann
ihm Venus auch andere Frauen versprechen, ohne daß das Pathos, die
Idealität der Dichtung darunter leidet. In Lucians Dialog33 wird der
Vorgang mit leichter Hand und mit der bekannten Respektlosigkeit
gegenüber den Göttern dargestellt; aber es geschieht in der Schlichtheit,
welche der Antike eigen ist. Aphrodite verspricht dem Jüngling Paris,
ihm zur schönen Helena zu verhelfen, obwohl sie die Frau eines andern
ist. Und schon entbrennt dieser; er fürchtet nur, Venus könnte nicht
genug zu seiner Unterstützung tun. Er denkt nur an Helena, denn ihr
Besitz istmehr als die Herrschaft über Asien oder der Lorbeer des ersten

173
Bemühung um das reine Rokoko

Kriegshelden. "Auch den Eros, den Hirneros und die Chariten wirst du
mitbringen?" "Verlasse dich drauf, und den Pothos und Hymenäus
obendrein." "Nun also, aufdiese Bedingung-hier ist der Apfel." Wie-
land scheint mit seinem ironischen Ton bei Lucian anzuknüpfen, aber
er geht in der Entzauberung noch viel weiter. Nicht nur die Hoheit der
Göttinnen als Göttinnen, sondern auch die Liebe selbst wird in ein sehr
zweideutiges Licht gerückt. Paris ist ein routinierter Draufgänger, der
sich die ferne Helena für später gern gefallen läßt; vorerst aber faßt er
die gegenwärtige Venus ins Auge und gewährt ihr den Apfel erst, als sie
ihm von der nächsten Nacht ein Stündchen versprochen hat :

"Sie heut dem ungestümen Knaben


Die schöne Hand und sagt- nicht Nein.
Der Schlaue will noch mehr Gewißheit haben:
,Beim Styx, mein Täubchen?' ,Sei's! Willst du nun ruhig sein?'
,Hier, Göttin, nimm! der Preis ist Dein!'-"

Die kurze Probe mag den kalten sprachlichen Charakter der Erzählung
andcu ten. Sie überzeugt weder durch die Präzision eines Lessing, noch
durch die musikalische Fülle des späteren Wieland. Der Dichter selbst
war wenig zufrieden und fand viel zu ändern. 34 Die Arbeit an den "Ko-
mischen Erzählungen" wurde zur Schule seiner Verskunst; das ist viel-
leicht die wichtigste Funktion und die eigentliche Bedeutung dieses
Werks. An der Erzählung, die zuerst entstand ("Endymion", später
"Diana und End ymion"), hat er zwei Jahre gefeilt, bis er zu sagen wagte:
"Ich denke End ymion ist vollendet, omnibus numeris absolu tus" 35 ;
später hat er doch eine Neubearbeitung des Schlusses für nötig gehalten.
Bei "juno und Ganymed" konnte alle Kunst die Anstößigkeit des Stof-
fes, den "Bordellcharakter", wie er danach selbst sagte 36 , nicht besei-
tigen; die Erzählung mußte schließlich ganz unterdrückt werden. Mit
der Juno wollte er, nach seinem Geständnis 37 , die Gräfin Schall, die
älteste Tochter Stadions, welche dem kleinen Hofe in Warthausen vor-
stand, treffen. Aber eben diese Absicht persönlicher Satire machte ihm
später die Dichtung verhaßt. Am höchsten schätzte er die Erzählung
"Aurora und Cephalus", die von den vier Stücken der ersten Aus-
gabe zuletzt entstand und den Band beschloß. Von dieser Dichtung
konnte Wieland voller Stolz seinem Freunde Geßner berichten, sie habe

174
"Komisdle Erzählungen"

"den Grafen von Stadion von seinem wohl hergebrachten Vorurteil


wider die deutsche Poesie bekehrt; er wunderte sich gar zu sehr, daß
man das alles in deutscher Sprache sagen könne,- denn bisher kannte
er die deutsche Sprache nur aus Akten, Urkunden und Ministerial-
schriften".38 Auch für den heutigen Betrachter hat "Aurora und Cepha-
lus'' einen besonderen Reiz. Dieweltmännische Freibei t und Eleganz des
französischen Rokoko ist bis zu einem hohen Grade erreicht, und doch
schwingt schon etwas von der Phantasietrunkenheit und Euphonie des
kommenden Wieland, des Stanzendichters, in dem Werke mit. Ich gebe
auch von dieser Erzählung den Schluß, um den Gewinn an Klangfülle
und Rundung zu vergegenwärtigen; hier darf Baueher mit einem ge-
wissen Recht zum Wettbewerb eingeladen werden:

"Sein Fall erschreckt ihr lauschend Ohr;


Sie schwingt sich aus der Flut empor,
Sieht und erkennt, indem sie siehet,
Den alten Freund, der schon den letzten Atem ziehet.
Die dringende Gefahr macht, daß sie jetzt vergiBt,
Wie wenig er verdient, daß sie so gütig ist.
Sie schwimmt hinzu, trägt ihn mit eignen Armen
In eine Grotte hin, wo ihm das weiche Moos
Zum Bette wird, setzt ihn auf ihren Schooß
und läßt sein kaltes Herz an ihrer Brust erwarmen.
Das Mittel hilft. Sie fühlet bald,
Daß etwas noch in seinen Adern wallt,
Sieht seine Wangen sich mit neuen Rosen färben
Und küßt ihn bald ins Leben ganz zurück.
ZumMalen wäre das ein hübscher Augenblick;
Hier könnt' ein Baueher Ruhm erwerben!
Er öffnet bald den neu belebten Blick,
Erkennt Auroren, sinkt an ihre Brust zurück,
Nicht vor Verzweiflung mehr, vor Dankbarkeit zu streben."

Wieland plante außer den hier vollendeten noch allerlei andere komische
Erzählungen: "Venus und Adonis", worin er dem schönen Geschlechte
für "Juno und Ganymed" "Reparation tun" wollte 39 , "Das Netz des
Vulkans", ein Stoff, den er durch eine bestimmte "Ausarbeitung" seines

IJ5
Bemühung um das reine Rokoko

schlüpfrigen Charakters zu entkleiden gedach te 40 und "Die zween Liebes-


götter".'l Auch die "Grazien" werden zum erstenmal im Zusammenhang
mit den "Komischen Erzählungen" genannt. 42 Es ist sehr wohl möglich,
daß er das eine oder andere Spielwerk schon angefangen hatte, aber die
ungünstige Aufnahme der ersten Veröffentlichung nahm ihm alle Lust.
Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Berlin, ja in Paris, und was
ihm am allerunangenehmsten war, im benachbarten Lindau fuhr man
über ihn her, und er flehte Brief um Brief Salomon Geßner an, ihm
einen Apologeten zu erwecken, der beweise, daß die komischen Erzäh-
lungen "als wahre und satirische Gemälde der herrschenden Sitten
der großen Welt" 43 -moralisch seien. Aber er glaubte selbst nicht
recht an seine gute Sache. Die gewundenen Erklärungen seiner
Briefe, die Zustimmungen zu manchen kritischen Bemerkungen der
Berliner und die einschneidenden Veränderungen, welche er später
vornahm, beweisen es.
Überblickt man die Produktion der folgenden Jahre bis zu dem großen
Einschnitt zwischen Erfurt und Weimar, so fallen zwei Verserzählungen
auf, welche durch die Anstößigkeit ihres Gegenstandes zum Geschlecht
der "Komischen Erzählungen" gehören: "K o m b ab u s" (I 770) und
"Aspasia" (I773)· Der Dichter hat sie in seiner Auswahlausgabe von
I 784 selbst mit den drei salonfähigsten komischen Erzählungenunter dem

Titel "Griechische Erzählungen" zusammengefaßt. Wieland scheint sie


zunächst abgebrochen oder unterdrückt, dann aber, mit dem Wachstum
seines Ruhmes und seiner Ökonomie doch noch vollendet und herausge-
geben zu haben. Für "Aspasia" ist die frühe Entstehung (I 764) bezeugt. 44
Es ist die Geschichte von einem platonischen Philosophen und einer
Oberpriesterin, deren Entkörperungsübungen auf die Dauer eine ent-
gegengesetzte Wirkung tun. "Kombabus" hat mit den "Komischen Er-
zählungen" die Quelle Lukian gemeinsam und kann nicht erst I 77I ent-
standen sein, wie der Vorbericht von I794 behauptet, da er schon zur
Jubilatenmesse I770 erschienen ist. 45 Derselbe Vorbericht gibt sich alle
Mühe, die Moral der Erzählung zu retten; Gruber nimmt die Rechtferti-
gung auf und rückt den "Kombabus" weit vom französischen Rokoko
ab. 46 Dennoch will mir scheinen, daß die "Zucht und Delikatesse" der
Behandlung, ihre Ironie, die philosophische Einleitung, die Einfügung
eines edlen Beweggrundes für die Tat, die gepflegte Sprache und was

164
bt

2eipAig,
btp rbm unb !Reicb. 1772.

"DIE ABENTEUER DES DON SYLVIO VON ROSALVA" (1764)


Bemühung um das Rokoko

man sonst noch rühmen könnte, den ursprünglichen naturalistischen


Charakter des Stoffs und seine Widerlichkeit nicht aufzuheben vermag!
Hier gelangte Wielands Formkunst an eine Grenze, welche für die
Ästhetik nicht uninteressant ist, insofern im "Kombabus" die Bagatelli-
sierung des Stofflichen, welche seit der l'art pour l'art-Bewegung üblich
ist, besonders anschaulich ad absurdum geführt wird.
In den "Komischen Erzählungen" ist Wieland der sterbenden Rokoko-
kultur am weitesten entgegengekommen. Hier platzten naturalistische
Kraßheit und feinste Formkuns t, plumpste Sinnlichkeit und elegantester
Schliff am schärfsten aufeinander. Hier ist das Sexuelle, die letzte frag-
würdige Bindung des dekadenten Menschen, am grellsten entfaltet und
die Wendung zur Gesellschaftsdichtung am äußerlichsten vollzogen.
Hier steht er einem völligen Untertauchen in der empirischen Wirklich-
keit, im Genusse des Kleinen und des "Nichts" am nächsten. Bis in die
äußeren Formen der Buchproduktion zeigt sich dieser Drang zum Klei-
nen, zum "Rien" der Rokokomode: "Zu einem kleinen Formate (und
ein solches wird doch zu dergleichen Spielwerken erfordert) würden
etwas kleinere Schriften [Lettern] eine gute Wirkung machen" 47 ; am
liebsten wären ihm Einzeldrucke nach dem Vorbild Hagedorns. 48 Der-
artige Gedanken bewegen den Dichter mannigfaltig. Man könnte meinen,
er habe allen höheren Ehrgeiz verloren. Wenn man aber auf die Fülle
der Kleinformen in der französischen Rokokoliteratur hinüberblickt, so
muß man feststellen, daß sich unser Dichter mit verhältnismäßig
wenigen Kleindichtungen begnügt hat. Geplant hat er viele: "Briefe und
Sa tyren im Geschmacke der horazischen" (und, so dürfen wir hinzufügen,
der französischen, denn die Epistolarliteratur ist ein Hauptkennzeichen
des französischen Rokoko), Lehrgedichte, moralische Erzählungen, wie
sieMarmontel seit 1761 veröffentlichte. "Der Entschluß ist nun gefaßt,
mit der Zeit auch moralische Erzählungen in der nämlichen Versart wie
die komischen zu schreiben" 49 ; so deklamiert er, aber der Entschluß
wird nicht ausgeführt. Er kann innerlich nicht, und dieses tatsächliche
Nicht-Können ist wichtiger für die Beurteilung des Dichters als das
bloße ehrgeizige Wollen, für das auch der europäische Erfolg von Geß-
ners Kleinkunst Ursache gewesen sein mag. Die Erzählungen füllen
ihn zu keinerZeitseines Lebens völlig aus. Plötzlich schreibt er
zwischen hinein innerhalb eines halben Jahres (r763j64) einen Roman,

164
"Don Sylvio"

der nach seinem inneren und äußeren Umfang zwischen den "Komi-
schen Erzählungen" und der "Geschichte Agathons" die Mitte hält und
unsern Dichter dem reinen gesellschaftlichen Rokoko Warthausens
schon wieder etwas entrückt. Diedeutschen Literarhistoriker kennen und
würdigen ihn wenig, aber ein englischer Forscher behauptet von ihm mit
guten Gründen: "Don Sylvio is more than a Iandmark in the German
novel: it is the beginning of a new epoch in the development ofGerman
prose." 50
"Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva" (1764) sind, wie
Wieland im Alter bemerkte, das einzige Buch, das er um des Honorares
willen schrieb: "Ich mußte für eine zweite mir sehr teure Person Geld
schaffen." 51 Da Geßner wegen der Züricher Zensur, welche den ersten
Teil des "Aga thon" abgelehnt hatte, Bedenken trug und wohl auchnicht
genügend Geld bot, gab er das Werk gegen 500 fl. in den Verlag seines
Ulmer Buchhändlers Bartholomäi. Dieser war ein unternehmungs-
lustiger Aufklärer, der später zweimal gegen den Rat der Reichsstadt
prozessierte52; das Honorar, welches er dem Biberacher Dichter gab, war
für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hoch. Julie Bondely bemerkte
hämisch, der Roman habe dem Dichter so viel eingebracht, als ihn das
Bibi-Abenteuer gekostet habe. 5 3 Stoff und Ton des Buches, welche für
deutsche und vollends schwäbische Begriffe immer noch sehr leicht
waren, machten einen anonymen Druck empfehlenswert; Wielands
Autorschaft wurde ebenso geheim behandelt wie die Bibi-Affäre. Sogar
gegenüber Warthausen ist eine deutliche Vorsicht festzustellen. "Der
zweite Teil ist nicht vor jedermann lesbar" 54, schreibt er dorthin; nur
Sophie La Roche und ihr Gatte dürfen wissen, daß er der Verfasser ist.
Ob der Roman für den Grafen Stadion geeignet ist, überläßt Wieland
der Entscheidung Sophies.55
Man muß diese Umstände kennen, denn sie zeigen, wie wenig stabil die
gesellschaftlichen Bezüge von Wielands Rokokodichtung waren. Schon
ist er wieder einsamer und selbständiger geworden. "Don Sylvio" gehört
zum Bibi-Erlebnis; aber nicht nur weil er Geld für sie schaffen muß,
sondern vor allem deshalb, weil sich in diesem Roman die Subjektivie-
rung und daher, mit aller Vorsicht verstanden, die Roman tisierung von
Wielands komischer Dichtung leise anbahnt. Der Dichter bekümmert
sich hier, im Unterschied zu den "Komischen Erzählungen", nicht ängst-

Sengle, Wieland 12* 179


Bemühung um das reine Rokoko

lieh um den Auftrag und Geschmack der großen gesellschaftlichen Welt;


vielmehr bekommt hier sein Werk schon den Fluchtcharakter, welcher
für das deutsche Rokoko so bezeichnend ist. 56 Wieland begann den
Roman im Frühling oder Frühsommer 1 763, in den letzten Monaten, da
Christinein seinem Hause weilte. 5 7 Es ist ein Frühjahr höchsten Glücks,
aber er fühlt bereits, daß Not und Leiden folgen werden. Dadurch ge-
winnt sein Glück, so gegenwärtig und sinnlich es ist, einen schmerzlich-
süßen, traumhaften Charakter; es ist, indem es da ist, eigentlich schon
vergangen. In diesem Zustande der Bedrohung erwacht Wielands Pro-
duktivität zu größter Lebendigkeit, auch die Trennung von der Ge-
liebten kann sie nur verstärken. In dem Feenmärchen, das in den "Don
Sylvio" eingelegt ist, gibt es ein "Milchmädchen", das zur Prinzessin
wird; in dem Roman selbst erscheint eine Schauspielerin, die einen
hohen Herrn heiraten und sich alsbald zur Donna verwandeln kann. Je
mehr ihn die Not seiner beabsichtigten Mesalliance bedrängt, um so lei-
denschaftlicher schwelgt er in solchen hellen und glücklichen Bildern;
auch in üppigen Bildern, aber sie sind ohne die Anstößigkeit der "Ko-
mischen Erzählungen", weil sie sich viel offener als närrisches Phantasie-
spiel, als seliger Traum eines Unseligen zu verstehen geben. Wieland
macht ausdrücklich auf die Merkwürdigkeit, daß ein solches Werk in
seiner traurigen Lage entstand, aufmerksam und bestätigt damit die
hier vorgetragene Interpretation: "Cette debauche d'esprit ... a ete
mon unique ressource, en me divertissant moi-meme, et en suspendant
par des folies amusantes le sentiment de mes maux. Voila l'origine de
Don Sylvio." 58 "On s'etonnera comment j'ai pu ecrire un Iivre si risible
en milieu des agi ta tions si douloureuses. " 59
Gegenüber den zahlreichen literarischen Einflüssen, die man für den
"Don Sylvio" aufgewiesen hat 60 , muß zunächst festgestellt werden, daß
Wieland in dem ganzen Roman, besonders aber in der eingelegten Ge-
schichte vom Prinzen Biribinker, sich als ein origineller Erfinder und
Fabulierkünstler erweist. Julie Bondely, welche die in Frage kommen-
den Anregungen wahrscheinlich kannte, steilt mit Bewunderung und
fast wider Willen seinen verblüffenden Fortschritt als Stilist fest und
betont zugleich ausdrücklich, er hätte früher die Handlung des "Don
Sylvio" nicht erfinden können. 61 Das Bild von einem Wieland, der bei
jeder Gelegenheit in Stadions Bibliothek sitzt und nur etwas schreiben

!80
"Don Sylvio"

kann, wenn er von irgendeiner Lektüre angeregt ist, sollte endlich aus
der Literaturgeschichte verschwinden. Es paßt für die Züricher Werke
und für manches spätere Produkt, recht wenig aber für die Biberacher
Dichtung. Man frage sich doch nur einmal ganz schlicht, woher er, der
als Kanzleiverwalter, Übersetzer und Dichter unglaubliche Mengen
schrieb, die Zeit zum vielen Lesen hätte hernehmen sollen. Ausdrücklich
herich tet er später von seiner literarischen Abgeschlossenhei t in Biber-
ach: Ich "überließ mich ganz dem Treiben meines eigenen Genius". 62
Das ist freilich ein Urteil im Stil der Goethezeit! Im Jahre des "Don
Sylvio" fühlt er sich in der Rolle des einsamen Genies keineswegs glück-
lich: "Ich bin genötigt immer aus mir selbst heraus zu spinnen", hieß
es damals. 63 Er leidet darunter, auf sich selbst verwiesen zu sein, denn
Originalität ist noch nicht der höchste Wert. Aber der objektive Befund
ist derselbe: Er hat wenig geistige Anregungen, er lebt keineswegs in
einer übersättigten Bildungswelt wie im Hause Bodmers. Doch waren
für ihn, den leicht Verführbaren, den Hypersensiblen, der immer in Ge-
fahr ist, von der Außenwelt vergewaltigt zu werden, die Einsamkeit und
Einfachheit eines bürgerlichen Berufes und Lebens von Segen. Die mitt-
leren Biberacher Jahre gehören zu den produktivsten seines ganzen
Lebens, obwohl oder weil er wenig las und schon mit Bewußtsein die
reife Kunst übte, minder Wichtiges zu übergehen oder von Sophie lesen
zu lassen.
Das wenige, was er las, war fast immer ausländischer Herkunft. Man
muß nicht nur die Tatsache, sondern auch ihren Sinn verstehen: Auch
diese Ausländerei ist Märchen, Flucht. Schon aus dem Reiz und Wohl-
laut der fremden, besonders der romanischen Sprachen erwächst dem
Dichter ein traumhaftes Gefühl, ein süßes Vergessen der Gegenwart.
Die Rokokokultur in Deutschland mußte in dem Augenblick, da sie ver-
bürgert, d. h. aus den höfisch-politischen Zusammenhängen herausgelöst
wurde, anfangen, in Romantik umzuschlagen, denn der Versuch einer
französischen Kultur in Deutschland war, sobald er die oberflächliche
Sphäre der gesellschaftlichen Repräsentation überschritt und seelisch
ernstgenommen wurde, selbst schon ein Stück Märchen, Fernensehn-
sucht, Phantastik. Von den zeitgenössischen französischen Romanen
und Feenmärchen zu Ariost ist es für den Deutschen kein so weiter Weg
wie für den Franzosen. Alles das ist in Deutschland fremd, fern, be-

r8r
Bemühung um das reine Rokoko

törend. "Don Sylvio von Rosalva" ist wie die ganze Kunst des Spät-
rokokos trotz äußerer Abrundung ein ziemlich kompliziertes Gebilde.
Wieland bezeiclmet die Mischung der Elemente in Bausch und Bogen so:
"Es ist eine Art von satirischem Roman, der unter dem Schein der Fri-
volität philosophisch genug ist." 64 Zunächst also ein satirischer Roman,
eine Literatursatire in Anlelmung an "Don Quijote". Wie Cervan tes die
Ritterbücher verspottet, so scheint sich Wieland über die Feenmärchen
lustig machen zu wollen. Diese Dichtart war, als eine Revolte des esprit
gaulois gegen den esprit classique, in den ersten Jahrzelmten des
18. Jahrhunderts die große Mode in Frankreich gewesen (Perrault,
d'Aulnoy), hatte aberwie alles "Wunderbare" durch die Aufklärung all-
mählich ihren ursprünglichen Sinn verloren und war von Hamil ton und
Crebillon bereits persifliert worden. 85 Unser Dichter glaubte schon in
der Schweizer Zeit, den Geschmack an Feenmärchen verloren zu haben;
er verlangte nach einer illusionslosen, "rein menschlichen", klassisch-
rationalen Dichtung, und jetzt schien der Augenblick gekommen, um
in dem Symbol des Feenmärchens mit allem Wunderbaren in der Dich-
tung aufzuräumen, d. h. mit der Kunstauffassung der Schweizer abzu-
rechnen. Der "Don Sylvio" ist so gesehen die Apologie des klassisch-
humanen "Agathon". Die Donquichoterie, welche der Agathon-Roman
an den Gegenständen des Lebens selber (Liebe, Politik usw.) zeigt,
weist "Don Sylvio" an ihrer Vorstufe, an der Lektüre eines jungen Men-
schen und ihren Folgen auf; denn Wieland hat erkannt, daß seine
Schweizer Wirmisse eigentlich nichts anderes als eine Verführung durch
die Literatur, durch Bodmers und Klopstacks Programm vom "Wunder-
baren" in der Dichtung waren. Damit, so scheint es, ist er jetzt fertig.
Es ließe sich ein streng rationaler Don Sylvio-Roman denken, der mit
allem Wunderbaren, allem Barocken unerbittlich aufräumen würde,
und es ist zu bedenken, daß Wieland damit keineswegs vor dem Nichts,
sondern vor der alltäglichen Gegenstandswelt des Epikers Goethe stehen
würde (Werther, Wilhelm Meister, Hermann und Dorothea, Wahlver-
wandtschaften) ; man macht sich zu wenig klar, daß die Klassik in dieser
Beziehung "realistisch" ist. Aber nun kommt eine bezeichnende \Ven-
dung, die man als Rokokoromantizismus neben F. J. Sclmeiders
Rokokoklassizismus stellen könnte, wenn nicht auch solche Begriffe
noch zu grob wären.

164
"Don Sylvio"

Die ganze sogenannte Barocktradition bis hin zu Raimund ist nur durch
die Entdeckung einer Unterscheidung möglich, und Wieland, der trotz
"Agathon" und "Musarion" im Grunde noch das "Rein-Menschliche"
in seiner unverhüllten Realität und Gnadenlosigkeit fürchtet, macht sie
auch. Es besteht, das sieht er jetzt, ein Unterschied zwischen dem Wun-
derbaren als subjektiver Vorstellung und dem Wunderbaren als objek-
tiver Wirklichkeit. Nur darin irrte Don Sylvio-Wieland, daß er das
Wunderbare als etwas objektiv Verbindliches, als Religion oder Meta-
physik verstand. Als Spiel der Phantasie ist es ganz ungefährlich und
berechtigt, ja ergötzlich. Ausdrücklich redet er im letzten Kapitel des
ersten Buchs, wo er über diese Dinge philosophiert, von einer "zwei-
fachen Art von Wirklichkeit", von Dingen, "die außer uns sind" und
andern, "die bloß in unserm Gehirn existieren". Indem man das Wun-
bare zwar objektiv als "Chimäre" erkennt, zugleich aber als subjektive
"Wirklichkeit" anerkennt, wird seiner Geltung ein neuer Raum er-
obert und es lebt erneut in Kunst und Dichtung auf. Es ist jetzt "Chi-
märe", "Märchen", aber es ist doch eine Wirklichkeit von eigener Art,-
eine reizvolle Wirklichkeit, sagt der zum Subjektivismus Erwachte. An
diesem Punkte wird verständlich, warum das Wiederaufleben barocker
Motive und Gehalte erst nach dem Durchgang durch die Aufklärung
möglich war, und man erkennt, daß das Rokoko in seiner Tiefe ebenso-
gut ein Vorklang der (richtig verstandenen) Romantik wie einNachklang
des Barockzeitalters war. Die Lust an Phantasie und Märchen, über-
haupt das ästhetische und reflektierte Verhältnis zum Mythos verbindet
Rokoko und Romantik aufs innigste.
"Don Sylvio" ist nicht einfach eine Satire gegen das Feenmärchen, wie
man oft lesen kann. So weit das Werk überhaupt eine Satire genannt
werden kann, ist es ein Spott auf die "romanhafte Erziehung" der Zeit,
welche zwischen den "zwei Wirklichkeiten" nicht zu unterscheiden ver-
steht, vielmehr Leben und Dichtung phantastisch durcheinandermischt.
Die am meisten karikierte Figur des Romans ist Sylvios Tante und Er-
zieherin Donna Mencia. Der Held wird ihrem Einfluß entrückt und nach
allerlei eingebildeten Abenteuern auf einem Schlosse der Nachbarschaft
von seiner Schwärmerei geheilt. Das Beste dabei tut eine 18jährige
Witwe Donna Felicia, nicht als vermeintliche Fee, sondern als kluge
Dame am Toilettentisch; aber auch ihr Bruder Don Gabriel ist am Er-

164
Bemühung um das reine Rokoko

ziehungswerk beteiligt, durch seine Philosophie und durch die Erzäh-


lung eines Feenmärchens, das so phantastisch erfunden ist, daß nicht
einmal dem größten Schwärmer sein Charakter als Märchen entgehen
kann. Im Rahmen der Literatursatire müßte man eine vollkommene
Parodie des Feenmärchens erwarten. Aber Wieland phantasiert, end-
lich einmal der stofflichen Tradition, der "Wahrheit" des mittelalter-
lichen Dichters völlig enthoben, sichtlich mit Vergnügen. Er übertreibt,
er arbeitet noch mehr als die bildende Kunst des Rokoko mit einer un-
geheuren Materialverschwendung, bis zu Melkeimern aus Rubin und
Brunnen mit diamantenen Quaderstücken; in der Dichtung gibt es noch
weniger als in der Malerei eine materielle Grenze. Und so üppig wie die
Gegenstände sind die Szenen; es ist da z. B. ein Walfischbauch mit
Inseln und Lustgärten, mit Sonne, Mond und Sternen, mit Felsen so
weich wie Polster, mit Fischen, die singen, und Kürbissen, die reden.
Üppig sind natürlich auch die Wesen in dieser Welt, besonders die Feen,
die Biribinker verführen. Die Ironie ist in die Darstellung des Phanta-
stischen immer hineingekommen. Das heißt: die objektive (rationale)
Wirklichkeit muß in der Phantasiewelt noch immer gegenwärtig ge-
halten werden, während beim Romantiker die Verselbständigung des
Subjektiven oft zu einer eigenen magischen Welt (zur Setzung eines
Nicht-Ich) weitergetrieben wird; aber dies heißt nicht, daß nicht auch
der späte Rokokodichter schon mit Lust und Liebe in der Märchenwelt
als einer zweiten Wirklichkeit lebt, ja in manchen Fällen muß man sagen:
von der Kunst wie von allem Geiste ist nichts geblieben als dieses in un-
endlichen Nuancen und Beziehungen schwebende Spiel. Dies spät-
barocke I'art pour l'art wird sich in den gereimten Feendichtungen unter
dem Einfluß Ariosts vollenden.
Der Roman sei, so sagt der Dichter im zweiten Teil seiner summarischen
Charakterisierung, unter dem Schein der Frivolität "philosophisch ge-
nug", und wir können darunteralldas begreifen, was "Don Sylvio" zum
Bildungsroman, zu einem Vorläufer des "Agathon" macht. Indes ist
diese Schicht ernster humaner Entwicklung im Unterschied zur "Ge-
schichte Agathons" nicht sehr ernst genommen. Wieland hat sie auf
Kosten des im äußeren Sinne Romanhaften, der Intrige, der lebhaften
Handlungsführung und glänzenden Abrundung geopfert. Der Agathon-
Roman ist gewachsen, "Don Sylvio" konstruiert; daher auch seine kurze

164
"Don Sylvio"

Entstehungszeit. Es kommt nicht so sehr darauf an, daß Don Sylvios


Erziehung und das innere Ziel seiner Entwicklung ausführlich und ein-
dringlich dargestellt werden, als daß er und zwei andere Figuren am
Ende glücklich verheiratet und in die Gesellschaft eingeordnet sind.
Unser Dichter dürfte diese lustspielhafte Konstruktion des Romans, die
damals noch verhältnismäßig neu war, von ihrem Erfinder Fieldingss
gelernt haben.
Auch die hübsche Pedrillo-Figur des Romans scheint von Fieldings
Slislop und Partridge mehr mitbekommen zu haben als vom Sancho
Pansades Cervantes. 67 Sie ist im übrigen eine Figur für sich, allerdings
nicht zum Vorteile des deutschen Dichters: ein Lustspielbedienter,
welcher nach etlichen Prügel- und Schlafzimmerszenen ein Kammer-
mädchen heiratet. Von der menschlichen Substanz der englischen und
spanischen Kontrastfigur ist wie bei dem marionettenhaften Haupt-
helden nicht viel zu verspüren. Obwohl Wieland, besonders im ersten
Teil, vor der Gestaltung derber Szenen nicht zurückschreckt, ist sein
Werk viel weniger ein volkstümlicher Roman als "Don Quijote" oder
"Tom Jones", die in der Umwelt ihres Landes wurzeln und aus ihm
Lebenskraft und Fülle ziehen. Das Spanische kann im "Don Sylvio"
nicht viel mehr als in den "Komischen Erzählungen" das Griechische
bedeuten; es ist ein Kostüm, das zwar einerseits, durch Schwächung der
alltäglichen gesellschaftlichen Realität, das Feenmärchen vorbereitet,
andererseits aber diese selbst doch noch deutlich genug durchschimmern
läßt. Im zweiten Teil zumal ist aus "Don Sylvio" ein Salonroman ge-
worden, und dabei hat "Gil Blas" nicht nur als Namenlexikon auf ihn
gewirkt. 68
Das Vorbild der großen ausländischen Romane ist in mancher Einzel-
heit fühlbar, der vorklassische deutsche Roman entstand ebensogut wie
das vor klassische Drama in enger Verbindung mit der allgemeinen euro-
päischen Tradition. Doch alle diese spanischen, englischen und franzö-
sischen Anregungen sind doch nur Elemente für das Wielandsehe Werk,
dem man leicht die Größe und den Gehalt, unmöglich aber eine eigene
reizvolle Prägung absprechen kann. Heutige Leser pflegen von "Don
Sylvio", eben weil er weniger gewichtig und "philosophisch", dafür aber
kurzweiliger und geschlossener ist, mehr gefesselt zu werden als von
"Aga thon". Er ist nicht mit dem Fragmen tarismus des großen Ansatzes

r85
"Agathon"

behaftet, sondern ein abgerundetes künstlerisches Gebilde. Er ist noch


eine ziemlich reine Rokokodichtung, insofern er weder nach der intellek-
tuellen noch nach der phantasiemäßigen Seite allzu eigen, allzu "tief"
sein will; und doch ist er schon so weit subjektiviert, daß er uns nicht
so ganz leer und peripher wie die ersten komischen Erzählungen er-
scheint. In den Schicksalen des jungen phantastischen Helden, in dem
närrischen Märchenspiel und selbst in den üppigen erotischen Phanta-
sieen offenbart sich viel Eigenes und damit auch Deutsches in Wielands
Werk. Mit "Don Sylvio" hat der deutsche Roman das Niveau der füh-
renden europäischen Literaturen des 17. und 18. Jahrhunderts erreicht.

3· "Die Geschichte Agathons" (1766/67, 1773, 1794)

"Die Geschichte Agathons" steht neben "Don Sylvio" wie "Faust"


neben "Iphigenie" oder wie "Wilhelm Meister" neben "Hermann und
Dorothea": die größere und tiefere Dichtung neben der vollendeteren,
aber kleineren,d. h. in ihrer Bedeutung begrenzteren, weniger "wahren".
Nicht nur das Märchen vom Prinzen Biribinker, das geradezu ein Vor-
läufer der märchenhaften Epyllien Wielands ist, sondern der ganze
Don-Sylvio-Roman ließe sich wie "Hermann und Dorothea" als Klein-
epos denken. Die Prosa erfüllt noch nicht, wie sonst bei Wieland, die
ausdrückliche Funktion, "Philosophie", d. h .Wahrheit, Wirklichkeit zu
geben- im Unterschied zum unverbindlichen Spiel der "Poesie", der
Verskunst. Wenn der große Brite mit Ausnahme des "Sommernachts-
traums" in Prosa übersetzt wurde, so lag darin nicht nur eine Nachläs-
sigkeit des Vielbeschäftigten, sondern auch eine Anerkennung Shake-
speares als eines "philosophischen Dichters": er behält, auch abgesehen
von der "Ausschmückung" durch die Verskunst, seinen Wert, er ist nicht
nur "rimeur". In solchem Sinn nun will "Agathon" ein philosophischer
Roman sein; der Begriff erhebt nicht nur den Anspruch theoretischer
Wahrheit, er geht nicht nur auf die Fülle und Richtigkeit der einge-
streutenReflexionen, sondern auf die Echtheit des dargestellten mensch-
lichen Vorgangs. Der Gegensatz des "philosophischen Romans" istnicht
der dichterische, sondern der vom "Wunder" lebende barocke Aben-
teuerroman, der auch im Zeitalter der Aufklärung einen mächtigen

186
Empirismus. Fielding

Unterstrom bildet und demgegenüber sich der psychologisch-humane


Roman nur mit Mühe durchsetzen kann. So erklärt sich auch der Titel
"Geschichte Agathons". Er will nicht die historisch-gelehrte Zu-
verlässigkeit, sondern ganz einfach den Realismus der Erzählung an-
deuten. Fielding, der große Reformator des europäischen Romans, hatte
in solchem Sinne in seiner "History ofTom Jones" (I 749) gefordert, daß
der Romanschriftsteller Geschichtsschreiber sei; dazu gehöre außer Bil-
dung Genie, ohne das kein Studium nütze, Kenntnis des Menschen in
allen Ständen und ein gutes Herz, um zu rühren, bzw. Humor. Auch hier
fungiert schon Shakespeare als das Muster aller Psychologie (IX. Buch).
Man hattrotzeifrigen Stöberns noch keinen Roman gefimden, von dem
man behaupten könnte, der und kein anderer sei das Vorbild des "Aga-
thon", zum Verdruß mancher Forscher, die auf Grund des üblichen
Wielandbildes meinten, es müsse einen solchen geben. Uns mag ein
kurzer Vergleich mit den verschiedenen in Frage kommenden Vorbil-
dern dazu dienen, ein ungefähres Bild von dem Entwicklungsstande des
europäischen Romans um 1760 zu erhalten und "Agathons" Eigenart
deutlicher zu bestimmen. Fieldings Situation entspricht insofern der des
Biberacher Wieland, als er in deutlicher Frontstellung gegen Richardson
die modische Frömmelei und das verschwommene Tugendgeschwätz
seiner Zeit überwinden und von einer unecht gewordenen Vorbilddich-
tung zu einem realistischen Bilde des Menschen weiterschreiten will. Wie
der Agathondichter bemerkt er ausdrücklich, seine Figuren seien keine
"models ofperfection" oder das Gegenteil. Wer das suche, finde genug
andere Bücher. "0 Shakespeare! had I thy pen!" (X. Buch). "I am not
writing a system, but a history, and I am not obliged to reconcile every
matter to the received notions concerning truth and nature" (XII. Buch).
Wieland hatte Fielding schon in der Schweiz kennengelernt, 89 seine
Werke gehörten wie Shakespeare und die psychologischen Romane der
Franzosen bereits zu der Luft, die er atmete, so daß es keiner besonderen
Nachweise für den Einfluß dieses Dichters bedarf. "Tom Jones" ist wie
"Agathon" die Geschichte einer Jugend; er ist, wenn man das viel miß-
brauchte Wort gebrauchen will, ein "Entwicklungsroman". Wieland hat,
auch wenn man die zu Unrecht so genannten hochbarocken Romane
ausschließt, die Dichtart keineswegs geschaffen. Sie ist schon im deut-
schen Roman zwischen Barock und Aufklärung mannigfach vorge-

164
"Agathon"

bildet. 70 Aber nicht nur die Entwicklungsidee, die 1760 ein allgemeiner
Geistesbesitz ist, auch andere Charakteristika des "Agathon" wie die
ironischen Wendungen an den Leser, die Liliputkapitel, die Einlage
reflektierender Partien usw. erinnern deutlich an "Tom Jones". Und
doch, was für ein Unterschied zwischen dem englischen und dem deut-
schen Werk! Fieldings Roman spielt nicht in Tempelhainen, exklusiven
Lusthäusern und arkadischen Asylen, sondern mitten in der lebendigen
Wirklichkeit Englands. Von der Welt der Lords und des Landjunker-
standes- der in einer unvergeßlichen Humorgestalt vertreten ist- über
das Bürgertum bis hinab zu den Wirtshäusern und Bauernhütten er-
öffnet sich ein umfassender Blick auf das englische Leben. In dieser
konkreten, sozial und national fixierten, durch englische Macht ge-
sicherten und durch englische Freiheit erheiterten Welt vollzieht sich
die "Geschichte von Tom Jones". Sie kann nicht allzu problematisch
sein, obwohl der Held das Gegenteil eines Musterknaben ist. Er macht
viele Jugendtorheiten, aber er ist im Grunde ein guter Mensch in einer
guten Welt, in einer Welt des gesunden Menschenverstandes und des
Rechts. So wird aus Tom Jones, der als Findling begann, schließlich ein
geachtetes Glied der englischen Gesellschaft; nicht umsonst spielt das
Ende in London. Fielding scheut sich keineswegs, seinen Helden hie
und da mit einer Dame im Bett liegen zu lassen; trotzdem ist sein Aus-
fall gegen die französischen Romane verständlich: die erotischen Szenen
stehen bei ihm nicht im Mittelpunkt, sie bilden nur einen Teil einer
handfesten epischen Welt und sind selbst gegenständlich genug, um
nicht "schwül" oder "raffiniert" zu wirken. "Tom Jones" ist keine
intime Seelengeschichte. Die äußeren Vorgänge sind mindestens ebenso
wichtig, und Fielding erzählt sie mit der gesunden und humorvollen
Objektivität seines Volkes. In der psychologischen Darstellung, zumal
in der Psychologie des Erotischen, hat Wieland von den Franzosen mehr
gelernt, besonders, wie mir scheint, von Crebillons Roman "Les egare-
ments du coeur et de l'esprit ou memoires de Mr. de Meilcour" (r748).
Wie aus einigen Anspielungen der Briefe im letzten Schweizer Jahr her-
vorgeht71, kannte unser Dichter dies Werk sehr wohl; auch die Zeit-
genossen, die Wieland den deutschenCrebillon nannten, dürften weniger
an den heute immer zuerst genannten "Sopha" als an diesen Roman ge-
dacht haben. Er berührt sich insofern sehr nahe mit Wielands Werk, als

r88
Französische Vorbilder

schon hier geschildert wird, wie ein unerfahrener Mensch vom Platonis-
mus geheilt wird: "J'etois trop jeune pour sentir combien ce sisteme
etoit absurde." Aber auch in diesem Roman, wie in "Tom Jones", der
bezeichnende Unterschied: die Entwicklung des Jünglings vollzieht sich
in einer ganz konkreten gesellschaftlichen Welt. Der Danae entspricht
bei Crebillon die Marquise de Lursay, und die weltmännischen Lehren
des Hippias erteilt hier ein Lebemann im Stile Louis XV., namens
Versac. Am Ende auch hier die Eingliederung in die konkrete Gesell-
schaft durch eine "estimable femme". Paris ist der Schauplatz des
Romans. Ausdrücklich betont der französische Autor im Vorwort: "On
ne sera point force de voyager dans des regions imaginaires."
Der Biberacher Romanschriftsteller muß für seinen Helden einen "ima-
ginären" Raum haben, denn für ihn gibt es kein London oder Paris:
Er flieht in die Antike. Freilich, es fiel nicht schwer, auch dafür fran-
zösische Vorbilder zu finden. Die "Geschichte Agathons" schien nichts
weiter als ein SeitensproB des antikisierenden Reise- und Bildungs-
romans von Fenelons "Tdemaque" bis Barthelemys "Anacharsis" zu
sein, und es ergab sich dabei noch die bestechende Anknüpfung an
WielandsCyrus-Dichtungen. Das verbindende Glied zwischen ihnen und
dem "Aga thon" sind AndreMichel Ramsa ys "Voyages de Cyrus" ( 1727).
Der Unterschied zu Wielands Roman ist zwar erheblich: Ramsays Held
ist ein Fürstensohn, das Erotische bleibt ganz konventionell, von einer
intimen Seelengeschichte kann nicht die Rede sein; es handelt sich um
eine planmäßige Bildungsreise, welche die politische und religiöse Be-
lehrung des Jünglings zum Ziel hat. Ramsay arbeitet mit einem ge-
waltigen geschichtlichen, besonders religionsgeschichtlichenAppara t und
fügt noch das Gutachten eines gelehrtenMi tglieds der "Academie des In-
scriptions" bei. Aber, so sagt man, eigentlichwollte Wieland das Gleiche.
In Erfurt hat er durch einen historischen Vorbericht und durch histo-
rische Noten die fehlende Gelehrsamkeit nachzutragen versucht. Nur
in Biberach zwang ihn seine Lage zur freien dichterischen Arbeit; er
war, wie wir schon wissen, genötigt, "immer aus sich selbst heraus zu
spinnen", und so entstand wider Willen die Wendung ins Autobiogra-
phische.72 Diese Hypothese dürfte im Ganzen richtig sein und sie ver-
blüfft uns nicht, denn wir wissen schon, daß Wieland auch in anderen
Fällen wider Willen eigenschöpferisch war und mit der Genie-

164
.Agathon"

Manier des Sturm und Drang noch sehr wenig zu tun hatte. Nur liegen
die Wertakzente dieser entstehungsgeschichtlichen Darstellung falsch,
denn es kommt nicht so sehr darauf an, was Wieland wollte -das
änderte sich damals von Stunde zu Stunde bei ihm- sondern darauf,
was er als Dichter tat. Ob er in Biberach schon lieber als Professor und
Hofrat gelehrte Abhandlungen und Fürstenspiegel geschrieben hätte,
ist nicht so wichtig, als daß er dort im inneren und äußeren Sinne Dichter
sein mußte. Und wenn wir nun rückblickend fragen, worin das Neue
des Agathon-Romans gegenüber allen seinen Vorbildern liegt, so wird
die Antwort lauten: eben in dieser autobiographischen Wendung und
in der damit zusammenhängenden Konzentrierung auf den einzelnen
Menschen. "Agathon" ist die Zwischenstufe zwischen seinen west-
europäischen Vorbildern und dem seinerseits wieder von Rousseau er-
weckten "Werther" Goethes. "Ich schildere darin mich selbst, wie ich
in den Umständen Agathons gewesen zu seyn mir einbilde", so heißt es
im Januar des Jahres, in dem Rousseaus "Emile" erschien (1762). 78
Bei all seiner intimen Psychologie ist selbst Crebillons antiplatonischer
Roman weit mehr Gesellschaftsliteratur als "Agathon" ist und sein
kann; denn innerhalb der künstlichen deutschen Gesellschaft war eine
solche Entfaltung des Individuums wie in Paris nicht möglich. In
Deutschland mußte man mehr als anderswo zur Isolierung des Menschen
neigen, zur Erhöhung des Menschen als Menschen ganz abgesehen von
allen gesellschaftlichen Bezügen. In dieser Form der Humanität ergriff
der deutsche Geist alsbald die Führung; auch sie ist, wie "Agathon"
im besonderen Fall, eine Entdeckung, die der Not entsprang, und sie
konnte nur in kleinen höfischen Zirkeln eine gewisse gesellschaftliche
Bedeutung gewinnen: in Warthausen, in Braunschweig, in Hessen-
Darmstadt, in Weimar. Man braucht nur an die ausdrückliche Zu-
rückweisung Wielands und Lessings durch Berlin und Wien oder an
den Lebensweg Winckelmanns zu denken, um das Gesetz zu erken-
nen, nach dem diese deutsche Humanität antrat. Das einzig Sichere
war der Mensch als einzelner Mensch. Seine Heimat war der Himmel
oder das Märchen oder aber die Vergangenheit. Insbesondere gewann
das klassische Altertum eine ganz neue Bedeutung; auch hier braucht
wieder nur an Winckelmann erinnert zu werden, durch den diese Form
der Humanität europäische Geltung erlangte.

190
Wielands Humanismus

Man ist gewohnt, Wieland in einem Gegensatz zu Winckelmann zu


sehen. In der Tat liegt ihm, wie Lessing, die Verherrlichung, um nicht
:zu sagen die Anbetung der griechischen Kunst und Dichtung ganz fern.
Er bleibt in vollem Bewußtsein "modern" und glaubt nicht an die
Wiedererweckung homerischer oder perikleischer Kultur. Aber von
großer Bedeutung war auch für ihn die Antike. Wenn man sich heute
darüber klar ist, daß auch der Griechenkult Winckelmanns und der
Klassik nicht das war, als was er sich verstand, daß auch dort die Antike
nur Symbol für etwas Eigenes gewesen sein muß, so ergibt sich die
Aufgabe, Wielands Griechenbildernster zu nehmen, als dies von Winckel-
mann und seinem Mythos her möglich war. Auch im "Agathon" ist die
Antike eine Symbolwelt, keine bloße Maskerade. Dies unterscheidet den
Roman entschieden von den "Komischen Erzählungen" und rückt ihn
vom reinen Rokoko ab. Die griechischen Götti.nnen Wielands sind nichts
als bestimmte Typen der modernen Gesellschaft. Aber wären sie im
"Agathon", der ganz auf "geschichtliche" Wahrheit oder wenigstens
Wahrscheinlichkeit ausgeht, in gleicher Funktion möglich? Sicherlich
nicht. Für eine symbolische (nicht nur allegorische) Welt ist ein ge-
wisses Maß von Koinzidenz zwischen Dargestelltem und Gemeintem
unerläßlich. Aus diesem Grund ist die ihm nachgesagte "Absicht einer
antiquarisch treuen Darstellung" 7' und eine weitgehende Erfüllung
dieser Absicht gar nicht verwunderlich. Wieland fühlt sich zwar nicht
als reiner Historiker; aber unter dem Aspekt, daß es nichts Neues unter
der Sonne gibt und daß der Mensch immer der gleiche bleibt, lebt er
sich innig in die griechische Welt ein; sie gewinnt auch für ihn die Be-
deutung einer idealen Heimat. Nur ist das Griechenland, in welchem
er sich zu Hause fühlt, nicht die Welt Homers oder des Perikleischen
Athen, sondern das 4· Jahrhundert und die hellenistische Welt bis ins
1. nachchristliche Jahrhundert hinunter. Noch im Alter vermeidet er

in seinen Griechenromanen die Darstellung des in unserm Sinn "klassi-


schen" Griechenland, und man könnte behaupten, daß damit zu seiner
eigenen Zeit ein objektiverer Bezug entstehe als durch das Winckel-
mannsche Griechenbild, denn auch im r8. Jahrhundert löst sich eine
Kultur allmählich auf: die alten Bindungen sind zweifelhaft geworden,
die Philosophie hat sich vor die Religion geschoben, Hetären und So-
phisten liegen näher als Helden und ihre Sänger, und auch die Tyrannen

rgr
"Agathon"

sind nicht mehr unbekannt. Wieland ist mit der Antike tief vertraut,
kaum weniger als Winckelmann. Er wählt sich nur einen anderen Aus-
schnitt aus ihr; doch ist es derjenige, in dem die "Humanität" geboren
wurde. Die Schöpfer und Träger dieser Idee waren nicht die griechi-
schen Klassiker, sondern Aristipp, Xenophon, Isokrates, Menander,
Cicero- alles Geister, mit denen Wieland als Übersetzer und Dichter
in engste Verbindung trat. Sein Bild einer weltmännischen, eleganten
humanitas in jener Zeit ist nicht bloß französische Übermalung, sondern
liegt, wie uns Bruno Snell versichert, auch im Gegenstande selbst be-
gründet. 76 Indem mit Winckelmann der Blick auf die klassische Grie-
chenzeit fixiert war, wurde diese echte Wielandische Beziehung zu einem
Stück Antike übersehen und allzu oberflächlich der Vorwurf des Fran-
zösierens erhoben.
Diejenige Symbolgestalt, in welcher sich WielandsVerhältnis zur Antike
und das, was an ihm Rokoko ist, am innigsten begegnen, ist die große
Hetäre. Wieland wird geradezu zu ihrem Dichter. Auch das Kernstück
der "Geschichte Agathons" ist sein Erlebnis mit der Hetäre Danae.
Nachdem die schwärmerisch-platonische Liebe zu Psyche dem jungen
Agathcn wie ein Traum entschwunden ist, glaubt er in der schönen
Danae eine vollkommene und ganze Liebe zu finden. Es ist nicht nur
die Begierde, welche ihn an sie fesselt, sondern der harmonische Zu-
sammenklang von Geist und Sinnlichkeit, welcher ihr ganzes Haus und
Wesen zu durchwalten scheint und wofür ihre leibliche Schönheit nur ein
Ausdruck ist. Agathon wird nicht der Schüler des materialistischen
Philosophen Hippias; er erlebt Danae als der Idealist, der er war, und
die Hetäre paßt sich ihm, den neuen Reiz genießend, mit großer Klug-
heit an. Plötzlich aber wird sie ihm in ihrer Geschichte und wahren
Gestalt enthüllt, und er muß erkennen, daß er wieder, wie in seinem
Verhalten zu Psyche, ein Schwärmer war. Das ist ungefähr der Inhalt
des Agathonfragments von 1762. Die erlebnismäßigen Voraussetzungen
liegen auf der Hand: einmal der Zusammenbruch der platonischen
Jugendschwärmereien, dann die Desillusion der sinnlichen Liebe, wie er
sie wohl am deutlichsten in seiner Beziehung zu der raffinierten Bürger-
meisterin von Hiliern erfahren hatte. In dieser ersten Phase ist "Aga-
thon" ein Liebesroman und die Nähe zu Crebillon ganz deutlich. Aber,
das ist das Entscheidende, er kann nicht abgeschlossen werden, nicht

192
atö on.
Quid Virtus et quid Sspientia pollit.

!mtibm4nn6 unb 177 3.

"DIE GESCHICHTE AGATHONS"


.Agathon"

nur wegen der Züricher Zensurschwierigkeiten, sondern wohl auch aus


inneren Gründen. Dieser Dichtung ist er zu tief verbunden, als daß er
zu einem bloß formalen Abschluß herabsteigen könnte wie in "Don
S yl vio". Der konventionelle Schluß Cre billons ist bei Wieland nicht mehr
möglich. "Agathon", das sagen uns die Briefe immer deutlicher, soll die
höchsten Ansprüche erfüllen, und das heißt nun: er soll ganz wahr, ganz
erlebt sein. Das wäre die konventionelle Ehe des Franzosenjetzt in der
Bibi-Zeit nicht. Wieland ist noch nicht einmal im Leben, geschweige
denn in der idealen oder wenigstens überhöhten Sphäre seines Haupt-
werkes zu einem Kompromiß bereit. "Agathon" bleibt unvollendet
"oder erwartet wenigstens ganz andere Zeiten". 76 Der Dichter muß
weiterleben, ehe er seine zentrale Dichtung weiterspinnen kann.
Ein anderer Dichter hätte in der Zwischenzeit vielleicht geschwiegen.
Wieland aber liebt das Periphere, er hat dafür ein bescnderes Talent;
so füllt er die Pause mit den uns schon bekannten Rokoko-Spielwerken.
Sie strengen ihn, wie er ausdrücklich versichert, nicht im geringsten an.
Erst drei Jahre später, als durch die endgültige Einsetzung in sein Amt
und durch die Verheiratung eine Beruhigung in seinem Leben einge-
treten war, nahm er die Arbeit am Hauptwerke wieder auf (1765) und
führte sie mit Hilfe von Nachtarbeit in verhältnismäßig kurzer Zeit zu
einem vorläufigen Abschluß (Mai 1767). 77
Was an den neugeschriebenen Teilen am meisten auffällt, ist der große
Raum, welcher der politischen Laufbahn Agathons eingeräumt wird.
Wer die Originalität unseres Dichters bezweifeln will, wird sagen: er
macht nach dem Rezept "von allem etwas" ein Ragout aus Crebillon
und den französischen Staatsromanen. Gegen eine derartige Meinung
läßt sich schon vcn der Biographie her wahrscheinlich machen, daß
Wieland den Anreiz zu seinen politischen Partien dem eigenen Erlebnis
verdankt und daß die Anregung der französischen Romane demgegen-
über von sekundärer Bedeutung ist. EinigeZeit nach dem Abschluß der
Kämpfe um seinen Biberacher Posten schreibt er die Partien, welche
von der politischen Tätigkeit seines Helden im demokratischen Athen
erzählen. Agathon glaubt an das "freie Volk" und hofft, von seiner Be-
geisterung getragen, die Zustände verbessern zu können; aber er be-
merkt bald genug, daß er es mit einem "schwärmerischen Volk", dessen
Stimmungen ständig wechseln, zu tun hat. Er wird zum Volksverächter

I94
Weltanschauungsdichtung

und dem Gedanken der Tyrannis zugänglich; er gelangt schließlich


am Hofe des Dicnysius von Syrakus zu großem Einfluß, aber er muß
erkennen, daß seine zweite politische Tätigkeit, wie seine zweite Liebe,
nur eine Schwärmerei von anderer Art war. Wieland schrieb die Partien
vom Hofe zu Syrakus in der Zeit seines Konfliktes mit Stadion. Wäh-
rend er abstreitet, an den Herzog Karl Eugen von Württemberg
gedacht zu haben 78 , erwähnt er ausdrücklich, daß die "bittren Aus-
fälle gegen Adelsdespotismus" dem Grafen gegolten haben 79 ; sie sind,
wie so vieles Autobiographische in der zweiten Ausgabe gemildert
worden.
Aber nicht nur vom Dichter, sondern auch vom Werke her ist deutlich,
daß die Verbindung des erotischen und politischen Romans keine ge-
schmäcklerische Addition, sondern vcn vomherein innerlich notwendig
war. Wenn es das Ziel ist, den Menschen als Menschen darzustellen,
wird die vom Barock herstammende Unterscheidung zwischen Staats-
und Liebesroman sinnlos. Es kommt nicht mehr darauf an, zu zeigen,
wie sich der Liebende oder der Herrscher verhalten muß, um den Idealen
der Gesellschaft möglichst vollkommen zu entsprechen. Es keine
grundsätzliche Trennung der repräsentativen (höfischen) und der in-
timen (schäferlichen) Sphäre mehr, sondern nur eine Welt, die dem Ich
gegenübersteht, einen Erlebnisraum, in dem es sich frei bewegt, und
zwar nicht nur um zu lieben und zu handeln, sondern auch um
"philosophische" Rückschlüsse auf die Welt im Ganzen gewinnen zu
können. Denn es ist für den Menschen der 6oer Jahre selbstverständ-
lich, daß er die Welt nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch betrachtend
"erlebt". Wenn "Agathon" abstrakter als seine"westeuropäischen Vor-
bilder anmutet, so ist auch das nur eine besondere Art der alles durch-
waltenden Subjektivierungstendenz. Wo die objektive Welt mit ihren
Ordnungen oder wenigstens Konventionen keine Gültigkeit mehr
hatte, mußte die Frage der (subjektiven) "Weltanschauung" eine große
Dringlichkeit gewinnen. In der Geschichte der deutschen Dichtung be-
zeichnet "Agathon" diesen Übergang am augenfälligsten, und der Be-
zug zu Goethes "Faust" zeigt sich darin ebenso klar wie in der auto-
biographischen Grundlage und in der damit zusammenhängenden Ent-
stehungsart. Sogar das Hauptwerk dieses leichten und eleganten Deut-
schen hatte das Schicksal "schwer zu werden", was nach Goethe un-

Sen11le Wiel11nd 13* 195


.Agathon"'

serem Nationalcharakter entspricht. 80 Mindestens in einem fonnalen


Sinne ist hier der Schritt von der Gesellschafts- und Lehrdichtung der
opitzischen Ära zu der Erlebnis- und Weltanschauungsdichtung der
Goethe-Zeit schon vollzogen. Nicht umsonst stellte Wieland in der
Ausgabe letzter Hand (I 794 ff.) "Aga thon" an die Spitze seines ge-
samten Werkes.
Freilich erhebt sich die Frage, was nun eigentlich der Inhalt von Aga-
thons Weltanschauung, das Ziel seiner Entwicklung und damit der
abrundende Schluß des großen Werkes sei. "Was sagen Sie zum Aga-
thon? Wie glauben Sie, daß er enden sollte?" So schreibt der Dichter
noch zehn Monate vor der Fertigstellung der ersten Ausgabe an Freund
Zimmermann. 81 Es ist ein Notschrei. Er kann die Frage selbst nicht
beantworten. Er scheint in diesem Punkte noch ebenso unsicher wie
1762 zu sein, und das fertige Werk von 1766/67 verrät, daß es für Wie-
land ein solches "Ende" nicht mehr oder noch nicht gibt: Es ist die be-
zeichnende Lage im Vakuum zwischen Barock und Klassik. Wir sahen
schon, daß auch die eigentlichen Rokoko-Dichtungen aus solcher In-
haltslosigkeit ihren besonderen Charakter gewinnen. Während aber in
jenen Spielwerken das Nichts ironisch kostümiert und mit allerlei
Kunststücken gesellschaftsfähig gemacht wird, tritt es im "Agathon"
ganz deutlich hervor. Hier gibt es keine beliebige, unterhaltsame Ab-
rundung wie im "Don Sylvio", vielmehr bleibt alles "offen", der Inhalt
sowohl als die Form. Man pflegte bisher diese Struktur des ersten Aga-
thon rein negativ zu bewerten, und man mag darin auch mit Recht die
Ursache seines geringen Erfolges finden 88 , aber es muß gesehen werden,
daß gerade in dieser Ergebnislosigkeit, in dieser Offenheit die Wahrheit
des "Agathon" liegt und dasjenige, was über das reine Rokoko hinaus-
führt. Es ist die Wahrheit des Fragments. Hier weicht der
Dichter nicht ins unverbindliche Spiel, in irgendeine artistische Kon-
struktion aus, sondern sagt ganz offen, wo er steht. Agathon hat den
Tempel von Delphi, in dem er groß geworden ist, verlassen. Er kann
nie wieder zu der Priesterin, deren Trug er durchschaute, zurückkehren,
aber auch die Lehren des Hippias und des Aristipp befriedigen ihn
nicht, so wenig wie ihn Danae festhalten konnte. All dies waren Sta-
tionen auf seinem Wege, aber keine Ziele. Wie in manchen
romanen enthüllt sich am Ende die vanitas mundi. In einem frühen

rg6
Die Wahrheit des Fragments

Brief, in dem er mit der Kritik eines Schweizer Theologen zu tun hat,
hofft der Dichter noch, "den Agathon, nachdem er durch alle die media
durchgegangen seyn wird, die ihm noch bevorstehen, wieder an eben den
Punkt zu bringen, von dem er ausgelaufen ist." 83 Das wäre die barocke
Lösung. Aber Wieland kann sie in Wahrheit nicht mehr wollen, und
schon der gleiche Brief gelangt zu dem Ausruf: "Kurz, der Himmel
weiß, was aus dem Enthusiasten Agathon noch werden kann." Der
barocke Glaube ist verloren gegangen, aber der barocke "Pessimismus"
ist geblieben. Durch ihn unterscheidet sich das Rokoko am tiefsten
von der Aufklärung; ohne Wissen von ihm muß die Rokoko-" Ober-
flächlichkeit" völlig mißverstanden werden. Auch den Rokoko-Men-
schen läßt das Gefühl der vanitas mundi nicht los; nur erschauert er
nicht vor ihm, sondern er zerstreut und übertäubt es durch ein immer
frecher werdendes Spiel, dem auch Wieland wieder für einige Zeit ver-
fallen wird und dem erst die französischen Guillotinen ein Ende machen.
Agathon verfällt dieser Verführung nicht. Er zieht sich aus dem Spiel
der Welt, nachdem es sich ihm als trügerischer Schein enthüllte, zurück.
Nicht in ein Kloster, wie die barocken Menschen und Romanhelden. Es
ist eine inhaltlose Resignation. Auch eine "estimable femme" darfnicht
darüber hinwegtäuschen. Nur von ferne leuchtet die Hoffnung auf, daß
in dem nackten Selbst, das ihm bleibt, der Keim einer künftigen Voll-
endung und einer neuen Welt verborgen liegt.
Auch der formale Aufbau der "Geschichte Agathons" ist viel offener
als der des "Don Sylvio". Schon in das Agathon-Fragment von 1762,
das sonst eine fortlaufende Erzählung war, wurde eine "Darstellung der
Philosophie des Hippias" eingelegt. Seit der Wiederaufnahme der Ar-
beit wächst die Isolierung der Teile, und zwar vor allem durch die Tech-
nik der "geheimen Geschichte", der Bekenntniserzählung. In früheren
deutschen Romanen, z. B. in der "Insel Felsenburg", diente die Ich-Er-
zählung der Belebung des äußeren Romangeschehens. Es wurden ver-
schiedene Abenteuergeschichten von den Betroffenen selbst erzählt und
zu einem ungeheuren Teppich des gnadenlosen weltlichen Lebens zu-
sammengewoben, der das Ziel der frommen Abgeschiedenheit nur um
so erstrebenswerter erscheinen ließ. Bei Wieland wird, wie in Diderots
Romanen, die Ich-Erzählung zum Mittel der Psychologisierung. Indem
Agathon und später Danae ganz aus sich selbst betrachtet werden, er-

197
.Agathon"

scheint ihr Handeln zusammenhängend und notwendig. Die "Um-


stände", deren Macht unser Dichter nicht nur durch die französischen
Milieutheoretiker, sondern bei jedem Ortswechsel an sich selbst gründ-
lich erfahren hatte, treten ebenso deutlich hervor wie das Besondere
der einzelnen Figuren. Es gibt im Unterschied zum Barockroman und
noch zur "Insel Felsenburg" keinen Glauben mehr, welcher die einzel-
nen Schicksale verweben, überwinden und zum krönenden Abschluß
führen könnte; es gibt kein Weltbild mehr, sondern nur noch einzelne
Ichs und ihre Weltbilder. Es gibt die Welt nur in verschiedenen Per-
spektiven und höchstens in der Sphäre der Diskussion, welche hier
durch das Nebeneinanderstellen der einzelnen Ich- und Weltbilder ver-
treten wird. Diese fallen oft mit den "Büchern" des Romans zusammen
und gewinnen so inhaltlich wie formal eine Abrundung, die der Roman
als Ganzes nicht hat. Insofern darfman sagen, daß die Rokoko-Klein-
form sich auch in diesem Hauptwerk durchsetzt. Da aber Agathon
selbst zu allem einzelnen, auch zu seiner eigenen Geschichte, im Ab-
stand, gewissermaßen in der Erwartung eines neuen Weltbildes bleibt,
ist die Großform doch innerlich begründet und das ganze Werk in der
Intention nicht mehr rokokohaft.
Die "Geschichte Agathons" fand keine günstige Aufnahme. Sowohl die
religiösen wie die aufklärerischen Kreise mußten sich in ihren Anschau-
ungen verletzt fühlen; in Wien und Zürich wurde das Werk sogar ver-
boten. Wieland fühlte sich auch von denen, die ihn lobten, mißver-
standen, und er hatte damit recht. Er beabsichtigte, selbst eine Rezen-
sion zu schreiben: "Ich habe vieles zu sagen, das sonst niemand sagen
würde." 8 ' Aber er sagte es dann doch nicht; seine Skepsis hätte in be-
grifflicher Fixierung noch stärkeren Anstoß gegeben als in der dichte-
rischen Form seines Romans. "Das Lustige ist, daß keiner, auch nicht
ein einziger, die Absicht und den Zusammenhang des ganzenausfindig
gemacht hat." 85 Nur von demjenigen Aufklärer, der um die Wahrheit,
die nicht in unserm Besitz ist, wußte, wurde "Agathon", wie man sicher
annehmen darf, verstanden. Lessing äußerte sich zwar auch nicht über
den "Geist des Werkes", wie es Wieland von seinen Rezensenten er-
hoffte, aber er riß im 6g. Stück der "Hamburgischen Dramaturgie" die
Gelegenheit vom Zaune, um ganz allgemein das Werk zu preisen, das
"unstreitig unter die vortrefflichsten unsers Jahrhunderts gehört, aber

198
Wirkung

für das deutsche Publikum noch viel zu früh geschrieben zu seyn


scheinet. In Frankreich und England würde es das äußerste Aufsehen ge-
macht haben; der Name des Verfassers würde auf aller Zunge seyn.
Aber bey uns? Wir haben es und damit gut ... Es ist der erste und
einzige Roman für den denkenden Kopf, von klassischem Geschmacke."
Der Reformator des Dramas sprach zugleich in eigener Sache, denn
auch "Minna von Barnhelm" war von der Nation noch nicht nach Ver-
dienst gewürdigt worden.
"Klassisch" nennt Lessing den "Agathon" und er meint damit gewiß
ebenso sehr seine dichterische Verbindlichkeit als seine antike Stoff-
welt. Hier mußte sich die Frage erheben, ob der Roman, diese niedere,
von der humanistischen Poetik und noch von Gottsched mit Still-
schweigen übergangene Gattung, überhaupt den Anspruch klassischer
Dichtung erheben könne. Lessing, der sich auf diesem Gebiet nicht zu-
ständig zu fühlen scheint, läßt die Frage dahingestellt, denn er fährt
fort: "Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht, daß
er einige Leser mehr dadurch bekömmt." An dieser Stelle setzt ein
anderer Poetiker ein, Christian Friedrich von Blankenburg mit seinem
"Versuch über den Roman" (1774). Es ist ein Buch, das für die Ge-
schichte der deutschen Dichtung von einschneidender Bedeutung war,
obwohl es nicht mit der revolutionären Pose des Sturm und Drang auf-
trat. In ihm geschah etwas Unerhörtes: es wies dem Roman, wie er sich
neuerdings herausgebildet hatte, die Stelle des antiken Epos
zu, und das große Beispiel war dabei Wielands "Agathon". Ohne ihn
wäre Blankenburgs Buch in Deutschland kaum möglich gewesen; wahr-
scheinlich wären, nach dem bekannten Worte Lessings, ohne ihn die
Messiaden, Patriarchaden und Friedericiaden auch weiterhin ehrfürchtig
bewundert und nicht gelesen worden. Zu wenig spricht die deutsche
Literaturgeschichte davon, daß Wieland für die Geschichte der epischen
Formen eine ganz ähnliche Bedeutunghat wie Lessing für die Geschichte
des Dramas und Klopstock für die Entwicklung der Lyrik. Indem ein
Dichter wie Wieland bescheiden (oder resigniert) genug war, zum Roman
hinabzusteigen, hob er ihn und schuf in Deutschland die Voraussetzung
zum Aufstieg des modernen Romans. Die bekannte Beziehung zwischen
den Entwicklungsromanen "Agathon" und "Wilhelm Meister" ist nur
eine Linie innerhalb dieser neueroberten literarischen Provinz.

199
.Agathon"

Blankenburg sieht das Wesen des neuen Romans ganz aus dem Ge-
sichtspunkte des "Aga thon". Das Epos zeigt den "Menschen als Bürger",
d. h. in seinen äußeren Verhältnissen und Taten, der Roman gibt "das
Sein des Menschen, seinen inneren Zustand". Nicht als ob äußere Vor-
gänge im Roman vermieden werden müßten, aber sie haben nur in
Bezug auf den inneren Menschen Interesse und Bedeutung. Blanken-
burg wehrt sich gegen die Romane, in denen am Ende alles anders ist
als am Anfang, d. h. also gegen ein märchenhaftes happy end. Gegen-
über einer solchen Illusionstechnik fordert er "die möglichen Menschen
der wirklichen Welt"; er will nicht Marionettenfiguren, die sich einer
konstruierten Handlung fügen, sondern "Personen mit ihrem ganzen
Sein". Von diesem Gesichtspunkt aus kommt er zu einer entschiedenen
Ablehnung Richardsons, in dessen Romanen das deutsche Lesepublikum
nochimmer schwelgt; aber auch Fielding stellt er unter Wieland, weil er
den einzelnen Menschen weniger tief sieht. Der Deutsche hat darin den
Vorzug, denn er ist "mehr Mensch als alle andre Nationen". Die indi vi-
dualistische Form der deutschen Humanität wird deutlich: "We.an der
Dichter nicht das Verdienst hat, daß er das Innre desMenschen aufklärt,
nud ihn sich selber kennen lehrt: so hat er gerade- gar keins."
Solche Verinnerlichung strahlte von der "Geschichte Agathons" in die
deutsche Kultur aus, während sich in Schwaben nach Wielands spötti-
schem Wort die Dorfpfarrer darüber aufregten, daß Agathon "weder
ein Christ noch lutherisch ist". 86 Der Dichter wurde dieses Mal durch
die Anfeindungen, unter denen sein Werk zu leiden hatte, ungewöhn-
lich getroffen, denn er, dessen geringster Fehler die Selbstüberschätzung
war, hielt etwas von "Agathon". 87 Um wenigstens eine Schonfrist zu
gewinnen, bat er Anfang 1769 Freund Riede! in Erfurt, der Welt mitzu-
teilen, "daß man von diesem Werke eher nicht gründlich urteilen könne,
bis der Verfasser den 3· Teil werde gegeben haben, ohne welchen Agathon
wirklich kein Ganzes sey, und daher auch nur en detail habe beurteilt
werden können". 88 Wieland macht sich also anheischig, das Werk, wel-
ches aus inneren Gründen Fragment war, zum "Ganzen" zu machen.
Er ist damit bei der ersten Neubearbeitung, die schon in Erfurt be-
gonnen wurde, nicht weit gediehen. An die Geschichte und Lehre des
Archytas, der schon damals die vorbildliche Gestalt und damit Ziel
und Abschluß des Entwicklungsromans bilden sollte, wagte er sich

200
mlufarion,
ober

&el) Q:r&en unb mtid}, 1768.

"MUSARION" (I 768)
.Agathon"

nicht, und es war wohl nicht nur die Übersiedlung nach Weimar, welche
ihn an der Ausführung dieser Partie hinderte, sondern auch das alte
Gebot skeptischer Wahrhaftigkeit. Immerhin, da die 2. Agathon-Aus-
gabe (1773) mehr Leser, besonders weibliche, 89 gewinnen sollte, wurde
die Geschichte der Danae eingefügt. Die Hetäre hat jetzt mit der Mar-
quise Crebillons nicht mehr viel zu tun; sie ist nach dem Vorbild der
"Nouvelle Heloise" oder des "Fräuleins von Sternheim" empfindsam
übermalt. Sie fungiert jetzt als eine Dame, die im Grunde immer eine
schöne Seele geblieben ist und sich am Ende wie Agathon der Ent-
sagung ergibt, ja geradezu ein Leben als Büßerin beginnt. Man ist sich
darüber einig, daß dieser angeklebte Teil die Struktur des Werkes ver-
wirrt und daß daher die 2. Ausgabe des "Agathon" tiefunter der ersten
steht. 90 Dagegen war die Ausgabe letzter Hand (1794) mit ihrem ideali-
stischen Archytas-Teil imponierend genug, um sich in der philologi-
schen Wissenschaft Autorität zu sichern und, was besonders schmerz-
lich ist, um einen Neudruck der ersten Agathon-Ausgabe zu verhindern.
Kann aber die Bearbeitung eines Sechzigjährigen das Werk eines Drei-
ßigjährigen so ganz einfach ergänzen und überflüssig machen? Nicht
nur für den historischen, sondern auch für den rein künstlerischen Be-
trachter ist der erste Agathon reizvoller, denn er ist im Stil einheit-
licher und überhaupt als Dichtung wahrer.91
Was Wieland im Archytas-Abschnitt des 3· Agathon lehrt, findet man
besser bei Leibniz, Shaftesbury, Kant oder bei Wielands Schwiegersohn,
dem Kantianer Reinhold. Der Schluß ist weniger aufrichtig und eigen
als Wielands gleichzeitige Altersromane: er ist eine offizielle Verlau t-
barung, womit der Dichter das Werk, welches die Ausgabe letzter Hand
eröffnet, an den Zeitgeist anzupassen versucht. Nach dem Vorbericht
könnte man glauben, es sei dem Dichter gelungen, "das Ganze in die
möglichste Übereinstimmung mit der ersten Idee desselben zu bringen
und ihm die Krone aufzusetzen". Private Äußerungen jedoch lassen er-
kennen, daß er den Schluß selbst als Notdach empfand. Er mochte füh-
len, daß dieses klassische Werk des silbernen Zeitalters seine Anziehungs-
kraft im goldenen zu verlieren drohte, und er versuchte, es zu vergolden.
Uns aber ist das reine erste Silber lieber und verehrungswürdig genug, ja
von einem eigenartigen Zauber der Frühe umwoben, nachdem wir in ein
ehernes Zeitalter zurückgesunken sind und selbst neuen Anfangs harren.

202
"Musarion"

4· Die Graziendichtung (,;Musarion", "Die Grazien",


.,Der verklagte Amor''). "Das Leben ein Traum"

Die Vollendung, welche in dem großen vielschichtigen Agathon-Ro-


mane nicht zu erringen war, leistete Wieland in dem begrenzteren Umriß
seiner Versdichtung "Mus arion". Sie war, in Fortsetzung eines älteren
Fragments, schon im Sommer q66 fertig, 92 demnach eine erholsame
Nebenproduktion der Agathon-Zeit, wurde dann aber sorgfältig über-
arbeitetes und erschien q68, nicht in Zürich, sondern im Rokoko-Leip-
zig, was keinZufall war. Goethe berichtet im 7· Buch von"Dichtungund
Wahrheit" über den großen Eindruck, den das "gefaßte", "genaue"
Werk mit seiner "großen Anmut" auf ihn, den Leipziger Studenten,
machte. Er erinnert sich noch im Alter des Ortes und der Stelle, wo er
durch Oesers Vermittlung die ersten Aushängebogen zu Gesicht bekam.
"Hier war es, wo ich die Antike lebendig und neu wiederzusehen glaubte.
Alles, was in Wielands Genie plastisch ist, zeigte sich hier aufs voll-
kommenste." In der Tat, man darf sagen, daß die Dichtung "Musarion",
gerade in der Begrenzung ihres Anspruchs, die vollendetste von Wie-
land geworden ist. Es gibt inhaltlich tiefere und formal virtuosere Werke
des Dichters, hier aber fügen sich Inhalt und Form zu einem makel-
losen Gebilde. Der Dichter selbst nennt "Musarion" mit Recht "ein
kleines Gedicht, welches Ihnen die taumure meines Kopfes und Herzens,
meinen Geschmack und meine Philosophie besser schildern kann, als
irgendein anderes meiner Werke". 9'
Begrenzt ist die Dichtung, im Unterschied zu "Agathon", dadurch, daß
hier von vornherein auf ein Weltbild verzichtet wird. Es geht nicht um
das Ganze: Musarion will nicht wissen, "was Alles das bedeute,/ Was
Zeus aus Huld in rätselhafte Nacht vor uns verbarg". Treffend spricht
Michel von einer "philosophischen Idylle". es Lebensphilosophie, Lebens-
kunst, Liebeskunst lehrtMusarion, nicht Metaphysik, sondern "reizende
Philosophie". Was die Dichtung inhaltlich und formal bestimmt, ist die
Idee des Maßes. Sie hat damit einen echten Bezug zur Antike, wenn es
auch nicht das fromme Maß der Tragiker, sondern die rational-humane
Beschränkung Epikurs, Horazens und der humanistischen Philosophen,
vor allem Shaftesburys, ist. Die Hetäre Musarion führt Phanias, der

203
Graziendichtung

zwischen starrer Weltverachtung und trunkener Welthingabe, zwischen


Übermenschentum und Untermenschentum, zwischen Stoizismus und
Materialismus schwankt, auf den Mittelweg der besinnlichen Heiterkeit
und des schönen Maßes. "Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und
Kaltsinnigkeit" zeichnet Musarions Gemüt nach den Worten des Dich-
ters aus.ue Der Aufbau der Dichtung entspricht genau dieser ideellen
Struktur. Das 1. Buch zeigt Phanias unter dem Einfluß eines hohlen,
stoischen und eines unklaren, pythagoräischen Freundes. Er weist die
Geliebte in schwärmerischer Tugendhaftigkeit ab. Das 2. Buch erzählt
von der Entlarvung der Philosophen durchMusarions List. Der Stoiker
wird durch Wein und der pythagoräische Schwärmer durch ein leichtes
Mädchen in seiner Nichtigkeit bloßgestellt. Auch Phanias droht ins
andere Extrem überzukippen. Aber Musarion fängt, wie das 3· Buch
berichtet, den Verwirrten aufund wird seine reizende Lehrerin in der
Kunst des maßvollen und heiter-schönen Lebens.
"Musarion" hält im ganzen Stil und Ton die Mitte zwischen der frivolen
Leichtigkeit der "Komischen Erzählungen" und der philosophischen
Schwere des "Aga thon". Indem hier Wieland ganz zur Übereins tim-
mung mit sich selbst gelangte, gefiel er auch der Welt; schon nach
einem Jahr war eine Neuauflage nötig. Die Dichtung wurde seine
Triumphpforte nach Mitteldeutschland. Dagegen empfand Sophie La
Roche, der die Dichtung zunächst gehörte, keine reine Befriedigung. 97
Ihr mußte gerade die vollkommene, gewissermaßen kristallene Objekti-
vierung alles Erlebnishaften als kalt und fremd erscheinen. Eben indem
Wielands Dichtung diesmal die Extreme des Sinnlich-Frivolen und
des Philosophisch-Problematischen vermied, erhielt sie eine künst-
lerische Gültigkeit, welche die andem Biberacher Werke in diesem
Maße nicht besaßen.
Auch in der Gattung bemüht sich das kleine Meisterwerk um einen
Mittelweg. Zunächst sollte es eine Dichtung "im gout" der "Alma" des
Prior werden, aber der Unterschied zwischen Wielands und Priors Er-
zählung war am Ende so groß, daß er selbst in positivistischer Zeit nicht
übersehen werden konnte. 98 "Alma" ist ein didaktisches Gedicht alten
Stils, gereimte Lehre mit den üblichen exempla. Diese rationalistische
Gattung war für unsem Dichter, der überhaupt zwischen Rationalismus
und Sensualismus sehr bewußt seinen Weg ging, nicht mehr erträglich,

204
.Musarion"

und so schuf er sich eine neue Form. "Es ist gewissermaßen eine neue
Art von Gedichten, welche zwischen dem Lehrgedichte, der Komödie
und der Erzählung das Mittel hält, oder von allen dreyen etwas
so sagt er selbst. Ausdrücklich trennt er "Musarion" von den "Komi-
schen Erzählungen", mit Recht, denn sie gibt nicht nur ironische Sa-
tire, sondern auch ideale Lehre. Mit dem Lustspielhaften meint er die
starke Betonung der einzelnen Szene, aber auch die strenge Konstruk-
tion des Ganzen. Wir stellten den Einfluß des Lustspiels auf Wielands
epische Formen schon bei "Don Sylvio" fest. Unser Dichter, das be-
merkt man nicht nur hier, ist ein bewußter Gattungsschöpfer, aber er
ist es in der Weise, daß er Mittelgattungen schafft. Die Auflösung der
alten Gattungsformen ist nicht erst romantisch, sondern beginnt schon
im Rokoko, doch handelt es sich dabei noch nicht um eine völlige Ent-
wesentlichung, sondern nur um eine reizvolle Mischung und Nuancie-
rung der überkommenen Formen, wie wir sie nicht zuletzt auch hier bei
,,Musarion'' beobachten und genießen.
Die das ganze Gedicht durchdringende und vollendende Idee der "Mu-
sarion" widerspricht in keiner Weise dem, was früher über die "Inhalt-
losigkeit" der Wielandsehen Kunst gesagt wurde, denn die Idee der
Mitte, des Maßes ist ja rein formaler Natur. Es gibt inhaltlich sehr
verschiedene Mittelwege zwischen den Extremen, und Wieland ver-
ändert auch seine mittlere Position mannigfach, je nach Laune und
taktischer Lage. Aber diese Tendenz des Maßhaltens überhaupt ist doch
das Einzige, dessen unser Dichter ganz sicher ist. Es ist das oberste gei-
stige Prinzip, das er seiner zwischen den äußersten Extremen schwan-
kenden Natur abgerungen hat, unerschütterlich festhält und fast mit
antiker Scheu verehrt. In der Sturm- und Drang-Zeit wird sich zeigen,
was diese Idee für ihn und für die vor klassische deutsche Dichtung ver-
mag. Überhaupt wird ihre fundierende Bedeutung für Wielands gei-
stige Struktur immer wieder deutlich werden. Ihr reinster dichterischer
Ausdruck aber ist "Musarion".
An "Musarion" lassen sich noch einige Dichtungen zweiten Ranges an-
schließen, die dadurch gekennzeichnet sind, daß sie ebenfalls Lehre und
Reiz, Weisheit und Schönheit verbinden und damit dem Ideal der
Grazie im Sinne von Shaftesburys "moral grace", "inward beauty"
huldigen und nicht nur gereimte "Spielwerke" sein wollen. Von dem

205
Graziendichtung

"allegorischen Gedicht" "Psyche", das unsern Dichter seit 1758 be-


schäftigte und eine Zeitlang sein "Hauptwerk" werden sollte,loo hat er
nur Fragmente herausgegeben (1773). Man darf annehmen, daß "Mu-
sarion" dieses Werk verdrängt oder überflüssig gemacht hat, denn
schon in den "Idris" wurden Teile daraus aufgenommen. Der Kern der
Erfindung scheint nach Wielands Vorbericht darin zu bestehen, daß die
bekannte rührende Geschichte des Apulejus von einem schwärmeri-
schen Magier aus Zoroasters Schule der zweiten Aspasia in dem Augen-
blick erzählt wird, da sie aus einer Geliebten des jungen Cyrus zu einer
Oberpriesterin der Diana geworden ist. Das Fragment beweist erneut,
wieanhaltend ihn das Ideal und Problem der großen Hetäre begleitete.
Schon durch den Titel stellen sich Wielands "Grazien", die in Biberach
begonnen und 1770 in Erfurt vollendet wurden, neben "Musarions"
Grazienphilosophie. Doch läßt sich eine empfindsam-moralische Ver-
unklärung, der Verlust des stilistischen Gleichgewichts wie in der zwei-
ten Fassung des "Agathon" schwer verkennen. Schon dem Gegenstand
nach bedeutet die Dichtung einen Rückschritt, denn sie greift im Unter-
schied zu der rein menschlichen Erzählung von "Musarion" auf die
mythologisch-allegorische Schäferdichtung zurück. Daphnis, der schön-
ste Hirte, gibt bei einer ländlichen Schönheitskonkurrenz nicht einer
der drei Grazien, die überraschend erschienen sind und deren Schönheit
er wohl bemerkte, sondern seiner Geliebten den Preis. Als diese Ent-
scheidung gefallen ist, erscheint Amor auf einer goldenen Wolke und
segnet das Paar, denn es hat bewiesen, daß Liebe noch mächtiger als
Schönheit ist. Eine ganz konventionelle Dichtung nach dem Vorbild
der kleinen Pariser Komödie "Les Graces" von Saint-Foi, dichterisch
wenig wertvoll, aber interessant als eine Vorstufe für Wielands spätere
Beschäftigung mit dem Singspiel. Ausdrücklich meldet er seine Ambi tio-
nen als Librettist an. Er wünscht, daß es ihm möglich wäre, die Kunst
der Arie seinem "LieblingMetastasio abzulernen". Er möchte von Hiller
oder einem anderen Tonkünstler erfahren, ob seine Arien in den "Gra-
zien" gelungen sind. Er beabsichtigt über dies wieRousseau, ein lyrisches
Schauspiel "Pygmalion" zu schreiben, und beneidet J. G. Jacobi um
seine "süße, nektarsüße" Kunst.lOl Die "Grazien" sind ein Ausdruck für
die neue unechte Empfindsamkeitswelle, welche den Sturm und Drang
in der modischen Gesellschaft begleitete und welcher Wieland auf dem

206
.Die Grazien" .• Der verklagte Amor"

Übergang von Biberach nach Weimar, vom Spätrokoko zur Frühklassik


wie Goethe in der "Stella" für einen Augenblick anheimfiel. Am band-
greifliebsten läßt sich der Mischmasch-Charakter der "Grazien" an einer
formalen Exzentrizität aufweisen. Wieland übernimmt für dies Werk,
in dem er ohnehin uneigentlich und peripher ist, das genre mele des
französischen Rokoko und des Gleim-Jacobi-Kreises, die Versprosa-
mischung. Siewardem DichterdurchChaulieu längst bekannt, aber jetzt
erst ergibt er sich, aus seiner Biberacher Einsamkeit heraustretend, der
wenig geschmackvollen Mode. Auch der Aufbau zeigt nicht die bruch-
lose Durchdringung von Erzählung und Lehre, welche "Musarion"aus-
zeichnet: sie folgen wie in der älteren Exempeldichtung mechanisch auf
einander. Man hat selbst dieser Dichtung, und zwar von französischer
Seite aus, nachgerühmt, daß sie frischer und persönlicher als ihr Pariser
Vorbild istl 02 ; aber mit Wielands Meisterwerken verglichen sind die
"Grazien" eine unbedeutende Leistung, matte Salonkunst, und ver-
dienen nur in historischer Hinsicht, als Experiment des künftigen Sing-
spieldichters, einige Aufmerksamkeit.
Eine allegorische Lehrdichtung zu Ehren Amors und der Grazien ist
auch "Der verklagte Amor", der nach dem Vorbericht des Dichters 1771
begonnen und "1774 hervorgesucht, vollendet und im siebenten Stücke
des T. Merkurs dieses Jahres zuerst bekannt gemacht wurde". Wahr-
scheinlich sprach für die Vollendung mehr die IiterarischeÖkonomie des
Merkurherausgebers als ein unmittelbarer dichterischer Antrieb; eine
gewisse Lustlosigkeit hängt über dem Werke, so als ob der Weimarer
Dichter der Grazienapologie, in der sich der vielumstrittene Professor
in Erfurt gefiel, längst müde geworden wäre. Amor, der vonMinerva auf
dem Olymp verklagt wurde, verläßt grollend die Versammlung der
Götter. Aber die Wissenschaft, die Kunst, der Wein und überhaupt alles
Leben verlieren ohne ihn den besten Reiz, so daß er zurückgerufen
werden muß. Die Moral der Geschieht' gibt der lucianische Momus mit
seinem Rate, alles beim Alten zu lassen. Es ist sehr verständlich, daß
diese späten Nachzügler der allegorischen Lehrdichtung der Sturm- und
Dranggeneration nichts mehr zu sagen hatten. Auch die Idee einer
graziösen Philosophie, einer amourösen Lebenskunst stand streng ge-
nommen auf allzu unsicheren Füßen, als daß sie durch Wiederholung
hätte gewinnen können. Das Gleichgewicht von "Musarion" war ein-

207
Graziendichtung

malig und mußte bei jeder Verallgemeinerung verloren gehen. Wieland


war kein J. G. Jacobi. Tiefer als dessen blasser, moralisch verbrämter,
"nektarsüßer" Ästhetizismus wurzelte in ihm die Neigung zu einem auf-
richtigen Rokokospiel, das mit der Nichtigkeit der Welt rechnete, aber
eben darum zu einer Kunst von kühnerer Schönheit führte. Das kleine
Gedicht "Erdenglück, an Chloe", das 1766, also gleichzeitig mit
"Musarion", entstand, hört sich doch ganz anders an als die harmoni-
sierende Grazienphilosophie:
"Alle diese schönen Luftgesichte,
Deren Name deine junge Brust
Überwallend macht, sind bloße Schaugerichte,
Leichte Träum' unwesentlicher Lust."
Calderon oder einer seiner romantischen Nachfolger scheint zu sprechen,
und in der Tat hat Wieland ein Gedicht begonnen, dem er später den
Titel "Das Leben ein Traum" geben konnte. Ursprünglich erschien es
unter dem Titel "Gedanken bei einem schlafenden End ymion,
ein Fragment" (1773). Unser Dichter hatte bei Cicero gelesen, der
schlafende Endymion sei so gut wie tot, denn des Menschen Bestimmung
sei, tätig zu sein. Gegen diese Behauptung regte sich der Widerspruch
des Künstlers, denn ihm schien der Traum nicht wertloser als das übrige
Leben zu sein.
"Wolan er werde wach! - Wie lange ? - Nur zu bald
Läßt Göttin Torheit ihm in anderer Gestalt
Den Zauberkelch entgegenblinken.
Wir werden nie zu weise, noch zu alt,
Ihr süßes Gift mit Lust hineinzutrinken:
Unmerklich schläfert es die Weisheit wieder ein;
Wir träumen fort und glauben wach zu sein;
........... Und sie, die man uns anzupreisen
Gewohnt ist, ohne recht zu wissen, was man preist,
Die ganze Zunft der Helden und der Weisen
(Den nehm' ich höchstens aus, den Deiphi weise heißt)
Der Virtuosen und- der Reimer,
Wo sie am besten sind, was sind sie sonst, als Träumer?
Traum ist der Wahn von ihrer Nützlichkeit!

208
.Das Leben ein Traum"

Die Hoffnung Traum, als ob noch in der spätsten Zeit


Ihr Nam' im Reihn der Götter unsrer Erde
Auf allen Lippen schweben werde!
Traum der Gedank', als ob ganz Paros Marmors kaum
Genug besitze, drein zu graben,
Durch welche Taten sie die Welt verpflichtet haben!
Kurz, ihr Bemühn, ihr Stolz, ihr ganzes Glück- ein Traum!"
Eine solche Lehrdichtung hätte die ahnungslosen Freunde der Grazien-
philosophie kaum entzückt. Sie enthüllte, "was Zeus aus Huld in rätsel-
hafte Nacht vor uns verbarg", vielleicht schon allzusehr. Wieland ließ
das Werk unvollendet liegen. Aber praktisch hatte er seine Lehre von
den Reimern, die als Träumer am besten sind, bereits in der glänzend-
sten Weise bewährt: im "Idris" und im "Neuen Amadis". Nach dem
Vorbericht des Dichters entstand das Fragment vom schlafenden
Endymion im Anschluß an den "Neuen Amadis". Es war ein Epilog
zu den Stanzendichtungen, der gedanklich das aussagte, was in ihnen
schon dichterisch gestaltet war: das Thema vom Leben als Spiel und
Traum.

5· Das Märchen- Epyllion


("Idris und Zenide", "Der neue Amadis")

Daß Wieland in dem erstaunlich fruchtbaren Jahre 1766 auf die Idee
eines Stanzenepos verfiel, ist nicht bloß die Anregung seiner Ariost-
Lektüre, sondern innerlich tief begründet. Wenn er sich einerseits im-
mer erneut aus der dünnen Salonatmosphäre seines Jahrhunderts her-
aussehnte und nach den totaleren Kulturen der Renaissance und Antike
Ausschau hielt, andererseits doch zu sehr Rokokomensch war, um die
klassische Antike und Shakespeare unverdünnt aufnehmen zu können,
so lag es nahe, nach dem Vorbild desjenigen Renaissancekünstlers zu
greifen, der mit wunderbarer Heiterkeit seine Helden auf Zauberpfer-
den reiten und in Feengärten wandern ließ und doch noch beschwingter
und kräftiger war als die Märchendichter des Rokoko. Schon in seinen
späteren Schweizer Jahren hatte er eine Zeitlang voller Lust in der
lichten Welt Ariosts gelebt, aber die Resignation, welche demMißerfolg
des "Cyrus" und der Entzauberung all seiner Ideale gefolgt war, hatte

Sengle, Wieland 14 215


Das Märchen - Epyllion

eme Nachalunung des großen Epikers zunächst unmöglich gemacht.


Das Epos galt nach der herrschenden akademischen Meinung, wie schon
in der ganzen humanistischen Poetik, als die Krone der Dichtung, und
Wieland wollte nach der Rückkehr in die Heimat nicht mehr nach
imaginären, Klopstockischen Kronen greifen, sondern sich mit leichten
Erzählungen und Romanen die unmittelbare Anteilnahme eines Leser-
kreises verdienen. Erst als er bemerkte, daß er, wie Lessing sagte, für
das deutsche Pl!blikum "noch viel zu früh" kam, und als mit dem "Aga-
thon" sein dichterisches Selbstbewußtsein wieder stieg, kam ihm der
Gedanke eines ariostischen Epos in den Sinn: "Idris" (1767), später
"Idris und Zenide". Freilich liegt, wenn man gerrauer zusieht, der An-
knüpfungspunkt an Ariost fast mehr in der Metrik als in der Gattung
des "Orlando Furioso". Die "Komischen Erzählungen" haben Wie-
lands kaum zu überschätzende Fähigkeit als Formkünstler entbunden.
Sie kann er in dem inhaltlich bestimmten großen Prosa-Roman nicht
betätigen. Er bedarf eines größeren formalen Widerstandes, als ihm
seine bisherigen Dichtungen geboten hatten und die gleichzeitigen, ein-
schließlich "Musarion", bieten. Seine künstlerischen Kräfte sind nicht
genügend ausgelastet. So greift er zu einem "mühseligen Versmaß",
zur Ottaverime Ariosts, "einer Art von Versifikation, deren Schwierig-
keit einen jeden andern, als einen vesanum poetam, einen von der Wut
zu reimen besessenen Menschen abschrecken sollte ... Ich bewundere
mich bisweilen selbst wegen des seltenen Talents, welches ich für die
Reimerei habe." 103 Er rühmt sich gerne seiner Virtuosität; sie ist nicht
mehr ganz naiv und handwerklich, das süße Spiel der Rhytlunen und
Klänge berauscht ihn schon und verhindert, wie später bei den Roman-
tikern, eine plastische Gestalt seiner Darstellung. Der "Plan", also der
Aufbau, ist nach seiner Meinung "das wenigste bei einem Gedichte
dieser Art"; auch die Figuren und Ideen, so könnte er hinzufügen, sind
nicht wichtig. Denn er fährt fort: "Es kommt da lediglich auf die Er-
findungen, die Situationen und die Schönheiten der Ausführung an." 10'
"Idris" ist schon ein Stück jener assoziativen Phantasiekunst, die man
in der Literaturgeschichte "musikalisch" zu nennen pflegt. Nicht um-
sonst hat Tieck, welcher unserm Dichter mehr verdankte, als er zugab
und vielleicht wußte, dieses Werk bewundert. Es ist im Grunde über-
flüssig, die Fabel des "Idris" zu erzählen; der Leser weiß sie ohne sorg-

2IO
.Idris und Zenide"

fältige philologische Lektüre am Ende selber nicht genau, und das ist
beabsichtigt. Er soll von der Kompliziertheit, von dem Ineinander-
spielen der Klänge, Motive, Situationen, Personen, Ideen verwirrt, be-
rauscht und entzückt werden, wie der Dichter es war, als er aus dem
grauen Alltag der Biberacher Kanzlei und aus der verpflichtenden Helle
der antikisierenden Werke "Agathon" und "Musarion" in diese phan-
tastisch-ironische, zwielichtige Traumdichtung floh. Die Rokokowelt
des Feenmärchens wird erneuert, zugleich aber geraten ihre Gegen-
stände und Konturen in eine Bewegung, die ihren baldigen Untergang
ankündigt. Es geht noch nicht um die "Fülle der Gesichte", wenn man
darunter den Blick in das kosmische All versteht, aber der konven-
tionelle Gegenstand schillert schon in tausend Lichtern, die aus dem All
auf ihn fallen, und scheint mehr aus diesen Lichtern als aus sich selbst
zu bestehen. Für ein bestimmtes Publikum wurde diese Dichtung, im
Gegensat7 zu den "Komischen Erzählungen", aber auch zu "Musarion",
nicht geschrieben und sie ist mit diesem Originalitätsanspruch recht kau-
zig und gut deutsch, obwohl Wieland den Deutschen kein Verständnis
für sie zu traut. Schon die "Geschichte vom Prinzen Biribinker" im "Don
Sylvio" erinnert an die seltsamen Einlagen Jean Pauls. Jetzt ist das
ganze Werk bizarr. Hamilton, welcher die Dichtung des französischen
Rokoko in origineller Weise subjektivierte und den zu lesen er nicht
müde wurde, 105 soll noch überboten werden: "Was wird der ernsthafte,
philosophische, theologische, ökonomische und politische Geist unserer
Nation zu einem Werke sagen, das in der ganzen poetischen Welt an
Extravaganz seinesgleichen weder hat, noch hoffentlich jemals be-
kommen wird. Stellen Sie sich eine Fabel im Geschmacke der quatre
Facardins oder des Belier von Rarnilton vor - aber eine Fabel, die
keiner andern gleich sieht, die noch aus einem gesunden Kopfe ge-
kommen ist- die Quintessenz aller Abenteuer der Amadise und Feen-
märchen. - Und in diesem Plane, unter dieser frivolen Außenseite
Metaphysik, Moral, Entwicklung der geheimsten Federn des mensch-
lichen Herzens, Kritik, Satyre, Charaktere, Gemälde, Leidenschaften,
Reflexionen, Sentiments- kurz alles, was Sie wollen, mit Zaubereyen,
Geister-Historien, Zweykämpfen, Centauren, Hydern, Gorgonen und
Amphibäuen, so schön abgesetzt und durcheiander geworfen, und das
alles in einem so mannigfaltigen Styl, so leicht gemahlt, so leicht ver-

2II
Das Märchen - Epyllion

sifiziert, so tändelhaft gereimt, und das in ottave rime."loe Das ausge-


führte Gedicht erreicht vielleicht nicht ganz diese genialisch-närrische
Konzeption, aber auch noch so bleibt "Idris" eine der kühnsten und
seltsamsten Dichtungen, die bezeichnendste Nahtstelle :zwischen Ro-
koko und Romantik.
Die Anregung zu der neuen Beschäftigung mit Ariost gaben dem Dichter
]. N. Meinbarcis ,:Versuche über den Charakter und die Werke der
besten italienischen Dichter" (1763-64). Wieland meinte nach dem
frühen Tod des Verfassers, jener hätte "Vergnügen daran gehabt",
,;daß unsere Sprache sich nicht so gar übel zum ariostisieren schickt" .107
"Idris" ist einer der Schritte, durch welche Deutschland seinen alten
humanistischen Zweifel an der dichterischen Eignung der deutschen
Sprache endgültig überwindet. Die gesamte opitzische Epoche hatte
das nicht vermocht, besonders im katholischen Süddeutschland,
an dessen Rande Wielands Rokokodichtung, von beiden konfessionellen
Kulturen angeregt (und von keiner getragen), plötzlich wie eine wunder-
bare neue Insel auftaucht. Auch die Nachahmung Metastasios, des ge-
feierten italienischen Hofdichters in Wien, von der bei den "Grazien"
die Rede war, ist als sprachlich-formaler Konkurrenzkampf zu deuten.
Es geht hier, wie bei der Nachahmung Miltons, um einen deutschen
Anspruch, nicht um eine Verleugnung deutscher Originalität. Das zeigt
Wielands Idris-Konzeption besonders unmißverständlich. Das Verhält-
nis zu Ariost ist sehr selbständig. Schon Wielands Ottaverime, auf die
er so stolz war, ist keineswegs die strenge italienische Stanze, sondern
eine Kombination derselben mit dem vers libre der Erzählungen. Man
hat ihm das vorwurfsvoll vorgerechnet,l 08 anstatt sich dieser Originali-
tät zu freuen, denn es ist für jeden Kenner unseres Dichters
selbstverständlich, daß er ohne diesen individuellen Bewegungs-
raum sich selbst verlieren müßte. So kunstvoll dieses späte Rokoko
sein darfund sein soll, "streng" im Sinne einer gesetzmäßigen Stetigkeit
kann es unmöglich sein. Die "Monotonie", das zeigen Wielands Äuße-
rungen allerorten, ist ihm unerträglich. Die Form wird zwar nicht von
innen "frei", "organisch" erbildet, sondern festgehalten; man klam-
mert sich, um dem heraufkommenden Chaos zu entgehen, an über-
lieferte Formen; zugleich aber sichert sich der Rokokomensch inner-
halb der Formen einen individuellen Spielraum. Das gilt für die künst-

212
"Idris und Zenide"

lerische Form des Zeitalters so gut wie für die politische: Es ist noch
keine "totale" und eben darum leere Form, eine Form, die in völliger
Unabhängigkeit vom Subjekt gebraucht werden könnte. Im Festhalten
dieser Spannung von formaler Norm und subjektiver Substanz be-
gründet sich die stilistische Echtheit der Rokokokultur. Auch die Le-
bendigkeit von Wielands Stanzendichtungen! Noch im "Oberon" hält
Wieland, bei allem Streben zur klassischen Monumentalität und Stetig-
keit, an dieser freien Stanze fest; nur so kann er sich mit der ihm eigenen
Anmut bewegen.
In dem Verhältnis von Gegenstand und Dichter wirkt die gleiche gei-
stige Spannung. Wieland ist kein so objektiver Erzähler wie Ariost.
Zwar ist auch bei dem Renaissancekünstler die Ritter- und Wunderwelt
nicht mehr ganz naiv genommen. Aber Roland und Rinaldo sind doch
noch wirkliche Helden, die Wunderdinge werden mit hingebender An-
schaulichkeit dargestellt und die Ereignisse mit großer Ruhe erzählt.
Bei Wieland distanziert sich der Erzähler mit gesteigerter Ironie von
den Gegenständen, wodurch die klaren Konturen Ariosts den "zarten,
duftigen und traumhaften Elementen der Schilderung weichen müs-
sen".108Darin liegt, wie etwa in den Bildern Watteaus,ein eigener künst-
lerischer Reiz; es ist aber keine Frage, daß Ariostin der Schilderung des
Großen, Heroischen und Wilden dem Rokokodichter überlegen ist.ll 0
Auch das Erotische gewinnt bei Wieland ein zweideutigeres Aussehen
und dadurch den Charakter der "Schlüpfrigkeit"; doch ist nicht zu über-
sehen, daß es, wie schon in der" Geschichte des Prinzen Biribinker", durch
die phantastische Tönung gemildert, sublimiert und dadurch bei einem
Menschen wie Wieland echter wird als in dem gesellschaftlichen Experi-
ment der "Komischen Erzählungen".
Der ursprüngliche "Plan" des "Idris" läßt sich aus der ausgeführten
Hälfte ungefahr erschließen. Idris, der Platoniker, ist in schwärmeri-
scher Rastlosigkeit unterwegs nach einer Feenkönigin. Ihm gegenüber
steht Ithyphall, der Lebemann, welcher jede Rose an seinem Wege
pflückt. Doch auch er ist immer unterwegs und im Grunde der gleiche
Don Quijote. Zwischen den beiden Extremen steht ein vorbildliches
Paar Lila und Zerbin, das in idyllischem Frieden auf einer Insel lebt,
und bei dieser Mitte sollte vermutlich auch Idris anlangen. Man sieht,
eine ganz einfache lehrhafte Konstruktion, welche an "Musarion" er-

2I3
Das Mänhen - Epyllion

innert. "Idris" sollte also ein Lehrepos werden wie jene Dichtung eine
Lehrerzählung: kein Riesenepos in 46 Cantos - dafür kennt unser
Dichter von vornherein nur Spottlll- aber ein vollständiges kleineres
Epos in etwa 10 Gesängen wie Glovers "Leonidas", Voltaires "Hen-
riade" oder Bodmers "Noah". Allein auch in dieser Gestalt war "Idris"
nicht möglich, denn Wieland hatte sich nicht um irgend einer Lehre oder
Idee, sondern um des künstlerischen Spieles willen in die ariostische
Form- und Stoffwelt geflüchtet. Eine Vollendung des "Idris" hätte ihn
leicht als ein langatmigeres Nebenprodukt von "Musarion" erscheinen
lassen; die Fabel hätte von dem Eigentlichen, auf das es ankam, abge-
lenkt, von dem neuen farbigen Versmaß, von der üppigen Erzählungs-
art, von der kühnen und frechen "Laune" des Ganzen. "Idris" hätte
als Epos den Anspruch einer geschlossenen Welt erhoben, die in Wirk-
lichkeit nicht mehr bestand; er wäre wie Klopstacks "Messias" wenig
gelesen und zum Nachteil des Verfassers am älteren Epos gemessen
worden. Noch entschiedener als "Agathon" mit seiner moderneren
Gattung war das Epos "Idris" dazu bestimmt, um der dichterischen
Wahrheit willen Fragment zu bleiben. Wieland fühlte das und blieb
diesem Gefühl treu, obwohl Geßner in seiner bezeichnenden Neigung zur
(idyllischen) Abrundung die Annahme des "Idris" von seiner Vollendung
abhängig machte. Er ist "entschlossen ihn ein Fragment bleiben zu
lassen. Er ist nicht besser als Cyrus, dem es auch so gegangen ist."na
Auch Freund Riedel bittet er: "Lassen Sie mich dem Trieb der
Muse folgen." 113 Die objektive Berechtigung seiner Entscheidung läßt
er dahingestellt: er nimmt bescheiden auf sich selbst, was in Wirklich-
keit, trotz Klopstacks Anspruch, ein Gesetz des Jahrhunderts war. 114
Den Anstoß zur fragmentarischen Form gab ihm Hamilton mit seinen
"Quatre Facardins", ja es findet sich einmal sogar die Begründung:
"weil doch jetzt Fragmente Mode sind." 115 Man ist sich trotz Lichten-
bergs Aphorismen zu wenig der Tatsache bewußt, daß es nicht nur einen
romantischen sondern auch schon einen Rokokofragmentarismus
gibt. Die Möglichkeit zu einer bewußten fragmentarischen Geistig-
keit ist in dem Augenblick gegeben, in dem an eine Weltordnung oder
wenigstens an eine systematische Erfassung der Weltordnung nicht
mehr geglaubt wird, und das ist bei einem Teil der Aufklärungsphilo-
sophen durchaus der Fall. 118 Rokoko heißt nun im allgemeinen, daß

2I4
Rokokofragmentarismus

zwar die Ordnung der Welt als Ganzes stark erschüttert ist aber die
Auflösung der Form dadurch verhindert wird, daß man sich mit der
Gestaltung von einzelnen "kleinen" Welten (Wirklichkeiten) begnügt.
Dies ist von der "ecclesiola" Speners über die Lustschlösser und
Gartenhäuser bis hinunter zum schäf....rlichen Einakter und Nippfigür-
chen das durchgehende Gesetz der Epoche. In der Epik sehen wir es
in den Kleinformen der Idylle, der Fabel, des ironischen Märchens,
der komischen Erzählung usw. wirksam. Sobald man aber, wie es im
Wesen der Wahrheit selber lag, von den wohlabgerundeten Teilen auf
das Ganze zurückfragte und sich etwa wieder um Dichtungen in großer
Form bemühte, kam man, sofern man die Klippe des Formalismus ver-
mied, zum Fragmentarismus. Dieser ergab sich in Wielands Fall beim
Übergang vom kleinen zum großen Roman (von "Don Sylvio" zu
"Agathon") und jetzt beim Übergang von der Erzählung zum "Epos".
Es ist ein Moment, der die "Öffnung" und das innere Zerfallen des
Rokokostils ziemlich scharf erfassen läßt. Fragen wir nun, welche
erfolgreichen Erscheinungen des Büchermarktes aufunsern Dichter den
Eindruck machen konnten, daß Fragmente "Mode" sind, so wird man
neben Rarnilton in erster Linie Sternes "Tristram Shandy" (1760)
nennen. Als Wieland 1767 dieses Buch las, war er, der so gerne spottete,
voller Bewunderung, denn hier fand er einen Humoristen, dessen innere
Überlegenheit er fühlte: "Ich gestehe Ihnen, mein Freund, daß Sterne
beinahe der einzige Autor in der Welt ist, den ich mit einer Art von
ehrfurchtvoller Bewunderung ansehe. Ich werde sein Buch studieren,
so lang ich lebe, und es doch nicht genug studiert haben." 117 Wieland
nennt Sterne als eine der Anregungen, die zum "Neuen Amadis" führ-
ten. Aber es ist als sicher anzunehmen, daß er schon auf den "Idris"
wirkte, die tolle Laune dieses Werkes steigerte und seinen fragmen-
tarischen Charakter sanktionierte. "Tristram Shandy" ist im Vergleich
mit Fieldings Werken überhaupt kein Roman, sondern eine Plauderei,
die in jedem Punkte durch eine überschäumende Fülle von Humor
bezaubert und an beliebiger Stelle abbricht, ohne daß dies irgendwie
stören könnte. Er verwirklicht eine vorbildliche Formlosigkeit und
Unmittelbarkeit. Freilich mußte Wieland bei näherer Überlegung er-
kennen, daß er mit der Substanz fülle, mit der Menschlichkeit oder, wie
die Aufklärung zu sagen pflegte, mit dem "Herzen" dieses Dichters

215
Das Märchen - Epyllion

nicht wetteifern konnte. Das vermochte in Deutschland erst Jean Paul,


und Wieland war, so sehr er später diesen Dichter als seinen Nach-
folger empfand, doch weit von ihm entfenlt. Er war kälter, verstand-
lieber, distanzierter und konnte daher nicht endgültig aufäußere Form
und Abrundung verzichten. Er hätte damit auf sein Bestes verzichtet.
DenMusariondichter mußte es, auch um den Preis der unwahren Form,
der "Konstruktion", zu einem fertigen, abgerundeten "Epos" weiter-
treiben.
Eine Verbindung humoristisch-sternescher und konstruktiv-formaler
Elemente zeigt "Der neue Amadis" 118 , der in Biberach begonnen,
aber erst 1771 in Erfurt ·vollendet wurde. Er ist unter allen Dichtungen
Wielands das Werk mit der stärksten Spannung zwischen Form und
"Laune", zwischen Ra tionali tä t und phantastischer Aben teuerlichkei t,
zwischen gesellschaftlicher Tönung und Ichsüchtigkeit, ein durchaus
originales, sehr seltsames Werk. Da aber die in ihm waltende Spannung
vor der Simplifikation und Verjüngung, welche die Sturm- und Drang-
revolution für einen Augenblick zum Siege führt, eine allgemeine Ge-
gebenheit ist, wird man die Dichtung zugleich als besonders repräsen-
tativ für das deutsche Spätrokoko ansprechen dürfen. "Musarion" und
"Idris" sind persönlicher und als klassizistische bzw. roman tizistische
Überformungen des Rokoko mehr zukunftweisend, vielleicht auch im
überzeitlichen Sinne gültiger; der "Neue Amadis" aber bezeichnet den
historischen Augenblick des späten Rokoko am tiefsten, unvergleichlich
tiefer als "Die Grazien" und ähnliche Süßigkeiten. Michel nennt ihn
"la derniere produc tion inspiree par le ,cacodemon' biberachois" 119 ;
nun, selbst Julie Bondely hat zugeben müssen, daß Wielands "perver-
sion" seinem Stil zugute kam. Der Erfurter Wieland kann sich dichte-
risch mit dem Biberacher in keiner Weise messen, weil er unaufrichtig
harmonisiert.
Gattungsgeschichtlich ist der "Neue Amadis" insofern eine bedeutsame
Synthese, als hier mit aller Entschiedenheit die Mitte zwischen Erzäh-
lung und Epos eingehalten und damit, wie in der späten Antike, das
Epyllion, das Kleinepos verwirklicht wird. Oder anders gesehen: es wird
die Konsequenz aus der fragmentarischen Form des "Hermann", "Cy-
rus" und "Idris" gezogen, indem das Epos in ver kleiner tem For-
mate zu einer abgeschlossenen Form zurückgeführt wird. Wieland ist

216
"Der neue Amadis"

sich des gattungsschöpferischen Aktes wohl bewußt, wenn er auch,


wie der Dichter von "Hermann und Dorothea", den Begriff Epyllion
nicht gebraucht und um den überraschenden Zusammenhang mit dem
Hellenismus nicht weiß. Er sagt: "Es ist ein wahres Original, ein Mit-
telding zwischen allen andern Gattungen von epischer Poesie, denn es
hat von allen andern etwas. Es ist eine von den abenteuerlichsten Ge-
burten des Sokratischen Satyros mit einer Grazie halb gutwillig, halb
mit Gewalt gezeugt." 120 Durch das Wort "Gewalt" deutet der Dichter
auf die mechanische Konstruktion des Ganzen und damit auf die Pro-
blematik dieses ersten Experiments; aber der Ansatzpunkt selbst ist
neu: er istnicht das parodistische Epos, das sogenannte komische Epos
in der Nachfolge von Boileau und Pope. Wieland spielt zwar einmal auf
den "Lockenraub" an, aber der Aufbau und die Gestaltenwelt des Wer-
kes haben mit dem bekannten Schema des komischen Epos, wie es sich
durch mehr als ein Jahrhundert erhalten hatte, nichts zu tun. Man
sagt zwar mit Recht: Wieland nimmt seine Prinzessinnen, Helden,
Zauberer und Märchenwunder nicht ernst; aber er nimmt, im Unter-
schied zum "komischen Epos", auch seine eigene Parodie nicht ernst.
Das Spiel wird so verwegen, daß auch der Gegensatz von Ernst und
Spott aufgelöst wird. Wieland steht bereits jenseits des Unterschieds
von Epos und Epos-Parodie, welcher die Übergangsepoche zwischen
Mittelalter und Neuzeit beherrschte. Selbst die Parodie und die Ge-
sellschaftssatire, welche sich hinter ihr verbirgt, gewinnen "poetischen"
Zauber, eine verschwimmende Unwirklichkeit. Die komischen Epen
eines Zachariä und Uz wirken hoffnungslos steifund altväterisch, wenn
man sie mit diesem kunstvollen Spätrokokowerke vergleicht. Wieland
legt hier den Grund für ein neues dichterisches Epos, dessen Bedeutung
freilich märchenhaft undidyllisch begrenztist und das daher Kleinepos ge-
nannt werden soll te("Oberon", "Luise", "Hermann und Dorothea"). Daß
unser Dichter ein "Epos" en minia ture undnicht eine "Erzählung" schaf-
fen will, zeigt das Werk mit vollkommener Deutlichkeit. Bei einem V rn-
fang, welcher die fünf Gesänge des "Idris" nur etwa um die Hälfte über-
schreitet, zerfällt es in 18 Gesänge und zwar nicht nur durch eine äußere
Zerteilung der Erzählmasse, sondern wirklich kompositionell. Ariost
führt verschiedene Handlungsstränge in vollkommener Isolierung neben-
einander her. Er bricht die Erzählung an irgendeinem Punkte ab und

217
Das Märchen - Epyllion

nimmt sie nach langer Zeit dort wieder auf. Diese Technik, welche mit
einem archaischen Gedächtnis und mit dem Epos als "Welt" rechnet,
übernimmt unser Dichter. Insofern nun aber in dem engeren Raume der
Wechsel der Fäden viel häufiger erfolgen muß, verändern sich Wirkung
und Sinn der Technik vollkommen. Man verliert die Figuren, noch ehe
man sie kennengelernt hat, wieder aus den Augen, man lebt sich nirgends
ein, man muß schon mit dem Bleistift arbeiten, wenn man das kom-
plizierte Gefüge klar überschauen will. Aber das ist für den Leser auch
gar nicht beabsichtigt. Das virtuose Spiel soll ihn verblüffen und ver-
wirren; was dem Ballettmeister ein genau berechnetes Werk seiner
Kunst ist, soll dem Zuschauer als phantastischer Tanz erscheinen. So
freilich, daß er trotzdem des Ballettmeisters als eines großen Virtuosen
gedenkt. Wieland läßt, wie Michel mit einem Bilde sagt, die Fäden
seines Marionettentheaters sehen. Er kann das, wie der romantische
Künstler, bereits ruhig tun, da die Kunst doch nicht mehr, wie für die
älteren Zeiten, als "Wahrheit", sondern als Illusion (von welcher Tiefen-
dimension auch immer) gilt. Oder anders ausgedrückt: das Technische
darf deshalb hervortreten, weil mit einer naiven Aufnahme des Kunst-
werks nicht mehr gerechnet wird. Der Künstler zeigt seinen Geist, nicht
seinen Gegenstand.
Während das Werk als Ganzes durch ein eisernes Gerüst zusammen-
gehalten wird, kann sich im einzelnen das Sternesche Element, der
"Geist Capriccio", wie Wieland mythologisierend zu sagen pflegt, un-
gehindert entfalten. Ein Bild der gesamten Rokokokultur! Die Einzel-
heiten des Werkes sind in einem kaum zu ÜberbietendenMaße subjekti-
viert. Die Erregung, welche zum Sturm und Drang führte, bebt, wie
diese Dichtung verrät, auch im Rokokosalon- oder mindestens in der
hochempfindlichen Seele Wielands. Mit Recht spricht er später, als
diese sich politisch entladen hat, von der "poetischen Sansculotterie"
des "Neuen Amadis" !121 Zwar begann er mit einer zehnzeitigen Stanze,
deren Freiheit einigermaßen den Ottaverimen des "Idris" entsprechen
mochte. Aber diese Form wurde im Lauf der Arbeit zugunsten von
vollkommen freien, sogar in der Verszahl unregelmäßigen Strophen
gesprengt, da "die damalige Laune des Dichters, welche schlechterdings
von allen willkürlichenRegeln frei sein wollte, auch die Bewegung in sehr
freien Stanzen noch zu regelmäßig fand". 121 Wieland hat diese "licen-

2!8
"Der neue Amadis"

tiöse Versifikation" später so gut es ging getilgt. Das volle "Capriccio"


der Dichtung und damit ihr wahres Wesen zeigt wie bei "Agathon"
nur die Erstausgabe. Das Ernstnehmen der späteren Fassung würde
voraussetzen, daß Wieland sein Werk wirklich zu einem klassischen ge-
macht hätte, wovon im "NeuenAmadis" noch weniger als im "Agathon"
die Rede sein kann, wenn er auch selbst diesen Anspruch erheben mag.
Die nicht mehr zu bewältigende Spannung, die "Offenheit" der Form,
welche das Gesetz der Stunde ist, deutet sich im "Neuen Amadis" durch
die Sprengung der Strophe unmißverständlich an. Das Werk ist, wenn
man es mit "Idris" vergleicht, im ganzen geschlossener, aber gleichwohl
im einzelnen noch offener geworden. Es ist schon viel mehr eine Zer-
reißprobe als eine Spannung.
Die gleiche Unruhe wie die Metrik zeigt die Führung der Erzählung.
"Der neue Amadis" ist dasjenige von Wielands Werken, in welchem
der Erzähler am entschiedensten gegen die von Goethe geforderte Zu-
rückhaltung des epischen Rhapsoden verstößt. Das Sternisieren (d. h.
das humoristische Reflektieren des Erzählers über das Erzählte, die
Wendung an den Leser usw.) ist hier noch stärker als im "Idris", und
es kann deshalb so stark sein, weil, wie wir schon wissen, der Vorgang un-
wichtig geworden ist und selbst nur ein Flimmern, kein ruhiges plasti-
sches Bild ergeben soll. Die ironische Zwischenbemerkung kann die Er-
zählung geradezu ersetzen, so motiviert z. B. der Dichter die am Ende
des 8. Gesangs fällige Trennung Caramels von Dindonette, zu gefähr-
licher Stunde, mit der bloßen Bemerkung, ein Sylphe sei dazwischen
gekommen; aber er fügt hinzu:

"Ich sage mit gutem Bedacht, ein Sylphe, wiewohl er zuletzt


Ein Deus ex machina ist, so gut als irgendeia andrer,
Den Vater Homer in Bewegung gesetzt;
Denn daß (wie hier), ergriffen von Nacht und Wetter, ein Wandrer
Sein Pferd an einen Baum vor einer Höhle bind't,
Das Pferd sich losreißt, das Freie gewinnt,
Er nachläuft, jenes durchaus sich nicht will halten lassen,
Er, da er's beim fliegenden Zügel zu fassen
Vergebens getrachtet, ihm auf den Rücken voltigiert,
Und Reiter und Roß zuletzt den Weg verliert,

219
Das Märchen - Epyllion

Sind Dinge, die ohne Sylphen sich schon oft begaben;


Nichts kann natürlicher sein. Allein wenn alles das
Als wie gerufen kommt, just wenn wir's nötig haben,
Um eine Jungfernschaft, ein Leben oder so was
zu retten,- dies, liebe Parnassische Brüder,
Istunsern Statuten in jedem Fall zuwider,
Wo nicht (wie unserm Lykurgus beliebt)
Ein dignus vindice nodus dem Wunder Ansehn gibt;
Nur in der äußersten Not darf sich ein Dichter erlauben,
Durch solche heroische Mittel den Helden herauszuschrauben.

Wie sehr der Credit der Wunder in unsernTagen fallt,


So ist doch, um Dindonetten, das beste Mädchen der Welt,
Zu retten und rein von aller Makel
Einst unter die Haube zu bringen, beim Kastor! kein Mirakel,
Wozu der Dichter sich nicht verpflichtet hält!
Und wahrlich seit Pope in seiner geraubten Locke
Bei seiner Heidin Unterrocke
Nicht minder als funfzig Sylphen auf einmal angestellt,
Ist einer wohl nicht zu viel, um den von Dindonetten
Vor Caramels Platonismus- in einer Höhle zu retten."
Bemerkungen statt Erzählung, Pointen statt Motivierung, literarische
Anspielungen statt unmittelbar menschlichem Witz- bis in die Einzel-
heiten des Satzbaus hinein mit seinen Parenthesen, Interjektionen,
Anakoluthen, doppelten und dreifachen Hypotaxen, zeigt sich die hun-
dertfältige Kompliziertheit und Reflektiertheit dieses Stils. Wenn
Brinckmann in seiner "Kunst des Rokoko" die "komplizierte Raum-
bildung" der deutschen und gerade auch der oberschwäbischen Rokoko-
kunst aufweist, so fühlt man sichdaranbei Wielands "Neuem Amadis"
in jeder Beziehung erinnert, ob man nun an den Aufbau, an die Figuren-
gruppierung, an das Versmaß oder an die Syntax denkt. Man muß im
Ganzen des "Neuen Amadis" und in jedem einzelnen Satz "heillos auf-
passen", wenn man alles genau mitbekommen will. Die von Brinck-
mann zitierte Forderung Blondeis in der "Architecture Franc;oise",
"das Gedächtnis solle nicht verwirrt werden, sondern die Klarheit der
dekorativen Formen wohltätig empfinden und sie bewahren können",

220
"Der neue Amadis"

ist keineswegs verwirklicht: es herrscht keine französische Klarheit.


Aber hinter diesem seltsamen Rokoko steht nicht einfach der Biberacher
Kakodämon, sondern der oberschwäbische Rokokogeist, der, wenn ihm
schon kein klassischer Ausgleich gelingt, die Spannung von Ich und
Form, von Naturalismus und Idealismus lieber "bohrend" und, wenn
man will, eigensinnig aufrechterhält, als daß er sich zur flachen Harmoni-
sierung des Gleim- und Jacobikreises bereitfinden ließe. Wielands künf-
tiger Aufstieg zu klassischer Harmonie kündet sich eben in diesem
Durchhai ten der Spannung an. So darf der "Neue Amadis" in
Wahrheit als der "Halbbruder" Agathons gelten, als den ihn sein
Dichter ansah.
Wieland war recht ungehalten darüber, daß sein Werk in Frankreich
gröblich mißverstanden und mit dem alten Amadis zusammengebracht
wurde. Den merkwürdigen Titel veranlaßte Ansteys "The New Bath
Guide", eine Parodie des Führers durch den Badeort Bath, eine Gesell-
schaftssatire. Auch bei Wieland verbergen sich hinter den Rittern und
Prinzessinnen die Typen der Rokokogesellschaft, aber es wäre doch
falsch, wenn man sagte, die Wahl des Rittergewands wäre ohne Be-
deutung. Es gibt für Wieland, im Unterschied zum englischen Dichter,
keine konkrete Gesellschaft, die er treffen will. Er braucht die imaginäre
Welt, und dafür ist ihm bei einem solchen Spielwerk die Ritter- und
Zauberwelt am liebsten, weil sie als solche am wenigsten ernst genommen
werden muß. Die Gesellschaftssatire hat wie die literarische Parodie,
welche das Werk dem Titel nach ist, nur eine begrenzte Bedeutung,
denn Satire setzt einen sittlichen Hintergrund voraus, welchen das
Werk im Ernste nicht beanspruchen kann. Wenn Gruber, um den
"Neuen Amadis" sittlich zu rechtfertigen, behauptet, des Dichters Ab-
sicht sei "unverkennbar: zu zeigen, wie in einem schönen gebildeten
Jüngling eine innige Neigung zu einem körperlich häßlichen, aber an
Geist und Herz schönen Mädchen entsprossen könne"m, so geht er hier
bis in die Wortwahl hinein am Geiste des Werkes vorbei: Amadis ist
kein schöner und gebildeter Jüngling, sondern wie die andern Ritter
auch ein "Narr", ein Narr seiner Launen sowohl als des Schicksals.
Der Zufall läßt ihn ein häßliches Mädchen lieben und der Zufall läßt
daraus ein schönes Mädchen werden. So gut wie der Dichter ist die
Welt, welche er darstellt, vom Geiste "Capriccio" besessen. Indem nicht

22I
Das Märchen - Epyllion

nur einzelne Menschen Narren sind, sondern die ganze Welt närrisch er-
scheint, verliert die Gesellschaftssatire ihre Schärfe und wird zur bloßen
Schale eines Spiels von der allgemeinen Unzulänglichkeit der Welt.
Diese metaphysische Basis ist es, welche das Werk zu einemMarionetten-
macht. Fünf Ritter und fünf Prinzessinnen wirbeln wie auf
einem Maskenfest sich verliebend und sich entliehend durch die Welt,
um am Ende auf dem Schloß des Zauberers Tulpan, des verkörperten
Zufalls, zusammengebracht und im Augenblick von Amadis' Hochzeit
beliebig vermählt zu werden. Es kommt bei den Narren, welche die
Menschen sind, nicht so genau darauf an, denn was ist ihr Leben und
Wollen sonst als Spiel und Traum?
Es liegt eine tiefere Notwendigkeit darin, daß Wieland in Erfurt dieses
Kleinepos und nicht etwa die Erzählung "Psyche" vollendet hat, denn
der "Neue Amadis" faßte noch einmal in sehr persönlicher Form und
Spracheall das zusammen, was ihn an Shakespeares "Sommernachts-
traum", am kühnen Voltairianischen Rokoko Stadions und an Ariost
entzückt hatte. Mit dem niedlichen süßen Tändeln Gleims und Jacobis
war, wie wir auch im Biographischen sehen werden, für den Biberacher
Dichter kein echter Zusammenklang möglich. Sein Rokoko ist anderer
Natur: kühner, größer und, wenn auch manchmal in fragmentarischer
Form, wahrer. Durch den Sturm und Drang wurde es nicht überwunden;
es wurde ihm nur widersprochen. Ist es ein Zufall, daß Goethe in dem
Augenblick, da er von dem Sturm- und Dranggeiste den ersten Abstand
gewann, ein Gedicht mit dem Titel und Tone des "Neuen Amadis"
schrieb? (1774.) Das Kleinepos ist Wielands Abschied von der Rokoko-
versdichtung und für etliche Jahre von der epischen Versdichtung über-
haupt. Die sehr freie Rhythmik des "Neuen Amadis" und die Versprosa-
mischung der "Grazien" ist im Zusammenhang mit dem allgemeinen
Vordringen der Prosa, das den Sturm und Drang kennzeichnet, zu sehen.
Unter ihrer Herrschaft steht die Hauptmasse von Wielands Erfurter
Produktion, auch da, wo sie noch rokokohaft (nämlich Rokokophilo-
sophie) ist, durchaus. Denn es war nicht möglich, daß die formfeindliche
"realistische" Revolution des Sturm und Drang, welche damals ein-
setzte, spurlos an ihm vorüberging. Sie warf ihn in einen Umschmel-
zungsprozeß, dem erst nach Jahren im Geiste Weimars eine neue Vers-
erzählung und ein neues Epos entsprang.

222
V. DER AUSGRIFF IN DIE GESELLSCHAFT

(KURFÜRSTLICHER PROFESSOR IN ERFURT, PRIN-


ZENERZIEHER UND THEATERDICHTER IN WEIMAR,
LITERARISCHE WIRKUNG)

I. Rokokophilosophie

Der Begriff des "Gesellschaftsschriftstellers", den man seit Gruber gerne


aufWieland anwendet, ist zum mindesten mißverständlich. Gerade seine
fruchtbarsten dichterischen Perioden verbringt er in großer Einsamkeit.
Das war schon in Tübingen so, das ist nach der Selbstentfremdung der
Schweizerzeit und nach den Zerstreuungen der ersten Biberacher Jahre
wieder so, das wird nach der Beendigung des Erzieheramtesam Weimarer
Hofe, in der Oberon-Zeit, so sein, und noch zur Einbringung seiner
späten Lebensernte zieht er sich in die Idylle von Oßmannstedt zurück.
Perioden der schöpferischen Konzentration, der gesellschaftlichen
Resignation wechseln rhythmisch mit solchen des gesellschaftlichen
Ehrgeizes, des literarischen Betriebs, und diese gefährden allemal seinen
dichterischen Kern. Die Zeit seiner Professur und seines aktiven Hof-
dienstes ist die Epoche seines größten gesellschaftlichen Erfolges und
seines beinahe unbestrittenen Ruhmes als "großer Dichter". Nach einem
strengen menschlichen und dichterischen Maßstab aber ist es eine wenig
erfreuliche Periode, und es wird sich zeigen, daß der Dichter, wie einst
zur Zeit der Literaturbriefe, der Züchtigung und Läuterung bedurfte,
um wieder ganz er selbst und zu großen Dichtungen fähig zu werden.
Eine neue Umwelt wirft ihn stets in einen Wirbel neuer Pläne und Ten-
denzen, und wenn es auch später nicht mehr zu einer solchen Selbstpreis-
gabe wie unter dem Einfluß Bodmers kommt, so ist der Einschnitt doch
immer deutlich fühlbar. Auch die Kontinuität zwischen Biberach und
Erfurt, die in Wielands Märchenepyllien zu finden war und in dem fort-
dauernden Hintergrund der Mainzer Rokokokultur sich begründet,
findet insofern eine Einschränkung, als vom "Neuen Amadis" offenbar
schon in Biberach ein größerer Teil vollendet wurde und der Erfurter

223
Rokokophilosophie

Wieland auf eine rasche Folge seiner Publikationen viel zu sehr be-
dacht war, als daß er das Werk unvollendet liegen lassen konnte. Es
scheint Mut zu verraten, daß der vielumstrittene Professor überhaupt
ein solches Werk veröffentlichte. Man stelle sich die Mienen der zünf-
tigen Kollegen, insbesondere der Theologen, welche in Erfurt sehr ein-
flußreich waren, vor. DerUntergang der Universität und damit der Welt
konnte nicht mehr ferne sein, wenn der Verfasser von solchem Narren-
zeug professor primarius philosophiae blieb. Aber einmal war Wielands
Stellung von der Zustimmung der Universitätskreise nicht abhängig,
zum andern hat er die Vollendung und Publikation des "Neuen Amadis"
erst gewagt, als er des akademischen Berufs bereits müde zu werden und
sich nach einer anderen Lebensstellung umzusehen begann. In seiner
späteren Erfurter Zeit befaßten sich sogar seine Vorlesungen mit dich-
terischen Gegenständen, mit Horaz, mit dem, was man später Welt-
literatur nannte, oder wenigstens mit allgemeiner Ästhetik. 1 Zunächst
aber, nach seiner Ankunft in Erfurt, wurde mit einem plötzlichen Ruck
die gesamte Produktion auf "Philosophie" umgestellt und der "Neue
Amadis" beiseite geschoben: "il restera dans mon pupitre jusqu'a ce
que le premier Tome d'une Histoire de !'Esprit Humain, que je me
propose d'ecrire et que je dedierai a l'electeur, aura vu le jour." 8 Ein
bürgerlicher Beruf, der geistige Produktivität verlangt, ist für einen
Dichter gewagter als jeder andere; entsprechend ist in Erfurt und in der
ersten Weimarer Zeit Wielands eigentliche dichterische Produktion
mehr gehemmt als in Biberach, wo keine berufliche Nötigung zum
Publizieren bestand.
Freilich verrät die höfische Adresse der hier genannten Publikation, der
Kurfürst von Mainz, daß ein soziologischer Unterschied zwischen Wie-
lands poetischer und philosophischer Produktion nicht gemacht werden
kann und daher auch, in diesem Augenblick, keine entscheidende Ver-
änderung in Stil und Weltanschauung zu erwarten ist. Wieland nimmt
zwar gelegentlich eine professorale Miene an, er bemüht sich im gelehrten
und theologischen Sinne um größere Positivität: er breitet die Fülle
seiner Belesenheit aus und läßt seine Skepsis minder deutlich hervor-
treten. Aber er ist weit davon entfernt, mit den Schulphilosophen zu
konkurrieren. Die beiden Prosaschriften des Jahres 1770 sind Ge-
schwister des "Neuen Amadis", der sie seiner Entstehungszeit nach

224
"Diogenes von Sinope"

umschließt, und es wäre ohne Zwang möglich gewesen, sie schon im


letzten Kapitel zu behandeln. Es geht auch hier um Rokokoliteratur
in einem ziemlich strengen Sinn, um Rokokophilosophie mit erheblichen
dichterischen Elementen. Wieland ist im Ernste weder gewillt noch be-
fähigt, förmliche Abhandlungen oder geschichtsphilosophische Darstel-
lungen zu schreiben, wie es die oben zitierte Äußerung verspricht. Es
sind nur einzelne Gedanken, die er in immer neuen Ansätzen umkreist,
diskutiert und in reizvollen Einkleidungen darstellt. Die Rokoko-
Kleinform herrscht auch hier, und zwar nicht nur aus Berechnung, weil
etwa der erfahrene Autor seinen Leser nicht ermüden will, sondern aus
innerer Notwendigkeit. Er plaudert nicht, weil er popularisieren und
unterhalten will, sondern weil er nichts zu sagen hat, was sich in einer
strengen Gedankenführung auf den Begriff bringen ließe. Das An tippen
und Liegenlassen, die schwebende Behandlung der Probleme, ent-
springt seinem Temperament und seinem innersten Verhältnis zur
Philosophie, seiner erkenntnistheoretischen Resignation, seiner Skepsis.
Darum aber sind diese frühen Erfurter Schriften auch echt, echter als
der vielgenannte "Goldene Spiegel", und haben einen persönlichen
Zauber, der sie neben die besten Produktionen des Dichters stellt.
Dies gilt besonders von dem Werk, das Wieland gleich in den ersten
Erfurter Monaten, da er von den Forderungen seinerneuen Umgebung
noch wenig berührt war, niederschrieb: oder die
Dialogen des Diogenes von Sinope" (1770). Der spätere Titel
hieß "Nachlaß des Diogenes von Sinope", weil die Bezeichnung
"Dialoge" nicht ganz zutrifft und weil wohl auch das Wort vom när-
rischen Sokrates nicht allgemein verstanden wurde.
Wir wissen schon, daß sich der Biberacher Wieland gelegentlich zum
Kynismus bekannt hatte, weil er nach seiner scherzhaften Bemerkung
für die Lehre der Epikuräer zu arm und für die Lehre der Stoiker zu
jung war. Sein "Diogenes" ist ein Niederschlag des Unabhängigkeits-
willens, den er in der späteren. Biberacher Zeit besonders hartnäckig
durchgesetzt hatte, der ihn aber schon von Jugend an immer erneut
beseelt hatte. "Ich gestehe also", so sagt Wielands Diogenes, "daß ich
vor vielen Jahren ausdrücklich darauf studiert habe, wie ich mich so
unabhängig machen könnte, als möglich wäre. Ich fand, daß dies unter
gewissen Bedingungen möglich sei und daß diese Bedingungen in

Sengle, Wieland 15 225


Rokokophilosophie

meiner Gewalt lägen" (3. Kap.). Derjenige ist frei, der nichts von der
Gesellschaft fordert. Wer kein Amt will, wer keinen Geldbesitz hat,
wer auf Haus und Familie verzichtet, wer sich von Wurzeln nährt und
in einer Tonne schläft, kann keine Feinde und Sorgen haben. "Es ist
eine vortrdfliche Sache, keine Bedürfnise zu haben, oder, wenn
man nun einmal nicht umhin kann einige zu haben, dochnicht mehr
zu haben, als man schlechterdings haben muß, und sich so wenig
damit zu tun zu machen, als nur möglich ist." Da die Begriffe vom
Rokokogeist sehr oberflächlich zu sein pflegen, muß ausdrücklich fest-
gestellt werden, daß Wielands "Diogenes" ein Ideal und nicht, wie
man schon meinte, eine Karikatur ist. Das Sonderlingswesen des Zy-
nikers wird nicht etwa durch Übertreibung lächerlich, sondern durch
Abschwächung verständlich und anziehend gemacht. Das Buch ist ein
Nachhall von Wielands rousseauistischen Tendenzen in Biberach, und
es bezeichnet überhaupt das "Gesetz wonach er angetreten" sehr tief,
wenn er mit einem solchen Programm seinen Ausgriff in die Gesellschaft
beginnt. Die Sorgfalt, die er dem Ausbau seiner gesellschaftlichen
Stellung angedeihen läßt, hindert ihn zunächst nicht, in einer prin-
zipiellen Distanz zur Gesellschaft zu bleiben. Sein praktisches Ver-
halten ist von den konkreten Gegebenheiten seiner Lage bestimmt und
daher nicht frei von Berechnung und verwegener Taktik. Eigentlich
aber, das will er mit dem Bilde des antiken Philosophen sagen, sollte
man wie Diagenes leben. Wenn er selbst schon zu tief in die Gesellschaft
verstrickt ist, so ändert das nichts an der Gültigkeit jener idealen Forde-
rungen. Seinem jungen Erfurter Freunde Riede! rät er, keine Ehe ein-
zugehen, um unabhängig bleiben zu können. Im nächsten philoso-
phischen Werk heißt es recht vorsichtig: "Unstreitig gibt es ein-
zelne Menschen, welche wohl daran tun, wenn sie wie Diagenes und
Epiktet leben lernen", und diese Einzelnen werden ausdrücklich als
"bloße Ausnahmen" bezeichnet. Im "Diogenes" aber ist, wie dann wieder
in den "Abderiten", der sogenannte Sonderling der eigentliche Weise,
und die Gesellschaft, welche ihn für närrisch er klärt, die wahre Welt der
Narren. Der Weise "muß sich die Freiheit, ihrer ungestört zu genießen,
durch einige wirkliche oder vermeinte Torheiten erkaufen, mit denen
er gleichsam den allgemeinen Genius der Torbei t dieser subluna-
rischen Welt versöhnt und den übrigen Toren das Recht gibt, s:ich über

226
"Diogenes von Sinope"

ihn lustig zu machen." Es herrscht letzten Endes noch die spätmittel-


alterliche Vorstellung von der irdischen Welt als einem einzigen Narren-
theater, die wir schon im "Neuen Amadis" kennengelernt haben; aber
hier wird die Möglichkeit, welche dem einzelnen Menschen inmitten der
allgemeinen Torheit geblieben ist, stärker betont. Wiederum, wie in
"Agathon" und "Musarion", ist dem Dichter eine Gestalt und Lebens-
form der nachklassischenAntike zum ernsten Symbol geworden, wieder-
um zeigt sich, wie Wielands Werk trotz aller rokokohaften Überfor-
mung in seinem Kern zu einer Schicht hinabreicht, die ihn mit früheren
und späteren Erscheinungsformen des Humanismus eng verbindet und
ihn daher größer macht als die anderen Rokokodichter.
Von dem praktischen Reformeifer und dem gesellschaftlichen Optimis-
mus der eigentlichen Aufklärung ist im "Diogenes" wenig zu spüren.
Zwar werden aus der vorbildlichen Erscheinung des Diogenes einige
Konsequenzen für die Gesellschaft gezogen. Wer nicht so dürftig
leben will wie Diogenes, wer von der Gesellschaft etwas fordert, muß
auch etwas für sie leisten. Arbeitsloses Einkommen verstößt gegen das
Naturrecht, und die Reichen dürfen sich nicht wundern, wenn die von
ihnen ausgebeutete Majorität sich eines Tages gegen sie erhebt und eine
"neue Teilung" erzwingt. Die gegenwärtigen Gesetze schützen den Be-
sitz, aber "sobald der Staat ein Ende hat, fängt der Stand der Natur
wieder an". Scharfe 'Worte fallen gegen die Drohne, "welche den besten
Teil des Honigs, den die arbeitenden Bienen mühsam zusammentragen,
verzehrt, ohne etwas anderes dafür zu tun, als dem Staat junge Ein-
wohner zu verschaffen". Diogenes fühlt, was aus der Pflichtvergessen-
heit der Reichen und Mächtigen folgen wird, aber es ist nicht seine
Sache, wie Plato von einem neuen Staat zu phantasieren. Er ist, wie
Demokrit in den "Abderiten", ein erklärter Weltbürger. Er lehnt es
ausdrücklich ab, eine "Republik" zu verfassen, und als es am Ende
doch geschieht, da ist es die Parodie eines Gesellschaftsprogramms. Hun-
derttausend Mädchen, stark, blond, blauäugig, werden mit ebensoviel
Burschen zusammengebracht und gebären ein neues ideales Naturvolk;
aber es genügt ein einziger Athener, um dies Völklein wieder zur Kultur
zu verführen. Eine solche ideale Republik,so lautet die Pointe, muß un-
sichtbar bleiben, damit sie niemand findet, und der bedeutungsvolle
Schlußsatz heißt: "Sie werden sie in Ewigkeit nicht finden."

227
Rokokophilosophie

Das Wissen um die Verderbtheit der Staaten, Klassen und Parteien bei
gleichzeitiger Skepsis gegenüber idealistischen Reformplänen ist die
Grundlage des Weltbürgertums, zu dem sich Diogenes bekennt. Wie-
lands Kosmopolit läßt sich, wie Lessings idealer Maurer, "nicht in die
Leidenschaften und Absichten einer besonderen Gesellschaft einflech-
ten", und daher ist er ihnen allen nützlich. Diogenes lebt nicht in fin-
sterer Isolierung. Er sagt die Wahrheit jedem, der ihn hören will, sogar
dem großen Alexander. Auch den Verkehr mit den Frauen verschmäht
er nicht; die Sehnsucht mit Glycerion auf einem kleinen Meierhof zu
leben, überkommt ihn einmal, ja er, der bekennt, das Glück und er
hätten nichts mehr miteinander zu schaffen, findet begeisterte Worte
für den Preis der Freude. Er lehnt das Vergnügen keineswegs grund-
sätzlich ab, er will es nur nicht mit Unfreiheit erkaufen, und tiefere
Freude ist auch dem Armen vergönnt. Das Ideal einer fröhlichen Armut
wird in dem Buche als tief erlebt spürbar, es ist von dem Vater einer
zahlreichen Familie auch praktisch in langen Jahren bewährt worden.
Niemals lebte unser Dichter ganz sorglos, niemals war ihm die im
18. Jahrhundert übliche Bildungsreise vergönnt, auch sein letzter Traum
vom Glück, die Idylle Oßmannstedt, zerrann ihm nach kurzer Zeit.
Und doch blieb er immer der heitere Wieland. So gewinnt die Diagenes-
figur für ihn urbildliehe Bedeutung. Übrigens, das sei nur noch ange-
deutet, nicht nur im ökonomischen, sondern auch im weltanschau-
lichen Sinn. Auch hier gilt ja, wie es uns "Musarion" verriet, das Ideal
einer fröhlichen Armut: Von den letzten Dingen nichts zu wissen und
doch heiter zu sein. Es gibt nur wenige Werke Wielands, die man nicht
entbehren könnte, aber mir will scheinen, daß der "Nachlaß des Dioge-
nes von Sinope" zu ihnen gehört.
In Deutschland fand das Werk nach einem großen, aber oberflächlichen
Modeerfolg nicht mehr viel Beachtung; Loebell z. B. begnügt sich da-
mit, die Diagenesgestalt nach ihrer historischen Richtigkeit zu beur-
teilen.3 In Frankreich scheint die Wirkung dauerhafter gewesen zu
sein. 4 Wieland selbst sagte im Alter: "Dieser Diogenes ist eines meiner
besten Produkte. Ich weiß nicht, ob ich ein besseres in Prosa geliefert
habe." 5
"Die Geschichte des menschlichen Geistes", welche der Erfurter Pro-
fessor seinem Kurfürsten widmen wollte, wurde nicht geschrieben. Sie

215
Geschichtsphilosophie

war zwar das Thema seiner ersten Vorlesung, aber Wieland sprach nur
auf Grund von wenigen Notizen, die nicht erhalten sind. Eigentlich
sollten Iselins "Philosophische Mutmaßungen über die Geschichte der
Menschheit" (1764) Gegenstand der Vorlesung sein. Dies Buch hatte
Wieland schon bei seinem Erscheinen im Austausch gegen den "Don
Sylvio" vom Verfasser, seinem alten Schweizer Bekannten, erhalten,
aber er war sogleich von seinem moralisierenden Geiste abgestoßen
worden und hatte es, wie damals so vieles, wieder beiseite gelegt.s Jetzt
mußte er sich, schon von Berufs wegen, eingehender mit der Aufklä-
rungsphilosophie befassen, auch mit Autoren, die ihn nicht so sehr
interessierten. Im Zentrum dieser Philosophie stand etwa seit der Jahr-
hundertmitte der Mensch 7 und nicht zuletzt auch die menschliche Ge-
schichte. Herder, dessen Leistung auf diesem Gebiet so große Beachtung
gewonnen hat, ist ja nur die Krönung einer jahrzehntelangen gesamt-
europäischen Entwicklung.
Wieland hatte bisher keine ausgeprägten historischen Interessen ent-
wickelt, und niemals ist ihm die Geschichte ganz zum Selbstzweck ge-
worden, denn obwohl er den Wechsel aller Dinge sehr deutlich er-
kannte, so war ihm dies doch mehr eine Mahnung, die alte, dauernde
Weisheit der Menschheit in allgemeiner einfacher Form zu bekennen,
als den Besonderheiten in der Geschichte enthusiastisch nachzujagen.
Wie er in der Gegenwart die extremen Moden zu vermeiden versuchte,
so schien ihm auch das Hin und Her der Geschichte mehr närrisch als
sinnvoll zu sein. Seine starke Hinneigung zum Altertum und zur fran-
zösischen Kultur begründet sich nicht zuletzt darin, daß er dem stati-
schen, überhistorischen Denken der älteren Zeit treu blieb, ohne die
Tatsächlichkeit der Entwicklung zu leugnen oder zu geschichtsphilo-
sophischen Konstruktionen seine Zuflucht zu nehmen. Er konnte keine
(philosophische) Geschichte der Menschheit schreiben; dazu fehlte es
ihm nicht nur an dem umfassenden historischen Wissen, sondern vor
allem auch an den konstruktiven Ideen eines Herder. Er konnte nur
eine Kritik an dem berühmtesten geschichtsphilosophischen Denker
der Zeit geben, um seinen eigenen Standpunkt indirekt und ungefähr
zu bezeichnen.
Man hat längst bemerkt, daß Wielands Rousseau-Kritik von ganz
anderer Natur ist als die Voltaires. Der Erfurter Philosoph ist kein ab-

229
Rokokophilosophie

soluter Gegner von Rousseaus gesamter Gedankenwelt wie der Philo-


soph des französischen Rokoko. Der Angriff auf Rousseau ist mehr
Vorwand als Ziel 8, ein Mittel, um ins Gespräch zu kommen und um ein
Gefühl für das Unzulängliche aller philosophischen Systeme auszu-
drücken. Auch die Geschichte der Philosophie ist für ihn ein Narren-
tanz, und Rousseau erscheint als ein sehr geeigneter Vertreter, um dies
zu zeigen. Prinzipiell könnte das Ziel seines Spottes auch ein anderer,
z. B. Iselin sein. Wieland befindet sich auch zu ihm im Widerspruch,
denn er teilt seinen Vernunftoptimismus, seinen Glauben an den Fort-
schritt der Menschheit keineswegs unbedingt. Der entgegengesetzte
Standpunkt Rousseaus, seine Verherrlichung des etat primitif, fordert
freilich, bei allen Diogenessehnsüchten, die Kritik des realistischen
Menschenkenners noch stärker heraus, und er erfreut, indem er ihr
witzig Ausdruck gibt, die zeitgenössische Gesellschaft, welche von
Rousseau bekämpft, von Wieland aber, auch wo er sie umgeht und
verspottet, als ein Gegebenes, als ein notwendiges Übel hingenommen
wird. Der ganze Stil des Philosophen Rousseau, sein Pathos, seine
Moral, seine Unerbittlichkeit reizt den Dichter des "Neuen Amadis"
zum Lachen, und er bedient sich der übertreibenden Berichterstattung,
um ihn auch andern lächerlich zu machen. Während Rousseau im
"Emile" den Menschen als von Natur gesellig bezeichnet und im "Con-
trat social" die Familie als Urform der politischen Gesellschaft rühmt,
bleibt Wielands Blick einseitig an seinen frühen Schriften hängen;
er macht den Naturmenschen des Genfer Philosophen zu einem
rohen, eichelnfressenden, ungeselligen Tier und diese Karikatur zeigt
er in immer neuen Einkleidungen herum. Der Titel dieser Rous-
seau-Kritik heißt "Bei träge zur geheimen Geschichte der
Menschheit" (177o); er bezeichnet schon das Zufällige und Frag-
mentarische des Werkes. Den Anfang und das Ende bildet je eine
satirische Geschichte; in der Mitte stehen drei Aufsätze, denen später
ein vierter beigefügt wurde, alles in allem keine geschlossene Abhand-
lung, sondern eine notdürftig abgerundete Sammlung einzelner Skiz-
zen und Essays, eine Vorform von Wielands Zeitschrift "Der teutsche
Merkur".
Das einleitende Stück "Koxkox und Kikequetzel, eine mexikanische
Geschichte" gibt in pikanter Weise ein Bild der polygamen Horde, wel-

229
Rousseau

ehe mit Vergnügen als Urform der menschlichen Gesellschaft geschildert,


dann aber mit plötzlich erhobenem Zeigefinger als kulturlos dargetan
wird, denn alle Künste und edeln Beschäftigungen gedeihen nur durch
Liebe und sie führt notwendigerweise zur Einehe und zur Familie. Die
Moral von der Geschieht: "Die Menschen sind nicht dazu gemacht,
Kinder zu bleiben." Aggressiver ist die Geschichte am Ende des Buches,
"Die Reise des Priesters Abulfauaris" mit den anschließenden "Be-
kenntnissen des Priesters Abulfauaris". Ein idyllisch und glücklich
lebendes Naturvolk in Afrika wird im Nu von der Zivilisation erobert,
als es mit den Ägyptern in Berührung kommt. Eine große und nicht
ganz selbstlose Rolle spielt bei dieser Entwicklung ein hoher ägypti-
scher Priester: er fürchtet am Ende seines Lebens selbst, durch die
Missionierung des Negerstamms mehr verdorben als gebessert zu haben.
Von ferne leuchtet Griechenland als die ideale Mitte zwischen der Neger-
freiheit und der politisch-religiösen Sklaverei Ägyptens. Aber, das läßt
der Dichter durchfühlen, wir sind in Ägypten, und es besteht wenig
Aussicht, die Herrschaft Pharaos und seiner Priester verschwinden zu
sehen.
Deutlicher und unter direkter Nennung des Namens wenden sich die
vier Stücke, welche in der Mitte stehen, gegen Rousseaus Naturevange-
lium. Die ausgeglichenste, zugleich abschließende Auseinandersetzung
mit ihm enthält der nachträglich eingefügte Aufsatz "Über die vor-
gebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts" (1 777).
Wir verlassen, indem wir seine Gedanken wiedergeben, die launische
Rokokophilosophie des Erfurter Professors und atmen die klassische
Ruhe dessen, der nicht nur den Genfer Philosophen, sondern auch schon
das Natur- und Urgeschrei des Sturm und Drang überwunden hat.
Wieland gibt zu, daß in der Frühzeit die Menschen größer waren, stärker
und heldischer. Es gibt eine Abnahme des Menschengeschlechts, aber
nur in bestimmten Völkern und Kulturkreisen. Einst waren die Römer
das überkultivierte Volk, jetzt sind es die Europäer im Ganzen. Dafür
ist sonst irgendwo auf der Erde J ugendzei t, Heldenzei t. Es besteht eine
"kreisförmige Bewegung" in der Geschichte, vielleicht, da es doch nicht
einfach eine Wiederkehr des Früheren geben kann, eine "Spirallinie";
doch ist es nicht gut, an solche Geheimnisse der Natur zu rühren. Nicht
nur im Inhalt, sondern auch in der Methode des Denkens, im ständigen

229
Rokokophilosophie

Gefühl für die Grenzen der Erkenntnis berührt sich unser Dichter hier
deutlich mit dem reifen Goethe. Wieland ist dem jüngeren Dichter mit
seinemMißtrauen gegenüber philosophischen Spekulationen, mit seinem
Ideal erkenntnistheoretischer Entsagung vorangegangen; nur gewinnt
dieses Maßhalten bei dem Musarion-Dichter frühzeitig biedermeierliche
Züge, den Charakter einer frohen, fast behaglichen Beschränkung ins
Nicht-Wissen; es fehlt der Gegenpol des faustischen Alles-Wissen und
Alles-Haben-Wollens.
Wenn die Natur, die unmittelbare Kraft und Freiheit jugendlicher Kul-
turstufen verloren gegangen ist, hat es keinen Sinn, sich aufzublasen
und zu tun, als ob man mit einem Federstrich die Künstelei auslöschen
könnte. Das bleibt alles Schein und macht die Situation nur noch
ernster: "Die Prätension an Genie, Größe, Stärke, Kühnheit und Frei-
heit läuft gegenwärtig wie eine große Epidemie durch halb Europa."
Die wirkliche Größe und Tapferkeit ist bescheiden, Herkules spricht'
nicht von seinen Schultern und Armen. Wer des Klapperns, der leeren
Worte, die man allenthalben hört, überdrüssig ist, wird dazu kommen,
"auf die nächsten Mittel zu denken, wie er's (wenigstens für seine
Person) zu machen hätte, um das Bißehen Menschensinn und Men-
schenkraft und Freude an seinen Mitgeschöpfen und sich selbst
und Glauben und Liebe, Wahrheit und Treue, womit ihn Gott
in die Welt ausgesteuert, so viel er noch davon übrig hätte, aus diesem
großen Getümmel, Zusammenlaufund Jahrmarkte der Weltglücklich
da von zu bringen und in der Stille eines häuslichen Lebens zu seinem
und der Seinigen Nutzen und Frommen anzulegen:- das wäre denn
auch so übel nicht!" Die frühe Stufe der Naturhaftigkeit, des Götter-
glaubens und der Heroen mag ehrwürdig sein, aber es gibt für jedes
Volk eine zweite Stufe, die man nicht verachten sollte: den Zeitpunkt,
"wo es Künstler hat, die den Geist der heiligen Götter empfangen
haben, um die Bilder der großen Menschen, die nicht mehr sind,
aus Marmor und Elfenbein zu schnitzen und den Göttern, an die man
nicht mehr glaubt, schöne Tempel aufzubauen und die Taten der
Helden,die Niemand mehr tun kannoder, wennerkönnte, nicht
tun darf. .. vorzustellen". Von solchen Worten führt eine Linie zur
"Iphigenie", zu Schiller, zu Hölderlin. Wieland baut, während in Frank-
reich die Jünger Rousseaus schon den Brand der großen Revolution

232
Wert der Spätkulturen

zu entfachen beginnen, am zerbrechlich-schönen Tempel der letzten


Klassik Alteuropas.
Sehen wir von diesem späteren Aufsatz im Geiste Weimars ab, so
fällt auf, daß die Produktionen "Diogenes", "Beiträge" und der
später zu behandelnde "Goldene Spiegel" eine sinkende Linie dar-
stellen, insofern sich der Erfurter Professor mit jedem Werke
stärker den Forderungen der Gesellschaft beugt und sich weiter von
seinem Kern entfernt. Er tut sich Gewalt an, um Ruhm und gesell-
schaftliche Stellung zu wahren oder womöglich noch zu erhöhen. Die
Folge davon sind Überarbeitung und Anfälle von Lebensüberdruß. Nach
zwei Erfurter Jahren schreibt er an die alte Freundin Sophie: "Je vous
avoue au reste, chere amie, que je suis souverainement degoute du
metier d'auteur, et que la dure necessite ou je suis de me faire imprimer
toutes les annees, me peine quelquefois jusqu'ä. me rendre la vie in-
supportable."9 Recht dunkel sieht es in ihm aus, aber selbst die äußere
Wirkung seiner Arbeiten ist zwiespältig. Die Öffentlichkeit jubelt ihm
zwar begeistert zu. Der "Diogenes" wird nicht nur von Sophie wie der
"Messias" erwartet 10, - er liegt auf allen Toilettentischen der Berliner
Damen11, und die Kunstrichter und Zeitungsschreiber rühmen ihn.
Auch die "Beiträge" haben Erfolg, sogar, wie es scheint, in literarisch
entlegenen Gegenden, denn in einem Brief des Schwaben G. D. Hart-
mann an Bodmeraus dem Jahre 1773 lesen wir: "Dem Rousseau hat
es viel geschadet, daß Wieland wider ihn ist."12 Aber seiner Stellung
an der Universität kommt die Rokokophilosophie keineswegs zugute;
er sieht selbst ein, daß man nicht Philosophieprofessor zu sein braucht,
um sie zu schreiben.l3 Dennoch ist es ihm innerlich unmöglich, irgendein
zünftiges Werk, etwa die "Geschichte der sokratischen Schule", die
er eine Zeitlang plante, zu verfertigen. Nicht nur der Gelehrte und der
Dichter, sondern schon der Philosophieprofessor und der philosophische
Schriftsteller, so wie ihn Wieland darstellen kann, geraten in Konflikt
miteinander; und diese literarischen Sorgen sind nicht die einzigen Er-
furter Leiden. Es gibt noch lästigere, denn Wieland, der von der Freiheit
des Diogenes träumte, ist in Erfurt, noch mehr als in Biberach, ein
Objekt der Politik geworden.

233
2. Berufliche Stellung in Erfurt

Wer die geschichtlichen Verhältnisse nicht kennt und von der Gestalt
der modernen Kirche ausgeht, wird sich wundern, daß der protestan-
tische Pfarrerssohn, der Schüler Voltaires, der Kritiker der Priester-
herrschaft, jemals Professor im Bereich des geistlichen Kurfür-
stentums Mainz werden konnte. Aber die Kirche vor der Säkulari-
sation war noch nicht so streng in sich abgeschlossen wie die spätere.
Während bei der heutigen Kirche wie auch auf anderen Kulturgebieten
in jedem Augenblick die Gefahr eines autoritären Formalismus droht
(Unfehlbarkeitsdogma), stand sie im 18. Jahrhundert noch in einem
solchen Maße der Kritik und dem Reformwillen, freilich auch der Will-
kür der Neuerer offen, daß ein Erzbischof Ideen vertreten konnte, die
im Grunde den gesamten Bestand der kirchlichen Tradition aufs Spiel
setzten und sich nicht allzuweit von denen Wielands entfernten.
Dies war der Fall bei Wielands neuem Landesherrn, dem Kurfürsten
und Erzbischof Emmerich Joseph von Mainz (r763-74). Unter seiner
Regierung kulminierten die Aufklärungstendenzen, denen Graf Stadion
unter seinen Vorgängern Bahn gebrochen hatte, und sie vereinigten sich
mit dem umfassenderen kulturpolitischen Projekte, das an den Namen
Josephs li. geknüpft ist. Man muß, um die Atmosphäre in Erfurt richtig
zu verstehen, all das vergessen, was man von der Scheinexistenz des
Heiligen Römischen Reiches gehört hat. In diesen geistlichen Territorien
lebt es noch wirklich, und zwar nicht nur im kulturellen undjuristischen
Sinn, sondern noch viel konkreter: auf der halbzerstörten Zitadelle von
Erfurt befindet sich außer dem Benediktinerkloster eine Österreichische
Garnison. Das KurfürstentumMainz ist selbst mehr Objekt als Subjekt
der Politik, und das Aufregende von Wielands Erfurter Zeit liegt darin,
daß der Dichter in eine politische Krisenzeit hineingestellt ist, die ihm
in jedem Augenblick die glänzendste Laufbahn oder die schmählichste
Erniedrigung bringen kann,- bis hinab zu Kerker und Tod; die alten
Atheistengesetze finden noch immer ihre Opfer.
Im Jahre 1764 war in Frankfurt am Main Joseph II. vom Kurfürsten
Emmerich Joseph, als dem ersten Beamten des Heiligen Römischen
Reiches, zum Kaiser gekrönt worden. Den größten Eindruck dabei

234
Mainzer Reformpläne

hatte aufden 15jährigen Goethe, welcher den Feierlichkeiten zusah, der


Mainzer Oberhofmeister gemacht: der Freiherr von Groschlag, welcher
für Wielands Berufung verantwortlich zeichnete. Während Österreich
noch tief im Barock steckte und die Aufklärung infolge der Doppel-
regierung Josephs und Maria Theresia's nur zögernde Fortschritte
machte, entwickelten die Reformer am Rhein früh eine lebhafte poli-
tische Aktivität. Schon vor der Krönung (1763) hatte derTrierer Weih-
bischof Johann Nikolaus von Hontheim, der berühmte Febronius, ein
Buch "De statu ecclesiae et legitima potestate Romani Pontificis" ver-
faßt, in welchem der Autoritätsanspruch des Papstes und die Mönchs-
orden, auf die sich Rom stützte, leidenschaftlich angegriffen und damit
für das josephinische Deutschland ein gallikanisches Programm aufge-
stellt worden war. Der Frankfurter Dechant Dumeitz, Wielands und
Goethes späterer Freund, hatte für die Drucklegung gesorgt und Em-
merich Joseph hatte sich zu der Schrift bekannt, obwohl sie von dem
Papst sofort auf den Index gesetzt worden war. Auch von Warthausen
war, wie es scheint, Febronius unterstützt worden, denn Wieland ließ
in 250 Exemplaren einen "Brief an Febronius" drucken, der nicht er-
halten ist, aber höchstwahrscheinlich Stadions und La Roches Zustim-
mung zu dem neuen Programm enthielt. 14
Die aufgeklärten Katholiken konnten sich auf eine Tatsache berufen,
die sehr bedenklich und nicht länger zu übersehen war. Während im
protestantischen Norddeutschland Philosophie und Dichtung immer
eifriger gepflegt wurden, hatte man im katholischen Süd- und West-
deutschland noch kaum die Stufe Gottsehecis erreicht. Als der im Zuge
der Reformen 1765 nach Mainz berufene Professor elegantiorum lit-
terarum J. H. Faber, ein Gellert-Schüler und Konvertit, es wagte, am
gleichen Ort ein ästhetisches Lehrbuch drucken zu lassen, wurde sein
Lob in Klotzens "Bibliothek der schönen Wissenschaften" mit folgen-
den Worten eingeleitet: "Weder der Verfasser dieses Buches noch seine
Leser werden es uns verdenken, wenn wir gestehen, daß wir beim ersten
Anblick eines zu Mainz erschienenen Werks über die schönen Wissen-
schaften ziemlich mißtrauisch waren, und es beynahe nicht gelesen
hätten, wenn wir nicht gewissen Vorurteilen auf einige Zeit entsaget
hätten. Wie? dachten wir, ein großes dickes Buch über die schönen
Wissenschaften aus einer Gegend, deren Bewohner und Nachbarn kaum

235
Berufliche Stellung in Erfurt

wissen, ob auch Deutschland Klopstocke und Utze besitze?" Es herr-


schen am Rhein ähnliche Verhältnisse, wie wir sie am Neckar kennen-
gelernt haben, und die Mainzer Reformer, z. B. Steigentesch in seiner
Wochenschrift "Der Bürger", behaupteten mit Recht, daß nicht der
Katholizismus als solcher, aber die derzeitige kirchliche und politische
Verfassung, vor allem das Überwiegen und der Mißbrauch geistlicher
Herrschaft eine geistige Blüte in manchen deutschen Landschaften ver-
hindere. Gerade das Schicksal des erwähntenMainzer Ästhetikers Faber
deutet darauf hin, daß es für "schöne Geister" ganz einfach keinen
Lebensboden gab. Er erhielt keine Besoldung, und als er zum Buch-
handel Zuflucht nahm, wurde ihm auch diese Unterhaltsquelle vom
akademischen Senat gesperrt, so daß er seinen Lehrstuhl aufgeben
mußte. 15
Während sich in solcher und ähnlicher Weise auf der UniversitätMainz
die theologisch-konservative Richtung durch die ganze Reformperiode,
bis zum Wiedereinsetzen der Reaktion unter Emmerich Josephs
Nachfolger, behauptete, wurde mit der zweiten kurmainzischen Univer-
sität Erfurt ein Experiment gemacht, das von Groschlag und seinen Ge-
hilfen vielleicht gut gemeint war, aber dem historischen Betrachter
doch als ziemlich dilettantisch erscheinen muß oder wenigstens als
launisch und paradox wie diese späte Rokokokultur überhaupt: die
Zeit war auch auf kulturpolitischem Gebiet für ausgeglichene klassische
Leistungen wie die Universität Humboldts noch nicht reif.
Erfurt machte aufWieland einen "uralten" Eindruck. Während Frank-
furt auf der einen, Leipzig auf der andern Seite sich zu großer Bedeutung
erhoben hatten, war diese mächtige Reichs- und Hansestadt von einst
nicht nur stehen geblieben, sondern zurückgegangen; sie füllte mit
ihren 16ooo Einwohnern nicht einmal mehr die alten Stadtmauern.
Ähnlich war der Zustand der Universität, welche zu den ältesten
Deutschlands gehörte und zeitenweise eine glänzende Führerrolle ge-
spielt hatte, aber längst in einen idyllischen Schlummer gefallen war. 16
Die Lehrstühle waren nur zum Teil besetzt, die Zahl der Studenten immer
kleiner geworden. Es lag für Staatsmänner, die von Wert und Nutzen
der geistigen Kultur überzeugt waren, nahe, das ehrwürdige Institut in
seinem alten Glanz wiederherzustellen. Der Fehler war nur, wie bei so
vielen derartigen Reformen, daß man keine wirklichen Forscher und

229
Universitätsreform

Lehrer, sondern unreife oder halbgelehrte Geister zu dem großen Werke


berief, Abenteurer, die ihre fehlenden Leistungen durch Fehden, durch
Taktik und Betrieb auszugleichen versuchten. Wenn wir hier, an einer
Stätte ernster theologischer Tradition, dem berüchtigten Bahrdt be-
gegnen, so läßt uns das von dem Experimente nicht viel Gutes er-
warten, denn dieser freche und seichte Aufklärungstheologe wurde nicht
nur von dem jungen Goethe, sondern auch von den gewichtigen Ver-
tretern der Aufklärung selbst bekämpft und war niemals zu frucht-
barer Synthese fähig. Auch der Ästhetiker F. J. Riedel war nicht der
richtige Mann. Er war 1767, mit 25 Jahren, nach Erfurt berufen worden
und hatte in den darauf folgenden Jahren den amtlichen Stellen in
Erfurt und Mainz bei allen Berufungen und anderen Universitätsange-
legenheiten als Berater gedient. Die schonungslose Kritik, die Erich
Schmidt an seinem Charakter übte, fand in der Literatur seither man-
chen Widerspruch. Es ist schwer zu entscheiden, wieweit Riede! selbst
und wieweit sein Schicksal- seine Armut und seine verfrühte Karriere
-für das ungünstige Bild, das er in der Geschichte zurückgelassen hat,
verantwortlich gemacht werden muß. Aber daß er, so wie er nach Art,
Alter und Herkunft nun einmal war, die Sache der Freiheit schwer
kompromittierte, läßt sich kaum bezweifeln. Gegen die Meinung, Riedel
habe den Anstoß zu Wielands Berufung nach Erfurt gegeben, hat man
mit guten Gründen Bedenken geäußertY Die Konkurrenz des Reiferen
und Größeren mochte dem ehrgeizigen jungen Professor zunächst sehr
gefährlich erscheinen. Aber als Wielands Sache von Groschlag und
seinen Mitarbeitern betrieben wurde, da hat er feurig ins gleiche Horn
geblasen und den Dichter, dessen brieflicher Freundschaft er sich längst
rühmen durfte, eifrig unterstützt. Wieland fand an ihm den öffent-
lichen Apologeten, den er von Geßner gefordert hatte, ja man wird
bei dem Jüngeren eher als bei dem Älteren von einer Freundschaft
sprechen können, denn er bedurfte des Rates und des Haltes. Vor allem
aber konnte es auch diesem lebenslustigen Sanguiniker nicht entgehen,
daß die Partei der Neuendringend einer Unterstützung bedurfte, und
Wieland war durch seinen literarischen Ruhm wie durch seine hohen
Verbindungen bereits eine Großmacht in der Gesellschaft geworden.
Auch als Uni versi tä tslehrer war der Herold der "reizenden Philosophie"
erfolgreich. Während die anderen neuberufenen Professoren wenig An-

237
Berufliche Stellung in Erfurt

ziehungskraft auf die Studenten ausübten, fand er zunächst großen


Zulauf. Er verschmähte es, seinen Lehrstuhl als Sinekure zu benützen,
versprach vielmehr "die Absichten Sr. Churfürstlichen Gnaden für Flor
und Aufnahme der armen Universität Erfurt (welche in der Tat vor
wenig Jahren noch ein unbedeutendes Ding war) propossebefördern zu
helfen". 18 Er tat, wie wir schon beim Übergang zur philosophischen
Produktion gesehen haben, alles, um sich den Anforderungen seiner
neuen Stellung rasch anzupassen. Nehmen wir dazu die gesellschaftliche
Reife des alten Stadionschülers und die juristische Versiertheit des
ehemaligen Kanzleiverwalters, so wundern wir uns nicht, daß die
Mainzer Regierung glaubte, mit dieser Berufung einen großen Schritt
vorwärts in der Reform der Universität getan zu haben, und den nächst-
bestenAnlaß wahrnahm, um ein Exempel gegen die Partei der Alten
zu statuieren. Dies geschah wenige Monate nach Wielands Ankunft
durch das sog. Steinheimer Dekret vom September 176g. 18 Anstatt
den Denunziationen gegen den Dichter Gehör zu schenken, enthob sie
die wichtigsten Träger des Widerstandes, den Mediziner N unn und den
Augustinerpater Sirnon Jordan, ihres Amtes und drohte strenge Strafen
gegen alle "ruh- und friedgehässige Parteilichkeit, auch Gesätz- und
Ordnungswiedrige Proceduren" der alten Professoren an. Wieland und
Riedel, deren rechtliche Stellung bisher unklar gewesen war, wurden zu
ordentlichen Mitgliedern der kurfürstlichen Kommission und zu außer-
ordentlichen Mitgliedern des akademischen Senats ernannt; doch ver-
riet die letztere halbe Maßnahme, die sicher das Äußerste war, was sich
tun ließ, bereits, mit welchen Widerständen der akademischen Sitte
und des akademischen Rechts die Reformpartei zu kämpfen hatte.
Wieland frohlockte zu früh, wenn er der Freundin schrieb: "Riedel et
votre cousin seront mis a la tete de toute l'Academie." 20 An sich lag
eine solche Stellung nicht außerhalb von Wielands Möglichkeiten; man
hat ihn noch acht Jahre später, als er längst auf eine große Rolle in
der Gesellschaft verzichtet hatte, für den Posten eines "Universitäts-
direktors" in Erfurt gewinnen wollen. Damals aber war der religiöse
Widerstand der Alten noch zu groß und seine eigene menschlich-sittliche
Persönlichkeit noch zu umstritten, als daß die Regierung nach näherer
Überlegung eine solche Maßnahme wagen konnte. Im Gegen teil. Es zeigte
sich bald, daß die Alten starke Mittel zur Unterminierung der Neuen

229
Hohe Protektion. Leichtsinn

besaßen und daß auf die Dauer das Steinheimer Dekret die Lage Wielands
und seiner Freunde eher gefährdet als befestigt hatte.
Unser Dichter trieb, wie wir es nun schon an ihm kennen, das neue Ge-
sellschaftsspiel eine Zeitlang mit Passion. Wenn Gruber ihn von vorn-
herein als nichtbeteiligt erscheinen lassen möchte, so ist das eine un-
billige Idealisierung des Meisters. 21 Er glaubt am Ende seiner Wander-
jahre angelangt zu sein und träumt, wenn auch letztlich aus Ruhebe-
dürfnis, von der Ausschaltung seiner Feinde und vom weiteren Ausbau
seiner Stellung an einer erneuerten Universität. Er hofft auf weitere
Absetzungen, ja, die alten Professoren können ihm nicht schnell genug
sterben. Die Problematik seiner eigenen Stellung durchschaut er im
Anfang nicht. Seine literarische Produktion 176g/7o spiegelt die Un-
bekümmertheit, mit der er sich auf seine hohen Gönner verläßt. Er
hätte in seinem "Diogenes" die krassen Bemerkungen über die kul-
turelle Rückständigkeit der Klöster gewiß weggelassen, wenn er ge-
wußt hätte, wieviel sie ihm schaden würden, denn er war kein Drauf-
gänger und mahnte sich und Riede! stets zur Besonnenheit und Vor-
sicht. Mit einer gewissen Oberflächlichkeit, wie sie ihm in guten Tagen
eigentümlich zu sein pflegt, denkt er, es werde schon alles gut gehen,
die Universität und seine eigene Wenigkeit werden grünen und blühen,
seine Gegner werden kuschen und dem Kurfürsten versichern, "daß
sie Dummköpfe sind". Allein es geht nicht lange, so schwindet -
wieder einmal- seine Zuversicht in die Welt, das Vertrauen zu seiner
Umgebung, sogar zu seinen nächsten Freunden, und er "wünscht, je
bälder je lieber von dieser Ruderbank befreit zu werden" .22
Der allgemeinste Grund für die Unsicherheit und Unbehaglichkeit von
Wielands Stellung lag in der Gegnerschaft yiner überwältigenden Ma-
jorität. Er betont in seinen Briefen, daß die Partei, zu der er gehört,
sehr klein ist. Aber es ist nicht nur die akademische Solidarität, die bei
politischen Berufungen wirksam zu werden pflegt, was ihn isoliert. Es ist
ein tieferer Widerspruch, der seinem ganzen Wesen gilt und der in dem
Gegensatz von Gelehrtenhaftigkeit und Künstlertum, vielleicht aber
noch mehr in der "modernen" Beweglichkeit und Leichtigkeit seiner
Persönlichkeit begründet sein dürfte. Wenn er den akademischen Senat
in Erfurt dem Rat von Biberach ähnlich findet und gleichzeitig bemerkt,
daß ihm selbst die "Gravität" fehle as, so ist damit ausgedrückt, daß ihm

239
Berufliche Stellung in Erfurt

die repräsentativen Formen und die Würde der alten Gesellschaft nichts
mehr zu sagen hatten, daß er trotzder virtuosen Handhabung des ge-
sellschaftlichen Tons in Wort und Schrift schon Einzelgänger, "Indivi-
dualist", wenn nicht sogar ein bißeben Bohemien war, und davon war
man in der aufgeklärten Gesellschaft mit ihrer starken Neigung zum
normativen Denken noch weit entfernt. Schon in der akademischen
Gesellschaft als solcher war er menschlich und politisch etwas ver-
dächtig, und dazu kam der Widerstand der religiösen Kreise in Univer-
sität, Stadt und Kurfürstentum. Man empfand die Grazienphilosophie
mit ihrem skeptischen Kern und ihrer sittlichen als eine
Versuchung des Teufels, und das um so mehr, als sie sich bei der
akademischen Jugend zu einem förmlichen Grazienkult mit allen mög-
lichen Vergröberungen steigerte; wir wissen, daß sich die Geistlichkeit
sogar von der Kanzel gegen die Grazien-Mode wandte. Besonders von
den Mönchen, die im Kurmainzischen sehr einflußreich waren, konnte
der Verfasser des "Diogenes" keine Schonung erwarten, zumal seit dem
Erscheinen der überaus scharfen "Briefe über das Mönchswesen"
(r77r). Sie waren zwar in der Hauptsache von Freund La Roche ver-
faßt, aber anonym erschienen, so daß jeder Wielands Anteil an ihnen 24
nach Belieben vergrößern konnte. Auch bei den protestantischen Gläu-
bigen war sein Rufnicht gut. Durch seine engen Beziehungen zur katho-
lischen Reformpartei erhielten die Gerüchte, er wolle konvertieren, hin-
reichende Glaubwürdigkeit; auch Lessing hatte eine Zeitlang unter
solchen Anschuldigungen zu leiden: es war das typische Schicksal derer,
für welche der konfessionelle Gegensatz seine ursprüngliche Bedeutung
verloren hatte.
Die Feindschaft der Majorität beeinftußte unwillkürlich auch die ver-
schiedenen Instanzen der kurfürstlichen Verwaltung, denn selbst ab-
solutistische Regierungen nehmen auf die allgemeine "Stimmung"
Rücksicht, und Mainz war durch seine Bindung an Kaiser und Papst
nur bedingt souverän. Es scheint, daß der Regierungsrat Genau, der die
Geschäfte eines Universitätskurators in Erfurt versah, bald von dem
Grazienapostel abrückte, denn Wieland läßt ihn zunächst gelten, dann
nennt er ihn einen amusischen Pedanten und schließlich wirft er ihm
sogar Falschheit und Boshaftigkeit vor. Auch der kurmainzische Statt-
halter in Erfurt, der Freiherr von Breidbach, war ein unsicherer Faktor

243
Feindschaft der Majorität

in Wielands Stellung, denn er scheint innerlich zur Partie der Alten ge-
neigt zu haben. Als er im Oktober 1770 schwer erkrankte, bat er um die
Hilfe des abgesetzten Professors und Sanitätsrats Nunn, und dieser
schwer beleidigte Christ verfehlte nicht, dem Patienten zu bedeuten,
daß seine Krankheit eine Strafe für die Unterstützung der Freigeister
sei. Wieland war wochenlang in größter Unruhe, jeden Augenblick
glaubte er, die Mine werde springen. Er sorgte dafür, daß dem Patienten
durchMainz ein zweiter, aufgeklärter Arzt zugesandt wurde, und als der
Statthalter im Dezember starb, war er von einem Alpdruck erlöst. Breicl-
bachs Nachfolger, Karl von Dalberg, gehörte zu den besten Freunden
Groschlags und erklärte Wieland für seine stärkste Hilfe bei der Er-
neuerung der Universität. Aber es war offenkundig, daß auch er und
der Mainzer Großhofmeister selbst nicht allmächtig waren. In Wien
bezichtigte der abgesetzte Pater Sirnon Jordan Wieland und Riedel
eines gottlosen und "viehischen Epikuräismus", und Groschlag wußte
wohl, daß in jedem Augenblick eine In terven tionMaria Theresias möglich
war. Wielands "Diogenes" machte ihm, ein so feiner Liebhaber der Dich-
tung er auch war, Sorge. Wieland schien ihm allzu unverblümt seine Mei-
nung herauszusagen. Sein Verhalten in Erfurt verstieß, wie man hörte,
manchmal gegen den "guten Ton". Er richtete einen Brief an seinen
Schützling, der bei aller Liebenswürdigkeit und Bewunderung doch auch
Ermahnungen enthielt, die unser Dichter gewiß nicht überhörte. 25 Es
konnte geschehen, daß selbst Groschlags Hilfe ihm nichts mehr nützte.
Dies war sicherlich dann der Fall, wenn er mit der Inquisition26 zu-
sammenstieß. Sie kam im r8. Jahrhundert immer mehr außer Ge-
brauch, aber es gehört zu den Zwiespältigkeiten der Rokokokultur, daß
sie mehr praktisch als prinzipiell überwunden war und noch in die
lichten Tage der Humanitätsepoche wie ein dunkler Abgrund herauf-
drohte. Jeder einzelne Eingriff in die Freibei t des Menschen wirft den
Schatten von tausend Drohungen, und in diesem Sinne kannte auch
noch der Grazienphilosoph das Gespenst der Inquisition. Unser Dichter
fühlte sich nicht zum Märtyrer berufen,- obwohl er Sokrates nicht
weniger als Diagenes verehrte und sonst sich ihn gerne zum Vorbild
nahm. 27 Man kann sicher sein, daß er in den Vorlesungen eherweniger
sagte als in seinen Werken und auch eine gewisse, offizielle Glaubens-
treue zur Schau trug, wie sie im "Goldenen Spiegel" zu beobachten

Sengle, Wieland 16 241


Berufliche Stellung in Erfurt

sein wird. Der junge Fritz La Roche, den er der Mutter zuliebe zur Er-
ziehung nach Etfurt mitgenommen hatte und den er wegen seiner wenig
versprechenden geistigen Anlagen nicht sehr liebte, wurde zu fleißigem
Besuch der Messe angehalten, vor dem sündigen Ballhaus gewarnt, von
einem Pater unterrichtet und humorvoll zu geistlicher Ausbildung vor-
geschlagen. Aufrichtiger und aktiver waren in der ersten Erfurter Zeit
Wielands Beziehungen zu einigen besonders begabten und dabei hilfs-
bedürftigen Studenten. Es ist verständlich, daß seine Lebenslehre bei
dieser Jugend, der Generation des Sturm und Drang, zu allerlei Kon-
sequenzen und Übertreibungen führte, für die er nicht voll verantwort-
lich zu machen ist. Der Berühmteste dieser Schüler war Heinse, der
spätere Verfasser des "Ardinghello"; er empfing von Wieland manche
materielle und geistige Förderung. Bei ihm werden die naturalistischen
Elemente, die bei dem Musarion-Dichter noch durch entschiedene
Formkultur und Intellektualität ausbalanciert sind, schon sehr viel ab-
soluter, und damit seine ganze Struktur "heidnischer". Noch enger
verbunden war Wieland einem Freund Heinses namens Heinrich
Schwarz. Dieser war ein armer Teufel, der sich erst mit dreißig Jahren
den Zugang zur Universität erkämpft, dort aber durch seine reifen Lei-
stungen die Anteilnahme des VerehrtenMeisters erregt hatte. Im Januar
1776 wurde dieser Lieblingsschüler beim akademischen Konzil der
Gotteslästerung angeklagt, unter Hinzufügung der Bemerkung, daß er
bei niemandem als bei Wieland Kollegia höre. Die Drohung war ernst,
denn Schwarz war nur der schwache Punkt in Wielands Position, den
man zuerst angriff. Wenn Schwarz bestraft wurde, dann hatte auch die
Anklage gegen seinen einflußreichen Lehrer Aussicht auf Erfolg. Wie-
land hatte bereits genugsam Erfahrungen in den Händeln der Welt, um
in ihnen, wenn er sie erst einmal ernst nahm, mit Ehre ja mit Glanz zu
bestehen. Die Art seines klugen Verhaltens kann ein einziger Satz aus
dem Gutachten, das er über den Fall Schwarz abgab, vergegenwärtigen;
es ist ein Satz, der inhaÜlich und formal die ganze differenzierte Ge-
spanntheit der Rokokowelt mitenthält: "So bedauerlich mir und jedem
Wohlgesinnten überhaupt seyn muß, einen unsrer den Wissenschaften
obliegenden akademischen Bürger eines so abscheulichen Verbrechens
als die Gotteslästerung an sich selbst und nach ihren gräulichen Folgen
ist, augeschuldet zu sehen; um so viel bedauerlicher vernehme ich, daß

243
Der Fall Schwarz

diese Denunciation einen Studiosum betrifft, welcher gleich den Anfang


meines hieselbst angetretenen öffentlichen Lehramts, nicht nur durch
seine vorzüglichen Fähigkeiten und sowohl in Sprachen als einigen Tei-
len der Philosophie bereits erlangte Geschicklichkeit mir zu seinem Vor-
teile bekannt worden, sondern auch durch seine Lernbegierde und pri-
vatim mehrmals bezeugte rechtschaffene Denkungsart mir eine so gün-
stige Meinung von ihm beyzubringen gewußt hat, daß ich, zumal nach
mehrfähig erhaltenen glaubwürdigen Zeugnissen seiner guten Auffüh-
rung kein Bedenken getragen, in Rücksicht auf seine kümmerlichen Um-
stände und Mittellosigkeit, ihm nicht nur selbst Gutes zu beweisen, son-
dern auch vor einiger Zeit ihm zu Fortsetzung seiner Studien die Unter-
stützung eines auswärtigen hohen Patrons zu verschaffen." 2e Wieland
setzt sich sehr bestimmt für seinen Schüler ein; zugleich aber gibt er, an
anderen Stellen des Gutachtens noch deutlicher, zu verstehen, daß er ihn
im Falle der erwiesenen Gotteslästerung nicht decken würde. Er fordert,
nicht ohne auf hohe Protektion anzuspielen, eine gründliche Unter-
suchung des Falls auf dem normalen Rechtswege, bis "zur Inquisition
selbsten". Schwarz ist ein bescheidener, anständiger Mensch; Wieland
ist davon überzeugt, daß die Anklage gegen ihn vom Zaune gebrochen
wurde, daß der Angeklagte und er selbst bei einer unparteiischen Unter-
suchung des Tatbestandsam besten fahren. Tatsächlich wurde Schwarz
durch ein Gutachten der Ingolstädter Juristenfakultät schließlich
"puncto angeschuldigter Blasphemien gänzlich absolvieret" .29 Aber die
Angelegenheit hatte den Dichter doch erheblich beunruhigt und den
Studenten fast ein ganzes Jahr lang aufdie Folter gespannt, sowie seiner
Freistelle im Konvikt beraubt. Wi«land unterstützte ihn und stattete
ihn bei seinem Scheiden väterlich für die Hofmeisterstelle, die er ihm
bei La Roche vermittelt hatte, aus. Das Verhalten gegenüber Schwarz
gehört zu den schönsten Zügen in dieser ruhmreichen, aber nicht immer
ganz edeln und lauteren Lebensphase des Dichters. Der spätere Lebensweg
des Studenten beleuchtetarn schärfstendie Bedrohung, welcher Wieland
beieinem längeren Bleiben in Erfurt ausgesetzt gewesen wäre. Schwarz
wurde im Zuge der josephinischen Schulreform an demehemaligenMain-
zer Jesuitengymnasium angestellt, aber, als nach demTode von Emmerich
J oseph ( 1 7 74) die Reaktion hereinbrach, entlassen und verhaftet, obwohl
er sich unter dem Einfluß einer frommen Gattin seither starkgewandelt

243
Beruflid1e Stellung in Erfurt

hatte. Ausdrücklich bemerkt Wieland später, es hätte ihn nach dem


Tod des Kurfürsten "in Erfurt eine Hölle erwartet". 30
Noch stärker als durch den Fall SchwarZ"Wurde Wieland durch die Ver-
haftung seines engsten Bundesgenossen Riede! getroffen. Es handelte
sich dabei um Schuldhaft. Riede! hatte zu Lebzeiten des alten Statt-
hai ters Gelder von der Uni versi tä tskasse erhalten, die ihm rechtlich nicht
zustanden. Als er sie im Frühjahr I77I noch immer nicht zurückbezahlt
hatte, stellte die Kasse Antrag aufVerhaftung. Wieland setzte sich für
den Freund mit einem ausführlichen Gesuch ein, aber er lehnte eine
Bürgschaft ausdrücklich ab. 31 750 Reichstaler- soviel betrug die Schuld
-waren für seine damaligen Vermögensverhältnisseeine riesige Summe.
Trotz der Gehaltsverbesserung reichte er mit seinem Einkommen in
Erfurt schlechter als im anspruchslosen Biberach.s2 Und, was wohl ent-
scheidend war, er hatte kein Vertrauen zu Riede!, denn es war offenbar
nicht die erste Geldnot des Freundes, mit der er sich zu befassenhatte; das
Verhältnis war bereits stark getrübt. 33 Auch mit dem Regierungsrat Genau
war Riede! entzweit. So kam er in Haft undkonnte auch nach seiner En t-
lassungErfurt einjahrlang nicht verlassen,obwohler inzwischeneinen
ehrenvollen Rufnach Wien erhalten hatte. Wieland stattete den Scheiden-
den, in dem er seinen Wiener Pionier sehen mochte, mit einem kleinen
Darlehen aus, aber Riede! reiste in kein glückliches Schicksal.
Wielands und Riedeis Äußerungen stimmen schon Anfang I 77 I darin
überein, daß die Universitätsreform gescheitert ist. Die Zahl der Stu-
dierenden, die eine Zeitlang, besonders seit der Berufung Wielands,
erheblich gestiegen war, ging wieder zurück. Es lag in der Natur der
Dinge, daß philosophische Causeurs die akademische Jugend nicht
dauernd fesseln konnten; außerdem mußte der kirchliche Widerstand
auch auf die Studenten zurückwirken. Man hat den Eindruck: Erfurt
gilt bei den Neuen bereits nicht mehr als sicher, und je zweifelhafter
ihre akademischen Verdienste sind, um so schneller wollen sie sich ver-
ändern. Von Riedeis Berufung nach Wien war schon die Rede. Als etwa
um die gleiche Zeit der Weggang von Bahrdt infolge eines Gießener
Rufs drohte, machte Wieland noch einmal einen Versuch, den Zusam-
menbruch der Reform zu verhindern. Er forderte nicht nur, daß man
Bahrdt durch eine Erhöhung seiner Bezüge festhalte,- er verlangte
die Bestrafung seiner Gegner: "Leute, welche dem Instituto Acade-

244
Vereinsamung

mico durch die Bosheit ihres Willens eben so sehr als durch die Stupidi-
tät ihres Gehirns verderblich sind, müssen von demselbigen ab ge s chni t-
ten werden, wenn Männer, die uns Ehre machen, bleiben und aufge-
muntert werden sollen, ihre Talente zur Beförderung desselben zu
sacrifizieren."34 Es ist auch in eigener Sache ein Ultimatum an die
Regierung. Aber die Zeiten des Steinheimer Dekrets sind vorüber.
Mainz bleibt im Falle Bahrdt ebenso zurückhaltend wie bei Wielands
wiederholten Versuchen, die in Aussicht gestellte Verbesserung des
eigenen Gehalts zu erreichen. Bahrdt ging nach Gießen, ihm folgte ein
anderer von den Neuen, Schmidt, ein dritter, Herel, ging heim nach
Nürnberg. Und Wieland konnte gehn, sobald es ihm beliebte! War nur
die Veränderung der allgemeinen Stimmung so groß oder warf der Tod
des Kurfürsten seine Schatten voraus? Ein neuer Schlag für den
Dichter war es, daß La Roche, sein Berater in allen politischen Fragen,
das Kurfürstentum Mainz, dem er durch Stadions staatsmännisches
Werk so tief verbunden war, verließ und in die Dienste des Kurfürsten von
Trier trat. Alles in allem war der Dichter, so viele neugierige Besuche
von auswärts er auch erhielt, gesellschaftlichkaltgesteilt und, wieder ein-
mal, recht einsam. Die Urteile über Erfurt gleichen jetzt bis in den Wort-
laut hinein denen über Biberach. Wiederist er in einer "Tartarei",in einer
Umgebung, die hoffnungslos amusisch und närrisch ist. Auch von den
Studenten scheint er sich immer mehr zurückgezogen zu haben.
Im Innersten beglückt ihn diese Vereinsamung; sie ist eine Rückkehr
zu sich selbst. Jetzt kann er wieder mit seinen Reimen und Ideen spie-
len; jetzt holt er den "Neuen Amadis" hervor und vollendet ihn. Er
träumt, ganz wie einst, von einem glücklichen Hafen, "ou loin des villes
et des grands Seigneurset des Pedans (la plus moleste de tout ce qu'il y
a de vermine dans la nature) je pourrois vivre pour moi et pour mes
amis, en jouissant de la nature, de moi-meme et de mes enfans. Voila
ce qu'on appelle un beau chäteau en Espagne, je l'aime cependant et
tout en esperaut s'echappe le songe de la vie". 3 • Die Händel der Welt, die
Intrigen der Kleinen berühren ihn in seiner Mitte nicht; er geht, so
schreibt er stolz dem Dechanten Dumeitz, allein seinen "großen Weg". 38
Aber seine Familie, die nun schon vier Köpfe zählt, erinnert ihn daran,
daß er kein Abenteurerleben wie Freund Riedel führen darf, sondern
den Pflichten eines Hausvaters die Treue halten muß. Die schwäbisch-

245
Auf dem Gipfel des Ruhms

solide Seite seines Wesens tritt in der Berührung mit dem Luftibus
Riede! nur um so kräftiger hervor. An eine höfische Stellung denkt er
dabei nicht in erster Linie. Auch Sophie La Roche rät ihm ausdrücklich
vom Hofleben ab. Sie träumt noch lange davon, ihn in das benachbarte
Neuwied zu bringen, dessen Fürst ein modernes Pädagogium plant.s7
Jacobi möchte ihn sogar zum Leiter seiner alten Schule, zum Abt von
Klosterberge machen. 38 Doch Wieland kennt sich selbst: Nach den neuen
Erfahrungen von Erfurt strebt er doppelt nach Unabhängigkeit. Wenn
er mit ihr wirklich ernst machen will, muß ihm zuerst der Plan eines
Berufsschriftstellertums in den Sinn kommen. Er ist jetzt, so scheint es,
kein "Schloß in Spanien" mehr, denn Wieland ist, wie der Mainzer
Dichterling Lucius im Jahre 1771 neidisch zugeben muß, "seit einigen
Messen so berühmt", "daß man gar keinen Anspruch auf Witz machen
darf, wenn man seine Schriften nicht gelesen hat". 39 Es ist, drei Jahre
vor "Werthers Leiden", diie kurze Stunde, da er dem Publikum als der
größte deutsche Dichter erscheint.

3· Auf dem Gipfel des Ruhms

Fortuna, die, wie Wieland wußte, eine launische Göttin ist, hatte dem
Dichter das zerbrechliche und fragwürdige Geschenk eines modischen
Ruhms nicht ganz ohne eigenes Dazutun gemacht. Spätestens seit
"Agathon", dessen Aufnahme ihn tief enttäuschte, strebte er -· zu-
nächst aus dem berechtigten Gefühl, verkannt zu werden - bewußt
nach "Celebrität", und er erkannte allmählich, daß er, um sie zu er-
langen, aus seiner süddeutschen Isolierung heraustreten und den An-
schluß an die literarisch führenden Kreise in Norddeutschland ge-
winnen mußte. Wäre Wieland nichts als der gewiegte Taktiker gewesen,
der er zu manchen Zeiten zu sein scheint, so hätte er gewiß schon früher
die Fühler ausgestreckt. Wenn aber zu irgendeiner Zeit, so erwies er sich
in den Biberacher Jahren als eigenständiger Poet. Er war so in sein
Erleben und Dichten versunken, daß ihn erst die unfreundliche Kritik
an seinen Werken und der gleichzeitige Bruch mit Stadion zum Be-
wußtsein seiner innerlich fruchtbaren, aber äußerlich nicht unbedenk-
lichen Vereinsamung bringen konnten. Noch im Jahre 1764 hatte er

243
Die Literatur in Süddeutschland

seinem Freund und Verleger Geßner, der ihm auf der Bahn eines euro-
päischen Ruhmes vorangegangen war, bekannt: "Leider weiß ich nicht
ein Wort von allem, was die Kunstrichter von Ihnen, mir oder andern
ehrlichen Skribenten sagen." 40 Er glaubte vorauszusehen, daß "die
Utze, die Lessinge und die Nicolai sich herzlich lustig über ihn und die
Erfüllung ihrer ehemaligen Weissagungen machen werden"14, aber er
scheute sich lange, der neuen taktischen Situation gerecht zu werden.
Er wollte seinem Verlage in Zürich die Treue halten und glaubte über-
haupt, mit dem Schweizer Literaturkreise in Übereinstimmung bleiben
zu können. Sogar das Züricher Verbot des "Agathon", auf dessen Titel
in der Folge "Frankfurt und Leipzig" zu lesen war, brachte ihn nicht
auf den Gedanken, einen Verleger in einem dieser freieren Verlagsorte
zu suchen. Er blieb und warb um ein Verständnis, das er doch in der
Schweiz nicht mehr finden konnte. Sogar sein Basler Freund Iselin,
der jünger und aufgeschlossener als Bodmer war, verzieh ihm seine
Wandlung nicht und lehnte aus sittlichen Gründen eine Teilnahme an
der Subskription des zweiten "Agathon" ab. 48 Wir dürfen wohl sagen:
es fehlte im ganzen Süden des deutschen Sprachgebiets an einem
größeren und damit wirtschaftlich tragfahigen Publikum für die schöne
Literatur; es fehlte vor allem, wenigstens in Schwaben, an den schön-
geistigen Frauen des Bürgertums, die sonst so viel für die Dichtung
taten. Und bald machte man in gut neudeutscher Weise aus der Not
eine Tugend, um sie womöglich zu verewigen. So schwärmt schon Wie-
lands schwäbischer Antipode Schubart nicht von Diotima, Danae oder
Musarion, sondern von Analphabetinnen:

Die braune Lise

Ich Mädchen bin aus Schwaben


Und braun ist mein Gesicht;
Der Sachsenmädchen Gaben
Besitz' ich freilich nicht.

Die können Bücher lesen,


Den Wieland und den Gleim:
Und ihr Gezier und Wesen
Ist süß wie Honigseim.

247
Auf dem Gipfel des Ruhms

Der Spott, mit dem sie stechen,


Ist scharf wie Nadelspitz;
Der Witz, mit dem sie sprechen,
Ist nur Romanenwitz.

Mir fehlt zwar diese Gabe,


Fein bin ich nicht und schlau;
Doch kriegt ein braver Schwabe
An mir 'ne brave Frau.

Das Tändeln, Schreiben, Lesen


Macht Mädchen widerlich;
Der Mann, für mich erlesen,
Der liest einmal für mich.

Hör', Jüngling, bist aus Schwaben?


Liebst du dein Vaterland?
So komm, du sollst mich haben.
Schau, hier ist meine Hand!

Das Gedicht hört sich heute wie eine Parodie an, aber es ist dem schwä-
bischen Stürmer und Dränger blutiger Ernst. Man versteht, daß der
freundschaftliche Briefwechsel48 zwischen den beiden ungleichen Lands-
leuten nicht von Dauer war und daß es überhaupt alle feineren schwä-
bischen Geister des 18. Jahrhunderts in entwickeltere Landschaften zog.
Das süddeutsche Publikum erreichte erst in der Zeit Grillparzers,
Mörikes und Gottfried Kellers die volle literarische Reife. Erst von da
an waren insbesondere die schwäbischen Dichter nicht mehr zum Ver-
lassen der Heimat, an der sie allesamt herzlich hingen, gezwungen. So
gewinnt Wielands Weggang nach Erfurt und Weimar überpersönliche
Bedeutung. Ein Vorspiel dazu aber war sein Übergang zu einem Leip-
ziger Verlag. Noch "Idris" und "Musarion" bot er Geßner und Kom-
panie an, aber das Schweizer Verlagshaus wollte oder konnte das Hono-
rar, das der geldbedürftige Familienvater forderte, nicht bezahlen. Nicht
so sehr irgendeine ehrgeizige Erwartung, sondern Wielands Geldnot
scheint die Aufgabe des Züricher Verlags entschieden zu haben: "Der
eigentliche Punkt ist, daß ich sie nicht wegschenken will." Es waren

243
Anschluß an Leipzig

infolge des geringen Absatzes und durch die süddeutschen Nachdrucker


in der Tat lächerliche Honorare, die von Geßner bezahlt wurden.
Der neue Verlag Wielands war die Weidmannsehe Buchhandlung in
Leipzig, als deren energischer Geschäftsführer und Teilhaber Philipp
Erasmus Reich bekannt geworden ist. 44 Die alte Rokokostadt, in der
soeben der junge Goethe studierte, nahm also den späten Meister des
Rokoko unter ihre Fittiche und in ihrem Einflußkreis wuchs Wielands
Ruhm bald ins Ungemessene, denn die feinsinnige Kunst des Ober-
schwaben mußte als die schönste Erfüllung des alten Leipziger Traums
erscheinen. Als Geßner nach einigen Jahren seinen Fehler wieder gut
machen wollte und bescheiden bat, wenigstens den Verlag der älteren
Werke behalten zu dürfen, machte ihm Wieland, der die tieferen sozio-
logischen Zusammenhänge nicht übersehen konnte, Vorwürfe, weil er
erst I 100 Exemplare von "Agathon" verkauft hatte: An ihm, dem
Dichter, könne es nicht liegen, Reich hätte in der gleichen Zeit das
Dreifache abgesetzt! Wielands Behauptung ist nicht übertrieben, denn
wie hätte ihm sonst Reich als Honorar für die zweite "Agathon"-Aus-
gabe 8oo Exemplare zur Befriedigung seiner Subskribenten45 überlassen
können? Dies 'ist noch nicht alles, was der Dichter ursprünglich ge-
fordert hatte. Er stand damals (1773) im Zenit seines Ruhms. Die sorg-
fältig gedruckten und mit Kupfern geschmückten zweiten Ausgaben
von ":Musarion" und "Agathon" geben noch heute jedem Bücherliebhaber
ein unmittelbares Gefühl davon. Die Stiche stammen zum Teil von
Goethes berühmtem Leipziger Lehrer Oeser. Auch die beiden Dichter,
welche den Leipziger Verleger auf den vereinsamten Schwaben auf-
merksam machten, repräsentieren den literarischen Kreis, in den Wie-
land eintritt: Gleim und Weiße. Dem bekannten Leipziger Theater-
dichter Ch. F. Weiße, dessen Singspiele Wielands Nachahmungslust
bald erregen sollten, widmete er die zweite reizende Musarion-Ausgabe
(1769) mit sehr schmeichelhaften Worten, und an Gleim, den mit aller
Welt befreundeten Canonicus in Halberstadt, den Anakreontiker,
richtete er schon im Februar 1768 einen nicht weniger schmeichelhaften
Brief mit einem gleichzeitigen Lob für Uz, Lessing und Moses Mendels-
sohn. Meine "Empfindungen", so schreibt der Idris-Dichter in rascher
Anpassung an den Briefempfänger, haben "seit dem ersten Frühling
meines Lebens" Gleimen gehört, haben immer zugenommen und sind

249
Auf dem Gipfel des Ruhms

"auf den höchsten Grad gestiegen", "seitdem ich Sie, mein Herr, und
einige wenige, welche mit Ihnen die Zierde und das Vergnügen unserer
Nation sind, als die übrig gebliebenen Zeitgenossen meines sehr ge-
liebten Hagedorns, als die Einzigen, für welche ein ehrlicher Mann
von gesundem Hirn zu schreiben Mut haben kann, ansehe.- Was für
eine Periode des Geschmacks und der Literatur haben wir erlebt! Und
was werden wir erleben! Was für ein Dämon hat unsre jungen deutschen
Witzlinge angehaucht? - Certe furunt. - Ich gestehe Ihnen, daß
mich ein Grauen überfällt, wenn ich mir vorstelle, was daraus werden
mag, wenn dieser Geist der sinnlosesten Schwärmerey noch lange dauern
sollte, der das Ansehen hat, unsere jungen Kunstrichter und Dichter
in lauterZauberer, Bacchanten, Barden und Skalden zu verwandeln.""
Der Brief beleuchtet die Hintergründe von Wielands Ruhm. Die li tera-
rischen Revolutionäre Hamann, Gerstenberg, Herder machen sich
bereits bemerkbar, der ganze Boden, auf dem die Rokokokultur steht,
fängt schon an zu beben. In diesem Augenblick erscheint in ihrem Lager
wie ein Komet die glänzende dichterische Gestalt aus Schwaben. Sie
wird von der tonangebenden Gesellschaft natürlich lebhaft begrüßt.
Wielands Dichtung wird für die weltlich-konservativen Kreise ein Be-
weis dafür, daß man, um deutsch und original zu sein, nicht bei den
alten Barden oder bei Hans Sachs in die Schule zu gehen braucht. Er
ist die letzte Chance des literarischen ancien regime. Daß die Zertrüm-
merung der alten humanistisch-aristokratischen Gesellschaft, wie sie
durch den Sturm und Drang angebahnt wurde, nicht gelang, daß zu so
später Stunde noch eine deutsche Klassik entstand, ist keine Selbst-
verständlichkeit. Unser Dichter ist zwischen 1770 und q8o innerhalb
der deutschen Literatur die stärkste Kraft, die gegen einen Abbruch
der gemeinsamen europäischen Kulturtradition, gegen ein Auseinander-
brechen von Aclel und Bürgertum, gegen eine Entfremdung zwischen
Hof und Volk, gegen die moderne Massenkultur, kurz gegen eine Ent-
wicklung wie im Frankreich von 1789 gewirkt hat. In seiner Verehrung
fand sich ein großer Teil des säkularisierten Deutschland zu einer wirt-
schaftlich und politisch ausreichend fundierten literarischen Gemeinde
zusammen, in seiner Größe genoß man den nationalen Ruhm, den
Frankreich noch zu Wielands Lebzeiten in einem neuzeitlichen Cäsar
suchen sollte. Wieland ist nicht der zufällige Vorläufer, sondern mit

243
Schöpferische Neutralität

innerer Notwendigkeit die erste große Erscheinung der Weimarer Kul-


tur, in der das klassische Europa seine letzte dichterische Blüte erlebte.
Im September 1772, ah er eben nach Weimar berufen worden ist, feiert
ihn sogar der große Lessing als einen "Mann, weit unter dem, in der
vermessensten Stunde meiner Eigenliebe, ich mich immer in allem ge-
fühlt, worauf Schriftsteller stolz seyn können"Y Er ist im Augenblick
des Sturm und Drang das Symbol für all das, was europäische Form
und klassisches Maß verbürgen!
Worin er sich von Lessing unterscheidet und worin er sich am deut-
lichsten als der Vorläufer des klassischen Goethe erweist, ist seine Zu-
rückhaltung gegenüber den literarischen Parteien und ihrem Gezänk.
Es ist eine Tradition von Hagedorn her, welcher zwischen den beiden
Kampfhähnen Gottsched und Bodmer den Standpunkt einer schöpfe-
rischen, Neutralität eingenommen hatte und daher von beiden um-
worben worden war. Auch Gleim gehörte zu den bewußten Verfechtern
eines literarischen Friedens. Wielands Anschluß an den mitteldeutschen
Kreis war also keineswegs der Beitritt zu einer einseitigen litera-
rischen Partei. Schon in Biberach mahnt er Freund Riedel bestän-
dig, sich aus den literarischen Händeln herauszuhalten. So rät er
ihm z. B., seine Verbindung mit dem "kleinen zwergischen Diktator"
Klotz' 8 , zu dessen Bekämpfung eben Lessing mit Riesenkraft ansetzt,
zu lösen. Sein Verhalten mag insofern taktisch bedingt sein, als er keine
Feinde haben, sondern von der Zustimmung aller emporgetragen werden
will. Aber es ist doch zugleich die Toleranz dessen, der sich über alles
Gute, was geschrieben wird, freut und die regionale und weltanschau-
liche Differenz zwischen den Berlinern und den Schweizern als Neben-
sache empfindet. Bei ihm gilt nur die persönliche Qualität, welche im
Kampf der Parteien nicht ausschlaggebend zu sein pflegt, und er hat
sein feines Gefühl für sie während der ganzen Literaturentwicklung von
Hagedorn bis Heinrich von Kleist mannigfach bewährt. Freilich lobt er
lieber zu viel als zu wenig, und Herders Behauptung, Wieland sei kein
Kritiker, ist verständlich. Er gesteht, in schlechten Büchern mit Nutzen
zu lesen; seine Phantasie ergänzt ihm vieles, was nur ansatzweise ge-
staltet ist. Manchmal ist es auch die persönliche Pietät, die ihn hindert,
offen zu sprechen. So hat er gerade in der Epoche seines größten Ruhms
alles getan, um sich mit Bodmer auszusöhnen und überdies den tiefen

243
Auf dem Gipfel des Ruhms

Bruch zwischen Weiße und den Schweizern zu vermitteln. Schon durch


seine Biberacher Korrespondenz fällt ein versöhnliches Licht auf die
deutsche Dichtung, der soeben neue Händel bevorstehen. Voller Zuver-
sicht schreibt er Riedel von seinem Vorsatz und seiner Fähigkeit "Mit-
telsmann" zu sein: "Lassen Sie uns nur einmal beysammen seyn; die
Sachen sollen auf dem deutschen Parnaß bald eine andere Gestalt ge-
winnen."49
Die ehrenvolle Berufung nach Erfurt, welche Wieland nicht zuletzt
seinem wachsenden literarischen Ansehen zu danken hatte, hob ihrer-
seits wieder seinen Ruhm zur höchsten Höhe. Der Dichter erlebte den
Wechsel der Dinge mit gemischten Gefühlen, denn er, der im Hinblick
auf die allgemeine Unzulänglichkeit des Menschen milde zu sein liebte,
hatte unter den scharfen Urteilen der Kritik nicht wenig gelitten. Jetzt
priesen ihn sogar seine früheren Tadler: "Wer lobt mich nicht, sogar
in der Allgemeinen deutschen Bibliothek bin ich nun, Dank sey es dem
Himmel, ein großer Mann. Ein großer Mann, bedenken Sie, was das
sagen will!--'-- die schlechten Kerls! Und warum war ich es nicht vor
zwei Jahren so gut als jetzt?" 50 So schreibt Wieland an den alten Freund
Geßner, dem er sich noch immer verbunden fühlt, und in deutlicher
Distanzierung gegenüber seinen neuen Anhängern fügt er hinzu: "Gleim
und Jacobi sind nun auch die Meinigen. Jedermann will es seyn -
sed nos sumus paucorum hominum." 51 Er ist nicht berauscht, er benützt
klug die Stunde des Ruhms, von der er ahnen mag, daß sie nicht lange
währen wird. Die Verleger reißen sich jetzt um ihn, und Reich läßt es
sich viel kosten, um ihn festzuhalten. Schon beim "Diogenes" lieb-
äugelt der Dichter mit anderen Verlegern. Für den "Neuen Amadis"
und "Die Grazien" muß Reich 500 Taler geben 5 2 , das ist fast ein Jahres-
gehalt des Professors Wieland, ein für damalige Verhältnisse unerhörtes
Honorar. Dem schon berühmten Wertherdichter bezahlte noch 1775 der
Verleger M ylius in Berlin nur widerwillig 20 Taler für "Stella". Wieland
aber erhielt für seinen "Goldenen Spiegel" 100 Carolin, d. h. 633 Taler.
Es waren nicht nur geistige Ursachen, was die Wielaucl-Feindschaft der
Jungen schürte. Der ältere Dichter hatte es leicht, objektiver zu sein,
aber er war auch objektiver, und darauf beruht seine historische Lei-
stung als Wegbereiter der Klassik. Allenthalben sah man auf ihn. Sogar
Uz, dem er einst so übel mitgespielt hatte, schrieb an Gleim: "Ich halte

243
Hohe Honorare Besuch in Leipzig

ihn bei dem einreißenden schlechten Geschmack für die vornehmste


Stütze des guten, des Geschmacks der Natur und des Altertums." 53
Und im gleichen Jahr klagt der Ästhetiker Sulzer, der Goethes Größe
wohl erkennt, über die Gefahr, die der "Herderismus" heraufführt. Wie
ist das Übel zu hemmen? "Wieland wäre im Stande dieses zu voll-
führen; aber jetzt hat er mit seiner eigenen Not genug zu tun." 5 'Man
glaubt, daß ihn der Geniekult des jungen Herzogs aus Weimar ver-
treiben wird. Der Zusammenklang von Weimar, der wie jede Blütezeit
den Charakter des Wunders und der Gnade in sich trägt, war nicht vor-
auszusehen. Ohne Wielands gesellschaftliche Führerrolle und künstle-
rische Beharrungskraft, ohne Goethes erstaunliche Wandlung und ohne
die Großmut des Weimarer Fürstenhauses hätte schon damals leicht
eine Art von romantischem Chaos in der deutschen Dichtung herrschend
werden können. Wen würde es wundern, wenn wir Deutschen auch
unsere Klassik verfehlt hätten!
Als sich der "wolkenlose Frühlingshimmel" Erfurts, unter dem Wie-
lands "Diogenes" hervorgesprungen war 55 , mit den ersten dunklen
Wolken zu überziehen begann, richtete der berühmte Dichter natur-
gemäß seine ersten Blicke nach Leipzig. Schon in der Schweiz
hatte er an buchhändlerische und journalistische Unternehmungen
gedacht, in Biberach war er auf solche Gedanken zurückgekommen,
und war nicht jetzt die Zeit, und Leipzig der Ort, um sie zu verw-irk-
lichen ? Die Möglichkeit, ein zweiter Nicolai zu werden, tat sich dem
berühmten, aber noch immer geldbedürftigen Dichter als eine Fata
Morgana auf: selbst das Diogenes-Ideal der bloßen Unabhängigkeit
verlangt solide Grundlagen. Jetzt war es Zeit, sie zu schaffen: "Ma
gloire d'auteur ... va tres bien son chemin, quoique, a vous dire vrai,
j'aimerois beaucoup moins d'encens et plus de realite!"u6 Es ist wahr-
scheinlich, daß die Reise, welche Wieland im Juni 1770 nach Leipzig
machte, nicht nur einem empfindsamen Kult der Freundschaft dienen
sondern auch eine neue Lebensstellung vorbereiten sollte. Er rühmt in
den Briefen, welche von der Reise erzählen, Weiße, Clodius, Garve,
Oeser und Reich, er rühmt überhaupt Leipzig mit seiner glänzenden
Kultur und seinen großzügigen, reichen Gönnern. Ihm gegenüber ist Er-
furt nicht viel mehr als Biberach. Man spürt, wie gleichzeitig bei Lessing
in seiner ersten Wolfenbütteler Zeit, einen entschiedenen Zug zur freien

253
Auf dem Gipfel des Ruhms

Luft der Großstadt. Es ist anzunehmen, daß schon jetzt die Merkur-
pläne in seinem Geist ihr Wesen treiben, auch die Hoffnung, Weiße als
Singspieldichter zu übertreffen, dürfte damals in ihm aufgetaucht sein,
aber trotz aller Chancen kann er sich nicht entschließen, den Schritt
in ein völlig unabhängiges Literatenleben zu wagen. Extreme Lösungen
liegen unserm Dichter nicht.
Der nächstliegende Kompromiß wäre ein Amt an der Universität Leip-
zig, doch ihre Verfassung schließt ihn von einer ordentlichen Professur
für immer aus, und der sächsische Hofist so arm, daß eine außerordent-
liche Professur wie in Erfurt oder eine Pension kaum zu erlangen sein
wird. 5 7 Überdies fühlt er sich, je länger er an der Universität Erfurt ist,
um so weniger zum Professor gemacht, und so zerstiebt zum Glück der
epigonenhafte Traum, sich in der Stadt und in der Stellung Gottscheds
und Gellerts einzurichten.
Aber wie ein Kaufmann bei einer günstigen Konjunktur fieberhaft be-
müht ist, das große Geschäft seines Lebens zu machen, so wartet Wie-
land, während seine Lage in Erfurt immer unhaltbarer und sein Dichter-
ruhm immer größer wird, unruhig auf das Glück, das ihm, dem beinahe
Vierzigjährigen, Fortuna endlich schuldet. Sein Gesicht bleibt in dieser
Zeit nicht immer klar und edel. Vielleicht in seiner Studierstube, wo der
"Neue Amadis" vollendet wird. Geht er aber hinaus in die Welt, so
schreitet der "große Mann" wie einer, der die Bühne betritt. Bald
schwärmt und weint diese gespielte Figur - wie einst in Zürich, nur
etwas weltlicher und süßer, weil diese Art von Empfindsamkeit jetzt
Mode geworden ist, bald erstarren ihre Mienen zur Würde des Lelu·ers
der Menschheit oder gar des Schulmeisters, denn er will nicht mit den
jungen Leuten verwechselt werden, die ihn nachahmen und übertreiben.
Wieland hat lange nicht nach Ruhm gestrebt, aber jetzt ist er ängstlich,
ihn zu verlieren. Es gibt kein menschliches Verhältnis, auf das der
Schatten seiner Celebrität nicht fiele. Sogar seine alte Freundin Sophie
La Roche schreibt ihm fast unterwürfig; sie ist zufrieden, wenn er sie
nur nicht ganz vergiBt. Hochgestellte Damen danken ihm verehrungs-
voll für das kleinste Briefchen, das er ihnen widmet. Es gibt für Wieland
in dieser Zeit keine leidenschaftliche Liebe mehr; aber er weiß, welchen
Einfluß die Frauen im literarischen und höfischen Leben haben, und so
erwählt er ·sich einflußreiche Freundinnen, denen er verliebt zulächelt

254
Hochgestellte Damen

und die entzückt seinen Ruhm und seine Beziehungen mehren. Die In-
timsten sind bezeichnenderweise zwei Diplomatenfrauen. Die eine ist
die Gattin des Grafen Carl Friedrich von Wartensleben, welcher Ge-
sandter der Niederlande bei den drei geistlichen Kurfürsten war, eine
schöne, großzügige, musische Frau, welche auch Heinses schönheits-
trunkenes Herz bewundert hat. Sie betrieb damals einen Prozeß in
Wien, das, wie \-\-ir noch sehen werden, für ihn von besonderem Inter-
esse war. Der großen Dame konnten die Huldigungsbriefe des berühmten
Dichters nicht unangenehm sein; sie verehrte ihm ihr Bildnis und muß
sehr ungezwungen über alle möglichen Fragen geschrieben haben, denn
als einer ihrer Briefe durch eine Indiskretion an den württembergischen
Hof gelangte, war es allen Beteiligten überaus peinlich. 58
Unmittelbarer als der Minnedienst für die Gräfin von Wartensieben
waren seine Beziehungen zu der Frau von Keller, die mit ihren drei
Töchtern auf Schloß Stedten bei Erfurt wohnte. Wieland ließ sich, wie
einst in Biberach, zum Wochenende gern den Wagen schicken, um sich
im Park von Stedten zu ergehen und von den drei jungen Grazien hul-
digen zu lassen; umgekehrt empfing er sie freundlich zum Besuch der
Statthalterbälle in Erfurt. Besonders die 18jährige Julie von Keller
soll auf den Dichter großen Eindruck gemacht haben. Aber die Briefe
geben nicht das Bild einer besonders innigen oder inhaltsreichen Be-
ziehung; manchmal sind sie sogar von einer erheblichen Gezwungen-
heit.59 Als Julie später auf das Gedicht "Die erste Liebe, an Psyche",
das äußerlich für sie geschrieben wurde, Anspruch erhob, gestand der
Dichter, daß es eigentlioh der ersten Freundin Sophie La Roche gehöre,
was durch den Inhalt bestätigt wird. In Julie mußte er sich nur "ein
wenig verlieben"eo, wie damals in so manche Dame. Wie er einmal dem
Freunde Riedel in Wien ausdrücklich empfahl, auch langweilige Be-
ziehungen zu pflegen, so scheint er sich die Verehrung dieser vier Damen
gefallen lassen zu haben, zur Erhöhung seines Ruhms und zur Vermeh-
rung seiner Verbindungen, denn die Familie von Kellerhatte besonders zu
Gotha und Weimar, aber auch zu anderen Höfen enge Beziehungen. So
hören wir aus einem Briefe der Sophie LaRoche, daß Julie von Keller am
Hofe von Darmstadt Wielands Lob verkündete.
Es ist nicht leicht, berühmt zu sein, und als sich Wieland im Frühjahr
1771 zu einer Reise nach Koblenz, Mainz und Darmstadt anschickte,

255
Auf dem Gipfel des Ruhms

hatte er ordentlich Angst vor den vielen Leuten, die seinen Besuch er-
warteten. Allein inMainz waren es fünfzig. Auch sein Anzug machte ihm
Sorgen, und er wurde von Sophie La Roche nach Frankfurt verwiesen,
wo man bei kurzem Aufenthalt sich alles rasch anfertigen lassen könne.
Es war in der Tat eine via triumphalis, die Wieland durchzog, und als er
nach Erfurt zurückgekehrt war, da gedachte er nicht mehr mit Grauen,
sondern mit Entzücken dieser Maireise als eines langen süßen Traumes,
der ihn für die Mühe, gelebt zu haben, entschädigte. In Ehrenbreitstein
sah er endlich wieder die Jugendgeliebte, deren Roman "Fräulein von
Sternheim" von ihm soeben herausgegeben worden war. Noch wußte
er nicht, welchen Kummer ihm dies Buch bereiten werde; noch waren
die verehrungsfrohen Gehrüder Jacobi aus Düsseldorf, die bald genug
Goethe anbeten sollten, zu seinem Empfang erschienen, und F. H.
Jacobis Feder verdanken wir eine enthusiastische Beschreibung von
dem Wiedersehen zwischen Wieland und Frau La Roche: "Soph1e ging
ihrem Freunde mit ausgebreiteten Armen entgegen; er aber, anstatt
ihre Umarmung anzunehmen, ergriff ihre Hände und bückte sich, um
sein Gesicht darein zu verbergen: Sophie neigte mit einer himm-
lischen Miene sich über ihn, und sagte mit einem Tone, den keine
Clairon und keine Dubois nachzuahmen fähig sind: - Wieland -
Wieland - o ja, Sie sind es - Sie sind noch immer
mein lieber Wieland!- Wieland, von dieser rührenden Stimme
geweckt, richtete sich etwas in die Höhe, blickte in die weinenden
Augen seiner Freundin, und ließ dann sein Gesicht auf ihren Arm
zurücksinken. Keiner von den Umstehenden konnte sich der Tränen
enthalten: mir strömten sie die Wangen hinunter, ich schluchzte;
ich war außer mir, und ich wüßte bis auf den heutigen Tag noch nicht
zu sagen, wie sich diese Szene geendigt, und wie wir zusammen wie-
der hinauf in den Saal gekommen sind." 61 Der Dichter des "Neuen
Amadis" hatte allen Grund, sein Gesicht zu verbergen, denn wie
lächerlich mußte er sich in dieser Lage dünken. Es dauerte nicht
mehr lange, da schrieb er diesen Jacobis und Gleims, sie seien allzu-
mal Schwärmer. Vorläufig aber bemühte er sich, seine Rolle gut zu
spielen. Damit dem großen Mann der Reporter nicht fehle, war auch
Leuchsenring da, der weitbekannte, empfindsam-geschwätzige Hofrat
aus Darmstadt, der von allen Berühmtheiten Briefe besaß und sie un-

243
Triumphreise 1771

ermüdlich in der Gesellschaft zum Besten gab. Mit diesem Begleiter


fuhr Wieland, nachdem ihn Clemens Wenzeslaus, der Kurfürst von Trier,
der Sohn des Königs von Polen, empfangen hatte, weiter nach Mainz.
Er speiste mit Dalberg, dem neuen Statthalter von Erfurt, bei dem
Grafen von Wartensleben, und dessen Untergebener, der früher er-
wähnte Satiriker Ludus hat von dem "großen Mann" eine recht un-
günstige Beschreibung 62 gegeben, die aber sachlich nichts Schlimmeres
beizubringen weiß, als daß dem Dichter sein Witz in der Gesellschaft
nicht ebenso zur Verfügung stand wie in seinen Büchern. Auch der Kur-
fürst vonMainz, sein Landesherr, empfing ihn in Höchst. Noch lebhafter
war die Aufnahme des Berühmten bei der nächsten Station, die er,
immer in Begleitung Leuchsenrings, ansteuerte. Die milde, musen-
freundliche Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt empfing ihn
an ihrem Hofe, dem Mittelpunkt aller schönen Seelen, und hidt ihn
so lange fest, bis Gleim, der von Halberstadt herbeieilte, eingetroffen
war. Der zweite empfindsame Kongreß, dem Wieland.in diesem schönen
Mai beiwohnen muße! Wir wissen nicht, ob er die Prüfung der "Großen
Karoline", die nach seinem Willen die "Königin von Europa" hätte
werden sollen63 , ohne Tadel bestand. Wir müssen fürchten, daß er mit
Leuchsenring nicht konkurrieren konnte, denn es kommt weder zu
einer Berufung an den Darmstädter Hofnoch an die Universität Gießen,
die zu Hessen-Darmstadt gehört, und wo eben von einer Kanzlerschaft
Wielands die Rede ist. Er war wohl für diese pietistisch-empfindsamen
Kreise doch noch zu sehr der Verfasser der "Komischen Erzählungen".
Wie einst in Bern verfolgte ihn der Ruf seiner früheren Werke, aber
jetzt im umgekehrten Sinn. Er konnte sich für seine Freveltaten nur
Verzeihung von den schönen Seelen erbitten und der Landgräfin in
die Hand versprechen, nichts Anstößiges mehr zu schreiben. 6 ' Damit
war es ihm sicherlich ernst, denn er hatte sich schon früher vorgenom-
men, nach dem "Neuen Amadis" der "Hogarthischen", d. h. also der
realistisch-ironischen Dichtart zu entsagen und sich, wenn er jemals
wieder dichte, mehr seiner "Neigung zum schönen Idealischen" zu über-
lassen.66 Diese Wandlung ist echt und wird in Weimar auch dichterische
Wirklichkeit werden. Aber so gut weinen, wie man es zu Darmstadt
verstand und verlangte, konnte er sicherlich nicht. In einem Brief der
Karoline Flachsland, welcher jene denkwürdigen Tage beschreibt66 , er-

Sengle, Wieland 17 257


Auf dem Gipfel des Ruhms

leben wir mit, wie sie, die Verlobte Herders, mit Gleim Freudentränen
weint, während sie mit ihrem Kopf "aufMercks Busen" liegt, der eben-
falls gerührt ist und mitweint. Für Wieland dagegen, der doch der
wichtigste Gast ist, kann sich diese schöne Seele, so sehr sie es möchte,
nur mühsam erwärmen: "Er ist im ersten Anblick nicht einnehmend.
Mager, blatternarbig, kein Geist und Leben im Gesicht, kurz die Natur
hat an seinem Körper nichts für ihn getan; tritt kalt in die Gesellschaft,
spricht ziemlich viel, insonderheit wenn er Laune hat. Man muß ihn
lange sehen, ehe man ihn kennt: erst eine Stunde vor dem Abschied
habe ich gesehen, daß er warm und empfindsam sein kann; und ich liebe
ihn, da ich ihn als Freund hab' kennengelernt." Es mußte unserm
immer zum Spott geneigten Dichter, dem dieser ganze gefühlsselige
Betrieb wenig anstand, ein Labsal sein, noch einige Tage in dem Land-
haus des Freiherrn von Groschlag bei ruhigem Männergespräch ver-
bringen zu dürfen.
Aber beglückt kam er von dieser anstrengenden Maireise doch zurück,
aufgelockert, in seinem Glauben an die Menschheit gestärkt, vom Ruhme
belebt und mit dem lebhaften Wunsche, ein Jahr oder zwei in Frank-
reich, Italien und England zu reisen. Er hat die Luft des Hofes geatmet,
die Großen der Welt haben ihn, den Großen des Geistes, als Ebenbür-
tigen und fast mit Verehrung empfangen. Fortan tritt sein Gedanke an
eine höfische Stellung oder Pension immer stärker hervor, ohne daß er
darum seine journalistischen und buchhändlerischen Pläne ganz auf-
geben könnte. Er weiß, daß er sogar im literarisch rückständigen Wien,
wo noch das Verbot seines "Agathon" besteht, berühmt zu werden be-
ginnt. Er hat gehört, daß der französische DichterMarquis de Boufflers
einigen WienerDamen vom ersten Range die "Grazien" stückweise "ins
Französische übersetzte, und ihnen dabey tüchtig den Text las, daß
sie, als deutsche Frauen, ihren Landsmann, der solche Verse zu machen
wüßte ... erst durch einen Franzosen kennenlernen müßten". 87 Wel-
chen Hof im Heiligen Römischen Reich gab es, dem es nicht eine Ehre
sein müßte, den Liebling der Musen und Grazien sein zu nennen! Hinder-
lich war nur der Eindruck, den einige seiner früheren Erzählungen hin-
terlassen hatten. Er mußte nun durchaus "honnete" erscheinen, wie
Groschlag forderte, 68 seriös vom Scheitel bis zur Sohle. Gleiins Halber-
stadter Freund Michaelis bekam es zu spüren, als er die an Gleim ge-

243
Höfische Ambitionen

richteten Jugendbriefe des Propstes Spalding veröffentlichte. 69 Nun


hieß es plötzlich: "Qui vult bene vivere, debet de Domino Abbate omnia
bona loquere." 70 Eine Respektsperson greift man ein für allemal nicht
an! Ohne Schonung wird der Schützling des Freundes in der "Erfur-
tischen gelehrten Zeitung" bloßgestellt, und er macht Gleim noch Vor-
würfe dazu: "Seitdem ich mir eine Ehre daraus gemacht habe, der
jetzigen Welt und der Nachwelt zu sagen, daß ich Gleims und Jacobis
Freund bin, seitdem ist die Wut, sich öffentlich zu Freunden meiner
Freunde zu creieren, in alle avortons du Parnasse gefahren." 71 Ja, wie
schwer ist es für denMusarion-Dichter, seinen Ruf zu verbessern. Immer
wieder kommt ein Dichterling mit der unerlaubten Widmung eines ob-
szönen Werks, immer wieder muß man sich der" Freunde seiner Freunde"
schämen. Man kann nicht von der bloßen Abwehr solcher Blamagen
die Gunst Fortunas erwarten. Längst bereitet Wieland seinen nächsten
literarischen Triumph in der Gesellschaft vor. Ein neues glänzendes
Werk muß den positiven Beweis erbringen, daß Wieland ein homme
bonnetel ein ·großer Schriftsteller, ein weiser Lehrer aller Menschen, ja
der Fürsten ist, und die Adresse, an die es sich richtet, kann keine ge-
ring(;re sein als die des Kaisers.

4· "Der Goldene Spiegel." Die Berufung nach Weimar

"Der Goldene Spiegel" (1772) gehörte bei seinem Erscheinen zu den


Büchern, die man gelesen haben mußte, die man aber auch gernelas
und gerne lobte. Von den "Frankfurter gelehrten Anzeigen" bis zur
"Allgemeinen deutschen Bibliothek" fand man mehr zu rühmen als zu
tadeln. Es war ein zeitgemäßes Buch, dessen aktuellen Inhalt und dessen
virtuosen Stil niemand übersehen konnte. Auch heute gehört Wielands
politischer Roman zu seinen berühmtesten Werken, vielleicht deshalb,
weil ein politisiertes Zeitalter der politischen Literatur der Vergangen-
heit überhaupt besondere Aufmerksamkeit schenkt, vielleicht aber auch,
weil "Der Goldene Spiegel" besonders bezeichnend für Wielands ganzes
Wesen zu sein schien. Erkannte man, wie uneinheitlich, mutlos, un-
selbständig das Werk war, so schien das ganz zusammenzustimmen mit

259
"Der Goldene Spiegel"

dem Bild emes modischen, im schlechten Sinne gesellschaftlichen


Dichters, das man sich gerne von Wieland machte. 72
Will man unserm Dichter gerecht werden, so darf man dieses Werk
nicht allzu ernst nehmen. Es ist ein Zeugnis seines Benehmens in einer
bestimmten Situation, ein Abbild der schillernden Außenseite, welche
der berühmte Dichterphilosoph für die tonangebende Gesellschaft zu-
recht machte, nicht ein Bild dessen, was er wirklich war. Wir haben an-
läßlich der Denunziation gegen Schwarz eine Probe seiner diploma-
tischen Geschicklichkeit kennen gelernt, -ein solches diplomatisches
Schrift- und Kunststück ist der "Goldene Spiegel" auch. Wieland stellt
sich mit seinem Programm vor, wie er es zur Erlangung einer neuen
Stellung schon öfters getan. Für den künftigen Hauslehrer in Zürich
genügte ein knapper Prospekt, bei dem Befürworter einer eidgenössi-
schen Akademie war es schon ein eingehender Aufsatz, für den künftigen
Prinzenerzieher und Hofrat braucht es ein gewichtiges Buch mit einem
glänzenden Titel. Die Autorität der Höfe ist zwar bereits zu sehr zer-
setzt, als daß ein höfisches Werk im alten Sinne noch möglich wäre.
Überall, sogar in Wien, wünscht man jetzt Aufklärung, Kritik am Über-
kommenen, Reform, und man tut gut daran, den unerschrockenen
Wahrheitsfreund zu spielen: "Le public, qui n'est pas encore revenu
de sa sotte surprise de me voir jouer tour a tour des personnages assez
differens, ouvrira de grands yeux, en me voyant presenter aux grands
de la terre avec une intrepidite peu ordinaire un miroir qui assurement
ne les flatte pas" .73 So weit pflegten die Interpreten des Werks zu zitieren.
Wieland aber fährt fort: "N'ayez pas peur cependant, mes amis; je
crains ni Bastille, ni Löwengrube, ni feurige Öfen; si je suis persuade
que les princes et les ministres ne m'aimeront pas d'avantage pour ce
livre-Ja, au moins je suis sur, qu'ils se garderont bien de m'en faire plus
mauvaise mine." Der Dichter konnte sich in der Tat sicher fühlen. Der
"Goldene Spiegel" ist keine Kampfschrift, sondern ein vollkommen un-
verbindliches Salongespräch über religiöse und politische Fragen, und
wo etwa bestimmte Lösungen vorgeschlagen werden, sind sie von einer
grotesken Kompromißhaftigkeit, ein genaues Abbild von Josephs II.
Regierung. Schon im August 1772 hatte das Buch die gefährlichen Zen-
suren in Prag und Wien passiert. 74 Wenn Wieland im ersten Teil seine
Priesterfeindschaft so deutlich zeigte, daß die Mainzer Zensur einschri tt 76 ,

260
Kompromißhaftigkeit

so war das weniger ein persönliches Wagnis als eine Verkennung der
politischen Lage in diesem geistlichen Kurfürstentum. Man hat gesagt,
er habe die Mainzer Warnungen nicht beachtet7 8 ; von solcher Unbe-
dingtbei t kann beim damaligen Wieland nicht die Rede sein, denn er
beeilt sich, in einer zweiten Bearbeitung und dann besonders im 2. Teil,
die Wichtigkeit der Religion, na türlieh einer "vernünftigen", immer
wieder zu beteuern, und er läßt in der Tifan-U topie die Priester zu wich-
tigen Gehilfen des Idealmonarchen avancieren. Unter Tifans Nach-
folgern sind sie die Einzigen, die ein hohes Ansehen bewahren, und
die Letzten, welche dem allgemeinen sittlichen Ruin anheimfallen.
Wenn trotzdem die Feindschaft gegen den kontemplativen und daher
"unnützlichen" Stand der Yafaous, der Mönche, aufrechterhalten wird,
so entspricht das nur einer allgemeinen Tendenz des Josephinismus.
Wielands Buch ist geradezu ein Stück der Propaganda, welche der Auf-
hebung des Jesuitenordens (1773) und der Abschaffung von über 700
Österreichischen Klöstern (1782) scharfmacherisch voranging. Bis ins
Einzelne geht die Spaltung zwischen einer offiziellen Religionsbejahung
und einer aggressiven Schilderung der "Mißbräuche". So wird z. B. die
glänzende Satire, welche den Zwist zwischen den Bekennern des blauen
und des feuerfarbenen Affen darstellt (1. Teil, IO.Kap.) und welche Wie-
land begreiflicherweise nicht opfern wollte, durch eine geharnischte Er-
klärung gegen die zunehmende Freigeisterei eingeleitet und gedeckt.
"Geringschätzung der Religion und Ruchlosigkeit gewinnen unbe-
merkt immer mehr Grund; die ehrwürdige Grundfeste der Ordnung und
der Ruhe der menschlichen Gesellschaft wird untergraben und unter
dem Vorwande, einem Übel, welches größtenteils eingebildet ist, zu
steuern, arbeitet der zügellose Witz, in den Mantel der Philosophie ein-
gehüllt, der menschlichen Natur ihre beste Stütze und der Jugend ihre
wirksamste Triebfeder zu entziehen." Solche Sprüche stehen allent-
halben neben religionsfeindlichen Schilderungen. Er weiß jetzt, was er
seiner gesellschaftlichen Stellung schuldig ist.
Indem die Religion, wie in der vorstehenden Äußerung, nach ihrem
staatsbürgerlichen Nutzen beurteilt wird, verliert sie ihren primären
Sinn. Auch den eigentlich politischen Ideen des Buches fehlt jede Ent-
schiedenbei t. Wieland besitzt freilich einen durchdringenden Scharfblick
für Realitäten, der sich auf dem Gebiet der Politik nicht so leicht täu-

26r
• Der Goldene Spiegel"

sehen läßt. Treitschkes vielzitierter Ausspruch, er sei "der einzige


unter unseren Klassikern" gewesen, "der den Wendungen der Tages-
politik mit reger Teilnahme folgte", hat auch schon für diese Lebens-
phase Gültigkeit. Seine Skepsis, seine Kenntnis des Menschen, sein süd-
deutscher Sinn für das Nahe und Konkrete, sein Umgang mit maß-
gebenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, alles dies wirkt zu-
sammen, um seinen politischen Urteilen eine Reife zu geben, die damals
bei einem deutschen Bürger sehr selten war. Klopstacks politische
Äußerungen wirken, damit verglichen, geradezu infantil. Es ist durch-
aus denkbar, daß Wieland ein politisches Amt übernommen hätte, er
wäre dazu wahrscheinlich besser geeignet gewesen als zum Prinzen-
erzieher. Der Plan, ihn in Gießen oder Erfurt als Universitätskanzler
zu verwenden, gewinnt erst von solcher Einsicht aus die richtige Be-
leuchtung.
Aber er war nicht der politische und humanitäre Lehrer oder Reformer,
als der er sich aufspielte. Man braucht nur an die großen französischen
Theoretiker der Zeit und an die beiden Moser, seine schwäbischen
Landsleute, oder an die Träger der helvetischen Gesellschaft zu denken,
um das mit Bestimmtheit zu fühlen. Sein alter Freund Iselin, der Basler
Stadtschreiber und unvergessene Begründer des Schweizer Wohlfahrts-
wesens, stellte zwar in einem Schreiben an seinen Kollegen Hirzel in
Wintertbur fest, Wieland "kehre wieder zu besseren Grundsätzen
zurück". 77 Die allseitige Konzilianz des Modeschriftstellers trägt die er-
warteten Früchte; sogar der fromme Lavater war nicht abgeneigt, ihn
zu preisen. Aber wenn man Iselins Besprechung des "Goldenen Spie-
gels" in der "Allgemeinen deutschen Bibliothek" (1772) liest, so emp-
findet man doch hinter allem Lob den Abstand, der den verantwortungs-
freudigen und konsequenten Aufklärer von dem "Mann von Witze und
von Einbildungskraft, welcher diese der Philosophie abgeborgten Er-
kenntnisse mit Reiz und Anmut ausschmücket", trennt. In den Fra-
gen der politischen Theorie fühlt sich der Schweizer mit Recht über-
legen; er kritisiert Wielands strenge Klasseneinteilung, seine seit-
samenÄußerungen über den Bauernstand, seine übertriebenen Hoffnun-
gen auf den einen Herrscher und anderes dergleichen. Auch beginnt
er schon, auf die Entleihungen, überhaupt auf die Unselbständigkeit
des Buches aufmerksam zu machen. In dieser Hinsicht sind seine

26r
Unselbständigkeit

Schwächen der historischen Forschung von heute natürlich noch mehr


offenbar. Nicht nur sehr viel fremdes Gedankengut (von Aristoteles,
Plato, Montesquieu, Rousseau, dem älteren Mirabeau, Abbt, Zimmer-
mann, Iselin) 78 findet man in dem Buch, sondern auch dichtungsge-
schichtlich steht es am Ende einer langen Reihe, eben durch die "Aus-
schmückung'' der staatstheoretischen Gedanken. Xenophons ,,Kyro-
pädie" hatte ihn schon früh beschäftigt, und als den Schweizer Haus-
lehrer die ersten höfischen Ambitionen anwandelten, war es, ziemlich
wirklichkeitsfern, ein Cyrus-Epos gewesen, womit er die Aufmerksam-
keit eines Monarchen auf sich ziehen wollte. Jetzt hatte die Spirale der
Entwicklung ihn und die ganze Aufklärung in eine ähnliche Situation
zurückgeführt. Wieder träumte man vom Idealmonarchen und hoffte,
die deutschen Herrscher werden sich mit dem deutschen Geist ver-
binden. Der Staatsroman, dessen sich Wieland jetzt zur Gewinnung
der Mächtigen bediente, war im Grunde, nicht anders als das Epos,
eine überlebte Gattung, aber in diesem Augenblick, wie die ganze
Barocktradition, nochmals zu einer kurzen Blüte gekommen. Der "Beli-
sar" Marmontels, das "Jahr 2440" Merciers erregten große Aufmerk-
samkeit, und sogar Albrecht von Haller's müder Geist versuchte sich
seit 1771 noch in Staatsromanen. Der berühmte "Philosoph" in Erfurt
konnte es sich nicht versagen, auch einen zu verfassen. Derselbe Dichter,
den wir als Erneuerer der epischen Formen, insbesondere als Begründer
des humanen Individualromans kennengelernt haben, rudert plötzlich
mit wichtiger Miene, wenn auch nicht ohne versteckte Ironie, im allge-
meinen Strom der IiterarischenMode zum Hafen eines höfischen Glücks.
Hallers "Usong" (1771), weit entfernt ihm zu schaden, dient dem Be-
rühmten zur Folie, zum Beweis, daß heute er der große Dichter ist.
Größeren Einfluß als dieser brave Roman, den unser Dichter vielleicht
nicht einmal gelesen hat, 79 gewann aufWieland das WerkMerciers, wenn
er es auch keineswegs wagte, mit seiner Kühnheit zu wetteifern. Das
politische Ethos der deutschen und französischen Literatur trennt sich
in diesen beiden Romanen schon recht deutlich voneinander, und man
kann nicht einmal sagen, daß Wieland an die Stelle von Merciers revo-
lutionärem Wollen eine "deutsche Synthese" von Alt und Neu gesetzt
hätte; die Ideen des "Goldenen Spiegels" sind vielmehr ein oberfläch-
licher Kompromiß, ein bloßes Konglomerat.

243
"Der Goldene Spiegel"

Welche Frage man auch immer betrachte,- Wieland hält eine doppelte
Antwort bereit. Rousseau redet, seiner Herkunft und Gesinnung gemäß,
den Kleinstaaten das Wort. Auch Wieland entwickelt das Bild eines
kleinen idealen Völkchens, das fern von der Welt in freiwilliger Abge-
schlossenheit lebt (1. Teil, 3.-6. Kap.), und er ironisiert, im Unterschied
zu den frühen Erfurter Darstellungen, diesen Zustand nicht. Er gibt
diesen "Kindern der Natur" soviel Kultur und Wollust, als dem Men-
schen zuträglich erscheint, und verkörpert in ihnen überhaupt sein eige-
nes idyllisches LebensideaL Aber es bleibt nicht bei diesereinen Utopie.
Der Verehrer Josephs versäumt nicht, zu betonen, daß ein solcher Klein-
staat nur vom Zufall und von der Gnade seiner Nachbarn lebt. Ein
großer Staat braucht große Leidenschaften, große Macht; das fingierte
Scheschian, dessen Geschichte er erzählt, ist groß. So ergibt sich im
zweiten Teil, als die Satire wieder durch eine Utopie abgelöst wird, die
Möglichkeit, einen großen Idealstaat mit seinem Herrscher zu schil-
dern, und dieses Reich, das Scheschian des edeln Tifan, sieht ganz
anders aus als das kleine Ländchen, welches nach der Lehre des Natür-
lichkeitsapostels Psammis lebt. Es gleicht einem modernen absolutisti-
schen Großstaat auf ein Haar. Es kennt Gesetze, Steuern, Preiskon-
trollen, staatliche Erziehungshäuser, Ehezwang, Klassenherrschaft und
stehende Heere. Kein Raum ist dem philosophischen Müßiggang eines
Diogenes, dem musischen Spiel der "Kinder der Natur" oder der from-
men Kontemplation kirchlicher Orden vergönnt. Die geistlichen Brüder,
sofern es ihnen nicht gelingt, sich nützlich zu machen, müssen das Land
verlassen, und sogar die Soldaten haben durch Arbeitsdienst zur Wohl-
fahrt des Landes beizutragen. Der Unterschied, welcher zwischen den
beiden Utopien besteht, ist gewaltig, und es bleibt dem Leser über-
lassen, für welche er sich entscheiden will.
Ob der König als Herrscher von Gottes Gnaden regiert oder ob er durch
Vertrag an die Gesellschaft verbunden ist, bleibt ebenfalls unentschie-
den. Die beiden Meinungen werden additiv nebeneinander gestellt;
wieder kann sich jeder die These, die ihm am besten behagt, heraus-
suchen. Entsprechend dieser prinzipiellen Zwiespältigkeit schillert Tifans
Herrschaft, so wie sie beschrieben wird, mannigfaltig zwischen Absolu-
tismus und republikanischer Freiheit. Die Adeligen und die Bürger-
Wielands Lesepublikum- erfahren unterTifan eine starke Vermehrung

243
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"DER GOLDENE SPIEGEL"


"Der Goldene Spiegel"

ihrer Geltung. Sie sind zum Teil reicher als der tugendhafte König,
dessen Schatz in der Wohlfahrt seiner Mitbürger besteht, und haben
einen gewaltigen Einfluß auf den Staat. Trotzdem darf beileibe nicht
der legitime Anspruch einer vererbten absoluten Herrschaft preisge-
geben werden. Tifan, der fern vom Hofe zum idealen Herrscher erzogen
wurde, geht in dem Augenblick, da der schlechte Herrscher Isfandiar
durch eine Revolution umgekommen ist, unter die Bewohner Sche-
schians. Er wird, obwohl niemand seine Abstammung kennt, sogleich
zum König gewählt, weil er der Beste ist. Nun aber tritt,damit auch die
Legitimisten ihren Anteil haben, Dschengis, Tifans Lehrer, hervor und
verkündet, daß sein Schützling der rechtmäßige Erbe des Thrones ist.
Diese Szene repräsentiert die politische Zwiespältigkeit des Buches, sein
romanhaftes Harmonisieren, vielleicht am sinnenfälligsten.
Bewunderungswürdig ist, wie fast immer bei Wieland, die formale Seite
des Werkes. Sie gewinnt, eben weil der vorgetäuschte Ernst des Staats-
romans ein virtuoses Jonglierspiel erfordert, höchste Bedeutung. Man
wird bis zu ThemasManns ;päten Werken gehen müssen, um eine eben-
bürtige Virtuosität im Spiel der Nuancen, in der Handhabung der ver-
schiedenen Vortragsarten, in der ironischenMenschendarstellung, in der
Lucidität kompliziertester Satzperioden wiederzufinden. Wieland ist
zwar gemächlicher, launischer und damit eben doch noch unmittelbarer
als der große Repräsentant unseres Maschinenzeitalters, aber der For-
malismus geht auch schon in dieser Rokoko-Spätkunst sehr weit. Man
pflegt den Rahmen, dessen sich der Dichter zur Erzählung der Ge-
schichte von Scheschian bedient, für eine bloße "Einkleidung" von
Wielands Lehren zu halten. Allein bei näherem Zusehen kann dem Be-
trachter nicht entgehen, daß diese Form der Darbietung das Werk bis
zu seinem Kern durchdringt und dadurch eben die Verbindlichkeit von
Danischmends Lehre zweifelhaft erscheinen läßt. Es ist nicht einfach
so, daß der orientalische Philosoph die Meinung Wielands vorträgt -
wie man immer liest und wie auch der Dichter einem weiteren Publikum
glauben machen wollte. Schach Gebal ist ein viel zu kluger Zuhörer und
Gesprächspartner, als daß er nicht auch Geist von Wielands Geist hätte,
und unser Dichter mißtraut seiner philosophischen Rolle viel zu sehr,
als daß er sich nicht auch mit dem Schach heimlich über den Utopisten
lustig machen würde. Das Ganze ist ein verkappter Dialog, eine Form,

243
Virtuosität der Darstellung

welche ja dem Dichter immer besonders gemäß war: ein Gespräch zwi-
schen dem theoretischen und dem praktischen Politiker, ein Gespräch
ohne Ergebnis. Aufklärung und Humanität sind schöne Dinge, aber wie
soll man schließlich vom freien Staate gar so viel erwarten, da das "Volk
ein gar launisches grillenhaftes Tier" bleibt. In der Feststellung dieses
Faktums ist der Philosoph mit dem Sultan einig, ja er läßt ihm sogar
seine Zweifel am Segen der fortschreitenden Kultur gelten, und gibt
endlich zu, daß Tifans Verfassung "gar zu schön, gar zu gut, gar zu ver-
nünftig" ist, "für so alberne Tiere als die Menschen sind" (II. Teil,
I6. Kap.). So mündet die Utopie notwendigerweise wieder in die Satire
und nähert sich damit de.< "Geschichte der Abderiten", in welcher Wie-
land die Komödie von dem Narrenturn der menschlichen Gesellschaft
mit der ungeteilten Kraft seines Wesens darstellt.
Im "Goldenen Spiegel" verbinden sich Aufklärungsoptimismus und
Rokokopessimismus, Fremdes und Eigenes, Philosophie und Dichtung,
Auflehnung und Unterwürfigkeit, Machthunger und idyllische Sehn-
sucht (und was nicht noch sonst?) zu einer Mischung, die nicht
dem Kern des Dichters, sondern seinem augenblicklichen Irrweg, der
Jagd nach Sicherheit und Ruhm, entspricht. Dies gilt besonders für die
Fassung von I 772. Während nämlich die Fassung letzter Hand (I 794)
auf die Regierungszeit Tifans den erneuten Verfall des Reiches folgen
läßt und damit auch diesen Idealherrscher sub specie aeternitatis be-
trachtet, fehlt dieser Schluß in der ersten Veröffentlichung. Hier gibt
sich -zwischen dem "Diogenes" und den "Abderiten" ! - der große
Ironiker die Miene, als glaube er an den Anbruch des goldenen Zeit-
alters unter dem großen Kaiser der Aufklärung. Damit seine Gesin-
nungstreue ja nicht übersehen wird, schickt er ein Exemplar an
Joseph II. Riedel, seinen Wegbereiter m Wien, weist er auf eine
panegyrische Stelle in dem Buche hin 8 o und dem Staatsrat von Gehler,
seinem Wiener Bundesgenossen, schreibt er mit der stets bereiten
Feder des literarischen Weltmanns: "Billig erwarten wir von Josephs
Zeiten alles, was schön und gut und groß und herrlich ist. Glücklich,
wer gelebt hat, seine Tage zu sehen, glücklich, wer dazu ersehen ist,
in dem glorreichen Werke, ganze Nationen zu bilden, zu erleuchten
und glücklich zu machen, sein Gehilfe zu sein."B 1 Schon der undichte
Stil verrät, wie flüchtig das alles hingesagt ist.

243
Die Berufung nach Weimar

Vor Beginn der Arbeit am "Goldenen Spiegel" hatte Wieland dem Ver-
fasser der "Lieder eines preußischen Grenadiers" geschrieben: "Warum
ist Ihr König, den Sie (unter uns gesagt) ein wenig mehr lieben, als er
von deutschen Dichtern geliebt zu sein verdient, nicht Musaget genug,
einem Poeten, der am Ende doch wohl einer so gut ist, als ein französi-
scher, ein Canonicat zu H. [alberstadt] gratis zu geben? Ich bin allen
großen Herren feind, wenn ich bedenke, wie wenig sie sich um unseres
gleichen kümmern." 82 Zu diesen großen Herren gehört auch Joseph II.
Hier hört man, bis in den Stil, Wielands wahre Sprache. Esgeht nicht
so sehr um die Politik der deutschen Großmächte oder um die kultu-
rellen Beglückungen, welche dem Volk von den Herrschern der Auf-
klärung bevorstehen könnten, als um die Existenz eines Dichters, der
sich ungestört im Frieden seines Hauses einrichten und seiner Kunst
leben möchte. Wer wird ihm dazu helfen?
In Wien, das zeigte sich schon während der Arbeit am "Goldenen
Spiegel", standen seine Aussichten nicht gut. Mochte sich auch ein Teil
des Hofes an seinen Schriften ergötzen, Maria Theresia selbst verstand
in Sachen der Religion und der Sitte keinen Spaß und hielt in ihrem
Österreich die Zügel der Regierung fest in der Hand. Es gelang zwar
dem freisinnigen Fürsten Kaunitz, der auch Lessings Sache förderte,
die Genehmigung zu Riedeis Berufung von der Kaiserin zu erlangen.
Er sollte mit einem Gehalt, der ein Mehrfaches seiner Erfurter Bezüge
betrug, Professor an der neuzugründenden Akademie der bildenden
Künste werden. Es ist wohl kein Zufall, daß der kleine Schriftsteller
berufen und die beiden großen übergangen wurden; denn Sonnenfels,
der aufklärerische Kulturdiktator in Österreich, wachte eifersüchtig über
seiner Vormachtstellung. 88 Aber auch Riedeis Berufung scheint kein
Werk gerrauer Prüfung gewesen zu sein. Noch ehe Wielands Freund in
Wien eingetroffen war, überreichte der in Erfurt abgesetzte Pater Sirnon
Jordan der Kaiserin eine Anklageschrift, in der er behauptete, Riede!
und seine GenossenMeusel, Bahrdt, Wieland seien zügellose Freigeister
und Epikuräer; sie hätten in den sächsischen Fürstentümern viele Skan-
dale erregt. 8 ' Die Denunziation hatte den erwarteten Erfolg. Als Riede!
den Erfurter Gerichten endlich entronnen war, stand er in Wien vor
einerneuen Anklage. Es war für einen Welterfahrenen leicht, vorauszu-
sehen, daß sie nicht so leicht zu widerlegen war. Wieland mußte sich

268
Weimar statt Wien

noch mehr belastet fühlen als Riedel, der in seiner Verteidigungsschrift,


nach der Schilderung ärmlicher "philosophischer Mahlzeiten" mit dem
Dichter, einräumen konnte: "Hätte Wieland in seinen Schriften Sätze,
welche anstößig erscheinen, so gehört das nicht hieher." 85 Die Restau-
rierung von Wielands sittlichem Ruf kann in der fernen und katholi-
schen Kaiserstadt nicht so rasch vonstatten gehen. Vielleicht muß man
sogar auf die Selbstregierung Josephs li. warten! So tritt ein neuer,
protestantischer HofindenMittelpunkt von Wielands Interesse. Er soll
das Experiment und womöglich das Sprungbrett für den Ehrenplatz
am kaiserlichen Hofe sein.

Der Hof der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar ist zunächst
nichts weiter als einer der vielen hohen Kreise, die sich für den be-
rühmten Dichter interessieren und seine Gesellschaft suchen, solange
keine Verpflichtungen daraus erwachsen. Schon im Frühjahr 1770 war
er nach Weimar eingeladen worden, aber das Leipziger Reiseprogramm
war dem Dichter damals wichtiger gewesen. Erst Ende 1771, als die
konservative Reaktion in Mainz und Wien stärker wurde, kam er der
Einladung nach. Der einflußreichste Gönner Wielands am Hofe von
Weimar war der Erzieher der Prinzen, GrafGörtz, ein Freund Dalbergs
und Groschlags, ein leidenschaftlicher und nicht immer selbstloser Be-
wunderer der schönen Geister. Die solide und nüchterne Gegenseite,
welche den Musenjüngern mißtraute, fehlte nicht, und sie fand
ihr Haupt in dem durch Goethes Biographie bekannt gewordenen Ge-
heimen Rat und Freiherrn von Fritsch. Wieland machte in Weimar
einige Besuche, welche sich zum Teil über mehrere Wochen erstreckten.
Sie erhielten dadurch menschliche Bedeutung, daß die verwitwete Her-
zogin geistig ungewöhnlich aufgeschlossen war und sich über die Er-
ziehung ihrer vaterlosen Söhne viele Skrupel machte. Wieland huldigte,
wie er später bekennt, "der schönen damals 34jährigen Regentin mit
vollem Enthusiasmus" .8' Auch Anna Amalia, welche bei aller Herzens-
wärme unvoreingenommener und intellektueller als die Landgräfin
Karoline war, fand Gefallen an dem Dichterphilosophen und bat ihn
fast mit Ehrfurcht um seinen Rat bei der Erziehung ihrer Söhne. Zwei
überlange, von Gemeinplätzen nicht freie Briefe des Dichters geben
einen Eindruck von der Rolle, welche Wieland als Anna Amalias

243
Die Berufung nach Weimar

"Danischmende" spielte. Natürlich hat er ihr früh den "Goldenen Spie-


gel" in die Hände gegeben. Sie glaubte nach Frauenart mehr an die
Lehre des Philosophen als dieser selbst. Äußerlich freilich legte er jetzt
großen Wert darauf, als "Philosoph und Christ" zu erscheinen und
Autorität zu erlangen.s7
Allmählich ergab sich der Gedanke, Wieland enger an den Weimarer
Hof zu binden. Graf Görtz, der in ihm einen Bundesgenossen gegen den
amusischen Geheimrat von Fritsch erblickte, ging aufs Ganze und be-
trieb seine Berufung in eine feste Stellung. Fritsch aber war in dieser
Sache für Sparsamkeit, und unter seinem Einfluß bat die Herzogin den
Dichter nur, einen Urlaub zu nehmen und ihre Prinzen sechs Monate
lang in Philosophie zu unterrichten. Wieland lehnte sehr höflich, aber be-
stimmt ab: man könne die Philosophie nicht in sechs Monaten lehren, denn
sie sei el was anderes als eine schulmäßige Tünche von Logik undMetaph y-
sik, und an Görtz schrieb er noch deutlicher, er wollenicht als Philosophie-
lehrer, sondern als Philosoph berufen werden. Der deutsche Voltaire und
Shaftesbury wußte, was er seinem Rufe schuldig war! Wieder beriet man
in Weimar; und wie es scheint, gab in dem Kampf zwischen Görtz und
Fritsch der 15jährige Erbprinz Karl August selbst den Ausschlag. Er
wünschte, wenn er schon nicht reisen durfte, was eigentlich sein Wille
war, den weltmännischen Erfurter Philosophen zum Lehrer.
Am 17. Juli 1772 bot Anna Amalia dem Professor Wieland goo Tale.t:
jährliches Gehalt, den Titel eines Hofrats und 500 Taler jährliche Pen-
sion für die Zeit nach Erledigung seiner Erzieherfunktion. Es waren
Bedingungen, welche die Eingeschränktheit eines kleinen Landes offen
genug verrieten, und Anna Amalia hatte guten Grund, an Wielands
Selbstlosigkeit zu appellieren.ss In Wien hatte er, nach dem Angebot
an Riede! zu schließen, mindestens das doppelte Einkommen zu er-
warten. Es war daher nicht unbescheiden, wenn Wieland eine Auf-
rundung des Gehalts auf rooo Taler .und eine Pension von 6oo Talern
ohne Bindung an Weimar forderte. Auch die Beschränkung seiner
Erziehertätigkeit auf drei Jahre und die Bitte um Vergütung seiner
Umzugskosten waren nichts Außergewöhnliches. Weimar konnte in
diesem Augenblick froh sein, um diesen Preis den berühmten Mann ge-
wonnen zu haben, und zögerte nicht, die Bedingungen zu erfüllen. Man
muß die ganze Philosophie- und Geniegläubigkeit jener Tage kennen,

270
Forderungen und Motive

um sich richtig vorzustellen, wie große Dinge man von der Erziehung
des Erbprinzen durch einen solchen Mann erwartete.
Befremdlicher als Wielands weltmännisches Verhalten in der Berufungs-
frage ist die Tatsache, daß er sich in dem Augenblick, da die Verhand-
lungen mit Weimar abgeschlossen waren, zur Gründung des "Teutschen
Merkur" entschloß. Anstatt sich auf sein Amt, von dessen erhabener
geschichtlicher Bedeutung er so viel redet, einzustellen, lädt er sich eine
neue Aufgabe auf, von der er weiß, daß sie einen sehr großen Teil seiner
Zeit und seiner Kraft beanspruchen muß. Die Deutung dieses Wider-
spruchs, der als solcher schon Seuffert aufgefallen ist, führt uns tiefer
in Wielands "geheime Geschichte".
Er hat weder den Ehrgeiz noch das Ethos eines echten platonischen
Philosophen. Der Dichter des "Agathon" erwartet von einer Hoflauf-
bahn keine großen Erfolge und Wirkungen. Er betritt, so darf man
sagen, den Hof schon mit dem Gefühl des Abschieds. Darum fordert
er, durch seine Pension nicht an Weimar gefesselt zu sein. Das höfische
Leben ist für ihn nicht mehr in sich selbst sinnvoll, sondern hat nur
den Zweck, ihn dem alten Ziele völliger Unabhängigkeit näher zu
bringen. Sein Wert läßt sich in runden Zahlen ausdrücken, und auch
Wien und Weimar unterscheiden sich vor allem durch diese Zahlen.
Er ist ein Intellektueller, ein Künstler, der im Geiste lebt. Dieser aber
ist, auch für den Rokokokünstler, nicht von dieser Welt. Er handelt,
wenn er überhaupt handelt, sehr irdisch, um im eigentlichen Sein mög-
lichst unabhängig vomMateriellen zu sein. Er muß, solange er berühmt
ist, Geld verdienen, viel Geld. Er weiß, daß die Sonne nicht immer im
Mittag stehen wird. In den Briefen an Görtz tritt einmal eine nicht
näher bezeichnete "idee favorite" hervor 89 , die mit der Berufung nach
Weimar konkurriert, aber sich vielleicht mit ihr verbinden läßt. Sicher-
lich sind es bereits seine journalistischen Pläne. Sie wird er nicht auf-
geben. Auch die eifrige und peinlich berührende Bitte an alle seine Be-
kannten, für die Subskription der zweiten "Agathon"-Ausgabe zu
werben, entspricht dem einzigen Ziel, so bald wie möglich von allen
beruflichen Verpflichtungen unabhängig zu werden und das Leben
eines freien Schriftstellers führen zu können. Dies scheint bei seinem
literarischen Erfolge immer weniger unmöglich zu sein. Soeben kommen
neue Nachrichten von seinem Weltruhm: eine italienische Übersetzung

271
Die Berufung nam Weimar

seiner ·werke beginnt zu erscheinen, und die Zarin Katharina hat


auf 20 Exemplare des "Agathon" subskribiert; auch der König von
Schweden und die Königin von England sind seine Subskribenten.
Der Prinzenerzieherberuf in Weimar ist also trotz aller schönen Worte
Nebensache. Um sein Ansehen bei den katholischen Höfen nicht zu ver-
lieren, hat er die ausdrückliche Bedingung gestellt, daß Anna Amalia
selbst ihn von Mainz losbitte, und das ist in für ihn sehr ehrenvollen
Wendungen geschehen. Er hat sich nicht mit Haut und Haaren in die
protestantisch-preußische Einflußsphäre begeben, zu der Weimar ge-
hört. Er ist aus Gefälligkeit dem Wunsche der Herzogin nachgekommen,
aber, das gibt er seinen Vertrauten zu verstehen, Weimar ist nicht sein
eigentliches Ziel. Als er Riede! von seiner Berufung Nachricht gibt,fügt
er hinzu: "Quoiqu'il en soit je serai toujours aux ordres de Joseph II,
mon Souverain ne, des qu'illui viendra en tete de m'avoir. C'est mon
Tifan; ou parler plus juste, c'est mon Heros, je l'aime et c'est un senti-
ment qu'il partage avec bien peu de Potentats in Christendom." 90 Der
schwäbische Reichsstädter ist dem Kaiser mehr als seinem norddeut-
schen Fürsten verpflichtet, er träumt von einer kulturellen Einigung
Deutschlands: Wien "sollte in Deutschland sein, was Paris in Frank-
reich ist".91 Es ist das allgemeine Ziel, das die deutschen Dichter, auch
Klopstock und Lessing, damals oder später ersehnen: eine zentral or-
ganisierte und vom Kaiser subventionierte deutsche Kultur. Die Rolle
in ihr, zu der sich Wieland in dem Augenblick, da er in Weimars Dienste
tritt, unmißverständlich anmeldet, ist bescheiden. In Paris gibt es einen
staatlich geförderten "Mercure de France". Wieland gründet, als fort-
währenden Vorwurf für den Kaiser, den "Teutschen Merkur".
Die Art, in der er seine Sache in Wien betreibt, ist nicht immer schön.
Daß er sich unmittelbar an den Staatskanzler Kaunitz wendet, um
sich gegen die Anklage Sirnon Jordans zu rechtfertigen, ist nicht sehr
stolz, aber verständlich. Daß er die Stücke des Wiener Staatsrates Geb-
Ier, deren Schwäche ihm nicht entgehen konnte, preist und in Weimar
fleißig spielen läßt, ist schon recht bedenklich, daß er aber Freund Riedel
in dem Augenblick preisgibt, als dessen Glück in Wien zu sinken be-
ginnt, zeigt, daß Wieland im Augenblick seines höchsten Ruhmes auf
der tiefsten Stufe seiner Menschlichkeit angelangt ist. Im November
1772 bedauert er in einem Briefe an Gehler seine gutherzige Unter-

272
HERZOGIN ANNA AMALIA (um 1775)
Die Zeit des aktiven Hofdienstes

stützung Riedeis und bittet, ihm bei der Beitreibung der 30 Louisd'ors,
die er ihm geliehen hat, behilflich zu sein. 92 Es geht wohl nicht so sehr
um das Geld, als um eine ausdrückliche Geste, die ihn von dem un-
glücklichen Riede! distanzieren soll. Auch der Briefwechsel mit dem
Freund wird abgebrochen. Vae victis!
Wir dürfen den dunklen Schatten, der aus dem Abgrund des Unmensch-
lichen auf Wielands Bild fällt, nicht vertuschen. Gerade jetzt, da er mit
vielen humanen Reden Kar! Augusts Lehrer wird, schillert sein Cha-
rakter am unheimlichsten. Er bedarf, um wieder zu sich selbst zu kom-
men, wie am Ende der Schweizer Jahre, der Züchtigung und der Ver-
lassenheit.

5· Die Zeit des aktiven Hofdienstes.


Resignation. "Ge schieb te des weisen Danischmend"

Wenn man von dem Weimarer Wieland spricht, pflegt sich von vorn-
herein das Bild vom "Vater Wieland" und vom abgeklärt-ruhigen
Freunde der Herzoginmutter einzustellen. Noch Seufferts Aufsätzenus,
die auf einem reichen Wissen beruhen, kann man den Vorwurf einer
verwischenden und harmonisierenden Darstellung nicht ersparen. Wie-
land soll, von momentanen Verstimmungen abgesehen, zur Zufrieden-
heit der Herzogin und mit dem besten Erfolg seine Aufgabe erfüllt
haben. Die Wahrheit ist, daß unser Dichter in der schwierigen Über-
gangsepoche zwischen Anna Amalias Regentschaft und Kar! Augusts
Selbstregierung durch sein nervöses Temperament, aber auch durch
seine ehrgeizige Diplomatie viel eher verwirrend als heilsam auf den Hof
von Weimar wirkte, und daß er erst in einer allmählichen und für alle
Teile schwierigen Entwicklung in die Stelle rückte, die seiner schwachen
Persönlichkeit und der einseitig kontemplativen Richtung seines Wesens
zukam. Das Experiment, den Danischmend in Weimar zu spielen,
konnte schon deshalb nicht gelingen, weil es nur als Spiel, mit einem
Bruch teil seiner Existenz, nicht in voller Verantwortung unternommen
wurde. "Das war auch ein Einfall, einen Landesherrn durch Wieland
erziehen zu lassen", so spottet, als die Komödie zu Ende ist, der alte
Haller ziemlich treffend. 94

274
Ideal und Wirklimkeit

Die Fürstentümer Weimar und Eisenach, über die Anna Amalia bis
zum Regierungsantritt ihres Sohnes (1775) gebot, zählten nicht einmal
100000 Seelen. Dennoch saß auf dem kleinen und armen Lande ein un-
geheurer Kopf von Ämtern und Kollegien, wie es die differenzierten
Verwaltungs- und Rechtsverhältnisse des Jahrhunderts erforderten.
Von idyllischer Simplizität war in diesem Staat, so klein er war, wenig
zu spüren; nur das Militär entsprach einigermaßen den Idealen der Auf-
klärung, denn es beschäftigte sich weit mehr mit friedlicher Arbeit als
mit dem Dienst an der Waffe.s5 Auch die Erziehung des Prinzen wurde
mit einer Umständlichkeit betrieben, die in Wien oder Berlin kaum
größer sein konnte. Wieland war seiner dienstlichen Funktion nach nur
ein Rad in der Erziehungsmaschine, die Graf Görtz als Gubernator der
Söhne Anna Amalias bediente. Es war eine ganze Reihe von Instruk-
toren neben dem Dichter tätig, so daß seine eigentlichen Unterrichts-
verpflichtungen nicht allzu groß gewesen sein können. In dem Prome·
moria, das Wieland bei seinem Amtsantritt einreichte, verspricht er
zwar sehr viel; er will Psychologie, Kosmologie, philosophische Theo-
logie, natürliche Rechtswissenschaft, Polizeiwissenschafte11- und Staats-
ökonomie lehren, die ersten drei Wissenschaften nach Ferguson, die
übrigen, die "Philosophie des Fürsten", nach einem selbst zu verfassen-
den Lehrbuch. 96 Aber beim praktischen Unterricht wird er es nicht so
genau genommen haben, wie sich auch ein Lehrbuch über die Philoso-
phie des Fürsten nicht erhalten hat. Es war ja eigentlich im "Goldenen
Spiegel" schon gegeben. Wie dieser wird Wielands Unterricht mehr
durch Esprit als durch Gründlichkeit ausgezeichnet gewesen sein; doch
war Karl August begabt und frühreif genug, um durch einen solchen
Unterricht nicht nur entzückt, sondern auch bereichert zu werden; und
um den jüngeren Prinzen Konstantin kümmerte sich der große Mann
wenig. Wieland war damals der Betreuer des Theaters, der gefeierte
Autor der "Alceste", der Herausgeber des sehr erfolgreichen "Teut-
schen Merkurs" und infolgedessen das Ziel von so ungeheuer viel Brie-
fen, daß er sie nicht einmal alle lesen, 9 7 geschweige denn beantworten
konnte: Für den Unterricht bei den Prinzen blieb nicht allzuviel Kraft
und Zeit oder gar Seele übrig. Man hört sehr früh von Beurlaubungenss,
und die Abwesenheit des Hofes ist für ihn jedesmal ein Fest. Er ist viel
zu beschäftigt, um sich der Erziehung eines Jünglings oder dem Selbst-

Sengle, Wieland lü * 275


Die Zeit des aktiven Hofdienstes

genuß der höfischen Gesellschaft ungestört hingeben zu können. Es


gibt kaum einen Brief, in dem er nicht über seine Lage klagt; sie ist
nach seinen eigenen Worten dadurch gekennzeichnet, "daß er mit Be-
schäftigungen überhäuft ist, und dem ungeachtet, er wolle oder nicht,
einen großen Teil seiner Zeit bey Hofe mit Müßiggehen zubringen
muß". 99 Sein Ehrgeiz oder vielmehr sein Finanzprogramm haben ihn
in Verhältnisse geführt, die überaus quälend sind und seine dichterische
Substanz aufzuzehren drohen. Immer wieder begegnet die Klage, seine
dichterische Kraft sei im Schwinden.
Indes waren es nicht irgendwelche sachlichen Mängel beruflicher oder
dichterischer Art, welche Anna Amalia enttäuschten, sondern sein Ver-
halten als Mensch. Sie hatte einen Philosophen im hohen Sinne der
Aufklärung erwartet, einen Weisen, der die Dinge übersah und ihren
allzu eigen-sinnigen Sohn durch die letzten drei Jahre seiner Un-
mündigkeit ohne Gefährdung und ohne Entfremdung von seiner Mutter
hindurch geleitete. Anstelle davon fand sie einen Menschen, der ihrem
Ideal eines "starken Kopfes" weniger entsprach als sie selbst, der den
selbstherrlichen Erbprinzen noch mehr verwöhnte, statt ihm die Wahr-
heit zu sagen und ihn in das entsagungsvolle Amt eines guten Landes-
vaters einzuführen. Wieland ließ sich von dem ehrgeizigen Grafen Görtz
ins Schlepptau nehmen und huldigte mit ihm der aufgehenden Sonne,
statt Karl August als den 15jährigen, unfertigen Jüngling zu nehmen,
der er bei aller Begabung war. Es ist wahrscheinlich, daß Wieland wie
Görtz großartige Spekulationen auf die Zukunft des Erbprinzen machte.
Wir wissen ja schon, daß dem vom Ruhm Verwöhnten die gegenwär-
tige Stellung nur ein Sprungbrett war.
Es scheint, daß der Weimarer Hof, der schon damals redlicher und
humaner als mancher andere war, das verantwortungslose Spiel der
beiden ersten Prinzenerzieher nicht billigte. Als der Dichter in einem
Briefe an Zimmermann sich seines herzlichen Einvernehmens mit dem
Erbprinzen und mit dem Grafen rühmt, da fügt er folgende bedenklichen
Worte hinzu: "Wir sind beyde so einsam hier, als wir es aufdem Berge
Nitria oder mitten in der Wüste Sara seyn könnten. Unsern Prinzen
ausgenommen, hat er keinen Freund als mich; ich keinen als Ihn."1°0
Die Gräfin Görtz, welche bei Anna Amalia wohl gelitten war, berichtete
ihrem Gatten fortlaufend von der geringen Achtung, die Wieland in der

243
Anna Amalias Enttäuschung

Umgebung der Herzogin genieße, und sah wohl in fraulicher Parteilich-


keit in dem Verführten den Verführer. Die Aussprüche, die sie von der
Herzoginmutter berichtet, sind nicht unglaubwürdig undzeigen für die
ersten Jahre eine zunehmende Entfremdung zwischen der Regentin und
dem Dichter: "Ich habe den Wieland sehr lieb, aber man muß den
Poeten manchmal durch den Sinn fahren." 101 "Elle m'a parle derniere-
ment a son sujet d'une tete bien faible, et qu'on pouvoitmener a tout."l02
Dalberg "a ete etonne de voir comme tout etoit contre lui, et meme la
D[uchesse] le meprise."l 03 Er ist nichts als ein Poet, so sagt diese
Weltdame selbst immer wieder, und ihre Entrüstung ist insofern ver-
ständlich, als Wieland eben nicht als Poet, sondern als Weiser und Völ-
kerbeglücker nach Weimar gekommen war. Gern spricht sie, und sicher-
lich nicht sie allein, von Wielands Entlassung: "Croyez moi, ce ne
seroit pas une grande perte pour Weimar, si notre futur D[uc] le
degoutait d'etre ici."lo'
Die Herzoginmutter war eine kl.ügere Frau und eine treuere Gönnerin
der Dichter als die Gräfin Görtz, welcher bezeichnender Weise auch das
poetische "Büro" der Frau von Stein höchst zuwider war.los Aber die
Schöngeistigkeit der hohen Frau ging nicht so weit, daß ein Dichter ihr
Gefühl als Regentin und Mutter lange Zeit verwirren konnte. Schon ein
starkes Jahr nach Wielands Ankunft schrieb sie, völlig entzaubert, einen
großen Brief an Fritsch, den Vorsitzenden des Conseils, und bat ihn in
ihrer Not um Rat: Sie habe versucht, ihrem Sohn"hinsichtlich Wielands
und des Grafen von Görtz" die Augen zu öffnen, er aber sei "geblieben
wie er war, ohne Vertrauen zu mir, voller Vertrauen zum Grafen Görtz
und zu Wieland, der sein Orakel ist". Ihr Urteil über Wieland trifft bei
aller mütterlichen Eifersucht seinen labilen Charakter und die nervöse
Unruhe seines damaligen Zustandes nicht übel: "Er ist ein Mann von
gefühlvollem Herzen und ehrenwerter Gesinnung; aber ein schwacher
Enthusiast, viel Eitelkeit und Eigenliebe; ich erkenne leider zu spät, daß
er nicht gemacht ist für die Stellung, in der er sich befindet; er ist 7.U
schwärmerisch für die jungen Leute, zu schwach, um ihnen die Spitze zu
bieten, und zu unvorsichtig, in seiner Lebhaftigkeit hat er das Herz
auf der Zunge; wenn er sich verfehlt, so ist das mehr aus Schwachheit
als aus bösem Willen; so sehr er durch seine Schriften gezeigt hat, daß
er das menschliche Herz im allgemeinen kennt, so wenig kennt er das

277
Die Zeit des aktiven Hofdienstes

einzelne Herz und die Individuen; er hört zu sehr auf die Schmeichler
und überläßt sich ihnen; daher stammt die große Freundschaft zwischen
ihm und dem Grafen Görtz, der ihm in der unerhörtesten Weise schmei-
chelt; Wieland von seiner Seite schmeichelt wieder dem Grafen, und
beide vereinigt schmeicheln meinem Sohne- so daß nichts als Schmei-
chelei oben bei meinen Kindern herrscht." 106 Die in vielen gewissenhaft
durchlebten Herrscherjahren gereifte Regentin durchschaut das ge-
fährliche Spiel, welches mit ihrem Sohne gespielt wird; sie ist nicht ge-
hässig, nur enttäuscht und betrübt und will der Regierung sobald wie
möglich entsagen. Fritsch antwortet in einem Schreiben, das von Wie-
lands hohlen Lehrbriefen an die Herzogin sehr vorteilhaft absticht und
beweist, daß es hier nicht um Hofgezänk, sondern um ganz objektive
Fragen der menschlichen Redlichkeit und des inneren Friedens von
Weimar geht. Er prophezeit scharfsichtig, daß dem Erbprinzen seine
beiden schmeichlerischen Erzieher bald verleidet sein werden und daß
ihr Bündnis zerfallen wird, weil es "nicht auf dem gegründet ist, was
die Basis einer soliden und dauerhaften Verbindung sein muß". Er rät
der Herzogin, im Amt zu bleiben, aber dem jungen Herzog einige formale
Zugeständnisse an sein Selbstbewußtsein zu machen und zwischen
Schul- und Regierungszeit eine "Zwischenzeit" einzulegen: "Ich habe
immer für wahr angenommen, daß es nicht ratsam sei, direkt von der
Schulbank auf den Thron zu steigen; dazu gehört mehr als alles, was
diese bezahlten Lehrer mit ihren ewigen Stunden über öffentliches
Recht einem jungen Fürsten beibringen; es gehört Kenntnis der Welt
und Geschäfte dazu, um sich mit den letzteren abgeben und der ersteren
ohne Gefahr entgegen treten zu können."
Im Sommer 1774 wurde gegen den erbitterten Widerstand von Görtz
für den vernachlässigten Prinzen Konstantin ein Gubernator berufen,
dessen treuherzig-ruhige Art von Wielands geistreicher Beweglichkeit
stark abstach: Knebel. Wenig später wurde der Erbprinz ins Geheime
Conseil, d. h. in die Regierung eingeführt, und schließlich wurde um ihn
eine Art von kleinem Hof mit dem Stallmeister von Stein gebildet. 107
Der Einfluß der bisherigen Prinzenerzieher war mit diesen Maßnahmen
stark vermindert. Anna Amalia wartete nur noch auf eine Gelegenheit,
um den Grafen Görtz ganz von Karl August zu entfernen, und diese
kam, als sich der junge Herzog vermählte. Auch Wieland, dessen Stern

243
Pensionierung

einst so glänzend über Weimar aufgegangen war, trat, obwohl er mit


dem Grafen rechtzeitig brach, stark in den Hintergrund. Man begann in
Weimar, wie in ganz Deutschland, an Wielands Größe grundsätzlich zu
zweifeln, und zu allem Unglück teilte Karl Augusts Gattin, die junge
Herzogin Luise, welche von dem empfindsamen Hofe in Hessen-Darm-
stadt stammte, die Meinung ihres Lieblingsdichters Klopstock, der
soeben unsern Dichter in schärfster Weise angegriffen hatte. Als man
sie am Hofe zu Weimar empfing, ging Wieland in die Stadt, um ihr nicht
zu begegnen, und die Gräfin Görtz, für welche der Hof die Welt be-
deutete; fügte dem Bericht darüber die Worte bei: "Je suis sure que
sur toute la terre il n'y a pas un homme plus malheureux que lui." 108
Wahrhaftig, sie verstand nichts von Poeten! Wieland, wieder einJTial
angewidert von der Welt, lebte schon längst nicht mehr in den Sorgen
und Kämpfen der Gesellschaft, sondern im freien Reich seiner Träume
und Gedanken. Der Dichter wurde aufs neue geboren, als der Höfling
starb. Keine bittere, aber doch eine bittersüße Wandlung muß es ge-
wesen sein. Der Wechsel der Dinge war ihm im Grunde seiner Seele
nicht unwillkommen, aber im Augenblick und am Schauplatz seines
früheren Glanzes. war er beschämend. Mehr als einmal dachte er daran,
Weimar zu verlassen. 1 0 9 Aber wohin sollte er sich wenden? Wien hatte
sich allen seinen Werbungen nicht geöffnet, und es würde, nachdem es
den berühmten Dichter verschmäht hatte, den sinkenden kaum begehren.
Er ärgert sich darüber, daß ihn ein Zeitungsschreiber "schon zu ver-
schiedenen Malen, ohne sein Vorwissen, nach Wien transportierte, wel-
ches man vermutlich als eine allgemeine Zuflucht herren- und dienst-
loser Leute ansieht" .110 Er bittet den Staatsrat Gehler, bei jeder Ge-
legenheit zu erklären, daß "Wieland, einMann, der gerne Verse macht,
ohne alle Ambition ist, und in häusliches Glück sein höchstes Gut setzt,
mit seinem Zustande in Weimar zu wohl zufrieden ist, um diesen Ort
anders als im Tode zu verlassen" .111 Alle großen Pläne verschwinden, er
findet sich zufrieden in seine neue Stellung als Pensionär des Herzogs,
und Karl August ist großmütig genug, um seinem früheren Lehrer den
Ruhesitz so behaglich wie möglich zu machen. Er verspricht, statt der ver-
einbarten Pension Wielands volles Gehalt weiterzube\Aiilligl!n, falls er in
Weimar bleibe. Und so geschieht es auch. Die zurückgetretene Herzogin-
mutter aber findet sich mit dem emeritierten Wieland zu einer Freund-

279
Resignation .• Geschichte des weisen Danischmend"

schaft zusammen, in der es keineexistentiellen Differenzen mehr gibt. Der


Hintergrund, den dieses stille, im Kult eines heiter-schönen Lebens ver-
einigteMusenpaar fortan für das junge Weimar bildet, läßt sich in seiner
menschlich-atmosphärischen Bedeutung schwer überschätzen.
Als später die Selbstregierung Josephs II. begann und Klopstock über-
schwängliche Erwartungen von dem Kaiser hegte, ließ sich unser Dich-
ter nicht mehr täuschen; er schalt ihn und den ganzen "Chor der Bar-
den" als "unberufen und überlaut". "Ich lebe", so durfte er endlich be-
kennen, "in einer erwünschten Freiheit von öffentlichen Geschäften,
den Musen, und mir selbst ein unscheinbares, aber glückliches Leben;
begünstigt mit der Gnade meiner guten Fürsten, und der Liebe vieler
Rechtschaffenen; umgeben von einer zahlreichen, um mich her teils
aufblühenden, teils noch aufkeimenden Familie, die meine Existenz
auf die interessanteste Weise vervielfältigt, und durch die süßen Sorgen
und angenehmen Pflichten des Hausvaters mein sonst sehr einförmiges
Leben vor Stockung bewahrt." Er glaubte nicht mehr, "daß der Kaiser
von den Dichtem Germaniens Notiz" nehmen werde 112 ; und er behielt
recht. Ob zum Nachteil oder zum Vorteil der Kultur? Vielleicht war es
kein zufälliges Versagen der deutschen Großmächte, sondern ein tieferes
Gesetz für das alt und mechanisch werdende Europa, wenn reine, klassi-
sche Dichtung nur noch in der Entsagung, auf einzelnen Inseln möglich
war, und im Falle von Weimar war diese Insel bei aller Begrenzung
immer noch kein fernes, trostlos verlassenes Eiland, sondern eine kleine
lebensfähige Welt.

In dem letzten stillen Jahr von Anna Amalias Regentschaft, das dem
Dichter manche persönliche und literarische Demütigung brachte,
schrieb er die "Geschichte des weisen Danischmend und der
drei Kalender" (I 775). Der Untertitel spricht von einem "Anhang zur
Geschichte von Scheschian", was in der Literaturgeschichte meist miß-
verstanden wurde. Das Werk ist viel eher ein Widerruf als eine Ergän-
zung des "Goldenen Spiegels", ein Dokument der Wandlung, die sich
seit 1772 vollzogen hat. Schon äußerlich zeigt sich die Wendung zur
Bescheidenheit und Kernhaftigkeit. Nach einem durch viele goldene
Sprüche und schillernde Lappen aufgeschwellten Lehrroman findet man
hier die fortlaufend und schlicht erzählte "Geschichte" eines Mannes,

280
Überwindung des Kynismus

der in viel höherem Maße als der erste Danischmend für Wieland selber
stehen kann. An einer Stelle, in dem Gespräch zwischen Danischmend
und dem alten Kalender, drängt sich das Gedankliche noch unverhüllt
hervor, jetzt aber ist es kein unverbindliches Spiel mit den entgegen-
gesetztesten Gedanken mehr, sondern ein klares Bekenntnis, ein Be-
kenntnis zur Mitte auch in der Frage der gesellschaftlichen Werte.
Danischmend ist beim Sultan Schach Gebal in Ungnade gefallen und
in ein entlegenes Gebirgstal geflohen, wo es keine Sultane gibt. Die
Gefahr, daß aus dem großen Menschenfreund ein großer Menschenver-
ächter, ein Kyniker wird, liegt nahe, und dieser Geist der Verneinung
tritt dem enttäuschten Danischmend in der Gestalt des alten Kalender
entgegen, der seit 30 Jahren die Welt als ein bloßer Zuschauer und Ge-
nießer durchstreift und die These vertritt, daß es sich in dieser "Trödel-
welt" nicht lohnt, etwas anderes als ein Egoist und Bettelphilosoph zu
sein. Die Menschen sind in ihrer Gesamtheit nicht besser als Hyänen
oder Krokodile, auch wenn es ab und zu gelingen mag, solche "zahm
und nützlich" zu machen. "Wie unendlich klein ist die Anzahl dieser
Letztern gegen das unermeßliche Heer der Narren, der Schafköpfe, der
Gecken, der Betrüger und der Bösewichte, deren ewiges Dichten und
Trachten ist, alles zu verhindern, zu untergraben, zu ersticken und wo-
möglich gänzlich zu vernichten und auszulöschen, was die Weisen und
Guten vonjeher unternommen haben?- Oder ist es etwan nicht wahr,
daß ich in diesen wenigen Worten die Geschichte des mensch-
lichen Geschlechts ausgezogen habe?" (13. Kap.).
Man sieht, in dem alten Kalender lebt Wielands Diogenes-Figur wieder
auf; auch manche Züge seines alten Vorbildes Voltaire sind in diese
Gestalt verwoben. Jetzt aber wird der Kyniker nicht mehr idealisiert
und gerechtfertigt, sondern mit allen Konseqenzen, die sich aus seiner
Weltanschauung ergeben, dargestellt und widerlegt. EinMensch wie der
alte Kalender trachtet, sobald sich die Gelegenheit ergibt, nach des
Nächsten Weib oder Haus und wirkt dadurch im kleinen ebenso zer-
störend wie im großen die Sultane, welche zur Befriedigung ihrer
Launen ganze Völker hungern und leiden lassen. Danischmend ist so
gut wie der Kalender daran verzweifelt, die Welt im großen bessern zu
können, und der Dienst, den er dem Sultan noch einmal erweist, bezieht
sich nur auf das Schicksal weniger Menschen. Aber eine Gemeinschafts-

zSr
"Geschichte des weisen Danischmend"

form, die bisher in Wielands Schriften überhaupt nicht ins Blickfeld


trat, ist ihm zu einem unzweifelhaften Werte geworden: die Familie.
Als er vom Sultan entlassen wird, nimmt er ein Weib, und im glücklichen
Frieden seines Hauses kann ihn der Kynismus des alten Kalender inner-
lich nicht mehr anfechten. Äußerlich muß er ihm weichen, ein zweiter
bescheidener Versuch zum idyllischen Leben mißlingt infolge eines
Krieges, ein dritter ganz bescheidener als Korbflechter führt sogar in
die gefährliche Nähe der Hauptstadt zurück, und auch die schließliehe
Sicherung seiner Idylle durch eine Laune des Sultans ist eher der Ab-
schluß eines Märchens als eine ernstgenommene Lösung. Es gibt im
Leben nur Bedrohtes und Vergängliches, dem alten Verehrer Fortunas
bleibt die Transzendenz in einem allgemeinen formalen Sinn stets gegen-
wärtig. Aber die Erde und die Welt des Menschen haben doch wärmere,
herzlichere Farben und beinahe heilige Bedeutung gewonnen: Nicht die
große Welt der Sultane, sie bleibt dem Nichts preisgegeben, aber die
kleine Welt der Familie, der Nachbarschaft und vielleicht des kleinen
Gemeinwesens, die den Entsagenden zu sich aufnimmt. Danischmend
wird zum Schluß von dem Sultan als Statthalter in dasselbe Jemal
geschickt, in dem er als Privatmann Schiffbruch erlitt. Aber selbst für
diese kleine Gemeinschaft bleibt die politische Form unbestimmt. Wie-
land hat der Rolle eines Menschheitsbeglückers entsagt. Er überläßt
den Sultanen willig die Welt, wenn sie ihm nur seinen kleinen Kreis
nicht zerstören wollen. Man wird sagen, das sei schon Biedermeier, und
in der Tat spielt der "Biedermann" selbst dem Worte nach in Wielands
Roman eine erhebliche Rolle. Aber man darf nicht vergessen, daß es
zugleich die Lebensform der Insel Weimar ist, die in diesem "Fern vom
Kaiser" symbolisiert wird. Wieland schwankt nicht wie im "Goldenen
Spiegel" geistreich-ungebunden zwischen Groß- und Kleinstaat, Wien
und Weimar, er bekennt sich mit diesem Roman zu dem kleinen Lande,
das wie kein anderes Friede und Freiheit gewährt. Von ferne hört man
Goethes "Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine ... "
Bei Wieland war selbst eine solche indirekte Art von Erlebnis-Dichtung,
wie er sie in diesem Romane gab, selten. Sie tritt nur in den "tiefen"
Zeiten, in den Jahren der Erschütterung, der Wandlung und der Not
hervor, und sie ist dann allemal auch der Quellpunkt eines reichen poe-
tischen Stromes, der freilich zugleich wieder alle Gefahren einer tech-

243
Lob der kleinen Welt

nisch-literarischen Veräußerlichung heraufführt. So war es beim Schritt


von derTübinger zur Schweizer Dichtung, vom "Agathon" zum "Neuen
Amadis" und jetzt von der "Geschichte des weisen Danischmend" zum
"Oberon". In dem Roman von dem Weisen, der den Hof so weit wie
möglich meidet, ist Wieland ganz bei sich selbst, wir sehen ihn gewisser-
maßen in seinem Haus in Weimar, im Kreise seiner Töchter; es war ihm
bei Beginn der Arbeit schon die fünfte geboren worden.ll 3 Dieses exi-
stentielle Optimum, so herzlich es uns berührt, ist freilich nicht iden-
tisch mit dem dichterischen, denn der Künstler kann auch zu sehr im
bloßen Dasein befangen sein. Wieland berührt die beiden Pole, der Er-
lebnisdichtung und dessen, was er selbst die "Poesie des Stils" nennt,
ohne sie wie Goethe jemals ganz vereinen zu können. Er schwankt bis
zuletzt zwischen diesen Polen hin und her. Auch jetzt führt sein Weg
von einer nur leicht kostümierten und überhöhten Erlebnisaussage zum
sublimen Spiel des reinen Märchens und der geistreichen Narrendar-
stellung zurück. Ehe wir aber diese neue Epoche ins Auge fassen, müssen
wir zwei Punkte behandeln, die zwischen seiner persönlichen Stellung
in der Gesellschaft und seiner großen Dichtung mitten inne stehen, seine
Bemühung um das Theater und den Niedergang seines Ruhms.

6. Theaterdichtung

Als Wieland auf der Höhe seines Ruhmes stand, waren die entscheiden-
den 'Leistungen zur Reform des deutschen Theaters s'chon vollbracht.
Im katholischen Süden, in der Landschaft des Bild- und Musikbarock,
hatte Gluck mit "Orpheus und Eurydike" (1762) und "Alceste" (q66)
einen Operntypus geschaffen, welcher den Winckelmannschen Prin-
zipien und den literarischen Ansprüchen des Zeitalters 114 entsprach, im
Norden war andererseits mit Lessings "Minna von Barnhelm" (1767)
der letzte machtvolle Schritt zur Überwindung des humanistischen
Imitationsdramas opitzischer und gottschedischer Prägung getan wor-
den. Zwar war das Hamburger "Nationaltheater" gescheitert, aber im
ganzen sächsisch-niedersächsischen Raum, in Leipzig, in Hannover, in
Götha, in Weimar wuchs das Interesse für ein neues, besseres Theater,
und auch in Harnburg selbst hatte die Ackermannsehe Truppe im

243
Theaterdichtung

Frühjahr 1772 das Theater wiedereröffnet-mit Wielands "Clementina


von Porretta".
Es ist ganz selbstverständlich, daß der Wieland von 1772, so wie wir
ihn kennengelernt haben, der Verlockung nicht widerstehen konnte,
auf dem ruhmvollen Felde des Theaters zu glänzen. Mit einer bloßen
Bearbeitung, wie er sie von "Clementina von Porretta" für Weimar
schon vor seiner Übersiedlung gegeben hatte, war es nicht getan. Er
wußte, daß seine Jugenddramen leicht zu übertreffen waren. Freilich
kannte er seine Grenzen zu gut, als daß er sich noch einmal aufdem
Gebiet des eigentlichen Dramas versucht hätte. Das enthusiastische
Lob, das er wenig später Lessings "Emilia Galotti" spendete, nährte
sich vermutlich aus diesem Gefühl dramatischer Insuffizienz. Aber es
gab neuerdings, zwischen Oper und Drama, die Gattung des "lyrischen
Dramas", des Singspiels, welche seinen Neigungen und Möglichkeiten
vorzüglich entsprach, weil er sehr musikalisch war und auch in der
Dichtung längst dem Klangspiel Ariosts, Metastasios und einiger Fran-
zosen nachgeeifert hatte. 116 Das Singspiel hatte sich in Paris unter
schweren Kämpfen gegen die Barockoper durchgesetzt. Rousseau,
dessen Wirkung auf Wieland in allem tiefer war, als er zugeben
wollte, hatte auf diesem Kulturgebiet seine Philosophie vom Einfachen
und "Natürlichen" selbst in die Praxis umgesetzt, und den nord-
deutschen Bühnen empfahl sich die Gattung schon deshalb, weil sie
für die große Oper nicht über genügend Sänger verfügten.u 6 Man
konnte ohne Verleugnung des protestantisch-schlichten Geschmacks
und ohne große Kosten endlich an der Kultur des musikalischen Dramas
teilhaben: Die Einführung des Singspiels bedeutete die Überwindung
des barocken Gesamtkunstwerks. 117 Die stärkste Anregung gaben für
Deutschland die ersten einfachen, nur zum Teil gesungenen Stücke
Favarts, und natürlich war es das deutsche Klein-Paris, in dem die neue
Gattung zuerst populär wurde. Seit 1765 führte dort die Kochsehe
Truppe mit größtem Erfolg Singspiele auf. Der Komponist war Johann
Adam Hiller und der Textdichter Wielands neuer Bekannter Christian
Felix Weiße. Überall in den Wirtshäusern und auf den Gassen Leipzigs
ertönten die Lieder Weißes und Hillers.
Wielands Interesse für das Singspiel begann in dem Augenblick, als er
dem Leipziger Kreis am nächsten stand und eine Übersiedelung in die

243
Wieland und das Singspiel

alte Literaturhauptstadt in Erwägung zog (1770). Aber sogleich meldete


sich auch sein Widerspruch gegen den Charakter des Leipziger Sing-
spiels, denn es war keineswegs salonfähig, vielmehr frech, volkstümlich
und zum Teil schon vor dem Sturm. und Drang klassenkämpferisch.
Die im 20. Jahrhundert erneuerte englische "Bettleroper" kann eine
ungefahre Vorstellung von dem Charakter dieser Singspiele geben. Wo
die witzige Anspielung zur Zote wurde, hörte die Sympathie des
Graziendichters auf. "Weißes komische Opern", so lautet seine Kritik,
"sind artig; aber ich kann mir noch eine andere Art da von denken,
welche ein schöneres Ideal hätte".m Er fordert den süßen Johann Georg
Jacobi, dessen kleines Drama "Elysium" ihm gefallen hat, auf, "unser
Favart" zu werden. Als Jacobi dieser Aufforderung nicht nachkommt
und sich mit Kantaten begnügt, droht Wieland ihm zuvorzukommen.
Er hat die Idee von einem "kleinen lyrischen Schauspiel Pygmalion"
schon lange im Kopfe,U9 und es wird kein bloßer Abklatsch von Rous-
seaus gleichnamigem Stück sein. In andern Briefen begegnet die Idee,
Metastasio und Euripides zu vereinigen,uo worin sich der klassizistische
Veredlungswille des künftigen Weimaraners noch stärker ausspricht.
Weder Jacobi in Halberstadt noch er selbst in Erfurt haben vorderhand
ausreichend Kontakt mit der Bühne, um Weiße Konkurrenz machen
zu können, aber der Plan bleibt bestehen. Das Singspiel ist, wie aus
späteren Briefen an Gebier hervorgeht, eines der Mittel, mit denen er
Wien für sich gewinnen will.m Dagegen täuscht sich Joseph Gregor,
wenn er meint, Wieland habe schon vor seiner "Alceste" mit Gluck in
Verbindung gestanden.l2 2
Das Wien Maria Theresias hatte kein Verlangen nach norddeutscher
Musik und Theaterkunst. Die Seylersche Truppe, die sich von der Acker-
mannsehen abgespalten und in Wien ihr Heil versucht hatte, war ruhm-
los zurückgekehrt; sogar die große Rensei hatte mißfallen. 123 Wieland
ergriff die Gelegenheit, um seine Partei durch die Enttäuschten zu ver-
stärken. Schon als Gast von Anna Amalia gelang es ihm, die Seylersche
Truppe, welche zunächst in Hannover untergekommen war, nach Wei-
mar zu ziehen und dort, wie die Gräfin Görtz spottete, das Theater zur
ersten Staatsangelegenheit zu machen.l 2 ' Im Sommer 1772 wurde Wie-
lands Ballett "Idris und Zenide" in Schweitzers Vertonung aufge-
führt. Im Herbst des gleichen Jahres folgte, zu Anna Amalias Geburts-

243
Theaterdichtung

tag, das kleine panegyrische Singspiel "Aurora", und gleich im An-


schluß daran ging er, von seiner Gönnerio aufgefordert, an das Werk,
das seine wichtigste theatralische Arbeit werden sollte, die "Alce s te"
(1773). Schon nach wenigen Monaten war der Text vollendet und fand
die Zustimmung der Regentin. DieMusik wurde wieder von Schweitzer,
Seylers Kapellmeister, gesetzt; die Hauptrolle spielte die berühmte
Madame Koch, der Wieland auch persönlich, schnell entzündet, hul-
digte.125 Im Juni 1773 konnte der Dichter nach Wien von dem über-
wältigenden Erfolg des Singspiels berichten.l 26 Von allen Seiten waren
die Fremden nach Weimar gereist, um dem großen Ereignis beizuwohnen,
und auch die verwöhntesten, in Frankreich und England gereisten Gäste
waren voller Bewunderung gewesen. Weimar, das gab der zum letzten-
mal im vollen Ruhm erstrahlendeMeister des Rokoko stolz zu verstehen,
trat durch ihn kulturell neben das kaiserliche Wien.
"Alceste" wurde, im Unterschied zu den meisten Pariser und Leipziger
Singspielen, durchgesungen. Es ist bezeichnend für den Dramatiker
Wieland, daß er nur in dieser engen Anlehnung an die Musik die Bretter
wieder zu betreten wagte. Sicherlich gehört das Singspiel nicht zu der
Kernsphäre des Dichters, der nur auf epischem Gebiet Meisterwerke
geschaffen hat. Trotzdem fand "Alceste" mehr als andere Werke Gnade
in den Augen der Literarhistoriker; denn scheint das Stück nicht in Stil
und Gefühlsgehalt Goethes "Iphigenie" vorbereitet zu haben?

"0 Jugendzeit, o goldne Wonnetage


Der Liebe, schöner Frühling meines Lebens,
Wo bist du hin? - Ist's möglich? bin ich Der,
Der einst so glücklich war? So glücklich einst,
Und jetzt so elend! Ohne Grenzen elend,
Wenn nicht die Hoffnung bald, Alceste, Dir,
zu folgen, meine Qual erträglich machte.
Wo bist du? -Irrst Du schon, geliebter Schatten,
Um Lethens Ufer? Ach! Ich seh' sie gehn!
In traur'ger Majestät geht sie allein
An dämmerndem Gestad'; ihr weichen schüchtern
Die kl'einern Seelen aus, sehn mit Erstaunen
Die Heidin an. -Der schwarze Nachen stößt

286
.Alceste"

Ans Ufer, nimmt sie ein- Der Schleier weht


Um ihren Nacken- Oh, nach wem, Geliebte,
Unglückliche, nach wem siehst du so zärtlich
Dich um?" usw.

Solche Seelenhaftigkeit in der Diktion, solche Biegsamkeit und solcher


Wohllaut im Blankvers, 15 Jahre vor Goethes Versiphigenie, ist ein
erstaunliches literarisches Phänomen. Allein es beweist nur, daß Wie-
lands formale Fähigkeiten mit denen Goethes vergleichbar sind, was
keinem Kenner ein Geheimnis sein kann. Über die Übereinstimmung
des Dichters mit dem, was er gestaltet, und damit über sein eigentliches
Dichterturn ist mit dieser Auftragsdichtung für den Weimarer Hof
noch nichts gesagt. Anna Amalias, überhaupt Weimars Geist liegt den
beiden ähnlichen Griechendichtungen der unähnlichen Dichter zugrunde;
was die Dilettanten von der Herzogin bis zur kleinsten Hofdame in end-
losen Versen mit viel Gefühl aussprechen, nehmen die Dichter auf und
gestalten es mit Meisterschaft. Aber es fragt sich, ob für den komischen
Epiker Wieland der empfindsam-klassische Stil der edeln Frauen von
Weimar ebenso gemäß war wie für den Werther-Dichter. Mir scheint
"Alceste", wie diese ganze Phase von Wielands Leben, mehr ein gesell-
schaftliches Experiment, ein Zeugnis für seine virtuose Anpassungs-
fähigkeit als eine originale dichterische Pionierleistung zu sein. Anna
Amalia hatte das Drama verlangt, und aus ihrer Seele heraus dich-
tete Wieland im Überschwang der ersten Weimarer Monate mit
täuschender und doch nicht ganz echter Wärme und Harmonie. Daß
auch der Weimarer Kreis einige Jahre später die Dichtung nicht
mehr ganz ernst nahm, beweist die im Liebhabertheater aufgeführte
Parodie.
Goethes absoluter Vorrang bleibt also bestehen. In der "Alceste" ist
Wieland sehr wahrscheinlich das, wozu man ihn mit Unrecht überhaupt
machen möchte: ein blasser Anempfinder und Artist. Das soll nicht
heißen, daß er sich seit dem "Neuen Amadis", der erst vor kurzem
vollendet und so völlig anders geartet war, nicht gewandelt habe. Auch
die Spirale seiner geistigen Entwicklung bewegt sich, wie wir noch
sehen werden, mit der Zeitentwicklung vom kalten voltairianischen
Rokoko zur Empfindsamkeit der soer Jahre zurück; auch für ihn ist

243
Theaterdichtung

in der Umwelt von Weimar die raffinierte Intellektualität seiner frühe-


ren Dichtungen unmöglich geworden. Er muß sehen, welche Elemente
der neuen Geistesbewegung er seiner Natur assimilieren kann. Aber als
Ganzes war für den ironischen Dichter das empfindungsreiche Humani-
tätsdrama ebenso unmöglich wie in der Schweiz das heroische Epos. Er
steht nur mit einem Bruchteil seines Wesens dahinter. Darum eben ruft
er einen Musiker zu Hilfe und preist ihn, wie wenn er ein Händel oder
Gluck wäre. Die Halblebigkeit des dichterischen Produkts erscheint
durch solche Bescheidenheit als legitim und ist es vielleicht auch.
Wie wenig selbständig er war, wie sehr er sich in der Aleeste auf sein
Publikum bezog und wie stark er sich als zeitgemäßer Bearbeiter einer
antiken Vorlage fühlte, zeigen seine "Briefe über die Alceste"
(1773), welche nicht umsonst den Originalgenies so anstößig waren. Er,
der so viel Sinn für das Komische von Aristophanes und Shakespeare
bis zu Sterne und Jean Paul bewies, tadeit in der Herkulesfigur des
Euripides hofmeisterlich das Burleske: "Der ungezogene Herkules!
Sogar die Bedienten ärgern sich über seine Aufführung." Man könnte
zunächst versucht sein, hier von einer harmonisierenden und idealisie-
renden Umdeutung der Antikel2 7 , wie sie Winckelmann mit naiver
Kraft leistete, zu sprechen. Wieland behauptet, im Sinne der griechi-
schen Dichter zu handeln, wenn er "verschönert". Euripides würde
heute ganz ähnlich vorgehn! So wird Herkules zu dem Tugendbold,
über den der junge Goethe in seiner bekannten Farce spottet, so darf
Admet in sentimentalischer Zartheit um den Opfertod seiner Frau nicht
wissen, und so tritt an die Stelle von Alcestes stummer Rückkehr bei
Euripides im Singspiel eine enthusiastische Arie.
Im Grunde freilich glaubt Wieland an das Antike oder Euripideische
in seiner Dichtung selbst nicht ganz. Er weicht zwar der Versuchung,
"eine nachteilige Meinung von dem Urteil und Geschmack" des großen
Euripides zu äußern, bewußt aus, er nimmt auf den zeitgemäßen
Enthusiasmus für die klassische Antike Rücksicht. Aber streng ge-
nommen liegt sein Standpunkt ebenso entschieden in der Gegenwart
wie bei seiner Shakespeare-Aufnahme, ja, was dort meistens nur An-
merkungen waren, wird jetzt dichterische Gestalt. Er weist darauf hin,
daß das Schweigen Alcestes religiöse Gründe hat, die für uns nicht
mehr verbindlich sind, daß die große Rolle der Gastfreundschaft in

288
WIELAND IM KREISE SEINER FAMILIE
Theaterdichtung-

Euripides' Stück nicht mehr voll verständlich ist, daß sich das Verhält-
nis der Ehegatten seit der Antike verinnerlicht hat usw. Vielleicht hat
unser Dichter durch diese unhistarische Einstellung, durch diese ent-
schiedene Modernität am stärksten auf Goethe gewirkt, der zunächst in
Herders historischem Realismus befangen war. Goethe blieb, wie die
Prosa-"Iphigenie" verrät, auch von dessen ästhetischem Realismus lange
Zeit beeinflußt, und nicht nur "Nathan der Weise", wie man meistens
sagt, - auch Wielands "Alceste" konnte dem größeren Dichter den
Entschlußzur konsequenten Verwendung des Jambus erleichtern. Noch
aufSchillerwirkte sein Eintreten fürdas Versdrama. Doch istdiese Frage
nurein Beispiel dafür, daß Wieland zwischen Rokoko und Klassik deren t-
schiedenste Verfechter eines klaren Formprinzips ist.
Fragt man sich, welche Bedeutung "Alceste" für die zweite große Epoche
von Wielands eigener Dichtung hat, so wird man auch hier in erster
Linie an eine formale Eigenschaft des Singspiels denken, an seine Sim-
plizität: "In dem Augenblick, da ich den Gedanken hatte, aus der Al-
ceste ein Singspiel zu machen, sagte ich mir selbst: Je einfacher der Plan
und die Ausführung, je besser! Keine episodischen Personen, kein Neben-
interesse" (2. Brief). Sieht man das wesentliche Merkmal der Klassik in
der Einfachheit des Stils, so betritt Wieland mit der "Alceste" ent-
schieden klassischen Boden. Der Unterschied zum "Neuen Amadis" ist
auch in dieser Beziehung ungeheuer; und man darfnicht sagen, daß er
sich einfach aus der andern Gattung ergebe. Der Aufsatz .,Über einige
ältere deutsche Singspiele die den Namen Aleeste führen"
(r773) ist nichts als ein Stück gelehrter Literaturgeschichte, insofern
Wieland selbst betont, daß die Alcestis-Texte, welche er in der von
Anna Amalia gekauften Dramen-Sammlung Gottsehecis aufstöberte,
ganz unbekannt waren. Sie gewannen keinen Einfluß auf die Weimarer
"Alceste", sondern waren eine Kuriosität, an der man sich nachträglich
ergötzte. Aber eben diese Tatsache und die Kritik, mit welcher Wieland
die alten Librettos mustert, ergibt, daß die spätbarocke Tradition, in
welcher unser Dichter bei dem "Neuen Amadis" noch stand, mit seiner
Übersiedlung nach Weimar entschieden abgebrochen ist. Die Liebes-
intrigen, die komischen Einlagen, die große Personenzahl, die Chöre und
"Maschinen", kurz der ganze komplizierte und technische Charakter der
barocken Alcestis-Opern kann ihn nicht mehr anders als historisch inter-

290
Klassizismus. "Wahl des Hercules"

essieren. Schon sind die Sesenheimer Lieder geschrieben, die Zeit des
Rokoko ist auch für Wieland vorüber; aber wie er, der doch nicht zu-
fällig, sondern in einer ausdrücklichen, tiefbegründeten Geisteswendung
Rokokokünstler geworden war, nun weiterhin dichten soll, darüber ist
noch keinerlei Klarheit gewonnen. Daß "Alceste" auch für den Dichter
selbst keine befriedigende künstlerische Lösung war, geht aus den häu-
figen Klagen über den Rückgang seiner dichterischen Kraft hervor, von
denen schon die Rede war. Er wird mit dem Werk nicht freier und
ruhiger wie Goethe mit seiner "Iphigenie". Es wuchs nicht, sondern es
wurde in schneller Arbeit schlecht und recht verfertigt. Der Grund für
Wielands ruhmsüchtige Betriebsamkeit in den Jahren 1772-1773 liegt
zutiefst in der Furcht, am Ende zu stehen. Das Singspiel "Alceste" ist
wie sein modischer Staatsroman und der mit Fanfarenstößen angekün-
digte "Teu tsche Merkur" Ausdruck eines eigenschöpferischen Vakuums,
einer dichterischen Krise.
Zum 17. Geburtstag Karl Augusts verfaßte Wieland das kleine allego-
rische Singspiel "Die Wahl des Bercules" (1773). Man tut der Ge-
legenheitsdichtung Unrecht, wenn man sie, wie Seuffert, wegen einiger
Anklänge an die Sprache der Kraftgenies in die Nähe des "Faust"
rückt.m Der Dichter selbst sagt mit Bezug aufsie im Alter vollkommen
erschöpfend: "Solche Sachengalten damals noch etwas und loyau te wog
manches andere Mangelhafte auf"12 9 • Das kleine Werk ist eine offizielle
Verlautbarung des Prinzenerziehers und höchstens für den Wandel
höfischen Lebensgefühls von einigem dokumentarischen Wert. Während
bei Metastasio, welcher das gleiche Thema für Josephs II. Hochzeit be-
arbeitet hatte, nach der Entscheidung des Herkules für die Areteiadoch
noch Edonide zu ihm tritt, endet Wielands Singspiel mit einem totalen
Sieg der Tugend. Die Scherze, Grazien, Amoretten und selbst die Musen
sind im Gefolge der Kakia. Der Dichter gibt sich alle Mühe, bei dieser
Gelegenheit die emste Schulmeistermiene aufzusetzen, die ihm im
Ganzen seines Lebens und Werkes so wenig liegt, denn in AnnaAmalias
Weimar ist nach seinen Worten das Theater "eine Schule der Tugend
und der Sitten"130• Wichtig und für Wielands spätere Stellung am Hofe
bezeichnend ist der Umstand, daß er nach der "Wahl des Herkules"
keine theatralische Festdichtung für sein Fürstenhaus mehr verfaßt hat.
Freilich fand der verheißungsvolle Anfang des Weimarischen Hof-

Sengle, Wieland 19 • 243


Theaterdichtung

theatersüberhaupt ein jähes Ende, als im Mai 1774 eine Feuersbrunst


den größten Teil des Schlosses mit dem Theatersaal zerstörte. Die
Seylersche Truppe mit dem großen Ekhof mußte verabschiedet und
dem verwandten Hofe von Gotha überlassen werden. Aber auch später
in Goethes Zeit, als das Theaterleben, zunächst in Gestalt einer Lieb-
haberbühne, wieder aufblühte, vermied Wieland die üblichen öffent-
lichen Huldigungen. Seine Festdichtung beschränkte sich fast ganz auf
vertraulich scherzende Gratulationsgedichte für seine hohe Freundin.l3l
Wieviel höfischer verhielt sich, von hier aus gesehen, Goethe!
Der Einakter "Das Urteil des Midas" (1775) ist eine deutliche und
selbstbewußte Antwort auf die derben dramatischen Satiren der jungen
Generation, wird aber selbst dem Gesetze vornehmer Stilisierung, hö-
fischer Scherzhaftigkeit nicht untreu. Wieland handhabt die Form
des satirisch-komischen Singspiels mit Geist, aber auch mit Sinn für
theatralische Wirkung. Vielleicht war es sein letzter Versuch, den Stim-
mungsumschwung, welcher am Hofe zugunsten von Goethe vor sich
ging, abzubremsen. Doch hören wir von einer Aufführung -die dies
Stück verdient hätte!- nichts.
Der Weimarer Sturm und Drang geht auch an Wielands Theaterdich-
tung nicht spurlos vorüber. Ziemlich offen als Nachahmung Goethes
gibt sich drei Jahre später die in Knittelversen geschriebene "philoso-
phische Farce" in einem Aufzug "La philosophie endormie" (1778).
Sie ist eine Satire gegen die Modephilosophie, zugleich eine gutmütige
Verspottung der Gesellschaft, welche ihr huldigt; eigentlich aber ein
"Pater peccavi", denn auch unserm Dichter widerfuhr das Schicksal,
das man im Dienst der Modephilosophie erleidet:

"Recht zu haben und weise zu sein


Erlaubt sie nur ihrem Günstling allein;
Und wer sich dagegen zu sperren wagt,
Den schlägt sie mit einem ,Er hat's gesagt',
Als einem Kolben vor die Ohren.
Allein sobald ein neu Gesicht
Ihr vorkömrot-ein Knabe, der mit Gewicht
Aus einem neuen Tone spricht,
Stracks ist der große Mann verloren;

243
Satiren. "Rosemunde"

Der Mann und sein System ist weg,


Er ist ein Träumer, ein schaler Geck,
Und jeder darfihm Esel bohren."

Wieland scheint seit dem Sinken seines Ruhms sehr bescheiden geworden
zu sein. Allein der Brief, den er im Juli 1776 an Gluck schriebm, beweist,
daß er es noch nicht lassen konnte, auf neue Theaterlorbeeren zu hoffen.
Er verfaßte die Gelegenheitsdichtung, welche der große Musiker von
ihm forderte, nicht, aber er gab ihm deutlich zu verstehen, daß er den
Text zu einem anspruchsvollen Werk in der Art der "Alceste" oder
"Iphigenia" gerne dichten würde, wenn ihn Gluck dazu würdig finde.
Vielleicht war es zugleich noch einmal ein Liebäugeln mit einer Lauf-
bahn in Wien, wo im Februar 1776 der letzte Schritt zur Gründung des
Burgtheaters getan worden war.
Gluck scheint auf Wielands Angebot in keiner Weise eingegangen zu
sein, aber ein Jahr danach finden wir unsern Dichter mit der Arbeit
an einem Singspiel für das sogenannte Nationaltheater in Mannheim
beschäftigt. Die Musik besorgte wieder Schweitzer. Wieland wandte
eine der wenigen Reisen, die er sich in seinem langen Leben noch ge-
stattete, daran, die Uraufführung seiner "Ro sem unde" in Mannheim
mitzufeiern (Ende 1777). Aber der Tod des bayrischen Kurfürsten Max
Joseph, dessen Erbe der Kurfürst von der Pfalz war, verursachte eine
Verschiebung der Uraufführung (bis 1779), und so kam Wieland um den
besten Teil der Pfälzer Ovationen, die er sicher mit Befriedigung aufge-
nommen hätte, denn gerade auch dort im rauhen Südwesten war ihm
während der Sturm- und Drang-Jahre große Schmach angetan worden.
"Man weiß hier wenig von guter deutscher Dichtung", so hatte Karl
August im Dezember 1774 aus Karlsruhe vorsichtig an seinen leicht-
verletzten Lehrer geschrieben.l 33 Auch jetzt war es ihm fast kränkend,
von einer zufälligen, wenig entwickelten Landschaft abhängig zu sein.
Es ist nicht mehr Ehrgeiz, sondern nur noch ein wehmütiger Rückblick
auf ein Stück deutscher Geschichte, wenn er 1777 an Gleim schreibt:
"All das, was jetzt in Mannheim ist, sollte ja von Gott und Rechts wegen
in Berlin seyn-und wie viel mehr und größere Dinge wollten wir Alle
gethan haben, wenn Friedrich-Perikles für uns und seine Nation hätte
seyn wollen! - Es ist nun so! Dieser Ruhm bleibt einem andern aufbe-

293
Theaterdidltung

halten-der dafür weder ein Schlesien mit dem Schwerdt, noch ein
Westpreußen mit einem Federzuge erobern wird." 134 Große Theater-
lorbeeren waren dem unmodern gewordenen Dichter und seinem Kom-
ponisten nicht mehr beschieden, aber sie ernteten, ohne es zu schätzen,
eine Ovation, die heute schwerer wiegt: der junge Mozart, der sich schon
für die "Alceste" interessiert hatte, nahm in Mannheim an den Proben
zur "Rosemunde" regen Anteil. 13 • Es entging ihm zwar nicht, daß die
"Neuheit" viel zu Schweitzers und Wielands Erfolg beigetragen hatte,
aber er fand, mit der Dankbarkeit des Genies, in der "Rosemunde"
doch "sehr schöne Sachen" . 1 &6
Wieland hat in einem , ,Nach trag'' zur Geschichte der schönen Rose-
munde den sagenhaften Stoff analysiert und auf seinen prosaischen Kern
zurückgeführt; er konnte nun einmal das Denken und Kritisieren nicht
lassen. Aber in dem Stück selbst hält er sich an die Tradition der eng-
lischen Ballade und der englischen Bühne. In stofflicher Hinsicht ist also
"Rosemunde" ein Zugeständnis an den "Herderismus". Dagegen nähert
sich das Singspiel technisch wieder der alten Opernform. Es gibt wieder
Chöre und, in größerer Anzahl, Arien und Duette; die Handlung ist
bunter und greller, das Seelische gröber als in "Alceste". Wieland hat,
wie es dann auch Goethe in seiner klassischen Zeit vom Singspiel for-
derte, gelernt, "die Poesie der Musik zu subordinieren". Wenn der fein-
sinnige Mendelssohn meinte, die "Rosemunde" verrate "den alternden
Dichter",137 so nahm er, wie das immer wieder bei Wieland geschah, ein
einzelnes Werk zu ernst. Wielands Dichter turn lebte zu dieser Zeit
wieder in den angestammten epischen Formen. Der empfindsame (vor-
romantische) Traum, Drama und Musik zu einer höheren Einheit ver-
binden zu können, war-noch einmal!-verflogen. Im gleichen Jahr
{1779) wie "Rosemunde" wurden zwei Werke uraufgeführt, in denen
klassisches Drama und klassische Oper in kräftiger Eigenprägung aus-
einandertraten: Glucks taurische Iphigenie und Goethes Prosa-
Iphigenie.
Gluck weilt zu dieser Zeit mit gutem Grund nicht in dem Wien der
Barocktradition, sondern im klassisch-klaren Paris; für Goethe gewinnt
gleichzeitig Racine größte Bedeutung. Auch Wielands letzter Versuch,
sein Abschied von derTheaterdichtung, ist an einer französischen Form
orientiert, an der "Comedie melee d'ariettes"; ja, wie der Vorbericht

294
.• Pandora"

betont, ist "Pandora" (1779), "ein Lustspiel mit Gesang", überhaupt


keine selbständige Erfindung, sondern eine Bearbeitung der "Boite de
Pandore", die Le Sage 1721 für eine Pariser Truppe verfaßt hatte.
Gleichwohl ist in diesem Werk Geist von Wielands Geist, nicht nur
durch eine kongeniale Wiedergabe des munteren Stücks, sondern auch
durch die Prometheusszenen, welche er, zur Umrahmung der Pandora-
Handlung, hinzugefügt hat. Indem Prometheus, der Schöpfer der Men-
schen, auf der Erde weilt und zu den Leidenschaften, die, aus Pandoras
Büchse entlassen, den menschlichen Frieden stören, Stellung nehmen
muß, gewinnt das leichte neckische Spiel, ohne diesen Charakter zu ver-
lieren, einen besinnlichen Hintergrund. Wieland bekommt wieder ein-
malGelegenheit, scherzend zu sinnieren und philosophierend zu lächeln.
Vielleicht sollte das Stück ursprünglich kein Abschied vom Theater,
sondern im Gegenteil ein Neuanfang, das Debüt als humoristischer Büh-
nendichter sein, denn es war für das Weimarer Liebhabertheater be-
stimmt,lss Aber weder diese komische Operette noch die früher erwähnte
philosophische Farce erscheint im Repertoire der Liebhaberbühne. Die
Gesellschaft, welche sich um Goethe versammelte, war für Wielands
Stücke nicht mehr zu haben. Der Theaterdichter Wieland hatte end-
gültig ausgespielt, und es war gut so, denn in diesem Augenblick erhob
sich der humoristische Erzähler noch einmal zum höchsten Rang. Ein
Jahr nach der "Pandora" wurden "Oberon" und "Die Geschichte der
Abderiten" vollendet.

7· Im Fegfeuer des Sturm und Drang. Läuterung

Wir haben gesehen, daß die zarte Pflanze von Wielands Ruhm schon in
ihrer besten Zeit der fortwährenden Stärkung und Pflege bedurfte, denn
im Verborgenen drängten neue, kräftigere Schößlinge ans Tageslicht
und drohten, der späten Rokokoblüte Licht und Luft zu rauben. Die
Vorboten einerneuen Wertung waren, wie auch in andern Bereichen der
Literaturgeschichte, Gerstenberg und Herder.
In den "Briefen über Merkwürdigkeiten der Literatur", welche so viel
zum Verständnis Shakespeares beigetragen haben, wurde Über-
setzung und der Noten Wielands mit wenig Respekt gedacht. Wieland

295
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

hat für den eigentümlichen Charakter des Shakespeareschen Dramas


für seinen Aufbau, für seine Lieder, für seine Geistererscheinungen, für
seinen Humor nicht den richtigen Sinn. Seine ganze Bearbeitung atmet
"Verdrossenheit". Den künstlerischen Wert von "Agathon", "Musa-
rion" und andern Meisterwerken der Biberacher Zeit kann Gerstenberg
in seinen Rezensionen für die "Hamburgische neue Zeitung" (I 767-7 I)
nicht übersehen; es ist so "billig, das moralische Verdienst eines großen
Dichters von seinem poetischen zu unterscheiden" 1 S9• Aber seit dem
"Diogenes" bricht sein Unwille aufs neue durch. Er wirft dem Dichter,
dessen Begabung ihm außer Zweifel steht, unnötige Nachahmungssucht
und öde Frivolität vor; er vermißt in seinem Stil und in seiner Welt-
anschauung die Selbstsicherheit der Griechen.
Bei Herder wird die Beurteilung von Wielands Griechendichtungen
noch mehr zu einer Frage der historischen Echtheit, und entsprechend
verschärft sich seine frühe Wielandkritik gelegentlich schon bis zum
rabiaten Ton der Stürmer und Dränger: "Man muß beinahe ausspeien,
wenn Wieland auftritt und sagt: Seht den Kopf des Sokrates". 140 Auch
Wielands Shakespeare ist ihm, wie die Briefe zeigen, unerträglich und
"barbarisch" . 1 n Trotzdem vermeidet er im Shakespeare-Aufsatz jede
Polemik gegen den Shakespeare-Übersetzer. Dem feinen Kritiker ent-
gehen die außerordentlichen künstlerischen Fähigkeiten unseres Dich-
ters nicht. Sie entschuldigen viel Irrtum. Schon in den "Fragmenten"
nimmt er den Dichter Wieland gegen die Kritik der Literaturbriefe in
Schutz. Lessing hat die "S ympa thien" religiös und persönlich, aber nicht
literarisch rezensiert. Ganz entsprechend lehnt er eine moralische Kritik
des weltlichen Wieland, sogar der "Komischen Erzählungen", ab. War-
um sollen die "Komischen Erzählungen" dafür büßen, daß sie keine
"Empfindungen eines Christen" sind? "Jeder sei, was er ist." 142 In der
neuen Leidenschaft für Subjektivität und Lebensnähe, im Sternisieren,
berühren sich die beiden großen Bahnbrecher durchaus, und wer das
übliche literarhistorische Klischee im Kopfe hat, wird mit Erstaunen
die Worte lesen, welche Herder nach dem Erscheinen des "Neuen Ama-
dis" an seine Braut geschrieben hat:" Wielands Amadis habe ich noch
nicht gelesen; ich durste aber sehr danach, weil ich gegenwärtig seine
Schriften äußerst liebe: er und ein Engländer, Shaftesbury, sind die
Hauptschriftsteller, mit denen ich jetzt lebe. "143 Wahrhaftig ein Zeugnis

296
Gerstenberg. Herder

für die Größe von Wielands Ruhm! Sogar Herder verfällt dem Dichter,
und zwar in Straßburg, im Jahre der Sesenheimer Lieder. Es ist ein un-
widerstehlicher Zauber, den der Magier des sterbenden Rokoko auf jeden
ästhetisch empfänglichen Geist ausstrahlt! Erst zwei Jahre später, als
er gebrochen ist, verteidigt Herder die Bardenpoesie gegen Wielands
Angriff und begrüßt es herzlich, daß "endlich die sinesischen Kamin-
puppenneuesten Geschmacks und die Crebillonischen unaufhörlich wie-
derholten Sofagemälde voll ungriechischer und wahrhaft undeutscher
Sitten ... abgelöst wurden."lU
Wielands Briefe verraten, daß er sich über Gerstenbergs und Herders
Kritik hie und da nicht wenig ärgerte; den ersten weist er mit großer
Schärfe ab, vom zweiten erhofft er, JUit seiner feinen Witterung für
Genie, noch viel Gutes, wenn sein "Schwindel" vorüber sein wird. Im
Ganzen aber kann der Dichter bis 1772 die Träger des neuen Geistes
ignorieren und sich in den Strahlen seiner Celebrität sonnen: "Still-
schweigende Verachtung ist das unfehlbarste Mittel, dergleichen arm-
selige Bläffer, die mit aller Gewalt Aufmerksamkeit erregen wollen, ab-
zuweisen. "as
Die erste nicht zu übersehende und tief schmerzende Erschütterung
seiner literarischen Autorität erfolgte an einem Punkte, wo er sie am
wenigsten erwartet hatte und wo er sie auch am wenigsten verdiente.
Es gehörte schon die ganze Vieldeutigkeit und Zwiespältigkeit von Wie-
lands Wesen dazu, um in einem solchen Maße verkannt und isoliert zu
werden, wie es ihm nunmehr geschah. Er hatte mit einem gewissen Ban-
gen den Roman seiner Freundin "Das Fräulein von Sternheim" heraus-
gegeben. War es bloß seine persönliche Zuneigung, die ihn verführte,
dieses Buch schön und liebenswert zu finden? Wie er es von seinen
eigenen Apologeten stets forderte, hatte er daher in seinem Vorbericht
keine Hymne angestimmt,, sondern dem Lob auch einigen Tadel beige-
mischt. Die Dichterin sei mehr eine große und warmherzige Natur als
eine Künstlerin, eine strenge ästhetische Betrachtung könne manchen
Fehler finden, aber das mache die weibliche Verfasserin nur um so lie-
benswürdiger; es ist ein Urteil, das vor der Literaturgeschichte Bestand
hat. Aber die Jungen, die sich um Sophie La Roche sammelten und
ihr alsbald überschwänglich huldigten, sahen in solchen Äußerungen
Wielands nur den Neid dessen, dem solche "Natur"-Dichtung unerreich-

297
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

bar war. Gerade das Unmittelbare, Unliterarische und Unpolierte des


Romans bewunderten sie bis zum Entzücken und standen nicht an, die
Dichterio weit über Wieland selbst zu stellen. Vielleicht war bei dieser
gefühlvollen, aber nicht immer zarten Jugend auch ein Stück Schaden-
freude dabei, Wieland an einem so empfindlichen Punkt seiner Existenz
zu treffen. Jedenfalls gelang es ihr vollkommen, Sophie La Roche von
ihrer genialen Berufung zu überzeugen. Sie, die den Aufstieg ihres
Freundes stets mit allzugroßer, fast neidischer Bewunderung verfolgt
hatte, genoß jetzt berauscht ihren eigenen dichterischen Ruhm. Sie
empfing die jungen Schöngeister in ihrem vornehmen Hause am Rhein
und konnte von ihren Huldigungen, auch wenn sie mit Ausfällen gegen
Wieland vermischt waren, nicht,satt werden. Als die Jacobis im Früh-
jahr 1772, ein Jahr nach Wielands Triumphreise, wiederum zu einem
empfindsamen Kongreß in Ehrenbreitstein eintrafen, blieb Wieland mit
guten Gründen fern; und in den folgenden Jahren, als auch Goethe in
Sophies Haus verkehrte, hat er es erst recht nicht mehr betreten.
Die Untreue, welche damals Sophie, durch ihr unklares Verhalten, an
Wieland begangen hat, war niemals wieder ganz gut zu machenl4 6 , sie
zerstörte dieses zarte Minneverhältnis in seiner Tiefe. Unser Dichter war
zwar viel zu urban, um mit ihr förmlich zu brechen, und sie selbst näherte
sich ihm gleich wieder, als ihr kurzer Traum von Größe verflog; aber die
alte Wärme war dahin. Er findet nun, wie er ihr gesteht, nicht so leicht
"eine Stunde, wo er gerade so gestimmt ist, um auf einen sentimentalen
Brief eine erträgliche Antwort zu geben". 147 Der klassische Geist von
Weimar tut ein Übriges, um das Interesse für die empfindsame Freundin
zu mindern. Die Briefe werden immer seltener und kühler. Wieland klagt
darüber: "Die Feindseligkeit unseres Schicksals hat uns sogar die
Sprache genommen .. " 148 ; aber er kann es nicht ändern. Als die Freun-
din während seiner Mannheimer Reise mit ihm zusammen treffen wollte,
riet er ganz offen von einem Wiedersehen ab. Erst später, nachdem
Sophie durch die Absetzung ihres Gatten in Not geraten war, wurden
die Beziehungen wieder enger, wenn es auch mehr Mitleid und der
Mythos seiner alten Liebe als unmittelbare Zuneigung waren, was ihn
jetzt verpflichtete.
Vereinsamung heißt das Schicksal, das mit der Untreue Sophies in
mancherlei Gestalt für Wieland beginnt. Sie ist schmerzlich, aber heilsam,

298
Sophie La Roche und die Brüder Jacobi

das notwendige Klima seiner neuenMetamorphose. Nach einer vorüber-


gehenden allzugroßen Hingabe an den Zeitgeist beginnt wieder die Aus-
einandersetzung mit ihm, die Rückkehr zu sich selbst. Nicht allein die
Enttäuschung durch Sophie bewirkt, daß ihm der Geist der Empfind-
samkeit wieder zutiefst verdächtig wird (auch in seinerneuen säkulari-
sierten Gestalt). Bei dem kritischen Oberschwaben wächst überhaupt der
Widerwille gegen die oberflächliche Gefühlskultur, in die er in Mittel-
deutschland geraten ist. "Ihr seyd", so schreibt er an Gleim, "warme
Seelen, Feuerseelen! Das sind wir arme Schwaben nicht."l49 Wenn sich
sein Verhältnis zu dem ewig jugendlichen, marklosen Alten abkühlte,
so ist das gewiß nicht verwunderlich, denn es war immer etwas konven-
tionell gewesen, aber auch die Brüder Jacobi, in denen ihm die neue
Empfindsamkeit am verführerischsten entgegengetreten war und die
nicht aufhörten, sich als seine Freunde (und Missionare) zu empfinden,
wurden ihm bald wieder fremd. "Ich bin ein wunderlicher Mensch, nicht
wahr lieber Fritz? Aber ich bin nun so, und, nach meiner Philosophie,
soll einjedes Ding so seyn, wie es ist. Was hilft alle die ungeheureMenge
von Enthusiasmus, den wir für einander haben, wenn wir einander
nicht ertragen lernen" 160 , so heißt es früh in dem unverkennbar echten
Wielandischen Ton, und ein andermal, in deutlicher Anspielung auf seine
Schweizer Epoche bekennt er, es habe "schwerlich ein Sterblicher mehr
Ursache dazu gehabt als er", schwärmerische Geister zu meiden.1s1 "Ihr
seid und bleibt eben Schwärmer", heißt das Stichwort, das er ihnen
immer wieder entgegenschleudert, oft anklagend,. manchmal aber auch
um Nachsicht bittend, denn er widerstrebt dem Dämon, der ihn immer
tiefer in die Einsamkeit zurückruft. Jahrelang zieht sich Wielands Brief-
wechsel mit Fritz Jacobi in einer merkwürdigen Haßliebe hin und offen-
bart alle Seiten seiner wechselvollen, erneut in die Krise geratenen
Seele.
Für den vielgeprüften Dichter hieß die Frage jener Übergangsjahre:
Wo liegt der Mittelweg zwischen dem herzlosen Spott und der hirnlosen
Schwärmerei? Wo liegt zwischen den Auswüchsen der Anglomanie und
Gallomanie, zwischen Frömmelei und Skepsis, zwischen seinem Schweizer
und Biberacher Stil das Richtige, das Klassische? Im Jahre des "Götz"
( 1 773) klingtnicht nur bei Herd er, sondern schon allenthalben das Schlag-

wort vom "französischen" Wieland aufund zwingt ihn, seinen Iitera-

299
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

rischen Standort näher zu bestimmen. Er kann sich dabei seines "Teut-


schen Merkur" bedienen, den er, mitten im Ausbruch der literarischen
Revolution, begründet hat. Hier kann er der rebellischen Jugend mit
Hilfe der Majorität, die ihm noch immer treu ist, begegnen.
Zunächst einmal ist deutlich: er will den Vorwurf, ein Jünger Voltaires
zu sein, von sich schütteln. In einem sehr populär gehaltenen, weit-
schweifigen Aufsatz "Über eine Anekdote in Vol taires Universal-
hi s torie" 152 ( r 773) zeigt er, ohne grundsätzliche Zugeständnisse an die
Feinde des großen Freigeistes zu machen, daß er von einer sklavischen
Verehrung des Franzosen weit entfernt ist. Voltaire hat dem "Reiche
des Aberglaubens Abbruch getan", aber dieser Vorteil mußte zu teuer
bezahlt werden. "Die irrigen Sätze, von denen seine Schriften strotzen,
die gefährliche Gabe, durch die Magie seiner Farben und die künstliche
Verteilung des Lichts und Schattens in seinen Gemälden die wahre Ge-
stalt der Gegenstände zu verfälschen ... und zwanzig andre Untugen-
den dieser Art machen ihn zu einem verführerischen Schriftsteller für
den großen Haufen." Wieland schämt sich fast, diese Allerweltswahrheit
wiederzukäuen, aber, so meint er geheimnisvoll, er hat gute Gründe es
zu tun. Der Herausgeber des "Teu tschenMerkur" stellt sich andeu tungs-
weise als Repräsentant des gründlichen deutschen Geistes gegen die
leichtsinnigen Franzosen vor.
Auch seine Auffassung von Shakespeare, dem Götzen der Jugend, unter-
scheidet er ausdrücklich von der kalten Shakespeare-Kritik Voltaires.
Man weiß zu wenig, daß in jenen Jahren neben Goethe und Herder auch
Wieland einen Aufsatz zu Shakespeares Ehren veräffen dicht hat, mit
dem bezeichnenden Titel "Der Geist Shakespeares" (r773). 153 Unser
Dichter gibt zwar seine alte Meinung, daß der große Engländer "Män-
gel" hat, nicht auf, aber er verwahrt sich gegen eine formale, dramatur-
gische Kritik des größten Menschenkenners und Weisen. Die Quelle der
Mängel "liegt in der Größe und in dem Umfang seines Geistes. Sein
Genius umfaßt, gleich dem Genius der Natur, mit gleich scharfem Blick
Sonnen und Sonnenstäubchen, den Elephanten und die Milbe, den Engel
und· den Wurm". Der Shakespeare-Mythos des Herderkreises klingt an,
aber Wieland sagt nicht so sehr der Sache als dem Ton nach etwas
Neues. Denn er war, wie wir gesehen haben, von Shakespeares Größe
von vornherein betroffen. Er kann jetzt mit Stolz behaupten, daß Les-

300
Über Voltaire und Shakespeare

sing in der "Hamburgischen Dramaturgie" seiner Shakespeare-Über-


tragung "bloß Gerechtigkeit" widerfahren ließ; und er kündigt ohne
schlechtes Gewissen die von einem andern (Eschenburg) "sorgfältig ver-
besserte" Neuausgabe seiner Übersetzung an, denn es wäre auch ihm,
Wieland, gegenüber ein Unrecht, das grundsätzliche Verdienst seiner
Pionierarbeit infolge ihrer Mängel abzustreiten. Es kommt nicht auf
Einzelbei ten, sondern auf die Berührung mit dem Geiste Shakespeares
an; sie läßt uns seine Unerreichbarkeit fühlen, aber sie adelt uns auch:
"und vielleicht hab' ich es dieser Empfindung zu danken, daß einige
meiner Versuche das Feuer weniger verdienen."
Mit der Distanzierung von Voltaire und mit dem Preise Shakespeares
deutet Wieland allen Verständigen an, daß sich seine geistige Welt aus
viel tieferen und weiteren Quellen nährt als diejenigen behaupten,
welche ihn zu einem modischen Französling machen wollen. Eine
direkte Polemik liegt ihm weniger; er ist kein Kampfhahn wie
Lessing. Die in dieser Hinsicht wichtige Rubrik der Rezensionen
überläßt er vorläufig seinem ehemaligen Erfurter Kollegen Chr. H.
Schmidt, der jetzt in Gießen Professor ist. Immerhin gibt er durch
gelegentliche Hinweise seine Unzufriedenheit mit der neuesten Ent-
wicklung des deutschen Geistes klar zu verstehen. In den Bemer-
kungen zu Schmidts Aufsatz "Über den gegenwärtigen Zustand des
deutschen Parnasses" (1773)1" stellt er eine Theorie zum aktuellen
Thema der "nationalen" Dichtung auf, die von bleibendem Wert ist
und deren Beachtung uns Deutsche vor manchem Irrtum bewahrt hätte.
Er bestreitet keineswegs das unwillkürliche nationale Gepräge jeder
Literatur, ja er benützt zur Kennzeichnung dieses Phänomens das Wort
"Erdgeschmack", das noch ganz neu ist. Sogar die "Korinther, Spar-
taner, Thebaner, Athenienser, Megarenser, Thessalier usw." waren "viel
zu verschieden voneinander", "um sich anders als durch sehr allgemeine,
folglich wenig auszeichnende Züge zu gleichen". Raum und Stamm sind
also ebensogut Faktoren der Literaturgeschichte wie die Zeit. "Aber
hieran genüget, wie es scheinet, gewissen von vermeintlicher Vaterlands-
liebe brausenden Köpfen nicht." Sie wollen eine absolute, urhafteOrigi-
nalität, die in der heutigen Zeit weder möglich noch wünschenswert ist,
denn die europäischen Nationalcharaktere haben sich in einer langen
Entwicklung abgeschliffen. Kultur heißt eben die Herausbildung allge-

30!
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

meiner Normen, und dem Gesetz dieser Entwicklung müssen sich die
einzelnen Menschen und Völker beugen, wenn ihre Individualität nicht
zur Karikatur werden soll. Die natürlichen Unterschiede zwischen den
Völkern sind zu groß, als daß man jemals "eine der Vollkommenheit
nachteilige Einförmigkeit" befürchtenmüßte."Aberdas Harte, zu stark
Abstechende, einen widrigen Mißton im Ganzen Verursachende" wird
sich verlieren, wenn man entschlossen die klassischen Normen und Vor-
bilder Europas im Auge behält. Wie lächerlich wäre es gewesen, wenn
die Römer zu Trajans Zeiten von Virgil, Horaz, Ovid, Catull "als Nach-
ahmern der Griechen mit gerümpfter Nase gesprochen hätten"?
Und nun folgt ein im Tone vornehmer aber in der Sache entschiedener
Angriff auf den unechten manierierten Versuch der Jugend, unter Ab-
bruch aller Traditionen absolut original und absolut deutsch zu sein.
Er leugnet nicht die Begabung mancher Bardendichter, aber er erkennt
die Gefahr, die hinter dieser Abwendung von dem humanistischen Erbe
Europas lauert: "Den kriegerischen, blutdürstenden Geist und die pa-
triotische Wut dieser alten Barbaren durch die Magie der Dichtkunst
verschönern und zu Tugend und Heldentum adeln, heißt einen Gebrauch
von dieser edeln Kunst machen, der bei allem, was er Blendendes hat,
nicht weniger gefährlich ist, als wenn sie zum Werkzeug der Üppigkeit
und ausschweifender Lüste mißbraucht wird." In dem zweiten Teil des
Satzes schwingt ein "peccavi" mit: er ist im Laufder Entwicklung, be-
sonders durch die Übertreibungen seiner Nachahmer 155 , zu der Erkennt-
nis gelangt, daß das natürlichste Phänomen unheilbringend und zer-
störend wirken kann, wenn es nicht mehr im Zusammenhang des Ganzen
betrachtet, sondern von einem verantwortungslosen Künstlerturn isoliert
gerühmt und verabsolutiert wird. Dies gilt für das Nationalgefühl so gut
wie für die Liebe.
Wieland ahnte wohl, daß die neue Jugend durch maßvolles Entgegen-
kommen und reife Mahnung nicht zufriedengestellt, vielmehr noch
stärker aufgebracht sein werde. So hatte er schon im Frühjahr 1773 ein
literarisches Bündnis abgeschlossen, das seiner nicht ganz würdig war
und seiner Autorität unabschätzbar viel Schaden tat. Er war nicht
selten vor lauter Klugheit äußerst töricht.
Unter den berühmten Gästen, die der Uraufführung der "Alceste" bei-
wohnten, befand sich der mächtigste Repräsentant der Berliner Auf-

302
Warnung vor Barbarei. Nicolai

klärung, der Verleger Nicolai. Er schwang, mit Hilfe seiner "Allge-


meinen deutschen Bibliothek" und seiner vielseitigen Geschäftsverbin-
dungen noch immer die Geißel über dem literarischen Deutschland,
spürte aber wohl, daß der Widerstand gegen seine Herrschaft immer
heftiger wurde. Der berühmte Wieland mit der neuen erfolgreichen Zeit-
schrift durfte nicht unter seinen Gegnern sein! So besuchte er den
brillanten wetterwendischen Musenkönig, den er eigentlich verachtete,
lobte seine "Alceste" in der Gesellschaft und huldigte überhaupt seinem
Ruhme in jeder Weise. Als er Weimar verließ, hatte er eine literarische
Schlacht gewonnen, denn Wieland war von dem weltmännischen
Freunde eingenommen und mochte zugleich die Rückendeckung wäh-
rend des bevorstehenden Gewitters im Westen begrüßen.
Nicolai gehört wie Gottsched zu den Geistern, welche ihre frühen Ver-
dienste durch späteren Starrsinn vergessen machen. Er hatte im Bunde
mit Lessing viel Gutes geleistet, und noch in jener Zeit gehörte der klare
männliche Schriftsteller zu den aufbauenden Faktoren der deutschen
Literatur. Sein "Sebaldus Nothanker", der eben damals zu erscheinen
begann, ist eines der aufrichtigsten und lebendigsten Bücher der Auf-
klärung; nur darf man, wie immer bei Nicolai, keine spezifisch dichte-
rischen Qualitäten erwarten. Wieland, welcher des Empfindeins und des
Bardennebels herzlich müde war, wußte die soliden Eigenschaften des
Berliners zu würdigen und lobte im "TeutschenMerkur" seinen Roman;
-vielleicht ließ sich der Teufel mit Beelzebub austreiben!
Aber er hatte sich verrechnet. Die enthusiastische Jugend überschaute
sein kompliziertes dialektisches Spiel nicht. Der "Teutsche Merkur"
widersprach ohnehin ihrem genialen Anspruch: er war zu flau, zu sehr
auf den Durchschnitt berechnet; dieses Zugeständnis an den tiefverach-
teten Nicolai aber schlug dem Faß den Boden aus.
Zu allem Unglück hatte der Berliner in der Gestalt des Dichterlings
Säugling den rosenroten Johann Georg J aco bi mit seinen endlosen
amourö,sen Liederlein karikiert, ohne Nennung des Namens, in durchaus
allgemeingültiger Form. Wieland gab vor, es nicht bemerkt zu haben,
und als Fritz Jacobi ihn, Himmel und Hölle beschwörend, bat, die schon
gesetzte Nummer des "Merkur", in welcher die günstige Rezension des
"Sebaldus Nothanker" stand, zurückzuhalten, blieb er unerbittlich.m
Er konnte vielleicht nicht anders, ohne vor sich selbst lächerlich zu wer-

302
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

den; aber es war ein gefährlicher Schritt. Die Briefe, welche Fritz
Jacobi mit einem überlegenen und überzeugenden Ernst damals an
Wieland schrieb, geben einen unmittelbaren Eindruck davon, wie sehr
er durch sein unaufhörliches Jonglieren und Lavieren das Vertrauen der
Jugend verloren hatte: "Wieland unter der Protection von Ni-
colai! Sagen Sie mir, mein Freund, ob es Ihnen möglich ist, dies mit
Gelassenheit zu denken ... Wahrhaftig, mein liebster Wieland, mit
diesem Winde fuhren Sie nicht, da Sie Ihren Ruhm eroberten; der Wind
geht zu Tal." 157 Wieland antwortet einmal sehr scharf, dann wieder
konziliant. Das Proton Pseudos .liegt darin, daß ein gefühlvoller junger
Mensch wie Fritz Jacobi in die komplexe Gestalt eines Wieland nicht
eindringen kann. Der Dichter fühlt sich, wie einst bei Julie Bondely,
von einem kleineren, aber sittlich überlegenen Geist geschulmeistert.
Doch hält er diesmal, so lang und so gut es gehen will, dem Gebot der
Freundschaft stand. Er übersieht ihm das Abspringen vom "Merkur",
die Gründung der Zeitschrift "Iris", die innige Freundschaft mit seinem
Verächter Goethe; er läßt sich über den Mund fahren, wenn er den
"Clavigo" nicht so trefflich finden kann wie andere Werke Goethes.ua
Durch ihn erfährt er von der wachsenden Schar, welche "den wankenden
Götzen Wieland vollends niederreißen" willm, ihm bekennt er entmu-
tigt, daß er "kein großer Mann" ist. 16 0 Vor einem Werke Jacobis, "All-
wills Papieren", fühlt er sein "eigenes Nichts" wie nie zuvor und klagt
erschüttert: "Ich habe die Gabe verloren, mich auszudrücken."U 1 Erst
als seine Dichtung und sein Selbstbewußtsein wieder aufblühen, reißt
die Verbindung mit dem charakterstolzen Freunde ab (1777). Die Tren-
nung der allzu verschiedenen Geister war aufzuschieben, aber nicht zu
verhindern.
Man sieht im Briefwechsel mit Jacobi recht deutlich, daß die Geschichte
von Wielands Wirkung zugleich ein Stück seiner Seelengeschichte ist.
Er geht nicht wie Klopstock in der erhabenen Einsamkeit des Propheten
seinen Weg, sondern existiert mit bewußter Bescheidung in der ge-
schichtlichen Welt und wird von ihr bis zu einem gewissen Grad be-
stimmt. Man sollte nicht sagen, daß schon dies ein Beweis für sein ge-
ringes Dichterturn sei. Auch Goethe ist mehr Gestalter gelebter Inhalte
als zeitentrückter Seher und daher wie Wieland einer unaufhörlichen
Metamorphose unterworfen.

302
Die Wielandfeindschaft der Jugend

Die äußere Geschichte der "Sturmflut gegen Wieland" 16 2 ist der Litera-
turgeschichte zur Genüge bekannt und kann hier nicht ausführlich er-
zählt werden. 168 Herder gab 1773 das Signal, Goethe blies mit dem
"Jahrmarktsfest von Plundersweilern", vor allem aber mit "Götter,
Helden und Wieland" (1773/74) am mächtigsten in die Wellen, und
Lenz machte im "Pandämonium Germanicum" (1775) und in anderen
Schriften den Radau dazu. H. L. Wagners anonyme Satire "Pro-
metheus, Deukalion und seine Rezensenten" (1775) tat das Übrige, um
die Geister recht gründlich zu verwirren, denn unser Dichter hielt sie
für einen heimtückischen Angriff Goethes, dessen offizielle Verlaut-
barungen bereits Frieden verheißen hatten. Wieland erscheint in allen
diesen Schriften als schwächlicher Halbmensch, als Salontrottel, als
Französling, als lüsterner Unterhaltungsschriftsteller, als Nachahmer
ohne jeden eigenen Funken, kurz als der Sch ... kerl mit oder ohne
Punkte. Erstaunlicherweise ließ sich in diesem Chor auch der priester-
liche Klops tock vernehmen und zwar in einem Tone, der nicht viel vor-
nehmer und im Grunde verletzender war als der mutwillige Spott der
jungen Kraftgenies. Er gab in seiner "Gelehrtenrepublik" (I 774) dem
Wielandbild die Abstempelung, welche danach in Deutschland weitver-
breitet und seit der Romantik herrschend, gewissermaßen kanonisch
wurde: "Es war einmal ein Mann, der viel ausländische Schriften las und
selbst Bücher schrieb. Er ging auf den Krücken der Ausländer, ritt bald
aufihren Rossen, bald aufihren Rossinanten, pflügte mit ihren Kälbern,
tanzte ihren Seiltanz. Viele seiner gutherzigen und unbelesenen Lands-
leute hielten ihn für einen rechten Wundermann. Doch etlichen entgings
nicht, wie es mit des Mannes Schriften eigentlich zusammenhinge; aber
überall kamen sie ihm gleichwohl nicht auf die Spur. Und wie konnten
sie auch? Es war ja unmöglich, in jeden Kälberstall der Ausländer zu
gehen."
Die Wielandfeindschaft der Klopstockjünger im "Göttinger Hain" war
nach der Weise dieser Jugend noch persönlicher und totaler, blutig ernst.
Hölty schrieb ein Gedicht gegen Wieland mit dem Titel "Der Wollust-
sänger". Voß, der spätere, von Wieland großmütig geförderte Homer-
übersetzer, veröffentlichte im "Göttinger Musenalmanach" 1 6' Epi-
gramme, die demDichter sehr weh taten. Bei den SchwärmerischenZusam-
menkünften dieser S tu den ten wurden Wielands Bücher zertreten oder ver-

Sengle, Wieland 20 305


Im Fcgfeuer des Sturm und Drang

brannt. "Wir gingen bis Mitternacht in einer Stube ohne Licht herum
und sprachen von Deutschland, Klopstock, Freiheit, großen Taten und
Rache gegen Wieland, der die Unschuld nicht achtet." Schon entsteht
die v.ilde burschenschaftliche Atmosphäre, die später zur Ermordung
Kotzebues führte.
Wahrhaftig, Wieland mußte nicht nur für seine eigenen Entgleisungen
und Schwächen, sondern für die Sünden einer ganzen Epoche büßen. Es
war in diesem Augenblick ein zweifelhaftes Vergnügen geworden, Sym-
bol der Rokokokultur zu sein. Die Zeit der Nationalitäten und
Massen erhebt grollend ihr Haupt. Das Rasen der Jungen ist der Vor-
klang eines neuen Weltalters. Aber noch ist der Dichter in der alten
aristokratischen Ordnung geborgen. Die Sturmflut reicht nur an seine
Sohlen, und selbst wenn sie höher stiege, geziemte ihm der Schrei nicht.
Soll er dem Hofe und den Prinzen, die mit Schadenfreude oder Neugier
"Götter, Helden und Wieland" lesen, auch noch das Schauspiel eines
zeternden Hofmeisters bieten? Es ist nicht nur Großmut sondern Klug-
heit, wenn er öffentlich und privat die Werke Goethes, den "Götz von
Berlichingen", die "Leiden des jungen Werther", ja sogar "Götter, Hel-
den ur1d Wieland" lobt. Allerdings ist da noch ein Drittes, das zu seiner
MäßigunggegenüberGoethe beiträgt und vielleicht sogar am wichtigsten
ist: sein erstaunliches Gefühl für den unvergleichlichen Rang des jün-
geren Dichters. Sein Lob ist nicht gemacht, konventionell, sondern voll-
kommen gegenständlich und wohlbegründet. Er kritisiert auch da und
dort, aber er verliert nie die Dimension aus dem Auge, in welcher er sich
bei einem Goethe bewegt: "Wenn nicht von dem, der viel hat, viel ge-
fordert würde, so würde ich den Verfasser ohne Einschränkung loben",
-und nun kritisiert er das Konventionelle am "Clavigo", ganz so wie
es der heutige Literaturhistoriker auch tut, wenn er kein Goethomane
ist. Er sieht, daß dieses Drama nicht an den "Götz" heranreicht, obwohl
es in dramaturgischer Hinsicht viel geschlossener ist.
Wieland kämpft nicht gegen Goethe, sondern er gibt ihm, was so selten
in der Literaturgeschichte geschieht, den Lorbeer des großen Dichters
ohne Haß weiter! Er hat dadurch viel zur Veredelung des literarkriti-
schen Umgangstones in Deutschland beigetragen und Goethe tief be-
schämt. Daß nicht nur irgendeine taktische Rücksicht, sondern die un-
abweisbare Witterung für das Genie in Goethe Wielands Lob bestimmte,

302
Verhalten Wielands

beweist sein Verhalten gegenüber Lenz, das erheblich anders war. Er


fühlt mit Sicherheit, daß es sich hier um ein Strohfeuer handelt, um eine
Natur ohne Maß und geistige Zucht oder, vom Werk aus gesehen, um
eine manierierte Kunst. Es fehlt, so sagt er treffend, "bei der Natur die
Kunst und bei der Kunst die Natur".m Besonders deutlich und streng
ist seine Kritik der "Anmerkungen übers Theater"; Lenz hatte guten
Grund bitterböse zu sein: "Sein Ton ist nicht der Ton der Welt; es ist
auch nicht der Ton der Untersuchung; Schulton ist's auch nicht;
Kenner haben sonst auch noch nie so gesprochen. Was ist's denn? Es
ist der Ton eines Sehers, der Gesichte sieht, und mitunter der Ton eines
Quomebaccherapistuiplenum, der seinen Mund weit auftut, um etwas
Herrliches, Funkelneues, noch von keinem Menschen Ge-
sagtes zu sagen, und dann gleichwohl (wie Horazinseinem Rausche)
gerade nichts sagt, das sich derMüh' verlohnte, das Maul so weit aufzu-
reißen." In dieser Weise geht es weiter, hier kennt der Spezialist für
Narren keinen Pardon.us
Aber er regt sich immer weniger auf. 1775, gleichzeitig mit dem Er-
scheinen seiner vielsagenden "Geschichte des weisen Danischmend",
zieht er sich nicht nur aus dem höfischen sondern auch aus dem litera-
rischen Getriebe immer mehr heraus und immer tiefer auf sich selbst
zurück. Nachdem ihm sein vielseitiges Komplimentieren und Klugsein
nur Spott und Verachtung zugezogen haben, wirft er alle Berechnung
von sich und erringt die Ruhe dessen, den kein Ehrgeiz mehr bedrängt.
Sogar ein Besuch beim alten Gleim, den der Vereinsamte im Sommer
I 775 machte, hätte beinahe mit einem offenen Zwist geendet, denn dem

ernüchterten schwäbischen Dichter war dessen Schwärmen für Fried-


rich den Großen und Gleims ganze überschwängliche Art in der Nähe
unerträglich.l 87 Den äußersten Punkt dieser von Groll nicht ganz freien
und dennoch klärenden und kräftigenden Isolierung bezeichnet die Re-
zension vonNicolais Satire "Freuden desjungen Werther" (1775). Gegen
wen wird er sich entscheiden, gegen Goethe oder gegen Nicolai? Goethe
ist das höhere Genie, daranzweifelt er keinen Augenblick. Gleichwohl
ist Nicolais bissiges Werk ganz am Platze, als "kleines Digestivpülver-
chen" für diejenigen, die sich "durch allzu gieriges Verschlingen der
Werke des Herrn GXXX einen Schaden zugezogen haben. Herr G=,
der sich gegen Andre Alles erlaubt, kann sich über die Folgen einer Un-

302
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

gebundenheit, die er durch sein Beispiel rechtfertigt, am wenigsten be-


schweren." Er scheint in Nicolais Fahrwasser zu schwimmen; aber, als
er so seinem Herzen gegen Goethe Luft gemacht hat, dreht er sich blitz-
schnell herum und sagt auch dem herrschsüchtigen Berliner seine Mei-
nung: "Herr NXXX ist nie mein Freund gewesen; in seiner Bibliothek
bin ich fast immer schiefangeklotzt, oft mutwillig mißhandelt
und nicht ein einzigesmal (daß ich wüßte) durchaus unparteiisch beur-
teilt worden." 1es
Diesen Ton hatte der mächtige Nicolai nicht erwartet. Er ergrimmte
über Wielands jähen Bündnisbruch gewaltig und forderte in einem bei
aller Sachlichkeit unheimlich drohenden Brief von Wieland, seine
Äußerungen zurückzunehmen. Aber der Herausgeber des "Teutschen
Merkur" blieb fest, und jahrelang schleppte sich der Streit in Briefen,
Kampfschriften und Erwiderungen zwischen Weimar und Berlin hin
und her. Erst die herannahende Romantik trieb die beiden ungleichen
Vertreter der alten Zeit wieder näher zusammen.l6 9
Auch mit Goethe hätte damals, trotz aller Achtung, leicht eine voll-
ständige Entzweiung eintreten können,- sicherlich nicht zum Segen
der deutschen Literatur; aber nun geschah das öffentliche Wunder, wie
wir es in der deutschen Geschichte so selten erlebt haben, das Wunder
von Weimar. Karl August berief den jüngeren Dichter, ohne die Hand
von dem älteren abzuziehen. In der edeln Luft von Weimar mußte jedes
Gezänk zwischen den beiden Dichtern verstummen. Die Tradition war
gesichert; die gegenseitige Befruchtung aber und der schöpferische Wett-
kampf konnten beginnen.
Das erste Jahr (1775/76) war freilich noch einmal eine schwere Zeit für
Wieland. An dem Sturm- und Dranghofe, der sich vorübergehend um
den jungen Herzog bildete, konnte er keinen ungezwungenen Anteil
nehmen. In dem Reiten, Jagen, Tanzen, Trinken und jugendlichen
Tollen stand er abseits und machte eine grämliche Figur, die manchen
Spott herausforderte. Hätte er im Jahre 1763 oder 1764 eine solche
rousseauistische Gesellschaft erlebt, so wäre er gewiß mitgerissen worden;
jetzt aber kam ihm das jugendliche Treiben schal und lächerlich vor.
Er sah sich mit seinen 42 Jahren plötzlich in den "alten Wieland" ver-
wandelt. In jener Epoche wurde ja zum erstenmal von den Zwanzigern
die Entdeckung gemacht, daß die 30- und 40jährigen "alt" sind. Goethe

302
Sturm und Drang in Weimar

sagt damals in allem Ernst, Wieland sollte "in seinem Alter" besser
schweigen.l 70 Man muß sich vor Augen halten, daß der hier aufbrechende
Generationsunterschied tiefer war als viele oder alle, die man seither
erlebt hat; denn in ihm verbarg sich zum erstenmal der Unterschied
zwischen dem alten und neuen Europa, zwischen dem Europa des Adels
und dem Europa der Völker, zwischen dem aristokratisch-humanisti-
schen und dem demokratisch-naturalistischen Weltbild. Unser Dichter
fühlt sich, wie gelegentliche Äußerungen zeigen, gewissermaßen in ein
ganz anderes Volk und Klima versetzt. Alles was gegolten hat, soll plötz-
lich nicht mehr gelten. Besonders das Distanzlose, Laute und Volkstüm-
liche dieser Jugend mußte dem feinen, formempfindlichen Dichter un-
begreiflich sein. Am neuen Hofe sagt Goethe sogar zum Herzog Du, in
Wielands Haus sagt die Hausfrau zum Hausherrn Sie. Dieser Unter-
schied ist ein Sinnbild für den Zusammenbruch der alten Werte und
Formen, welcher währena dieses Jahres sogar den Hof eines Herzogs
bedrohte. 171
Unser Dichter genoß durch die Großmut seines früheren Schülers Aus-
nahmerechte. Seine zarte Gesundheit und seine Familie gaben ihm oft
Vorwand, sich von dem wilden Treiben zu dispensieren. Während die
Umgebung Karl Augusts seit Goethes Ankunft zum Wertherfrack über-
gehen mußte, durfte "Danischmend" seine alte Kleidung behalten. Nur
ihn nahm, wie er später erzählt, "der Herzog selbst aus, weil er zu alt zu
diesen Mummereien wäre". 172 Aber lag nicht ein Stück Mißachtung in
dieser Rücksicht ? Wohin konnte dies alles noch führen! Ganz Deutsch-
land schaute neugierig oder empört auf den seltsamen Hof, an dem unter
dem Günstling Goethe eine förmliche Revolution von oben stattzu-
finden schien. Blieb für einen Wieland noch ein würdiger Lebensraum
an einem solchen Hofe? Nicht allein mit Herder, der durch sein geist-
liches Amt zur Zurückhaltung verpflichtet und überhaupt schon ge-
reifter war, sondern mit den extremsten Stürmern und Drängern bekam
es Wieland 1776 in Weimar selbst zu tun! Im April 1776 erschien der
närrische Lenz, im Juni der tolle Klinger, um die Heraufführung des
genialen Äons in dem Herzogtum zu vollenden. Beide machten ihre
Freundschaft mit Goethe geltend, beide waren Übermenschen, unge-
heure Geister und nicht abgeneigt, sich wie Goethe von einem genialen
Fürsten mit einem einträglichen Posten beschenken zu lassen.

302
Im Fegfeuer des Sturm und Drang

Der Musarion-Dichter wußte, daß das Übertriebene am schnellsten vor-


übergeht, weil es in sich selbst keinen Bestand hat. "Geduld -nur 'n
halb Schock Jährchen lang", mahnte er in seiner gutmütig satirischen
Knittel versdich tung "Titanomachie" ( 177 5), deren "zweiten Gesang"
er, in richtiger Beurteilung der Lage, der Geschichte zu schreiben über-
ließ. Er bekämpfte Lenz, seinen grimmigsten literarischen Feind, nicht,
sondern behandelte ihn als das große Kind, das er in Wirklichkeit war.
Er nahm ihn väterlich auf und sprach in Briefen und Gesprächen nur
Gutes von ihm. Die Wirkung dieser Großmut auf den pathologischen
Gemütsmenschen war erstaunlich. Er pries nach kürzester Zeit Wieland
ebenso überschwänglich, wie er zuvor über ihn gelästert hatte. In seinen
Briefen liest man plötzlich Ergüsse wie etwa den folgenden: "Ich muß
noch hinzusetzen, daß ich jetzt durch die Bekanntschaft Wielands,
eines der größten Menschen unseres Jahrhunderts, dessen Wert freilich
erst die Nachwelt ganz schätzen wird,- und ich darf sagen, durch sein
Herz und seine Freundschaft eine der glücklichsten Aquisi tionen meines
Lebens gemacht" 173 ; er verteidigt sogar die "Komischen Erzählungen"
als "echteste Probiersteine" für die Tugend der Leser.
Die Woge des Sturm und Drang war Ende des Jahres 1776 bereits über
Weimar hinweggegangen, und die Konturen einer verjüngten und see-
lisch bereicherten, aber immer noch geformten -der deutschklassischen
Welt traten hervor. Eben die Übertreibungen des Jahres 1776 brachten
dem Herzog und vor allem Goethe selbst zum Bewußtsein, daß dieser
ungezügelte und fast anarchische Zustand nicht das Ziel ihres Streben,
sein konnte. Man mußte untergehen oder sich wieder auf die Ordnung
besinnen. Wieland war nicht der einzige Unzeitgemäße am Hofe. Anderes
etwa den Weimarer Schriftsteller Bertuch, hänselte man noch viel
offener 174 , und die Adeligen von der alten Schule mußten vollends be-
denklich auf das Gehabe des jungen Herzogs blicken. So gab z. B. der
spätere Liederdichter Siegmund von Seckendorff, übrigens ein Be-
wunderer Goethes, der den "Werther" und "Götz" ins Französische
übersetzt hat, einem auswärtigen Freund folgenden Lagebericht: "Das
Ganze teilt sich jetzt in zwei Horden, von denen jene des Herzogs die
geräuschvolle, die andere die ruhige ist. In der ersten rennt, jagt, schreit,
hetzpeitscht und galoppiert man; seltsamerweise hält man sich dabei
für geistreich, weil nämlich schöne Geister dazu gehören. Die zweite

JIO
Ende des Weimarer Sturm und Drang

langweilt sich meistens; sie sieht ihre Pläne durchkreuzt von der anderen
Gruppe, und die Vergnügen, die man sucht, entfliehen gewöhnlich in
dem Augenblicke, wo sie beginnen sollen ... Alle Tage werden durch
neue, ungewöhnliche Vergnügungen ausgezeichnet, ohne daß man fragt,
was darüber geredet wird. Denn nach dem leider zu getreulich befolgten
Systeme seiner Ratgeber gibt es keine Konvenienz in der Welt und soll
es keine geben. Die geltenden Regeln stammen nach ihrer Lehre nur aus
menschlichen Grillen, und der erste Mann im Staate ist in der Lage, sie
abzuschaffen. " 17 5
Mit dem Ultimatum von Fritsch, dem die übermäßige politische Bevor-
zugung von Goethe als untragbar erschien, begann die notwendige
Reaktion gegen den Staat der Jungen. Kar! August erschrak: diesen er-
probten Staatsmann konnte ein junges Genie nicht ersetzen. Noch ein-
mal mußte Anna Amalia zum Ruder greifen und die Ansprüche der
beiden Parteien ausgleichen. Als der Sommer 1776 vorüber war, hatte
das Sturm- und Drangsystem abgewirtschaftet; der Rausch war allen
Einsichtigen vergangen. Klinger reiste, ohne sich mit Goethe auszu-
sprechen, grollend ab, und im Dezember wurde Lenz, der ohnehin nur
noch tragikomische Gastrollen am Hofe gegeben hatte, vollends ganz
weggeschickt. An Neujahr 1777 machte unser Dichter mit Goethe eine
Reise, die sich von den wilden Jagden des Sommers sehr unterschied.
Man besuchte Wielands alte Freundinnen, die "Grazien" im Schloß
Stedten bei Erfurt, und war sehr herzlich beieinander 178 ; es ist die kurze
Periode einer innigen Freundschaft zwischen den beiden Dichtern. Aus
den Wieland-Briefen dieser Zeit spricht kein lauter Triumph, aber die
stille Freude darüber, endlich wieder in friedlicher Geborgenheit leben
und schaffen zu dürfen.
In all dem Sturm und Nebel des Übergangsjahres hatte es für Wieland
eine tröstliche Gewißheit gegeben: die Größe Goethes. In diesem
Punkte trat er völlig unter die Stürmer und Dränger. Zahlreich sind
die Zeugnisse seiner Verehrung. "Goethe, der König der Geister, der
liebenswürdigste, größte und beste Menschensohn, den ich jemals ge-
sehen habe." 177 "Göthe ist bald da, bald dort, und wollte Gott, er
könnte \fie Gott allenthalben seyn."l 78 Er veröffentlichte sogar
ein Preisgedicht auf ihn im "Teutschen Merkur". Später spricht er von
"Idolatrie": Goethes "Zauber" habe ihn im Anfang dahin gebracht, daß

3II
Wieland und Goethe

"er ganz in ihn verliebt war und ihn wirklich anbetete".m Auch in den
Monaten, da der Widerstand des Hofes gegen den Günstling anschwoll
und die Kehrseite seiner Dämonie sichtbar wurde, ließ sich der alte Ver-
ehrer des "fehlerhaften" Shakespeare nicht beirren. Er verstand die
Situation des Genialen aus seinem eigenen ungewöhnlichen Seinheraus
unvergleichlich besser als die kleinen Goethe-Kritiker: "Ein großer,
edler, herrlicher, verkannter Mensch, eben darum verkannt, weil so
wenige fähig sind, sich einen Begriff von einem solchen Menschen zu
machen." 18 0 Er sah - und in diesem Wort liegt auch dichtungsge-
schichtliche Wahrheit-, "wie einem echten Vater zukommt", in Goethe
die Erfüllung von all dem, was er selbst nicht hatte werden können.1s1
Man sage nicht, das sei die Schwärmerei eines Schwachen oder Labilen.
Es war vielmehr ein zähes und treues Ringen um einen Dichter, von
dem Wieland fühlte, daß er von Grund auf anderer Struktur als ein
Lenz sein mußte. Er witterte, so darf man sagen, im Stürmer und
Dränger von Anfang an den Klassiker, mit dem ihn der Sinn für Stil,
für menschliches und küns tierisches Maß vereinte. Schon im Juli 1776
rühmt er Goethes "untadelige Sophrosyne".1sa Die Wirkung Wielands
auf den jüngeren Dichter war gewiß viel größer, als wir aus den un-
mittelbaren Äußerungen ablesen können, denn hier war es nicht die
naturhafte Magie einer überwältigenden Persönlichkeit, sondern die
schwer errungene Weisheit und geistige Geformtheit eines äußerlich
wenig imponierenden Menschen, was den andern bezwang. Immerhin
lesen wir eben in jenem Juli 1776 die Worte Goethes: "Mit Wieland
habe ich göttlich reine Stunden. Das tröstet mich viel." Trost findet
jetzt der Jüngere bei Wieland, dessen "Vaterton" ihn einst verdroß:
Beruhigung, Geborgenheit, Heimkehr zur klassischen Tradition. Mit
Recht kann Wieland später, als er sich von dem größeren Dichter ver-
nachlässigt fühlte, bemerken, daß Goethes Lieblingswort "Klarheit"
ursprünglich keineswegs in seinem Munde zu finden war. Es war in jener
Zeit viel eher das Ideal des Verfassers der "Alees te".
Die innige Freundschaft zwischen Goethe und Wieland konnte nicht
dauern, denn die Dichter waren nicht nur in ihrer Natur verschieden,
sondern sie standen auch in allzu verschiedenen Lebenssituationen,
um einander so nahe bleiben zu können. Nachdem sie in einem kurzen
enthusiastischen Zusammensein einander erkannt und befruchtet hat-

312
WIELAND. GEZEICHNET VON GOETHE (1776)
Herder. Menx

ten, mußte jeder wieder seinen Weg allein weitergehen, denn Goethes
Ausgriff in die Welt, seine politische und gesellschaftliche Laufbahn
begann erst; Wieland dagegen hatte sich auf sich selbst zurückgezogen,
um die poetische Ernte seines Lebens vollends einzubringen. Nur eine
kurze "Begegnung" war möglich. Obwohl die Entfernung von dem ge-
sellschaftlich und geistig Höheren etwas Entehrendes für ihn hatte,
verkannte Wieland die Notwendigkeit dieser Entwicklung nicht und er-
trug sie daher im allgemeinen ohne Bitterkeit: "Da seine Spirallinie
immer weiter und die meine immer enger wird, so ist's natürlich, daß
wir immer weiter auseinanderkommen. Indessen ist und bleibt er mir
einer der herrlichsten und liebsten Menschen auf Gottes Erdboden und
damit punctum."1ss
Der Friede zwischen den Generationen und den gegensätzlichen Per-
sönlichkeiten in Weimar ist geschlossen. Er findet seine stärkste Stütze
in Anna Amalias indirekter Führung und in Wielands humorvoller Re-
signation. "Bescheidenheit" ist eines seiner Lieblingsworte in dieser
Zeit; er hat sogar einen kleinen Merkurartikel über dies Thema ge-
schrieben. Was ihm an dem neuenGeschlechte am meisten mißfällt, ist
seine Überheblichkeit. Herders übersteigertes Selbstgefühl machte
ihm seine Aufgabe, Frieden zu stiften und zu halten, oft schwer. "Der
Mann ist wie eine elektrische Wolke"; ein solcher Mann ist groß, aber
kein guter Nachbar.l 8 ' Trotzdem wird er mit ihm auskommen, denn er
ist immer bereit, auch ihm den "Primat inter pares, so gut als jeder
catholische Bisehoff dem Papst einzugestehen" . 185
Die wichtigste Quelle für Wielands persönliches und literarisches Leben
in dieser Zeit ist sein Briefwechsel mit Merck, der 1776 einsetzt und
zuerst innerlich, dann auch äußerlich die Brieffreundschaft mit Fritz
Jacobi verdrängt. Merck, dieser eckige Mensch, der das Amt eines Darm-
städter Kriegsrates bekleidete, aber, aus Widerwillen gegen die tech-
nische und geistige Zivilisation, auch Äcker bestellte und Schweine
hielt, war in allem das Gegenteil der idealistischen Düsseldorfer Brüder.
Sophie La Roche, welche eher die seelische Struktur der Jacobis hatte,
fürchtet seinen "ätzenden Scharfsinn". 18 e Seine metaphysische Skepsis
führte ihn später zur Medizin. Er war, was ihn für Goethe so anziehend
machte, durch und durch eine Individualität, freilich eine tragische
Natur, die schließlich in Not und Selbstmord endete. Für Wieland war

314
Verteidigung von Erasmus

er nicht so sehr ein Herzensfreund als der sachliche Partner in einem


brieflichen Gespräch und ein Mitarbeiter am "Teutschen Merkur". Er
konnte ihm das kritische Fach übertragen, das ihm selbst trotz oder
gerade wegen seines ungewöhnlich feinen ästhetischen Geschmacks
nicht lag: "Ich habe ein schreckliches momentanes Gefühl davon,
so scharfund fein und schnell als ein Mensch es haben kann, so daß wohl
kein Tüttelchen für mich ... verloren geht: aber wenn ich's mit
Worten sagen soll: so kann ich entweder nichts sagen, oder es wird ein
Geträtsch von einem Commentarius perpetuus daraus, womit außer
jungen Anfängern, niemand gedient ist." 187 Er war, wie wir schon wissen
und noch deutlicher sehen werden, primär keine Kritiker-, überhaupt
keine Denkernatur und bei theoretischen Aufgaben nur zum pädago-
gischen oder popularisierenden Schriftsteller geeignet. So pries er sich
glücklich, die Rezensionen Merck überlassen zu können und spendete
ihm höchstes Lob.
Er selbst machte dafür in der Zeit, von der hier die Rede ist, ein bißchen
Begleitmusik zum Sturm und Drang, indem er kleine Aufsätze über
deutsche Gestalten des r6. Jahrhunderts schrieb, über Sebastian Brand,
Geiler, Ulrich von Rutten, Hans Sachs, Fischart, Pirkheimer, Paracel-
sus, Agrippa von Nettesheim. Aber es geschah nur demZeitgeist zu-
liebe, lustlos, kurz, sachlich. Erst als er gegen Ende zu Erasmus kam,
wurde er warm, denn in ihm fand er ein vollkommenes Sinnbild seines
eigenen geistigen Wesens. Der Erasmus-Aufsatz gehört zu Wielands
persönlichsten und schönsten Merkurbei trägen. Schon in einem Zusatz
zu Herders "Rutten" hatte er getadelt, daß "aus Eifer für Rutten das
Andenken des sanftem, schwächern, aber wahrlich in seiner Art und
in seinem Wirkungskreise nicht minder guten, edeln, verdienstvollen
und von den besten seiner Zeit geliebten Erasmus angeschmitzt" werde.
Jetzt kommt es ihm vor allem darauf an, zu beweisen, daß Erasmus
notwendigerweise zwischen den Fronten stehen und daher vom Vorwurf
der Katholiken und Protestanten getroffen werden mußte. Er hatte,
als die Reformation ausbrach, um seiner Freiheit willen, längst auf die
höchsten Ehrenstellen verzichtet. Sollte er nun seine humanistische
Berufung preisgeben, "um irgendeine Altemannsrolle in besagter Tra-
gödie zu spielen"? Die Reformation war, wie die Sturm- und Drang-
revolution und jederlaute zügellose Kampf der Geister, eine "Tragödie",

315
Läuterung

denn sie widersprach dem Ideal einer einbei tlichen und harmonischen
Fortentwicklung der Kultur.
Religiöser Hader war in Weimar schon lange vor "Nathan dem Weisen"
verpönt, und die Berufung Herdcrs in eine leitende kirchliche Stellung
(1776) hatte den ausdrücklichen Zweck, die bis dahin üblichen theolo-
gischen Zänkereien auszuschalten. Auch in Wielands Schriften hörten,
als er nach Weimar kam, alle Anspielungen auf die Nutzlosigkeit oder
Unkultur der Geistlichen auf, ja er versuchte ausdrücklich, auch mit
ihnen Frieden zu schließen. In den "Unterredungen zwischen
wxxx und dem Pfarrer zu XXX" (1775) 188 geht er von der Fiktion
aus, daß ihn ein verständiger, aber um das Seelenheil seiner Leser be-
sorgter Geistlicher besucht, um ihm wegen seiner unmoralischen Schrif-
ten ins Gewissen zu reden. Man unterhält sich lange, und am Ende ist
der frühere Gegner, wie es dem Dichter so oft im Leben begegnet ist,
sein Freund. Es ist wichtiger, die Einkleidung und Atmosphäre dieser
Gespräche zu vermitteln als den gedanklichen Inhalt, denn dieser ist,
mit Rücksicht auf den großen Kreis, für den der Beitrag bestimmt ist,
sehr oberflächlich. Wieland hat im wesentlichen nur sein altes, schon
lange vor dem Sturm und Drang geltend gemachtes Argument, daß
man die Menschen darstellen muß, wie sie sind, nicht wie sie sein sollen.
Es ist der bekannte Protest gegen die Vorbilddichtung der ganzen
älteren Zeit. Immerhin rückt er von den "Komischen Erzählungen",
vom "Idris" und vom "Neuen Amadis" eindeutig ab und gibt zu, daß
er derartige Schriften seinen Töchtern nicht zum Lesen geben wird.
Doch will er sie so erziehen, daß die Lektüre ihnen nichts schadet. Man
muß, so bittet er, einen Dichter in seiner ganzen Entwicklung kennen,
wenn man über ihn urteilen will. Er fordert für sich die Toleranz, die er
mit immer größerer Entschiedenheit allen bemerkenswerten Geistern
zuteil werden läßt, auch wenn sie nicht mit seiner eigenen Linie über-
einstimmen. Den Gehrüdem Stolberg, Lavater, Bürger, Mattbias Clau-
dius läßt er im "Teutschen Merkur" volle Gerechtigkeit widerfahren
und den früher verspotteten Rousseau verteidigt er in dem Aufsatz
"Über eine Anekdote von J. J. Rousseau" (178o)18B gegen un-
nötigen Klatsch. Man soll einen Schriftsteller erst dann angreifen, wenn
er im Ganzen ein Nichts und ein Betrüger ist. Man muß sich auch im
literarischen Leben an Christi Wort vom Nicht-Richten erinnern.

302
Versöhnung mit Religion und Moral

Es steckt kein müder Indifferentismus, sondern ein ernstes, ja oft ener-


gisches Ethos hinter Wielands Mäßigung. Überhaupt läßt sich nicht
übersehen, daß aus der äußeren Anpassung an den sittlichen Ton Wei-
mars und der neuen Geistesperiode im Laufe der Zeit eine ernstzuneh-
mende Metamorphose geworden ist. Die Not und die Einsamkeit der
Sturm- und Drangjahre hat ihn dem spielerischen Leichtsinn der frühe-
ren Zeit entführt. Wieland gibt' das amoralische Virtuosenturn des Ro-
koko preis und besinnt sich auf seine Existenz, die von jeher bürgerlich
und moralisch war. Wir wissen aus der "Geschichte des weisen Danisch-
mend", wie stark die Familie jetzt für seine geistige Welt Bedeutung
gewinnt, und das ist nur ein Symptom in diesem ganzen Versittlichungs-
prozeß. Um den Ernst dieser Läuterung zu ermessen, muß man sich
klarrnachen, daß er mit dem Verzicht auf den frivolen und üppigen
Rokokoton all das opfert, was ihn berühmt gernacht hat, seine ganze
Kunst. Es ist ein ungeheurer Schritt vorn "Diogenes" zur "Geschichte
des weisen Danischrnend" - aber kaum ein künstlerischer Aufstieg!
Sein Ruf als Mensch beginnt sich wiederherzustellen, aber jedermann
meint, er stehe als Dichter am Ende. Die Schonung, die man ihm ge-
währt, ist mit einer leisen Verachtung gemischt. Er ist, wie er an Merck
schreibt und wie wir ,schon der Betrachtung seines späteren theatra-
lischen Wirkens entnehmen konnten, in Weimar "hors de jeu et de corn-
bat".190 Das ist die andere Seite von der Ruhe des "Vaters Wieland"!
Als dem Dichter das sechste Kind geboren wird, spottet Anna Arnalia,
die ihn noch arn besten versteht: "Danischrnende hat, wie Sie wissen,
schon wieder taufen lassen. Je crains qu'a la fin il ressente un peu von
dem häufigen accouchiren seiner Frau und des Merkurs, er scheinet
aber an beyden viel Spaß zu finden, also muß man ihn machen lassen,
chaqu'un a sa folie." 191 Ein gutmütiger Scherz, aber keine Spur mehr
von dem Respekt, den die Herzogin dem großen Philosophen, dem
Verfasser des "Goldenen Spiegels" und noch dem Dichter der "Alceste"
entgegen gebracht hatte. Auch Wieland selbst hat allen großen dich-
terischen Hoffnungen entsagt, aus dem Zauberer des Rokoko ist ein
Mann geworden, der zufrieden ist, an bescheidener Stelle Gutes zu
wirken. Auf die Frage, was arn Weimarer Musenhof geschehe, antwortet
er: "Was ich sagen kann, ist nur, wir sind da, und leben in Glauben,
Liebe und Hoffnung, einmütiglieh und einfältig beysarnrnen - frey,

317
Idylle

Dank sey es dem Himmel! von unartigen Leidenschaften und unlauteren


Absichten ... stolzer darauf, gute Menschen zu seyn, als für außer-
ordentliche Geister angesehen zu werden." Goethe und Herder, die
Großes leisten könnten, gehen ganz im Beruf auf. "Und was soll ich
von dem dritten sagen? Bedenken Sie, wie viel er schon ausgegeben hat,
und erwarten Sie nicht zu viel von ihm. Er hat wenig mehr zu geben;
aber auch von diesem wenigen wird er willig und gutherzig nach und
nach weggeben, was er selbst entbehren kann - und seine Freunde
werden wenigstens seinen Willen sehen. "Ut
Bei all dem ist Wieland, wie er der Freundin in Stedten versichert,
glücklicher als je. Am Ende seiner "großen", aber auch gefährlichen, in
Glück und Leid allzu zerstreuenden Jahre, kurz vor Neujahr I 777, über-
blickt der 43jäh. ige seine Lage und gesteht, daß sie seinen Wünschen
vollkommen entspricht. In seinem Haus geht alles gut. Sein Geist ist
munter und sein Leib in leidlicher Verfassung, er ist "frey von den
meisten Sorgen des Lebens, Anteil nehmend an allem Guten und alles
Übrige nebst der Zukunft" überläßt er gelassen dem Himmel.m Gleich-
zeitig mit Goethe hat er sich einen Garten gekauft, und wenn er auch
nicht wie dieser das Auge und die Geduld des Gärtners hat, um eine
neue kleine Welt nach seinem Willen um sich entstehen zu lassen, so ge-
nießt er doch innig die Idylle seines Eigentums, und wieder wie in
Biberach stört ihn das Lärmen der Kinder nicht in seiner Ruhe; es sind
jetzt seine eigenen: "Wenn ich mich denn nun so in meinem kleinen
Garten mitten unter diesen lieben, wimmelnden, fröhlichen, hüpfenden
und lärmenden Geschöpfen sehe, oder neben ihrer lieben Mutter auf einer
Rasenbank, oder unter einer Laube sitzend, sie herumschwärmen sehe,
so vergesse ich alles andere was man sich in dieser Welt wünschen
möchte, und halte mich reichlich entschädigt für alles, was ich mir um
eben dieser Geschöpfe willen versagen muß. "19' Erspielt auf die Samm-
lungen und Bildungsreisen an, welche im I 8. J ahrhundertMännern seiner
Stellung und seines geistigen Ranges das alltägliche Dasein erst lebenswert
machen und welche er sich als Vater so vieler Kinder nicht leisten kann.
Vermißt er sie nicht allzuleicht? Hat er nicht überhaupt den Eros, der das
Schöpferische ist, verloren? Ist er ganz zum Philister geworden?
Wielands idyllisches Leben, sein Behagen am Kleinen und Nächsten ist
kein distanzloses Versinken 'in der bloßen Existenz. Man darf sich hierin

318
302
Rüdekehr zur Dichtung

durch moderne Romane, welche eine Folie zum dämonischen Goethe


suchen, nicht täuschen lassen. Der Wieland, den uns Goethes Stift
in einer sorgfältigen Zeichnung festgehalten hat, ist kein Familien-
spießer, sondern ein gef.ormter, vornehmer Mensch, und er kannte ihn
besser als neuere Dichterlinge, die ihm kollegialisch auf die Schulter
klopfen möchten. Wielands Geist bleibt, was gerade wieder Goethe be-
wundernd festgestellt und zum Vorbild genommen hat, bis ins hohe
Alter rastlos tätig. Und noch sind es keine bloßen Übersetzungen und
antiquarischen Romane, auch die harmlosen Beiträge zum "Teutschen
Merkur" füllen ihn nicht aus. Der poetische Zauberer Wieland, der
Meister der Reime und Rhythmen, der kühne Humorist, der geistvolle
Erzähler ist nicht gestorben; er schlief nur einige Zeit. Wohl war es
schön, im Garten sich zu räkeln und ohne viel Anstrengung dann und
wann ein Aufsätzchen für den biederen "Merkur" hinzu plaudern. Er hat
es oft gesagt, daß es ein sehr zweifelhaftes Glück ist, Dichter zu sein.
Vielleicht wollte er eigentlich schon damals nicht mehr in den strengen
Dienst der Musen zurückkehren; aber - und das ist wesentlicher - er
tat es dennoch. Er mußte.

319
302
VI. DER ZWEITE GIPFEL VON WIELANDS DICHTUNG
(HUMORISTISCHE KLASSIK)

1. Probleme der deutschen Klassik. Wielands Programm

Der Franzose Henri Peyre spricht in seinem Buche "Qu'est-ce que le


classicisme"l unserer deutschen Blütezeit von Weimar den Charakter
der Klassik ab. Sogar in der "Iphigenie" fühlt er mit Georg Brandes
etwas Gewolltes, etwas Romantisches. Die Wahrheit, welche in dieser
Behauptung liegt, erklärt sich nicht so sehr aus einem von vomherein
fixierten "romantischen" Nationalcharakter der Deutschen als aus der
geschichtlich bedingten späten Entstehung der deutschen Klassik. In
den Jahrhunderten, da sich in Westeuropa die Nationalkulturen heraus-
bildeten, hatte sich das altdeutsche Reich, zuerst politisch, dann auch
religiös und kulturell, zersplittert, und erst in dem Augenblick, da der
moderne Individualismus, welcher das alte klassische Buropa zerstörte,
mächtig wurde, in letzter Stunde also, gelang es deutschen Dichtem,
eine gewissermaßen persönliche Klassik in ziemlicher Unabhängigkeit
von den gesellschaftlichen Ordnungen zu schaffen. Es ist selbstverständ-
lich, daß eine Kultur, welche nicht in einer nationalen und politischen
:Metropole, sondern irgendwo, in Weimar, Italien oder Bad Homburg,
und zum größten Teile in der Galgenfrist zwischen dem Ausbruch der
französischen Revolution und der napoleonischen Besetzung entstand,
sich an gesellschaftlicher Fundiertbei t und formaler Geschlossenbei t
mit den Blütezeiten unter Perikles, Königin Elisabeth oder Ludwig XIV.
nicht vergleichen kann. Die deutsche Klassik ähnelt einem Schiffer, der
sich aus dem immer wilder werdenden Meere gerade noch in den Hafen
gerettet hat. Er wird in der Gesellschaft der früher angekommenen
Reisenden sicherlich einen zerzausten und verwilderten Eindruck
machen und seine eigentliche Bedeutung wird eben darin liegen, daß er
vom Meer, vom Unendlichen (von der romantischen "Auflösung") schon
mehr als die andem erfahren und in sich bewältigt hat.

320
Probleme der deutschen Klassik

Die deutsche Literaturgeschichte sah sich daher, je kritischer ihr Blick


für das Problem der Weimarer Kultur wurde, um so mehr vor die Ent-
scheidung gestellt, entweder den Anspruch des Klassischen zu opfern
oder den Begriff so weit auszudehnen, daß er die Grenzerscheinungen
zwischen Klassik und Aufklärung bzw. Romantik mitumfaßte. Sie
wählte im allgemeinen den zweiten Weg, weil sie für die gültigsten
Werke deutscher Dichtung nicht auf den Wertbegriff des Klassischen
verzichten wollte, und wo es, wie in Kurt Hildebrandts "Goethe"
nicht geschah, ergab sich der zweifelhafte Versuch, "Hermann und
Dorothea" und "'tVilhelm Meister" als wahrhaft klassisch gegen die ver-
fälschte Iphigenienklassik auszuspielen.
Zweifellos ist das antike Gewand kein Kriterium für Klassik. Die deut-
sche Literatur zumal, welche einen Gottsched und Ayrenhoff mit dem
Anspruch klassischer Leistung auftreten sah, ist gezwungen, zwischen
Klassik und Klassizismus scharf zu unterscheiden. Aber es heißt doch
die geheimnisvolle Einheit, welche sich in den klassischen Blütezeiten
aus Bildungstradition und Originalität, aus "Ideologie" und unmittel-
barem Erlebnis bildet, zerreißen, wenn man mit einem überspitzten
existentialistischen Realismus zwischen die voritalienische und nach-
italienische Klassik Trennungswände schiebt. Zweifelloshat "I phigenie"
gegenüber der kräftigen Bürgerklassik von "Hermann und Dorothea"
etwas Unwirkliches und gewollt Idealistisches, etwas vom modernen
Märchen an sich. Der Iphigenientraum ist 1797 verflogen, nicht nur
weil Goethe in Italien war und sich von der sittlich-humanen Geliebten
seiner frühen Mannesjahre trennte, sondern weil zugleich in tiefbe-
gründeter Koinzidenz der Ausbruch und die Entwicklung der französi-
schen Revolution manche schöne Illusion der humanen Aufklärung zer-
störte. Aber ist nicht, in anderer Weise, auch "Hermann und Dorothea"
Märchen, verklärende Idylleangesichts der im Hintergrund drohenden
Mächte, und bedeutet die "Natürliche Tochter" nicht wieder eine Er-
neuerung des Iphigenie-Idealismus in gewandelter Form? Wo läßt sich
in der schwachgegründeten, von altersher unwirklichen deutschen Welt
eine klare Grenze ziehen zwischen der Klassik als einer geformten oder
überhöhten Wirklichkeit und der Romantik als einem Ausweichen in
ferne Zeiten, Ideen oder Träume? Man hat oft genug festgestellt, daß
schon Winckelmanns Griechenbild auf einem "romantischen" Unter-

Sengle, Wieland 21 321


Probleme der deutschen Klassik

grunde ruht. Es war in seiner geschichtlichen Situation nicht anders


möglich.
Peyre spricht mit Recht von der "Konfusion", die sich dem Blick des
Betrachters darbietet, sobald er die Goethe-Zeit in Gruppen oder
Schulen ordnen wi!J.2 Jede Gruppierung ist nur annäherungsweise rich-
tig, denn die Schichten schieben sich wie in einem vulkanisch entstande-
nen Gebirge unentwirrbar ineinander. Auch wenn ich hier dem Oberon-
Dieb ter das Prädikat des Klassikers zuspreche, so tue ich es nur zögernd
und ohne damit überscharfe Trennungslinien ziehen zu wollen. Not-
wendig scheint mir der Begriff insofern zu sein, als Wieland zwischen
I 770 und I 780 eine Wandlung erlebt, die der allgemein-geschichtlichen

vom Spätrokoko zur Frühklassik durchaus entspricht. Es besagt an sich


nicht viel, daß "Oberon" und Prosa-"Iphigenie" gleichzeitig entstanden
sind, aber daß das Epos vom Dichter der gefühlvollen "Alceste" in
Weimar gedichtet worden ist, weist auf einen Zusammenhang, der bei
näherer Untersuchung standhält. "Oberon" und andere Weimarer Dich-
tungen Wielands gehören wie "Alceste" und "Iphigenie" zu der ideali-
stisch-humanen Kultur Weimars- nur in echt Wielandischer Weise.
Die Distanz vom Geist der Weimarer Gesellschaft, welche Goethe seit
Italien erreichte, gewinnt Wieland schon im Augenblick seiner Pensio-
nierung, und siebedeutet für die persönliche Erfüll thei t, welche eine voll-
endete Form erst zur klassischen macht, bei Wieland noch mehr als bei
Goethe, denn seine Übereinstimmung mit Weimar war niemals so auf-
richtig und innig wie bei dem Freund des Herzogs und der Frau von
Stein. Die Entwicklung von der "Aiceste" zum "Oberon" besagt, daß
nach Wielands oberflächlicher Anpassung, nach Pseudoklassik und
Talmigold, endlich ein echter Bezug zur neuen Zeit und zur neuen
Heimat entstanden ist- und dadurch nach Goethes Wort ein Werk von
gediegenem "Gold", etwas Unvergängliches und Klassisches. Der Spöt-
ter und Spieler Wieland hat sich mit der empfindsamen, sittlif:h-huma-
nen Welt der Aleesten und Iphigenien ausgeglichen. Das Ergebnis dieses
Ausgleichs nennen wir seine humoristische Klassik, denn wir wüßten
nicht zu sagen, welcher Klassiker unseren Dichter in dieser Richtung
übertroffen hätte.
Die strengen Gestalter Schiller und Hölderlin sind in verschiedenem
Maße, aber überwiegend humorlos. Andererseits ist bei Jean Paul, der

322
Humoristische Klassik

Wieland an Wärme und Tiefe des Humors übertrifft, die Formverwilde-


rung schon so weit fortgeschritten, daß der Begriff des Klassischen sehr
problematisch wird. Goethes "Heiterkeit" ist zu sehr erkämpft, liegt
gewissermaßen zu hoch, um zum Quellpunkt großer humoristischer
Dichtung zu werden. Die transzendentalen Humoristen der Frühro-
mantik, welche zur Auflösung der gesamten gegenständlichen Welt
neigen, müssen vollends aus dem Spiele bleiben. Liegen die Verhältnisse
nicht auch beim Lustspiel so? Man erkennt in der Romantik enthusia-
stisch seinen Wert und manches Gute entsteht, namentlich gegen ihr
Ende hin, aber der deutsche Shakespeare oder Moliere erscheint nicht.
"Minna von Bamhelm" wird an gegenständlicher Kraft und gesell-
schaftlicher Erfülltheit von keinem romantischen Lustspiel erreicht, ge-
schweige denn übertroffen. Kleists einmalige Leistung entzieht sichjeder
Einordnung; sie ist auch von hier aus gesehen ein Tanz über dem Ab-
grund. Humoristische Klassik, soweit man in Deutschland überhaupt
von ihr sprechen darf, wird schon von Lessing und Wieland verwirk-
licht, denn zu ihrer Zeit, vor der französischen Revolution und Ex-
pansion, bestehen die gesellschaftlichen Voraussetzungen, an welche sie
gebunden zu sein scheint, gerade noch. Sie mag im Vergleich mit glück-
licheren Ländern gering sein, aber sie sollte uns, geradeweil wir "schwer"
und selten heiter sind, als einer der wenigen hellen Augenblicke unserer
Geschichte teuer sein. Sie bürgt dafür, daß wir Deutschen nicht von
vomeherein und für ewige Zeiten zu einem phantastischen Transzen-
dieren oder aber zur Tragik bestimmt sind, sondern daß auch in uns
wie in jedem Volk die Möglichkeit zu einer heiteren und geselligen Voll-
endung verborgen liegt.
Um die Stellung unseres Dichters im Gesamtzusammenhang der euro-
päischen Klassik anzudeuten, darf man vielleicht sagen: neben den
Iphigeniendichter als den deutschen Racine und Lessing als den deut-
schen Moliere tritt Wieland als der deutsche Cervantes und Ariost.
Die klassischen Dichtungen Renaissance-Europas finden in der endlich
herangereiften deutschen Kultur eine Erneuerung, die trotzgeringeren
äußeren Umfangs kongenial genannt werden darf. Man sollte diese
Dichtungen nicht als Epigonenwerk preisgeben, weil sie in einem noch
unzerstörten Traditionszusammenhang entstanden sind. Der Kunst-
historiker Hans Rose hat mit guten Gründen darauf aufmerksam ge-

323
Probleme der deutsmen Klassik

macht, daß der Originalitätskult keine klassische, sondern eine nach-


klassische Erscheinung ist. 8 Wir sollten uns durch die besonderen späten
Verhältnisse in Deutschland, welche in dem eigentümlichen Sturm- und
Drang-Intermezzo am besten sichtbar werden, nicht verwirren lassen.
Die Weimarer Klassik, vor allem ihre erste Phase, steht durchaus noch
auf dem Boden Renaissance-Europas.
Für eine gar nicht humorvolle, vielmehr undistanzierte, ungesellige,
in enthusiastischer Hingabe an ein harmonisiertes Griechenbild ent-
standene Klassik ist Winckelmann der große Bahnbrecher gewesen. Man
meint im allgemeinen, die Winckelmannsche Auffassung der Antike sei
erst von der Wissenschaft des rg. Jahrhunderts widerlegt worden; aber
schon die Frühklassiker verharren in kritischer Distanz zu ihr. Schon
Lessing weiß, daß Philoktet schreit und keineswegs in stiller Größe
duldet. (Darum eben sucht er den Grund für die Ruhe der griechischen
Bildwerke nicht im griechischen Menschentum, sondern im Gattungs-
gesetz der bildenden Kunst.) Auch Wieland mußte sich, zur Verteidi-
gung seiner Klassik, die er als neuzeitliche erkannte; mit den Griechen-
landverehrern seiner Zeit auseinandersetzen. Ihm, dem die Menschen
überhaupt eine höhere, immer neu zu zivilisierende "Classe von
Affen" sind 4 , müssen auch die Griechen als "ein wahres luftiges Lumpen-
gesindel" erscheinen, welche in ihrer Gesamtheit die Hochachtung nicht
verdienen, welche ihnen die Winckelmann-Anhänger in Weimar und
anderswo entgegenbringen. 5 Diese scharfen Worte gebraucht er r8oo
im Augenblick des höchsten deutschen Griechenkults! Und schon 1775,
mitten in der humanen Griechenbegeisterung der Empfindsamkeit,
sieht er das Urhafte und Wilde in der griechischen Klassik neben "ihrem
lebhaften Gefühl für das sittlich Schöne". "Dieses schauderhafte Ge-
misch von Roheit und Zartheit, Barbarei und Humanität" kann dem
an der hellenistischen und französischen Kultur Gebildeten kein ab-
solutes Vorbild sein. s
Wielands konservative Einstellung bedeutet natürlich nicht, daß er
Winckclmann nicht kennt. Schon in der Zeit des "Cyrus" wirkte, wie
wir gesehen haben, sein klassizistisches Stilideal auf den jungen Dichter.
Fünfzehn Jahre später, in der Zeit der "Alceste", wo überhaupt die
Spirale seiner Entwicklung wieder über der empfindsamen Schweizer
Epoche steht, scheint er sich von neuem mit Winckelmann auseinander-

324
Wieland und Winckelmann

gesetzt zu haben. Wenigstens erwartet er die Neuausgabe seiner Kunst-


geschichte mit der "ungeduldigsten Neugierde". 7 Aber sicherlich hat er
das Buch nicht siebenmal gelesen wie Herder! Er kann von Winckel-
manns unkritischem, mythischem Griechenbild nicht überzeugt werden
und ärgert sich über die "Kleinmeister ... die so gern mit Namen
Abgötterei treiben, und für die alles, was Winckelmann als Antiqua-
rius gesagt hat, Orakel ist".8 Er veröffentlicht 1779 im "Teutschen
Merkur" die Verteidigung des Abtes Bracci gegen Winckelmann; und
wenn er sich in seiner Anmerkung von dessen tadelsüchtigem Tone di-
stanziert, so entspricht das seiner urbanen Milde, bedeutet aber keine
sachliche Ablehnung des Artikels. Er legt den Finger auf die Beweise,
"die auch im Mund eines Feindes ihre Kraft nicht verlieren".e Der
Gegensatz zwischen dem Wahlgriechen Winckelmann und dem kriti-
schen Gräzisten Wieland ist unüberwindlich. Und dennoch scheint die
Klassik des Oberon-Dichters von Winckelmann beeinflußt worden zu
sein, nicht unmittelbar von seinem Griechenbild, aber, mit geheimer
innerer Notwendigkeit, von etwas, was uns heute viel primärer er-
scheint: von seinem Kunstidealismus überhaupt.
Wieland ist im Unterschied zu Lessing kein ästhetischer Denker, sondern
ein ziemlich unbekümmert schaffender Künstler. Er hat in dieser Be-
ziehung noch viel von der Naivität älterer Zeiten. Wir sahen, wie er
immer wieder meinte, seine kühnen Rokoko-Stilisierungen als "Natur"
rechtfertigen zu können. Er dichtete konkreter und individueller als
die Frühaufklärung und meinte daher schon, ein Realist zu sein. Bis
zum Naturalismus begegnet diese Illusion immer wieder. Der Sturm und
Drang scheint ihm endlich die Augen über die tatsächlichen Grund-
lagen seiner Kunst geöffuet zu haben. Dieseneueste Form des Realismus
war ihm unannehmbar, und so nähert sich der alte Antiplatoniker auch
auf dem Gebiet der Kunst allmählich wieder bewußt der idealistischen
Kunstrichtung, ja er entlehnt von dem sonst recht kritisch betrachteten
Klassizisten Winckelmann die geistigen Waffen zur Verteidigung seiner
konservativen Position als Künstler! Je älter eine Generation wird, um
so stärker gleichen sich in ihr, durch innere Kommunikation und ge-
meinsame Abwehr des Neuen, die geistigen Gegensätze aus. Auch Her-
der, der in den "Kritischen Wäldern" getadelt hatte, daß Winckelmann
mehr auf eine ,,historische Metaphysik des Schönen" als auf "eigent-

325
Wielands Programm

liehe Geschichte" bedacht sei, stiftet damals, unter Verzicht auf sach-
lich-historische Kritik, eiri enthusiastisches "Denkmal Joh. Winckel-
manns" (1777). Der Geist einer idealistisch-humanen Klassik umgreift
in diesem Augenblick trotz ihrer Verschiedenheit alle großen Geister
von Weimar.
Das ästhetische Programm, welches Wielands Klassik begleitet, ist
in dem Merkur-Aufsatz "Gedanken über die Ideale der AI ten"
(1777) niedergelegt. 10 Den Anlaß dazu gaben einige anspruchsvolle
ästhetische Bemerkungen Lavaters "Über Ideale der Alten, schöne
Natur, Nachahmung" in den "Physiognomischen Fragmenten" . 11 Lava ter
setzt voraus, daß die Kunst Griechenlands das Höchste ist, was es je-
mals gegeben hat; aber nun erhebt sich für ihn die Frage: "Woher diese
hohe, wie man sagt, überirdische Schönheit?" Hatten die Griechen
höhere Ideale oder hatten sie "eine vollkommenere Natur um sich"?
Der seltsame Stürmer und Dränger entscheidet sich ohne Einschränkung
für die zweite Meinung: "Kein Mensch erschafft ein Bild - alle seine
Bilder sind Nachahmungen." DerMensch kopiert nur seine Umgebung,
sein Zeitalter, sich selbst. Ist also die griechische Kunst besonders voll-
kommen, so muß der griechische Mensch und die griechische Umwelt
besonders begnadet gewesen sein. Es fällt ihm, dem Christen, schwer,
diese Bevorzugung eines heidnischen Volkes zu verstehen, aber es ist
ihm unmöglich, anders zu denken, und zwar gerade deshalb, weil ihm
seine supranaturalistische Gottesvorstellung nicht erlaubt, an die neuen
Lehren vom "göttlichen" Naturgenie und von der Natur-Kunst als
einer zweiten Schöpfung und Offenbarung zu glauben. Natur schafft
nur Gott. "Ewig un terna türliehist und bleibt alle Kunst. Das,
was wir Ideale nennen an den Alten- mag uns Ideal scheinen. Ihnen-
war's vermutlich unbefriedigendes Naturnachhinken der Kunst!" Die
konzentrierende und abstrahierende Funktion der Kunst, die er nicht
übersehen kann, erscheint ihm als bloße Addition, als "Zusammen-
schmelzung von gesehenen Wirklichkeiten", nicht als qualitative Ver-
änderung. Schon der apodiktische Ton des Pietisten mußte Wieland
reizen. Nicht weniger die prophetenhafte Verachtung, mit der er das
eigene Zeitalter und seine Kunst ansah: "Gesunken, gesunken ist das
Menschengeschiech t ... Hefe der Zci t sind wir! ein abscheuliches Ge-
schlecht im Ganzen." Lavater zitierte, um seine Meinung zu stützen,

325
Auseinandersequng mit Lavaters Realismus

Äußerungen Winckelmanns, die aber viel maßvoller,ja oft geradezu ent-


gegengesetzt waren. Dies konnte Wieland nicht entgehen. Wenn z. B.
Winckelmann zugab, daß "die vollkommene Schönheit auch unter den
Griechen selten" war, so entsprach das ganz Wielands aristokratischer
Meinung, daß das Vortreffliche in der Welt stets eine Sache weniger ist.
Er unterscheidet daher in seinem Aufsatz scharf zwischen der griechi-
schen Nation und den großen Griechen. Homer, Sophokles, Sokrates,
Eparoinondas gewinnen, je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, aber
von seiner allgemeinen Griechenbegeisterung hat er seit "Musarion"
und "Agathon" erhebliche Abstriche machen müssen: "Warum sollt
ich nicht bekennen, daß die Griechen durch längere und genauere Be-
kanntschaft Vieles von ihren Vorzügen vor andern ältern und neuern
Völkern in meinen Augen verloren haben?"
Es ist nicht nur antiquarische Gelehrsamkeit, was hier aus Wieland
spricht! Er bemüht sichangesichtsder vorromantischen Selbstpreisgabe
an die Vergangenheit um das Selbstsein der Epoche. Ich habe schon
bei der Betrachtung seiner "Alceste" angedeutet, was sein festes Stehen
in derModerne für die Entfaltung der deutschen Klassik bedeutet haben
mag. Es ist der Protest des produktiven Künstlers gegen die reproduk-
tiven historischen Anempfinder, die immer zahlreicher werden und zu
denen bereits große Geister wie Winckelmann und Herder gehören.
Herder, so sagt Wieland einmal, kann nichts fertig machen. Er selbst
will lieber etwas im bescheidenen Formate der Gegenwart vollenden
als Fragmente des Unendlichen oder der Vergangenheit darbieten. Der
innerste Sinn der Wielandischen Programmschrift ist also der, daß er
sich selbst und einigen Gleichstrebenden dieMöglichkeit eigener Meister-
leistungen beweisen und Mut zu eigener Klassik machen v.ill.
Die literarische Öffentlichkeit war nach dem Abflauen des Sturm und
Drang enttäuscht und ratlos. Die Nicolaiten erhoben höhnisch ihre
Stimme. Die ängstliche Art, in der Herder 1778 und 1779 seine Volks-
lieder redigiert,u beweist, daß auch er sich auf dem Rückzug befindet.
Lessing seinerseits hatte sich von der Literatur und Ästhetik abge-
wandt, um auf religiösem Gebiet seine großen Schlachten zu schlagen.
Es wird, so stellt Wieland fest, zwar immer mehr gelesen und geschrie-
ben, in jedem Ländchen gibt es Studentendichter und "Bel-Esprit-
Fabriken"; aber "nie scheinen Autoren und Leser weniger gewußt zu

325
327
Wielands Programm

haben, was sie wollen". 18 Man darf nicht vergessen, daß auch Goethe
in dieser Zeit kaum publiziert. Da springt Wieland wieder in die Bresche
und spricht seiner durch Historismus und Formauflösung schon stark
zersetzten Epoche mit klugen besonnenen Worten Mut zu. Er ver-
sichert, "daß sich schwerlich ein Grund erdenken lasse, warum nicht
auch neuere Künstler (ohne überhaupt eine schönere Natur um sich zu
haben) ebenso schöne, vielleicht noch schönere Werke als die Alten
sollten hervorbringen können, wenn sie nicht nur die nämliche Gelegen-
heit und Freiheit hätten, die schönsten einzelnen Naturen ihrer Zeit zu
beschauen, sondern (was eben so nötig ist) auch die nämlichen großen
Bewegursachen undAntriebe hätten, von welchen die Imagination
jener Alten emporgehalten und öfters zu einer Höhe aufgeschwungen
wurde, die sich unter weniger günstigen Umständen nicht erreichen
läßt". Die Betonung der subjektiven inneren Schau gegenüber dem
historischen Milieu ist nichts Neues für Wieland, wenn man auf seine
künstlerische Existenz sieht. Wir haben gesehen, daß er schon in seiner
Rokokoperiode manchmal ein leidenschaftlicher Phantasiekünstler war,
aber für sein Bewußtsein ist diese Hervorhebung des Idealen neu, und
überhaupt neu ist das klassische Gleichgewicht von "Bewegur-
sachen" und "Imagination", von Realität und Idealität, das sich nach
seinen Worten in der großen Kunst verwirklicht. Er, der noch vor zwei
Jahren die Naturnachahmung gepriesen und Platos Philosophie ein
"metaphysisches Gallimathias" genannt hat 11 , muß jetzt zum Herder-
sehen "Gott in uns" und zur platonisierenden KunstauffassungWinckel-
manns greifen, um sein eigenes Kunstwollen weiterzuentwickeln und zu
klären.
Es ist keine Gotteslästerung, so bemerkt er gegen Lavater, wenn man
glaubt, daß der menschliche Geist fähig ist, "sich etwas Schöneres, Rei-
neres und Vollkommeneres zu denken, als diese durch die Peccata mundi
von mehr als hundert Generationen zerdrückten, angesteckten, ver-
pfuschten und verhunzten Menschengesichter und Menschenleichname,
wie sie nun bereits einige tausend Jahre auf diesem Erdklumpen herum-
kriechen". Ein Mann, der wie Phidias "mit dem Genie der Kunst ge-
boren" ist, erscheint im Vergleich mit seinen Lehrmeistern als ein Gott.
Die Imagination des Menschen und vollends die eines solchen Künstlers
ist "eine dunkle Werkstatt geheimer Geister", in die man mit dem ABC-

325
Idealismus

Buch der Psychologie nicht eindringt. Was wissen wir von den Veran-
lassungen, Ursachen, Kräften des schöpferischen Vorgangs: "Über die-
sem allem hängt der heilige Schleier der Natur." "Die Idee des Olym-
pischen Vaters konnte nicht durch Abstraktion noch Zusammen-
setzung gebildet werden; erscheinen mußte sie ihm." Kunst be-
ruht auf der Schau von "Urbildern", nicht auf der Nachahmung von
"Vorbildern", Modellen. Natur und Kunst sind beide Gottes Werk, und
es ist nicht richtig, "die eine aufKosten der andern zu erheben". Trotz-
dem sind sie nicht absolut von einander zu trennen, und es gibt inner-
halb dieser beiden Pole verschiedene klassische Darstellungsarten. Dies
zeigt er am Beispiel der antiken Kunst mit erstaunlicher Gelehrsamkeit.
Auch verhältnismäßig realistische Bilder sind "mit aller ihrer Natur
dennoch eine Art von Idealen". Die Alten haben sich nichts davon
träumen lassen, "daß Kunstwerke desto schöner würden, je mehr sie
individuellen Naturen ähnlich wären".
Wielands zweite große Schaffensperiode, welche man durch die Jahre
1774 und 1783 abgrenzen kann und die I777-178o ihren Höhepunkt er-
reicht, entspricht im ganzen dem klassischen Kunstprogramm, das er
hier entwickelt. In den Rokokowerken, besonders in den Stanzendich-
tungen, standen Naturalistisches und Phantastisches so schroff gegen-
einander, daß ein äußerst komplizierter, gespannter und unruhiger Stil
vorherrschen mußte. Jetzt entsteht auf der mittleren Linie der "ver-
schönerten Natur" eine entspannte, einfache, nicht eben monumentale,
aber doch ruhige Kunst. Die Gegenstände der Dichtung werden edler.
Ein ausgefallener, pikant-häßlicher Stoffwie im "Kombabus" wäre nicht
möglich, denn das Prinzip der idealtypischen Gestaltung muß sich schon
in der Wahl des Gegenstandes auswirken. Das Erotische tritt zurück,
und wo es immer noch im Mittelpunkt steht, wird es verfeinert. Die
Darstellungsart ist objektiver. Der Erzähler bleibt treuer und stetiger
am Gegenstand, er tritt nicht mehr so aufdringlich hervor. Neben den
Narren, die für Wielands Menschenauffassung nach wie vor unentbehr-
lich sind, treten edle, ja manchmal im höchsten Sinne humane Gestalten
hervor. DerTon wird bei aller Geistigkeit seelenhafter, gemütvoller. An
die Stelle des spitzen Witzes und der grausamen Persiflage oder des
gänzlich phantastischen Spiels tritt die Atmosphäre einer beschwingten
Heiterkeit und eines noch immer nicht sehr warmen, aber doch wohl-

325
Charakter der neuen Dichtung

temperierten Humors. Vielleicht wird man gerade an diesem Punkte


widersprechen und sagen, daß Wielands Humor, mindestens in den
"Abderiten", zu satirisch bleibe, um klassisch genannt zu werden. Allein
man bedenke, daß in keiner gesellschaftlich fundierten Dichtung der
Humor ganz frei von Satire bleiben konnte, nicht einmal bei Cervantes,
Shakespeare, Moliere, von Aristophanes gar nicht zu reden. Wo in
dieser Periode Wielands die Satire noch hervortritt, ist sie überlegen und
allgemein-menschlich, nicht gehässig oder skurril, sondern großzügig
und heiter. "Der Humor", so sagt Goethe einmal, "ist eins der Elemente
des Genies, aber sobald er vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er
begleitet die abnehmende Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt. " 15 Das
Spätrokoko zeigte schon bedenkliche Spuren dieses späten zersetzenden
Humors, von ihm zur Romantik eines Tieck, ja Reine ist es nur noch
ein kleiner Schritt. Wieland hat diese Entwicklung, wie überhaupt das
allzu Sukjektive, während seiner klassischen Periode in KommunikatiDn
mit dem ernsten Geiste Weimars noch einmal zurückgedrängt. Das ist
ein bemerkenswerter Akt der Verjüngung, der allen Kulturpessimisten
zum Studium empfohlen sei. Der Dichter ist in der Auseinandersetzung
mit der jungen Generation, besonders mit Goethe, und im Kreise seiner
heranwachsenden Kinder naiver und gesünder geworden, als er es in der
ersten Periode seiner Meisterschaft war. Zugleich volkstümlicher und
deutscher. Er schreibt nicht mehr für eine exklusive Gesellschafts- oder
doch Bildungsschicht, sondern für ein weites Publikum, hie und da
sogar für die Kinder. Erst für diese Zeit gilt Goethes Wort: "Wo die
Franzosen des r8. Jahrhunderts zerstörend sind, ist Wieland neckend. "l 6
Mag sein, daß in dieser viel zu wenig gewürdigten Entwicklung schon
etwas von der bewußten, der "romantischen" Rückwendung zur Naivität
verborgen liegt. Aber gilt dies nicht auch für die Objektivität der Klassi-
ker, besonders Schillers? Wo ist in einer so hochentwickelten Kultur
zwischen dem Gewollten und dem Gemußten mit völliger Sicherheit
zu scheiden? Eines spricht bei dieser Gruppe von Dichtungen, im Unter-
schied zu vielen andern Erscheinungen der Goethezeit,für ihr Gegründet-
sein in einer verbindlichen Wirklichkeit, für ihre Echtheit - eben ihr
schlichtes "neckendes" Wesen. Wielands Humor ist dadurch klassisch
geworden, daß er nicht mehr okkasionalistische Blitzlichter auf die
Gegenstände wirft, sich mit ihnen innig und gesetzmäßig ver-

330
.GeschidJte der Abderiten"

bindet. Der Leser wird nicht mehr jäh zwischen Illusion und Desillu-
sion hin und her gezerrt, sondern in eine eigene heitere Kunstwelt ge-
hoben. In einem freundschaftlichen Lob von Mercks "Oheim" hat er
das Ideal dieses klassischen Humors ausdrücklich umschrieben: "Was
für mich das beste daran ist, ist das: daß die Laune, die durch die ganze
Erzählung spielt, den Gemälden nichts an ihrer Wahrheit nimmt-
kein verfälschendes Medium ist; sie ist nur wie die Luft und das
Licht in einem schönen Landschaftsgemälde, hält und bindet alles zu-
sammen, aber nimmt keinem Ding seine eigenschaftliehe Form, Farbe
und Bedeutung." 17 Bürgers Gedieh te rühmt er, weil sie bei aller "Leich-
tigkeit und Grazie doch so lebendig und markicht" sind. 18 Dagegen
tadelt er die Brüder Stolberg, daß sie bald "zu groß und gigantisch,
bald wieder zu luftig" dichten. 18 Überall zeigt sich in Wielands da-
maligen Äußerungen das bewußte Streben nach einer harmonischen
Durchdringung von Gegenstand und Idee, nach der klassischen Syn-
these von Natur und Geist.

2. "Geschichte der Abderiten"

Die "Geschichte der Abderiten" (1781) ist in der zweiten großen Dich-
tungsperiode Wielands das, was die "Geschichte Agathons" in der ersten
war: Rückblick auf die Vergangenheit, dichterische Verarbeitung des
persönlich Erlebten. Auch die Entstehungsart ist ähnlich. Im Herbst
1773, d. h. in der Zeit, da sein Ausgriff in die Gesellschaft, insbesondere
seine Danischmend-Rolle in Weimar, als mißglückt betrachtet werden
kann, wird in einem ersten recht satirischen Ansatz das Fazit daraus
gezogen, so, wie in der ersten Arbeitsperiode am "Agathon" die Meta-
morphose der letzten Schweizer Jahre verarbeitet worden war. Auf
diesen Anfang folgt wie bei "Agathon" eine mehrjährige Pause, bis sich
neue parallele Erlebnisse eingestellt haben. Nach der Reise zum Mann-
beimer Nationaltheater wird die Arbeit wieder aufgenommen, wieder,
wie 1774, werden Teile im "Merkur" veröffentlicht. Aber noch einmal
schieben sich andere Arbeiten dazwischen, "Pervonte" und "Oberon",
poetische Arbeiten, wie einst "Musarion" und "Idris",- so als ob es der
Dichter in der Prosa seiner Erlebnisdichtung nicht ständig aushalten

33I
.Geschichte der Abderiten"

könnte. Erst nach dem "Oberon" im September 1780 gibt Wieland den
Schluß der Abderiten im "Teutschen Merkur", und erst 1781 erscheint
clie neubearbeitete Gesamtausgabe mit der endgültigen Einteilung in
fünf Bücher und mit dem "Schlüssel".
Wir wissen schon von "Musarion" und vom "Neuen Amadis" her,
welche Rolle in Wielands Dichten das Formgesetz der Komödie spielt.
Vielleicht will er auch jetzt, indem er durch Zweiteilung des bisherigen
ersten Teils die Fünfzahl der Bücher erreicht, den Eindruck einer fünf-
aktigen Lustspielgeschichte erwecken. Allein diese nachträgliche Ab-
rundung entspricht nicht einer tatsächlichen formalen Gegebenheit.
Es mag zwar angehen, die einzelnen Bücher mit den Aufzügen eines
Lustspiels zu vergleichen. Sie sind, für sich betrachtet, sehr geschlossen
und in kunstvoller szenischer Steigerung aufgebaut. Besonders das un-
übertreffliche vierte, der Prozeß um des Esels Schatten. Es ist kein Zu-
fall, daß Ludwig Fulda, mit der feinen Witterung des guten Lustspiel-
dichters, dies Buch zu einer Komödie verarbeitet hat ("Des Esels Schat-
ten"). Auch "Euripides unter den Abderiten" und "Die Frösche der
Latona" beweisen, daß Wieland sich nicht nur aus äußeren Gründen
mit dem Theater befaßte. Seine Sehnsucht nach der Szene geht jetzt
in seine epische Dichtung ein.
Aber als Ganzes hat die Dichtung nichts von dem strengen lustspiel-
haften Aufbau des "Neuen Amadis" oder der "Musarion". Sie ist nicht
konstruiert, sondern Ring um Ring mit dem Dichter gewachsen, -
das eben sollte die Entstehungsgeschichte zeigen. Auf dieser Offenheit,
auf dieser Erlebnisnähe beruht der unvergängliche Reiz des Buches,
durch sie wird aus dem grotesken Marionettenspiel des "Neuen Amadis"
ein Werk von gelöster, lebensvoller und damit echt humaner Heiterkeit.
Wieland nennt zwar auch seine "Abderiten" wiederholt ein "Märchen".
Aber hier ist diese Bezeichnung nicht mißzuverstehen, auch wenn man
nichts von seiner klassischen Kunsttheorie weiß. Hier kann in keiner
Weise von einer "Flucht", von einer rokokohaften TraumkuRst geredet
werden. Hier gelingt es ihm offensichtlich, der "Natur" nahezubleiben
und sie doch in ein Spiel des Geistes zu verwandeln. Stoff, Erlebnis und
Idee vereinigen sich zum lebendigsten dichterischen Bild, das Wieland
jemals geschaffen hat. Wir zögern zwar, mit Loebell die "Abderiten"
gegen den "Oberon" auszuspielen und zu sagen, daß sich unser Dichter

332
Wertung. Orden der Kosmopoliten

nur hier "ganz in der ihm eigentümlichen Sphäre" bewege,2o denn wir
wissen schon aus seiner Rokokozeit, daß auch das phantastische Spielen
und Träumen zu ihm gehörte, wie die Nacht zum Tag; aber vom Ge-
sichtspunkt der Klassik, die eben gerade keine Märchenkunst ist, sondern
das ungeheure Gleichgewicht von Natur und Geist verwirklicht, wird
man sagen dürfen, daß diesem Werk der Preis gebührt. Die Oberon-
Linie fand seit der Romantik in mancherlei Gestalt Fortsetzung, doch
die "Abderiten" sind ein einsamer Gipfel wie Lessings MeisterlustspieL
Wenn daraus die deutscheÖffentlichkeitund Schule noch keine Konse-
quenzen gezogen hat, so muß man fast glauben, daß dies Verhalten aus
der abderitischen Abneigung gegen Selbsterkenntnis zu erklären ist.
Die "Abderiten" sind nicht veraltet; sie sind nur allezeit zu aktuell,
um von Amts wegen empfohlen werden zu können.
Einen kleinen Freundeskreis haben sie längst, und das ist vielleicht
auch ihre Bestimmung, wenigstens im Zeitalter der Massenherrschaft.
Im zweiten Buch entwickelt Wieland seine Lehre vom "Orden der Kos-
mopoliten", die an Lessings Freimaurergespräche erinnert und in der
deutschen Geistesaristokratie wahrscheinlich noch mehr Wirkung tat
als jenes Werk. In beiden Schriften werden die vernünftigen und wohl-
meinenden Menschen in allen Gesellschaften, Orden und Völkern als eine
unsichtbare Kirche verstanden, die keiner Organisation bedarf. "Zwei
Kosmopoliten kommen, der eine von Osten, der andere von Westen,
sehen einander zum ersten Male und sind Freunde - nicht vermöge
einer geheimen Sympathie, die vielleicht nur in Romanen zu finden ist-
nicht, weil beschworene Pflichten sie dazu verbinden- sondern weil sie
Kosmopoliten sind." Indem Wieland seine Idee in einer antikisierenden
Dichtung entwickelt und in der Wortgebung die mißverständliche Ver-
wechselung mit dem organisierten Freimaurertum ausschaltet, gewinnt
er eine Allgemeingültigkeit, wie sie der Kultur von Weimar entspricht.
Es ist eine Wiederaufnahme des alten humanistischen Elitegedankens.
Freilich scheint noch keine Tragik über ihm zu liegen, denn Wieland
behauptet an dieser Stelle, daß die Kosmopoliten, "ungeachtet der Un-
sichtbarkeit ihrer Gesellschaft, von jeher einen Einfluß in die Dinge die-
ser Welt behauptet haben, dessen Wirkungen desto gewisser und dauer-
hafter sind, weil sie kein Geräusch machen und meistens durch Mittel
erzielt werden, deren scheinbare Richtung die Augen der Menge irre

333
"Geschichte der Abderiten"

macht". Betrachtet man diese Äußerung isoliert, so wird man mehr an


Leibnizens Vertrauen zur "Stadt Gottes" oder gar an den Freimaurer-
orden selbst als an des Erasmus "Lob der Torheit" erinnert. Es könnte
scheinen, als hänge Wieland noch am optimistischen Danischmend-
Ideal des "Goldenen Spiegels". Nun ist allerdings kein Zweifel, daß sich
in den zuerst entstandenen Partien der "Abderiten" noch manches Re-
likt aus der früheren gesellschaftlichen Periode findet. Das erste Buch
spielt im Salon, nicht wie die späteren Teile auf dem Markt und in allen
Gassen. Der weise Demokritus und auch Hippokrates treten noch sehr
selbstgerecht hervor, während in den beiden letzten Büchern die Atmo-
sphäre eines allgemeinen Narrenturns überwiegt und der Humor über-
zeugender die Satire durchdringt. Loebell schätzt infolgedessen, trotz
seiner sonstigen Achtung für das Werk, die beiden ersten Bücher nicht
sehr hoch. 21 Gruber war so weit gegangen, den Roman überhaupt von
den reinen Werken der Muse zu .trennen und unmittelbar an Wielands
Danischmend-Philosophie anzuschließen. 21 Gegenüber derartigen Auf-
fassungen ist es sehr wichtig zu sehen, daß die "Abderiten" schon im
ersten Ansatz durch ihren gesellschaftlichen Pessimismus von Wielands
ehrgeizigem Staatsroman sich unterscheiden. Was dargestellt wird,
ist nicht die geheime Wirkung, sondern die Machtlosigkeit der Vernunft
und derer, welche sich zu ihr bekennen. Das ist auch in der "Geschichte
des weisen Danischmend" der Fall, in welche der Dichter nach der
ersten Arbeit am Abderitenroman auswich. Während sich aber Wieland
dort begnügte, mit einem resignierten Kopfschütteln in die Idylle eines
bloß persönlichen und familiären Daseins zu gehen, behielt er in seinem
genialen Narrenroman die Gesellschaft angriffslustig im Auge, um sie
in ihrer Totalität zu zeigen und humoristisch zu überwinden. Das Jahr
seiner Erniedrigung in und außerhalb Weimars unterbricht diesen kräf-
tigen Ansatz. Erst nach dem Verebben des Sturm und Drang und noch
einmal nach dem "Oberon" ist er auf der Höhe, welche dies Werk von
ihm fordert, denn hier genügt es nicht, unverbindlich lächelnd Weis-
heitssprüchevon sich zu geben uud dialogisch hin und her zu sprechen,
sondern in einer für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Unmittelbar-
keit, gewissermaßen lachend, zu gestalten. Oder, wie er selbst sagt: Hier
soll nicht lächerlich gemach t werden, sondern etwas dargesteilt werden,
was lächerlich ist. Äußerlich gesehen ist das Werk der Abschluß seiner

325
334
Die Herrschaft der Narren

gesellschaftskritischen Prosaperiode; aber während jene früheren Schrif-


ten frech und zaghaft, schmeichlerisch und anklagend, gotteslästerlich
und bigott, jedenfalls immer launisch und zwiespältig wie auch sein
Leben in den Jahren 1770 bis 1773 aus der problematischen Daseins-
form des Gesellschaftslöwen Wieland hervorgingen, ist jetzt ein abge-
rücktes, überlegen heiteres Bild jener Gesellschaft und damit eine
Dichtung entstanden.
Solche entscheidenden Qualitätsveränderungen pflegen, wie es etwa
auch Lessings Breslauer Zeit und Goethes italienische Reise zeigen,
nicht ohne entwicklungsgeschichtlichen "Bruch" möglich zu sein. Die
Entstehung der "Abderiten" setzt voraus, daß Wieland von der aktiven
Danischmend-Rolle Abstand gewonnen hat, daß er aus einem Projekte-
macher und Pseudopolitiker zu einem Betrachter geworden ist, der von
seiner Vernunft und von der menschlichen Vernunft überhaupt nicht
mehr allzuviel für die Welt erwartet, wenn er auch heiter und kühn
genug ist, um ihr das von ihm erschaute Bild der Gesellschaft unver-
fälscht entgegenzuhalten. Bitterer und pointierter als in der von vorn-
herein mit behaglicher Erzählerfreude gegebenen "Geschichte der Ab-
deriten" zeigt sich Wielands Abschied von dem "philosophischen" Re-
formeifer der Aufklärung in dem Dialog "S tilpon" (1 774), welcher kurz
nach den ersten Teilen des Narrenromans im "Teutschen Merkur" er-
schien. Der Dichter spricht in der Einleitung von der "Reichsstadt
Pfullendorf", wie er jetzt am Hofe überhaupt von Republiken zu
sprechen liebt. Aber seine allgemeinen Betrachtungen über den "kleinen
Staat" und seine damalige schwierige Lage in Weimar lassen vermuten,
daß er hier nicht nur aus der Erinnerung seines früheren Stadtschreiber-
daseins, sondern aus jüngster Erfahrung dachte und schrieb. Zwei Bür-
ger von Megara fragen den Philosophen Stilpon, ob man lieber den
dummen Lampus oder den bösen Megillus zum Oberzunftmeister und
Staatsoberhaupt der Republik Megara wählen solle. Jeder rechtfertigt
seinen Kandidaten mit vielen Gründen; Stilpon aber meint mit dem
gutgemeinten Eifer des Philosophen, der Senat möge doch einen Dritten
wählen, der sowohl gut als klug sei. In der Tat, der Senat von Megara
wählt einen Dritten- den dummen und bösartigen Gorgias. Die Welt
liegt hoffnungslos im Argen. Das ist die alte Erkenntnis, auf die Wie-
land beim Scheitern seiner gesellschaftlichen Laufbahn zurückgeworfen

335
• Geschichte der Abderiten"

wird. Sie entspringt, wie wir schon wissen, letztlich einem Betroffensein
vom Transzendenten, mag es für ihn auch noch so inhaltlos geworden
sein. Die Gesellschaft ist ein einziges Narrentheater, in dem der Zufall
regiert. In dem Bild der Abderiten-Republik gewinnt dies Wielandische
Urerlebnis, das schon dem "Neuen Amadis" Tiefe gab, seine reinste
Ausprägung. Aber daß der Dichter auf solche furchtbare Erfahrung, je"
länger er an den "Abderiten" schrieb, um so überlegener, humorvoller
und menschlicher antworten konnte- das erst macht den Narrenroman
zu etwas Klassischem.
Bezeichnenderweise wählt unser Dichter gerade für dieses erlebnisnahe
Werk wieder die antike Einkleidung. Es war schon bei "Agathon",
"Musarion" und "Diogenes" so. Die Antike scheint ihm stets am besten
dazu geeignet, der persönlichen Erfahrung überhöhte, symbolische
Wirklichkeit zu verleihen. Wieland hat diesmal wohl noch mehr Quel-
lenstudien getrieben als sonst, wofür der Merkur-Aufsatz "Etwas von
der Goldmacherei des Demokritus von Abdera" 2a ein Beispiel ist. Er-
lebtes und Erschautes soll möglichst tief in die Welt des Altertums ein-
gesenkt und dadurch objektiviert werden. Das "klassische" Gewand ist
keineswegs zufällig. Trotzdem hat man schon früh die Allgemeingültig-
keit des Werkes verkannt und es mit der mißverständlichen Etikette
eines "satirischen Romans" versehen. Aus zahlreichen deutschen Städ-
ten, besonders ausMannheim, kamen dem Dichter Vorwürfe und Klagen
zu. Wieland gibt selbst zu, daß er nicht immer behutsam genug war.
So hatte er zum Beispiel vergessen, daß der Maler Müller an einer Niobe
arbeitete, und in den "Abderiten" ein Drama dieses Namens verspottet.
Aber mit Recht gibt er niemals seinen Anspruch auf, nach dem Allge-
meinmenschlichen gestrebt zu haben. "Mein ernstlicher Vorsatz war
es wenigstens und ist es allezeit geblieben, ein Märchen von Narren
und Närrinnen, die man in ihrer Art überall antrifft, zu erzählen;
und wenn auch hier und da Züge von einzelnen Menschen entlehnt
worden sind, so ist es entweder ohne Vorsatz oder auf eine Art ge-
schehen, worüber sich Niemand beklagen kann, weil es wider die Natur
der Sache wäre, von einem Dichter zu verlangen, daß er seine Personen
alle aus der Luft greife. Als Homer seinen Thersites malte, waren
gewiß viele hundert Griechen, Hohe und Niedrige, die dies oder jenes
von der äußerlichen oder innerlichen Gestalt des Thersites hatten." 1 '

325
®rimar,
flcr, <Ear( iuboCf J)offmantt. 1774.

"GESCHICHTE DER ABDERITEN"


.Geschichte der Abderiten"

"Das ganze Geheimnis lag darin, daß ich etwas von der Gabe hatte,
meinen Idealen so viel Persönlichkeit und Leben zu geben, daß sie wie
einzelne Menschen auszusehen schienen." Es. sei, so betont er an
anderer Stelle, "das Ganze schlechterdings nichts als eine idealisierte
Composition der Albernheiten und Narrheiten des ganzen Menschen-
geschlechts, besonders unsrer Nation und Zeit". 25 Immer wieder be-
müht sich Wieland um den Nachweis, daß die Gestalten und Vorgänge
in dem Roman die rechte Mitte zwischen Wahrheit und Schein, Erfah-
rung und Idee haben, kurz eben "eine Dichtung" sind. Aber man hat
ihm vielfach nicht geglaubt.
Zunächst hat einer richtigen Würdigung des Werks in der Literatur-
geschichte der naheliegende Bezug auf Biberach geschadet. Schon
Gruber macht auf ihn aufmerksam. Ofterdinger weist nach, daß die
Biberacher Händel um den Prediger Brechter in den Roman verwoben
sind. Aber die Identität von Biberach und Abdera war schon für die
positivistische Forschung nicht aufrechtzuerhalten. Seuffert deckt die
Beziehungen zu Mannheim auf und betont diese so stark, daß ihm die
Ehrlichkeit von Wielands Verteidigung zweifelhaft wird. Schulze-Mai-
zier findet schließlich, daß im fünften Buch die Verhältnisse von Erfurt
nachgebildet sind. 26 Allein gerade die Häufung dieser Nachweise ver-
rät, auf wie schwachen Füßen die Modellphilologie steht. Wie proble-
matisch ist es, wenn Seuffert Euripides und Lessing gleichsetzt, da
doch Wieland selbst als Theaterdichter nachMannheim kam, oder, um
eine ganz exakte Einzelheit zu nennen, wenn er für den freien Eintritt
ins Theater der Abderiten die Verhältnisse in Mannheim bemüht, wo
nur an einzelnen Tagen aufdas Eintrittsgeld verzichtet wurde, während
dies beim früheren Weimarer Theater immer der Fall war! Es ist nicht
notwendig, alle falschen Gleichsetzungen zu widerlegen; man kennt
heute den Begriff der dichterischen Wirklichkeit zur Genüge.
Man betont ihn fast schon allzusehr und könnte darüber leicht das
übersehen, was die "Abderiten" von "Oberon" unterscheidet und sie
vielleicht über ihn stellt, eben daß diese Dichtung kein Traumschloß ist,
sondern in einem zwar ästhetisch gebrochenen, aber nicht zerbrochenen
Wirklichkeitszusammenhang aus der gesellschaftlichen Realität in das
Reich heiterer Weltüberlegenheit aufsteigt. Die "Abderiten" sind "sim-
pel", "harmlos", ein reines Gebilde, das sich unmittelbar erschließt. Es

325
Wirklichkeit und Dichtung

gibt hier für romantische und moderne Interpreten nichts "Interessan-


tes" aufzudecken. Aber die Harmlosigkeit ist von der Art eines Shake-
speareschen oder Lopeschen Lustspiels und hat das Signum der Klassi-
zität. Solche Dichtungen sind ungewollt, aus der bloßen Totalität ihres
Weltzusammenhangs heraus lebendig, gegenständlich, ja fast "volks-
tümlich" und doch, da sie nicht ausdrücklich popularisieren, von makel-
loser dichterischer Gestalt; nur ist hier im Unterschied zur Renaissance
an die Stelle des Verses, der bereits seinen naiven Charakter verloren
und ausdrücklich ästhetische Bedeutung gewonnen hat, die Prosa,
welche die gesellschaftliche Gegenwart beherrscht, getreten. Der "Ro-
man" erweist sich, wie schon in der Biberacher Epoche, als die zeit-
echteste und wahrste Dichtart: als diejenige unter den epischen For-
men, welche Leben und Dichtung, Natur und Geist am innigsten zu ver-
binden geeignet ist.
"Geschichte Agathons" - "Geschichte der Abderiten": die Überein-
stimmung im Titel ist nicht zufällig. "Geschichte" drückt hier, wie wir
schon bei "Agathon" sahen, keine historisch-gelehrte, sondern ganz all-
gemein die empirische, insbesondere psychologische Fundiertheit der
Dichtung aus. Zwar setzt sich die "klassische" Fülle des Menschlichen
und das, was Goethe die Plastik der Darstellung nennt, auch in der
idealen Märchensphäre des "Oberon" durch, die "Geschichte der Ab-
deriten" aber wird durchaus von ihnen bestimmt; es gibt hier keinen
Rest, der bei einer strengen Kritik als konstruiert-artistisch oder als
poetisch-musikalisch im Sinne des Rokoko oder der Romantik anzu-
sprechen wäre. Das Gemeinte und das Gesprochene, Sinn und Wort
decken sich vollkommen. Die Gegenstände erscheinen in großer Umriß-
schärfe, in einer a tmosphärelosen, fast grellen Klarbei t. Wenn man dieser
Dichtung gerecht werden will, darf man sie noch weniger als "Oberon"
an romantischer oder Jean Paulscher Humorkunst messen. Es geht
hier so wenig wie bei Cervantes oder Moliere um ausdrückliche, selbst-
herrliche "Poesie".
Wieland stellte, um dem metaphysischen Idealismus der Goethezeit
entgegenzukommen, an die Spitze seiner Ausgabe letzter Hand die
"Geschichte Agathons"; aber man darfwohl schonheute behaupten, daß
sein Abderiten-Roman dem Urteil der Jahrhunderte unbedingter stand-
halten wird als "Agathon", besonders dessen letzte Fassung. Woran liegt

Sengle, Wieland 22* 339


"Geschichte der Abderiten"

das? Offenbar gerade an der "niedrigeren" komischen Darstellungsform,


die er vollkommen zu erfüllen vermochte. Der Weltanschauungsroman
"Agathon" bedurfte seiner ganzen Anlage nach eines idealen Ziels, oder
formal gesehen, eines krönenden Abschlusses. Ein solches Ziel gab es
aber für den Skeptiker Wieland im Grunde nicht; und als er in idealisti-
scher Zeit eines entlehnte, war es ein fremder Kopf, den er dem alten
Werke aufsetzte! In der "Geschichte der Abderiten" kann es diesen
Dualismus zwischen einer fragmentarischen älteren und einer kon-
struierten jüngeren Fassung nicht geben, und zwar deshalb, weil es
bei dem humoristischen Narrenroman eines metaphysisch-idealen In-
halts nicht bedarf. Die "offene" Form des Ganzen, die Selbstgenügsam-
keit der einzelnen Bücher oder Erzählszenen entspricht in durchaus
legitimer Weise der Idee vom Narrentheater, das in Abdera und über-
haupt im "ganzen Menschengeschlecht" unaufhörlich gespielt wird. Der
alte Wieland hat während seines Züricher Ferienaufenthalts gedroht,
die "Abderiten" fortzusetzen. Es wäre kein "krönender Abschluß",
sondern die Darstellung eines neuen Abderitenstreichs gewesen. Es gibt
deren unendlich viele. Man kann sie im einzelnen mit liebevoller Plastik
und kunstvoller Steigerung darstellen, aber ein geschlossener Groß-
roman, der wie "Agathon" als modernes Epos aufgefaßt werden könnte,
liegt nicht in der Intention des Werkes. Die "Geschichte der Abderiten"
weist auf einen Dichter, der die Aga thon-Frage nach dem Ziel und Sinn
des Lebens überhaupt nicht mehr stellt, sondern sich an der hingeben-
den, ja fast liebevollen Darstellung des ziellosen Welttheaters genug
sein läßt und seinen Trost darin findet, daß ihn, den Zuschauer, diese
Welt nicht quälen, nur belustigen kann. Es ist die kühle Haltung des
aristokratischen Humanisten. Aber eben in dieser Beschränkung ge-
langt Wieland zu völliger Übereinstimmung mit sich selbst und mit der
Welt, zu seinem vollendetsten Prosawerk und vielleicht zu seiner gültig-
sten Dichtung überhaupt. Wann freilich die deutsche Bildung, welche
noch immer im Bann der tragischen Klassik steht, dem anspruchslos-
großen Werke Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, bleibt abzu-
warten. Hier vor allem erinnert man sich des Vorwurfs, den ein fran-
zösischer Wieland-Forscher schon vor 8o Jahren gegen die Deutschen
erhob: daß sie nämlich undankbar gegen Wieland sind.21

325
Das Spiel des Reims

3· Versdichtung (1774-1783)

Die Romantiker haben am meisten zur Zerstörung von Wielands lite-


rarischem Ansehen beigetragen, weil sie nicht nur sein Ethos oder sein
Deutschtum, sondern die Originalität und Echtheit seiner gesamten
Dichtung bezweifelten. Aber es war eine Art von Sohneshaß, der nicht
standhalten konnte. Als Friedrich Schlegel am Ausgang der Romantik
auf die Entwicklung der Literatur zurücksah, wurde ihm bewußt, wie-
viel Deutschland diesem Dichter verdankte. Er bedauerte, daß Wieland
die" Bahn der fröhlichen Wissenschaft, der alten Ri ttersänger, und über-
haupt die Poesie so bald verlassen". Besonders lobte er ihn dafür, daß er
das "Spiel des Reims" der deutschen Literatur erhalten hätte. 28
In der Tat ist Wieland der leidenschaftlichste Reimer zwischen Barock
und Romantik. Wir wissen, daß ihn schon in seiner Rokokoperiode
das süße Spiel der Verse und Klänge unwiderstehlich anzog und in
allen Beschwernissen des alltäglichen Lebens tröstete. Die Gefährdung
seiner dichterischen Existenz im Anfang seiner Weimarer Zeit wird
aus der Tatsache am deutlichsten, daß er die alte Lust zu dieser
Ausdrucksform fast ganz verlor. Erst die Leiden des Jahres 1774 führ-
ten ihn wieder in die Sphäre der "Poesie", die ihm noch ausdrücklich
von der Prosa geschieden war, zurück. "Poesie" in diesem begrenzten
spielerisch-formalen Sinne hat schon für ihn die Funktion einer "Tröst-
einsamkeit". Wie seine Vereinsamung zum Quellpunkt einer neuen
Versdichtung werden konnte, deutet in schönster Weise das kleine, sehr
persönlicheDichtwerk"Die erste Liebe" (1774) an,welcheszurVer-
lobung seiner jungen Freundin Julie von Keller geschrieben wurde. Es
handelt sich um eine Art von Elegie. Nicht als ob das besungene Ereignis,
die Trennung von "Psyche", ein erschütterndes und tragisches Erlebnis
für Wieland gewesen wäre. Er stand dem Mädchen von jeher väterlich,
um nicht zu sagen onkelhaft gegenüber, aber ihr Verlust wird ihm zum
Zeichen seines allgemeinen Abschieds von der Fülle der Welt, zum
Sinnbild seines Alterns. "Du bist beglückt - und ich - vergessen!"
Das trifft nicht nur sein Verhältnis zu Julie, das kennzeichnet seine
Situation inmitten der aufblühenden Generation überhaupt. Er geht
ins Dunkel, aber indem er so geht, schaut er noch einmal zurück, und
nun liegt, von Abendstrahlen umflossen, die Landschaft des Lebens

34I
Versdichtung

doppelt verklärt vor ihm, und gerade die einst so viel belächelte "pla-
tonische" Liebe der Jugend gewinnt in der Erinnerung des alternden
und entsagenden Dichters den süßesten Glanz, denn in ihr ist die tiefste
Sehnsucht des Menschen, das Urbild der Liebe am deutlichsten offen-
bar. Jetzt entströmen dem lang verstummtenMunde des Dichters plötz-
lich begeisterte Worte zu ihrem Preis:

"0 Zauberei der ersten Liebe!


Noch jetzt, da schon zum Abend sich
Mein Leben neigt, beglückst du mich!
Noch denk ich mit Entzücken Dich,
Du Götterstand der ersten Liebe!
Was hat dies Leben, das Dir gleicht,
Du schöner Irrtum schöner Seelen ?
Wo ist die Lust, die nicht der Erden Wonne weicht,
Wenn von den göttlichen Clarissen und Pamelen,
Von jedem Ideal, womit die Phantasie
Geschäftig war, in Träumen uns zu laben,
Wir nun das Urbild sehn, sie nun gefunden haben,
Die Hälfte unser selbst, zu der die Sympathie
Geheimnisvoll uns hinzog- sie,
Im süßen Wahnsinn unsrer Augen
Das Schönste der Natur! aus deren Anblick wir,
Wie Kinder an der Brust, nun unser Leben saugen,
Von Allem um uns her nichts sehen außer ihr,
Selbst in El ysiens goldnen Auen
Nichts sehen würden außer ihr,
Nichts wünschen würden, als sie ewig anzuschauen!
Von diesem Augenblick nimmt sie als Siegerin
Besitz von unserm ganzen Wesen:
Wir sehn und hören nun mit einem andern Sinn;
Die Dinge sind nicht mehr, was sie zuvor gewesen.
Die ganze Schöpfung ist die Blende nur, worin
Die Göttin glänzt, die Wolk, auf der sie schwebet,
Der Scha ttengrund, der ihren Reiz erhebet;
Ihr huldigt jeder Kreis der lebenden Natur;

342
Der neue Stil

Ihr schmücken sich die Hecken und die Bäume


Mit jungem Laub, mit Blumen Tal und Flur;
Ihr singt die Nachtigall, und Bäche murmeln nur,
Damit sie desto sanfter träume;
Indeß der West, der ihren Schlummer kühlt,
Für sie allein der Blüten Balsam stiehlt,
Und, taumelnd vor Vergnügen,
Verliebte Rosen sich auf ihrem Busen wiegen."

Man müßte noch mehr zitieren, denn der Reiz solcher Dichtung liegt
nicht in dem einzelnen Bild oder Satz, sondern in der Musikalität, mit
der sie den Hörer einwiegt und in das Traumland der Poesie entführt.
Das Grundgefühl des Poeten verdichtet sich nicht zu greifbarer Gegen-
ständlichkeit, auf der sich ruhen ließe. Nichts Einzelnes genügt, daher
das rasche Tempo, das flüchtige Strömen der Worte und Bilder zu einem
Ziele, das stets jenseits von ihnen schwebt. Zweifellos liegt in solcher
Dichtung noch viel von der lichten und "oberflächlichen" Gestaltungs-
art des Rokoko. Man betrachte nur die unermüdlich hellen Reim vokale,
besonders am Anfang und Ende des zitierten Abschnitts, die zahlreichen
rhetorischen Anaphern und gegen Ende das von ferne durchschimmern-
de dekorative Bild der Venus. Trotzdem ist im Tone des Ganzen die
gegenseitige Durchdringung von Form- und Gefühlskultur, welche den
Stil der Weimarer Klassik kennzeichnen wird, mit genügender Deut-
lichkeit vorgebildet. Der unmittelbare Gefühlsausdruck könnte unserm
Dichter nicht gelingen, er müßte sentimental bleiben. Indem aber die
Erfahrung der Liebe in die Distanz entsagender Erinnerung gerückt
wird, ist sie dem Dichter als eine Wirklichkeit gegeben, die schon geistig
und damit aufdem Wege zur Dichtung ist. Und sie ist ihm, eben weil sie
schon geistig, ideell gesehen ist, zugleich als verjüngter "naiver" Inhalt
wiedergeschenkt! Die angehenden Klassiker gestalten problematische,
"interessante" Frauen wie Adelheid, Lady Milford, Sappho; die reifen
erfreuen sich, eben weil sie mehr schauen als leben, an den Urbildern der
Schönheit, Heiligkeit oder Liebe: an Helena, Jungfrau von Orleans, Hero.
Entsprechend gestaltet der klassische Wieland keine Hetären wie Danae
oder Musarion, sondern meistens junge Mädchen, welche das Bild der
menschlichenLiebe rein und ursprünglich zu verkörpern geeignet sind.

343
Versdichtung

Klassische Distanz scheint eine Bevorzugung der objektiven Dichtungs-


gattungen zu bewirken. Es ist bezeichnend, daß die Lyrik der Weimarer
Hochklassik in der Ballade gipfelt. Für Wieland vollends konnte die
Lyrik nur ein Grenzfall sein, schon in ihr mußte er ins erinnernde Er-
zählen ausweichen. Dabei ist freilich nicht zu übersehen, daß das Ly-
risch-Musikalische in seiner epischen Poesie, so gut wie in seiner dra-
matischen, ein konstituierendes Element bleibt. Das eben gibt ihm
(wie dem Iphigeniedichter) die romantische Tönung, daß die "Poesie"
als etwas Allgemeines, als etwas "Musikalisches", wie wir ungenau zu
sagen pflegen, über seinen Versdichtungen schwebt und einen Zauber
über sie ausgießt, den er schon selbst als eine Art Magie empfindet. Wie-
land hatte ein zu strenges Formgewissen, um sich von dieser univer-
salen Poesie ohne Rückhalt in das Neuland einer romantischen Vers-
und Gattungsvermischung verlocken zu lassen. Aber etwas von dem
unverbindlichen Spielcharakter der Romantik haben die Formen auch
schon bei ihm- gerade in dieser zweiten großen Dichtungsperiode,
wo sie äußerlich geschlossener und ruhiger werden: die Überformung
ist ebenso romantisch wie die Unterformung! 29 Nur wird man in einer
"Klassik" wie der deutschen, in welcher kaum eigene Vers- und Gat-
tungsformen gewachsen sind, in der die Form schon überall zwei-
deutig wird, es lieber vermeiden, einen solchen "Idealismus" der Form
schon als im strengen Sinne romantisch anzusprechen.
Es war für den zu seinem Gipfel fortschreitenden Dichter wohl keine
leichte Aufgabe, das lyrisch-musikalische Element so weit zurückzu-
drängen, daß das epische Raum zu gültiger Gestaltung erhielt, denn am
Hofe von Weimar war man zunächst mehr subjektiv und empfindsam als
gegenständlich und episch. Als Wieland 1775 mit der Erzählung "Der
l\1önch und die Nonne auf dem Mittelstein" (später "Sixt und
Clärchen") die neue Periode seiner Verserzählung begonnen hatte, tat
er sogleich wieder einen Schritt rückwärts, indem er auf Wunsch Anna
Amalias den gleichen Stoff zu einer sentimentalen Kantate unter dem
Titel "Seraphina" (1775) verarbeitete. Der Vorgang veranschaulicht
recht deutlich, welche Leistung in seiner Loslösung aus der Empfind-
samkeit liegt." Seraphina" verrät, daß sich seit der "Alceste" in Weimar
nicht so viel geändert hat wie in dem Dichter selbst, denn diese Dich-
tung ist nichts anderes als Kitsch, herzzerschmelzender rührend-tragi-

344
.Seraphina" .• Sixt und Clärchen''

scher Kitsch, wie ihn in immer neuen Formen jede Zeit kennt. Damals:
eine Nonne um Mitternacht in Liebesraserei; "wie von Wogen des
Sturms umhergewälzt", aufihrem Lager, agierend, deklamierend, todes-
sehnsüchtig und ihrem Liebsten ewige Treue schwörend. Gebete und
Tränen, Fragesätze und Ausrufe, freie Rhythmen und Reimstrophen
purzeln ergriffen durcheinander bis zu dem wundervollen Ausklang:
"Ach, ohne Deine Liebe wär'
Ein Himmel selbst kein Himmel mehr!
Kein Fegfeu'r schrecket mich, steigst Du mit mir hinab;
Und schlügen alle seine Flammen
Verdoppelt über mir zusammen,
Dein Atem weht sie kühlend ab."
So dichtet der Wieland, welcher schon die "Abderiten" begonnen hat.
Er möchte, wie er einmal bei Goethe mit neidischer Bewunderung fest-
stellt, "alles können", aber er kann es nicht. Es ist nicht unmöglich,
daß er in irgendeiner Schicht seiner Seele Anteil an dieser schlager-
haften Gefühlsseligkeit hat. Die Rede ist hier von der Leistung des
Künstlers, und diese ist in der Kantate mißglückt. In der Verserzäh-
lung dagegen, wo sich der Dichter ohne Rücksicht auf unmittelbare
Auftraggeber bewegen kann, gelingt trotzdes rührenden Gegenstandes
schon ein Werk, das als erster Ansatz einer humoristischen Klassik
gelten kann. "Der Mönch und die Nonne auf dem Mittelstein" ist keine
satirische Klostergeschichte im Stile des Rokoko. 30 Es geht hier nicht
um den Mönch und die Nonne als solche, sondern um das allgemein-
menschliche Schicksal eines Liebespaares, dem "wie ehemals Hero und
Leander" eine legitime Vereinigung verwehrt ist. Darum wurde wohl
auch später der weniger mißverständliche Titel "Sixt und Clärchen"
gewählt. Es gibt hier, wie in der "Seraphina", die Gewissensqual der
Nonne und ihr verzweifeltes "Rettet mich". Aber Wieland verharrt
nicht in der ihm fremden Sphäre des unmittelbaren Gefühls. Sogleich
wird das empfindsame Pathos durchbrochen und damit in seiner dichte-
rischen Bedeutung vollkommen verändert:
"So ungestüm schlug Weil auf Welle
In Clärchens Brust; sie treibt umher
In einem wilden Zweifelmeer;

345
Versdidttung

Entfliehn ist Tod, und Bleiben Hölle!


Sie kämpft, das gute Seelchen! ach,
Sie kämpft aus allen ihren Kräften;
Doch ihre Kräfte waren schwach;
Sixt zog mit dreimal stärkern Kräften
Ihr liebend Herz dem seinen nach ... "

Die lächelnde Ironie des Erzählers begleitet das Liebespaar in allen


seinen Leiden bis zu seiner Vereinigung. Sie entstammt nicht einem
angriffslustigen Besserwissen-Wollen, sondernder reifen Überschau eines
Menschen, dem auch die vielverspottete "Schwärmerei" verständlich
und lieb zu werden beginnt. Ausdrücklich trennt er damals in einem
Merkur-Aufsatz "Enthusiasmus" und "Schwärmerei" voneinander.
Selbst "ein Schwärmer sein ist nicht schimpflicher als ein hitziges Fieber
haben". Solche Schwärmer im ursprünglichen Sinne des Wortes sind
die Abderiten. Sie werden mit dem kühlen, aber nicht lieblosen Blick des
großen Arztes dargestellt. Sixt und Klärehen aber erhalten, obwohl die
ironische Distanz bis zu einem gewissen Grad bestehten bleibt, die Würde
von Enthusiasten, von solchen, die in Gott sind. So endet die Erzählung
mit der Apotheose der Liebenden. Sie werden in den Himmel entrückt,
und die Felsengruppe, welche anstelle ihrer Leiber zurückbleibt, ist das
"ew'ge Denkmal ihrer Liebe".
Sixt und Clärchen sind "fromm undgut nachdeutscher Art". Der Ein-
fluß des Sturm und Drang in Ton und Stoffwahl ist unverkennbar. Wie-
land weist im Vorbericht darauf hin, daß seine Quelle eine Thüringer-
waldsage ist. Er hat sie zwar nicht der mündlichen Tradition, sondern
einem frühen Thüringer Heimatbuch (Limpert) entnommen, aber sein
guter Wille, dem "Herderismus" einigermaßen entgegenzukommen, ist
nicht zu übersehen. Auch das "W in termärchen", welches im Jahre
des Weimarer Sturm und Drang ( r 776) entstand, zeigt ganz offen die Ab-
sicht des Dichters, deutscher und herzlicher zu dichten, obwohl der Stoff
diesmal keiner heimischen Überlieferung, sondern "Tausend und einer
Nacht" entstammt. Im Vergleich mit ihrer Quelle fehlt der Wieland-
sehen Erzählung alles Raffinierte und Komplizierte. Dies ist um so auf-
fallender, als den Biberacher Wieland sicher gerade diese Eigenschaft
angesprochen hätte. Das Ineinanderschachteln der Erzählungen, wie es

325
Knittelvers. "Wintermärchen"

sich in der Vorlage findet, wird vermieden: die Erzählung ist schlichter
und knapper geworden; auch die Sätze sind einfacher und kürzer. Wäh-
rend Wieland sonst, sogar in "Sixt und Clärchen", mit Hilfe der freien
Reimstellung sein Versgefüge sehr kunstvoll nüanciert, wird hier das
biedere Reimpaar des Knittelverses angestrebt. Die inhaltlichen Ände-
rungen weisen in die gleiche Richtung: die orientalische Freude am
Intellekt, an Listen und Schlichen aller Art ist beseitigt und anstelle
davon das gefühlsmäßige Element gesteigert. Aus dem überlisteten
Dschannder Quelle wird ein erhabenes Wesen, wahrscheinlich im An-
schluß an Goethes Erdgeistfigur im Urfaust, den Wieland sicherlich
kannte. 3 1 Aus dem Gemach, in welchem der verzauberte König sitzt,
entsteht, wie es den Säkularisationstendenzen der Jungen entspricht,
ein "Dom", aus dem Verzauberten selbst ein "Ecce-homo-Bild". Aus
dem schlauen und ruhmgierigen Befreier der Quelle wird ein herzlich
anteilnehmender und derb zugreifender Rächer. Das glanzvolle happy
end des Märchens wird realistisch gedämpft. Aus dem Fischer wird
nicht der Schwiegersohn des Sultans und der reichste Mann; im Reiche
istnicht eitel Freude, sondern nach wie vor Müh' und Arbeit:

"Die Fische werden zu Bürgern wieder,


Wimmeln die Straße auf und nieder
Bei Sonnen- und beiMondeslicht,
Des alten Schlenders unvergessen,
Haben viel Müh' und karg zu essen,
Bau'n Tag und Nacht viel böhmische Schlösser
Ins Blaue hinein, hätten's gern besser
Und raten immer und treffen's nicht:
Kurz, alles ist wieder in seiner Pflicht."

Die letzten Worte in einem Märchen des Idris-Dichters! Wieland ist


zwar auch hier nicht völlig grau und brav und humorlos; so ist es z. B.
seine Erfindung, wenn der rettende Talisman in der grotesken Gestalt
eines Eselskopfes erscheint. Aber er wagt es noch nicht, sich von neuem
der ganzen Keckheit seiner Laune und seiner Phantasie hinzugeben. Er
ist seines Zieles noch nicht sicher. Soll er nicht doch noch den anderen
Weg gehen, den Weg der zeitgemäßen tragischen Dichtung, den er in
brieflichen Verlautbarungen ausdrücklich abgelehnt, ja als grausam hin-

347
Versdichtung

gestellt hatte? Ein Versuch dazu liegt in der Verserzählung "Geron


der Adelige" (1776) vor.
Dem Ritter Geron gelingt es trotz heftiger innerer Gegenwehr nicht,
sich der unbedingten Liebe einer Frau zu entziehen, welche die Gattin
seines besten Freundes ist. Als er der Leidenschaft erlegen ist und die
Größe des begangenen Unrechts ihm ganz bewußt wird, stößt er sich
das Schwert in die Brust. Sein Freund kommt dazu, verzeiht ihm, von
Gerans Reue erschüttert, und bittet ihn, am Leben zu bleiben. Geron
wird auf eine Burg gebracht und von einer anderen Dame, die ihn liebt,
gesund gepflegt. Die Frau des Freundes aber stirbt an gebrochenem
Herzen. Die französische Quelle "Gyron le Courtois" war dem Dichter
nur durch einen Auszug in der "Bibliotheque universelle des Romans" 3 2
bekannt. Wieland hat die Verkürzung des altfranzösischen Romans, wel-
che in der Vorlage angehahnt war, in so konsequenter und kunstvoller
Weise weitergeführt, daß eine tragische Novelle von imponierender
Präzision und Wucht entstand. Durch die Erfindung, daß Geron selbst
als ein alter, geheimnisvoller fremder Ritter die Geschichte am Artushofe
erzählt und sogleich danach in die sinkende Nacht entschwindet, durch
einen sehr geschickten Rahmen also, gewinnt das Werk noch an Ge-
schlossenheit und Würde. Wieland verzichtet sowohl auf die späteren Er-
lebnisse Gerons, wie innerhalb des erzählten Vorgangs aufalle störenden
Einzelheiten. Die tragische Fabel soll schlicht und konzentriert,ja monu-
mental hervortreten. Auch die Sprache ist in Anlehnung an die Quelle
knapp und dicht. Entgegen seiner sonstigen Neigung zum Plauderstil
steigert der Erzähler noch die Schweigsamkeit seines Helden und tritt
vollkommen hinter das Erzählte zurück. Die moderne Gesellschafts-
sprache, die Wieland auch in seinen späten Ritterdichtungen sonst nicht
ganz unterdrückt, ist hier, im Anschluß an Bodmers und Herders Be-
mühungen, dem Versuch gewichen, die deutsche Sprache aus den Be-
ständen des Mittelhochdeutschen oder Frühneuhochdeutschen zu be-
reichern und zu verjüngen.aa Man hat schon früh erkannt, daß, alles in
allem, die Abfassung des "Geron" für unsernDichter ein Akt der Selbst-
verleugnung war. 34 Wieland verzichtet sogar auf den geliebten Reim
und greift wie in seiner Bodmerzeit und in der ,,Alceste'' zum Blankvers.
Trotz dieser künstlerisch bedenklichen Nachbarschaft ist die Versnovelle
wohl das einzige Werk, das in der bisherigen deutschen Literaturge-

325
Tragik. "Geron der Adelige"

schichte vollkommene Anerkennung genoß. Hier fand man endlich den


tragischen Ernst, nach dem man dürstete. Selbst der besonnene Scherer
schrieb in seiner Literaturgeschichte: "Geron ist Wielands ernstestes und
durch Selbstverleugnung, ruhigen Ton, Abwesenheit der Manier, eigen-
tümliche Komposition, ästhetische und sittliche Haltung vielleicht sein
vollkommenstes Gedicht." Allein, diese Frage erhebt sich für uns, ist
"Abwesenheit der Manier" da möglich, wo der Dichter sich an ein ganz
fremdes Stilideal hingegeben hat, wo von ihm selbst gewissermaßen
nichts übrig geblieben ist? Die Frage ist im Falle von "Geron" viel
schwerer zu beantworten als bei der "Alceste"; er ist in der Tat sehr
vollkommen. Stärker als jede andere Dichtung des wandlungsreichen
Schriftstellers zeigt er seine unerhörte und fast unheimliche Anpassungs-
fähigkeit, seine unübertreffliche Formbegabung. Wer ein solches Expe-
riment mit Erfolg durchführen kann, dem muß jede l'art pour Part-
Ästhetik den Preis zuerkennen.
Für eine tiefere Betrachtung kann freilich "Geron der Adelige" nicht
an der Spitze von Wielands Werken stehen, so wenig wie Schillers "Pa-
rasit" oder Hebbels "Diam,ant" der Kernsphäre dieser Dichter zuge-
ordnet werden können. Wieland selbst spricht bescheidener von der
Dichtung, als er es sonst bei seinen Meisterwerken tut, und ausdrücklich
begnügt er sich mit formalen Verdiensten: "Sie werden sehen... , daß
ich mir von Geron gar nichts zuzueignen habe, als das Bischen Kom-
position und die Jamben und, wenn Sie wollen, eine Diction, die dem
Colorit, womit sich die Geschichte meinem Geiste darstellte, etwas nahe
kommt." 3 5 Noch wichtigerarsdiese Äußerung ist die Tatsache, daß er
die mit "Geron" eingeschlagene Richtung nicht weiter verfolgte. Die
humoristische Darstellungbehielt die Oberhand, ja sie nahm bald darauf
wieder so kecke und mutwillige Formen an, daß man fast vermuten
muß, seine Natur habe sich für die allzugroße "Selbstverleugnung" auf
dem tragischen Felde gerächt. Die dichterische Stagnation ist, eben in·
dem er sieht, daß er auch in einem neuen Stile etwas kann, vorüber.
Nach dem Durchgang durch den Sturm und Drang kehren ihm die
schöpferischen Kräfte wieder: "Ich bin wirklich ziemlich voll Trag-
knospen."38 Die zweite dichterische Blütezeit seines Lebens nähert sich
ihrem Höhepunkt.

349
Versdichtung

In den Jahren 1776-78 hat er außer den bereits genannten Dichtungen


noch fünf weitere Verserzählungen vollendet und den "Pervonte" be-
gonnen. Ihr Umfang ist im allgemeinen noch ziemlich knapp, wenn
auch, wie schon in den "Komischen Erzählungen", geräumiger als bei
La Fontaine oder Geliert. Nur einmal wagt er sich an ein Werk, das man
zum erstenmal wieder als Kleinepos ansprechen kann, in "Liebe um
Liebe" (1776), später "Gandalin oder Liebe um Liebe" genannt.
Der epische Anspruch drückt sich nicht nur in dem größeren Umfang,
sondern auch in dem Prolog, in der Einteilung in acht Bücher, in der
eingelegten Erzählung Jelängerjeliebers und überhaupt in der gemäch-
lichen Erzählart des Ganzen aus. Gleichwohl besitzt auch dieses Werk
die Überschaubarkeit und die starke Abrundung, welche das Kennzei-
chen des kleinen Epos zu sein pfleg