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/ Design › Code › Business » Das Magazin der Kreativbranche


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07.2017
DeutsCHLAnD CH 19,40 CHF
A 11,00 Eur
9,95 EUR L 11,50 Eur

10842
Design!
WeIteRe tHeMen

WebDesign
Design! Macht! Politik! • Pop-up-Stores • Webvideos • Navigationskonzepte • Redesign Duden

navigationskonZePte

Macht! beWegtbilD
hero viDeos – aber richtig!

Politik! PoP-uP!
eventstores fürs branDing
# 350 • 32. JahRgaNg
editorial page 07.17 003

ANZEIGE
BILDER ILLUSTRATIONEN VIDEOS AUDIO

Duck & Covers 75 Mio+ Inhalte im Angebot


● Fake Blond dort, Fake Blonde hier – es ist an der
Zeit, dass wir Designer uns unserer Rolle neu gewahr
Editor für Social Media kostenlos
werden. Denn die Ära gefälschter Nachrichten könn­
te nicht zuletzt ob unserer Profession gerade erst
begonnen haben: Mit der auf der Adobe MAX vor­
gestellten Software VoCo etwa, einer Art Photoshop Rückwärts-Bildsuche
für Audio, können Maschinen aus einem einzigen
Foto: Kirsten Nijhof

Soundschnipsel Stimmen erlernen – samt Tonlage,


Sprechtempo, Melodie – und geschriebene Texte täu­
Preiswert. Einfach. Schnell. Gut.
schend echt wiedergeben. Und freilich können un­
sere Algorithmen auch längst nicht mehr nur 3D­
Charakteren realistische, menschliche Züge verlei­
hen. Ein Tool namens Face2Face erlaubt es bereits, in
www.123rf.de
Credits: »Terrorism«, »Whatever« (Christopher David Ryan, www.hellocdr.com); »Pins Won’t Save the

Videos die Mimik einer Person auf das Gesicht einer


anderen zu übertragen – in Echtzeit, versteht sich!
0800 88 66 020
World« (Sagmeister & Walsh); Script-Font: LiebeDoris (Ulrike Rausch, http://liebefonts.com)

Auch wenn es uns noch gelänge, genuines Mate­


rial von unechtem zu unterscheiden, wie können wir Kostenlose Rufnummer D, A & CH
nur glauben, dass Virtual Reality und alternative Fak­ info@123rf.de
ten nicht wirklich sind, nur weil sie entweder im Com­
puter passieren oder aber als falsch entlarvt worden
sind? Sollten wir nicht vielmehr alles als wirklich an­
sehen, was Wirkung hat? Fiktive und reale Welt ver­
schränken sich, und die mediale Verschmelzung via
Twitter und Co tut ein Übriges. Nicht nur der Trum­
pismus ist ein Produkt der Unterhaltungs­ und Kul­
turindustrie. Auch hierzulande nutzt man postfak­
tische Mittel, um Meinungsblasen zu bedienen und
Wählerstimmen zu sammeln. Ob simples, stylishes
Parteiprogramm oder »Spiegel«­Illustration, jedwe­
der Gestaltungsakt wird zur politischen Intervention.
Von wegen also duck and cover – die Creative
Community begehrt auf: Richard Prince zum Beispiel
entzieht einem »seiner« Werke die Autorschaft, er­
innern Sie sich? Der Vertreter der Appropriation Art
hatte sich 2014 eines Instagram­Fotos von Ivanka
Cover-Wahl Trump bemächtigt, es auf Leinwand gedruckt und
Zwei Kandidaten stellten ihr höchstselbst verkauft. In reinstem Trump­Sprech
sich zur Wahl. Die Variante twitterte er Anfang des Jahres: »This is not my work.
ganz oben erhielt I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.« –
die meisten Stimmen und erstattete das Geld zurück. Die Kunstkritiker
jubelten. Sie riefen auf, dem Beispiel zu folgen, und
verwiesen dabei erst gar nicht auf den Visual Artists
Rights Act, der US­Künstlern auch nach Verkauf ih­
rer Arbeiten noch Rechte über diese zubilligt.
Warum auch? Schließlich können wir sehr viel di­
Zeichen setzen rekter politisch handeln: mit unserer Arbeit! Wenn
Wir haben Gestalter zu wir uns dem richtigen Leben stellen und uns der
einem politischen wirklichen Fragen annehmen, wenn wir Gestaltung
Statement eingeladen. nicht nur als Formgebung begreifen, sondern als
Ihre Artworks sind Transformation von Strukturen und Prozessen, dann
Teil der Titelgeschichte können wir pragmatische, inspirierende Visionen
ab Seite 18 und der
entwerfen, die die Realität zum Positiven hin verän­
Ausstellung »Design
dern – »Design! Macht! Politik!«, siehe Seite 18 ff.
Talks Politics«, die am
30. Juni im designxport
in Hamburg eröffnet. Gabriele Günder,
↗ www.page-online.de/ Chefredakteurin/Publisherin
politischesdesign_2017 (info@page-online.de)
004 page 07.17

Inhalt
TITELThEmEN

SIGNALE
008 Ideen, Projekte und Diskussionen

TITEL
018 Design! Macht! Politik!
Brexit, Trump, das Erstarken der Rechten – die aktuelle

060
Weltlage hat auch viele Kreative wachgerüttelt. Wir
zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, mit der eigenen
Arbeit als Gestalter etwas zu bewegen. Außerdem
haben wir internationale Designer um ein politisches
Statement in Form eines Artworks gebeten

ThEmEN
040 Webdesign: Navigationskonzepte
Was kommt nach dem Burger-Menü? Wir beleuchten
verschiedene Ansätze im Spannungsfeld von Usability
und Inspiration – und stellen gelungene Sites vor

048 Branding: Pop-up-Stores


Dass Marken temporäre Shops eröffnen, ist nichts
Ungewöhnliches mehr – wir haben aber Beispiele
aufgespürt, in denen das Pop-up-Format mit neuen
Funktionen aufgeladen wurde

054 Webtypografie und Variable Fonts


Ein Gespräch mit dem Developer Harry Keller

058 Erlers Thema über den Umgang mit Tabus

NEuES
060 Spannendes aus der Bild-, Typo-, Papier-
und Technikwelt
068 Publikationen für Gestalter und Developer

ProjEkTE
072 Duden-Relaunch
Tom Leifer hat diese Instanz für die deutsche Sprache
auch strategisch auf die Zukunft vorbereitet

078 Digital-analoger Buchdruck


Wie Erik Spiekermann mit dem Heidelberger Zylinder
hochwertige, aber erschwingliche Bücher produziert
page 07.17 005

054

013
084 Nachwuchs
Projekte aus Hochschule, Agentur und Forschung

WERKZEUG
088 Bewegtbild: Hero-Videos – aber richtig!
Gerade Landing Pages setzen oft auf großformatige
Videos: Was Designer und Developer bei ihrer Gestaltung
und der Einbindung in Websites beachten müssen

BRanchE
094 Diversity in Agenturen
Wie schafft man eine integrative Unternehmenskultur,
damit internationale Teams gut zusammenarbeiten?
Und wie überwindet man die administrativen Hürden?

100 Connect Creative Competence – unsere


Brancheninitiative zur Förderung neuer Kompetenzen

102 Job & Gehalt UX Designer

106 Vice President of Design bei WeTransfer


Thijs Remie erzählt von seiner Arbeit

109 Szene Was die Kreativbranche und ihre Akteure bewegt

110 Kalender Termine für Designer und Developer

StandaRdS
003 Editorial
112 Impressum/Vorschau/Leserservice/PAGE digital
114 Sieberts Betrachtungen

SERvicES
065 PAGE Shop 077 PAGE Abo

PaGE SEminaRE
038 »Leitmedium Design« mit Jochen Rädeker
047 »Projektmanagement« mit Hagen Seidel
059 »Infografik« mit InfoGraphics Group in Berlin
067 NEU! »Portfolio Triathlon« mit Claudia Fischer-
Appelt und Lars Kreyenhagen
105 »Bildrecht« mit Sabine Pallaske und Silke Kirberg
»ICH WOLLTE NIE IN DIE
CREATIVE CLOUD.«
Lohnt sich der Abschied aus CS6?
Julia Küchler hat den
Selbstversuch gemacht.

Julia Küchler
freie Fotografin aus Hamburg
juliakuechler.com
Über 800.000 Fotografen, Bildbearbeiter, Designer und Grafiker in Deutschland
arbeiten mit Creative Cloud von Adobe. Aber es gibt auch viele Skeptiker, wie
Julia Küchler, Mode- und People-Fotografin aus Hamburg. Adobe hat Julia gebeten,
Creative Cloud für sich schonungslos auf Herz und Nieren zu prüfen und dann
erneut zu urteilen.

Was mich von Anfang an gestört hat, immer wieder neue Dinge, die im ist cool, wenn ich mal schnell eine
war das Abo, ohne das Creative Cloud Alltag total hilfreich sind. Ich liebe Präsentation bauen will. Ein absolutes
nicht zu haben ist. Außerdem be- zum Beispiel das Verflüssigungstool Highlight für mich: Mit Adobe Portfolio
zweifelte ich, dass sich die monatliche fürs Gesicht. baue ich meine komplette Website
Zahlung vom Preis-Leistungs-Ver- Das beschleunigt meinen Arbeits- selber, ohne programmieren zu
hältnis her lohnt. prozess sehr. Ich weiß nicht, wie sie es können. Das funktioniert super einfach,
gemacht haben, aber der Bereichs- sieht schick aus und hilft definitiv bei der
Man muss aber auch sagen: Früher hat reparaturpinsel bei Photoshop hat sich Akquise neuer Jobs. Allein dafür kann
man für eine CS-Version auch immer enorm verbessert. Er ist viel präziser und sich das Abo lohnen.
einen Batzen hingelegt und musste das Arbeiten geht jetzt noch schneller.
dann noch in die Updates investieren.
So gesehen relativiert sich das mit dem Da ich auch viele Composings mache,
Abo. Für etwa 12 Euro pro Monat gibt’s hat sich die Kombination von Creative
im Creative Cloud Foto-Abo Photoshop, Cloud mit Adobe Stock total bewährt.
Lightroom und Adobe Portfolio. Bei allem Dort kann man nach Schlagwörtern
bin ich immer automatisch auf dem suchen. Direkt in Photoshop. Und wenn
neuesten Stand. Das habe ich bisher so der Kunde sagt: „So können wir das
nicht gesehen. machen“, dann ist das Bild mit einem Julias Meinung
Vor 11 oder 12 Jahren habe ich schon Klick lizenziert.
Photoshop 7 genutzt. Für mich ist Photo- Zu Creative Cloud gehören ja auch + immer die neuesten
shop das tollste Programm der Welt. viele Mobile Apps und man fragt sich Programmversionen
manchmal: Brauche ich das alles? Bei + Inspiration durch viele Apps
Und obwohl heute vielleicht keine mir war’s aber auch so, dass ich einfach
Revolution mehr passiert, entdeckt mehr ausprobiert habe. Adobe Spark – ein individueller Baukasten
man doch von Version zu Version Page hat tolle Animationseffekte und wäre super

Zweifler testen
Creative Cloud.
Sehen Sie den Film über Julias Erfahrungen mit
Creative Cloud. Auch Sie selbst können Creative Cloud
testen, unverbindlich und kostenlos.

Mehr Info unter


adobe.com/go/creative-cloud-typ
008 PAGE 07.17 › SIGNALE

SIGNALE
Ideen, Projekte und Diskussionen
aus Design, Kommunikation
und Development finden Sie hier
und auf ↗www.page-online.de  

Freie Kunst
● Installation. Statt die Stadt mit einem knapp
150 Meter langen Bauzaun zu verschandeln, gibt
das Philadelphia Museum of Art mit der Instal-
lation »Constructionism« einen Einblick in die
große Sammlung des Hauses – und weist darauf
hin, dass trotz Umbaus geöffnet ist. Die von Pau-
la Scher und ihrem Team bei Pentagram erdach-
te Outdoorgalerie zeigt rund 75 Reproduktionen
sehr unterschiedlicher Werke, die an den Zaun
gelehnt wie eine lose Sammlung wirken – aber
durchaus bewusst gruppiert sind, um Überra-
schung zu erzeugen und Vergleiche anzuregen.
Wer die Bauzaunausstellung besuchen will, hat
noch bis 2020 Zeit. Denn so lange soll der Umbau
des Museums unter der Leitung von Stararchi-
tekt Frank Gehry dauern. nik
page 07.17 009
010 page 07.17 › Signale

Neue Freunde
● Corporate  Design.  Weil  Kinder  Die AD(H)S-Symptome Träumerei, 
und  Jugendliche  mit  AD(H)S  meist  Hyperakti vität und Impulsivität hat es 
eine  Odyssee  an  Arztbesuchen  und  in lustige Kumpel verwandelt, die ge-
Tests hinter sich haben, möchte Ma- nauso zappelig und rebellisch über die 
rio Nietsch nicht ihr nächster Psycho- Geschäftsausstattung  toben,  wie  die 
klempner sein, sondern eher ein Weg- Betroffenen es manchmal selber sind. 
gefährte,  der  ihnen  spielerisch  hilft.  Um die Produktionskosten niedrig zu 
Und genau das zeigt die Identity, die  halten, ließen die Designer farbigen 
das Rastatter Atelier Grand Berg (  www. Karteikarton bedrucken und teilweise 
grand-berg.com  ) entwickelt hat. mit Blindprägungen veredeln.   sd

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 Crowdfunding-Kampagne. Eine der größten deutschen Startnext-
Kampagnen läuft zurzeit in Nürnberg: Wenn 800 000 Euro zusammen-
kommen,  gibt  die  Consorsbank  3,2  Millionen  Euro  dazu,  damit  das 
 Stadion nach dem lokalen Fußballhelden Max Morlock benannt wird 
(  w ww.maxgemeinsam.de  ). Die Agentur Die Krieger des Lichts konzi-
pierte  eine komplexe Kampagne, mit viel Social Media und Bewegtbild, 
Events und Promotion-Aktionen sowie einer großen Out-of-Home-Kam-
pagne. Startnext-Unterstützer erhalten eigens gestaltete Prämien, Groß-
sponsoren exklusive Dankeschön-Plakate. Wir drücken die Daumen! cg
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Moralfrage
Stimmt, Dr. Claudia Gerdes
ist kein Mann

● Aber wer kam jüngst schon an der Zalando-Wer-


bung mit James Franco vorbei? Der ach so lässige
US-Schauspieler und -Regisseur führte bei dem im
ach so coolen L.A. gedrehten Spot auch Regie. Auf
Englisch mit Untertiteln erklärt er, dass »wir Män-
ner« lieber angeln als shoppen und die Zalando Man
Box für »uns« die perfekte Lösung ist. Denn: »We
don't shop, we decide.« Männer als Angler und Ent-
scheider – so weit, so klischeebeladen.
Rein berufsbedingte Neugier trieb mich entschei-
dungsschwaches Wesen zu www.zalando.de/man
box. Schon die erste, kumpelhafte Ansprache »Hey
du, alles klar?« ließ erahnen, dass ich in fremdes
Terrain eindrang. Aber der Ausflug hat sich gelohnt,
zeigt er doch, dass sich Männer von genauso doo-
fem Modegeschwafel einlullen lassen wie Frauen . . .
Fünf Styles stehen dort bereit, aus denen man(n)
je eine Man Box zusammenstellen kann. Angeprie-
sen mit abgedroschenstem Wording. Zu »On the
road« heißt es: »Pfeife auf die Konventionen des
Alltags. Mit dieser neuen Kombination von Denim
und klassischer Workwear gehst du deinen eigenen
Weg« – zu sehen sind schlichte Jeans und Shirts, al-
so der Einheitsdress von Milliarden Männern. Dass
man durch braves Befolgen von Moden angeblich
besonders individuell rüberkommt, ist ja ein Wer-
beklassiker. Eine Variation auf dieses Motiv ist die
Aufforderung »Brich den Dresscode« bei der Man
Box »In Form«. Auch hier gibt’s Alltagsklamotten,
warum also die uralte Pseudo-Rebellen-Nummer?
Nicht viel scheint Zalando von der Arbeitsmoral in
Coworking Spaces zu halten. Zum »Streetlife«-Style
wird geraten: »Entspann dich mit Freunden in der
Stadt oder im Co-Working-Space.« Dafür empfehle
sich vor allem Retro-Sportswear mit vielen Logos,
nach dem Motto »Minimale Silhouetten mit maxi-
malem Branding«. Um wiederum mit dem Style
Message in a Bottle »Wildes Wochenende« an der Bar gut auszusehen,
Rum trinken und dabei gleichzeitig das Meer säubern: Das ermöglicht schlägt Zalando einen Military Look vor. Mein ab-
der Navy Rum Fitzroy der gleichnamigen Amsterdamer Agentur ( h   ttp:// solutes Highlight aber ist die Box »Kulturmission«.
fitzroy.nl )  . Aus Coca-Cola-Etiketten, die zuhauf in der Nordsee schwim- Da heißt es doch tatsächlich: »Sehen und gesehen
men, haben die Kreativen die hübsch melierte Verschlusskappe des Hoch- werden: Du willst deine kultivierten Freunde beein-
prozentigen entwickelt – und einen tollen Claim gleich dazu. Da im drucken? Dann sind nordische Schnitte und raffinier-
Englischen waste nicht nur »Müll« bedeutet, sondern get wasted auch te Designs genau das Richtige.« Zu so kultivierten
»sich betrinken«, heißt er: »From Waste to Wasted«. sd Kreisen möchte man lieber nicht gehören.
012 page 07.17 › Signale

Höchste Diskretion
Für das Start-up Revolut,
das einen modernen globalen
Geldverkehr bieten will,
gestaltete Blond aus London
( h
  ttp://blond.cc )  eine Kredit-
karte, die unübertroffen mini-
malistisch ist. Ganz in zarte
Farbverläufe getaucht, zeigt
sie auf der Vorderseite einzig
den Kundennamen und ein R
für Revolut. Die Kartenummer
hingegen ist auf der Rückseite
aufgebracht und sorgt so
für Privatsphäre und für noch
größere Reduktion. sd

+ =
Ihre Idee. Unser Know-how. Das ist Teamwork.
page 07.17 013

Lebendiges Erbe
Die Regenbogenfahne des amerikanischen Künstlers und LGBTQ-
Aktivisten Gilbert Baker lebt nun – nach dessen Tod am 31. März –
auch typografisch weiter. Zu Ehren Bakers entwickelte die Agentur
Ogilvy & Mather in Kooperation mit NewFest, NYC Pride und
Fontself einen spielerischen, plakativen Regenbogen-Font und
taufte ihn Gilbert. Download unter  www.typewithpride.com .  ae
014 page 07.17 › Signale

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 Brand Identity. Blok Design gestaltete für den familiengeführten Sum mer­
hill Market in Toronto nicht nur ein neues Logo, sondern auch ein Labelling­
Konzept für die eigenen Produkte. Dieses ist so modern wie persönlich, so 
systematisch wie individuell. Die typografische Strenge wird durch leichte 
Pastellfarben aufgefangen, die Etiketten sind übersichtlich und gut lesbar. 
Das neue Design passt damit bestens zum Slogan »your other kitchen« – am 
liebsten will man die Produkte aber in der eigenen Küche haben!   nik
page 07.17 015

Die flexible Form


● Corporate  Design. Bureau Mitte aus signs bildet ein modulares Logo, das sich te gestaltete auch Briefpapier, Verpackungs­
Frankfurt am Main entwickelte für das Ar­ je nach Format des Mediums verändert. Es material, Messebanner sowie Fahnen – und
chitekturbüro Dekamp ein neues Erschei­ nimmt also auf den Visitenkarten eine ande­ plant gerade die neue Website der Archi­
nungsbild, das mit geometrischen Formen re Form und Größe an als auf den Imagebro­ tekten. Ein Agenturporträt finden Sie unter
und starken Farben spielt. Die Basis des De­ schüren oder Namensschildern. Bureau Mit­ www.page­online.de/bureau­mitte. lr

Hallo, Universum!
Wie man mit außerirdischen Intelligenzen in Kontakt treten könnte, fragt sich METI International (das Kürzel steht für
Messaging to Extraterrestrial Intelligence), eine durchaus seriöse Organisation von Astrophysikern mit Sitz in
San Francisco. Die Agentur The Partners entwickelte für METI ein neues Branding rund um den Gruß »Hello, universe« –
inspiriert vom binären Code der legendären Arecibo Message, die man 1974 ins All funkte. Ein flexibles System, das sich
etwa auf Visitenkarten jeweils in der Muttersprache der Mitarbeiter anwenden lässt. Manche Wissenschaftler
allerdings, darunter Stephen Hawking, warnen vor solchen Botschaften: Sie könnten außerirdische Eroberer anlocken. cg
016 page 07.17 › Signale

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Jubiläumsdesign. Finnland wird 100! Zum Geburtstag


gibt es zig Feiern und Events – alle im selben Look. Die Krea­
tivagentur Kokoro & Moi (www.kokoromoi.com ) gestaltete
unter dem Motto »Together« eine visuelle Identität, die die
Gesichter Finnlands in den Mittelpunkt stellt. Unzählige Il­
lustrationen von Personen in unterschiedlichsten Stilen und
Techniken stehen zugleich für Vielfalt und Zusammenhalt.
Dank Mobile­App kann jeder mitmachen und mit seinem
Gesicht Teil der Jubiläumskampagne werden. nik

VR Open
Seit die neue Version des Chrome-
Browsers den offenen Standard
WebVR ( h   ttps://webvr.info )  unter-
stützt, der Virtual-Reality-Erleb-
nisse im Web ermöglicht, erproben
Entwickler die Technologie und
veröffentlichen die Ergebnisse auf
Googles WebVR-Experiments-Site
( w
  ww.webvrexperiments.com )  .
So auch die Wiener Kreativagentur
Wild. Ihr minimalistisches Pingpong-
Game »Konterball« können User
allein oder gemeinsam sowohl mit
VR-Headsets wie Google Cardboard,
HTC Vive oder Oculus Rift als auch
in einer immersiven 2D-Variante auf
Mobil- und Desktop-Geräten spielen
( h
  ttps://konterball.com )  . ae
Sponsored Content by Adobe Systems GmbH

Andrea Leimbach
arbeitet als frei-
berufliche Grafikerin
in Minden

»Arbeiten ohne Creative Cloud?


Kann ich mir nicht mehr vorstellen«
Andrea Leimbach war überzeugte CS6-Nutzerin, bis
Adobe ihr Creative Cloud zum Test angeboten hat

● Viele Kreative arbeiten mit Adobes Creative daktion und Layout gleichzeitig an einem Doku­ Creative Cloud testen!
Cloud. Einige nutzen aber ganz bewusst noch CS6, ment arbeiten – ohne dass der Redakteur InDesign Sehen Sie sich den Film
so wie Andrea Leimbach, freie Grafikerin aus installiert haben muss. über Andreas Leimbachs
Minden. Für Adobe hat sie jetzt ausprobiert, wie Bei der Gestaltung von Prospekten muss ich viel Erfahrungen mit Creative
Creative Cloud ihren Alltag verändert. Stock­Bildmaterial recherchieren. Da bietet Crea­ Cloud an. Auch Sie selbst
können sie testen, unver-
tive Cloud eine Riesenerleichterung, die man dazu­
bindlich und kostenlos.
Mein Schwerpunkt liegt im Gestalten von Druck­ buchen kann: Adobe Stock direkt in Illustrator, Pho­
Mehr Informationen unter
sachen für Agenturen und Unternehmen. Wie viele toshop oder InDesign durchsuchen und die Ergeb­
↗ http://adobe.com/go/
andere war ich noch mit CS6 unterwegs. Läuft ja nisse sofort nutzen. creative-cloud-typ
auch. Man vermisst nichts – bis man die Features Das Dokument schicke ich via Publish Online als
von Adobes Creative Cloud kennenlernt. Link an meinen Kunden, und nach der Abnahme
Gerade im Printbereich sind die Vorteile im­ kann ich die Elemente mit einem Klick lizenzieren
mens. Bei größeren Projekten und im Team sorgen lassen. Einfacher geht’s nicht.
zum Beispiel die CC­Bibliotheken dafür, dass alle
immer auf demselben Stand sind: Ohne Programm­ Andreas Leimbachs Meinung
wechsel ein Element in der Bibliothek bearbeiten, + CC-Bibliotheken machen das Leben leichter
und es steht allen im Team zur Verfügung – live. + deutliche Zeitersparnis, auch durch Adobe Stock
Spannend finde ich auch InCopy. Jetzt können Re­
page 07.17 019
PAGE hat Künstler
und Designer eingeladen,
für diese Ausgabe ihr
persönliches politisches
Statement beizusteuern.
Diese sind mit einem
Punkt markiert und wie
alle anderen Artworks
auf den Folgeseiten
Teil der Ausstellung
»Design Talks Politics«
von designxport in
Hamburg, die Ende
Juni ihre Pforten
öffnet.    lr [876]
TiTel
● Edel Rodriguez, in
New York lebender Künstler
und illustrator aus Kuba,
erregte zuletzt massives
Aufsehen mit seinen
Covern für den »Spiegel«.
Für PAGe gestaltete
er das Artwork »Aleppo«
↗  http://edelr.com

Design in
politischen
Zeiten
Gestaltung dient nur dazu, Sachen hübsch
zu machen, um sie zu verkaufen? Als Kommu-
nikationsprofis können Designer weitaus
Nützlicheres tun – und sie wollen das auch!
020 page 07.17 › TITeL › Design & politik

● Können Designer Wahlen beeinflussen? Etwa zur


Niederlage eines Rechtspopulisten beitragen? Millionen
Niederländer sahen vor der Wahl auf Facebook einen Clip
unter dem Hashtag #NoTrumpland. »Die Niederlande
hatten ja in einem sehr lustigen Video Donald Trump
gefragt, ob sie Zweiter sein können, wenn Amerika Ers­
ter ist. Aber Trump hat nie geantwortet . . . Unser Video
zeigt, wie ähnlich sich Trump und Geert Wilders sind
und was dieser als Premierminister anrichten würde«,
sagt Daniel Boese von der Bürgerbewegungsplattform
Avaaz.org, die den Clip in Umlauf brachte. Bekanntlich
versank Wilders bei der Wahl in Bedeutungslosigkeit.
Ob und wie viel das mit dem Filmchen zu tun hatte,
wissen wir nicht. Dass dafür der Amsterdamer Desi­
gner und Animationsfilmemacher Rogier Klomp die
Bildwelten lieferte, ist aber kein Zufall: Seine Arbeit ist
in weiten Teilen politisch. Gerade trat Klomp wieder
bei What Design Can Do (WDCD) auf, einer Amsterda­
mer Konferenz unter dem Motto »New Ideas for a Bet­
ter World«, die auch schon zwei Mal in Brasilien statt­
fand. Tatsächlich geht es bei Designkongressen zurzeit
immer häufiger um eine größere gesellschaftliche Rol­ 5 Millionen Views bei 13 Millionen niederländischen
le von Gestaltern. Bei What Design Can Do war dieses Wahlberechtigten: Der Anti-Wilders-Film
von Avaaz und Rogier Klomp kam bei vielen an
Jahr der Klimawandel das Thema. Dazu wurde auch ein
internationaler Wettbewerb ausgeschrieben. Sie haben
eine gute Idee? Einsendeschluss ist der 21. Juli, die Preis­
verleihung findet im Oktober auf der Dutch Design
Week in Eindhoven statt.
Tatsächlich reicht es nicht, falsche Politkandidaten zu
verhindern. Die »klassischen« Probleme – von vielfacher
sozialer Ungleichheit bis Umweltverschmutzung – blei­
ben, dazugekommen sind Hass und Verschwörungsirr­
sinn im Netz, Europa­ und Ausländerfeindlichkeit sowie
der Ruf nach Hauruckpolitikern bei gleichzeitiger man­
gelnder Wertschätzung demokratischer Institutionen.

Es gibt viel zu tun . . .


. . . und die Designszene macht sich an die Arbeit. Im Ap­
ril fand in Wiesbaden die alljährlich von der Digitalagen­
tur Scholz & Volkmer organisierte see­Conference statt.
Im Laufe der Jahre hat sich diese von einem sehr ästhe­
tischen Ansatz hin zum Aktivismus entwickelt. »Wir la­
den fast nur noch Leute ein, die ein Anliegen haben«,
so Michael Volkmer. Diesmal dabei: Teresa Sdralevich
von Protestencil, die im Schnellverfahren mit Schablo­
nen Poster für politische Veranstaltungen herstellt und
ihre Technik auch bei einem Workshop zeigte (siehe
Art work, Seite 34). Der berühmte Ästhetik­Professor
Bazon Brock hielt einen Vortrag über die Rolle des De­
signers in Zeiten von alternativen Fakten, es gab einen
Foodwaste­Kochworkshop, und Dave Hakkens stellte
seine Open­Source­Maschine Precious Plastic vor, mit
der jeder zu Hause Plastik recyceln kann. Und so weiter.
»Als Designer haben wir wirkungsvolle Hebel, um
Dinge zu bewegen«, so Volkmer. »Wer die Klaviatur von Völkerfreundschaft trotz Brexit: Postkarten
Kommunikation und Technik so gut beherrscht, sollte britischer Gestalter an Designstudios in
sich überlegen, ob er nur darauf warten will, dass zufäl­ Europa – hier von Sam Quinton von KesselsKramer
und Jim Sutherland von Front
lig mal Greenpeace bei ihm anruft, oder ob er selber den­
ken und handeln möchte.« Wie seine Agentur dieses
Credo umsetzt, lesen Sie auf Seite 30 f.
page 07.17 021

Inspirationen gefällig? den auf http://alphabetdesankommens.de gezeigt, ge­


Einige Teilnehmer Die Möglichkeiten, sich zu engagieren, sind vielfältig. fördert wurde das Projekt von der Bundeszentrale für
des Workshops über Das kann nebenbei passieren, mal ein paar Wochen be­ politische Bildung (bpb).
Comicjournalismus: anspruchen oder das Leben komplett verändern. Hier ● Das iF International Forum Design hat den 2016 erst­
Asma Al Abidi, Jul
ein paar ganz unterschiedliche Beispiele. mals vergebenen iF Public Value Award überarbeitet und
Gordon, Mukhtar Yo,
● Gerald Hensel war Executive Strategy Director bei der mit einem schlagkräftigeren Namen versehen: Er heißt
Marlene Goetz
und Burcu Türker Werbeagentur Scholz & Friends, bis er Ende letzten Jah­ jetzt iF Social Impact Prize und wurde in den Kategorien
res die Aktion #KeinGeldFürRechts startete und dazu »Life & Work«, »Health & Demographic Change«, »Pla­
aufrief, keine Werbung auf rechtspopulistischen Seiten ces & Cities« sowie »Nature & Planet« ausgeschrieben
zu schalten. Der Online­Hass, der ihm dafür entgegen­ (https://is.gd/ifsocialimpactprize). Die Teilnahme ist kos­
schlug, entmutigte ihn keineswegs. Mittlerweile hat er tenlos und noch bis 15. November möglich. Das Preis­
Scholz & Friends verlassen und gründete die Plattform geld beläuft sich auf insgesamt 50 000 Euro.
www.fearlessdemocracy.org. Das Netzwerk aus Kom­ ● Im Rahmen dieser Titelgeschichte kooperiert PAGE

munikationsfachleuten, Designern sowie Digital­ und mit dem Hamburger Designzentrum designxport. Am
PR­Spezialisten soll als NGO alle beraten und unter­ 30. Juni eröffnet dort die Ausstellung »Design Talks Po­
stützen, die sich gegen die Kultur der Wut im Netz weh­ litics«, in der unter anderem die auf den Seiten 24, 27,
ren wollen. Außerdem soll ein Forum entstehen, das es 35 und 37 veröffentlichten visuellen Statements zu se­
Kreativen und Agenturen erleichtert, sich rund um die hen sind. Als Keynote­Speaker sind zwei politisch en­
Bundestagswahl zu vernetzen. gagierte Gestalter dabei: Memed Erdener aka. Extra­
● An der weißensee kunsthochschule berlin startete struggle aus der Türkei ist bekannt für seine politischen
Professor Ulf Aminde im Januar 2016 die *foundation­ Performances und der Amerikaner Doug Chayka für
Class, die Flüchtlingen die Grundlagen fürs Studium seine Politik­Illustrationen in der »New York Times«
an einer deutschen Design­ oder Kunsthochschule ver­ oder der »Washington Post«. Es wird auch ein politisches
mitteln will. Über 80 Prozent der bisherigen Teilnehmer Dinner geben, ausgerichtet von der mobilen Kochein­
haben inzwischen einen Studienplatz ergattert, gerade heit Kitchen Guerilla, die immer wieder fremde Loca­
begann der dritte Kurs. Das Programm soll nun gründ­ tions von Hamburg bis Istanbul kapert, um Gäste zu be­
lich dokumentiert werden, um ähnliche Formate an kochen (Tickets gibt’s für rund 75 Euro auf https://is.gd/
anderen Hochschulen zu inspirieren. Infos gibt’s unter kguerillamonopolitdinner).
http://foundationclass.org. Sie sind inspiriert, ebenfalls tätig zu werden, aber Ih­
● Der Hamburger Fotograf Oliver Schwarzwald kreiert re große Idee braucht finanziellen Anschub? Vielleicht
mit Produkten aus Ein­Euro­Läden skurrile Skulpturen, hilft das Bundesprogramm Demokratie leben!, für das
fotografiert sie und verschenkt hochwertige signierte Scholz & Friends eine umfangreiche Kampagne realisiert
und nummerierte Prints an jeden, der an selbst gewähl­ hat. Über 100 Millionen Euro stehen für Projekte bereit,
te Hilfsorganisationen gespendet hat. Zu finden unter die sich gegen »Rechtsextremismus, Gewalt und Men­
https://is.gd/oliverschwarzwaldoneeuro. schenfeindlichkeit« einsetzen. Einfach mal unter www.
● Geschockt vom Brexit haben die britischen Designer demokratie­leben.de nachschauen. Aber man muss auch
Nathan Smith und Sam T. Smith die Aktion ME & EU nicht gleich selbst ein Projekt starten. Ob Flüchtlings­
gestartet. Über hundert Gestalter machten mit und kre­ hilfe nebenan oder Internetforum gegen Radikalisie­
ierten Postkarten über das britische Ausscheiden aus rung – fast jede Initiative hat Designbedarf, weil das
der Europäischen Union. Die Karten gingen an aus­ entsprechende Know­how oft fehlt. Nachfragen und
gewählte Designstudios in Europa, um den Dialog auf­ mitmachen heißt die Devise. cg [710]
rechtzuerhalten. Unter www.meandeu.uk sind sie auch
im Netz zu sehen. Interview mit Teresa Sdralevich. Mehr über die poli-
● Der Deutsche Comicverein e.V. veranstaltete in Ham­
tischen poster der Künstlerin lesen Sie im Interview
burg einen Workshop über Comicjournalismus unter auf↗  www.page-online.de/teresasdralevich
der Leitung von Zeichner Sascha Hommer und der
Journalistin Lilian Pithan. Dabei sind zwölf Comicre­ Klicken Sie sich durch unsere Galerie. alle artworks
portagen über Fluchterfahrungen und die Ankunft in zum Thema »politisches Design« gibt’s auf
einem fremden Land entstanden. Die Ergebnisse wer­ ↗  www.page-online.de/politischesdesign_2017
022 page 07.17 › TITeL › Design & politik

»Das Prinzip Gestaltung


sollte man viel stärker
in öffentliche Aufgaben
einbringen«
Was können Designer zu sozialpolitischen Fragen beitragen?
ein gespräch mit elisabeth Hartung von platform München

● Die promovierte Kunstwissenschaftlerin Elisabeth Im Buch »Visionen gestalten« bezeichnen Sie Gestaltung ● Friedrich
Hartung ist Leiterin der Münchner Platform, einer »Zu­ als Form politischen Handelns. von Borries
kunftswerkstatt«, in der Design, Kunst und Politik neu­ Politisches Handeln ist nicht nur das, was Politiker be­ ist Professor für
artige Verbindungen eingehen. Und sie brachte jüngst stimmen und beschließen, sondern auch das, was die Designtheorie
das Buch »Visionen gestalten« heraus, das Vordenker Menschen tun. Wenn wir unser gesellschaftliches Ge­ in Hamburg.
Der Architekt
und Praktiker engagierter Gestaltung vorstellt (siehe bilde in die Hand nehmen und gestalten, ist das eine
beschäftigt sich
PAGE 05.17, Seite 56). Wir wollten wissen, wo sie das Form von politischem Handeln. mit dem Ver-
besondere gesellschaftliche Potenzial von Designern hältnis von Gestal-
sieht – und wie es sich nutzen lässt. Eben das geschieht bei Platform. Erklären Sie uns kurz tung und Gesell-
diese Einrichtung und Ihre Aufgabe dort. schaft. »Zu Besuch
»Im Entwurf nimmt der Mensch seine eigene Entwick­ Eine der Vorgaben für Platform war es, Raum für Produk­ bei Mikael Mikael«
lung in die Hand«, hat mal der berühmte Gestalter Otl tion zu schaffen – deshalb gibt es dort Ateliers für lautet der Titel
seines Fotobeitrags
Aicher gesagt. Was bedeutet dieser Satz für Sie? Künstler und Designer. Als Pilotprojekt des Referats für
↗  www.friedrich
Elisabeth Hartung: Dass jeder Verantwortung für sich Arbeit und Wirtschaft der Stadt München qualifizieren
vonborries.de
und seine Umgebung hat – was auch die Möglichkeit wir aber auch für neue Arbeitsfelder. Und mit Ausstel­
beinhaltet, selbst zu gestalten und nicht den Prozessen lungen, Veranstaltungen, Publikationen und konkreten
ausgeliefert zu sein. Das scheint mir heute ganz beson­ Projekten machen wir anschaulich und sinnlich erfahr­
ders wichtig zu sein: Wir sind den großen Despoten bar, was Design, Kunst und Architektur zur Gestaltung
oder etwa der technologischen Entwicklung nicht aus­ unserer Gegenwart und Zukunft beitragen können. Ich
geliefert, gerade auch, wenn wir Gestaltung im umfas­ verstehe mich dabei als Impulsgeberin, als erfahrene
senden Sinn verstehen. Vermittlerin zwischen den Welten.

Elisabeth Hartung, Leiterin


von Platform München,
sucht nach Wegen, Design
und Politik zu verbinden
024 page 07.17 › TITeL › Design & politik
page 07.17 025

Von links oben im Auch andere Städte fördern die Kreativwirtschaft. Vielleicht, indem sich der Designer gegenüber dem Auf­
Uhrzeigersinn: Das Besondere bei Platform ist der Fokus auf gesell­ traggeber nicht nur als Ausführender, sondern auch als
schaftsrelevante Themen. Teil der Gesellschaft sieht. Indem er sich seiner Verant­
Ricardo Cortez & Das ist meine Botschaft für die Zukunft an die Politik und wortung bewusst ist und sich als Mensch ins Spiel bringt.
Dominik Kyeck an andere Kommunen: Es ist so viel Potenzial in den ge­ Dass er sich fragt: Was ist mir wichtig und wie kann ich
von der Agentur Forst
staltenden Disziplinen, dass man es unbedingt für un­ das in den Dialog einbringen? Also selbst ein umfassen­
für Gestaltung steuern
terschiedlichste Entwicklungsprozesse nutzen sollte. deres, ganzheitlicheres Berufsverständnis entwickelt.
»#140 Rosinen« bei
↗  www.forst-gehege.de
Was können speziell Gestalter da einbringen? Wie könnte man die Politik motivieren, das Potenzial der
● Raul Arias, Designer können auf spezifische Aufgaben reagieren – Kreativwirtschaft stärker zu nutzen? Wenn politische
Illustrator aus Madrid, wie es ja in Auftragsprozessen geschieht. Der Designer Institutionen bei gestalterischen Themen am Werk sind,
machte sich mit seinen eines Kühlschranks findet nicht nur ei­ merkt man ja oft, wie gestaltungsfern
visuellen politischen ne Kühlschrankform, sondern hinter­ diese Welt ist.
Beiträgen in internatio-
fragt auch, was drin sein soll. Er kennt Ich plädiere dafür, bei öffentlichen Auf­
nalen Tageszeitungen
einen Namen. Hier zeigt
komplexe Prozesse der Recherche, des »Ich plädiere gaben Experten aus Design, Kunst und
er »Political Extreme«
Umgehens mit der Frage, für was etwas
gut sein soll. Mehrdimensional zu den­
dafür, bei Architektur miteinzubeziehen, nicht nur
den Bürger und die Politik. Man sollte
öffentlichen
↗  www.raularias.com
ken ist eine wesentliche Fähigkeit. Die das Prinzip Gestaltung viel stärker in öf­
Ward Sutton andere ist, das zu kommunizieren und Aufgaben fentliche Aufgaben einbringen, etwa in
gestaltete für die Aktion so im besten Falle Neues beizutragen. Schulen oder anderen Räumen, in denen
»Pins Won’t Save The Nicht nur Dienstleister zu sein, son­ Experten aus Leute zusammenkommen, wo sich öf­
World« von Sagmeister &
Walsh das Motiv »Fear«
dern zu fragen, ob man dies oder das Design, Kunst fentliches Leben entfaltet und man De­
gegen die Politik Trumps
wirklich braucht oder in eine ganz neue
Richtung denken sollte.
und Architektur mokratie in ihrer Vielfalt erleben kann.
Kunst und Design sind Disziplinen, die
miteinzubezie- per se für Vielfalt und Innovation stehen.
und für einen guten
Zweck. Der in New York
lebende Illustrator
ist Spezialist für politi-
Sicher würden viele Designer gerne
diese Aufgabe übernehmen. Aber wie
hen, nicht nur se Warum sollen Mitbestimmungsprozes­
immer in tristen Verwaltungsräumen
sche Illustrationen realistisch ist so ein Szenario? den Bürger und stattfinden und nicht in inspirierenden
und Cartoons
↗  www.suttonimpact
Das hat immer mit Situationen und den die Politik« Räumen lustvoll erfahren werden?
beteiligten Menschen zu tun. Wenn der
studio.com
Auftraggeber sich nicht einlassen will Welche Rolle spielt die Ausbildung? Pas­
Ole Utikal aus oder der Designer sich nur für die schö­ siert an den Hochschulen das Nötige, um
Hamburg ist heute ne Oberfläche interessiert, geht es nicht. Aber wenn es solche Prozesse anzustoßen?
Grafikdesigner und die Offenheit gibt, Bestehendes zu hinterfragen, ist eine Da gibt es vielversprechende Entwicklungen. An der
war früher Street große Chance da. Dann können Designer tätig werden, Hochschule Coburg etwa wird geforscht, wie Design die
Artist. Hier hält er sein zumal sie nicht nur verbal kommunizieren, sondern an­ Gesellschaft mitgestaltet. Sogar ein Masterstudiengang
»Angry Sign« hoch schaulich und erlebbar machen können, was anders ge­ ZukunftsDesign wurde eingerichtet. Mit einem Projekt
↗  http://oleutikal.de
macht werden muss, als es vielleicht der Auftraggeber wie Making Culture definiert der Coburger Professor
will. Auf diese Fähigkeit sollten wir grundsätzlich mehr Gerhand Kampe die Rolle des Designers als Initiator
setzen, denn viele Zukunftsszenarien lassen sich nicht und Vermittler angesichts von demografischem und
mehr rein über die rationale Ebene vermitteln. regionalem Wandel neu. Ich denke auch an die »Partei
der Opulenz«, zu der sich Studenten der Hochschule
Noch sind Gestalter oft bloß Erfüllungsgehilfen im für angewandte Wissenschaften München zusammen­
Dienst des Kunden. Wie kann sich daran etwas ändern? getan haben, um nach der ethischen Verant wortung

Mirko Borsche
gestaltete das
Erscheinungs-
bild von Platform
München
026 page 07.17 › TITeL › Design & politik

von Designern zu fragen. Gerade in der jungen Ge­ Postulat der Eliten sein. Etwa indem man Alltagsorte Rocket & Wink,
neration regt sich ganz schön etwas, aber sie kommt so gestaltet, dass sie zu Kommunikationsräumen wer­ Hamburger Agentur
noch zu selten zu Wort. den, zu Freiräumen, wo der Mensch sich als Teil der Ge­ für Design, Illustration,
sellschaft und selbst als Gestalter sehen kann statt nur Literatur, Produkt­
entwicklung und Kon­
Liegt ein Problem nicht darin, dass die Designwelt viel als Konsument von irgendwas.
zepte, gestaltete
zu elitär ist? Wir leben ja alle in sogenannten Blasen, in
»Freiheit, Demokratie
denen jeder nur den anderen in seinen Ansichten be­ Wie wichtig ist es, sich untereinander zu vernetzen? und Bürgerrechte«
stärkt. Wie können Designer das durchbrechen? Jeder hat seine Netzwerke, das ist klar. Aber es braucht ↗  www.rocketand
Indem sie sich öffnen und als Player aus verschiedens­ noch mehr Modellprojekte. Im MaximiliansForum, einer wink.com
ten Kontexten aufeinander zugehen. Es braucht Foren riesigen Unterführung in München, habe ich Designer
oder Anlässe, wo Leute aus diversen und Künstler eingeladen, Installationen
Disziplinen zusammenkommen, sonst zu entwickeln und dann ihrerseits wie­
dreht man sich im Kreis. Es ist gut, der Akteure einzuladen, die in diesem
wenn man die eigenen Scheuklappen »Europa Kontext tätig werden. Mirko Borsche hat
mal ablegt und in anderen Kontexten
zusammenarbeitet.
braucht eine dafür eine begehbare Landschaft aus
Holzkisten entworfen, die von sozialen
neue kraftvolle Werkstätten hergestellt wurden. Musi­
Auch beim Thema Populismus ist viel Erzählung, ker vom Symphonieorchester des Baye­
vom Leben in der Blase die Rede. Wie rischen Rundfunks, dessen Auftritt er
kann die Designwelt mit jenen kommu­ damit wir uns ja seit 2010 gestaltet, machten dort Mu­
nizieren, die für die simplen Botschaf­ wieder damit sik mit Avantgarde­Musikern und DJs,
ten von Populisten empfänglich sind?
Die Herausforderung wird sein, Foren identifizieren. dazu kamen Literaten. Für mich war es
eine wichtige Erfahrung, dass solche
zu gestalten, die einen wirklichen Dia­ Es braucht Veranstaltungen Keimzellen für neue
log auf Augenhöhe ermöglichen. Res­
pekt und Empathie sind da zwei ganz
Bilder, die Netzwerke und Initialzündungen für
künftige interdisziplinäre Ansätze sein
zentrale Begriffe. Die Populisten schaf­ Identität stiften können. Ganz ähnlich nutzen wir ja
fen es ja, dass ihre einfachen Botschaf­ können« Platform, um neue Ideen und Konzepte
ten ankommen. Auch mich treibt regel­ sichtbar zu machen und Leute zusam­
mäßig die Frage um, wie sich Fähigkei­ menzubringen. Zum Beispiel laden wir
ten von Gestaltern einsetzen lassen, um Gestalter ein, die zu Themen wie So­
ähnlich wirkungsvolle Botschaften und Marken für das cial Design arbeiten. Wobei sich wieder Player aus ver­
gemeinschaftliche Miteinander zu entwickeln. Europa schiedenen Bereichen kennenlernen.
zum Beispiel braucht eine neue kraftvolle Erzählung,
damit die Menschen sich wieder damit identifizieren. Wie geht es mit Platform weiter?
Es braucht Bilder, die Identität stiften können. Das freie Als Pilotprojekt sind wir noch nicht institutionalisiert.
Reisen, Vielfalt und Offenheit sind erlebbare Werte, die Wir sind an einem Punkt, wo die Stadt München gefragt
ähnlich stark vermittelt werden können. ist, damit wir nachhaltiger arbeiten können. Wir brau­
chen die Politik, die solche Freiräume unterstützt. Es ist
Wäre da eine staatliche Kampagne die Lösung? gerade jetzt an der Zeit, konkrete Alternativen zu entwi­
Es ist eine Möglichkeit, aber Vorsicht: Die Leute haben ckeln. Gestalter können wesentlich dazu beitragen, zu
schon ein Gespür dafür, wenn eine oberflächliche Kam­ ermitteln, was uns wichtig ist – wie wir leben und ar­
pagne für politisch Korrektes wirbt oder Dinge schön­ beiten wollen –, und lebendige Foren auch jenseits des
redet. Vielfalt muss erlebt werden und darf nicht nur bildungsbürgerlichen Kosmos zu etablieren. cg

Installation von
Mirko Borsche
für ein Event über
die Münchner
Designszene
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028 page 07.17 › TITeL › Design & politik
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Politisch werden,
aber richtig
Wenn Marken Stellung beziehen, sollten sie es auch ernst meinen

● Doreen Toutikian, ● Schon Obama galt als perfekt inszenierte Marke, doch
Grafikdesignerin und Donald Trump hat ihn wohl noch getoppt: Bei klar fokus­
Social Entrepreneur, sierten Zielgruppen positionierte er sich als Politikout­
leitet das MENA Design sider, Erfolgsmensch und Problemlöser, der nicht lange
Research Center in
fackelt. Seine emotional­rustikale brand language hebt
Beirut, das sich mit
sich rabiat vom gewohnten Politikerduktus ab. Und sei­
dem gesellschaftlichen
Einfluss von Gestal-
ne Frisur ist längst so berühmt wie das Hitlerbärtchen.
tung befasst und die Wie sollten »richtige« Marken reagieren – müssen
jährliche Beirut Design sie das überhaupt? In den USA ist der Kampf gegen den
Week veranstaltet Rechtspopulismus zwangsläufig voll entbrannt. Den
↗  www.menadrc.org wohl radikalsten Schritt tat Starbucks­Chef Howard
Schultz, der nach Trumps Einreisebann ankündigte, bis
2022 weltweit 10 000 Flüchtlinge einzustellen. Dabei ar­
beitet die Firma mit dem Flüchtlingskommissariat der
UN und anderen Organisationen zusammen. Boykott­
aufrufe der Trump­Anhänger waren die Folge.
Natürlich wirkt der politische Auftritt von Marken glo­
bal. Dass Kevin Plank, CEO des seit jeher mit einem auf­
fallend martialischen Look auftretenden Sportartiklers
Under Armour, sich als Trump­Anhänger outete, bringt
den Hamburger Kultklub FC St. Pauli in Erklärungsnot:
Under Armour ist sein Ausrüster. Ist Politik also ein hei­
ßes Eisen, von dem man sich lieber fernhält?

Trittbrettfahren unerwünscht
Definitiv sollte man politische Hype­Themen nicht bloß
benutzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Pepsi­
Kampagne mit Kendall Jenner schadete der Marke welt­
weit. Das eigene Produkt zum Friede­Freude­Eierkuchen­
Bringer bei der Lösung ernster Probleme hochzustilisie­
ren geht gar nicht. Dabei hatte sich die Satiresendung
»Saturday Night Live« schon vor diesem Eklat mit einer
fiktiven Pitch­Szene Werber vorgeknöpft, die banale Pro­
dukte krampfhaft mit politischer Bedeutung aufladen . . .
Nicht so toll fanden wir auch, wie hierzulande McDo­
nald’s im Spot »Pommeswald« das Thema Fake­News
ausschlachtete. Ein aufwendiges Filmchen zeigte, wie
Kampagne »be Berlin«: Mit
Pommes in einer Manufaktur geschnitzt werden, um an­
starken Motiven gibt sich
gebliche Gerüchte zu entkräften, Mc­Pommes bestün­
das Berliner Stadtmarketing
den aus »Holz und Sägespänen«. Fazit des Spots: »Glaub politischer denn je
nicht alles, was man dir erzählt« und ein Link auf die Mi­
crosite www.mcdonalds.de/wahrheit. Der Clip ist char­
mant gemacht, bedient sich aber letztlich der Trump­
Strategie, jede Kritik mit dem Totschlagargument »Fake
News« von sich zu weisen. Die unselige Fake­News­Be­
schuldigungskultur so anzuheizen ist nicht hilfreich.
030 page 07.17 › TITeL › Design & politik

Toleranz leben
Ein ganz anderer Fall ist wiederum der Spot »Toleranz-
Zeit« der Deutschen Bahn. Darin sitzt ein Medizinstu-
dent im Zug einer Muslimin mit Kopftuch gegenüber.
Er denkt, sie liest den Koran – doch ist es ein Medizin-
lehrbuch, was die beiden ins Gespräch verstrickt. Eig-
net sich das Filmchen als Werbung für Toleranz? Nein,
meinen zum Beispiel 53 Prozent der »Morgenpost«-Le-
ser in einer kleinen Online-Umfrage. Tatsächlich ist der
Spot wohl wieder einmal zu gewollt erzieherisch gera-
ten, wie unzählige Hasskommentare im Netz beweisen.
Soll man den Rechtspopulisten solche Angriffspunkte
liefern? Oder fühlte sich doch mancher Normalbürger
inspiriert, vorurteilsfrei mit Mitreisenden ins Gespräch
zu kommen? Ist es in Zeiten wie diesen einfach wichtig,
dass Unternehmen sich mit solchen Spots zu demokra-
tischen Werten bekennen? Fritten aus Holz? Im Spot »Pommeswald«
Geschickter macht das die jüngste Neuauflage der deutet McDonald’s das Thema Fake News im
»be Berlin«-Kampagne. Die Agenturen dan pearlman eigenen Interesse um

und spring • Brand Ideas setzen auf Berliner Freiheits-


gefühl, aber eben nicht als pädagogische Botschaft, son-
dern anknüpfend ans eigene Selbstverständnis und al- Wenn AfD-Politiker Gunnar Lindemann zwischen sei-
lerlei Berlinerisches. Da gibt es Plakate mit Zitaten wie nen hetzerischen Kommentaren auf Twitter mal wie-
»Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern« nach der erwähnte, dass er umweltfreundlich mit öffentli-
einem Dance-Track von John F. und die Gropiuslerchen chen Verkehrsmitteln unterwegs war, kommentierten
von 1987 oder »Nur wer die Freiheit nicht schätzt, kann die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit Tweets wie
Europa in Frage stellen« von dem in Zagreb gebore- »Vorbildlich. Heute war dein Fahrer übrigens Hakan«
nen Berliner Autor Nicol Ljubić. Unter dem Hashtag oder »Viele Grüße von Tarek, dem Fahrer«. Von Linde-
#FreiheitBerlin kann jeder Bilder seiner persönlichen mann kam schließlich: »Grüße zurück an meinem Fah-
Freiheitsmomente hochladen. Die Beiträge sind unter rer Tarek und herzlichen Dank für die stressfreie Fahrt
www.sei.berlin.de zu sehen. durch #Berlin.« Darauf die BVG: »Tarek sagt, es müsste
Wie man mit geringsten Mitteln maximale Wirkung ›meinen‹ heißen«. Ein Dialog, der viel mediale Auf-
erzielt, zeigten derweil die Berliner Verkehrsbetriebe. merksamkeit erregte. cg

Geht doch!
Kaum jemand lebt so konsequent wie Michael Volkmer
vor, wie man erfolgreich eine agentur
führen und sich gleichzeitig engagieren kann

● Begonnen hat alles vor zehn Jahren auf einer der see- ner Sache. Volkmers Philosophie: Jeder muss bei sich
Konferenzen, zu denen die Digitalagentur Scholz & selbst anfangen und dann die Mitarbeiter mitnehmen,
Volkmer regelmäßig spannende internationale Spre- um im nächsten Step zu schauen, was in der Region und
cher einlädt. »Damals rief Fritz Reusswig vom Potsdam- beim Kunden möglich ist.
Institut für Klimafolgenforschung uns Designer auf,
sich des Themas anzunehmen. Die Wissenschaft kön- Seither ist viel passiert
ne den Klimawandel beweisen, aber nicht kommuni- So wird in der Agentur das Trinken von Leitungswasser
zieren«, erzählt Michael Volkmer. »Das war der Stein, propagiert: Es gibt fünf »Brunnen«, aus denen alle Mit-
der alles ins Rollen brachte.« arbeiter eigens gestaltete Flaschen füllen können. Einige
Michael Volkmer schaute sich erst mal in der eigenen Kunden, die die Agentur besuchten, fanden das System
Agentur um. Jedes Gerät, jede Reise wurde auf CO2-Ver- so gut, dass sie es übernommen haben. Tatsächlich hat
brauch überprüft, es entstand ein Klimabericht in eige- Deutschland eines der besten Trinkwasser der Welt, da
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brauchen keine Lastwagen zu rollen. »Nachahmer« fand


auch die von Scholz & Volkmer ins Leben gerufene Platt­
form www.zeit­statt­zeug.de, über die man eigene Zeit
statt Konsumgegenstände verschenkt. Zum Beispiel ei­
nen Kochabend statt eines Kochbuchs, statt Parfüm
Waldluft bei einem gemeinsamen Spaziergang und so
fort. »Über 120 000 Geschenke wurden schon ausgelie­
fert«, berichtet Michael Volkmer. »Und immer wieder
fragen uns Leute, ob sie die Plattform übersetzen kön­
nen – inzwischen gibt es sie auf Englisch, Französisch,
Spanisch, Polnisch und Tschechisch.«
Ein aktuelles Projekt für die Region: der Stadtluft­
Anzeiger. Wiesbaden ist zwar als Kurstadt bekannt, aber
die Luftqualität ist miserabel. Im Dezember dachte sich
Scholz & Volkmer eine Weihnachtsbeleuchtung der an­
deren Art aus. Einen großen Baum vor dem Wiesbadener
Hauptbahnhof stattete die Agentur mit Tausenden von Soziale Skulptur: Die Daten einer Stickstoffdioxid-Messstation
LEDs aus, die rot oder grün leuchteten, je nachdem, ob des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt
der EU­Grenzwert für Stickstoffdioxid überschritten und Geologie speiste Scholz & Volkmer in die wohl größte
Schadstoffanzeige der Welt ein
wurde oder nicht. In Wiesbaden erregte das viel Aufse­
hen. Es gab sogar eine parteiübergreifende Anfrage nach
einer Fortführung des Projekts im nächsten Winter.

Machen statt reden


Die see­Conference, die Scholz & Volkmer seit zwölf Die Plattform Zeit
Jahren in Wiesbaden organisiert, haben wir bereits er­ statt Zeug inspiriert
wähnt. Aber bloß zu diskutieren bringt auf Dauer nichts. zu immateriellen
Geschenken, die
Irgendwann müsse man zu handeln anfangen und Stel­
garantiert umwelt-
lung beziehen, auch angesichts der alles beherrschen­ freundlich sind
den Ökonomisierung, so Volkmer. »Als Designer hast
du eine Verantwortung, egal ob als Einzelperson oder
ganze Agentur. Die ökonomische Brille darf nicht vor
der eigenen Überzeugungen stehen. Wenn zum Beispiel
Start­ups von Anfang an nur darauf hinarbeiten, von
multinationalen Konzernen gekauft zu werden, ist das
die falsche Stoßrichtung. Großes Vorbild ist für mich
Jimmy Wales, der Wikipedia eben nicht verkauft hat, ob­
wohl er damit ein Vermögen hätte machen können. Denn
so kann er die inhaltliche Ausrichtung ohne Rücksicht
auf Investoreninteressen zu 100 Prozent verfolgen.« Des­
halb gedenkt Michael Volkmer seine Firma auch nicht
zu verkaufen – trotz diverser Anfragen.
Die Konzentration in der E­Commerce­Branche sieht
der Digitalpionier längst ebenfalls kritisch. »Als Weih­
nachten vor drei Jahren per Paketdienst Unmengen Wa­
ren reingeflattert kamen, die man auch in Wiesbaden
hätte kaufen können, wurde die Idee fürs Kiezkaufhaus
geboren, ein Portal für lokale, inhabergeführte Händler.
Der Clou: Die bestellten Waren werden noch am selben
Tag verpackungsfrei per Cargobike ausgeliefert. Wir be­
treiben das Kiezkaufhaus als Social Business und sind
dabei, das System auch in anderen Städten per Social
Franchise zu installieren.« Nachahmer sind willkommen.
Sich zu engagieren, kann jede Menge Spaß bringen. cg

Scholz & Volkmers Kiezkaufhaus. Im page-Connect-


Booklet »Das macht ein UX Designer bei Scholz &
Volkmer« lesen Sie mehr über die Umweltinitiative
der agentur ↗  www.page-online.de/pDDp1100
032 page 07.17 › TITeL › Design & politik

»Wir nennen es
erleuchtete
Digitalisierung«
Design ist immer politisch. Warum, erklärte uns Matthias Horx,
Trend- und Zukunftsforscher der ersten Stunde

● Matthias Horx ist Trendforscher, Futurologe und diert mit schrecklichen Bildern, mit Vermutungen über ● Boris Brumnjak,
Gründer des bekannten Zukunftsinstituts in Frankfurt/ Vermutungen, mit Panikprognosen. Ein riesiger Zirkus Designer und Typo-
Main und Wien. Dort beschäftigt er sich mit systemati­ für schlechte Nachrichten ist entstanden, in dem jeder Experte aus Berlin, hat
schen Voraussagen über die Entwicklungen in Technik, Müll angeboten wird. Das führt zu einer massiven geis­ leidenschaftlich gern
mit Plakaten zu tun –
Gesellschaft und Politik. Im Interview erklärt er, warum tigen Verwirrung, in der viele Menschen nicht mehr un­
auch mit politischen
die Welt immer besser wird, wieso wir unerschrocken, terscheiden können zwischen den langfristigen Trends,
↗  www.brumnjak.com
achtsam und zivilisiert nach vorne schauen sollten und in denen unser Leben – und das Leben der meisten Men­
was Design zu alledem beitragen kann. schen – sich langsam verbessert, und den Ausnahmen
und Unfällen. Die Konsequenz ist der Hang zum kol­
Ihren Zukunftsprognosen zu folgen, ist sehr beruhigend, lektiven »Awfulizing« – vom englischen Wort awful =
denn sie zeigen, wie die Welt eine immer bessere wird. schlecht, schrecklich, furchtbar. Alles runtermachen
Dennoch ist unsere Gegenwart von Angst beherrscht, und gefährlich zu finden, das ist so eine Art Volkssport
ob vor Terrorismus, dem Untergang der Mittelschicht, geworden, geschürt von vielen Medien.
dem Klimawandel oder digitaler Überwachung . . .
Matthias Horx: Die Angst war immer schon da, und sie Darüber hinaus wird gerade auch in Deutschland die
ist ja eigentlich auch natürlich. Angst wurde von der Evo­ Angst instrumentalisiert.
lution erfunden, damit wir in Gefahrensituationen bes­ Das gefährlichste Gefühl ist die Ohnmacht, der Mangel
ser und schneller reagieren können. Sie ist eine Mobi­ an Selbstwirksamkeit, den viele Menschen empfinden.
lisierungsfunktion unseres Organismus. In einer total Gekoppelt mit dem Unwillen zur Emanzipation, führt
vernetzten Medien­Aufmerksamkeits­Ökonomie kön­ das auf Dauer zu bösartiger Wut, wie man am neuen Po­
nen viele Menschen aber ihren inneren Kompass nicht pulismus sehen kann. Ob Trump, Putin oder Le Pen – es
mehr bewahren. Wir werden rund um die Uhr bombar­ gibt einfach Politiker, die aus Angst und Regression
Foto links: Klaus Vyhnalek; Foto rechts: Norman Posselt

Er hat bei seinen Zukunfts-


prognosen das große Ganze
im Blick: Matthias Horx, der
zeigt, dass die Welt weit besser
ist, als wir vermuten, und
dass Angst immer auch eine
Frage der Perspektive ist
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034 page 07.17 › TITeL › Design & politik

eine Bewegung formieren können. Das Interessante Oslo oder selbst New York und Berlin oder meinetwe­ Von links oben im
ist aber, dass es darauf schon wieder eine deutliche Ge­ gen Freiburg, Heidelberg und Leipzig . . . Lissabon war Uhrzeigersinn:

genreaktion gibt. Trump macht uns klar, was wir zu ver­ vor einigen Jahren noch eine »sterbende Stadt«, heute
lieren haben, und wird letztlich Europa stärken, China ist es der neue Hip­Platz Europas. Das ist wieder ein Bei­ Thomas Kappes,
übrigens auch. Jetzt gibt es wieder Strömungen nicht nur spiel dafür, wie wir durch ein negatives Beispiel – San Grafiker aus Hamburg,
arbeitet mit seinem
gegen etwas, sondern für etwas, wie etwa die europa­ Francisco – alle positiven ignorieren.
Büro gutentag an Pro-
freundliche Bewegung Pulse of Europe oder die dyna­ jekten für Kunden
mische politische Mitte von Emmanuel Macron. Umwehte das Silicon Valley einst ein revolutionärer wie adidas, Telekom und
Wind, noch verwoben mit dem »Hippie Modernism«, Otto. Sein Artwork:
Zudem war unser Blick auf technologische Neuerungen hat man spätestens bei den zaghaften Reaktionen auf »Famous Monsters« 
vor gar nicht allzu langer Zeit geradezu euphorisch . . . Trumps Travel Ban gemerkt, dass die Tech­Firmen längst ↗  www.gutentag-
Heute befürchtet man, dass diese Arbeitsplätze zerstö­ Großkonzerne wie alle anderen sind. Hat man sich viel hamburg.de

ren, der totalen Überwachung dienen oder wir irgend­ zu lange von ihrem scheinbar jungen und unkonventio­
wann von Robotern zu Tode gepflegt werden. nellen Ungestüm täuschen lassen? ● Teresa Sdralevich,
in Brüssel lebende
Beide Betrachtungen sind einfach nur unterkomplex. Allerdings. Der Hype hat viele blind gemacht. Das Pro­
italienische Illustratorin
Technologie erzeugt viele Zukunftsmythen, positive und blem ist, dass alle Organisationen, wenn sie einen ge­ und Plakatkünstlerin,
negative. Die positiven sind das, was ich »Kleine­Jungs­ wissen Grad von Größe und Marktdominanz erreicht startete ihre Karriere in
Phantasien« nenne. Die negativen sind haben, zu Machtmaschinen werden. den neunziger Jahren
nicht minder faszinierend: Die Macht­ Aber irgendwann werden diese Riesen­ mit antifaschistischen
ergreifung der Roboter kann man klasse konzerne an sich selbst scheitern. Oder Postern und blieb
im Film zeigen, mit Schwarzenegger als »Veränderung sie werden ihre Arroganz und Ignoranz politischen Plakaten

ist innere
seither treu – wie hier
Terminator. Aber die Entwicklung ist über winden.
mit »Cyberbullying«
immer ein Wechselspiel, eine Koevolu­
tion zwischen Technologie und mensch­ Transformation Trotz der Komplexität des Lebens ist
↗  http://teresa
sdralevich.net
licher Kultur. In Sachen Arbeit etwa wird von der man mittlerweile von ständiger Verein­
die Entwicklung ganz anders aussehen fachung umgeben. Informationen und
als in den Angstszenarien: Technolo­ Zukunft aus. Inhalte werden auf Apps herunterge­
Eike König
arbeitet mit seinem
gie schafft immer mehr diverse Formen So, und nur brochen. Sich in Zusammenhänge zu Studio Hort für Arte,

so, geht
von Arbeit und Jobs – auch wenn sie vertiefen, scheint ein Relikt der Ver­ Nike oder Microsoft
und lehrt als Professor
traditionelle Arbeitsplätze abschafft. gangenheit. Wie problematisch ist die­
Das Ganze ist ein Plussummenspiel, Wandel. se zunehmende Simplifizierung und
für Illustration und
Grafikdesign an der
das aber in den Medien und unseren
Angstköpfen immer als Verlustgeschäft
Ich nenne »Häppchenkultur«?
Das Problem ist eher, dass wir generell
HfG Offenbach.

dargestellt wird. das die innere dazu neigen, Komplexität als etwas Ne­ Er gestaltete das Art-
work »YouThemUS«
Visions­ gatives zu empfinden, und sie damit gar ↗  www.hort.org.uk
Aber geben die Entwicklungen im Sili­ nicht verstehen. Statt das Komplexe zu­
con Valley nicht auch Grund zur Skep­ kompetenz. zulassen, versuchen wir dauernd, Kon­ ● Johannes Erler,
sis? Sie sind knallhart auf Profit aus­ Die kann man trollroutinen einzubauen. Eine App wird Partner der Hamburger
Designagentur Erler-
gerichtet und besitzen eine Datenho­
heit, die nahezu alle Bereiche des Le­
trainieren« falsch, wenn sie diesen Kontrollaspekt
überbetont. Wenn zum Beispiel eine
SkibbeTönsmann, star-
tete gemeinsam mit
bens durchdringt. Wegen der Nähe zum Sport­App mich unentwegt zum Trai­ den Werbern Michael
Silicon Valley ist das Wohnen in San ning antreibt, immer weiter und präzi­ Trautmann und Benedikt
Francisco mittlerweile unerschwinglich geworden, und ser, werde ich irgendwann ein Roboter, und das ist eben Holtappels sowie den
weil Google gerade einen riesigen Gebäudekomplex unmenschlich. Aus diesem Grunde scheitern auch vie­ Journalisten Andreas
mitten in Berlin­Kreuzberg gekauft hat, befürchtet man le Wearable­Konzepte. Petzold (»stern«), Linda
dort Ähnliches. Alles was schön ist, auch das, was dauerhaft ist, ist Zervakis (»Tagesschau«
et al.) und Michalis
Mich erinnert das alles an die Diskussionen und Protes­ immer sehr komplex, und damit auch ein bisschen chao­
Pantelouris (»SZ»-Ma-
te in meiner Heimatstadt Frankfurt/Main in den 1970er tisch. Und alles, was komplex ist, hat, wie man in der gazin) die Aktion »Mit
Jahren. Damals kauften Banken und Spekulanten gan­ Systemsprache sagt, »Emergenz« – es kann sich selbst mir 90 Prozent«, um
ze Häuserzeilen, und wir wehrten uns mit Hausbeset­ verändern und anpassen. Ein Wald ist ökologisch stabil, für eine möglichst
zungen. Wir hatten die Idee, die Stadt müsste arm und wenn er vielfältig ist, eine Stadt ist vital, wenn sie divers, hohe Wahlbeteiligung
schmuddelig bleiben, damit alle solidarisch darin leben widersprüchlich, ein bisschen chaotisch ist. Medien sind zu trommeln
können. Naja. Heute ist Frankfurt, finde ich, eine äu­ toll, wenn sie nicht nur eine Botschaft, einen »Content« ↗  www.facebook.com/
mitmir90Prozent
ßerst lebendige, lebenswerte Stadt. transportieren, sondern einen Schwarm von Bedeutun­
Die Entwicklung hatte auch eine andere Seite: Sie gen, der uns nicht nur überzeugen, sondern auch in­
brachte Lebendigkeit, Vielfalt und Kultur in die Stadt. spirieren, verzaubern, anregen kann. Darin trennt sich
Gentrifizierung, also der »Wohlstandsumbau« einer die Spreu vom Weizen: Hier Lebendigkeit, die durch­
Stadt, kann auch positiv, inklusiv gelingen. Man schaue aus auch Simplifizierung zulässt, dort tote, taktische Re­
sich die Entwicklungen vieler toller Städte heute an: duktion. Wir nennen die positive Variante »Erleuchtete
Stockholm, Vancouver oder Amsterdam, Kopenhagen, Digitalisierung«.
036 page 07.17 › TITeL › Design & politik

Ist das der Gegentrend der Zukunft? Kann Design generell das Denken verändern? ● Karl Anders,
Es gibt nicht nur einen Gegentrend, sondern danach im­ Ja, wenn man Design oder Gestaltung als Metaaufgabe Studio für Brand
mer wieder einen Synthesetrend, in dem sich die Para­ sieht, in der vor allem die soziale Architektur, die Bezie­ Profiling aus Hamburg,
doxien in Richtung Zukunft auflösen. Wir nennen das hungsarchitektur eine Rolle spielt. Man sehe, um das ge­ setzt gern starke
Statements – sei
Metatrends. Die Globalisierung erfährt heute den Ge­ nauer zu verstehen, den wunderbaren TED­Vortrag von
es für Designzwecke
gentrend der Re­Nationalisierung, aber das wird sich Jeanne Gang: https://is.gd/TEDTalkJeanneGang . . .
oder aus politischem
in der Glokalisierung auflösen, der Verbindung des Lo­ Anlass wie hier: »Let’s
kalen mit dem Globalen. Aus Sicherheit und Flexibilität Sie plädieren dafür, den vorherrschenden Journalismus Grow Resistance«
kann »Flexicurity« werden – so begreifen die Skandi­ der Angst durch einen konstruktiven Journalismus zu ↗  www.karlanders.de
navier die Zukunft ihres Arbeitsmarkts, als sozial em­ ersetzen, durch eine kreative und positive Kommunika­
powerte Flexibilität. Wir sollten aufhören, in fixierten tion, die von der Lösung her denkt. Können Sie das ge­ Lo Breier
Schwarzweißwidersprüchen zu denken. Dazu kann die nauer erklären? realisiert mit seiner
Agentur Berlin X »Design
systemische Zukunftsforschung Angebote machen. Ersetzen wird nicht gelingen – es wird wohl immer
für ein idealistisches
Angst­, Sensations­ und Trash­Medien geben. Aber wir
und schickes Morgen
Was können Gestalter zu alledem beitragen? können heute sehen, dass die Elemente des konstruk­ mit Haltung«. Das Visual
Zum Beispiel ein »Rightsizing«. In einer hypermedia­ tiven Journalismus, der eben nicht auf Komplexitäts­ »Trumpless« gestaltete
len, reizüberfluteten Welt ist Stille, Einfachheit, Instink­ reduzierung und Angsterregung setzt, sich langsam in er für die gleichnamige
tivität enorm wichtig. Gutes Design er­ den Diskursmedien durchsetzen. Selbst Anti-Trump-Aktion, die
löst Komplexität in eindeutiges Erle­ der »Spiegel« hat heute mehr als nur er gemeinsam mit
ben, in Zugänge, die menschengerecht eine Rubrik, in der eingestanden wird, Karenine Reber und Tim

sind, ohne die Komplexität selbst zu »Gutes dass die Welt nicht nur zum Teufel geht. Renner ins Leben rief
↗  www.facebook.com/
erniedrigen. Oft findet man solche Zu­ Design erlöst Es gibt inzwischen tatsächlich dort Tex­ realtrumpless
gänge im Analogen. Ich glaube, dass te und Reportagen, die das Feld des Zy­
das Digitale und das Analoge eine neue Komplexität nismus und der Abwertung verlassen
Synthese eingehen werden. Das Real­ in eindeutiges und die Welt in ihrer lebendigen, dyna­
Digitale. Ein gutes Buch ist einfach ein
klasse »Datenträger«, eben weil es nicht
Erleben, in mischen Vielfalt zeigen.
Nur darum geht es ja: sich von der
nur ein Datenträger ist. Zugänge, die Wirklichkeit berühren zu lassen. Das ist

Sie sprechen von der Achtsamkeit als


menschen- guter Journalismus. Dabei geht es weni­
ger um ein positives oder pessimisti­
einer der maßgeblichen Entwicklun­ gerecht sind, sches Weltbild, sondern um ein Denken
gen. Wie kann diese sich in der Kreativ­ ohne die und Fühlen in Möglichkeiten, um Ver­
branche ausdrücken? änderungen auch zum Guten. Wir nen­
Achtsamkeit ist im Grunde eine Kultur­ Komplexität nen das auch »Possibilismus«.
technik, die uns Gegenwehr gegen den selbst zu
mentalen Overkill unserer Sinne und
Bedeutungen ermöglichen soll. Acht­
erniedrigen. Politische Strömungen wie den gerade
grassierenden Nationalismus sehen Sie
samkeit ist nichts anderes als die Fä­ Oft findet nur als Zwischenphasen. Warum?
higkeit, darauf zu achten, worauf man
achtet. Dazu gehört auch gekonntes
man solche Weil der Rahmen des Nationalen in ei­
ner komplexen, vernetzten Welt kom­
Ignorieren. Aber eben auch die Leiden­ Zugänge plett disfunktional ist. Das sieht man
schaft für das, wofür man brennt, bis im Analogen« ja auch daran, wie bizarr diese ganzen
ins kleinste Detail. Man könnte auch Ritterguts­Burschenschaften­Volksein­
»Fähigkeit zur Liebe« sagen. heits­Reminiszenzen der neuen Rech­
ten sind. Das ist einfach nur Staub, der
Immer wieder engagieren sich Kreative politisch. Es eher durch Provokation wirkt als durch ihre Deutungs­
gibt Kampagnen gegen Nazis wie »Rechts gegen Rechts« macht. Die meisten Menschen sind heute im Kopf viel
von Grabarz & Partner. Oder der Fotograf Wolfgang Till­ weiter, innerlich weiter, globaler, offener. Die Patriotis­
mans: Er hat Plakate für ein vereintes Europa ent wor­ men selbst sind komplexer geworden. Ich bin zum Bei­
fen und zuletzt auf der Pulse­of­Europe­Demo in Berlin spiel europäischer Patriot. Andere, die ich kenne, sind
eine Rede gehalten. Müssen die Kreativen, die Coder, Lokal­ oder Regionalpatrioten, sie lieben ihr Tal, ihre
Designer und Developer raus aus den Nischen, auf die Stadt, ihre Landschaft. Immer mehr Menschen werden
Straße und rein in die Institutionen, wie Sascha Lobo auch zu Globalpatrioten: Sie sehen den blauen Plane­
es gefordert hat? ten als ihre eigentliche Heimat.
Niemand muss irgendwas, beziehungsweise wenn er es
nur aus dem Muss heraus tut, wird es meistens schlecht, Ist das die »New Civility«, von der Sie immer wieder
weil rein moralisch. Politisch ist ja auch der »unpoli­ sprechen? Oder was ist diese genau?
tische« Designer, weil sich in seinen Produkten immer Ich würde gerne in einer Gesellschaft leben, in der man
eine Welthaltung ausdrückt, ein Menschenbild, ein Kon­ den Mitmenschen nicht dauernd mit seinem inneren
nektom: etwas, das alles miteinander verbindet. seelischen Müll und seinem inneren Hass und Verach­
page 07.17 037

tungspotenzial belästigt, in der man vernünftige, zu­


kunftsorientierte Diskurse führen kann, statt sich stän­
dig anzuschreien und niederzumachen. Wenn das In­
ternet eine Umwelt bietet, die diese Hass­ und Verach­
tungsoperationen regelrecht ausbrütet, muss man diese
Wüste eben zivilisieren. Oder meiden. Ich selbst gehe
zum Beispiel nicht mehr in Talkshows, in denen es nur
darum geht, zu polarisieren und sich schrill Polemiken
um die Ohren zu hauen.

Gleichzeitig haben Sie den wunderbaren Begriff des


»apokalyptischen Spießertums« kreiert, das »die Unter­
gangsvorstellung als Wellness­Zone« pflegt. Lohnt es,
dagegen anzugehen?
Versuchen Sie mal, mit Pegidisten oder Zeugen Jehovas
zu diskutieren – das sind ja gewissermaßen die Blau­
pausen der Apokalyptiker, und deren seliges Lächeln
zeigt ja schon, wie sehr man sich als Untergangspro­
phet wohlfühlen kann. Es gibt allerdings leider eine gan­
ze Menge kluger Menschen, die ihre innere Depression,
mit der sie die Welt betrachten, gar nicht wahrnehmen.
Sie betreiben das Schwarzsehen, das Awfulizing, über
das wir bereits gesprochen haben, als eine Art Selbst­
therapie. Wenn man die Welt schwarzmalt, spürt man
seine innere Trauer nicht so schmerzhaft. Aber das hat
einen hohen Preis.
Albert Ellis, der Psychologe, der schon in den 1970er
Jahren das Wort awfulizing erfand, formuliert: »Die Kos­
ten dafür, sich selbst panisch, wütend und selbstmit­
leidig zu machen, sind enorm. Sie werden in Zeit, Geld
und sinnlosem Aufwand entrichtet. In unerwünschter
mentaler Pein. In der Sabotage des Glücks anderer. In
dummen Verzettelungen und dem Liegenlassen des
Freudepotenzials des eigenen Lebens – des einzigen
Lebens, das wir je haben werden.«

Bei alledem sind ja vor allem die Menschen selbst die


Gestalter der Zukunft. Ist eine positive Haltung der Zu­
kunft gegenüber bereits konstruktiv?
Es kommt weniger auf »Haltung« an als auf die Fähig­
keit, klügere Fragen zu stellen. Awfulizer erkennt man ja
daran, dass sie jeden Satz mit »das Problem ist . . .« be­
ginnen. Aber statt zu fragen: »Müssen wir nicht fürch­
ten, dass das schiefgeht?« könnten wir auch mal fragen:
»Was bräuchten wir, damit dieses oder jenes gelingt?«
Sozusagen von der gelungenen Zukunft aus denken . . .
Jeder Wandel beginnt ja im Mentalen. Wenn man
zum Beispiel mit dem Rauchen aufhört oder abnimmt
oder sich verliebt, geht das nur, wenn man sich mit sei­
nem zukünftigen Selbst verbindet. Und dann sozusa­
gen von der Zukunft aus versteht, dass das Rauchen ei­
gentlich unwichtig, das Essen ein Genuss und die Liebe
wunderbar ist. Wenn wir aber alles immer nur als Pro­
blem sehen, bleiben wir dick, Raucher und ungeliebt,
weil wir immer nur auf das Problem starren und die Zi­
garette dann irgendwann in unserem Hirn übermäch­
tig wird. Veränderung ist innere Transformation von
der Zukunft aus. So, und nur so, geht Wandel. Ich nen­
ne das die innere Visionskompetenz. Die kann man
trainieren. sd [854]
038 page 02.14 • Projekte • Xxxxxxxxxx
anzeige

Der Referent
● Jochen Rädeker, 49, ist einer der erfolg-
reichsten und profiliertesten Designer im
deutschsprachigen Raum. Er ist Mitbegründer
und geschäftsführender Gesellschafter
von Strichpunkt Design in Stuttgart und
Berlin, Professor für Corporate Identity
an der Hochschule Konstanz, war langjäh-
riger Vorstand und Präsident des Art
Directors Club und hat zahlreiche Fachbücher
zum Thema Marke und Unternehmens-
kommunikation verfasst.

Mit 25 Jahren Berufserfahrung vom Einzel-


kämpfer bis an die Spitze einer der größten
deutschen Designagenturen verfügt Jochen
Rädeker über ein umfassendes Branchenwissen
und einen immensen Erfahrungsschatz in
Sachen Konzeption und Umsetzung komplexer
Designstrategien. Seine Agentur Strichpunkt
steht mit Kunden wie adidas, Audi oder dem
Deutschen Fußballbund für hochwertige
Markenentwicklung, Markenkommunikation
und Publishing im Print-, Online- und 3D-
Bereich, hat mehr als 700 internationale Preise
gewonnen und ist seit Jahren in den Top Ten
des PAGE Kreativ-Rankings vertreten – auch
die Hochschule Konstanz findet sich in den
Rankings der Nachwuchsdesigner ganz oben.
page 02.14
anZeIge
039

pRaXIS

Leitmedium Extended
Design Version
Cases, Strategien, Das Erfolgsseminar
Workshop auf vielfachen Wunsch
jetzt erweitert!

Extended – zwei Tage mit Jochen Rädeker! Die Agenda


● Marken machen rund 50 Prozent des Wertes eines Unternehmens aus. Sie in 1 Identifizieren:
einem immer vielfältigeren Umfeld richtig zu definieren, zu prägen und zu Die Marken-Positionierung.
gestalten ist deshalb eine der wichtigsten und komplexesten Aufgaben, die ein Wie komme ich zu einer belastbaren
Kunde zu vergeben hat. Designer müssen für diese Herausforderung umfassend Corporate Identity, zum Reason Why
gewappnet sein: Sie müssen auf Beratungsebene souverän Prozesse zu Positio- einer Marke? Wertedefinition,
nierung, Vision und Mission moderieren können, auf konzeptioneller Ebene die Vision, Mission und positionierung.
richtige Markenstory entwickeln und auf gestalterischer Ebene überzeugende
und einzigartige Lösungen finden, die in allen Kommunikationskanälen konsis- 2 Verstehen: Der Marken-Workshop.
tent funktionieren. All das müssen sie am Ende auch noch so präsentieren, ein interaktiver Markenworkshop
dass ihr Kunde – ob intern oder extern – die Beratungs- und Designleistungen mit Tools und Techniken für erfolgreiche
als objektiv richtig erleben und bewerten kann und es nicht zu geschmäckle- Markenentwicklung.
rischen Entscheidungen am Küchentisch kommt.
3 Erzählen: Die Marken-Story.
Jochen Rädeker zeigt im PAGE Workshop »Leitmedium Design« sinnvolle Wege Wie erzähle ich als Designer
und Verfahren für eine nachvollziehbare Markenpositionierung auf. Er belegt überzeugende, einzigartige Marken-
anhand konkreter Praxisbeispiele – vom Start-up bis zum Weltkonzern –, wie man geschichten? Fallbeispiele für
mit Marken berührende und begeisternde Geschichten entwickeln und visuell erfolgreiche Corporate Stories.
erzählen kann. Schließlich gibt er Tipps für erfolgreiche Pitches und Präsentations-
strategien und liefert Argumente dafür, dass Investitionen in einen schlüssigen 4 Gestalten: Die Marken-Medien.
Markenauftritt keine Kosten, sondern lohnende Investitionen sind. Wertvolles Wie funktional muss, wie kreativ
Know-how vom Designprofi für Designprofis in Agentur und Unternehmen! darf ein gutes Corporate Design sein,
das auf allen Kanälen überzeugt?
Die zweitägige Variante des beständig aktualisierten und um neueste Cases Medienübergreifende gestaltungs-
ergänzten Seminars bietet noch mehr Raum für Interaktion und Fragen rund konzepte und graphical User Interfaces
um den Arbeitsprozess der Markenentwicklung in der digitalisierten Welt: für zukunftsfähige Marken.
Wie sieht das Design-Manual der Zukunft aus? Wie beeinflussen agile Prozesse
die Markenführung? Wie kommuniziere und kalkuliere ich richtig? 5 Arbeiten: Der Marken-Workflow.
Was sind die größten Stolpersteine im
Verhältnis zum Kunden – und wie
Das Seminar findet statt am 30. Juni/1. Juli im Hotel 25hours, umgehe ich diese? Was ist der richtige
Hamburg-Bahrenfeld, freitags von 10:00 Uhr bis 18:30 Uhr und samstags Workflow für welches projekt?
von 9:00 Uhr bis 17:30 Uhr. Die Teilnahme kostet 1510 euro (zzgl. gesetzlicher Wie kalkuliere ich verständlich?
MwSt.). Die gebühr umfasst die Tagungskosten, Lunch und Kaffeepausen.
Die Teilnehmerzahl ist auf 18 personen begrenzt! also schnell anmelden unter 6 Überzeugen:
  www.page-online.de/seminar  . Die Marken-Präsentation.
Tipps, Tricks und Techniken für zielfüh-
page // ebner Verlag gmbH & Co Kg // info@page-online.de // rende pitches und präsentationen.
Telefon: +49 40 85183400 //  www.page-online.de/seminar
aufgrund der auf 20 personen pro Veranstaltung begrenzten Teilnehmerzahl werden die anmeldungen in Das zweitägige Seminar mit Jochen
der Reihenfolge der eingänge der Zahlungen berücksichtigt. Die Teilnahmegebühr fällt mit der anmeldung Rädeker bietet genug Zeit für Fragen und
an. Sie ist sofort nach erhalt der Rechnung zuzüglich gesetzlicher Mehrwertsteuer ohne abzug zu überweisen.
Bitte beachten Sie unsere Widerrufsbelehrung auf der Leserservice-Seite (siehe Inhaltsverzeichnis). den Austausch untereinander.
THEMEN
page 07.17 041

Wo geht’s
lang?
Für die Navigation auf Desktops und mobilen Geräten scheint es aktuell
nur zwei Lösungen zu geben: entweder endlos scrollen oder das
sogenannte Burger-Menü. Gibt es denn wirklich keine Alternativen?

Two in One
↗  www.beoplay.com/landingpages/ss17

Die Site des Bang-&-Olufsen-Ablegers B&O PLAY zeigt, wie man das Spannungsfeld zwischen
Landing Page und Corporate-Website inklusive Shopfunktion elegant gestaltet: Die von
den Agenturen Trouble aus Frederiksberg (  http://trouble.co )  und I like to play aus Kopenhagen
( h
  ttp://iliketoplay.dk )  entwickelte Landing Page für den Kopfhörer H4 funktioniert sowohl
als scrollbarer One-Pager als auch über eine klassische Menüleiste. Per Klick auf das Burger-
Icon oder per Hochscrollen öffnet sich eine übergeordnete Navigation, die zu weiteren
Produkten führt. Wichtige Elemente wie der Warenkorb bleiben stets fix an einer Stelle, egal,
auf welcher Unterseite der User sich gerade befindet.
042 page 07.17 › Themen › navigationskonzepte

● Vor allem der begrenzte Platz auf den Screens mobiler


Devices hat dem Hamburger-Icon Vorschub geleistet –
Design oder Usability – ganz im Zeichen der Ökonomie: Platz sparen, indem
was ist wichtiger? man die Seitennavigation hinter einem Symbol versteckt.
Kaum eine App, die sich nicht der drei schlichten, über-
»Navigation einanderliegenden horizontalen Linien bediente, um
dem User anzuzeigen, dass das ausführliche Naviga-
ist kein tionsmenü nur einen Klick entfernt ist. Elegant reduziert,
Designthema« erfreute sich das Icon vor allem bei Designern schnell
Usability-Experte Rolf Schulte großer Beliebtheit und setzte seinen Siegeszug auch auf
Strathaus testet in seiner Desktop-Sites fort – mittlerweile ist es fester Bestandteil
Digitalagentur eparo die User vieler Frontend-Frameworks und WordPress-Themes.
Experience von Kunden-
websites ↗  www.eparo.de Immer noch Appetit auf Burger?
»Das Hamburger-Menü funktioniert nicht«, propagiert
● Auf kleinen Seiten geht das Burger-Icon in Ord- hingegen seit Längerem der amerikanische Autor, Spea-
nung, aber sobald Platz vorhanden ist, sollte man Na- ker und Berater James Archer (http://jamesarcher.me/
vigationspunkte explizit machen, vor allem auf Web- hamburger-menu). Die These: Das Burger-Symbol
seiten – auch wenn einige Gestalter es dort schick
finden. Aber Navigation ist nun mal kein Designthe-
ma. Auch sieht man viele Seiten, die Navigationsme-
nüs als Spielwiese behandeln. Häufig sind sie nicht
strukturiert, sondern reihen beliebig Content anei-
nander. Das sind keine Navigationssysteme – es sei
denn, man definiert Navigation als jegliche Art von
Zugang zu Content. Außerdem unterstellt dieser An-
satz dem User eine explorative Neigung statt eines
zielgerichteten Interesses. Unsere Tests haben aller-
dings gezeigt, dass rund zwei Drittel der Webseiten-
besucher erwarten, dass sie sie gut strukturiert und
intuitiv durch den Content führt. Die wesentliche Auf-
gabe muss also lauten, es dem Nutzer so einfach wie
möglich zu machen, damit er umgehend genau die
Dinge findet, die er sucht.

»Usability ist
nicht alles«
Marko Hemmerich, Art-
direktor bei der Digital-
agentur BOOM in Hamburg,
über Sinn und Unsinn
experimenteller Navigation
↗  www.boom.de

● Mit Blick aufs Daily Business sind experimentelle


oder innovative Navigationslösungen oft etwas reali-
tätsfern. Viele sind schlichtweg so aufwendig, dass
kein Kunde sie bezahlen würde. Andererseits sind sie
natürlich eine spannende Inspirationsquelle. Denn
schließlich ist Usability nicht alles: Ein Onlineshop
muss zwar eine vernünftige Conversion erzielen, dem
User aber auch ermöglichen, ein wenig zu stöbern
und sich treiben zu lassen. Die Navigation sollte ihn
dabei eher im Hintergrund begleiten, um den Nutzer
bei Bedarf direkt und schnell an sein Ziel zu bringen.
Im Grunde genommen handelt es sich hier um zwei
User Journeys, von denen man Letztere, also das Stö-
bern, durchaus fantasievoll gestalten kann.
page 07.17 043

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

„Gerade auf Desktop-


Sites sollte man das
Hamburger-Icon
aufgrund seiner
Informationsdefizite
nicht als zentrales
Navigationselement
einsetzen“
Marko Hemmerich,
Artdirektor bei der Digital-
agentur BOOM, Hamburg
↗ www.boom.de

Reduziert und priorisiert


↗  www.theguardian.com/uk

● Als Tageszeitung produziert der britische 
»Guardian« täglich genug Content, um 
etliche Rubriken zu füllen. Glücklicherweise 
setzt das Blatt bei seinem inhouse ent- 
wickelten Onlineauftritt nicht auf perma-
nente, lückenlose Abbildung, sondern auf 
Priorisierung: Der Umfang passt sich an die 
verschiedenen Devices an und konzen triert 
sich auf die wichtigsten Menüpunkte – 
möglich macht’s das Navigations-Pattern 
Priority+ (siehe Seite 44). Hier reduziert 
sich nicht nur die Zahl der Rubriken, sondern 
diese sortieren sich neu, indem sich zum 
Beispiel »fashion« der Kategorie »life« unter- 
ordnet. Zudem passte man das Wording 
im Sinne der Platzökonomie an: Aus »life- 
style« wird »life«, und »culture« mutiert 
Doppelter Boden zu »arts«. Das Burger-Icon ersetzt ein 
↗ www.milwaukeeballet.org expliziter »more«-Button, dessen Slider 
rechts im Menübalken die komplette 
Die ansprechende Gestaltung der Website des  Navigation vertikal einfahren lässt. 
Milwaukee Ballet beeindruckt und irritiert zugleich,  Die Smartphone-Darstellung zeigt den 
denn die Navigationspunkte sind auf einem Kreis   Navigationspfad mittels Slashes an. 
in der Bildmitte »versteckt«. Ergänzt werden sie 
durch eine klassische Navigation, die die wichtigs ten 
Besucher informationen bedient – Tickets, Termine, 
Preise – und ein Burger-Icon, das lediglich die 
Inhalte der Kreis navigation wiedergibt. Offenbar 
wollte man bei der Agentur BVK aus Milwaukee in 
Wisconsin ( w
  ww.bvk.com )   sichergehen, dass der 
User jeden Menüpunkt auch wirklich findet.
044 page 07.17 › Themen › navigationskonzepte

ver­steckt­Informationen,­die­eigentlich­sichtbar­
sein­sollten.­Schließlich­suche­der­User­nach­spezifi­
schen­Inhalten­und­hält­deswegen­nach­kon­kre­ten­
Anhaltspunkten­Ausschau­–­nicht­nach­abstrakten­
Symbolen.­Luke­Wroblewski,­Product­Director­bei­
Google,­schlägt­in­dieselbe­Kerbe:­In­seinem­Auf­
satz­»Obvious­Always­Wins«­belegt­er­mit­Beispie­
len,­wie­sich­das­User­Engagement­in­Apps­dra­ma­
tisch­verringerte,­nachdem­die­expli­zite­Na­vi­ga­tion­
durch­ein­so­abstraktes­Symbol,­wie­das­Burger­Icon­
es­ist,­ersetzt­wurde­(­­https://is.gd/LukeW­­).­
Es­stimmt,­eine­Old­School­Navigationsleiste­ist­
nicht­gerade­cool,­nicht­sexy,­nicht­Hightech,­aber­sie­
funktioniert­und­erfüllt­eine­zentrale­Aufgabe:­»Ein­
gutes­Navigationskonzept­gibt­dem­User­Orientie­
rung«,­sagt­Dr.­Fabian­Hemmert,­Professor­für­Inter­
face­und­User­Experience­Design­an­der­Bergischen­
Universität­(siehe­auch­Seite­109).­»Es­vermit­telt­ihm­
auf­einen­Blick,­wo­auf­der­Website­er­sich­ak­tuell­be­
So sieht Facebooks findet,­wohin­er­gehen­kann­und­wo­er­bereits­gewe­
User Interface sen­ist.«­Egal,­ob­er­über­die­Landing­Page­einsteigt­
nach dem Ende der oder­per­Google­Suche­auf­einer­Unterseite­lan­det:­
Alleinherrschaft Gän­gige­Navigationsmuster­helfen­dem­User,­ei­nen­
des Burger­Icons aus: Überblick­zu­bekommen,­und­er­versteht­sie­intu­itiv.
Die vier wichtigen
Menüpunkte sind Mobile- vs. Desktop-Navigation?
separat aufgeführt,
hinter dem Burger­
Wie­man­das­Hamburger­Icon­dennoch­auf­mobilen­
Icon verstecken Devices­gewinnbringend­einsetzen­kann,­hat­nicht­
sich lediglich sekun­ zuletzt­Facebook­in­seiner­App­vorgemacht:­Die­wich­
däre Inhalte tigsten­Navigationspunkte­finden­sich­in­einer­Navi­
gationsleiste­am­unteren­Ende­des­Screens,­hinter­
dem­Hamburger­Icon­verbergen­sich­hingegen­nur­
noch­sekundäre­Inhalte.­Gerade­auf­Smartphones­
und­Tablets­macht­es­Sinn,­so­die­Vorteile­des­platz­
sparenden­Icons­zu­nutzen.­
So funktioniert Priority+ Und­auch­immer­mehr­Nutzer­verstehen­das­Sym­
● Ganz gleich, ob Mobile Device oder Desktop: bol­ mittlerweile:­ »Unsere­ Erfahrungen­ haben­ ge­
Viele Gestalter halten das von dem Berliner zeigt,­dass­die­User­mit­dem­Hamburger­Menü­inzwi­
Frontend Developer Michael Scharnagl erst­ schen­besser­zurechtkommen«,­berichtet­Rolf­Schul­
mals 2012 erwähnte Navigationspattern Prio­ te­Strathaus,­der­im­Testlabor­seiner­Agentur­eparo­
rity+ mittlerweile für die bessere Alternative in­ Hamburg­ für­ Kunden­ regelmäßig­ User­Experi­
zum Burger­Icon: Das Pattern passt das Menü ence­Tests­durchführt.­Daraus­ließe­sich­aber­keine­
stets der Screengröße unterschiedlicher De­ allgemeingültige­ Empfehlung­ für­ das­ Burger­Icon­
vices an, indem es die Anzahl der Einträge pri­ ableiten.­Gerade­auf­Desktop­Sites­soll­te­man­es­auf­
orisiert und verringert. Auf Desktop­Seiten re­ grund­seiner­Informationsdefizite­nicht­als­zentra­les­
agiert es auf die Größe des Browserfensters. Navigationselement­einsetzen,­meint­Marko­Hem­
Im Minimalmodus ergänzt es die reduzierte merich,­Artdirektor­bei­der­Hamburger­Digitalagen­
horizontale Menüleiste nach einem Klick um tur­BOOM.­Denn­zum­einen­gebe­es­hier­keine­akute­
eine vertikale Listenansicht, die alle Einträge Platznot,­zum­anderen­sei­das­kleine­Icon­auf­gro­
der Navigation anzeigt. Mit dem höheren In­ ßen­Bildschirmen­zu­unauffällig.­
formationsgehalt der Navigationsmenüs, die Müssen­Designer­und­Developer­unter­schied­li­
dem Priority+­Pattern folgen, verbessert sich che­Navigationssysteme­für­große­und­kleine­Screens­
die Usability beträchtlich. Ein Beispiel dafür ist aufsetzen?­Nicht­zwangsläufig.­Die­Kombination­aus­
die »Guardian«­Site (siehe Seite 43). Icon­und­expliziter­Navigationsleiste­stellt­auch­einen­
für­Desktop­Sites­gangbaren­Weg­dar.­Alles­eine­Fra­
ge­der­Priorisierung­–­so­wie­bei­mobilen­Anwen­
Mehr Navigationsmuster jenseits von
Burger und Klassikmenü präsentieren dungen:­»Wichtige­Call­to­Action­Elemente­bezie­
wir auf ↗  www.page-online.de/ hungsweise­Handlungsaufforderungen­sollten­im­
navigationsalternativen_0717 mer­gut­und­schnell­sichtbar­sein«,­erklärt­Stefan­
Schröter,­Head­of­Digital­Design­bei­der­Hambur­
page 07.17 045

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stieg ahnt man nicht einmal, dass hier Wein angeboten  des Grid-Layouts in ein asymmetri sches Raster zeigt, dass spiele - 
wird. Kurzum: Ein verspieltes Szenario, dessen explora-  rischer Ansatz und Funktionalität einander nicht ausschließen 
tiver Ansatz eher Designer als UX-Experten anspricht.  müssen. Neben einigen Buttons kann man auch über Bilder auf die 
Zur Sicherheit integrierten die Gestalter der Agentur  Produktseiten navigieren. Generell teilt sich die Seite in einen 
AQuest aus Verona ( w   ww.aquest.it )   noch ein Burger- Shop (»all products«) und einen Blog (»all stories«) mit Produkt-
Icon zum direkten Ansteuern des Sortiments. geschichten. Diese beiden Auswahlbuttons bleiben auch beim 
Scrollen am unteren Bildrand fixiert, bis der User eine Wahl trifft. 
Bei Klick auf »Menu« links oben fährt eine vertikale Navigation  
ins Bild, sodass man jederzeit zwischen beiden Seiten wechseln 
kann – der Warenkorb bleibt stets oben rechts. 
046 page 07.17 › Themen › navigationskonzepte

ger Agentur Kolle Rebbe. »Bei Onlineshops wer-


den daher auf den mobilen Geräten die aus Conver-
sion-Sicht wichtigsten Menüpunkte wie der Waren-
korb oder die Suche nicht im Burger-Menü versteckt.«
Und bei umfangreichen Websites mit mehreren Na-
vigationsebenen bietet sich hier auch mal die gute
alte Breadcrumb-Navigation an. Mit ihrer Hilfe fin-
det sich der User auch dann zurecht, wenn aktive Me-
nüpunkte nicht auszumachen sind, weil die Naviga-
tion in einem Burger versteckt ist.

Patterns erleichtern das Verständnis


Aber auch andere Navigationspatterns mobiler De-
vices finden im Web Anwendung – mal mehr, mal
weniger sinnvoll: vertikale Listen auf Slidern, die per
Klick seitlich in den Screen gleiten, oder Spielarten,
bei denen man direkt über den als Grid angeordne-
ten Content navigiert. Als verheißungsvollste Alter- Der Referent
native zum Hamburger-Icon gilt neben der Tab-Leis-
te die Priority+-Navigation – eine horizontale Leiste, ● Hagen Seidel ist Head of Delivery bei der inter-
die sich stets der Größe des Viewports anpasst (siehe national vielfach ausgezeichneten Kreativagentur
»So funktioniert Priority+« auf Seite 44). für digitales Marketing Razorfish Deutschland mit
Wer sich im Netz umschaut, trifft allerorten auf Dependancen in Frankfurt am Main, Berlin und
ebenso ansprechende wie gewagte Konzepte. In der München. Er ist zertifizierter Scrum Master und
jüngeren Vergangenheit inspirierten WebGL und an- verantwortet als Projektmanager nicht nur die
dere neue Technologien Designer und Developer zu Budgets sowie die Qualität und Profitabilität von
explorativen 360-Grad-Navigationen. »Natürlich ist Projekten, sondern stellt auch die Einhaltung
es schön, wenn eine Seite sich nicht nur ganz sach- der Agenturworkflows und Projektmanagement-
lich auf Usability konzentriert, sondern auch irgend- Prozesse sicher. Darüber hinaus ist er für die
wie inspirierend daherkommt«, meint Stefan Schrö- Weiterbildung und Zertifizierung des agentur-
ter mit Blick auf Seiten wie Campo alle Comete (siehe eigenen Projektmanagement-Teams zuständig.
Seite 45). »Bei anderen Seiten fragt man sich wiede-
rum, ob die überhaupt performen, weil die Naviga- Hagen Seidel schöpft aus 15 Jahren Berufserfah-
tion so verspielt daherkommt, dass man kaum glaubt, rung als Angestellter und Freelancer in Start-up
dass der Nutzer überhaupt ans Ziel gelangt.« Nicht und Netzwerkagentur. Er begann seine Laufbahn
zufällig handelt es sich dabei oft um Agentur- oder als Frontend-Programmierer, bevor er ins tech-
Portfolioseiten, die zu einem Großteil darauf ausge- nische Projektmanagement wechselte und 2008
richtet sind, potenzielle Kunden zu beeindrucken. bei Razorfish Scrum einführte. Er managte Pro-
»Wer mit der Navigation experimentiert, sollte ei- jekte wie den Multitouch-Table für den Audi City
nen guten Grund dafür haben. Er sollte sehr sorgfäl- Showroom London und realisierte mit Kunden
tig vorgehen und ausgiebig testen«, gibt Rolf Schul- wie DHL, Allianz, Nintendo und Wilkhahn Internet-
te Strathaus zu bedenken. Denn ein experimentel- auftritte, Apps und Cross-Channel-Kampagnen.
les Navigationskonzept läuft Gefahr, dass der Nutzer
es nicht versteht und die Seite verlässt. Schauen Sie
sich um, was geht: Wir haben innovative Navigations-
konzepte für Sie unter die Lupe genommen. as [824]
„Das Seminar war
Navigationskonzepte durchbrowsen. wirklich großartig!
hier geht’s zur verlinkten Beispielgalerie Hat mir außerordentlich
↗  www.page-online.de/navigation_0717
gut gefallen. Hagen war ein
klasse Referent, er lebt den
PAGE eDossier »Microinteractions: Animatio- Inhalt regelrecht.“
nen und Transitions«. Best practices, proto-
typen und Wireframes für android und iOS
gibt’s hier ↗  www.page-online.de/pDDp1091

PAGE eDossier »Webdesign heute – standar-


Dr. Daniel Schulten, Vorstand
disiert oder individuell?«. mehr zum Thema
mobile First vs. high-end-Desktop-navigation netzkern AG, Agentur für
↗  www.page-online.de/pDDp1083 Interaktive Kommunikation
page 07.17
aNZeIge
047

1 pRaXIS
Weitere PAGE Seminare finden
Sie unter www.page-online.de/seminar

Die Agenda: Tag 1

Agil ans Ziel 1 Herausforderung digitales


Projektmanagement
In digitalen projekten hat man mit unter-
schiedlichsten Kunden, Zielen, Nutzern
Modernes und Technologien zu tun. Wie kann man

projektmanagement – projekte klassifizieren? Und was bedeutet


es, heute projektmanager zu sein?
Cases, Techniken,
Methoden 2 Allgemeingültige Projektphasen
trotz Diversifikation
Was unterscheidet klassisches und agiles
projektmanagement? Welche phasen und
Schritte haben Strategie-, Kreations- oder
technische Umsetzungsprojekte gemein?
Das zweitägige Seminar »Agil ans Ziel«
3 Agiles Projektmanagement
● Unternehmen aller Branchen müssen heute digitale Produkte und Services Welche agilen Methoden gibt es und
bieten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch Projekte mit neuen Techno- für welches neue Wertesystem
logien und neuen Konzepten sind oft komplex und schwer einzuschätzen. stehen sie? Stichwort »agiles Manifest«
Zudem liegen nur selten Erfahrungswerte vor. Auftraggeber und Projekt-
beteiligte – inhouse wie extern – sammeln darum während des Entwicklungs- 4 Planen und Schätzen
prozesses fortwährend neue Erkenntnisse. Entsprechend häufig ändern Wie werden anforderungen erfasst
sich die Anforderungen. Und das bei immer unumstößlicheren Deadlines. und geschätzt? Und wie nutze ich das
product Backlog als zentrales Tool?
Höchste Zeit also, auch im Projektmanagement neue Wege zu beschreiten und
das Vorhaben agil, sprich: schrittweise in einem sich selbst organisierenden,
interdisziplinären Team in Zyklen anzugehen! Das traditionelle Wasserfall- Die Agenda: Tag 2
modell setzt vorhersehbare Projektverläufen voraus, die agile Methode passt sich
an und legt den Fokus auf umgesetzte Funktionalitäten. Mit agilem Projekt- 1 Rollen und Verantwortlichkeiten
management kann man auf kurzfristige Änderungswünsche des Kunden rasch agiler Coach, Team und product Owner –
reagieren und sogar in späten Projektphasen flexibel auf Change Requests ein- jeder leistet seinen Beitrag zum erfolg.
gehen. Doch wie genau lässt sich der eigentlich in der Softwareentwicklung behei- Welche Rechte und pflichten gibt es und wie
matete Ansatz für kreative Konzepte nutzen? Wie etabliert man ihn im Team? ändern sich diese im projektverlauf?

Profitieren auch Sie vom immensen Erfahrungsschatz Hagen Seidels! In unserem 2 Meeting-Kultur in agilen Projekten
zweitägigen Seminar zeigt er anhand konkreter Cases, welche Projekte sich planungs-Meeting, Daily Standup, Review-
mit agilen Methoden umsetzen lassen – und welche nicht. Er erläutert, welche Meeting: wie oft, wie lange, wer ist dabei?
Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Projektleiter, Projektmitarbeiter Tipps und Tricks für die Durchführung
und Auftraggeber auf Augenhöhe zusammenarbeiten können, und er zeigt,
wie man heterogene Teams aus Strategen, Konzeptern, Creative Developern, 3 Reporting und Risikomanagement
Designern, Informationsarchitekten, Artdirektoren, Textern und Testern Welche Tools und Helfer gibt es im agilen
zu Winning Teams macht. Er gibt Anregungen und vermittelt Lösungsansätze projektmanagement? Und welche aspekte
sowie Handlungsempfehlungen für alle, die das agile Prinzip durchdringen des klassischen projektmanagements
und in ihrer Agentur oder Firma vorantreiben wollen – kurzum: für alle, die sollte man in der Hinterhand haben?
interdisziplinäre Projekte erfolgreich durchführen wollen.
4 Team Building
Das PAGE Seminar findet am 19./20. Oktober im Hotel 25hours, Was bedeutet »Inspect and adopt«
Hamburg-Bahrenfeld, von jeweils 9:00 bis 17:00 Uhr statt. Die Teilnahme als philosophie? Wie implementiert man
kostet 1480 Euro (zzgl. gesetzlicher MwSt.). Die Gebühr umfasst die Tagungs- sie, damit man als Team besser
kosten sowie Lunch und Kaffeepausen. Die Teilnehmerzahl ist auf 18 Personen zusammenarbeitet? plus: guidelines für
begrenzt! Also schnell anmelden unter  www.page-online.de/seminar . Retrospektiven in agilen projekten

page // ebner Verlag gmbH & Co. Kg // info@page-online.de //


Telefon: +49 40 85183400 //  www.page-online.de/seminar
Aufgrund der auf 18 Personen pro Veranstaltung begrenzten Teilnehmerzahl werden die Anmeldungen in der Der PAGE Workshop mit Hagen Seidel lässt
Reihenfolge der Eingänge der Zahlungen berücksichtigt. Die Teilnahmegebühr fällt mit der Anmeldung an. genug Zeit für Fragen und Diskussionen und den
Sie ist sofort nach Erhalt der Rechnung zuzüglich gesetzlicher Mehrwertsteuer ohne Abzug zu überweisen.
Bitte beachten Sie unsere Widerrufsbelehrung auf der Leserservice-Seite (siehe Inhaltsverzeichnis). Austausch der Teilnehmer untereinander.
048 page 07.17 › Themen › pop-up-Stores

Im Hermèsmatic,
einem Pop-up-
Store von Hermès,
konnten Kunden
eigene Halstücher
überfärben lassen

Wunderbarer Waschsalon
● Alles andere als hermetisch präsentierte sich
die Marke Hermès mit dem Pop-up Hermès-
matic anlässlich ihres 80-jährigen Jubiläums:
In diesem temporären Shop, der den Wasch-
salon wahrhaft salonfähig macht, hatten Kun-
den in München, Straßburg, Amsterdam und
Kyoto die Möglichkeit, ihre Hermès-Halstücher
zwecks Refreshment kostenlos überfärben zu
lassen. Wer in seinem Kleiderschrank ein Car-
ré herumhängen oder -liegen hatte, das nicht
mehr zu seinem aktuellen Look passte, konnte
es also unter farbtechnischer Anleitung in einer
der Waschmaschinen professionell updaten las-
sen und ihm so ein zweites Leben schenken.
Das Konzept passt zum Upcycling-Trend,
distanziert sich stilistisch aber radikal von je-
der ökigen Ästhetik. Die Markenfarbe Orange
brandet auf plakative Art quasi alles – ob Wasch-
maschinen, Schalensitze, Waschpulverkartons
(in Warhol-Manier aufgereiht), Türrahmen oder
Böden. Da die Produkte dabei eine eher unter-
geordnete Rolle spielen, wirkt das Ganze fast
wie eine monochrome Kunstinstallation. Mit
diesem Projekt erkundet Hermès auf überra-
schende Weise neues Terrain. Nicht das Pro-
duktangebot, sondern der Refreshment-Service
steht hier im Mittelpunkt – was das Shopdesign
geradezu perfekt kommuniziert.

Hype-Gene
Temporäre Shopping-Oasen im globalen Einerlei: Pop-up-Stores sind als Branding-Tool ein
page 07.17 049

● Pop-up-Stores waren mal etwas sehr Hippes, das


machten die echt coolen Labels. Mittlerweile eröff-
nete selbst ALDI einen solchen zur Weinprobe, und
Lidl offerierte seine Klamotten in einem temporä-
ren Geschäft am Neuen Wall in Hamburg zwischen
den Edelboutiquen der Global Players. Pop-ups sind
heute also nicht mehr Guerillastrategie, sondern
totaler Mainstream.

Foto: Sandra Steh


Für große Marken sind die kurzweiligen Konzepte
mehr denn je zum unverzichtbaren Branding-Tool
geworden. Sie nutzen diese, um dem Konsumenten
nicht immer nur den selbst gekochten globalen Ein-
heitsbrei vorzusetzen, bei dem der Flaneur in jeder
Metropole die gleichen Déjà-vus hat, nur in anderer
Reihenfolge. Sie eröffnen Pop-ups, um sich von ih-
rem Corporate-Korsett zu befreien, um die Kunden
zu überraschen, um lokales Flair zu zelebrieren und
um durch zeitliche Begrenzung oder auch exklusi-
ven Zutritt Begehrlichkeiten zu wecken.
Zudem erkennen die Marken, dass die Kurzzeit-
Stores über den reinen Verkauf oder Produktlaun-
ches hinaus Erstaunliches leisten können: Sie tau-
gen dazu, den Appetit von Kunden auf neue Produkt-
ideen auszuloten, neue Märkte zu inspizieren, inter-
aktive Shoppingexperimente anzutesten, Persona-
lisierungskonzepte auszuprobieren oder Einblicke
in Produktionsinnovationen zu bieten.

Schlangestehen trotz Überfluss


Kleine Labels nutzen Pop-ups, da sie sich die Innen-
stadtmieten auf Dauer nicht leisten können. So ist
es möglich, einen Testballon in einer anderen Liga
zu starten oder den E-Commerce zu flankieren. Denn
der Pop-up-Hype ist vor allem auch eine Ant wort
auf die Digitalisierung. Viele Online-Anbieter tau-
chen nun doch gern mal im echten Leben auf, um
Markenerlebnisse für alle Sinne zu zelebrieren und
einen realen Community-Treffpunkt zu schaffen.
Musiker und andere Stars haben das Format eben-
falls für sich entdeckt. Kanye West etwa vertrieb die
Foto: Martial Schmeltzer

Merchandising-Produkte seiner »Life of Pablo«-Tour,


indem er weltweit in 21 Städten gleichzeitig Pop-
ups eröffnete – die Globalisierung eines Konzepts,
das einst als Komplementärentwurf zum globali-
sierten Shopping-Erlebnis startete. Und trotzdem:
Vor dem Laden in Berlin-Kreuzberg kampierten die
Fans mit Engelsgeduld. Als Kylie Jenner, Reality-TV-
Star, Model und Unternehmerin, einen Kosmetik-

rator
Pop-up-Store in New York eröffnete, standen die
Enthusiasten schon ab 1 Uhr vor diesem herum, um
Schminke zu ergattern.
Diese Events – muten sie manchmal auch absurd
an – zeigen, wie sich die Emotionalität der jewei-
ligen Anhängerschaft an einem solchen temporär
installierten Hotspot wie mit einem Brennglas bün-
deln lässt. Obendrein erwächst daraus oft eine er-
staunliche Eigendynamik: Eine Schlange rund um
den Block bestätigt aus Sicht der Community den
Status der Marke und lässt die Ware zum Fetisch
echter Dauerbrenner. Wir zeigen Highlights werden. Der Menschenauflauf sorgt für die Auf-
050 page 07.17 › Themen › pop-up-Stores

Eine Schlange rund um den Block bestätigt aus Sicht der Community den Status der Marke und macht die Ware zum
Fetisch. Der Menschenauflauf sorgt für die Aufmerksamkeit der Medien und liefert Stoff für die Social Networks.
merksamkeit der Medien und liefert Stoff für die Das Angebot ist dadurch nicht nur gigantisch ge-
sozialen Netzwerke, die das Ganze weiter befeuern wachsen, die Anmietung ist auch viel einfacher ge-
und die Schlange ins Digitale verlängern. worden, was dem Pop-up-Hype weiter Auftrieb gibt.

Shopsuche à la Airbnb Perfektionismus statt Improvisation?


Die Städte begrüßen Pop-ups, weil sie die öden Ein- In diesem wachsenden Wettbewerb zeichnen sich
kaufsstraßen wiederbeleben und die Möglichkeit bie- auch seltsame Tendenzen ab. Große Marken betrei-
ten, leer stehende Objekte attraktiv zu bespielen. In ben zuweilen so viel Perfektion, dass sich der tem-
München eröffnet in Kürze in der früheren König- poräre kaum noch vom dauerhaften Store unter-
lichen Filialbank ein gigantisches Pop-up-Projekt: scheiden lässt – das Format wird ad absurdum ge-
Auf 4800 Quadratmetern ziehen ein Hotel, Clubs, führt. Ein deutlicher Trend ist auch die technische
Bars, Cafés, Läden und Studios ein – nur bis 2019. Aufrüstung: So installierte eBay Ende 2016 in Lon-
Weltweit lassen sich immer mehr Vermieter auf don für zwei Tage ein Pop-up, in dem die Vorlieben
Kurzzeitmodelle ein, da sie so Leerstände vermei- des Kunden digital ermittelt wurden: Während die-
den können. Entsprechend steigt auch die Zahl an ser sich Bilder von zwölf Produkten anschaute, ana-
Agenturen und Onlineplattformen, die sich auf die lysierte das System per Kamera seine mimischen
Vermietung von Pop-up-Locations spezialisieren, Reaktionen und gab daraufhin Empfehlungen für
darunter Storefront, Brick Spaces oder Appear Here. den Kauf der Weihnachtsgeschenke.
Auch die Shopdesignbranche entwickelt Lösun-
gen, um von der Pop-up-Welle zu profitieren. Die
Retail-Plattform WithMe bietet zum Beispiel einen
mobilen Flagship-Store für interaktives Einkaufen
an. Dieser besteht aus vier Modulen, die sich zu
einem etwa 280 Quadratmeter großen Laden ver-
binden lassen. Das Konzept umfasst einen React-
able Table, einen Smart Fitting Room oder eine
Pixel Wall für programmierbare Lichteffekte und
Brand Visuals, deren einzelne Fächer per Robotik
gesteuert werden. Wenn sich ein Kunde dieser Wand
mit einem mittels RFID getaggten Produkt nähert,
schiebt sich ihm ein Fach entgegen, um die für ihn
relevanten Informationen anzuzeigen, etwa andere
Farben oder Größen.
Die konzeptionelle Ausrichtung auf den ständi-
gen Umzug führt am Ende allerdings dazu, dass so
ein mobiler Shop – egal, in welcher Stadt auf der
Welt und an welcher Location er aufgebaut ist – stets
exakt gleich aussieht. Angesichts der Tendenz, Pop-
ups hinsichtlich ihrer Mobilität zu perfektionieren
und technisch aufzurüsten, dürfte also die Heraus-
forderung wachsen, den temporären Charme, die
Atmosphäre des Improvisierten, die Besonderheit
des jeweiligen Orts zu bewahren – schließlich lag
darin die Faszination für dieses Shopping-Format
ursprünglich begründet. Insofern lohnt es sich wei-
terhin, auch die kleinen Kurzzeit-Shops mit ihrem
subkulturellen Charakter als Inspirationsquelle im
Blick zu behalten.
Im besten Fall gelingt es, Marken per Pop-up
mehr Authentizität zu verleihen, ihnen Lebendig-
keit einzuhauchen, sie atmen zu lassen. Auf diesen
Seiten präsentieren wir Beispiele, die zeigen, wie
sich das Format erfolgreich mit unterschiedlichsten
Funktionen aufladen lässt. Jutta Nachtwey [887]

Das wohl kleinste Pop-up-Format: Snap schickte Auto- Jutta Nachtwey, freiberufliche Journa-
maten durch die USA, an denen man die Kamera- listin, staunte bei all den YouTube-Videos
sonnenbrillen Spectacles kaufen konnte. Da sie, unter über stundelanges Schlangestehen
anderem via Twitter angekündigt, nur für kurze vor pop-up-Stores, wie gerne sich Leute
Zeit auftauchten, bildeten sich endlose Schlangen in Zeitnotzeiten freiwillig langweilen.
page 07.17 051

Schön abgetakelt: In die ehemalige Männer-


toilette einer Londoner U-Bahn-Station zog
das Streetwear-Label Ejder

Lange Weile ohne Langeweile


● Kleine Labels haben es im allgemeinen Pop-up-
Hype zwar inzwischen schwer, überhaupt wahrge-
nommen zu werden, die Betaästhetik ihrer tempo-
rären Läden wirkt allerdings häufig glaubwürdiger
als der nur simuliert unperfekte Look der großen
Brands. So setzte das britische Männer-Streetwear-
Label Ejder in aller Konsequenz auf Authentizi-
tät, als es im Mai 2016 gemeinsam mit dem Fashion-
Retailer 24hourclub in der früheren Herrentoilette
der Londoner U-Bahn-Station Old Street Quartier
bezog und die grünen 50er-Jahre-Kacheln natürlich
schön drin ließ.
In diesem Ex-Klo kann man aber nicht nur Kla-
motten kaufen, sondern auch Konzerte und andere
Events besuchen. Denn für Simon Suphandagli,
Gründer und Kreativdirektor von Ejder, geht es da-
rum, in Interaktion mit der Community »kulturelle
Momente« zu schaffen und dadurch »Relevanz« zu
erzeugen. Die Marke war 2012 zunächst als Online-
Retailer gestartet, bevor sie diverse Pop-ups in Lon-
don, Paris und Toronto installierte. In der U-Bahn-
Toilette, die 70 Jahre unbenutzt vor sich hingeschlum-
mert hatte, war der temporär konzipierte Store dann
so erfolgreich, dass daraus eine dauerhafte Institu-
tion wurde – erst mal will Ejder dort bleiben.
052 page 07.17 › Themen › pop-up-Stores

lokales Flair zu zelebrieren und um durch zeitliche Begrenzung oder auch exklusiven Zutritt Begehrlichkeiten zu wecken.
In der Kodakery stellte Kodak das Smartphone Ektra vor
Große Brands eröffnen Pop-ups, um sich von ihrem Corporate-Korsett zu befreien, um ihre Kunden zu überraschen, um
und spielte mit dem Charme der Dunkelkammer
Foto: Camron PR (www.camronpr.com)

Blick zurück nach vorn


● Pop-up-Stores sind zu einem wichtigen Werk-
zeug geworden, um neue Produkte zu launchen oder
Brand-Storys zu kommunizieren. Kodak tat in Zu-
sammenarbeit mit der Agentur Jack Morton beides
auf einen Streich: In der Kodakery im Londoner
Stadtteil Soho schickten sie im Dezember 2016 das
»Photography First«-Smartphone Ektra in einem
Ambiente an den Start, das die Historie des Unter-
nehmens lebendig werden ließ. Schon der Name
des Stores birgt den Verweis auf diese, denn »Koda-
Personal Pullover
kery« war auch der Name des Monatsblatts für Ama- ● Die »Bekleidungsfertigung der Zukunft« teste-
teurfotografen, das die Eastman Kodak Company te adidas in der Concept-Shopping-Mall Bikini
zwischen 1913 und 1932 herausgab. Berlin mit dem Pop-up Knit for You. Von Ende
Jack Morton entwickelte ein Shopdesign, das Januar bis Mitte März konnte der Kunde, nach-
von der Dunkelkammer inspiriert ist, und stellte da- dem er per Bodyscan vermessen worden war, an
rin Kodak-Produkte aus der Analog-Ära zur Schau – einem Bildschirm seinen Pullover nach eigenen
alte Kameras, Rollenfilme – sowie Entwicklungs- Vorlieben gestalten, bevor dieser direkt vor Ort
wannen und Fotos, wie zum Trocknen mit Klam- innerhalb weniger Stunden aus Merinowolle ge-
mern an Leinen befestigt. Der temporäre Shop war strickt wurde – »Lieblings-Pulli to go« nennt es
als Creative Hub mit Tutorials und Ausstellungen adidas. Anders als bei der Online-Personalisie-
für Fotografieenthusiasten konzipiert und bot na- rung konnte der Kunde hier Beispielprodukte
türlich auch die Möglichkeit, das neue Ektra-Phone direkt befühlen und Farben auf dem Original-
zu testen. Mit diesem Mix aus inszenierter Marken- material betrachten. Darüber hinaus erhielt er
geschichte und gleichzeitigem Launch eines innova- Einblick in die Entstehung seines Kleidungs-
tiven Produkts sollte »die kreative Renaissance« von stücks – ein Prozess, der sich sonst hinter den
Kodak erfahrbar werden. Kulissen abspielt.
page 07.17 053

Pilot-Pop-up
● Stühle und Sessel aus dem Drucker? Stühle und Sessel mitgestalten kön-
Dass dies keine Zukunftsmusik mehr nen, die dann im Laden hergestellt und
ist, bewies das kanadische Start-up innerhalb von 24 Stunden ausgeliefert
Print The Future im März in seinem werden. Das Ziel ist es, anknüpfend
Pop-up in Manhattan. Per BigRep- an den Pilot-Pop-up-Store in verschie-
3D-Drucker wurden die geometrisch denen Metropolen dauerhafte Läden
und organisch geformten Möbelstü- zu eröffnen.
In adidas’ Pop-up-
cke im Laden live hergestellt. Das Un- Derzeit verwendet Print the Future
Store Knit for You
konnten Kunden
ternehmen möchte den Möbelmarkt recycelte Materialien, und das 3D-
Pullover selbst aufmischen und nutzte den temporä- Druckverfahren ermöglicht ein Zero-
gestalten, die dann ren Store, um die Geschäftsidee und Waste-Konzept. Wenn das Unterneh-
direkt vor Ort das Produktionsverfahren der Öffent- men sein Store-Netzwerk ausgebaut
produziert wurden lichkeit zu präsentieren. Print The Fu- hat, braucht man in Zukunft nicht
ture will sich mit bekannten Interior mehr Möbel um den Globus zu schi-
Designern zusammentun und sie bei cken, sondern nur noch die Daten,
der Entwicklung eigener Serien unter- mit denen sie dann am gewünschten
stützen. Der Kunde soll zudem seine Ort produziert werden. jn

Das Start-up
Print The Future
zeigte in seinem
Pop-up, wie
sich Möbel per
3D-Druck
herstellen
lassen

Für die Sportmarke ist der Knit-for-You-Store


ein erster Meilenstein in ihrem Forschungspro-
jekt »Storefactory«, das vom Bundesministerium
für Wirtschaft und Energie unterstützt wird. Da-
bei untersuchen Experten aus Wirtschaft und
Wissenschaft, welche neuen flexiblen Produk-
tionsverfahren dem Konsumenten Personalisie-
rungsmöglichkeiten sowie neue digitale Erleb-
nisse in die Läden bringen können.
Bei diesem Pop-up-Konzept gelang es adidas,
dem technologisch hochgerüsteten Store authen-
tisches Fabrikflair als attraktive Alternative zur
herkömmlichen Konsumweltdeko zu verleihen
und sowohl dem Do-it-yourself-Bedürfnis des
Users als auch seinem Wunsch, hinter die Kulis-
sen zu blicken, gerecht zu werden.
054 page 07.17 › Themen › Webtypografie

„Browsern
fehlt es an
typografischer
Intelligenz“
page 07.17 055

Gute Typografie ist


Font einfügen können, den alte Browser nicht verste­
hen und auch nicht runterladen. Chrome weiß da­
gegen: Aha, hier ist ein Variable Font, also nehme ich
im Web nach wie vor den und die anderen nicht. Natürlich ist das zunächst
mit etwas mehr Aufwand verbunden, weil wir immer
nicht ganz leicht zu beide Welten bedienen müssen.
Dann werden wir also bald Websites mit

erreichen. Developer
Variable Fonts sehen, aber noch immer keine
Texte mit funktionierender Silbentrennung?
Durchaus möglich, Silbentrennung haut nach wie
und Typo-Fan Harry vor nicht wirklich hin, deshalb gibt es ja auch kaum
Blocksatz im Web. Wenn ich es mal probiert habe,

Keller erklärt, warum funktionierte es in drei Browsern und im vierten hat­


te ich seltsam abgeschnittenen Text. Erschwerend
kommt hinzu, dass sich Silbentrennung in den ver­
schiedenen Sprachen unterscheidet. Das müsste der
Browser also wissen, wenn ich zum Beispiel in ei­
nem deutschen Text ein englisches Zitat habe.
Silbentrennung ist aber nicht das einzige
Problem.
Tricky sind nach wie vor Einzüge zur Trennung von
Absätzen, das Manipulieren einzelner Buchstaben,
zum Beispiel für die Spationierung, oder auch ein
ausgeglichen umbrochener Text für Headlines. Oder
hängende Initialen. Die bedeuten stets ein riesiges
● Als ihm seine Eltern 1995 einen Mac schenkten, ta­ Gefummel. Will man Initialen typografisch richtig
ten sie das mit dem Hintergedanken, ihn von Compu­ setzen, folgen sie einer internen Logik: Die Grund­
tergames fernzuhalten. Während also alle sein Freun­ linie der Initiale soll die Grundlinie des Textes auf­
de »Resident Evil« spielten, spielte Harry Keller mit greifen. Leider gibt es in CSS aber kein richtiges
Photoshop 1.0. Später studierte er Medieninforma­ Grundlinienprinzip. So sehen Initialen in verschie­
tik an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin und denen Browsern immer unterschiedlich und fast
entdeckte dort nicht nur seine Faszination fürs Pro­ immer falsch aus.
grammieren, sondern auch sein Fable für Typografie. Webdesigner arbeiten ja gerne mit Containern.
Nach Stationen bei »11 Freunde«, Edenspieker­ Was passiert mit dem Text, wenn man diese
mann und A Color Bright gründete er 2015 in Berlin Rahmenkonstruktionen verschiebt?
die Digitalagentur diesdas.digital ( https://diesdas. Das Verschieben ist nicht das Problem, eher die Text­
digital ). Hier entwickelt er gemeinsam mit einem größe. Beispiel: Ich möchte, dass eine nur aus drei
Team von Developern und Designern Marken, Web­ Buchstaben bestehende Headline so groß wie mög­
sites und Apps. Wir sprachen mit dem designaffi­ lich auf einem Bild steht. Ändert sich die Headline
nen Energiebündel über hängende Initialen, Variable dann aber zu drei Wörtern, hätte ich gerne, dass sich
Fonts und Browserintelligenz. ant der Text entsprechend skaliert, aber immer noch so
groß ist wie möglich. Ich würde dem Browser also
Variable Fonts, also Schriften, die sich gerne sagen: »Setz den Text in eine Zeile und mach
stufenlos verstellen lassen, sind das Thema ihn so groß, wie es geht, ohne ihn zu umbrechen.«
der Stunde. Was hältst du davon? Mit Zusatztools lässt sich das erreichen, vom Brow­
Harry Keller: Fürs Web sind variable Schriften schon ser selbst her funktioniert es aber nicht, denn er be­
allein deswegen großartig, weil nicht länger mehre­ sitzt keine typografische Intelligenz.
re Schnitte durch die Leitung gehen müssen, wenn Könnte man diese Browsern beibringen?
man beispielsweise Light, Regular und Bold braucht. Im Moment ist das eher eine Wunschvorstellung.
Das reduziert logischerweise die Ladezeit der Seite. Aber möglich ist es ganz bestimmt. Denken wir nur
Finde ich als Entwickler super, gibt Designern bei an das Stichwort »Machine Learning« – vielleicht lie­
gleicher Datenmenge mehr Gestaltungsfreiheit und ße sich das auch auf Typografie anwenden. Mit Tau­
freut auch User, die weniger Zeit auf leere Bildschir­ senden gut gesetzten Printbüchern als Grundlage
me starren müssen, wenn in der U­Bahn mal wieder lernt dann der typografische Algorithmus: Wenn ich
die Verbindung mau ist. einen Fließtext mit einer Schrift habe, die der Times
Foto: Norman Posselt

Bis Browser irgend-


Was schätzt du, wann werden wir erste ähnelt, dann setze ich den Durchschuss auf 1,4. Man
wann einmal mit-
Anwendungen sehen? denken, übernimmt
könnte bestimmt viel automatisieren, sodass ich als
Zunächst wird es eine Übergangsphase geben. Wenn Developer Harry Entwickler nicht mehr überall Hand anlegen muss.
Google Chrome jetzt Variable Fonts unterstützt, wer­ Keller diese Rolle – Leider ist der Browser kein Medium, das auf Typo­
de ich zusätzlich zu den Web­Fonts einen variablen mit einem Lächeln grafie ausgelegt ist. Man kann heute schon viel ma­
056 page 07.17 › Themen › Webtypografie

chen, zum Beispiel die Abstände abhängig von der Weil sich die Browserhersteller nach wie vor
Schriftgröße festlegen. Aber da geht noch mehr. nicht einig sind?
OpenType-Features funktionieren inzwischen Sie sind ja nicht die Einzigen. Es gibt auch noch die
ja weitestgehend browserübergreifend. W3C-Gremien, in denen neue Technologien und For-
Nur leider werden diese Features trotzdem in der mate fürs Web diskutiert und verabschiedet wer-
Praxis selten genutzt: Weil das Wissen bei Entwick- den, bevor eine Empfehlung an die Browserhersteller
lern und Designern fehlt oder einfach aus Perfor- geht. Selbst wenn sich irgendwann alle einig sind,
mance-Bedenken: Jedes Zeichen, das man nicht vom dauert es noch einmal zwei Jahre, bis das neue Fea-
Server zum Endgerät übertragen muss, spart Lade- ture tatsächlich im Browser landet.
zeit: Der Hauptgrund, weshalb es im Web oft keine Der Weg zum Konsens ist lang, auch weil das Web
echten Kapitälchen gibt. als Plattform so zersplittert ist. Es braucht viele Ab-
Warum dauert das Fortschreiten der Web- sprachen und eine ganze Weile, bis man sicher sein
typografie so lange? kann, dass etwas ohne Probleme sowohl auf einem
Technologisch hat sich in den letzten Jahren sehr günstigen Android-Smartphone als auch auf einem
viel Grundlegendes getan: Wir haben unglaublich iMac funktionieren kann. Der Prozess der Standar-
hochauflösende Screens, Unterstützung von Open- disierung ist aber ein Riesenfortschritt, der uns Ent-
Type-Features, Web-Fonts sind nichts Besonderes wicklern das Leben leichter macht. Die Kehrseite ist
mehr, und generell wird Typografie als wichtiger Be- halt, dass der Fortschritt gerade bei einem eher spe-
standteil des Interface Designs ernst genommen. ziellen Thema, wie es die Webtypografie ja ist, sehr
Trotzdem ist es ein sehr langer, bürokratischer Pro- langsam vorangeht.
zess, bis eine Technik eine so breite Unterstützung Und in der Zwischenzeit behelft ihr Entwickler
hat, dass alle sie implementieren. euch mit Zusatztools, die die Browserschwä-
chen ausbügeln?
Manchmal geht es tatsächlich nicht ohne. Mit dem
JavaScript-Plug-in FitText beispielsweise kann ich
dafür sorgen, dass sich ein Text in der Größe dem

„Typografie
umliegenden Container anpasst. Und die Library
Typeset.js kümmert sich um typografisch richtige
Interpunktion. Generell aber versuche ich, mich von
Zusatztools fernzuhalten. Sie haben immer auch Ne-
beneffekte, die nicht zu kontrollieren sind. FitText

ist keine
etwa muss man die Proportionen des Texts mitge-
ben, also sagen, ob er condensed oder eher super-
breit läuft. Werden aus irgendwelchen Gründen die
Web-Fonts nicht geladen und man hat ein Fallback

okkulte
zum Beispiel auf Arial, funktioniert es nicht mehr,
weil FitText trotzdem mit der Metrik der anderen
Schriften arbeitet. Auf diese Weise holt man sich jede
Menge Komplexität ins Projekt und erhöht natür-

Kunst mehr,
lich auch die Ladezeiten.
Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen
Developern und Designern? Haben diese
oft Wünsche, die sich nicht oder nur schwer

sondern
realisieren lassen?
Das ist ein schmaler Grat: Die besten Ergebnisse
entstehen ja meist genau aus diesem Spannungs-
feld, wenn Designer einen herausfordern, über das

im Main-
Notwendige hinauszugehen – nur dann werden Sa-
chen richtig gut. Gleichzeitig darf man den Bogen
natürlich nicht überspannen und Unmögliches for-
dern, aber das haben die Gestalter, mit denen ich

stream ange-
täglich arbeite, alle gut raus. Übrigens ist es ein Irr-
glaube, dass sich Designer durch die Bank besser
mit Typografie auskennen: Oft ziehe ich in der Ent-
wicklung einfach ungefragt Sachen glatt, die vorher

kommen“
unsauber waren.
Was war in typografischer Hinsicht das
schwierigste Projekt, das du je realisiert hast?
Definitiv der Onlineshop für die Foundry TypeMates:
Harry Keller, Developer und Gründer von diesdas.digital, Berlin Dort haben wir einen Haufen interaktive Module
page 07.17 057

zum Testen der Schriften gebaut, mussten zum Teil


Dutzende von Web-Fonts pro Seite laden und vor
allem das immer noch viel zu komplizierte Schriftli-
zenzierungsmodell in einen Onlineshop drahten.
Hinsichtlich Detailtypografie waren das ZEITmaga-
zin Online und ein Webmagazin für Red Bull an-
spruchsvolle Projekte.
Bei Edenspiekermann haben wir einmal für ein
Projekt alle tatsächlich verwendeten Schriftgrößen
mit dem Typedesigner zusammen manuell gehin-
tet. Ein absurder Aufwand, der aber unerlässlich war.
Denn es geht ja nicht immer nur darum, dass man
alles gut lesen kann, sondern auch darum, den Cha-
rakter der Schrift zu erhalten, um mit ihr auch Emo-
tionen zu transportieren.
Du unterrichtest Kommunikationsdesign an
der Hochschule für Technik und Wirtschaft
in Berlin. Wie ist es um (Web-)Typografie in
der Ausbildung bestellt?
An der HTW spielt das Thema eine große Rolle. An-
sonsten kommt es darauf an, was man studiert. Ich
habe Medieninformatik studiert und hatte zum Glück
auch zwei Semester Typografie. Generell ist sie ja
keine okkulte Kunst mehr, sondern im Mainstream
angekommen. Jeder Markengestalter weiß heute,
dass Schrift ein wichtiges Element ist. Bei vielen der
Leute, die mit Text arbeiten, ist das leider noch nicht
angekommen.
Du meinst uns Journalisten?
Tatsächlich kommt es recht oft vor, dass Entwickler
und Designer sich richtig viel Gedanken um die ty-
pografische Gestaltung einer Webseite machen, und
dann kommen die Schreiber und machen aus Stress
oder Unwissenheit alles falsch. Anführungszeichen,
Bindestriche, Apostrophe und so weiter.
Also lieber nur bildlastige Projekte realisieren?
Im Gegenteil. Ich würde echt gerne mal wieder ein
Onlinemagazin machen – mit Redakteuren, denen
Typografie wichtig ist. Das Web ist noch immer in
erster Linie ein Textmedium, und gute Typografie
ist keine hübsche Dekoration, sondern hat konkre-
ten praktischen Nutzen und strahlt Wertigkeit und
Vertrauenswürdigkeit aus. Wer eine Website gestal-
tet oder umsetzt und nicht zumindest über Schrift-
größen, die richtigen Schnitte, Zeilendurchschuss,
Abstände und verwendete Schriftarten nachdenkt
oder wer sich als Redakteur nicht mit den Grund-
lagen der Mikrotypografie auskennt, der beherrscht
schlicht sein Handwerk nicht. [729]

Variable Fonts. Lesen Sie mehr über die Vor-


und Nachteile der neuen Fontechnologie auf
↗  www.page-online.de/variablefonts_0717

Gute Typografie im Web. In unserer Titelstory


»Webdesign: Dos & Don’ts« (in page 03.17)
zeigt Frank Rausch, User Interface Typo-
grapher und gründer von Raureif in Berlin, Ob skalierbare Textgrößen, Initialen, Einzüge zur Trennung von Absätzen oder
wie man Schriften im Web korrekt einsetzt die Ausrichtung einzelner Buchstaben: Für wirklich gelungene Webtypografie
↗  www.page-online.de/pepa1703 muss Developer Harry Keller noch viel zu oft manuell nachhelfen
058 page 07.17 › erlers Thema

über Tabus
Alle vier Wochen finden in Hamburg die Creative Mornings statt. Nicht nur Designer stellen sich hier
mit spannenden Beiträgen vor, sondern auch Menschen, die auf andere Weise kreativ sind.
Das Märzmotto war »Tabu« und zu Gast Malin Schulz, Artdirektorin der Wochenzeitung »DIE ZEIT«.
Johannes Erler fasst ihren Vortrag zusammen und denkt noch ein Stück weiter

● Es ist das Wesen von Tabus, dass man kaum Volkssport wirkt es auf mich zunehmend destruk­
über sie spricht. Sie begleiten und lenken uns tiv, langweilig und irgendwie auch spießig. Viel­
auf stille Weise. Umso gewaltiger bemerkt man leicht ist es längst die größere Provokation, Tabus
ihre permanente Anwesenheit, wenn man über zu würdigen.
sie nachdenkt. Und es ist ziemlich schwer, über Tabus haben, viel mehr als Regeln oder Ge­
Tabus zu schreiben, ohne dabei moralisch zu wer­ setze, etwas Spirituelles. Und häufig kann man
Foto: Robert Grischek

den. Da kann man sich schnell die Finger ver­ sie nicht erklären, weil sie eher einer tiefen Ah­
brennen. Ich versuche trotzdem mal was. nung davon, was falsch ist, entspringen als erklär­
Malin Schulz, Artdirektorin und Mitglied der baren Fakten. Tabus sind so etwas wie ein Urkon­
Chefredaktion der »ZEIT«, hilft mir, indem sie ih­ sens, entwickelt aus Unmengen an Erfahrungen
ren Vortrag raffiniert niedrigschwellig mit der Co­ und Zeit. Das macht sie wertvoll – und gleichzei­
mic Sans beginnt. Es gibt ja Menschen, die halten tig schwierig, weil ganz fest zementiert. Denn na­
sie ernsthaft für den typografischen Sündenfall. Johannes Erler ist Partner türlich müssen auch Tabus ständig überdacht,
Das ist putzig und zeigt gleich, welche Spannwei­ des Designbüros bezweifelt und in den richtigen Momenten über
ErlerSkibbeTönsmann, das
te das Wort »Tabu« hat und dass es nur kontextual Bord geworfen werden. Nur eben nicht mal eben
die Creative Mornings
funktioniert: Für den Nerd ist Comic Sans tabu, im Hamburger designxport
so. Sie sind dann nämlich weg und nur schwer ein­
den anderen 99,99 Prozent ist sie scheißegal. Aber veranstaltet, und zufangen, wenn man sie doch wieder braucht.
darf man sie deshalb nutzen? Und darf man all die Mitbegründer des Design­ Und so ist dies am Ende weniger ein Plädoyer
typografischen Dos and Dont’s, die wir Designer kollektivs Süpergrüp für oder gegen Tabus, sondern für ein bewuss­
eingetrichtert bekommen haben, einfach aushe­ xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
tes, nachdenkliches und empathisches Handeln.
beln, weil das da draußen eigentlich niemanden Die Lage ist nervös, ein Tweet zu schnell in der
interessiert? Die Antwort ist – nicht zum letzten Vielleicht ist Welt. Und die altmodisch anmutende Langsam­
Mal in diesem Text – ein beherztes Jein! es längst keit, mit der eine Zeitung wie die »ZEIT« entsteht,
Im Laufe ihres Vortrags stößt auch Malin im­ die größere die sich zudem noch ein so antiquiert klingen­
mer wieder auf dieses Jein und auf den Kontext, des Ressort wie »Glauben und Zweifeln« gönnt,
der den Tabubruch ermöglicht. Hitler auf dem
Provokation, stellt sich plötzlich als große Stärke heraus. Das
Cover? Ist »ZEIT«­Lesern peinlich. Sex, Körper­ Tabus zu ist nicht retro, das ist modern.
flüssigkeiten, Penisse? Geht als Infografik super! würdigen.
Terroropfer abbilden? Oder das tote Flüchtlings­ PS: Das Wort »Tabu« stammt übrigens aus dem
kind am Strand von Bodrum? Es gibt würdevol­ Polynesischen und gehört zu den seltenen Be­
le Möglichkeiten. Etwa indem man den Bildern griffen, die aus den Sprachen der »Naturvölker«
Raum gibt und sie ausführlich erklärt, statt nur in unser Vokabular gefunden haben. James Cook
fix mal zu zeigen. Aber: »Bilder von toten Kindern brachte es 1777 von seiner Südseereise nach Eng­
beschreiben auch das Ende einer Dramaturgie. land mit – und traf eine echte Wortschatzlücke
Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überreizen. westlicher Zivilisationen.
Was soll danach noch kommen?«
»Auf unserem Cover würden wir niemals ein PPS: Malin, wie findest du eigentlich Marker Felt?
Tabu brechen, nur um gut zu verkaufen«, sagt
Malin zum Schluss. Das kommt gleichermaßen
glaubwürdig wie auch ein bisschen überraschend,
weil es kaum noch in eine Zeit zu passen scheint,
die den ständigen Tabubruch als Innovations­
motor feiert und in der die Lüge, eines der archa­

ischsten aller Tabus, gesellschaftsfähig gewor­


den ist und »Fake News« ein Witzwort, das auch
Foto: Mitja Schneehage

die schlimmste Entgleisung noch relativiert. Creative-Mornings-Videos. Das


Video zum Creative Morning
Ich mag das ja, wenn man behutsam umgeht
mit »ZeIT«-artdirektorin
mit dem Begriff »Tabu«. Es ist so simpel gewor­ Malin Schulz zeigen wir
den, Tabus zu brechen, zum Beispiel aus der si­ unter ↗  www.page-online.de/
cheren Deckung der sozialen Netzwerke. Aber als creative-mornings-hh
page 02.14aNzeIge
47

pRaXIS
Weitere PAGE Seminare finden
Sie unter www.page-online.de/seminar

Infografik
Visual Storytelling –
Workflows &
Cases

Die Referenten Das Seminar »Infografik«


● Klaas Neumann und Jakub Chrobok arbeiten ● Die Infografik erlebt einen wahren Boom: in Magazinen und Zeitungen
im Team der Infographics group (Igg, vormals ebenso wie in Geschäftsberichten und Firmenpräsentationen, in Internet
golden Section graphics gmbH), einer der und TV. Damit entwickelt sich ein überaus vielseitiges, grenzüberschreitendes
renommiertesten Infografikagenturen weltweit. Tätigkeitsfeld für Grafik- und Kommunikationsdesigner, für Illustratoren
Seit über zehn Jahren bewegen sie sich im und Fotografen, für Interaction Designer und Animation Artists. Infografiken
Bereich der Informationsvermittlung auf allen können vielschichtige Inhalte direkt veranschaulichen. Doch je schneller
plattformen: Jakub Chrobok, zuvor Leiter des und komplexer die Kommunikation insgesamt wird, umso achtsamer muss
Visual Lab bei C3, ist jetzt als Creative Director der Kreative bei der Datenaufereitung vorgehen. Mit einer ästhetisch
bei Igg und Dozent an der aID Berlin tätig. faszinierenden Visualisierung ist es nicht getan, es geht um Inhalte, Einsichten
Klaas Neumann, Senior art Director bei Igg, war und die Macht des Bildes. Und genau hier liegt denn auch für Jakub Chrobok
Infografiker und Illustrator bei den gruner + Jahr und Klaas Neumann die eigentliche Herausforderung. Es wird immer
Wirtschaftsmedien (unter anderem bei »Capital« anspruchsvoller, gute und verlässliche Quellen zu finden, um einen Sach-
und »Financial Times Deutschland«). verhalt korrekt und unverfälscht wiederzugeben. Der Grafik- und Kommu-
nikationsdesigner ist schon lange nicht mehr nur reiner Gestalter, er ist
Die Agenda zugleich Journalist und wird gerade durch den gezielten Einsatz von Illustra-
tion zum visuellen Geschichtenerzähler.
1 Das Wesen der Infografik –
Stärken und Schwächen Jakub Chrobok und Klaas Neumann erläutern im PAGE Seminar anhand
Was kann und muss eine Infografik leisten, und von konkreten Praxisbeispielen, wie eine Infografik entsteht – von der
wie setzt man sie sinnvoll ein? Was unterschei- Recherche über die Skizze bis hin zu Reinzeichnung und Animation. Sie
det eine journalistisch geprägte grafik von einer bieten tiefe Einblicke in die Arbeit eines Infografikers und beleuchten
Visualisierung in der Unternehmenskommuni- das Spannungsfeld zwischen reiner Information und guter Gestaltung –
kation? Wie können Illustrationen die Wirkung wertvolles Know-how von Designprofis für Designprofis!
und aussage einer Infografik beeinflussen?

2 Vom Briefing über die Recherche zur Das Seminar findet am 23. Junibei der Infographics group
Umsetzung – Cases, Prozesse, Strategien (vormals golden Section graphics) in Berlin von 9:00 bis 17:30 Uhr statt.
Wie müssen die Basisinformationen für ein gutes Die Teilnahme kostet 756 euro (zzgl. gesetzlicher MwSt.). Die gebühr
Briefing aufbereitet sein? Wie kommt man an umfasst die Tagungskosten, Lunch und Kaffeepausen. Die Teilnehmerzahl
die relevanten Daten und damit auf die richtige ist auf 18 personen begrenzt! also schnell anmelden unter  
Idee? Ist weniger mehr oder mehr Information www.page-online.de/seminar  .
hilfreicher? Wie gewinne ich den Kunden für die
Idee? Wie läuft die abstimmung mit ihm? Der PAGE Workshop lässt genug Zeit für Fragen und den
Austausch der Teilnehmer untereinander.
3 Animation, Interaktion, Social Media –
die Wahl der Mittel und ihre Kalkulation
Wie setze ich Infografiken viral und crossmedial ein? page // ebner Verlag gmbH & Co. Kg // info@page-online.de //
Ist eine statische oder eine interaktive, animierte Telefon: +49 40 85183400 //  www.page-online.de/seminar  
grafik besser? Wie gestalte ich den Workflow und aufgrund der auf 18 personen pro Veranstaltung begrenzten Teilnehmerzahl werden die anmeldungen in der
habe die unterschiedlichsten Nutzungsarten im Reihenfolge der eingänge der zahlungen berücksichtigt. Die Teilnahmegebühr fällt mit der anmeldung an.
Sie ist sofort nach erhalt der Rechnung zuzüglich gesetzlicher Mehrwertsteuer ohne abzug zu überweisen.
Blick? Wie kalkuliere ich eine Infografik? Bitte beachten Sie unsere Widerrufsbelehrung auf der Leserservice-Seite (siehe Inhaltsverzeichnis).
NeueS
Spannendes aus der Bild-, Typo-,
Papier- und Technikwelt sowie
interessante neue Publikationen
finden Sie auf diesen Seiten
und auf    ↗ www.page-online.de  

1
Mystery Man
»Mann mit eckigem Bart« nennt Sebastian Haslauer
diese Kreation mit Acryl und Lack auf Papier
page 07.17 061

Bild 1  Illustratoren-Homepage.
Irgendwo zwischen Il­
lustration, Kunst und Anarchie bewegt sich Sebastian
Haslauer, der seine Arbeiten und Experimente auf einer neuen Website
vorstellt. Bekannt wurde er vor allem durch seine Artworks für das Ma­
gazin »Neon«, aber es gibt auch viel anderes zu entdecken. Darunter
provokative Porzellanarbeiten – als Illustrator arbeitet Sebastian Haslau­
er gelegentlich gerne mal skulptural.↗  www.sebastianhaslauer.com
Neue Lizenzoption bei PantherMedia. Schon lange tüftelt die
Münchner Agentur daran, den Kauf von Royalty­Managed­Kollektionen
ebenso unkompliziert zu machen wie den von lizenzfreiem Material.
Jetzt ist das gelungen, das Angebot an großformatigen RM­Bildern soll
kontinuierlich wachsen. ↗  www.panthermedia.net

 Neues aus alter Kunst
Das Amsterdamer Rijksmuseum stellt unter www.
rijksmuseum.nl/en/rijksstudio über 300 000 rechte­
freie Kunstwerke zu jeglicher, also auch kommerziel­
ler Nutzung bereit. Der Rijksstudio Award soll das An­
gebot bekannt machen – 2600 kreative Anwendun­
gen der Bilder aus 62 Ländern gingen dieses Jahr ein.
Den ersten Preis bekam die Weißrussin Lesha Limo­
nov für das Projekt »Masterpieces Never Sleep«: Die
mit den Augenpartien berühmter Gemälde bedruck­
ten Schlafmasken gibt es bald wohl im Shop des Mu­
seums. Ebenfalls preisgekrönt: die Eden Condoms
von Ester Pi und Timo Waag aus Spanien. Ob die Kon­
domhüllen mit barocken Sündenfallbildern wohl
auch den Weg in den Museumsshop finden?
↗ www.rijksmuseum.nl/en/rijksstudio-award

 Egger Grey verändert sich
Nachdem Kris Krüger zu neuen Ufern beide aus Berlin. »Außerdem möchte
aufgebrochen ist, führt Katrin Fillinger ich das Thema Animation ausbauen«,
die Berliner Illustratorenrepräsentanz erklärt Fillinger. »In Erklär­ und Cor­
Egger Grey alleine weiter. Die ehema­ porate­Filmen ist die Illustration auf
lige Kreativdirektorin bei SelectNY will dem Vormarsch.« Mit einigen Agentu­
die Agentur zeitgenössischer ausrich­ ren ist sie schon im Gespräch – man
ten und präsentierte zwei Neuzugän­ sei dort auf der Suche nach neuem
ge: Illustratorin Inga Israel und Colla­ kreativem Input. cg
gekünstler Enrico Nagel (siehe links), ↗ www.eggergrey.com

PAGE Seminar »Bildrecht«. In unserem neuen Seminar erfahren Sie alles,


was Bildnutzer und Bildurheber in Zeiten von Facebook & Co wissen
müssen. Jetzt buchen unter↗www.page-online.de/seminar-bildrecht
062 PAGE 07.17 › NEUES

Typo Athelas Arabic. Athelas ist eine weitverbrei-


tete Textschrift von TypeTogether, der Foundry von
Veronika Burian and José Scaglione. Nun ist auch eine passende ara-
bische Version erhältlich. Gestaltet von der iranischen Designerin Sa-
har Afshar, ist die fließende Athelas Arabic mehr ei-
genständiger Partner als Derivat, aber ebenfalls für
den Textsatz geeignet. Sie kostet knapp 300 Euro.
↗  www.type-together.com 2 Neue Satzzeichen. Um in der schrift-
lichen Kommunikation Missverständnisse zu vermeiden, basteln wir
Smileys oder nutzen Emojis. Einen anderen Weg beschreitet Walter Bo-
hatsch. In dem gerade erschienenen Buch »Typojis« (Verlag Hermann
Schmidt, 20 Euro, ISBN 978-3-87439-849-7) präsentiert er 30 Satzzei-
chen, die Unter- und Zwischentöne wie Ironie, Neugierde, Optimismus,
Übertreibung, Antipathie oder Langeweile visualisieren. Dazu gibt’s ei-
nen Font, der die Zeichen enthält. Tolle Idee, in Zeiten von Fake News
können Aussagen nicht eindeutig genug sein. Klar, die neuen Satzzei-
chen muss man lernen, aber das ist uns mit Frage- und Ausrufezeichen
ja auch gelungen. ↗ www.typografie.de

1 Spielen mit Kontrast 3 Typo zum Mitmachen


Jüngster Zuwachs bei New Letters, der Foundry von Es ist eine Sache, die Beschreibung einer Schrift zu
Armin Brenner und Markus John, ist die Freya. Inspi- lesen, eine ganz andere, einen Bleistift in die Hand
riert von Antiquaschriften wie Caslon oder Didot, in- zu nehmen und die komplexen Formen jedes Buch-
terpretiert sie diese auf moderne Weise und verfügt staben selbst zu entdecken. Letzteren Weg bevorzugt
dabei über eine sehr eigene Persönlichkeit. Zu ihren die Designerin Sarah Hyndman. Und so lädt ihr neu-
auff älligsten Merkmalen gehört der sehr hohe Kon- es Buch »How to Draw Type and Influence People«
trast: Er sorgt zugleich für das elegante Aussehen der (Laurence King, 12,99 Pfund, ISBN 9781780679754)
In diesem Buch
Type. Während die horizontalen Striche der Buch- muss man selbst
dazu ein, selbst aktiv zu werden, etwa indem man Li-
staben mal sehr dünn und mal sehr dick ausfallen, den Stift in die gaturen und Initialen zeichnet oder Verpackungen
bleibt die Stärke der horizontalen Striche in den drei Hand nehmen beschriftet. So erfährt man viel über die Charakteris-
Gewichten Medium, Bold und Black immer gleich – tika der verschiedenen Fontgattungen und die Bot-
das verbindende Merkmal der Freya. Zu den drei auf- schaften, die sie vermitteln. Ein Buch nicht nur für
rechten Schnitten gibt es passende Italics – in die- Typoanfänger, auch Profis können daraus jede Men-
sen finden sich besonders kühn gezeichnete Buchsta- ge Spaß ziehen – und Kunden lernen, warum nicht
ben, zum Beispiel das f. Als künftiges Einsatzgebiet jede Schrift für jede Gelegenheit taugt. ant
für Freya sehen die Typdesigner Texte ebenso wie ↗ www.laurenceking.com; http://typetasting.com
Headlines, vor allem im Lifestyle- und Modeum-
feld. Ein Einzelschnitt der Freya kostet etwa 15 Euro, Das PAGE DTP-Typometer 2.0 mit allen typo-
alle sechs rund 80 Euro. grafischen Maßskalen gibt’s exklusiv bei uns im
↗ www.new-letters.de PAGE Shop ↗ www.page-online.de/typometer  
PAGE 07.17 063

1
Elegant
Starker Kontrast
und kühne Buch-
staben wie das f
kennzeichnen die
Schrift Freya

2
Eindeutig
Dreißig neue Satz-
zeichen kommuni-
zieren Zwischentöne
wie Optimismus
Optimismus Pessimimus Untertreibung Übertreibung Symphatie Sehnsucht Bescheidenheit Geheimnis oder Übertreibung

3
064 page 07.17 › NeUeS

Papier Rustikal
edel. Bei der
rugi Briefhüllen-Manufaktur gibt es der-
zeit genähte Kuverts mit Zickzackrand
in DIN C6 und C6/5. Sie bestehen aus
dem recycelten Papier Design-RC, ein-
mal mit grauer, einmal mit brauner Au-
ßenseite. Das weiße Garn bildet dabei einen stimmigen Kontrast zu Ma-
terial und Farbe der Hülle. Zehn Stück kosten etwa 8 Euro. ↗ https://
shop.rugi-ohg.de Metapaper goes Packaging. Die E-Commerce-
Plattform Metapaper hat jetzt auch Verpackungsmaterialien im Angebot:
Rough + Rough, einen auf beiden Seiten rauen Verpackungskarton in
der Färbung White in 300 Gramm, sowie Smooth + Silk, dessen eine Seite
aus einem seidenmatt gestrichenen Karton mit sehr guten Falzeigen-
schaften besteht, während sich auf der anderen Seite das geglättete Na-
turpapier Smooth befindet. ↗ www.metapaper.io

Graspapier von Scheufelen


Fünfzig Prozent Frischfasern aus Gras kommen in
Scheufelens neuer Produktlinie zum Einsatz. Der
schnell nachwachsende Rohstoff, der von Wiesen aus
der nächsten Umgebung der Papierfabrik in Lennin-
gen stammt, soll künftig direkt in einer gemeinsam
mit dem Entwicklungspartner Creapapier betriebe-
nen Anlage verarbeitet werden. Scheufelen vertreibt
das Graspapier ab sofort unter drei Markennamen:
greenliner als Wellpappenrohpapier, Scheufelen
graspapier für grafische Anwendungen sowie phoe-
nogras, das Graspapier mit dem hochweißen Zell-
stoffkarton phoenolux kombiniert – diese Sorte eig-
net sich für Verpackungen.   ant
↗ www.scheufelen.com

PAGE eDossier »Umweltfreundlich drucken«.


Unsere Tipps für die gestaltung und produktion
nachhaltiger printprodukte finden Sie hier:
↗  www.page-online.de/pDDp1117

Die Herstellung von Frischfaser­


zellstoff aus Gras verbraucht Die PAGE Schneidematte mit Millimeterraster,
deutlich weniger Wasser als die Tastaturkürzeln und wichtigen papierformaten
von Holzzellstoff. Außerdem gibt’s im page Shop. Jetzt bestellen unter
wächst Gras sehr schnell nach ↗  www.page-online.de/schneidematte  
Nice-to-must-have.
Ein Magazin der Verlagsgruppe Ebner Ulm · www.ebnerverlag.de

PAGE Shop: PAGE Skizzenbuch – Originalität ist der beste


Kopierschutz // typoPAGE – geballte Typografie auf 196 Seiten //
Schneidematte – stabil & stilvoll // DTP-Typometer 2.0 – mit US- und
DIN-Formaten. Jetzt bestellen: shop.page-online.de/produkte
066 PAGE 07.17 › NEUES

Technik Professionell sichern. WD hat ihre


unter dem Label G-Technology vertriebe-
nen Speichersysteme aktualisiert. Die auf die Ansprüche von Kreativen
zugeschnittenen Produkte bekommen USB-C- und Thunderbolt-3-An-
schlüsse. Darunter das G-Drive, das ab 400 Dollar mit Kapazitäten zwi-
schen 4 und 12 Terabyte erhältlich ist, sowie das G-Raid, das als Dual-
laufwerk 8 bis 24 Terabyte erfasst. In der
Thunderbolt-3-Version kann es als USB-3-
Hub Video bis 4K bei 60 Hertz über HDMI
weitergeben. ↗ www.g-technology.com

Besseres Timing für Freelancer


Seine Zeiterfassungs-App Timing hat nem Projekt zuzuweisen. Der Nutzer
Developer Daniel Alm komplett über- kann jetzt Regelwerke erstellen, um die
arbeitet und professionalisiert. Sie be- Erfassung an seine persönlichen Be-
Sofortbild-Hybrid sticht durch eine vollautomatische Er- dürfnisse anzupassen. Arbeit außer-
Mit der Instax Square SQ10 will Fujifilm den fassung und Auswertung der Arbeits- halb des Rechners (Meetings, Kunden-
Sofortbildfotografie-Hype weiter befeuern, zeit in unterschiedlichen Programmen. besuche) kann Timing 2 nach Rück-
und zwar mit einer Digitalkamera. Genau Das Tool startet am Mac automatisch kehr an den Rechner selbstständig
genommen ist die SQ10 nämlich eine solche plus und erfasst nicht nur die Beschäfti- erfragen und entsprechend ablegen.
integriertem Sofortbilddrucker. Die Nutzer gung mit der jeweiligen App im Vor- Die Daten lassen sich in Tabellenform
können daher wie gewohnt fotografieren, die dergrund, sondern kann zudem die als Excel-, CSV- oder PDF-Datei expor-
Bilder auf dem 3-Zoll-Display betrachten Dokumente unterscheiden und sogar tieren. Und, noch ganz wichtig, sie wer-
sowie in bescheidenem Rahmen bearbeiten – geöffnete Websites den einzelnen Pro- den nicht in der Cloud gespeichert,
und anschließend auf einem quadratischen jekten zuordnen. sondern lokal.
Sofortbildfilm im 62-mal-62-Millimeter-Format Timing 2 hat eine neue Oberfläche Timing 2 kostet in der Productivity-
ausdrucken. Besondere Qualität darf man bekommen und zahlreiche Optionen Version knapp 30 Euro, die Professio-
dabei nicht erwarten, aber für den Zweck reicht für eine weitergehende Automatisie- nal-Variante mit zusätzlicher manu-
es: Der 1/4-Zoll-Sensor der Kamera löst 1920 mal rung und Individualisierung. Zu den eller Projekterfassung rund 50 Euro.
1920 Pixel auf, im Druck kommt man auf über Neuerungen gehören eine Timeline, Timing Expert (etwa 80 Euro) bietet
300 dpi. Die Instax Square SQ10 ist ab sofort für die die Arbeit eines Tages anzeigt, so- unter anderem weitere Filteroptionen
circa 290 Euro wie von der App generierte Vorschlä- sowie AppleScript-Unterstützung.
erhältlich. Ein Film ge, um die Tätigkeit in einem Tool ei- ↗  https://timingapp.com
mit 10 Bildern
kostet rund 10 Euro.
↗ www.fujifilm-
instax.de

Timing 2 erfasst
automatisch
die Arbeitszeit
und ordnet sie
zum Beispiel
Projekten zu.
Das Dashboard
liefert eine
Übersicht des
Arbeitstags
07. September 18 — 22 Uhr

Kurz vorgestellt Portfolio


 Papierhaptik fürs iPad Pro. Apple bietet mit dem
Pencil einen präzisen Stift, der mit seiner Drucksensiti­
vität und dem Neigungssensor im Prinzip für professio­
nelle Produktionen taugen würde – wenn die Oberfläche
Triathlon
des iPads nicht so glatt und damit rutschig wäre. Dieses
Problems hat sich Technikenthusiast Jan Sapper ange­
In drei Disziplinen
nommen und eine Kickstarter­Kampagne für eine Folie zur neuen Fitness
gestartet, die sowohl beim Schreiben auch als auch beim
Zeichnen die Oberflächenbeschaffenheit von Papier ver­
im Selfmarketing
mitteln soll – und dabei weder die Touch­ noch die Stift­
sensitivität des Displays beeinträchtigt. PaperLike wird Best Practices Tools, Plattformen, Trends
wie eine Schutzfolie einfach aufgeklebt. Das Finanzie­
rungsziel ist schon erreicht, und so sollte die Folie ab Juni
Personal Branding Look-and-feel, Cases
fürs iPad Pro (9,7 und 12,9 Zoll) erhältlich sein. Kosten­ Expand Your Network Ideen, Tipps, Tricks
punkt: circa 20 Euro. ↗ https://is.gd/PaperLike
 32 Zoll fürs MacBook Pro. LG hat den vor einiger
Zeit angekündigten Monitor 32UD99 auf den Markt ge­
bracht. Damit hat der Hersteller nun drei Bildschirme Die Coaches
für das neue MacBook Pro im Angebot: die von Apple
vertriebenen Displays LG UltraFine 4K und UltraFine Claudia Fischer-Appelt CCO Karl Anders
5K sowie das neue ebenfalls 4K (3840 mal 2160 Pixel) Lars Kreyenhagen CEO Markenpersonal
auflösende Modell, das mit seinen 32 Zoll aber deutlich
mehr Fläche als die beiden 27­Zöller aufweist. Zudem & Special Guest
soll der 32UD99 den HDR10­Standard unterstützen und
so auch Video­ und Game­Produzenten ansprechen. Der
hardwarekalibrierbare Monitor soll ab sofort für rund
1100 Euro erhältlich sein. ↗  www.lg.com/de
1  Universalkamera. Mit der Alpha 9 stellt Sony eine
Foto­ und Videokamera vor, die neue Maßstäbe setzen
soll. Wie die bisher schon vor allem bei Bewegtbildprofis
beliebte Alpha 7 hat die Alpha 9 einen Sensor im Voll­
format (35 Millimeter). Sie nimmt Videos im 4K­Modus
mit bis zu 25 Bildern pro Sekunde auf. Nach Angaben von Location: Creative Coworking
Sony werden dabei sogar 6K erfasst und zu 4K zusam­ Sankt Pauli Hamburg Galerie, Bar, Business
mengeführt, um die Bildqualität zu verbessern. In HD
(1080p) schafft sie Fünffach­Zeitlupen bei 120 Bildern
pro Sekunde. Der elektronische OLED­Sucher hat eine Designer, Gestalter, Kreative!
Auflösung von 3,686 Millionen Bildpunkten. Fotogra­
fen profitieren von der Serienbildgeschwindigkeit: Bis
zu 20 Fotos in voller Auflösung von 24 Megapixeln sind
Jetzt schnell einen von
inklusive Nachführung des Autofokus möglich. Dieser
Luxus hat seinen Preis: Nur für das Gehäuse verlangt 20 Startplätzen sichern:
Sony schon rund 5300 Euro. ↗  www.sony.de ml
page-online.de/seminar
Die Teilnahmegebühr von 286 Euro (zzgl. gesetzl. MwSt.) umfasst die
Veranstaltungskosten, Verpflegung (Getränke, Snacks) und Materia-
lien. Portfolio, Rechner, Neugier und gute Laune bringen die Teilnehmer
mit. Aufgrund der auf 20 Personen pro Veranstaltung begrenzten Teil-
nehmerzahl werden die Anmeldungen in der Reihenfolge der Eingänge
der Zahlungen berücksichtigt. Die Teilnahmegebühr fällt mit der An-
1 meldung an. Sie ist sofort nach Erhalt der Rechnung zzgl. gesetzl.
MwSt. ohne Abzug zu überweisen. Bitte beachten Sie unsere Wider-
rufsbelehrung auf der Leserservice-Seite (siehe Inhaltsverzeichnis).
PAGE // Ebner Verlag GmbH & Co KG // info@page-online.de //
Telefon: +49 40 85183400 // www.page-online.de/seminar
State of the Art
Mit der Alpha 9 setzt
Sony neue Maßstäbe in
der Vollformatklasse
068 page 07.17 › NeUeS

Publikationen
1  »L’Uso Di Libri – The Use of Books«. Bücher, die gnadenlos zu Topf-
lappen, Schuhen oder zum Regenschutz umfunktioniert werden: Sind
solche Fotos nur etwas für Leute, die Bücher hassen? Bei Matthias Hübner
ist dies definitiv nicht der Fall, betreibt er doch mit Possible Books einen
kleinen Verlag für außergewöhnliche Publikationen in
Berlin. Urban Artist Brad Downey ist ein guter Freund, mit
dem er schon viele Bücher gemacht hat. Auf Einladung
der römischen Street-Art-Galerie 999Contemporary ver-
brachten die beiden eine Woche in Rom, wo sie mit der ra-
dikalen Weiterverwendung gelesener Bücher experimen-
Matthias Hübner &
Brad Downey: L’Uso tierten. »L’Uso Di Libri« selbst ist bewusst schon für neue
Di Libri – The Use of
Books. Berlin (possible Verwendungen vorbereitet: Covertext und -bild sind auf
Books) 2016, 48 Seiten.
18 euro. Direkt zu die Plastikverpackung gedruckt. Reißt man sie ab, bleibt
bestellen bei ↗  www.
possible-books.com nur weißes Leinen zurück.

 »Read  This  If  You  Want  to  Be  Instagram  2  »Risomania«.  Der Risograph ist unter Grafi-

Famous«. Ein vielversprechender Titel, denn wer kern und Illustratoren der Kultdrucker schlecht-
von uns möchte nicht auf Instagram berühmt wer- hin. Jetzt gibt es das allererste Buch über das Ge-
den? Das (natürlich) quadratische Büchlein ist ganz rät, das wie ein großer Fotokopierer aussieht, sich
einfach aufgebaut: Autor Henry Carroll hat jede mittels Schablonen aber dem Siebdruck nähert –
Menge erfolgreiche Instagramer um Ratschläge ge- auch beim Look-and-feel der Ergebnisse. Außer-
beten und erzählt dazu noch kurz deren jeweilige dem sind die sojaölbasierten Farben höchst um-
Geschichte. Das Spektrum reicht von der Hausfrau weltfreundlich. Das Sojaöl ist kein Zufall, die Tech-
über den Artdirektor bis zu @satiregram, einem nik wurde in den 1940er Jahren von der japanischen
rein textbasierten Account, der sich über Instagram Firma Riso entwickelt. Das Buch erzählt die Ge-
lustig macht. So bietet das Büchlein ebenso kurz- schichte der Riso-Bewegung, zeigt jede Menge tol-
weilige wie aufschlussreiche Lektüre. Hier mal zwei le Arbeiten und stellt Werkstätten in aller Welt vor.
gute Tipps als Kostprobe: 1. Erzähle in der Bildun- Darunter den Riso Club Leipzig sowie Colorama,
terschrift von deinem Motiv und teile Gedanken Drucken3000 oder We make it in Berlin. Selbstver-
und Gefühle mit dem Betrachter. 2. Denke nicht zu ständlich gibt’s außerdem eine Anleitung für den
viel an Likes und Follower, sondern versuche, eine Risographen – die gebrauchten Printer sind nicht
eigene Stimme zu finden. selten recht preiswert zu haben.

Henry Carroll: Read John Z. Komurki: Risomania.


This if You Want to Be The New Spirit of Printing.
Instagram Famous. Salenstein, Schweiz
London (Laurence King) (niggli) 2017, 232 Seiten.
2017, 128 Seiten. 9,99 pfund. 39,90 euro. ISBN 978-
ISBN 9781780679679 3-7212-0966-2
PAGE 07.17 069

»The Bath« 1
Von Clay Hickson bei
Tan & Loose Press
in Chicago gedruckt.
Mehr Schönes
unter   www.tan-n-
loose.com  

Erst lesen!
Dann weiterverwenden. Bücher
bilden nicht nur, sondern sind
auch anderweitig äußerst nützlich
070 PAGE 07.17 › NEUES › Publikationen

Foto: Nicolas Hudak


Was wir fragen wollten
David Löwe, Artdirektor bei oolipo, Berlin
↗ www.oolipo.com

3 Erklären Sie uns, was oolipo ist?


Bisher eine App, in der man mit Fotos, Videos,
GIFs, Sound und Animation angereicherte Ge-
schichten lesen kann. Unsere Vision ist, dass wir
zu einer Plattform für Storytelling werden, auf der
die User auch kuratierte eigene Geschichten er-
stellen – mit einem Tool, das wir für die App und
die Desktop-Version von oolipo entwickeln.

Zurzeit kann man in der App schon


mal sehen, wie solche Medienmix-Storys
funktionieren.
Ja, unterstützt von externen Autoren und Künst-
lern, hat unser Team einige »oolipo Originals«
produziert, die die ganze Bandbreite dieses neu-
en Formats vorstellen. Zum Beispiel die mit Ani-
mationen angereicherte Graphic Novel »The Dark-
ness Behind Our Eyes« von Karrie Fransman, die
exklusiv für oolipo entstand. Oder »London, I«
von Suli Breaks, die Geschichte eines jungen
schwarzen Mannes, die Anfang der 2000er Jahre
in der Londoner Szene spielt und für die meine
Kollegin Veselina Kuznetsova mit viel liebevoller
Recherche das für die Zeit passende Look-and-
feel kreiert hat – von Grime-Musik bis zu den
richtigen Turnschuhen. Für »Get Used To It« ha-
ben wir mit einer Filmproduktionsfirma gear-
beitet und unter anderem aus der Eröffnung ei-
ner Skateboarding-Schule in Südafrika ein mit
Videos und Infografiken angereichertes Doku-
Essay über die Kultur der ersten Nach-Apartheids-
Generation gestrickt.

Einige Storys sind umsonst, bei anderen


muss man »Episoden« mit Credits frei-
schalten. Das Vokabular erinnert eher an
Netflix als an E-Books.
Uns geht es tatsächlich ums serielle Erzählen, da-
rum unterteilen wir unsere Serien in Episoden
und arbeiten auch mit Cliffhangern. Mit ihrem
Mobile-Native-Ansatz und dem Mix aus Text, Vi-
deo, Sound und Animation ist oolipo bislang ein-
zigartig. Ab dem Sommer sollen auch die User
zu den Serien beitragen können, indem sie etwa 3
Hintergrundgeschichten zu einzelnen Ereignis-
sen liefern und sich dann darüber austauschen. Mobile Leseerlebnisse
Wir wollen unsere Geschichten so spannend wie Die App oolipo will spannende Lektüre mit neuen
möglich machen und unseren Lesern eine ganz Formen des Mobile-Native-Storytelling bieten
neue Erfahrung bieten.
page 07.17 071

Publishing-News
4 Nicolas Mahler: Die Goldgruber-Chroniken.

Berlin (Reprodukt) 2017, 336 Seiten. 29 euro.


978-3-95640-121-3. Der Wiener Zeichner hat drei
seiner autobiografischen Comic-Storys in einem
Band zusammengefasst – benannt nach der Finanz-
beamtin Frau Goldgruber, mit der er einst langwie-
rig klären musste, ob er nun eigentlich »Kunst« oder
»Werbegrafik« mache.
5 Deluxe: Foil Stamping, Embossing and De-
Kunsttheorie
Auch Finanzbeamte bossing in Print Design. guangzhou (Sendpoints)
wie Frau Gold- 2017, 224 Seiten. 39,90 euro. 978-988-775-723-8.
gruber müssen sich Veredelungen sind angesagt! Der hierzulande von
manchmal Gingko Press vertriebene Bildband zeigt, wie Prägun-
tiefschürfende
gen verschiedenster Art Erscheinungsbildern, Ver-
Fragen stellen
packungen, Buchcovern, Einladungskarten oder Bro-
4 schüren besonderen Reiz verleihen.
The Many Lives of Erik Kessels. New York
[711]

(aperture) 2017, 576 Seiten. 65 Dollar. 978-1-


59711-416-5. Der Gründer der Amsterdamer Kult-
agentur KesselsKramer hat sich auch in der interna-
tionalen Fotoszene einen Namen gemacht, unter
anderem mit ebenso witzigen wie poetischen Ver-
öffentlichungen von Found Photography. Dieser
wunderbar gestaltete Band gibt einen Überblick.
Karl Stocker, FH Joanneum (Hrsg.): Sozio-
Design. Relevante Projekte – Entworfen für die
Gesellschaft. Basel (Birkhäuser) 2017, 180 Sei-
ten. 29,95 euro. 978-3-0356-1208-0. Der Band do-
kumentiert sechs Vorträge, die engagierte Projekte
vorstellten – wie die Flüchtlingswerkstatt Cucula,
die Plattform Friends-International oder die Gestal-
tung eines Caritas-Shops in Graz.
5 Sarah Drasner: SVG Animations. From Com-
mon UX Implementations to Complex Responsive
Animation. Sebastopol (O’Reilly) 2017, 246 Sei-
Edel gedruckt ten. 49,99 Dollar. 978-1-491-93970-3. Die Auto-
Corporate Design der rin, die jüngst auf der beyond tellerrand in Düssel-
Agentur Kind für
dorf zu sehen war, führt ins responsive Webdesign
Bambustextilherstel-
ler badaboom,
mit Animationen ein.
Neujahrskarten von Neustart beim Gestalten Verlag. Die auf Rei-
Li Chieh-Ting, seführer und Karten spezialisierte Mediengruppe
Folienprägung in MairDumont aus Ostfildern steigt mit 50 Prozent bei
Spektralfarben dem Berliner Verlag ein, der 2016 Insovenz anmelden
von Ryan Panchal musste. Die Marke Gestalten ebenso wie ihre Aus-
richtung auf Design und Lifestyle bleiben bestehen,
Robert Klanten ist weiterhin kreativer Leiter, Verle-
ger und Geschäftsführer. Als kaufmännischer Ge-
schäftsführer kommt Markus Schneider von Mair-
Dumont dazu. Er kümmert sich um die Synergien
zwischen beiden Verlagen. cg

Publikationen. Weitere Buchempfehlungen


für Kreative in Design und Development lesen
Sie auf ↗  www.page-online.de/buecher  

PAGE eDossiers. Unsere eDossiers zu Themen


rund um den kreativen Berufsalltag gibt es
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072 PAGE 07.17

Siebzehn Jahre sind seit


der letzten gestalterischen
Überarbeitung des Duden
vergangen. Höchste Zeit
also für einen Relaunch, bei
dem vor allem das leichtere
Logo und der gestürzte
Schriftzug in François Rappos
Theinhardt auffallen
PAGE 06.17 073

PROJEKTE

Hey,
Dude!
PROJEKT Relaunch der Marke Duden
KUNDE Dudenverlag, Berlin ↗  www.duden.de
AGENTUR Tom Leifer Design, Hamburg
↗  https://tomleiferdesign.de
TOOLS Filzstift, Papier, Photoshop,
InDesign, iMovie
ZEITRAUM ab Juni 2016
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Ein neues, frisches Erscheinungsbild und ● Zur Kommunion bekam Tom Leifer von
Onkeln und Tanten den Duden gleich drei-
ein strategischer Wandel: Tom Leifer mal. Der Beginn einer langen Zusammen-
arbeit. Über Schule und Studium bis ins
Design unterstützt den Duden dabei, sich Berufsleben fand er ihn immer nützlich
aktuellen Anforderungen zu stellen und nie anstrengend. So fühlte sich der
Hamburger Designer gleichermaßen ge-
ehrt und herausgefordert, als der Duden-
verlag im Sommer 2016 die Agentur zum
Pitch für einen Markenrelaunch einlud.
Auch 137 Jahre nach Erscheinen der ers-
ten Auflage ist der Duden die Instanz für
die deutsche Sprache und strahlt Verläss-
lichkeit aus. In Zeiten starker Onlinekon-
kurrenz und nachwachsender Generatio-
nen, die lieber im Web als in Büchern re-
cherchieren, reicht das aber nicht, um die
Zukunftsfähigkeit zu sichern. Zwar ist der
Bedarf da: Nie zuvor gab es so viele Men-
schen, die schreiben und ihre Texte publi-
zieren, sei es in selbst verlegten Büchern,
in Blogs oder Social Media. »Diese Ziel-
gruppe hat der Duden bisher nicht er-
reicht«, sagt Tom Leifer. »Er ist eine sehr
Ein prüfender
Blick von Tom
starke Marke, die aber neue, ergänzende
Leifer auf eine Facetten braucht, die sie aktualisieren und
der vielen die Nutzer faszinieren.« Der Duden, so der
Varianten des Wunsch des Kunden, sollte von einem
neuen Duden Must-have zum Want-have werden.

Raus auf die Straße


Für die Pitchpräsentation tauchten Tom
Leifer und sein Team, zu dem die Gestal-
ter Steffen Bertram, Johanna Fischer, Lisa
Sandtner, Wiebke Schwarz und Christine
Wenning gehörten, tief in die Thematik
ein und stellte dabei auch das Briefing
074 page 07.17 › projekte › Duden-relaunch

infrage. »Der Kunde hatte eine Persona definiert«,


erzählt Tom Leifer. »Wir vermuteten aber, dass sie
nicht weit genug reichte und nur einen Teil der Ziel­
gruppe repräsentierte.«
1967 West 1967 Ost 1991 Gesamtdeutsch Und so gingen die Kreativen raus auf die Straße,
führten Interviews mit Schülern, Lehrern, Eltern,
Im Laufe der
Zeit hat sich das
später noch gezielt mit Redakteuren. Dabei kam im­
Aussehen des mer wieder zur Sprache, dass dem Duden ein wenig
Duden gehörig mehr Lockerheit gut zu Gesicht stünde. Viele schätz­
verändert. Die ten ihn als kompetenten Ratgeber, zu oft aber ver­
letzte große mittle er das Gefühl von Arbeit, nicht von Spaß. »Da­
Neuerung war mit haben wir ein ganz schönes Fass aufgemacht«,
im Jahr 2000,
lacht Leifer, »und sind über die eigentliche Aufga­
als das Logo
benstellung doch etwas hinausgegangen.« Dem Kun­
von einer
1996 Rechtschreib- 2000 2004
Antiqua zur den gefiel’s aber, und die Agentur bekam den Job.
reform
Frutiger »Es hat mich sehr gefreut, dass die Geschäftsführung
wechselte uns so viel Vertrauen schenkte und fand, wir hätten
etwas angestoßen, dem man nachgehen muss.«
An Mut zu Neuem mangelte es dem Dudenverlag
nicht, von den im Pitch vorgestellten drei Routen
entschied er sich für die, die sich recht weit von der
Vorlage entfernte. »Wir haben die ganze Konstruk­
tion des Titels auf den Kopf gestellt. Den Schriftzug
gestürzt und in den Anschnitt gesetzt und so eine
spielerische Komponente hineingebracht – ein Rie­
2006 2009 2013
senschritt für das Haus«, so Tom Leifer. Die Farbge­
bung wird wieder bunter und kräftiger, statt der bis­
Die Andrucke herigen zarten kommen nun Volltöne zum Einsatz,
unten beweisen: die für mehr Strahlkraft im Regal sorgen sollen.
Die Duden-Reihe
wird bunter. Ein leichteres Brikett
Statt Pastell-
farben (links) Auch das Logo kam auf den Prüfstand. »Nicht um­
gibt’s jetzt sonst heißt es verlagsintern ›das Brikett‹. Auf dem
Volltöne schwarzen Hintergrund wirkt es auf den Covern sehr
page 07.17 075

schwer«, meint Tom Leifer. Also verringerte er den


Schwarzraum und zentrierte den Schriftzug auf der
Fläche. Dadurch wirkt das Logo deutlich offener und
leichter. Dessen Schrift veränderte er ebenfalls. Seit
dem Jahr 2000 wurde es aus der Frutiger gesetzt, das
erschien den Hamburger Gestaltern zu behäbig, und
sie wählten die modernere Verlag von Hoefler & Co
aus New York, die vor allem durch die spitzen Enden
des N für Wiedererkennung sorgt. Bei der Gestaltung
dieser Type – 1996 fürs »Guggenheim Magazine« ent­
wickelt – hatte sich Jonathan Hoefler von den kon­
struktivistischen deutschen Schriften der Bauhaus­
Zeit inspirieren lassen. Äußerst passend für den Du­
denverlag, fand Tom Leifer.
»Bislang kam das Logo sehr dominant daher, als
ob es sagte: ›Hier kommt der Duden, die große In­
stanz, die bestimmt, was richtig und falsch ist.‹ Um
Den Istzustand anschauen, Ideen sammeln, skizzieren,
den Zugang zu den Büchern zu erleichtern, darf man probieren und immer wieder korrigieren. Tom Leifer und sein
aber nicht so massiv mit der Marke winken, das ist Team tauchten tief in die Duden-Welt ein
wie eine Barriere«, erklärt Tom Leifer. Gerade im so­
genannten Nachmittagsmarkt, in dem es darum
geht, Schülern und jungen Leuten Lernhilfen an die
Hand zu geben, die sie unterstützen, sollte ein sol­
ches Produkt nicht aussehen wie ein weiteres Schul­
buch. »Wenn sie den Eindruck haben, hier kommt
Arbeit auf mich zu und Spaß macht es auf keinen
Fall, ist das kein gutes Signal. Deshalb haben wir uns
für verschiedene Graduierungen entschieden. Geht
es klar um Kompetenzunterstreichung, darf das Lo­
go präsenter sein. Dort, wo es eine Hürde darstellen
könnte, nimmt es sich zurück.« Das Logo als Laut­
stärkeregler – eine schöne Idee. Der Schriftzug – jetzt in der Verlag von Jonathan Hoefler statt in der Frutiger –
Für die Beschriftung des Duden­Covers behielt steht zentriert und damit harmonischer auf der schwarzen Fläche. Die Komposition
Tom Leifer Design zwar die Zweiteilung in Serifen­ ist stabiler und ausgewogener, die Wirkung damit deutlich selbstbewusster.
lose und Antiqua bei, entschied sich aber auch Auch in kleinerer Abbildung behält das Logo diese Kraft und Entschiedenheit bei
076 page 07.17 › projekte › Duden-relaunch

hier für zwei neue Schriften. Statt der Frutiger und


Kepler sind es jetzt die serifenlose Theinhardt des
Schweizer Typedesigners François Rappo in Kom­
bination mit der Publico Text von Commercial Type,
der Foundry von Christian Schwartz und Paul Bar­
nes. »Die Theinhardt als moderne Interpretation der
Akzidenz Grotesk wirkt gegenüber der etwas betu­
lichen Frutiger klar und entschieden. Damit unter­
streicht sie das neue Selbstverständnis des Duden«,
erklärt Tom Leifer. »Ihr perfekter Begleiter ist die
Publico, deren Duktus elegant, aber nicht aufgesetzt
ist, der Look heutig, aber nicht modisch. Die Ver­
wendung speziell im Editorial Design wurde dieser
Antiqua ja quasi in die DNA geschrieben. Für ein
Verlagshaus könnte das nicht treffender sein.« Die
Fonts tragen einen wichtigen Teil zur Kommunika­
tion eines veränderten Markenbilds bei und haben
Die Gestaltung der Schülerduden unterscheidet sich etwas von das Potenzial, dieses lange zu prägen.
der der Erwachsenenreihe. So verzichteten die Gestalter komplett
auf eine Serifenschrift – auf dem Cover kommt ausschließlich die Viel mehr als Wörterbücher
Theinhardt zum Einsatz. Wie bei allen Wörterbüchern des Dudenverlags Neben den zwölf Nachschlagewerken, der abge­
steht auch hier das Logo oben rechts
speckten Version »Kleiner Duden« und den Schü­
lerduden gibt der Verlag eine Vielzahl weiterer Pu­
blikationen heraus. Eingeteilt in die Sparten »Spra­
che«, »Beruf«, »Lernen« und »Wissen«, machte Tom
Leifer Design auch hier einige Vorschläge für zeit­
gemäßere Darstellungsformen und spielte eben­
falls mit der Größe des Signets. Bis zur Umsetzung
dieser Vorschläge wird es aber noch eine Weile dau­
ern. Momentan sind die Gestalter vor allem mit dem
Duden in 12 Bänden beschäftigt und damit, das neue
Logo und die neue Typo auch auf die Geschäftsaus­
stattung, auf Flyer, Broschüren und Messestände zu
übertragen. »Das wird ein Gestaltungssystem für den
ganzen Verlag«, so Tom Leifer.
Der Duden steht vor großen Herausforderungen.
Wo will er hin? Wie muss die Produktpalette ausse­
hen? Was fordert der Markt, was die digitale Welt?
Will er zukunftsfähig bleiben, wird er auf all diese
grundlegenden Fragen eine Antwort finden müs­
sen. Das neue Erscheinungsbild ist da ein erster,
wichtiger Schritt. »Neben den gestalterischen Auf­
gaben ist vor allem die noch nicht abgeschlossene
Diskussion um die strategische Ausrichtung und
das Leitbild super interessant«, so Tom Leifer. »Hier
begleiten wir den Duden intensiv und freuen uns
darauf, am Ende ein verändertes Markenbild zeich­
nen und kommunizieren zu können.« Die neue
Zwölferreihe ist ein erster Ausblick. Wir sind ge­
spannt auf alles, was noch kommt. ant [728]

PAGE eDossier »Corporate Fonts: Vor- und


Nachteile«. Wann es sich lohnt, eine eigene
Schrift gestalten zu lassen, erklärt unser
Ratgeber↗  www.page-online.de/PDDP1078  

PAGE Seminar »Leitmedium Design«. erfahren


Sie von jochen rädeker, was bei der Marken-
Die neue Geschäftsausstattung nimmt das Prinzip des entwicklung in einer digitalisierten Welt zählt!
angeschnittenen Schriftzugs auf. Textschrift ist die Theinhardt ↗  www.page-online.de/seminar-leitmedium
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Übrigens: Print-Abonnenten können auf AboPlus upgraden.
Fotos: Norman Posselt
page 07.17 079

Ab in den
Zylinder Zwischen digitalem Massen-
buchsatz und bibliophilen
Werken in Kleinstauflagen
liegen die Bücher, die Erik
Spiekermann im digital-
analogen Buchdruck produ-
ziert. Sie vereinen das
Beste aus beiden Welten

PROJEKT Bücher in einem Mix aus digitaler und


analoger Technik im Buchdruck herstellen
KUNDE Suhrkamp Verlag
DESIGNER Erik Spiekermann und Ferdinand Ulrich
UMSETZUNG Typografische Werkstatt p98a ↗  www.
p98a.com, Druckerei Die Lettertypen ↗  www.dieletter
typen.de, Buchbinderei buks! ↗  www.buks.de, alle Berlin
TOOLS Typometer, Höhenmessgerät, InDesign,
Acrobat, Belichter, Original Heidelberger Zylinder
ZEITRAUM Anfang 2016 bis 2018

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

● Den bibliophilen Markt möchte Erik Spiekermann


ausdrücklich nicht bedienen. Diesen Kreis von In­
teressenten, die ausschließlich Bücher akzeptieren,
die mindestens in Ziegenleder gebunden und von
echten Bleibuchstaben in kleinster Auflage gedruckt
sind. Stattdessen schwebte ihm vor, hochwertige
Bücher zu produzieren, von denen sich dank einem
Ein ganz schönes Mix aus digitaler und analoger Technik einige Hun­
Monstrum: dert bis Tausend Exemplare zu erschwinglichen Prei­
Der Heidelberger sen herstellen lassen.
Zylinder von 1952 »Es wäre dumm, auf die typografischen Finessen
versieht nach wie zu verzichten, die uns die Arbeit am Computer mit
vor zuverlässig sei-
der großen Auswahl an Schriften und allen Werk­
nen Dienst. Daniel
Klotz, Inhaber der
zeugen in den Programmen ermöglicht«, so Spieker­
Druckerei Die Letter- mann. »Aber wir wollen nicht länger lieblos gemach­
typen, prüft, wie te Bücher lesen: wässrige graue Schrift auf schlap­
die Schrift auf dem pem Papier. Noch gibt es ja Buchdruckmaschinen,
Papier aussieht die mit kräftigen Farben und behutsamem Druck
080 page 07.17 › projekte › Digital-analoger Buchdruck

Oben links:
Im Buchdruck
die Buchstaben so abbilden, dass die entstehen- die Platte so exakt, dass man nicht jede neue Form entsteht eine
de leichte Unschärfe unserem Auge so schmeichelt wieder eigens einrichten muss. Nach dem Drucken ganz leichte
wie weiche Wolle der Haut.« wird die Platte erneut gereinigt, um Restbestände Kontur um die
Keine Frage, eine gewisse Digitalmüdigkeit und der Druckerfarbe zu entfernen. Schrift – die
die Sehnsucht nach Haptischem sorgen für einen Etwa zwei Stunden braucht die Maschine für eine daraus resultie­
rende Unschärfe
noch immer anhaltenden Boom des Buchdrucks – 1000er-Auflage. Sicher nicht vergleichbar mit dem
empfindet das
oder Letterpress, wie er heute oft genannt wird. Meist Tempo einer Speedmaster von heute, aber doch ein
menschliche Auge
aber sind es Einladungen, Geschäftsausstattungen absolut vertretbarer Zeitrahmen – p98a archiviert die als angenehm.
oder Karten aller Art, die so hergestellt werden, eher Platten, so besteht jederzeit die Möglichkeit, Exem- Im Hintergrund
selten Bücher mit Auflagen von tausend Stück. In plare nachdrucken zu lassen. Übrigens auch in Far- die belichteten
genau diese Nische stößt jetzt Erik Spiekermann be. Der Heidelberger Zylinder kann alle Farben dru- Platten
mit seinem digital-analogen Buchdruck. Bei der Um- cken, auch Neontöne, allerdings immer nur eine auf
setzung unterstützt ihn das Team seiner experi- einmal. »Die Druckplatten können eine Menge aus-
mentellen typografischen Werkstatt p98a, allen vo- halten. Wie viele Exemplare man mit ihnen drucken
ran sein Assistent, der Typograf und Schriftforscher kann, werden wir bei Gelegenheit testen«, sagt Fer-
Ferdinand Ulrich. dinand Ulrich. Als jemand, der die Blütezeit des Buch-
drucks nicht live erlebt hat, findet der 30-Jährige es
Von InDesign zum Heidelberger Zylinder außerordentlich spannend, jetzt zu erforschen, wie
Eine Broschüre mit zehn Texten des niederländi- sich analoger Buchdruck im 21. Jahrhundert mithilfe
schen Schriftgestalters Huib van Krimpen zum The- digitaler Medien neu definieren lässt.
ma Buchtypografie bildete das Testobjekt. Sie sollte
den Beweis erbringen, dass die Idee, im 21. Jahrhun- Lieber dünn als fett
dert Bücher kommerziell im Buchdruck herzustellen, Buchdruck ist ein klassisches Hochdruckverfahren.
funktioniert. »Dieser ist ja nicht wegen des Drucks, Werden die erhabenen Buchstaben aufs Papier ge-
sondern wegen des Satzes zu Ende gegangen«, sagt presst, entsteht ein Quetschrand, etwas Kontur um
Erik Spiekermann. »Es ist nämlich nicht so spaßig, die Schrift, die für eine leichte Unschärfe sorgt. Für
kiloschwere Formen mit Bleisatz zu schleppen.« Des- das menschliche Auge ist das ausgesprochen ange-
halb legte er gleich Satzspiegel und Layout der Van- nehm. Dieses Markenzeichen des Buchdrucks darf
Krimpen-Broschüre in InDesign an man ruhig sehen, jedoch sollte man es bei der Wahl
Die fertige PDF-Datei schickte Erik Spiekermann der Schrift berücksichtigen (siehe Kasten rechts).
dann über eine direkte Datenverbindung an einen Be-
lichter, der bei der Berliner Druckerei Die Letterty-
pen steht. Das Gerät schreibt per Laser die Buchsta-
ben in Polymerplatten, nach dem Belichten wird die
Platte mit Wasser ausgewaschen, um sie von kleinen
Partikeln zu befreien. Dazu ist keine Chemie nötig.
Die Platten kommen dann in einen Original Heidel-
berger Zylinder von 1952. Ein Magnetfundament hält
sie in der Druckmaschine und Registerstifte fixieren
Das Signet der neuen
Edition Suhrkamp
Letterpress sitzt auf
dem Schmutztitel.
Mit seinen spitz auslau­
fenden Linien zitiert
es eine Zeichnung im
Holzschnittstil. Damit
die Formen dort, wo
sich Linien schneiden,
nicht zulaufen, zeich­
nete Ferdinand Ulrich
ganz feine ink traps ein
page 07.17 081

»Mit sehr fetten Schnitten in kleinen Graden muss


man vorsichtig sein, denn die Buchstaben nehmen
im Buchdruck allgemein etwas zu«, berichtet Ferdi­
nand Ulrich. »Dadurch kann es vorkommen, dass in
Binnenformen und dort, wo Stämme ineinander
übergehen, die Farbe zuläuft. Zwar gab es auch zu
Buchdruckzeiten extreme Schnitte wie die schwere
Block, aber diese Schrift ist ohnehin etwas nach­
sichtiger.« Einfacher ist es mit Schriften, von denen
es zwei Regular­Varianten gibt – eine leichtere und
eine kräftigere –, wie etwa in der Lyon von Kai Ber­
nau oder der Equity Text von Matthew Butterick. Hier
kann man dann die leichtere Variante wählen. »Ganz
wichtig ist, der Schrift etwas mehr Laufweite zu ge­
ben. Je kleiner die Punktgröße, desto größer muss
die Laufweite sein«, so Ulrich.
Auch die Haptik spielt für den Lesegenuss eine
Rolle, deshalb ist die Wahl des Papiers von entschei­
dender Bedeutung. In Huib van Krimpens Buch­
typografie­Broschüre kommt das geglättete Natur­
papier Alster Werkdruck von Geese Papier zum Ein­
satz. Es fasst sich schön warm an, und die Färbung
gelblichweiß ist angenehm fürs Auge.

Suhrkamp macht den Anfang Nach dem Druck


lassen sich die
Einige Kinderkrankheiten gab es bei dem Van­Krim­ Platten reinigen Schriften für den digital-
pen­Büchlein noch, so sieht man etwa eine leichte
Varianz in der Strichstärke, die durch unterschiedli­
und für even-
tuelle Nachdrucke
analogen Buchdruck
chen Farbauftrag und Druck entstanden ist. Drucker archivieren ● Buchdruck ist ein klassisches Hochdruckverfahren.
Daniel Klotz justierte die Einstellungen des Heidel­ In dem Moment, in dem die Buchstaben aufs Papier
berger Zylinders so lange und so fein, dass am Ende gedrückt werden, entsteht etwas Kontur um die
ein stimmiges und homogenes Schriftbild heraus­ Schrift. Dadurch bekommen die Lettern eine leichte
kam. Damit war der Weg frei für den ersten kommer­ Unschärfe, nehmen aber auch in der Stärke zu. Aus
ziellen Auftrag, der bereits in vollem Gang ist: Der diesem Grund schnitten früher die Stempelschneider
Suhrkamp Verlag betraute Erik Spiekermann mit die Schriften von vorneherein etwas dünner.
dem Druck der Edition Suhrkamp Letterpress: Sie­ Im digitalen Satz kann man diesem sympathi-
ben Bücher klassischer deutscher Literatur sollen schen Merkmal des Buchdrucks begegnen, indem
entstehen, drei zur Buchmesse im Oktober, der Rest man eine Schrift wählt, von der es neben der norma-
zur Leipziger Buchmesse im nächsten Frühjahr. len Regular auch noch eine etwas leichtere Variante
gibt. Wie etwa bei der Lyon von Kai Bernau, der
Equity von Matthew Butterick oder der Arnhem
Blond von Fred Smeijers.
Vorsicht ist bei fetten Schnitten in kleinen Graden
geboten, hier laufen die Binnenformen schnell zu.
Im Belichter Ob man sich für eine Antiqua oder eine Sans Serif
schreibt ein Laser entscheidet, spielt keine Rolle, im Prinzip funktionie-
die Buchstaben auf
ren im Buchdruck alle für Lesetexte geeigneten Fonts.
Polymerplatten –
Ganz wichtig ist, ihnen mehr Laufweite als im Offset-
deren Magnet-
fundament hält oder Digitaldruck zu geben. Je kleiner die Punktgröße,
sie in der Druck- desto größer sollte die Laufweite sein. ant
maschine am Platz
082 page 07.17 › projekte › Digital-analoger Buchdruck

Beim digital-
analogen Buchdruck
entstehen Layout
und Satzspiegel in
InDesign. Ferdinand
Ulrich (links) und
Erik Spiekermann
wechseln sich
dabei ab

Für die Covergestaltung stieß dann die Süpergrüp Hände. »Keines der bei uns entstehenden Bücher wird
dazu, zu der neben Erik Spiekermann noch Mirko sich für 9,99 Euro auf dem Wühltisch einer großen
Borsche, Johannes Erler, Lars Harmsen, Sarah Illen­ Buchhandlung finden«, so Erik Spiekermann. »Wir
berger, Eike König und Mario Lombardo gehören. wollen Werke herstellen, die über den Lesegenuss am
Jeder gestaltet eines der Cover. Die sieben Bücher Text hinaus auch die anderen Sinne befriedigen.« Mit
haben außerdem drei unterschiedliche Formate. einem Preis um die 40 Euro finde ich die Suhrkamp­
»Der gemeinsame Nenner ist das Druckverfahren, Letterpress­Bücher absolut erschwinglich.
da dürfen sie sich in anderer Hinsicht schon unter­
scheiden«, findet Ferdinand Ulrich, und so kommen Was ist ein Buch wert?
sowohl Block­ als auch Flattersatz sowie verschie­ Immer noch gibt es Menschen, die düster den Unter­
dene Schriften darin vor. Für »Watten« von Thomas gang der Bücher prophezeien. Handelt es sich dabei
Bernhard die Lyon von Kai Bernau, für »Berliner um die schlecht gesetzten, in China auf grässlichem
Kindheit um 1900« von Walter Benjamin die FF Papier gedruckten und in Bangladesch lumpig zu­
Hertz von Jens Kutílek und für »Der Koloss. Ge­ sammengeklebten Paperbacks, über die man sich
dichte« von Sylvia Plath wohl die Franklin Gothic beim Lesen einfach nur ärgert, kann das meinetwe­
von Morris Fuller Benton. gen gerne geschehen. Auf der anderen Seite gibt es
In puncto Papier entschieden sich die Gestalter nicht wenige Leser, die ein gut gemachtes Buch zu
der Edition Suhrkamp Letterpress für die Sorte Ex­ schätzen wissen und dafür gerne auch zehn Euro
trarough. Ihre leicht raue Oberfläche sorgt für ein mehr ausgeben.
schönes haptisches Erlebnis. Das FSC­zertifizierte Schließlich haben sich die grundsätzlichen Pa­
Papier wird vom US­Hersteller Mohawk produziert, rameter menschlicher Wahrnehmung ja nicht ver­
in Deutschland bekommt man es über Metapaper. ändert. Erik Spiekermann bringt es schön auf den
Gebunden werden die Bücher dann von Ralf Fischer Punkt: »Unsere Augen sind immer noch nebeneinan­
bei buks! in Berlin, alle als Hardcover mit Vorsatzpa­ der angeordnet, und die Entfernung von Hand zu
pier und Lesebändchen. Etwas fürs Auge und für die Gesicht ist dieselbe wie vor der Erfindung des Flach­
bildschirms. Erheblich verändert haben sich die
Jedes der sieben
Mitglieder der
Techniken des Setzens und Druckens – mit der ei­
Süpergrüp gestal- gentlich positiven Folge, dass es für schlechte Satz­
tete ein Cover der und Druckqualität keine Entschuldigungen mehr
Edition Suhrkamp gibt. Außer den üblichen: Faulheit, Dummheit, Gel­
Letterpress, jedes tungssucht und Geiz.« ant [707]
Cover durfte eine
Zusatzfarbe haben.
Im Fall des von Antje Dohmann liest für ihr Leben gern
Johannes Erler ent- schwedische krimis im original. kein
worfenen ersten reines Vergnügen. Dafür sorgen winzige
Bandes war es ein Schriften, viel zu wenig Durchschuss,
sattes Gelb quasi nicht existente Seitenränder und
labbriges papier. Die Schweden scheinen
ein leidensfähiges Volk zu sein.

Mehr Fotos. Weitere einblicke in den digital-


analogen Buchdruck bieten wir unter
↗  www.page-online.de/buchdruck_0717

Süpergrüp im Interview. Mehr über die Ziele


des Designkollektivs erfahren Sie unter
↗ www.page-online.de/suepergruep-interview

Tipps zum Umgang mit Naturpapier. Das


müssen Sie wissen über Motivwahl, papier-
volumen, Veredelung und Druckdienstleister
↗ www.page-online.de/naturpapiertipps
Downloaden, aufschlauen!
Ein Magazin der Verlagsgruppe Ebner Ulm · www.ebnerverlag.de

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PAGE und WEAVE im Originallayout:
PDFs einfach und jederzeit runterladen in unserem
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084 page 07.17 › projekte

Nachwuchs
Spannende Projekte aus Hochschule, Agentur und Forschung

Jede Menge Stoff: Die


drei Publikationen
beschreiben Vergangen-
heit, Gegenwart und
Zukunft von Marzahn –
auf jeweils andere Art.
Auf der rechten Seite oben
die Macher (von links):
Kathleen Raasch, Silvan
Händeler, Anna Bierler
und Benjamin Blazy
PAGE 07.17 085

ER
WEIT NG!
BILDU

was tun Sie?


tun Sie was ...
Neues Lesen … für Ihre berufliche Zukunft!

● weißensee kunsthochschule berlin. Berlin-Marzahn Attraktive Aufstiegsmöglichkeiten für Berufe


ist ein Ort, »der für viele wenig Reiz, jedoch umso mehr aus der Druck- und Medienbranche:

Klischees hat«, heißt es in der Beschreibung des Semes- Industriemeister Digital- und Printmedien
terprojekts »Marzhan neu sortiert. Realität und Utopie«, Medienfachwirt Print oder Digital (m/w)
vorgelegt von Anna Bierler, Benjamin Blazy, Silvan Hän- einjährig, Vollzeit, Prüfung bei der IHK

deler und Kathleen Raasch im Studiengang Visuelle Druck- und Medientechniker (m/w)
Kommunikation (https://is.gd/B_visuelleK ). Vollzeit (2 J.) oder Teilzeit (3 J.), staatliche Prüfung
Die mehrteilige Publikation will mit Vorurteilen auf- Schwerpunkt Druck- und Medientechnik
oder Schwerpunkt Medien/Gestaltung
räumen und ermöglicht dem Leser, Vergangenheit, Ge-
genwart und Zukunft des Stadtteils interaktiv und indi- Fachschule für Visuelle Kommunikation
viduell zu erforschen – mithilfe unterschiedlicher Hef- zweijährig, Teilzeit (Mo.+Sa.), staatliche Prüfung
Abschluss: Staatlich geprüfter Layouter (m/w)
te und codierter Verlinkungen. Die Gestaltung passt sich
jeweils dem Inhalt an: Die Vergangenheit im kompakten
festen Heft, die Gegenwart im größeren Format mit Farb-
fotografien und offenerer Ringbindung und die Zukunft Johannes-Gutenberg-Schule Rostocker Straße 25
in Form einer Loseblattsammlung mit verschiedenen Zentrum für Druck 70376 Stuttgart
und Kommunikation www.jgs-stuttgart.de
Textformaten. Eine schöne Art, um den klischeebehaf-
teten Stadtteil (neu) zu entdecken! nik [785]

Studenten aufgepasst!
Für euch gibt’s 6 cm
umsonst!

PAGE zum Studententarif gibt’s unter


www.page-online.de/shop/studenten-abo
086 page 07.17 › projekte › Nachwuchs

Thermosäule
● Zürcher Hochschule der Künste. RGB­LEDs farbig leuchten lassen, so­
In einem mentorierten Projekt im Pro­ wie einem Ultraschallvernebler, der für
pädeutikum – das an der ZHdK Stu­ weitere Effekte sorgt.
denten aller gestalterischen Studien­ Das Farbthermometer zeigt die Au­
gänge absolvieren – entwickelte Ste­ ßentemperatur in fünf Stufen an: aus­
Stefan Lusten-
berger recher-
fan Lustenberger eine Installation, die gehend von Hellblau für Werte bis
chierte für sein aktuelle Wetterdaten anhand von Licht 0 Grad Celsius bis hin zu Rot für Wer­
Projekt verschie- und Flüssigkeit visualisiert – inspi­ te über 30 Grad. Eine zusätzliche LED
dene Formen, riert vom Galileo­Thermometer, das veranschaulicht Wetterphänomene,
Wetter zu visua- Temperaturen anhand der Dichte von indem sie zum Beispiel bei Gewitter
lisieren: von der Flüssigkeiten darstellt. Seine Lösung zu flackern beginnt. Für die Ermitt­
Kuckucksuhr bis
besteht aus einem Glaszylinder mit lung der Temperaturdaten verwende­
zum digitalen
(eingetrübtem) Wasser, das mehrere te Stefan Lustenberger mehrere Sen­
Barometer. Ihn
fasziniert es, Im Sockel dieses ungewöhn-
soren. Alle Komponenten sind mit ei­
Temperaturen lichen Thermometers sind nem Arduino­Board verbunden und
mittels Flüssig- RGB-LEDs und ein Arduino-Board interagieren über ein selbst geschrie­
keit darzustellen zur Steuerung verbaut benes Programm. as

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Bereiten gerade
die Veröffent-
lichung ihrer
Masterthesis als
Buch vor:
Leon Schlecht-
riem (oben)
und Julian Dorn

Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Crowdsourcing hat einen


schlechten Ruf – verständlicherweise, denn allzu oft geht es mit schlechter Be­
zahlung und unfairen Arbeitsbedingungen einher. Julian Dorn und Leon Schlecht­
riem haben sich in ihrer Masterarbeit »Soziales Crowdsourcing. Konzepte für
menschenwürdiges Crowdsourcing« im Studiengang Interaktionsgestaltung
(https://is.gd/SG_Interaktion) damit auseinandergesetzt, wie es fair zugehen
könnte. Ihre Erkenntnisse hielten sie in einem Buch fest und entwickelten zudem
eine exemplarische Crowdsourcing­Plattform, die Schlüsselkonzepte wie ange­
messene Bezahlung, Transparenz und Kommunikation vereint. Eine Kurzfas­
sung gibt es auf http://socialcrowdsourcing.org, wo demnächst ein Blog mit
Möglichkeit zur Diskussion entstehen soll. nik [784]
088 page 07.17

Werkzeug

Bewegte
Helden
page 07.17 089

Interaktiv ins Königreich


Unit 9 für Visit Britain

● In einer gemeinsamen Kampagne der


britischen Tourismusbehörde VisitBritain und
des Online-Reisebüros Expedia verbindet
die Londoner Agentur Unit 9 Bewegtbild mit
einer interaktiven User Experience und einer
ungewöhnlichen Navigation: Auf der Landing
Page wechseln sich zunächst fünf Clips ab,
die jeweils eine Region des Vereinigten König-
reichs vorstellen: die Highlands, London,
Manchester, Wales und Cornwall. Die hinter-
einander montierten Clips laufen in Endlos-
schleife. Klickt der User auf Play, wird er von
einem Guide durch die jeweilige Region
geführt. Der User kann dabei jederzeit mit
den vier Pfeiltasten zwischen den fünf
Szenen umschalten. Gestalterisches Bonbon:
Die Anschlüsse sind perfekt abgestimmt,
der Aufbau der Szenen ist stets identisch,
nur die Motive variieren. Unit 9 ignoriert
hier bewusst die No-Sound-Maxime, um
mit dem Timbre von Native-Speakern
noch mehr Reiseatmosphäre zu schaffen.
↗ www.expedia.com/greatbritain

Großformatige Videos mit Showcase-Charakter haben sich


insbesondere auf Landing Pages etabliert. Wir zeigen, wie
man Webseiten mit Bewegtbild-Aufmacher stimmig gestaltet

● In Zeiten stetig wachsender Bandbreiten und immer grö­ streckt. Abgeleitet vom Begriff Hero­Image, der für »bild­
ßer werdender mobiler Datenvolumen haben sich Video­ schirmfüllendes Hintergrundbild« steht, spricht man hier
clips als gängiges Format im Web durchgesetzt – als Wer­ von einem Hero­Video, das je nach Bedarf um eine Textzeile
bemittel, im Social­Media­Post auf Facebook, Twitter und mit Headline­Charakter und einen Call­to­Action, eventu­
Instagram oder gleich als Livestream via Periscope. Viele ell auch um eine Navigationsleiste ergänzt wird.
Unternehmen und Agenturen setzen bei Websites und Lan­
ding Pages auf Bewegtbild. Gerne werden diese Videos in­ Die Mär von der hohen Conversion
zwischen als Fullscreen­Background eingesetzt – quasi als Hero­Videos wirken so schön atmosphärisch und immer­
Weiterentwicklung des Headers, der nun nicht mehr nur siv – doch erhöhen sie wirklich automatisch das User En­
als mehr oder minder breite Banderole den oberen Seiten­ gagement und die Conversion? »Die Praxis zeigt, dass Vi­
rand füllt, sondern sich über das gesamte Browserfenster er­ deos gerade mit Blick auf Letzteres eher schwer zu hand­
090 page 07.17 › Werkzeug › Hero-Videos

haben sind«, erklärt Nils Kattau, freier Berater für


Conversion-Optimierung in Berlin (https://nilskat
Guidelines fürs Webdesign tau.de ). »Einen kausalen Automatismus – Videoein-
satz gleich gesteigerte Conversion – gibt es nicht.«
mit Hero-Videos Ob ein Video in diesem Sinne funktioniert, hängt
Farben, Typografie, Raum, Kontrast: Die Gestaltungs- sowohl von seiner Gestaltung als auch vom Design
prinzipien für Websites mit Bewegtbild unterscheiden der Website ab. Das Video ist weder Selbstgänger
sich nicht grundlegend von denen für große Fotos. noch beliebiges Add-on. Es gehört exakt in den Ge-
Michael Fuchs erklärt, worauf Sie achten sollten: staltungsprozess integriert, von der Konzeption bis
zur Entwicklung, damit Content und User Experi-

1
Relevante Bilder auswählen. Die Nutzer wollen ence gut verzahnt aufs Kommunikationsziel abge-
schnell verstehen, worum es auf Ihrer Seite stimmt sind, sonst hat es womöglich nur dekorati-
geht. Entsprechend wichtig ist eine sauber abge- ven Charakter. Und: Videos vermitteln Emotionen
stimmte und für den Use Case relevante Bildsprache, besser als Fotos, kosten aber auch mehr. Im Zwei-
sonst hat das Hero-Video lediglich dekorativen Charakter. felsfall hat man mit Bewegtbild auch schnell viel Geld
Erscheint der Clip gepaart mit einer Textinformation, erhält verbrannt, man sollte also abwägen, ob sich der Ein-
der Nutzer einen unmittelbaren Einstieg und weiß schnell, satz lohnt – denn Emotionen wecken, das können
ob er auf der Seite finden wird, was er sucht. nach wie vor auch Fotos.
Anders verhält es sich, wenn Hero-Videos nicht

2
Kontraste zwischen Video und Interface- nur Atmosphäre verbreiten, sondern ganz klar auch
Elementen schaffen. Meist werden Hero-Videos informieren sollen: »Vor allem sobald Produkt oder
vollflächig in den Header eingebaut, sodass die Dienstleistung erklärungsbedürftig sind, können
Schrift und die User-Interface-Elemente wie eine separate bewegte Bilder eine Aussage klarer machen«, betont
Ebene auf dem Bild liegen. Hier sorgen Kontraste zwischen Dennis Duncker, Geschäftsführer Kreation der Köl-
Video, Schrift und Call-to-Action-Elementen für gute ner Digitalagentur Dunckelfeld. Start-ups beispiels-
Lesbarkeit. Dabei ist es egal, ob man das Video mit einem weise können so im Einstieg in die Seite einen Show-
Layer abdunkelt, aufhellt oder einfärbt – Hauptsache, case inszenieren, der ihren Service plakativ präsen-
Designkonzept und Lesbarkeit sind miteinander vereinbar. tiert. Soll die Unternehmens- oder Agenturwebsite
Verzichten Sie auf Animationen im Hintergrund und als Recruiting-Instrument fungieren, kann sie ver-
setzen Sie lieber auf einfache Elemente. Besteht Ihr Video suchen, mit dem hippen Image eines attraktiven Ar-
aus unruhigen oder kleinteiligen Aufnahmen, setzen Sie beitgebers zu punkten, indem sie mit Szenen aus dem
Buttons und andere Interface-Elemente auf opake Flächen. Arbeitsalltag einen atmosphärischen Blick hinter die
Handelt es sich eher um ruhige Detailaufnahmen, können Kulissen gewährt. Daneben sind weitere Branchen
Sie auch Transparenzen nutzen. für den Einsatz von Hero-Videos prädestiniert, etwa
Gastronomie, Tourismus, Hotellerie oder auch An-

3
Video, Foto, Illustration im Wechsel platzieren. bieter von Lifestyle- und Premiumprodukten.
Bewegtbild-Backgrounds sollte man immer
sinnvoll dosieren und als Highlight nutzen. Am besten High-End
Mehrere Hintergrundvideos direkt untereinander über- Dass die handwerkliche Qualität stimmen muss, ver-
laden die Seite und überfordern den Nutzer. Achten steht sich von selbst. Daher ist eine professionelle
Sie stattdessen auf einen organischen Wechsel von Videoproduktion erste Wahl, denn damit ein Hero-
Videos, Fotos und Illustrationen. Video funktioniert, muss dessen Aussage auf das An-
liegen der Seite abgestimmt sein. Zwar gibt es in-
zwischen ein umfangreiches Angebot an bewegtem
Michael Fuchs, Digital Designer bei Dunckelfeld,
Stock-Material, doch ist die Wahrscheinlichkeit,
setzt bei Hero-Videos auf Individualdesign und
selbst produzierte Clips, weil man nur so genau das Kommunikationsziel mit einem Stock-Video zu
das vermitteln kann, was man erzählen möchte. erreichen, eher gering. Wer es dennoch versuchen
↗  www.dunckelfeld.de möchte, sollte für die Suche nach dem passenden
Clip eine Menge Zeit einkalkulieren.
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
Das Video muss nicht zwingend mit einer RED-
Kamera und Carl-Zeiss-Optik gedreht werden, auch
günstigere Geräte liefern genug Qualität – zumal die
Das Video ist weder Selbstgänger Auflösung des Videos später ohnehin für die Übertra-
noch beliebiges Add-on. Es gung im Web angepasst werden muss. Auch die Hel-
ligkeit (Verlauf oder Abdunkelung) wird erst im Deve-
gehört exakt in den Gestaltungs- lopment justiert, sodass man sie beim Dreh nicht
prozess integriert, von der berücksichtigen muss. Um die Lesbarkeit von Text zu
verbessern, wenn er über dem Bild liegt, sind Detail-
Konzeption bis zur Entwicklung. aufnahmen, Unschärfen und Keying, also das Frei-
stellen von Bildelementen, gut geeignet. Alle wei-
page 07.17 091

Grieche in Dauerschleife
ED. für Meet the Greek

● Diese Seite für ein griechisches Restaurant  
im australischen Brighton-Le-Sands hätte wie  
viele andere Gastronomie-Sites den User mit  
Interieur-Ansichten empfangen können. Statt - 
dessen grüßt ein griechischer Senior mit schiefen 
Zähnen von seinem Ohrensessel. Je nach Klick  
auf einen Punkt im Navigationsmenü der Website  
spielt die Seite andere großformatige Videos vom  
alten Hellenen ein. Der kämmt sich im munteren 
Einstellungswechsel mal die Haare, mal legt er die 
Zeitung ab oder schenkt sich einen Drink ein. Statt 
dampfende Speisen zu präsentieren, vermittelt das 
Video Lebensfreude, Gelassenheit und entspannte 
Atmosphäre als wesentliche Elemente des Marken-
images. Das schlichte, aber pro fes sionell produzierte 
Video überzeugt auf sympa thische Art auch ohne 
epischen Plot, wenn der Clip nach der Eingangs- 
sequenz in Endlosschleife den im Sessel sitzenden 
Protagonisten zeigt. Die redu zierte Gestaltung der 
Website orientiert sich an der klassi schen Aufteilung: 
zwei Call-to-Action-Elemente links und rechts unten 
im Bild plus ein Naviga tionsmenü oben rechts, das auf 
Klick weitere Infor mationen ins Bild fahren lässt. 
↗ www.meetthegreek.com.au
092 page 07.17 › Werkzeug › Hero-Videos

teren Gestaltungsparameter wie Bildaufteilung,


Schwarzanteil oder Entsättigung sind sehr an das Ge­
Hero-Videos aus samtkonzept gebunden, ebenso ob man sich für ein
lineares Video, für mehrere hintereinander montierte
Entwicklerperspektive Clips oder für eine Sequenz im Loop entscheidet.
Codecs, Framerate, Fallback und Co – Jan Henckel gibt Das Einbinden von Videos mittels HTML5 geht
Tipps für die Einbindung von Videos in Websites: recht einfach vonstatten, man benötigt lediglich das
native Element video, das sich um optionale Attribute

1
Codec auswählen. Das Format MPEG-4/H.264 erweitern lässt. Über Media Queries lässt sich die Vi­
unterstützen die meisten aktuellen Browser – deogröße für verschiedene Viewports anpassen.
daher ist es unser Favorit. Nach Möglichkeit sollte Für Projekte mit kleinem Budget kann die Produk­
man dem Browser aber auch modernere Containerformate tion eines eigenen Films ein finanzielles Problem
wie das zukunftsträchtige, von Google entwickelte Open- darstellen. Vielleicht lässt sich der Kunde doch vom
Source-Format WebM zur Verfügung stellen, das auf dem Einsatz großformatiger Bilder als Alternative über­
Matroska Media Container (  www.matroska.org )  basiert zeugen? Man kann auch Budget sparen, indem man
und trotz kleinerer Dateigrößen eine bessere Videoqualität notfalls Templates oder Services nutzt. Möglicher­
bietet, was die Datenlast für mobile Devices verringert. weise ist beim Kunden bereits ein Fundus an rele­
Damit ist es fürs Onlinestreaming geradezu prädestiniert. vantem Bewegtbild vorhanden?

2
Auflösung responsiv anpassen. Neben dem Nicht jeder Nutzer mag Bewegtbild
Quotienten aus bestmöglicher Qualität und Immer noch gibt es genügend mobile User, die aus
geringstmöglicher Datenlast hängt die richtige Angst um ihr Datenvolumen eine Seite mit Bewegt­
Auflösung von weiteren Faktoren ab: Wird das Video bild umgehend wieder verlassen. Dieses Risiko muss
full-screen gezeigt oder nur in einem kleinen Frame? man einkalkulieren und abwägen, ob der Einsatz
Wird es zusätzlich verfremdet, beispielsweise mittels eines Videos dies wert ist. Grundsätzlich sollte ein
Blur-Effekt? Bei viel Bewegung oder vielen Details wird Clip ohne Ton starten, denn es liegt auf der Hand,
auch ein höher aufgelöstes Video schnell pixelig. Meist dass Nutzer im Großraumbüro oder in der Bahn re­
bieten 1280 mal 720 Pixel einen guten Kompromiss. flexartig wegzappen, sollte es unerwartet aus dem
Ebenso gilt es, die Bitrate für das Videomaterial auszu- Lautsprecher des Geräts tönen. Nicht ohne Grund
tarieren. Hier liegt der Mittelweg in der Regel bei einer beginnen zahlreiche Videos auf erfolgreichen Social­
variablen Bitrate zwischen 3 und 8 Megabit pro Sekunde. Media­Kanälen wie Facebook lautlos und mit Unter­
titeln versehen. Jene User, die explizit Ton wünschen,

3
Framerate definieren. 25 bis 30 oder auch können ihn manuell anschalten.
60 Frames pro Sekunde sind je nachdem, Die Einbindung eines Videos ist letztlich keine
ob viel oder wenig Bewegung im Video statt- herausfordernde technische Aufgabe, die größere
findet, die ideale Wahl, damit ein Clip flüssig läuft. Problematik wird darin bestehen, vor allem für die
Auslieferung auf mobilen Geräten die richtige Ba­

4
Fallback-Lösung anlegen. Legen Sie auch ein lance zwischen Bildqualität und Datenvolumen zu
Vorschaubild an, damit bereits Content angezeigt finden (siehe Kasten »Hero­Videos aus Entwickler­
wird, während das Video lädt. Dieses Bild dient perspektive« links). Daher gilt es, bei der Entschei­
auch als Fallback-Lösung für den Fall, dass der Browser das dung für oder wider den Einsatz eines Hero­Videos
Video nicht anzeigt. nicht zuletzt den Aufwand für die Optimierung der
Performance einzuplanen beziehungsweise den

5
Sonderfall iOS berücksichtigen. Auf mobilen Einsatz grundsätzlich zu hinterfragen.
Devices sind Hintergrundvideos immer eine Kurzum: Video ist ein hervorragendes Werkzeug,
Herausforderung – und dies insbesondere bei um User in den Bann zu ziehen und sie neugierig zu
Apple-Devices. Zwar ist Inline Video Playback seit iOS 10 machen, sofern Sie die Gestaltung sorgfältig ange­
möglich, sodass man Clips seither auch auf iPhones im hen. Unsere »Guidelines fürs Webdesign mit Hero­
Browserfenster anschauen kann. Doch ist Autoplay nur Videos« auf Seite 90 sagen Ihnen, wie der bewegte
für Videos ohne Tonspur oder mit dem HTML-Attribut Auftritt gelingt. as [452]
<muted> möglich. Umso wichtiger ist es, dass Sie an die
Fallback-Lösung in Punkt vier denken.
Weiterführende Links zu den hier erwähnten
Websites sowie zu anbietern von Templates
und Stockmaterial für Hero-Videos finden Sie
Jan Henckel, Technischer Leiter bei Dunckelfeld
auf ↗  www.page-online.de/herovideos_0717
in köln, wundert sich, dass sich WebM noch nicht
flächendeckend als Videocontainer durchge-
setzt hat – technisch State of the art und sogar
»Animation im UX Design«. In page 05.17
kostenfrei, weil Open Source.
lesen Sie, wie Sie animierte Objekte zielgerich-
↗  www.dunckelfeld.de
tet, emotionalisierend und markenbindend
einsetzen ↗  www.page-online.de/pepa1705
page 07.17 093

Close-up und Slow Motion


Dunckelfeld für Moodboard

● Die Portfoliowebsite für das Filmstudio Moodboard des deutschen Emmy-Award-


Gewinners Konstantinos Sampanis präsentiert dem Besucher zum Einstieg eine
Montage aus mehreren Produktionen des Studios. Das Showreel gibt einen Einblick in
die Arbeit des Filmschaffenden – Videobackground und Content sind somit identisch.
Der aus mehreren Portfoliofilmschnipseln montierte Clip wurde etwas abgedunkelt,
was die Lesbarkeit der Typo erleichtert, die auf den insgesamt ruhigen Clips auch kursiv
noch gut lesbar ist. Durch Close-ups und Slow Motion kommen auch die Schrift und die
transparenten Call-to-Action-Buttons gut zur Geltung, ohne Bildinhalt zu verschlucken.
↗www.moodboard-film.de

Das volle Programm


Media Monks für Uber

● Diese Seite ließ der Anbieter der


Mobilitäts-App Uber anlässlich
eines Updates seiner Anwendung
entwickeln. Im Vordergrund steht
daher die App mit ihren Funktio-
nalitäten, die Clips im Hintergrund
bieten dem User allerdings keinen
Mehrwert und sind neben dem App-
Interface mit einem weiteren
Effekt überlagert. Dadurch werden
sie unter Umständen kaum oder
womöglich als irritierend wahrge-
nommen. Da ihnen so eher der
Charakter dekorativen Beiwerks
zukommt, stellt sich die Frage,
ob nicht auch Fotos im Background
ausgereicht hätten. Außerdem
bringen Transitions zusätzlich
Bewegung ins Bild: Scrollt der User
durch die Seite, bleibt der View-
port zwar eingerastet, das
Interface reagiert aber auf die
Scrolleingabe, indem es die
Bildinhalte austauscht.
↗ https://ride.uber.com/de_DE
094 page 07.17 › BRaNCHe › Diversity in agenturen

Branche

Diversity
welcome!
Der Nachwuchsmangel zwingt die Kreativbranche dazu, Talente auf
dem internationalen Markt zu suchen. Wir berichten, wie Agenturen
auf die Herausforderung Diversity reagieren und welche administrativen
Hürden dabei zu überwinden sind
page 07.17 095

»Wir wollen die


Besten der
Besten – egal,
woher sie
kommen«
Die Digitalagentur Hi-ReS! in Berlin hat eigens eine
Londoner Headhunter-Agentur beauftragt, die weltweit
nach qualifizierten Freelancern sucht. Auf die Weise
hat sich ein Team aus zehn Nationen etabliert: Italiener,
Deutsche, Inder, Amerikaner, Türken, Brasilianer, Polen,
Schweden, Österreicher und Niederländer

Wettbewerber, bei denen das Thema kaum eine Rolle


spielt (48 Prozent). Wie andere Unternehmen befin-
den sich auch Agenturen in einer Spirale, in der sie
wachsen und sich internationalisieren müssen, um
konkurrenzfähig zu bleiben.
Im letzten Jahr deckten die britischen Digital-
agenturen Razorfish und Contagious in ihrer Big-
Data-Analyse »Cracking the Code of Creativity« ein-
drucksvoll auf, dass in puncto Nationalität, Kultur,
Geschlecht und Disziplin divers zusammengesetzte
Teams bei den Cannes Lions um 50 Prozent erfolg-
reicher abschnitten als homogene Kreativteams
(https://is.gd/CreativeCode). Daniel Bonner, Chief
Creative Officer bei Razorfish, und Will Sansom, Di-
rector von Contagious Insider, die die Untersuchung
durchführten, sagen: »Diverse Teams wollen von-
● In der deutschen Design- und Start-up-Szene, be- einander lernen, sind ehrgeizig und haben deshalb
sonders in der (Kreativ-)Hauptstadt Berlin, ist der An- auch ein großes Innovationspotenzial.«
teil von Mitarbeitern aus anderen Nationen in den Diese Einschätzung deckt sich mit dem Eindruck,
letzten zehn Jahren eklatant gestiegen. Schlendert den Kristin Louis, Geschäftsführerin der Personal-
man durch die Flure der großen Digitalagenturen, vermittlung Designerdock in Berlin (siehe Inter-
trifft man auf fast jede Nationalität. Und sie alle schei- view 99), aus Gesprächen mit ihren Agenturkunden
nen harmonisch miteinander zu arbeiten, gerade so, gewonnen hat: »Kulturelle Vielfalt zahlt sich immer
als gäbe es keine sprachlichen und kulturellen Unter- aus, denn die Teams sind kreativer, innovativer und
schiede. Die Teams finden sich bei mehr oder weniger offener. Menschen mit einem ganz anderen kultu-
verständlichem Englisch zusammen, und wenn die rellen Hintergrund sind eine Bereicherung, die frem-
verbale Kommunikation einmal nicht ausreicht, hat de Kultur immer auch ein Denkanstoß.«
man als Kreativer ja immer noch die Möglichkeit, eine
kleine Zeichnung an die Projektwand zu scribbeln Voneinander lernen
oder schnell mit Legos etwas zusammenzubasteln. Ein offener Geist und Neugier auf Andersartigkeit
Dass Diversity nicht Sand im Getriebe bedeutet, sind in der Kreativbranche wesentlich für die Ent-
sondern im Gegenteil Kreativität und Innovations- wicklung neuer Ideen. Pia Betton, Partnerin bei Eden-
geist fördert, haben bereits einige Untersuchungen spiekermann in Berlin, hat die Erfahrung gemacht,
belegt. So wies das Institut der deutschen Wirtschaft dass eine Kultur der Diversität der Agentur Perspek-
Köln schon 2014 darauf hin, dass Firmen, die auf kul- tiven eröffnet. Der Horizont internationaler Mitar-
turelle Vielfalt setzen, mit 69 Prozent häufiger neue beiter sei schon deshalb anders, weil sie in ihrem Her-
oder verbesserte Produkte auf den Markt bringen als kunftsland auf andere Weise gearbeitet hätten.
096 page 07.17 › BRaNCHe › Diversity in agenturen

»Wir vereinen die


Unterschiede der
Kulturen in unserer
Firmenkultur«
»In Dänemark ist es zum Beispiel ganz normal, Bei Edenspiekermann ziell Berlin haben sich im letzten Jahrzehnt extrem
dass sich Führungskräfte pünktlich um 16 Uhr ver- in Berlin arbeiten Kreative verändert, sind immer internationaler geworden.
abschieden, um ihre Kinder von der Kita abzuholen«, aus zwölf Nationen: Doch vor allem haben sich die Bedingungen für die
Ein Backend-Developer
erklärt Betton. Oft seien Kreative, die heute bei Eden- Personalsuche fundamental gewandelt. »In Berlin ist
ist Slowene, doch die
spiekermann sind, schon vorher in der Welt herum- meisten kommen aus
es praktisch unmöglich, nur Deutsche einzustellen«,
gekommen und bringen Erfahrungen aus Agen- westlichen EU-Staaten so Sven Küster, der mitansehen muss, wie die vielen
turen in New York, San Francisco et cetera mit. »Von oder den USA und Kanada. Start-ups und die boomende Kreativwirtschaft den
›gleichen« Mitarbeitern wird man bestätigt, von Neben Partnerin Pia Betton Arbeitsmarkt leerfegen. Verstärkt wird dies durch den
›unterschiedlichen‹ lernt man. Sie hinterfragen viel arbeiten drei weitere demografischen Wandel. Große Agenturen wie Hi-
mehr, weil sie das ihnen Fremde verstehen wollen«, Däninnen bei der Agentur ReS!, die hoch qualifizierte Spezialisten benötigen,
sagt die gebürtige Dänin. sind gezwungen, weltweit nach Personal Ausschau
Edenspiekermann stellt vierteljährlich neue Prak- zu halten. »Wir haben zusätzlich eine Headhunter-
tikanten ein, die inzwischen zu 90 Prozent nicht aus Agentur in London beauftragt, die international nach
Deutschland sind. Warum? »Meist handelt es sich geeigneten Freelancern sucht«, erklärt Küster. »Bringt
bei ihnen einfach um die spannenderen Persönlich- man die besten Leute zusammen und lässt sie in ei-
keiten«, meint Pia Betton. Schließlich haben sie be- ner respektvollen und von Toleranz geprägten Um-
reits Initiative bewiesen und gezielt eine Agentur in gebung arbeiten, werden sie ihre beste Arbeit liefern.«
Berlin ausgewählt, in der sie gern arbeiten würden.
Egal, ob sie aus Belgien, Österreich oder Singapur Der schwierige Proporz
kommen – sie trauen sich, das gewohnte, sichere Die Besten der Besten heißt auch, weibliche Mitar-
Umfeld zu verlassen. Eine solche Haltung ist Pia Bet- beiterinnen zu finden und zu fördern. Noch immer
ton bei potenziellen Mitarbeitern wichtig und aus- seien vor allem in technischen und führenden Posi-
schlaggebender als die Herkunft. tionen Männer in der Überzahl, bedauert Miriam
Healy, Executive Director, Technology & Delivery bei
Die Besten der Besten suchen AKQA in Berlin: »Wir legen großen Wert darauf, dass
»Wir wollen nicht einfach ein buntes Team, um hip- sich das Verhältnis der Geschlechter in leitenden
per zu sein als andere. Wenn man die besten Ar- Funktionen die Waage hält. Aber nach wie vor haben
beitskräfte anheuert, ergibt sich dies automatisch«, wir Probleme, genügend Frauen für den Technolo-
erklärt Sven Küster, Managing Director der Digi- giebereich zu finden. Das ist noch immer eine Män-
talagentur Hi-ReS! in Berlin. Er ist überzeugt, dass nerdomäne.« In Berlin sei das Verhältnis allerdings
Diversity in der Kreativbranche letztlich nur den kul- schon besser als in Großbritannien. Die besten Ent-
turellen Wandel in der Gesellschaft insgesamt wider- wicklerinnen findet AKQA inzwischen in der Ukra-
spiegelt. Die großen Städte in Deutschland und spe- ine und in Russland, wo die gendertypischen Bar-
page 07.17 097

rieren in puncto Technik offenbar keine so große Rol­ Kulturelle Karambolagen verhindern
le spielen. »Ich hoffe, dass sich dies auch im Westen Damit innerhalb der Agentur Barrieren gar nicht erst
langsam mal durchsetzt«, so Healy. entstehen oder Vorurteile sich Bahn brechen, müs­
Vorbilder gibt es diesbezüglich aber auch im ei­ sen Personalverantwortliche und Geschäftsleitung
genen Land. The AppGuys aus Köln hat es geschafft, eine Unternehmenskultur etablieren, die auf Tole­
eine weibliche Entwicklungsabteilung aufzubauen – ranz setzt und sich die Forderungen des Allgemeinen
mit einer Frau an der Spitze. »Wenn man zu glei­ Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zu eigen macht.
chen Teilen Frauen und Männer beschäftigt, fahren Dieses besagt, dass niemand wegen seiner Rasse oder
die Männer nicht so einen Egotrip wie manchmal in wegen seiner ethnischen Herkunft, des Geschlechts,
ausschließlich männlichen Teams«, weiß Marko der Religion oder Weltanschauung, einer Behinde­
Nußbaum, Gründer von The AppGuys, aus langjäh­ rung, des Alters oder der sexuellen Identität benach­
riger Erfahrung in Agenturen. Er hatte das Hauen teiligt werden darf. Kollegiales Miteinander sollte al­
und Stechen satt und setzt alles daran, im eigenen so von Respekt vor der Andersartigkeit geprägt sein.
Unternehmen ein ausgeglichenes Geschlechterver­ Das fängt im Grunde schon beim Recruiting an: »Wir
hältnis herzustellen. stellen nur Leute ein, die unsere Werte teilen – egal,
Die Irin Miriam Healy findet, in Deutschland herr­ woher sie kommen«, so Pia Betton, die in jedem On­
sche zum Teil eine noch antiquierte Sicht auf die boarding­Prozess die Firmenkultur vermittelt.
Vereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere. Wenn Um alle Mitarbeiter zu integrieren, hat Edenspie­
Babys kommen, verzichten auch heute noch meist kermann, wie übrigens auch AKQA, Hi­ReS! und
die Frauen auf ihren Job. Obwohl viele Agenturen The AppGuys, die Agentursprache auf Englisch um­
flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und Betreuungs­ Auch bei AKQA in Berlin gestellt. »Sobald jemand sich in einer Diskussion
angebote eingerichtet haben und sich damit schon geht es bunt zu. Das dazusetzt, der kein Deutsch versteht, sind die ande­
sechzigköpfige Team setzt
einiges zum Positiven verändert hat, sind Frauen in ren gehalten, die Sprache zu switchen«, erklärt Pia
sich aus 16 Nationen
leitenden Positionen noch immer eine Seltenheit. Betton. Auch Rituale schweißen das Team zusam­
zusammen. Die Mitarbeiter
So gern Miriam Healy, Pia Betton oder Kristin Louis kommen von anderen
men. Donnertags gib es »Brainfood« mit Vorträgen
als weibliche Führungskräfte etwas an dieser Situa­ AKQA-Büros in Brasilien, von internen oder externen Experten, gefolgt von
tion ändern würden – auch sie stehen dieser Proble­ USA, Polen, Rumänien, einem gemeinsamen Frühstück, das auch Vegeta­
matik eher ratlos gegenüber. Russland oder Indien riern, Veganern oder Menschen gerecht wird, die

»Wir sind
Visa-Profis
geworden«
098 page 07.17 › BRaNCHe › Diversity in agenturen

»Die Techie-
Abteilung
ist bei uns
weiblich«
Visabestimmungen,
Arbeitserlaubnis & Co
Merkblatt der Arbeitsagentur Die Kölner Agentur The AppGuys hat bisher nur
Die PDF-Datei fasst alle wichtigen Informationen für Arbeitgeber acht Mitarbeiter, aber die Hälfte davon sind Frauen.
zusammen, die Mitarbeiter aus dem Ausland einstellen wollen. Karen Schwane, Leiterin des Entwicklerteams, ist
froh, dass sie endlich einmal weibliche Kolleginnen
↗ https://is.gd/merkblattarbeitsagentur
im Development hat und sich nicht als »Alibi-Frau«
Arbeitsmarktzulassung oder »Techie-Tante« fühlen muss
Wer aus Drittstaaten wie der Türkei oder Serbien nach Deutsch-
land kommen will, um zu arbeiten, braucht eine Arbeitserlaubnis,
die Zuwanderer aber nur für bestimmte Mangelberufe bekommen. kein Schweinefleisch essen. »Wir haben einen
↗ https://is.gd/BfAArbeitserlaubnis Stammtisch, einen Buchclub und viele Feste, da wird
jeder Mitarbeiter automatisch einbezogen«, so Pia
Visabestimmungen
Betton. Miriam Healy sieht das ähnlich: »Eigentlich
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung informiert sind die Unterschiede zwischen den Kulturen gar
über Regelungen für den Aufenthalt und die Arbeitsaufnahme. nicht so groß, wenn man als Unternehmen eine ei­
Für Bewerber aus Australien, Israel, Japan, Kanada, Neuseeland, gene Kultur lebt. Wir stellen beispielsweise keine
Südkorea und den USA gibt es Sonderregelungen, sie können Rockstars ein, die sich für besonders toll und wich­
ohne Visum nach Deutschland einreisen und länger bleiben. Inner- tig halten. Wir wollen offene Menschen, die gern
halb von drei Monaten und vor Aufnahme eines Jobs, müssen kollaborieren.« ae [791]
sie eine Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke der Erwerbstätigkeit bei
der Ausländerbehörde am Wohnort beantragen.
↗ www.anerkennung-in-deutschland.de/html/de/drittstaaten.php PAGE Story »Frauen vor!«. Was zu tun ist, damit
Frauen in den Führungsriegen der agenturen
Anerkannte Studienabschlüsse genauso stark vertreten sind, berichten wir in
Alle anerkannten Hochschulen, Universitäten und Studien- page 11.15 ↗ www.page-online.de/pepa1511
gänge weltweit sind auf anabin, dem Infoportal der
Kultusministerkonferenz, gelistet. Die Datenbank zeigt die
PAGE Story »Recruiting in der Design- & Digital-
anerkannten Hochschulabschlüsse mit Bewertung. ae
branche«. Wertvolle Tipps und Strategien für
↗ http://anabin.kmk.org die personalgewinnung finden Sie in page 04.17
↗ www.page-online.de/pepa1704
page 07.17 099

Bisher haben wir noch keinen einzigen Designer und De-


veloper aus aktuellen Krisengebieten vermittelt, wir haben
nicht einmal Bewerbungen vorliegen. Ich vermute, dass
sie meist nicht entsprechend ausgebildet sind. Wenn über-
haupt, wird dies wohl erst später stattfinden, weil der Auf-
enthaltsstatus in den meisten Fällen noch nicht geklärt ist.
Welche Hürden müssen Bewerber aus Nicht-EU-
Ländern überwinden?
Sie brauchen auf jeden Fall eine Arbeitsgenehmigung und
ein Einreisevisum. Das Visum müssen sie bei der deut-
schen Botschaft in ihrem Land beantragen, wegen der Ar-
beitsgenehmigung muss sich die Agentur, also der Arbeit-
geber, an die Bundesagentur für Arbeit wenden. Voraus-
setzung für die Bewerber ist zudem ein Abschluss von
einer in Deutschland anerkannten Universität oder Hoch-
schule (siehe Kasten links). Es gibt aber noch eine zweite
Anforderung: Um den Visadurchlauf schaffen zu können,
müssen sie über 3300 Euro brutto verdienen. Erst dann er-
»Agenturen und Unternehmen füllen sie die Kriterien für einen qualifizierter Mitarbeiter,
die Deutschland so gerne haben will.
müssen sich internationalen Die Bürokratie ist für Arbeitgeber wie Arbeitsuchende
eine große Hürde. Letztere verstehen oft nicht, welche Pa-
Mitarbeitern öffnen« piere nötig sind und an wen sie sich wenden müssen. Die
Arbeitgeber wiederum könnten zwar professionelle Hilfe
● Die auf die Kommunikationsbranche spezialisierte Per- in Anspruch nehmen, scheuen aber meist die Kosten, ob-
sonalberatung Designerdock vermittelt inzwischen auch wohl diese übersichtlich sind. Wir arbeiten zum Beispiel mit
viele internationale Kreative an Arbeitgeber in Deutsch- der Visaberaterin Barbara Rietzsch aus München (www.
land, Österreich und der Schweiz, wobei der Bedarf bei visa-and-expats-consulting.de ) zusammen. Kostenpunkt
Digitalagenturen sehr viel höher ist als der von Grafikdesi- im Normalfall: um die 1000 Euro.
gnstudios. Zurzeit hat Designerdock allein 30 Anfragen Oft reisen Arbeitssuchende mit einem Besuchervisum
für UX Designer auf dem Tisch. Der Nachwuchsmangel ist nach Deutschland ein, um einen Arbeitgeber zu finden.
so extrem, dass zahlreiche Agenturen inzwischen gezielt Allerdings ist so ein Visum nur für wenige Nationen außer-
im Ausland suchen. Welche Hürden Agenturen und aus- halb der EU einfach zu erhalten. Antragssteller brauchen
ländische Mitarbeiter dabei überwinden müssen, verrät ent weder eine Verpflichtungserklärung eines deutschen
Kristin Louis, Geschäftsführerin von Designerdock Berlin Bekannten oder müssen eine recht hohe Summe an vor-
( www.designerdock.com). ae handenem Vermögen nachweisen.
Gibt es keine Möglichkeit, auch ohne Hochschul-
Aus welchen Ländern stammen die internationalen abschluss in Deutschland zu arbeiten?
Kreativen, die sich bei Ihnen bewerben? Kandidaten ohne anerkannten Uniabschluss haben so gut
Kristin Louis: Die meisten Bewerber kommen aus der EU, wie keine Chance auf einen Arbeitsplatz, auch wenn sie
weil sie für Deutschland kein Visum benötigen. Viele da- durch ihre Berufspraxis hoch qualifiziert sind. Ausnahme-
von aus Kroatien, Tschechien, Italien oder Spanien. Zurzeit genehmigungen sind schwer zu bekommen. Der Arbeitge-
gibt es auch viele griechische Interessenten. Sie sehen in ber muss dann gemeinsam mit dem Bewerber der Bundes-
ihrem Heimatland oft keine Perspektive. In Serbien zum agentur für Arbeit anhand von Dokumenten die Qualifi-
Beispiel ist die Agenturkultur noch sehr jung, und die Leute zierung nachweisen und erklären, warum er genau diese
sind fasziniert von der hippen Berliner Design- und Start- Fachkraft benötigt. Ohne anerkannten Hochschulabschluss
up-Szene. Also arbeiten sie hier ein, zwei Jahre, um Erfah- haben Bewerber erst mit einem Bruttogehalt von über
rungen zu sammeln und gehen dann wieder zurück oder 4000 Euro Aussicht auf ein Visum.
ziehen weiter. In jungen Jahren reisen viele Kreative durch Welche Mindestanforderungen müssen Jobsuchende
die Welt, denn sie können eigentlich überall anheuern. erfüllen, damit die Integration gelingen kann?
Wir vermitteln aber auch hochqualifizierte Bewerber Wenn Bewerber nicht Deutsch sprechen, sollten sie zumin-
aus Nicht-EU-Ländern wie den USA, Brasilien, Australien dest Englisch verhandlungssicher beherrschen, sonst kön-
oder China, speziell aus Singapur und Shanghai. Auch sie nen sie den Teammeetings nicht folgen und sich nicht ver-
wollen oft in die Berliner Szene hineinschnuppern. Krea- ständlich machen. Mittelmäßige Englischkenntnisse, wie
tive aus den USA, Korea oder China bringen zudem einen sie viele Interessenten aus den Balkanstaaten und Griechen-
Wissensvorschuss mit, weil diese Länder viel digitaler auf- land mitbringen, reichen nicht. Wir raten allen Bewerbern,
gestellt sind. Dieses Know-how ist für deutsche Agenturen Deutsch zu lernen. So verstehen sie die Denkweise und wer-
natürlich interessant. den nicht auf englischsprachige Kunden und Produkte be-
Sind eigentlich schon Geflüchtete auf dem Arbeits- schränkt. Je anspruchsvoller die Position und je komplexer
markt angekommen? die Aufgaben, desto wichtiger ist die deutsche Sprache.
Zu Besuch bei DELI
Creative Collective:
Studierende der
Hochschule Niederrhein
informieren sich
über die Arbeit des
Motion Designers

● Neue Technologien führen zu neuen Jobprofilen.


Und neue Jobprofile erfordern neue Skill Sets. Die
Folge sind unscharfe, verwirrende Berufsbezeich-
nungen und nicht klar definierte Ausbildungswege.

connect Entsprechend orientierungslos ist der Kreativnach-


wuchs. Aber auch in Agenturen und Unternehmen
stößt das Silodenken in Zeiten digitaler Transfor-

creative mation häufig an seine Grenzen. Es gilt, heterogene


Projektgruppen zu Teams zu formen und neue Me-
thoden zu erlernen. Wer nachhaltig im Geschäft

competence sein möchte, kommt um die Integration disziplin-


übergreifender Kompetenzen nicht mehr herum.
Integriertes, interdisziplinäres Denken gilt als Ge-
bot der Stunde.
EINE
INITIATIVE Die PAGE-Connect-Initiative unterstützt Kom-
VON
munikations-, Digital- und Designagenturen sowie
Hochschulen, Unternehmen und Young Talents da-
bei, sich (neu) zu orientieren und umfassend zu
Die PAGE-Initiative zur Förderung qualifizieren. Sie macht komplexe Prozesse journa-
listisch fundiert transparent und bietet eine Platt-
neuer Kompetenzen in Agentur, form für den medialen Diskurs. Denn bei der per-
Hochschule und Unternehmen sönlichen Abwägung, welche Ausbildung wirklich
zu einem passt oder ob sich dahinter ganz andere
↗ www.page-online.de/connect Inhalte und spätere Berufsbilder verbergen als ver-

Träger der Connect-Initiative sind Design-, Kommunikations- und Digitalagenturen sowie Hochschulen, Unternehmen und Verbände, kuratiert von PAGE:
PAGE 07.17 101

mutet, helfen Hochschul- und Kreativrankings allein


nicht weiter. Gleiches gilt für die realistische Ein-
schätzung, welche spannenden Perspektiven sich für
kreative Talente in Agenturen auftun.

Creative Competence an Hochschulen


Den besten Einblick in den Studienalltag vermitteln
noch immer diejenigen, die ihn jeden Tag erleben und
gestalten: die Professorinnen und Professoren selbst.
Auf www.page-online.de/connect nennen die Part-
nerprofessoren der PAGE-Initiative drei gute Gründe,
den von ihnen vertretenen Studiengang zu wählen,
und räumen mit Vorurteilen über das jeweils vorge-
stellte Berufsbild auf. Zudem formulieren sie in exklu-
siven Videos, was sie von künftigen Studenten erwar-
ten. Wir starten unsere Hochschul-Videoreihe mit:
Der Connect-Channel:
· Prof. Heribert Birnbach Corporate Design
Online finden Sie
· Prof. Wolfgang Henseler UX Design alle Jobprofile in Wort
· Prof. Daniel Rothaug Service Design und (Bewegt-)Bild
· Prof. Richard Jung Motion Design sowie zum Gratis-
· Prof. Stefan Wölwer Interaction Design Download.
· Prof. Jürgen Schulz Content Marketing ↗ www.page-online.
de/connect

Creative Competence in Agenturen


Den umfassendsten Einblick in die Praxis können
dann aber nur diejenigen bieten, die ihre Kompetenz
im Tagesgeschäft unter Beweis stellen und mit ihren Immer up to date.
Kunden um die besten Lösungen ringen. Wir haben Am besten bestellen
gemeinsam mit ausgewählten Agenturen einzelne Sie auch gleich den
PAGE Newsletter,
Jobprofile in der Praxis unter die Lupe genommen
dann sind Sie immer
und die Berufsbildinhaber in ihren Teams bei ihrer im Bilde, wenn
ganz konkreten interdisziplinären Projektarbeit be- ein neues Jobprofil
gleitet und Interviews mit ihnen geführt. Heraus- bereitsteht.
gekommen sind 36-seitige Jobprofilkompendien, ↗ www.page-online.
die wir an Hochschulen verteilen und für Sie ab sofort de/newsletter
zum kostenlosen Download unter www.page-online.
de/connect/download bereitstellen. Zudem werden
peu à peu Videos von Besuchen in der Agentur fol-
gen. Und zwar zu diesen Berufsbildern:
@
Wenn auch Sie
· Content Strategist PAGE Connect
· Corporate Designer unterstützen
· Interaction Designer möchten, schreiben
· Motion Designer Sie uns: connect@
page-online.de
· Service Designer
· UX Designer
102 page 07.17 › branche

Serie: Jobprofile

UX Designer
User Experience Designer konzipieren und realisieren digitale Produkte und
Services – immer mit Blick auf den Nutzer und die Bedürfnisse des Auftraggebers

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
BERUFSBEZEICHNUNG User Experience Designer Creative
AUSBILDUNG Designstudium mit Schwerpunkt Interaction Director UX
Design, Studium User Experience Design Andrea Goebel
VERDIENST Als festangestellter Junior UX Designer rund und UX Designer
2000 Euro brutto, als UX Lead oder Director etwa Marcus Fries
6000 Euro. Tagessätze für erfahrene Freelancer betragen
600 bis 800 Euro (Quellen: Gehalt.de, Glassdoor.de)

U
X Design ist ein weites Feld, das je­
de Agentur anders interpretiert.
Wir fragten Creative Director UX
Andrea Goebel und UX Designer
Marcus Fries, was UX Design bei
der Digitalagentur und IBM­Toch­

Foto: Tino Wehe, Aperto


ter Aperto bedeutet und wie sie es
mit Fokus auf den Nutzer sowie auf interdisziplinäre
und iterative Zusammenarbeit – auch mit dem Kun­
den – für erfolgreiche Lösungen einsetzen.

Wie und warum seid ihr zu Aperto gekommen?


Andrea Goebel: Ich habe Publizistik studiert und bin
seit 15 Jahren im Bereich Digitale Medien unterwegs, xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx bewusst offen, damit jeder Einblick in alle Bereiche
war in diversen Digitalagenturen und Digitalable­ hat. So lernt man bei jedem Projekt dazu und kann die
gern von Werbeagenturen tätig und habe frei gear­ »Den engsten für sich passende Richtung einschlagen.
beitet. Zu Aperto kam ich vor drei Jahren durch einen Austausch Was ist dein Schwerpunkt, Andrea?
Freelance­Auftrag. Mir gefiel die Projektvielfalt, ge­ Goebel: Ich arbeite vor allem strategisch­konzeptio­
nauso wie die Möglichkeit, Plattformen und Servi­
habe ich mit nell an Corporate­ und Brand­Themen wie Unterneh­
ces von Grund auf mit zu entwickeln, statt nur Kam­ dem Visual mens­ oder E­Commerce­Plattformen. Als Creative
pagnen digital zu verlängern. Designer, Director bin ich insbesondere am Anfang eines Pro­
Marcus Fries: Ich habe eine Ausbildung zum Medien­ mit dem ich jekts dabei, schaue, wo das Problem liegt und in wel­
gestalter gemacht und dann in Köln Integrated De­ che Richtung es gehen soll.
sign studiert. Währenddessen und danach arbeitete
am Inter- Marcus, du kannst HTML. Ist das ein Muss für
ich als freiberuflicher Interface Designer für diverse face Design einen UX Designer?
Agenturen und Start­ups. In die Festanstellung bin arbeite« Fries: Es ist keine Pflicht, aber technisches Grund­
ich gewechselt, weil ich in einem größeren Team ar­ wissen schadet nicht – besonders, wenn man in der
Marcus Fries,
beiten wollte. An Aperto fand ich neben dem Projekt­ Umsetzung mit dem Entwickler zusammensitzt.
UX Designer
portfolio die Anbindung an IBM spannend, weil sie bei Aperto, Berlin Mein Schwerpunkt liegt zum Beispiel darin, die In­
Zugang zu neuen Technologien gewährt. Zudem hat­ ↗ www.aperto.com/de formationsarchitektur für eine Website auszuarbei­
te ich bei den Bewerbungsgesprächen einfach ein ten oder Interaktionsparadigmen für einen neuen
gutes Gefühl. Ich bin seit Juni 2016 dabei. Service zu definieren. Meine Tätigkeit variiert von
UX Design hat ein sehr breites Aufgabenspek- Projekt zu Projekt – was mir sehr gut gefällt.
trum. Was macht ein UX Designer bei Aperto? Wie sieht der klassische Karriereweg bei
Goebel: Bei Aperto arbeiten UX Designer in verschie­ Aperto aus?
densten Projekten – von Plattformen und Websites Goebel: Wir bieten Traineeships für Einsteiger an,
über Marketingmaßnahmen und Kampagnen bis hin danach gibt es die üblichen Stufen Junior, Advanced,
zu digitalen Produkten und Services. Die meisten ha­ Senior bis hin zum Lead oder Creative Director. Es
ben ein Spezialgebiet, aber wir halten die Grenzen kommt darauf an, welche Komplexitätsstufe man
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eigenständig bearbeiten kann und wie viel Verant­ Konkrete Abläufe und die Rollenverteilung passen
wortung man übernimmt. wir je nach Kunde und Projekt an.
Seit 2016 gehört Aperto zur Agenturfamilie Was sind alltägliche Abläufe und Aufgaben?
von IBM iX. Inwiefern hat sich mit der Fries: Die meisten Tage beginnen mit einem Daily
Übernahme etwas verändert für eure Arbeit? Stand­up im jeweiligen Projektteam. Alles Weitere
Goebel: Durch IBM haben wir direkten Zugriff auf hängt davon ab, in welcher Projektphase man sich
neue Technologien, wie IBMs künstliche Intelligenz befindet. Das kann das Erstellen von Personas sein,
Watson oder Internet­of­Things­Anwendungen. Das die Auswertung von User Tests oder das Ausarbei­
macht die Arbeit sehr abwechslungsreich. IBM hat ten von User Storys für die agile Entwicklung.
viele Kunden, die mitten in digitalen Transforma­ Arbeitet ihr immer nur an einem Projekt oder
tionsprozessen stecken. Dadurch werden wir viel auch mal an mehreren gleichzeitig?
stärker als Begleiter von Change­Prozessen eingebun­ xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
Fries: Idealerweise nur an einem Projekt, höchs­
den. Aperto arbeitet mit daran, analoge Geschäfts­ tens zwei – und dann meist mit einer Aufteilung von
bereiche zu digitalisieren, die Umstellung für alle Be­
teiligten so angenehm und einfach wie möglich zu
»UX Designer 80 zu 20 Prozent.
Wie lang dauern Projekte ungefähr?
machen und zu einem nutzbaren Ergebnis zu füh­ bilden eine Goebel: Das ist sehr unterschiedlich. Großprojekte
ren. Das erfordert eine wesentlich tiefere Beschäfti­ Schnittstelle: wie der Launch einer komplexen, internationalen Un­
gung mit den Problemen des Kunden und eine en­ Wir ana- ternehmenswebsite können schon mal über ein bis
gere Einbindung in dessen interne Prozesse.
Wie sieht das genau aus?
lysieren die zwei Jahre laufen plus anschließender Weiterentwick­
lung. Kampagnen und schnelle Prototypentwicklun­
Fries: In vielen Projekten arbeiten wir sehr eng mit Kundenan- gen sind dagegen eher kurzfristig.
den Kunden zusammen. Kürzlich war ich Teil eines forderungen, Mit welchen Tools und Programmen arbeitet
Teams, das je zur Hälfte aus Mitarbeitern von Volks­ stimmen uns ihr regelmäßig?
wagen Nutzfahrzeuge und aus Aperto­Kollegen be­ Fries: Die wichtigsten Programme sind Sketch fürs
stand. Vier Wochen arbeiteten wir alle intensiv in der
zum Look- Wireframing, Slack zur Kommunikation, Confluence
Agentur, konnten uns direkt austauschten, Insights and-feel und JIRA für die Projektdokumentation und ­steue­
teilen und schnell Entscheidungen treffen. ab und klären rung sowie gängige Prototyping­Tools wie zum Bei­
Goebel: Dieses Modell schlagen wir immer mehr Kun­ die Mach- spiel InVision.
den vor, weil wir gute Erfahrungen damit gemacht Goebel: Ich arbeite nach wie vor auch viel mit Stift und
haben. Man spart sich diverse Abstimmungszyklen
barkeit mit Papier oder mit Whiteboard und Post­its, um An­
und kommt schneller zu einem Ergebnis, hinter dem der Technik« forderungen aufzunehmen oder erste Ideen zu skiz­
das Team steht. Gerade beim initialen Workshop soll­ Andrea Goebel, zieren. Und Kundenpräsentationen bereiten wir in
te man nah am Kunden sein und die richtigen Fra­ Creative Director UX PowerPoint oder Keynote auf, etwa wenn wir nach
gen stellen, denn hier wird die Basis für die weitere bei Aperto, Berlin der ersten Konzeptionsphase unsere Design Vision
Entwicklung gelegt. Es ist enorm wichtig, den Kun­ ↗ www.aperto.com/de beim Kunden vorstellen.
den zum Teil des Prozesses zu machen. Präsentiert ihr selbst vor Kunden?
Wie groß ist die Bereitschaft für solche Goebel: Ja, unbedingt. Bei Aperto ist nicht allein der
Modelle auf Kundenseite? Projektmanager das Gesicht zum Kunden. Wir ste­
Goebel: Viele Unternehmen hinterfragen derzeit ihre cken am tiefsten in der Materie und sind deshalb die­
gewohnten Arbeitsprozesse, brechen Silos auf und jenigen, die unsere Ideen am besten präsentieren und
fördern interdisziplinäre Zusammenarbeit. Deshalb verteidigen können.
sind sie entsprechend offen, auch dafür, mit Agen­ Welche Disziplinen sind noch Teil eurer
turpartnern auf neue Art zusammenzuarbeiten. Wir Projektteams?
stehen ihnen dann als Mitgestalter, Impulsgeber und Fries: Den engsten Austausch habe ich mit dem Vi­
Enabler zur Seite. Natürlich gibt es auch Kunden, sual Designer, mit dem ich am Interface Design ar­
für die wir noch nach klassischen Prozessen wie dem beite. Dazu kommt eine enge Absprache mit den Ent­
Wasserfallmodell arbeiten. wicklern – sowohl bei der technischen Umsetzung
Agile Prozesse benötigen ein Rahmenwerk. als auch im Vorfeld, um mich zu vergewissern, ob
Womit arbeitet ihr? eine Idee umsetzbar ist. Andere beteiligte Diszipli­
Goebel: Unser kreativer Prozess fußt auf Design Thin­ nen sind unser Content­Team und die Kollegen aus
king, das heißt wir arbeiten konsequent nutzerzen­ dem Strategy­Data­Performance­Team, die uns etwa
triert, analysieren erst einmal die Nutzerbedürfnis­ bei SEO­Fragen unterstützen.
se – und bringen diese mit den Business­ und Mar­ Goebel: UX Designer bilden eine Schnittstelle: Wir
kenzielen unserer Kunden zusammen. Unsere Ideen analysieren die Kundenanforderungen, stimmen uns
testen wir anhand von Prototypen und führen letzt­ zum Look­and­feel eng ab und klären die Machbar­
lich alles in einer Design Vision zusammen, die wir keit mit der Technik.
auch zur Abstimmung mit unseren Kunden nutzen. Was braucht es dafür – fachlich und menschlich?
In der Umsetzung überführen wir die Design Vision Goebel: Einen klassischen Werdegang oder Ausbil­
dann in einen agilen, iterativen Prozess, in dem wir dungsweg gibt es (noch) nicht. Letztlich sind wir alle
in interdisziplinären Teams eng zusammenarbeiten. Quereinsteiger. Man braucht analytische Fähigkei­
104 page 07.17 › branche › UX Designer anzeige

ten, und das Beherrschen der wichtigsten Metho­ xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx


den ist in jedem Fall von Vorteil. Wenn dieses Wissen Die Referentinnen
nicht im Studium vermittelt wurde, lernt man das »HTML zu
bei uns on the Job oder in verschiedenen Trainings. beherrschen
Ab einem gewissen Einstiegslevel setzen wir es aber
voraus. Mir ist auch wichtig, dass die Leute Begeis­
ist keine
terung fürs Digitale und die Lust zur ständigen Ver­ Pflicht, aber
änderung mitbringen. Und Empathie! Sie müssen technisches
sich in alle Stakeholder hineinversetzen können – in Grundwissen
den Endnutzer ebenso wie in den Auftraggeber. Ganz
grundlegend ist der Wille zur Gestaltung, man muss schadet
etwas erschaffen wollen. nicht –
Fries: Man sollte Teamplayer sein und akzeptieren besonders,
können, dass die Ideen anderer auch mal besser sind
wenn man
als die eigenen. Egomanen schaden jedem Team.
Was macht euch am meisten Spaß am Job? in der
Fries: Die ständig wechselnden Aufgaben und Her­ Umsetzung
ausforderungen. Wir haben es immer mit neuen mit dem
Kunden, neuen Teams und neuen Usern zu tun. Mir
gefällt auch, dass wir Projekte aufsetzen, die tatsäch­
Entwickler ● Sabine Pallaske, Mitbegründerin und bis 2016
lichen Impact haben. Man trägt eine große Verant­ zusammen- Geschäftsführerin von F1online, ist Coach in Sachen
wortung, was den Job sehr spannend macht. sitzt« Bild- und Urheberrechte mit bildgerecht.de. Sie hat
Goebel: Ich schätze besonders die enge Zusammen­ Marcus Fries, Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie
arbeit mit meinen Kollegen und unseren Kunden. UX Designer an der Hochschule Darmstadt studiert und war lange
Am fröhlichsten verlasse ich das Büro, wenn wir nach bei Aperto, Berlin Zeit selbstständig als Fotografin tätig. Ihre Sach-
einem intensiven Workshoptag zu tollen Ergebnis­ kompetenz bringt sie unter anderem beim Bundesver-
sen gekommen sind und jeder denkt: Wow, wir ha­ band professioneller Bildanbieter (BVPA) aktiv ein,
ben richtig was geschafft. bei der Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing
Trotzdem: Jeder Job hat auch Nachteile oder (MFM), die sich der Ermittlung von Bildhonoraren
nervige Seiten. Was ist das bei euch? widmet, sowie bei diversen Foren. Ihr ist es ein
Goebel: Administrative Aufgaben sind wohl für alle Anliegen, das Chaos im Bild- und Lizenzrecht für
Kreativen eher unschön – also Stunden buchen, Anbieter wie Nutzer durchschaubar zu machen.
Zeitpläne ausarbeiten und so weiter. Aber das muss
auch sein, um wirtschaftlich arbeiten zu können.
Wie wird sich das Berufsbild UX Designer
eurer Meinung nach weiterentwickeln?
Fries: Ich denke, es wird noch breiter und interdis­
ziplinärer. Das erfordert zugleich mehr Speziali­
sierung, etwa auf Themen wie Virtual Reality oder
künstliche Intelligenz. Man wird als UX Designer
nicht mehr alle Spezialdisziplinen abdecken können.
Goebel: Ich bin überzeugt, dass UX Designer in Zu­
kunft noch gefragter sein werden – bereits heute
ist gutes UX Design ein echter Wettbewerbsfaktor.
Wenn sich Produkte und Services kaum noch unter­
scheiden, setzt sich das Angebot durch, das dem Nut­
zer das beste Erlebnis bietet.
Habt ihr ein Traumprojekt, das ihr irgendwann
mal umsetzen wollt?
Goebel: Viele unserer Projekte beschäftigen sich mit ● Rechtsanwältin Silke Kirberg ist Inhaberin der auf
großen Zukunftsfragen – wie werden wir leben, ar­ Urheber- und Medienrecht spezialisierten Kanzlei
beiten, wohnen? Diese Entwicklungen ein Stück weit Kirberg in Hamburg. Kernbereich ihrer Tätigkeit ist
mitzugestalten – darauf freue ich mich besonders. das Bildrecht. Sie berät und vertritt überwiegend
Fries: Ich freue mich auf die nächsten neuen Tech­ Unternehmen und Freiberufler aus der Medienbran-
nologien und die Möglichkeit, einer der Ersten zu che, insbesondere Bildagenturen und Fotografen.
sein, der damit arbeiten darf. nik [722] Daneben vertritt sie auch Privatpersonen bei Verlet-
zungen ihres Persönlichkeitsrechts in Wort und
PAGE Serie »Jobprofile« zu berufsbildern Bild. Durch ihre langjährige Praxis ist ihr das Bild-
in den unterschiedlichen Feldern der Kreativ- geschäft bestens vertraut. Silke Kirberg ist
branche ↗  www.page-online.de/jobprofile Mitglied des Experten-Netzwerks BVPAexperts.
Anzeige

1 PRAXiS
Weitere PAGE Seminare finden
Sie unter www.page-online.de/seminar

Die Agenda

Bildrecht! 1 Grundzüge des Urheberrechts


Was ist urheberrechtlich geschützt, und wer
hat wann die nutzungsrechte inne?

Was Bildnutzer und 2 Schranken des Urheberrechts und

Bildurheber in zeiten Nebenrechte

von Facebook & Co


Welche Rechte Dritter bestehen unter
welchen Bedingungen, und wer muss
wissen müssen sich wann genehmigen lassen, ob die Bilder
veröffentlicht werden können?
A. Model Release: das Recht am eigenen Bild,
Klärung mit Einzelpersonen oder Model-
agenturen (Kunsturhebergesetz, Grund-
gesetz, EMRK)
Das Seminar »Bildrecht!« B. Property Release: Was ist Panorama-
freiheit, und wo braucht es die Genehmigung
● Die gutgläubige Nutzung von Bildern im Kommunikations-, Grafik- und des Grundstückseigentümers?
Mediendesign kann gut und gerne Nachforderungen in empfindlicher Höhe C. Markenrecht: Imageübertragung oder
mit sich bringen. Und in Anspruch genommen wird immer der zuerst, der Beiwerk? Augen auf bei Styling und Requisite –
ein Bild der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Gut also, wenn alle Betei- hier herrscht großer Abstimmungsbedarf.
ligten – Artdirektoren, Art-Buyer, Bildredakteure, Social-Media-Manager,
Editorial Designer, Grafiker, Bildgestalter und Website-Betreiber – verstehen, 3 Nutzungs- und Verwertungs-
was genau sich hinter dem Begriff »Bildrecht« sowie hinter den einzelnen vereinbarungen
Lizenzmodellen verbirgt. Property und Model Release, Marken-, Eigentums- Wer räumt wem wann was ein – und wie?
und Persönlichkeitsrecht sowie das Recht am eigenen Bild bergen mehr Welche Rechte habe ich als Designer, Filme-
Fallstricke, als man gemeinhin annehmen mag. Und das sind nur einige der macher, Fotograf auf der einen Seite und
Aspekte, die selbst bei der Nutzung von sogenanntem lizenzfreiem welche als nutzer auf der anderen Seite?
Bildmaterial berücksichtigt sein wollen. Auch die AGB haben es in sich. A. Stock: RM/RF/Microstock/Creative
Commons/Flickr & Co
Im PAGE Seminar »Bildrecht« erklären Sabine Pallaske und Silke Kirberg an B. individualvertrag (Designer, Texter,
anschaulichen Beispielen aus der Praxis nicht nur, was Illustratoren und Fotograf, illustrator, Filmemacher)
Fotografen sowie Agenturen und Unternehmen bei der Auftragsvergabe und C. Miturheberschaft (extrem wichtig,
Verwertung von Bildern beachten müssen, sondern auch, wie man sich beispielsweise bei Postproduktion oder
in den bildorientierten Social Networks wie Instagram und Pinterest verhält. Styling und Food-Fotografie)
Die Referentinnen räumen in klarer, verständlicher Sprache auf mit
Halbwahrheiten und irreführenden Ratschlägen, sodass Sie ein fundiertes 4 Urheberrecht und Social Media
Rechtswissen für Ihren Arbeitsalltag erlangen, mit dem sich 90 Prozent A. grundsätzliches
der Abmahnungen vermeiden lassen. Zudem erhalten Sie geldwerte Tipps B. Quellenangabe
für die Vertragsgestaltung und Nutzungsrechtsklärung und können die C. Wie schütze ich mich gegen Missbrauch?
Pausen nutzen, um über konkrete Fälle aus Ihrem Kreativalltag zu sprechen. (Branding und andere Methoden)
D. Welche Lizenzregelungen gelten bei den
Das PAGE Seminar findet am 20. Oktober im Hotel 25hours, verschiedenen Bildagenturen?
Hamburg-Bahrenfeld, von 9:00 bis 17:30 Uhr statt. Die Teilnahmegebühr von
756 Euro (zzgl. gesetzlicher MwSt.) ist gut investiertes Geld. Denn die Teil- 5 Die Tücken im Detail
nahme bewahrt Sie vor manch einer Bildrechtsverletzung, die Sie teuer zu stehen A. AgB – was ist das eigentlich?
kommen könnte, und hilft Ihnen im Falle, dass Sie selbst der Urheber sind, Ihre B. Angebote korrekt formulieren
Rechte zu wahren und angemessene Honorare durchzusetzen. Die Gebühr umfasst C. Rechteumfang richtig beschreiben
die Tagungskosten sowie Lunch und Kaffeepausen. Die Teilnehmerzahl ist auf
18 Personen begrenzt! Also schnell anmelden unter  www.page-online.de/seminar .  6 Wer haftet?
Die Rechtekette und die Konsequenzen
für nutzer, Besteller und Urheber bei
Rechtsverletzungen
PAge // ebner Verlag gmbH & Co. Kg // info@page-online.de //
Telefon: +49 40 85183400 //  www.page-online.de/seminar
Aufgrund der auf 18 Personen pro Veranstaltung begrenzten Teilnehmerzahl werden die Anmeldungen in Der PAGE Workshop mit Sabine Pallaske und
der Reihenfolge der Eingänge der Zahlungen berücksichtigt. Die Teilnahmegebühr fällt mit der Anmeldung Silke Kirberg lässt genug Zeit für Fragen und
an. Sie ist sofort nach Erhalt der Rechnung zuzüglich gesetzlicher Mehrwertsteuer ohne Abzug zu überweisen.
Bitte beachten Sie unsere Widerrufsbelehrung auf der Leserservice-Seite (siehe Inhaltsverzeichnis). Diskussionen und den Austausch untereinander.
106 page 07.17 › branche › Serie: Designer in Unternehmen

„Ich versuche, Menschen


und Ideen miteinander
zu verbinden“
In unserer Serie über Gestalter bei spannenden Unternehmen
stellen wir diesmal Thijs Remie vor. Er erzählt, wie er
Vice President of Design bei WeTransfer wurde – und wie
seine Arbeit dort aussieht

● Zum ersten Mal habe ich 2011 für


WeTransfer gearbeitet, damals noch
bei der Designagentur Present Plus:
Wir sollten die ursprüngliche Flash-
durch eine HTML-Site ersetzen. Nach
langer Zusammenarbeit hat WeTrans-
fer die Agentur dann 2016 gekauft und
uns quasi zum Inhouse-Designteam
gemacht. Ich hatte bei Present Plus das
Gestalterteam geleitet und wurde nun
Vice President of Design.
Wobei Design für mich eigentlich
ein viel breiterer Begriff ist und sich
nicht nur auf die Leute beschränkt, die
hinter Computern sitzen und Kästchen
malen. Design bedeutet für mich, ei-
nen Weg zu planen, der von einer
Strategie bis zum greifbaren Produkt
reicht. Bei einer Firma wie WeTransfer
sind alle Teil hiervon, von der Ge-
schäftsführung über die Technik bis
zum Marketing. Design ist also keine
Abteilung, sondern ein Prozess. Das
Produkt, das wir am Ende anbieten, ist
ausgesprochen »einfach« – weil es so
gestaltet wurde! Dinge für den Verbrau-
cher einfach zu gestalten und vor allem
dafür zu sorgen, dass sie einfach blei-
ben, ist eine große Herausforderung,
die Disziplin und Fokussierung aufs
Foto: Polina Gladkova

Wesentliche verlangt.
Ungefähr zehn Leute arbeiten bei
uns in dem Bereich, den man landläu-
fig als »Design« bezeichnen würde, so-
wohl an unseren Produkten als auch

Für seine Kreativcommunity entfaltet der


Datenservice WeTransfer eine Menge
Aktivitäten. Wie hier eine Musikveranstal-
tung in Los Angeles
page 07.17 107

PAGE Serie »Designer


in Unternehmen«.
In page 06.17 stellen
wir good-artdirektor
Tyler Hoehne vor
↗ w
  ww.page-online.de/
pepa1706

Thijs Remie vor dem


WeTransfer-Büro im
alten östlichen Hafen-
viertel von Amsterdam
108 page 07.17 › branche › Designer in Unternehmen

an unserem markenbezogenen Out­ 2010, 2015, 2017:


put. Dazu gehört ein Kreativdirektor als drei Generationen
übergreifender kreativer Mentor, der von WeTransfer-
Websites. Der
auch über das gesamte Erscheinungs­
Wandel steckt im
bild wacht, ein UX­Leiter und ­Resear­ Detail – und der
cher, ein Produkt­ und ein Grafikdesi­ Technik dahinter
gner sowie Leute, die genug coden kön­
nen, um den Designprozess zu unter­
stützen. Mein Ziel ist, daraus ein Team
zu machen, das gemeinsam etwas be­
wegen will. Und den Kontext dafür zu
schaffen, dass jeder seine Motivatio­
nen und Interessen einbringen kann.
Wir arbeiten aber auch mit externen
Gestaltern zusammen. Beim Redesign
des WeTransfer­Logos mit dem Type­
designer Paul van der Laan, mit Ani­
mationsspezialisten fürs Storytelling
etwa bei Erklärvideos oder mit Illus­
tratoren, um unser Interface emotio­
nal ansprechender zu machen.
Als ich anfing, an der Kunsthoch­
schule Utrecht zu studieren, etablierte
sich das Internet gerade erst. Die Idee
des Global Village faszinierte mich,
ich begann HTML­Seiten zu gestalten, Das neue Logo (oben)
versuchte ein soziales Netzwerk für beschränkt sich auf
Kunststudenten aufzubauen. Meine ein dickeres »we« und
betont damit die
Masterarbeit habe ich 1999 über Typo­
Community. Außerdem
grafie am Bildschirm und ihre Lesbar­ »lächelt« das e stärker
keit geschrieben. Heute sehe ich meine
Aufgabe vor allem darin, Puzzles zu lö­
sen. Ich liebe es, viele komplexe Zu­
sammenhänge aufzunehmen, zu ver­
arbeiten und daraus etwas Einfaches
und Elegantes zu machen. Ein Prinzip,
das man auf unendlich viele Dinge an­
Die praktische
wenden kann. Zurzeit konzentriere ich WeTransfer-App
mich hauptsächlich darauf, das Team fürs iPhone mit
und den Prozess zu gestalten. Den einem Wallpaper
größten Teil des Tages verbringe ich von Aykut Aydoğdu
mit Leuten, höre zu, stelle Fragen und
gebe ab und zu eine Meinung ab. Vor
allem versuche ich, Menschen und Ide­
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
en miteinander zu verbinden.
An meinem Job liebe ich, dass das WeTransfer
Umfeld sich permanent ändert. Man
darf nicht bequem werden, sondern
der Datenversanddienst
muss wach und agil bleiben. Sich im­ Nicht nur wegen seines unkomplizierten Handlings ist
mer wieder neuen Herausforderungen der Service bei Gestaltern beliebt – auch wegen der
wechselnden Wallpapers für das WeTransfer-Inter-
stellen, um in neue Territorien vorzu­
face, entworfen von internationalen Kreativen, die ein
dringen. cg [849]
Kuratorenteam auswählt. Dazu kommt Werbung, die
das Wallpaper Studio, wie es intern genannt wird,
zusammen mit den Kunden gestaltet, um den für
PAGE Story »Agentur oder WeTransfer passenden Look zu kreieren. Die Wallpa-
Unternehmen? Gehalt und per-Artists werden unter https://wetransfer.com/this
Perspektiven für Designer & works/ näher vorgestellt. Dort gibt es auch exklusive
Konzepter« mit vielen Tipps Inhalte für die Community sowie von WeTransfer pro-
und erfahrungsberichten
duzierte Filme oder Musikdownloads.
in page 05.17↗ www.page-
online.de/pepa1705
page 07.17 109

Szene
Was die Kreativbranche und ihre Akteure bewegt

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Unsere Beziehung zur Technik im Designprozess ist


eine Gratwanderung: Einerseits wünschen wir uns in-
»Die Mensch- telligente Unterstützung, andererseits steht die Frage
Maschine- im Raum, ob nicht irgendwann KI die Kontrolle über-
Beziehung nimmt. So hat die Studentin Elizabeth Bradford eine
»Dimmable AI« entworfen, einen Schalter, mit dem
auszu- man den Kompetenzgrad intelligenter Maschinen
handeln – justieren kann – von »Off« über »Assistent« bis hin
das ist das zum »Tyrannic Boss«. Hier wird deutlich, wie wich-
Spannende« tig es ist, dass wir die Kontrolle behalten.
Welchen praktischen Nutzen hat das Lab?
Das Lab ist vorerst noch keine öffentliche Ausstel-
lung. Was wir dort entwickeln, inspiriert zunächst
einmal andere Studenten, die in diesem Raum an ei-
genen Projekten arbeiten. Wie das »Phone Sacrifice«
zum Beispiel: Weil wir uns zu häufig von unseren
Smartphones ablenken lassen, hat der Student Erik
Caetano diese »Opferstelle« für Handys entwickelt.
Kommt man in einen Raum, kann man das Gerät
dort deponieren – quasi als rituelle Handlung –, um
dann voll konzentriert zu sein.

● Seit März gibt es an der Bergischen Universität in Professor Dr. Fabian


Wuppertal das Interface Lab (www.interfacelab.org). Hemmert leitet das
In explorativen Prototyping-Prozessen entwickeln Interface Lab der
Bergischen Univer­
die Studierenden dort innovative interaktive Sys-
sität Wuppertal
teme und setzen dabei aufs Do-it-yourself-Prinzip:
Neben Lasercutter oder 3D-Drucker kommen auch
Utensilien aus dem Baumarkt zum Einsatz. Wir spra-
chen mit Dr. Fabian Hemmert, Professor für Inter-
face und User Experience Design, über die Ziele des
Labs und erste Ergebnisse. as

Welche Aufgabe hat das Interface Lab?


Fabian Hemmert: Die Herausforderungen für uns
Designer ändern sich permanent. In Zeiten des Inter-
nets der Dinge und des Ubiquitous Computing be-
schränkt sich die Gestaltung von Interfaces längst
nicht mehr nur auf Screens, da die Technik zuneh-
mend hinter alltäglichen Objekten verschwindet. Als
Drei Projekte aus dem
Designer müssen wir den Umgang mit solchen Sys-
Interface Lab (von oben):
temen intuitiver und lebendiger gestalten, indem Mit »Dimmable AI« lässt
wir Alltagsgegenständen eine Funktion in der digi- sich der Kompetenzgrad
talen Welt geben. Im Seminar »Future Interactions« intelligenter Maschinen
haben wir uns zum Beispiel damit auseinanderge- einstellen. »Phone
setzt, wie der Arbeitsplatz von Designern aussehen Sacrifice« eliminiert den
könnte, und haben vernetzte interaktive Objekte ent- Ablenkungsfaktor
Smartphone in kreativen
wickelt, die den kreativen Prozess unterstützen. Bei
Prozessen. »Concrete
solchen Konzepten geht es immer auch darum, die
Data« von Friedrich Kegel
Beziehung zwischen Mensch und Maschine auszu- graviert Daten in Stein –
handeln – das ist das Spannende. als Veranschaulichung
Wie sollte das Verhältnis denn Ihrer Ansicht der Tatsache, dass Com­
nach aussehen? puter nichts vergessen
110 page 07.17 › BRaNCHe

Kalender
Termine für Designer & Developer   ↗ www.page-online.de/events

22.06.–23.06. 3  03.06.–15.10.
Working Products Kartografie der Träume.

Von links im Uhrzeigersinn: Stefan Mosebach: Pink Nose; Entwurfsskizze zu Braun TP1, Phono-Transistor von Dieter Rams © Dieter Rams; Anthony Dunne & Fiona Raby: Between, Designs for an overpopulated planet:
Konferenz zu digitaler Die Kunst des
Produktentwicklung Marc-Antoine Mathieu
Eparo, Hamburg Mit seiner Serie um den An-
↗http://working- gestellten im Ministerium
products.de für Humor, Julius Corentin
Acquefacques, zählt der
23.06. französische Zeichner zu
CXI Konferenz

Foragers | Cellulose processor und Foragers, augmented digestive system, 2009, Fiberglass © Dunne & Raby; Marc-Antoine Mathieu: Richtung, 2015 © Reprodukt und Marc-Antoine Mathieu
den innovativsten Comic-
zum Thema Corporate und Künstlern. Diese Schau
Brand Identity Bielefeld macht sein Werk auch
↗www.cxi-konferenz.org szenografisch erfahrbar
Museum Angewandte
06.07.–07.07. Kunst Frankfurt
Das AgenturCamp ↗www.museum
Barcamp Düsseldorf angewandtekunst.de
↗https://dasagentur
camp.de/duesseldorf 1  08.06.–29.06.
Patience
11.07.–14.07. Der Illustrator und Künstler
Tech Open Air 2017 Stefan Mosebach zeigt
Interdisziplinäres Techno- neue Arbeiten Gudberg
logiefestival Berlin Nerger Gallery, Hamburg
↗  http://toa.berlin ↗www.gudberg
nerger.com
30.07.–03.08.
Siggraph 2017 Bis 11.06.
Konferenz für Computer Wolfgang Tillmans: 2017
Graphics und interaktive Soziale und politische
Technologien Los Angeles Themen durchziehen das
Convention Center Werk des Fotografen, der
↗  http://s2017. sich gegen rechts für ein
siggraph.org offenes Europa engagiert
Tate Modern, London
22.08.–26.08. ↗www.tate.org.uk
gamescom 2017
Europäische Messe für die 21.06.–01.10.
digitale Spielekultur Köln Viennale Biennale 2017
↗www.gamescom.de Zu erkunden gibt es
Beiträge aus Kunst, Design
23.08.–27.08. und Architektur zum
TypeCon2017 Thema »Roboter. Arbeit.
1 Die Typografiekonferenz Unsere Zukunft« Wien
steht unter dem Motto ↗www.vienna
»Counter« Boston, MA biennale.org
↗  www.typecon.com
Bis 09.07.
1 Die Gudberg Nerger Kongresse Boui Boui Bilk, Düsseldorf Macht Ferien!
Gallery in Hamburg
Messen ↗www.adday- Ausstellungen Der Werbegeschichte und
präsentiert freie Arbeiten adnight.net dem Image des »Urlaubs-
des Illustrators Stefan Festivals lands« Schweiz nähert sich
Mosebach 2 Die Entwürfe 06.06. 17.06.–24.06. diese Schau aus grafischer
von Dieter Rams – wie Ringvorlesung »Film- Cannes Lions Festival 2  Ab 21.05. Sicht Museum für
hier für Braun – haben
kritik vs. Videoessay. 2017 Dieter Rams: Gestaltung, Zürich
Nachdenken über Film« Hier trifft und feiert (sich) Ein Stilraum ↗www.museum-
jetzt einen festen Platz
Um 19:30 Uhr spricht die die internationale Der bedeutende Produkt- gestaltung.ch
im Frankfurter Museum (Film-)Journalistin Verena Kreativszene Cannes designer feierte am 20. Mai
Angewandte Kunst Lueken Aula der Merz ↗www.canneslions.com seinen 85. Geburtstag – Bis 10.09.
Akademie, Stuttgart das Museum Angewandte Willy Fleckhaus. Design –
↗www.merz-akademie. 20.06.–21.06. Kunst Frankfurt ehrt ihn Revolte – Regenbogen.
de/events We Transform Commu- mit einem eigenen Raum, Jetzt ist die Ausstellung
nications Festival der mit wechselnden über Deutschlands
14.06. für PR- und Kommunika- Exponaten Dieter Rams’ »erstem Art Director« in
Adday/Adnight tionsprofis Berlin Designhaltung darstellt München angelangt
Karrieremesse des GWA ↗www.communications. ↗www.museum Museum Villa Stuck
mit Speeddating & Party wtf angewandtekunst.de ↗www.villastuck.de
page 07.17 111

Bis 17.09. Bis 08.10.


After the Fact. Propa- Logo. Die Kunst mit
ganda im 21. Jahrhundert dem Zeichen
Die Ausstellung mit Arbei- Die Schau deckt die Bezüge
ten zeitgenössischer Künst- zwischen konkreter Kunst
ler will den Begriff der und Logogestaltung auf
Propaganda mit Blick auf Wilhelm Wagenfeld
aktuelle gesellschaftliche, Haus, Bremen
politische und mediale Ent- ↗www.wilhelm-
wicklungen neu bewerten wagenfeld-stiftung.de
Kunstbau des Lenbach-
hauses, München Bis 20.08.
↗www.lenbachhaus.de Viviane Sassen: Umbra
Bekannt wurde die Foto-
Bis 01.10. grafin durch ihre experi-
Miroir Miroir mentellen Arbeiten für
(Spieglein Spieglein) Modelabels wie Stella
Als Objekt mit zugleich McCartney oder Miu Miu.
»skopischer Funktion« Der biografisch motivierte,
und »symbolischer Konno- künstlerische »Umbra«-
tation« ist der Spiegel Zyklus erkundet die Welt
ein reizvolles Thema für der Schatten – zwischen
Design und Kunst Realismus und Abstraktion
mudac, Lausanne Deichtorhallen Hamburg 4
↗  www.mudac.ch ↗http://deichtorhallen.de

3 Ebenfalls im Museum

3 4 Bis 29.10. Wettbewerbe Angewandte Kunst


Food Revolution 5.0 – Frankfurt lassen sich die
Gestaltung für die Einreichtermine
grafisch-existenzialistischen
Gesellschaft von morgen finden Sie auch online:
Welten des französischen
Toll konzipierte Ausstel- ↗  www.page-online.de/
lung zu einer der großen wettbewerbe Comic-Künstlers Marc-
Zukunftsfragen – über Antoine Mathieu erleben
30 Designer (etwa Werner Bis 09.06. 4 Diesen »Grass Processor«

Aisslinger, Dunne & Raby Red Dot Award: haben die Speculative-
oder Martí Guixé, aber Communication Design-Begründer Anthony
auch Studenten) zeigen Design 2017 Dunne und Fiona Raby
ihre Ideen für eine not- ↗http://red-dot.de/cd
zur »Food Revolution 5.0«-
wendige »Food Revolution«
Museum für Kunst und Ab 14.06. Ausstellung beigesteuert
Gewerbe Hamburg Gute Gestaltung 18
↗www.mkg-hamburg.de Wettbewerb des DDC
↗www.ddc.de/de/
Bis 29.10. wettbewerb
Christoph Niemann:
That’s How! Bis 20.06
Es ist immer schön, die iF Talent Design
Arbeiten des lllustrators zu Award 2017_02
sehen – und hier sind es ↗http://ifworld
gleich über 120 Original- designguide.com
zeichnungen, Drucke,
Animationen und Bis 31.07.
Fotobearbeitungen Lucky Strike Junior
Cartoonmuseum, Basel Designer Award
↗http://cartoon ↗www.raymondloewy
museum.ch foundation.com au
112 PAGE 07.17

Vorschau Kontakt
PAGE 08.17 erscheint am 5. Juli

Typographic Branding Redaktion PAGE


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übergreifend auch auf kleinen Screens – damit sind typografische Themenvorschläge an  info@page-online.de
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Chefredakteurin/Publisher Gabriele Günder, V.i.S.d.P.
Grids im Webdesign
Textchefin Astrid Umbreit (au)
Gestaltungsraster helfen im Designprozess und sorgen für Usability. Mit Redaktion Miriam Harringer (mh, Redaktion Online),
CSS lassen sich die gewohnten Gridsysteme jedoch auch komplett Nina Kirst (nik; Branche, verantwortlich), Laura Reinke (lr),
Arne Schätzle (as). Freie Mitarbeit: Antje Dohmann (ant),
aufbrechen und freie Layouts gestalten. Wir zeigen inspirierende Regel- Angelika Eckert (ae), Dr. Claudia Gerdes (cg), Rebecca
brüche und Beispiele, die geschickt mit dem Raster spielen von Hoff (Grafik), Christine Krawinkel (ck, Artdirektion),
Myriam Jantoss (Textredaktion), Maiken Richter (Text-/
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Schlussredaktion), Sabine Danek (sd, Redaktion Online);
Redaktionsassistenz: Sinja Kik
Autoren dieser Ausgabe Johannes Erler, Markus
Linden (ml), Jutta Nachtwey, Jürgen Siebert
Titel Christopher David Ryan (Hellocdr.com)
Schriften ff Quadraat und ff Mark, erhältlich
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Vertrieb Sema Torun (Ltg.); Objektmanagerin: Katja Wühler

Mitglied der Informationsgemeinschaft zur Fest-


stellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V. (IVW)

Impressum
Zu Besuch bei Sing Sing in LA
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Gabriele Günder, V.i.S.d.P. Gerrit Klein, Martin Metzger
Während Los Angeles sich in eine Digital-Metropole verwandelt, Ebner Verlag GmbH & Co KG (Stellvertreter), Florian Ebner;
basteln Adi Goodrich und Sean Pecknold von Sing Sing mit Holz Borselstraße 28, 22765 Hamburg Umsatzsteuer-Identifikations-
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und Papier, tauchen tagelang in Stopptrick-Animationen ab Telefax: -449 DE 147041097
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um einander zu stärken. Wir Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urhe-
berrechtlich geschützt. Mit Annahme des Manuskripts gehen das Recht zur Veröf-
haben unter anderem Jessica fentlichung sowie die Rechte zur Übersetzung, zur Vergabe von Nachdruckrechten,
Walsh interviewt, die eine zur elektronischen Speicherung in Datenbanken, zur Herstellung von Sonderdru-
cken, Fotokopien und Mikrokopien an den Verlag über. Jede Verwertung außerhalb
eigene Initiative gestartet hat der durch das Urheberrechtsgesetz festgelegten Grenzen ist ohne Zustimmung des
PAGE 07.17 113

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114 page 07.17 › Sieberts Betrachtungen

Bibis Dislike-Desaster
Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignissen und
dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen

unbeliebtesten Musikvideos auf You- Kölner Agentur whylder selbst in der


Tube bescherte. Immerhin machte der Werbekommunikation aktiv, ließ vor
Rummel die 23-jährige Vloggerin auf Kurzem in einem Interview durchbli-
einen Schlag auch außerhalb der You- cken, dass Influencer Marketing nur
Tube-Szene bekannt. in seltenen Fällen ein empfehlenswer-
Seit Ende 2012 widmete sich die tes Tool sei. Yilmaz beklagt die »ge-
Kölnerin in ihrem Kanal »BibisBeauty- fühlte Anarchie«, die mangelnde Kenn-
Palace« mit rasch wachsender Zu- zeichnung von Werbung, die auch se-
schauerzahl den Themen Mode, Kos- riöse Konzepte in Verruf bringe: »Ich
metik, Lifestyle und Popkultur, maß- mag lieber gute Ideen.«
geschneidert für eine junge Zielgruppe. Seit Bibis Musik-Flop steht fest: In-
Binnen zwei Jahren stieg ihr Schön- fluencer Marketing ist eine riskante
heitspalast in die Liga der meistabon- Wette. Marken und Agenturen sollten
nierten deutschsprachigen YouTube- den direkten Vermarktungsdraht zu
Channels auf, was ihr ein üppiges Internet-Sternchen sorgfältig prüfen.
Foto: Norman Posselt

Einkommen bescherte. Schätzungen Denn YouTuber sind keine Filmschau-


zufolge werfen AdSense, Sponsoring, spieler oder Sportstars, deren Markt-
Testimonials, Werbeartikel und Pro- wert auf klar definierten Leistungen
visionen aus Affiliate-Marketing über basiert und nachvollziehbar zu kalku-
100 000 Euro im Monat ab. lieren und zu steuern ist. Im Netz wird
Unser Kolumnist Jürgen Siebert hält den Kein Wunder also, dass die Werbe- Glaubwürdigkeit auch Personen zuge-
Influencer-Hype für ein Vabanquespiel
industrie zunehmend die Zusammen- sprochen, deren Talent darin besteht,
arbeit mit Online-Meinungsmachern einfach nur ihren Konsum zu verkau-
sucht. Influencer Marketing gilt als fen. Der »Spiegel« spricht von der
● Irgendwie hatte sich Bianca Heini- Königsweg zu einer Zielgruppe, die »Feldbuschisierung der Medienwelt«.
cke diesen Tag anders vorgestellt. Ein mit klassischen Mitteln nur schwer er- Natürlich gab es auch vor dem Inter-
Herzenswunsch sollte am 5. Mai mit reichbar ist. Darum binden auch eta- net schon professionelle Konsumen-
dem Klick auf den Upload-Button in blierte Brands und Unternehmen So- ten – Film- oder Gastrokritiker zum
Erfüllung gehen: Der Start ihrer Musik- cial-Media-Größen in ihre Marken- Beispiel. Aber die werden in der Regel
karriere. Fünf Monate zuvor hatte sie kommunikation ein.  nicht vom Objekt der Berichterstat-
ihren 4 Millionen YouTube-Abonnen- Doch die Kritik wächst. So moniert tung bezahlt. Influencer schon. Vor al-
ten diesen Schritt angekündigt, was etwa Jan Böhmermann die versteckte lem sollte man die Abozahlen von
durchaus gut ankam: »Ja, mach’ unbe- Werbung und das schamlose Product- YouTubern nicht mir den Auflagen von
dingt mal einen Song« und »Wie cool! Placement einiger YouTuber. Als Bei- Zeitschriften oder der Einschaltquo-
Ich freue mich schon darauf«, hieß es spiel zeigte er einen Ausschnitt, in dem te einer TV-Sendung verwechseln. Bi-
in zwei von über 300 000 Kommenta- Bibi ihrem jungen Publikum eine über- bis Dislike-Desaster hat gezeigt, wie
ren. Bei dieser Rückendeckung . . . was teuerte Uhr für 250 Euro empfiehlt. schnell aus 4 Millionen Fans 2 Millio-
sollte da schiefgehen? Der frühere YouTube-Star Oguz Yil- nen Spielverderber werden können. 
Das dachte sich auch Warner Music. maz (Y-Titty), inzwischen mit seiner Was wir gerade erleben, ist die De-
Das Label produzierte mit Bibi Heini- mokratisierung der Werbung. Auch
cke den Song »How It Is (Wap Bap . . .)« andere Disziplinen mussten da durch:
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und half beim Dreh des Videos. Doch die Musik, die Fotografie, das Grafik-
die Erstausstrahlung des dreieinhalb-
minütigen Clips auf Bibis Channel Influencer design und das Publizieren . . . Letzte-
res hat PAGE in den fünf Jahren nach
nahm keinen guten Verlauf. Nach nur
wenigen Minuten wurden die Daumen-
Marketing ist ihrer Gründung 1986 protokolliert. Am
Ende dieser Umwälzungen gibt es ein
hoch-Wertungen vom Abwärts-Dau- eine riskante Profi- und ein Amateurlager. Und die
men überholt. Am 14. Mai betrug die
Zahl der Dislikes über 2 Millionen, was Wette. Profis wissen, was sie den Laien vo-
raushaben. So wird es auch in der Wer-
dem Song den traurigen Rekord des bung ausgehen.
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