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Ist Wohlstand vielleicht doch eine Krankheit?

(Essay verfaßt von Franz K.)

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Sie, lieber Leser, werden sicherlich jetzt erst einmal laut protestieren und ausrufen wollen, „Jetzt ist ER
wohl ganz verrückt geworden!“ Ich weiß, daß bei diesem Thema die Meinungen sehr stark polarisiert sind
und werde mich ihm heute, es gehrt schon eine Weile in mir, pathologisch nähern. Ich kann das Ende selbst
noch nicht vorhersagen und so erleben sie, so zu sagen vor laufender Kamera, meine Untersuchungen am
offenen Herzen. Verzeihen Sie mir, das ich vom geraden Weg der Beweisführung abweichen werde, weil ich
der Meinung bin, das diese scheinbaren Nebensächlichkeiten, die ich streife und es sind bei Weitem nicht
alle, Bausteine unseres Zustandes sind.

Ich stimme Ihnen zu, auf den ersten Blick klingt diese Annahme ein wenig weithergeholt, ja sogar
abwegig, wenn ich das mal so bezeichnen darf. Aber setzen sie sich ruhig hin und verfolgen Sie meine
Untersuchungen. Am Ende können Sie ja selbst entscheiden, ob ich getroffen habe oder wie weit es am Ziel
vorbeigegangen ist. Sie sind doch ein mündiger Leser oder?

In jedem von uns, der in unserer zivilisierten Welt lebt und seine Zeit in Gestern, Heute und Morgen
einteilt, ist der Wunsch vorhanden, es Morgen etwas besser, leichter zu haben. Ich mache da auch keine
Ausnahme und genau aus diesem Grund beschäftigt mich dieses Thema seit einigen Jahren. Da ich ein
Grenzgänger zwischen dem „zivilisierten Europa“, ich setze es bewußt in Anführungsstriche, wie wir es jeden
Tag er-leben, und nicht so ganz weit entwickelten Gebieten war und bin, drängt sich mir bei jeder Heimkehr,
die für mich brennende Frage auf, wieviel Wohlstand ist vernünftig, wieviel vertragen wir? Ich erlebe, wie
sich immer mehr unsere „Werte“ ausbreiten, einer seelischen Epidemie gleich, und immer größer werdende
Gebiete davon erfaßt werden. Scheinbar alle streben danach, so zu leben wie wir und sehen nicht die
Auswirkungen, die damit verbunden sind, dessen Ursachen bei uns selbst zu suchen sind. Damit habe ich
aber auch schon ausgesprochen, das ich nicht zu den Menschen gehöre, die alle Errungenschaften, die der
Mensch in der zurückliegenden Zeit von reichlich 150.000 Jahren seiner Entwicklung, speziell davon in den
letzten rund 50 Jahren, gesammelt hat, mit Bausch und Bogen von Tisch wischen will und uns ans
Lagerfeuer zurück verbannen möchte. Sie werden auch nicht feststellen, daß ich mit dem virtuellen Federkiel
auf Personen zeigen werde, die ich für diese Entwicklung verantwortlich mache. Wir lassen sie jeden Tag
auf’s Neue selbst zu und hätten doch die Wahl es anders, vielleicht ein wenig besser, zu machen!

Alles was der Mensch erschaffen, erfunden hat, tat er immer aus dem oben erwähnten Grundsatz. Daher
wird es eher eine Reise in die Vergangenheit, um die Ursachen zu erforschen und eine Reise in uns selbst,
wie wir sie verarbeiten, werden.

Ich gebe es zu, ich glaube nicht an unseren abendländischen Gott. Aber ich habe mich mit dessen Schriften
eine zeitlang intensiv beschäftigt und viele seiner Lebensgrundsätze sind heute für mich Lebensmaxime
geworden und stehen scheinbar im krassen Widerspruch zu dem, was mir fast täglich begegnet. Am Anfang,
wie für viele „Ungläubige“, hielt ich das älteste Geschichtsbuch unserer Welt für ein wenig oberflächlich und
teilweise unlogisch, um es vorsichtig auszudrücken. Später erkannte ich zwischen den Zeilen Bilder, die
einen tieferen Sinn ergeben. Geht es uns beim Erlernen einer Sprache nicht auch so, das wir uns am Anfang
fragen, wie kann man sich z.B. mit einer andern Grammatik verständigen? Wenn wir dann die Sprache
sprechen, erkennen wir den Code und verstehen, was gesprochen wird. Wir müssen feststellen, das nicht das
Wort sondern das entstehende Bild sich bei uns einprägt. Keine Sprache kann einen Zustand vollständig
erfassen und es sind meist nur leere Worte, wenn Empathie und Gestik fehlen. Heute wird das Fehlen dieser
Eigenschaften durch geeignete Bilder gleich von Vornherein ersetzt. Wir erleben ein im Nachhinein
gefertigtes Bild, Nach-Richten genannt, die sich nur der Sprache, meist zu viel, bedient, um uns eine
Information zu geben, nicht um uns eine Situation, einen Zustand zu erklären.

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Worauf will ich hinaus? Keine Sorge, ich werde Sie jetzt nicht mit langen Bibelabhandlungen quälen, steht
doch eines der wichtigsten Bilder für mich gleich am Anfang, „die Vertreibung aus dem Paradies“. Es ist
schon sonderbar, das dieses Bild am Anfang der Schöpfungsgeschichte auftaucht. Ist es nicht verwunderlich,
das wir schon zu Beginn des Buches auf unseren diabolischen Wesenszug aufmerksam gemacht werden?
Essen wir nicht jeden Tag Früchte, die uns nicht gehören. Nennen wir nicht Wissen unser Eigen, das andere
für uns entdeckt, das wir nur sekundär erworben haben, aber auf dessen Grundlage wir unsere Existenz
aufbauen? Schirmen wir nicht gleichzeitig alles Produzierte gegenüber der Umwelt ab, um ein
Alleinstellungsmerkmal, einen Markt, für uns zu sichern, der unseren Unterhalt, Wohlstand erzeugen soll?
Sind nicht gerade die, die diesen Grundzug am Vortrefflichsten beherrschen, heute die Erfolg-Reichen? Da
verwundert es sicherlich auch nicht, das in dieser Personengruppe Eigenschaften wie Loyalität, Ehrlichkeit,
Altruismus eher nur unterentwickelt vorkommen und Kavaliersdelikte nicht selten hart an der Grenze zur
Kriminalität liegen, wie es vor kurzem in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt wurde. Die Grenzen sind
fließend und um so größer der erwartete Gewinn zu sein scheint, um so gröber werden die zugelassenen
Mittel. Ein erfolgreicher Pokerspieler stünde, bei gleicher Handlungsweise, immer am Rande zum
Gesetzesbruch. Aber wo hört das Spiel auf und wo fängt das reale Leben an?

Wenn wir heute sagen, wir wollen für unser Land, für Europa den Wohlstand sichern, reden wir doch
nicht von einer Nation, einem Land, sondern eigentlich nur von einer privilegierten Schicht, die sich auf
Grund von günstigen Umständen den Wohlstand leisten kann. Hoffen wir nicht insgeheim, selbst ein
bisschen mit dazu zugehören, wenn wir nicht vom Wohlstand betroffen sind? Man muß natürlich auch
zugeben, das von diesem reichlich gedeckten Tisch „Ameropa“ so viel herunterfällt, das wir annehmen
können zu glauben, wir alle leben im Überfluß? Werden wir aber nicht allzuoft aus dem Paradiese vertrieben,
wenn wir die Umstände allzusehr überstrapazieren, sei es materiell oder gesundheitlich?

Unter den heutigen Gegebenheiten kommt ein weiterer Umstand hinzu, der scheinbar die Kausalität
zwischen Ursache und Wirkung aufhebt. Wenn heute hierzulande jemand rechts überholt, landen oft andere
dafür im Straßengraben. So ist es auch kein Wunder, das diese Grundeinstellung sich auch gedanklich in
uns breit gemacht hat. Wir werden für unsere Missetaten nicht unbedingt zwangsläufig verantwortlich
gemacht, bestraft. Nehmen wir an! Wir blenden aus Selbsterhaltungstrieb heraus die negativen Bilder
einfach aus. Sie betreffen uns ja nicht. Ich wage zu behaupten, ein Großteil der Bevölkerung würde sich nicht
anders verhalten, wie die, über die sie sich heute beklagen, weil sie gleichen Wirkungsmechanismen
unterworfen wären, vor denen sie momentan noch verschont sind. Warum fällt es uns so schwer, von
liebgewonnenen Gewohnheiten, und Wohlstand ist ohne jeden Zweifel eine sehr Hartnäckige, so schwer
wieder Abstand zu nehmen?

Wir bezeichnen Krankheit als eine Abweichung vom Normalbefinden oder Normalverhalten, also dem
gesunden Zustand eines Wesens (so weit wie man normal begreifbar machen kann) und es hat sich
eingebürgert sie auch als „Befindlichkeitsstörung“ zu bezeichnen. Ist das Streben nach mehr, als man zum
Leben wirklich benötigt in diesem Sinne nicht auch eine Befindlichkeitsstörung? Seine Ursache ist
entwicklungsgeschichtlich klar nachvollziehbar, lag sie doch in den Schwankungen, die bei der Sicherung der
Existensgrundlage in unserer Frühgeschichte auftraten. Heute wird soviel produziert, das solche
Katastrophen der Geschichte angehören könnten und doch leidet jeder 6. Erdenbewohner unter den Folgen
von Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit. Wenn ich mich abends in mein Bett lege, erinnere ich mich
daran, das viele Afrikaner heute immer noch auf dem nackten Boden schlafen müssen. Eine Tatsache, die für
uns unvorstellbar ist.

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Doch wo fängt diese Befindlichkeitsstörung an und wann sind wir wieder von ihr genesen? Können wir
uns bedingungslos allen Umweltveränderungen anpassen ohne krank zu werden? Sind die Übergänge nicht
fließend? Betrachtet man den Umstand näher, wird man feststellen, das man erst von einer Krankheit
spricht, wenn die Symptome ein gewisses Maß des Unwohlseins, des Grundrauschens, übersteigen. Auch
haben wir uns angewöhnt, um vielleicht der Komplexität des Körpers gerecht zu werden, ihn in Bereiche zu
zerlegen, die für sich genommen, nicht lebensfähig sind. Da wird am Herzen diagnostiziert, operiert und
therapiert, als ob es, dem kalten Herzen des Michels gleich, vor uns in einer Petrischale liegen würde und der
Patient schreit innerlich zum Himmel, weil ihn das Herz gebrochen wurde. Da ist es nicht verwunderlich, das
ein Patient mit in Angstschweiß gebadeten Füßen von einem Neurologen ernsthaft an einen Hautarzt
verwiesen wird, weil er jegliche Verbindung zum Seelenzustand ablehnt, wie es gerade vor Kurzem einem
Freund von mir erging, also jede Verbindung zwischen unserem seelischem Befinden und unserem Körper
klinisch durchtrennte. Wie soll so ein Mensch gesunden können oder ist es gar nicht gewollt?

Betrachten wir kurz die Menschheitsgeschichte, ich hatte es ja schon kurz gestreift. Weil wir scheinbar am
Ende einer langen Kette von Selektion und Evolution stehen, haben wir eine Gabe, die vielen Wesen
anscheinend fehlt. Wir können uns unsere Umwelt selbst erschaffen und das haben wir mehr oder weniger
genutzt! Dieser scheinbare Vorzug birgt aber von Beginn an auch das Risiko in sich, wie der Lehrling des
Hexenmeisters zu enden und einen einmal in Gang gesetzten Prozeß nicht wieder stoppen zu können, aus
der Welt, dem Paradies, vertrieben zu werden. Wir sehen heute die Wirkungen unseres überschätzten
Selbstbewußtseins schon sehr deutlich, Umweltzerstörung und Verknappung der Ressourcen, um nur wenige
zu benennen, die auf unsere Spezies, Homo sapiens sapiens (der Einsichtsfähige), allein zurück zuführen
sind. Alle angestrebten, noch so hoch gelobten neuen Strategien verändern diesen Prozeß nicht, weil sie
immer noch von Mehr und nicht Weniger bestimmt werden. Stellt sich da nicht die Frage, ob Fortschritt
nicht anders betrachtet werden muß? Diese Frage ist durchaus nicht neu. Fortschreiten heißt ja, einen
bekannten Ort in unbekannte Richtung zu verlassen. Es beinhaltet auch die Aufgabe aller Umstände und
Gewohnheiten, die uns lieb und teuer geworden waren, gleich einer Reise die wir unternehmen. Wir und da
schließe ich keinen aus, haben uns angewöhnt in jeder Verbesserung nur den Vorteil zu sehen. Aber diese
Sichtweise ist kurzsichtig, denn eine Veränderung des Gleichgewichtes oder einer Sachlage zieht auch das
Gegenteil, die Nachteile auf den Plan.

Die alten Völker wußten schon, das wir einen Mikrokosmos darstellen, der mit allem verbunden ist und
haben Bilder benutzt, die ihrer Zeit und ihren Erfahrungen entsprachen. Die Psyche wie der Körper können
nur gesund sein, wenn sie sich in einer gewissen Balance zueinander befinden. Wird sie verlassen und es geht
ihnen nicht gut, treten zwangsläufig Erscheinungen auf, die wir als Krankheit bezeichnen. Sprüche wie, „auf
den Magen geschlagen“ oder „die Nase voll“, belegen den engen Zusammenhang, zwischen Lebensumstände
und Nicht-Wohlbefinden. Wir haben über viele hundert Jahre den Zusammenhang geleugnet. Heute feiern
wir es als wissenschaftliche Glanzleistung, daß wir feststellen müssen, sie hatten Recht, unsere Vorfahren!
Schon diese Tatsache ist Alarmzeichen genug, geht aber noch immer nicht auf die Wechselwirkung und
somit auf die Erklärung, warum es so ist, wie ist, ein.

Ganz so frei, unseren Willen folgen zu können, scheinen wir nun doch nicht zu sein, denn die meisten
Lebensfunktionen finden scheinbar ohne unseren Willen, unser Denken, statt. Hat sich dann aber der
Mensch in seinen Lebensumständen eingerichtet, ist es fast unmöglich sie wieder zu verlassen, weil sich
praktisch der Körper weigert, sich auf neue Umstände einstellen zu müssen, weil er völlig neue Enzyme
produzieren muß. Bei Menschen, die wir als krank bezeichnen, wie zum Beispiel Suchtkranke, erkennen wir
diese Tatsache an. Für uns selbst meiden wir jede Erinnerung dran, das da praktisch zwei Seelen in unserer
Brust (aufeinander ein-) schlagen. Betrachten wir uns nur kurz, wie wir uns im Urlaub verhalten und wir
werden feststellen, wie schnell wir alte Muster wieder herstellen, um nur ein ganz simples Beispiel zu
nehmen. Ob es angebracht ist oder nicht, fragen wir uns nicht einmal.

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Nun stellt sich natürlich die Frage nach den Ursachen, die heute nicht einmal die Politik sich getraut zu
beantworten. Überall steht geschrieben, „der Kapitalismus steckt in einer tiefen Krise“, „der K.... ist krank“
Wer ist der Kapitalismus, wenn ich mal fragen darf, wenn er nicht die Summe all unser Handlungen ist? Wir
halten doch das Fernrohr verkehrt herum, um ja nicht feststellen zu müssen, das wir daran ja beteiligt sind.
Allen Handlungen gehen Wünsche, Interessen voraus und sind miteinander verkettet. Wir tragen somit zur
Beschleunigung des Verlaufes bei ob wir es wollen oder nicht, so lange wir diesem Zustand unsere
Aufmerksamkeit schenken und ihm uns nicht entziehen.

Damit biegen wir so zu sagen auf die Zielgerade unseres langen Weges der Entwicklung ein. Gehen wir
noch einmal um wenige Jahre zurück, sagen wir einmal 40 Jahre, also in die Zeit unserer Väter. Da schien
alles noch in Ordnung zu sein. War es das? Scheinbar ja. Es hatten alle oder fast alle Arbeit und sie arbeiteten
noch mit der Hand für einen gerechteren Lohn. Der Krieg war vorbei und es war jeder von Nöten, um die
Schutthaufen und die Trümmer in unseren Köpfen wegzuräumen. Doch das Paradigma, das zu dieser
Situation und geradewegs zu unserem heutigen Zustand führte, wirkte schon länger als 150 Jahre. Schon
Owen, Emerson, Marx und Thoureau hatten den teuflischen Plan erkannt, der in der Industrialisierung, der
Loslösung des Menschen aus der direkten Erzeugung von Produkten, steckt ohne wirksame Mechanismen zu
entwickeln in dem der Mensch sich entfalten, entwickeln kann.

Heute erleben wir die Auswirkungen, der zum Wohlstande Einiger und zum Müßiggang vieler geführt hat,
jeden Tag. Sie werden sicherlich abermals protestieren und auf das Heer der Sozialleistung Beziehenden
verweisen. Welches Land kann es sich aber schon leisten, ein Millionenheer von Menschen, die man aus der
Arbeitwelt gedrängt hat, mit durchzufüttern? Dies hat nichts mit menschlicher Solidarität zu tun. Gerade sie
sind es ja, die auf Billigprodukte angewiesen sind, die heute in einer globalen Welt hergestellt werden, die
Kinder und Frauen andernorts zu Krüppeln macht, die ihnen aber eine gesellschaftliche Teilhabe
ermöglichen könnte, von der sie aber entbunden sind.

Selbst dies ist nur die Spitze des Eisberges und den Beweis versuche ich anzutreten. Viele Menschen
werden immer häufiger krank, in einem System, in dem es scheinbar alles gibt und keiner akute Not leiden
muß. Hier treten Krankheiten auf, die es in ärmeren Ländern überhaupt nicht gibt oder jetzt erst durch die
Globalisierung dort eingeschleppt werden. Wo liegen die Ursachen?

Wir empfinden es als eine Befreiung nicht mehr hart arbeiten gehen zu müssen und freuen uns über jede
Erleichterung, die Freiheit die wir damit erlangen und sehen sie als Fortschritt. Selbst die Beschäftigung, der
wir nachgehen (müssen) empfinden wir nicht selten als Last, weil sie nicht artengerecht ist und der wir uns
nur allzu gern entziehen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille und die andere? Gehen wir abermals
zurück in unsere eigene Entwicklungsgeschichte. Was hat uns geformt? War es nicht die Ausübung von
Hand-lungen die uns direkt betrafen. Wäre die Aufklärung möglich gewesen ohne das Erblühen des
Handwerkes, der Kunstfertigkeit? Wir bauen heute Häuser, die in den Himmel ragen und stehen
bewundernd vor den Denkmälern und Zeugnissen der Vergangenheit, wohl wissend, das wir dazu nicht mehr
in der Lage wären. Die Menschen waren vor vielen Jahrhunderten zu Leistungen fähig, die wir heute durch
Maschinen verrichten lassen, aber dessen Harmonie wir nicht mehr erreichen werden. Wir haben den
direkten Kontakt mit dem Werkstoff, zu unserer Umwelt, aus der Hand gegeben. Wir wissen nicht mehr, was
es für Mühe kostet, bis wir vom Brot eine Scheibe abschneiden können und so verhalten wir uns auch. Jeder
der sich mit diesem Thema ein wenig beschäftigt, wird feststellen, daß genau dort der Pferdefuß zu finden ist.
Jeder Mensch bildet nur im Zusammenspiel zwischen Handhabung, Handlung und der Wahrnehmung des
Ergebnisses Erfahrungswerte aus, die er erneut in diesen Prozeß einbringen und damit verbessern kann.
Genau darin besteht sein Menschsein. Ich gebe es zu, ich bin ein wenig „zurückgeblieben“, weil mein
Spielplatz noch ein ganzer Wald war und jede Mutter würde heute tausend Ängste durchleiden, wenn ihr
Kind nur einmal so nach Hause kommen würde, wie es bei mir fast täglich der Fall war. Aber ihr Kind wird
dafür auf keinem Spielplatz der Welt die Erfahrungen sammeln können, die ich machen durfte. Kann man
aber erfahren, zu was man in der Lage ist, wenn das Urteilsvermögen und der Bewegungsdrang durch
Sicherheitsbestimmungen von Vornherein eingeschränkt sind? Aber erleben wir nicht das genau heute, in
unserer so (vorge)fertigten, industrialisierten Welt, voller Monokulturen? Wir leben heute in einer Welt der
Ungeschickten und Raffinierten, so stellen wir uns auch an.

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Wenn ich nun von der Tatsache ausgehe, das unser Denken und damit verbunden auch das sich selbst und
andere wahrnehmen genau so trainiert werden muß wie unsere Muskeln, also dazu ein Betätigungsfeld von
Nöten ist, brauche ich mich nicht über das, was ich täglich erlebe. zu wundern. Wir leben in einem von uns
selbst mitgeschaffenen geistigen Elendsviertel, in dem überall physische Grenzen gesetzt sind. Die Grenze
verläuft aber nicht, wie vielleicht fälschlicher Weise angenommen, zwischen arm und reich. Sie verläuft
zwischen aktiv und passiv, zwischen Unternehmern und Unterlassern. Die immer weniger werdenden
Leuchttürme sind kaum noch in der Lage, die Dunkelheit der Un-Wissensgesellschaft zu durchbrechen und
suchen ihr Heil in einer sie ausfüllenden Beschäftigung im Stillen oder in der Flucht in ein zweites Leben.
Wir trennen uns auf, dem Vorbild der Medizin folgend, in verschiedene Avatare und suchen unser Glück, den
Goldgräbern gleich, in fremden Betten, vor Computern in einer virtuellen Welt, von der wir nicht betroffen
sind, oder einer andern uns nicht artrechten Beschäftigung, weil wir uns schon selbst nicht mehr ertragen
können und antworten auf die Frage nach unserem Befinden, immer noch „GUT“. Wir wundern uns über die
Tolpatschigkeit unserer Repräsentanten in ihren dummen Affären oder die Rückkehr des Faustrechtes in
unseren Stadien, nur das es heute auf den Rängen tobt und nicht etwa in der Arena. Wir weigern uns noch
immer die kürzeste Verbindung zwischen den Auswirkungen und ihren Ursachen zu ziehen, der einseitigen
Betätigung, wenn man überhaupt noch von einer im wahrsten Sinne des Wortes, reden kann. Wir haben die
Bodenhaftung verloren und suchen Halt in waghalsigen Unternehmungen. Wir stehen auf einem Turm und
sehen das Becken unter uns ist leer. Heute werden Kurse eingerichtet, damit wir den anderen verstehen
lernen, ohne uns selbst verstehen zu müssen. Macht das Sinn? Da malen Zukunftsvisionäre Szenarien an die
Wand, verkaufen sie als Fortschritt der Menschheitsgeschichte, bei der ich eine Gänsehaut des Schreckens
bekomme. Getreu dem Satz, das der, der glaubt wirklich frei zu sein, am unfreiesten ist, glauben wir immer
noch gesund zu sein. Wir richten „unser verirrtes Auge zur Sonn als drüber wär ein Ohr, zu hören meine
Klage ein Herz wie meins, sich des Bedrängten zu erbarmen“ (J. W. v. Goethe) und schimpfen auf die da
oben, wie unsere Großväter auf ihren Kaiser und haben immer noch nichts dazu gelernt. Gleich Sisyphus
rollen wir jeden Tag aufs Neue den Stein bergauf, weil wir uns der Gewohnheit hingegeben haben, es doch
nicht ändern zu können.

Seit mehreren Jahrhunderten versuchen wir diese Zivilisation, die ihren Heiland eigenhändig selbst ans
Kreuz genagelt hat, die den Wohlstand verkörpert, in alle Teile der Welt zu bringen. Wir haben es mit
verschiedenen Mitteln versucht und versuchen es noch heute mit keineswegs besseren Mitteln, mit Gott,
Geld, Waffen und hatten dabei bis jetzt nur wenig Erfolge. Wir haben auf diesem Feldzug ganze Völker
ausgerottet und eine Brandspur der Verwüstung hinter uns zurückgelassen, quer durch alle Kontinente, ohne
zu begreifen, das wir auf dem Holzweg sind. Wenn ich eine einfache Rechnung aufmache, ich stelle mir vor,
das nur fünfzig Prozent der Weltbevölkerung, und sie wollen es ohne jeden Zweifel, so leben wie wir, wird
mir jetzt schon übel. Aber die Realität ist eine andere. Mit jedem der zu Wohlstand kommt, verarmen immer
mehr seiner Artgenossen. Es gibt keine Art in der Tierwelt die so grausam mit ihren Artgenossen umgeht, wie
wir es heute tun. Sind wir wirklich gesund? Obwohl es keinen Hunger mehr geben bräuchte, steigt die Zahl
derer, die keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser haben oder an Hunger leiden und an deren Ursachen
elend zu Grunde gehen. Es ist ein Roulettspiel mit der Zeit, wann es DICH, UNS betrifft. Das Streben nach
Wohlstand ist eine SUCHT nach einer geborgten Zukunft, die keiner behalten kann. Warum lassen wir es
dann nicht?

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Wir stehen der Gewohnheit folgend, einem Elefanten gleich, der seinem toten Gefährten zum Aufstehen
ermuntern will, in einer Situation, in der wir immernoch hoffen, das jemand, einem Heiland gleich, für uns
eine Lösung präsentiert, die wir nur alleine herausfinden können. Wir wollen diese Welt gerechter machen,
warum nicht gerecht? Sie soll nicht besser werden, sondern gut! Darin liegt unsere einzige Chance. Aber wir
sind infiziert und Bestandteil eines Systems, das allen ein Schlaraffenland verspricht, was es nur für wenige
geben kann, auf wessen Kosten? Es stellt sich überhaupt nicht die Frage, wann und welches Land zuerst
demokratischer wird. Wir greifen jeden Tag nach dem Apfel, der uns nicht zusteht und werden dafür aus
dem Paradies vertrieben, jeder auf seine Weise. Widerstehen wir der Versuchung, beenden den Rausch und
überstehen wir den Kater, der ihm zweifellos folgen wird, vielleicht gemeinsam. Es war ein schöner Traum,
mehr war es kaum. Entwickeln wir ein menschliches Bild, das wir, wie vor 5000 Jahren ohne Kriege leben
können und unsere Erde nicht als Zwischenstation sondern als Heimat wieder neu begreifen lernen, egal zu
welchen fremden Planeten wir in Zukunft aufbrechen werden. Am Ende des Tunnels ist immer Licht, nur
manchmal erkennen wir es noch nicht!

„Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben, das ist der Weisheit letzter Schluß, nur der verdient sich Freiheit
wie das Leben, der täglich sie erobern muß.“ (J. W. von Geothe)

(Essay aus der unveröffentlichten Reihe "Realexperiment - Leben")