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Die Gewalt des Zusammenhangs, oder: Ein frühes Wettrennen zum Mond

Von Klaus Kastberger

Weh uns. Alles wiederholt sich / und immer wiederholt sich /


und dieser Zusammenhang! als liefen alle Rollen nur in einem
Kreise um einen Punkt! als wäre alles nur Eines! Ein Kern in
unzählbaren Formen / in lauter kurzsichtigen Formen, denen
obendrein Scheuklappen angezüchtet werden - - -: sehen nicht
rückwärts, nicht seitwärts, höchstens vorwärts / aber auch nicht
weit

(Kaspar Lehmann in Niemand)

Ödön von Horváth im Jahr 1924. Der junge Schriftsteller – 1901 in eine ungarische
Diplomatenfamilie geboren, Aufenthaltsorte bisher: Rijeka, Belgrad, Budapest, Bratislava,
Wien, München, Murnau und Berlin – verzeichnet erste zaghafte Erfolge. Die satirische
Wochenzeitung Simplicissimus druckt einige seiner Sportmärchen. Mit grüner Tinte und
grober Handschrift trägt der Autor, sichtlich stolz, diese kleinen bissigen Prosaminiaturen in
ein Notizbuch ein und schenkt es seiner Freundin Felizia Seyd.

Auch eine erste Buchveröffentlichung liegt zu diesem Zeitpunkt bereits vor. Das Buch der
Tänze, 1922 in kleinster Auflage erschienen, versammelt pantomimische Szenen. Der
sogenannte Kallenberg-Verein setzt einige von ihnen bei künstlerischen
Abendveranstaltungen in Szene. Vier Jahre später distanziert sich Horváth von dem Buch und
der bürgerlichen Salonkultur. Mithilfe seines Vaters werden alle greifbaren Exemplare
aufgekauft und aus dem Verkehr gezogen.

Fünfzig Jahre später erinnert sich Horváths Bruder Lajos in einem Gespräch mit Traugott
Krischke, dass Ödön in der ersten Hälfte der 1920er Jahre „unheimlich viel“ geschrieben hat.
Vieles wurde probiert und vieles verworfen. Erste Stücke entstanden, die Stoffe dafür fand
Horváth in der Realität der Städte ebenso wie in der Falschheit am Land. Mord in der
Mohrengasse (1923/24) spielt in einer zwielichtigen Halbwelt und ist Brecht abgelauscht.
Den berühmten dramentheoretischen Satz „Glotzt nicht so romantisch!“ adaptiert Horváth
ohne Scham. In der Gasse, durch die er seine Figuren jagt, heißt es: „Glotzt nicht so dämlich!“

Die Bergbahn wird 1927 als erstes seiner Stücke aufgeführt. Vorher hatte der Autor den Text
stark überarbeitet und in seiner politischen Aussage entschärft. Im Mittelpunkt der Handlung
steht der Bau der Zugspitzbahn, bei der zahlreiche Arbeiter den Tod fanden. Nicht die
unmenschlichen Arbeitsbedingungen, sondern die Unbill des Wetters und der feindlichen
Natur werden in der zweiten Version des Stückes dafür verantwortlich gemacht.

Die Komödie Zur schönen Aussicht (geschrieben 1926) zeigt eine zwielichtige
Großstadtgesellschaft, die sich in einem heruntergekommenen Ausflugsgasthof einquartiert
hat. Niemand ist hier, was er scheint. Der Kellner kein Kellner und das Geld nichts mehr wert.
Geschachert wird über alles: „Was verstehst du unter lieber Gott?“, fragt der schmierige
Hotelbesitzer Strasser und bekommt von Christine, einem der frühen Horváth‘schen Fräulein,
die Antwort: „10.000 Mark!“
Mit den drei genannten Stücken schien das dramatische Frühwerk des Autors bislang
komplett. Es sind Stücke mit klar erkennbaren sozialen Anliegen und symbolischen Tiefen.
Der Tod nistet in fast jeder Szene und in fast jedem Satz. In der Perfektion der sprachlichen
Fügung aber ist der Autor noch lange nicht an den Höhenpunkten seines Schaffens
angekommen. Allzu ungeschlacht trägt er seine Themen und Motive vor.

Lajos von Horváth erinnerte sich noch an ein anderes Detail. Ödön habe um 1924 ein in
expressionistischer Manier geschriebenes Stück mit dem Titel Niemand fertiggestellt. Selbst
die Farbe der Mappe, in die das Typoskript eingelegt war, ist Horváths Bruder noch
Jahrzehnte später präsent: blau. 80 Jahre lang war dieses Stück von der Bildfläche
verschwunden. Im Jahr 2006 wechselte es dann in einer Auktion des kleinen Antiquariats
Kiefer in Pforzheim um lächerliche 250.- Euro den Besitzer. Niemand hatte bemerkt, was für
ein Juwel da über den Verkaufstisch ging.

Im Frühjahr 2015 tauchte Niemand bei einer Auktion des renommierten Autografenhändlers
Stargardt in Berlin wieder auf. Ein Artikel in der FAZ, der daraus die große Sache machte,
kam einige Stunden zu spät. Die Wienbibliothek im Rathaus hatte das Stück soeben erworben.
Für eine Summe, die vom Zahlenwert her nur einen Tausender über dem von Horváth
bezifferten Gegenwert Gottes liegt: 11.000.- Euro, spottbillig auch das.

Wie sich anhand des 95seitigen und an einigen Stellen mit handschriftlichen Eintragungen des
Autors versehenen Typoskripts zeigt, hat Horváth seine „Tragödie in sieben Bildern“ im Jahr
1924 dem Verlag Die Schmiede anvertraut. In diesem Verlag sind u.a. Werke von Alfred
Döblin und Joseph Roth sowie von Franz Kafka Ein Hungerkünstler (1924) und Der Process
(1925) erschienen. In der Vermarktung von Horváths Stück war das windige Unternehmen
ebenso erfolglos wie in vielen anderen Geschäften. Über die Gebarung der beiden Inhaber,
Julius Salter und Fritz Wurm, beschwerten sich zahlreiche Autoren lautstark. 1928 war der
Verlag endgültig bankrott. Sein Archiv, in dem sich möglicherweise noch ganz andere
Preziosen finden, gilt seither als verschollen. Die Wiederentdeckung von Horváths Stück
könnte Schatzjägern eine gute erste Spur auch in diese Richtung sein.

Zurzeit ist Niemand die alleinige Sensation. Dass mehr als 70 Jahre nach seinem Tod ein
unbekanntes Stück eines der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker auftaucht, ist
auch tatsächlich kaum zu glauben. Was nun aber hat es mit diesem Fund auf sich, was
erwartet uns, wenn wir das Stück jetzt auf der Bühne sehen?

Zunächst ein außergewöhnliches Setting, denn alle sieben Bilder der Tragödie spielen an
einem Ort, in einem Treppenhaus. Der Blick geht die Stufen hinunter auf das Eingangstor und
die Straße zu und hinauf in den Stock, wo der Herr des Zinshauses wohnt. Fürchtegott
Lehmann heißt der Mann, dem alles gehört, was zu sehen ist. Ein unumschränkter Herrscher,
der nicht nur wegen seiner geschäftlichen Brutalität gefürchtet ist. Da betritt ein ihm fremdes
Fräulein namens Ursula das Stiegenhaus und sieht den Mann freundlich an. Lehmanns Beine,
zwei schmale Fäden nur, tragen nicht. Ohne fremde Hilfe kommt er mit seinen Krücken nicht
die Treppe hinunter. Gefangen wie eine Spinne im eigenen Netz hockt er den ganzen Tag in
seiner Wohnung.
Mit Ursula ergreift Lehmann die Chance, ein besserer Mensch zu werden. Dem Geiger Klein,
der in der Dachkammer haust, erlässt er die Mietschulden für immerhin drei Tage, da dieser
ihm ein Brautständchen spielt. Auch einer Kellnerin, die ihren Chef betrogen hat, nimmt er
die Schulden ab. Allein, das nützt nichts, denn ihr Chef, der „Großen Wirt“, der sein Lokal im
Erdgeschoss des Hauses hat, hat sie da bereits entlassen und blitzschnell durch eine andere
ersetzt.

In der Hochzeitsnacht bemerkt Lehmann, dass es nur Mitleid war, was Ursula zu ihm
bewegte. Schließlich taucht auch noch sein Bruder Kaspar auf und spannt ihm unten auf dem
Tanzfest die noch unberührte Frau aus, während er oben hilflos in der eigenen Wohnung
hockt. Im letzten Bild betritt Fürchtegott Lehmann das Treppenhaus und wirft von oben ein
finales Licht der Erkenntnis in das schummrige Zwielicht, in dem Ursula und Kaspar sich
miteinander vergnügen. Wenig später stürzt der Tyrann die Treppe hinunter und stirbt. Die
Krücken, die er (Zeugen beschwören es) gerade vorher noch hatte, sind verschwunden.
Niemand weiß, wer sie weggenommen hat.

Vom grundlegenden Handlungsmuster her hätte sich der Stoff wohl ganz gut für eine
Komödie geeignet. Im Fall von Niemand aber entscheidet sich Horváth, das einzige Mal
übrigens in seinem gesamten Werk, dezidiert für die Gattungsbezeichnung „Tragödie“.
Rätselhaft-Enigmatisches betritt gleich mit dem Titel des Stückes den Bühnenraum. Mit dem
Titel errichtet der Autor vorneweg eine plakative Leerstelle, die sich dann im Lauf des
Stückes auch nur langsam und unter stetiger Aufwerfung neuer Fragen füllt.

Dabei ist „niemand“ zunächst nur ein simples Pronomen. Niemand, so sagt der brutale
Zuhälter Wladimir, hat den Bierkrug des Malers zerbrochen, den doch eigentlich er
zerbrochen hat. Niemand hört zu, wenn Klein Geige spielt. Niemand versteht (in einer
wichtigen Dialogpassage zwischen der Hure Gilda Amour und einem ihrer Kunden) den
Gesamtzusammenhang der Dinge. „Niemand ist stärker“, sagt die Hausmeisterin. „Niemand
ist gerecht“, sagt Ursula. „Niemand ist der Stärkere“, meint Kaspar.

Fürchtegott Lehmann schließlich adressiert jenes Ding, das in diesem Stück die
grammatikalische Struktur der Sätze infiziert und zu einer fixen Idee aller Figuren wird,
direkt: „Wer ist dieses ewige ‚Niemand‘?!“, sagt er und macht knapp vor dem Sturz über die
Treppe jenen „werten Herrn Niemand“ für alles verantwortlich. Eine große Geste, die noch
einmal in einer noch größeren, metaphysischen Frage aufschlägt.

Zwischen den beiden Brüdern Kaspar und Fürchtegott Lehmann tobt ein Kampf der
philosophischen Weltanschauungen. Kaspar ist der stärkere und gesündere der beiden.
Deshalb wurde er von den Eltern um sein rechtmäßiges Erbe gebracht. Der verkrüppelte
Fürchtegott bekam alles, weil er es nötiger hatte.

Der Showdown von Horváths Stück ist ein Showdown zwischen einer darwinistisch
gedachten Lebensphilosophie à la Nietzsche und den humanistischen und religiösen
Möglichkeiten von Mitleid und Glauben. Ist es ein Wunder, dass die Krücken verschwunden
sind, oder nur ein bedeutungsloser Zufall in der Wiederkehr des Ewig-Gleichen, in der sich
letztlich nur eines durchsetzt: der Wille zur Macht? Horváth lässt die Antwort mit Bedacht
offen und rettet damit sein Stück vor einer allzu simplen Thesenhaftigkeit.
Vieles, was Horváth später in seiner Dialogtechnik zur Meisterschaft bringt, steckt in
Niemand in noch grobschlächtigen Formen. Die Sprache der Figuren ist direkt und derb und
lässt jene zarte bildungsbürgerliche Ummantelung des Brutalen, die die gesellschaftliche
Brutalität umso unausweichlicher zur Geltung bringt, noch weitgehend vermissen. Die
Sentimentalität, die zu diesem Gefüge dazugehört, ist aber an manch einer Stelle schon da.
Etwa dann, wenn Kaspar aus der Gewalt des Zusammenhanges heraus, in der er und Ursula
sich befinden, sagt: „Jetzt möchte ich ein Wettrennen zum Monde veranstalten! Quer durch
das Weltall!“

Aus dem, worin sie stecken, kommen die Horváth‘schen Fräulein nicht heraus. Man möchte
ihnen eine Fahrkarte kaufen, all den Mariannes, Karolines und Elisabeths und eben auch
schon jener Ursula aus dem Stück Niemand. Aber der Zug fährt nirgends hin, die ganze Welt
ist ein Treppenhaus. Wenn vor dem Haus schon einmal ein Gefährt vorfährt, ist es entweder
ein Braut- oder ein Leichenwagen.

Rund um das Zentralgestirn Fürchtegott Lehmann geht ein kreisförmiger Verkehr aus Dingen
und Menschen. Wenn sich sein Bruder Kaspar an seine Stelle setzte, änderte das an der
prinzipiellen Bewegungsrichtung nichts. Jeder spielt in diesem Kreisverkehr, der den
Gesetzmäßigkeiten der Warenfluktuation folgt, seine Rolle, und wenn er ausfällt, spielt ein
anderer diese Rolle sofort und ohne Unterschied weiter. Der Zuhälter Wladimir wandert für
einen Mord ins Gefängnis. Flugs ist an seiner Stelle ein anderer da, der sich genauso
benimmt, genauso aussieht und genauso heißt wie er. Auch für die Prostituierte Gilda ist rasch
Ersatz besorgt, die Nachfolgerin der gefeuerten Kellnerin beim „Großen Wirt“ trägt schon
ihren Vornamen. Aus Kellnerinnen werden Dirnen, die Reichen bleiben reich und die Armen
arm. Schicksale spiegeln sich und werfen sich gegenseitig ihre Schatten voraus.

Geradezu exzessiv setzt Horváth in Niemand Motive der Verdoppelung und Substitution.
Auch der Krug wird in dieser Welt gleich dreimal zerbrochen. Einmal von Ursula (die die
Schuld auf sich nimmt), einmal von Wladimir (der sie leugnet) und einmal im Traum von
Gilda. Während die Frage nach dem Schuldigen bei Heinrich von Kleist den Dorfrichter
Adam am Ende zur Lachnummer macht, steht sie in Horváths Tragödie bis zum Schluss ohne
Auflösung im Raum. Gemildert wird die philosophische Schwere, unter der sich Niemand
krümmt, höchstens noch von jener Außerkraftsetzung aller Werte, die hier statthat. Aber auch
das löst die Frage nach der Schuld nicht, sondern verschärft sie zusätzlich.

Niemand ist bei weitem nicht das beste Stück Horváths, aber es ist das ambivalenteste und
komplexeste Stück aus seinem Frühwerk. Dem Expressionismus gehört es nicht mehr ganz
an, dazu fehlt ihm der sichere Boden der Weltanschauung. Die Wandlung von Lehmann ist in
der Welt, in der sie stattfindet, bereits ohne jeglichen Sinn. Ein Niemand hat das Gesetz des
Handelns an sich gerissen. Niemand aber vermag zu sagen, wer dieser Niemand eigentlich ist.
Dabei wurzelt dieser seltsame Herr Niemand tief in seiner Zeit. Eine Zeit, in der die alten
Werte nichts mehr gelten und sich Schuld maximal noch im Gegenwert von Schulden messen
lässt.

Niemand ist ein Stück aus der Inflation. Was heute geschrieben steht und verbürgt ist, gilt,
egal ob Zahlen oder Worte, morgen nicht mehr. Ein dritter Herr Lehmann, mit den beiden
Brüdern nicht verwandt, sondern nur namensgleich, ist die geheime Hauptfigur des Ganzen.
Er besitzt einen goldenen Ring, der aber in Wahrheit aus Blech ist. Der eingravierte Spruch
Und die Liebe höret nimmer auf tut dennoch seine apodiktische Wirkung. In der Entfaltung
des Gegenteils dessen, was er wörtlich meint.

Die Figur der Ursula wird Horváth noch lange beschäftigen. Als Prosafragment liegt im
Nachlass des Autors beispielsweise der Text Ursula, Roman einer Kellnerin vor. Es bedarf
noch jahrelanger Arbeit, bis Horváth von da aus zur Konzeption seiner großen Volksstücke
kommt. Eines der Fundamente dafür liegt mit dem Stück Niemand vor. So quälend und
verzweifelt wie hier hat der junge Autor sich selbst und seine Zeit an keiner anderen Stelle
seines Werkes befragt. Als Motto kehrt in Kasimir und Karoline, eingefasst in eine
grundlegend andere dramatische Struktur, der Spruch des vermeintlichen Goldrings wieder.
Das Blech der Liebe wird bei Horváth noch gewaltig scheppern. Schon die Töne aus Niemand
aber beweisen, dass es dabei nicht um den Klang des reinen Herzens geht.

Klaus Kastberger, Professor für Neuere Deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut für


Literaturforschung der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz. Forschungsschwerpunkt:
Österreichische Literatur des 20. und 21. Jdhts.; seit 2015 Juror beim Bachmannpreis. Gesamtherausgeber der
historisch-kritischen Ausgabe Ödön von Horváths (bisher elf Bände bei de Gruyter, Berlin). Das Stück Niemand
erscheint, ausführlich kommentiert, im Band Frühe Stücke (2017).

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